{"id":6250,"date":"2022-06-09T06:10:00","date_gmt":"2022-06-09T05:10:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/?p=6250"},"modified":"2022-04-28T14:33:45","modified_gmt":"2022-04-28T13:33:45","slug":"dass-er-sich-nicht-betrunken-hat","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/?p=6250","title":{"rendered":"\u201edass er sich nicht betrunken hat\u201c"},"content":{"rendered":"\n<p>Er war \u201eein kolossal au\u00dfergew\u00f6hnliches, widerspr\u00fcchliches, zugleich sympathisches wie absto\u00dfendes Individuum\u201c, bilanziert Matthias Schreiber im <em>Spiegel<\/em>. Gro\u00df war er gewiss nicht nur k\u00f6rperlich: Er ma\u00df 2,03 Meter. Gawril Derschawin, ein russischer Dichter des 18. Jahrhunderts, stellte gar die rhetorische Frage: \u201eWar Gott es nicht, der in ihm niederstieg?\u201c Den einen gilt er als Genie, das dem breiigen Riesenland eine erkennbare und \u00fcbersichtliche Form gegeben habe; den anderen gilt er als M\u00f6rder, als \u201egekr\u00f6nter Tiger\u201c, als Vernichter altrussischer Identit\u00e4t, als ungew\u00f6hnlich grausamer Tyrann; wieder anderen als Sittenverderber &#8211; wegen seiner Unterwerfung der Kirche unter die Autorit\u00e4t des Staates und wegen seiner Liebe zu den Frauen sowie zu den regelm\u00e4\u00dfigen \u201eNarren- und Saufkonzilen\u201c: Zar Peter I., der als Pjotr Alexejewitsch Romanow am 9. Juni 1672 in Moskau geboren wurde.<\/p>\n\n\n\n<p>Brutalit\u00e4t ist ihm von Anbeginn vertraut: Mit nur zehn Jahren wird er im Moskauer Kreml-Palast Augenzeuge eines Blutbads. Ausl\u00f6ser ist eine vertrackte Mischung aus Familienzwist und politisch-sozialem Aufstand. Der Familienstreit folgt einem klassischen Muster: Peters Vater, der reformfreudige Zar Alexej Michailowitsch, hat aus zwei Ehen 16 Kinder. Zwischen den Clans der beiden M\u00fctter schwelt eine Dauerfehde, gen\u00e4hrt vom Wunsch, dass der n\u00e4chste Zar aus ihrer Linie stamme. Gleichzeitig brodelt es bei der Palastgarde, den Strelizen, einer Elitetruppe von 20.000 Mann. Die Soldaten beschuldigen ihre Obristen der Unterschlagung von Sold und der Misshandlung. Die Regierung l\u00e4sst sie gew\u00e4hren, und prompt ergreifen die Strelizen Partei im Nachfolgestreit.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Mai 1682 verw\u00fcstet eine tobende Soldateska die Residenz der Zaren und t\u00f6tet etliche Verwandte Peters, darunter zwei seiner Onkel. Sie werden durch Fenster in darunter aufgerichtete Lanzen und Hellebarden gest\u00fcrzt, in St\u00fccke gehackt und unter sp\u00f6ttischem Geschrei nahe der Basilius-Kathedrale zur Schau gestellt. Nun setzen die Strelizen durch, dass zusammen mit dem Zehnj\u00e4hrigen, der kurz zuvor zum Zaren gew\u00e4hlt und vom Patriarchen best\u00e4tigt worden war, auch sein sechs Jahre \u00e4lterer, geistig behinderter Halbbruder Iwan gekr\u00f6nt wird. F\u00fcr die beiden Unm\u00fcndigen \u00fcbernimmt Iwans energische und f\u00e4hige Schwester Sofija, 24 Jahre alt, die Regentschaft, die sie sieben Jahre lang aus\u00fcben wird.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/Peter.