{"id":6312,"date":"2022-07-12T06:07:00","date_gmt":"2022-07-12T05:07:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/?p=6312"},"modified":"2022-07-03T10:14:47","modified_gmt":"2022-07-03T09:14:47","slug":"wo-stresemann-seine-karriere-startete","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/?p=6312","title":{"rendered":"Wo Stresemann seine Karriere startete"},"content":{"rendered":"\n<p>Bis 1972 gibt es in der DDR noch \u00fcber 11.000 private Betriebe. Oft stellen sie Nischenprodukte her, die aus dem Alltag aber nicht wegzudenken waren. Unter Erich Honecker ist Schluss mit dem Privatunternehmertum: Am 13. Juli 1972 vermeldet er seinem politischen Ziehvater, Kremlchef Leonid Breschnew, stolz den Abschluss der Verstaatlichungskampagne. Von der war auch die Dauerbackwarenfabrik BerB\u00f6 betroffen. 1936 von den Striesener Waffelb\u00e4ckern Max und Gerhard <strong>Ber<\/strong>ger und einem Privatier namens <strong>B\u00f6<\/strong>hme aufgebaut, machte sie sich nach dem Krieg einen Namen als gefragter Produzent von Russisch Brot \u2013 zu DDR-Zeiten eine klassische \u201eB\u00fcckware\u201c, nach der sich die Verk\u00e4uferin b\u00fccken musste, um sie aus den geheimen Vorr\u00e4ten unter dem Verkaufsregal zu holen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Nascherei aus Eischnee, Zucker, Kakao, Mehl, Karamellsirup und Zimt, in Buchstaben aufs Backblech gespritzt, hatte der Dresdner B\u00e4cker Ferdinand Friedrich Wilhelm Hanke in St. Petersburg kennengelernt und in Dresden damit 1845 eine \u201eDeutsche &amp; Russische B\u00e4ckerei\u201c er\u00f6ffnet, in der Deutschlands erstes Russisch Brot mit lateinischen Buchstaben gebacken wurde. Aus der Zwangsenteignung der BerB\u00f6 entstand der \u201eVEB RuBro\u201c, der bereits zwei Jahre sp\u00e4ter im \u201eVEB Dauerbackwaren Dresden\u201c aufging.<\/p>\n\n\n\n<p>Trotz des Direktors Herbert Wendler, dem Erfinder der Dominosteine, war das der Anfang vom Siechtum einer mittlerweile fast 200j\u00e4hrigen Tradition. Denn als \u201eWerk II\u201c des VEB S\u00fc\u00dfwarenfabriken \u201eElbflorenz\u201c schluckte der Betrieb unter anderem \u201eGerling &amp; Rockstroh\u201c (gegr. 1894), die \u201eSchokoladen- und N\u00e4hrmittelfabrik Dr. med. Sperber\u201c (gegr. 1922), die Schwerter-Schokoladenfabrik (gegr. 1888), die Schokoladen- und Marzipanfabrik Vadossi in Radebeul-K\u00f6tzschenbroda (gegr. 1920) und die Emerka Bonbon- und Schokoladenfabrik Lindenau &amp; Ulbricht in Niedersedlitz (gegr. 1915).<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><a href=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/Dresden_Elbflorenz_1966_Hintergrund_Kraftwerk_Mitte.TIF.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/Dresden_Elbflorenz_1966_Hintergrund_Kraftwerk_Mitte.TIF.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-6322\"\/><\/a><figcaption>Kombinat Elbflorenz 1966. Quelle: Von Alnitt &#8211; Eigenes Werk, Gemeinfrei, https:\/\/commons.wikimedia.org\/w\/index.php?curid=30681526<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Allerdings stellte sich mit der Zeit heraus, dass die Schokoladen-, Zucker- und Dauerbackwarenindustrie der DDR dem internationalen Wettbewerb immer weniger gewachsen war. Traditionelle Produkte wurden gestrichen, um mit einem neuen Sortiment h\u00f6here St\u00fcckzahlen produzieren zu k\u00f6nnen. Zudem mussten die Produkte dem Vergleich mit den bunt verpackten Waren aus dem Westen Deutschlands standhalten.<\/p>\n\n\n\n<p>1987 unternahm gar das DDR-Fernsehen den Versuch, die darbende Branche mit einer Unterhaltungsrevue aufzuh\u00fcbschen: \u201eShowkolade\u201c, die vom Dresdner Bass Gunter Emmerlich moderiert wurde und in der Comedian Wolfgang Stumph eine st\u00e4ndige Rubrik hatte. 