{"id":6625,"date":"2025-01-10T14:22:00","date_gmt":"2025-01-10T13:22:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/?p=6625"},"modified":"2025-01-10T14:22:01","modified_gmt":"2025-01-10T13:22:01","slug":"seicht-statt-leicht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/?p=6625","title":{"rendered":"<strong>Seicht statt leicht<\/strong>"},"content":{"rendered":"\n<p>\u201eKomplexit\u00e4t\u201c ist seit geraumer Zeit einer der beliebtesten Managementbegriffe, der von der Politik okkupiert und missbraucht worden ist. Sie und erst recht ihre Behauptung gilt als hervorstechendstes Distinktionsmerkmal gegen\u00fcber dem \u201ePlebs\u201c, der weder Entscheidungsfindung noch Entscheidung oder gar Entscheidungsbegr\u00fcndung aufgrund seiner beschr\u00e4nkten Einsicht nachvollziehen k\u00f6nne, weshalb sie ihn einerseits als \u201eunterkomplex\u201c diffamiert und andererseits komplexit\u00e4tsreduzierende Aussagen als links- und erst recht rechtspopulistisch gei\u00dfelt: Laut dem Theologen Elmar Salmann ist das Erstarken der AfD auf die zunehmende Komplexit\u00e4t der Gesellschaft zur\u00fcckzuf\u00fchren. Die Partei g\u00e4be \u201eeinfache Antworten\u201c, so der Konstanzer Jugendforscher Kilian Hampel im <em>NDR<\/em>, sie gebe vor, \u201edass gro\u00dfe Probleme einfach l\u00f6sbar sind\u201c, meint auch die Berliner Politikwissenschaftlerin Julia Reuschenbach im <em>Spiegel<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Gerade von rechter Seite w\u00fcrden unerw\u00fcnschte kulturelle, religi\u00f6se, soziale oder sprachliche Feindbilder ausgeschlossen werden, aus einem \u201eWir sind das Volk\u201c werde ein exkludierendes \u201eNur wir sind das Volk\u201c: Populismus richte sich also nicht nur gegen eine abgegrenzte Elite, sondern schlie\u00dfe auch Diversit\u00e4t und Vielfalt aus, behauptet Christian Scharun im <em>DLF<\/em>. \u201eDie Politik ist mit der Komplexit\u00e4t der \u00d6konomie oft \u00fcberfordert und ersch\u00f6pft sich daher in Populismus\u201c, verallgemeinert dagegen Wolfgang Unterhuber im \u00f6sterreichischen <em>Kurier<\/em>. Nadja Kutscher sinnierte in der<em> taz<\/em> gar \u00fcber einen \u201eMehrwert der Unterkomplexit\u00e4t\u201c. Eine Welt, \u201edie dauernd zweideutig schillert und oszilliert, bietet nicht die Orientierung, die Menschen zur Orientierung in ihrer Lebenswelt brauchen\u201c, erkennt auch Wolfgang V\u00f6gele auf <em>theomag<\/em>. \u201eVermutlich kommt niemand ohne ein paar Bausteine der Eindeutigkeit \u2013 und seien es Hypothesen, Werte, Gewissheiten &#8211; aus, um sich in Lebenswelt, Politik und Gesellschaft zurechtzufinden. Dauerrelativismus zerst\u00f6rt auf die Dauer den intellektuellen Gleichgewichtssinn.\u201c Erst recht, wenn gro\u00dfe Probleme auch nicht kompliziert, sondern gar nicht gel\u00f6st werden, m\u00f6chte man aktuell erg\u00e4nzen.<\/p>\n\n\n\n<p>Insofern ist \u00a0\u201eKomplexit\u00e4tsreduktion\u201c f\u00fcr jede, nicht nur \u00f6konomische, Entscheidung unabdingbar: \u201eDie wirkliche Umwelt ist zu gro\u00df, zu komplex und zu sehr im Fluss befindlich, um Menschen direkt zug\u00e4nglich zu sein\u201c, wusste schon 1922 der Nestor der amerikanischen Zeitungswissenschaft, Walter Lippmann. Ein Autobauer wird keine pharmazeutische Fachzeitschrift lesen, um bessere Verbrenner zu entwickeln. Will hie\u00dfen: Beim Benutzen eines technischen Ger\u00e4ts, beim Erstellen eines naturwissenschaftlichen Modells, bei der \u00dcbersetzung zwischen Sprachen, bei der Analyse historischer Entwicklungen oder beim Erfassen komplexer Sachverhalte werden Ambiguit\u00e4ten, Unsicherheiten und Widerspr\u00fcche methodisch durch verschiedene Prinzipien der Komplexit\u00e4tsreduzierung weitgehend ausgeklammert, um zu validen Ergebnissen zu kommen; Thomas Bauer f\u00fchrte 2018 den Begriff der \u201eAmbiguit\u00e4tsz\u00e4hmung\u201c ein. Komplexit\u00e4tsreduktion ist also grunds\u00e4tzlich eine \u201eVerk\u00fcrzung\u201c und mit Informationsverlust verbunden, der in Kauf genommen, ja begr\u00fc\u00dft wird.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><a href=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2021\/09\/Unbenannt-e1585137300373.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"555\" height=\"415\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2021\/09\/Unbenannt-e1585137300373.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5856\" srcset=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2021\/09\/Unbenannt-e1585137300373.jpg 555w, https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2021\/09\/Unbenannt-e1585137300373-300x224.