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"776\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/Peter-776x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-6280\"\/><\/a><figcaption>Peter I. Quelle: Von Jean-Marc Nattier zugeschrieben &#8211; 4. Eremitage, Sankt Petersburg3. Ursprung unbekannt2. http:\/\/img15.nnm.ru\/3\/c\/9\/6\/9\/3223e6d548f3dff6bc0cb50f947.jpg1. Eremitage, Sankt Petersburg, Gemeinfrei, https:\/\/commons.wikimedia.org\/w\/index.php?curid=3227131<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Seit diesem ersten Strelizenaufstand hielt sich Peter mit seiner Mutter im Dorf Preobraschenskoje unweit Moskaus auf, genoss eine traditionelle altmoskowitische Erziehung und besch\u00e4ftigte sich vor allem mit dem Kriegsspiel, indem er mit Gleichaltrigen eine Kriegerschar bildete. Aus dieser Spielzeugarmee entwickelte sich das Preobraschensker Leib-Garderegiment, das 1698 den Zweiten Strelizenaufstand in Abwesenheit Peters I. niederschlagen und damit seine Herrschaft retten sollte. Doch schon zuvor, im August 1689, muss er in panischer Angst vor anr\u00fcckenden Soldaten fliehen, springt barfu\u00df auf ein Pferd und galoppiert in den n\u00e4chsten Wald. Diener bringen ihm Kleidung und geleiten ihn in ein Kloster, wo die Entscheidung f\u00e4llt: Der oberste Kirchenpatriarch ergreift Peters Partei, die ausl\u00e4ndischen Offiziere, die russische S\u00f6ldnertruppen in Moskau befehligen, f\u00fcgen sich, und so muss Sofija den Kreml verlassen und ins Kloster ziehen. Drei Strelizen werden gek\u00f6pft.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201eindem er mit Matrosen Wirtsh\u00e4user aufsucht\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Bereits im Januar dieses Jahres musste der siebzehnj\u00e4hrige Peter auf Dr\u00e4ngen seiner Mutter die drei Jahre \u00e4ltere Jewdokija heiraten, die im Februar 1690 den Sohn Aleksei gebar. Ein zweiter Sohn verstarb bereits nach einem halben Jahr. Die Ehe mit Jewdokija w\u00e4hrte formell zehn Jahre, war aber schon nach kurzer Zeit zerr\u00fcttet. An den Regierungsgesch\u00e4ften zeigte er noch wenig Interesse. Inspiriert von technischen Neuerungen und K\u00fcnsten ausl\u00e4ndischer Handwerker in der Moskauer Ausl\u00e4ndervorstadt suchte Peter durch Besuche das dortige Leben und Treiben n\u00e4her kennenzulernen. Mit dem Schotten Patrick Gordon und dem Schweizer Fran\u00e7ois Le Fort lernte er hier seinen sp\u00e4teren milit\u00e4rischen Hauptberater und seinen sp\u00e4teren Admiral der Kriegsflotte kennen. Diese Besuche erregten in ihm nicht nur gro\u00dfe Wissbegier, sondern auch den Wunsch, Russland auf ein \u00e4hnliches kulturelles und wirtschaftliches Niveau zu bringen.<\/p>\n\n\n\n<p>In den ersten Jahren besch\u00e4ftigte er sich mit dem Aufbau einer schlagkr\u00e4ftigen Armee \u2013 und entwickelte eine Sehnsucht nach dem Meer. Bereits 1688 hatte er bei Verwandten ein altes englisches Boot entdeckt, das 1691 ein Schiffbauer reparierte. Mit diesem \u201eGro\u00dfvater der russischen Flotte\u201c unternahm Peter eine erste Seereise auf der Moskwa und tr\u00e4umte nun von einem Hafen f\u00fcr Russland, um milit\u00e4risch und wirtschaftlich zu re\u00fcssieren. Doch Russland besitzt nur in Archangelsk im hohen Norden einen eigenen Zugang zum Meer, doch der ist den langen Winter \u00fcber zugefroren. Das Schwarze Meer wird von den Osmanen beherrscht, die Ostsee von den Schweden. An einem Nebenfluss des Don gr\u00fcndet Peter eine gro\u00dfe Werft, wo er in wenigen Monaten 30 Galeeren und Hunderte kleiner Barken auf Kiel legen l\u00e4sst. Damit blockiert er im Juli 1696 erfolgreich die Versorgung der T\u00fcrkenfestung Asow \u2013 seine erste erfolgreiche milit\u00e4rische Operation \u00f6ffnet ein Nadel\u00f6hr zum Schwarzen Meer.