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Herzlich willkommen!

Als AfD-Landtagsfraktionspressesprecher und Freier Journalist für konservative Medien blogge ich unregelmäßig Betrachtungen zu Interessantem und Wissenswertem aus politischer und Alltagskultur. Ich schreibe regelmäßig für „Zuerst“ und habe unter dem Titel „Negerkuss und Nazistuss“ eine eigene Kolumne beim Tumult-Blog.

Als Bildungsbürger kommentiere/rezensiere ich vielerlei kulturelle Phänomene – vom Roman über den Musikergeburtstag bis zum Regisseurstod.

Als Dozent und Mitglied im Landesfachausschuss Bildung informiere ich Sie auf meiner Webpräsenz auch über meine Aktivitäten rings um die Themenkreise Hochschule, Wissenschaft, Medien und Kultur.

Und als Mensch lasse ich Sie gern an meinen freizeitlichen Aktivitäten teilhaben, zu denen nicht zuletzt Kochen gehört 😉

Warum gerade Betrachtungen?

Ich empfinde dieses Genre – eine Meinungsdarstellungsform übrigens – als eins der zeitgemäßen schlechthin.

Eine Betrachtung soll durch Beschreibungen und Schilderungen, Vergleiche und Annäherungen bis hin zur Analyse einem Ereignis, einer Situation, einem Gegenstand oder auch einem (gesellschafts-) politischen Problem Individualität verleihen: Recherche darf in gewissem Maße substitutiert werden durch Subjektivität.

Die Betrachtung ist durchaus mit derselben eines Kunstwerks in einer Ausstellung vergleichbar: man wählt zunächst die Gesamtschau und wechselt dann zu einzelnen Aspekten.

Dabei ist dem Genre eigen, dass die Prioritäten dieser Aspekte oft im Vagen bleiben: aus der Betrachtung erwächst ein Gedanke, der das formale Ziel darstellt.

Der Gegenstand darf dabei Randerscheinung eines größeren Zusammenhangs bleiben: „die Bedeutung des Unbeachteten birgt den Kern ihrer Aussage“ (Degen 2004).

Viel Spass beim Lesen – und natürlich beim Kommentieren!

Als er unter dem Vorwand einer wichtigen wirtschaftspolitischen Beratung kurzfristig für den 23. März 1968 nach Dresden gerufen wird, ahnt er nicht, mit welch massivem Aufwand alle anderen bereits in den letzten drei Wochen, seit Aufhebung der Zensur in der ČSSR, Informationen über seine Politik der Öffnung gesammelt und eine konzertierte Aktion vorbereitet haben. Als sich in Elbflorenz die Generalsekretäre der sechs sozialistischen Bruderparteien versammeln (UdSSR, Polen, Ungarn, Bulgarien, DDR und ČSSR – das eigensinnige Rumänien wurde ganz bewusst nicht eingeladen) und in einer gemeinsamen Attacke versuchen, ihn und seine Genossen einzuschüchtern, wird streng darauf geachtet, das nichts nach außen dringt. Und so machen sich westliche Zeitungen – ohne wirkliche Quellen – ihren Reim darauf.

Der Daily Express schreibt nach der Konferenz in Dresden: „Der ruhige Tscheche geht als Sieger nach Hause.“ Der neue Parteichef habe in Dresden triumphiert. Ein paar Meter weiter, beim konservativen Daily Telegraph, das komplett gegenteilige Bild: „Nach der panischen kommunistischen Supergipfeltagung scheint es möglich, dass Russland bereit sei, Gewalt anzuwenden.“ Zwei Mal ein Blick in die Glaskugel – denn valide Informationen besitzen beide Blätter nicht. Ganz bewusst wurde in Dresden kein offizielles Protokoll angefertigt: Auch 1968 schon hatte man Angst vor den Leaks im eigenen Apparat. Aber ein inoffizielles gibt es, heimlich stenografiert und von Walter Ulbricht, möglicherweise in Absprache mit Leonid Breschnew, angeordnet.

Alexander Dubcek. Quelle: https://www1.wdr.de/stichtag/stichtagnovemberzwoelf138~_v-gseapremiumxl.jpg

Während Breschnew in Dresden versucht, zwei Rollen auf einmal zu bedienen – die des aggressiv Parteidisziplin einfordernden Chef-Generalsekretärs und die des sorgenden Vaters, für den das Wohl der sozialistischen Gemeinschaft an oberster Stelle steht, erweist sich ausgerechnet Polens Parteichef Władysław Gomułka als Scharfmacher: „Ihre Führung und Ihre Regierung haben im Wesentlichen nichts in der Hand. Sie führen nicht. Sie regieren nicht. … Wir haben nicht die Absicht, uns in die inneren Angelegenheiten einzumischen, aber es gibt Situationen, wo so genannte innere Angelegenheiten äußere Angelegenheiten werden, also Angelegenheiten des ganzen sozialistischen Lagers.“ Und dann schlägt Breschnew zu: „Wir können der Entwicklung in der Tschechoslowakei nicht mehr länger unbeteiligt zuschauen.“ Damit ist das Schicksal des „Prager Frühlings“ und auch seins als Parteichef früh besiegelt: Alexander Dubček, der am 27. November vor 100 Jahren im nordwestslowakischen Uhrovec als zweiter Sohn eines Tischlers und Kommunisten geboren wurde.

„sozialistisch“ nicht gerechtfertigt

Der Vater folgt dem Aufruf der „Internationalen Arbeiterhilfe“, sich am Aufbau der Sowjetunion zu beteiligen, übersiedelt mit seiner Familie 1925 und lebt bis zur Rückkehr 1938 anfangs im kirgisischen Bischkek (heute Frunse), ab 1933 in Zentralrussland. In dieser Zeit lernte Alexander Maschinenschlosser. 1939 wurde er Mitglied der Kommunistischen Partei der Slowakei (KPS), war ab 1941 Facharbeiter in den Skoda-Werken in Dubnica nad Váhom und nahm 1944 zusammen mit der Partisaneneinheit „Jan Ziska“ am Slowakischen Nationalaufstand teil. In den Kämpfen kommt sein älterer Bruder ums Leben. 1945 beginnt er als Schlosser in einer Hefefabrik in Trencin zu arbeiten und heiratet seine Kindheitsfreundin Anna. Aus der Ehe gehen drei Söhne hervor. Ab 1949 machte der als spröde, blass und unscheinbar beschriebene Dubček über verschiedene Parteiämter Karriere, ging 1955 für drei Jahre zum Studium an die Moskauer Parteihochschule und erlebt das Tauwetter nach Stalins Tod.

Nach seiner Rückkehr gerät er prompt in Konflikt mit Antonín Novotný, dem damaligen Ersten Sekretär des Zentralkomitees der KPČ. So lehnt er dessen Verfassungsreform von 1958 ab: Nach seiner Meinung war bspw. die Namensänderung von ČSR in ČSSR – also der Zusatz „sozialistisch“ – nicht gerechtfertigt. Der Kampf kulminierte am 31. Oktober 1967: Dubcek fordert auf einer ZK-Tagung seinen Rücktritt, da dessen autoritäres und starres System immer mehr auf Ablehnung innerhalb der Bevölkerung stoße. An diesem Tag hatten Studenten gegen die Zustände in ihren Wohnheimen protestiert, Novotný ließ die Proteste gewaltsam auflösen. Letztlich ging es dabei um Banales, meint der Münchner Historiker Martin Schulze Wessel im DLF: „Es ging darum, dass es in dem Studentenwohnheim keinen Strom und keine Heizung gab. Und man ging dann mit Losungen auf die Straße‚ wir wollen mehr Licht, mehr Wärme, was auch sehr bildhaft zu verstehen war.“ Am 5. Januar 1968 löste Dubček Novotný als Ersten Sekretär der KPČ ab – noch mit Moskauer Zustimmung.

Auf dem Wahlparteitag. Quelle: https://www.deutschlandfunkkultur.de/media/thumbs/7/7c2d28f537fec5866d0883ce89a32a54v1_max_635x357_b3535db83dc50e27c1bb1392364c95a2.jpg?key=49b886

„Wir wussten nicht viel über ihn, aber die Slowaken versicherten uns, dass er einen beträchtlichen Schub in Sachen Freiheit bringen würde. Man konnte mit ihm reden. Im Grunde genommen war er ein lieber Mensch, der versuchte, mit jedem gut auszukommen. Er war nicht dieser traditionelle Kommunist, der genau wusste, was die Wahrheit ist“, so der Schriftsteller Ivan Klíma. Schlüsseldokument wurde ein Aktionsprogramm, das Dubček vor dem Zentralkomitee verteidigte: „Wir müssen der Initiator für die Verfassungsänderung unserer Republik werden. Dabei geht es nicht nur um die Verbesserung von Missständen, sondern tatsächlich um ein neues Konzept, das den Bedürfnissen unserer Gesellschaft in den kommenden Jahren gerecht wird.“ Eine technokratische Expertenregierung sollte die Krise beenden und wurde im April unter Oldrich Cernik gebildet, und auch die langjährigen Forderungen der Slowaken nach stärkerer Selbstbestimmung sollten die Reformer erfüllen.

„die Bürger konnten Einfluss nehmen“

Das Parteiorgan Rudé Pravo schrieb von einem „tschechoslowakischen Weg zum Sozialismus“. Besonders die Gesellschaft soll liberalisiert werden, um dem „Sozialismus ein menschliches Antlitz“ zu geben. Unter anderem wird die Zensur abgeschafft, den Bürgern die Versammlungs- und Vereinigungsfreiheit garantiert, Reisen ins westliche Ausland erlaubt sowie Privatisierungen kleinerer Betriebe sowie Entscheidungskompetenzen für Betriebsräte eingeleitet. Kommunismus, Einparteiensystem und die Treue zu Moskau dagegen stellte Dubček nicht in Frage: „Es ist nicht nötig, darüber zu diskutieren, ob die Partei die führende Rolle behalten soll oder nicht, aber wir müssen die Art der tatsächlichen Anwendung dieser Rolle überprüfen.“ Er wird zur weltweit berühmten Symbolfigur des sogenannten Prager Frühlings, erhält den Tschechoslowakischen Friedens- und den Dimitroff-Preis.

In kurzer Zeit entwickelte sich in der Tschechoslowakei eine kritische Öffentlichkeit, sagt der Historiker Vítězlav Sommer ebenfalls im DLF: „Die Medien wurden zu einer mehr oder weniger freien Tribüne für den Austausch darüber, in welche Richtung die Reform gehen sollte. Nun wurde die Entwicklung nicht nur von oben, von Politikern und Experten gesteuert, sondern auch die Bürger konnten Einfluss nehmen, von unten.“ Jenseits der Partei entstanden offene politische Gruppierungen wie der „Klub der engagierten Parteilosen“ und unabhängige Studentenorganisationen. Zum bedeutenden Zeugnis des aufkeimenden Pluralismus wurde das „Manifest der 2000 Worte“, das im Juni massive Kritik an der Politik der Partei äußerte. Im September sollte ein vorgezogener großer Parteitag die Reformer endgültig legitimieren.

Prager Frühling. Quelle: Von The Central Intelligence Agency – 10 Soviet Invasion of Czechoslovakia, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=29195095

Doch als Anfang August in Bratislava ein letzter Versuch der „sozialistischen Bruderländer“ scheiterte, die tschechoslowakischen Genossen zur politischen Umkehr zu bewegen, okkupieren in der Nacht auf den 21. August Truppen des Warschauer Paktes das Land. Die DDR-Volksarmee blieb hinter der Grenze, denn man wollte jede Erinnerung an den Einmarsch der deutschen Wehrmacht 1938/1939 vermeiden. Historiker sprechen von mehr als 100 Toten und 500 Verletzten. Die NATO musste dem Einmarsch tatenlos zusehen, jede Hilfe war wegen der atomaren Bedrohung völlig ausgeschlossen. Am 12. November 1968 erlässt der sowjetische Parteichef dann seine „Breschnew-Doktrin“, die von einer beschränkten Souveränität der sozialistischen Staaten sprach und eine neue Erstarrung der beiden Blöcke im „Kalten Krieg“ auslöste.

Dubček verharrt im Prager ZK-Gebäude, bis er verhaftet wird. Anschließend wird er nach Moskau verschleppt und unterzeichnet dort mit dem „Moskauer Protokoll“ die Kapitulationsurkunde des Reformprozesses sowie die Einführung politischer Verhältnisse nach sowjetischem Vorbild. Er kehrt als gebrochener Mann zurück. Als er vor dem Radiomikrophon saß, um die Ergebnisse aus Moskau zu verkünden, versagte ihm mehrmals die Stimme. Am 17. April 1969 musste er als Parteichef der KPČ zurücktreten und durfte ein halbes Jahr den unbedeutenden Posten des Parlamentspräsidenten bekleiden. Danach für kurze Zeit als Botschafter in die Türkei abgeschoben, wird ihm im Januar 1970 sein Platz im ZK der Partei, im April sein Mandat im Slowakischen Nationalrat und im Juni seine Parteimitgliedschaft entzogen.

Nach der Niederschlagung. Quelle: https://ghdi.ghi-dc.org/images/30015713%20copy1.jpg

Dubček weigert sich, das Land zu verlassen, und arbeitet bis zu seiner Pensionierung, abgeschirmt von der Öffentlichkeit durch den Sicherheitsdienst, als Aufseher eines Fuhrparks der Waldarbeiter in einem Forstbetrieb in Bratislava. 1974 beschwert er sich in einem Brief an den neuen Parteichef Husák über die Verweigerung der Promotionsfeier für seinen Sohn und kritisiert zusätzlich die politische Situation im Lande. Husák, der kein Stalinist war, aber Realismus mit Opportunismus auf den einen Nenner der Macht brachte, bescheinigte dem Vorgänger „ehrliches Bemühen“ plus Naivität und Romantik. Die 1977 vor allem von Václav Havel initiierte „Charta 77“ unterschrieb Dubček nicht.

unvorsichtige Politik?

1988 darf er auf Drängen der italienischen Kommunisten die Ehrendoktorwürde für politische Wissenschaften der Universität Bologna im Rahmen ihrer 900-Jahres-Feier entgegennehmen. Die Prager Reformbewegung wäre ohne das gewaltsame Eingreifen der Sowjetunion sicherlich erfolgreich gewesen, ihre Ziele ähnelten denen der Reformpolitik Michail Gorbatschows, sagte er in seiner Rede. Noch immer jedoch würden Menschen, die so dächten wie er, in der ČSSR verfolgt. Es war Dubčeks erster öffentlicher Auftritt in einem westlichen Staat überhaupt. Im Zuge der Reformpolitik ab 1989 wird er Mitbegründer der Bewegung „Öffentlichkeit gegen Gewalt“ (VPN).

Er trat am 22. November im Rahmen der „Samtenen Revolution“ erstmals wieder in Prag öffentlich auf. Zwei Tage später sprachen Havel und er am Wenzelsplatz zu hunderttausenden Demonstranten und forderten den Rücktritt des Politbüros der Kommunistischen Partei. „Es kommt, glaube ich, sehr selten vor, dass ein Mensch, der bei der Geburt einer großen Bewegung dabei ist, 20 Jahre später wieder in dieselbe Politik zurückkehrt“. Doch es ist nicht dieselbe Politik. Die Bevölkerung will keinen demokratischen Sozialismus, sondern einen freiheitlichen Kapitalismus. Seine Zeit ist vorbei, obgleich die alte Parteiführung ging und er rehabilitiert wurde.

Dubcek und Havel. Quelle: https://www.l-iz.de/wp-content/uploads/2018/10/schmidt_havel.jpg

Am 28. Dezember 1989 wieder zum Parlamentspräsidenten gewählt, erhält er den Sacharow-Menschenrechtspreis und in den nächsten 20 Monaten die Ehrendoktorwürde der Universitäten Madrid, Washington, Bratislava, Brüssel und Dublin. 1990 stirbt seine Frau Anna. Er verlässt die VPN wegen deren nationalistischen Bestrebungen, tritt 1992 in die Sozialdemokratische Partei der Slowakei (SDSS) ein, deren Vorsitz er im Juni übernimmt, und wird als heißer Kandidat für das Amt des slowakischen Präsidenten gehandelt. Am 1. September erleidet er dann auf der Autobahn nahe der Stadt Humpolec mit seinem Dienst-BMW einen schweren Unfall: Aquaplaning und überhöhte Geschwindigkeit, heißt es später. Er bricht sich Rückgrat und Becken und stirbt am 7. November im Prager Homolka-Krankenhaus. Die Aufspaltung des Landes in Tschechien und Slowakei erlebt er nicht mehr.

Da der Chauffeur und ehemalige Mitarbeiter des tschechischen Geheimdienstes, Jan Resnik, der zudem als rasanter Fahrer verschrien war, lediglich leicht verletzt wurde, nur wenige Vertraute Route und Ziel kannten und die Aktentasche Dubčeks, die brisante Dokumente über die Rolle des KGB bei der Niederschlagung des Prager Frühlings enthalten haben soll, spurlos verschwindet, wird von seinem Sohn Pavol und anderen bis heute die These eines gezielten Anschlags diskutiert. Letzteren versuchte der Jurist Liboslav Leksa in seinem 1998 veröffentlichten Buch „Tragödie am Kilometerstein 88“ zu beweisen. Doch mehrere staatliche Untersuchungen, die diesem Verdacht nachgingen, fanden – zuletzt und endgültig 1999 – keine Hinweise auf Unregelmäßigkeiten.

Sowohl in der Tschechischen Republik als auch in der Slowakei wird der „Prager Frühling“ heute zum großen Teil als unvorsichtige Politik gewertet, die die Tschechoslowakei danach zu einem der repressivsten kommunistischen Staaten überhaupt werden ließ. Denn Dubčeks „dritter Weg“ hätte unweigerlich in eine Demokratie geführt: Zu schnell entwickelte sich in breiten Schichten der Bevölkerung der Wunsch, nun alle Freiheiten zu genießen. Jede dieser Freiheiten, zumindest aber ein Mehrparteiensystem, hätte den Sozialismus zweifellos beendet.

Grab in Bratislava. Quelle: Von Teodor Baník (sculptor) ‹›Kelovy (photo) – Eigenes Werk, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=1746925

So hat der tschechische Reformer ungewollt eines endgültig bewiesen: Einen „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“, wie ihn Teile der bundesdeutschen Linken bis heute propagieren, kann es nie geben. „Wer den Sozialismus vermenschlichen will, muss ihn beseitigen“, meint der Politologe Andreas von Delhaes-Guenther im Bayernkurier. „Denn der Allmachtsanspruch dieser Ideologie, das Gleichmachen von Ungleichem, das zwangsweise zum Scheitern verurteilte Wirtschaftskonzept und die Idee, den Menschen jede Eigenverantwortung zu nehmen, führt zwangsläufig immer in die Diktatur.“

Keiner kann so ausrasten wie er: 1972 brüllt er den Regisseur Werner Herzog an, der mit ihm „Aguirre, der Zorn Gottes“ in Peru dreht. „Sie sind kein Regisseur, Sie müssen bei mir lernen!“, schreit er. „Sie sind ein Anfänger, ein Zwergen-Regisseur sind Sie, aber kein Regisseur für mich!“ Die Ureinwohner, mit denen Herzog drehte, boten ihm damals an, den Schauspieler zu töten, wenn er nicht aufhörte, am Set herumzuschreien. „Dieses Angebot war sehr ernst gemeint. Ich hätte bloß nicken müssen“, sagte Herzog 2018 dem Tagesspiegel. „Das Interessante daran war, dass die Leute im Dschungel, unglaublich stille Menschen, eher dazu bereit waren, einen Mord zu begehen, als ständiges Geschrei zu ertragen.“

Dabei erweckte zumindest der junge Darsteller mit seinem unschuldigen Schmollmund, dem entrückten Himmelfahrtsblick und der hohen Stimme so gar nicht den Eindruck des unberechenbaren Egomanen. Mit markantem Gesicht und stechendem Blick ist er später der ideale Darsteller für Besessene aller Art. Rund 140 Filme dreht er – darunter viel Schrott, wie er selbst findet. „Ich habe in meinem Leben auch Klosetts gescheuert. Und plötzlich hab‘ ich, anstatt Toiletten zu scheuern, eben Scheißfilme gedreht, weil ich es auch konnte“, sagt er einmal. Obwohl er von vielen seiner Filme nichts hält, hat er von sich selbst doch immer die höchste Meinung gehabt und konnte nie genug bekommen, nicht genug Geld, nicht genug Sex, nicht genug Verehrung: Klaus Kinski, der am 23. November 1991 in seiner Wahlheimat San Francisco unerwartet an einem Herzinfarkt stirbt.

