{"id":943,"date":"2011-04-04T09:53:41","date_gmt":"2011-04-04T08:53:41","guid":{"rendered":"http:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/?p=943"},"modified":"2011-04-04T10:00:37","modified_gmt":"2011-04-04T09:00:37","slug":"was-sind-texte-wert","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/?p=943","title":{"rendered":"Was sind Texte wert?"},"content":{"rendered":"<p>Ja, die Frage ist abgedroschen. Ja, es gibt ebenso viele Antworten wie Antworter. Und erst recht: ja, vor allem aus publizistischer Perspektive gibt es als Wertmassstab <strong>die<\/strong> Qualit\u00e4t nicht.<\/p>\n<p>Es unterscheiden sich auf der <strong>ersten Ebene<\/strong><\/p>\n<ul>\n<li>Prozessqualit\u00e4t (Arbeitsprozesse bei der Zeitungsplanung, Erstellungsprozesse beim TV-Beitrag\u2026) von<\/li>\n<li>Produktqualit\u00e4t (ein Gesamtprodukt wie ein TV-Programm ist in horizontalen und vertikalen Aus- und Querschnitten zu analysieren) und diese wiederum von<\/li>\n<li>personaler Qualit\u00e4t (ein guter Redakteur kann an schlechte Kameram\u00e4nner oder Cutter geraten).<\/li>\n<\/ul>\n<p>Es unterscheiden sich auf der<strong> zweiten Ebene <\/strong><\/p>\n<ul>\n<li>die Qualit\u00e4tsbewertung durch die Rezipienten (Qualit\u00e4t als Resultat &#8211; was gesehen, gelesen\u2026 also \u201egekauft\u201c wird) von der durch<\/li>\n<li>die Experten (Qualit\u00e4t als Norm \u2013 was \u201edie\u201c Medienkritik lobt\/ tadelt; manchmal auch Kollegen und\/oder Vorgesetzte) und diese wiederum von der durch<\/li>\n<li>indirekte Indikatoren wie die Zahl abonnierter Agenturen, die Zahl der Redakteure mit Diplom oder die Zahl der \u00dcberstunden (Qualit\u00e4t als Funktion).<\/li>\n<\/ul>\n<p>Es unterscheiden sich auf der <strong>dritten Ebene <\/strong><\/p>\n<ul>\n<li>die Qualit\u00e4tsbewertungen aufgrund \u00a0schwer vergleichbarer Strukturen (ein Lokalsender ist etwas anderes als die ARD),<\/li>\n<li>Funktionen (eine Nachricht ist etwas anderes als eine Talkshow),<\/li>\n<li>journalistischen Rollenzuweisungen (ein \u201eAnwalt\u201c ist etwas anderes als ein \u201eEntertainer\u201c),<\/li>\n<li>journalistischen T\u00e4tigkeiten (ein Redakteur ist etwas anderes als ein Auslandsreporter) und<\/li>\n<li>publizistischen Eigenschaften wie Aktualit\u00e4t (eine st\u00fcndliche Nachrichtensendung ist etwas anderes als eine Wochenzeitung) oder Genre (eine Glosse ist etwas anderes als ein Portr\u00e4t).<\/li>\n<\/ul>\n<p>Aber die Frage muss gestellt werden angesichts der Zunahme sogenannter \u201eRedaktions-\u201e oder \u201eTextportale\u201c, die vor allem ein Internet-Gesch\u00e4ftsmodell zur Aggregation von Print-, manchmal auch Online-Inhalten darstellen. Was hier an Gesch\u00e4ftsgebaren aufscheint, finde ich haarstr\u00e4ubend; mit Qualit\u00e4t hat es nichts zu tun.<\/p>\n<p>Beispiel: <a href=\"http:\/\/www.textbroker.de\/\" target=\"_blank\">textbroker.de<\/a>. Das ist laut Eigendarstellung eine \u201ePlattform f\u00fcr Studenten, Hausfrauen, Rentner und Sch\u00fcler, die sich in ihrer Freizeit etwas dazuverdienen m\u00f6chten.\u201c Man meldet sich samt Angabe seiner Spezialgebiete an und sucht aus einer Liste mit Stichworten aus diesen Gebieten die Angebote heraus, zu denen man schreiben will. Die abgenommenen Texte werden vom Auftraggeber bewertet, diese Bewertungen bestimmen den Verdienst: ein 3-Sterne-Autor (Startlevel) erh\u00e4lt 0,6 Cent pro Wort; ein 5-Sterne-Autor (h\u00f6chstes, aber kaum erreichbares Level) 4 Cent; das bedeutet pro 500 W\u00f6rter (ca. 1 DIN A4-Seite) zwischen 4,50 und 20 \u20ac. Der Verkaufspreis der Texte liegt zwischen 6 und 30 \u20ac.<\/p>\n<p>Wer sind die angeblich 19 000 Autoren, die \u201eIhre Fachartikel, Rezensionen, Reiseberichte, \u00dcbersetzungen u.v.m. in beeindruckendem Umfang und zu g\u00fcnstigen Tarifen\u201c schreiben? Und was sind das f\u00fcr Unternehmen, die Texte zu diesem Preis beauftragen bzw. nur einen solchen zu zahlen bereit sind? Hinzu kommt die Unverfrorenheit des folgenden AGB-Passus: \u201eDer Autor r\u00e4umt Textbroker bereits hiermit an jedem \u00fcbermittelten Text ein zeitlich, r\u00e4umlich und inhaltlich unbeschr\u00e4nktes, umfassendes, unwiderrufliches, ausschlie\u00dfliches, \u00fcbertragbares und unterlizenzierbares Recht ein, den jeweiligen Text auf s\u00e4mtliche bekannte und unbekannte Nutzungsarten zu nutzen, zu bearbeiten und in bearbeiteter Form zu nutzen.