{"id":6310,"date":"2022-07-27T06:06:00","date_gmt":"2022-07-27T05:06:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/?p=6310"},"modified":"2022-07-07T13:48:31","modified_gmt":"2022-07-07T12:48:31","slug":"schoen-friedlich-und-still","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/?p=6310","title":{"rendered":"\u201esch\u00f6n, friedlich und still\u201c"},"content":{"rendered":"\n<p>Angst kannte er nicht. Der gef\u00e4hrlichste Moment f\u00fcr einen Tiefseeforscher sei die Autofahrt zwischen B\u00fcro und U-Boot, sagte er einmal. \u201eAm Grund war es dann so sch\u00f6n, friedlich und still, da kamen wir nicht auf die Idee, Angst zu haben.\u201c Kurz vor seinem Tod bekannte er in der <em>NZZ<\/em>, dass er auch gerne Astronaut geworden w\u00e4re. \u201eDas h\u00e4tte mich nat\u00fcrlich interessiert\u201c, sagte er und f\u00fcgte bescheiden hinzu, dass die Landung auf dem Mond doch eine deutlich interessantere Expedition gewesen sei als sein Ausflug in die Tiefsee. Es d\u00fcrfte in der Familie liegen, dass er die entgegengesetzte Richtung einschlug wie sein Vater Auguste, der 1932 einen jahrzehntelang g\u00fcltigen Rekord mit einem Stratosph\u00e4renballon erzielte: Jacques Piccard, der am 28. Juli vor 100 Jahren in Br\u00fcssel zur Welt kam.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach einer unbeschwerten Kindheit als Professorensohn studierte Piccard Wirtschaft und Geschichte in Genf und wurde Mitarbeiter seines Vaters \u2013 der sich seit 1947 nicht mehr in die H\u00f6he, sondern die Tiefe orientierte. Zusammen bauten sie das Tiefseetauchger\u00e4t \u201eTrieste\u201c, ein Bathyscaph, eigens als Forschungs-U-Boot f\u00fcr mittlere Tiefen konstruiert. 1953 stie\u00dfen beide im Tyrrhenischen Meer auf 3150 Metern vor. Jacques setzte dann die Arbeit seines Vaters fort. Die US-amerikanische Marine fand Interesse an diesem U-Boot und erwarb es 1957, nachdem sie eine Reihe von Tauchfahrten vor der Insel Capri finanziert hatte. Der inzwischen verheiratete Piccard wurde darauf als wissenschaftlicher Berater der US-Administration t\u00e4tig.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><a href=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/Steiff.webp\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/Steiff.webp\" alt=\"\" class=\"wp-image-6348\"\/><\/a><figcaption>Jacques Piccard.  Quelle: https:\/\/p6.focus.de\/img\/fotos\/id_711940\/jacques-piccard.jpg?im=Resize%3D%28800%2C533%29&amp;impolicy=perceptual&amp;quality=medium&amp;hash=f8c1a172c6b36b77eeaa22b8d9ba918fa6ac877d10f61456c81ced91455746d9 <\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>1958 war das Boot an mehreren Suchaktionen nach verschollenen Schiffen und U-Booten beteiligt, unter anderem an der Suche nach dem verlorenen Atom-U-Boot USS Thresher. Anschlie\u00dfend es Fahrzeug umger\u00fcstet, um f\u00fcr Tauchg\u00e4nge in gr\u00f6\u00dferen Tiefen geeignet zu sein. Die eigentliche Druckk\u00f6rperkugel wurde von Krupp in Essen geschmiedet und lie\u00df nunmehr Tauchfahrten bis zu maximal 36.000 Fu\u00df (\u224811.000 m) zu. Piccard soll das U-Boot nicht, wie bei einer Schiffstaufe \u00fcblich, mit Champagner, sondern mit Weihwasser bespritzt haben. Ein besonderes Sicherheitsmerkmal war der aus etlichen Stahlkugeln bestehende Teil des Ballasts, der von Elektromagneten gehalten wurde. Bei einem Ausfall der Stromversorgung h\u00e4tten sich die Kugeln sofort gel\u00f6st und das Boot w\u00e4re selbstt\u00e4tig aufgetaucht. Als Auftriebsk\u00f6rper dienten rund 85 m\u00b3 Benzin in einem zylinderf\u00f6rmigen Blechtank.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201ewarum sollten wir es noch einmal tun\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Nachdem die USA den Wettlauf in den Kosmos zun\u00e4chst verloren hatten, versuchten sie in der Tiefsee Boden gutzumachten, und w\u00e4hlten dazu den Marianengraben rund 2000 Kilometer \u00f6stlich der Philippinen. Kurz vor dem Rekordtauchgang wollten die US-Amerikaner Piccard gegen einen ihrer Landsleute austauschen, was er jedoch verhindern konnte: Sein Vertrag gibt ihm das Recht, bei jedem \u201ebesonderen Tauchgang\u201c dabei zu sein. Er und der US-Marineleutnant Don Walsh lie\u00dfen sich in der \u201eTrieste\u201c hinabgleiten, mit Schokoriegeln, Sauerstoff f\u00fcr zwei Tage und einem Unterwassertelefon. In 4 Stunden und 47 Minuten gelangten sie in eine Tiefe von 10.916 Metern \u2013 der in S\u00fc\u00dfwasser kalibrierte Tiefenmesser zeigte gar \u00fcber 11.000 Meter an.