{"id":6316,"date":"2022-08-08T06:11:00","date_gmt":"2022-08-08T05:11:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/?p=6316"},"modified":"2022-07-07T14:10:54","modified_gmt":"2022-07-07T13:10:54","slug":"pionier-der-selbstfindung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/?p=6316","title":{"rendered":"Pionier der Selbstfindung"},"content":{"rendered":"\n<p>\u201eStufen\u201c sei nicht nur sein ber\u00fchmtestes, sondern \u00fcberhaupt Deutschlands beliebtestes Gedicht, das nicht nur bei jedem Umzug zitiert werde, behauptete Matthias Matussek im <em>Spiegel<\/em>: \u201eUnd jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, \/ Der uns besch\u00fctzt und der uns hilft zu leben.\u201c Er habe nach Goethe den reichsten Wortschatz der deutschen Literatur, hei\u00dft es bis heute. Schon 1958, vier Jahre vor seinem Tod, erledigte ihn der <em>Spiegel<\/em> als typisch deutsches Produkt unpolitischer Weltabgewandtheit und prophezeite, dass er sich im Ausland nie durchsetzen werde. Heute ist er mit rund 150 Millionen verkauften B\u00fcchern der weltweit erfolgreichste deutschsprachige Literat des 20. Jahrhunderts: Hermann Hesse, der am 9. August vor 60 Jahren an einem n\u00e4chtlichen Schlaganfall starb.<\/p>\n\n\n\n<p>Schon als 12-J\u00e4hriger wei\u00df \u201eHerm\u00e4nnle\u201c, was er werden will: \u201eEntweder ein Dichter oder gar nichts!\u201c Aber seine Erziehung bricht ihn fast. Am 2. Juli 1877 geboren, w\u00e4chst er in der schw\u00e4bischen Kleinstadt Calw auf. Seine Eltern sind strenge Pietisten, sein baltischst\u00e4mmiger Vater war fr\u00fcher evangelischer Missionar in Indien, der nirgendwo Wurzeln schlug und \u201eimmer wie ein sehr h\u00f6flicher, sehr fremder und einsamer, wenig verstandener Gast\u201c wirkte. Er hatte acht Geschwister, von denen drei im Kleinkindalter starben. Als die j\u00fcngste Schwester gestorben ist, rennt er an ihr leeres Bett und ruft: \u201eSo Gertrudle, bischt jetzt vollends zum lieben Heiland gange?\u201c \u201eHermann hat eine Riesenst\u00e4rke, einen m\u00e4chtigen Willen und wirklich einen ganz erstaunlichen Verstand\u201c, schreibt \u00fcber den Vierj\u00e4hrigen seine Mutter, die von seinem \u201ehohen Tyrannengeist\u201c \u00fcberfordert ist.<\/p>\n\n\n\n<p>1881 zieht die Familie f\u00fcr f\u00fcnf Jahre nach Basel. Nach der R\u00fcckkehr bildet er sich in der umfangreichen Bibliothek seines Gro\u00dfvaters autodidaktisch und besucht anfangs die Calwer, sp\u00e4ter die G\u00f6ppinger Lateinschule zur Vorbereitung auf das w\u00fcrttembergische Landexamen, das W\u00fcrttembergern eine kostenlose Ausbildung zum Landesbeamten oder Pfarrer erlaubte. Mit 10 verfasst er ein erstes M\u00e4rchen. Dann driftet der eigenwillige Junge in eine ernstliche Pubert\u00e4tskrise ab. Als der 14-J\u00e4hrige aus dem Klosterseminar Maulbronn ausrei\u00dft, empfiehlt der Hausarzt die Einweisung in eine Nervenheilanstalt. Zwar probieren es die frommen Eltern zun\u00e4chst mit einem Glaubensbruder in Bad Boll, der versucht, seelische St\u00f6rungen durch Gebete und Exerzitien zu kurieren. Doch als sich Hesse dort nach einer ungl\u00fccklichen Liebesschw\u00e4rmerei mit einem Revolver umbringen will, wird er in eine Heil- und Pflegeanstalt in Stetten abgeschoben.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><a href=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/Steiff-11.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/Steiff-11.