{"id":6380,"date":"2022-09-28T06:58:00","date_gmt":"2022-09-28T05:58:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/?p=6380"},"modified":"2022-09-10T10:29:19","modified_gmt":"2022-09-10T09:29:19","slug":"ein-roman-der-desillusion","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/?p=6380","title":{"rendered":"\u201eein Roman der Desillusion\u201c"},"content":{"rendered":"\n<p>Drei unsterbliche Figuren hat er in die Weltliteratur eingef\u00fchrt: \u201eDon Quijote\u201c, den verarmten Land-edelmann aus der Mancha, der \u201ewider jeglichen Verstands\u201c auf seiner alten Stute Rosinante gegen die Ungerechtigkeit zu Felde zieht und einer goldenen Vergangenheit nachtrauert; seinen erdverbundenen Schildknappen Sancho Pansa, ohne dessen Realit\u00e4tssinn er keines seiner Abenteuer \u00fcberstanden h\u00e4tte; und das etwas einf\u00e4ltige Bauernm\u00e4dchen Dulcinea, das er als seine \u201eMinneherrin\u201c verg\u00f6ttert. Mit diesen Gestalten hat der spanische Schriftsteller eines der ber\u00fchmtesten und meist \u00fcbersetzten B\u00fccher geschaffen, ja f\u00fcr viele den modernen westlichen Roman begr\u00fcndet: Miguel de Cervantes, der am 29. September vor 475 Jahren als drittes von sieben Kindern verarmter Adliger in Alcal\u00e1 de Henares geboren wurde.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Sohn eines Wanderchirurgen studierte Theologie an den Universit\u00e4ten von Salamanca und Madrid, wo er die Schriften des Aristoteles und des Erasmus von Rotterdam kennenlernte. Erste Gedichte erscheinen 1568 in einer Sammlung zum Andenken an die spanische K\u00f6nigin Elisabeth von Valois. Im Jahr darauf begleitet er vermutlich als Kammerdiener den sp\u00e4teren Kardinal Claudio Aquaviva nach Rom, wo er sich bald gr\u00fcndliche Kenntnisse der italienischen Sprache und Literatur aneignet. Die italienischen Erfahrungen hinterlie\u00dfen vor allem in seinem Novellenwerk deutliche inhaltliche und stilistische Spuren. Noch im gleichen Jahr trat er als unverm\u00f6gender Hidalgo, dem kaum andere Karrierewege offenstanden, in eine in Neapel stationierte Einheit der spanischen Marine ein.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/Feuerbach_Ludwig-10.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"781\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/Feuerbach_Ludwig-10-781x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-6402\"\/><\/a><figcaption>Portr\u00e4t um 1600. Quelle: Von Juan de J\u00e1uregui zugeschrieben &#8211; 1. Ursprung unbekannt2. cervantesvirtual.com3. The Bridgeman Art Library, Objekt 119216, Gemeinfrei, https:\/\/commons.wikimedia.org\/w\/index.php?curid=676819<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>1571 k\u00e4mpfte er in der Schlacht von Lepanto gegen die T\u00fcrken und erhielt drei Schusswunden, darunter eine in den linken Unterarm. Dadurch blieb seine linke Hand dauerhaft gel\u00e4hmt. Sp\u00e4ter schrieb er, er habe \u201edie F\u00e4higkeit, seine linke Hand zu bewegen, zum Ruhme seiner rechten verloren\u201c. Nach weiteren Jahren in der spanischen Marine wurde Cervantes, als er sich im September 1575 an Bord einer Galeere auf der Heimreise befand, nach einem Angriff algerischer Korsaren als Sklave nach Algier verschleppt. Erst nach f\u00fcnf Jahren und vier erfolglosen und halsbrecherischen Fluchtversuchen wurde er von Familie und Freunden freigekauft.