{"id":7764,"date":"2026-09-01T09:06:10","date_gmt":"2026-09-01T08:06:10","guid":{"rendered":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/?p=7764"},"modified":"2026-09-02T09:10:25","modified_gmt":"2026-09-02T08:10:25","slug":"importierte-unschuld","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/?p=7764","title":{"rendered":"Importierte Unschuld?"},"content":{"rendered":"\n<p>Omar Kamils Buch \u201eMuslimischer Antisemitismus. Woher er kommt, wie er wirkt und was wir tun k\u00f6nnen\u201c (C.H. Beck, 2026) tritt mit einer These an, die im deutschen Diskurs nach dem 7. Oktober 2023 willkommen klingen mag: Der Judenhass unter Muslimen sei kein Wesensmerkmal des Islams, sondern ein giftiger Import aus dem Europa des 19. und 20. Jahrhunderts. Erst im Zuge des Nahostkonflikts, der Nakba und des Scheiterns des arabischen Nationalismus habe sich dieser Import mit islamischer \u00dcberlieferung verbunden und sei zur breiten Erscheinung geworden.<\/p>\n\n\n\n<p>Die \u201eProtokolle der Weisen von Zion\u201c, Ritualmordlegenden und christlich-arabische \u00dcbersetzer europ\u00e4ischer Traktate figurieren als entscheidende \u00dcbertragungswege. Die Dhimmi-Status der Juden unter islamischer Herrschaft wird relativ milde gezeichnet, die lange Geschichte geistigen Austauschs \u2013 Maimonides als Kronzeuge \u2013 hervorgehoben. Antisemitismus sei \u201ekeine historische Abweichung\u201c, die sich korrigieren lasse, kein Teil des \u201eWesens\u201c von Religion oder Kultur.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese Erz\u00e4hlung ist politisch nicht neutral. Sie ist eine Entlastungsstrategie, die die Verantwortung prim\u00e4r nach Europa verlagert, die theologischen Quellen relativiert und den Konflikt mit Israel zum eigentlichen Katalysator erkl\u00e4rt. Dementsprechend gen\u00fcsslich breitete Christoph Schmidt in der linken <em>Frankfurter Rundschau<\/em> diese <a href=\"https:\/\/www.fr.de\/panorama\/neues-buch-schaerft-debatte-um-antisemitismus-im-islam-zr-94453263.html\">Entlastungserz\u00e4hlung<\/a> aus. <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><a href=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/image.png\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"260\" height=\"429\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/image.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-7765\" srcset=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/image.png 260w, https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/image-182x300.png 182w\" sizes=\"(max-width: 260px) 100vw, 260px\" \/><\/a><figcaption class=\"wp-element-caption\">Cover. Quelle: https:\/\/www.chbeck.de\/kamil-muslimischer-antisemitismus\/product\/36974651<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Aus rechtsintellektueller Perspektive \u2013 also aus einer Haltung, die historische Kontinuit\u00e4t, kulturelle Realit\u00e4ten und die Interessen westlicher Gesellschaften priorisiert \u2013 verdient diese These keine Zustimmung, sondern eine n\u00fcchterne Pr\u00fcfung. Sie untersch\u00e4tzt die Eigenst\u00e4ndigkeit islamischer Traditionen, verwischt die Differenz zwischen klassischem Antijudaismus und modernem Antisemitismus und produziert eine Politik der Schonung, die in Europa bereits fatale Folgen hat.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Prinzip der islamischen Superiorit\u00e4t<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Beginnen wir mit dem historischen Befund. Es ist unbestritten, dass europ\u00e4ische Verschw\u00f6rungsmythen im 19. und 20. Jahrhundert in die arabische Welt gelangten und dort begeistert aufgenommen wurden. Die \u201eProtokolle\u201c wurden Bestseller, Nationalsozialisten und Islamisten fanden zeitweise gemeinsame Sprache. Doch die Behauptung, muslimischen Gesellschaften seien solche Stereotype \u201ezun\u00e4chst fremd\u201c gewesen, ist eine Verk\u00fcrzung.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Koran und die Hadith-Literatur enthalten eine Reihe von Stellen, die Juden als Treulose, F\u00e4lscher der Schrift, Gottesm\u00f6rder im weiteren Sinne und als Verfluchte darstellen \u2013 etwa die Vergleiche mit Affen und Schweinen oder die Berichte \u00fcber die Vernichtung der Banu Qurayza in Medina. Diese Texte sind nicht blo\u00df \u201ehistorische Kontextualisierungen\u201c, die man modernistisch weginterpretieren kann; sie geh\u00f6ren zum kanonischen Fundus und werden in der islamistischen Exegese \u2013 von Sayyid Qutb bis zur Hamas-Charta \u2013 systematisch aktualisiert. Die Idee, der Prophet habe mit den j\u00fcdischen St\u00e4mmen Medinas einen \u201eblutigen Konflikt\u201c gehabt, der die Wahrnehmung der \u201eLeute der Schrift\u201c dauerhaft pr\u00e4gte, ist keine europ\u00e4ische Erfindung. Sie ist in der sira und den klassischen Kommentaren verankert.