{"id":6818,"date":"2025-09-02T12:39:55","date_gmt":"2025-09-02T11:39:55","guid":{"rendered":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/?p=6818"},"modified":"2025-09-02T12:39:57","modified_gmt":"2025-09-02T11:39:57","slug":"freiheit-statt-menschheit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/?p=6818","title":{"rendered":"<strong>Freiheit statt Menschheit<\/strong>"},"content":{"rendered":"\n<p><em>J\u00fcngst feierte die Idee der \u201eMenschheit\u201c als universalistische Utopie mal wieder fr\u00f6hliche Urst\u00e4nd. Das ist ahistorisch, pseudoharmonisch und kulturignorant. Eine Replik.<\/em><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><a href=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/image-4.png\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/image-4.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-6819\"\/><\/a><figcaption class=\"wp-element-caption\">Teaser des Autors auf x <\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Die Idee einer moralisch geeinten \u201eMenschheit\u201c, die als globales politisches Subjekt mit universellen Werten, einer gemeinsamen Ethik und einer weltumspannenden Stimme fungiert, geh\u00f6rt zu den letzten metaphysischen Gro\u00dfmythen der s\u00e4kularen Moderne. Ihre Verk\u00fcnder \u2013 von Philosophen \u00fcber Politiker und Denker wie Herfried M\u00fcnkler und Judith Shklar bis hin zu Journalisten wie Dieter Schnaas Anfang August in der <a href=\"https:\/\/www.wiwo.de\/politik\/deutschland\/die-welt-2025-ist-die-idee-der-menschheit-tot\/100145613.html\"><em>WirtschaftsWoche<\/em><\/a> (\u201eIst die Idee der Menschheit tot?\u201c) \u2013 bedienen sich hochtrabender Begriffe wie \u201eMenschenw\u00fcrde\u201c, \u201eWeltb\u00fcrgertum\u201c oder \u201eZivilisations\u00f6kumene\u201c. Diese Konzepte suggerieren eine harmonische Einheit, die jenseits historischer, kultureller oder politischer Differenzen existiert. Sie klingen nach moralischer Vollendung, entpuppen sich jedoch bei n\u00e4herer Betrachtung als ideologisch aufgeladener Utopismus, der die Realit\u00e4t des Politischen und die Vielfalt der Geschichte verkennt.<\/p>\n\n\n\n<p>Schnaas beruft sich in seinem Artikel auf Herfried M\u00fcnklers Konzept der \u201eWeltinnenpolitik\u201c, das eine globale Ordnung unter universellen Werten wie Menschenrechten und Demokratie fordert. M\u00fcnkler argumentiert, dass die zunehmende Vernetzung durch Handel, Kommunikation und Migration eine globale Binnenpolitik erfordere, in der nationale Grenzen und kulturelle Differenzen zugunsten eines einheitlichen Rahmens zur\u00fccktreten. In seinem Buch \u201eWelt in Aufruhr\u201c (2019) beschreibt er diese Ordnung als Antwort auf die Herausforderungen der Globalisierung, die nationale Souver\u00e4nit\u00e4t obsolet mache. Die \u201eWeltinnenpolitik\u201c soll Konflikte durch globale Governance und Konsens l\u00f6sen, wobei Institutionen wie die UNO oder die WTO als Schiedsrichter fungieren. Doch diese Vorstellung ignoriert die existenzielle Natur des Politischen, wie Carl Schmitt sie in \u201eDer Begriff des Politischen\u201c (1932) beschreibt.<\/p>\n\n\n\n<p>Schmitt definiert das Politische durch die Unterscheidung zwischen Freund und Feind. Diese Unterscheidung ist nicht moralisch, wirtschaftlich oder juristisch, sondern existenziell: Sie betrifft das \u00dcberleben und die Selbstbehauptung von Gemeinschaften. Eine \u201eMenschheit\u201c als politisches Subjekt existiert nicht, da sie keine konkrete Gemeinschaft bildet, die sich gegen andere abgrenzen kann. Schmitt warnt: \u201eWer Menschheit sagt, will betr\u00fcgen.