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Als Steuereinnehmer inhaftiert<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Nach seiner R\u00fcckkehr scheitern langfristig alle Versuche, seine Existenz wirtschaftlich abzusichern. Auch seine Arbeit als Schriftsteller ist finanziell zun\u00e4chst wenig lukrativ, so dass er zwischen 1580 und 1582 als Soldat an den Kriegsz\u00fcgen Spaniens nach Portugal und auf die Azoren teilnimmt. 1584 heiratete er die 18 Jahre j\u00fcngere Catalina, Tochter eines wohlhabenden Bauern, von der er sich nach wenigen Jahren wieder trennt. Diese Verbindung blieb kinderlos, doch hatte er aus einer Aff\u00e4re mit der Schauspielerin Ana Franca de Rojas eine Tochter, Isabel de Saavedra. In dem nach 1582 ohne gr\u00f6\u00dfere Beachtung aufgef\u00fchrten und erst 1615 ver\u00f6ffentlichten Theaterst\u00fcck \u201eLos tratos de Argel\u201c verarbeitete er seine Erfahrungen aus der Gefangenschaft.<\/p>\n\n\n\n<p>Von seinem fr\u00fchen dramatischen Schaffen, einer Reihe von \u00fcber 20 \u201eComedias\u201c, bleibt kaum etwas erhalten. Der Sch\u00e4ferroman \u201eDie Galatea\u201c tr\u00e4gt ihm 1585 zwar einen gewissen literarischen Ruf ein, doch bleibt der Verkaufserl\u00f6s gering. Cervantes verdient sich seinen Lebensunterhalt als Proviantkommissar der spanischen Flotte in Andalusien und schlie\u00dflich als Steuereinnehmer in Granada und Malaga. Er erweist sich als wenig erfolgreich; seine Methoden resultieren in Defiziten. Da die Bauern nur leere Scheunen vorweisen konnten und er sich auch am Kircheneigentum vergriff, wurde er von einem Inquisitionsgericht exkommuniziert, und er kommt mehrmals f\u00fcr kurze Zeit ins Gef\u00e4ngnis.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><a href=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/Feuerbach_Ludwig.png\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/Feuerbach_Ludwig.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-6404\"\/><\/a><figcaption>Titelblatt des Quixote. Quelle: Von Miguel de Cervantes &#8211; Miguel de Cervantes Saavedra. El ingenioso hidalgo Don Quixote de la Mancha. Madrid: Juan de la Cuesta; 1605., Gemeinfrei, https:\/\/commons.wikimedia.org\/w\/index.php?curid=89167492<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Hier beginnt er den ersten Teil des \u201eDon Quijote\u201c, dessen Held in tragisch-komischer Weise versucht, in einer ver\u00e4nderten Welt nach den Regeln des Rittertums zu leben, und den er auch selbst illustriert. Der Roman hat \u00fcber die Jahrhunderte vielf\u00e4ltige Interpretationen erfahren: So wurde das Werk nicht nur als Parodie auf die Ritterromane der damaligen Zeit gesehen, sondern auch als Darstellung eines heroischen Idealismus, als Traktat \u00fcber die Ausgrenzung des Autors selbst, als Geschichte eines Scheiterns oder als Kritik am spanischen Gesellschaftssystem. Es besteht in der Literaturwissenschaft bis heute kein Konsens \u00fcber die eigentliche Aussage des Romans.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Dualit\u00e4t zwischen dem kleinen Dicken und dem gro\u00dfen D\u00fcnnen ist in der modernen Literatur seitdem immer wieder zu finden. Don Quijotes Kampf gegen die Windm\u00fchlen ist die bekannteste Episode des Romans. Sie spielt im Original nur eine untergeordnete Rolle, ist aber in den meisten modernen Bearbeitungen des Stoffes zentral. Einer h\u00e4ufigen Interpretation zufolge war das 17. Jahrhundert von diesem ausweglosen Kampf des Don Quijote gegen die gnadenlose Maschine fasziniert, weil der rasante technische Fortschritt damals den Machtverlust der Aristokratie vorantrieb. Die l\u00e4cherliche Auflehnung des Junkers gegen Windm\u00fchlen war daf\u00fcr das ideale Symbol. Der Roman brachte seinem Verfasser zwar den ersehnten Erfolg, doch verlor Cervantes das dadurch gewonnene Geld wieder.