1990 starb die Sendung nach 13 Ausgaben und ging \u201eElbflorenz\u201c in die Liquidation. Viele Dresdner besch\u00e4mt und \u00e4rgert das bis heute \u2013 waren Anfang des 20. Jahrhunderts in den S\u00fc\u00dfwarenfabriken der Sachsenhauptstadt doch noch 7.000 Menschen angestellt.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Zucker und Elbschifffahrt<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Puristen lassen die Schokoladentradition Dresdens bereits mit Jean-\u00c9tienne Liotards \u201eSchokoladenm\u00e4dchen\u201c beginnen, das 1745 f\u00fcr die Dresdner Gem\u00e4ldesammlung K\u00f6nigs August III. gekauft wird &#8211; aber erst seit 1855 in der Gem\u00e4ldegalerie Alte Meister zu sehen ist. 1767 erteilt die Stadt dem italienischen Kaufmann Giovanni Andrea Puricelli das Privileg zur Herstellung von Trinkschokolade. 1771 beantragt der Wiener Schokoladenfabrikant Franz Klopf die Erlaubnis, eine Schokoladenfabrik zu er\u00f6ffnen. Au\u00dferdem wollte er Hof-Schokoladen-Lieferant werden. Die Beh\u00f6rden erlaubten ihm zwar die Produktion, waren sich aber unsicher \u00fcber den Status der Schokolade in Dresden. Der Verkauf war allen Specereyh\u00e4ndlern sowie den italienischen H\u00e4ndlern erlaubt, die Herstellung lag in den H\u00e4nden der Konditoren.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><a href=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/91az4FZxjL._SY679_.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"501\" height=\"679\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/91az4FZxjL._SY679_.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-6324\" srcset=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/91az4FZxjL._SY679_.jpg 501w, https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/91az4FZxjL._SY679_-221x300.jpg 221w\" sizes=\"(max-width: 501px) 100vw, 501px\" \/><\/a><figcaption>Archiv-&#8222;Showkolade&#8220;. Quelle: https:\/\/www.amazon.de\/Sch%C3%B6n-Beste-Galashows-Showkolade-Prominenten\/dp\/B014Z88N0G<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Die Handelsinnung ignorierte die Erlaubnis der Beh\u00f6rde, verbote Klopf den Verkauf von Schokolade und verklagte ihn beim Rat. Er sei nicht nur ein Fremder ohne B\u00fcrgerrecht, sondern auch kein Mitglied der Handelsinnung. Der Rat verbot also Klopf den Verkauf von Schokolade und bedrohte ihn mit einer Strafe von 5 Talern. Am 7. Dezember 1772 beantragte Klopf vom Rat das Recht, Schokolade in einem Laden zu verkaufen. Diesmal erlaubte die Beh\u00f6rde Klopf den Verkauf der Schokolade, weil sie ein, wenn auch exotisches und un\u00fcbliches, Dresdner Produkt sei.<\/p>\n\n\n\n<p>Als eigentlicher Begr\u00fcnder der s\u00fc\u00dfen Tradition gilt allgemein Heinrich Conrad Wilhelm Calberla (1774-1836), ein Kaufmann, der 1817 mit der Calberla\u2018schen Zuckersiederei ein Unternehmen gr\u00fcndete, das f\u00fcr die Schokoladenproduktion grundlegend war. F\u00fcr den einfacheren und kosteng\u00fcnstigeren Transport von Rohrzucker etablierte er zugleich den Dampfschiffverkehr von Dresden nach Hamburg auf der Elbe. Die erste Schokoladenfabrik entstand 1823 in Dresden-Neustadt als \u201eZichorien-, Schokolade- und Zuckerwarenfabrik Jordan &amp; Timaeus\u201c. Eine Jordan- und eine Timaeusstra\u00dfe sind heute davon noch \u00fcbrig geblieben. Das zun\u00e4chst auf die Herstellung von Zichorienkaffee spezialisierte Unternehmen hatte von 1828 an auch \u201eDampfschocolade und Cacaoware\u201c im Angebot.