{"id":6248,"date":"2022-06-25T07:00:00","date_gmt":"2022-06-25T06:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/?p=6248"},"modified":"2022-04-28T14:45:52","modified_gmt":"2022-04-28T13:45:52","slug":"verruecktheiten-eines-mondsuechtigen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/?p=6248","title":{"rendered":"\u201eVerr\u00fccktheiten eines Monds\u00fcchtigen\u201c"},"content":{"rendered":"\n<p>Heute lebt er fast nur noch in seinen vielen Adaptionen weiter: Jacques Offenbach setzte ihm in der Oper \u201eHoffmanns Erz\u00e4hlungen\u201c (1881) ein Denkmal. Das so genannte Nachtst\u00fcck \u201eDer Sandmann\u201c inspirierte L\u00e9o Delibes zum Ballett \u201eCopp\u00e9lia\u201c (1870); sp\u00e4ter wurde es musikalisiert von Metallica (\u201eEnter Sandman\u201c, 1991), Rammstein (\u201eMein Herz brennt\u201c, 2001), Farin Urlaub (\u201eUnscharf\u201c, 2008) und Saltatio Mortis (2013). Peter Tschaikowskij verwendete sein M\u00e4rchen \u201eNussknacker und Mausek\u00f6nig\u201c als literarische Vorlage f\u00fcr das Ballett \u201eDer Nussknacker\u201c (1892). Seine \u201eNachricht von den neuesten Schicksalen des Hundes Berganza\u201c beeinflusste 1892 Oskar Panizzas \u201eAus dem Tagebuch eines Hundes\u201c und 1922 Franz Kafkas \u201eForschungen eines Hundes\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Seine \u201eAbenteuer der Sylvester-Nacht\u201c dienten als Grundlage des weltweit ersten Autoren- und Kunstfilms \u201eDer Student von Prag\u201c (1913) von Hanns Heinz Ewers. Sein \u201eFr\u00e4ulein von Scuderi\u201c wurde als erste deutsche Kriminalnovelle sechsmal seit 1919 verfilmt, so 1955 mit Henny Porten, und von Paul Hindemith als \u201eCardillac\u201c auf die Opernb\u00fchne gebracht. 1921 bildete sich in St. Petersburg eine Gruppe unpolitischer sowjetischer Schriftsteller u.a. mit Konstatin Fedin,\u00a0 Nikolai Tichonow und Michail Soschtschenko, die sich nach seinem Erz\u00e4hlzyklus \u201eDie Serapionsbr\u00fcder\u201c nannten.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><a href=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/E._T._A._Hoffmann_autorretrato.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/E._T._A._Hoffmann_autorretrato.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-6286\"\/><\/a><figcaption>E.T.A.Hoffmann. Quelle: Von E. T. A. Hoffmann &#8211; Alte Nationalgalerie, Gemeinfrei, https:\/\/commons.wikimedia.org\/w\/index.php?curid=76818100<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>\u201eDas steinerne Herz\u201c inspirierte Arno Schmidt zu seinem gleichnamigen Roman (1956). Die \u201eElixiere des Teufels\u201c wurden in den 1970er Jahren in Ost- und Westdeutschland verfilmt. Sein Kunstm\u00e4rchen \u201eKlein Zaches genannt Zinnober\u201c wurde nicht nur 1983 von der DEFA f\u00fcr das DDR-Fernsehen gedreht; sondern auch von der Berliner Band \u201eCoppelius\u201c zur weltersten Steampunk-Oper (2015) verarbeitet. Und Peter H\u00e4rtling besch\u00e4ftigt sich in seinem Roman \u201eHoffmann oder Die vielf\u00e4ltige Liebe\u201c (2001) mit seinem Aufenthalt 1808 bis 1813 in Bamberg und stellt ihn als B\u00fcrgerschreck, S\u00e4ufer und Erotomane dar: Ernst Theodor Amadeus Hoffmann, der am 25. Juni 1822 starb.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201emir sehr wohl thut\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Geboren wurde der Anwaltssohn am 24. Januar 1776 in K\u00f6nigsberg als Ernst Theodor Wilhelm Hoffmann. Aus Verehrung gegen\u00fcber Mozart ersetzte er Wilhelm 1805 durch Amadeus. Das j\u00fcngste von vier Kindern wuchs in zerr\u00fctteten Familienverh\u00e4ltnissen mit einem trinkenden Vater und einer hysterischen Mutter auf. Nach der Scheidung der Eltern lebte er bei seiner Mutter, wurde jedoch weitgehend durch den Onkel Otto D\u00f6rffer erzogen, einem frommen, strengen und bigotten Juristen. Dieser sorgte jedoch fr\u00fch f\u00fcr Musik- und Zeichenunterricht, sodass Hoffmann bereits mit 13 Jahren seine ersten Kompositionen zu Papier brachte. Ab 1782 besuchte Hoffmann die reformierte Burgschule, an der er in Theodor Gottlieb von Hippel einen Freund f\u00fcrs Leben fand.