Als Klaus Günter Karl Nakszynski kommt er 18. Oktober 1926 im Danziger Stadtteil Zoppot als letztes von vier Kindern eines Apothekers zu Welt. 1930 zog die Familie nach Berlin. Nach eigenen Aussagen musste sich Kinski während der Schulzeit Geld zum Unterhalt selbst verdienen: Als Schuhputzer, Laufjunge und Leichenwäscher. Das ist nicht weiter belegt. Im Zweiten Weltkrieg wurde er 1944 zu einer Fallschirmjägereinheit der Wehrmacht eingezogen, geriet an der Westfront in den Niederlanden, offensichtlich verwundet, in britische Kriegsgefangenschaft und wurde Im Frühjahr 1945 aus einem Lager in Deutschland in das Kriegsgefangenenlager „Camp 186“ in Berechurch Hall bei Colchester in Essex gebracht. Hier spielte er am 11. Oktober in der Groteske „Pech und Schwefel“ seine erste Theaterrolle auf der provisorischen Lagerbühne, die vom Schauspieler und Regisseur Hans Buehl geleitet wurde. In den folgenden Aufführungen spielte er regelmäßig Frauenrollen.

Klaus Kinski 1976 in Paris. Quelle: https://cdn.prod.www.spiegel.de/images/83ac4150-0001-0004-0000-000001372359_w996_r1.778_fpx42.09_fpy49.98.jpg

Im Frühjahr 1946 gehörte er zu den letzten Gefangenen, die aus dem Lager zurück nach Deutschland geschickt wurden. Nach eigener Darstellung habe er zunächst mit einer sechzehnjährigen Prostituierten, die er im Zug kennengelernt habe, sechs „wilde“ Wochen in Heidelberg verbracht, diese aber verlassen und danach an Theatern in Tübingen und Baden-Baden gearbeitet, wo er auch vom Tod seiner Mutter durch einen Luftangriff in Berlin erfahren habe. Im Herbst habe er sich illegal nach Berlin begeben, wohin ihn Boleslav Barlog zum Schlosspark-Theater holte.

Doch schon bald brach Kinski mit seinem Förderer, warf ihm die Fensterscheiben der Wohnung ein und begann seine Laufbahn „als Exzentriker der Bühne und des Lebens“, wie die FAZ meinte. Seinen ersten triumphalen Erfolg feierte Kinski mit Jean Cocteaus Einakter „La voix humaine“, wieder verkleidet als Frau – für das prüde Berlin ein Skandal. Er besuchte kurz die Schauspielschule von Marlise Ludwig, wo er unter anderem mit Harald Juhnke Szenen aus William Shakespeares Romeo und Julia einstudierte: „Ich wirkte wortlos und leise neben ihm. Er verströmte Barrikadenduft“, erinnert sich Juhnke.

Zertrümmerte Luxusrestaurants und verprügelte Polizisten

Seine erste Filmrolle erhielt er in Eugen Yorks „Morituri“, gedreht zwischen September 1947 und Januar 1948. Darin ging es um geflohene KZ-Insassen, die sich vor den Deutschen verstecken. Der Film war umstritten; es gab Drohbriefe, und ein Hamburger Kino wurde zerstört. Kinski befand sich im Jahr 1950 drei Tage lang in psychiatrischer Behandlung in der Berliner Karl-Bonhoeffer-Nervenklinik, nachdem er eine ihm bekannte Ärztin belästigt und tätlich angegriffen und einen Suizidversuch mit Medikamenten unternommen hatte. Kinski zog dann nach München und bewohnte eine Pension mit dem damals noch Jugendlichen Werner Herzog, der ihn als bereits zu dieser Zeit mit exzentrischen Allüren auffallend beschrieb.

Werner Herzog und Klaus Kinski in dem Fim „Mein liebster Feind“, Ghana, 1987. Quelle: https://www.deutschlandfunkkultur.de/media/thumbs/f/f93e8c21fb829cad5465104604a8debcv1_max_635x357_b3535db83dc50e27c1bb1392364c95a2.jpg?key=212755

1951 lernte er Gislinde Kühbeck auf dem Schwabinger Fasching in München kennen, heirate sie nach der Geburt der gemeinsamen Tochter Pola und ließ sich 1955 scheiden. Neben seiner Theaterarbeit machte er sich in dieser Zeit mit seiner „Ein-Mann-Wanderbühne“ einen Namen. Mit seinen leidenschaftlichen Rezitationen der Werke Baudelaires und Nietzsches, Villons und Dostojewskis füllte er Säle. 1955 verursachte Kinski einen Autounfall, zudem ereignete sich ein Bootsunfall auf dem Starnberger See. Gerichtsverfahren und Strafen schlossen sich an, die finanziellen Folgen belasteten den Schauspieler jahrelang.

Im Sommer 1955 dreht er in Wien mit „Um Thron und Liebe“ einen Film über das Attentat von Sarajevo auf den Österreich-Ungarischen Thronfolger Erzherzog Franz Ferdinand – er wurde als Attentäter Nedeljko Čabrinović besetzt. In „Ludwig II – Glanz und Elend eines Königs“ mit O. W. Fischer in der Titelrolle mimte er dessen Bruder, den geisteskranken Prinz Otto, und empfahl sich so schon früh für weitere Rollen dieses Typus. Anlässlich der Verleihung des „Deutschen Filmpreises“  brachte Kinski die Gestaltung dieser Figur eine Nominierung für das „Filmband in Gold“ ein. Fischer war von seinem jungen Kollegen dermaßen beeindruckt, dass er ihn für sein Biopic „Hanussen“ über den böhmischen „Hellseher“ engagierte.

Die internationale Filmszene war ebenfalls auf den Deutschen aufmerksam geworden, vor allem durch die unsäglichen, dennoch heute zum Kult gewordenen Edgar-Wallace-Verfilmungen in den 1960er Jahren, in denen Kinski mit irrem Blick und zuckenden Mundwinkeln durch Grünanlagen und Herrenhäuser hastete und als wahnsinniger Psychopath Kinogeschichte schrieb. Erstmals zeigte er sich 1960 in „Der Rächer“, 14 weitere Produktionen sollten bis 1969 folgen, darunter „Die Toten Augen von London“, „Der schwarze Abt“ und „Das indische Tuch“. Nach Berlin übergesiedelt, traf er die 20-jährige Sängerin Brigitte Ruth Tocki und heiratete sie 1960. Aus dieser Ehe, die 1969 geschieden wurde, ging die Tochter Nastassja Kinski hervor, die ebenfalls Schauspielerin wurde. Nach dem Tatort „Reifezeugnis“ von Wolfgang Petersen, in dem sie mit 15 Jahren eine lehrerverführende Lolita geben muss, sagten 55 Prozent der befragten deutschen Männer, sie hätten von Sex mit ihr geträumt.

Klaus und Nastassja. Quelle: https://i.pinimg.com/originals/ac/a3/c5/aca3c51b1ffa311bc63828d6f8ae7330.jpg

1965 übersiedelte Kinski nach Rom und erhielt durch seine Nebenrolle des Anarchisten Kostoyed Amourski in dem Kassenschlager „Doktor Schiwago“ (1965) nach dem gleichnamigen Roman von Boris Pasternak vermehrt internationale Angebote. Hauptsächlich fand er Beschäftigung im neuen Genre des Italo-Western, wo er als perfider Schurke endlich Hauptrollen spielen durfte. Zum Kultfilm des Western-Genres geriet Sergio Corbuccis „Leichen pflastern seinen Weg“ (1968), in der Kinski als skrupelloser Kopfgeldjäger Loco triumphierte. Er lernte 1969 die 19-jährige vietnamesische Sprachstudentin Minhoï Geneviève Loanic kennen, die er 1971 heiratete. 1976 kam der Sohn Nanhoï Nikolai zur Welt, im Februar 1979 ließen sich Klaus und Minhoï scheiden. Zertrümmerte Luxusrestaurants, verprügelte Polizisten und unzählige Affären erzählen von dem Weg eines kompromisslosen Egomanen, der bürgerliche Konventionen weder beachtete noch respektierte. Um sein Luxusleben zu finanzieren – er fuhr allein sieben Ferraris –,  dreht er manchmal bis zu 10 Filme pro Jahr. Das Enfant terrible des internationalen Films war zunehmend exzentrisch, wirkte krank, ausgemergelt, dem Wahnsinn nahe und gab sich gerne lasziv und ungepflegt mit seinen strähnigen Haaren. Talkshow-Auftritte mit ihm endeten fast regelmäßig als Skandal.

„Selbstinszenierung als Wahrheitsverkünder“

Kinski zeigte sich seit Rom als der Furcht einflößende Bösewicht in vielen weiteren Wildwest-, Action- und Agentenfilmen. Ein Angebot von Fellini, das mit einer Gage aufwartet, die eine „Unverfrorenheit“ ist, schmettert er mit den Worten „Lass‘ Dich in den Arsch ficken“ ab. Wenn er akzeptiert wird, ist er am Set zumeist diszipliniert und sorgt für  einen reibungslosen und schnellen Arbeitsgang wie bei Jess Francos „Jack the Ripper“, den er in acht Tagen abdreht. Am 20. November 1971 versuchte sich Kinski als Jesus-Rezitator mit einem skandalträchtigen Auftritt in der Berliner Deutschlandhalle mit dem Titel „Jesus Christus Erlöser“. Nach Zwischenrufen von Zuschauern und einem harten Wortgefecht kam es zu einem frühen Abbruch der Veranstaltung und der geplanten Tournee. Der entstandene Dokumentarfilm erhielt das Prädikat „Besonders wertvoll“: „Der Sog von Kinskis besonderer Diktion, seine rebellische, antikapitalistische Interpretation der Bibel in der Melange mit seiner Selbstinszenierung als Wahrheitsverkünder und Ankläger machen diesen Auftritt zu einer Provokation, die das Publikum im Saal aufheizt und sich schnell in einer rasenden Beschimpfungsorgie entlädt“, ist auf der Webseite der Filmbewertungsstelle zu lesen.

Kinski hat einen sicheren Instinkt, der ihm die Kraft gibt, das zu sein, was er will. Er spielt seine Rollen aus dem Stehgreif. Drehbüchern oder Anweisungen von Regisseuren schenkt er keine Beachtung. Auf Proben pfeift er. „Hin- und Herlatschen, damit die Regisseure auch mal sehen, warum sie keine Fantasie haben, das mache ich nicht.“ Publizität erhält seine Arbeitsweise besonders im Zusammenhang mit Werner Herzog, mit dem er ab den 1970er Jahren „Aguirre“, „Nosferatu“, „Woyzeck“, „Fitzcarraldo“ und „Cobra Verde“ drehte. „Fitzcarraldo“ wurde für den „Golden Globe“ nominiert: Der Abenteurer und Fantast dieses Namens ist als Caruso-Fan von der Idee besessen, in der peruanischen Amazonas-Stadt Iquitos ein Opernhaus zu errichten, und zieht zu diesem Zweck gar einen alten Dampfer in einer tollkühnen Aktion über eine Urwaldhöhe. Obgleich Kinski  einmal öffentlich zugibt, gut damit beraten zu sein, nur noch mit Herzog zu drehen, empfindet er nichts weiter als Spott und Verachtung für den selbsterklärten Autodidakten: „Herzog ist ein miserabler, gehässiger, missgünstiger, vor Geiz und Geldgier stinkender, bösartiger, sadistischer, verräterischer, erpresserischer, feiger und durch und durch verlogener Mensch.“

Szenenbilde „Aguirre“. Quelle: https://de.web.img3.acsta.net/r_1920_1080/medias/nmedia/18/66/32/78/18930519.jpg

Das Drehbuch zu „Aguirre“ tut er als „analphabetisch primitiv“ ab. Es ist die Geschichte des spanischen Conquistadors Don Lope de Aguirre, der sich mit einer Expedition im 16. Jahrhundert auf den Weg durch die peruanischen Anden macht, um „El Dorado“, das sagenhafte Goldland, zu finden. Mit der Zeit wird durch Erschöpfung, Krankheit und auch Meuterei die Gruppe um Aguirre immer kleiner, so dass zum Schluss nur noch der Don übrigbleibt und als einsamer Irrer auf einem Floß den Amazonas hinunterfährt. Ganz anders „Woyzeck“, der ihn ob der frappierenden charakterlichen Ähnlichkeit zu dieser Person erschauern lässt. Es ist so, als würde Kinski das alles schon einmal erlebt haben: „Das Schlimmste, das ich je beim Film durchmachen musste. Ich habe bereits gesagt, dass die Geschichte von Woyzeck Selbstmord ist. Selbstzerfleischung. Jeder Drehtag, jede Szene, jede Einstellung, jedes Photogramm ist Selbstmord.“ Nach nur 16 Drehtagen ist der Büchner-Streifen abgedreht. Es ist der mit Abstand beeindruckendste Kinski-Film, dessen Intensität nie mehr erreicht wurde.

„zu viel Brutalität und Pornographie“

1979 erhielt er das Filmband in Gold für das Murnau-Remake „Nosferatu“ als bester deutscher Schauspieler, erschien jedoch nicht zur Preisverleihung. Kinski wirkte auch in mehreren Hollywood-Spielfilmen mit, unter anderem spielte er mit Jack Lemmon und Walter Matthau im letzten Billy-Wilder-Film „Buddy Buddy“. In „Little Drummer Girl“ spielte er neben Diane Keaton die Hauptrolle. In dem US-Fernsehfilm „The Beauty and the Beast“ (1983) war er Hauptfigur neben Susan Sarandon und Anjelica Huston. Mitte der 1980er Jahre drehte er die Action-Filme „Codename: Wildgänse“ und „Kommando Leopard“ mit Lewis Collins in der Hauptrolle. Die beiden Schauspieler kamen jedoch nicht miteinander aus, sodass im zweiten Film keine einzige Szene mit beiden zusammen gedreht wurde. 1987 ging Kinski eine Beziehung mit der damals 19-jährigen italienischen Schauspielerin Debora Caprioglio ein, die sich aber 1989 wieder von ihm trennte. Im selben Jahr stellte er mit „Kinski Paganini“ sein letztes Filmwerk fertig: Nachdem er den Stoff über Jahre hinweg vergeblich Produzenten und Regisseuren angetragen hatte, übernahm er schließlich Regie, Drehbuch, Schnitt und Hauptrolle selbst. Die Rohschnittversion von knapp zwei Stunden Länge wurde jedoch von der Jury der Filmfestspiele von Cannes wegen „zu viel Brutalität und Pornographie“ vom Wettbewerb ausgeschlossen, was Kinski zu einer wutentbrannten Pressekonferenz vor Ort veranlasste.

Sein Privatleben dokumentierte er als einen einzigen Exzess, nachzulesen in seinen Autobiografien „Ich bin so wild nach Deinem Erdbeermund“ (1975) sowie „Ich brauche Liebe“ (1991) – Bücher, die von vielen als Skandal empfunden wurden. Seine Todesursache Herzversagen ist selbst für die Boulevard-Presse zu unspektakulär, um daraus einen großen Aufreißer zu machen. Die Obduktion ergab, dass das Herz vernarbt war – wahrscheinlich eine Folge mehrerer unbehandelter Herzinfarkte. Der Leichnam wurde seinem Wunsch gemäß verbrannt, die Asche mit einem Boot zur „Golden Gate Bridge“ gefahren und in den Pazifik gestreut. Sein Tod ist schnell abgetan, die üblichen Nachrufe sind schon nach wenigen Tagen durchgestanden. „Kinski spielte Unholde, Visionäre, Besessene, Erotomanen, Narzisse, Magiere, Berserker, Verbrecher, Exhibitionisten“, würdigt ihn das Lexikon des Internationalen Films. „An diesem nervösen Seher von Innenwelten wirkte deshalb alles übersteigert. Rasender und Meditierender zugleich, war er gestisch und mimisch das perfekte Medium seiner inneren Stimmen und Alpträume, denen er wortgewaltig Ausdruck verlieh. Er war ein Avantgardist der Artikulation, das Sprechen entwickelte er zur eigenständigen Kunstform.“

Tod-Story in der BILD. Quelle: https://image.kurier.at/images/cfs_616w/894954/13219757730577.jpg

1999 brachte Herzog mit „Mein liebster Feind“ ein Porträt Kinskis in die Kinos, in dem das besondere Verhältnis der beiden noch einmal reflektiert wird. „Er war einfach die ultimative Pest. Leute wie Marlon Brando waren Musterschüler im Vergleich zu ihm“, sagte er, erinnerte sich an „monströse Kämpfe“ in einer „tiefen, tiefen Freundschaft“. 2001 erschien aus dem Nachlass der Band „Fieber – Tagebuch eines Aussätzigen“, eine Sammlung mit insgesamt 52 zum Teil wütenden Gedichten. 2011 erhielt er auf dem Berliner Boulevard der Stars einen Stern. Zwei Jahre später wurde der Avantgardist von seinen Töchtern vom Sockel gestürzt: In ihrem Buch „Kindermund“ beschreibt Pola, wie ihr Vater sie seit ihrem 9. Lebensjahr missbraucht hat. Nastassja wurde nach den Enthüllungen ihrer Schwester gefragt: „Hat Ihr Vater auch Sie missbraucht?“ Kinski antwortete: „No, not in the way that you mean, but in other ways, yes.“ „Eine Heldin, die ihr Herz, ihre Seele und damit auch ihre Zukunft von der Last des Geheimnisses befreit hat“, sagte sie über ihre Schwester. In einem posthumen Brief an seinen Sohn hatte Kinski einst geschrieben: „Wenn Dir jemand sagt, ich sei tot, glaube es nicht. Ich bin der Regen und das Feuer, das Meer und der Wirbelsturm. Sei nicht traurig. Ich sterbe niemals.“

Vor gut einer Woche veröffentlichte Christian Felber seinen Text „30 Gründe, warum ich mich derzeit nicht impfen lasse“ – der, natürlich, auf der Volksverpetzer-Seite mit teils rabulistischen, teils geifernd-ideolgischen Argumenten zerpflückt wurde. Ich hab ihn mir zu eigen gemacht, variiert, ergänzt und stelle ihn hier zur Diskussion.

eigene Darstellung

Im Winter 1227/28 war die einst so beliebte Adlige am Tiefpunkt ihres Lebens angekommen: Niemand wollte ihr und ihren drei kleinen Kindern Obdach gewähren. Weder die wohlhabenden Bürger noch der Klerus öffneten ihnen die Türen. Selbst die Armen, denen sie einst geholfen hatte, verspotteten die verstoßene Adlige. Als sie mit ihren Kindern schließlich in einen alten Schweinestall ziehen musste, soll sie bitter festgestellt haben: „Den Menschen würde ich gern danken, aber ich weiß nicht wofür.“ Für immer mit ihr verbunden bleibt das sogenannte „Rosenwunder“, das ihre Mildtätigkeit und Heiligkeit sowie ihre Zuwendung zu den Armen und zur Armut ausschmückt. Da andere Versionen die Legende auf Elisabeth von Portugal sowie auf Nikolaus von Tolentino beziehen und eine ihrem Gatten verheimlichte Mildtätigkeit historisch unwahrscheinlich ist, ist davon auszugehen, dass die Wanderlegende erst nach ihrer Heiligsprechung auf sie übertragen wurde.

Die Geschichte dazu geht so: Als sie eines Tages in die Stadt geht, um den Armen Brot zu geben, obwohl gerade dies ihr unter Strafe verboten ist, trifft sie die Mutter ihres Mannes (in anderen Versionen ihren Mann selbst), die ihre Barmherzigkeit nicht gutheißt und ihr eine Falle stellen will. Auf die Frage, was sie in dem Korb (andere Versionen: unter der Schürze) habe, den sie bei sich trägt, antwortet sie, es seien Rosen im Korb. Ihre Schwiegermutter bittet sie, das Tuch zu heben, um die wunderbaren Rosen sehen zu können. Widerwillig hebt sie das Tuch, und im Korb sieht die Schwiegermutter statt Broten nur: Rosen. Von Hans Gottwald, einem Schüler Tilman Riemenschneiders, 1515 in Saalburg über Moritz von Schwind 1855 in Eisenach bis Josef Wittmann 1956 im bayrischen Kehlheim reichen die bildlichen Darstellungen von ihr und dem Wunder: Elisabeth von Thüringen, die am 17. November 1231 in Marburg starb.