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/Peter-1.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"615\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/Peter-1-615x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-6281\"\/><\/a><figcaption>Bildnis 1698. Von Godfrey Kneller &#8211; www.royalcollection.org.uk\/collection\/405645\/peter-the-great-tsar-of-russia-1672-1725, Gemeinfrei, https:\/\/commons.wikimedia.org\/w\/index.php?curid=920701<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Da er wei\u00df, dass er ohne ausl\u00e4ndische Schiffsbauer, Navigatoren und Artilleristen die T\u00fcrken nicht besiegt h\u00e4tte, beschlie\u00dft er, eine \u201eGro\u00dfe Gesandtschaft\u201c der Lernbegierigen nach Westeuropa zu schicken und selbst daran teilzunehmen &#8211; ein provozierender Versto\u00df gegen eine jahrhundertealte Tradition. Denn der oberste Herrscher Russlands, der Besch\u00fctzer der Kirche verl\u00e4sst niemals zu Friedenszeiten die russische Erde, schon gar nicht monatelang und inkognito. Das ermutigt seine Gegner zur n\u00e4chsten Verschw\u00f6rung, wieder mit Strelizen. Doch die Putschisten fliegen auf. Unter der Folter gestehen sie, mit der entmachteten Sofija konspiriert zu haben, so dass ihnen Peter reihenweise die Gliedma\u00dfen und K\u00f6pfe abhacken l\u00e4sst. Sechs Tage nach diesem barbarischen Schlachtfest, im M\u00e4rz 1697, bricht die Gesandtschaft gen Westen auf, mehr als 250 Leute.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Reise dauert 18 Monate und f\u00fchrt \u00fcber Riga, K\u00f6nigsberg, Berlin, Amsterdam, London, Dresden, Prag und Wien nach Krakau. Dabei lernt er den sp\u00e4teren Preu\u00dfenk\u00f6nig Friedrich I., den englischen K\u00f6nig William III., der f\u00fcr den russischen Gast eine kleine Seeschlacht inszenieren l\u00e4sst, und August den Starken kennen, mit dem er ein antischwedisches B\u00fcndnis schlie\u00dft. Im Amsterdam verdingt er sich unter dem Decknamen Peter Michailow bei einer privaten Werft als Zimmermann. Doch schon bald eilen die B\u00fcrger herbei, um diese seltsamen Russen zu bestaunen wie Zoo-Tiere. Der impulsive Zar ohrfeigt einen besonders zudringlichen Gaffer. Die Kurf\u00fcrstin Sophie von Hannover notierte nach Peters Besuch in Coppenbr\u00fcgge: \u201eIn Amsterdam am\u00fcsiert sich seine Exzellenz, indem er zusammen mit Matrosen Wirtsh\u00e4user aufsucht.\u201c Und zuvor hatte sie erw\u00e4hnt: \u201eIch muss Ihnen sagen, dass er sich in unserer Gesellschaft nicht betrunken hat.\u201c In Krakau erh\u00e4lt er Kunde vom Zweiten Strelizenaufstand, den seine Leibgarde ohne ihn niederschlug. Dennoch bricht Peter die Reise ab und \u00fcbt monatelang grausame Rache: 1182 Strelizen werden aufgeh\u00e4ngt oder gek\u00f6pft, f\u00fcnf von ihm selbst. Auch Jewdokija verd\u00e4chtigte er der Teilnahme an der Verschw\u00f6rung und verbannte sie.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201eregulieren, policieren, civilisieren\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Damit stand seinen Reformpl\u00e4nen nichts mehr im Weg: er wollte die Modernisierung Russlands nach westeurop\u00e4ischen Ma\u00dfst\u00e4ben. Er kennt nun Mikroskope, Barometer, M\u00fcnzen und Zahnzangen: \u201eWir wollen Russland regulieren, policieren, civilisieren.