{"id":7706,"date":"2026-08-03T16:58:21","date_gmt":"2026-08-03T15:58:21","guid":{"rendered":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/?p=7706"},"modified":"2026-08-16T17:07:21","modified_gmt":"2026-08-16T16:07:21","slug":"die-republik-im-doppelprogramm","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/?p=7706","title":{"rendered":"Die Republik im Doppelprogramm"},"content":{"rendered":"\n<p><em>Warum der eine Komiker als moralischer Sachverst\u00e4ndiger geladen, der andere strafrechtlich verfolgt \u2013 und der dritte gestoppt wird, obwohl er aus dem Lager der Guten heraus das Bessere diskreditiert. Meine Anmerkungen zu Kerkeling, Steimle &amp; Co.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Es geh\u00f6rt zu den zuverl\u00e4ssigsten Zeichen einer ersch\u00f6pften Ordnung, dass sie ihre Gegner nicht mehr nur politisch bek\u00e4mpft, sondern \u00e4sthetisch umzingelt. Wo das Argument nicht mehr reicht, beginnt die Inszenierung. Wo die Mehrheit wankt, w\u00e4chst das Bed\u00fcrfnis nach B\u00fchne. Und wo der politische Konkurrent sich als zu robust erweist, ruft man eben nicht mehr nur Juristen, Professoren und Verfassungssch\u00fctzer auf den Plan, sondern Theaterschaffende, NGO-Gutachter und nun also auch Komiker.<\/p>\n\n\n\n<p>Hape Kerkeling als Experte in einer Anh\u00f6rung zu einem m\u00f6glichen AfD-Verbotsverfahren, Uwe Steimle als Ermittlungsfall nach Paragraph 126 StGB: Man muss sich diese Republik wirklich als eine Art Doppelprogramm vorstellen, in dem nicht mehr Recht und Politik, sondern Rollenverteilung und Gesinnungsdramaturgie \u00fcber den Ton entscheiden. Nat\u00fcrlich ist das alles furchtbar ernst gemeint. Gerade das ist das Komische daran.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/grafik-2.png\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"576\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/grafik-2-1024x576.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-7707\" srcset=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/grafik-2-1024x576.png 1024w, https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/grafik-2-300x169.png 300w, https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/grafik-2-768x432.png 768w, https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/grafik-2.png 1280w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/a><figcaption class=\"wp-element-caption\">Kerkeling auf https:\/\/www.zeit.de\/news\/2023-12\/06\/kerkeling-scherzt-ueber-seine-anfaenge. \u00a9\u00a0Henning Kaiser\/\u200bdpa\/\u200bArchiv<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Denn die politische Klasse und ihr publizistisches Vorfeld haben l\u00e4ngst einen Modus gefunden, in dem selbst die absurdeste Grenz\u00fcberschreitung noch im Ton der moralischen Notwendigkeit vorgetragen wird. Erst kamen Theaterst\u00fccke, Lesungen und Erinnerungsrituale, in denen die AfD nicht als politischer Gegner, sondern als metaphysische Wiederkehr des B\u00f6sen inszeniert wurde.<\/p>\n\n\n\n<p>Erinnern wir uns: Am Thalia Theater Hamburg wurde mit Milo Raus dreit\u00e4gigem \u201eProzess gegen Deutschland\u201c ein fiktives Verfahren \u00fcber ein m\u00f6gliches AfD-Verbot als politisches Theaterereignis inszeniert, also gerade nicht blo\u00df \u00fcber die AfD gesprochen, sondern ihre Ausschaltung bereits \u00e4sthetisch vorweggenommen. Im Fall Arne Semsrott wurde die geplante Lesung seines Buches \u201eGegenmacht \u2013 Die Zivilgesellschaft schl\u00e4gt zur\u00fcck\u201c in der Magdeburger Stadtbibliothek nach einer AfD-Anfrage und interner Pr\u00fcfung sofort als Beispiel eines angeblichen Kulturkampfs gegen \u201erechts\u201c aufgeladen, obwohl es inhaltlich erkennbar um zivilgesellschaftliche Mobilisierung gegen die AfD ging.