{"id":7802,"date":"2026-09-10T14:16:01","date_gmt":"2026-09-10T13:16:01","guid":{"rendered":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/?p=7802"},"modified":"2026-09-12T14:18:47","modified_gmt":"2026-09-12T13:18:47","slug":"wenn-wissenschaft-partei-ergreift","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/?p=7802","title":{"rendered":"Wenn Wissenschaft Partei ergreift"},"content":{"rendered":"\n<p>Rahel Jaeggi verteidigt in der <em>FAZ<\/em> die M\u00f6glichkeit einer Wissenschaft, die sich nicht mit vermeintlicher Neutralit\u00e4t begn\u00fcgt, sondern normative Voraussetzungen ausdr\u00fccklich anerkennt. Anlass ist die Aktionswoche \u201eWissenschaft gegen Faschismus\u201c. Die Philosophin wendet sich gegen den Einwand, schon eine solche Selbstbeschreibung verletze das Gebot wissenschaftlicher Wertfreiheit. Ihre zentrale These lautet: Wissenschaft ist niemals voraussetzungslos. Sie orientiert sich an Wahrheit, arbeitet mit Begriffen, w\u00e4hlt Gegenst\u00e4nde aus, setzt Relevanzen und bewegt sich damit immer schon in einem normativen Horizont.<\/p>\n\n\n\n<p>Das klingt zun\u00e4chst plausibel. Es l\u00f6st aber das Problem nicht, sondern verschiebt es. Denn niemand bestreitet ernsthaft, dass Wissenschaftler Werte haben, dass sie ihre Forschungsgegenst\u00e4nde ausw\u00e4hlen oder dass Wahrheit selbst eine epistemische Norm darstellt. Die entscheidende Frage lautet vielmehr: Darf aus dieser unvermeidlichen Wertbezogenheit eine politische Parteinahme der Wissenschaft folgen? Genau hier bleibt Jaeggis Argumentation unscharf. Sie verwischt die Grenze zwischen der normativen Voraussetzung wissenschaftlicher Arbeit und der politischen Festlegung dessen, was Wissenschaft herausfinden soll.<\/p>\n\n\n\n<p>Die klassische Forderung nach Wertfreiheit bedeutet nicht, Wissenschaft m\u00fcsse im moralischen Niemandsland stattfinden. Max Webers Unterscheidung war subtiler: Werte k\u00f6nnen bestimmen, was untersucht wird; sie d\u00fcrfen aber nicht bestimmen, welches Ergebnis herauskommen muss. Ein Forscher kann Armut untersuchen, weil er Armut f\u00fcr unertr\u00e4glich h\u00e4lt. Er darf daraus aber nicht folgern, welche Ursachen von Armut wissenschaftlich zul\u00e4ssig sind. Ein Kriminologe kann Gewalt verhindern wollen und trotzdem verpflichtet sein, T\u00e4terstrukturen, Herkunft, Milieus oder kulturelle Faktoren ergebnisoffen zu analysieren. Ein Historiker darf den Nationalsozialismus moralisch verurteilen; daraus folgt nicht, dass jeder gegenw\u00e4rtige politische Gegner bereits unter den Begriff \u201eFaschismus\u201c subsumiert werden darf.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Der Begriff als Vorentscheidung<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Gerade bei einer Aktion \u201eWissenschaft gegen Faschismus\u201c liegt deshalb das Problem eine Stufe tiefer. Niemand verlangt von Wissenschaftlern Neutralit\u00e4t gegen\u00fcber Auschwitz. Strittig ist, wer oder was heute \u00fcberhaupt \u201efaschistisch\u201c genannt werden kann. Ist eine Partei faschistisch? Sind bestimmte Positionen autorit\u00e4r, nationalkonservativ, populistisch, ethnisch-national oder tats\u00e4chlich faschistisch? Genau das w\u00e4ren Fragen wissenschaftlicher Analyse. Wer jedoch mit der Formel \u201egegen Faschismus\u201c beginnt, hat einen Teil des Ergebnisses bereits in die Fragestellung eingebaut.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><a href=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/grafik-6.png\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"425\" height=\"283\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/grafik-6.