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-6355\"\/><\/a><figcaption>Hesse-Skulptur auf der Nikolausbr\u00fccke in\u00a0Calw. Quelle: Von &#8211;Xocolatl (talk) 22:13, 31 May 2009 (UTC) &#8211; Eigenes Werk, Gemeinfrei, https:\/\/commons.wikimedia.org\/w\/index.php?curid=6912524 <\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>In dem ber\u00fchmten anklagenden Brief vom 14. September 1892 an seinen Vater titulierte er diesen \u201eSehr geehrter Herr!\u201c und wies ihm bereits im Vorfeld die Schuld an m\u00f6glichen k\u00fcnftigen \u201eVerbrechen\u201c zu, die er infolge seines Aufenthaltes in Stetten als \u201eWelthasser\u201c begehen k\u00f6nnte. Schlie\u00dflich unterzeichnete er als \u201eGefangener im Zuchthaus zu Stetten\u201c und f\u00fcgte im Nachsatz hinzu: \u201eIch beginne mir Gedanken zu machen, wer in dieser Affaire schwachsinnig ist.\u201c Er f\u00fchlte sich von Gott, den Eltern und der Welt verlassen und sah hinter den starren pietistisch-religi\u00f6sen Traditionen der Familie nur noch Scheinheiligkeit. \u201eBildungshunger, Fl\u00f6\u00dferabenteuer, Fernweh, Fr\u00f6mmigkeit, M\u00e4rchenwunder, aber auch Pr\u00fcgel und schwarze P\u00e4dagogik, die seinen Eigensinn brechen soll, das ist die Kindheit\u201c, fasst Matussek zusammen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201ehoffnungsloser Outsider\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Nachdem er seiner ersten Buchh\u00e4ndlerlehre in Esslingen nach drei Tagen entlaufen war, begann Hesse 1894 eine Mechanikerlehre in einer Turmuhrenfabrik in Calw. Nach 14 Monaten war er bereit, eine neue Buchh\u00e4ndlerlehre in T\u00fcbingen zu beginnen. Nach ihrem Abschluss arbeitete er in T\u00fcbinger Antiquariaten, las die deutschen Romantiker, die sein Fr\u00fchwerk pr\u00e4gen werden, und ver\u00f6ffentlichte im Herbst 1898 seinen ersten Gedichtband \u201eRomantische Lieder\u201c sowie im Sommer 1899 die Prosasammlung \u201eEine Stunde hinter Mitternacht\u201c. Beide Werke wurden ein gesch\u00e4ftlicher Misserfolg. Darauf ging er im Herbst erneut nach Basel, arbeitete dort wiederum \u2013 unterbrochen von einer Italienreise \u2013 in verschiedenen Antiquariaten und schrieb Gedichte, kleinere literarische Texte sowie Rezensionen: rund 3000 f\u00fcr rund 60 Zeitungen sind es am Ende. Er ist einer der Ersten, die Kafkas Genie entdecken, er empfiehlt Arno Schmidts \u201eLeviathan\u201c zur Ver\u00f6ffentlichung.<\/p>\n\n\n\n<p>1900 wurde Hesse wegen seiner Sehschw\u00e4che vom Milit\u00e4rdienst befreit. Das Augenleiden hielt zeitlebens an, ebenso wie Nerven- und Kopfschmerzen. Im selben Jahr erschien sein Buch \u201eHermann Lauscher\u201c zun\u00e4chst unter einem Pseudonym. 1903 beschloss er, als freischaffender Autor zu leben. Er lernt er die neun Jahre \u00e4ltere Fotografin Maria Bernoulli kennen, heiratet sie ein Jahr sp\u00e4ter und hat mit ihr drei S\u00f6hne. Zu den ersten Ver\u00f6ffentlichungen geh\u00f6ren die Entwicklungsromane \u201ePeter Camenzind\u201c (1904) und \u201eUnterm Rad\u201c (1906), in denen Hesse jenen Konflikt von Geist und Natur thematisierte, der sp\u00e4ter sein gesamtes Werk durchziehen sollte. Mit dem zivilisationskritischen Camenzind gelang ihm der literarische Durchbruch, die Familie lie\u00df sich in Gaienhofen am Bodensee nieder.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><a href=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/Steiff-13.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/Steiff-13.