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Herzlich willkommen!

Als AfD-Landtagsfraktionspressesprecher und Freier Journalist für konservative Medien blogge ich unregelmäßig Betrachtungen zu Interessantem und Wissenswertem aus politischer und Alltagskultur. Ich schreibe regelmäßig für „Zuerst“ und habe unter dem Titel „Negerkuss und Nazistuss“ eine eigene Kolumne beim Tumult-Blog.

Als Bildungsbürger kommentiere/rezensiere ich vielerlei kulturelle Phänomene – vom Roman über den Musikergeburtstag bis zum Regisseurstod.

Als Dozent und Mitglied im Landesfachausschuss Bildung informiere ich Sie auf meiner Webpräsenz auch über meine Aktivitäten rings um die Themenkreise Hochschule, Wissenschaft, Medien und Kultur.

Und als Mensch lasse ich Sie gern an meinen freizeitlichen Aktivitäten teilhaben, zu denen nicht zuletzt Kochen gehört 😉

Warum gerade Betrachtungen?

Ich empfinde dieses Genre – eine Meinungsdarstellungsform übrigens – als eins der zeitgemäßen schlechthin.

Eine Betrachtung soll durch Beschreibungen und Schilderungen, Vergleiche und Annäherungen bis hin zur Analyse einem Ereignis, einer Situation, einem Gegenstand oder auch einem (gesellschafts-) politischen Problem Individualität verleihen: Recherche darf in gewissem Maße substitutiert werden durch Subjektivität.

Die Betrachtung ist durchaus mit derselben eines Kunstwerks in einer Ausstellung vergleichbar: man wählt zunächst die Gesamtschau und wechselt dann zu einzelnen Aspekten.

Dabei ist dem Genre eigen, dass die Prioritäten dieser Aspekte oft im Vagen bleiben: aus der Betrachtung erwächst ein Gedanke, der das formale Ziel darstellt.

Der Gegenstand darf dabei Randerscheinung eines größeren Zusammenhangs bleiben: „die Bedeutung des Unbeachteten birgt den Kern ihrer Aussage“ (Degen 2004).

Viel Spass beim Lesen – und natürlich beim Kommentieren!

Heute lebt er fast nur noch in seinen vielen Adaptionen weiter: Jacques Offenbach setzte ihm in der Oper „Hoffmanns Erzählungen“ (1881) ein Denkmal. Das so genannte Nachtstück „Der Sandmann“ inspirierte Léo Delibes zum Ballett „Coppélia“ (1870); später wurde es musikalisiert von Metallica („Enter Sandman“, 1991), Rammstein („Mein Herz brennt“, 2001), Farin Urlaub („Unscharf“, 2008) und Saltatio Mortis (2013). Peter Tschaikowskij verwendete sein Märchen „Nussknacker und Mausekönig“ als literarische Vorlage für das Ballett „Der Nussknacker“ (1892). Seine „Nachricht von den neuesten Schicksalen des Hundes Berganza“ beeinflusste 1892 Oskar Panizzas „Aus dem Tagebuch eines Hundes“ und 1922 Franz Kafkas „Forschungen eines Hundes“.

Seine „Abenteuer der Sylvester-Nacht“ dienten als Grundlage des weltweit ersten Autoren- und Kunstfilms „Der Student von Prag“ (1913) von Hanns Heinz Ewers. Sein „Fräulein von Scuderi“ wurde als erste deutsche Kriminalnovelle sechsmal seit 1919 verfilmt, so 1955 mit Henny Porten, und von Paul Hindemith als „Cardillac“ auf die Opernbühne gebracht. 1921 bildete sich in St. Petersburg eine Gruppe unpolitischer sowjetischer Schriftsteller u.a. mit Konstatin Fedin,  Nikolai Tichonow und Michail Soschtschenko, die sich nach seinem Erzählzyklus „Die Serapionsbrüder“ nannten.

E.T.A.Hoffmann. Quelle: Von E. T. A. Hoffmann – Alte Nationalgalerie, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=76818100

„Das steinerne Herz“ inspirierte Arno Schmidt zu seinem gleichnamigen Roman (1956). Die „Elixiere des Teufels“ wurden in den 1970er Jahren in Ost- und Westdeutschland verfilmt. Sein Kunstmärchen „Klein Zaches genannt Zinnober“ wurde nicht nur 1983 von der DEFA für das DDR-Fernsehen gedreht; sondern auch von der Berliner Band „Coppelius“ zur weltersten Steampunk-Oper (2015) verarbeitet. Und Peter Härtling beschäftigt sich in seinem Roman „Hoffmann oder Die vielfältige Liebe“ (2001) mit seinem Aufenthalt 1808 bis 1813 in Bamberg und stellt ihn als Bürgerschreck, Säufer und Erotomane dar: Ernst Theodor Amadeus Hoffmann, der am 25. Juni 1822 starb.

„mir sehr wohl thut“

Geboren wurde der Anwaltssohn am 24. Januar 1776 in Königsberg als Ernst Theodor Wilhelm Hoffmann. Aus Verehrung gegenüber Mozart ersetzte er Wilhelm 1805 durch Amadeus. Das jüngste von vier Kindern wuchs in zerrütteten Familienverhältnissen mit einem trinkenden Vater und einer hysterischen Mutter auf. Nach der Scheidung der Eltern lebte er bei seiner Mutter, wurde jedoch weitgehend durch den Onkel Otto Dörffer erzogen, einem frommen, strengen und bigotten Juristen. Dieser sorgte jedoch früh für Musik- und Zeichenunterricht, sodass Hoffmann bereits mit 13 Jahren seine ersten Kompositionen zu Papier brachte. Ab 1782 besuchte Hoffmann die reformierte Burgschule, an der er in Theodor Gottlieb von Hippel einen Freund fürs Leben fand.

Im Jahr 1792 nahm er ein Jura-Studium auf, das er 1795 mit dem ersten Examen abschloss. Auch in dieser Zeit zeichnete und komponierte Hoffmann und schrieb seinen ersten, heute verschollenen Roman „Cornaro“. Dem Studium folgten Anstellungen in Königsberg und ab 1796 am Gericht in Glogau. Zwei Jahre später, nach dem erfolgreich abgeschlossenen Referendarexamen, verlobte sich Hoffmann mit seiner Cousine Minna Dörffer und wechselte als Gerichtsrat nach Berlin. Das großstädtische künstlerische Leben konnte er jedoch nur kurze Zeit genießen, da er nach dem Assessorexamen im Jahr 1800 nach Posen versetzt wurde. Aufgrund einiger Karikaturen, in denen sich Hoffmann über die Posener Gesellschaft lustig gemacht hatte, wurde er 1802 nach Plock/Weichsel strafversetzt. Im selben Jahr löste er die Verlobung mit Minna und heiratete die Polin Maria Rorer-Trzynska.

„Undine“ in Bamberg. Quelle: Von Hajo Lindner – Eigenes Werk, CC-BY 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=108151930

Die Jahre in Plock und ab 1804 als Regierungsrat in Warschau standen vor allem im Zeichen der Musik. Neben seinem Hauptberuf schrieb, zeichnete und komponierte Hoffmann, engagierte sich beim Aufbau einer „Musikalischen Gesellschaft“ in Warschau und konnte als deren Dirigent auch erstmals eigene Werke aufführen. Mit dem Einrücken der französischen Truppen verlor er 1807 seine Anstellung und begab sich in Berlin auf Stellensuche, die jedoch erfolglos blieb. So nahm er 1808 die Stelle des Kapellmeisters am Bamberger Hoftheater an. Wenngleich diese Anstellung wieder nur kurz währte, da das Theater 1809 Konkurs anmelden musste, war die Zeit in Bamberg für Hoffmanns Zukunft entscheidend, da er sich nun vermehrt der Schriftstellerei zuwendete.

Das tat er zunächst in Form der Musikkritik, die eine seiner zentralen Tätigkeiten im Rahmen der Mitarbeit an der Allgemeinen Musikalischen Zeitung darstellte. In der von Johann Friedrich Rochlitz herausgegeben Zeitschrift veröffentlichte Hoffmann neben seiner ersten Erzählung „Ritter Gluck“ (1809) auch zwei wichtige Beethoven-Rezensionen, die später in den Aufsatz „Beethovens Instrumentalmusik“ im ersten Teil der Kreisleriana einflossen. Die Musik der Romantik, deren Wesen Hoffmann als „die unendliche Sehnsucht“ bezeichnete, lag ihm besonders am Herzen – in Beethoven sah er sie in ihrer reinsten Form manifestiert, und der dankte ihm 1820 höchstpersönlich: „Sie nehmen also, wie ich glauben muß, einigen Antheil an mir; Erlauben Sie mir zu sagen, dass dieses von einem mit So ausgezeichneten Eigenschaften begabten Manne ihres gleichen, mir sehr wohl thut.[…]“

„unsere gemeinschaftliche Sache“

Im Kontext der Musikkritik entwickelte Hoffmann auch die fiktive Figur des Kapellmeisters Kreisler, die in gewisser Weise sein literarisches Alter Ego darstellt und eine ganze Reihe von Kreisleriana-Erzählungen in den „Fantasiestücken“ und in dem Roman „Lebensansichten des Katers Murr“ durchzieht. 1810 fand Hoffmann eine neue Anstellung am Bamberger Theater als Direktionsgehilfe, Dramaturg und Dekorationsmaler. Daneben komponierte, schrieb und zeichnete er weiter und verdiente Geld als Musiklehrer. Dabei verliebte er sich heftig in seine minderjährige Musikschülerin Julia Mark, was ihm sehr zu schaffen machte und mitsamt seinen wechselnden Gefühlen in seine literarischen Werke einfloss.

Erstausgabe der „Nachtstücke“. Quelle: Von selbst fotografiert – Slg. H.-P.Haack, Leipzig, Attribution, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=62425371

Da Julia 1812 heiratete und auch die finanziellen Probleme Hoffmanns größer wurden, nahm er im darauf folgenden Jahr das Angebot an, als Theaterkapellmeister in Dresden zu wirken. Während er zunehmend literarisch tätig war und weiterhin Erzählungen in der Allgemeinen Musikalischen Zeitung veröffentlichte, spielte die Musik hier noch ein letztes Mal die Hauptrolle: Mit der in Bamberg begonnenen und 1814 vollendeten Oper „Undine“ gelang ihm sein wohl wichtigstes musikalisches Werk, das 1816 in Berlin uraufgeführt wurde. In einem Brief vom 29. Mai 1815 an Friedrich de la Motte-Fouqué, der das Libretto nach seiner eigenen Erzählung verfasste, nennt Hoffmann „die Undine ganz und gar jetzt unsere gemeinschaftliche Sache“. Diesen Brief unterzeichnete er mit dem Namen „Kreisler“.

Wie viele andere Ereignisse seines Lebens fand auch die Zusammenarbeit mit Fouqué ihren literarischen Niederschlag in Hoffmanns Werken: Ein fiktiver Briefwechsel zwischen Baron Wallborn und Johannes Kreisler, hinter denen sich niemand anderes als Fouqué und Hoffmann verbergen, erschien 1814 in Die Musen. Eine nordische Zeitschrift. Zusammen mit der Kreisleriana und weiteren Erzählungen, darunter dem Märchen „Der goldene Topf“, wurden sie von Hoffmann auch in die 1814 und 1815 erschienene Sammlung „Fantasiestücke in Callots Manier“ aufgenommen, mit der er seine ersten großen literarischen Erfolge feiern konnte. In unterschiedlichen Varianten begegnet in den Fantasiestücken der Einbruch des Fremden in die Realität, der Widerstreit von bürgerlicher Normalität und fantastischer Kunst, von äußerer Vernunft und geheimnisvoller Tiefe des menschlichen Unbewussten.

Die hier abgesteckten Themen durchziehen auch Hoffmanns spätere Texte und können als geradezu charakteristisch für sein Gesamtwerk gelten. So prägt die Erfahrung einer zerrissenen, gedoppelten Wirklichkeit auch den ab 1814 entstandenen Roman „Die Elixiere des Teufels“, der 1815/16 in zwei Bänden erschien. Er konnte damit allerdings nicht an den Erfolg der Fantasiestücke anknüpfen, wie er sich zunächst erhofft hatte. Charakteristisch ist die Dichotomie zwischen Normalität und Wahn, Realität und Fantasiewelt, Bürgerlichkeit und Exzentrik, die zum Klischee vom „Gespenster-Hoffmann“ führte. Viele Texte stehen in Manier traditioneller Schauerromane und thematisieren die Gefährdung des Menschen durch das Unheimliche sowie die Frage nach der Grenze zwischen Genie und Wahnsinn. Er nahm gewissermaßen den „magischen Realismus“ vorweg.

„fieberhafte Träume eines kranken Gehirns“

1814 beendete Hoffmann seine musikalische Laufbahn in Dresden und kehrte nach Berlin zurück. Mit der Hilfe Hippels fand er dort eine Anstellung am Kammergericht und wurde 1816 zum Kammergerichtsrat befördert. Zugleich baute er sich in der Berliner Gesellschaft rasch einen großen Kreis von Freunden und Bewunderern auf; er pflegte Umgang mit Tieck, Chamisso, Eichendorff, Humboldt und weiteren bedeutenden Persönlichkeiten der Zeit. In einem Leben zwischen Kammergericht und der Weinstube Lutter & Wegner, in der er sich fast allabendlich mit dem Schauspieler Ludwig Devrient traf, fand er doch genug Zeit zum Schreiben und entwickelte eine hohe literarische Produktivität. Ab 1816 arbeitete Hoffmann an einem zweiten Erzählungszyklus, den „Nachtstücken“ mit dem bekannten „Der Sandmann“. Der Text rund um Automaten, Androiden und verrückte Wissenschaftler beeindruckt bis heute und beeinflusste die spätere phantastische Literatur ungemein.

Selbstillustration zum Sandmann. Quelle. https://etahoffmann.staatsbibliothek-berlin.de/portfolio-item/sandmann/

1819 wurde Hoffmann in eine „Commission zur Ermittlung hochverräterischer Verbindungen und anderer gefährlicher Umtriebe“ berufen. Durch seine aufrichtige Arbeit, die häufig Angeklagte vor polizeilicher Verfolgung schützte, zog er den Unmut des Berliner Polizeidirektors auf sich. Mit der Beförderung in den Oberappellationssenat erhielt Hoffmann 1821 andere Aufgaben. In einem Disziplinarverfahren wegen der Karikierung des Polizeidirektors in dem 1822 erschienen Roman „Meister Floh“ und einer darauf folgenden Zensur des Werkes fand diese Zeit ein trauriges Nachspiel. Bereits 1819 war Hoffmann schwer erkrankt, man vermutet Syphilis. Dennoch fand er in den nächsten Jahren weiterhin die Kraft, neben der täglichen Arbeit literarisch tätig zu sein. Mit „Das Fräulein von Scuderi“ (1818) und den „Lebens-Ansichten des Katers Murr“ (1819-21) erschienen wichtige Spätwerke.

An seinem Geburtstag 1822 begann an seinen Füßen und Beinen eine Lähmung, die rasch voranschritt, sich auf seine Arme ausbreitete, sodass er nicht mehr schreiben konnte, und schließlich zum Verlust der Sprache führte. Seine geistigen Fähigkeiten blieben dabei erhalten. Er erlag in seiner Wohnung in der Berliner Taubenstraße einer Atemlähmung. Sein Grab ist bis heute ein Ehrengrab Berlins. Er ging in die Kunstgeschichte ein als Universalkünstler, dessen Talente in ihren vielfältigen Ausdrücken nie scharf voneinander zu trennen waren: Musik, Schriftstellerei und Zeichnen gingen häufig ineinander über. „Die Perspektive ist immer verrückt, das Gravitätische wird zum Grotesken, das Würdevolle lächerlich, dürre Beine vollführen Bocksprünge, auf Glatzen sitzen Fliegen, Hosenlatze stehen offen, und die Sprache stolpert, lispelt, schmatzt und raunt“, heißt es zu ihm im Onlineportal exlibris.

Nach seinem Tod fielen die Reaktionen in seinem Heimatland abwertender aus als im Ausland. „Dieser Hoffmann ist mir widerwärtig mit all seinem Geist und Witz von Anfang bis zu Ende“, urteilte Wilhelm Grimm; Goethe erkannte gar „fieberhafte Träume eines leichtbeweglichen kranken Gehirns“, ja „Verrücktheiten eines Mondsüchtigen“. Interessanterweise war er der Lieblingsautor von Karl Marx. Auch Richard Wagner schätzte ihn, „Der Fliegende Holländer“ verdankt Hoffmann seinen mystisch-nachtschwarzen Charakter. „Der Teufel kann so teuflisches Zeug nicht schreiben“, schwärmte der Heinrich Heine als Student. In der DDR prägte er u.a. Franz Fühmann und Wolfgang Hilbig, aber auch Ingo Schulze und Uwe Tellkamp bekannt sich zu ihm als ihr Vorbild: „Vater aller besseren Literatur über das Problem [DDR] ist, meiner Ansicht nach, E.T.A. Hoffmann, bei dem die (Alb-)Träume in die Wirklichkeit wucherten“, schrieb Tellkamp. In Bamberg wird er bis heute als Namensgeber des Theaters, eines Gymnasiums und eines Literaturpreises gewürdigt.

