{"id":6246,"date":"2022-05-02T06:52:00","date_gmt":"2022-05-02T05:52:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/?p=6246"},"modified":"2022-04-28T11:35:37","modified_gmt":"2022-04-28T10:35:37","slug":"je-poetischer-je-wahrer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/?p=6246","title":{"rendered":"\u201eje poetischer, je wahrer\u201c"},"content":{"rendered":"\n<p>Wie Joseph von Eichendorff oder Caspar David Friedrich muss er schuld sein. Denn er schrieb: \u201eDer Poet versteht die Natur besser wie der wissenschaftliche Kopf.\u201c Und so wurde auf der Suche nach einer Erkl\u00e4rung daf\u00fcr, warum Millionen Deutsche sich gegen das Impfen str\u00e4uben und warum ausgerechnet im deutschen Sprachraum die Impfquoten so viel niedriger sind als im gesamten \u00fcbrigen Europa, seit November 2021 auf die gro\u00dfen Dichter und Maler der Romantik verwiesen. Sie h\u00e4tten uns mit ihrem sehnsuchtsvollen Hang zur Idylle, zur Gef\u00fchlswelt, zur Weltflucht den Verstand, die Logik, die Errungenschaften der Aufkl\u00e4rung ausgetrieben, so Hans Bellstedt im <em>Business Insider<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Es gebe im deutschsprachigen Raum eine \u201eklare geistesgeschichtliche Linie zwischen der Romantik und der Impfskepsis heute\u201c, pflichtet Andreas Speit in der <em>taz<\/em> bei. In der romantischen Literatur sei \u201edas Nat\u00fcrliche unglaublich verkl\u00e4rt und verabsolutiert\u201c worden, was \u201eeine Distanz zur vermeintlich kalten Wissenschaft und sogenannten schulischen Medizin bewirken kann\u201c. Doch h\u00e4tte sich etwa ein Kult um ihn ausgebreitet, h\u00e4lt Johannes Franzen in der <em>FAZ<\/em> dagegen, \u201emit blauen Blumen am Parka, dann h\u00e4tte die Berufung auf das Erbe der Romantik eine ganz andere Energie besessen\u201c. Der poetische Urheber dieses romantischsten aller Motive feierte nun seinen 250. Geburtstag: Georg Philipp Friedrich \u201eFritz\u201c von Hardenberg, der sich sp\u00e4ter Novalis nannte.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full is-resized\"><a href=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/Franz_Gareis_-_Novalis.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/Franz_Gareis_-_Novalis.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-6253\" width=\"360\" height=\"440\" srcset=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/Franz_Gareis_-_Novalis.jpg 360w, https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/Franz_Gareis_-_Novalis-245x300.jpg 245w\" sizes=\"(max-width: 360px) 100vw, 360px\" \/><\/a><figcaption>Novalis. Quelle: Von Franz Gareis &#8211; http:\/\/novalis.autorenverzeichnis.de\/portraets\/port_2_gareis_novalis_1800.html, Gemeinfrei, https:\/\/commons.wikimedia.org\/w\/index.php?curid=1931634<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Am 2. Mai 1772 kommt er auf dem Rittergut Oberwiederstedt bei Mansfeld als zweites von elf Kindern eines Salinendirektors zur Welt. Im Alter von acht Jahren \u00fcbersteht er eine schwere Ruhr und wird zun\u00e4chst von Hauslehrern unterrichtet. Wegen schwerer k\u00f6rperlicher und seelischer Erkrankungen der Mutter kommt der 11-j\u00e4hrige nach Lucklum zum Haus seines Onkels Wilhelm von Hardenberg. Der w\u00fcnscht f\u00fcr seinen Neffen eine stolze Staatskarriere, der Vater m\u00f6chte seinen Sohn zum strengen Pietisten erziehen. In diesem Spannungsfeld entwickelt er bald eine unabh\u00e4ngige Urteilsbildung, der Onkel bleibt eine bestimmende Gestalt in Friedrichs Leben. Als 12j\u00e4hriger versucht er sich an ersten Gedichten.