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-6357\"\/><\/a><figcaption>Gaienhofen, heute Hesse-Museum. Quelle: https:\/\/www.mia-und-hermann-hesse-haus.de\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/Hesse_Garten_Nord-1024&#215;685.jpg<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Bereits ab 1907 ger\u00e4t er in eine Schaffenskrise: Ein besonderes Hesse\u2018sches \u201eElixier von Antib\u00fcrgerlichkeit, Selbstfindung, transzendentaler Sinnsuche und dem Gef\u00fchl, ein, wie er sagte, \u201ahoffnungsloser Outsider\u2018 zu sein\u201c, erkennt Eberhard Falcke im <em>DLF<\/em> als Grundzug seines Lebens und Werks. Hesse unternimmt auf dem Monte Verit\u00e0 bei Ascona eine mit Alkoholabstinenz verbundene vegetarische Fastenkur und geht nackt klettern. Sp\u00e4ter allerdings geht er zu den \u201eLebensreformern\u201c und \u201eWeltverbesserern\u201c der alternativen K\u00fcnstlerkolonie auf Distanz. \u00dcberdies hatten sich in Hesses Ehe die Dissonanzen vermehrt. Um Abstand zu gewinnen, brach Hesse nach dem als misslungen empfundenen Roman \u201eGertrud\u201c (1910) mit einem Freund 1911 zu einer gro\u00dfen Reise nach Ceylon und Indien auf. Er fand dort zwar die erhoffte spirituell-religi\u00f6se Inspiration nicht, dennoch beeinflusste die Reise sein weiteres literarisches Werk stark. Auch ein Ortswechsel nach Bern konnte die Eheprobleme nicht l\u00f6sen, wie Hesse in seinem Roman \u201eRo\u00dfhalde\u201c schilderte.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei Kriegsausbruch 1914 meldete er sich als Kriegsfreiwilliger, wurde jedoch f\u00fcr untauglich befunden und der deutschen Botschaft in Bern zugeteilt, wo er die \u201eB\u00fccherzentrale f\u00fcr deutsche Kriegsgefangene\u201c aufbaute als Mitherausgeber der <em>Deutschen Interniertenzeitung<\/em> arbeitete. Am 3. November 1914 ver\u00f6ffentlichte er in der <em>NZZ<\/em> eine Warnung vor nationalistischer Polemik und fand sich prompt inmitten einer heftigen politischen Auseinandersetzung wieder: Die deutsche Presse attackierte ihn, Hassbriefe gingen bei ihm ein, und alte Freunde sagten sich von ihm los. Zustimmung erhielt er von Theodor Heuss und Romain Rolland. Wegen dieses sowie weiterer Schicksalsschl\u00e4ge wie dem Tod seines Vaters, der schweren Hirnhautentz\u00fcndung seines dreij\u00e4hrigen Sohnes und der zerbrechenden Ehe begab er sich in psychiatrische Behandlung, machte erste Erfahrungen mit der Psychoanalyse und fand in Gustav Jungs Analytischer Archetypenlehre eigene Einsichten systematisiert und erg\u00e4nzt.<\/p>\n\n\n\n<p>1917 verfasste Hesse in einem dreiw\u00f6chigen Arbeitsrausch seinen Roman \u201eDemian\u201c, den er nach Kriegsende 1919 unter dem Pseudonym Emil Sinclair ver\u00f6ffentlichte. Thomas Mann schrieb von der \u201eelektrisierenden\u201c Wirkung einer \u201eDichtung, die mit unheimlicher Genauigkeit den Nerv der Zeit traf und eine Jugend \u2026 zu dankbarem Entz\u00fccken hinriss.\u201c Das Angebot von Wilhelm Muehlon, einen Posten in der Regierung der M\u00fcnchner R\u00e4terepublik zu \u00fcbernehmen, lehnte er mit der Begr\u00fcndung ab, er wolle sich nicht unter die Dilettanten mischen, die sich in einen Dienst dr\u00e4ngten, von dem sie nichts verst\u00fcnden. Er lie\u00df sich 1919 in Montagnola im Tessin nieder, wo er bis an sein Lebensende wohnen blieb. Nach der Trennung der Eltern wurden die S\u00f6hne verteilt: Zwei zu Pflegefamilien, einer blieb bei der depressiven Mutter, von der sich Hesse 1923 scheiden lie\u00df. \u201eHesse wollte nicht gl\u00fccklich sein, sondern ungl\u00fccklich &#8211; das war der Motor f\u00fcr ihn\u201c, schrieb sein Biograf Heimo Schwilk.