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Jahr 1792 nahm er ein Jura-Studium auf, das er 1795 mit dem ersten Examen abschloss. Auch in dieser Zeit zeichnete und komponierte Hoffmann und schrieb seinen ersten, heute verschollenen Roman \u201eCornaro\u201c. Dem Studium folgten Anstellungen in K\u00f6nigsberg und ab 1796 am Gericht in Glogau. Zwei Jahre sp\u00e4ter, nach dem erfolgreich abgeschlossenen Referendarexamen, verlobte sich Hoffmann mit seiner Cousine Minna D\u00f6rffer und wechselte als Gerichtsrat nach Berlin. Das gro\u00dfst\u00e4dtische k\u00fcnstlerische Leben konnte er jedoch nur kurze Zeit genie\u00dfen, da er nach dem Assessorexamen im Jahr 1800 nach Posen versetzt wurde. Aufgrund einiger Karikaturen, in denen sich Hoffmann \u00fcber die Posener Gesellschaft lustig gemacht hatte, wurde er 1802 nach Plock\/Weichsel strafversetzt. Im selben Jahr l\u00f6ste er die Verlobung mit Minna und heiratete die Polin Maria Rorer-Trzynska.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/E._T._A._Hoffmann_autorretrato-1.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"671\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/E._T._A._Hoffmann_autorretrato-1-671x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-6288\"\/><\/a><figcaption>&#8222;Undine&#8220; in Bamberg. Quelle: Von Hajo Lindner &#8211; Eigenes Werk, CC-BY 4.0, https:\/\/commons.wikimedia.org\/w\/index.php?curid=108151930<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Die Jahre in Plock und ab 1804 als Regierungsrat in Warschau standen vor allem im Zeichen der Musik. Neben seinem Hauptberuf schrieb, zeichnete und komponierte Hoffmann, engagierte sich beim Aufbau einer \u201eMusikalischen Gesellschaft\u201c in Warschau und konnte als deren Dirigent auch erstmals eigene Werke auff\u00fchren. Mit dem Einr\u00fccken der franz\u00f6sischen Truppen verlor er 1807 seine Anstellung und begab sich in Berlin auf Stellensuche, die jedoch erfolglos blieb. So nahm er 1808 die Stelle des Kapellmeisters am Bamberger Hoftheater an. Wenngleich diese Anstellung wieder nur kurz w\u00e4hrte, da das Theater 1809 Konkurs anmelden musste, war die Zeit in Bamberg f\u00fcr Hoffmanns Zukunft entscheidend, da er sich nun vermehrt der Schriftstellerei zuwendete.<\/p>\n\n\n\n<p>Das tat er zun\u00e4chst in Form der Musikkritik, die eine seiner zentralen T\u00e4tigkeiten im Rahmen der Mitarbeit an der <em>Allgemeinen Musikalischen Zeitung<\/em> darstellte. In der von Johann Friedrich Rochlitz herausgegeben Zeitschrift ver\u00f6ffentlichte Hoffmann neben seiner ersten Erz\u00e4hlung \u201eRitter Gluck\u201c (1809) auch zwei wichtige Beethoven-Rezensionen, die sp\u00e4ter in den Aufsatz \u201eBeethovens Instrumentalmusik\u201c im ersten Teil der Kreisleriana einflossen. Die Musik der Romantik, deren Wesen Hoffmann als \u201edie unendliche Sehnsucht\u201c bezeichnete, lag ihm besonders am Herzen &#8211; in Beethoven sah er sie in ihrer reinsten Form manifestiert, und der dankte ihm 1820 h\u00f6chstpers\u00f6nlich: \u201eSie nehmen also, wie ich glauben mu\u00df, einigen Antheil an mir; Erlauben Sie mir zu sagen, dass dieses von einem mit So ausgezeichneten Eigenschaften begabten Manne ihres gleichen, mir sehr wohl thut.