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201edie Welt ist \u00f6de\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>1790 beendet er das Gymnasium in Eisleben und wird wenige Wochen sp\u00e4ter an der Universit\u00e4t Jena immatrikuliert, h\u00f6rt Philosophie und &#8211; beim nur 13 Jahre \u00e4lteren Schiller, mit der er sich anfreundet &#8211; europ\u00e4ische Staatsgeschichte. 1791 wird in Wielands <em>Neuem Teutschen Merkur<\/em> sein Gedicht \u201eKlagen eines J\u00fcnglings\u201c ver\u00f6ffentlicht, im selben Jahr wechselt er f\u00fcr das Studium der Rechte, Mathematik und Philosophie an die Universit\u00e4t Leipzig und findet in Friedrich Schlegel seinen besten Freund. 1794 schloss er das Jurastudium mit bestem Examen ab und verdingte sich in Tennstedt als Aktuarius (Gerichtsschreiber) beim Kreisamtmann Just, der sp\u00e4ter sein Biograph wurde.<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend dieser Zeit lernte er im nahen Schloss Gr\u00fcningen die junge Sophie von K\u00fchn kennen und verlobte sich mit der noch 12j\u00e4hrigen im M\u00e4rz 1795. 1796 trat er nach einem Kursus in Chemie eine Stelle als Akzessist bei der Salinendirektion in Wei\u00dfenfels an \u2013 Vorgesetzter wurde sein Vater, der sich jeder Neuerung hartn\u00e4ckig widersetzte, was reichlich Stoff zu Konflikten gab. Zugleich begann er seine Fichte-Studien: Novalis setzt Fichtes Philosophie vom Selbstbewusstsein des Ich in eine produktive, weltsch\u00f6pferische Kraft um und nahm sie zum Ausgangspunkt f\u00fcr eine poetische, ja eine Liebesreligion: \u201eje poetischer, je wahrer!\u201c Nun war das \u201eNicht-Ich\u201c ein \u201eDu\u201c, ein gleichwertiges Subjekt.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/Franz_Gareis_-_Novalis-1.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"739\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/Franz_Gareis_-_Novalis-1-739x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-6255\"\/><\/a><figcaption>Julie Charpentier. Quelle: Von Dora Stock &#8211; Klaus G\u00fcnzel: Die deutschen Romantiker. Artemis, Z\u00fcrich 1995, ISBN\u00a03-7608-1119-1, Gemeinfrei, https:\/\/commons.wikimedia.org\/w\/index.php?curid=12225819<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Sophie starb nach einer Lebererkrankung qualvoll im Alter von gerade f\u00fcnfzehn Jahren am 19. M\u00e4rz 1797, was Hardenberg insbesondere in seinen Dichtungen stark pr\u00e4gte. Er glorifizierte, ja mystifizierte die tote Braut und entwickelte eine Todessehnsucht, die ihn im Jenseits wieder mit ihr zusammenf\u00fchren sollte und in den ersten Monaten nach ihrem Tod halluzinatorische Formen annahm. So legte er sich zum \u201eNachsterben\u201c auf ihr Grab: \u201eSie ist gestorben, so sterb\u2018 ich auch, die Welt ist \u00f6de. In tiefer, heit\u2018rer Ruh will ich den Augenblick erwarten, der mich ruft.\u201c Die Vorstellung hat ihn auch sp\u00e4ter nie mehr ganz verlassen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Ambivalenz zwischen optimistischem Selbstbewusstsein, der Besinnung auf das Praktische und der schw\u00e4rmerischen Erh\u00f6hung von Dingen und Menschen ins \u00dcberirdische werden pr\u00e4gend f\u00fcr Novalis\u2018 Leben. Um seine Verzweiflung auszugleichen, nimmt er ein neues Studium auf und wird 1797 Gasth\u00f6rer an der popul\u00e4ren Bergakademie in Freiberg. In der Zeitschrift <em>Athenaeum<\/em> der Gebr\u00fcder Schlegel ver\u00f6ffentlicht Novalis 1798 seine \u201eBl\u00fcthenstaub\u201c-Fragmente. Hier taucht das Pseudonym Novalis erstmals auf, \u201ewelcher ein alter Geschlechtsname von mir ist und nicht ganz unpassend\u201c: Der Name geht auf einen \u00e4lteren Zweig seiner Familie, das lateinische de novali (\u201eNeuland