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Temperatur an Bord sank von mehr als 30 Grad an der Wasseroberfl\u00e4che auf eiskalte 1,8 Grad Celsius. Piccard h\u00f6rte \u201eeigent\u00fcmliche prasselnde Laute, so als brate man Speck\u201c, vermutlich als Folge des ungeheuren Drucks. F\u00fcr Bewohner der Erdoberfl\u00e4che w\u00e4re allein der t\u00f6dlich, die Lunge w\u00fcrde sofort bersten. Dazu ist es vollkommen dunkel. Es gibt weder Pflanzen noch Algen. Fische, Muscheln, Quallen und andere Lebewesen sind hoch angepasst an diese Umwelt und haben keine Luftr\u00e4ume in ihren K\u00f6rpern. Bei ca. 10.000 Meter h\u00f6rten die Aquanauten eine laute Implosion: \u201eWeil wir noch lebten und alle Instrumente funktionierten, sagten wir uns: Es kann nicht so schlimm gewesen sein, und entschieden uns, den Tauchgang fortzusetzen\u201c, so Walsh.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/Steiff-9.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"631\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/Steiff-9-631x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-6351\"\/><\/a><figcaption>Walsh &amp; Piccard an Bord. Quelle: Von Archival Photography by Steve Nicklas, NOS, NGS &#8211; NOAA Ship Collection, Gemeinfrei, https:\/\/commons.wikimedia.org\/w\/index.php?curid=493756<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Nach dem Aufstieg stellte sich heraus, dass eines der Fenster in der Einstiegsr\u00f6hre geborsten war, doch dank seiner 19 Zentimeter Dicke dem Wasserdruck standhielt. 20 Minuten blieben beide ca. vier Meter \u00fcber dem Meeresgrund, einer W\u00fcste aus hellem Schlick, auf der zu ihrer \u00dcberraschung sogar ein Plattfisch lag, dann tauchten sie auf und stiegen z\u00e4hneklappernd wegen der K\u00e4lte aus. \u201eJetzt k\u00f6nnen wir im Meer \u00fcberall hin\u201c, kommentiert Piccard sp\u00e4ter. Es ging nicht darum, dort etwas zu entdecken \u2013 es ging darum, dort gewesen zu sein. Nach dreieinhalb Stunden Aufstieg warfen die Aquanauten einen Beh\u00e4lter mit der US-Flagge in die Tiefe. Neun Jahre sp\u00e4ter hissten Astronauten die US-Flagge auf dem Mond.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Tiefsee ist zwar nach Aussagen von Wissenschaftlern der gr\u00f6\u00dfte Lebensraum der Erde, bisher wurden aber erst wenige Quadratkilometer des Meeresbodens systematisch untersucht. Niemand zweifelte daran, dass Piccard und Walsh mit ihrer Pioniertauchfahrt ein Tor aufgesto\u00dfen hatten, das die weitere Erforschung und Eroberung der Tiefsee nach sich ziehen w\u00fcrde. Doch eigenartigerweise blieb eine solche Entwicklung aus, zum tiefsten Punkt der Meere wollte niemand mehr zur\u00fcck. Der Erkenntnisgewinn schien zu gering, die Kosten zu hoch. 98 Prozent der Ozeane seien nicht tiefer als 6000 Meter, sagte Piccard. \u201eEs ist wichtiger, ein paar U-Boote f\u00fcr 6000 Meter zu haben, als eines, das noch tiefer taucht.\u201c Der Pilot des Nachfolgerschiffes \u201eTrieste II\u201c, Ross Saxon, sagte: \u201eWas wir daraus gelernt haben? Nicht viel, au\u00dfer, dass wir es k\u00f6nnen. Es ist wie die Landung auf dem Mond. Wir haben es gemacht, warum sollten wir es noch einmal tun?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201eEiner der letzten gro\u00dfen Entdecker\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>In den folgenden Jahren entwickelte Piccard das von der Schweizer Regierung in Auftrag gegebene Tauchboot \u201eAuguste Piccard\u201c. Dabei musste er sich Piccard mit diversen Experten auseinandersetzen, die zwar niemals ein U-Boot betreten hatten, jedoch Piccards Konzept misstrauten, da er kein studierter Ingenieur war. Letztlich wurden Piccards Pl\u00e4ne genehmigt, und das Boot konnte rechtzeitig zu Schweizerischen Landesausstellung 1964 in Lausanne am Genfersee seinen Betrieb aufnehmen. Es ist das gr\u00f6\u00dfte jemals gebaute Tourismus-U-Boot und das gr\u00f6\u00dfte nichtmilit\u00e4rische Unterwasserfahrzeug, das 1964 etwa 33.000 Passagiere auf den Grund des Genfersees brachte.