<\/p>\n\n\n\n<p>Und an der Gedenkst\u00e4tte M\u00fcnchner Platz in Dresden wurde die AfD bei der zentralen Gedenkfeier zum 27. Januar zwar formal eingeladen, zugleich erkl\u00e4rte das mitveranstaltende M\u00fcnchner-Platz-Komitee eine Kranzniederlegung durch offizielle AfD-Vertreter f\u00fcr unerw\u00fcnscht, wodurch Erinnerung ausdr\u00fccklich als Mittel politischer Ausgrenzung eingesetzt wurde. Seitdem folgten unerm\u00fcdliche Gutachten der zivilgesellschaftlichen Vorfeldindustrie. Nun kommt die Komik dazu. Aber nicht als Entlastung, sondern als Staatsornament.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Moralisch aufladen statt juristisch erhellen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Das ist nicht gegen Hape Kerkeling gesagt. Er ist hier weniger Person als Funktion. Gerade darum ist seine Ladung so aufschlussreich. Denn was genau soll ein Entertainer in einer Anh\u00f6rung zur Verfassungsfeindlichkeit einer Partei leisten? Verf\u00fcgt er \u00fcber geheime staatsrechtliche Erkenntnisse? Soll er die Dogmatik des Parteiverbots mit pointierter Miene auflockern? Der Vorgang ist haneb\u00fcchen genug, um fast schon wieder gro\u00dfartig zu sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Staat, der seine gr\u00f6\u00dfte Oppositionspartei nicht mehr kleinregieren kann, versucht es nun offenbar im Modus des Kulturevents. Im Th\u00fcringer Landtag soll Kerkeling als Anzuh\u00f6render beteiligt werden; die Initiative ging von der Linken aus. Im Hintergrund steht seine Rede zur Befreiung Buchenwalds, in der er \u00fcber das Schicksal seines Gro\u00dfvaters sprach. Genau dieses biographische Kapital wird nun politisch umgebucht.<\/p>\n\n\n\n<p>Man sollte sich den inneren Zusammenhang klarmachen. Ein Parteiverbot ist in einer Demokratie der \u00e4u\u00dferste Ausnahmefall. Es setzt voraus, dass eine politische Kraft die freiheitliche Ordnung in ihrem Kern aggressiv bek\u00e4mpft. Deshalb sind die H\u00fcrden hoch. Deshalb liegt die Entscheidung nicht bei Aussch\u00fcssen, Feuilletons und Erregungskollektiven, sondern beim Bundesverfassungsgericht. Und was tut das politmediale Establishment? Es verlegt diese Ausnahmeentscheidung in den Vorraum der Inszenierung.<\/p>\n\n\n\n<p>Es l\u00e4dt nicht nur Sachverst\u00e4ndige, sondern Zeichen ein. Der Prominente soll nicht juristisch erhellen, sondern moralisch aufladen. Gerade darin liegt etwas W\u00fcrdeloses. Nicht gegen\u00fcber Kerkeling allein, sondern gegen\u00fcber der Erinnerungskultur \u00fcberhaupt. Denn diese wird aus ihrem ernsten Zusammenhang herausgel\u00f6st und in die operative Gegenwartspolitik eingespeist. Das ist kein Rechtsstaat mehr in seiner k\u00fchlen Form. Das ist Theater mit Gesch\u00e4ftsordnung.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Der Ost-Komiker als Straffall<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Und nun der Gegenfall. Ein ostdeutscher, dezidiert linker (!) Komiker, der vom <em>MDR<\/em> geschasste Uwe Steimle, nimmt auf einer AfD-Veranstaltung in Dessau-Ro\u00dflau ironisch bis sarkastisch Angela Merkel aufs Korn und mit NS-Bezug auch Friedrich Merz. \u00dcber Merkel sagt er angesichts ihres im Stehen gemalten Portr\u00e4ts, sie werde bald \u201esitzen\u201c, im Moment h\u00e4nge sie erst einmal; wenn der Nagel breche, \u201edann stellen wir sie an die Wand\u201c. \u00dcber Merz fragt er, wo Stauffenberg sei, wenn man ihn mal wirklich brauche.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><a href=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/grafik-3.png\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"1000\" height=\"625\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/grafik-3.