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-7803\" srcset=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/grafik-6.png 425w, https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/grafik-6-300x200.png 300w\" sizes=\"(max-width: 425px) 100vw, 425px\" \/><\/a><figcaption class=\"wp-element-caption\">Von Anjadescartesfire &#8211; Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, https:\/\/commons.wikimedia.org\/w\/index.php?curid=60620400<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Das gilt ebenso f\u00fcr das Wort \u201ev\u00f6lkisch\u201c, das schon in der \u00dcberschrift von Jaeggis Beitrag eine zentrale Rolle spielt. Der Begriff ist historisch hochgradig belastet. Er kann ethnischen Nationalismus, Abstammungsdenken, Rassentheorie oder organische Volksvorstellungen bezeichnen. Er kann aber im politischen Gebrauch auch als unscharfes Verdachtswort dienen, das unterschiedliche konservative oder identit\u00e4re Positionen in die N\u00e4he des Nationalsozialismus r\u00fcckt.<\/p>\n\n\n\n<p>Wissenschaft m\u00fcsste hier zuerst differenzieren. Welche Aussage ist tats\u00e4chlich \u201ev\u00f6lkisch\u201c? Welcher Volksbegriff liegt ihr zugrunde? Was unterscheidet kulturelle Kontinuit\u00e4tsvorstellungen von biologischem Rassismus? Wo beginnt Exklusion, wo handelt es sich schlicht um historische oder nationale Selbstbeschreibung?<\/p>\n\n\n\n<p>Wird diese Arbeit \u00fcbersprungen, verwandelt sich der Begriff vom Analyseinstrument in ein Etikett. Danach l\u00e4sst sich leicht fragen, wie man denn gegen\u00fcber \u201ev\u00f6lkischem Denken\u201c neutral bleiben k\u00f6nne. Die moralische Antwort ist dann schon durch die Wortwahl vorgegeben. Das ist der erste grundlegende Fehlschluss: Aus der moralischen Ablehnung eines bereits definierten Faschismus wird eine Berechtigung abgeleitet, aktuelle politische Ph\u00e4nomene im Voraus unter genau diesen Begriff zu stellen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Epistemische Normen sind keine politischen Programme<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Jaeggi argumentiert, normative Voraussetzungen lie\u00dfen sich aus Wissenschaft nicht entfernen. Auch das ist richtig. Wissenschaft lebt von Normen: Wahrhaftigkeit, Nachpr\u00fcfbarkeit, Widerspruchsfreiheit, methodische Transparenz, Falsifizierbarkeit, Revidierbarkeit.<\/p>\n\n\n\n<p>Doch aus diesen epistemischen Normen folgt kein politisches Programm. \u201eWahrheit\u201c und \u201eEmanzipation\u201c sind nicht dieselbe Art von Norm. \u201eMethodische Nachvollziehbarkeit\u201c und \u201eAntifaschismus\u201c ebenfalls nicht. Erstere geh\u00f6ren zur inneren Grammatik wissenschaftlicher Erkenntnis. Letztere sind gesellschaftspolitische Ziele.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Gleichsetzung beider Ebenen ist der entscheidende Kategorienfehler. Dass Wissenschaft ohne Wahrheitsorientierung keine Wissenschaft w\u00e4re, beweist nicht, dass sie sich institutionell einem politischen Ziel verschreiben darf. Gerade Jaeggis Formulierung, kritische Theorie sei eine \u201eParteilichkeit f\u00fcr eine Partei, die das Parteiliche abschafft\u201c, offenbart das Problem besonders deutlich. Denn damit wird die eigene Position nicht weniger parteilich. Sie erkl\u00e4rt sich lediglich selbst zur universalistischen Ausnahme.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Marxist kann behaupten, er vertrete nicht eine Klasse, sondern die Klasse, die alle Klassen abschafft. Der Revolution\u00e4r kann sagen, seine Partei diene der \u00dcberwindung aller Parteien. Der Autorit\u00e4re kann Freiheit beschneiden und dies mit der Herstellung \u201ewahrer Freiheit\u201c begr\u00fcnden. Solche Konstruktionen immunisieren die eigene Position gegen den Vorwurf der Parteilichkeit, indem sie ihr einen h\u00f6heren historischen oder moralischen Rang zuschreiben. Das ist philosophisch traditionsreich, aber wissenschaftstheoretisch gef\u00e4hrlich.