{"id":7150,"date":"2026-01-22T13:13:11","date_gmt":"2026-01-22T12:13:11","guid":{"rendered":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/?p=7150"},"modified":"2026-01-22T13:13:12","modified_gmt":"2026-01-22T12:13:12","slug":"brecheisen-oder-brandalarm","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/?p=7150","title":{"rendered":"&#8222;Brecheisen&#8220; oder Brandalarm?"},"content":{"rendered":"\n<p>\u201eCancel Culture\u201c ist ein von der extremen Rechten erfundener Mythos, ein propagandistisches \u201eBrecheisen\u201c, um liberale Demokratien zu attackieren &#8211; so die Behauptung von Jonas Schaible im aktuellen <em>SPIEGEL<\/em>. Wer heute die Meinungsfreiheit verteidige, sei meist ihr \u201e\u00e4rgster Feind\u201c. Ein starker Satz \u2013 nur dass er das Problem nicht l\u00f6st, sondern verdoppelt: Aus der realen Auseinandersetzung um Grenzen des Sagbaren wird ein Kampfmythos der anderen Seite, aus empirischen Ph\u00e4nomenen wird ein \u201eNarrativ\u201c, das man als Ganzes entsorgen kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein konservative Kritik muss genau hier ansetzen \u2013 nicht, um autorit\u00e4re Fantasien zu verharmlosen, sondern um das blinde Feld in Schaibles Text sichtbar zu machen: die wachsende Verflechtung von Moral, Medien und Macht, die er mit einem Begriffstrick unsichtbar macht.<\/p>\n\n\n\n<p>Schaibles Kernthesen sind schnell erz\u00e4hlt. \u201eCancel Culture\u201c existiere als koh\u00e4rentes Ph\u00e4nomen nicht, es gebe lediglich Tabus, die alle Gesellschaften kennen. Und: Die Erz\u00e4hlung von der gef\u00e4hrdeten Meinungsfreiheit sei nat\u00fcrlich eine \u201eHerrschaftstechnik der autorit\u00e4ren Rechten\u201c, mit der diese sich selbst als Opfer inszeniere, um dann umso ungenierter zuzuschlagen.<\/p>\n\n\n\n<p>Damit verlegt er die Debatte von der Sachebene auf die Intentionsebene. Nicht mehr gefragt wird, ob es problematische F\u00e4lle von Ausgrenzung, Denunziation, Deplattforming und informellen Berufsverboten gibt, sondern wer dar\u00fcber spricht. Derjenige, der sich auf Meinungsfreiheit beruft, ist \u2013 so die Logik \u2013 bereits Teil eines rechten Projekts, selbst wenn er sich politisch gar nicht dort verortet.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><a href=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/2026-01-22-13_00_22-Ansage_Spiegel.docx-Word.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/2026-01-22-13_00_22-Ansage_Spiegel.docx-Word.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-7151\"\/><\/a><figcaption class=\"wp-element-caption\">Screenshot Spiegel<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Das ist eine elegante, aber gef\u00e4hrliche Bewegung. Sie spielt genau mit dem Mechanismus, den \u201eCancel Culture\u201c bezeichnet: Man diskreditiert die Debatte \u00fcber bestimmte Ph\u00e4nomene, indem man sie als \u201erechts\u201c, als \u201eautorit\u00e4res Brecheisen\u201c oder als \u201eHerrschaftstechnik\u201c etikettiert \u2013 und erspart sich so, auf konkrete Beispiele \u00fcberhaupt noch einzugehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Verteidigerin des klassischen Neutralit\u00e4tsgebots im Staatsdienst, der Hochschullehrer, der biologisches Geschlecht nicht vollst\u00e4ndig zum sozialen Konstrukt erkl\u00e4ren will, der Kabarettist, der sich \u00fcber Klima-Heilige lustig macht \u2013 sie alle verschwinden in Schaibles Text unter einer Sammelkategorie, die irgendwo zwischen \u201eextremer Rechter\u201c und \u201en\u00fctzlichem Idioten\u201c dieser Rechten aufgeh\u00e4ngt ist. Wer nicht best\u00e4tigt, dass alles in Ordnung ist, wird Teil des Problems.