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-7708\" srcset=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/grafik-3.png 1000w, https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/grafik-3-300x188.png 300w, https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/grafik-3-768x480.png 768w\" sizes=\"(max-width: 1000px) 100vw, 1000px\" \/><\/a><figcaption class=\"wp-element-caption\">Steimle auf der Veranstaltung mit Siegmund und Chrupalla. Quelle: S\u00fcddeutsche Jan Woitas\/dpa<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Das ist grob, \u00fcberzogen, m\u00f6glicherweise geschmacklos. Aber vor allem ist es Kabarett in jenem alten, riskanten, dunklen Sinn, der auf \u00dcbertreibung, Grenz\u00fcberschreitung und kalkulierte Geschmacklosigkeit setzt. Die Staatsanwaltschaft Dessau-Ro\u00dflau hat deshalb ein Verfahren nach Paragraph 126 StGB eingeleitet. Hier wird das Doppelma\u00df sichtbar, das die Republik inzwischen mit bemerkenswerter Selbstverst\u00e4ndlichkeit pflegt.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein West-Comedian, der auf einer NS-Gedenkveranstaltung in Buchenwald von seinem Opa erz\u00e4hlt, wird von der Linken als quasi moralischer Sachverst\u00e4ndiger in die Vorzone eines Verbotsverfahrens gezogen. Ein Ost-Comedian, der bei einer AfD-Veranstaltung mit historischen Chiffren und sarkastischen Witzen hantiert, wird zum Gegenstand staatsanwaltlicher Ermittlungen. Der eine wird politisch geadelt, weil seine Erinnerung anschlussf\u00e4hig ist. Der andere wird kriminalisiert, weil sein Sarkasmus aus dem falschen Lager spricht.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Die Nachkommen und die politische Sekund\u00e4rmoral<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die j\u00fcngsten Entwicklungen haben dieses Bild noch einmal gesch\u00e4rft. Karl Graf von Stauffenberg, ein Enkel des Hitler-Attent\u00e4ters, warf Steimle \u201eGeschichtsklitterung\u201c und eine \u201eVerharmlosung des Dritten Reichs\u201c vor. Politisch war das fast erwartbar; semantisch aber ist es hochinteressant. Denn damit wird aus einer vielleicht geschmacklosen, aber erkennbar satirischen Chiffre nicht nur ein moralischer Fehltritt, sondern eine erinnerungspolitische Straftat vor dem Strafrecht.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Empfindlichkeit der Nachfahren wird so zum Resonanzverst\u00e4rker eines ohnehin nerv\u00f6sen Staats. Genau hier zeigt sich die neue Sekund\u00e4rmoral der Republik. Nicht nur die Justiz reagiert, nicht nur die Feuilletons reagieren, sondern auch die genealogische Nebenb\u00fchne der Geschichte. Erinnerung ist nicht mehr blo\u00df Ged\u00e4chtnis, sondern Interventionsreserve.<\/p>\n\n\n\n<p>Wer sich auf den falschen Namen, die falsche Chiffre, den falschen historischen Schatten beruft, steht sofort im Licht eines moralischen Gro\u00dfalarms. Der Witz wird nicht mehr am Ma\u00df seiner satirischen Form gemessen, sondern an seiner politischen Anschlussf\u00e4higkeit. Und weil Steimle aus dem falschen Lager spricht, wird aus dem Sarkasmus sofort ein Sicherheitsfall.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201cDas Recht der Erben\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Stauffenbergs Anwalt Moritz Gallenkamp best\u00e4tigte inzwischen gegen\u00fcber <em>BILD<\/em> eine Strafanzeige wegen der \u201cVerunglimpfung des Andenkens Verstorbener\u201d (\u00a7 189 StGB). Darauf steht eine Geldstrafe oder bis zu zwei Jahre Freiheitsstrafe. Gallenkamp w\u00f6rtlich: \u201eDie Aussage von Steimle beschmutzt auf uns\u00e4gliche Art und Weise das Andenken an einen Widerstandsk\u00e4mpfer, der sein Leben gab im Kampf gegen Adolf Hitler und das NS-Regime. Steimle verunglimpft das Andenken an Claus Schenk Graf von Stauffenberg, indem er seinen Gewaltfantasien freien Lauf l\u00e4sst.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Er erkl\u00e4rte zudem, Steimle ziehe das Motiv des Widerstandsk\u00e4mpfers Claus Schenk Graf von Stauffenberg in den Dreck: die Welt von Adolf Hitler zu befreien, den Menschen ihre Freiheit zur\u00fcckzugeben und daf\u00fcr sein Leben zu opfern. Steimle bringe dieses Motiv und die Tat in einen politischen Zusammenhang mit einem demokratischen Politiker, einer demokratischen Partei und einer demokratischen Republik.