<\/p>\n\n\n\n<p>Dabei war die Herstellung von Schokolade damals noch ein gesch\u00e4ftlich riskantes Unterfangen. Durch die Zugabe von Milch wurde die Schokolade feiner, weicher und zarter. Um 1830 erfand der Holl\u00e4nder Coenraad Johannes van Houten schlie\u00dflich ein Verfahren zur Ent\u00f6lung von Kakao. Die Dresdner Firma hat dann ab 1839 die weltweit erste Milchschokolade unter Verwendung von Eselsmilch (!) hergestellt. Die \u201eCacaomassen\u201c in Tafeln und Bl\u00f6cken, in Dessert- oder \u201eSpeisechocoladen\u201c und Figuren von Jordan und Timaeus waren wirtschaftlich ein Renner, so dass der Betrieb expandierte, darunter ins b\u00f6hmische Bodenbach (D\u011b\u010d\u00edn). Das Unternehmen engagierte sich auch gesellschaftlich. Dem Sohn des Firmengr\u00fcnders, Ernst Albert Jordan, ist die Gr\u00fcndung einer Aktiengesellschaft zur Errichtung des Alberttheaters am Albertplatz zu verdanken.<\/p>\n\n\n\n<p>Zu den weiteren Firmen der Branche, die sich im 19. Jahrhundert auf Schokolade spezialisierten, geh\u00f6rte Lobeck &amp; Co. in L\u00f6btau. Der l\u00f6sliche ent\u00f6lte \u201eKakao Lobeck\u201c wurde in vielen Staaten patentiert. Lobeck schaffte es bis zum s\u00e4chsischen Hoflieferanten. Andere Fabriken wie die von Petzold &amp; Aulhorn in Dresden oder Otto R\u00fcger in Sobrigau exportierten ihre Produkte bis nach \u00dcbersee, R\u00fcger wurde gar zum k.u.k. Hoflieferanten ernannt. Er erkannte, wie wichtig Werbung ist, und erfand die Werbefigur des sympathischen \u201eHansi-Jungen\u201c. Der wurde von Kunstmaler Hermann Otto Zieger geschaffen, vermutlich stand dabei sein Sohn Paul Otto Modell. Die Reklame mit \u201eHansi\u201c auf Emailtafeln und Druck sind bis heute begehrte Sammlerobjekte.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><a href=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/91az4FZxjL._SY679_-1.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/91az4FZxjL._SY679_-1.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-6325\"\/><\/a><figcaption>J &amp; T auf altem Druck. Quelle: Von Druck und Verlag von Louis Oeser in Neusalza &#8211; SLUB Dresden Hist.Sax.M.232.o-1 http:\/\/digital.slub-dresden.de\/id252070399, Gemeinfrei, https:\/\/commons.wikimedia.org\/w\/index.php?curid=63629310<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Auch die Firma Riedel &amp; Engelmann geh\u00f6rte zu den bekannten Schokoladenherstellern an der Elbe. Sie besa\u00df Werksverkaufsstellen, belieferte Dresdner Gesch\u00e4fte und auch das s\u00e4chsische K\u00f6nigshaus. Der k\u00f6niglichen Familie schmeckte die Schokolade so gut, dass sie der Firma schon um 1888 herum die Auszeichnung \u201eF\u00fchren der Kurs\u00e4chsischen Schwerter\u201c verlieh. So wurden die Schwerter Markenzeichen der Firma. Die Dresdner kauften \u201eSchwerter-Chocolade\u201c und \u201eSchwerter-Cacao\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Sehr beliebt gerade zur Weihnachtszeit waren auch Figuren aus Schokolade. In dieser Beziehung f\u00fcgte es sich g\u00fcnstig, dass ein anderer Dresdner, Anton Reiche, als Klempnergeselle seine Wanderjahre in Frankreich verbracht und dort die Herstellung von Schokoladenformen erlernt hatte. Nach seiner R\u00fcckkehr gr\u00fcndete er in Dresden die bedeutendste \u201eSchokoladenformen- und Blechemballagenfabrik\u201c Deutschlands. So fanden die Kinder auf ihren Weihnachtstellern Weihnachtsm\u00e4nner, Zwerge, Engel aus Schwerter-Schokolade, die in den detailreichen Formen der Firma Reiche gegossen worden waren. Um 1880 wurden in Dresden 550 Tonnen Schokolade j\u00e4hrlich hergestellt. Das war damals etwa ein Drittel der deutschen Gesamtproduktion.