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>nicht alle Tabus sind harmlos<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Schaible beruft sich zustimmend auf den amerikanischen Rechten Christopher Rufo, der darauf hinweist, dass jede Kultur Tabus kennt und \u201ealle canceln\u201c, die Frage sei nur, wof\u00fcr und durch wen. Als anthropologische Binsenweisheit stimmt das, als politische Diagnose ist es aber unzureichend. Zwischen einem ungeschriebenen H\u00f6flichkeitskodex \u2013 man beleidigt seine G\u00e4ste nicht am Tisch \u2013 und einem normierten Sanktionsapparat \u2013 wer bestimmte S\u00e4tze sagt, verliert Job, Konto oder Auftritt \u2013 liegt ein qualitativer Unterschied.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eCancel Culture\u201c beschreibt gerade nicht, dass man gelegentlich jemanden meidet, sondern die Verbindung von moralischem Druck mit institutioneller Macht. Sie manifestiert sich in organisierten Kampagnen, die Veranstalter, Arbeitgeber, Verlage und Verb\u00e4nde unter Druck setzen, \u201eproblematische\u201c Autoren auszuladen oder zu k\u00fcndigen; in NGOs, die \u2013 oft gro\u00dfz\u00fcgig mit Stiftungs- und Staatsgeldern alimentiert \u2013 Listen verd\u00e4chtiger Begriffe, Themen und Personen f\u00fchren und an Plattformen und Beh\u00f6rden durchreichen; und in einem Medienklima, in dem schon die Frage, ob bestimmte Narrative noch diskutiert werden d\u00fcrfen, als Angriff auf \u201edie Demokratie\u201c gilt.<\/p>\n\n\n\n<p>Schaible reduziert all das auf Shitstorms und auf \u00fcberschiessende, gnadenlose Kritik, die es schon immer gegeben habe. Damit verfehlt er die eigentliche Pointe: Der digitale Pranger koppelt sich heute mit formellen Machtinstrumenten \u2013 mit K\u00fcndigung, Demonetarisierung, Strafanzeige, Verfassungsschutzvermerk. Es macht eben einen Unterschied, ob man im Wirtshaus als Trottel gilt oder ob man bundesweit als \u201erechtsextrem\u201c, \u201eGef\u00e4hrder\u201c oder \u201eHassprediger\u201c markiert und dementsprechend behandelt wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Besonders deutlich wird das am Beispiel HateAid, das Schaible gleich zu Beginn als Opfer des \u201eBrecheisens der Rechten\u201c einf\u00fchrt. Die Trump-Regierung verh\u00e4ngt Einreiseverbote gegen die Leitung einer NGO, die angeblich nur Opfern von Drohungen oder Beleidigungen im Netz helfe; Kritiker d\u00e4monisierten solche Organisationen als \u201eZensur-NGOs\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Wenn der Staat mit im Raum sitzt<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>In dieser Darstellung fehlen zwei entscheidende Ebenen. HateAid ist erstens kein neutraler Opferverband, sondern ein politischer Akteur, der bestimmte inhaltliche Positionen \u2013 etwa migrationskritische, genderkritische oder regierungskritische \u2013 besonders h\u00e4ufig als \u201eHass\u201c markiert und meldet. Und HateAid ist zweitens in Europa Teil staatlicher Infrastruktur: in Programme eingebunden, mit Millionenbetr\u00e4gen gef\u00f6rdert, als \u201eTrusted Flagger\u201c mit privilegierten Meldewegen zu Plattformen ausgestattet, die ihrerseits politisch und rechtlich unter Druck stehen, diese Hinweise ernst zu nehmen.