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201eeine ungeheure Tat\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die neue Lebenssituation inspirierte Hesse nicht nur zu neuer schriftstellerischer T\u00e4tigkeit, sondern als Ausgleich und Erg\u00e4nzung auch zu weiteren Zeichenskizzen und Aquarellen, was sich in seiner n\u00e4chsten gro\u00dfen Erz\u00e4hlung \u201eKlingsors letzter Sommer\u201c von 1920 deutlich niederschlug: \u201eHier habe ich die eine Seite meines Wesens bis zur \u00dcberdeutlichkeit auszudr\u00fccken gesucht, den Nerv\u00f6sen, den K\u00fcnstler, den Sonderling, den seelisch Gef\u00e4hrdeten, Einsamen, Hungrigen, nach Wein und Opium Gierigen, der im Grunde ein Kind geblieben ist und vor dem Leben Angst hat, und diese Angst in Kunst verwandelt.\u201c 1922 erschien dann die \u201eSiddartha\u201c. Henry Miller nannte dieses meistgelesene Werk Hesses \u201eeine ungeheure Tat\u201c. Die romanhafte Auseinandersetzung mit dem Buddhismus war f\u00fcr den US-Schriftsteller \u201eeine wirksamere Medizin als das Neue\u00a0Testament\u201c.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/Steiff-14.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"445\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/Steiff-14-1024x445.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-6358\"\/><\/a><figcaption>Hesses Schreibmaschine. Quelle: https:\/\/www.goethe.de\/resources\/files\/jpg1127\/schreibmaschine-hesse_q-v1-formatkey-jpg-w1966.jpg<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Dann scheitert eine weitere Ehe nach nur drei Jahren. Seine zweite Frau Ruth schreibt ihm: \u201eEs bleibt keine Sorge und Hingabe mehr \u00fcbrig f\u00fcr den, der neben dir lebt.\u201c Erst viel sp\u00e4ter findet er in seiner dritten Ehefrau Ninon, einer Kunsthistorikerin, die bereits als 14j\u00e4hrige Sch\u00fclerin eine konstante briefliche Verbindung mit ihm aufgenommen hatte, die Partnerin, die ihn so nimmt, wie er ist: als Einzelg\u00e4nger. Sein Werk wird in dieser Schaffensphase auch von der ostasiatischen Philosophie beeinflusst, in der Hesse ein Modell zur \u00dcberwindung der abendl\u00e4ndischen Krise sah. Das Sp\u00e4twerk versucht den Gegensatz zwischen Geist und Sinnlichkeit, zwischen \u00f6stlicher und westlicher Lebensweisheit auszugleichen. Spiritualit\u00e4t statt Religion, k\u00f6nnte man seine Haltung zusammenfassen.<\/p>\n\n\n\n<p>Seine n\u00e4chsten gr\u00f6\u00dferen Werke, darunter \u201eKurgast\u201c (1925), sind autobiografische Erz\u00e4hlungen mit ironischem Unterton, in denen sich bereits der erfolgreichste Roman Hesses ank\u00fcndigt: \u201eDer Steppenwolf\u201c (1927). Harry Haller, die faustische Hauptfigur, ist ein gescheiterter Intellektueller, dessen Weltverachtung nur von seiner Selbstverachtung \u00fcbertroffen wird. Er schlie\u00dft einen Pakt mit sich: Er darf sich an seinem 50. Geburtstag umbringen. Ange\u00f6det vom Alltag, verzweifelt und r\u00e4udig in seiner Einsamkeit, betritt der das \u201eMagische Theater\u201c, dessen Reklamel\u00e4ufer ihm das Traktat des Steppenwolfs \u00fcberreicht: \u201eNur f\u00fcr Verr\u00fcckte\u201c. Er lernt die androgyne Hermine kennen, die ihn in die Gen\u00fcsse der Nacht einf\u00fchrt. Sie bringt ihm den Foxtrott bei, der Saxophonist Pablo erkl\u00e4rt ihm, was Musik hei\u00dft. Harry Haller lernt von Goethe und den \u201eUnsterblichen\u201c: das absurde Gel\u00e4chter. Thomas Mann verglich das Buch mit dem \u201eUlysses\u201c und schlug seinen Freund Jahr um Jahr f\u00fcr den Nobelpreis vor.