Sondermarke 1972. Quelle: Von Wilhelm Hensel – see above, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=4761143

Im Ausland wurde und wird er bis heute geschätzt und zum meistgelesenen Autor der deutschen Romantik. So gilt er als Leitfigur der zweiten Generation der französischen Romantik mit Théophile Gautier an der Spitze. In Russland war er sehr beliebt, prägte Nikolai Gogol und Fjodor Dostojewski. Meisterregisseur Andrej Tarkowski plante einen Film „Hoffmanniana“, der aber nicht mehr zustande kam. Auch Edgar Allan Poe und George Sand schätzten sein Werk, das Grundlage von rund 100 Filmen weltweit gewesen sein soll.  Seine Wirkung im gesamteuropäischen Kontext stellt eins der interessantesten Kapitel der Rezeptionsgeschichte der deutschen Romantik dar.

Es war eine der Schlüsselszenen in „Spur der Steine“, jenem legendären, 1966 bis 1989 verbotenen DEFA-Arbeiterfilm: Eberhard Esche stellt sich auf der Baustelle mit den Worten „Ich bin der neue Parteisekretär“ vor. Brigadeführer Balla alias Manfred Krug schüttet ihm den gesammelten Regen aus seiner Zimmermannshutkrempe – platsch! – in die Hand und sagt dann: „Und ich bin Pittiplatsch, der liebe.“ Da war die Koboldfigur gerade mal vier Jahre alt – und hatte diese Wendung bereits in der ostdeutschen Alltagssprache verankert. Und da tummelt sie sich bis heute, ebenso in Phrasen wie „Kannste glauben!“, „Platsch-Quatsch“ oder vor allem „Ach du meine Nase!“, die Bestandteil der Torhymne der Eisbären Berlin ist und die es sogar als Klingelton gibt.

Die FAZ nannte den Kobold ein „überlebensgroßes Symbol für das, was gut war in der DDR, nicht an der DDR“. Politisch wurde er damals wie heute interpretiert. So kommentierte im April 2021 Klaus Funke den Cicero-Beitrag „Würden Sie dieser Frau Ihr Land anvertrauen?“ unter dem Titel „Schnatterinchen im Kanzleramt?“ zur Grünen-Kandidatin Annalena Baerbock: „Fehlt nur noch Pittiplatsch als Außenminister, Onkel Uhu als Wirtschaftsminister und Frau Elster als Innenministerin. Das wäre die öffentliche Bankrotterklärung vor aller Welt. Wer so eine Regierungschefin hat, kann in der Welt nicht mehr ernstgenommen werden. Das wäre Kasperletheater!“ Damit waren viele aktuelle rotgrüne Protagonisten reinterpretiert zu irrationalen Gestalten aus dem sozialistischen Märchenwald des DDR-„Sandmännchens“, die nur dort gut aufgehoben wären, keinesfalls aber in der realen Welt.

Schnatterinchen, Pitti und Moppi. Quelle: https://www.sandmann.de/content/dam/rbb/san/bilder/freunde/pittiplatsch/Pittiplatsch2019_2/Moppi-freut-sich-ueber-das-Geschenk.jpg.jpg/size=708×398.jpg

Zum Sendestart allerdings kritisierten Lehrer und Eltern, „dass diese Figur nach ihrer Ansicht weder Tier noch Mensch und noch dazu so frech sei“, erinnerte sich Puppenspieler Heinz Schröder, der Pittiplatsch seine krächzende, hohe Stimme lieh, 2008 rückblickend im Tagesspiegel. Die besorgten Pädagogen fürchteten, die Kinder würden nur Dummheiten von der Puppe lernen. Prompt wurde der arme Kerl in den Fundus gesteckt. Die Kinder jedoch wollten ihn wiedersehen und schickten säckeweise Protestbriefe, so dass Pittiplatsch ein halbes Jahr nach dem Karriereknick pünktlich zu Weihnachten wieder auf die Mattscheibe zurückkehrte. Doch egal ob designierter Außenminister oder Kobold: Neben dem Ampelmännchen gehört er seit 1962, überdies dem symbolträchtigen 17. Juni, um 18.50 Uhr zu den wenigen DDR-Kultfiguren, die auch erfolgreich im Westen ankamen: Pittiplatsch.

„fabelhafte Welt der grenzenlosen Anarchie“

Im November 1959 war das Sandmännchen als Reaktion auf die Programmvorschau des SFB erschaffen worden: „Am 1. Dezember um 18.55 Uhr beginnt das Fernsehen des Senders Freies Berlin mit einer neuen Sendereihe ‚Sandmännchen – ein Gute-Nacht-Gruß für Kinder‘.“ Ost-Berlin war schneller mit „Unser Sandmännchen“, das aussah wie Walter Ulbricht, kein Wort sprach, aber zu den Kindern als eines von ihnen kam. Der Sandmann des Westens sah aus wie ein Seemann und schwebte auf einer Wolke. Überall, wo beide Sandmänner zu sehen waren, trug das Sandmännchen des Ostens mit all seinen Fahr- und Flugzeugen den Sieg davon, fuhr Panzer der Sowjetarmee, Straßenbahn und Ballon, ja flog mit Raumschiffen und streute allen Schlafsand in die Augen – was für eine Metapher.

Krug und Esche. Quelle: https://encrypted-tbn0.gstatic.com/images?q=tbn:ANd9GcQXIXd1jKMaGqJqH9ub5-vPB-Vd-thAfJ5Naw&usqp=CAU

Und in dieser Sendung trat nun fast drei Jahre nach ihrem Start plötzlich ein Kobold auf, kein Mann, sondern „eine postheroische Fiktion“, wie Michael Pilz in der Welt befand, „die man nicht in eine Sojus-Rakete setzen und im FDJ-Hemd durch den Märchenwald spazieren lassen konnte.“ Er wohnte im Underground und richtete, sobald er gutmeinend heraufkam, sanftes Chaos an, zumal beim altklugen Schnatterinchen, seiner „edlen“ weiblichen Gegenfigur. Das Land war ihm zu langsam: „Pitti wird vor lauter Langeweile rundum traurig.“ Er traute nur einem Medium, dem „Pustewind“. Er sagte: „Was Spaß macht, kommt so selten. Da muss Pitti sich was einfallen lassen.“ Er sprach oft in der dritten Person von sich: als ob er nicht er sei, sondern eine außerhalb der Handlung angesiedelte, teilautistische Figur, die ihre Intentionen plötzlich in die Welt holen und sie dadurch verändern will. Er stand „über allem, über dem System, über dem Staat und über seinem Schnatterinchen, das es auch nie schaffte, ihn auf irgendeine Sache einzuschwören. Seine Sache ist grundsätzlich eine andere“, resümierte Pilz.

Aus heutiger Sicht waren die pädagogischen Reaktionen auf seine Auftritte unvorstellbar, denn Pittiplatsch wiegelte die Kinder lediglich zum Aufbleiben auf. „Heute gehen wir überhaupt nicht schlafen“, rief er fröhlich lachend seinem Schneidermeister Nadelöhr zu, der erwachsenen Leitfigur des Abendgrußes. Stattdessen überlegte er, was er in der Nacht alles anstellen könnte. Sterne zählen zum Beispiel. Was für ein Skandal! Schröder spielte ihn als, wie er sagte, „Jungen, den man nicht erziehen kann“. Im Laufe der Zeit brachte es Pittiplatsch laut RBB, dem Rechtsnachfolger des DDR-Fernsehens, auf mehr als 1.000 Auftritte in verschiedenen Sendereihen. Bis zur Einstellung des Sendebetriebs des DFF 1991 wurden rund 2.000 Abendgruß-Sendungen und etwa 1000 Nachmittagssendungen produziert.

Die originellen Geschichten um den neugierig-verschmitzten, nie um eine Antwort verlegenen Kobold und sein Leben mit der Ente und später dem Hund Moppi knüpfen an die kindliche Fantasiewelt an: Pitti will schneller wachsen – Moppi holt die Gießkanne, um ihn mit Wasser zu gießen. Pitti möchte zum Knopfstern fliegen – und macht den Staubsauger startbereit. Er vermutet in der Gartenlaube ein Gespenst – und will es ritterhaft mit dem Besen vertreiben. Kinder erkennen in der Figur leicht eigene Wünsche und Träume, aber auch Schwächen und Ängste wieder. Er erfand das „Rüttelschüttelfest“, eine große Party ohne offiziellen Anlass oder amtliche Erlaubnis. Über Weihnachten reiste er zu „Omama“ ins Kaffeekannenhaus im Koboldland, wo jeder Kobold anders als der andere war „in seiner eigenen fabelhaften Welt der grenzenlosen Anarchie“, staunte Pilz.

Mit Omama vorm Kaffeekannenhaus im Koboldland. Quelle: https://i.ytimg.com/vi/JfNvgqqFlgc/hqdefault.jpg

„Das Schöne war, dass wir politisch nicht eingeengt waren. Man konnte ja einem Fuchs schlecht ein Pionierhalstuch umbinden oder einem Kobold ein Abzeichen für gutes Wissen“, erklärte Schröder. Dieses anarchische Element war es wohl auch, das die Ultras von Dynamo Dresdens K-Block dazu trieb, seit Jahren Illustrationen der Kultpuppe auf ihren Bannern zu verwenden. Doch im Herbst 2016 wollten der RBB und Dynamo-Medienpartner MDR – richtig, das war der Sender, der den linken Ost-Kabarettisten Uwe Steimle aus dem Programm warf und sich dafür entschuldigte, dass eine seiner Moderatorinnen die AfD als bürgerlich bezeichnete – die Darstellung verbieten. Der Grund: Die Figur gucke auf den Fahnen der Dynamo-Ultras nicht lieb genug; sie sei teilweise so abgewandelt worden, „dass das Gesicht nun böse und angriffslustig erscheint“, ja die Figur „Aggressionen ausstrahlt“, erklärte MDR-Sprecher Sebastian Henne gegenüber TAG24. Doch wenn Fußballer nicht angriffslustig sein sollen – was dann? Die Fans starteten wütende Proteste, die beiden Sender lenkten ein.

„Schön ist er ja nicht“

Hinter „Pitti“ standen mehrere Schöpfer: Den Spruch „Ach du meine Nase“ legte ihm der Schriftsteller Walter Krumbach in den Mund, der auch das „Sandmännchen“-Lied „Sandmann, lieber Sandmann…“ geschrieben hatte: Darin hieß es, dass jedes Kind danach ins Bettchen müsse. Die szenischen Texte lieferte die wunderbare Kinderbuchautorin Ingeborg Feustel. Die Puppen von ihm und Schnatterinchen schuf die erst 2016 gestorbene Emma-Maria Lange aus dem württembergischen Wasseralfingen, die schon als Kind im elterlichen Betrieb mit Kunsthandwerk in Berührung kam. Sie belegte mitten im Weltkrieg künstlerische Abendkurse in München und reiste dann zum Studium an die Hochschule Weißensee nach Ostberlin. In Berlin und Teltow machte sie sich 1958 mit einer Puppenmanufaktur selbstständig.

Fans von Dynamo Dresden mit Pittiplatsch-Fahne, bei TuS Koblenz im DFB-Pokal am 11.08.2017. Quelle: https://www.imago-images.de/bild/sp/0029439245/s.jpg

Die Schwäbin nähte, während sich die DDR abschottete, zwei Kunstlederkugeln aneinander, setzte auf die kleinere der beiden Kugeln einen hellen Haarschopf und zwei neugierige Augen und hängte an die größere zwei Beine mit karierten Pantoffeln dran. „Schön ist er ja nicht“, soll sie gesagt haben. Prompt ging die Karriere des Kobolds stockend los. Pitti sollte zunächst Lackschuhe tragen, gerade Beine und eine Bürstenfrisur haben, doch die Puppenspieler legten Einspruch ein: „Wir hätten gern, dass er Latschen trägt, krumme Beine und eine Glatze hat, mit ein paar Haaren ganz vorn“, erinnert sich Schröder an die damaligen Diskussionen. Bis heute gilt der ostdeutsche Kobold vielen als Erfinder der gesamtdeutschen Punk-Frisur – obwohl deren soziohistorische Wurzeln viel älter sind.

Ganze Generationen von Kindern hat er seit damals zu Bett gebracht – und tut das bis heute. Zu sehen ist Pittiplatsch nicht nur jeden dritten Sonnabend zur Sandmannzeit im RBB und im MDR, sondern regelmäßig auch im KiKa. Auf allen drei Kanälen schauen wöchentlich bis zu 1,5 Millionen Menschen zu – nach Senderangaben 29,5 Prozent der 3- bis 13-Jährigen. Bedienten sich die Sender jahrzehntelang aus dem reichhaltigen DDR-Fundus, änderte sich das zum sechzigsten Jubiläum des Sandmännchens im November 2019 – im Hamburger Studio von Trikk 17 entstanden 13 neue Folgen. Die Figuren sprachen etwas schneller als früher, der Schnitt war moderner, beim Bühnenbild gab es Neuerungen, und erstmals bekam Pitti einen richtigen beweglichen Mund – wo bisher nur die unbewegliche Zungenspitze hervorlugte, konnte er nun die Lippen bewegen. Puppenbauer Norman Schneider steckte 600 Stunden Arbeit in das Design.

Sächsische Pitti-Torte. Quelle: https://www.baeckerei-raddatz.de/images/stories/Torten/Pittiplatsch/pittiplatsch1.jpg

Der Berliner Kurier schreibt: „Pittiplatsch wird Wessi!“ Pittiplatsch, sagt die zuständige RBB-Redakteurin Anja Hagemeier der Welt, sei international. Ein Weltbürger jenseits des Koboldlandes, ein Kosmopolit im Märchenwald. „Pittis und insbesondere auch Moppis witzige Formulierungen machen einfach ganz viel von ihrem Charme aus“, sagte Autor Thomas Möller auf dem Portal DWDL. „Nur um es mal auszuprobieren, haben wir durchgespielt, wie sich die Figuren mit moderneren Ausdrücken anhören würden, und das klappte überhaupt nicht.“ Stattdessen hing über Möllers Schreibtisch eine lange Liste mit Lieblingszitaten aus alten Folgen. „Nicht, um sie zu wiederholen“, betonte er, „sondern um mich immer wieder zu ermahnen: Da geht’s lang!“ In Erfurt, dem KiKa-Stammsitz, sitzt die Kult-Figur seitdem auf einer Bank der Rathaus-Brücke und musste 2020 einen bis heute nicht aufgeklärten Säure-Anschlag überstehen.

„dann horchen sie an der Kiste“

Pitti hat wie die anderen Figuren aus dem Märchenwald auch per Merchandising seinen Weg in die Kinderzimmer gefunden, sei es als Plüschtier, Schlüsselanhänger oder Magnet-Pin. Zu DDR-Zeiten gab es gar eine Pittiplatsch-Briefmarke, einige der Fernsehgeschichten wurden auf Kassette und LP veröffentlicht. Zu Pittis 50. Geburtstag erschien eine DVD-Box. Eine sächsische Bäckereikette hat gar einen 38 cm langen Pittiplatsch als Motivtorte mit Rührkuchen und Bitterschokolade kreiert. Die nach der Wende mit dem DDR-Fernsehen abgewickelten Puppenspieler und Sprecher mit Schröder an der Spitze machten das Beste aus der Situation, gründeten das „Pittiplatsch-Ensemble“ und tourten erfolgreich mit einem Bühnenprogramm durchs Land.

Pitti mit „Papa“ Heinz Schröder. Quelle: https://i.ytimg.com/vi/cXBlUg4cNp8/maxresdefault.jpg

Um die 400, 500 Zuschauer seien keine Seltenheit, erzählte Schröder. Der Erfolg habe auch ein bisschen mit Nostalgie zu tun: „Wenn wir in die Zuschauerreihen blicken, kommt uns oft der Gedanke, wir spielen für Große“. Kämen drei Erwachsene ohne Kinder, würden sie darauf hingewiesen, dass es sich um eine Kinderveranstaltung handele. „Spontan heißt es dann, das ist doch unsere Kindheit und wir wollen Pitti mal live sehen“. Zwei Wochen Tournee jeweils im Frühjahr, im Sommer, im Herbst und dann noch die Veranstaltungen zur Weihnachtszeit „halten jung und machen viel Spaß“, sagte Schröder 2008.

Seine letzte Figur war nach eigenen Angaben die 15. Anfertigung der Puppe. Erst die 15., ist man nach über 45 Jahren versucht zu sagen. Die Märchenwald-Figuren bestimmten auch das Spiel auf der Bühne. „Grundsätzlich halten wir es so, dass wir uns nicht vor oder während der Vorstellung zeigen. Das würde die Illusionen der Kinder zerstören. Ach, der Opa da hat das gemacht, heißt es dann möglicherweise“, meint Schröder. „Wenn die Kinder am Ende hinter die Bühne kommen und fragen, wo ist denn der Pittiplatsch, dann sage ich, der schläft schon, und dann horchen sie an der Kiste.“

2019: Neue Mannschaft mit neuen Puppen und neuen Folgen; in der Mitte Christian Sengewald. Quelle: https://taz.de/picture/3724540/948/Pitti.jpeg

Der Puppenspieler, der neben Pittiplatsch auch Herr Fuchs, Onkel Uhu, Buddelflink und andere Figuren spielte und sprach, wünschte sich zu seinem 80. Geburtstag 2008 einen großen TV-Rückblick, der an die „vielen schönen Märchenwald-Geschichten“ erinnert. Der Wunsch war ihm, dessen Spiel- und Sprechrolle  sowohl im Fernsehen als auch im Bühnenprogramm 2010 der Dresdner Christian Sengewald übernahm, nicht vergönnt. Dafür ein anderer: Ebenso wie 15 Jahre zuvor in Berlin „Thaddeus Punkt“ alias Werner Fülfe mit seinem Zauberbleistift beigesetzt wurde, bekam er 2009 im brandenburgischen Schöneiche sein „Lieblingskind“ mit ins Grab gelegt.