\u201c Der Begriff wird instrumentalisiert, um politische Gegner zu delegitimieren. In M\u00fcnklers \u201eWeltinnenpolitik\u201c wird dieser Mechanismus offensichtlich: Staaten, die sich einer westlich gepr\u00e4gten Ordnung widersetzen \u2013 etwa Russland, China oder der Iran \u2013, werden als \u201eregressiv\u201c oder \u201eautorit\u00e4r\u201c stigmatisiert. Sie gelten nicht als legitime Gegner mit eigenen Ordnungsvorstellungen, sondern als moralische Defizite, die es zu \u201eerziehen\u201c gilt.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201eMenschheit vor der Spaltung retten\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Dies zeigt sich etwa in Annalena Baerbocks Rede vor der UN-Generalversammlung 2023, in der sie die \u201eSpaltung der Menschheit\u201c als Pathologie brandmarkt, die es zu \u00fcberwinden gelte. Sie sprach davon, <a>\u201edie Menschheit vor der Spaltung retten\u201c <\/a>zu m\u00fcssen, als w\u00e4re Spaltung nicht der Normalzustand des Politischen, sondern ein zu heilender Defekt. Zudem fabulierte sie von einer \u201eregelbasierten internationalen Ordnung\u201c, die auf \u201eunver\u00e4u\u00dferlichen Menschenrechten\u201c gr\u00fcnde. Doch wie Schmitt betont, ist das Politische durch Antagonismus definiert. M\u00fcnklers \u201eWeltinnenpolitik\u201c ist somit kein Weg zur Harmonie, sondern ein hegemoniales Projekt, das Differenz unterdr\u00fcckt und politischen Pluralismus negiert.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese Kritik l\u00e4sst sich durch ein konkretes Beispiel illustrieren: Die Interventionen des Westens im Nahen Osten, etwa im Irak oder in Libyen, wurden oft im Namen universaler Werte wie Demokratie und Menschenrechte gerechtfertigt. Doch die Ergebnisse \u2013 Chaos, Machtvakuum, B\u00fcrgerkriege \u2013 zeigen, dass die Idee einer globalen Ordnung, die auf westlichen Prinzipien basiert, die kulturellen und historischen Realit\u00e4ten anderer Regionen ignoriert. Die \u201eWeltinnenpolitik\u201c ist kein universeller Konsens, sondern ein westliches Konstrukt, das andere Ordnungen delegitimiert und so neue Konflikte schafft.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein weiteres Konzept, das Schnaas aufgreift, ist die \u201eZivilisations\u00f6kumene\u201c, inspiriert von Judith Shklar. In ihrem Werk \u201eOrdinary Vices\u201c (1984) betont Shklar die Vermeidung von Grausamkeit als zentrales Prinzip einer liberalen Ordnung. Die \u201eZivilisations\u00f6kumene\u201c soll eine globale Gemeinschaft beschreiben, in der unterschiedliche Kulturen unter dem Dach gemeinsamer Werte wie Menschenrechte und Toleranz koexistieren. Schnaas sieht darin ein Ideal, das die \u201eMenschheit\u201c retten k\u00f6nne, indem es kulturelle Differenzen \u00fcberbr\u00fcckt. Doch diese Vorstellung ist historisch und anthropologisch naiv, wie Oswald Spengler im \u201eUntergang des Abendlandes\u201c (1918\u20131922) zeigt.