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Wenn die eigene Weltanschauung zur Vernunft wird<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Jaeggi selbst beschreibt Ideologie sinngem\u00e4\u00df als eine Perspektive, die den eigenen partikularen Standpunkt zum selbstverst\u00e4ndlichen allgemeinen Standpunkt erhebt. Gerade hier ger\u00e4t ihr Text in einen Selbstwiderspruch.<\/p>\n\n\n\n<p>Denn Begriffe wie \u201eEmanzipation\u201c erscheinen nicht als politisch umstrittene Zielsetzungen, sondern als Ausdruck eines sich historisch entfaltenden Vernunftpotentials. Damit wird eine bestimmte philosophische Tradition von vornherein mit dem Allgemeinen identifiziert. Doch warum sollte gerade diese Tradition das Privileg besitzen, sich selbst als Vernunft auszugeben?<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Konservativer k\u00f6nnte ebenso behaupten, seine Position verteidige nicht partikulare Interessen, sondern die anthropologischen Bedingungen menschlicher Gemeinschaft. Ein Liberaler k\u00f6nnte Eigentum und Vertragsfreiheit zu Voraussetzungen universaler Freiheit erkl\u00e4ren. Ein Nationaler k\u00f6nnte die Nation als notwendige Bedingung demokratischer Selbstbestimmung verstehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Solche Selbstbeschreibungen beweisen gar nichts. Die politische Position wird nicht objektiv, indem sie sich selbst f\u00fcr universal erkl\u00e4rt. Wissenschaft muss deshalb gerade dort skeptisch werden, wo eine Weltanschauung behauptet, keine Weltanschauung mehr zu sein.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Das eigentliche Problem beginnt vor dem Forschungsergebnis<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Noch wichtiger ist allerdings eine Ebene, die Jaeggis Text nur unzureichend erfasst: Wissenschaft wird nicht erst dann politisch beeinflusst, wenn jemand ein unerw\u00fcnschtes Ergebnis verbietet. Sie wird viel fr\u00fcher strukturiert. Welche Professuren entstehen? Welche Institute werden gegr\u00fcndet? Welche Themen erhalten Sonderprogramme? Welche Projekte bekommen Drittmittel? Welche Fragestellungen passen in F\u00f6rderlinien? Welche theoretischen Schulen reproduzieren sich durch Berufungen?<\/p>\n\n\n\n<p>Der zugespitzte Satz, es gebe \u201eacht Lehrst\u00fchle f\u00fcr Kernforschung, aber 173 Lehrst\u00fchle f\u00fcr Genderforschung\u201c, m\u00fcsste f\u00fcr eine belastbare Tatsachenbehauptung nach Definition und Stichtag \u00fcberpr\u00fcft werden. Als politische Chiffre verweist er jedoch auf eine reale wissenschaftspolitische Frage: Kann Wissenschaftsfreiheit allein darin bestehen, dass niemand ausdr\u00fccklich verboten bekommt, \u00fcber Kernenergie zu forschen, wenn \u00fcber Jahrzehnte institutionelle Kapazit\u00e4ten abgebaut werden, w\u00e4hrend andere Felder durch Programme, Professuren und F\u00f6rdermittel expandieren?<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Staat muss selbstverst\u00e4ndlich Schwerpunkte setzen. Ressourcen sind begrenzt. Nicht jede unterschiedliche Finanzierung ist politische Zensur. Aber F\u00f6rderung ist auch niemals v\u00f6llig neutral. Wer Professuren schafft, schafft Forschungsgegenst\u00e4nde. Wer Programme ausschreibt, setzt Problemdefinitionen. Wer Drittmittel an bestimmte Zielsetzungen bindet, strukturiert, welche Fragen \u00fcberhaupt karrieref\u00e4hig werden.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Der Unterschied zwischen Verbot und Verdr\u00e4ngung<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Damit entsteht eine Form politischer Steuerung, die subtiler ist als Zensur. Man muss Kernenergieforschung nicht verbieten, wenn kaum noch entsprechende Lehrst\u00fchle ausgeschrieben werden, Versuchsanlagen verschwinden und Nachwuchswissenschaftler keine Perspektiven sehen. Man muss auch bestimmte gesellschaftspolitische Positionen nicht verbieten, wenn F\u00f6rderprogramme nur Projekte honorieren, die bereits von \u201estruktureller Diskriminierung\u201c, \u201eHeteronormativit\u00e4t\u201c, \u201eTransformation\u201c, \u201eDekolonisierung\u201c oder anderen politisch aufgeladenen Problemdefinitionen ausgehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die entscheidende Frage lautet dann: Darf der Antragsteller auch untersuchen, ob das behauptete Problem \u00fcberhaupt in der angenommenen Form existiert?