Er war „ein kolossal außergewöhnliches, widersprüchliches, zugleich sympathisches wie abstoßendes Individuum“, bilanziert Matthias Schreiber im Spiegel. Groß war er gewiss nicht nur körperlich: Er maß 2,03 Meter. Gawril Derschawin, ein russischer Dichter des 18. Jahrhunderts, stellte gar die rhetorische Frage: „War Gott es nicht, der in ihm niederstieg?“ Den einen gilt er als Genie, das dem breiigen Riesenland eine erkennbare und übersichtliche Form gegeben habe; den anderen gilt er als Mörder, als „gekrönter Tiger“, als Vernichter altrussischer Identität, als ungewöhnlich grausamer Tyrann; wieder anderen als Sittenverderber – wegen seiner Unterwerfung der Kirche unter die Autorität des Staates und wegen seiner Liebe zu den Frauen sowie zu den regelmäßigen „Narren- und Saufkonzilen“: Zar Peter I., der als Pjotr Alexejewitsch Romanow am 9. Juni 1672 in Moskau geboren wurde.

Brutalität ist ihm von Anbeginn vertraut: Mit nur zehn Jahren wird er im Moskauer Kreml-Palast Augenzeuge eines Blutbads. Auslöser ist eine vertrackte Mischung aus Familienzwist und politisch-sozialem Aufstand. Der Familienstreit folgt einem klassischen Muster: Peters Vater, der reformfreudige Zar Alexej Michailowitsch, hat aus zwei Ehen 16 Kinder. Zwischen den Clans der beiden Mütter schwelt eine Dauerfehde, genährt vom Wunsch, dass der nächste Zar aus ihrer Linie stamme. Gleichzeitig brodelt es bei der Palastgarde, den Strelizen, einer Elitetruppe von 20.000 Mann. Die Soldaten beschuldigen ihre Obristen der Unterschlagung von Sold und der Misshandlung. Die Regierung lässt sie gewähren, und prompt ergreifen die Strelizen Partei im Nachfolgestreit.

Im Mai 1682 verwüstet eine tobende Soldateska die Residenz der Zaren und tötet etliche Verwandte Peters, darunter zwei seiner Onkel. Sie werden durch Fenster in darunter aufgerichtete Lanzen und Hellebarden gestürzt, in Stücke gehackt und unter spöttischem Geschrei nahe der Basilius-Kathedrale zur Schau gestellt. Nun setzen die Strelizen durch, dass zusammen mit dem Zehnjährigen, der kurz zuvor zum Zaren gewählt und vom Patriarchen bestätigt worden war, auch sein sechs Jahre älterer, geistig behinderter Halbbruder Iwan gekrönt wird. Für die beiden Unmündigen übernimmt Iwans energische und fähige Schwester Sofija, 24 Jahre alt, die Regentschaft, die sie sieben Jahre lang ausüben wird.

Peter I. Quelle: Von Jean-Marc Nattier zugeschrieben – 4. Eremitage, Sankt Petersburg3. Ursprung unbekannt2. http://img15.nnm.ru/3/c/9/6/9/3223e6d548f3dff6bc0cb50f947.jpg1. Eremitage, Sankt Petersburg, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=3227131

Seit diesem ersten Strelizenaufstand hielt sich Peter mit seiner Mutter im Dorf Preobraschenskoje unweit Moskaus auf, genoss eine traditionelle altmoskowitische Erziehung und beschäftigte sich vor allem mit dem Kriegsspiel, indem er mit Gleichaltrigen eine Kriegerschar bildete. Aus dieser Spielzeugarmee entwickelte sich das Preobraschensker Leib-Garderegiment, das 1698 den Zweiten Strelizenaufstand in Abwesenheit Peters I. niederschlagen und damit seine Herrschaft retten sollte. Doch schon zuvor, im August 1689, muss er in panischer Angst vor anrückenden Soldaten fliehen, springt barfuß auf ein Pferd und galoppiert in den nächsten Wald. Diener bringen ihm Kleidung und geleiten ihn in ein Kloster, wo die Entscheidung fällt: Der oberste Kirchenpatriarch ergreift Peters Partei, die ausländischen Offiziere, die russische Söldnertruppen in Moskau befehligen, fügen sich, und so muss Sofija den Kreml verlassen und ins Kloster ziehen. Drei Strelizen werden geköpft.

„indem er mit Matrosen Wirtshäuser aufsucht“

Bereits im Januar dieses Jahres musste der siebzehnjährige Peter auf Drängen seiner Mutter die drei Jahre ältere Jewdokija heiraten, die im Februar 1690 den Sohn Aleksei gebar. Ein zweiter Sohn verstarb bereits nach einem halben Jahr. Die Ehe mit Jewdokija währte formell zehn Jahre, war aber schon nach kurzer Zeit zerrüttet. An den Regierungsgeschäften zeigte er noch wenig Interesse. Inspiriert von technischen Neuerungen und Künsten ausländischer Handwerker in der Moskauer Ausländervorstadt suchte Peter durch Besuche das dortige Leben und Treiben näher kennenzulernen. Mit dem Schotten Patrick Gordon und dem Schweizer François Le Fort lernte er hier seinen späteren militärischen Hauptberater und seinen späteren Admiral der Kriegsflotte kennen. Diese Besuche erregten in ihm nicht nur große Wissbegier, sondern auch den Wunsch, Russland auf ein ähnliches kulturelles und wirtschaftliches Niveau zu bringen.

In den ersten Jahren beschäftigte er sich mit dem Aufbau einer schlagkräftigen Armee – und entwickelte eine Sehnsucht nach dem Meer. Bereits 1688 hatte er bei Verwandten ein altes englisches Boot entdeckt, das 1691 ein Schiffbauer reparierte. Mit diesem „Großvater der russischen Flotte“ unternahm Peter eine erste Seereise auf der Moskwa und träumte nun von einem Hafen für Russland, um militärisch und wirtschaftlich zu reüssieren. Doch Russland besitzt nur in Archangelsk im hohen Norden einen eigenen Zugang zum Meer, doch der ist den langen Winter über zugefroren. Das Schwarze Meer wird von den Osmanen beherrscht, die Ostsee von den Schweden. An einem Nebenfluss des Don gründet Peter eine große Werft, wo er in wenigen Monaten 30 Galeeren und Hunderte kleiner Barken auf Kiel legen lässt. Damit blockiert er im Juli 1696 erfolgreich die Versorgung der Türkenfestung Asow – seine erste erfolgreiche militärische Operation öffnet ein Nadelöhr zum Schwarzen Meer.

Bildnis 1698. Von Godfrey Kneller – www.royalcollection.org.uk/collection/405645/peter-the-great-tsar-of-russia-1672-1725, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=920701

Da er weiß, dass er ohne ausländische Schiffsbauer, Navigatoren und Artilleristen die Türken nicht besiegt hätte, beschließt er, eine „Große Gesandtschaft“ der Lernbegierigen nach Westeuropa zu schicken und selbst daran teilzunehmen – ein provozierender Verstoß gegen eine jahrhundertealte Tradition. Denn der oberste Herrscher Russlands, der Beschützer der Kirche verlässt niemals zu Friedenszeiten die russische Erde, schon gar nicht monatelang und inkognito. Das ermutigt seine Gegner zur nächsten Verschwörung, wieder mit Strelizen. Doch die Putschisten fliegen auf. Unter der Folter gestehen sie, mit der entmachteten Sofija konspiriert zu haben, so dass ihnen Peter reihenweise die Gliedmaßen und Köpfe abhacken lässt. Sechs Tage nach diesem barbarischen Schlachtfest, im März 1697, bricht die Gesandtschaft gen Westen auf, mehr als 250 Leute.

Die Reise dauert 18 Monate und führt über Riga, Königsberg, Berlin, Amsterdam, London, Dresden, Prag und Wien nach Krakau. Dabei lernt er den späteren Preußenkönig Friedrich I., den englischen König William III., der für den russischen Gast eine kleine Seeschlacht inszenieren lässt, und August den Starken kennen, mit dem er ein antischwedisches Bündnis schließt. Im Amsterdam verdingt er sich unter dem Decknamen Peter Michailow bei einer privaten Werft als Zimmermann. Doch schon bald eilen die Bürger herbei, um diese seltsamen Russen zu bestaunen wie Zoo-Tiere. Der impulsive Zar ohrfeigt einen besonders zudringlichen Gaffer. Die Kurfürstin Sophie von Hannover notierte nach Peters Besuch in Coppenbrügge: „In Amsterdam amüsiert sich seine Exzellenz, indem er zusammen mit Matrosen Wirtshäuser aufsucht.“ Und zuvor hatte sie erwähnt: „Ich muss Ihnen sagen, dass er sich in unserer Gesellschaft nicht betrunken hat.“ In Krakau erhält er Kunde vom Zweiten Strelizenaufstand, den seine Leibgarde ohne ihn niederschlug. Dennoch bricht Peter die Reise ab und übt monatelang grausame Rache: 1182 Strelizen werden aufgehängt oder geköpft, fünf von ihm selbst. Auch Jewdokija verdächtigte er der Teilnahme an der Verschwörung und verbannte sie.

„regulieren, policieren, civilisieren“

Damit stand seinen Reformplänen nichts mehr im Weg: er wollte die Modernisierung Russlands nach westeuropäischen Maßstäben. Er kennt nun Mikroskope, Barometer, Münzen und Zahnzangen: „Wir wollen Russland regulieren, policieren, civilisieren.“ Dazu gehörte zunächst die Förderung einer merkantilistischen Wirtschaft durch den Bau von Großbetrieben und die Unterstützung der Gründung privater Manufakturen. 1716 wurde das Spinnrad in Russland eingeführt. Noch ein Jahr vor seinem Tod ordnete Peter  an, dass alle Findelkinder zu Handwerkern und Fabrikanten erzogen werden sollten. In seinem letzten Regierungsjahr gab es etwa 100 Fabriken, darunter einige mit mehr als 3000 Beschäftigten. Wesentlichen Anteil an der Entwicklung der Hüttenindustrie hatte der deutsche Bergbauspezialist Baron von Hennin, der Vorsitzender des Bergkollegiums war. Am Ende der Regierung registriert die Statistik einen ausgeglichenen Staatshaushalt von etwa 10 Millionen Rubel.

Sarkophag hinten rechts. Quelle: Von D.j.mueller (talk) 19:28, 2 July 2008 (UTC) – Selbst fotografiert, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=4313596

Außerdem nahm Peter massenwirksam eine Schere, schneidet etlichen Bojaren die langen Bärte ab und erhebt gar eine Bartsteuer. Wie die Bärte, so lässt er auch die langen hemdartigen Kaftanschöße, Mäntel und Gewandärmel stutzen, verordnet den Städtern praktischere ungarische oder deutsche Kleider, lässt sie auch mal als modisches Muster ans Stadttor hängen. Schließlich schafft er die Unsitte ab, dass der Untergebene bei der tiefen rituellen Verbeugung vor dem Herrscher mit der Stirn den Boden berühren muss. Treue und Diensteifer schätze er mehr als solche Selbsterniedrigung, lässt Peter verlauten. Damit verbunden war die Einführung einer Adelsrangtabelle. Nicht Abstammung und Familien-Nimbus allein sollen über die gesellschaftliche Stellung entscheiden, sondern persönliche Fähigkeiten und Verdienste: Der Dienstadel tritt dem Erbadel zur Seite.

Weitere Reformen betrafen das Militär- und das Bildungswesen: Er führte eine Schriftreform durch und gründete nach langjährigen Gesprächen mit Gottfried Wilhelm Leibniz 1724 die russische Akademie der Wissenschaften. Der julianische Kalender wurde eingeführt, obgleich im restlichen Europa in dieser Zeit bereits langsam der gregorianische Kalender übernommen wurde..  Und nicht zuletzt arbeitete er an der stärkeren Zentralisierung der Verwaltung. So schuf Peter die Bürgermeisterei und richtete einen Senat, der neue Gesetze vorbereitete und die örtlichen und zentralen Organe anleitete, als oberste Verwaltungsinstanz ein. Außerdem entstanden in seiner Regierung die Kollegien, etwa mit den Fachministerien in Westeuropa vergleichbar. Das russische Reich wurde verwaltungsmäßig in acht Gouvernements und etwa 50 Provinzen aufgegliedert. Diese Reformen gingen als Petrinische Reformen in die Geschichte ein und trugen zum Aufstieg Russlands als einer der führenden Mächte in Europa bei.

Während er überkommene Traditionen kappt, holt er zu einem politischen Doppelschlag aus: Im Juli 1700 schließt er im Süden, in Konstantinopel, nach zweijährigem Waffenstillstand, Frieden mit der Türkei – und erklärt im Norden prompt Schweden den Krieg. In diesem Zweiten Nordischen Krieg (1700–1721) konnte er trotz zahlreicher Niederlagen und erheblicher Verluste mit dem Sieg in der Schlacht bei Poltawa 1709 die Kriegswende herbeiführen. Zwischen 1701 und 1706 entwickelt er sowohl eine Form der Taktik der „Verbrannten Erde“, damit der Feind nichts Essbares, nichts Brauchbares mehr findet, als auch die Strategie des Rückzugs ins Landesinnere in Kombination mit gezielten Nadelstichen gegen die Nachschublinien des Feindes. Schon bald dezimieren Hunger, Kälte und Krankheit die schwedische Armee, wie ein Jahrhundert später die Truppen Napoleons. Als die Russen im Mai 1703 die Festung Nyenschanz nahe der Mündung der Newa in den Finnischen Meerbusen erobern, lässt Peter eine neue Festung mitten im Mündungsdelta bauen und tauft den Ort, den er zur Hauptstadt des Landes machen wird, St. Petersburg.

„Vater des Vaterlandes“

1721 finden im schwedisch-finnischen Nystad die Verhandlungen über einen Friedensvertrag statt, sie dauern über drei Monate. Ihr Ergebnis: Schweden tritt Livland, Estland und Ingermanland, die Provinz rund um St. Petersburg, „für ewige Zeiten“ an Russland ab, erhält aber Finnland zurück. Der Friede von Nystad stellt für Peter den „größten Erfolg seines Lebens“ dar, so der Historiker Erich Donnert. Russland ist jetzt die Führungsmacht im nordosteuropäischen Raum. Im Oktober treten in St. Petersburg der Senat und der Heilige Synod zusammen, jene von Peter eingesetzten obersten Instanzen weltlicher und geistlicher Kompetenz, die dem Zaren zuarbeiten wie Ministerien. Sie bitten, scheinbar von sich aus, den Herrscher um die Annahme der Ehrentitel „Vater des Vaterlandes, Allrussischer Kaiser und Peter der Große“. Damit ist er auf dem Höhepunkt seiner Macht.

Festung Peter und Paul. Quelle: Von Alex ‚Florstein‘ Fedorov, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=20479981

Privat erlebte er Höhen und Tiefen. Seit 1712 war er in zweiter Ehe mit einer einfachen Litauerin verheiratet, die an seinem Hof den Namen Katharina Alexejewna angenommen hatte und ihm zwölf Kinder gebar. Andererseits spitzte sich der Konflikt mit seinem Sohn Alexei 1718 zu, den er nicht zum Nachfolger machen wollte. Er ließ ihn nach dessen Flucht über Österreich nach Italien zurückholen, enterbte ihn und machte ihm wegen Hochverrats den Prozess. Alexei wurde zum Thronverzicht gezwungen und zum Tode verurteilt, starb jedoch vor der Vollstreckung am 26. Juni an den Folgen der Folter von 40 Peitschenhieben. August Graf von Platen hat sein Schicksal nicht völlig geschichtsgetreu in die Ballade „Alexius“ (1832) gefasst, August Strindberg in einer Novelle dargestellt. 1722 änderte Peter per Erlass die traditionell praktizierte, von der Reihenfolge der Geburt abhängige Thronfolge ab. Nun konnte der herrschende Regent seinen Nachfolger frei bestimmen, auch von außerhalb der Familie, und einen unwürdigen Nachfolger wieder absetzen. Prompt machte er seine Frau zur Nachfolgerin, die nach seinem Tod als Katharina I. auch die Herrschaft übernahm.

Die dramatische Art, wie er Anfang 1725 das Zeitliche segnet, passt zu seinem turbulenten Herrscherleben: Auf einer Inspektionstour nahe der Newa-Mündung entdeckt Peter ein Boot, das der Sturm auf eine Sandbank geworfen hat. Einige Soldaten, die nicht schwimmen können, kämpfen in der rauen See um ihr Überleben, andere versuchen, den gekenterten Kahn wieder flottzumachen. Peter lässt sich zur Sandbank rudern, ungeduldig springt er schon vor der Sandbank über den Bootsrand, um schneller helfen zu können. Das eiskalte Wasser bekommt ihm schlecht: In der Nacht quälen ihn Fieber und Schüttelfrost, ein notorisches Blasen- und Nierenleiden meldet sich heftig zurück. Scheinbar erholt, gönnt er sich noch auf einem nachweihnachtlichen Fest exzessiven Alkoholgenuss. In der Nacht zum 8. Februar ruft er nach seiner Tochter Anna, der späteren Herzogin von Holstein-Gottorf. Als sie kommt, ist er schon bewusstlos, er stirbt gegen sechs Uhr morgens.