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 555px) 100vw, 555px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p>Wir stellen also zun\u00e4chst fest: es gibt gute und b\u00f6se Komplexit\u00e4t, und es gibt richtige und falsche Komplexit\u00e4tsreduktionen, erst recht Komplexit\u00e4tsreduktoren. Denn was Diversit\u00e4t und Vielfalt inkludiert, muss zwangsl\u00e4ufig auch komplexit\u00e4tsreduzierend sein, um allen gerecht \u2013 und von allen verstanden \u2013 zu werden: Reduktion und Simplifikation gehen als Filterinstanzen Hand in Hand. Und eine \u2013 selbstredend \u201erichtige\u201c \u2013 sprachliche Reduktion, der seit 2020 gar ein eigener Gedenktag am 28. Mai gewidmet ist, treibt seit diesem Jahr mehr als seltsame Bl\u00fcten: das Ph\u00e4nomen \u201eLeichte Sprache\u201c, ein Amalgam aus moralistischer Politik und linguistischer Trivialit\u00e4t, wobei die H\u00e4ufung dieses Ph\u00e4nomens im Jahr entscheidender Landtagswahlen und auch der Pariser Paralympics auff\u00e4llt.<\/p>\n\n\n\n<p>Laut einer Studie der Barmer Ersatzkasse ist in Deutschland inzwischen bei jedem achten Kind die Sprachentwicklung gest\u00f6rt. Damit korreliert, dass laut der LEO-Studie 2018 etwa 17 Millionen Menschen in Deutschland zwischen 18 und 64 Jahren auf Vierte-Klasse-Niveau oder schlechter lesen und schreiben. Die Gr\u00fcnde daf\u00fcr sind vielf\u00e4ltig: Menschen mit Migrationshintergrund, bildungsferne Menschen oder komplette Bildungsverlierer, Menschen mit Beeintr\u00e4chtigungen wie H\u00f6r-, Lese- oder Lernschw\u00e4chen oder auch Krankheiten wie etwa einem Schlaganfall oder gar beginnender Demenz. An diese heterogene, ja disparate Gruppe richtet sich die linguistische Adaption unserer Hoch- oder Standardsprache, die den Unterschied zwischen Mittel und Zweck einebnet.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Einfache oder Leichte Sprache<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Denn diesen B\u00fcrgern sei verwehrt, was der inzwischen institutionalisierte Begriff der \u201eTeilhabe\u201c beschreibt: \u201eMithilfe verst\u00e4ndlicher Texte k\u00f6nnten Menschen entscheiden, welche Partei sie w\u00e4hlen, bei welchem Verein sie mitmachen oder welches Essen sie bestellen wollen\u201c, wird die Lebenshilfe Bremen im <em>DLF<\/em> zitiert. Leichte Sprache soll also Teilhabe erm\u00f6glichen, indem Texte so vereinfacht werden, dass Menschen mit sozialen und\/oder kognitiven Defiziten sie lesen und verstehen k\u00f6nnen. So bekommen sie Zugang zu Informationen, auf denen Selbstbestimmung sowie politische und gesellschaftliche Partizipation gr\u00fcnden kann: Nicht der Mensch muss sich an die Gegebenheiten anpassen, sondern diese an ihn. \u201eSo einfach wie n\u00f6tig und so verst\u00e4ndlich wie m\u00f6glich\u201c: Das sei die Faustregel f\u00fcr Leichte Sprache, sagt die K\u00f6lner Sprachwissenschaftlerin Bettina Bock im <em>DLF<\/em>. Informationen verst\u00e4ndlich und zug\u00e4nglich zu machen, unabh\u00e4ngig von den individuellen F\u00e4higkeiten oder Einschr\u00e4nkungen der Leser, sei \u201ewichtig, sinnvoll und hilfreich f\u00fcr Millionen Menschen\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Dabei muss nochmals zwischen Einfacher und Leichter Sprache differenziert werden. Einfache Sprache ist eine sprachlich vereinfachte Version der Standardsprache und hat einen gr\u00f6\u00dferen Wortschatz als die Leichte Sprache, die einen noch geringeren Schwierigkeitsgrad und ein festes Regelwerk hat, das durch das \u201eNetzwerk Leichte Sprache\u201c mit Unterst\u00fctzung des Bundesarbeitsministeriums formuliert wurde \u2013 einem Verein, dem \u00dcbersetzer, Linguisten und Politiker aus acht L\u00e4ndern angeh\u00f6ren. In dieser Sprache werden Fachw\u00f6rter erkl\u00e4rt, Bebilderungen genutzt und besonders lange W\u00f6rter mit einem Strich oder Punkt getrennt. Verboten sind lange S\u00e4tze, Passivkonstruktionen, Negationen, der Konjunktiv, der Genitiv. Die Satzstruktur soll einfach sein, Nebens\u00e4tze d\u00fcrfen nur ausnahmsweise vorkommen, aber nie eingeschoben sein. Und man soll Konkreta statt Abstrakta nutzen: Statt \u201e\u00d6ffentlicher Nahverkehr\u201c eben \u201eBus\u201c oder \u201eBahn\u201c. Wer sich beim Schreiben an diese Regeln h\u00e4lt und den Text anschlie\u00dfend von Angeh\u00f6rigen der Zielgruppe gegenlesen l\u00e4sst, darf daf\u00fcr das Siegel des Netzwerks verwenden. Selbst DIN ISO 24495-1 und DIN 8581-1 liefern inzwischen Richtlinien f\u00fcr das Verfassen leicht verst\u00e4ndlicher Texte.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Ziel Leichter Sprache ist dabei nicht, abwechslungsreich zu sein, gesteht \u00dcbersetzerin Andrea Halbritter auf ihrem Blog <em>cotelangues<\/em>. Eine Frau etwa bleibt eine <em>Frau <\/em>und wird nicht pl\u00f6tzlich zur <em>Dame, Seniorin, Verk\u00e4uferin, Nachbarin, Studentin oder Mittdrei\u00dfigerin. Das Ziel von Leichter Sprache ist es auch nicht, sich gut anzuh\u00f6ren, weshalb sie kaum Pr\u00e4teritum, sondern Perfekt verwendet: Bei starken Verben kommt es oft zu einem Vokalwechsel. Und ein gro\u00dfes Problem \u2013 wie woke Prinzipien pl\u00f6tzlich kollidieren k\u00f6nnen \u2013 ist sowohl das Gendern, <\/em>da komplizierte Satzzeichen mitten in W\u00f6rtern unverst\u00e4ndlich w\u00e4ren, als auch das \u201ediskriminierungssensible Sprechen\u201c: viele Menschen wissen mit Anglizismen wie \u201eAbleismus\u201c oder \u201ePeople of Color\u201c nichts anzufangen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201eTexte setzen wenig Wissen