<\/p>\n\n\n\n<p>Spengler betrachtet Kulturen als eigenst\u00e4ndige Organismen, die aus einer jeweils einzigartigen \u201eSeele\u201c leben. Jede Kultur hat ihre eigene Geschichte, ihre eigenen Werte, ihre eigene Dynamik \u2013 eine Vereinigung zu einer \u201eMenschheit\u201c ist unm\u00f6glich, da Kulturen nicht in einem universalen Ganzen aufgehen k\u00f6nnen. In seiner Analyse schildert Spengler keine lineare Entwicklung der Menschheit, sondern eine Parallelgeschichte von Kulturen, die sich niemals zu einem einheitlichen Ganzen vereinigen lassen. Die \u201eZivilisations\u00f6kumene\u201c ist f\u00fcr Spengler Ausdruck westlicher Dekadenz: In ihrer zivilisatorischen Endphase neigt die abendl\u00e4ndische Kultur dazu, ihre Werte als universell zu verabsolutieren und anderen aufzuzwingen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Konstrukt statt Ordnung<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Shklars Fokus auf die Vermeidung von Grausamkeit mag moralisch ansprechend sein, doch er ignoriert die Realit\u00e4t kultureller Differenz. Was in einer Kultur als \u201eGrausamkeit\u201c gilt, ist in einer anderen m\u00f6glicherweise Teil einer legitimen Ordnung. Beispielsweise wird die Todesstrafe in westlichen Gesellschaften oft als grausam verurteilt, w\u00e4hrend sie in anderen Kulturen als notwendiger Bestandteil der Gerechtigkeit angesehen wird. Die \u201eZivilisations\u00f6kumene\u201c wird so zu einem Werkzeug westlicher Hegemonie, das kulturelle Eigenheiten nivelliert, anstatt sie anzuerkennen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein konkretes Beispiel ist Emmanuel Macrons Versuch, Frankreich als Mittler universeller Werte zu stilisieren. In seiner Rede vor der UNO 2022 betonte er die universelle G\u00fcltigkeit von Freiheit und Menschenrechten, w\u00e4hrend er in Afrika auf postkoloniale Skepsis st\u00f6\u00dft. Afrikanische Staaten sehen in solchen Proklamationen oft eine Fortsetzung kolonialer Arroganz \u2013 und nicht zu Unrecht. Die \u201eZivilisations\u00f6kumene\u201c ist keine neutrale Ordnung, sondern ein westliches Konstrukt, das andere Kulturen unter seine Ma\u00dfst\u00e4be zwingt. Diese Haltung ist Ausdruck eines moralischen Imperialismus, der andere Kulturen als defizit\u00e4r betrachtet.<\/p>\n\n\n\n<p>Carl Schmitts Warnung, dass die \u201eMenschheit\u201c ein Werkzeug ist, \u201emit dem man h\u00f6chstens den Feind t\u00f6ten will\u201c, findet hier ihre Best\u00e4tigung. Die liberalen Imperien des Westens haben dies perfektioniert: Sie intervenieren, sanktionieren und delegitimieren im Namen universeller Werte, w\u00e4hrend sie ihre eigenen Interessen als allgemeing\u00fcltig stilisieren. Die \u201eMenschheit\u201c wird so zur ideologischen Keule gegen jede politische Alternative \u2013 ein s\u00e4kulares Heilsinstrument mit totalit\u00e4rem Potenzial. Selbst Xi Jinpings \u201eSchicksalsgemeinschaft der Menschheit\u201c, die Schnaas als Gegenentwurf nennt, ist kein echter Universalismus, sondern ein chinesisch gepr\u00e4gter Partikularismus im Gewand des Allgemeinen. Xi spricht zwar von globaler Kooperation, doch seine Vision ist durch die Interessen Chinas gepr\u00e4gt, etwa durch die Belt-and-Road-Initiative, die wirtschaftliche und geopolitische Dominanz sichert.<\/p>\n\n\n\n<p>Schnaas suggeriert, dass die Idee der \u201eMenschheit\u201c durch die Krise globaler Institutionen wie der UNO gef\u00e4hrdet sei. Er verweist auf die Schw\u00e4che der UNO, die als H\u00fcterin globaler Werte agieren solle, aber zunehmend an Einfluss verliere. Doch diese Krise zeigt nicht den Tod der Menschheit, sondern ihre historische Leere. Spengler betont, dass es keine lineare Geschichte der Menschheit gibt, sondern nur die Parallelgeschichte von Kulturen. Der Fortschrittsglaube, der die \u201eMenschheit\u201c als Ziel der Geschichte sieht, ist ein Produkt westlicher Hybris. In Der Untergang des Abendlandes beschreibt Spengler, wie die abendl\u00e4ndische Kultur in ihrer zivilisatorischen Phase ihre Werte universalisiert und andere Kulturen unterwirft. Die UNO, die Schnaas als Symbol der \u201eMenschheit\u201c darstellt, ist kein Ausdruck einer universellen Ordnung, sondern ein Konsensverwalter ohne Durchsetzungskraft. Ihre Resolutionen bleiben oft wirkungslos, wie etwa im syrischen B\u00fcrgerkrieg oder im Konflikt um die Ukraine.