„ein Mann von sehr hitzigem Temperament“

Zu seinen Ehren wurden Denkmale errichtet und mehrere russische Schiffe benannt. Albert Lortzings komische Oper „Zar und Zimmermann“, uraufgeführt 1837 in Leipzig, thematisierte die „Große Gesandtschaft“. Alexej Tolstoi betrachtete 1918/19 in zwei Erzählungen das Wirken des Zaren recht skeptisch. Doch in der Stalinzeit wurde daraus ein mehrbändiger Roman – aus dem 1937 ein Film und als Nebenprodukt ein Kinderbuch und ein Theaterstück erwuchsen –, um „die fortschrittliche Bedeutung der petrinischen Epoche“ zu würdigen. 1986 wurde in den USA ein Vierteiler über sein Leben mit dem Who’s Who der Schauspielerszene gedreht: Neben Maximilian Schell in der „alten“ Titelrolle wirkten Vanessa Redgrave, Omar Sharif, Laurence Olivier, Lilli Palmer und Hanna Schygulla mit.

Denkmal in Petersburg. Quelle: https://www.russlandjournal.de/wp-content/uploads/2014/10/petersburg-denkmal-peter-der-grosse.jpg

Er zivilisierte das Reich durch politische, militärische und alltagskulturelle Reformen und intensivierte durch den Ostsee-Zugang zugleich die Handelsbeziehungen zu allen anderen Großmächten. So war er trotz vieler taktischer Fehler, die der impulsive, launische, vielleicht manisch-depressive Mann machte, ein bedeutender Stratege. Das sah der Marxist – und Widerpart Lenins – Georgi Plechanow ganz anderes: „Mit seiner Europäisierung Russlands führte Peter es zu seinem Ende, zu dem logischen Abschluss unter der Bedingung völliger Hilflosigkeit der Bevölkerung gegenüber dem Staat, was das Charakteristikum einer orientalischen Despotie ist.“ Und für den von Lenin geschätzten Alexander Herzen war Peter I. ein „Despot nach Art des Wohlfahrtsausschusses“, denn „der Umsturz Peters hat aus uns das Schlechteste gemacht, was aus Menschen gemacht werden kann: aufgeklärte Sklaven“.

Wenig nachsichtig urteilte auch Gilbert Burnet, der Bischof von Salisbury: „Die Natur hat ihn eher zum Schiffbauer als dazu bestimmt, ein großer Fürst zu sein … Er ist ein Mann von sehr hitzigem Temperament, der sich leicht ereifert, brutal in seiner Leidenschaft. Dieses sein natürliches Ungestüm steigert er noch durch übermäßigen Alkoholkonsum. Nachdem ich ihn oft gesehen und viel mit ihm gesprochen hatte, blieb mir nichts übrig, als die Unerforschlichkeit der göttlichen Vorsehung zu bewundern, die einem so ungestümen Menschen unumschränkte Gewalt über einen so großen Teil der Welt verliehen hatte.“

Als sein dialektischster Kritiker sollte sich Voltaire erweisen: „Peter schuf Russland. Vor ihm existierte Russland nicht … Zar Peter war ein Barbar, aber immerhin ein Barbar, der Menschen geschaffen, Städte gegründet und Meere durch Kanäle verbunden hat“, schreibt er. „Er hatte große Fehler, aber wurden sie nicht wettgemacht durch die Vielzahl von Plänen, die er für die Größe seines Landes entwarf und von denen er manche verwirklichte? … Er wollte Deutsche und Engländer aus ihnen machen, als es Not tat, Russen aus ihnen zu machen“. Legendär wurden Peters Worte „Wir werden Europa für einige wenige Dekaden brauchen – und danach können wir ihm den Rücken zukehren.“ Das liest sich heute gespenstisch.

Ex-Antifa-Redakteuse Nancy Faeser fällt als Innenministerin bislang nur durch Dekonstruktionen auf: „Telegram“ will sie abschalten, Exkanzler Schröder aus der SPD werfen – und nun „Heimat“ umdeuten.

Meine neue Tumult-Kolume, die gern geteilt werden darf. Viel Spaß beim Lesen.

Schwarz die stechenden Pupillen, rot die lustvollen Augäpfel, kalkweiß das schmale aristokratische Gesicht – und wölfisch die Fangzähne: Dracula betritt die Szene. Er war der erste transsilvanische Blutsauger in Farbe, der von Bela Lugosi, Hollywoods Dracula der 1930er Jahre, als seinen würdigen Nachfolger gerühmt wurde. Sieben Mal verkörperte er den elegant-erotischen Verführer-Vampir in B-Movies der legendär-spleenigen Londoner „Hammer Film Productions“, die ihn 1957 unter Vertrag genommen hatte, als während des Kalten Krieges das Gruselgeschäft blühte. Er sei, so Horror-Exper-te Eric Nuzum im Tagesspiegel, ein zeittypischer Katalysator für die Albträume der Nachkriegsära gewesen: Die Menschen fürchteten „Supermächte, die zutiefst böse waren und deren Motivation man nicht verstand“. Und so habe er in seinem Spiel „kein Motiv, das macht ihn so beängstigend“.

Damit ging für ihn als Mittdreißiger nach zahllosen kleinen Rollen endlich der Stern einer einzigartigen Karriere in der schwarzen Romantik auf. Ganz gleich, in welches Schocker-Kostüm der hagere Fast-Zweimeter-Mann schlüpfte, sein exzentrischer Ernst setzte Maßstäbe: Als Frankenstein-Kreatur, Rächer-Mumie und durstiger Vampir erlaubte er sich archaisches Pathos ohne psychologischen Hintergrund. Seine Monster und Schurken waren Ikonen des Bösen schlechthin, Wiedergänger schauriger Mythen, die der Opernsänger mit melodiösem Bass und elegantem Timing zu Klassikern veredelte. Gelegentlich streute er Auftritte als Edgar-Wallace-Polizist oder Comedy-Blutsauger ein, doch sein eigentliches Niveau erreichte er in seinen Rollen als Finsterling: „Hier repräsentierte er das Faszinosum des Irrationalen, die Kehrseite der Logik pädagogischen Konfliktmanagements“, befand Claudia Lenssen in der Zeit.

Lee 2013. Quelle: Von Avda – Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=24647170

Fantasy-Regisseure wie Peter Jackson, George Lucas und Tim Burton sind mit seinen ikonischen Rollen aufgewachsen – und boten ihm bis ins hohe Alter immer wieder Gastrollen an. Manchmal spielte man miese Tricks, um ihn in ein, zwei Szenen und seinen Namen auf den Plakaten zu einem Film zu haben – sogar in einem Softporno tauchte er unversehens auf. Der bizarre Zauber seiner typischen Figuren schien immer wieder aufzuerstehen, auch oder gerade wenn sie durch Explosionen, Feuersbrünste, zusammenbrechende Häuser oder zerberstende Eisschollen pittoresk zugrunde gingen. Seine „Leinwand-Existenz war ein Spektakel, in dem das Böse durch wollüstig zelebrierte symbolische Tode aus der Welt geschafft wird“, so Lenssen: Sir Christopher Frank Carandini Lee, der am 27. Mai 1922 als Sohn eines britischen Offiziers und einer italienischen Gräfin, deren Adelsgeschlecht sich angeblich bis zu Karl dem Großen zurückverfolgen lässt, in London geboren wurde. Die Genealogie gefiel ihm: Seine eigene Filmfirma wird er „Charlemagne“ nennen.

Dracula wird geboren

Er wurde mit seiner Schwester Xandra in der privaten „Summer Fields“-Schule unterrichtet und genoss dabei auch eine Ausbildung als Opernsänger: an Richard Wagner lernte er Deutsch. Später bekam er ein Stipendium für das renommierte Eton College und arbeitete für einen Wochenlohn von einem Pfund als Botenjunge in der Londoner Innenstadt. Am 17. Juni 1939 war er Augenzeuge der Hinrichtung des Serienmörders Eugen Weidmann, der letzten öffentlichen Hinrichtung durch die Guillotine in Frankreich. Während des zweiten Weltkrieges diente er in der Royal Air Force sowie in Spezial-Einheiten: Nach Kriegsende verbrachte er die letzten Monate seines Militärdienstes mit dem Aufspüren von Kriegsverbrechern. Lee wurde ausgezeichnet und erwarb den Rang eines Flight Lieutenant, was etwa dem Hauptmann entspricht. Nach Kriegsende beschloss er, Schauspieler zu werden, aber alle Agenten winkten ab, weil er bei seiner Größe jeden Hauptdarsteller zum Zwerg degradiert hätte. Lee ließ sich jedoch nicht entmutigen; seine erste Filmrolle hatte er in „Im Banne der Vergangenheit“ (1947).

Zehn Jahre lang blieben Nebenrollen die nüchterne Realität seiner Karriere, außerdem arbeitete er als Synchronsprecher und Stuntman. Die Wende kam 1957 mit der Hauptrolle als Monster in „Frankensteins Fluch“ und ein Jahr später mit der Rolle des Grafen „Dracula“, beide unter der Regie von Terence Fisher. Innerhalb von zwei Jahren stand Lee für zwei Dutzend Filme vor der Kamera, darunter auch „Der Hund von Baskerville“ (1959) und „Die Rache der Pharaonen“ (1960). So begann eine endlose Serie meist billig produzierter Kinostreifen, die ihn neben Peter Cushing, mit dem er 20 Filme drehte, und Vincent Price zum populärsten Darsteller des Horrorfilms machten. Lee verband eine enge Freundschaft zu beiden, mit Boris Karloff und Ray Harryhausen wohnte er in den 1960er-Jahren in London Haus an Haus. Seit 1961 war Lee mit dem früheren dänischen Fotomodell Birgit Kroenke verheiratet, aus der Verbindung ging 1963 Tochter Christina hervor. Die Familie sollte später einige Zeit in der Schweiz und in Kalifornien leben.

Ikonisch als Dracula. Quelle: https://www.mucke-und-mehr.de/wp-content/uploads/2020/04/dracula-title-small.jpg

In den 1960er Jahren wirkte der charismatische Lee mit eigener Stimme in den deutschsprachigen Edgar-Wallace-Verfilmungen „Das Rätsel der roten Orchidee“ und „Das Geheimnis der gelben Narzissen“ mit. Da er acht Sprachen beherrschte, konnte er in Russisch, Französisch, Italienisch, Deutsch und Spanisch in zahlreichen anderen Ländern rund um den Erdball drehen. Zwischen 1965 und 1969 sah man ihn in der Titelrolle mehrerer „Dr. Fu Man Chu“-Filme. Aus Sorge, nur über die Rolle als Dracula definiert zu werden, weigerte sich Lee ab Mitte der 1970er Jahre, in weiteren Dracula-Adaptio-nen, ja insgesamt Horrorproduktionen mitzuwirken: In manchen Biographien heißt es bis heute, er sei in Rumänien geboren worden. 1974 verkörperte er Francisco Scaramanga, den „Mann mit dem goldenen Colt“ als Gegenspieler von James Bond. Bond-Erfinder Ian Fleming, dessen Groß-Cousin er war, hatte Lee anfangs auch für die Rollen von Dr. No und sogar Bond selbst vorgeschlagen. In Richard Lesters drei Musketier-Filmen spielte er Graf Rochefort. Immer wieder überraschte Lee sein Publikum nun durch seine Vielseitigkeit, so schon als Meisterdetektiv in „Sherlock Holmes und das Halsband des Todes“ (1962) oder als Prinz Phillip in „Charles & Diana – A Royal Love Story“ (1982).

„Meister des Schaurigen“

Als 1983 der köstliche Zeichentrickfilm „Das letzte Einhorn“ deutsch synchronisiert wurde, lieh er dem bösen König Haggard seine Stimme in deutscher Sprache, dies wiederholte er ein Jahr später bei dem dänischen Zeichentrickspaß „Walhalla“ und sprach Thor. Am 31. März 1993 veröffentlichte die britische Presse Nachrufe auf den angeblich verstorbenen Schauspieler – mehr als 22 Jahre vor seinem Tod. 1995 spielte er die Rolle des Pharao Ramses II. in „Moses“ als Teil der von der Kirch-Gruppe produzierten Gesamtverfilmung der Bibel, über die er sich sehr positiv äußerte. Der Streifen mit seiner Lieblingsrolle, dem Gründer Pakistans Ali Muhammad „Jinnah“ als Gegenspieler von Mahatma Ghandi (1998), kam zu seinem Leidwesen nie in westliche Kinos. Das Klischee des Ungeheuers ließ ihn aber nicht los. Nach der Jahrtausendwende spielte er einerseits in „Star Wars“ II und III den Jedi-Grafen Dooku, der als Lord Tyranus zur dunklen Seite der Macht wechselt. Andererseits sah man ihn in der Herr-der-Ringe-Trilogie als weißbärtigen Zauberer Saruman – Lee war der einzige unter den Mitgliedern der Filmbesetzung, der Tolkien noch persönlich getroffen hatte: In einem Pub in Oxford.

Auch in der dreiteiligen Verfilmung des Tolkien-Romans „Der Hobbit“ spielte er wieder diese Rolle. In Tim Burtons Literaturverfilmung „Charlie und die Schokoladenfabrik“ verkörperte er den bösartigen Zahnarzt Dr. Wonka, im packenden Mystery-Actionfilm „Der letzte Tempelritter“ an der Seite von Nicolas Cage und Ron Perlman den Kardinal D’Ambroise und in Martin Scorseses Literaturadaption „Hugo Cabret“ an der Seite von Jude Law und Ben Kingsley den Monsieur Labisse. Im Rahmen der 55. Berliner Filmfestspiele trat Lee am 14. Februar 2005 als prominenter Gastgeber der Galaveranstaltung „Cinema for Peace“ in der deutschen Hauptstadt auf. Eine seiner letzten Arbeiten für den Film war der amüsante Fantasy-Streifen „Angels in Notting Hill“  (2014), wo er als „Boss“ der Engel auftrat. Insgesamt wirkte er 67 Jahre lang in rund 280 Film- und Fernsehproduktionen mit, was ihm einen Eintrag ins Guinness-Buch der Rekorde bescherte. Zwischendurch wurde er 2009 von Elisabeth II. in den Rang eines Knight Bachelor erhoben und durfte sich nunmehr „Sir“ nennen.

Ritterschlag. Quelle: https://image.gala.de/20046856/t/AU/v16/w960/r0/-/christopher-lee-440–4788932-.jpg

Verblüffender Weise kehrte er am Ende seines Lebens zu seinen Wurzeln als Sprecher und Sänger zurück. Schon in den 70er Jahren arbeitete er am Rock-Musical „The King of Elfland’s Daughter“ mit und zeigte 1986 stimmliche Wandlungsfähigkeit bei der Aufnahme von „The Soldier’s Tale“ von Igor Strawinsky und Charles-Ferdinand Ramuz für Nimbus Records, wo er als Erzähler, Soldat und Teufel fungierte. Für Nimbus nahm er 1989 unter der Leitung von Yehudi Menuhin auch Prokofjews „Peter und der Wolf“ als Erzähler auf. Später wirkte er auf mehreren Alben der Symphonic-Power-Metal-Band „Rhapsody of Fire“ mit und setzte mit dem „Tolkien Ensemble“ die Gedichte Tolkiens stimmlich und musikalisch in Szene. 2010 veröffentlichte Lee mit „Charlemagne: By the Sword and the Cross“ ein Metal-Konzeptalbum über das Leben Karls des Großen mit zwei Bands und einem 100-Mann-Orchester, das mit dem „Spirit of Metal“ Award ausgezeichnet wurde.

An seinem 90. Geburtstag kündigte Lee eine neue Single an; mit dem dazugehörigen Album „Charlemagne: The Omens of Death“ (2013) ist er der älteste Heavy-Metal-Sänger der Geschichte. Im selben Jahr setzte er noch eins drauf und veröffentlichte zu Weihnachten eine Metal-Version von „Jingle Bells“, womit Lee im Alter von 91 Jahren und 6 Monaten zum ältesten lebenden Künstler wurde, der sich je in den Charts platzierte. Am 7. Juni 2015 starb er, seine Asche wurde auf den Surrey Hills verstreut. Londons damaliger Bürgermeister Boris Johnson würdigte den Verstorbenen, der nie einen Oscar bekam, als „einen der größten britischen Schauspieler“ und „Meister des Schaurigen“. Sein Lieblingsfilm war „The Wicker Man (1973), in dem er Lord Summerisle spielt, den „Herren eines so hippie-esken wie grausamen Sonnen-Fruchtbarkeitskults, den er in merkwürdiger Verkleidung, singend und tanzend, anführt. Er ist, von Dracula bis Summerisle, der große Andere, der dominiert und dem sich zu unterwerfen und auszuliefern die reine Lust ist“, bilanziert Fritz Göttler in der Süddeutschen. Lapidarer könnte man sagen: Niemand wie Lee war so gut darin, böse zu sein.

Nach ihrem Übernacht-Erfolg im „Blauen Engel“ gestaltete sie ihre nicht minder spektakulären Auftritte als begnadete Köchin, Idealmutter, Liebhaberin, Stilikone und Antifaschistin rasch selbst. Genau wie die der GI-Unterhalterin im 2. Weltkrieg und noch drei Jahrzehnte lang der glamourösen alterslosen Show-Diva danach. Was nicht in ihre perfekten, mutigen und mühsam ausgefeilten Selbstdarstellungen passte, stritt und streifte sie schlicht ab. Darunter auch ihre zwei Jahre ältere Schwester Elisabeth, die sie 1945 in Bergen-Belsen wiederfand: Hier betrieb sie zusammen mit ihrem Mann eine kleine Kantine für die Wehrmacht, im Truppenlager-Kino in den Kasernen der Panzerschule – nur wenige hundert Meter entfernt vom KZ, errichtet zur Entspannung der Soldaten wie der SS-Leute.