voraus\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Mittlerweile finden sich leichte Texte auf vielen Unternehmensauftritten wie der Telekom, Beh\u00f6rden-Websites \u2013 wozu aber die Uni Erfurt einen Leichte-Sprache-Auftritt braucht, w\u00fcsste man schon gern \u2013, auch schon in Wahlprogrammen und manchen Medien. Dabei zeigt die Telekom eher unfreiwillig, dass das hehre Gleichheitsziel \u201eWir wollen m\u00f6glichst alle Menschen erreichen\u201c, so Pressechef Philipp Schindera, zu weiterer ungewollter Diversit\u00e4t f\u00fchrt: Der Konzern will k\u00fcnftig \u201esieben Dimensionen\u201c in der Kommunikation ber\u00fccksichtigen &#8211; neben k\u00f6rperlichen\/mentalen F\u00e4higkeiten sind das Alter, ethnische Herkunft und Nationalit\u00e4t, Geschlecht und Geschlechtsidentit\u00e4t, Religion und Weltanschauung, sexuelle Orientierung und soziale Herkunft. Und Mitte Juni nun startete nach dem <em>SR<\/em> oder dem <em>DLF<\/em>-Angebot <em>nachrichtenleicht<\/em> auch die <em>Tagesschau<\/em> eine t\u00e4gliche Ausgabe in Leichter Sprache. Produziert vom <em>NDR<\/em> in Hamburg, wird sie um 19 Uhr auf <em>tagesschau24<\/em> ausgestrahlt, kann aber ab 18 Uhr bereits im Internet und der Tagesschau-App sowie in der <em>ARD<\/em>-Mediathek und auf dem YouTube-Kanal der Tagesschau angesehen werden.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eMit diesem neuen Nachrichtenangebot richten wir uns an ein f\u00fcr uns neues Publikum, dem wir somit auch einen Zugang zu gut recherchierten Informationen aus Politik, Wirtschaft, Sport, Kultur und anderen L\u00e4ndern erm\u00f6glichen wollen\u201c, sagt <em>ARD<\/em>-aktuell-Chef Marcus Bornheim. \u201eDer \u00f6ffentlich-rechtliche Rundfunk hat den Auftrag, mit seinen Sendungen und Programmen allen Menschen ein Informationsangebot zu machen\u201c, erkl\u00e4rt <em>NDR<\/em>-Intendant Joachim Knuth. \u201eDazu geh\u00f6ren auch diejenigen mit geringer Lese- und Schreibkompetenz, die komplizierten Texten nicht immer folgen k\u00f6nnen oder die Deutsch nicht auf muttersprachlichem Niveau beherrschen.\u201c Die Themen der Sendungen stammen aus der regul\u00e4ren Tagesschau, und auch die Tagesschau in Einfacher Sprache wird im bekannten \u201eblauen Studio\u201c mit den bekannten Sprechern produziert.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Sendungsinhalte werden aber anders aufbereitet, wie Bornheim erkl\u00e4rt: \u201eDie Meldungen und Beitr\u00e4ge werden v\u00f6llig neu formuliert. Die Texte setzen wenig Wissen voraus und werden langsamer gesprochen.\u201c Beim Texten in Einfacher Sprache gehe es nicht nur ums \u00dcbersetzen, wie von einer Sprache in die andere, erg\u00e4nzt Projektleiterin Sonja Wielow. \u201eWir ber\u00fccksichtigen auch kulturelle oder bildungsbedingte Herausforderungen, vor denen Menschen unserer Zielgruppe h\u00e4ufig stehen. Viele besch\u00e4ftigen sich n\u00e4mlich nicht mehr mit Nachrichten, weil sie sie nicht verstehen k\u00f6nnen. Deshalb erkl\u00e4ren wir den Hintergrund einer Nachricht, bevor wir zur eigentlichen Neuigkeit kommen\u201c. Das aber ist bei Internettexten inzwischen gang und g\u00e4be.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie man sich das vorzustellen habe, illustriert die Sendungs-Website gleich mal mit einem Text, in dem die Premiere der Sendung angek\u00fcndigt wird: \u201eVon der tagesschau gibt es jetzt eine neue Sendung. Das Neue ist: Die Nachrichten sind in Einfacher Sprache. Die neue Sendung hei\u00dft: tagesschau in Einfacher Sprache. In der neuen Sendung werden die Nachrichten erkl\u00e4rt. Und auch schwierige W\u00f6rter werden erkl\u00e4rt. Die Texte werden langsam gesprochen. Die Nachrichten sind einfach zu verstehen. Viele Menschen finden Lernen n\u00e4mlich schwer. Viele Menschen sprechen nicht so viel Deutsch. Und viele Menschen h\u00f6ren nicht gut. Die neue Sendung ist f\u00fcr alle. \u2026\u201c Ja, das ist ernst gemeint.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201eMinister f\u00fcr Geld\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die von Deutschland ratifizierte UN-Behindertenrechtskonvention fordert zwar vollen Zugang zu Kommunikation und damit verbunden die \u00dcbersetzung von Texten in \u201eeinfache Sprache\u201c \u2013 konkrete Regeln sind hier aber nicht enthalten. Von wissenschaftlicher Seite wird kritisiert, dass die einzelnen Vorgaben des umfassenden Regelwerks der Leichten Sprache empirisch teils nicht oder nicht ausreichend belegt sind \u2013 beispielsweise zeigen Forschungsergebnisse, dass Nebens\u00e4tze nicht pauschal schwer verst\u00e4ndlich sind. Die Zielgruppen, die sich die Leichte Sprache auf die Fahnen schreibt, sind schlichtweg zu unterschiedlich, als dass einheitliche Regeln angebracht w\u00e4ren, bilanziert Kutscher. Die Kritik des \u00dcber-einen-Kamm-Scherens teilt auch Lisa Kr\u00e4her in<em> \u00dcbermedien<\/em>: \u201eEine Person mit Lernbehinderung, deren Muttersprache Deutsch ist, braucht m\u00f6glicherweise eine andere Nachrichtensprache als eine Person, deren Muttersprache nicht Deutsch ist\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei den Betroffenen herrsche allerdings gro\u00dfe Freude, sagte die Eichst\u00e4tter Medienwissenschaftlerin Friederike Herrmann im <em>SR<\/em>-Podcast <em>Medien \u2013 Cross und Quer<\/em>. Sie leitet das Forschungsprojekt \u201eLeichte und Einfache Sprache im Journalismus\u201c an der Katholischen Universit\u00e4t und befragt im Rahmen des Projekts Menschen mit Behinderung, Menschen, die nicht richtig lesen und schreiben gelernt haben sowie Gefl\u00fcchtete in qualitativen Studien. Dass nun die bekannteste deutsche Nachrichtensendung ein solches Angebot mache, sei unglaublich viel wert, denn diese \u201eLeute werden alleine gelassen mit ihren Problemen\u201c. Mit Blick auf die Gestaltung journalistischer Inhalte in sprachlich vereinfachter Form betonte Herrmann, dabei gehe es nicht ausschlie\u00dflich um die Sprache. Eine gro\u00dfe Rolle spiele die Erz\u00e4hlweise. Gerade bei Nachrichten gebe es das Problem, dass Einzelinformationen h\u00e4ufig nicht \u00fcber einen Erz\u00e4hlstrang verbunden seien. \u201eMan sollte also versuchen, Nachrichten erz\u00e4hlerischer zu gestalten.\u201c Sollte Journalismus zwangsliterarisiert werden m\u00fcssen?<\/p>\n\n\n\n<p>In den sozialen Medien l\u00f6ste das neue Angebot ambivalente Reaktionen aus. Die <em>FR<\/em> etwa zitiert User, die auf <em>X<\/em> von \u201eArmutszeugnis\u201c und \u201eKinderfernsehen\u201c sprachen. Ein Nutzer erkl\u00e4rte demnach, \u201eman wird schon ein wenig d\u00fcmmer beim Zuh\u00f6ren\u201c. Der Bundesverband Legasthenie und Dyskalkulie BVL bezweifelt der Zeitung zufolge, dass das Angebot hilfreich f\u00fcr Menschen mit Leseschwierigkeiten ist. Betroffene h\u00e4tten bei Fernseh- und Radiobeitr\u00e4gen kein Problem, die Inhalte zu verstehen, da sie in ihrer Auffassungsgabe nicht beeintr\u00e4chtigt seien, erkl\u00e4rte BVL-Sprecherin H\u00f6inghaus. Die \u201eTagesschau in einfacher Sprache\u201c k\u00f6nne den Eindruck erwecken, dass ihre Zuschauerinnen und Zuschauer Bildungsl\u00fccken h\u00e4tten. \u201eNur, weil eine Person eine Leseschw\u00e4che hat, bedeutet das aber nicht, dass sie nicht wei\u00df, was zum Beispiel ein Finanzminister ist\u201c \u2013 Christian Lindner (FDP) war kurzerhand als \u201eMinister f\u00fcr Geld\u201c vorgestellt worden. Aber auch Journalisten wie Fajsz De\u00e1ky im <em>Fr\u00e4nkischen Tag<\/em> l\u00e4sterten \u201eWir machen die Sprache im Fernsehen SO einfach, dass keiner mehr gescheit Deutsch sprechen k\u00f6nnen muss? Wir kauen den Leuten die Nachrichten einfach vor?\u201c und wird daf\u00fcr prompt als behindertenfeindlich diffamiert \u2013 was erneut die unheilige Allianz von Moral und Politik beweist.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201eTrau dich! Denk\u2019 selber nach!\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Doch nicht genug damit: Nachdem in Frankreich der \u201eKil\u00e9ma\u201c-Verlag \u00dcbersetzungen von Hemingway oder Camus explizit f\u00fcr geistig Behinderte anbietet, gr\u00fcndete sich im April in R\u00f6srath ein Verlag namens Aibo nach einem japanischen Roboterhund oder kurz f\u00fcr Artificial Intelligence Books, der binnen weniger Wochen \u201eeinen Kulturkampf ausgel\u00f6st\u201c hat, wie Paul Jandl in der <em>NZZ<\/em> feststellt. Er selbst arbeitete sich zun\u00e4chst an einer \u201e\u00dcbersetzung\u201c von Kants Essay \u201eWas ist Aufkl\u00e4rung?\u201c ab, der original so beginnt: \u201eAufkl\u00e4rung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unm\u00fcndigkeit. Unm\u00fcndigkeit ist das Unverm\u00f6gen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unm\u00fcndigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschliessung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Sapere aude! Habe Mut dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! ist also der Wahlspruch der Aufkl\u00e4rung.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcbersetzt liest sich die Passage so: \u201eUnm\u00fcndigkeit hei\u00dft abh\u00e4ngig. Hier hei\u00dft es: Wir denken nicht selber. Unsere Gedanken sind die von anderen. Oft haben wir nicht den Mut zum Selberdenken. Daran sind wir selbst schuld. Wir sind deshalb nicht dumm. Aber wir sind ein bisschen feige und unentschlossen. Das Motto der Aufkl\u00e4rung hei\u00dft: \u201aTrau dich! Denk\u2019 selber nach!\u2018\u201c Das ist kein Witz. Menschen mit Sprach- und Leseschwierigkeiten k\u00f6nnten so am deutschen \u201eAllgemeinbildungskanon\u201c teilhaben, sagt Andreas Stobbe, einer der Aibo-Gr\u00fcnder, auf Anfrage der <em>NZZ<\/em>. Sein zweites Buch, mehr sind es gl\u00fccklicherweise noch nicht, ist die \u00dcbersetzung von Theodor Fontanes \u201eEffi Briest\u201c, geschrieben Ende des 19. Jahrhunderts f\u00fcr das gebildete Publikum der Zeitschrift <em>Deutsche Rundschau<\/em>. Jandl trocken: \u201eVon Literatur bleibt dabei kaum noch etwas \u00fcbrig\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch hier lohnt der Blick auf die Textanf\u00e4nge: \u201eIn Front des schon seit Kurf\u00fcrst Georg Wilhelm von der Familie von Briest bewohnten Herrenhauses zu Hohen-Cremmen fiel heller Sonnenschein auf die mittagsstille Dorfstra\u00dfe, w\u00e4hrend nach der Park- und Gartenseite hin ein rechtwinklig angebauter Seitenfl\u00fcgel einen breiten Schatten erst auf einen wei\u00df und gr\u00fcn quadrierten Fliesengang und dann \u00fcber diesen hinaus auf ein gro\u00dfes, in seiner Mitte mit einer Sonnenuhr und an seinem Rande mit Canna indica und Rhabarberstauden besetztes Rondell warf.