<\/p>\n\n\n\n<p>Man braucht \u00fcber Trumps Einreiseverbote gar nicht diskutieren, um zu erkennen, dass hier eine reale Konfliktlinie verl\u00e4uft; n\u00e4mlich zwischen einem liberalen Verst\u00e4ndnis von Plattformneutralit\u00e4t und einem kontinentaleurop\u00e4ischen Modell, in dem Staat und NGOs gemeinsam definieren, welche Inhalte noch erw\u00fcnscht sind. Schaible verschleiert diese Struktur, indem er jede Kritik an den Profiteuren dieses Systems schlicht als \u201erechte Waffe\u201c etikettiert. Damit wird er selbst zum Teil jener epistemischen Blase, die er vermeintlich kritisiert: Wer \u201egegen Hass\u201c ist, kann definitionsgem\u00e4\u00df kein Zensor sein \u2013 und wer das anders sieht, muss extrem rechts sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Schaible betont, der Meinungskorridor sei insgesamt eher weiter geworden. Er verweist auf die Selbstverst\u00e4ndlichkeit, mit der heute \u00fcber Homosexualit\u00e4t, psychische Krankheiten oder famili\u00e4re Gewalt gesprochen wird, und darauf, dass Politiker wie Markus S\u00f6der \u00f6ffentlich von Orten sprechen, in denen sich \u201edie Deutschen gar nicht mehr zu Hause\u201c f\u00fchlten. Zugleich r\u00e4umt er ein, dass manches, was fr\u00fcher als normal galt, heute anst\u00f6\u00dfig sei \u2013 etwa das generische Maskulinum.<\/p>\n\n\n\n<p>Dieses Bild ist nicht falsch, aber es ist unvollst\u00e4ndig. Der Korridor ist nicht einfach gr\u00f6\u00dfer geworden; er hat sich asymmetrisch verschoben. Bestimmte Identit\u00e4ten und Empfindlichkeiten genie\u00dfen wachsenden Schutz, teilweise bis hin zur Strafbarkeit ihrer \u201eVerletzung\u201c, w\u00e4hrend andere Diskurse \u2013 etwa \u00fcber Masseneinwanderung, Islam, biologische Grundlagen des Geschlechts, Wirksamkeit von Corona-Ma\u00dfnahmen oder die Schattenseiten der Klimapolitik \u2013 unter Generalverdacht geraten. Wer hier unbequeme Positionen vertritt, erlebt nicht nur heftigen Widerspruch, sondern h\u00e4ufig eine toxische Mischung aus moralischer Anklage und handfesten Konsequenzen: Ausladungen, Agenturk\u00fcndigungen, Karriereblockaden.<\/p>\n\n\n\n<p>Das ist kein Fantasieprodukt \u201eautorit\u00e4ren Denkens\u201c, sondern Alltagserfahrung vieler, die mitnichten extreme Positionen vertreten. Es mag sein, dass heute mehr Menschen \u00f6ffentlich sagen k\u00f6nnen, dass sie depressiv sind; aber es ist ebenso wahr, dass ein Arzt, der \u00f6ffentlich allzu skeptisch \u00fcber Impfzwang sprach, sich um seine Approbation sorgen musste. Beide Entwicklungen sind real. Sie heben einander nicht auf, sondern zeichnen gemeinsam das Bild einer Gesellschaft, die in einigen Bereichen liberaler, in anderen empfindlicher und sanktionierfreudiger geworden ist.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Rechte und linke Instrumentalisierung<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Nat\u00fcrlich instrumentalisieren Linke wie Rechte das Thema Meinungsfreiheit. Nat\u00fcrlich nutzen Akteure wie Martin Sellner oder Christopher Rufo jede Cancel-Aktion als Steilvorlage. Aber aus dieser Instrumentalisierung zu schlie\u00dfen, das Problem existiere nur als Mythos der Rechten, ist logisch unhaltbar. Es w\u00e4re, als w\u00fcrde man h\u00e4usliche Gewalt bestreiten, weil Extremisten sie skandalisieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Gerade eine konservative Perspektive muss hier unterscheiden. Sie sollte klar sehen, dass es autorit\u00e4re Versuchungen auf der Rechten gibt, insbesondere dort, wo Listen gef\u00fchrt, Berufsverbote gefordert und Gegner kriminalisiert werden. Und sie sollte zugleich erkennen, dass der neue Moralismus von links und aus der liberalen Mitte mit \u00e4hnlichen Werkzeugen arbeitet \u2013 nur in anderer Rhetorik.