Geboren wurde sie 1207 auf Burg Sárospatak bei Preßburg. Zeitgleich fand der berühmte „Sängerkrieg“ auf der Wartburg statt. Dichtung und Legende erzählen von der Anwesenheit des zauberkundigen Klingsor aus Ungarn und seinem prophetischen Hinweis auf die Königstochter Elisabeth: Ihr Vater war der ungarische König Andreas II., ihre Mutter Gertrud entstammte der einflussreichen Familie Andechs-Meranien. Über ihre Geschwister, die sie bestenfalls flüchtig kannte, war sie mit dem europäischen Hochadel verbunden: Ihr Bruder Béla folgte seinem Vater auf dem ungarischen Thron, ihre Schwester Maria heiratete Iwan Assen II., den Zaren von Bulgarien.

Elisabeth bei der Versorgung Bedürftiger. Quelle: Von Ferdinand Piloty – see description, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=3863474

Aufgrund ihrer Herkunft wurde Elisabeth unter Einfluss der politischen Interessen von Papst Innozenz III. und einer Fürstenkoalition gegen Kaiser Otto IV. als politische Schachfigur im Machtspiel der europäischen Dynastien benutzt.  Entsprechend der damaligen Praxis zog die Prinzessin bereits als Vierjährige zur Familie ihres Verlobten, Hermann von Thüringen. Dort übernahm die fromme Landgräfin Sophie die Erziehung ihrer zukünftigen Schwiegertochter. Elisabeth wuchs deshalb überwiegend auf den Residenzen der thüringischen Landgrafenfamilie auf, darunter der Neuenburg bei Freyburg/Unstrut, der Runneburg bei Weißensee und schließlich der Creuzburg an der Werra.

Elisabeth fiel durch Frömmigkeit, Schönheit und Sittsamkeit auf. Die Verlobungszeit aber verlief so gar nicht nach Plan. Erst fiel Elisabeths Mutter Gertrud einem politischen Mord zum Opfer. Weil dadurch die Auszahlung von Elisabeths versprochener Mitgift unsicher wurde, sank auch ihre Stellung in Thüringen. Dann starb überraschend der älteste Sohn des Landgrafen, Elisabeths Verlobter Hermann; ein Jahr darauf auch sein Vater. Die unbrauchbare Kinderbraut solle zurückgeschickt werden, forderten immer lautere Stimmen bei Hofe. Als Herrscher stand nun der zweitgeborene Ludwig an, der, nachdem er volljährig geworden war, 1218 als Ludwig IV. Landgraf wurde – und Gefühle für Elisabeth entwickelt hatte. 1221 heiratete er die Vierzehnjährige in Eisenach.

„ist mir die Welt gestorben“

Es war eine für diese Zeit völlig unübliche Liebesehe, aus der drei Kinder hervorgingen; darunter Sophie (1224–1275), die später als Herzogin von Brabant in Gestalt ihres Sohnes Heinrich Stammmutter des Hauses Hessen wurde – von ihr stammen alle noch heute lebenden Nachkommen Elisabeths ab. Entgegen späterer Legenden unterstützte der sonst so skrupellose Machtpolitiker Ludwig die karitativen Ambitionen seiner Frau. 1223 gründete das Paar gemeinsam das Maria-Magdalenen-Hospital in Gotha. Als 1225 die ersten Franziskaner nach Eisenach kamen, übte deren Ideal befreiender Besitzlosigkeit großen Einfluss auf Elisabeth aus. Sie gründete unterhalb der Wartburg ein zweites Hospital, unterstützte das Kloster und kümmerte sich selbst um Bedürftige, besuchte Armenviertel. Trotz der Unterstützung, die Elisabeth darin von ihrem Mann erhielt, wurde ihr Engagement von der Familie mehr als skeptisch betrachtet.

Rosenwunder. Quelle: Von Autor unbekannt – [2], Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=1226026

Armenfürsorge gehörte zwar zu den traditionellen Aufgaben einer mittelalterlichen Landesfürstin, doch Elisabeth wollte nicht nur von ihrem Überfluss geben. Sie verschenkte zunehmend ihren Schmuck und trug nur zu höfischen Anlässen widerwillig ihre prächtigen Gewänder. Dass sie persönlich aussätzige Kinder pflegte und sogar Verstorbene für ihre Beerdigung wusch, empfand ihr Umfeld als Zumutung: Elisabeth solle sich endlich standesgemäß verhalten und Thüringen als Landgräfin würdig vertreten. Ausführlich berichten die Legenden, wie sie unerschüttert den Verleumdungen und Vorwürfen ihrer Umgebung standhielt.

1226 betrat der gefürchtete, redegewaltige Kreuzzugprediger und Inquisitor Konrad von Marburg den Hof bei Eisenach. Er wurde Elisabeths geistlicher Leiter und Beichtvater und sah in der frommen Adligen vor allem seine Chance, als „Macher“ einer neuen Heiligen Ruhm zu erlangen. Der strenge Priester trieb Elisabeth zu immer neuen asketischen Höchstleistungen an. Bald war Ludwig die einzige Person, die außer Konrad noch nennenswerten Einfluss auf Elisabeth hatte. Ludwig war inzwischen dem Deutschen Orden beigetreten und wurde prompt zum 5. Kreuzzug gerufen. Kurz vor seiner Abreise legte die damals zum dritten Mal schwangere Elisabeth ein doppeltes Gelübde ab: Soweit dadurch nicht Ludwigs Rechte betroffen würden, versprach sie auf ihren geistlichen Leiter hören. Und sollte sie Witwe werden, wollte sie ehelos bleiben und Konrad gar absoluten Gehorsam leisten.

Ludwig erkrankte im italienischen Brindisi, wurde – schon eingeschifft – in Otranto wieder an Land gebracht und starb dort 1226 an einer Seuche – die Legende berichtet aber auch von einem verderblichen Trank, den er mit der Kaiserin Jolanthe getrunken habe, denn auch sie starb. Elisabeth war tief traurig: „Mit ihm ist mir die Welt gestorben“. Der Legende nach zersprang der Stein ihres Ringes bei der Todesnachricht. Nach dem Tod ihres Mannes wurde Elisabeth mit ihren drei Kindern von ihrem Schwager Heinrich Raspe von der Wartburg vertrieben mit der Begründung, sie verschwende öffentliche Gelder für Almosen. Elisabeth sei nicht mehr zurechnungsfähig, war Heinrich überzeugt.

Elisabethkemenate auf der Wartburg. Quelle. Von Traveler100 – Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=5612341

In Eisenach fand sie keine Unterkunft, habe zunächst in einem Schweinestall gehaust. Bei ihrem Onkel mütterlicherseits, dem Bischof von Bamberg, fand Elisabeth dann mit ihren drei Kindern Aufnahme. Der wollte sie wieder vermählen, aber Elisabeth lehnte selbst die Werbung von Kaiser Friedrich ab. Rückkehrende Kreuzfahrer brachten ihr Ring und Gebeine Ludwigs; nach seiner feierlicher Bestattung musste man ihr auf Betreiben von Papst Gregor IX. ihr Witwengut herausgegeben. Legendär ist, dass Gregor, auf Franziskus‘ ausdrücklichen Wunsch, diesem den Mantel von den Schultern nahm und ihn Elisabeth zusandte.

„ohne jeden Abscheu“

Konrad übte weiterhin erheblichen Einfluss auf Elisabeth aus. Das Verhältnis zwischen der jungen Witwe und dem Priester gab schon damals Anlass zu Spekulationen. In der Moderne wurden Elisabeth sogar psychische Störungen unterstellt. Ihr Lebenswandel aber erklärt sich nur mit Blick auf ihre Zeit: Das 13. Jahrhundert war eine Periode intensiver Gottsuche, die sich schonungslos mit der Problematik ungerechten Besitzes auseinandersetzte. Eine radikale Armutsbewegung nach der anderen entstand. Während einige als Ketzer verfolgt wurden, entwickelten sich andere zu den bis heute bekannten Bettelorden. Ganz in dieser Tradition stand auch Elisabeth.

Die Suche nach einer „kompromisslosen Nachfolge Christi mit dem Ziel ihres persönlichen Heilsstrebens“ erkannte Irmtraut Sahmland im Ärzteblatt. Elisabeth habe sich immer weiter zurückgenommen: der Verzicht auf die Repräsentation ihrer sozialen Stellung im Angesicht des gekreuzigten Christi, die asketische Lebens- und Ernährungsweise, schließlich die Abweisung aller Optionen, die einer Witwe in ihrer Position offen gestanden hätten. Mit ihrer Entschädigungssumme gründete sie 1228 ein Hospital vor den Stadtmauern von Marburg und wählte als Patron den erst kurz zuvor heiliggesprochenen Franz von Assisi. 1229 zog sie dann als einfache Spitalschwester dorthin – auf Konrads Druck isolierte sie sich von ihren letzten Freundinnen, sagte sich von ihrer Familie los und gab ihre Kinder ab.

Marburger Elisabethkirche mit Mausoleum. Quelle: Von Foto von Hydro bei Wikipedia, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=48463870

Isentrud von Hörselgau, eine ihrer Mägde, berichtet 1235 im „Libellus de dictis quatuor ancillarum sanctae Elisabeth confectus“: „Und obwohl sie verdorbene Luft nirgends sonst vertragen konnte, ertrug sie doch die Ausdünstungen der Kranken im Sommer, welche die Mägde nur unter Klagen aushielten, ohne jeden Abscheu, behandelte die Kranken heiter mit ihren eigenen Händen und wischte mit dem Schleier ihres Hauptes ihr Antlitz, ihren Speichel, ihren Auswurf und den Schmutz ihres Mundes und der Nase ab. Außer diesen hatte sie in demselben Haus noch viele arme Kindlein, für die sie sorgte. Gegen die war sie gütig und mild, dass alle sie Mutter nannten und zu ihr liefen und sich um sie scharten, wenn sie ins Haus kam. Unter ihnen liebte sie besonders die Krätzigen, Kranken, Schwachen, Hässlichen und Ungestalteten, streichelte ihr Haupt mit den Händen und barg es in ihrem Schoß.“

Im November 1231 wurde Elisabeth krank; es heißt, dass ihre letzten Tage von kindlicher Heiterkeit überstrahlt waren. Wenige Tage vor ihrem Tod hatte sie eine Vision von einem Vogel, der zwischen ihr und der Wand fröhlich sang und sie dazu bewog mitzusingen. Sie verschenkte ihre letzten Sachen und soll sogar noch ihre Gefährtinnen getröstet haben. Elisabeth starb im Alter von 24 Jahren, aufgezehrt in der Fürsorge für andere, und wurde am 19. November in ihrem Franziskushospital in Marburg bestattet. Viele Menschen sollen als Zeichen ihrer Verehrung während der Aufbahrung Stücke von den Tüchern, die Elisabeths Gesicht bedeckten, abgerissen, ihr Haupthaar, Nägel und sogar einen ihrer Finger abgeschnitten haben. Konrad von Marburg leitete spätestens im Frühjahr 1232 ihr Heiligsprechungsverfahren ein und trieb es bis zu seinem Tod energisch und geschickt voran – er wurde 1233 von Adligen wegen seines Fanatismus‘ erschlagen. Von ihm stammt die „Summa Vitae“; die erste Biographie Elisabeths.

„Es kündet St. Elisabeth“

Während des Verfahrens wurden über 600 Zeugen vernommen und 105 medizinische Wunder verzeichnet, die die Elisabeth lebend oder tot vollbracht haben soll; die Hälfte davon bei Kindern unter 14 Jahren. Die Heiligsprechung wurde zu Pfingsten 1235 offiziell verkündet. Der Deutsche Orden, der seinen Verwaltungssitz in Marburg hatte, erweiterte Elisabeths Spital und ließ nach der Heiligsprechung bis 1283 die ihr geweihte Kirche als ersten gotischen Bau in Deutschland errichten. 1236 erfolgte die Erhebung ihrer Gebeine im Beisein des Kaisers Friedrich II. von Hohenstaufen; er stiftete eine Krone, mit der der gesondert abgetrennte Kopf gekrönt wurde. Das Reliquiar befindet sich heute ohne Inhalt im Historischen Museum in Stockholm, das Haupt wird in der Klosterkirche zur Hl. Elisabeth in Wien aufbewahrt.

Elisabeths Haupt in Wien. Quelle: https://4.bp.blogspot.com/-zhfqTz3tOcE/UoqTOU_qGmI/AAAAAAAALFE/FuqQX7EhU68/s640/DPP12-11-19-0105.JPG

1240 wurde die neue Predigerkirche in Eisenach der Landgräfin geweiht, 1245 der goldene Schrein mit ihren Gebeinen in Marburg mit der Inschrift „Gloria Teutoniae“ versehen. Die Überlieferung und Verehrung von Elisabeth wurde ab Mitte des 13. Jahrhunderts stark beeinflusst durch die von Dietrich von Apolda vor 1240 verfasste Lebensgeschichte. Die Wallfahrt – durch wundersame Heilungen sich ausbreitend – wuchs nun so schnell, dass sie bald eine mit der zu Jakobus nach Santiago de Compostela vergleichbare Bedeutung erreichte. Besonders die Bettelorden förderten ihre Verehrung als einer Frau königlicher Herkunft, die sich dennoch um Arme kümmert, und sie breiteten die Verehrung in ganz Europa, besonders in Belgien, Frankreich, Italien und Ungarn aus. Im 14./15. Jahrhundert wurden ihr viele Spitäler geweiht.

Philipp von Hessen ließ Elisabeths Reliquien 1539 im Zuge der Reformation aus dem Sarg entfernen und gab den Befehl, die sterblichen Überreste seiner Ahnfrau so zu zerstreuen, dass sie nicht wieder auffindbar sein sollten, um die Verehrung zu beenden. Der Statthalter Georg von Kolmatsch missachtete aber die Weisung, ließ die Gebeine auf sein Wasserschloss Wommen bringen und musste die nach der Niederlage der Protestanten im Schmalkaldischen Krieg 1548 an den Deutschen Orden zurückgeben. Seit dem frühen 19. Jahrhundert erlebte Elisabeths Verehrung neuen Aufschwung mit romantischer Verklärung ihres Tuns und der von ihr gewirkten Wunder. Sie wurde in der bildenden Kunst und der Musik vielfach gewürdigt, etwa durch Franz Liszts Oratorium „Die Legende von der heiligen Elisabeth“ (1865). An ihrem 750. Todestag im Jahre 1981 veranstalteten die Kirchen in der atheistisch-sozialistischen DDR (!) ihre erste Massenversammlung, bei der Zehntausende auf dem Platz unterhalb des Erfurter Domes zusammenkamen. 1994 stellte sich bei seiner Neugründung das Bistum Erfurt unter ihr Patronat.

Würdigung Elisabeths 2020 durch die Stadt Eisenach, das katholische Bistum Erfurt und die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland. Quelle: https://www.ekmd.de/media/cache/jA/jAnvfC_zTx6iZmKcZ93ypg/crops_SzSUyHqK

Der österreichische Kulturhistoriker Friedrich Heer nannte Elisabeth „eine der zartesten, innigsten und liebenswertesten“ Heiligen des Mittelalters; der katholische Theologieprofessor Alban Stolz schrieb, „dass außer der Mutter Gottes Maria noch keine weibliche Person eine größere, weiter verbreitete Verherrlichung auf Erden gefunden hat als die Heilige Elisabeth“. Im deutschen Sprachgebiet ist der 19. November, ihr Begräbnistag, Elisabeths Gedenktag – wie der evangelische und anglikanische. In anderen Ländern ist dagegen ihr Todestag, der 17. November, der katholische Gedenktag. Sie ist Patronin von Thüringen und Hessen, der Witwen und Waisen, Bettler, Kranken, unschuldig Verfolgten und Notleidenden, der Bäcker, Sozialarbeiter und Spitzenklöpplerinnen, des Deutschen Ordens, der Caritas-Vereinigungen, und zweite Patronin des Bistums Fulda. Auch eine Bauernregel ist ihr gewidmet: „Es kündet St. Elisabeth / was für ein Winter vor uns steht.“ Eine Gedenktafel für sie fand Aufnahme in die Walhalla.

Was wäre in diesem Jahr für eine Diskussion entbrannt! „Wie kann man die Pockenimpfung einführen, ohne selbst mit gutem Beispiel voranzugehen?“, schrieb sie in einem privaten Brief an Friedrich II. von Preußen. Sie ließ Mitte Oktober 1768 eigens den britischen Arzt Tomas Dinsdale kommen, der die Impfmethode der sog. „Inokulation“ praktizierte, die in Indien seit der Antike bekannt war: Bis zu 15 winzige Schnitte wurden in der Haut gemacht, so dass es kaum blutete. Auf die Wunden wurde ein Stück Stoff gelegt, das mit einer Lösung aus Wasser und Flüssigkeit aus Pockenpusteln getränkt war, in ihrem Fall von einem 6-jährigen Jungen.

Der Arzt führte ein Tagebuch über ihren Zustand: „In der Nacht nach der Impfung schlief die Kaiserin gut, es gab leichte Schmerzen und der Puls beschleunigte sich. Der Gesamtzustand war ausgezeichnet. Das Essen bestand aus Eintopf, Gemüse und etwas Hühnerfleisch.“ Am 18. Oktober hatte sie zum ersten Mal Fieber, verlor den Appetit, und an ihrem Körper bildeten sich Pockenpusteln. Nach zehn Tagen waren alle Symptome vollständig abgeklungen, und am 1. November nahm sie nicht nur die Glückwünsche ihres Hofstaates entgegen, sondern ließ auch ihren Sohn Paul Petrowitsch erfolgreich impfen. 

Katharina nach 1780. Quelle: Von Nachahmer von Johann Baptist von Lampi – Kunsthistorisches Museum, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=4724494

Dass sie Angst vor den Pocken hatte, lag auch an ihrem Mann Peter III., der als Kind schwer erkrankt war und noch immer unter den Folgen litt: seine Gesundheit war irreversibel beschädigt und sein Gesicht für immer entstellt von Pockennarben – was erotisch so wenig anziehend war, dass sie sich mit über 20 Liebhabern umgab. Ob ihrer erfolgreichen Immunisierung ernannte sie Dinsdale zum Baron und gab ihm eine jährliche Rente. Dann impfte der englische Arzt den höchsten russischen Adel. Nach seiner Rückkehr nach England war Dimsdale so reich, dass er eine Pockenimpfklinik und eine Bank eröffnete. Er kehrte 1781 noch einmal nach Russland zurück, um auch Konstantin und Alexander zu impfen, ihre Enkel: Katharina II. „die Große“, die vor 225 Jahren, am 17. November 1796, an einem Schlaganfall in Petersburg starb.

Hochzeit und erste Liebhaber

Als Sophie Auguste Friederike Prinzessin von Anhalt-Zerbst kam sie am 2. Mai 1729 als Tochter des preußischen Generals und Staathalters von Stettin in der Ostseestadt zur Welt. Ihre unbeschwerte Kindheit verbrachte sie, die anfangs als unscheinbar, aber bildungs- und sprachbegeistert beschrieben wird, im Stettiner Schloss, unterbrochen von Verwandtschaftsbesuchen in Zerbst, Braunschweig oder Berlin sowie 1739 im Eutiner Schloss, wo sie ihrem zukünftigen Gatten Karl Peter Ulrich von Schleswig-Holstein-Gottorf, einem Cousin zweiten Grades, erstmals begegnete. Nach dem Tod ihres Großvaters und der dadurch bedingten Regierungsübernahme ihres Vaters zog die Familie im Dezember 1742 ins Zerbster Schloss. Fast parallel dazu entschloss sich die kinderlose Kaiserin Elisabeth Petrowna, ihren Neffen Karl Peter zum Thronfolger zu ernennen. Der nahm an, trat zum russisch-orthodoxen Glauben über und wurde als Peter Fjodorowitsch Großfürst. Im Jahr darauf riet Friedrich II. Elisabeth, ihren Nachfolger mit Sophie zu vermählen.

Elisabeth folgte dem Rat, und so traf die 14jährige im Februar 1744 in Moskau ein. Mit Ehrgeiz und Zielstrebigkeit lernte sie Russisch und versuchte, sich am Hof zu integrieren. Der Verlobung im selben Jahr folgte im Spätherbst 1745 die Hochzeit, die zehn Tage dauerte. Trotz großer Vorbehalte ihres Vaters konvertierte sie vom evangelisch-lutherischen zum orthodoxen Glauben und bekam zu Ehren der Kaiserinmutter den Namen Jekaterina Alexejewna. Ein Porträt von Louis Caravaque zeigt sie 1745 als bildhübsche junge Frau. Doch die Ehe war weder harmonisch geschweige glücklich. Schon in der Hochzeitsnacht wurde deutlich, dass der Großfürst nur wenig Interesse für Katharina empfand: Während sie auf ihn im Schlafgemach wartete, kam er spät nachts betrunken von seiner Feier wieder. Er selbst unterhielt ein Verhältnis mit Gräfin Woronzowa.

