{"id":688,"date":"2011-03-28T12:09:41","date_gmt":"2011-03-28T11:09:41","guid":{"rendered":"http:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/?p=688"},"modified":"2011-03-31T22:39:29","modified_gmt":"2011-03-31T21:39:29","slug":"das-waffenhafte-von-wortkunst","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/?p=688","title":{"rendered":"Das Waffenhafte von Wortkunst"},"content":{"rendered":"<p>Ich muss gestehen: derzeit lese ich keinen Roman; mein letzter (den ich gattungstheoretisch gar nicht als solchen angesehen h\u00e4tte) war <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Christa_Wolf\" target=\"_blank\">Christa Wolfs<\/a> \u201e<a href=\"http:\/\/www.amazon.de\/Stadt-Engel-Roman-Overcoat-Freud\/dp\/351842050X\/ref=sr_1_1?s=books&amp;ie=UTF8&amp;qid=1301309263&amp;sr=1-1\">Stadt der Engel<\/a>\u201c. Aufgeschlagen liegt auf dem Nachttisch gerade <a href=\"http:\/\/www.peter-hacks.de\/\" target=\"_blank\">Peter Hacks<\/a>\u2018 \u201e<a href=\"http:\/\/www.amazon.de\/Die-Ma%C3%9Fgaben-Kunst-Gesammelte-1955-1994\/dp\/3518421492\/ref=sr_1_1?s=books&amp;ie=UTF8&amp;qid=1301308846&amp;sr=1-1\" target=\"_blank\">Die Ma\u00dfgaben der Kunst<\/a>\u201c: seine gesammelten Ansichten zur Poetik, die <a href=\"http:\/\/www.suhrkamp.de\/buecher\/die_massgaben_der_kunst-peter_hacks_42149.html\" target=\"_blank\">Suhrkamp<\/a> vor ein paar Wochen in einer zugegebenerma\u00dfen etwas unhandlichen Edition von 1200 Seiten (!) herausbrachte.<\/p>\n<p>Hacks &#8211; der Erfolg seines St\u00fccks \u201e<a href=\"http:\/\/www.amazon.de\/Gespr%C3%A4ch-Hause-Stein-abwesenden-Goethe\/dp\/3150183472\" target=\"_blank\">Ein Gespr\u00e4ch im Hause Stein \u00fcber den abwesenden Herrn von Goethe<\/a>\u201c ist auf den deutschen B\u00fchnen des 20. Jahrhunderts beispiellos  &#8211; war vor allem Dramatiker, au\u00dferdem auch Lyriker und Essayist. Die Meinungen \u00fcber ihn gingen und gehen stark auseinander: vom \u201ekunstsinnigen Aristokraten\u201c bis zum \u201eSchlaukopf f\u00fcr Besserwisser\u201c. Eins seiner &#8211; \u00e4sthetisch pr\u00e4genden, aber seit meiner Studienzeit vergessenen &#8211; Bonmots fand ich nun wieder:<\/p>\n<blockquote><p>\u201eEingestandenerma\u00dfen ist die Kunst eine Waffe. Eingestandenerma\u00dfen ist ein Holzhammer eine Waffe. Nach Aristoteles folgt hieraus nicht, dass die Kunst ein Holzhammer sein m\u00fcsse. Es folgt eher, dass die Kunst eine umso bessere Waffe sei, je bessere Kunst sie ist.\u201c<\/p><\/blockquote>\n<p>Und an dieser Stelle wurde ich stutzig. Waffe\u2026 Roman\u2026 \u2013 da war doch was?<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">\n<div id=\"attachment_689\" style=\"width: 490px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2011\/03\/Peter_Hacks_grab.jpg\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-689\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-full wp-image-689 \" title=\"Peter_Hacks_grab\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2011\/03\/Peter_Hacks_grab.jpg\" alt=\"\" width=\"480\" height=\"325\" srcset=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2011\/03\/Peter_Hacks_grab.jpg 800w, https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2011\/03\/Peter_Hacks_grab-300x202.