\u201c Dazu geh\u00f6rte zun\u00e4chst die F\u00f6rderung einer merkantilistischen Wirtschaft durch den Bau von Gro\u00dfbetrieben und die Unterst\u00fctzung der Gr\u00fcndung privater Manufakturen. 1716 wurde das Spinnrad in Russland eingef\u00fchrt. Noch ein Jahr vor seinem Tod ordnete Peter \u00a0an, dass alle Findelkinder zu Handwerkern und Fabrikanten erzogen werden sollten. In seinem letzten Regierungsjahr gab es etwa 100 Fabriken, darunter einige mit mehr als 3000 Besch\u00e4ftigten. Wesentlichen Anteil an der Entwicklung der H\u00fcttenindustrie hatte der deutsche Bergbauspezialist Baron von Hennin, der Vorsitzender des Bergkollegiums war. Am Ende der Regierung registriert die Statistik einen ausgeglichenen Staatshaushalt von etwa 10 Millionen Rubel.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><a href=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/Peter-2.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/Peter-2.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-6282\"\/><\/a><figcaption>Sarkophag hinten rechts. Quelle: Von D.j.mueller (talk) 19:28, 2 July 2008 (UTC) &#8211; Selbst fotografiert, Gemeinfrei, https:\/\/commons.wikimedia.org\/w\/index.php?curid=4313596 <\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Au\u00dferdem nahm Peter massenwirksam eine Schere, schneidet etlichen Bojaren die langen B\u00e4rte ab und erhebt gar eine Bartsteuer. Wie die B\u00e4rte, so l\u00e4sst er auch die langen hemdartigen Kaftansch\u00f6\u00dfe, M\u00e4ntel und Gewand\u00e4rmel stutzen, verordnet den St\u00e4dtern praktischere ungarische oder deutsche Kleider, l\u00e4sst sie auch mal als modisches Muster ans Stadttor h\u00e4ngen. Schlie\u00dflich schafft er die Unsitte ab, dass der Untergebene bei der tiefen rituellen Verbeugung vor dem Herrscher mit der Stirn den Boden ber\u00fchren muss. Treue und Diensteifer sch\u00e4tze er mehr als solche Selbsterniedrigung, l\u00e4sst Peter verlauten. Damit verbunden war die Einf\u00fchrung einer Adelsrangtabelle. Nicht Abstammung und Familien-Nimbus allein sollen \u00fcber die gesellschaftliche Stellung entscheiden, sondern pers\u00f6nliche F\u00e4higkeiten und Verdienste: Der Dienstadel tritt dem Erbadel zur Seite.<\/p>\n\n\n\n<p>Weitere Reformen betrafen das Milit\u00e4r- und das Bildungswesen: Er f\u00fchrte eine Schriftreform durch und gr\u00fcndete nach langj\u00e4hrigen Gespr\u00e4chen mit Gottfried Wilhelm Leibniz 1724 die russische Akademie der Wissenschaften. Der julianische Kalender wurde eingef\u00fchrt, obgleich im restlichen Europa in dieser Zeit bereits langsam der gregorianische Kalender \u00fcbernommen wurde..&nbsp; Und nicht zuletzt arbeitete er an der st\u00e4rkeren Zentralisierung der Verwaltung. So schuf Peter die B\u00fcrgermeisterei und richtete einen Senat, der neue Gesetze vorbereitete und die \u00f6rtlichen und zentralen Organe anleitete, als oberste Verwaltungsinstanz ein. Au\u00dferdem entstanden in seiner Regierung die Kollegien, etwa mit den Fachministerien in Westeuropa vergleichbar. Das russische Reich wurde verwaltungsm\u00e4\u00dfig in acht Gouvernements und etwa 50 Provinzen aufgegliedert. Diese Reformen gingen als Petrinische Reformen in die Geschichte ein und trugen zum Aufstieg Russlands als einer der f\u00fchrenden M\u00e4chte in Europa bei.