<\/p>\n\n\n\n<p>Zwei Tage vor dem Start der Mondlandemission Apollo 11 startete 1969 das von ihm entwickelte U-Boot \u201eBen Franklin\u201c zur Erforschung des Golfstroms Boot vor der K\u00fcste Floridas nahe Palm Beach. Die Crew von sechs internationalen Wissenschaftlern wurde von Piccard als Missionsleiter angef\u00fchrt. In etwa 300 bis 350 Metern Tiefe lie\u00df sich die Crew vier Wochen unter Wasser mit dem Golfstrom treiben. Nach gelungener Mission besuchte ihn Wernher von Braun &#8211; die NASA interessierte sich vor allem mit Blick auf die psychischen Auswirkungen auf die Crew w\u00e4hrend einer so langen Mission daf\u00fcr und lie\u00df die dabei gewonnenen Erkenntnisse in die Skylab-Missionen und das Space-Shuttle-Programm einflie\u00dfen.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><a href=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/Steiff-10.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/Steiff-10.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-6352\"\/><\/a><figcaption>F.A. Forel. Quelle: https:\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/a\/a7\/F.-A.<em>Forel<\/em>%28front%29.jpg<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>In den 1970er-Jahren entwickelte Piccard das U-Boot \u201eF. A. Forel\u201c, mit dem von 1978 bis 2005 die Schweizer Seen erforscht wurden. Alle seine Tauchfahrzeuge existieren noch heute und sind teilweise als Ausstellungsst\u00fccke zu besichtigen. Daneben gr\u00fcndete er eine Stiftung, die sich intensiv f\u00fcr die Bewahrung und die Erforschung des marinen Lebens einsetzt. Bis ins hohe Alter von 82 Jahren nahm er noch an Tiefseeexpeditionen teil und schrieb mehrere B\u00fccher. Sein Sohn Bertrand wurde knapp zwei Jahre vor dem legend\u00e4ren Tauchgang geboren. Eine seiner ersten Erinnerungen sei, dass er seinen Vater im Fernsehen sah und hinter die Kiste kroch, um zu sehen, ob der Vater sich dort versteckt hatte, erz\u00e4hlt er. Ihn zieht es wieder in die L\u00fcfte: Er umrundet 1999 als erster die Erde in einem Ballon: \u201eJeder von uns hat etwas gemacht, von dem man zu dem Zeitpunkt annahm, dass es unm\u00f6glich war.\u201c Ihm und seinen Geschwistern Marie-Laure und Thierry habe Piccard seine Sicht aufs Leben vermittelt, dass \u201eTr\u00e4ume durch Hartn\u00e4ckigkeit wahr werden k\u00f6nnen\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Sein Vater und er erhielten im Februar 2008 die Ehrendoktorw\u00fcrde der Universit\u00e9 catholique de Louvain. Am 1. November 2008 starb Jacques Piccard in seinem Haus am Genfersee. \u201eEiner der letzten gro\u00dfen Entdecker des 20. Jahrhunderts (&#8230;) ist gegangen\u201c, schrieb Phil Mundwiller, Sprecher von Piccards letztem Forschungsprojekt \u201eSolar Impulse\u201c. Nach Piccards Feststellung, dass auch in der Tiefsee Str\u00f6mungen vorhanden sind, hatte er vor der Versenkung radioaktiver Abf\u00e4llen im Meer gewarnt \u2013 dass entsprechende Pl\u00e4ne bis heute nicht umgesetzt wurden, rechnen ihm manche als weiteres bleibendes Verdienst an. Im Mai 2019 meldete der US-Abenteurer Victor Vescovo, er sei in einem Spezialgef\u00e4hrt bis auf 10.928 Meter Tiefe getaucht und habe damit Piccards Rekord gebrochen. Die Darstellung wird bis heute bezweifelt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In einer Kugel aus Kruppstahl tauchte er fast 11.000 Meter tief, konstruierte das weltgr\u00f6\u00dfte Touristen-U-Boot und trieb vier Wochen im Golfstrom: Jacques Piccard. Vor 100 Jahren kam er zur Welt.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[4,9],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/6310"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=6310"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/6310\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":6353,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/6310\/revisions\/6353"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=6310"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=6310"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=6310"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}