Die etwa 15-jährige auf einem Gemälde von Caravaque. Quelle: Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=3844093

Katharina wird jetzt als lebensfroh beschrieben, reitbegeistert, intelligent, musikalisch und belesen, wobei sie neben historischen auch politische Bücher von Montesquieu oder Voltaire las. Während sie jeden Gottesdienst besuchte und am religiösen, aber auch höfischen Leben teilnahm, schuf sich Großfürst Peter seine eigene Welt in Oranienbaum (heute Lomonossow). Peter liebt Preußen, Katharina Russland; Peter begeistert sich für Zinnsoldaten, Katharina für Voltaire; Peter mag Uniformen, Katharina gründet Wohlfahrtsverbände. Anfangs band er Katharina noch in seine Spiele mit den kleinen Soldatenfiguren ein und ließ sie die preußische Uniform tragen. Doch schon bald verloren beide jeglichen Bezug zueinander, sie nimmt ihn als kindisch und unwissend wahr.

Als nach sieben Jahren das Großfürstenpaar immer noch kinderlos ist, verliert Kaiserin Elisabeth die Geduld und verlangt nach einem Thronfolger, den der Ehemann nicht zeugen kann oder will. Der Kammerherr Sergej Saltykow wird mit Hilfe Elisabeths der Liebhaber Katharinas und kann als Vater des Erben, Paul I., gelten, der am 1. Oktober 1754 zur Welt kommt – und von Peter als sein eigener Sohn anerkannt wird. Doch schnell wird Sergej ihr untreu, verrät sie, berichtet sogar über die Affäre mit ihr. Das trifft Katharina sehr und prägt ihr Verhältnis zu Männern im weiteren Leben. Saltykow wird von der Zarin als Diplomat nach Schweden, später nach Hamburg geschickt.

Der polnische Politiker Stanisław Poniatowski wird ihr zweiter Liebhaber. Er hat gute Manieren, ist der gebildetste Mann, den sie jemals haben wird. Und für ihn ist Katharina die Liebe seines Lebens. Am 9. Dezember 1757 bringt sie die kleine Anna zur Welt, die mit Sicherheit als Tochter Poniatowskis gilt. Die Erziehung beider Kinder, die jeweils sofort nach der Geburt von ihrer Mutter getrennt wurden, übernahm Elisabeth selbst. Anna starb bereits nach zwei Jahren. Katharina schickt den Vater nach Polen zurück und macht ihn dort 1764 zum polnischen König Stanislaus II. August. Mit dem  dritten Liebhaber, dem adligen Eskorteoffizier Grigori Orlow, hat sie 1762 wiederum einen Sohn, Alexei. Orlow kämpfte im Siebenjährigen Krieg, war wohl ein Kerl wie ein Baum – und sollte das Schicksal seiner Dienstherrin und seines Landes entscheidend beeinflussen.

Staatsstreich und Machtübernahme

Denn 1761 starb Elisabeth, und Peter wird neuer Zar. Sein angeblich ungebührliches Auftreten während der Trauertage verärgerte Katharina und auch große Teile des Hofes und des Volkes. Zudem schließt er außenpolitisch einen Separatfrieden mit Preußen, der zwar das Ende des Siebenjährigen Krieges bedeutete, für Russland allerdings Nachteile brachte, und führte innenpolitisch ein umfangreiches Reformprogramm ein, wodurch er sich die Feindschaft der konservativen Kräfte des Landes zuzog, zumal der Kleinadligen. Zudem besagten Gerüchte, dass Peter plante, nach seiner Thronbesteigung Katharina aus dem Weg zu räumen, um dann seine Mätresse zur neuen Zarin zu machen. Orlow nun will Peters schwache Regierung und Preußenliebe sowie ihn als Konkurrenten nicht hinnehmen, Katharina nicht ihre Kaltstellung, und so schmieden beide den Plan für einen Staatsstreich.

Die Gebrüder Orlow. Quelle: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/f/f3/Alexey_and_Grigory_Orlov.jpg?1635362223763

Am 9. Juli 1762 proklamieren die Garderegimenter in einer Kirche Katharina II. als neue Kaiserin Russlands. Zugleich legt Grigori Orlow dem Herrscher des größten Reichs Europas die Abdankungsurkunde vor. Peter III. unterschreibt. „Der Zar ließ sich entthronen wie ein Kind, das man zu Bett schickt“, höhnt Friedrich der Große in Potsdam. Damit nicht genug: Elf Tage später starb er unter ungeklärten Umständen. In einigen Quellen wird Alexei Orlow, der Bruder von Katharinas Liebhaber, des Mordes beschuldigt. Dabei diente die Kopie eines Briefs von Orlow an Katharina II. lange Zeit als Indiz; sie wird nach neueren linguistischen Untersuchungen als Fälschung angesehen. Andere sprechen von einem natürlichen Tod. Inwieweit Katharina II. etwas mit einer möglichen Ermordung zu tun hat, lässt sich nicht mehr eindeutig klären. Während einige Historiker annehmen, dass die Gebrüder Orlow auf eigene Faust gehandelt hatten, bezichtigen andere Katharina der Mitwisserschaft oder sehen sie sogar als mögliche Auftraggeberin des Mordes. Orlow wird für die nächsten zwölf Jahre der neue Mann an ihrer Seite, sie ernennt ihn zum General und Befehlshaber der Artillerie, nimmt ihn jedoch nicht zum Ehemann.

Stattdessen stürzt sich die 33jährige in die Politik und beginnt, inspiriert von den Ideen der Aufklärung, das zersplitterte, verknöcherte Russland zu einen und in die Gegenwart zu führen. Sie setzt zahllose Reformen durch, spannt ein Wirtschafts- und Verwaltungsnetz über das Riesenreich und baut Schulen in jedem Winkel. So wurde Russland in 40 Gouvernements eingeteilt und bekam eine neue Lokalverwaltung. In allen russischen Bezirksstädten gab es gegen Ende ihrer Regierungszeit eine Volksschule und in jeder Provinz bis auf den Kaukasus ein Gymnasium. Der Schulbesuch war freiwillig und kostenfrei. Ab 1764 erweiterte Katharina den Winterpalast in Sankt Petersburg um einen Anbau für Ihre Gemäldesammlung: Es entstand die Eremitage.

Eine ihrer ersten Amtshandlungen war am 22. Juli 1763 das „Einladungsmanifest“, das alle Ausländer aufforderte, „in Unser Reich zu kommen, um sich in allen Gouvernements, wo es einem jeden gefällig, häuslich niederzulassen“. Darin versprach Katharina zahlreiche Anreize für die Einwanderer aus dem Westen: Befreiung vom Militärdienst, Selbstverwaltung, Steuervergünstigungen, finanzielle Starthilfe, 30 Hektar Land pro Kolonistenfamilie. Zudem wurde die Sprachfreiheit zugesichert, speziell für die deutschen Einwanderer. Vor allem aber: „freie Religions-Übung nach ihren Kirchen-Satzungen und Gebräuchen“. Damit beginnt die lange Migrationsgeschichte der Russlanddeutschen auf der Suche nach Heimat zwischen Deutschland und Russland. Bereits in den ersten fünf Jahren nach dem Manifest kamen über 30.000 Menschen nach Russland, die meisten davon aus Deutschland. Sie siedelten sich vor allem in der Umgebung von Sankt Petersburg, in Südrussland, am Schwarzen Meer und an der Wolga an: Allein im Wolgagebiet entstanden über 100 neue Dörfer.

Eremitage. Quelle: https://www.deutschlandfunk.de/media/thumbs/e/e1bcbdc1f4579805da0360d06266398cv1_max_755x566_b3535db83dc50e27c1bb1392364c95a2.jpg?key=ffbf88

Sie bildet ihr Politikverständnis im intensiven Briefwechsel mit Aufklärern wie Voltaire, der sie wiederum in den höchsten Tönen preist wie in diesem Brief vom 22.12.1766: „Diderot, d’Alembert und ich errichten Ihnen Altäre. Sie machten mich wieder zum Heiden: ich werfe mich mit Anbetung zu den Füßen Ihrer Majestät und bin mit der tiefsten Hochachtung der Priester Ihres Tempels – Voltaire.“ Französisch erhob sie später zur Hofsprache. Katharina hasst Despotismus, verteidigt aber unnachsichtig die absolute Macht, um ihren Ideen in allen Winkeln Russlands Geltung zu verschaffen. Aufstände von Volksgruppen wie den Kosaken werden niedergeschlagen. Selbst eine Bauernrevolte, den Pugatschow-Aufstand 1773 – 75, lässt sie blutig unterdrücken: Obwohl sie kritisch zur Leibeigenschaft stand, verschlechterte sich die Lage der Bauern während ihrer Regentschaft dramatisch, gleichzeitig wurden die Privilegien des Adels gestärkt. In der alten Heimat half sie während der großen Hungersnot des Jahres 1772, indem sie eine große Menge Roggen zollfrei nach Zerbst schickte.

hemmungsloses Sexmonster

Orlow muss schließlich Major Grigori Potemkin den Platz räumen. Der soll nicht schön gewesen sein, aber charismatisch und wohl auch eitel. Als Liebespaar halten sie es nur etwas mehr als zwei Jahre miteinander aus, doch als Regenten des Landes bis zum Lebensende. Potemkin half ihr als Mitglied des Reichsrates und Präsident des Kriegskollegiums am meisten, den Machtbereich Russlands in einem Maße auszubauen wie kein russischer Herrscher vor ihr; er baute die Schwarzmeerflotte auf, gründete Städte wie Sewastopol und Odessa und organisiert die Landwirtschaft. In zwei russisch-türkischen Kriegen 1768–1774 sowie 1787–1792 eroberte Russland den Zugang zum Schwarzen Meer und weite Küstengebiete und gewann im Ergebnis der drei Teilungen Polens eine Million km² Landgebiete und sechs Millionen Menschen dazu. Die Eroberung Konstantinopels und die Neugründung des Byzantinischen Reiches unter russischer Herrschaft scheiterten geradeso am einseitigen Kriegsaustritt Österreichs im letzten der beiden Türkenkriege. Die Krim wurde 1783 annektiert. Und nebenbei wurde durch Katharinas Vermittlerrolle im Frieden von Teschen der Bayerische Erbfolgekrieg beendet.

An ihrem Lebensende hat sie mit Alexander Mamonow, der sie wegen einer sechzehnjährigen Hofdame verließ, und Fürst Subow, der bei ihrem Tod gerade 29 Jahre alt war, noch weitere verbürgte Liebhaber. Zahlreiche Pamphlete und Karikaturen stellten sie als hemmungsloses Sexmonster dar, das sich kompanieweise von Männern, ja Pferden befriedigen ließ. Motiviert wurden die Bettgeschichten zum einen durch schwüle Träume von der Favoritenkultur am Hof der Zarin, zum anderen durch politische Publizisten im Zuge der Französischen Revolution. Die Autokratin sollte damit desavouiert werden. Die Französische Revolution versetzte sie übrigens in Schrecken und bewirkte eine Veränderung ihrer Innenpolitik: Erstmals in ihrer Regierungszeit kam es zur massiven Verfolgung regierungskritischer Intellektueller.

Im Jahr vor ihrem Tod hatte sie aus ihrer privaten Sammlung und den angekauften Beständen der Bibliotheken von Voltaire und Denis Diderot die Russische Nationalbibliothek gegründet, die erste öffentlich zugängliche Bibliothek des Reiches. Außerdem probierte sie sich als Dramatikerin, schrieb den Fünfakter „Aus Rjuriks Leben“ um den Gründer der Kiewer Rus sowie „Drey Lustspiele wider Schwärmerey und Aberglauben“ und verfasste ihre Memoiren. Die Rückständigkeit ihres Reiches und dessen ungeheure Ausdehnung setzen ihrem Gestaltungswillen Grenzen. Trotzdem errichtet Katharina bis zu ihrem Tod die Grundmauern der russischen Nation. Sie ist bis heute die einzige Frau unter den „Großen“ der Geschichte. Ihr wurde der Titel „die Große“ von ihrer Gesetzgebenden Kommission verliehen, die dabei wiederum Peter I. vor Augen hatte.

Grab in Petersburg. Quelle: Von Deror avi – Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=8368283

Das englische Gentleman´s Magazine bezeichnete Katharina als „große Fürstin“, der die „bedeutendste aller Revolutionen in der Geschichte der Menschheit gelungen war, nämlich die Zivilisierung eines so großen Teiles der Erdbevölkerung und die Kultivierung der wildesten und unerschlossensten Einöden.“ Für die Historikerin Jill Graw sticht sie „auch hinsichtlich ihrer religiösen Toleranz, ihrer Fürsorge für die Schwachen, ihrer Bescheidenheit und ihrer in allen Lebensbereichen gelebten Authentizität aus der Masse anderer Herrscherfiguren hervor.“ Zahlreiche Spiel- und Fernsehfilme wurden über Katharina produziert, in denen sie unter anderem von Marlene Dietrich, Julia Ormond und Catherine Zeta-Jones verkörpert wurde. Ihre Erinnerung wird in zahlreichen Denkmälern bewahrt. Sie regierte im „goldenen Jahrhundert für den russischen Adel“ 34 Jahre; von den Romanows hatte nur Peter I. der Große länger regiert.

Der Wüstenfuchs

Das Narrativ der „Sauberen Wehrmacht“ geht vor allem auf seine „ritterliche“ Kriegsführung zurück. Bei der Verbreitung half erheblich Hans Speidel, 1944 sein Stabschef, der den Mythos unbeschadet in die Nachkriegszeit überträgt. Mit seinem 1949 erschienenen Buch „Invasion 1944“ legte er den Grundstein für die Umdeutung seines Vorgesetzten vom hitlertreuen General zum Widerstandskämpfer, der dem NS-Regime zum Opfer fiel. Er habe die „wachsende Amoralität des Regimes“ erkannt und Hitler im Juli 1944 verhaften wollen. Nur seine schwere Verwundung habe verhindert, dass er „zur Tat schreiten“ konnte. Speidel, seit 1950 militärischer Berater Adenauers und Mitplaner der Bundeswehr, gelingt es, seiner Perspektive breite gesellschaftliche Zustimmung zu verschaffen.

Er wird nun zum soldatischen Vorbild auch der Bundeswehr und dient der Traditionsbildung der neuen Streitkräfte. Im November 1956 spricht Speidel als Bundeswehrgeneral erstmals vor Soldaten am Grabe des Feldmarschalls. Er habe sein Gewissen über den Gehorsam gestellt, so Speidel, sein Leben gereiche „den besten Traditionen deutschen Soldatentums und unseres deutschen Volkes überhaupt zur Ehre.“ Zwei Jahrzehnte hat das neue Leitbild Bestand. Straßen, Kasernen und ein Zerstörer werden nach dem Feldmarschall benannt. Erst Ende der 1970er-Jahre gerät das Bild in die Kritik, und es beginnt um ihn ein Deutungsstreit, der bis heute andauert: Johannes Erwin Eugen Rommel, der am 15. November 1891 in Heidenheim an der Brenz zur Welt kam.

Rommel, drittes von fünf Kindern eines Lehrers, ist ein verträumter, blasser und oft kränkelnder Junge, auch in der Schule ist er nicht erfolgreich. Erst später entwickelt sich sein mathematisches Talent, und er interessiert sich für die Fliegerei. Die Zeppelinwerft am Bodensee hat es ihm angetan: Er will Flugzeugingenieur werden. Doch der Vater stellt ihn vor die Wahl: Lehrer oder Offizier. Rommel entscheidet sich für das Militär und tritt am 19. Juli 1910 als Fahnenjunker in das Infanterie-Regiment „König Wilhelm I.“  im oberschwäbischen Weingarten ein. Er wird Leutnant, bildet für das Regiment Rekruten aus und hat eine Freundin: Walburga Stemmer, die im Dezember 1913 Tochter Gertrud zur Welt bringt. Rommel will sie nicht heiraten, sie stirbt 1928 mutmaßlich durch Suizid. Zeitlebens gibt er sich als Gertruds Onkel aus.

Rommel. Quelle: Von Bundesarchiv, Bild 146-1985-013-07 / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 de, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=5483247

1911 hatte er während eines Kriegsschullehrgangs in Danzig Lucie-Maria Mollin kennengelernt, beide heiraten 1916. Im 1. Weltkrieg kämpft Rommel immer an vorderster Front, wird mehrfach verwundet, befördert und ausgezeichnet. Im Oktober 1917 steht er als Kompaniechef des württembergischen Gebirgsbataillons einer italienischen Übermacht an der Isonzo-Front gegenüber. Für die Eroberung des Monte Matajur ist der höchste Orden ausgesetzt: der Pour le Mérite. Rommel will ihn haben. Er erstürmt an der Spitze seiner Truppe den Matajur und hat Erfolg.

Jüngster deutscher Generalfeldmarschall

Nach dem Krieg entgeht er der Entlassung nach den Bestimmungen des Versailler Vertrags. 1921 bis 1929 ist er Chef einer Maschinengewehrkompanie in Stuttgart, wo 1928 auch sein Sohn Manfred zur Welt kommt, der spätere Stuttgarter Oberbürgermeister. Danach lehrt er bis 1933 an der Dresdner Infanterieschule. Die Machtübernahme der Nationalsozialisten begrüßt Rommel, da er sich eine Revision des Versailler Vertrags erhofft. Er wird Bataillonskommandeur in Goslar und zum Major befördert. Nach einem Intermezzo als Lehrgangsleiter der Infanterieschule Potsdam wird er 1936 in das militärische Begleitkommando von Hitler berufen und veröffentlicht im Jahr darauf sein Buch „Infanterie greift an“, das sich bis 1945 über 400.000 Mal verkauft. Gefördert durch Hitler macht er nun eine Bilderbuch-Karriere und wird zum Helden der NS-Propaganda. Beim deutschen Einmarsch in das Sudetengebiet 1938 hat Rommel den Oberbefehl über das Führerbegleitkommando und wird 1939 Kommandant des Führerhauptquartiers bei der Besetzung von „Resttschechei“ und Memelland.

Als Generalmajor hat er dann bei Beginn des Zweiten Weltkriegs die reguläre Leitung des Führerhauptquartiers inne. Als Kommandeur der 7. Panzerdivision nimmt er 1940 am Frankreichfeldzug teil und erhält das Ritterkreuz. Rommel hatte bis dahin zwar keinerlei praktische Erfahrung in der Führung von Panzerverbänden, erwies sich mit seiner eigenwilligen „Vorne-Führung“ aber als erfolgreich: Er führte lieber aus dem Befehlspanzer von vorne als vom Kartentisch weit hinter der Front.  Die Unvorhersehbarkeit und Geschwindigkeit seiner Operationen irritierten nicht nur seine Gegner, sondern auch das deutsche Oberkommando und brachte seiner Einheit den Beinamen „Gespensterdivision“ ein. Er hat einen Auftritt in der NS-Wochenschau. Auch Bildpostkarten sind in dieser Zeit schon weit verbreitet: Rommel entspricht dem Idealtyp des jungen, modernen Offiziers. Nach seiner Beförderung zum Generalleutnant erhält Rommel 1941 mit dem „Unternehmen Sonnenblume“ den Oberbefehl über das deutsche Afrikakorps in Libyen gegen den Widerstand des Oberbefehlshabers des Heers, Walther von Brauchitsch.

16.6.1942 Generaloberst Rommel mit seinem Stab, ca. 46 km westl. von Tobruk. Quelle: Von Bundesarchiv, Bild 101I-443-1582-32 / Bauer / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 de, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=5412247

Mit einer Offensive gegen die britischen Truppen zu Beginn des Afrikafeldzugs gelingt ihm im Frühjahr die Rückeroberung der Cyrenaika (Libyen), obwohl das Oberkommando des Heeres ihn vorher mehrfach angewiesen hatte, auf das Eintreffen von Verstärkung zu warten. Da die Briten die Enigma-Verschlüsselung entschlüsselt hatten, hörten sie die wiederholten Wartebefehle an Rommel ab und erwarteten keine weiteren Schritte, weshalb ihm weitere Vorstöße gelangen. Prompt wird er Befehlshaber der „Panzergruppe Afrika“. Seine Erfolge bewegen Goebbels und Hitler, ihn zum Volkshelden zu stilisieren. Im April 1941 wird Rommel in der Zeitschrift „Das Reich“ als soldatischer Führer beschrieben, „dem jede neue Aufgabe und jeder neue Boden willkommen ist, Lehrer und Vorbild, politischer Kämpfer und militärischer Schriftsteller, (…) eine Gestalt, die von den jungen Deutschen als diesem Jahrhundert gemäß empfunden wird.“ Insgesamt war der deutsche Einsatz in Nordafrika von Nachschubproblemen aufgrund der bevorzugten Versorgung der deutschen Truppen im Krieg gegen die Sowjetunion geprägt. Umso beachtlicher sind seine Erfolge. Der britische Historiker Paul Kennedy bezeichnet etwa die Niederlage der amerikanischen Landstreitkräfte bei Kasserine als „demütigendste Niederlage“ im gesamten Krieg neben der Schlacht um die Philippinen.