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Schwerter, Tell und Nudossi<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Derweil dr\u00e4ngte R\u00fcger auf die Einhaltung von Qualit\u00e4tsstandards und war 1877 Mitbegr\u00fcnder des Verbandes deutscher Schokoladenfabrikanten, ab 1881 dessen Vorsitzender. Aus den 20 Gr\u00fcndungsunternehmen, darunter f\u00fcnf aus Dresden, wurden letztlich 178 Mitglieder. Seit 1878 gab es eine Verbandmarke, welche die Reinheit der Produkte garantierte. Jeder Hersteller, der diese Marke auf seinen Produkten abbilden wollte, musste unangek\u00fcndigte Qualit\u00e4tskontrollen in seiner Fabrik zuzulassen. Wenn vom Verband abgelehnte Stoffe verwendet wurden, gab es beim ersten Mal eine Verwarnung, beim zweiten Mal wurde einer Geldstrafe zwischen 50 und 100 Mark verh\u00e4ngt und beim dritten Mal das Unternehmen aus dem Verband ausgeschlossen. Der Versto\u00df wurde mit Angabe der Ausschlussgr\u00fcnde in mehreren Tageszeitungen publiziert.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><a href=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/91az4FZxjL._SY679_-2.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"517\" height=\"790\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/91az4FZxjL._SY679_-2.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-6326\" srcset=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/91az4FZxjL._SY679_-2.jpg 517w, https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/91az4FZxjL._SY679_-2-196x300.jpg 196w\" sizes=\"(max-width: 517px) 100vw, 517px\" \/><\/a><figcaption>Stresemann. Quelle: Von Bundesarchiv, Bild 146-1989-040-27 \/ Unbekannt \/ CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 de, https:\/\/commons.wikimedia.org\/w\/index.php?curid=5419488<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Von 1901 bis 1904 arbeitete Gustav Stresemann in der Position eines Assistenten als Interessenvertreter und Rechtsberater beim Verband. Ihm gelang es, unter den unterschiedlich strukturierten Mitgliedsunternehmen einen Interessenausgleich herbeizuf\u00fchren. Es kam auf seine Initiative hin zu einer Verst\u00e4ndigung \u00fcber einen Mindestpreis f\u00fcr die Produkte. Erst nach Ausscheiden Stresemanns endete diese Absprache und f\u00fchrte 1906 zu einem langen Preiskampf. Stresemann, der in Dresden auch seine Frau K\u00e4te kennenlernte und heiratete, gr\u00fcndete den Verband s\u00e4chsischer Industrieller mit und macht sp\u00e4ter als Reichskanzler Karriere. 1934 wurde der Schokoladenverband zwangsaufgel\u00f6st, indem er in die Fachgruppe S\u00fc\u00dfwarenindustrie der Wirtschaftsgruppe Lebensmittelindustrie \u00fcberf\u00fchrt wurde, f\u00fcr die eine Zwangsmitgliedschaft bestand.<\/p>\n\n\n\n<p>Zu den prominenten Firmen jener Zeit geh\u00f6rten auch die Dresdner \u201eCacao-, Chocoladen-, Confecturen-, Marzipan und Waffelfabriken\u201c von Hartwig &amp; Vogel, deren Anf\u00e4nge ins Jahr 1870 zur\u00fcckreichen. Das Unternehmen kreierte den \u201eTell-Apfel\u201c, ein zerlegbarer, aus mehreren Schokoladenelementen bestehender Artikel. Zudem brachte das Unternehmen zerlegbare Schokoladenerzeugnisse in Tier- und Fruchtform auf den Markt, etwa die Tell-Gl\u00fccksv\u00f6gel oder den Tell-B\u00e4ren. Das Werk wurde nach dem Zweiten Weltkrieg zun\u00e4chst VEB Tell, sp\u00e4ter Werk I und anschlie\u00dfend Stammsitz der VEB S\u00fc\u00dfwarenfabriken \u201eElbflorenz\u201c. Nach und nach wurden alle Dresdner Unternehmen, sofern sie nicht stillgelegt oder in anderen Kombinaten aufgegangen waren, dem Verbund angeschlossen.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Zuge dieser Zusammenschl\u00fcsse wurden das Produktionsprogramm umstrukturiert, die Pralinenproduktion eingestellt und stattdessen die Herstellung von Schokoladengrund- und Fondantmassen, Vollmilchpulver und anderen Kakaoprodukten erweitert. Bis 1989 wurden auch Marzipankartoffeln f\u00fcr das K\u00f6lner Unternehmen Hitschler International GmbH &amp; Co. KG produziert. Einige S\u00fc\u00dfwaren der Handelsunternehmen Genex, Intershop oder Delikat wurden nicht in der BRD, sondern als Lohnproduktion in der DDR hergestellt, z. B. L\u00fcbecker Marzipanbrot. Als Herkunftsbezeichnung wurde nicht \u201eMade in West Germany\u201c, sondern \u201eMade in Germany\u201c aufgedruckt &#8211; was heute prophetisch wirkt.