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 480px) 100vw, 480px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-689\" class=\"wp-caption-text\">Grab von Peter Hacks, der vor wenigen Tagen Geburtstag gefeiert h\u00e4tte und - welche Ironie - zu Goethes Geburtstag starb. Quelle: http:\/\/mymemorial24.de\/memorial\/Peter.Hacks.html<\/p><\/div>\n<p>Die Assoziation kam schnell und wurde durch eine Facebook-Freundin bef\u00f6rdert, die gerade jenen Text las (und ihre Befindlichkeit bei der Lekt\u00fcre kundtat), der mir in den Sinn sprang: Elias <a href=\"http:\/\/www.elias-canetti.de\/\" target=\"_blank\">Canetti<\/a> schrieb mit \u201e<a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Die_Blendung\" target=\"_blank\">Die Blendung<\/a>\u201c nicht nur seinen einzigen Roman (von dem er sich im Alter distanzierte), sondern damit zugleich auch den <a href=\"http:\/\/www.nobelpreislexikon.de\/literatur-nobelpreise\/elias-canetti-vom-chemiker-zum-schriftsteller\/\" target=\"_blank\">Nobelpreis<\/a> herbei. Eine mehrhundertseitige Groteske um einen weltfremden Sonderling, der in seiner 25.000 B\u00e4nde umfassenden Bibliothek haust und dessen Haush\u00e4lterin sich aus Habgier die Ehe mit ihm erschleicht (ihm w\u00e4re dieser Gedanke nie gekommen, denn wer k\u00f6nnte schon Geld dem Wissen und den B\u00fcchern vorziehen &#8211; schlie\u00dflich arbeitet er selbst t\u00e4glich stundenlang an wissenschaftlichen Abhandlungen, ohne sie zu Geld zu machen). Mit der Gemeinheit des Lebens konfrontiert, verf\u00e4llt er dem Irrsinn und verbrennt sich samt seinen B\u00fcchern in einer Art Autodaf\u00e9.<\/p>\n<p>Und in diesem Roman nun fabuliert Canetti \u00fcber die allgemeine Rolle von Romanen, die \u201eden besten Charakter zersetzen\u201c w\u00fcrden, in dem man sich in die Figuren aufl\u00f6st, die einem gefallen. Die Kerns\u00e4tze sind:<\/p>\n<blockquote><p>\u201eRomane sind Keile, die ein schreibender Schauspieler in die geschlossene Person seiner Leser treibt. Je besser er Keil und Widerstand berechnet, umso gespaltener l\u00e4sst er die Person zur\u00fcck. Romane m\u00fcssten von Staats wegen verboten sein.&#8220;<\/p><\/blockquote>\n<p>Holzhammer, Keil\u2026 welch martialische Metaphern Wortk\u00fcnstler verwenden, um sich ihrer Wirkung zu versichern. Worte jedoch finde ich allemal besser als jedes andere Ding \u2013 spitz, scharf, schwer\u2026 \u2013 das auch Wirkungen zeitigen kann: aber eher k\u00f6rperliche, eher endg\u00fcltige. Ich pl\u00e4diere daf\u00fcr, lieber solche von Staats wegen zu reglementieren. Romane kann es gar nicht genug geben.<br \/>\n<iframe src=\"http:\/\/www.facebook.com\/plugins\/like.php?href=http%3A%2F%2Fwww.dr-thomas-hartung.de%2F&amp;layout=button_count&amp;show_faces=true&amp;width=450&amp;action=like&amp;font=tahoma&amp;colorscheme=light&amp;height=21\" scrolling=\"no\" frameborder=\"0\" style=\"border:none; overflow:hidden; width:450px; height:21px;\" allowTransparency=\"true\"><\/iframe><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich muss gestehen: derzeit lese ich keinen Roman; mein letzter (den ich gattungstheoretisch gar nicht als solchen angesehen h\u00e4tte) war Christa Wolfs \u201eStadt der Engel\u201c. 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