{"id":7678,"date":"2026-07-19T10:40:20","date_gmt":"2026-07-19T09:40:20","guid":{"rendered":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/?p=7678"},"modified":"2026-07-24T10:43:09","modified_gmt":"2026-07-24T09:43:09","slug":"gedenken-ohne-lizenz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/?p=7678","title":{"rendered":"Gedenken ohne Lizenz?"},"content":{"rendered":"\n<p>Es geh\u00f6rt zu den \u00e4rgerlichsten Eigent\u00fcmlichkeiten der deutschen Gegenwart, dass ausgerechnet jene Milieus, die unabl\u00e4ssig vor den Lektionen der Geschichte warnen, sich immer seltener an deren einfachste politische Moral halten: Geschichte geh\u00f6rt nicht den Lautesten, den Amtlichsten oder denen mit der gr\u00f6\u00dften moralischen Selbstgewissheit. Sie geh\u00f6rt dem Gemeinwesen. Wer etwa des 20. Juli gedenkt, betritt keinen exklusiven Sakralraum eines ideologisch beglaubigten Personenkreises, sondern einen Ort nationaler Erinnerung.<\/p>\n\n\n\n<p>Dass daraus nun wieder eine Zutrittsfrage nach Gesinnung werden soll, sagt alles \u00fcber den Zustand des offiziellen Deutschlands und nichts \u00fcber den 20. Juli. Anlass ist der Eklat im Bendlerblock, wo Tobias Korenke, ein Gro\u00dfneffe Dietrich Bonhoeffers, versuchte, zur Gedenkveranstaltung einen Kranz der AfD-Bundestagsfraktion zu entfernen; Sicherheitskr\u00e4fte griffen ein, der Kranz wurde besch\u00e4digt. Der Leiter der Gedenkst\u00e4tte Buchenwald, Jens-Christian Wagner, hat diesen Vorgang auf <em>msn<\/em> jetzt nicht nur verteidigt, sondern \u00e4sthetisch und moralisch aufgeladen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Niederlegung eines Kranzes durch Vertreter einer Partei, die aus seiner Sicht \u201egeschichtsrevisionistische und holocaustverharmlosende oder sogar NS-verherrlichende Positionen\u201c vertrete, sei ein \u201eAffront gegen die W\u00fcrde der Opfer der NS-Verbrechen\u201c; Korenke verdiene daf\u00fcr gar einen \u201ePreis f\u00fcr Zivilcourage\u201c. Wagner begr\u00fcndet das mit dem Vorwurf, die AfD instrumentalisiere seit Jahren den Widerstand gegen den Nationalsozialismus, indem sie sich selbst in die Linie Stauffenbergs oder der Geschwister Scholl stelle.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/grafik-21.png\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"683\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/grafik-21-1024x683.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-7679\" srcset=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/grafik-21-1024x683.png 1024w, https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/grafik-21-300x200.png 300w, https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/grafik-21-768x512.png 768w, https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/grafik-21.png 1200w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/a><figcaption class=\"wp-element-caption\">Fotozitat: Sebastian Christoph Gollnow\/dpa bei taz.de<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Gerade hier beginnt die Anma\u00dfung. Denn selbst wenn man den Vorwurf der Instrumentalisierung ernstn\u00e4hme, folgt daraus noch lange nicht das Recht, einer legalen Oppositionspartei das nationale Gedenken moralisch abzusprechen. Der Staat hat die AfD nicht verboten; sie ist die gr\u00f6\u00dfte Oppositionspartei im Bundestag, und selbst Karl von Stauffenberg, ein Enkel Claus Schenk Graf von Stauffenbergs, kritisierte zwar die AfD, erkannte aber zugleich an, dass sie im demokratischen Rahmen das Recht habe, an solchen Veranstaltungen teilzunehmen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Toten haben keine Pressestelle<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Das ist der entscheidende Punkt: In einer Demokratie gibt es kein Deutungsmonopol \u00fcber die nationale Geschichte, schon gar nicht f\u00fcr Gedenkst\u00e4ttenleiter, Funktion\u00e4re oder publizistische Gesinnungsw\u00e4chter. Man kann das noch sch\u00e4rfer fassen: Wir sind alle Deutsche, und es ist unser aller Geschichte. Wer am 20. Juli erinnert, erinnert an deutschen Widerstand gegen deutsche Tyrannei auf deutschem Boden.<\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt kein Eigentumsrecht einzelner Milieus an Stauffenberg, Bonhoeffer oder den Geschwistern Scholl. Die Toten haben keine Pressestelle, und ihre Nachfahren auch kein Erbmonopol auf politische Interpretation. Ob im Paradies dereinst die Richtigen von den Falschen geschieden werden, sei dahingestellt; die Richterkompetenz heutiger Funktionstr\u00e4ger in Erinnerungspolitik ist dagegen nirgends ersichtlich. Gerade deshalb wirkt Wagners Wortwahl so unerquicklich: nicht historisch ernst, sondern hoheitlich moralisch. Sie verwandelt Gedenken in Gesinnungsgerichtsbarkeit.