roden\u201c) zur\u00fcck. Novalis selbst interpretiert den Namen als \u201eeiner, der Neuland bestellt\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201eKonstruktion der transzendentalen Gesundheit\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Im Sommer dieses Jahres entstehen auf einer B\u00f6hmen-Kur die \u201eTeplitzer Fragmente\u201c. Au\u00dferdem schreibt er an \u201eDie Lehrlinge zu Sais\u201c, einem naturphilosophischen Romanfragment mit dem eingebetteten M\u00e4rchen von \u201eHyacinth und Rosenbl\u00fcth\u201c, und er verlobt sich zum zweiten Mal: Mit Julie von Charpentier, der Tochter eines Freiberger Professors. Ende 1799 wird er zum Salinenassesor in Wei\u00dfenfels ernannt und schlie\u00dft Bekanntschaft mit dem Kreis der \u201eJenaer Romantik\u201c, dem die Philosophen Fichte, Schelling und Schleiermacher, die Br\u00fcder Schlegel sowie Ludwig Tieck angeh\u00f6ren. Es kommt zum legend\u00e4ren \u201eRomantiker-Treffen\u201c in Jena, auf dem Novalis den gerade entstandenen geschichtsphilosophischen Aufsatz \u201eDie Christenheit oder Europa\u201c vortr\u00e4gt.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><a href=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/Franz_Gareis_-_Novalis-2.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/Franz_Gareis_-_Novalis-2.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-6256\"\/><\/a><figcaption>Erstausgabe der Schriften 1802. Quelle: Von Dora Stock &#8211; Klaus G\u00fcnzel: Die deutschen Romantiker. Artemis, Z\u00fcrich 1995, ISBN\u00a03-7608-1119-1, Gemeinfrei, https:\/\/commons.wikimedia.org\/w\/index.php?curid=12225819<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Darin hat er das Nationale und das Universale in Harmonie gebracht, sein Aufruf zur kulturellen Erneuerung des Abendlandes, einer \u201espirituellen Wiedergeburt Europas\u201c kann kaum aktueller sein als heute: \u201eWo aber keine G\u00f6tter sind, da walten Gespenster\u201c, mahnte er einst. Seine Zukunftsutopie bedient sich des Idealbildes eines fr\u00fchmittelalterlichen Christentums und fordert von den Menschen die Erkenntnis der h\u00f6heren Welt, um aus Europas Zerfall herauszuf\u00fchren und ein neues goldenes Zeitalter hervorzubringen. Novalis nutzt dabei die f\u00fcr ihn typische Triadenstruktur: Darstellung der gl\u00fccklichen Urzeit (Christentum im Mittelalter) \u2013 Zwischenphase des Zerfalls (Krise Europas) \u2013 Wiederherstellung der Urzeit als goldenes Zeitalter. Der Text war dem preu\u00dfischen K\u00f6nigspaar gewidmet, das dar\u00fcber nicht erbaut war.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Fr\u00fchromantiker schreiben sich auf die Fahne: \u201eWir sind auf einer Mission. Zur Bildung der Erde sind wir berufen.\u201c Einen Zustand zu erreichen, in dem Mensch und Natur harmonieren, ja die Welt zu romantisieren, k\u00f6nnte man das Bildungsziel nennen. Vor allem Novalis strebt eine progressive Universalpoesie an, bei der Philosophie und Dichtung in engem Verh\u00e4ltnis stehen, sich gegenseitig bedingen und scheinbar ausschlie\u00dfende Gegens\u00e4tze zusammenf\u00fchren: das Gew\u00f6hnliche und das Besondere, das Begrenzte und das Unendliche. \u201eDie Welt romantisieren hei\u00dft, sie als Kontinuum wahrzunehmen, in dem alles mit allem zusammenh\u00e4ngt. Erst durch diesen poetischen Akt der Romantisierung wird die urspr\u00fcngliche Totalit\u00e4t der Welt als ihr eigentlicher Sinn im Kunstwerk ahnbar und mitteilbar\u201c, so sein oft zitiertes ganzheitliches Credo.