\u201c Die \u00dcbersetzung: \u201eDie Sonne schien auf das alte Haus der Familie von Briest in Hohen-Cremmen. Es war Mittag. Auf der Dorfstra\u00dfe war es ganz still. Ein Teil des Hauses warf einen Schatten. Der Schatten fiel auf einen Weg mit wei\u00dfen und gr\u00fcnen Fliesen und auf einen runden Platz. In der Mitte des Platzes stand eine Sonnenuhr. Am Rand wuchsen Rhabarber und andere Pflanzen.\u201c Auch das ist kein Witz.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201ekein Rhythmus, keine Fremdworte\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Das Szenische-Bewegte des Romanbeginns, in dem das Herrenhaus der Familie Briest im mitt\u00e4glichen Sonnenschein beschrieben ist, wird durch \u201edie banale Aufz\u00e4hlung sichtbarer Dinge ersetzt, die klingt wie die Beschreibung eines B\u00fchnenbildes\u201c, befindet Jandl. Sieben S\u00e4tze statt einem, kein Rhythmus, keine Fremdworte \u2013 kurz: \u201ekein Fontane\u201c, w\u00fctet Andreas Platthaus in der <em>FAZ<\/em>. \u201eHerausgekommen ist Inhalt ohne Form, eine Erz\u00e4hlung, bei der vom neunzehnten Jahrhundert generell so wenig \u00fcbrig bleibt wie von Fontane speziell \u2026 Ihr Verst\u00e4ndnis von einfacher Sprache ist das eines Werkzeugs, um ihr Publikum so dumm zu machen wie sie selbst.\u201c Es sei \u201ereine Handlung\u201c, rechtfertigt das Stobbe, und das solle auch so sein. Das sei die Herabw\u00fcrdigung einer zentralen intellektuellen Leistung, weil es eben nicht nur auf den reinen Inhalt ankomme, sondern auch auf die Form, meint dagegen Platthaus.<\/p>\n\n\n\n<p>Er habe den Roman \u201ewie mit einem Psychographen\u201c geschrieben, notiert Fontane im Fr\u00fchjahr 1895. Von dieser Seelenkunde versteht die k\u00fcnstliche Intelligenz so gut wie nichts, setzt sich \u00fcber atmosph\u00e4rische Feinheiten des Originals hinweg, streicht Begriffe, in denen der Geist aus Fontanes 19.&nbsp;Jahrhundert wohnt, und l\u00e4sst sich auf Metaphern gar nicht erst ein: Doppelsinn ist Gift f\u00fcr die KI. Im Verlagsprogramm sind f\u00fcr die n\u00e4chste Zeit nur B\u00fccher von Autoren eingeplant, deren Werke nicht mehr urheberrechtlich gesch\u00fctzt sind, also kostenfrei vermarktet werden k\u00f6nnen. Was wird aus dem \u201eWerther\u201c, wenn man ihn seines sprachpsychologischen Mehrwerts beraubt, was aus den M\u00e4rchen der Br\u00fcder Grimm und den Erz\u00e4hlungen Edgar Allan Poes, die alle auf der Liste stehen? An Gedichte Gottfried Benns oder an Prosa von Thomas Bernhard w\u00fcrde er sich aber nicht heranwagen, meint Stobbe. Wie tr\u00f6stlich. Die ehrenwerte Londoner <em>Times<\/em> hat sich der Sache im Sommer leicht am\u00fcsiert auch angenommen. Der Text des Deutschlandkorrespondenten klingt, als wollte er sagen: Diese Probleme m\u00f6chte man haben!<\/p>\n\n\n\n<p>Das Literaturhaus Frankfurt hat einen eigenen Schwerpunkt Einfache Sprache. Unter dem schlichten Titel \u201eLies!\u201c sind zwei B\u00fccher mit Texten deutscher Autoren erschienen. Die Texte sind eigens f\u00fcr Leser mit kognitiven Beeintr\u00e4chtigungen geschrieben. Olga Grjasnowa, Kristof Magnusson, Arno Geiger, Sasha Marianna Salzmann, Nora Bossong und andere versuchen hier, ihre Idee von Literatur in kurze S\u00e4tze und leicht verst\u00e4ndliche Geschichten zu packen. Es sind jeweils Geschichten, die ein Zugest\u00e4ndnis an die sprachliche Gestal\u00adtung zur Grundlage ihres Entstehens haben und somit weiterhin bieten, was Literatur ausmacht: kombiniertes Form- und Inhaltsbewusstsein. \u201eWas nat\u00fcrlich auch elit\u00e4re statt egalit\u00e4re Ziele haben kann\u201c, meint Platthaus.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eAuf jeden Fall w\u00fcrde ich immer mit Brecht sagen, Literatur hat auch einen Gebrauchswert, und durch Reduktion ist schon immer gute Kunst entstanden\u201c, meint der Frankfurter Projektleiter Hauke H\u00fcckst\u00e4dt im <em>DLF<\/em>. Einfache Sprache ist Kunst, behauptet er und nennt als Vorbilder die Oulipoten, eine internationale Autorenvereinigung um Italo Calvino, Harry Mathews und Oskar Pastior, die sich strenge Regeln gesetzt hatte, um in der Sprache weiter voranzukommen. Das bekannteste Beispiel sei der Roman \u201eAnton Voyls Fortgang\u201c von Perec (1969), der ohne den Buchstaben E auskommt. Ein wohl mehr als gewagter Vergleich. Ein \u201ereizvolles Unternehmen\u201c erkennt Jandl, \u201edas zus\u00e4tzlich auch dem versierten Leser die M\u00f6glichkeit liefert, eigene Lesegewohnheiten zu \u00fcberpr\u00fcfen\u201c. W\u00e4hrend die Texte in \u201eLies!