<\/p>\n\n\n\n<p>J\u00fcngstes Beispiel, das Schaible noch (?) ausl\u00e4sst: <em>Markus Lanz<\/em> als formatierter Resonanzraum, in dem Regierungs- und Leitmedienpositionen symbiotisch verst\u00e4rkt werden. Die bemerkenswerte Nachberichterstattung zu Ministerpr\u00e4sident G\u00fcnters (CDU!) Entgleisung von der <em>ZDF<\/em>-Erkl\u00e4rung bis zur DJV-Stellungnahme relativiert G\u00fcnther einerseits, andererseits aber problematisiert sie kaum seine Grundfigur \u201eFeinde der Demokratie\u201c. Der Meinungskorridor verschiebt sich nicht, indem offen verboten wird, sondern indem ein Ministerpr\u00e4sident unter freundlicher Moderation entscheidet, welche Medien \u201eJournalismus\u201c sind \u2013 und welche nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Exemplarisch die <em>S\u00fcddeutsche<\/em>: \u201cSchleswig-Holsteins Ministerpr\u00e4sident Daniel G\u00fcnther will das rechte Onlineportal \u2018Nius\u2019 verbieten. \u2018Nius\u2019 wiederum fordert die Unterlassung von Daniel G\u00fcnthers kritischen Aussagen. Was werden die Gerichte dazu sagen?\u201d teaserte das Blatt am 14. Januar. \u201cDer schleswig-holsteinische Ministerpr\u00e4sident hat keineswegs das Verbot eines pseudojournalistischen Portals gefordert. Aber wer wollte, konnte ihn so verstehen\u201d, hie\u00df es exakt 24 Stunden sp\u00e4ter.<\/p>\n\n\n\n<p>Das ist eine neue Qualit\u00e4t, befand Roland Tichy. \u201cDer neue Autoritarismus von Links beginnt &#8230; mit der Forderung, das Offensichtliche zu leugnen. Wer sich weigert, wissentlich falsch zu sprechen, gilt nicht mehr als wahrhaftig, sondern als gef\u00e4hrlich. Das ist die neue Stufe der L\u00fcge. Die L\u00fcge soll nicht einmal mehr geglaubt werden. Sie soll nicht hingenommen werden. Sie soll akzeptiert werden.\u201d Und er schlie\u00dft bitter: \u201cZweifel wird zur Desinformation erkl\u00e4rt. Wahrheit zur Zumutung. Die \u00d6ffentlichkeit soll nicht mehr \u00fcberzeugt, sondern diszipliniert werden.\u201d<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Institutionelle Zur\u00fcckdr\u00e4ngung<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Schaible verf\u00e4hrt anders: Er sammelt Beispiele autorit\u00e4rer \u00dcbergriffe der Rechten; daraus leitet er ab, die Emp\u00f6rung \u00fcber linke Ausgrenzungspraktiken sei nichts anderes als deren propagandistische Verl\u00e4ngerung; und am Ende empfiehlt er, den Begriff \u201eCancel Culture\u201c am besten gleich selbst zu canceln. Das ist eine Art argumentatives Brandstiften: Weil manche Brandmelder manipuliert werden, sollen alle Alarmanlagen abgeschaltet werden. Das Problem verlagert sich von den Flammen zur Frage, wer sie entdeckt.<\/p>\n\n\n\n<p>Bemerkenswert ist, wie wenig der Schaibles Essay zur deutschen Binnenlage sagt. Der Autor erw\u00e4hnt das verbreitete Gef\u00fchl, man k\u00f6nne \u201enichts mehr sagen\u201c, und erkl\u00e4rt es mit der Verunsicherung durch neue Normen. Er l\u00e4sst aber weitgehend aus, wie sich diese Normen in Strukturen und Entscheidungen \u00fcbersetzen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dass ein Landesverband der DLRG seine Satzung so \u00e4ndern will, dass AfD-Mitglieder oder Unterst\u00fctzer ausgeschlossen werden k\u00f6nnen; dass die Berlinale Parlamentsparteien protokollarisch einl\u00e4dt, AfD-Politiker nach Schauspielerprotesten aber wieder ausl\u00e4dt und sie f\u00fcr \u201enicht willkommen\u201c erkl\u00e4rt; dass Kommunen Beschl\u00fcsse fassen, nach denen Parteien im \u201eVerdachtsfall\u201c keine \u00f6ffentlichen R\u00e4ume mehr nutzen d\u00fcrfen; dass \u00f6ffentlich-rechtliche Sender G\u00e4ste nach Online-Kampagnen diskret aus ihren G\u00e4stelisten streichen \u2013 all das kommt im <em>SPIEGEL<\/em>-Text nicht als Struktur vor, sondern bestenfalls als Randerscheinung.