<\/p>\n\n\n\n<p>1800 bewirbt er sich als Amtshauptmann f\u00fcr den Th\u00fcringischen Kreis; zugleich nimmt die t\u00f6dliche Tuberkulose Besitz von seinem K\u00f6rper &#8211; bis heute halten sich Ger\u00fcchte, er habe sich bei Schiller angesteckt. In der ersten Jahresh\u00e4lfte schlie\u00dft er das Verm\u00e4chtnis seiner Liebe zu Sophie ab: Die \u201eHymnen an die Nacht\u201c, die ein Gegenreich zur Realit\u00e4t bilden und mit Todessehnsucht und mystisch-erotischen Metaphern spielen: Denn \u201ezugemessen war dem Lichte seine Zeit; aber zeitlos und raumlos ist der Nacht Herrschaft\u201c. Die Nacht als Bindeglied zwischen Realit\u00e4t und mystischer Traumwelt, verwoben mit den Themen Leben und Tod: \u201eDer Tod ist das romantisierende Prinzip des Lebens.\u201c Wagners \u201eTristan und Isolde\u201c ist ohne die Hymnen nicht denkbar.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/Franz_Gareis_-_Novalis-3.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"529\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/Franz_Gareis_-_Novalis-3-529x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-6257\"\/><\/a><figcaption>Grab in Wei\u00dfenfels. Quelle: Von Doris Antony, Berlin &#8211; photo taken by Doris Antony, CC BY-SA 3.0, https:\/\/commons.wikimedia.org\/w\/index.php?curid=2806076<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Au\u00dferdem beendet er den ersten Teil des Reisefragments \u201eHeinrich von Ofterdingen\u201c, dem die \u201eblaue Blume\u201c erscheint und die er \u201elange mit unnennbarer Z\u00e4rtlichkeit\u201c betrachtet: Sie steht f\u00fcr Sehnsucht, Liebe und das metaphysische Streben nach dem Unendlichen. Sein Protagonist ist das Abbild des romantischen Dichters, der im Sinne der transzendentalen Poesie das Diesseits \u00fcberwindet: \u201eDie Welt wird Traum, der Traum wird Welt.\u201c Das Credo ist die Poetisierung der Welt durch die kreative Einbildungskraft. Die durch Novalis dargelegte potentielle Wirkkraft des S\u00e4ngers f\u00fchrte bereits 1812 dazu, dass ihm zun\u00e4chst August Wilhelm, dann auch Friedrich Schlegel f\u00e4lschlicherweise das Nibelungenlied zuschrieben.<\/p>\n\n\n\n<p>Doch bereits 1820 wurde die These von Karl Lachmann entkr\u00e4ftet. Urspr\u00fcnglich sollte das Werk ein Gegenst\u00fcck zu dem zwar begeistert gelesenen, aber als unzul\u00e4nglich beurteilten \u201eWilhelm Meister\u201c Goethes werden. Novalis\u2019 damalige Kritik daran ist bis heute nicht \u00fcbertroffen: \u201eEs ist im Grunde ein fatales und albernes Buch \u2013 so pretenti\u00f6s und preti\u00f6s \u2013 undichterisch im h\u00f6chsten Grade, was den Geist betrift \u2013 so po\u00ebtisch auch die Darstellung ist. Es ist eine Satyre auf die Po\u00ebsie, Religion etc. Aus Stroh und Hobelsp\u00e4nen ein wohlschmeckendes Gericht, hinten wird alles Far\u00e7e. Wer ihn recht zu Herzen nimmt, liest keinen Roman mehr.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201ebasisdemokratische Volksmonarchie\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Zuletzt setzte sich Novalis mit dem Mystiker Jakob B\u00f6hme auseinander; die auf B\u00f6hme beruhende Utopie \u201eAlle Menschen sollen thronf\u00e4hig werden\u201c klinge nach \u201eeiner Art basisdemokratischer Volksmonarchie\u201c, kommentierte Volker Weidemann in der <em>Zeit<\/em>. Im Dezember 1800 wird Novalis zum Amtshauptmann ernannt, reist im Januar 1801 nach Dresden und kehrt schwerkrank wieder in sein Elternhaus nach Wei\u00dfenfels zur\u00fcck. Am 25. M\u00e4rz stirbt er hier 29-j\u00e4hrig an einem Blutsturz infolge der Tuberkulose. Sein Bruder Carl und Freund Schlegel sind bei ihm. Mit seinem Tod ordnete er sich wieder in die Familie ein. Von den Kindern der Hardenbergs sind 8 im Alter zwischen 21 und 32 Jahren verstorben, ein Sohn wurde nur 13, einer 37 Jahre alt. Novalis war demnach der \u201eNormalfall\u201c in dieser Familie.