<\/p>\n\n\n\n<p>Die vormoderne Praxis best\u00e4tigt die Diskriminierung. Juden und Christen lebten als Dhimmis unter Schutz, aber unter klarer rechtlicher Minderwertigkeit: Sondersteuern, Kleidungsvorschriften, Einschr\u00e4nkungen beim Hausbau, Zeugenrecht und \u00f6ffentlicher Kultaus\u00fcbung. Periodische Gewalt \u2013 unter den Almohaden, den Mamluken, in Fez, Marrakesch oder im Jemen \u2013 war keine Ausnahme, sondern Teil eines Musters, das auf dem Prinzip der islamischen Superiorit\u00e4t beruhte.<\/p>\n\n\n\n<p>Die romantische Vorstellung einer langen \u201eN\u00e4he\u201c und \u201eInspiration\u201c \u00fcbersieht, dass diese N\u00e4he stets hierarchisch war. Wo Juden kulturell bl\u00fchten, geschah das unter den Bedingungen einer Schutzherrschaft, die jederzeit widerrufen werden konnte. Die Vertreibung und Flucht von Hunderttausenden Juden aus arabischen L\u00e4ndern nach 1948 war nicht allein eine Reaktion auf den Zionismus; sie setzte \u00e4ltere Ressentiments und die Logik des Dhimmi-Status unter modernen Bedingungen fort. Die europ\u00e4ische Moderne lieferte neue ideologische Waffen, aber das Feindbild war bereits vorhanden.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>optimistisch bis zur Naivit\u00e4t<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Politisch brisant wird Kamils These durch die Gleichsetzungstendenz von Schoah und Nakba. Er bestreitet die Einzigartigkeit des Judenmords nicht ausdr\u00fccklich, pl\u00e4diert aber f\u00fcr eine st\u00e4rkere Bezugnahme der Erinnerungsgeschichten. Das ist keine blo\u00dfe akademische Nuance. In der Praxis \u00f6ffnet es der Opferkonkurrenz T\u00fcr und Tor und relativiert die moralische Sonderstellung der Shoah in der deutschen und westlichen Erinnerungskultur.<\/p>\n\n\n\n<p>Wer den Holocaust und die Flucht der Pal\u00e4stinenser in einem Atemzug nennt, bereitet den Boden f\u00fcr jene Narrative, die Israel als \u201ekoloniales\u201c oder gar \u201egenozidales\u201c Projekt brandmarken und damit den klassischen Antisemitismus in antiimperialistisches Gewand kleiden. Die Umfragen, die Kamil selbst erw\u00e4hnt \u2013 deutlich h\u00f6here Zustimmungswerte zu antisemitischen Aussagen unter Muslimen als unter Christen oder Konfessionslosen \u2013, werden so zu einem \u201ehistorischen Produkt\u201c erkl\u00e4rt, das durch Aufkl\u00e4rung \u00fcber gemeinsame Geschichte heilbar sei. Das ist optimistisch bis zur Naivit\u00e4t.<\/p>\n\n\n\n<p>Die politische Realit\u00e4t in Europa nach dem 7. Oktober 2023 widerlegt diesen Optimismus. Die Welle antisemitischer Gewalt, die Demonstrationen mit \u201eFrom the river to the sea\u201c, die Angriffe auf Synagogen und j\u00fcdische Einrichtungen, die Verherrlichung der Hamas in Teilen der muslimischen Communities \u2013 all das l\u00e4sst sich nicht allein mit \u201eImport\u201c und \u201eNahostkonflikt\u201c erkl\u00e4ren. Es handelt sich um die Aktivierung einer tradierte Feindschaft, die durch Migration und Parallelgesellschaften nach Europa \u00fcbertragen wurde.<\/p>\n\n\n\n<p>Wer die theologischen und kulturellen Wurzeln konsequent herunterspielt, macht sich unf\u00e4hig, die Integrationsfrage ehrlich zu stellen. Die Solidarit\u00e4t der Umma, das in Koran und Sunna verankerte Gemeinschaftsgef\u00fchl, wirkt im Konfliktfall als Verst\u00e4rker: Der Jude wird nicht prim\u00e4r als politischer Gegner Israels gesehen, sondern als Teil eines metaphysischen Feindes. Die islamistische Variante, die nach 1967 dominant wurde, ist keine blo\u00dfe \u201eAufladung\u201c eines politischen Konflikts, sondern die R\u00fcckkehr zu einer \u00e4lteren, religi\u00f6s fundierten Ablehnung.