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Der Weltb\u00fcrger als Heimatloser<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die multipolare Weltordnung, die sich nach dem Scheitern des amerikanischen Hegemoniemodells formiert, unterstreicht diese Kritik. Die BRICS-Staaten \u2013 Brasilien, Russland, Indien, China, S\u00fcdafrika \u2013 sind keine Wertegemeinschaft, sondern eine Zweckallianz geopolitischer Interessen. Sie vereint nicht die Idee einer \u201eMenschheit\u201c, sondern der Wunsch nach Eigenst\u00e4ndigkeit gegen\u00fcber westlicher Dominanz. Russland setzt auf nationale Souver\u00e4nit\u00e4t, China auf wirtschaftliche Expansion, Indien auf kulturelle Selbstbehauptung \u2013 eine gemeinsame \u201eMenschheit\u201c ist hier nicht erkennbar.<\/p>\n\n\n\n<p>Kulturelle Selbstbehauptung, nationale Identit\u00e4ten und historische Traumata pr\u00e4gen die Welt st\u00e4rker als abstrakte Konzepte. Ein Beispiel ist die R\u00fcckkehr religi\u00f6ser Ordnungsmuster im Nahen Osten, wo der Islamismus nicht als universelle Ideologie, sondern als kulturelle Selbstbehauptung gegen\u00fcber westlicher S\u00e4kularisierung agiert. Ebenso zeigt die Skepsis vieler afrikanischer Staaten gegen\u00fcber westlichen Menschenrechtskonzepten, dass historische Traumata wie Kolonialismus die Wahrnehmung universeller Werte pr\u00e4gen.<\/p>\n\n\n\n<p>Hannah Arendt untermauert diese Kritik aus anthropologischer Perspektive. In \u201eElemente und Urspr\u00fcnge totalit\u00e4rer Herrschaft\u201c (1951) betont sie, dass Rechte nur in einer konkreten politischen Gemeinschaft wirksam sind. Der \u201eWeltb\u00fcrger\u201c, den Schnaas und M\u00fcnkler als Ideal feiern, ist in Wahrheit ein heimatloser Mensch ohne Substanz. Ohne Zugeh\u00f6rigkeit zu einer konkreten Gemeinschaft \u2013 sei es Familie, Volk oder Staat \u2013 verliert der Mensch seine politische Handlungsf\u00e4higkeit. Arendt verweist auf die Lage der Staatenlosen nach dem Zweiten Weltkrieg, die trotz angeblich universeller Menschenrechte keine Rechte hatten, weil sie keiner politischen Gemeinschaft angeh\u00f6rten. Die \u201eMenschheit\u201c als abstraktes Konstrukt kann diese Zugeh\u00f6rigkeit nicht ersetzen. Wer nationale Ordnungen zugunsten einer globalen Utopie schw\u00e4cht, zerst\u00f6rt letztlich den Raum, in dem Rechte \u00fcberhaupt realisiert werden k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Schnaas betont die moralische Kraft der \u201eMenschheit\u201c, die durch universelle Prinzipien wie Menschenrechte getragen werde. Er zitiert dazu Shklar, die Grausamkeit als universelles \u00dcbel verurteilt, das es zu \u00fcberwinden gelte. Doch dieser moralische Rigorismus ist gef\u00e4hrlich, wie Ortega y Gasset in \u201eDer Aufstand der Massen\u201c (1930) zeigt. \u201eDie Menschheit ist ein leerer Name, wenn er nicht von den V\u00f6lkern her mit Sinn gef\u00fcllt wird\u201c, schreibt er. Der Mensch lebt nicht in abstrakten Konstrukten, sondern in konkreten Gemeinschaften, die durch Sprache, Glaube und Geschichte gepr\u00e4gt sind. Die Idee der \u201eMenschheit\u201c ignoriert diese Verwurzelung und fordert eine Gleichmacherei, die kulturelle Identit\u00e4ten und politische Differenzen ausl\u00f6scht.