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Jurist weist auch Steimles m\u00f6glichen Verweis auf die Kunstfreiheit zur\u00fcck: \u201eAbgesehen davon verunglimpft er die Verbrechen des NS-Regimes und die Millionen Opfer. Herr Steimle wei\u00df genau, was er als Kabarettist sagt. Er wurde f\u00fcr eine Wahlkampfveranstaltung der AfD gebucht und hat dort geredet. Er kann sich nicht darauf berufen, dass es Satire gewesen sei, denn das war und ist es offensichtlich nicht\u201c. Gallenkamp k\u00fcndigte zudem weitere rechtliche Schritte an: \u201eDas ist das Recht der Erben.\u201c Neben der Strafanzeige w\u00fcrden nun auch Unterlassungsanspr\u00fcche gegen Steimle geltend gemacht.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Darauf ein \u201cHurz\u201d<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Kein Wunder, dass die andere Seite spiegelbildlich reagiert. Konservative Medien und Kommentarspalten machten aus Kerkelings Ladung in den Landtag prompt ein Spottobjekt. Dort erscheint er nicht als Entertainer, der politisch funktionalisiert wird, sondern als der \u201eSteinmeier unter den Komikern\u201c, als gel\u00e4uterter Oberp\u00e4dagoge, als Mann der richtigen Haltung, kurz: als jemand, auf dessen staatsfromme Erhebung man nur noch mit jenem alten Kerkeling-Code antworten k\u00f6nne, mit einem h\u00f6hnischen \u201eHurz\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Die H\u00e4me ist also da, und sie ist teilweise treffend. Aber sie zeigt auch, wie tief die Komik bereits im Lagerkampf aufgegangen ist. Denn auch das ist Teil des Problems: Der Komiker ist nicht l\u00e4nger Figur der Entlastung, sondern nur noch Ornament oder Zielscheibe. Kerkeling wird links als moralisches Kapital verbucht und rechts als abgehalfterter Haltungsartist verspottet.<\/p>\n\n\n\n<p>Gerade dadurch verschwindet jene Zone, in der Komik einstmals querstehen durfte. Humor wird heute nicht mehr nach Treffsicherheit bewertet, sondern nach Frontzugeh\u00f6rigkeit. Wer im richtigen Lager predigt, darf pl\u00f6tzlich als Sachverst\u00e4ndiger auftreten. Wer im falschen Lager \u00e4tzt, bekommt Staatsanw\u00e4lte, Nachkommen und Leitartikel an den Hals.<\/p>\n\n\n\n<p>Inzwischen liegt auch ein offener Brief von Dirk Hesse, dem Vorsitzenden der Partei der Vernunft, an Hape Kerkeling vor. Das macht die Sache interessanter, weil die Kritik damit aus dem blo\u00dfen Spott herausgef\u00fchrt wird. Hesse greift nicht Kerkelings Ablehnung der AfD an sich an, sondern dessen Denkfigur. In der Sendung <em>Maischberger<\/em> hatte Kerkeling erkl\u00e4rt, eine Partei, die \u201ein Teilen rechtsradikal\u201c sei, gleiche einem Glas Wasser, in das in Tropfen Kloakenwasser geraten sei: Das ganze Glas sei ungenie\u00dfbar. Genau an diesem Bild setzt der Brief an \u2013 und trifft einen wunden Punkt der gegenw\u00e4rtigen Verbotsrhetorik.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Danger Dan und die selektive Kunstfreiheit<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Denn der Kloakenvergleich ist nicht einfach nur polemisch, sondern kollektivistisch. Er hebt die Unterscheidung zwischen individuellem Handeln und blo\u00dfer Zugeh\u00f6rigkeit auf. Wer so argumentiert, sagt eben nicht mehr nur: Einzelne Funktion\u00e4re oder Positionen dieser Partei sind problematisch. Er sagt: Die Gesamtpartei ist moralisch verdorben, und jedes Mitglied steht unter dem Verdacht dieser Verdorbenheit. Der Brief legt mit libert\u00e4rer N\u00fcchternheit frei, was an dieser Logik falsch ist. Weder bei religi\u00f6sen Gruppen noch bei ethnischen Gemeinschaften oder politischen Lagern akzeptiert man zu Recht, dass die radikalsten Teile automatisch f\u00fcr alle stehen. Warum also soll dieser Ma\u00dfstab pl\u00f6tzlich nur bei der AfD gelten?