[\u2026]\u201c<\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201eunsere gemeinschaftliche Sache\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Im Kontext der Musikkritik entwickelte Hoffmann auch die fiktive Figur des Kapellmeisters Kreisler, die in gewisser Weise sein literarisches Alter Ego darstellt und eine ganze Reihe von Kreisleriana-Erz\u00e4hlungen in den \u201eFantasiest\u00fccken\u201c und in dem Roman \u201eLebensansichten des Katers Murr\u201c durchzieht. 1810 fand Hoffmann eine neue Anstellung am Bamberger Theater als Direktionsgehilfe, Dramaturg und Dekorationsmaler. Daneben komponierte, schrieb und zeichnete er weiter und verdiente Geld als Musiklehrer. Dabei verliebte er sich heftig in seine minderj\u00e4hrige Musiksch\u00fclerin Julia Mark, was ihm sehr zu schaffen machte und mitsamt seinen wechselnden Gef\u00fchlen in seine literarischen Werke einfloss.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><a href=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/E._T._A._Hoffmann_autorretrato-2.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/E._T._A._Hoffmann_autorretrato-2.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-6289\"\/><\/a><figcaption>Erstausgabe der &#8222;Nachtst\u00fccke&#8220;. Quelle: Von selbst fotografiert &#8211; Slg. H.-P.Haack, Leipzig, Attribution, https:\/\/commons.wikimedia.org\/w\/index.php?curid=62425371<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Da Julia 1812 heiratete und auch die finanziellen Probleme Hoffmanns gr\u00f6\u00dfer wurden, nahm er im darauf folgenden Jahr das Angebot an, als Theaterkapellmeister in Dresden zu wirken. W\u00e4hrend er zunehmend literarisch t\u00e4tig war und weiterhin Erz\u00e4hlungen in der <em>Allgemeinen Musikalischen Zeitung<\/em> ver\u00f6ffentlichte, spielte die Musik hier noch ein letztes Mal die Hauptrolle: Mit der in Bamberg begonnenen und 1814 vollendeten Oper \u201eUndine\u201c gelang ihm sein wohl wichtigstes musikalisches Werk, das 1816 in Berlin uraufgef\u00fchrt wurde. In einem Brief vom 29. Mai 1815 an Friedrich de la Motte-Fouqu\u00e9, der das Libretto nach seiner eigenen Erz\u00e4hlung verfasste, nennt Hoffmann \u201edie Undine ganz und gar jetzt unsere gemeinschaftliche Sache\u201c. Diesen Brief unterzeichnete er mit dem Namen \u201eKreisler\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie viele andere Ereignisse seines Lebens fand auch die Zusammenarbeit mit Fouqu\u00e9 ihren literarischen Niederschlag in Hoffmanns Werken: Ein fiktiver Briefwechsel zwischen Baron Wallborn und Johannes Kreisler, hinter denen sich niemand anderes als Fouqu\u00e9 und Hoffmann verbergen, erschien 1814 in <em>Die Musen. Eine nordische Zeitschrift<\/em>. Zusammen mit der Kreisleriana und weiteren Erz\u00e4hlungen, darunter dem M\u00e4rchen \u201eDer goldene Topf\u201c, wurden sie von Hoffmann auch in die 1814 und 1815 erschienene Sammlung \u201eFantasiest\u00fccke in Callots Manier\u201c aufgenommen, mit der er seine ersten gro\u00dfen literarischen Erfolge feiern konnte. In unterschiedlichen Varianten begegnet in den Fantasiest\u00fccken der Einbruch des Fremden in die Realit\u00e4t, der Widerstreit von b\u00fcrgerlicher Normalit\u00e4t und fantastischer Kunst, von \u00e4u\u00dferer Vernunft und geheimnisvoller Tiefe des menschlichen Unbewussten.