<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend er \u00fcberkommene Traditionen kappt, holt er zu einem politischen Doppelschlag aus: Im Juli 1700 schlie\u00dft er im S\u00fcden, in Konstantinopel, nach zweij\u00e4hrigem Waffenstillstand, Frieden mit der T\u00fcrkei &#8211; und erkl\u00e4rt im Norden prompt Schweden den Krieg. In diesem Zweiten Nordischen Krieg (1700\u20131721) konnte er trotz zahlreicher Niederlagen und erheblicher Verluste mit dem Sieg in der Schlacht bei Poltawa 1709 die Kriegswende herbeif\u00fchren. Zwischen 1701 und 1706 entwickelt er sowohl eine Form der Taktik der \u201eVerbrannten Erde\u201c, damit der Feind nichts Essbares, nichts Brauchbares mehr findet, als auch die Strategie des R\u00fcckzugs ins Landesinnere in Kombination mit gezielten Nadelstichen gegen die Nachschublinien des Feindes. Schon bald dezimieren Hunger, K\u00e4lte und Krankheit die schwedische Armee, wie ein Jahrhundert sp\u00e4ter die Truppen Napoleons. Als die Russen im Mai 1703 die Festung Nyenschanz nahe der M\u00fcndung der Newa in den Finnischen Meerbusen erobern, l\u00e4sst Peter eine neue Festung mitten im M\u00fcndungsdelta bauen und tauft den Ort, den er zur Hauptstadt des Landes machen wird, St. Petersburg.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201eVater des Vaterlandes\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>1721 finden im schwedisch-finnischen Nystad die Verhandlungen \u00fcber einen Friedensvertrag statt, sie dauern \u00fcber drei Monate. Ihr Ergebnis: Schweden tritt Livland, Estland und Ingermanland, die Provinz rund um St. Petersburg, \u201ef\u00fcr ewige Zeiten\u201c an Russland ab, erh\u00e4lt aber Finnland zur\u00fcck. Der Friede von Nystad stellt f\u00fcr Peter den \u201egr\u00f6\u00dften Erfolg seines Lebens\u201c dar, so der Historiker Erich Donnert. Russland ist jetzt die F\u00fchrungsmacht im nordosteurop\u00e4ischen Raum. Im Oktober treten in St. Petersburg der Senat und der Heilige Synod zusammen, jene von Peter eingesetzten obersten Instanzen weltlicher und geistlicher Kompetenz, die dem Zaren zuarbeiten wie Ministerien. Sie bitten, scheinbar von sich aus, den Herrscher um die Annahme der Ehrentitel \u201eVater des Vaterlandes, Allrussischer Kaiser und Peter der Gro\u00dfe\u201c. Damit ist er auf dem H\u00f6hepunkt seiner Macht.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><a href=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/Peter-3.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/Peter-3.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-6283\"\/><\/a><figcaption>Festung Peter und Paul. Quelle: Von Alex &#8218;Florstein&#8216; Fedorov, CC BY-SA 4.0, https:\/\/commons.wikimedia.org\/w\/index.php?curid=20479981<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Privat erlebte er H\u00f6hen und Tiefen. Seit 1712 war er in zweiter Ehe mit einer einfachen Litauerin verheiratet, die an seinem Hof den Namen Katharina Alexejewna angenommen hatte und ihm zw\u00f6lf Kinder gebar. Andererseits spitzte sich der Konflikt mit seinem Sohn Alexei 1718 zu, den er nicht zum Nachfolger machen wollte. Er lie\u00df ihn nach dessen Flucht \u00fcber \u00d6sterreich nach Italien zur\u00fcckholen, enterbte ihn und machte ihm wegen Hochverrats den Prozess. Alexei wurde zum Thronverzicht gezwungen und zum Tode verurteilt, starb jedoch vor der Vollstreckung am 26. Juni an den Folgen der Folter von 40 Peitschenhieben. August Graf von Platen hat sein Schicksal nicht v\u00f6llig geschichtsgetreu in die Ballade \u201eAlexius\u201c (1832) gefasst, August Strindberg in einer Novelle dargestellt. 