\u201c etwas ganz Essenzielles h\u00e4tten, dampfe die KI ihren Fontane auf etwas ein, was sie mit Essenz verwechselt: \u201eWas in der neuen \u201aEffi Briest\u2018 steht, ist nicht das, was Fontane sagen wollte\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201eAnalphabetismus als geheimes Bildungsziel\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Das Vorhaben, Menschen ohne ausreichende Sprachkenntnisse und geistig Behinderten den Zugang nicht nur zu beh\u00f6rdlichen, sondern auch medialen Informationen, ja literarischen Texten zu erleichtern, l\u00e4uft insofern Gefahr, sich unter der Hand zu einer neuen Norm zu wandeln, deren Regeln alsbald den durchschnittlichen Sprachstandard definieren k\u00f6nnten: \u201eLeichte Sprache ist seichte Sprache\u201c, dekretierte Konrad Paul Liessmann schon 2014. Suggeriert wird, dass Sprache nur der \u00dcbermittlung simpler Informationen dient. Liessmann ist unbedingt zuzustimmen, wenn er meint: \u201eDass in und mit Sprache gedacht und argumentiert, abgewogen und nuanciert, differenziert und artikuliert wird, dass es in einer Sprache so etwas wie Rhythmus, Stil, Sch\u00f6nheit und Komplexit\u00e4t als Sinn- und Bedeutungstr\u00e4ger gibt, wird schlicht unterschlagen oder als verzichtbares Privileg von Bildungseliten denunziert. \u2026 Und selbst wenn man die Sprache unter pragmatischen Gesichtspunkten sehen und als \u201apraktisches Bewusstsein\u2018 deuten wollte &#8211; bedeutete eine stark vereinfachte Sprache nicht auch ein stark vereinfachtes Bewusstsein?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Das Ph\u00e4nomen Leichte Sprache verweist somit auf gesellschaftliche Tiefenstrukturen nicht nur p\u00e4dagogischer oder sozialer Provenienz, die nach dem Stellenwert von sprachlicher Bildung im Besondern und dem von Bildungsstandards im Allgemeinen fragt. \u201eBei allen Eingriffen in die Sprache sollte man sich dar\u00fcber im Klaren sein, dass es darum gehen sollte, Texte leichter verst\u00e4ndlich und nicht leichter lesbar zu machen\u201c erkl\u00e4rt Julia Kuhlmann 2013. Die Welt besteht eben nicht nur aus Beipackzetteln oder Bedienungsanleitungen, schon gar nicht f\u00fcr sie selbst. Unter anderem diesem Ph\u00e4nomen wandten sich 2015 auch Clemens Knobloch und Friedemann Vogel unter sprachdemokratischer Perspektive zu und fragten: \u201eW\u00e4re es nicht wom\u00f6glich lohnender, sich f\u00fcr eine umfassende Beherrschung ausgebauter sprachlicher Register stark zu machen, anstatt einer weiteren Primitivisierung des \u00f6ffentlichen Sprechens das Wort zu reden?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Sie verwiesen auf die Ambivalenz, dass Leichte Sprache einerseits Symbolpolitik von Eliten ist, die zwar ein Programm auflegen, das ihre Sorge um die Partizipationsm\u00f6glichkeiten der breiten Massen werbewirksam zur Schau stellt \u2013 das allerdings nicht am Status Quo \u00e4ndert, \u201esieht man davon ab, dass ein politischer Propagandist der Leichten Sprache zu einer wunderbaren fiktiven moralischen Gemeinschaft geh\u00f6rt und reiche Imagegewinne f\u00fcr sich verbuchen kann\u201c. Zum anderen impliziert diese Politik, dass \u201eleichte Sprache nur eine technische \u00dcbersetzung ihres \u201akomplizierten\u2018 Pendants [sei]. Aber \u201aleichter\u2018 ist, wie die Perspektivit\u00e4t von Sprache lehrt, eben nicht nur \u201anicht schwer\u2018, sondern immer auch anders\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch Liessmann warnte: \u201eDass durch solches Entgegenkommen, vor allem wenn es auch als Unterrichtsprinzip re\u00fcssieren sollte, Menschen systematisch daran gehindert werden, sich einer einigerma\u00dfen elaborierten Sprache bedienen zu k\u00f6nnen, dass sie dadurch von der literarischen Kultur ferngehalten werden, wird bei diesen wohlmeinenden Versuchen nicht weiter bedacht.\u201c Seit Fazit liest sich wahrlich dystopisch: \u201eSo wohlt\u00f6nend k\u00f6nnen die Reden der Bildungsreformer und ihrer politischen Adepten gar nicht sein, dass sich dahinter nicht jene Geistfeindlichkeit bemerkbar machte, die den Analphabetismus als geheimes Bildungsziel offenbart\u201c. Wenn aber ganzen Generationen die Sprache als Tr\u00e4ger des Bewusstseins und Instrument komplexen und kritischen Denkens genommen wird, wirft das ein beklemmendes Licht auf unsere Zukunft. Das Ausf\u00fcllen von Beh\u00f6rdenformularen, das Lesen von Zeitungsartikeln oder das Verstehen von Wahlunterlagen ist da nur Tarnung, denn l\u00e4ngst kritisieren \u201eExperten\u201c, dass es in Deutschland bisher keine klare und verpflichtende Gesetzgebung zum Thema Leichte Sprache gibt, erst recht keinen Rechtsanspruch im Alltag, etwa beim Arztbesuch, auf dem Amt oder in den Medien.