<\/p>\n\n\n\n<p>Man kann jeden dieser F\u00e4lle im Einzelnen rechtfertigen oder kritisieren. Was man nicht tun kann, ohne unredlich zu werden, ist, so zu tun, als handle es sich nur um diffuse Empfindungen \u201erechts Au\u00dfenstehender\u201c. Hier werden Zugangsrechte ver\u00e4ndert, Sprecherhierarchien gebaut, oppositionelle Stimmen \u2013 meistens konservative oder rechte, manchmal schlicht nonkonforme \u2013 institutionell zur\u00fcckgedr\u00e4ngt. Gerade das aber bezeichnet der Begriff \u201eCancel Culture\u201c in seinem Kern.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Meinungsfreiheit als b\u00fcrgerliches Prinzip, nicht als rechter Kampfbegriff<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Schaible schlie\u00dft mit der Behauptung, die Cancel-Culture-These sei das \u201eBrecheisen\u201c, mit dem autorit\u00e4re Rechte sich Zugang zur Debatte verschafften; wer die Meinungsfreiheit besonders laut verteidige, sei oft ihr \u201e\u00e4rgster Feind\u201c. Der konservative Kontrapunkt lautet: Meinungsfreiheit ist kein rechter Kampfbegriff, sondern ein b\u00fcrgerliches Prinzip. Sie ist historisch gegen F\u00fcrsten, Kirchen, nationalsozialistische und sozialistische Gleichschaltungsversuche erstritten worden. Sie ist, wie jedes Prinzip, anf\u00e4llig f\u00fcr Missbrauch; aber sie verkommt erst dann v\u00f6llig, wenn etablierte Medien beginnen, jede Kritik an neuen Tabus als von vornherein illegitimes Anliegen zu markieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Wer heute \u2013 wie der <em>SPIEGEL<\/em> \u2013 die Verteidigung der Meinungsfreiheit prim\u00e4r als Strategie \u201eautorit\u00e4ren Rechten\u201c beschreibt, verschiebt das Misstrauen von staatlichen und halb-staatlichen Machtapparaten hin zu jenen, die auf deren \u00dcbergriffigkeit hinweisen. Eine rechtsintellektuelle Antwort besteht genau darin, beides im Blick zu behalten: autorit\u00e4re Fantasien von rechts, die mit eigener Repressionslust einhergehen, und den wachsenden moralischen Gesinnungsdruck von links, der ebenfalls mit Sanktionsmacht ausgestattet ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Bild vom \u201eBrecheisen\u201c ist suggestiv. Es suggeriert rohe Gewalt gegen etwas Kostbares. Schaible will sagen: Die autorit\u00e4re Rechte benutze die Erz\u00e4hlung von der bedrohten Meinungsfreiheit, um die liberalen Institutionen aufzubrechen. Man kann das auch anders lesen: Wenn T\u00fcren so konstruiert werden, dass sie sich von innen nur noch mit dem richtigen Gesinnungscode \u00f6ffnen lassen, wird jedes Werkzeug, das von au\u00dfen ansetzt, wie ein Brecheisen wirken. Das Problem liegt dann weniger im Werkzeug als in einer Schlossanlage, die B\u00fcrger nach ihrer politischen Zuverl\u00e4ssigkeit sortiert. Eine konservative Kulturkritik, die diesen Namen verdient, wird sich weder als Hilfstruppe illiberaler Projekte missbrauchen lassen noch dem <em>SPIEGEL<\/em> das Feld \u00fcberlassen. Sie wird darauf beharren, dass Meinungsfreiheit mehr bedeutet als das Recht, dem Konsens zu applaudieren \u2013 und dass \u201eCancel Culture\u201c kein Phantom ist, sondern ein Symptom daf\u00fcr, dass unsere liberalen Institutionen selbst verf\u00fchrerisch anf\u00e4llig geworden sind f\u00fcr den Reiz des moralischen Ausnahmezustands.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eCancel Culture\u201c ist ein von der extremen Rechten erfundener Mythos, ein propagandistisches \u201eBrecheisen\u201c, um liberale Demokratien zu attackieren &#8211; so die Behauptung von Jonas Schaible im aktuellen SPIEGEL. Wer heute die Meinungsfreiheit verteidige, sei meist ihr \u201e\u00e4rgster Feind\u201c. 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