Die Nachbarschaft zum Todeslager, der ständige Kontakt zum SS-Lagerpersonal und der wirtschaftliche Gewinn, den sie als Kantineninhaber daraus zogen, rückten Elisabeth nebst Mann Georg moralisch gefährlich nahe an die Täter. Diese Verwandtschaft konnte ihren Weltruhm beschädigen – weshalb sie sie rasch umdeutete. Doch sprach Elisabeth tatsächlich noch Jahre nach dem Krieg von der „moralischen Integrität“ des Dritten Reichs: Die Nazis hätten, bei allem Übel, doch nur die deutsche Ehre wiederherstellen wollen. Kein Wunder, dass sie die verlogene Mär vom Nazi-Opfer Elisabeth bald wieder aufgab und die Schwester fortan lieber verleugnete, obwohl der geschwisterliche Kontakt privat bis zu Elisabeths Tod 1973 unverändert bestehen blieb.

Die Dietrich. Quelle: Von Eric Koch / Anefo – http://proxy.handle.net/10648/aa4985ce-d0b4-102d-bcf8-003048976d84, CC BY-SA 3.0 nl, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=97835859

Zu prominenten Fans ihrer Bühnenkunst zählen Willy Brandt und Ronald Reagan gleichermaßen wie David Bowie, die Beatles, Bryan Ferry, Udo Lindenberg, Ute Lemper, Jean Cocteau, Karl Lagerfeld oder die ebenfalls aus Berlin stammende Hildegard Knef, mit der sie eine tiefe Freundschaft pflegt. Beide überführen in der Nachkriegszeit ihr charismatisches Können erfolgreich auf die Chanson-Bühne, wo sie mit Stimmen begeistern, deren Charme vor allem aus der Verweigerung von Perfektion und prätentiösem Ton erwächst. Ernest Hemingway, zeitweise ihr Liebhaber, bringt die Faszination von ihr einmal so auf den Punkt: „Selbst wenn sie nichts anderes als ihre Stimme hätte, könnte sie damit dein Herz brechen“: Marlene Dietrich, die am 6. Mai vor 30 Jahren starb.

„Nimm dich in Acht vor blonden Frau‘n“

Marlene kommt am 27. Dezember 1901 in Berlin-Schöneberg als Marie Magdalene Dietrich zur Welt. Ihre Eltern sind ein preußischer Polizeioffizier und eine Juwelierstochter. Aufgewachsen in gutbürgerlichen Verhältnissen, genießt sie früh außer Schulstunden auch privaten Unterricht und den restlichen Tag die Rundumbetreuung einer Gouvernante. Einen ersten Einschnitt in ihr behütetes Leben stellt der Tod ihres Vaters 1907 dar, und auch der Stiefvater lässt 1917 als Leutnant schon früh sein Leben. Das habe zur Vatersehnsucht in ihren vielen Beziehungen geführt, so Hellmuth Karasek im Spiegel. Sex sei ein nützliches Mittel, um ein emotionales Gleichgewicht herzustellen, „aber keine ihrer Affären hatte auch nur vorübergehend jene Ausschließlichkeit, die auf einen Wunsch nach tiefer, geschweige denn dauerhafter Liebe schließen lässt.“

Nachdem die musikalisch begabte Marlene früh privaten Klavier- und Geigenunterricht erhält, beginnt sie 1919 ein Studium in Weimar zur Konzertgeigerin. Über ihre Studienzeit ist wenig überliefert, ebenso wie über die Gründe der Mutter, ihre Tochter 1921 praktisch über Nacht zur weiteren Ausbildung nach Berlin zurück zu holen. Kurz darauf beendet eine durch häufiges Üben verursachte Sehnenscheidenentzündung jäh Marlenes Karrierewünsche. Ihre Liebe zu Literatur bringt die Anfangszwanzigerin auf die Idee, ihr Glück am Theater zu versuchen: „Das Theater war der einzige Ort, wo man schöne Texte und schöne Verse vortragen konnte, wie die von Rilke, die mir das Herz brachen… Gibt’s was Schöneres als Rilke? Nein, nein, niemals!“ Sie absolviert die Max-Reinhardt-Schauspielschule und ergattert ab 1922 erste kleine Rollen an Theater, in Revues und Kabaretts als Fotomodell, Tanzgirl und Statistin. Ihr Leinwanddebüt gab sie als Zofe in „So sind die Männer“ (1923); „eine Kartoffel mit Haaren“, sagte sie später über die Rolle. In 18 Stummfilmen wird sie verpflichtet.

In den 20er Jahren. Von George Grantham Bain Collection (Library of Congress) – Dieses Bild ist unter der digitalen ID cph.3b24379 in der Abteilung für Drucke und Fotografien der US-amerikanischen Library of Congress abrufbar.Diese Markierung zeigt nicht den Urheberrechtsstatus des zugehörigen Werks an. Es ist in jedem Falle zusätzlich eine normale Lizenzvorlage erforderlich. Siehe Commons:Lizenzen für weitere Informationen., Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=5930332

Während der Dreharbeiten zum Film „Tragödie der Liebe“ lernt Marlene den Regieassistenten Rudolf Sieber kennen, den sie ein Jahr später heiratet. Im Dezember 1924 kommt die Tochter Maria zur Welt. Ihre zahlreichen Engagements für zumeist unbedeutende Unterhaltungsfilme der 20er, oft auch durch Ehemann Rudi vermittelt, führen später zu phantasievollen Interpretationen – die Zeit vor dem „Blauen Engel“ lässt sie in ihren Erinnerungen später konsequent aus. Doch ohne ihre Rolle in „Zwei Krawatten“ mit Hans Albers und den Comedian Harmonists wäre ihr Leben anders verlaufen. Denn an einem der Abende sitzt auch Regisseur Josef von Sternberg im Publikum, der nach einer weiblichen Besetzung für eine Verfilmung des Heinrich Mann-Romans „Professor Unrat“ sucht. Begeistert von ihrer unterkühlten Ausstrahlung, lädt er die Jungschauspielerin nach der Vorstellung zu Probeaufnahmen für das Filmprojekt „Der Blaue Engel“ aufs Ufa-Gelände nach Babelsberg ein.

Seit dem Casting ist Dietrich als Bartänzerin Lola Lola gesetzt, sehr zum Missfallen Heinrich Manns, der seine Lebensgefährtin Trude Hesterberg für die Rolle empfahl. Auch der eigentliche Star des Films, der bereits in den USA zu Ruhm gekommene Professor Unrat-Darsteller Emil Jannings, hat nach der Uraufführung am 1. April 1930 im Berliner Gloria-Palast seine Probleme damit, dass ihm in Filmkritiken weniger Platz eingeräumt wird als der Dietrich, dem vermeintlich unbeschriebenen Blatt. Sie bekommt für die Rolle 20.000 Reichsmark, Jannings das Zehnfache. Das Berliner Premierenpublikum feiert sie bereits wie einen Star, und der Rest der Welt reiht sich bald ein. Ihre frivol zur Schau gestellte Unschuld im „Blauen Engel“ bleibt Marlene lebenslang als Image erhalten. Neben ihrer frechen Berliner Gören-Schnauze begeistert besonders ihr Interpretationstalent der Friedrich Hollaender-Filmkompositionen. „Männer umschwirrn mich wie Motten das Licht“, singt sie in weiser Voraussicht im Filmhit „Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt“, und auch „Ich bin die fesche Lola“ und „Nimm dich in Acht vor blonden Frau‘n“ mutieren zu Erfolgsschlagern.

„mein Geschöpf“

Zwischen ihr und Sternberg beginnt eine zarte Romanze; das Erfolgspaar arbeitet danach noch für weitere sechs Paramount-Filme in den USA zusammen, darunter der „Blonden Venus“ (1932) im Hosenanzug und „Der Teufel ist eine Frau“ (1935). Nicht all ihre Produktionen werden Kassenmagneten, belegen dafür aber von Sternbergs unnachahmliches Talent, per gezielter Ausleuchtung von Dietrichs hohen Wangenknochen, den sinnlichen Lippen und ihrem männermordenden Augenaufschlag in künstlerischer Hinsicht Maßstäbe zu setzen. Sie ging so weit, sich für die Betonung ihrer Wangenknochen vier Backenzähne ziehen zu lassen. Unter Sternbergs Führung vollzieht Marlene die Wandlung von der pummeligen Großstadt-Göre zum erotischen und unnahbaren Vamp. Die Dietrich nennt nicht umsonst ihren Entdecker mitunter halb scherzend „Gott“, er sie im Gegenzug „mein Geschöpf“. Alle künftigen Regisseure der Diva müssen sich fortan an von Sternbergs hohen Standards messen lassen. Mit Frack und Zylinder wischt Marlene das herkömmliche Rollenklischee der Frau offensiv beiseite und verleiht ihrem Öffentlichkeitsbild zusätzlich einen androgynen sowie hedonistisch-verruchten Anstrich. Vorwürfe der Bisexualität lassen nicht lange auf sich warten.

Ikonisch in „Der blaue Engel“. Quelle: Von George Grantham Bain Collection (Library of Congress) – Dieses Bild ist unter der digitalen ID cph.3b24379 in der Abteilung für Drucke und Fotografien der US-amerikanischen Library of Congress abrufbar.Diese Markierung zeigt nicht den Urheberrechtsstatus des zugehörigen Werks an. Es ist in jedem Falle zusätzlich eine normale Lizenzvorlage erforderlich. Siehe Commons:Lizenzen für weitere Informationen., Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=5930332

Dennoch will Goebbels die Berlinerin unbedingt für den deutschen Film zurückgewinnen: Für jeden Film, den sie in Deutschland dreht, soll sie 200.000 Reichsmark bei freier Wahl des Stoffes, des Produzenten und des Regisseurs erhalten. Doch Marlene macht die Begleitung ihres Mannes zur Bedingung – wohlwissend, dass Rudi Sieber als Jude niemals Teil dieses Angebots sein würde. Sie wird eine erbitterte Feindin Hitlers und gilt in ihrer Heimat erst als „Judenfreundin“, später als „Ami-Hure“. Nach dem Cut mit Sternberg arbeitet sie mit dem emigrierten Ernst Lubitsch zusammen und erlebt, wie ihr heller Stern langsam erblasst. 1938 nimmt sie die amerikanische Staatsbürgerschaft an, kehrt Hollywood den Rücken und verbringt in Europa viel Zeit mit ihrer Familie und rasant wechselnden Liebschaften. Im Sommer 1939 – sie weilt mit ihrem Liebhaber Erich Maria Remarque gerade an der französischen Mittelmeerküste – erhält sie ein Western-Angebot und sagt zu. Mit „Der große Bluff“ an der Seite von James Stewart feiert Marlene ein überraschendes Comeback, der Thekenschunkler „The Boys In The Backroom“ mausert sich zu einem ihrer bekanntesten Songs.

Nach einigen weniger Aufsehen erregenden Filmen fühlt sich die Schauspielerin 1943 in der Pflicht, die GIs im Kampf gegen Hitler-Deutschland zu unterstützen. Auch Schauspieler Jean Gabin, mit dem sie zu jener Zeit liiert ist, tritt in die französische Armee ein. Marlene meldet sich für die amerikanische Truppenbetreuung an und reist bis 1945 teilweise an vorderster Front von Grönland über Frankreich bis Nordafrika. Ein Filmstar in Uniform, ohne Leibwächter und Stargehabe – das macht Eindruck auf die Hundertschaften an Soldaten, die Marlene im Gegenzug auf Händen tragen. Später gesteht sie, ihre Zeit bei den Soldaten sei die glücklichste ihres Lebens gewesen. Eine jener Shows vor alliierten Truppen findet 1945 sogar in der niederbayerischen Spargelstadt Abensberg statt. Nach dem Krieg erhält sie die „Medal Of Freedom“ als höchste zivile Auszeichnung des US-amerikanischen Kriegsministeriums, Frankreich ernennt sie zum „Ritter der Ehrenlegion“.

„zu Tode biografiert“

1945 stirbt Marlenes Mutter im ausgebombten Berlin, auch das verheißungsvoll gestartete Liebesglück mit Gabin geht in die Brüche. Grundsätzlich ist es Dietrich, die auf der Stelle kehrt macht, sobald ihr ein Liebhaber zu nahe kommt oder gar mehr Aufmerksamkeit von ihr einfordert. Seitenlange Liebesbriefe ihrer Verehrer beantwortet sie in der Regel mit wenigen Sätzen, oft auf eigenen Autogrammkarten. Auch als der von Kinderwünschen getriebene Gabin ihr seine Familienplanungen eröffnet, bleibt sie zurückhaltend. Gabin zieht die für Marlene wohl ungeahnte Konsequenz und wendet sich von der Schauspielerin ab: 1949 heiratet er Christiane Fournier, die ihm drei Kinder schenkt. Somit ist Gabin der einzige Mann, der die Dietrich je verlassen hat. Vergessen konnte sie ihn nie.

Berliner Ehrengrab. Quelle: Von George Grantham Bain Collection (Library of Congress) – Dieses Bild ist unter der digitalen ID cph.3b24379 in der Abteilung für Drucke und Fotografien der US-amerikanischen Library of Congress abrufbar.Diese Markierung zeigt nicht den Urheberrechtsstatus des zugehörigen Werks an. Es ist in jedem Falle zusätzlich eine normale Lizenzvorlage erforderlich. Siehe Commons:Lizenzen für weitere Informationen., Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=5930332

Doch längst ist Marlene wieder mit ihrer Karriere beschäftigt, die sie mit der ihr eigenen Gründlichkeit und Ausdauer vorantreibt. Sie nimmt Rollen in Billy Wilders „Eine auswärtige Affäre“ (1947), Alfred Hitchcocks „Die rote Lola“ (1950) und Fritz Langs „Engel der Gejagten“ (1952) an, moderiert Radio-Shows und spricht Krimi-Hörspiele ein. Bis in die 60er Jahre ist sie fast ausschließlich als Diseuse und Entertainerin auf Achse und findet in Orchester-Dirigent Burt Bacharach erneut einen feinsinnigen Förderer ihres Talents. Der Startschuss für ihre zweite Karriere fällt 1953 im Hotel „Sahara“ in Las Vegas.

Mit einer Mischung aus alten Filmsongs und Neuinterpretationen von Hollaender, Cole Porter, Bob Dylan oder Pete Seeger nimmt die Dietrich in atemberaubenden Bühnenoutfits die Herzen des Theaterpublikums für sich ein. So sorgt ihr Bühnenmantel aus Brustdaunen von Schwänen mit einer drei Meter langen Schleppe immer für großes Aufsehen; angeblich sollen 3000 Schwäne für zwei dieser Mäntel ihr Leben gelassen haben. Nur bei ihrer Deutschland-Rückkehr 1960 wird sie unschön von ihrer Vergangenheit eingeholt. Zahlreiche Medien versuchen teils populistisch, teils hetzerisch ihre Haltung während des Zweiten Weltkriegs gegen sie auszuspielen: „Die war‘n mir beese“, sagte sie oft. 1961 hatte Dietrich ihre letzte Hauptrolle in dem Film „Judgment at Nuremberg“, in dem sie die Witwe eines zum Tode verurteilten deutschen Generals mimte.

Reibungsloser verlaufen die Auslandsreisen: Sie singt in Paris und Cannes (1962), Monte Carlo und Mexico City (1963), Leningrad und Edinburgh (1964) oder auch Südafrika und Australien (1965). Sie war nach dem Zweiten Weltkrieg die erste deutsche Künstlerin, die in Russland auftrat, und die erste, die in Israel deutsche Texte auf der Bühne singen durfte. In jener Zeit besucht Marlene auch immer mal wieder die Schweiz, wo sie ihre berüchtigten Frischzellenkuren erhält, mit denen sie das Altern aufzuhalten versucht. Doch natürlich wird auch ein „Blauer Engel“ irgendwann flügellahm. Nach einem weiteren Bühnensturz 1975 in Sydney, bei dem sie einen Oberschenkelhalsbruch erleidet, beendet sie im Alter von 74 Jahren ihre Laufbahn als Showstar. Die Einsamkeit, eine Legende zu sein, überfällt sie am Ende ihres Lebens.

„Schöner Gigolo, armer Gigolo“ 1978. Quelle: https://cdn.prod.www.spiegel.de/images/2dd59321-0001-0004-0000-000000637514_w1200_r1.33_fpx39_fpy28.jpg

Im Film „Schöner Gigolo, armer Gigolo“ mit David Bowie hat sie 1978 einen letzten Kurzauftritt. „Der lange Fall der Filmgöttin – 13 Jahre auf dem Sterbebett“, titelte der Spiegel. 1987 publizierte die Diva ihre Memoiren unter dem Titel „Ich bin, Gott sei Dank, Berlinerin“. Bis zu ihrem Tod lebt sie abgeschottet sowie alkohol- und tablettenabhängig in ihrem Pariser Appartement, nicht gewillt, der Öffentlichkeit auch nur einen winzigen Blick auf ihren alternden Körper zu gestatten. 40.000 Mark nahm sie zuletzt für ein Stern-Interview. Ihr Grab befindet sich neben dem ihrer Mutter auf dem Friedhof Schöneberg an der Stubenrauchstraße. Die Grabinschrift „Hier steh ich an den Marken meiner Tage“ ist eine Zeile aus Theodor Körners Sonett „Abschied vom Leben“.