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Auftreten Korenkes als \u201eZivilcourage\u201c zu adeln, steigert diese Schieflage noch. Zivilcourage ist ein ernstes Wort. Es meint Widerstand gegen wirkliche Macht, nicht die medienwirksame St\u00f6rung einer Gedenkveranstaltung im Einklang mit dem dominanten Meinungsklima. Nach den Berichten war Korenke kein ahnungsloser Privatmensch, sondern ein erfahrener Kommunikationsprofi mit SPD-Hintergrund: der bildungspolitische AfD-Fraktionssprecher im Bundestag G\u00f6tz Fr\u00f6mming MdB warf ihm in der <em>Jungen Freiheit<\/em> deshalb vor, den Effekt seiner Aktion genau gekannt und die Gedenkstunde gezielt genutzt zu haben, um die AfD vor den Landtagswahlen im September zu diskreditieren.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>nicht dem\u00fctig, sondern herrschaftswillig<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ob man diese Unterstellung teilt oder nicht: Dass die Szene maximale mediale Verwertbarkeit besa\u00df, ist offenkundig. Gerade deshalb wirkt sie weniger wie Zivilcourage als wie symbolpolitische Schauhandlung. Aber wir m\u00fcssen das tiefere Problem freilegen: Deutschland hat eine Erinnerungskultur hervorgebracht, die immer h\u00e4ufiger nicht mehr erinnert, sondern zuteilt. Sie teilt zu, wer trauern darf, wer gedenken darf, wer sich auf Widerstand berufen darf, wer als legitimiert &#8211; und wer als kontaminiert gilt.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese Form des Gedenkens ist nicht dem\u00fctig, sondern herrschaftswillig. Sie lebt vom zeitlos deutschen Bewusstsein bl\u00fctenreiner Gesinnung, das sich auf die jeweils markierten Feindbilder st\u00fcrzt und sich dabei moralisch erh\u00f6ht. Das kennen wir leider aus verschiedenen deutschen Epochen nur allzu gut: nicht als inhaltlich identische Systeme, wohl aber als Struktur offizi\u00f6ser Selbstgerechtigkeit. Gerade ein Gedenkst\u00e4ttenleiter und Geschichtsprofessor sollte f\u00fcr diese Versuchung sensibel sein. Wenn er es nicht ist, hat man am Ort des Erinnerns wom\u00f6glich weniger gelernt, als man st\u00e4ndig behauptet.<\/p>\n\n\n\n<p>Wagner begr\u00fcndet seine Ablehnung mit der These, die AfD stelle sich in eine Widerstandstradition gegen angebliche \u201eCorona-, Merkel-, Ampel- oder Merz-Regime\u201c. Mag sein, dass es in der AfD geschichtsdramatische \u00dcberh\u00f6hungen gibt; in der deutschen Politik gibt es davon allerdings reichlich auf allen Seiten. Entscheidend ist etwas anderes: Die Berufung auf historischen Widerstand ist in einer freien Gesellschaft kein genehmigungspflichtiger Akt.<\/p>\n\n\n\n<p>Historische Analogien k\u00f6nnen klug oder t\u00f6richt, tragf\u00e4hig oder unerquicklich sein. Aber ihre Bewertung darf nicht zur Frage werden, ob man deshalb vom Gedenken ausgeschlossen wird. Sonst verwandelt sich die Erinnerung an den Widerstand selbst in ein Instrument der Ausgrenzung. Genau das w\u00e4re die eigentliche Pervertierung des 20. Juli. Dabei lohnt eine letzte, simple R\u00fcckfrage an die moralischen Hausherren des Gedenkens: Glaubt man wirklich, Stauffenberg oder die Scholls h\u00e4tten Freude an einem offiziellen Milieu gehabt, das sich selbst mit so viel Selbstgewissheit zum Richter \u00fcber legitimes und illegitimes Andenken aufwirft?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Markierung statt Bildung<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Der Widerstand gegen Hitler war kein Klub der Angepassten. Er war ein Sammelpunkt sehr verschiedener deutscher Charaktere, Weltbilder und Motive. Gerade diese Heterogenit\u00e4t macht seine Gr\u00f6\u00dfe aus. Wer ihn heute f\u00fcr die eigene ideologische Reinheitskontrolle vereinnahmt, verr\u00e4t ihn bereits im Akt der Beschw\u00f6rung. Deshalb ist der Fall Korenke mehr als ein peinlicher Zwischenfall. Er ist ein Symptom.<\/p>\n\n\n\n<p>Er zeigt eine Erinnerungskultur, die nicht mehr in erster Linie der historischen Bildung dient, sondern der politischen Markierung. Sie pr\u00e4miert die richtige Geste, nicht die richtige Haltung; sie ehrt den Affekt, nicht den Anstand; sie verwechselt Mut mit Milieukonformit\u00e4t. Und sie hat sich so sehr daran gew\u00f6hnt, gesetzestreue Andersdenkende als moralisch minderberechtigt zu behandeln, dass ihr die eigene Anma\u00dfung kaum noch auff\u00e4llt.<\/p>\n\n\n\n<p>Der 20. Juli aber verlangt etwas anderes: Ernst, Ma\u00df und nationale Weite. Nicht jeder, der gedenkt, wird dadurch schon w\u00fcrdig. Aber ebenso wenig darf irgendein Funktion\u00e4r dar\u00fcber verf\u00fcgen, wer \u00fcberhaupt gedenken darf. Wer diese Grenze \u00fcberschreitet, betreibt keine Aufarbeitung, sondern Herrschaftsritual. Und davon hat Deutschland bereits mehr als genug gesehen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wer etwa des 20. Juli gedenkt, betritt keinen exklusiven Sakralraum eines ideologisch beglaubigten Personenkreises, sondern einen Ort nationaler Erinnerung. 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