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201eEin Trauerspiel\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Doch diese mit Volksp\u00e4dagogik im Namen politischer Korrektheit getarnte Geistfeindlichkeit, gepaart mit einer lexikalischen und semantischen Engf\u00fchrung, ja Nivellierung, schafft sich zunehmend Raum im politisierten Sprachdiskurs, der auf diesem Blog bereits analysiert wurde. Nur drei j\u00fcngere Beispiele m\u00f6gen diese geistfeindliche Engf\u00fchrung belegen. Zum ersten ersetzt der \u201eLeitfaden f\u00fcr Mitarbeitende der Berliner Verwaltung zum diversitysensiblen Sprachgebrauch\u201c bestimmte Begriffe, etwa \u201eAusl\u00e4nder\u201c durch \u201eEinwohnende ohne deutsche Staatsangeh\u00f6rigkeit\u201c. Ausl\u00e4nder werde so \u201eaus der Warte politischer Korrektheit stigmatisiert \u2026 Es soll vom Gebrauch ausgeschlossen werden, weil man die ihm innewohnende Perspektive auf das Herkunftsland nicht dulden m\u00f6chte\u201c, so Peter Eisenberg auf dem Online-Auftritt des Stifterverbands. Aber \u201ewer einer Sprache W\u00f6rter nimmt oder aufzwingt, vergreift sich autorit\u00e4r an ihrer Ausdruckskraft\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Zum zweiten machte die FU Berlin in einer Pressemitteilung im Sommer auf eine Ver\u00f6ffentlichung des Neurolinguisten B\u00e1lint Forg\u00e1cs aufmerksam. Dessen im Fachmagazin <em>Frontieres in Climate<\/em> ver\u00f6ffentlichte Studie zeige, \u201edass die bisherige wissenschaftliche Kommunikation rund um den Klimawandel h\u00e4ufig missverstanden wird oder nicht die n\u00f6tige Dringlichkeit vermittelt\u201c. Die Sprache der Klimaforschenden (sic!) sei h\u00e4ufig euphemistisch und technisch-jargonhaft. Dies entspr\u00e4che zwar den wissenschaftlichen Normen, doch die versteckten Implikationen erschwerten es Nicht-Experten, die Schwere der Klimakrise vollst\u00e4ndig zu begreifen: Der Einsatz einer negativeren (z.B. \u201eglobale \u00dcberhitzung\u201c, \u201eglobale Verbrennung\u201c), aktiveren (z.B. \u201eKlimazerst\u00f6rung\u201c, \u201eKlimaselbstmord\u201c), und direkteren Sprache (z.B. \u201eHochofeneffekt\u201c) k\u00f6nnte die \u00d6ffentlichkeit und politische Entscheidungstr\u00e4ger dazu motivieren, effektiver zu handeln.<\/p>\n\n\n\n<p>Alexander Grau fand im <em>Cicero<\/em> schon den Gedanken bemerkenswert, dass die aufdringliche Klimaberichterstattung in Medien und Politik noch nicht alarmistisch genug sei. Noch spannender fand er allerdings den Vorschlag des Sprachwissenschaftlers, ohnehin schon fragw\u00fcrdige Wortpr\u00e4gungen wie \u201eKipppunkte\u201c durch noch rei\u00dferische Formulierungen wie \u201eMetastasen\u201c zu ersetzen. \u201eKlimawandel\u201c und \u201eKlimaerw\u00e4rmung\u201c s\u00e4he der Linguist gerne durch \u201eKlimazerst\u00f6rung\u201c und \u201eKlimaselbstmord\u201c ersetzt, \u201eglobale Verbrennung\u201c durch \u201e\u00dcberhitzung\u201c. Das Klima, so der Autor im Originalartikel, ver\u00e4ndere sich nicht, sondern werde zerst\u00f6rt, biologische Vielfalt gehe nicht verloren, sondern werde vernichtet. Ein entsprechender \u201emedical framework\u201c k\u00f6nne wirkungsvollere politische Vorschl\u00e4ge erm\u00f6glichen als die derzeit vorherrschenden wissenschaftlichen, wirtschaftlichen oder \u00f6kologischen Rahmen.<\/p>\n\n\n\n<p>Man k\u00f6nnte die Sache als Anzeichen des intellektuellen Zerfalls der Universit\u00e4ten abtun, so Grau. \u201eDoch hier geht es um mehr. Auf erfreulich ehrliche Art artikuliert sich hier eine zutiefst autorit\u00e4re und restriktive Geisteshaltung.\u201c Denn vollkommen ungeniert hei\u00dft es in der Pressemitteilung der FU, eine entsprechende Umstellung des Klima-Vokabulars k\u00f6nne \u201edazu beitragen, eine ehrliche Bewertung der notwendigen rechtlichen und regulatorischen Schritte zur Erhaltung der Lebensf\u00e4higkeit unseres Planeten zu f\u00f6rdern.\u201c Auf gut Deutsch: \u201eMittels Sprachpolitik sollen die Weichen gestellt werden, um rechtliche Ma\u00dfnahmen, Verbote und Auflagen der Bev\u00f6lkerung schmackhaft zu machen. Eine Konditionierung mittels Manipulation der Sprache. Und die Pressestelle einer (noch) halbwegs renommierten deutschen Universit\u00e4t pr\u00e4sentiert dergleichen mit erkennbarem Stolz und in schlimmstem Genderdeutsch. Ein Trauerspiel\u201c, zeigt sich Grau ersch\u00fcttert.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201enumerische Analyse der Verletzungsgrade\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Und zum dritten hat die Neuauflage des Dudens tats\u00e4chlich ein \u201eDiskriminierungsbarometer\u201c eingef\u00fchrt \u2013 das, im Gegensatz zur Schweiz, in Deutschland kaum beachtet wurde. Seither tr\u00e4gt eine von der Redaktion auserkorene Gruppe an W\u00f6rtern den Zusatz \u201eteilweise diskriminierend\u201c, \u201eh\u00e4ufig diskriminierend\u201c, \u201estark diskriminierend\u201c, \u201ederb diskriminierend\u201c oder \u201evulg\u00e4r diskriminierend\u201c. Zum Beispiel \u201eFettsack\u201c. Laut Duden-Redaktion ist das Wort im Jahr 2024 \u201ederb diskriminierend\u201c, in der vorherigen Ausgabe galt es noch schlicht als \u201ederb\u201c. \u201eFlittchen\u201c ist neuerdings \u201eh\u00e4ufig diskriminierend\u201c, und \u201eEskimo\u201c sch\u00e4tzt die Redaktion als \u201eteilweise diskriminierend\u201c ein. Das ist kein Witz. \u201eUnd schon tut sich ein Abgrund auf\u201c, erregt sich Leonie C.&nbsp;Wagner in der <em>NZZ<\/em>. \u201eWas, bitte sch\u00f6n, sollen \u201ah\u00e4ufig\u2018 und \u201ateilweise\u2018 bedeuten? Ein versteckter Hinweis darauf, dass es einen Unterschied macht, wer das Wort in den Mund nimmt? Oder verbirgt sich dahinter eine numerische Analyse der Verletzungsgrade?