<\/p>\n\n\n\n<p>Anfang der 1930er Jahre entstehen \u201eNarzi\u00df und Goldmund\u201c sowie \u201eDie Morgenlandfahrt\u201c als \u201eVorstufe\u201c zu seinem letzten gro\u00dfen Werk \u201eDas Glasperlenspiel\u201c, an dem er 12 Jahre schreiben wird: \u201eIch glaube an viele Dinge nicht, die der Stolz der heutigen Menschheit sind: Ich glaube nicht an die Technik, ich glaube weder an die Herrlichkeit und Un\u00fcbertrefflichkeit unserer Zeit noch an irgendeinen ihrer hochbezahlten \u201aF\u00fchrer\u2018, w\u00e4hrend ich vor dem, was man so \u201aNatur\u2018 nennt, eine unbegrenzte Hochachtung habe\u201c, sagte er \u00fcber seine Verfasstheit beim Schreiben. W\u00e4hrend des Zweiten Weltkriegs machen befreundete Autoren wie Thomas Mann und Bert Brecht auf dem Weg ins Exil Station bei ihm. Politisch aber unternimmt Hesse nichts: \u201eIch habe keine andre Sehnsucht, als zu mir selber und zu rein geistigem Tun zu kommen.\u201c Seine B\u00fccher sind nicht verboten, aber \u201eunerw\u00fcnscht\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Der letzte Ritter<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>1943 in der Schweiz gedruckt, wurde ihm nicht zuletzt f\u00fcr dieses Sp\u00e4twerk 1946 der Nobelpreis f\u00fcr Literatur verliehen: F\u00fcr \u201eseine inspirierten Werke, die mit zunehmender K\u00fchnheit und Tiefe die klassischen Ideale des Humanismus und hohe Stilkunst verk\u00f6rpern\u201c, begr\u00fcndete die Schwedische Akademie die Vergabe an den Deutschen nach der Kapitulation Deutschlands. Gottfried Benn h\u00e4lt ihn f\u00fcr einen mittelm\u00e4\u00dfigen \u201eEhe- und Innerlichkeits-Romancier\u201c und munkelt: \u201eSpezi von Thomas Mann. Daher der Nobelpreis.\u201c Robert Musil spottete den Gesamttypus weg: \u201eDas einzig Komische ist, dass er die Schw\u00e4chen eines gr\u00f6\u00dferen Mannes hat, als ihm zuk\u00e4me.\u201c Alfred D\u00f6blin, als er 1953 selbst f\u00fcr den Nobelpreis gehandelt wird, meint: \u201eSo viel wie die langweilige Limonade Hermann Hesse bin ich schon lange\u201c. F\u00fcr seinen Freund Hugo Ball dagegen erweist er sich als \u201eder letzte Ritter aus dem glanzvollen Zuge der Romantik. Er verteidigt die Nachhut.\u201c<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/Steiff-15.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"787\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/Steiff-15-787x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-6359\"\/><\/a><figcaption>Hesse als Maler: Landschaft bei Ticino. Quelle: https:\/\/www.lempertz.com\/lempertz_api\/images\/943-79-Hermann-Hesse-Ticino-Landscap.jpg<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Inzwischen an Leuk\u00e4mie erkrankt, malte Hesse viel, schrieb noch wenige Erz\u00e4hlungen und Gedichte, aber keinen Roman mehr, daf\u00fcr \u2013 ohne Sekretariat \u2013 rund 17.000 Briefe, in denen sich S\u00e4tze finden wie: \u201eOhne das Tier und den M\u00f6rder in uns sind wir kastrierte Engel ohne rechtes Leben\u201c oder \u201eDie Wirklichkeit ist etwas, was man unter gar keinen Umst\u00e4nden anbeten und verehren darf\u201c. Offenbar erhoffte sich eine neue Generation deutscher Leser von dem weisen Alten mit Strohhut und Nickelbrille Lebenshilfe und Orientierung. In seiner Streitschrift \u201eKitsch, Konvention und Kunst\u201c schrieb Karlheinz Deschner f\u00fcnf Jahre vor Hesses Tod: \u201eDass Hesse so vernichtend viele v\u00f6llig niveaulose Verse ver\u00f6ffentlicht hat, ist eine bedauerliche Disziplinlosigkeit, eine literarische Barbarei\u201c. Teile der deutschen Literaturkritik qualifizierten den \u201eBlumenz\u00fcchter von Montagnola\u201c prompt als Produzent epigonaler und kitschiger Literatur.