„Ich bin zu Tode fotografiert und zu Tode biografiert worden“, klagt sie 1983 in Maximilian Schells ergreifender Dokumentation, der Dietrich als einer der wenigen engen Freunde im Alter noch einmal besuchen darf. Für seinen Oscar-nominierten Film „Marlene“ führt Schell mit ihr sechs Tage lang Gespräche in ihrer Wohnung und nimmt diese auf Tonband auf, das Filmen ist selbstredend auch ihm strengstens untersagt. Das Ergebnis beeindruckt: In Dietrichs brüchiger und dauernörgelnder Stimme spiegelt sich einerseits die Unzufriedenheit der Diva wieder, die Welt nicht mehr aktiv mitgestalten zu können, wie auch ihr unbedingter Wille, den Mythos Marlene Dietrich bis zum Tod zu kontrollieren. Dabei konnte sie ätzend, ja verletzend zu Kollegen, anderen Promis, ja selbst Freunden sein – Sternberg bekam am Ende seines Lebens Wutausbrüche, wenn er nur ihren Namen hörte. Die Liste ihrer Telefonpartner, beginnend mit der Queen, war ein Who’s Who der Elite der Welt.

Fritz Lang soll gesagt haben, Marlene sei nie eine gute Schauspielerin gewesen, aber sie habe ohne Unterlass eine Rolle gespielt: „Sie weiß selbst nicht mehr, wer sie ist.“ Als „Vamp und Emanze zugleich“ vereinte sie „Hollywood-Glamour und preußische Disziplin“, so Karasek. „Keine wird je sein wie sie“, bilanziert Martina Pock in der Süddeutschen. In Berlin erinnern der Marlene-Dietrich-Platz und die Dauerausstellung „Marlene Dietrich“ im Filmmuseum an sie. Eine Luxus-Edition des Füllfederhalter-Herstellers Montblanc und ein ICE 4 tragen ihren Namen, eine deutsche Briefmarke ihr Konterfei. Das American Film Institute wählte sie 1999 unter die 25 größten weiblichen Leinwandlegenden aller Zeiten. Durch Joseph Vilsmaiers Film „Marlene“ (2000) mit Katja Flint in der Titelrolle setzte hierzulande eine neue Dietrich-Manie ein.

Das italienische „conversazione“ bedeutet viel mehr als nur Geschwätz und den Austausch seichter Höflichkeitsfloskeln: Konversation bedeutet „soziale Praxis des Debattierens und Urteilens“, wie die Soziologin Claudia Honegger schrieb. Ein „Konversationslexikon“ also hat sich das emanzipatorische Programm der Aufklärung auf seine Fahnen geschrieben. Seine Leser und Leserinnen sollten, frei nach Kant, durch den öffentlichen Gebrauch der Vernunft die Wahrheit öffentlich darstellen. In Deutschland war es der „Große Brockhaus“, dessen erste, sechsbändige Auflage zwischen 1796 und 1808  erschien, der dieses Programm verfolgte. Herausgegeben wurde er von Friedrich Arnold Brockhaus, der am 4. Mai 1772 in Dortmund als Kaufmannssohn geboren wurde.

Sein Vater, ein Ratsherr, unterhielt eine Materialwarenhandlung, in der der Heranwachsende in seiner Gymnasialzeit bedienen musste, um Gespür und Kenntnisse für das Geschäft zu entwickeln. Eine „wahre Lesewuth“ attestierte er sich schon damals, er las vor allem nachts. Die erste geschäftliche Begegnung mit Büchern ließ jedoch nicht lange auf sich warten. Bereits als Jugendlicher wurde er im Dienste des Geschäfts auf Auktionen geschickt, um Folianten und Quartanten zu erstehen, die der Vater in seinem Geschäft als Makulatur brauchte. Bei einer der Auktionen wurde Voltaires Leben von Karl XII. angeboten, und der junge Brockhaus ersteigerte, zum Entsetzen seines Vaters, das Buch für zwei Groschen.

Brockhaus. Quelle: Von Carl Christian Vogel von Vogelstein – http://www.bildindex.de, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=356606

Gemäß den elterlichen Wünschen brach Friedrich Arnold die Schule ab und begab sich von 1788 bis 1793 nach Düsseldorf, um in einer großen Firma „die Handlung zu erlernen“. Trotz der erfolgreichen Lehr- und Arbeitsjahre in Düsseldorf hatte „die Liebe für Literatur und die Wissenschaft indessen nie geschlummert(…)“. Je mehr er las, umso mehr fühlte Brockhaus die Lücken in seinem Wissen. Er hatte das Gefühl, keine solide Grundlage zu besitzen. Nach einem Streit mit seinem Prinzipal brach Brockhaus, der zeitlebens für sein aufbrausendes Temperament bekannt war, die Lehre in Düsseldorf ab und kehrte 1793 nach Dortmund zurück.

Kauf des Löbel‘schen „Conversationslexikon“

Der Vater entsprach letztlich seinen dringenden Bitten und gestattete einen Studienaufenthalt in Leipzig zur Verbesserung der Allgemeinbildung des Sohnes. Brockhaus hörte Philosophie und Naturwissenschaften und lernte daneben das rege buchhändlerische und literarische Leben der Messestadt kennen, das ihn faszinierte. Nach glücklichen anderthalb Jahren kehrte Brockhaus nach Dortmund zurück und gründete mit zwei Partnern eine eigene Handlung mit „englischen Manufacturen“. Das Geschäft ging sehr gut, und so konnte er 1798 die Dortmunder Patriziertochter Sophie Beurhaus heiraten. Nach dem Zerwürfnis mit seinen Partnern verlegte Brockhaus 1801 die Firma nach Arnheim und dann nach Amsterdam, zumal Holland den Hauptabsatzmarkt für seine Tuchware bot.

Die Kontinentalsperre Napoleons verhinderte jedoch eine erfolgreiche Weiterführung des Geschäfts. Brockhaus wandte sich in der Not seinen alten Vorlieben zu und gründete 1805 mit dem Buchhändler J. G. Rohloff die Sortiments-und Verlagsbuchhandlung „Rohloff & Co“. Rohloff lieh dafür allerdings nur seinen Namen, denn als Deutscher konnte Brockhaus nicht Mitglied der Amsterdamer Buchhändlergilde werden. So kam es zu der kuriosen Tatsache, dass einer der bekanntesten deutschen Verlage im Ausland gegründet wurde, ein Tuchhändler sein Gründer und Napoleon der Inspirator war.

Neben seiner Arbeit als Sortimentsbuchhändler gründete Brockhaus die politisch-literarische Zeitung Der Stern, die zeitgeschichtliche Monatsschrift Individualitäten aus und über Paris sowie die französische belletristische Vierteljahrsschrift Le Conservateur. Die weitere Verlagstätigkeit umfasste die Herausgabe literarischer Werke wie etwa Übersetzungen, naturwissenschaftliche Werke und Reiseliteratur. Mit dem Historisch-militärischen Handbuch für die Kriegsgeschichte der Jahre 1792 bis 1808 des Freiherrn von Groß begründete er 1808 die Verlagstradition der Militaria.

Büste in Leipzig. Quelle: Von Photo: Andreas Praefcke – Selbst fotografiert, CC BY 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=10494240

Den wohl folgenreichsten Schritt in seiner verlegerischen Karriere machte er im Herbst 1808 beim Besuch der Leipziger Buchhändlermesse: Er erwarb aus einer Insolvenzmasse für die – nach damaligen Verhältnissen bescheidene – Summe von 1.800 Reichstalern die Rechte an dem 1796 von Renatus Gotthelf Löbel unter dem Titel Conversationslexikon mit vorzüglicher Rücksicht auf die gegenwärtigen Zeiten begonnenen Werk. Brockhaus war also nicht der Erfinder des „Konversationslexikons“, seine Leistung bestand vielmehr darin, die Chancen des unvollendeten Löbelschen Lexikons erkannt und durch seine Arbeit daran den Grundstein dazu gelegt zu haben, dass es sich später zum Standardwerk des deutschen Bildungsbürgertums entwickelt.

Parallel dazu hatte er familiäre Probleme: 1809 war Sophie im Kindbett gestorben, und ihr Mann sah sich veranlasst, seine sieben Kinder bei verschiedenen Verwandten unterzubringen, um seinen ohnehin mühsamen Geschäften nachgehen zu können. Schließlich entschloss er sich 1811, seine Firma wieder nach Deutschland zu verlegen, und wählte Altenburg als ersten Sitz der neuen „Verlagsbuchhandlung F. A. Brockhaus“. Die Verlobung mit Hofrätin Wilhelmine Spazier, Schwägerin von Jean Paul und Herausgeberin des von Brockhaus verlegten Jahreskalenders Urania, löste er wieder, nachdem die Frau Wahnvorstellungen entwickelte: „O Gott, aus welchem Himmel bin ich gestürzt.“

Als Bürger in Leipzig

Im Winter 1812 heiratete Brockhaus die Altenburgerin Jeannette von Zschock und konnte daraufhin auch seine Kinder wieder zu sich holen. Nach anfänglichem Eheglück und vier gemeinsamen Kindern setzte jedoch eine Entfremdung ein, die schließlich 1821 zur Trennung der Eheleute führen sollte, aber das Zusammenleben von Vater und Kindern aus erster Ehe ermöglichte. Das führte dazu, dass er mit seinen mittlerweile fast erwachsenen Söhnen gemeinsam am Weiterbau des Verlages arbeiteten konnte. Diese Zusammenarbeit war für den Vater besonders beglückend. In diese Jahre bis 1823 fallen die verlegerischen Projekte, die den Verlag über den Tod von Friedrich Arnold Brockhaus hinaus erfolgreich machen sollten.

117 Bände. Quelle: https://i.ebayimg.com/00/s/MTIwMFgxNjAw/z/83oAAOSw435iTsza/$_59.JPG

So die Urania, eines zu jener Zeit äußerst beliebten „Taschenbuchs für Damen“, die aus einer Sammlung zeitgenössischer Prosastücke und Gedichte bestanden und für die Brockhaus Autoren wie Jean Paul, Theodor Körner, Gustav Schwab, Ludwig Tieck und Eichendorff gewinnen konnte. Sie glänzte allein aufgrund ihres hochwertigen Drucks und der sorgfältigen Bebilderung mit Kupferstichen namhafter Künstler. Unmittelbar vor der Leipziger Völkerschlacht brachte er die Deutschen Blätter heraus, die unter dem Eindruck des Kriegsgeschehens zur täglichen patriotischen Nachrichtenquelle wurden. 1818 erhielt Brockhaus das Leipziger Bürgerrecht, das ihm den Eintritt in die Leipziger Buchhändlergemeinschaft ermöglichte. Damit war er einer von damals 121 Verlags- und Sortimentsbuchhändlern der Stadt. Bis 1819 erfolgte die Umarbeitung des „Conversations-Lexikons“, dass so großen Anklang fand, dass der junge Verlag, der in den ersten Jahren vor allem wissenschaftliche Verlagstätigkeit betrieb, nun finanziell günstig stand.

Zum ersten Mal soll Wissen nicht für den exquisiten Kreis der Gelehrten zugänglich werden, sondern für das gebildete Bürgertum: zur Belehrung, aber auch zur Unterhaltung in den Salons und guten Stuben. „Flüssigmachung und Popularisierung der wissenschaftlichen, künstlerischen und technischen Ergebnisse, nicht für die geschäftliche Praxis, sondern für die Befriedigung und Förderung der allgemeinen Bildung“ wird Brockhaus diese Aufgabe nennen. Darin lebt das emanzipatorische Grundanliegen der Aufklärung weiter: Dass „der Einzelne selbst denken lernen möge, damit er mit seinen Mitmenschen räsonieren könne und die Welt also vernünftiger werde. Denn: Wer räsoniert, nimmt Wissen nicht als gegeben hin und macht es – zur Zeit der Aufklärung und auch nachher keine Selbstverständlichkeit – öffentlich“, so Urs Hafner in der NZZ.

Mit der Übersiedlung der Firma nach Leipzig verwirklichte Brockhaus ein seit langem gehegtes Vorhaben – den Bau einer eigenen Druckerei. Fremde Druckereien konnten die steigende Nachfrage nach dem Konversations-Lexikon nämlich kaum noch bewältigen. Außerdem gab er das später ebenfalls weit verbreitete „Handbuch der deutschen Literatur“ heraus. Brockhaus selbst trat im Jahrgang 1822 unter dem Pseudonym „Guntram“ mit der Erzählung „Die Nebenbuhlerin ihrer selbst“ als Schriftsteller auf, war damit aber wenig erfolgreich. Mit der von dem Naturforscher Lorenz Oken herausgegebenen Isis oder Encyclopädische Zeitung von Oken geriet er mehrfach an den Rand eines Verbots durch die Zensur.

Urania von 1812. Quelle: https://www.booklooker.de/B%C3%BCcher/Brockhaus-Friedrich-Arnold+URANIA-Taschenbuch-f%C3%BCr-Damen-auf-das-Jahr-1812-Mit-zw%C3%B6lf-Kupfern/id/A02jwOXi01ZZh

Die Reihe Zeitgenossen. Biographien und Charakteristiken bildete den Hauptteil seiner journalistischen Verlagstätigkeit in Leipzig. Das Werk stellte die Biografien von damals noch lebenden oder bereits verstorbenen Personen der Zeitgeschichte vor und übernahm damit ein Konzept, das sich zuvor bereits in England bewährt hatte. Autoren waren etwa Varnhagen von Ense und August Wilhelm Schlegel. Neben dem weiteren Ausbau des enzyklopädischen Programms seines Verlages wagte sich Brockhaus auch an die Veröffentlichung der Memoiren Casanovas. Das Werk wurde ein voller Erfolg und der Ausgangspunkt einer umfangreichen Casanova-Literatur im Brockhaus-Verlag, der nun ein spezielles Casanova-Archiv anlegte. 2010 verkaufte die Familie Brockhaus das Manuskript der Memoiren an die französische Nationalbibliothek – für siebeneinhalb Millionen Euro, wie gemunkelt wurde. Brockhaus hatte es 1821 für 200 Taler erworben.

„Was er geschaffen hat, soll fortleben!“

Mit seinem Tod am 23. August 1823 verloren die deutschen Verleger einen vielseitig gebildeten Menschen mit großer Verehrung für das Wissen und Können seiner Autoren, über den Heinrich Heine, trotz der Ablehnung eines Gedichtbandes urteilte: „…ein Mann von angenehmer Persönlichkeit. Seine äußere Repräsentation, sein scharfblickender Ernst und seine feste Freimütigkeit lassen in ihm jenen Mann erkennen, der die Wissenschaften und den Meinungskampf nicht mit gewöhnlichen Buchhändleraugen betrachtete.“ Gleichsam als Vorgriff auf die Zukunft schrieb sein Sohn Heinrich kurz nach dem Tode des Vaters in sein Tagebuch: „Was er geschaffen hat, soll fortleben!“

Der Brockhaus war Vorbild vieler ausländischer Lexikaprojekte, darunter das 26-bändige niederländische Großlexikon Winkler Prins Geïllustreerde Encyclopaedie (1870–1882) oder auch eine 43-bändige russische Enzyklopädie (1890–1906). Zwischen Oktober 1936 und März 1938 veröffentlichte die Redaktion, dem neuen Zeitgeist entsprechend, eine vierbändige Ausgabe „Der Neue Brockhaus“, die durch einen Atlasband ergänzt und nicht mehr Konversationslexikon, sondern „Allbuch“ genannt wurde. Eine kompromisslose Attacke gegen das enzyklopädische Wissensmodell ritt der 1948 verstorbene französische Autor Antonin Artaud: Es erlaube irgendwelchen Pedanten, ihre „geistigen Beschränktheiten zu kanalisieren“.

Der Verkauf der letzten, 21. Auflage war so schlecht verlaufen, dass Brockhaus mit einem Verlust in der Größenordnung von mehreren Millionen Euro abschließen musste. Die für den 15. April 2008 angekündigte Lancierung des kostenlosen Onlineportals wurde auf unbestimmte Zeit verschoben und später ganz abgesagt. Die Brockhaus-Enzyklopädie wurde schließlich rückwirkend zum 1. Februar 2009 durch die Bertelsmann-Tochter Arvato übernommen, die Mitte 2013 verlauten ließ, die „Brockhaus-Enzyklopädie“ nicht weiterzuführen. Die Marke hat sich seitdem vom Wissens- zum Bildungsanbieter gewandelt und bietet neben Online-Nachschlagewerken bestehend aus Enzyklopädie, Jugendlexikon und Kinderlexikon, noch digitale Lehrwerke, E-Learning-Material sowie englischsprachige Lehrvideos an.

Publikationsanordnung für Brockhaus auf Befehl des Fürsten Schwarzenberg in der ersten Ausgabe der Deutschen Blätter aus dem Jahr 1813. Quelle: Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=374058

In der „schönen neuen Medienwelt“, in der das Digitale und das dynamisch Bewegte eine unwiderstehliche Anziehungskraft ausüben, wirkten die in schwarzes Leder eingebundenen Wälzer, auf deren Rücken goldfarbene Lettern prangen, seit spätestens der Jahrtausendwende wie Dinosaurier. Die Standardausgabe wurde bei Komplettabnahme zu einem Gesamtpreis von 2.820 Euro verkauft. Dem Verlag zufolge wiegen die Bände zusammen 70 Kilogramm und nehmen 1,70 Regalmeter ein. Die 30 Bände bieten zwar 300 000 Artikel, doch die deutschsprachige Wikipedia stellt bereits über eineinhalb Millionen bereit – und das obendrein noch kostenlos. Doch das Verdienst, das bedeutendste Nachschlagewerk deutscher Sprache geschaffen zu haben, das sich im Laufe seiner Geschichte zum zentralen Träger des Wissens unserer Gesellschaft entwickelte, ist Brockhaus nicht zu nehmen.