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><a href=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/91az4FZxjL._SY679_-3.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"460\" height=\"362\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/91az4FZxjL._SY679_-3.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-6327\" srcset=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/91az4FZxjL._SY679_-3.jpg 460w, https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/91az4FZxjL._SY679_-3-300x236.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 460px) 100vw, 460px\" \/><\/a><figcaption>Radebeuler Werksverkauf. Quelle: https:\/\/www.vadossi.de\/fileadmin\/user_upload\/Bilder\/Inhalt\/werksverkauf-cafe.jpg<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Eine weitere Umstrukturierung nach 1989 schlug ebenso fehl wie der Versuch, den VEB Dresdner S\u00fc\u00dfwarenfabriken an ein westdeutsches Unternehmen zu verkaufen. Auch die Nachkommen der Alteigent\u00fcmer lehnten eine \u00dcbernahme ab: Anfang 1990 wurden die Produktion in den Dresdner Werken I und II eingestellt, die Grundst\u00fccke verkauft, die Geb\u00e4ude abgerissen. Auf dem Gel\u00e4nde des Stammhauses steht heute das Dresdner \u201eWorld Trade Center\u201c. Lediglich Vadossi wurde an die 1972 enteigneten Alteigent\u00fcmer zur\u00fcck\u00fcbertragen und firmiert heute als \u201eS\u00e4chsische und Dresdner Back- und S\u00fc\u00dfwaren GmbH\u201c in Radebeul, die Schokoladen-, Waffel- und Oblatenprodukte verkauft. Die bereits 1954 eingetragene Wort- und Bildmarke \u201eVEB DRESDNER S\u00dcSSWARENFABRIKEN DRESDEN \u2013 ELBFLORENZ\u201c wird heute von Vadossi genutzt, deren bekannteste Marke der Ende der 1960er Jahre entwickelte Nutella-Konkurrent \u201eNudossi\u201c ist und bis heute Erfolg hat.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Von RuBro zu Quendt<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Rechnet man die Waffelfabrik Haubold &amp; Richter heraus, die heute als Otto Beier Waffelfabrik GmbH in Wilsdruff arbeitet, ist in Dresden selbst gerade ein Unternehmen von einst 39 \u00fcbrig geblieben. Zu danken ist das dem Lebensmitteltechnologen Helmut Quendt, der an der TU Dresden zum Thema \u201eWeizenteigbereitung bei hohen Knetbeanspruchungen\u201c promoviert hatte. Er entwickelte die einst vom VEB RuBro gebaute Maschine in den 1980er Jahren am alten Standort weiter zu einer Anlage zur kontinuierlichen Fertigung von Russisch Brot. Als der VEB Dauerbackwaren abgewickelt werden sollte, rettete Quendt seine Fertigungslinie in einer Nacht- und Nebelaktion vor dem Verschrotten und gr\u00fcndete 1991 die \u201eDr. Quendt Backwaren GmbH\u201c, um die Produktion fortzuf\u00fchren. Anfangs fuhr er im rostigen Lieferwagen \u00fcbers Land, um sein Russisch Brot zu verkaufen.<\/p>\n\n\n\n<p>1992 lie\u00df er sich den Namen \u201eDr. Quendt\u201c sch\u00fctzen, begann 1994 mit der Herstellung von Original Dresdner Christstollen und \u00fcbernahm 1999 die insolvente \u201eFirma Herbert Wendler\u201c und mit ihr die Produktion von Dominosteinen. 2013 geriet das Unternehmen unter anderem aufgrund anziehender Rohstoffpreise in finanzielle Schieflage, so dass sich Quendt 2014 mehrheitlich von der Aachener Printen- und Schokoladenfabrik Henry Lambertz GmbH &amp; Co. KG \u00fcbernehmen lie\u00df, womit die Lambertz-Gruppe drei f\u00fchrende Marken mit gro\u00dfen Herkunftsbezeichnungen im Backwarenbereich vereint: Aachener Printen, N\u00fcrnberger Lebkuchen und Dresdner Stollen.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><a href=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/91az4FZxjL._SY679_-4.