<\/p>\n\n\n\n<p>Sein letztes Gedicht entstand bei einem morgendlichen Spaziergang vor seinem Tod und war dem absterbenden Ast einer Robinie gewidmet. \u201eVon der Natur entfernten sich die Schaupl\u00e4tze seiner B\u00fccher fast nie weiter als h\u00f6chstens bis zum Kleinstadt-Marktplatz\u201c, l\u00e4stert der <em>Spiegel<\/em>-Nachruf. Seine Rezeption \u00e4hnelt einer Pendelbewegung: Kaum war sie in den 1960er Jahren in Deutschland auf einem Tiefpunkt angelangt, brach unter den Jugendlichen in den USA ein Hesse-Boom ohnegleichen aus. In den vielen Verwandlungen des steppenw\u00f6lfischen \u201eMagischen Theaters\u201c haben Timothy Leary und die Hippies den \u201eMeisterf\u00fchrer zum psychedelischen Erlebnis\u201c gesehen. Mit dem Pazifismus Harry Hallers werden die Vietnam-Kriegsverweigerer argumentieren. John Kays Rockband und ihr Song \u201eBorn to Be Wild\u201c, mit dem Denis Hoppers \u201eEasy Rider\u201c-Helden losdonnerten, waren musikalisch ebenso einflussreich wie das dem \u201eDemian\u201c entlehnte \u201eAbraxas\u201c (Santana), selbst Udo Lindenberg zitierte ihn und gab ein Hermann Hesse-Lesebuch mit heraus.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><a href=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/Steiff-1.webp\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/Steiff-1.webp\" alt=\"\" class=\"wp-image-6360\"\/><\/a><figcaption>Szenenbild aus dem FIlm &#8222;Steppenwolf&#8220;. Quelle: https:\/\/www.google.com\/imgres?imgurl=https%3A%2F%2Fimg.chmedia.ch%2F2021%2F12%2F07%2F085baa82-f063-43ad-9906-42070e146c6f.jpeg%3Fwidth%3D654%26height%3D367%26fit%3Dbounds%26quality%3D75%26auto%3Dwebp%26crop%3D1569%2C882%2Cx0%2Cy126&amp;imgrefurl=https%3A%2F%2Fwww.bzbasel.ch%2Fbasel%2Fsteppenwolf-wie-mir-hermann-hesse-einen-filmriss-bescherte-ld.2225361&amp;tbnid=buEDbpP-_zMAQM&amp;vet=12ahUKEwjtgvT76-b4AhXyQ_EDHbyNC9AQMygTegUIARCZAg..i&amp;docid=GX4sHePFRSWSgM&amp;w=653&amp;h=367&amp;q=hermann%20hesse%20steppenwolf%20film&amp;ved=2ahUKEwjtgvT76-b4AhXyQ_EDHbyNC9AQMygTegUIARCZAg <\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>\u201eHermann Hesse h\u00e4tte die Idee der Occupy-Bewegung begr\u00fc\u00dft, sicherlich, weil sie Sand ins Getriebe zu werfen versucht, aber doch keine Zeltstadt! Nie h\u00e4tte er gemeinsam mit anderen Parolen gebr\u00fcllt! Programme, sagte er, seien f\u00fcr Dumme und Einladungen zum Missbrauch\u201c, befand Matussek. \u201eSeelenbiografien\u201c erkannte Hans K\u00fcng, die radikal subjektiv sind und ihn als Vorg\u00e4nger der Beatpoeten und Aufbruchsk\u00fcnstler ausweisen. \u201eF\u00fcr den Menschen gibt es nur einen nat\u00fcrlichen Standpunkt, nur einen nat\u00fcrlichen Ma\u00dfstab. Es ist der des Eigensinnigen\u201c, hatte Hesse schon 1917 postuliert. Dieser Eigensinnige blieb er zeitlebens.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Nobelpreistr\u00e4ger ist einer der weltweit erfolgreichsten deutschen Autoren und beeinflusste Hip-pies wie Aktivisten zugleich: Hermann Hesse. Der eigensinnige Neoromantiker starb vor 60 Jahren.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[5,4],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/6316"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=6316"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/6316\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":6361,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/6316\/revisions\/6361"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=6316"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=6316"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=6316"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}