Wie Joseph von Eichendorff oder Caspar David Friedrich muss er schuld sein. Denn er schrieb: „Der Poet versteht die Natur besser wie der wissenschaftliche Kopf.“ Und so wurde auf der Suche nach einer Erklärung dafür, warum Millionen Deutsche sich gegen das Impfen sträuben und warum ausgerechnet im deutschen Sprachraum die Impfquoten so viel niedriger sind als im gesamten übrigen Europa, seit November 2021 auf die großen Dichter und Maler der Romantik verwiesen. Sie hätten uns mit ihrem sehnsuchtsvollen Hang zur Idylle, zur Gefühlswelt, zur Weltflucht den Verstand, die Logik, die Errungenschaften der Aufklärung ausgetrieben, so Hans Bellstedt im Business Insider.

Es gebe im deutschsprachigen Raum eine „klare geistesgeschichtliche Linie zwischen der Romantik und der Impfskepsis heute“, pflichtet Andreas Speit in der taz bei. In der romantischen Literatur sei „das Natürliche unglaublich verklärt und verabsolutiert“ worden, was „eine Distanz zur vermeintlich kalten Wissenschaft und sogenannten schulischen Medizin bewirken kann“. Doch hätte sich etwa ein Kult um ihn ausgebreitet, hält Johannes Franzen in der FAZ dagegen, „mit blauen Blumen am Parka, dann hätte die Berufung auf das Erbe der Romantik eine ganz andere Energie besessen“. Der poetische Urheber dieses romantischsten aller Motive feierte nun seinen 250. Geburtstag: Georg Philipp Friedrich „Fritz“ von Hardenberg, der sich später Novalis nannte.

Novalis. Quelle: Von Franz Gareis – http://novalis.autorenverzeichnis.de/portraets/port_2_gareis_novalis_1800.html, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=1931634

Am 2. Mai 1772 kommt er auf dem Rittergut Oberwiederstedt bei Mansfeld als zweites von elf Kindern eines Salinendirektors zur Welt. Im Alter von acht Jahren übersteht er eine schwere Ruhr und wird zunächst von Hauslehrern unterrichtet. Wegen schwerer körperlicher und seelischer Erkrankungen der Mutter kommt der 11-jährige nach Lucklum zum Haus seines Onkels Wilhelm von Hardenberg. Der wünscht für seinen Neffen eine stolze Staatskarriere, der Vater möchte seinen Sohn zum strengen Pietisten erziehen. In diesem Spannungsfeld entwickelt er bald eine unabhängige Urteilsbildung, der Onkel bleibt eine bestimmende Gestalt in Friedrichs Leben. Als 12jähriger versucht er sich an ersten Gedichten.

„die Welt ist öde“

1790 beendet er das Gymnasium in Eisleben und wird wenige Wochen später an der Universität Jena immatrikuliert, hört Philosophie und – beim nur 13 Jahre älteren Schiller, mit der er sich anfreundet – europäische Staatsgeschichte. 1791 wird in Wielands Neuem Teutschen Merkur sein Gedicht „Klagen eines Jünglings“ veröffentlicht, im selben Jahr wechselt er für das Studium der Rechte, Mathematik und Philosophie an die Universität Leipzig und findet in Friedrich Schlegel seinen besten Freund. 1794 schloss er das Jurastudium mit bestem Examen ab und verdingte sich in Tennstedt als Aktuarius (Gerichtsschreiber) beim Kreisamtmann Just, der später sein Biograph wurde.

Während dieser Zeit lernte er im nahen Schloss Grüningen die junge Sophie von Kühn kennen und verlobte sich mit der noch 12jährigen im März 1795. 1796 trat er nach einem Kursus in Chemie eine Stelle als Akzessist bei der Salinendirektion in Weißenfels an – Vorgesetzter wurde sein Vater, der sich jeder Neuerung hartnäckig widersetzte, was reichlich Stoff zu Konflikten gab. Zugleich begann er seine Fichte-Studien: Novalis setzt Fichtes Philosophie vom Selbstbewusstsein des Ich in eine produktive, weltschöpferische Kraft um und nahm sie zum Ausgangspunkt für eine poetische, ja eine Liebesreligion: „je poetischer, je wahrer!“ Nun war das „Nicht-Ich“ ein „Du“, ein gleichwertiges Subjekt.

Julie Charpentier. Quelle: Von Dora Stock – Klaus Günzel: Die deutschen Romantiker. Artemis, Zürich 1995, ISBN 3-7608-1119-1, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=12225819

Sophie starb nach einer Lebererkrankung qualvoll im Alter von gerade fünfzehn Jahren am 19. März 1797, was Hardenberg insbesondere in seinen Dichtungen stark prägte. Er glorifizierte, ja mystifizierte die tote Braut und entwickelte eine Todessehnsucht, die ihn im Jenseits wieder mit ihr zusammenführen sollte und in den ersten Monaten nach ihrem Tod halluzinatorische Formen annahm. So legte er sich zum „Nachsterben“ auf ihr Grab: „Sie ist gestorben, so sterb‘ ich auch, die Welt ist öde. In tiefer, heit‘rer Ruh will ich den Augenblick erwarten, der mich ruft.“ Die Vorstellung hat ihn auch später nie mehr ganz verlassen.

Die Ambivalenz zwischen optimistischem Selbstbewusstsein, der Besinnung auf das Praktische und der schwärmerischen Erhöhung von Dingen und Menschen ins Überirdische werden prägend für Novalis‘ Leben. Um seine Verzweiflung auszugleichen, nimmt er ein neues Studium auf und wird 1797 Gasthörer an der populären Bergakademie in Freiberg. In der Zeitschrift Athenaeum der Gebrüder Schlegel veröffentlicht Novalis 1798 seine „Blüthenstaub“-Fragmente. Hier taucht das Pseudonym Novalis erstmals auf, „welcher ein alter Geschlechtsname von mir ist und nicht ganz unpassend“: Der Name geht auf einen älteren Zweig seiner Familie, das lateinische de novali („Neuland roden“) zurück. Novalis selbst interpretiert den Namen als „einer, der Neuland bestellt“.

„Konstruktion der transzendentalen Gesundheit“

Im Sommer dieses Jahres entstehen auf einer Böhmen-Kur die „Teplitzer Fragmente“. Außerdem schreibt er an „Die Lehrlinge zu Sais“, einem naturphilosophischen Romanfragment mit dem eingebetteten Märchen von „Hyacinth und Rosenblüth“, und er verlobt sich zum zweiten Mal: Mit Julie von Charpentier, der Tochter eines Freiberger Professors. Ende 1799 wird er zum Salinenassesor in Weißenfels ernannt und schließt Bekanntschaft mit dem Kreis der „Jenaer Romantik“, dem die Philosophen Fichte, Schelling und Schleiermacher, die Brüder Schlegel sowie Ludwig Tieck angehören. Es kommt zum legendären „Romantiker-Treffen“ in Jena, auf dem Novalis den gerade entstandenen geschichtsphilosophischen Aufsatz „Die Christenheit oder Europa“ vorträgt.

Erstausgabe der Schriften 1802. Quelle: Von Dora Stock – Klaus Günzel: Die deutschen Romantiker. Artemis, Zürich 1995, ISBN 3-7608-1119-1, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=12225819

Darin hat er das Nationale und das Universale in Harmonie gebracht, sein Aufruf zur kulturellen Erneuerung des Abendlandes, einer „spirituellen Wiedergeburt Europas“ kann kaum aktueller sein als heute: „Wo aber keine Götter sind, da walten Gespenster“, mahnte er einst. Seine Zukunftsutopie bedient sich des Idealbildes eines frühmittelalterlichen Christentums und fordert von den Menschen die Erkenntnis der höheren Welt, um aus Europas Zerfall herauszuführen und ein neues goldenes Zeitalter hervorzubringen. Novalis nutzt dabei die für ihn typische Triadenstruktur: Darstellung der glücklichen Urzeit (Christentum im Mittelalter) – Zwischenphase des Zerfalls (Krise Europas) – Wiederherstellung der Urzeit als goldenes Zeitalter. Der Text war dem preußischen Königspaar gewidmet, das darüber nicht erbaut war.

Die Frühromantiker schreiben sich auf die Fahne: „Wir sind auf einer Mission. Zur Bildung der Erde sind wir berufen.“ Einen Zustand zu erreichen, in dem Mensch und Natur harmonieren, ja die Welt zu romantisieren, könnte man das Bildungsziel nennen. Vor allem Novalis strebt eine progressive Universalpoesie an, bei der Philosophie und Dichtung in engem Verhältnis stehen, sich gegenseitig bedingen und scheinbar ausschließende Gegensätze zusammenführen: das Gewöhnliche und das Besondere, das Begrenzte und das Unendliche. „Die Welt romantisieren heißt, sie als Kontinuum wahrzunehmen, in dem alles mit allem zusammenhängt. Erst durch diesen poetischen Akt der Romantisierung wird die ursprüngliche Totalität der Welt als ihr eigentlicher Sinn im Kunstwerk ahnbar und mitteilbar“, so sein oft zitiertes ganzheitliches Credo.

1800 bewirbt er sich als Amtshauptmann für den Thüringischen Kreis; zugleich nimmt die tödliche Tuberkulose Besitz von seinem Körper – bis heute halten sich Gerüchte, er habe sich bei Schiller angesteckt. In der ersten Jahreshälfte schließt er das Vermächtnis seiner Liebe zu Sophie ab: Die „Hymnen an die Nacht“, die ein Gegenreich zur Realität bilden und mit Todessehnsucht und mystisch-erotischen Metaphern spielen: Denn „zugemessen war dem Lichte seine Zeit; aber zeitlos und raumlos ist der Nacht Herrschaft“. Die Nacht als Bindeglied zwischen Realität und mystischer Traumwelt, verwoben mit den Themen Leben und Tod: „Der Tod ist das romantisierende Prinzip des Lebens.“ Wagners „Tristan und Isolde“ ist ohne die Hymnen nicht denkbar.

Grab in Weißenfels. Quelle: Von Doris Antony, Berlin – photo taken by Doris Antony, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=2806076

Außerdem beendet er den ersten Teil des Reisefragments „Heinrich von Ofterdingen“, dem die „blaue Blume“ erscheint und die er „lange mit unnennbarer Zärtlichkeit“ betrachtet: Sie steht für Sehnsucht, Liebe und das metaphysische Streben nach dem Unendlichen. Sein Protagonist ist das Abbild des romantischen Dichters, der im Sinne der transzendentalen Poesie das Diesseits überwindet: „Die Welt wird Traum, der Traum wird Welt.“ Das Credo ist die Poetisierung der Welt durch die kreative Einbildungskraft. Die durch Novalis dargelegte potentielle Wirkkraft des Sängers führte bereits 1812 dazu, dass ihm zunächst August Wilhelm, dann auch Friedrich Schlegel fälschlicherweise das Nibelungenlied zuschrieben.

Doch bereits 1820 wurde die These von Karl Lachmann entkräftet. Ursprünglich sollte das Werk ein Gegenstück zu dem zwar begeistert gelesenen, aber als unzulänglich beurteilten „Wilhelm Meister“ Goethes werden. Novalis’ damalige Kritik daran ist bis heute nicht übertroffen: „Es ist im Grunde ein fatales und albernes Buch – so pretentiös und pretiös – undichterisch im höchsten Grade, was den Geist betrift – so poëtisch auch die Darstellung ist. Es ist eine Satyre auf die Poësie, Religion etc. Aus Stroh und Hobelspänen ein wohlschmeckendes Gericht, hinten wird alles Farçe. Wer ihn recht zu Herzen nimmt, liest keinen Roman mehr.“

„basisdemokratische Volksmonarchie“

Zuletzt setzte sich Novalis mit dem Mystiker Jakob Böhme auseinander; die auf Böhme beruhende Utopie „Alle Menschen sollen thronfähig werden“ klinge nach „einer Art basisdemokratischer Volksmonarchie“, kommentierte Volker Weidemann in der Zeit. Im Dezember 1800 wird Novalis zum Amtshauptmann ernannt, reist im Januar 1801 nach Dresden und kehrt schwerkrank wieder in sein Elternhaus nach Weißenfels zurück. Am 25. März stirbt er hier 29-jährig an einem Blutsturz infolge der Tuberkulose. Sein Bruder Carl und Freund Schlegel sind bei ihm. Mit seinem Tod ordnete er sich wieder in die Familie ein. Von den Kindern der Hardenbergs sind 8 im Alter zwischen 21 und 32 Jahren verstorben, ein Sohn wurde nur 13, einer 37 Jahre alt. Novalis war demnach der „Normalfall“ in dieser Familie.

DEFA-Szenenbild. Quelle: https://www.defa-stiftung.de/filme/filme-suchen/novalis-die-blaue-blume/

Im Gegensatz zu anderen Dichtern und Philosophen hat sich Novalis nie aus seiner regionalen Umgebung herausbewegt. Es gab keine Reisen in Metropolen oder andere Länder. Dass ein derart lokal orientierter Mensch in der Lage war, ein so universelles Werk zu schaffen, erstaunt bis heute. Die Entfremdung sowohl vom Anderen als auch von der Natur magisch zu überwinden kann man als Narrativ seiner Romantik deuten: Weil nicht in „Zahlen und Figuren“, sondern in einem „geheimen Wort“ der Schlüssel zum Geheimnis des Universums liegt. Novalis und die Frühromantiker sahen sich als Neuerer, die programmatisch der vordergründigen die transzendentale Welt, das innere Ich entgegensetzten.

Das sahen, beginnend bei Hegel, viele anders: Carl Schmitt war die Romantik zu individualistisch, dem ungarischen Marxisten Georg Lukács wiederum zu völkisch, und auch die 1968er-Bewegung wusste, welcher Geist noch immer unter den Talaren muffte. „Schlagt die Germanistik tot. Färbt die blaue Blume rot!“, lautete ein bekannter Studentenslogan aus jener Zeit. „Zwischen dem Bilde eines schwärmerischen Romantikers, der an Schwindsucht starb, und dem Bilde des hochintellektuellen Dichters und Denkers, für den Poesie ein ‚Tun und Hervorbringen mit Wissen und Willen‘ war und in dessen Bewusstheit sich die moderne Künstlerexistenz vorgebildet fand, klafft ein unüberbrückbarer Riss“, so sein Biograph Hans-Joachim Mähl.

Von Franz Schubert stammen sechs Novalis-Vertonungen. Vielfach sind seine Wirkungen auf den französischen Symbolismus, auf Autoren wie Keats, Poe, Hofmannsthal, Musil oder Benn bezeugt. In den 1970er Jahren übernahm eine deutsche Band den Namen Novalis und vertonte neben eigener Lyrik verschiedene seiner Werke. Bundesfilmpreisträger Herwig Kipping verfilmte 1993 den Ofterdingen als „Novalis – Die blaue Blume“ – es war die letzte Produktion der DEFA. Eine Auswahl der „Geistlichen Lieder“ wie „Wenn alle untreu werden“ oder „Wenn ich ihn nur habe“ wurden schon bald Bestandteil lutherischer Gesangbücher – und sind es bis heute.

Bärlauchsuppe

Bärlauch: Solange er wächst, muss man ihn essen – eine bessere Entschlackungskur gibt es im Frühjahr nicht. Ob roh, als Salat, gebraten als Gemüse – oder ganz einfach als Kräutersuppe: Er schmeckt immer. Hier mein Rezept einer einfachen Bärlauchsuppe:

1 Zwiebel

1 Knoblauchzehe

0,75 l Gemüsebrühe

300 g Bärlauch

150 ml Schmand (je nach Gusto auch Schlagsahne oder Creme fraiche)

25 g Butter

Salz, schwarzer Pfeffer, Muskatnuss

Zitronensaft

Zwiebel und Knoblauch in der Butter anschwitzen, mit der Brühe ablöschen. Den gehackten Bärlauch hinzufügen, aufkochen, würzen und mit dem Schmand vollenden. Manche fügen auch eine kleingeschnittene Kartoffel hinzu (dann muss die Suppe länger kochen) oder ersetzen den Zitronensaft mit Weißwein bzw. die Butter mit Olivenöl. Mir schmeckt sie so am besten; ich verzichte auch auf das Pürieren am Ende. Dazu passen Baguette oder Brot. Wer es gehaltvoller mag, kann gerne die Zwiebeln mit Speckwürfeln anbraten oder am Ende ein paar Schinkenwürfel hinzufügen. Guten Appetit!

Vorher-Nachher-Bild.

„Er war mutig“

Als Kind hatte der introvertierte Naturbursche Angst vor dem Wasser, nachdem er zweimal beinahe ertrunken wäre. Sogar als Jugendlicher weigerte er sich, Schwimmen zu lernen, bis er 1937 auf Tahiti in einen reißenden Fluss stürzte und um sein Leben kämpfen musste. Zudem wusste er nichts von der Seefahrt. Und doch ließ sich er ab 1947 mehrmals mit primitiven Wasserfahrzeugen furchtlos über die Ozeane treiben. Sein erster, packend beschriebener Reisebericht „Kon-Tiki. Ein Floß treibt über den Pazifik“ wurde in 67 Sprachen übersetzt, darunter Urdu und Mongolisch, und fast hundert Millionen Mal verkauft, seine selbstgedrehte Reportage dazu 1951 mit dem Oscar als bester Dokumentarfilm geehrt: Thor Heyerdahl, der am 18. April vor 20 Jahren starb.