&nbsp; Wenn eine F\u00f6rderlinie beispielsweise voraussetzt, dass eine bestimmte gesellschaftliche Ungleichheit Ausdruck von Diskriminierung ist, und lediglich nach Mechanismen und Gegenma\u00dfnahmen fragt, dann ist ein Teil des Resultats in die Ausschreibung eingebaut. Das ist keine offene Zensur. Es ist epistemische Pfadabh\u00e4ngigkeit.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Atomkern existiert unabh\u00e4ngig davon, ob es einen Lehrstuhl f\u00fcr Kernphysik gibt. Bei Begriffen wie \u201eHeteronormativit\u00e4t\u201c, \u201eIntersektionalit\u00e4t\u201c, \u201etoxische M\u00e4nnlichkeit\u201c oder bestimmten Konstruktionen von \u201eGender\u201c liegt die Sache anders: Hier enth\u00e4lt bereits die Beschreibung des Forschungsgegenstandes theoretische Vorannahmen. Das macht solche Forschung nicht automatisch unwissenschaftlich. Auch \u00d6konomie, Soziologie oder Rechtswissenschaft arbeiten mit theoretisch erzeugten Kategorien. Aber es erh\u00f6ht die Verpflichtung zur Reflexivit\u00e4t.<\/p>\n\n\n\n<p>Denn wenn der Staat hundertfach Institute finanziert, deren Ausgangspunkt beispielsweise lautet, gesellschaftliche Geschlechterverh\u00e4ltnisse seien als Macht- oder Diskriminierungsstrukturen zu analysieren, dann finanziert er nicht blo\u00df die Untersuchung eines neutral vorgefundenen Objekts. Er institutionalisiert zugleich ein bestimmtes Problembeschreibungsmodell.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Politik definiert ein Problem. Wissenschaft beantragt Geld zur Erforschung dieses Problems. Die Forschung produziert Publikationen, welche die gesellschaftliche Relevanz des Problems best\u00e4tigen. Diese Publikationen rechtfertigen wiederum neue Programme. So kann sich ein Forschungsfeld selbst verst\u00e4rken, ohne dass jemals ein Minister ein Forschungsergebnis diktiert.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Genau davor f\u00fcrchtet sich die akademische Linke<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Bemerkenswert ist, dass viele linke Wissenschaftler dieses Problem sofort verstehen, sobald sie sich eine konservative Regierung vorstellen. Was gesch\u00e4he, wenn eine rechte Wissenschaftspolitik erkl\u00e4rte, Gender Studies, postkoloniale Theorie oder bestimmte Spielarten der kritischen Migrationsforschung seien ideologisch und deshalb nicht mehr f\u00f6rderw\u00fcrdig? Was, wenn Professuren nicht wiederbesetzt, Programme beendet und Mittel in Kerntechnik, Demographie, Familienforschung oder nationale Identit\u00e4tsforschung umgeschichtet w\u00fcrden?<\/p>\n\n\n\n<p>Der Aufschrei w\u00e4re gro\u00df \u2013 und teilweise berechtigt. Denn Wissenschaftsfreiheit w\u00e4re tats\u00e4chlich gef\u00e4hrdet, wenn eine Regierung Forschung allein deshalb institutionell austrocknete, weil deren m\u00f6gliche Ergebnisse politisch unerw\u00fcnscht sind. Nur muss dasselbe Prinzip dann auch in die andere Richtung gelten. Es kann nicht lauten: Linke Wissenschaftspolitik setzt legitime gesellschaftliche Priorit\u00e4ten, rechte Wissenschaftspolitik betreibt ideologische S\u00e4uberung. Entweder darf der Staat Forschungsfelder politisch nach Weltanschauung ordnen \u2013 oder er darf es nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Der einfachste Test besteht in einem Rollentausch. Angenommen, eine konservative Bundesregierung finanzierte hundert Professuren unter dem Titel \u201eNationale Identit\u00e4t und gesellschaftlicher Zusammenhalt\u201c. F\u00f6rderprogramme sollten die kulturellen Kosten massiver Migration, die Stabilit\u00e4t traditioneller Familienstrukturen oder m\u00f6gliche Vorteile gesellschaftlicher Homogenit\u00e4t untersuchen.