1722 \u00e4nderte Peter per Erlass die traditionell praktizierte, von der Reihenfolge der Geburt abh\u00e4ngige Thronfolge ab. Nun konnte der herrschende Regent seinen Nachfolger frei bestimmen, auch von au\u00dferhalb der Familie, und einen unw\u00fcrdigen Nachfolger wieder absetzen. Prompt machte er seine Frau zur Nachfolgerin, die nach seinem Tod als Katharina I. auch die Herrschaft \u00fcbernahm.<\/p>\n\n\n\n<p>Die dramatische Art, wie er Anfang 1725 das Zeitliche segnet, passt zu seinem turbulenten Herrscherleben: Auf einer Inspektionstour nahe der Newa-M\u00fcndung entdeckt Peter ein Boot, das der Sturm auf eine Sandbank geworfen hat. Einige Soldaten, die nicht schwimmen k\u00f6nnen, k\u00e4mpfen in der rauen See um ihr \u00dcberleben, andere versuchen, den gekenterten Kahn wieder flottzumachen. Peter l\u00e4sst sich zur Sandbank rudern, ungeduldig springt er schon vor der Sandbank \u00fcber den Bootsrand, um schneller helfen zu k\u00f6nnen. Das eiskalte Wasser bekommt ihm schlecht: In der Nacht qu\u00e4len ihn Fieber und Sch\u00fcttelfrost, ein notorisches Blasen- und Nierenleiden meldet sich heftig zur\u00fcck. Scheinbar erholt, g\u00f6nnt er sich noch auf einem nachweihnachtlichen Fest exzessiven Alkoholgenuss. In der Nacht zum 8. Februar ruft er nach seiner Tochter Anna, der sp\u00e4teren Herzogin von Holstein-Gottorf. Als sie kommt, ist er schon bewusstlos, er stirbt gegen sechs Uhr morgens.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201eein Mann von sehr hitzigem Temperament\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Zu seinen Ehren wurden Denkmale errichtet und mehrere russische Schiffe benannt. Albert Lortzings komische Oper \u201eZar und Zimmermann\u201c, uraufgef\u00fchrt 1837 in Leipzig, thematisierte die \u201eGro\u00dfe Gesandtschaft\u201c. Alexej Tolstoi betrachtete 1918\/19 in zwei Erz\u00e4hlungen das Wirken des Zaren recht skeptisch. Doch in der Stalinzeit wurde daraus ein mehrb\u00e4ndiger Roman \u2013 aus dem 1937 ein Film und als Nebenprodukt ein Kinderbuch und ein Theaterst\u00fcck erwuchsen \u2013, um \u201edie fortschrittliche Bedeutung der petrinischen Epoche\u201c zu w\u00fcrdigen. 1986 wurde in den USA ein Vierteiler \u00fcber sein Leben mit dem Who\u2019s Who der Schauspielerszene gedreht: Neben Maximilian Schell in der \u201ealten\u201c Titelrolle wirkten Vanessa Redgrave, Omar Sharif, Laurence Olivier, Lilli Palmer und Hanna Schygulla mit.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><a href=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/Peter-4.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/Peter-4.