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Antisemitismus ist nicht \u201ekorrigierbar\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Rechtsintellektuell muss man hier eine klare Grenze ziehen. Kulturen und Religionen sind keine leeren Gef\u00e4\u00dfe, in die man beliebige Inhalte gie\u00dfen kann. Sie tragen Pr\u00e4gungen, die \u00fcber Jahrhunderte stabil bleiben und in Krisen reaktiviert werden. Der europ\u00e4ische Antisemitismus des 19. Jahrhunderts war eine moderne, rassistische Ideologie, die den religi\u00f6sen Antijudaismus des Christentums transformierte und radikalisierte. Der muslimische Antijudaismus war und ist st\u00e4rker theologisch-rechtlich strukturiert und weniger auf \u201eRasse\u201c als auf Glauben und Status bezogen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Mischung beider Traditionen im 20. Jahrhundert hat etwas Neues und besonders Virulentes hervorgebracht. Aber die Vorstellung, man k\u00f6nne den muslimischen Anteil als \u201eAbweichung\u201c von einem ansonsten friedfertigen Islam abspalten, ist eine westliche Projektion \u2013 eine Fortsetzung jener orientalischen Romantik, die den Islam immer schon besser verstand als die Muslime selbst. Die Konsequenzen f\u00fcr die deutsche und europ\u00e4ische Politik sind gravierend.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn der Antisemitismus unter muslimischen Migranten prim\u00e4r als europ\u00e4isches Erbe und als Reaktion auf Israel gilt, dann lautet die Therapie: mehr interreligi\u00f6ser Dialog, mehr Erinnerung an die \u201egoldenen Zeiten\u201c des Zusammenlebens, mehr Kritik an israelischer Politik und weniger Zumutung an die Herkunftskulturen. Das ist genau der Kurs, der seit Jahrzehnten gescheitert ist. Was n\u00f6tig w\u00e4re, ist eine unsentimentale Konfrontation mit den kanonischen Texten, eine Reform des islamischen Religionsunterrichts, die die problematischen Stellen nicht wegredet, und eine Migrationspolitik, die kulturelle Kompatibilit\u00e4t ernst nimmt. Die Hoffnung, der Antisemitismus sei \u201ekorrigierbar\u201c, weil er historisch entstanden sei, verkennt, dass historische Entstehung keine Garantie f\u00fcr leichte Beseitigung ist. Viele der stabilsten Vorurteile der Menschheit sind historisch entstanden.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Gesamtthese neigt zur Entlastung des Islams<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Kamil leistet mit der Differenzierung zwischen vormoderner Praxis und moderner Radikalisierung einen Beitrag. Die Betonung christlich-arabischer \u00dcbertragungswege und der anf\u00e4nglichen Skepsis mancher reformistischer Denker wie Raschid Rida ist historisch korrekt. Doch die Gesamtthese neigt zur Entlastung des Islams und zur Belastung Europas und Israels. In einer Zeit, in der j\u00fcdisches Leben in europ\u00e4ischen St\u00e4dten wieder bedroht ist, ist das politisch riskant.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein rechtsintellektueller Blick besteht darauf, die Dinge beim Namen zu nennen: Der muslimische Antisemitismus hat tiefere Wurzeln als den europ\u00e4ischen Import. Er speist sich aus einer Tradition der Superiorit\u00e4t und der theologischen Ablehnung, die durch den modernen Konflikt und die Migration nach Europa eine neue, gef\u00e4hrliche Dynamik erhalten hat. Wer das leugnet oder relativiert, handelt nicht im Interesse der Aufkl\u00e4rung, sondern im Interesse einer ideologischen Schonung, die am Ende die Schw\u00e4chsten trifft \u2013 die Juden in Europa und die realistischen Kr\u00e4fte innerhalb der muslimischen Gemeinschaften, die eine echte Reform wollen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Debatte braucht keine weiteren Beschwichtigungsnarrative. Sie braucht die Einsicht, dass Kulturen Verantwortung tragen und dass die westliche Gesellschaft das Recht und die Pflicht hat, ihre eigenen Grundlagen gegen importierte Feindseligkeiten zu verteidigen. Die Geschichte ist kein Baukasten, aus dem man die unbequemen Teile herausnimmt. Sie ist ein Kontinuum \u2013 und der Judenhass im islamischen Kontext geh\u00f6rt dazu.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Debatte braucht keine weiteren Beschwichtigungsnarrative. Sie braucht die Einsicht, dass Kulturen Verantwortung tragen und dass die westliche Gesellschaft das Recht und die Pflicht hat, ihre eigenen Grundlagen gegen importierte Feindseligkeiten zu verteidigen. Die Geschichte ist kein Baukasten, aus dem man die unbequemen Teile herausnimmt. Sie ist ein Kontinuum \u2013 und der Judenhass im islami-schen Kontext geh\u00f6rt dazu.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[5,4],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/7764"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=7764"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/7764\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":7767,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/7764\/revisions\/7767"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=7764"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=7764"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=7764"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}