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"541\" height=\"541\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/91az4FZxjL._SY679_-4.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-6328\" srcset=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/91az4FZxjL._SY679_-4.jpg 541w, https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/91az4FZxjL._SY679_-4-300x300.jpg 300w, https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/91az4FZxjL._SY679_-4-150x150.jpg 150w\" sizes=\"(max-width: 541px) 100vw, 541px\" \/><\/a><figcaption>Hartmut Quendt. Quelle: https:\/\/cdn.prod.www.spiegel.de\/images\/277124ef-0002-0004-0000-0000b95a7b91_w541_r1_fpx53.09_fpy44.92.jpg<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Nach Unternehmensangaben stammt beim Christstollen heute fast die H\u00e4lfte der deutschen Jahresproduktion aus der Backwarenfabrik im S\u00fcdwesten Dresdens. \u201eSein Name steht nicht nur f\u00fcr guten Geschmack und beliebte Lebensmittel, sondern auch f\u00fcr den Unternehmermut, der Sachsen nach 1990 wieder stark gemacht hat\u201c, lie\u00df zu Quendts Tod 2016 der damalige s\u00e4chsische Ministerpr\u00e4sident Stanislaw Tillich (CDU) verlauten. Ironie der Geschichte: Noch 1989 war Tillich stellvertretender Vorsitzender des Rates des Kreises Kamenz und zust\u00e4ndig f\u00fcr den Bereich Handel und Versorgung \u2013 dem Bereich, dessen Engp\u00e4sse durch den unseligen Schritt 1972 mitverursacht wurden.<\/p>\n\n\n\n<p>2015 scheiterten zwei L\u00fcneburger Unternehmerinnen noch mit einer Wiederbelebung der Marke \u201eJordan &amp; Timaeus\u201c. Doch seit etwa 15 Jahren haben sich frische, kleine Betriebe in Dresden gegr\u00fcndet, die Tradition und Unternehmertum neu verbinden, so \u201eTafelwerk\u201c, \u201eCamondas\u201c mit angeschlossenem Dresdner Schokoladenmuseum, das \u201ePralinenherz\u201c Jacqueline Hormes\u2018, die in Tell\u2019scher Tradition Dino- und andere Schokoladentierfiguren fertigt, oder das \u201eDresdner Schokoladenhandwerk\u201c von Amina K\u00fchnel, die neben ausgefallenen Pralinen und Brotaufstrichen auch Faberge-Ostereier aus Schokolade kreiert. Au\u00dferhalb Dresdens sind erw\u00e4hnenswert die Schokoladenmanufakturen Olav Praetsch Wermsdorf, Marcus Sch\u00fcrer Heidenau, die eine Frauenkirche aus Schokolade im Angebot hat, die S\u00e4chsische Kaffee- und Schokoladenmanufaktur Grimma oder \u201eAdoratio\u201c in Pirna.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWir sehen Schokolade nicht nur als Genussmittel, sie ist uns ein Rohstoff, den uns die Natur geschenkt hat, um in uns Gl\u00fccksmomente und Kindheitserinnerungen wachzurufen\u201c, schw\u00e4rmt Adoratio-Chefin Susanne Engler f\u00fcr ihre Branche. Camondas-Chef Ivo Schaffer erkl\u00e4rt im <em>MDR<\/em>, viele seiner Kreationen, etwa die \u201eStollenschokolade\u201c, entst\u00fcnden abends als Ideen bei Bier und Wein. \u201e\u2026das m\u00fcsste man mal machen. Und am anderen Morgen, wenn das immer noch eine coole Idee ist, da sagt man sich dann, warum macht man aus \u201am\u00fcsste\u2018 nicht \u201aman macht\u2018\u201c. Es sind solche Macher, die nicht nur \u2013 wieder \u2013 die Dresdner Schokoladenbranche, sondern unsere Wirtschaft insgesamt vorantreiben. Das kann man zu Zeiten linksgr\u00fcner Umverteilungs- und Enteignungsphantasien &#8211; eingedenk des warnenden Jahrestags &#8211; gar nicht oft genug betonen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mit der Zwangsverstaatlichung des \u201eVEB Russisch Brot\u201c (RuBro) vor 50 Jahren begann der Niedergang einer Branche, die Dresden einst zur Schokoladenhauptstadt Deutschlands machte. 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