Am 20. Januar 1942 wurde Rommel als erster Soldat des Heeres mit den Schwertern zum Ritterkreuz mit Eichenlaub ausgezeichnet. Aus Rommel wird so „Unser Rommel“, ein Offizier, der immer ganz nahe bei „seinen“ Soldaten ist, ein harter und fordernder Kommandeur, auf den man sich verlassen kann. Nach der Eroberung von Tobruk ernennt Hitler Rommel im Juni zum Generalfeldmarschall, dem jüngsten Deutschlands, woraus weitere Konflikte mit der Generalstabsführung erwachsen. Er rückt bis El Alamein in Ägypten vor, tritt im Berliner Sportpalast auf und wird von der Propaganda als Kriegsheld gefeiert. Nach der Gegenoffensive erteilt Hitler den Befehl zum Halten der Stellung, doch im November beginnt Rommel den Rückzug.

mutiger Feldherr und großer Taktiker

Als die Niederlage der deutschen Truppen abzusehen war, verließ Rommel, zuvor noch zum Oberbefehlshaber der Heeresgruppe Afrika ernannt, am 6. März 1943 den Kontinent: Die von der deutschen Bevölkerung verehrte Propagandafigur sollte nicht mit der Niederlage in Verbindung gebracht werden. Nur Tage später verlieh Hitler Rommel die Brillanten zum Ritterkreuz mit Eichenlaub und Schwertern als erstem Soldat des Heeres. Wegen seiner Befehlsmissachtung war es erstmals zu Spannungen zwischen Hitler und Rommel gekommen, die sich erst auflösten, als sich Rommels Einschätzung der nicht mehr abzuwendenden Niederlage in Nordafrika im Mai schließlich bestätigte. Insgesamt brachten ihm die Erfolge im Afrikafeldzug große Popularität in der Heimat und offenen Respekt im Ausland sowie den Spitznamen „Wüstenfuchs“ ein. Er gilt als risikobereiter Befehlshaber, der im Gefecht die gegnerischen Schwächen brillant ausnutzen, die Gegenseite durch schnelle und überraschende Vorstöße überrumpeln kann und auch von den Gegnern als mutiger Feldherr und großer Taktiker anerkannt wurde. Im Ausland galt er als der nach Hitler bekannteste Deutsche.

Rommel mit Speidel 1944. Quelle: Von Bundesarchiv, Bild 101I-719-0240-22 / Jesse / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 de, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=5413491

Nach der alliierten Landung in Sizilien erhält Rommel das Kommando über die Heeresgruppe B. Als im August Benito Mussolini gestürzt wird, besetzt Rommel mit seiner Heeresgruppe Italien. Im November bekommt er den Auftrag zur Kontrolle der Verteidigungsmaßnahmen an der französischen Atlantikküste und ist damit Hitler direkt unterstellt – er galt, obwohl nie NSDAP-Mitglied, als Hitlers Lieblingsgeneral. Im März 1944 unterzeichnete Rommel wie alle anderen Generalfeldmarschälle eine Loyalitätserklärung gegenüber Hitler, obwohl er diese als unnötig empfand, da seiner Ansicht nach ein einmal gegebenes soldatisches Treuegelöbnis ohnehin dauerhaften Bestand habe.

Noch im Juni 1944, als die alliierte Invasion unmittelbar bevorsteht, beteiligt er sich an Plänen des Propagandaministers, eine „Zersetzungspropaganda“ gegenüber den westalliierten Truppen aufzubauen. „Er ist auch persönlich an dieser Propaganda interessiert und möchte sie mit allen Mitteln fördern. Er hat sich selbst Gedanken darüber gemacht und bringt praktische Vorschläge für einzelne Sendungen und Themen!“, schreibt Goebbels Beauftragter Alfred-Ingemar Berndt nach einem Frankreich-Besuch bei Rommel. Sowohl in persönlichen Besprechungen mit Hitler im Juni 1944 als auch in seinem Schreiben „Betrachtungen zur Lage“ vom 15. Juli machte er dann deutlich, dass er einen Sieg der deutschen Truppen für unwahrscheinlich hielt.

Am 17. Juli wurde Rommel bei einem Tieffliegerangriff schwer verwundet: er erlitt einen dreifachen Schädelbruch und ein zugeschwollenes linkes Auge, dessen Bewegungsnerven abgequetscht waren. Nachdem er seinen Oberbefehl über die Heeresgruppe niedergelegt hatte, hielt er sich zur Erholung in seinem Haus in Herrlingen auf. Nach dem Attentat vom 20. Juli wird er aus Kreisen der Wehrmachtsführung der Beteiligung am Widerstand beschuldigt: Er habe von den Anschlagsplänen gewusst und sich einer möglichen neuen deutschen Regierung im Vorfeld als potentieller Reichspräsident zur Verfügung gestellt. Schon in den Wochen vor seinem Tod habe der Vater gegenüber der Familie von Todesängsten gesprochen, berichtet Manfred Rommel in Interviews nach dem Krieg. Er bekommt am 7. Oktober den Befehl, sich in Berlin zu melden, um sich vor dem Volksgerichtshof zu verantworten. Mit Verweis auf seinen gesundheitlichen Zustand lehnt er ab. Daraufhin sind am 14. Oktober Hitlers Chefadjutant Wilhelm Burgdorf und der Chef für Ehrenangelegenheiten im Heerespersonalamt Ernst Maisel bei Rommel in Herrlingen angemeldet.

„Offizier aus dem Geiste des Nationalsozialismus“

Nach späteren Verhörprotokollen soll Burgdorf das Protokoll eines Verhörs mit von Hofacker, einem der am Attentat Beteiligten, dabeigehabt haben. Von Hofacker belastet Rommel darin schwer. Auch Maisel gibt später zu Protokoll, dass Rommel, konfrontiert mit der Aussage von Hofackers, geantwortet habe: „Ich habe mich vergessen und ich werde die Konsequenzen ziehen.“ Nach anderen Quellen streitet Rommel die Vorwürfe ab und sieht sich als Opfer einer Intrige. Die Abgesandten Hitlers bleiben unbeeindruckt. Die Generäle stellen ihn vor die Wahl: Entweder er wird dem Volksgerichtshof überstellt und seine Familie in Sippenhaft genommen, oder er begeht Selbstmord und erhält ein Staatsbegräbnis. Rommel entscheidet sich für den Selbstmord. Den Generalen soll Rommel noch gesagt haben: „Ich habe den Führer geliebt und liebe ihn noch…“.

Gedenkstein für Erwin Rommel am Ort des Suizids in Herrlingen. Quelle: Von Olga Ernst – Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=78676578

Der 15 Jahre alte Manfred darf sich noch von seinem Vater verabschieden, für immer. Kurz hinter dem Ortsausgang von Herrlingen nimmt sich der Generalfeldmarschall mit der von den Generalen mitgebrachten Zyankali-Kapsel das Leben. Offiziell heißt es: „Generalfeldmarschall Rommel ist an den Folgen einer schweren Kopfverletzung, die er als Oberbefehlshaber einer Heeresgruppe im Westen durch einen Kraftfahrzeugunfall erlitten hatte, verstorben.“ Die NS-Propaganda kann aufgrund seines Nimbus den Slogan „Unser Rommel“ nicht ohne Prestigeverlust Hitlers und seines Regimes ins Gegenteil verkehren. Sie muss den Schein wahren, ja ihn durch ein Staatsbegräbnis sogar noch stärken. Rommel muss gewusst haben, dass er dadurch die Deutung seiner Person und seiner Taten an das Regime abtreten würde. Um seine Familie vor Verfolgung zu schützen, schweigt er und fügt sich in das Unabwendbare. Beim feierlichen Staatsakt im Ulmer Rathaus lässt sich Hitler vom Oberbefehlshaber West, Generalfeldmarschall von Rundstedt, vertreten: Rommel sei ein Offizier „aus dem Geiste des Nationalsozialismus“ gewesen. Sein Herz habe dem Führer gehört.

Rommels Bewertung als unpolitischer, genialer Befehlshaber und Opfer des Nationalsozialismus prägt sein Bild bis heute. Die erste Biographie schrieb ausgerechnet der Brite Desmond Young 1950, der in Nordafrika selbst gegen Rommel gekämpft hatte. Im selben Jahr hatte Rommels Witwe seine Memoiren veröffentlicht mit dem Titel „Krieg ohne Hass“. Damit war laut Daniel Sternal auch „eine positive Leitfigur“ in den Nachkriegswirren erschaffen und dankbar angenommen worden. Weiteren Auftrieb bekam seine Popularisierung mit dem Hollywoodfilm „The Desert Fox: The Story of Rommel“ mit James Mason, der 1952 zum Kassenschlager wurde. Nach dem Krieg entstanden Gruppen wie der „Verband Deutsches Afrika-Korps e.V.“ sowie das „Rommel Sozialwerk e.V.“, die ein Übriges taten.

Ausgerechnet der rechtskonservative Historiker David Irving hatte mit einer 1978 auf Deutsch erschienen Rommel-Biographie erstmals mit großer öffentlicher Resonanz die Beteiligung Rommels am Widerstand angezweifelt. Linke haben inzwischen nachgezogen, vor allem beim Umgang mit seinen Denkmälern, zumal dem am Ortsrand seiner Geburtsstadt Heidenheim. Die „Heidenheimer Geschichtswerkstatt“ hat dessen Umgestaltung oder gar Entfernung gefordert. Eine 2011 angebrachte Informationstafel mit Erläuterungen wurde als peinliches Dokument geschichtlicher Ahnungslosigkeit 2014 wieder entfernt. Seit 2020 wirft ein Gegendenkmal einen „Schatten“ darauf – ein Minenopfer an Krücken, um auf Rommels „Teufelsgärten“ hinzuweisen: Labyrinthe aus hufeisenförmigen Minenfeldern, deren Öffnungen in Richtung der britischen Widersacher wiesen.

Erwin Rommel mit Frau Lucie und Sohn Manfred 1941 in Wiener Neustadt. Quelle: https://cdn.prod.www.spiegel.de/images/bd55352f-0001-0004-0000-000000612032_w860_r1.5167548500881833_fpx35.47_fpy49.92.jpg

„Wenn es um ‚Führerkult‘ und ‚Volksgemeinschaft‘ ging, stand Rommel dem Nationalsozialismus sehr positiv gegenüber. Wenn man aber unter einem ‚Nazi‘ einen Antisemiten, einen Kriegsverbrecher und einen radikalen Weltanschauungskrieger versteht, dann war Rommel kein ‚Nazi‘. Im Gegenteil, er missachtete mehrmals verbrecherische Befehle“, so der Potsdamer Militärhistoriker Jürgen Lieb in der Welt. In der wissenschaftlichen Literatur überwiegt heute das Bild des opportunistischen Karrieristen, der als Produkt seiner Generation wie große Teile des deutschen Offizierskorps lange unfähig, aber bis zu einem gewissen Grad auch unwillig war, die politischen Ziele des Nationalsozialismus in adäquater Weise zu erfassen.

Stirbt die Natur zum Winter hin, werden die Menschen im Sternbild Skorpion geboren. Kein Wunder, dass ihnen zu Leid, Vergänglichkeit, Tod, Trauer und Erlösung eine besondere existenzialistische Nähe nachgesagt wird – die sie manchmal suchen, die sie manchmal aber auch ungewollt ereilt. Sein Leben und Werk ist ein Paradebeispiel dafür. Als kleiner Junge lief er voller Angst vor einem Wolf durch ein Sonnenblumenfeld in die Arme des Bauern Marai, der mit seinen erdverschmierten Fingern ein Kreuz auf seine Stirn malt, erinnert er sich. „Er war ein Vertrauter der Hölle“ schrieb Thomas Mann. Seit seiner Kindheit Epileptiker, erlebte er bei seinen Anfällen Gefühle, die aus Nahtod-Erfahrungen bekannt sind: „Ich fühlte mich, als wenn der Himmel auf die Erde herabgekommen wäre und mich einhüllte“, schreibt er in einem Brief.

Die tiefste Erfahrung aber wurde ihm am 22. Dezember 1849 in Petersburg zuteil – der 28jährige war gemeinsam mit anderen wegen des Vorwurfs umstürzlerischer Umtriebe zum Tod durch Erschießen verurteilt worden. In weiße Leichenkittel und Kappen eingekleidet und bereits an den Pflöcken festgebunden, wurde dann ein Erlass von Zar Nikolaus verlesen, der ihm alle Vermögensrechte absprach, ihn für vier Jahre zur Zwangsarbeit in die Verbannung schickte und danach zum einfachen Soldaten verpflichtete – Stefan Zweig gestaltet dieses Ereignis in den Sternstunden der Menschheit. 1864 musste er dann den Tod seiner ersten Frau, seines Bruders Michail und eines guten Freundes verkraften, woraufhin er 1865 nach Wiesbaden fuhr und aus Verzweiflung versuchte, seine finanzielle Lage durch das Roulettespiel zu verbessern. Er verlor jedoch alles, was er besaß, und wurde spielsüchtig. Auch zwei der vier Kinder seiner zweiten Frau musste er früh begraben – und lebte und schrieb weiter.

Dostojewski. Quelle: Von Wassili Grigorjewitsch Perow – kgHBFHS7SpcayQ at Google Arts & Culture, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=13499483

Der dänische Slawist Adolf Stender-Petersen hat sein Schreiben als „psychologischen Realismus“ charakterisiert. Jahrzehnte vor der Begründung der Psychoanalyse sondierte er minutiös die menschliche Seele, zeigte ihre inneren Widersprüche und die Macht des Unbewussten auf und bemühte sich um eine Rehabilitierung des Irrationalen. Sigmund Freud und Alfred Adler haben sein Werk studiert und konnten bei der Entwicklung ihrer Lehren aus Entdeckungen schöpfen, die er bereits ausführlich dargestellt hatte. Friedrich Nietzsche hat einmal geschrieben, er sei der einzige Psychologe, von dem er habe lernen können. „Er hat die Herrschaft der Großinquisitoren und den Triumph der Macht über die Gerechtigkeit vorausgesehen“, wies ihm Albert Camus gar eine prophetische Begabung zu: Fjodor Michajlowitsch Dostojewski, der am 11. November 1821 als jüngster Sohn einer verarmten Adelsfamilie in Moskau geboren wurde.

Ideal eines christlichen Sozialismus

Er hatte acht Geschwister, von denen sieben das Erwachsenenalter erreichten. Der russisch-orthodoxe Glaube spielte in der Familie eine große Rolle: Die Mutter hatte die Söhne mit religiösen Kinderbüchern alphabetisiert. Einen Großteil seiner Kindheit verbrachte Dostojewski in der Klinik, in der sein Vater als Arzt arbeitete. Diese bedrückende Atmosphäre prägte den Charakter des jungen Fjodor, der wenig Kontakt zur Außenwelt hatte und früh die Welt der Bücher für sich entdeckte. Vor allem Puschkin verehrte Dostojewski sein ganzes Leben lang als Halbgott. Er war Vielleser und verschlang daneben auch populäre Unterhaltungsliteratur der Zeit. Von 1833 bis 1837 besuchten er und sein Lieblingsbruder Michail zwei private Internatschulen. Nach dem frühen Tod der Mutter siedelte die Familie 1837 nach St. Petersburg über, wo zwei Jahre später auch sein Vater starb.

Ab 1838 studierte Dostojewski an der Militärakademie und begann im August 1843 seinen Dienst als Militäringenieur, zunächst als unbedeutender Militärzeichner. Als ihm eine Versetzung außerhalb Petersburgs drohte, reichte er 1844 seinen Abschied ein. In diesem Jahr hatte sich Dostojewski mit der Übersetzung französischer Prosa beschäftigt; seine Übertragung von Balzacs Eugénie Grandet wurde gedruckt. Aus Briefen ist bekannt, dass er daneben eigene schriftstellerische Versuche unternahm, die jedoch verloren gegangen sind. Sein erster erhaltener Text ist 1845 der Briefroman Arme Leute. Er porträtierte als erstes Werk in der russischen Literatur Menschen in Armut und Elend mit der ganzen Zartheit und Komplexität ihrer Gefühle und ihres Leidens. Die russische Intelligenzija feierte es enthusiastisch. Im selben Jahr lernte er den Kritiker Belinskij kennen, der einen atheistischen Sozialismus vertrat, ihn für die Lektüre von Ludwig Feuerbach warb und 1846 seine Novelle Der Doppelgänger veröffentlichte.

zeitgenössische Darstellung der Schein-Erschießung. Quelle: Von B. Pokrovsky – This file is available from the «Runivers» project website (runivers.ru)and its original description available at the link.This tag does not indicate the copyright status of the attached work. A normal copyright tag is still required. See Commons:Licensing for more information., Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=10535140

Parallel zur Publikation weiterer kleiner Prosaarbeiten wie „Weiße Nächte“ (1848) nahm er an Treffen der Petraschewzen teil und las dort ein „kriminelles Schreiben“ Belinskijs an Nikolai Gogol vor – nach Denunziation führte diese Lesung zum Prozess und zum Todesurteil. 1850-54 verbrachte er in Ketten in der Omsker Katorga, wo die politischen Häftlinge zusammen mit gewöhnlichen Kriminellen untergebracht waren. Er durfte nicht schreiben, lag aber einige Zeit in der Krankenstation, wo er heimlich ein Notizbuch führen konnte. Revolutionsideen und früheren politischen Überzeugungen schwor Dostojewski während der Gefangenschaft und des anschließenden Militärdienstes vollständig ab, hielt jedoch sein Leben lang am Ideal eines christlichen Sozialismus fest: der Idee, dass Menschlichkeit durch ihre spirituelle Kraft ein Paradies auf Erden schaffen könne.

Nach der Entlassung musste er sich im westsibirischen Semipalatinsk (heute Semei/Kasachstan) dem 7. Sibirischen Linienbataillon anschließen. Weil sich Freunde für ihn einsetzten, brauchte er nicht in der Kaserne zu wohnen, wurde 1855 zum Offizier befördert und durfte seit 1856 wieder veröffentlichen. Sein erster Text waren die „Aufzeichnungen aus einem Totenhaus“, in denen er präzise und authentisch die dürftigen Bedingungen der Katorga schilderte. Die Veröffentlichung mehrerer Kapitel scheiterten zuerst an der Zensur: Dostojewski hatte befürchtet, dass seine Enthüllung der Grausamkeit der Lagerrealität Anstoß erwecken würde. Doch das Gegenteil war der Fall: Ein Zensor kritisierte, dass potenzielle Straftäter durch die Schilderung nicht ausreichend abgeschreckt würden. Der Text begründete das Genre der „Lagerliteratur“, in dessen Tradition später auch Solshenizyn schrieb.

finsterste Winkel der menschlichen Seele

1857 heiratete er die Witwe Marija Issajewa, die einen 9-jährigen Sohn mit in die Ehe brachte, erhielt seine Bürgerrechte zurück und schrieb weiter, so die Novelle Onkelchens Traum oder den Roman Erniedrigte und Beleidigte. Da sich seine Epilepsie verschlimmerte, wurde er 1859 aus dem Militärdienst entlassen, siedelte erst nach Twer und nach Zar Nikolaus‘ Tod wieder nach Petersburg über. Ab 1861 gab er zusammen mit seinem Bruder die Zeitschrift Die Zeit heraus, nach deren Verbot Die Epoche. Seine Einnahmen ermöglichten ihm dann drei größere Europareisen, auf denen ihn teilweise seine Geliebte Polina Suslowa begleitete. Die dritte diente zur Bewältigung seines Schicksalsjahres 1864. Die Zeit der großen Ideenromane begann – insgesamt 35 Romane wird Dostojewski am Ende geschrieben haben, in denen er die finstersten Winkel der menschlichen Seele ausleuchtet, auch die seiner eigenen.