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201eRoman der Desillusion\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Im Juli 1613 trat er der s\u00e4kularen franziskanischen Bruderschaft bei und ver\u00f6ffentlichte die \u201eExemplarischen Novellen\u201c, die als erste Novellen spanischer Sprache gelten, sehr erfolgreich wurden und bis heute aufgelegt werden. Darin greift er bevorzugt Themen des spanischen Alltagslebens auf, mit teils didaktischer, teils unterhaltsamer Tendenz. Die au\u00dfergew\u00f6hnlichste der Novellen ist \u201eDas Gespr\u00e4ch der Hunde\u201c. Der zweite Teil des Quijote kam 1615 auf den Markt. In seinem Todesjahr vollendete er noch den Roman \u201eLos Trabajos de Persiles y Sigismunda\u201c, bevor er verarmt am 22. April 1616 in Madrid starb. Sein Grab auf dem Gel\u00e4nde des Klosters der Unbeschuhten Trinitarierinnen im Literatenviertel der Stadt wurde trotz aufw\u00e4ndiger Suche bis heute nicht eindeutig identifiziert.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><a href=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/Feuerbach_Ludwig-11.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/Feuerbach_Ludwig-11.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-6405\"\/><\/a><figcaption>Verfilmung von 1965. Quelle: https:\/\/a2.tvspielfilm.de\/imedia\/5769\/1985769,dtXuD_9KFH4BVKhaapzB590vWQk0vsUnZafdOdclLXj+rb7uv2tsKyQsxSaYJctRZ5rJIEytDbP_o8xedKHyuA==.jpg<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Cervantes gilt bis heute als spanischer Nationaldichter, als Luther und Goethe in einer Person. Der wichtigste Literaturpreis der spanischsprachigen Welt ist nach ihm benannt. Auch mehrere Theater tragen seinen Namen. Die 10-, 20- und 50-Cent-M\u00fcnzen der spanischen Eurom\u00fcnzen tragen eine Cervantes-Abbildung. 1877 wurde ihm in Valladolid ein Denkmal gesetzt. Die internationale Cervantes-Literatur ist kaum mehr \u00fcberschaubar. Vincent Sherman inszenierte 1967 mit \u201eCervantes \u2013 Der Abenteurer des K\u00f6nigs\u201c eine Filmbiografie nach dem Roman von Bruno Frank mit Horst Buchholz in der Titelrolle.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Quijote ist vielfach adaptiert, dramatisiert, vertont und verfilmt worden. Wieland, Schlegel und Kafka bezogen sich auf ihn; Bulgakow brachte ihn auf die B\u00fchne; Telemann, Salieri und Ravel widmeten ihm Suiten, Opern und Lieder; und nach der ersten Verfilmung mit Pat und Patachon 1926 wurde er von Fjodor Schaljapin, Rex Harrison und selbst Christoph Maria Herbst sowie in einer Musicalfassung von Peter O\u2019Toole verk\u00f6rpert. F\u00fcr Carlos Fuentes hat der Roman erstmals \u201eerm\u00f6glicht, uns selbst zu verlassen und die Welt zu erschlie\u00dfen, und zwar mit Sinn f\u00fcr Ironie und Humor. Es ist ein Roman der Desillusion, der ambivalenten Wirklichkeit, ein Roman der Reise, der Dynamik, der Bewegung vom Verstand zum Wahnsinn.\u201c<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Er gilt als spanischer Nationalautor und begr\u00fcndete mit dem \u201eDon Quijote\u201c den modernen westlichen Roman: Miguel de Cervantes. 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