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/Franz_Gareis_-_Novalis-4-scaled.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"660\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/Franz_Gareis_-_Novalis-4-1024x660.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-6258\"\/><\/a><figcaption>DEFA-Szenenbild. Quelle: https:\/\/www.defa-stiftung.de\/filme\/filme-suchen\/novalis-die-blaue-blume\/ <\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Im Gegensatz zu anderen Dichtern und Philosophen hat sich Novalis nie aus seiner regionalen Umgebung herausbewegt. Es gab keine Reisen in Metropolen oder andere L\u00e4nder. Dass ein derart lokal orientierter Mensch in der Lage war, ein so universelles Werk zu schaffen, erstaunt bis heute. Die Entfremdung sowohl vom Anderen als auch von der Natur magisch zu \u00fcberwinden kann man als Narrativ seiner Romantik deuten: Weil nicht in \u201eZahlen und Figuren\u201c, sondern in einem \u201egeheimen Wort\u201c der Schl\u00fcssel zum Geheimnis des Universums liegt. Novalis und die Fr\u00fchromantiker sahen sich als Neuerer, die programmatisch der vordergr\u00fcndigen die transzendentale Welt, das innere Ich entgegensetzten.<\/p>\n\n\n\n<p>Das sahen, beginnend bei Hegel, viele anders: Carl Schmitt war die Romantik zu individualistisch, dem ungarischen Marxisten Georg Luk\u00e1cs wiederum zu v\u00f6lkisch, und auch die 1968er-Bewegung wusste, welcher Geist noch immer unter den Talaren muffte. \u201eSchlagt die Germanistik tot. F\u00e4rbt die blaue Blume rot!\u201c, lautete ein bekannter Studentenslogan aus jener Zeit. \u201eZwischen dem Bilde eines schw\u00e4rmerischen Romantikers, der an Schwindsucht starb, und dem Bilde des hochintellektuellen Dichters und Denkers, f\u00fcr den Poesie ein \u201aTun und Hervorbringen mit Wissen und Willen\u2018 war und in dessen Bewusstheit sich die moderne K\u00fcnstlerexistenz vorgebildet fand, klafft ein un\u00fcberbr\u00fcckbarer Riss\u201c, so sein Biograph Hans-Joachim M\u00e4hl.<\/p>\n\n\n\n<p>Von Franz Schubert stammen sechs Novalis-Vertonungen. Vielfach sind seine Wirkungen auf den franz\u00f6sischen Symbolismus, auf Autoren wie Keats, Poe, Hofmannsthal, Musil oder Benn bezeugt. In den 1970er Jahren \u00fcbernahm eine deutsche Band den Namen Novalis und vertonte neben eigener Lyrik verschiedene seiner Werke. Bundesfilmpreistr\u00e4ger Herwig Kipping verfilmte 1993 den Ofterdingen als \u201eNovalis \u2013 Die blaue Blume\u201c \u2013 es war die letzte Produktion der DEFA. Eine Auswahl der \u201eGeistlichen Lieder\u201c wie \u201eWenn alle untreu werden\u201c oder \u201eWenn ich ihn nur habe\u201c wurden schon bald Bestandteil lutherischer Gesangb\u00fccher \u2013 und sind es bis heute.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Er gilt als deutscher Romantiker schlechthin, kreierte die \u201eBlaue Blume\u201c und wird heute f\u00fcr die deut-sche Impfskepsis verantwortlich gemacht: Novalis. Er feierte nun seinen 250. Geburtstag. <\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[5,4],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/6246"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=6246"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/6246\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":6259,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/6246\/revisions\/6259"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=6246"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=6246"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=6246"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}