Gesamtausgabe des Aufbau-Verlags. Quelle: https://images.booklooker.de/x/024sHI/Fjodor-Dostojewski+S%C3%A4mtliche-Romane-und-Erz%C3%A4hlungen.jpg

1866 erschien Schuld und Sühne, in dem er die seelischen Reuequalen von Rodion Raskolnikow gestaltet, der aus Nächstenliebe und Mitleid zum Mörder wird. Im selben Jahr engagierte er die 20-jährige Stenographin Anna Snitkina, der er in 24 Tagen den Kurzroman „Der Spieler“ diktierte – und die er 1867 heiratet. Die Personalie „könnte im Zeitalter von MeToo Brisanz entfalten“, zieht Tilman Krause in der Welt genüsslich vom Leder. Denn seine zweite Gattin sei nicht nur „zur kompetenten Mitarbeiterin, ja sogar zur Verlegerin mutiert. Sie schrieb dann auch die erste Dostojewski-Biografie. War das nun Ausbeutung oder Förderung?“ Im selben Jahr flüchtet er wegen anhaltender finanzieller Schwierigkeiten mit Anna bis 1871 ins Ausland, darunter lange nach Deutschland. Er spielte wieder, überwarf sich mit Turgenjew, erlebte in der Schweiz Geburt und Tod seiner ersten Tochter und veröffentlichte 1868 Der Idiot, in dem er seinen Fürst Myschkin mit seiner christusähnlichen Mitleidskraft zum Sonderling der Gesellschaft macht. Im Jahr darauf kam seine zweite Tochter Ljubow in Dresden zur Welt, wo er mit Unterbrechungen zwei seiner vier Auslandsjahre verbrachte. Heute erinnert ein Denkmal an der Elbe nahe dem Sächsischen Landtag daran.

Die Eheleute Dostojewski spazieren auf den Spuren des hoch verehrten Friedrich Schiller, trinken Kaffee in der  „Schillerlinde“, hören im Großen Garten die Konzerte der Regimentskapelle, machen Dampferfahrten auf der Elbe oder holen sich russische Bücher aus der Pachmann‘schen Leihbibliothek in der Wilsdruffer Straße. Und fast täglich besuchen sie die Gemäldegalerie und dort immer wieder Raffaels „Sixtinische Madonna“, wobei er Ärger mit einem Wärter bekommt, da der Kurzsichtige auf einen Stuhl steigt, um sie besser betrachten zu können. Hier schreibt Dostojewski die ersten zwei Bände der Dämonen und nennt darin Dresden einen „Schatz in einer Schnupftabakdose“, der „noch dazu eine kleine Schweiz im Taschenformat hat“. In den fast 60 Briefen, die Dostojewskij aus Dresden schrieb, spielt ihr Leben in der Stadt jedoch kaum eine Rolle. Mit seinen Gedanken war er allein in Russland, von dessen missionarischer Sendung für die Welt er sich durch seine Erfahrungen in Westeuropa bestätigt fühlte. In einem Brief spricht er vom „Licht aus dem Osten, das zu der erblindeten Menschheit im Westen strömt, die Christus verloren hat“.

Denkmal in Dresden. Quelle: Von Corradox – Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=9382696

Zurück in Petersburg gebar seine Frau den ersten Sohn Fjodor. Er vollendet den dritten Teil der Dämonen und veröffentlicht 1875 Der Jüngling. Im selben Jahr kommt sein zweiter Sohn Aljoscha zur Welt, der drei Jahre später schon wieder stirbt. 1880 erschien der letzte und umfangreichste Roman Die Brüder Karamasow, eine hochkomplexe kriminalistische Familiengeschichte mit einer immensen Anzahl an Figuren und vielen Handlungssträngen, in denen Dostojewski sämtliche Ideen und Menschenentwürfe, die ihn bis dahin bewegt hatten, erneut behandelte. Die zentralen Fragen, die von den Protagonisten auf jeweils eigene Weise beantwortet werden, sind die nach der Existenz Gottes und dem Sinn des Lebens. Das künstlerische Autorentum Dostojewskis erreicht hier seinen Höhepunkt, was Sigmund Freud zu dem Urteil veranlasste, dies sei „der großartigste Roman, der je geschrieben wurde“. Hermann Hesse las ihn als Prophezeiung des Unterganges des europäischen Geistes. Dostojewskis mehrdeutige Sentenz „Wir sind Revolutionäre (…) aus Konservatismus“ wurde 1921 von Thomas Mann aufgegriffen und in das Schlagwort einer „konservativen Revolution“ umgemünzt. Seine finanzielle Lage hatte sich in den letzten Jahren aufgrund seines Ruhmes verbessert, doch sein Gesundheitszustand verschlechterte sich rapide. Fjodor Dostojewski verstarb am 28. Januar 1881 nach einem Blutsturz infolge eines Lungenemphysems.

getrieben von Liebe und Sehnsucht

An der Trauerfeier am 31. Januar nahmen 60.000 Menschen teil. Begraben ist er auf dem Tichwiner Friedhof im Alexander-Newski-Kloster. Mit Iwan Turgenjew und Leo Tolstoi gehört Dostojewski zum unangefochtenen Dreigestirn des russischen Romans, zu den Giganten der russischen Literatur. Er avancierte mit moderner psychologischer Erzählweise und der philosophischen Komplexität seiner Gedankenwelt zu einem der bedeutendsten Autoren des 19. Jahrhunderts, der seinerseits nahezu alle namhaften Autoren nach ihm beeinflusste. Bezeichnend für seinen Stil ist die große emotional-emphatische Eindringlichkeit der Beschreibung der Charaktere seiner Protagonisten. Seine Gestalten sind entweder von einem bösen Dämon gerittene Wesen, andere wieder von einer fast überirdischen Reinheit und Weichheit. Immer ist er von tiefstem Mitleid und Verstehen der gequälten Menschheit besessen. „Thema seines gesamten Schaffens ist das Leben der Erniedrigten und die verzweifelte Menschenseele, die aber trotz aller Verirrungen sich immer wieder erhebt, getrieben von Liebe und Sehnsucht nach dem Guten“, befindet Georg Bürke auf dem Blog Deutschland-Lese.

Begräbniszug. Quelle: Von V. Porfiryev – http://www.smolgazeta.ru/culture/5895-k-godovshhine-uxoda-smert-i-poxorony-dostoevskogo.html, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=19043421

Seine Romane spielen fast ausnahmslos in der Großstadt, besonders in Petersburg, dessen Elendsviertel er mit ungeheurer Kraft und Anschaulichkeit schildert und ins Unheimliche, ja Dämonische steigert. Doch er lehnt alle Versuche ab, die sozialen Probleme durch äußere Mittel zu lösen, und ersehnt Erlösung allein durch die erbarmende Liebe Gottes, der sich dem Demütigen und Liebenden offenbart, selbstherrliches Übermenschentum aber an der eigenen Überheblichkeit scheitern lässt. Besonders in seinem Spätwerk zeigt sich als leitendes Motiv die vom Sozialismus übernommene Idee eines goldenen Zeitalters. Trotzdem wurde er, beginnend bei Lenin und Maxim Gorki, bis 1956 in seiner Heimat als „reaktionär“, „bourgeois“ und „individualistisch“ verfemt. Seine Werke wurden in mehr als 170 Sprachen übersetzt. „Bei Dostojewski gab es Glaubhaftes und Unglaubhaftes“, bilanzierte Ernest Hemingway seine Lektüre, „aber manches davon so wahr, dass es beim Lesen einen anderen Menschen aus dir macht“.

„Pull-it-Sir“

Er ist zu groß, zu dünn, sieht schlecht – und will doch Soldat werden. Allerdings wird er von einer Armee nach der anderen abgelehnt: vom österreichischen Militär, der französischen Fremdenlegion, der britischen Armee. Ein anderes Land, weiter weg, befindet sich jedoch im Krieg und braucht jeden Mann: In den Vereinigten Staaten kämpfen Südstaaten gegen Nordstaaten. In Hamburg verpflichtet er sich für die U.S. Union Army, die Nordstaatentruppe; für Kriegsfreiwillige ist die Atlantiküberfahrt kostenlos. Er landet 1864 in Boston und kämpft auf der Seite der Nordstaaten – ohne ein Wort Englisch zu sprechen.

19 Jahre später kauft er die Abendzeitung New York World für 346.000 Dollar und steigert die Auflage von 15.000 auf 600.000 Exemplare. Sein erstes Editorial geriet zu einem Manifest für die Unabhängigkeit des Journalismus. Dessen Aufgabe sei der Kampf für Fortschritt und Veränderung, gegen Ungerechtigkeit, Armut und Korruption. Verleger und Journalisten dürften keiner Partei angehören und müssten auch sonst „radikale Unabhängigkeit“ bewahren. Kurz zusammengefasst: Zeitungsmenschen seien nicht spezifischen Interessen, sondern dem Allgemeinwohl verpflichtet. Diese wesentlichen Grundprinzipien schreibt rund 150 Jahre später der Bundesverband deutscher Zeitungsverleger als „Wächterrolle“ in sein Leitbild. Seit 1969 vergibt die „Stiftung Freiheit der Presse“ jährlich einen „Wächterpreis der deutschen Tagespresse“, darunter 1990 an Michael Klonovsky.

Pulitzer. Quelle https://www1.wdr.de/radio/wdr5/sendungen/zeitzeichen/joseph-pulitzer-102~_v-gseagaleriexl.jpg

Er wie auch sein Hauptkonkurrent William Randolph Hearst versuchten dennoch mit wahren, aber auch gefälschten Sensationsmeldungen die „kleinen Leute“ auf ihre jeweilige Seite zu bringen. Höhepunkt: der Aufstand der Kubaner gegen die spanische Kolonialmacht und der daraus folgende amerikanisch-spanische Krieg. Die Kubaner wurden zu Opfern einer rücksichtslosen Kolonialmacht stilisiert – und die US-Amerikaner als ihre Retter: Der Kongress stimmte schließlich einer Kriegserklärung von US-Präsident William McKinley zu, nachdem das Kriegsschiff „USS Maine“ am 16. Februar 1898 aus ungeklärter Ursache im Hafen von Havanna explodiert war und 260 Menschen starben. Die „Goldenen Tage des Printjournalismus“, in denen mehrere Ausgaben täglich gedruckt, von den Zeitungsjungen, den „News Boys“, auf der Straße ausgerufen und an den Leser gebracht wurden, waren geboren, und er war einer der Geburtshelfer: Joseph Pulitzer, der am 29. Oktober 1911 starb.

stark sensationalistisch

Pulitzer wurde am 10. April 1847 als ältester Sohn eines wohlhabenden ungarisch-jüdischen Kornhändlers und einer streng katholischen deutschen Mutter in Makó bei Szeged geboren und nach dem Umzug der Familie nach Budapest auf Privatschulen und von Privatlehrern unterrichtet. Nach dem Tod des Vaters ging es aber rapide bergab, so dass er die Chance in den USA wahrnahm und bis zum Ende des Bürgerkriegs im 1. New Yorker Kavallerie-Regiment diente, das hauptsächlich aus Deutschen bestand. Nach vielen Gelegenheitsjobs, unter anderem als Kofferträger und Kellner, die er teilweise als Obdachloser bestritt, wurde er 1867 nach mehreren Schummeleien amerikanischer Staatsbürger: er sei fünf und nicht erst drei Jahre im Land, und er erfand zudem einen Abschluss in Jura. Auf Arbeitsuche kam er 1868 nach St. Louis (Missouri).

Die Anekdote besagt, er habe in einem Schachklub zwei spielende Männer beobachtet und einen Schachzug kommentiert. So lernte er Emil Preetorius kennen, Mitherausgeber der überregionalen deutschen Zeitung Westliche Post, bei dem er als „Mädchen für alles“ anheuert. Er folgt Gerüchten, deckt Missstände auf, lernt den Job von der Pike auf. Als Lokalreporter wichtigen Leuten nachzurennen, in Geschäften sich nach Stories umzuhören war alles andere als ein Vergnügen, noch dazu, wenn man wegen einer größeren Nase mit der Verballhornung „Pull-it-Sir“ gehänselt wurde. Doch er machte seine Sache gut, wurde bald von Kollegen anerkannt und zum Lieblingsschüler von Preetorius. Durch den Kontakt zu den richtigen Leuten fand Pulitzer sehr schnell heraus, wie Politik im Land gemacht wurde: über und mit der Presse.

Pulitzer vs. Hearst. Quelle: https://www.wikiwand.com/simple/Yellow_journalism

So lernte er, wie freundliche Berichterstattung über Parteien oder Personengruppen sich in Form von Inseratenaufträgen bezahlt machte – eine Erkenntnis, die im Übrigen auch heute noch gilt. Für den Amerikanisten Wolfgang Hockbruck ist er im WDR „eigentlich der Erfinder einer unabhängigen Presse in den Vereinigten Staaten gewesen. Regierungskritisch. Immer da, wenn eine Regierung oder Regierungsämter – was in Washington damals schon ziemlich häufig vorkam – in Korruptionsskandale verwickelt waren. Gleichzeitig arbeitet er stark sensationalistisch.“

In den folgenden Jahren machte er seine ersten politischen Gehversuche  als Unterstützer von Freunden des liberalen Flügels der Republikaner in St. Louis. Durch einen Zufall – ein anderer Kandidat war erkrankt und Pulitzer war bei der Wahl zufällig anwesend – kam er auch kurzfristig ins Parlament von Missouri. Politisch verfolgte er ein Hauptziel: den Kampf gegen die Korruption und Verschwendung von öffentlichen Geldern. Einer der Anlässe war der Bau eines Asyls für Geisteskranke in St. Louis, bei dem einiges schief gelaufen war.

1872 stand die Westliche Post ziemlich schlecht da: Sie hatte bei Wahlen die falschen Kandidaten unterstützt, so dass jetzt Leser, Unterstützer und Inserate ausblieben. Doch Pulitzer, inzwischen durch seine politische Tätigkeit zu bescheidenem Vermögen gekommen, half aus und erwarb einen Anteil an der Zeitung. Doch bald kam es zu Unstimmigkeiten mit den Mitherausgebern. Pulitzer ließ sich ausbezahlen und erhielt ein Vielfaches seiner Einlagen zurück – über 30.000 Dollar. Plötzlich war er ein gemachter Mann, der nicht mehr regelmäßig arbeiten musste.

Pulitzers Yellow Kid. Quelle: https://www.boweryboyshistory.com/wp-content/uploads/2020/07/D_1602-1024×725.jpg

Er reiste nach Europa, befasste sich privat ein wenig mit juristischen Studien, um im amerikanischen Rechtssystem sattelfest zu werden, passte Kleidung und Wohnadresse an die neuen finanziellen Verhältnisse an und war bereit für risikoreichere Investitionen. So kaufte er eine bankrotte Zeitung auf, die aber einen lukrativen Anteil an einem Vertriebssystem hatte. Keine zwei Tage später verkaufte er sie wieder mit dem beachtlichen Gewinn von 20.000 Dollar. Aus einer risikoreichen Investition in den Bau eines Schifffahrtskanals zum Mississippi generierte er ebenfalls einige zehntausend Dollar.

„Konzentration auf das Wesentliche!“

Auch politisch orientierte sich Pulitzer neu: Nach Unstimmigkeiten mit seinen republikanisch orientierten Freunden und ehemaligen Förderern wechselte er die Seite und wurde im Herbst 1874 Demokrat. Vor allem seine jüdische Herkunft, die er zu verschleiern suchte, machte es ihm nicht leicht: Die New York Times schrieb 1876: „Pulitzer gehört zu der großen Gruppe unbeachteter Narren, die sich fälschlicherweise für bedeutende Männer halten“.  1878 gelang Pulitzer die familiäre Etablierung: Er heiratete Kate Davis, Tochter eines heruntergekommenen Plantagenbesitzers. Wenige Tage vor der Hochzeit brachte er seine Braut zur Verzweiflung, weil er plötzlich nach New York verschwand, um eine bankrotte Zeitung zu kaufen – was er dann aber doch nicht tat. Mit Kate hatte er dann sieben Kinder haben, von denen zwei sehr früh starben.

Im selben Jahr kaufte Pulitzer in St. Louis eine finanzschwache Zeitung, die er später mit einer anderen kränkelnden lokalen Zeitung zum St. Louis Post-Dispatch verband. Damit beherrschte er den boomenden Abendzeitungsmarkt in St. Louis. In kurzer Zeit konnte er die Auflage von 4.000 auf 20.000 Exemplare steigern. Sein Erfolgsgeheimnis: „Wir brauchen in der Zeitung jeden Tag mindestens eine außergewöhnliche, eine gut recherchierte Geschichte.“ Eine Geschichte „to talk about at dinner table“ sagte er dazu – Stern-Chef Henri Nannen nannte das rund 100 Jahre später „Küchenzuruf“.

Pulitzers Grab. Quelle: Von Anthony22 in der Wikipedia auf Englisch, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=6576850

So wurden die Steuererklärungen sehr wohlhabender Mitbürger veröffentlicht, die sich dem Finanzamt gegenüber als mittellos deklarierten. Auch die schamlos hohen Monopoltarife der St. Louis Gas-Light Company konnte das Blatt mit Erfolg bekämpfen. Pulitzers Jahreseinkommen lag jetzt bei rund 50.000 Dollar, seine Zeitung  warf einen Jahresgewinn von 150.000 Dollar ab. 1883 gelang es Pulitzer, eine große Werbe- und Spendenkampagne für den Bau des Sockels der Freiheitsstatue zu initiieren, um die nötigen Finanzmittel zu sammeln. Im selben Jahr wurde er ins US-Repräsentantenhaus gewählt.

Prompt wurde es ihm in St. Louis zu eng. Die Familie übersiedelte nach New York, wo auch sein jüngerer Bruder Albert im Zeitungsgeschäft tätig war – und er bei der New York World zugriff. Der Spruch in seinem Arbeitszimmer „The World has no friends“ sollte die Unabhängigkeit des Blattes dokumentieren. 1895 war sie die erste Zeitung auf der Welt, die mit teilweisem Farbdruck erschien und auch Comics veröffentlichte. Manche sagen, die Schlagzeilen seien nur so groß, damit der aufgrund seiner Diabetes fast blinde Pulitzer sie selbst lesen kann. Der Comic mit dem Yellow Kid, einem grinsenden Kind mit gelbem Kittel, wird das Markenzeichen der Zeitung und gibt der Yellow Press, der Sensationspresse, ihren Namen. „Genauigkeit! Klarheit! Konzentration auf das Wesentliche!“ – das sind Pulitzers Prinzipien für guten Journalismus. Er hatte auch ein gutes Gespür für junge Journalisten: So stellte er etwa Nellie Bly an. Sie war mit verdeckten Reportagen bekannt geworden und ließ sich unter anderem einmal in ein Haus für nervenkranke Frauen einweisen, um dort „undercover“ zu recherchieren. Sie gilt als erste Investigativjournalistin der Welt.

Nach dem viermonatigen Spanien-Krieg distanzierte sich Pulitzers World von dieser Art Journalismus, betrieb wieder schonungslosen, gut recherchierten, investigativen Journalismus und setzt auf gut recherchierte Stories – vielleicht auch, weil die Hearst-Presse derart skrupellos vorging, dass man sie in dieser Hinsicht perspektivisch schlecht übertrumpfen konnte. Dies brachte ihn und seine Zeitung in große Schwierigkeiten, als er 1909 den Bestechungsskandal um den Panamakanal, d. h. die Zahlung von 40 Millionen US-Dollar der USA unter dem US-Präsidenten Theodore Roosevelt an die French Panama Canal Company, aufdeckte. Pulitzer wurde daraufhin von Roosevelt und dem Finanzier J. P. Morgan verklagt. Aus dem Verleumdungsprozess ging Pulitzer siegreich hervor, was er als Sieg des freien Journalismus feierte und ihn noch populärer machte – doch lange konnte er sich nicht darüber freuen, denn zwei Jahre später starb er.

„Demokratieressource Journalismus dauerhaft sichern“

Schon 1892 wollte Pulitzer der Columbia University in New York einen hohen Geldbetrag für die Gründung eines Journalismus-Instituts spenden. Die Annahme wurde von der Universität, möglicherweise wegen Pulitzers drängendem Auftreten, jedoch abgelehnt. Nach seinem Tod vermachte er der Universität zwei Millionen Dollar, und 1912 wurde das Institut, das sich „Columbia University Graduate School of Journalism“ nannte, eröffnet. Seit 1917 wird von der Universität ebenfalls aus Pulitzers Nachlass jährlich der Pulitzer-Preis für hervorragende journalistische Arbeiten in verschiedenen Kategorien vergeben, seit 1948 auch für Publizistik. Die Liste der Preisträger liest sich wie ein Who is Who moderner US-Literatur: Ernest Hemingway, William Faulkner, Harper Lee, Saul Bellow, Norman Mailer, John Updike, Philip Roth. Die World wurde nach Pulitzers Tod von seinem Sohn weitergeführt, der 1913 das erste Zeitungs-Kreuzworträtsel der Welt veröffentlichte.