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Seit wann ist messbar, wie stark Worte verletzen, fragt sie zu Recht. So werden \u201eSchwuchtel\u201c und \u201eSchlampe\u201c als \u201ediskriminierend\u201c gewertet, aber \u201ezwergw\u00fcchsig\u201c erh\u00e4lt den Zusatz \u201estark diskriminierend\u201c &#8211; sind \u201eSchwuchtel\u201c und \u201eSchlampe\u201c etwa weniger beleidigend? \u201eUnd wie soll man sich das vorstellen? F\u00fchrt die Duden-Redaktion intern eine Excel-Tabelle zum vermeintlichen Verletzungsgrad von Schimpfw\u00f6rtern? \u2026 Woher kommt das Verlangen, jedes Wort haargenau aufzudr\u00f6seln, gegen andere W\u00f6rter abzugrenzen und aufzuwiegeln? Und woher der Gr\u00f6\u00dfenwahn, das auf eine sinnvolle Weise leisten zu k\u00f6nnen?\u201c Grundlage f\u00fcr die Diskriminierungsskala ist laut Duden-Redaktion der Duden-Korpus, eine riesige Sammlung aus verschiedensten Textgattungen. Der Wortgebrauch werde analysiert und mit anderen W\u00f6rterb\u00fcchern verglichen. Die Redaktion spricht von einem \u201edynamischen Prozess\u201c, der nie abgeschlossen sei.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch der Leiter des Hamburger Literaturhauses Rainer Moritz beschrieb in der <em>FAZ<\/em> die Absurdit\u00e4ten und die Willk\u00fcr, welche die neue Skala mit sich bringt. Buschmann, K\u00fcmmelt\u00fcrke oder Kanake gelten als diskriminierend, nicht jedoch Itaker und Hurenbock, wundert er sich und konstatiert \u00fcberdies eine \u201ePr\u00fcderielatte\u201c. Neben dem Anfang des Jahres erschienenen \u201eVielfalt\u201c-Duden, in dem hundert Begriffe erl\u00e4utert werden, die meisten von ihnen sprachliche Protagonisten von Diskussionen rund um sensible Sprache, Inklusion und politische Korrektheit, ist dies bereits der zweite Fauxpas der Mannheimer. Nat\u00fcrlich kann Sprache verletzen, k\u00f6nnen W\u00f6rter heftige Gef\u00fchle ausl\u00f6sen, Menschen auf gemeinste Art abstempeln und ersch\u00fcttern. Aber welcher Art und wie tief diese Verletzung ist, geschweige denn, welche W\u00f6rter diese ausl\u00f6sen k\u00f6nnen \u2013 all das passt in kein Duden-Label. Da hilft es auch nicht, immer mehr solcher Labels einzuf\u00fchren.<\/p>\n\n\n\n<p>Immer wieder muss man daran erinnern, dass die erste Ma\u00dfnahme des Big Brother-Regimes in Orwells \u201e1984\u201c der radikale Umbau der Sprache war, um das Volk am Denken zu hindern und f\u00fcgsam zu machen. In einem lesenswerten Essay unter der Schlagzeile \u201eMeinungsfreiheit als Gefahr\u201c hat dies <em>Cicero<\/em>-Vize Ralf Hanselle anhand aktueller Indizien nachgewiesen: F\u00fcr die Offenbacher Philosophin Juliane Rebentisch verzerrt sich in <em>Missy<\/em> die Idee der Meinungsfreiheit \u201evon einem demokratischen Grundbegriff zu einem rechtspopulistischen Kampfbegriff\u201c. F\u00fcr die Friedenpreistr\u00e4gerin des deutschen Buchhandels Carolin Emcke ist Pro und Contra nur \u201eeine Rahmung, in der unsere guten Ideen in eine falsche Balance zu den b\u00f6sen Ideen gebracht\u201c w\u00fcrden, wie sie auf der re:publica erkl\u00e4rte und dazu aufrief, nicht mehr \u201ein Pro- und Contra-Veranstaltungen zu gehen\u201c. Und der Journalist Ren\u00e9 Martens schlug, angeregt von Rebentischs Interview, in einer Kolumne f\u00fcr den <em>MDR<\/em> vor, man m\u00f6ge das Wort \u201eMeinungsfreiheit\u201c bitte zum \u201eUnwort des Jahres\u201c k\u00fcren. Auch das ist kein Witz. Vor diesem Hintergrund liest sich die Rede der gr\u00fcnen Kulturstaatsministerin Claudia Roth zur Er\u00f6ffnung der Buchmesse 2024 wie Hohn: B\u00fccher \u201ebef\u00e4higten uns, m\u00fcndige B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger zu sein. Sie bef\u00f6rdern Selbstbestimmung und das gelingende Zusammenleben in Vielfalt und im Respekt und der Anerkennung der Verschiedenheit.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Aber angesichts profaner Erkl\u00e4rungen wie der von Paulina Fr\u00f6hlich vom \u201eProgressiven Zentrum Berlin\u201c im <em>RBB<\/em>, jemanden mache es in Zeiten von Taylor Swift \u201enicht zu einem besseren Menschen, Goethe zu kennen\u201c, denn bei Gedichten etwa sei es \u201eziemlich egal\u201c, ob jemand \u201emoderne nigerianische oder klassische deutsche Verse\u201c kennt (!), erinnern wir uns lieber an ein 1972 entstandenes Gedicht von Jorge Luis Borges, hier \u00fcbertragen von Gisbert Haefs:<\/p>\n\n\n\n<p>\u201e\u2026 Du, Sprache Deutschlands, bist dein gr\u00f6\u00dftes Werk:<\/p>\n\n\n\n<p>die verflochtenen Liebschaften zusammen-<\/p>\n\n\n\n<p>gesetzter W\u00f6rter, offene Vokale<\/p>\n\n\n\n<p>und Laute, die noch den beflissenen<\/p>\n\n\n\n<p>Hexameter des Griechen m\u00f6glich machen,<\/p>\n\n\n\n<p>und dein Raunen von W\u00e4ldern und N\u00e4chten. \u2026\u201c<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nicht nur von der Tagesschau, auch von der Belletristik wird seit diesem Jahr \u201eLeichte Sprache\u201c adaptiert. 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