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-6284\"\/><\/a><figcaption>Denkmal in Petersburg. Quelle: https:\/\/www.russlandjournal.de\/wp-content\/uploads\/2014\/10\/petersburg-denkmal-peter-der-grosse.jpg   <\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Er zivilisierte das Reich durch politische, milit\u00e4rische und alltagskulturelle Reformen und intensivierte durch den Ostsee-Zugang zugleich die Handelsbeziehungen zu allen anderen Gro\u00dfm\u00e4chten. So war er trotz vieler taktischer Fehler, die der impulsive, launische, vielleicht manisch-depressive Mann machte, ein bedeutender Stratege. Das sah der Marxist \u2013 und Widerpart Lenins \u2013 Georgi Plechanow ganz anderes: \u201eMit seiner Europ\u00e4isierung Russlands f\u00fchrte Peter es zu seinem Ende, zu dem logischen Abschluss unter der Bedingung v\u00f6lliger Hilflosigkeit der Bev\u00f6lkerung gegen\u00fcber dem Staat, was das Charakteristikum einer orientalischen Despotie ist.\u201c Und f\u00fcr den von Lenin gesch\u00e4tzten Alexander Herzen war Peter I. ein \u201eDespot nach Art des Wohlfahrtsausschusses\u201c, denn \u201eder Umsturz Peters hat aus uns das Schlechteste gemacht, was aus Menschen gemacht werden kann: aufgekl\u00e4rte Sklaven\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenig nachsichtig urteilte auch Gilbert Burnet, der Bischof von Salisbury: \u201eDie Natur hat ihn eher zum Schiffbauer als dazu bestimmt, ein gro\u00dfer F\u00fcrst zu sein \u2026 Er ist ein Mann von sehr hitzigem Temperament, der sich leicht ereifert, brutal in seiner Leidenschaft. Dieses sein nat\u00fcrliches Ungest\u00fcm steigert er noch durch \u00fcberm\u00e4\u00dfigen Alkoholkonsum. Nachdem ich ihn oft gesehen und viel mit ihm gesprochen hatte, blieb mir nichts \u00fcbrig, als die Unerforschlichkeit der g\u00f6ttlichen Vorsehung zu bewundern, die einem so ungest\u00fcmen Menschen unumschr\u00e4nkte Gewalt \u00fcber einen so gro\u00dfen Teil der Welt verliehen hatte.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Als sein dialektischster Kritiker sollte sich Voltaire erweisen: \u201ePeter schuf Russland. Vor ihm existierte Russland nicht \u2026 Zar Peter war ein Barbar, aber immerhin ein Barbar, der Menschen geschaffen, St\u00e4dte gegr\u00fcndet und Meere durch Kan\u00e4le verbunden hat\u201c, schreibt er. \u201eEr hatte gro\u00dfe Fehler, aber wurden sie nicht wettgemacht durch die Vielzahl von Pl\u00e4nen, die er f\u00fcr die Gr\u00f6\u00dfe seines Landes entwarf und von denen er manche verwirklichte? \u2026 Er wollte Deutsche und Engl\u00e4nder aus ihnen machen, als es Not tat, Russen aus ihnen zu machen\u201c. Legend\u00e4r wurden Peters Worte \u201eWir werden Europa f\u00fcr einige wenige Dekaden brauchen \u2013 und danach k\u00f6nnen wir ihm den R\u00fccken zukehren.\u201c Das liest sich heute gespenstisch.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Er modernisierte sein Riesenreich gewaltsam, etablierte es als Weltmacht und schuf mit Petersburg seine eigene Hauptstadt: Peter I. der Gro\u00dfe. Vor 350 Jahren kam er zur Welt.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[1,4],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/6250"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=6250"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/6250\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":6285,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/6250\/revisions\/6285"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=6250"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=6250"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=6250"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}