<\/p>\n\n\n\n<p>Gerade darin liegt die eigentliche Schieflage. W\u00e4hrend Steimles uneigentliches, sarkastisches, kabarettistisches Sprechen als eigentlich, ja fast strafrechtlich relevant gelesen wird, darf Kerkelings eigentliches Sprechen \u2013 sein offen formulierter moralischer Totalvorbehalt gegen eine ganze Partei und ihre Mitglieder \u2013 als Stimme des Anstands zirkulieren. Der eine wird maximalistisch interpretiert, um ihn zu kriminalisieren. Der andere darf maximalistisch \u00fcbertreiben, um ihn als moralische Autorit\u00e4t aufzuwerten. Auch das ist Teil des Doppelma\u00dfes: Nicht nur die Komik, auch der Begriff individueller Verantwortung wird inzwischen lagerabh\u00e4ngig angewandt.<\/p>\n\n\n\n<p>Nun k\u00f6nnte man einwenden, all das sei eben der \u00fcbliche Kulturkampf. Das jedoch w\u00e4re zu harmlos. Denn parallel lief noch ein dritter Fall, der das Doppelma\u00df fast musterg\u00fcltig ausleuchtet. Danger Dan sollte mit dem Pianisten Igor Levit in der <em>ZDF<\/em>-Sendung <em>Die Anstalt<\/em> den neuen Song \u201eKeine Angst\u201c auff\u00fchren. Das ZDF stoppte den Auftritt kurzfristig, weil der Text als Gewaltaufruf verstanden werden k\u00f6nne. Diese Absage war \u2013 anders als die K\u00fcnstler jetzt behaupten \u2013 richtigerweise erfolgt.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><a href=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/grafik-4.png\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"960\" height=\"640\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/grafik-4.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-7709\" srcset=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/grafik-4.png 960w, https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/grafik-4-300x200.png 300w, https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/grafik-4-768x512.png 768w\" sizes=\"(max-width: 960px) 100vw, 960px\" \/><\/a><figcaption class=\"wp-element-caption\">Danger Dan und Levit. Quelle: https:\/\/www.spiegel.de\/kultur\/tv\/igor-levit-und-danger-dan-zdf-geschaeftsleitung-untersagt-auftritt-der-musiker-a-c1fd57b9-73b4-44d8-ad4f-cda8f5544bf1 Foto: Rainer Keuenhof\u00a0\/ picture alliance<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Denn der Text spricht nicht nur in antifaschistischer Wolkigkeit vom \u201eWiderstand\u201c, sondern gibt konkrete Hinweise zur Umgehung von \u00dcberwachung, erw\u00e4hnt Handschuhe und Fingerabdr\u00fccke und sendet am Ende \u201eliebe Gr\u00fc\u00dfe an Lina, Gucci, Maja und Nanuk\u201c \u2013 also an Personen aus dem Umfeld linksextremer Gewaltt\u00e4ter, darunter die verurteilten (!) Lina E und Maja T. Das ist nicht blo\u00df subversive Kunst, sondern eine gezielte Flirtbewegung mit militanten Milieus, also Linksaktivismus.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Die zivilreligi\u00f6se Front<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Gerade daran wird die Schieflage sichtbar. Wenn Danger Dan im Konjunktiv, im Song, im hochmoralischen Anti-rechts-Gewand mit militanten Chiffren hantiert und eine verurteilte Linksextremistin gr\u00fc\u00dft, dann hei\u00dft es Kunstfreiheit, Haltung, antifaschistische Zuspitzung. Wenn Steimle hingegen uneigentlich spricht, also im Modus des dunklen Kabaretts, der \u00dcbertreibung, der kalkulierten Geschmacklosigkeit, dann wird aus dem uneigentlichen Sprechen ein eigentliches. Seine Pointe wird als Drohung gelesen, seine Chiffre als Strafsachverhalt, sein Sarkasmus als Sicherheitsrisiko.