Im Walfangstädtchen Larvik am 6. Oktober 1914 als Sohn eines schon älteren Brauereibesitzers geboren, befasste er sich schon in seiner Kindheit mit Flora und Fauna, war mit Zelt und Schlafsack im nahen Gebirge unterwegs und hegte früh den Wunsch, einige Zeit in einer von der Zivilisation möglichst unberührten Gegend zu verbringen. 1933 begann er das Studium der Zoologie, Geografie und Anthropologie an der Universität Oslo und heiratete am Weihnachtsabend 1936 seine erste Frau Liv, mit der er am nächsten Tag nach Fatu Hiva auf Tahiti aufbrach – zugleich Hochzeitsreise und Vorbereitung für das Staatsexamen über die Herkunft der dortigen Fauna. Während des urwüchsigen Aufenthalts inmitten von Eingeborenen wandte sich Heyerdahl mehr und mehr der Ethnologie zu und begann, die Herkunft der Insulaner „aus einem großen Land im Osten“ ernsthaft in Erwägung zu ziehen: Ein Autodidakt, „der versucht hat, mit Hilfe seiner Reisen und spektakulärer Aktionen festgefahrene Theorien aufzubrechen“, so der Bonner Ethnologe Nikolai Grube im Spiegel. Sein Studium wird er nie abschließen.

Nach der Rückkehr 1938 wurde sein erster Sohn geboren. Heyerdahls Forschung zur Herkunft der Polynesier führte ihn samt Familie 1939 nach Kanada, wo er festsaß, nachdem Norwegen 1940 von deutschen Truppen besetzt worden war. Um sein nahezu publikationsreifes englischsprachiges Manuskript zur Besiedlung Polynesiens „Polynesia and America“ zu vollenden, reiste er an die Nordwestküste Kanadas, wo ihn Fotos und Objekte aus dem Bella-Coola-Tal frappant an polynesische Arbeiten erinnerten. Es gab damals mindestens zwei relevante, aber einander widersprechende Thesen: Für die einen war Polynesien über Melanesien besiedelt worden, was die anderen bestritten, weil Blutgruppen von Melanesiern und Polynesiern nicht zusammenpassten. Heyerdahl erklärte aufgrund seiner Kenntnisse über Meeresströmungen beide Fachmeinungen für überflüssig.

Heyerdahl. Quelle: Von Magnussen, Friedrich (1914-1987) – Stadtarchiv Kiel, CC BY-SA 3.0 de, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=69632446

Seine Begründung: da der Philippinenstrom (Japanstrom) von Asien Richtung Nordwestamerika verläuft, wo er dann nach Hawaii und Polynesien abbiegt, hätten die Seefahrer einen Großteil der Strecke von Amerika nach Polynesien neben der Strömung auch den Passatwind im Rücken gehabt. Diesen möglichen Verlauf der Besiedelung hatte zuvor noch niemand bedacht, obwohl bekannt war, dass eine maritime Bevölkerung der Inseln Britisch-Kolumbiens aus Asien gekommen sein musste und noch in der Steinzeit lebte, als erste Europäer eintrafen. Ein Artikel der New York Times über Heyerdahls Arbeit wurde gleichzeitig mit einem vernichtenden Kommentar der populären Ethnologin Margaret Mead abgedruckt: Auftakt der jahrzehntelangen Anfechtungen von Heyerdahls Theorien.

„Die Norweger sind tüchtige Seeleute“

Um am Kampf für die Befreiung Norwegens teilzunehmen, meldete sich Heyerdahl freiwillig im norwegischen Rekrutierungsbüro. Nach einer Funker- und Fallschirmausbildung war der Rekrut 1945 kurzzeitig in der Finnmark eingesetzt, ohne einen Schuss abzugeben. Sofort nach Kriegsende wollte er praktisch beweisen, dass Polynesien von Südamerika und nicht von Asien aus besiedelt wurde. Dabei setzte er auf ein Boot, das nach altindianischem Vorbild gebaut worden war: ein Floß, das ganz ohne Schrauben und Nägel auskommen musste, nur von Tauen zusammengehalten und nach einem Inka-Gott „Kon-Tiki“ getauft wurde. Diese leichten Flöße aus Balsaholz hatten die spanischen Eroberer vorgefunden, als sie nach Peru kamen. Und so fuhr er mit vier Norwegern und einem Schweden im Frühjahr 1947 in 101 Tagen vom peruanischen Callao rund 4000 Seemeilen zum Raroia-Atoll in Französisch-Polynesien. Die Brandung schleudert Kon-Tiki auf die felsenharten Korallen, Brecher zerschlagen sie, alle überleben unverletzt. Versicherungen hatten sich geweigert, Lebensversicherungen abzuschließen.

Ralph Linton, ein bekannter amerikanischer Kulturanthropologe, kommentierte nur trocken: „Heyerdahl hat nichts anderes bewiesen als das, was wir schon vorher wussten: Die Norweger sind tüchtige Seeleute.“ Das war lange der Tenor in der Fachwelt. „Er war mutig“, bescheinigt ihm Grube im DLF, „weil er versucht hat, mit experimenteller Archäologie, die Möglichkeit solcher Kontakte nachzuweisen. Er hat viel geleistet, um zu zeigen, dass wir den Völkern des Altertums viel zu wenig Technologie zutrauen.“ Erst 2020 bewies eine Genstudie, dass amerikanische Ureinwohner tatsächlich die Polynesischen Inseln besuchten – lange vor Kolumbus. Allerdings irrte er sich laut den Forschern im Abfahrtsort der Südamerikaner: Die Studie sieht die größte genetische Ähnlichkeit zu den Ureinwohnern Kolumbiens, nicht Perus. Das Floß, das heute im Osloer Kon-Tiki-Museum wie aus dem Ei gepellt zu bewundern ist, ist eine Rekonstruktion dessen, was der Pazifik übrig ließ.

Kon-Tiki. Quelle: Von Nasjonalbiblioteket from Norway – Expedition Kon-Tiki 1947. Across the Pacific.Uploaded by palnatoke, CC BY 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=26765008

Heyerdahls Buch über das Abenteuer nannte Udo Zindel im Spiegel den „wohl populärsten Expeditionsbericht aller Zeiten“. Bis heute fiebert man bei solchen Sätzen mit: „Links sehe ich die mächtige blaue See mit ihren schäumenden Wogen, die sich in endlosem Lauf vorbeiwälzen. Rechts liegt in einer dämmrigen Hütte, die seit Wochen unsere Heimstatt ist, ein bärtiges Individuum auf dem Rücken, liest Goethe und gräbt seine bloßen Zehen nachdenklich zwischen die Querleisten des niedrigen Bambusdachs.“ Ein Reporter will von ihm noch fast dreißig Jahre später wissen, wie sie monatelang ohne Nachschub an frischem Trinkwasser überlebt haben. „Wir haben Regen gesammelt“, erklärt Heyerdahl seinem erstaunten Zuhörer, „und jeden Tag fingen wir Fische und pressten ihre Lymphflüssigkeit aus. Die schmeckt zwar nicht gut, hat aber weniger Salz als das menschliche Blut – so kann man ohne Schwierigkeiten überleben!“ Eine Wiederholung der Floßreise durch eine internationale Besatzung scheiterte 2015 nach 114 Tagen.

„ein transatlantischer Impuls“

Seine Ehe zerbrach nach Kon-Tiki, er heiratete 1949 seine zweite Frau Yvonne, mit der er nochmal drei Töchter hat. Nach Studienaufenthalten unter anderem auf Galapagos, am Titicacasee und den Osterinseln gelang Heyerdahl 1970 der zweite große Streich: Er überquerte mit einem Segelschiff aus Papyrus den Atlantik, um zu demonstrieren, dass theoretisch schon die alten Sumerer und Ägypter hätten nach Südamerika gelangen können. Denn ähnlich wie die Menschen des Zweistromlands und des Niltals bauten die Azteken, Mayas und Inkas große Städte und mächtige Pyramiden, kannten Kalendersysteme und eine Schriftsprache. „Hier glaube ich, dass es in Mexiko und Peru etwas gab, was die Indianer anderer Regionen nicht hatten“, erzählt Heyerdahl. „Und das, glaube ich, war ein transatlantischer Impuls!“ Für Grube verbirgt sich hinter dieser Haltung Ethnozentrismus, wenn nicht gar Rassismus: Heyerdahl unterstelle den indigenen Völkern Amerikas, dass sie nicht in der Lage gewesen seien, diese kulturellen Errungenschaften eigenständig hervorzubringen.

1969 lässt der geschickte Selbstvermarkter an den Pyramiden von Gizeh ein 15 Meter langes Boot aus Papyrusbündeln von Bootsbauern vom Volk der Buduma vom Tschadsee zusammenbinden, nach Vorbildern auf antiken Wandmalereien. Dieses schwankende Gefährt steuern er und eine sechsköpfige Crew wenige Wochen später unter der Flagge der UNO aus Safi an der marokkanischen Küste Richtung Mittelamerika. „Ich möchte gerne beweisen, dass es möglich wäre, dass viele Menschen zusammenleben. Ich hatte an Bord Jude und Moslem und Katholik und Hindu, Buddhist und Atheist. Und wir hatten nicht dieselbe Ideen, aber immer freundliche Diskussionen. Und es war immer interessant“, wird er in seiner Autobiographie schreiben. Doch auf hoher See verliert die „Ra“, das „Sonnenboot“, wie ihr medienerfahrener Kapitän sie nennt, die Hälfte ihres Materials. Immer wieder zerbrechen die baumstarken Steuerruder wie Streichhölzer.

Und nachdem ein Orkanausläufer über das Schiff hinweggezogen ist, kentert es schließlich mehrere hundert Seemeilen von der Karibikinsel Barbados entfernt. Ein Jahr später gelingt Heyerdahl unter großen Mühen und Gefahren die Überfahrt mit der drei Meter kürzeren Ra II – die nunmehr von Anden-Indianern vom Titicaca-See gebaut wurde, weil Heyerdahl zur Überzeugung gekommen war, dass deren Schiffbautechnik der ägyptischen näher sei als die aus dem Inneren Afrikas. Nach 57 Tagen und 6100 Kilometern landet das Boot glücklich – mit dem Affen Safi als Maskottchen an Bord. Und, wie bei Kon-Tiki, hält er seine These damit für bewiesen: Die Indianer wurden in vorgeschichtlicher Zeit von hellhäutigen Kulturbringern besucht, die den Weg zu ihnen über den Atlantik fanden.

Nachbau der Ra II. Quelle: Von Berthold Werner – Eigenes Werk, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=3753749

In diesen Jahrzehnten wird Thor Heyerdahl zum populärsten Forscher überhaupt, seine Expeditionen begeistern Millionen Menschen und lassen selbst die Bekanntheit eines Jacques-Yves Cousteau verblassen. „Und sie brüskieren mit ihrer Mischung aus Querdenkerei, Wagemut und tatkräftiger Naivität immer wieder die etablierte Völkerkunde“, so Zindel. Eine andere Entdeckung überraschte und entsetzte Heyerdahl und seine Crew: Im Atlantik schwammen schwarze Ölklumpen. Sowas hatte die Mannschaft noch nicht gesehen und funkte die Information noch auf Reisen an die Vereinten Nationen (UNO). Der damalige UNO-Generalsekretär beauftragte Heyerdahl damit, die Wasserverschmutzung täglich zu beobachten. Die Crew der Ra II entdeckte an 43 von 57 Tagen der Reise Ölklumpen im Atlantik. Heyerdahl verfasste Berichte zur Umweltverschmutzung auf See und legte sie zu unterschiedlichen Anlässen vor, unter anderem auf der Dritten UN-Seerechtskonferenz. 1972 verabschiedete die internationale Gemeinschaft daraufhin ein Verbot zur Entsorgung von Altöl auf offener See.

Vertreter des Diffusionismus

Nach der Ra II-Expedition zerbrach seine zweite Ehe: Heyerdahl räumte bei der Scheidung ein, dass er schuld daran gewesen ist, weil er zu viel weg war. Eine dritte große Expedition führte Heyerdahl 1977 mit dem Schilfboot „Tigris“ vom Irak über den Persischen Golf und den Indischen Ozean nach Dschibuti in Ostafrika. In der Hochzeit des Kalten Kriegs heuert er für die Besatzung einen sowjetischen Raumfahrtarzt und einen US-amerikanischen Navigator an und findet das einen der interessantesten Aspekte seiner Expeditionen: „Ich habe Leute verschiedener Länder, politischer Ideen und Hautfarben zusammengebracht, um zu beweisen, dass es nur eine menschliche Familie gibt.“ Damit erweist er sich nicht nur als markanter Vertreter des Diffusionismus, der auf der These basiert, dass kulturelle Innovationen weltweit nur selten erfunden werden, aber sich anschließend zu anderen Kulturen ausbreiten, sondern sucht ihn auch zu leben.

Die Tigris wäre noch länger seetüchtig gewesen, doch wegen der damaligen kriegerischen Lage am Horn von Afrika durch den Ogadenkrieg, die eine Einfahrt ins Rote Meer verhinderte, wurde die Reise abgebrochen. Weder im Nord- noch im Südjemen, die sich gerade bekriegen, darf die Tigris landen, weder in Somalia noch in Äthiopien, wo die Supermächte einen Stellvertreterkrieg gegeneinander führen. Erst im französisch kontrollierten, neutralen Dschibuti am Horn von Afrika findet das Schilfboot endlich einen Hafen. Und dort verbrennt Thor Heyerdahl schließlich sein letztes Expeditionsschiff, „als Fackel des Protestes gegen den Wahnsinn des modernen Kriegs“, wie Berndt Schulz, ein deutscher Biograf, schreibt. Politisch bleibt das lodernde Schilfboot ein Strohfeuer, das die Krieg führenden Parteien nicht im Geringsten beeindruckt. Aber für Heyerdahl selbst markieren die glühenden Reste der Tigris den endgültigen Abschied von seinen wagemutigen Fahrten – er ist mittlerweile 64 Jahre alt.

Seine Expeditionen trugen Heyerdahl zahlreiche Mitgliedschaften, Auszeichnungen und Buch- und Filmerfolge ein – 14 Bücher kommen am Ende zusammen. Doch die meisten seiner recht steilen historischen Thesen konnten sich nicht durchsetzen. Die Vorstellung etwa, dass sich Untertanen der Pharaonen vor vielleicht 4000 Jahren auf die lange Reise gemacht haben sollen, konnte die Frage kaum beantworten, wie sie denn bis nach Marokko gelangt sein sollen. Dafür setzte Heyerdahl Maßstäbe im Einsatz für die Natur sowie in der Organisation archäologischer Experimente und ihrer medialen Aufbereitung. In den achtziger Jahren wandte sich Heyerdahl der Erforschung indianischer Hochkulturen in Südamerika und auf vorgelagerten Inseln zu, um Verbindungen zu anderen Frühkulturen der Menschheit wie in Ägypten nachzuweisen. Vielfach preisgekrönt und mit elf Ehrendoktortiteln ausgezeichnet, blieb Heyerdahl bis ins hohe Alter aktiv und war zuletzt auf Teneriffa, in Russland und Aserbeidschan unterwegs.

Die Ex-„Tinka“. Quelle: Von Ap1279 – Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=46465004

Der „Archäonautiker“, der „Forscher mit Wikingerblut“, stirbt schließlich in seiner Wahlheimat Italien an einem Gehirntumor. Heyerdahl hatte kurz vor seinem Tod eine weitere ärztliche Behandlung sowie Essen und Trinken verweigert. Als er starb, waren drei seiner Kinder und seine Frau Jaqueline bei ihm – Jaqueline Beer, frühere „Miss France“, hat er nach seinem 75. Geburtstag als seine dritte Frau geheiratet. Bis heute fährt die 1930 gebaute Thor Heyerdahl – früher Tinka, Marga Henning, Silke und Minnow – unter deutscher Flagge als Dreimast-Toppsegelschoner im Sinne der Erlebnispädagogik vor allem mit Mannschaften von jungen Mitseglern auf dem Atlantik und in der Ostsee: Mit dem schwimmenden Gymnasium kreuzen sie sieben Monate in der Karibik, schreiben Klausuren auf Deck und lernen, die Seekrankheit zu überstehen.

Das Zeit-Magazin erklärt den Norweger zum „Enfant terrible der Naturwissenschaft“, die FAZ sieht in ihm einen „unerschrockenen Ernstnehmer eigenen Seemannsgarns“. Die Welt feiert ihn in einem Nachruf als „Urvater der Living History“ – der am eigenen Leib nacherlebten Geschichte: „Ganz gleich, wie stimmig Heyerdahls Thesen waren, er infizierte mit unheilbarer Neugier auf das Altertum, weit mehr noch als der ebenso umstrittene große Populärarchäologe C. W. Ceram mit seinen Göttern, Gräbern und Gelehrten. Heyerdahl blätterte die aufregendste Seite der Geschichte auf. Das frühe Reisen, das Entdecken, die Suche nach neuen Welten, die Ferne schlechthin.“ Das kann man getrost auch heute unterschreiben.

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