Pulitzerpreis. Quelle: https://static.dw.com/image/43393349_303.jpg

Den New Yorker Philharmonikern vermachte er daneben 700.000 Dollar, wogegen seine Erben erfolglos klagten. Zu seinen bekanntesten Zitaten gehört: „Es gibt kein Verbrechen, keinen Kniff, keinen Trick, keinen Schwindel, kein Laster, das nicht von Geheimhaltung lebt. Bringt diese Heimlichkeiten ans Tageslicht, beschreibt sie, macht sie vor aller Augen lächerlich. Und früher oder später wird die öffentliche Meinung sie hinwegfegen. Bekannt machen allein genügt vielleicht nicht – aber es ist das einzige Mittel, ohne das alle anderen versagen.“ Wie aber würde dann Pulitzer heute über das urteilen, was sich in Deutschland Journalismus nennt? „Wie bereits zu Pulitzers Zeiten kann das Verhältnis zwischen Medien und Politik als mindestens kompliziert bezeichnet werden. Wenn es aber um den Erhalt der Demokratie geht, so sitzen beide im selben Boot“, befand 2018 Hamburgs Mediensenator Carsten Brosda (SPD) in der Journalistik.

Prompt fragte Brosda, „ob  die ökonomischen Probleme vieler Medienunternehmen perspektivisch die Qualität, Vielfalt und Freiheit der Presse strukturell einschränken.“ Und ebenso prompt kritisierte er: „Noch  immer  wird  die  Förderung  von  Journalismus  nicht  als eigenständiger gemeinnütziger Zweck anerkannt.“ Und genauso prompt forderte er „einen neuerlichen Blick darauf, welche Schritte notwendig sind, um die Demokratieressource Journalismus dauerhaft zu sichern.“ Das hat der Bundestag sicher auch im Blick gehabt, als er ein 200 Millionen Euro schweres Förderprogramm unter der Federführung des Bundeswirtschaftsministeriums beschloss. Der Tübinger Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen jubelte, dass kritischer, unabhängig recherchierender Journalismus unbedingt erhalten werden müsse, da er in einer Demokratie „systemrelevant“ sei – das Wort kennen wir seit der Bankenkrise.

Dass nahezu alle Zeitungen in Größenordnungen Leser verlieren, hat aber auch, wenn nicht nur, mit der Staatshörigkeit sowie Journalisten wie Relotius, Restle oder Reschke zu tun, sondern vor allem mit der Glaubwürdigkeitskrise eines Berufsstands, der weder seine Blase verlassen noch seinen volkpädagogisch-linken Impetus ablegen will. Selbst der US-Reporter Matt Taibbi befindet aktuell in der NZZ: „Doktrinärer Aktivismus ist ein Problem. Wenn ich die Storys eines bestimmten Mediums vorhersagen kann, weil ich seine politische Stoßrichtung kenne, dann betreibt es für mich Propaganda … Aktivistischer Journalismus macht abhängig – er ist intellektuell uninteressant, aber höchst effizient“. Subventionen fördern nun aber nicht die journalistische Unabhängigkeit, sondern führen zur Huldigung der Subventionierenden. Es ist ein Zeichen demokratischer Reife, wenn Leser aufwachen und sich dem gesteuerten Zugriff auf die eigene Urteilsfähigkeit entziehen. Das ist das eine.

„freiwillige Gleichschaltung“

Das andere ist ein „Tendenz-Journalismus“ als „Begleiterscheinung einer Gesellschaft, die immer mehr von staatlicher Bevormundung, Intoleranz und Beschränkung der Freiheit geprägt ist, in der Ideologie Pragmatismus verdrängt, Emotion die Vernunft, Radikalität das Augenmaß, elitäres Bewusstsein die Nähe zu den Bürgern“, wie Laszlo Trankovits auf Tichys Einblick erkennt. „Unsere Medien werden schon seit Jahren ihrer Bedeutung als „vierte Gewalt“ in der Demokratie immer weniger gerecht, sie vernachlässigen sträflich ihre Aufgabe, vor allem den Mächtigen – im eigenen Land, nicht in den USA, Israel, Ungarn oder Großbritannien – auf die Finger zu schauen“, bilanziert er.

ARD-Volo-Umfrage. Quelle: https://uebermedien.de/wp-content/uploads/journalist-grafik-volo-wahl.jpg

Der Leipziger Kommunikationswissenschaftler Christian Hoffmann betonte gar in der NZZ, dass die „Schlagseite der Branche“ sogar noch zunehme, weil sich immer mehr Journalisten in den Redaktionen ohne jedes Unrechtsbewusstsein auch als Aktivisten für das Gute in der Welt ansähen. Die linke Ausrichtung der ARD-Anstalten wurde auch von einer Umfrage unter den ARD-Volontären aus dem vergangenen Herbst bestätigt, der zufolge sich 57 Prozent zu den Grünen, 23 Prozent zu den Linken und elf Prozent zur SPD bekannten. Fazit: „Der Haltungsjournalismus heute ist im Grunde nichts anderes als die Übernahme des marxistischen Objektivitätsbegriffs: Objektivität als Parteinahme im Sinne der Geschichte, und zwar der Geschichte der richtigen Entwicklung der Gesellschaft.

Nur dass Geschichte ersetzt wird durch „moralisch richtige Seite“, erbost sich Hans Mathias Kepplinger auf Tichys Einblick und spricht von „freiwilliger Gleichschaltung“. Der Leipziger Journalistik-Emeritus Michael Haller, der die bislang umfassendste wissenschaftliche Studie vorlegte, die sich mit der Rolle der deutschen Medien während der Hochphase des Flüchtlingszustroms beschäftigte, zieht im Rückblick seiner von der Otto Brenner Stiftung in Auftrag gegebenen Studie ebenfalls ein ernüchterndes Fazit. Journalisten seien ihrer Rolle als Aufklärer nicht gerecht geworden; statt kritisch zu berichten, habe der „Informationsjournalismus die Sicht, auch die Losungen der politischen Elite“ übernommen und sei selbst mehr als politischer Akteur denn als neutraler Beobachter aufgetreten. Sorgen und Ängste der Bevölkerung seien hinter der großen Erzählung von der „Willkommenskultur“ fast völlig zurückgedrängt, Andersdenkende diskursiv ausgegrenzt worden.

Haller geht davon aus, dass dies eine „Frontbildung“ in der Gesellschaft befördert habe. Erst nach den Ereignissen der Kölner Silvesternacht 2015 „entdeckten die Medien die reale Wirklichkeit hinter der wohlklingenden Willkommensrhetorik“. Haller sieht Parallelen zur Flüchtlingskrise, „als viele Journalisten ihre Willkommenseuphorie im Rückblick als naiv und parteiergreifend erkannten“. Prompt macht er heute die Übereinstimmung von Journalisten mit Regierungspositionen als großes Problem aus. Im Tagesspiegel kritisiert er Malte Lehming vom Tagesspiegel, der das Phänomen als „Ausdruck einer Wertegemeinschaft“ verteidigt hat. Die handwerklichen Fähigkeiten, die seriösen Journalismus ausmachen, würden so „unter den Meinungsteppich“ gekehrt. Pulitzer dürfte ob solcher Befunde im Grab rotieren.

„Genosse Pablo“

Kein anderer Künstler seiner Generation war, noch dazu bis ins hohe Alter, so produktiv: Allein sein künstlerischer Nachlass wurde 1976 auf einen Wert von 1,275 Milliarden Franc geschätzt. Er umfasst: 1885 Gemälde, 7089 Zeichnungen, 19.134 Grafiken, 3222 Keramik-Arbeiten, 1228 Skulpturen und Objekte sowie 175 Skizzenbücher mit rund 7000 Zeichnungen, die er oft als Vorskizzen zu großen Arbeiten angefertigt hat. Hinzu kommen Gedichte, Schauspiele – eins übersetzte Paul Celan („Todesfuge“) ins Deutsche -, Kostüme und Bühnenbilder. Schon damit nimmt er eine Ausnahmestellung in der neueren Kunstgeschichte ein. Weil er kein Testament hinterließ, zerstritten sich seine Erben heillos und zahlten die Erbschaftssteuer in Kunst: Gemälde, Zeichnungen und Skulpturen, die zum Grundstock seines 1985 eröffneten Museums in Paris wurden, das bis heute Publikumsmagnet ist.

Dabei zeugen die Schicksale seiner Erben von seinem eigenartigen Verwobensein mit dem Tod. Enkel Pablito versuchte sich unmittelbar nach dem Tod des Großvaters zu vergiften und starb mehrere Monate später. Sohn Paulo erlag 1975 seiner Drogen- und Alkoholsucht. Marie-Thérèse Walter, die langjährige Geliebte des Malers, erhängt sich 1977; und seine zweite Ehefrau, Jacqueline Roque, erschoss sich 1986. Doch schon als Jugendlicher musste er den Tod seiner achtjährigen Schwester Conchita verkraften, als junger Mann den Selbstmord seines Künstlerfreundes Carles Casagemas, in dessen Pariser Haus er dann zog. Als Reaktion auf den Suizid begann er seinen ersten Schaffensabschnitt, die „Blaue Periode“, mit schwermütigen, pessimistischen, naturalistischen Bildern, die oft abgemagerte Menschen im Elend zeigen.

Picasso 1962. Quelle: Von Argentina. Revista Vea y Lea – http://www.magicasruinas.com.ar/revistero/internacional/pintura-pablo-picasso.htm, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=3257370

Zeitlebens wird er auch mit Russland/der Sowjetunion eigenartig verwoben sein. Seine erste Frau Olga Koklowa war eine russische Primaballerina. Der Textilmagnat Sergej Schtschukin kaufte seit 1908 über 50 seiner Bilder und legte damit den Grundstock für das 1923 gegründete Museum für Neue Westliche Kunst in Moskau. Die weltweit erste Monografie über den Künstler wurde 1917 in Russland veröffentlicht. Für Igor Strawinskys Ballett „Pulcinella“ (1920) schuf er die Bühnenbilder. Der befreundete Schriftsteller Ilja Ehrenburg, der ihn halb im Scherz „guter Teufel“ nannte, half 1956, seine Parallelausstellung in Moskau und Leningrad zu organisieren, mit der die Tauwetter-Periode nach der Stalin-Ära begann. Der Andrang war so groß, dass die Besucher die ganze Nacht Schlange standen und er das Publikum beruhigen musste: „Sie haben 25 Jahre auf diese Ausstellung gewartet, jetzt können Sie auch noch 25 Minuten warten“. 1962 überbrachte er ihm gar noch den Lenin-Friedenspreis: Pablo Ruiz y Picasso, der am 25. Oktober vor 140 Jahren in Malaga geboren wurde.

Das Wunderkind als Autodidakt

Sein Vater ist Maler und Zeichenlehrer an der Kunstgewerbeschule, Malmaterial steht bei ihnen überall zu Hause herum. Sein Vater sieht in ihm das „Wunderkind“ und unterrichtete ihn schon früh in akademischem Zeichnen. Sein erstes Bild ist gleich ein Ölgemälde – „Der kleine Pikador“, wozu ihn der Besuch eines Stierkampfes inspiriert hat. Da ist Pablo gerade mal 9 Jahre alt. 1892 wird er an der Kunstschule von Malaga aufgenommen. Neben dem normalen Schulunterricht malt und zeichnet Pablo in jeder freien Minute und qualifiziert sich schnell für höhere Ausbildungsgänge. Nach der Oberstufe wechselt er an die Kunstakademie in Barcelona, kurz danach an die renommierte Akademie San Fernando in Madrid. Aber die Unterrichtsmethoden gefallen dem jungen Maler nicht. Schon nach einem halben Jahr verlässt er das Institut – und bildet sich fortan selbst aus und weiter.

1895 schuf er sein erstes großes Bild im akademischen Stil „Die Erstkommunion“. Seinen Wissensdurst stillt er in Museen, Salons und Ateliers, er studiert die Techniken anderer Künstler und saugt alles auf, was um ihn herum an neuartiger Kunst, Literatur und Musik entsteht. 1899 wurde er Mitglied der Gruppe „Die vier Katzen“ und hatte 1900 eine erste gemeinsame Ausstellung. Zugleich wurden in Zeitungen seine Illustrationen veröffentlicht.  Zum Leben reichen die Verkäufe aber noch nicht, im Gegenteil. Nicht selten übermalt er seine Bilder, weil ihm das Geld für neue Leinwand fehlt. Er lernt den Kunsthändler Pedro Manach kennen, der ihm einen monatlichen Festbetrag für seine Bilder anbietet. Von den Museumsdirektoren und internationalen Kunstsammlern wird Picasso spät entdeckt: erst 1932 hat er seine erste große Einzelausstellung – im Kunsthaus Zürich in der Schweiz.

Picassos Isabeau. Quelle: https://uploads4.wikiart.org/images/pablo-picasso/queen-isabella-1908.jpg!Large.jpg

Seiner Blauen („Königin Isabeau“, „Die Absinthtrinkerin“, „Frau mit Fächer“) schloss sich dann die Rosa Periode an („Mädchen auf der Kugel“, „Harlekin und seine Gefährtin“, „Die Gaukler“). Ab 1908 begründete Picasso mit dem Maler Georges Braques den als revolutionär aufgefassten Kubismus. Der neu entwickelte Stil ging einerseits auf afrikanische Masken zurück und andererseits auf eine veränderte Ästhetikvorstellung, in der Formen und Farben als Zersplitterungen vorherrschen. Die Bildfläche ist dabei in rhythmische Flächen zerkleinert. Eine Folge davon ist, dass Formen in Zeichen aufsplittern und Farben in verschiedene Töne wie Grau, Braun oder Grün. Geometrische Formen geben die Gegenständlichkeit wieder, Bildstrukturen werden abstrakter. Bilder wie „Frau mit Gitarre“ oder „Ma Jolie“ zeugen von dieser neuen Maltechnik. 1906 macht er die Bekanntschaft mit dem damals bedeutendsten französischen Künstler, Henri Matisse, der ihm zahlreiche Kontakte verschafft. Durch ihn lernt Picasso auch Ambroise Vollard kennen, der ihm alle Bilder seiner „Rosa Periode“ abkaufte und ihn zum ersten Mal finanziell sorgenfrei macht. Später trägt der Kunsthändler Daniel-Henry Kahnweiler dazu bei, dass Picasso einer der teuersten Künstler des 20. Jahrhunderts wird.

„Ich suche nicht, ich finde“

In die Zeit zwischen 1911 und 1914 fiel die Anfertigung der ersten Klebebilder, der papiers collés. Später verwendete Picasso noch weitere Materialien wie Blech, Holz oder Sand. In der Zeit des Kubismus nutzt er aber auch parallel dazu andere Stile, etwa den Realismus bei seinen Porträtarbeiten. Für die Pariser Uraufführung des Balletts „Parade“ 1917, das auf einem Einakter mit Gedichten Jean Cocteaus basiert und von Eric Satie komponiert wurde, entwarf Picasso das Bühnenbild und die Kostüme – eine Zäsur in seinem Leben. Zum einen übertraf das Ergebnis alle Erwartungen: Statt Ballett-Tutus trugen die Tänzer sperrige Kostüme aus Pappmaché, Holz und Metall – so unbequem, dass die Bewegungen mechanisch und unbeholfen wirkten. Zum anderen lernte er dabei Olga kennen, die er im Jahr darauf heiratete und mit ihr ein Kind hatte.

1918 malte er sie als Ikone, als seine russische Angebetete, elf Jahre später als ein ihn verschlingendes Ungeheuer. Seine Ehe mit ihr war zerrüttet, und jahrelange Auseinandersetzungen brachten ihn an den Rand der Erschöpfung, sodass er für Monate das Malen ganz aufgab: Empörung schreit aus jenem Bild, jedoch formuliert Picasso dort auch die Frau in ihrer ambivalenten Rolle als Glücks- und Todesbringerin. Sechs Jahre später – die Scheidung war gescheitert, innerlich und äußerlich getrennt blieb das Paar zeitlebens juristisch aneinander gebunden – malte Picasso ein surrealistisches Porträt von Olga, das die ganze Hohlheit eines verpfuschten Lebens in großen Augen darstellt. „Auf das Bild vom Menschen in seinem Werk überträgt Picasso sein Gegenüber intuitiv und unvoreingenommen, mit einer diagnostischen Haltung, die man von einem guten Arzt erwartet“, befindet Johannes M. Fox im Ärzteblatt. Daher trifft sein berühmtes Bonmot „Ich suche nicht, ich finde“ ins Schwarze: Er findet in Porträts von ihm Nahestehenden visionär deren untergründige psychische Befindlichkeit.

Picasso vor seinem Gemälde Der Aficionado. Quelle: Von Anonym – RMN-Grand Palais, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=65268198

Ab 1919 orientierte sich der Maler in seinem Schaffen an antiker Mythologie, so sehr gern am Minotaurus. Zwischen 1924 und 1926 wurden große abstrakte Stillleben sein Schwerpunkt. Als Salvador Dalí erstmals nach Paris reiste und Picasso besuchte, war er „so tief bewegt und voller Respekt, als hätte ich eine Audienz beim Papst“. 1927 begegnete er Marie-Thérèse Walter, die sein Modell und seine Geliebte wurde und 1935 eine Tochter gebar. Picassos Bilder zeichnen sich in dieser Zeit dadurch aus, dass sie fast keine Figuren mehr enthalten. Picasso wurde für die Surrealisten eine Symbolfigur der Moderne; in ihren Publikationen brachten sie zahlreiche Abbildungen seiner kubistischen und neoklassizistischen Werke und stellten diese in einen surrealistischen Zusammenhang. Von 1928 und 1929 arbeitete er an Drahtplastiken und erstmals an Eisenskulpturen. Mit einem Besuch in Spanien 1934 tauchten in Picassos Werken Motive aus dem Stierkampf auf.

1936 zum Direktor des Prado ernannt, beauftragte ihn die republikanische Regierung mit dem monumentalen und kriegskritischen Gemälde „Guernica“ für den spanischen Weltausstellungspavillon 1937. Es gilt heute als ein Schlüsselwerk in der Kunst des 20. Jahrhunderts und wurde foto-dokumentierend von seiner Geliebten Dora Maar begleitet, die als Vorlage für alle „Weinenden Frauen“ diente, Mütter, die Blut weinen angesichts ihrer toten Kinder. Picasso klagt die Grauen der Bombardierung der nordspanischen Stadt im Spanischen Bürgerkrieg durch die deutsche Legion Condor an. „Picasso malte nicht seine Destruktivität, sondern er gab einer aus den Fugen rasenden Welt Gestalt. Er malte die grausame Konsequenz menschlichen Handelns im Krieg“, so Fox.

Bis 1940 hielt sich Picasso in Südfrankreich auf und trat am 5. Oktober 1944 der Kommunistischen Partei Frankreichs bei – in Moskau wurde er darum „Genosse Pablo“ genannt. Die Allgegenwart von Tod, Leiden und Angst sublimierte der Maler in einem rauen, schonungslosen und bisweilen wenig gefälligen Stil. Auffallend sind die ungestümen Verzerrungen, die Picasso den Bildgegenständen und Menschen in seinen Bildern auferlegte. Zum Symbol der Hoffnung wird für ihn der „Mann mit Schaf“, eine antiheroische Figur als Beschützer der Schwachen und damit ein Gegenbild zu Arno Brekers Skulpturen, die Picasso 1942 in der Orangerie des Tuileriengartens gesehen hatte. Obschon ab 1940 als „entartet“ diffamiert, arbeitete der Maler wie besessen an Ölgemälden und Plastiken weiter. Bis zur Befreiung von Paris lebte er dort zurückgezogen in seinem Atelier.

„Vanitas eines schöpferischen Menschenlebens“

Nach dem Zweiten Weltkrieg zählte Picasso zu den berühmtesten lebenden Künstlern seiner Zeit. Er nahm 1948 und 1950 an Weltfriedenskongressen teil und entwarf für letzteren die Lithografie „Fliegende Taube“, die als Friedenstaube zum Symbol des Friedens schlechthin wurde. Die Lithografie sollte in den folgenden Jahren zu Picassos meist verwendeter grafischer Technik werden, außerdem experimentierte er mit Glasmalerei und der Herstellung von Keramiken. Der Abstraktion öffnete er sich zeitlebens nie. Der große Aachener Kunstmäzen Peter Ludwig, der neunzehn Museen in fünf Ländern etablierte, verfasste 1949/50 seine Dissertation über das Menschenbild bei Picasso.