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Allianz statt Einheit<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ein historisches Beispiel ist die NATO-Intervention in Jugoslawien 1999, die im Namen der \u201eMenschheit\u201c und der Verhinderung von V\u00f6lkermord durchgef\u00fchrt wurde. Doch die Folgen \u2013 Destabilisierung, ethnische Spannungen, langfristige Konflikte \u2013 zeigen, dass solche Eingriffe oft weniger moralisch als machtpolitisch motiviert sind. Die \u201eMenschheit\u201c dient hier als Rechtfertigung f\u00fcr westliche Interessen, w\u00e4hrend die betroffenen Regionen in Chaos versinken.<\/p>\n\n\n\n<p>Religi\u00f6se Ordnungsmuster gewinnen weltweit an Bedeutung, etwa im islamischen Raum, wo der Islamismus als Reaktion auf westliche S\u00e4kularisierung agiert. Nationale Identit\u00e4ten und historische Traumata pr\u00e4gen die Politik st\u00e4rker als globale Utopien. In Afrika f\u00fchrt der postkoloniale Widerstand gegen westliche Werte zu einer R\u00fcckbesinnung auf eigene Traditionen. Selbst in Europa zeigt der Aufstieg populistischer Bewegungen, dass die Idee einer universalen \u201eMenschheit\u201c an Strahlkraft verliert. Die UNO, die Schnaas als Symbol globaler Einheit sieht, ist zum Konsensverwalter ohne Durchsetzungskraft verkommen. Ihre Resolutionen, etwa zur Klimakrise oder zu Menschenrechten, bleiben oft symbolisch, weil sie die realen Machtverh\u00e4ltnisse ignorieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Fjodor Dostojewski fasst dies in \u201eDie D\u00e4monen\u201c (1872) treffend zusammen: \u201eLieben kann man nur das Konkrete. Die Menschheit aber ist ein Phantom.\u201c Der Mensch lebt in Gemeinschaften, nicht in einer abstrakten \u201eMenschheit\u201c. Wer das Politische will, muss das Allgemeine aufgeben. Schnaas\u2019 Versuch, die \u201eMenschheit\u201c als utopisches Ideal zu retten, ist ein letzter Akt westlichen Fortschrittsglaubens. Dieser Glaube ist eine Illusion, die die Realit\u00e4t des Politischen und die Vielfalt der Kulturen negiert. Die multipolare Weltordnung, die R\u00fcckkehr kultureller Selbstbehauptung und der Verlust westlicher Hegemonie zeigen, dass die \u201eMenschheit\u201c keine Zukunft hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Wer sie beschw\u00f6rt, riskiert nicht nur die Zerst\u00f6rung politischer Pluralit\u00e4t, sondern auch die kulturelle Substanz, die den Menschen erst menschlich macht. Denn die Welt bewegt sich in eine andere Richtung: hin zu einer Anerkennung von Differenz, Pluralit\u00e4t und kultureller Eigenheit. Die \u201eMenschheit\u201c war nie lebendig \u2013 sie ist ein intellektuelles Konstrukt, geboren aus westlichem Fortschrittsglauben, gen\u00e4hrt von moralischem Rigorismus, getragen von politischen Interessen. Wer sie beschw\u00f6rt, handelt nicht fortschrittlich, sondern gef\u00e4hrlich: \u201eMenschheit\u201c ist kein Ziel, sondern das Ende.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>J\u00fcngst feierte die Idee der \u201eMenschheit\u201c als universalistische Utopie mal wieder fr\u00f6hliche Urst\u00e4nd. Das ist ahistorisch, pseudoharmonisch und kulturignorant. 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