Von Plagiatoren und anderen Führungskräften…
11. Mai 2011 von Thomas Hartung
Der heutige Tag ist ein guter Tag – für Plagiatsjäger: über Ex-Dr. Guttenberg fällte die Uni Bayreuth ein vernichtendes Urteil; Noch-Dr. Silvana Koch-Mehrin (FDP) tritt von allen Ämtern zurück, die Stoiber-Tochter Veronika geht vorläufig ihres Dr.-Titels verlustig, und der Waiblinger CDU-Landtagsabgeordnete Matthias Pröfrock hat gegenüber der Uni Tübingen bekundet, „derzeit“ seinen Doktortitel nicht mehr zu führen; „aus Respekt vor der Universität Tübingen und vor dem laufenden Verfahren“, wie er mitteilte.
Ist das eine Causa zum Lachen? Für manche schon, wie vor allem bei „SPON“. „Fachkräftemangel mal anders: in der deutschen Politik gibt es multiple Fälle von spontaner Doktorenverpuffung. Jeden Tag eine neue Erfolgsnachricht von FDP.“, ist dort zu lesen. Und davon, dass die „aufgeräumte Nation“ augenzwinkernd ahnt, „dass wissenschaftliches Arbeiten gewiss häufig als Kopiervorgang vonstatten geht, bei dem Mausklicks das Denken und Reflektieren ersetzen.“
Der Humor ist das eine. Augenzwinkernd den Doktorvätern zuzurufen, ihren Schützlingen beizubringen, „dass Abschreiben legal und Teil der Wissenschaft ist – ja. Aber nur sauberes Zitieren wahrt die Grenze, die den Fundort vom Tatort trennt.“, gehört ebenfalls in diese Rubrik.
Leider auch dazu gehören Kommentare wie „Unsere Regierung steht da wie ein Haufen von Idioten. Jetzt denken alle, dass wir von Idioten regiert werden.“ oder „Wer weiß wie viele noch betrogen haben? Deutsche Politiker sind so was von lächerlich. Und so welche sollen Vorbilder sein? Für wen denn bitte?“ oder „Schade nur, dass solche Leute nicht wegen ihrer reichlich erwiesenen Inkompetenz zurückgetreten werden, sondern eigentlich wegen Formalitäten.“
Und genau darauf muss ich hinaus.
Ich weiß noch immer nicht, ob ich mich über das Schicksal der Guttenbergs und Koch-Mehrins dieser Welt freuen oder doch eher von deren Dreistigkeit angewidert sein soll. So viel zum Thema „politische Elite“. Wie viele Leichen bei jenen Vertretern, die wir, das Volk, jahrelang gutgläubig gewählt haben, liegen hier noch im Keller? Zumal bei jenen mit „Promi-Faktor“?
Was mich fassungslos und wütend macht, ist die Unverfrorenheit, mit der heutzutage „akademische“ Grade durch c&p ad absurdum geführt werden. „Man braucht den Namensschmuck um jeden Preis und unter welchen Umständen auch immer, um in jungen Jahren bereits ganz groß herauszukommen“, wie es in einem Blog hieß. Oberflächlich. Fatal. Prinzipien wie Leistung, Berufserfahrung, Rückschläge und Lebenserfahrung gelten nichts mehr. Erfolg um jeden Preis. Sofort.
Das hat jetzt auch Norbert Blüm erkannt („Ehrliche Arbeit“ Gütersloher Verlagshaus; 318 S., 19,99 €): Der Respekt vor der Arbeit sei verloren gegangen, ersetzt von der Erwartung, mehr oder weniger mühelos Geld verdienen zu können – bei verantwortungslosen Bankern ebenso wie beim Volk von Schnäppchen- und Vergnügungsjägern in der Spaßgesellschaft. Seine zunächst ultralinken Empfehlungen („Der Kapitalismus wird daran zugrunde gehen, dass er Arbeiter und ihre Arbeit nicht würdigt«) werden dann doch wertkonservativ, aber: die Arbeitsgesellschaft, zu der er sich bekennt, unterschiedet sich fundamental von der modernen Hartz-Welt. Blüm will keine Arbeit um jeden Preis; er hält Teilhabe an der Arbeitswelt allein für sich nicht für einen Selbstzweck. Kategorisch schreibt er gegen niedrige Löhne, Zeit- und Leiharbeit an, gegen den Wegfall der Tarifautonomie und »Hungerlöhne« in atypischen Beschäftigungsverhältnissen.
Die EU-Parlamentarierin mit der niedrigsten Anwesenheitsquote nun gehört offenbar zu den Respektlosen; zu einer Kaste, die sich „Führungskräfte“ nennt, keine Regeln befolgt, sich willkürlich bedient, ohne nachweisbare Leistung zu bringen (im Gegenteil!) und alles tut, um das Schäfchen möglichst früh und komfortabel in’s Trockene zu bringen. Die Flut von Doktortiteln würdigt den Titel herab. Wenn jemand eine besondere Leistung vollbracht hat, die der Menschheit nützt und nicht eine kleine Clique durch Selbstbestätigung beklatscht, dafür muss der Titel eine besondere Anerkennung sein.
Aber jetzt? Wer ist der/die nächste?