<\/p>\n\n\n\n<p>Die hier abgesteckten Themen durchziehen auch Hoffmanns sp\u00e4tere Texte und k\u00f6nnen als geradezu charakteristisch f\u00fcr sein Gesamtwerk gelten. So pr\u00e4gt die Erfahrung einer zerrissenen, gedoppelten Wirklichkeit auch den ab 1814 entstandenen Roman \u201eDie Elixiere des Teufels\u201c, der 1815\/16 in zwei B\u00e4nden erschien. Er konnte damit allerdings nicht an den Erfolg der Fantasiest\u00fccke ankn\u00fcpfen, wie er sich zun\u00e4chst erhofft hatte. Charakteristisch ist die Dichotomie zwischen Normalit\u00e4t und Wahn, Realit\u00e4t und Fantasiewelt, B\u00fcrgerlichkeit und Exzentrik, die zum Klischee vom \u201eGespenster-Hoffmann\u201c f\u00fchrte. Viele Texte stehen in Manier traditioneller Schauerromane und thematisieren die Gef\u00e4hrdung des Menschen durch das Unheimliche sowie die Frage nach der Grenze zwischen Genie und Wahnsinn. Er nahm gewisserma\u00dfen den \u201emagischen Realismus\u201c vorweg.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201efieberhafte Tr\u00e4ume eines kranken Gehirns\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>1814 beendete Hoffmann seine musikalische Laufbahn in Dresden und kehrte nach Berlin zur\u00fcck. Mit der Hilfe Hippels fand er dort eine Anstellung am Kammergericht und wurde 1816 zum Kammergerichtsrat bef\u00f6rdert. Zugleich baute er sich in der Berliner Gesellschaft rasch einen gro\u00dfen Kreis von Freunden und Bewunderern auf; er pflegte Umgang mit Tieck, Chamisso, Eichendorff, Humboldt und weiteren bedeutenden Pers\u00f6nlichkeiten der Zeit. In einem Leben zwischen Kammergericht und der Weinstube Lutter &amp; Wegner, in der er sich fast allabendlich mit dem Schauspieler Ludwig Devrient traf, fand er doch genug Zeit zum Schreiben und entwickelte eine hohe literarische Produktivit\u00e4t. Ab 1816 arbeitete Hoffmann an einem zweiten Erz\u00e4hlungszyklus, den \u201eNachtst\u00fccken\u201c mit dem bekannten \u201eDer Sandmann\u201c. Der Text rund um Automaten, Androiden und verr\u00fcckte Wissenschaftler beeindruckt bis heute und beeinflusste die sp\u00e4tere phantastische Literatur ungemein.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/E._T._A._Hoffmann_autorretrato-3.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"749\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/E._T._A._Hoffmann_autorretrato-3-1024x749.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-6290\"\/><\/a><figcaption>Selbstillustration zum Sandmann. Quelle. https:\/\/etahoffmann.staatsbibliothek-berlin.de\/portfolio-item\/sandmann\/<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>1819 wurde Hoffmann in eine \u201eCommission zur Ermittlung hochverr\u00e4terischer Verbindungen und anderer gef\u00e4hrlicher Umtriebe\u201c berufen. Durch seine aufrichtige Arbeit, die h\u00e4ufig Angeklagte vor polizeilicher Verfolgung sch\u00fctzte, zog er den Unmut des Berliner Polizeidirektors auf sich. Mit der Bef\u00f6rderung in den Oberappellationssenat erhielt Hoffmann 1821 andere Aufgaben. In einem Disziplinarverfahren wegen der Karikierung des Polizeidirektors in dem 1822 erschienen Roman \u201eMeister Floh\u201c und einer darauf folgenden Zensur des Werkes fand diese Zeit ein trauriges Nachspiel. Bereits 1819 war Hoffmann schwer erkrankt, man vermutet Syphilis. Dennoch fand er in den n\u00e4chsten Jahren weiterhin die Kraft, neben der t\u00e4glichen Arbeit literarisch t\u00e4tig zu sein. Mit \u201eDas Fr\u00e4ulein von Scuderi\u201c (1818) und den \u201eLebens-Ansichten des Katers Murr\u201c (1819-21) erschienen wichtige Sp\u00e4twerke.<\/p>\n\n\n\n<p>An seinem Geburtstag 1822 begann an seinen F\u00fc\u00dfen und Beinen eine L\u00e4hmung, die rasch voranschritt, sich auf seine Arme ausbreitete, sodass er nicht mehr schreiben konnte, und schlie\u00dflich zum Verlust der Sprache f\u00fchrte. Seine geistigen F\u00e4higkeiten blieben dabei erhalten. Er erlag in seiner Wohnung in der Berliner Taubenstra\u00dfe einer Ateml\u00e4hmung. Sein Grab ist bis heute ein Ehrengrab Berlins. Er ging in die Kunstgeschichte ein als Universalk\u00fcnstler, dessen Talente in ihren vielf\u00e4ltigen Ausdr\u00fccken nie