Keramik von Picasso. Quelle: https://de.amorosart.com/bild-werk-visage_aux_yeux_rieurs_laughing_eyed_face_1969-1000-1000-82260.jpg

Seit 1943 mit der französischen Künstlerin Françoise Gilot liiert, mit der er zwei Kinder hatte, lernte er 1951 die 46 Jahre jüngere Jacqueline Roque kennen, die er zehn Jahre später heiratete. Ab 1953 wurde der Jahrhundertmaler in unzähligen Retrospektiven geehrt. 1958 hatte Picasso das Schloss Vauvenargues am Fuß der Mont Sainte-Victoire in der Nähe von Aix-en-Provence bezogen, wo er auch begraben wird. Der letzte Lebens- und Arbeitsort Picassos sollte ab Juni 1961 die Villa Notre-Dame-de-Vie in der Nähe des Dorfes Mougins in den Bergen oberhalb von Cannes werden. In den folgenden elf Jahren, die Picasso bis zu seinem Herztod am 8. April 1973 noch blieben, kreiste sein Werk um die Alten Meister – wie Rembrandt van Rijn – und Jacqueline, die sein meist dargestelltes Modell wurde.

Die letzten sehr bewegenden Selbstporträts von 1972, die ihn als todesangstbeladenen alten Mann zeigen, künden bei aller positiven Bilanz eines schöpferischen (Künstler-)Lebens auch von der „Vanitas eines schöpferischen Menschenlebens. Im Angesicht des nahen Endes tragen weder Ruhm noch ein gewaltiges Œuvre, es tragen nicht die menschlichen Beziehungen, keine Religion gibt Halt: ein Scherbenhaufen bleibt. Erschütternd und desillusioniert dokumentiert Picasso, dass alles Aufbäumen in den letzten Jahren, alles Getriebensein nicht half, sein imposantes Lebenswerk als Ernte einzufahren“, erkennt Fox. Am Abend vor seinem Tod überarbeitete er noch den stark abstrahierten „Liegenden weiblichen Akt und Kopf“. Die überbordende Sexualität und Virilität von Picassos Spätwerk wird hier in einer geometrisch-stilisierenden Darstellung gebändigt.

Chateau Vauvenargues. Quelle: Von Malost – Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=2092520

Denn Beziehungen und Sexualität waren wohl seine Lebensthemen: Die Frauen an seiner Seite behandelte der Künstler oftmals vollkommen rücksichtslos, verletzend und zerstörerisch, um sie anschließend beschädigt zurückzulassen. Biograph John Richardson meint: „Wenn eine andere Frau in Picassos Leben auftaucht, ändert sich alles für ihn. Der Dichter ändert sich, der Freundeskreis ändert sich, das Haus ändert sich. Alles verändert sich mit der Geliebten.“ Seine außerordentliche Fähigkeit, bestehende Konventionen der Kunst, der Lust und des Lebens auszumessen, auszudehnen, zu überschreiten und den Rahmen neu zu setzen, ist bis heute nicht nur bewunderns-, sondern auch geldwert: Der bei einer Auktion 2015 in New York erzielte Umsatzrekord für ein Gemälde von Picasso („Les Femmes d´Algier“, 1955) beträgt 179,4 Millionen US-Dollar.

Der italienische Liedermacher Fabrizio Cristiano de André widmete ihm noch Ende der 1960er Jahre eine 28 Terzetten umfassende Ballade. Das Lied belegt in poetischer Weise, dass der fränkische Herrscher Spuren hinterlassen hat, die bis in unsere Gegenwart hinein reichen. Der österreichische Mediävist Andreas Fischer weiß in der Welt, dass maßgeblich seine militärischen Erfolge dazu beigetragen haben, die ihm ab 875 seine Beinamen Tudites („Stoßer“), später Malleus bzw. Martellus („Hammer“) einbrachten: „Insbesondere sein Sieg über die Araber und Berber in der Schlacht bei Poitiers im Jahr 732 hat ihn zur Identifikationsfigur für die Verteidigung des christlichen Europa gegen den Islam werden lassen.“

Allerdings hinterließ die Schlacht auch in der späteren arabischen Geschichtsschreibung tiefe Furchen – und kommt freilich in ihrer Synthese zu einem anderen Ergebnis, wie, auch in der Welt, der Bonner Islamist Stephan Conermann berichtet: „Zur Verteidigung der eigenen Kultur hat man Anfang des 20. Jahrhunderts von arabischer Seite behauptet, wenn dieser Karl uns nicht besiegt hätte, dann hätten wir eben tatsächlich das gesamte Abendland besiegt. Dann wäre es allerdings auch nie dazu gekommen, dass Europa uns im 16., 17., 18. Jahrhundert so besiegt und so dominiert hätte wie es jetzt der Fall ist.“ Wie auch immer – er stärkte damit seine Stellung innerhalb der fränkischen Notablen und wurde zum Begründer der Karolinger-Dynastie: Karl Martell, der am 22. Oktober 741 in der Königspfalz Quierzy nach schwerer Krankheit ruhig im Bett starb.

Dabei war seine dynastische Karriere gar nicht vorgesehen: Der Sohn Pippins des Mittleren – der zuerst Hausmeier in Austrasien, später Neustrien war -, kam zwischen 688 und 691 unehelich zur Welt und wurde von Bischof Rigobert von Reims getauft. Über das Verhältnis des Heranwachsenden zu seinem Vater, seinen Halbbrüdern Drogo und Grimoald und seiner Stiefmutter Plektrud ist nichts bekannt. Ebenso unklar sind seine Ausbildung, sein tatsächliches Aussehen und seine Jugend; angeblich lernte er nie richtig lesen und schreiben. Er ist der einzige zur Herrschaft aufgestiegene Karolinger, über dessen Aktivitäten vor dem Tod seines Vaters keine Nachrichten vorliegen, und wurde, anders als die beiden Söhne von Pippin, in keiner Weise an der Herrschaftsausübung beteiligt.

Karl Martell. Quelle: https://img.welt.de/img/kultur/history/mobile100679096/8552508707-ci102l-w1024/Martell5-DW-Sonstiges-Monte-Carlo-jpg.jpg

705 heiratete er Chrotrud, die ihm die Söhne Karlmann und Pippin den Jüngeren sowie die Tochter Hiltrud gebären wird. Es sei eine Liebesheirat gewesen, wird bis heute kolportiert: Laut Thomas R.P. Mielke führte Karl stets einen Becher mit sich, der aus der Wurzel des Rosenbuschs geschnitzt war, unter dem Karl und Chrotrud das erste Mal beieinander lagen. Nach ihrem Tod 725 ehelicht er die bayrische Prinzessin Swanahild, mit der er noch den Sohn Grifo bekommt. Diese Ehe bildete die Grundlage für freundschaftliche Beziehungen zum Langobardenkönig Liutprand. Mit seiner Nebenfrau Ruadheid zeugt er noch drei weitere Söhne, darunter Remigius, später Bischof von Rouen.

 „sorgte für das eigene Seelenheil vor“

Da die beiden Halbbrüder früh starben, sicherte Plektrud nach Pippins Tod 714 ihrem Enkel Theudoald die Nachfolge im Hausmeieramt und nahm, um Ansprüchen Karls vorzubeugen, ihn kurzerhand in Haft: die „pippinidisch-karolingische Sukzessionskrise“ begann. Gegen Plektrud rebellierten zunächst neustrische Große, die 715 Theudoald besiegten, 716 einen Mönch Daniel als neuen König Chilperich II. erhoben und bis nach Köln vordrangen, um sich Plektruds Schätzen zu bemächtigen. Unterdessen war es Karl gelungen, aus der Haft zu entkommen, führende Anhänger Plektruds auf seine Seite zu ziehen und sich die Unterstützung des angelsächsischen Missionars Willibrord zu sichern. Nach einer Niederlage gegen die Friesen von Radbod  – es blieb zeitlebens seine einzige – besiegte er die Neustrier 716/17 in zwei Schlachten. Anschließend belagerte er Plektruds Kölner Residenz und zwang sie zur Herausgabe des merowingischen Königsschatzes, womit der Übergang der Herrschaft versinnbildlicht wurde: Der Königsschatz als Machtmittel ermöglichte es seinem Besitzer, Gefolgsleute materiell zu belohnen und so deren Loyalität zu sichern.

Plektrud gab ihre politischen Ambitionen auf und wurde Stifterin des Kölner Konvents von St. Maria im Kapitol. Nach mehrjährigen Wirren erkannte Karl Chilperich an – ein kluger Schachzug, denn so konnten die Neustrier an ihrem König festhalten, während Karl damit die Akzeptanz seiner Herrschaft erhöhte. Nach Chilperichs Tod 721 erhob er mit dem etwa zehnjährigen Theuderich IV. einen neuen Merowingerkönig und beendete zwei Jahre später die Sukzessionskrise, indem er zwei Halbneffen Drogos inhaftieren ließ, da er Ansprüche von ihnen befürchtete. Bis 737 nun versuchte er als „Reisekönig“ seine Herrschaft auch an den äußeren Grenzen des Frankenreichs zur Geltung zu bringen. Die kriegerischen Aktivitäten richteten sich gegen die Völker der Friesen, Sachsen, Alemannen und Bayern sowie die Regionen Aquitanien, Burgund und Provence. Dabei variierte das Ausmaß der Einverleibung der jeweiligen Territorien: Offenbar beabsichtigte Karl die nicht immer.

Ausschnitt aus der Belagerung von Avignon. Quelle: Von Autor unbekannt – http://www.bl.uk/catalogues/illuminatedmanuscripts/ILLUMIN.ASP?Size=mid&IllID=43773, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=59392215

So veranstaltete er mehrere Strafexpeditionen gegen die Sachsen als Vergeltungsschläge für deren Vorstöße und betrieb die Eingliederung Alemanniens ins Frankenreich. Mit Karls Hilfe gründete der heute als heilig verehrte Abtbischof Pirmin zwischen Bodensee/Schwarzwald und Vogesen mehrere Klöster, darunter Reichenau (724), Gengenbach (nach 727) und Maursmünster (728). Die Eingliederung Mainfrankens und Thüringens gelang Karl ohne Kriegszug, auch hier kam es durch Bonifatius zur Gründung von Klöstern, ja ganzen Bistümern. Die Hildesheimer Historikerin Monika Suchan beschreibt diese Herrschaftspraxis im DLF so: „Er band Gefolgsleute und Familienangehörige durch die Übertragung von Funktionsstellen wie Bischofs- oder Abtswürden an sich, setzte sich aber auch für den Schutz kirchlichen und klösterlichen Besitzes ein und sorgte damit für das eigene Seelenheil vor.“ Andererseits säkularisierte er auch Kircheneigentum nach Belieben, um seine Armee zu finanzieren. Im weiteren Verlauf des Mittelalters bildeten sich daher zwei Erinnerungsstränge heraus: Das negative Bild eines Kirchenräubers und das höchst positive eines glorreichen Feldherrn.

734 besiegte er das Heer der Friesen und tötete Herzog Bubo (Poppo) in der Schlacht an der Boorne, womit der Niedergang des Friesischen Großreichs begann. Auch in Bayern mischte er sich ein und unterwarf zuletzt schrittweise Burgund und die Provence. Der Koblenzer Mediävist Ulrich Nonn bilanziert im DLF: „Sein ganzes Leben ist im Wesentlichen geprägt von einer Vielzahl von Feldzügen. Es gibt in den kargen Annalen, den Jahrbüchern aus dieser Zeit, zum Jahr 740 ist es, glaube ich, die Nachricht: kein Feldzug. Das wurde als eine Besonderheit dargestellt, weil Karl fast jedes Jahr – sei es gegen Sachsen an der Grenze, sei es gegen Alemannen, sei es gegen Aquitanien, also modern: im Süden Frankreichs kämpfte, und eben in einer Reihe von Schlachten gegen die große Bedrohung der Sarazenen.“ Denn letztere setzten 711 bei Gibraltar übers Mittelmeer, zerschlugen sämtliche Heere der spanischen Westgoten und eroberten nur drei Jahre später fast die gesamte iberische Halbinsel.

„ein zu Eis erstarrter Gürtel“

Über die Pyrenäen ging die Invasion jetzt nordwärts; 725 wird das Heer des Herzogs Eudo von Aquitanien geschlagen. Eudo flieht nach Paris, in Karls Residenz, und macht ihm Angst: Die wilden Reiter aus dem Morgenland seien pfeilschnell, grausam und zahllos, verspeisen mit Vorliebe Herz und Leber ihrer gefallenen Gegner und plündern und sengen, so dass ganz Südfrankreich einer Wüstenei gleiche. Karl springt darauf an, weiß aber, dass er sich auf sein kampferprobtes Heer verlassen kann. Das besteht zum einen aus dem mit der „Francisca“ bewaffneten Fußvolk – einer Streitaxt, die mit einer Schnur auf kurze Distanz gegen den Feind geschleudert wird und für deren Zustand ihr Träger persönlich verantwortlich ist: Für Nachlässigkeit sind hohe Geldstrafen fällig. Karls entscheidende Streitkraft bilden zum anderen die schweren Reiter auf holzverstärkten Ledersätteln und Steigbügeln mit Helm, Beinschienen und Panzerhemden; die Ausfuhr letzterer war bei Todesstrafe verboten.

Schlacht von Poitiers, gemalt von Carl von Steuben. Quelle: Ursprung unbekannt, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=363367

Abd er-Rachman, Feldherr des mächtigen Kalifen von Damaskus, weiß zwar, dass bei diesen schweren Kavalleristen Vorsicht geboten ist. Doch als ihm seine Späher melden, das Frankenheer sei mit allenfalls 15.000 Mann lächerlich klein, wird er wagemutig: Schließlich haben die Truppen der Moslems noch nie eine Niederlage im Feld erlitten. Normalerweise sind die arabischen Heere jener Zeit allen anderen an Beweglichkeit weit überlegen. Doch auf ihrem Raubzug haben sich die leicht bewaffneten und berittenen Soldaten derart mit Beute bepackt, dass sie diesen Vorteil einbüßen. Karl hingegen lässt nur wenig Gepäck zu und kann die Araber ausmanövrieren. Bei Tours verlegt er ihnen den Weg. Abd er-Rachman hat nur zwei Möglichkeiten: Kampf oder Rückzug. Letzteres ist für den stolzen Moslem undenkbar, also wählt er am 10. Oktober 732 (nach anderen Angaben auch am 18. oder 25.) mit knapp 50.000 Mann die Offensive.

Die Schlachtordnung der Araber besteht aus drei Linien mit allegorischen Titeln: Die erste „Morgen des Hundegebells“ wird von ausgeschwärmten Reitern gebildet; die zweite „Tag der Hilfe“ und die dritte „Abend der Erschütterung“ bestehen aus dichten Reiter- und Fußvolkkolonnen. Die unaufhörlichen Angriffe der arabischen Kavallerie prallen an dem Fußvolk der Franken ab. Der spanische Chronist Isidorus Pacensis berichtet: „Die Männer aus dem Norden standen bewegungslos wie eine Mauer. Wie ein zu Eis erstarrter Gürtel wichen sie nicht und erschlugen ihre Feinde mit dem Schwert.“ Karl beschließt nun, diesen Erfolg auszunutzen, und lässt seine Panzerreiter eingreifen. Er durchbricht an ihrer Spitze die feindlichen Reihen, dringt bis zum arabischen Hauptlager vor und vernichtet alles, was sich den Franken in den Weg stellt. Dass er persönlich seinen Widersacher Abd er-Rachman erschlagen hat, ist eine fromme Legende – der Feldherr kommt während der regellosen Flucht ums Leben. Paulus Diaconus gab in der Historia Langobardorum die Verluste der Sarazenen mit 375.000 Mann an; auf fränkischer Seite seien nur 1.500 Mann gefallen. Real dürften es 5.000 bzw. 1.000 sein.

„Retter des Abendlandes“

Fünf Jahre später beginnt mit dem Tod von Theuderich Karls kurze Zeit der Alleinherrschaft: Bis zu seinem Tod regiert er das fränkische Gesamtreich allein, er war Hausmeier ohne König – eine in der Geschichte des Frankenreichs bislang einmalige Konstellation, deren Beurteilung die ungünstige Quellenlage dieses Zeitraums erschwert. Er hatte seine Stellung durch seine militärischen Erfolge weitgehend abgesichert, dadurch auch sein Ansehen gesteigert und zugleich wichtige Positionen mit seinen Gefolgsleuten und Verwandten besetzt. Seine Stellung als „erwählter Hausmeier“ ließ er laut Andreas Fischer und Matthias Becher von den Franken auf einer Reichsversammlung absichern. Damit setzte sich die Entwicklung zur königsgleichen Herrschaft der Hausmeier fort: Seit 697 ist keine einzige Hofversammlung in Anwesenheit des Königs überliefert.

Vor seinem Tod teilt Karl Martell das Reich zwischen seinen Söhnen Karlmann und Pippin auf. Buchmalerei in einer Handschrift der Grandes Chroniques de France, Quelle: Von Autor unbekannt – Dieses Bild stammt aus der Digitalen Bibliothek Gallica und ist verfügbar unter der ID btv1b55013869k/f149, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=8999821

Am Ende dieses Prozesses waren die merowingischen Könige nur noch Marionetten der rivalisierenden Adelsfraktionen. Denn Karl hatte vor seinem Tode eine Reichsteilung nach Königsart vorgenommen, indem er dem älteren Sohn Karlmann Austrien mit Alemannien und Thüringen, Pippin dem Jüngeren Neustrien mit Burgund und der Provence zusprach – er wird der Vater Karls des Großen werden. Grifo sollte im Reichsinnern ausgestattet werden; Bayern und Aquitanien blieben außerhalb dieser Teilung. Ihren Halbbruder Grifo und dessen Mutter setzten Pippin und Karlmann nach Karls Tod gefangen und nahmen 742 eine erneute Reichsteilung vor, die Grifo nicht mehr berücksichtigte. Veranlasst durch Aufstände erhoben sie 743 mit Childerich III. letztmals einen Merowingerkönig. Mit Pippins Erhebung zum König der Franken endete 751 die Phase von machtvollem Hausmeier und schwachem König. Den letzten Merowingerkönig setzte Pippin ab und wies ihn ins Kloster ein.

Bestatten ließ sich Karl Martell in der einstigen Abteikirche Saint-Denis, seit 564 Grablege aller fränkischen und lange Zeit auch der französischen Herrscher. Ab Mitte des 11. Jahrhunderts verblasste im Reich die Erinnerung an Karls Sieg; für Marianus Scottus und Frutolf von Michelsberg war die Schlacht keinen Jahreseintrag wert. Eine Aufwertung seiner Stellung erfuhr er im 13. Jahrhundert: Bei der Grabmalanordnung unter Ludwig IX. 1246/47 wurde er in die Reihe der Könige eingeordnet. Der britische Historiker Edward Gibbon nannte ihn 1788 erstmals „Retter des Abendlandes“ und behauptete, ohne den Sieg Karls hätte es längst in Paris und London Moscheen gegeben, und in Oxford wäre statt der Bibel der Koran gelehrt worden. Ein Schlachtschiff der französischen Kriegsmarine wurde 1897 nach Karl Martell benannt. Seit den 1990er Jahren mehren sich dagegen Stimmen, welche die Bedeutung von Karls Schlachtensieg relativieren und den Erfolg als Abwehr einer insgesamt schon abflauenden Bewegung ansehen.

Im Sommer 2020, nach der vorläufigen Urlaubs-Wiederöffnung der pandemiegeschlossenen Grenzen, veröffentlichte die FAZ übrigens eine Anti-Serie „Reisewarnungen“ mit Zielen, „die man tunlichst vermeiden sollte“. Gleich die zweite Folge widmete sich dem französischen Poitiers. Darin hieß es: „Es lohnt sich nicht. Es gibt nichts zu sehen, außer einer alten, düsteren Kathedrale, ein paar unbehauenen Steinblöcken aus der Vorzeit und einer Erinnerungstafel an eine Schlacht im 8. Jahrhundert, bei der Karl Martell die Muslime zurückgeschlagen haben soll. Inzwischen wird die Bedeutung der Schlacht von Historikern angezweifelt. Dass das Abendland hier gerettet wurde, glauben nur noch ein paar Identitäre, die auf dem Dach der örtlichen Moschee mit Plakaten fuchteln, auf denen steht: ‚Gallier wach auf, Du bist hier zu Hause‘.“ So tragen Medien Tradition und Geschichte nicht weiter, sondern schreiben sie bewusst klein und schaffen sie damit ab.

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