<\/p>\n\n\n\n<p>Viele heutige Verteidiger politisch engagierter Wissenschaft w\u00fcrden sofort fragen, ob hier das gew\u00fcnschte Resultat bereits in der Problemdefinition stecke. Sie h\u00e4tten damit recht. Aber dieselbe Frage muss gestellt werden, wenn Programme \u201eDiversit\u00e4t\u201c, \u201cGeschlechtergerechtigkeit\u201c, \u201eDekolonisierung\u201c oder \u201eTransformation\u201c zum Ausgangspunkt nehmen. Wissenschaftliche Qualit\u00e4t kann nicht davon abh\u00e4ngen, welche politische Richtung das Erkenntnisinteresse besitzt.<\/p>\n\n\n\n<p>Der entscheidende Ma\u00dfstab lautet: Kann die Ausgangsthese widerlegt werden? Kann Genderforschung zu dem Ergebnis gelangen, dass ein behauptetes Machtverh\u00e4ltnis empirisch nicht existiert? Kann Migrationsforschung feststellen, dass ein bestimmtes Migrationsregime erhebliche gesellschaftliche Nachteile erzeugt? Kann Klimapolitikforschung zu dem Ergebnis kommen, dass ein politisches Instrument ineffizient oder kontraproduktiv ist? Kann Rechtsextremismusforschung feststellen, dass eine untersuchte Position zwar konservativ oder national, aber nicht extremistisch ist? Erst dort zeigt sich Ergebnisoffenheit.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Das Gegenmittel hei\u00dft nicht rechte Gegenwissenschaft<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Aus dieser Kritik folgt keineswegs, linke Forschungsfelder zu verbieten. Das w\u00e4re nur die spiegelbildliche Wiederholung desselben Fehlers. Eine konservative Wissenschaftspolitik sollte nicht entscheiden, welche Ergebnisse richtig sind. Sie sollte daf\u00fcr sorgen, dass alternative Hypothesen \u00fcberhaupt institutionelle Chancen besitzen.<\/p>\n\n\n\n<p>Genderforschung darf existieren. Aber ihre Grundannahmen m\u00fcssen genauso kritisierbar sein wie die jeder anderen Disziplin. Migrationsforschung darf politische Probleme untersuchen. Aber sie muss sowohl Nutzen als auch Kosten analysieren k\u00f6nnen. Kernenergieforschung darf nicht deshalb institutionell verschwinden, weil eine Regierung politisch beschlossen hat, Kernenergie nicht mehr zu wollen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wissenschaftspolitik sollte Optionen offenhalten, nicht Weltanschauungen konservieren. Das w\u00e4re tats\u00e4chlich ein konservatives Verst\u00e4ndnis von Wissenschaftsfreiheit: Schutz vor epistemischer Monokultur. Jaeggis Hauptargument lebt letztlich von einer falschen Alternative. Entweder Wissenschaft bezieht Stellung gegen Faschismus \u2013 oder sie bleibt moralisch neutral gegen\u00fcber Faschismus. Doch das ist nicht die wirkliche Wahl.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Wissenschaftler kann Faschismus moralisch verurteilen und trotzdem wissenschaftlich offen untersuchen, was Faschismus ist. Er kann Rassismus ablehnen und dennoch konkurrierende Definitionen von Rassismus pr\u00fcfen. Er kann eine Partei pers\u00f6nlich f\u00fcr gef\u00e4hrlich halten und als Forscher trotzdem feststellen, dass ein bestimmter Extremismusvorwurf empirisch nicht tr\u00e4gt. Er kann politisch demonstrieren und wissenschaftlich Ergebnisse publizieren, die seiner eigenen politischen \u00dcberzeugung widersprechen. Das ist keine Schizophrenie. Es ist professionelle Rollentrennung.