scharf voneinander zu trennen waren: Musik, Schriftstellerei und Zeichnen gingen h\u00e4ufig ineinander \u00fcber. \u201eDie Perspektive ist immer verr\u00fcckt, das Gravit\u00e4tische wird zum Grotesken, das W\u00fcrdevolle l\u00e4cherlich, d\u00fcrre Beine vollf\u00fchren Bockspr\u00fcnge, auf Glatzen sitzen Fliegen, Hosenlatze stehen offen, und die Sprache stolpert, lispelt, schmatzt und raunt\u201c, hei\u00dft es zu ihm im Onlineportal <em>exlibris<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach seinem Tod fielen die Reaktionen in seinem Heimatland abwertender aus als im Ausland. \u201eDieser Hoffmann ist mir widerw\u00e4rtig mit all seinem Geist und Witz von Anfang bis zu Ende\u201c, urteilte Wilhelm Grimm; Goethe erkannte gar \u201efieberhafte Tr\u00e4ume eines leichtbeweglichen kranken Gehirns\u201c, ja \u201eVerr\u00fccktheiten eines Monds\u00fcchtigen\u201c. Interessanterweise war er der Lieblingsautor von Karl Marx. Auch Richard Wagner sch\u00e4tzte ihn, \u201eDer Fliegende Holl\u00e4nder\u201c verdankt Hoffmann seinen mystisch-nachtschwarzen Charakter. \u201eDer Teufel kann so teuflisches Zeug nicht schreiben\u201c, schw\u00e4rmte der Heinrich Heine als Student. In der DDR pr\u00e4gte er u.a. Franz F\u00fchmann und Wolfgang Hilbig, aber auch Ingo Schulze und Uwe Tellkamp bekannt sich zu ihm als ihr Vorbild: \u201eVater aller besseren Literatur \u00fcber das Problem [DDR] ist, meiner Ansicht nach, E.T.A. Hoffmann, bei dem die (Alb-)Tr\u00e4ume in die Wirklichkeit wucherten\u201c, schrieb Tellkamp. In Bamberg wird er bis heute als Namensgeber des Theaters, eines Gymnasiums und eines Literaturpreises gew\u00fcrdigt.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><a href=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/E._T._A._Hoffmann_autorretrato-4.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/E._T._A._Hoffmann_autorretrato-4.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-6291\"\/><\/a><figcaption>Sondermarke 1972. Quelle: Von Wilhelm Hensel &#8211; see above, Gemeinfrei, https:\/\/commons.wikimedia.org\/w\/index.php?curid=4761143<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Im Ausland wurde und wird er bis heute gesch\u00e4tzt und zum meistgelesenen Autor der deutschen Romantik. So gilt er als Leitfigur der zweiten Generation der franz\u00f6sischen Romantik mit Th\u00e9ophile Gautier an der Spitze. In Russland war er sehr beliebt, pr\u00e4gte Nikolai Gogol und Fjodor Dostojewski. Meisterregisseur Andrej Tarkowski plante einen Film \u201eHoffmanniana\u201c, der aber nicht mehr zustande kam. Auch Edgar Allan Poe und George Sand sch\u00e4tzten sein Werk, das Grundlage von rund 100 Filmen weltweit gewesen sein soll. &nbsp;Seine Wirkung im gesamteurop\u00e4ischen Kontext stellt eins der interessantesten Kapitel der Rezeptionsgeschichte der deutschen Romantik dar.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Er gilt als romantischer Universalk\u00fcnstler, etablierte das Mystische in der deutschen Literatur und war in Europa zuletzt angesehener als in der Heimat: E. T. A. Hoffmann. Vor 200 Jahren starb er.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[5,4],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/6248"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=6248"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/6248\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":6292,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/6248\/revisions\/6292"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=6248"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=6248"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=6248"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}