<\/p>\n\n\n\n<p>Hier ist nicht das Recht inkonsequent, sondern die politische Kultur. Sie misst nicht mit einem Ma\u00df, sondern mit der politischen N\u00e4he zum eigenen Milieu. Was wir hier erleben, ist also die Verwandlung des Politischen in eine zivilreligi\u00f6se Frontbildung. Die AfD wird nicht bek\u00e4mpft wie eine Partei, sondern behandelt wie eine Quelle fortdauernden Sakrilegs, gegen die alle Sph\u00e4ren des gesellschaftlichen Lebens mobilisiert werden d\u00fcrfen. Nicht nur der Verfassungsschutz, sondern auch das Stadttheater. Nicht nur die Staatsrechtslehre, sondern auch das NGO-Milieu. Nun eben auch die Komik. Dem Establishment ist wirklich keine Kulturform zu schade, wenn es darum geht, die Ausgrenzung des Konkurrenten zu forcieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Gerade das ist der politische Kern dieser \u00e4sthetischen \u00dcbermobilisierung: Die Republik glaubt nicht mehr an ihre eigene politische \u00dcberlegenheit, also ersetzt sie Politik durch Moralkulisse. Fr\u00fcher h\u00e4tte man eine Partei bek\u00e4mpft, indem man ihre W\u00e4hler zur\u00fcckgewann, ihre Argumente widerlegte, ihre Funktion\u00e4re demaskierte, ihre Widerspr\u00fcche blo\u00dflegte. Heute baut man stattdessen eine Erregungsarchitektur. Die Partei soll nicht besiegt, sondern beschattet werden \u2013 durch Erinnerung, Prominenz, Gutachten, B\u00fchnenlicht und den st\u00e4ndigen Verweis auf die moralische Unm\u00f6glichkeit ihrer Existenz.<\/p>\n\n\n\n<p>Dass ausgerechnet Komiker in dieser Lage zu Kronzeugen und Verdachtsf\u00e4llen werden, ist deshalb nicht blo\u00df kurios. Es ist folgerichtig. Denn der Komiker ist in einer ersch\u00f6pften \u00d6ffentlichkeit l\u00e4ngst keine Figur der Entlastung mehr, sondern eine Art Staatsornament oder Staatsproblem, je nachdem, wem er dient. Er soll jene Mischung aus Popularit\u00e4t, Sentimentalit\u00e4t und moralischer Anschlussf\u00e4higkeit liefern, die den n\u00fcchternen Verfahren fehlt. Oder er soll, wenn er aus dem falschen Lager spricht, als Exempel f\u00fcr die Gef\u00e4hrlichkeit dieses Lagers herhalten. So oder so wird der Humor politisch funktionalisiert.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Republik im Erregungsbetrieb<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Gerade deshalb wirkt diese Konstellation so entlarvend: Nicht f\u00fcr die AfD, sondern f\u00fcr ihre Gegner. Denn diese zeigen, dass sie dem Recht allein offenbar nicht (mehr) trauen. W\u00e4re die Verfassungsfeindlichkeit derart evident, m\u00fcsste man keine symbolischen Nebendarsteller aufrufen. Dann gen\u00fcgten Akten, Belege, Strukturen, Taten, Programme. Wer hingegen die Aura des Prominenten ben\u00f6tigt, signalisiert gerade dadurch die Unsicherheit der eigenen \u00dcberzeugung.<\/p>\n\n\n\n<p>Und wer umgekehrt auf den Sarkasmus des falschen Komikers sofort mit strafrechtlicher Hochspannung reagiert, zeigt die gleiche Nervosit\u00e4t im repressiven Modus. Das Verbot soll nicht nur juristisch begr\u00fcndet, sondern atmosph\u00e4risch vorbereitet werden; die Opposition nicht nur politisch bek\u00e4mpft, sondern kulturell eingerahmt werden. Vielleicht ist das die eigentliche Pointe: Nicht die AfD wird hier zum Problemfall der Demokratie, sondern die Demokratie selbst in ihrem Umgang mit Konkurrenz.<\/p>\n\n\n\n<p>Denn wenn der eine Komiker wegen Buchenwald zum moralischen Kronzeugen aufsteigt, w\u00e4hrend der andere wegen NS-Anspielungen zum Fall f\u00fcr die Staatsanwaltschaft wird, und ein dritter erst dann gebremst wird, wenn selbst dem geb\u00fchrenfinanzierten <em>ZDF<\/em> die Gr\u00fc\u00dfe an linksextreme Gewaltt\u00e4ter zu viel werden, dann zeigt sich weniger die St\u00e4rke der Ordnung als ihre Nervosit\u00e4t. Der Staat spielt nicht mehr nur Staat. Er spielt bereits Theater. Und das Schlechteste daran ist nicht einmal die Heuchelei. Das Schlechteste ist, dass diese Republik ihren Kulturkampf inzwischen f\u00fcr Rechtsstaat h\u00e4lt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Warum der eine Komiker als moralischer Sachverst\u00e4ndiger geladen, der andere strafrechtlich verfolgt \u2013 und der dritte gestoppt wird, obwohl er aus dem Lager der Guten heraus das Bessere diskreditiert. 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