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Wissenschaftsfreiheit sch\u00fctzt die unbequeme Frage<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die eigentliche Probe auf Wissenschaftsfreiheit besteht deshalb nicht darin, ob Universit\u00e4ten Positionen sch\u00fctzen, die in ihrem Milieu ohnehin Mehrheiten besitzen. Sie beginnt bei den unangenehmen Fragen. Ist Kernenergie unter bestimmten Voraussetzungen \u00f6kologisch und \u00f6konomisch sinnvoller als ein vollst\u00e4ndig erneuerbares Energiesystem? Erzeugt bestimmte Migration messbare Probleme bei Kriminalit\u00e4t, Sozialstaat oder Integration? Sind manche geschlechtsspezifischen Unterschiede biologisch mitbedingt? Sind bestimmte Ungleichheiten tats\u00e4chlich Diskriminierung oder Ergebnis anderer Faktoren? Sind traditionelle Institutionen m\u00f6glicherweise funktionaler, als progressive Theorien annehmen?<\/p>\n\n\n\n<p>Genauso muss gefragt werden d\u00fcrfen, ob gesellschaftliche Strukturen Menschen diskriminieren, ob Rassismus fortwirkt oder ob traditionelle Institutionen ungerechte Machtverh\u00e4ltnisse stabilisieren. Wissenschaftsfreiheit sch\u00fctzt nicht \u201erechte\u201c oder \u201elinke\u201c Antworten. Sie sch\u00fctzt die M\u00f6glichkeit, Fragen zu stellen, deren Antwort politisch unerw\u00fcnscht sein k\u00f6nnte.<\/p>\n\n\n\n<p>Jaeggi hat recht mit einem begrenzten Satz: Wissenschaft ist nicht voraussetzungslos. Doch daraus folgt nicht, dass Wissenschaft politisch Partei ergreifen soll. Es folgt vielmehr das Gegenteil. Gerade weil Wissenschaftler Werte besitzen, gerade weil Forschungsgegenst\u00e4nde ausgew\u00e4hlt werden und gerade weil Institutionen Interessen und Weltbilder reproduzieren k\u00f6nnen, braucht Wissenschaft Regeln der Selbstbegrenzung: Ergebnisoffenheit, methodischen Pluralismus, transparente Begriffe und institutionellen Wettbewerb.<\/p>\n\n\n\n<p>Der gef\u00e4hrlichste Zustand entsteht nicht dort, wo Wissenschaft verschiedene politische Perspektiven zul\u00e4sst. Er entsteht dort, wo eine Perspektive so dominant geworden ist, dass sie ihre eigene politische Herkunft nicht mehr erkennt und sich selbst schlicht \u201eVernunft\u201c, \u201eEmanzipation\u201c oder \u201eWissenschaft\u201c nennt.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann wird der politische Gegner nicht mehr widerlegt, sondern aus dem Bereich des wissenschaftlich Legitimen herausdefiniert. Und genau hier liegt das Paradox der gegenw\u00e4rtigen Debatte: Aus Angst davor, eine k\u00fcnftige rechte Regierung k\u00f6nne bestimmen, welche Forschung noch erw\u00fcnscht ist, verteidigt ein Teil des akademischen Milieus Strukturen, in denen l\u00e4ngst politisch mitbestimmt wird, welche Forschungsfragen institutionell Karriere machen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die richtige Antwort darauf ist weder S\u00e4uberung noch Gegenideologie. Sie ist eine Wissenschaftsfreiheit, die ihren Namen verdient: frei nicht von Werten, sondern frei genug, auch die eigenen Werte zum Gegenstand der Pr\u00fcfung zu machen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der gef\u00e4hrlichste Zustand entsteht nicht dort, wo Wissenschaft verschiedene politische Perspektiven zul\u00e4sst. Er entsteht dort, wo eine Perspektive so dominant geworden ist, dass sie ihre eigene politische Herkunft nicht mehr erkennt und sich selbst schlicht \u201eVernunft\u201c, \u201eEmanzipation\u201c oder \u201eWissenschaft\u201c nennt.<br \/>\nDann wird der politische Gegner nicht mehr widerlegt, sondern aus dem Bereich des wissenschaftlich Legitimen herausdefiniert. <\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[6,4],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/7802"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=7802"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/7802\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":7804,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/7802\/revisions\/7804"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=7802"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=7802"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=7802"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}