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">\n<div id=\"attachment_944\" style=\"width: 477px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2011\/04\/Bild1.jpg\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-944\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-full wp-image-944  \" title=\"Bild1\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2011\/04\/Bild1.jpg\" alt=\"\" width=\"467\" height=\"479\" srcset=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2011\/04\/Bild1.jpg 555w, https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2011\/04\/Bild1-292x300.jpg 292w\" sizes=\"(max-width: 467px) 100vw, 467px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-944\" class=\"wp-caption-text\">Grafik: Ulrich Kieser. Quelle: &quot;journalist&quot; 4\/2006.<\/p><\/div>\n<p>Beispiel: <a href=\"https:\/\/www.spredder.de\/\" target=\"_blank\">spredder.de<\/a>. Das ist laut Eigendarstellung \u201eein Online-Shop f\u00fcr Qualit\u00e4tsjournalismus. Autoren schreiben, Redaktionen kaufen, um alles andere k\u00fcmmern wir uns.\u201c Auch hier registriert man sich und stellt zugleich einen Artikel ein, der von einer Redaktion gelesen und zur Ver\u00f6ffentlichung freigegeben wird. Redaktionen zahlen f\u00fcr Spredder-Artikel 2 Cent pro Zeichen, also etwa 70 bis 80 Cent pro Zeile. 70 Prozent sind das Honorar f\u00fcr den Autoren, 30 Prozent die Provision f\u00fcr Spredder \u2013 bei einem durchschnittlichen Artikel von 3000 Zeichen erh\u00e4lt der Autor 42 Euro, plus Mehrwertsteuer.<br \/>\nDie Vermutung stimmt: noch fehlen die Autoren, die mitmachen. Und ob diese Festpreise hilfreich sind\u2026<\/p>\n<p>Beispiel: <a href=\"http:\/\/www.dieredaktion.de\/\" target=\"_blank\">DieRedaktion.de<\/a>. Diesen \u201eMarktplatz f\u00fcr journalistische Inhalte\u201c, auf dem Verlage Auftr\u00e4ge ausschreiben und Journalisten sich mit detailliertem Autorenprofil pr\u00e4sentieren k\u00f6nnen, startete k\u00fcrzlich die Deutsche Post. Hierf\u00fcr m\u00fcssen sich die Autoren mit anerkanntem Presseausweis und \u00fcber das Postident-Verfahren registrieren. Die Post \u00fcbernehme f\u00fcr Beitr\u00e4ge, die \u00fcber das Portal verkauft w\u00fcrden, das Management der Honorarforderungen, die der Autor einschlie\u00dflich der gesetzten Rechte selbst festlegen kann. Wer Beitr\u00e4ge \u00fcber die Plattform absetzt, muss die Post mit 30 Prozent am Umsatz beteiligen, zudem wird eine Jahres-Anmeldegeb\u00fchr von 72 Euro f\u00e4llig.<\/p>\n<p>Was ist beobachtbar: eine einstellige Zahl von Auftr\u00e4gen, eine knapp zweistellige Zahl angemeldeter Verlage, knapp 700 registrierte Journalisten. Ein belebter Basar sieht anders aus.<\/p>\n<p>Fazit: Texte sind wirklich nichts mehr wert. Wer seine f\u00fcr wertvoll h\u00e4lt, erf\u00e4hrt Unverk\u00e4uflichkeit und also Wertlosigkeit. Und wer Texte erwirbt, scheint in der Mehrzahl kein Verst\u00e4ndnis mehr f\u00fcr deren Wert zu haben. Ein Dilemma. Und eine L\u00f6sung sehe ich &#8211; leider &#8211; nicht.<br \/>\n<iframe src=\"http:\/\/www.facebook.com\/plugins\/like.php?href=http%3A%2F%2Fwww.dr-thomas-hartung.de%2F%3Fp%3D898&amp;layout=standard&amp;show_faces=true&amp;width=450&amp;action=like&amp;font=lucida+grande&amp;colorscheme=light&amp;height=80\" scrolling=\"no\" frameborder=\"0\" style=\"border:none; overflow:hidden; width:450px; height:80px;\" allowTransparency=\"true\"><\/iframe><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ja, die Frage ist abgedroschen. Ja, es gibt ebenso viele Antworten wie Antworter. Und erst recht: ja, vor allem aus publizistischer Perspektive gibt es als Wertmassstab die Qualit\u00e4t nicht. 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