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Herzlich willkommen!

Als AfD-Landtagsfraktionspressesprecher und Freier Journalist für konservative Medien blogge ich unregelmäßig Betrachtungen zu Interessantem und Wissenswertem aus politischer und Alltagskultur. Ich schreibe regelmäßig für „Zuerst“ und habe unter dem Titel „Negerkuss und Nazistuss“ eine eigene Kolumne beim Tumult-Blog.

Als Bildungsbürger kommentiere/rezensiere ich vielerlei kulturelle Phänomene – vom Roman über den Musikergeburtstag bis zum Regisseurstod.

Als Dozent und Mitglied im Landesfachausschuss Bildung informiere ich Sie auf meiner Webpräsenz auch über meine Aktivitäten rings um die Themenkreise Hochschule, Wissenschaft, Medien und Kultur.

Und als Mensch lasse ich Sie gern an meinen freizeitlichen Aktivitäten teilhaben, zu denen nicht zuletzt Kochen gehört 😉

Warum gerade Betrachtungen?

Ich empfinde dieses Genre – eine Meinungsdarstellungsform übrigens – als eins der zeitgemäßen schlechthin.

Eine Betrachtung soll durch Beschreibungen und Schilderungen, Vergleiche und Annäherungen bis hin zur Analyse einem Ereignis, einer Situation, einem Gegenstand oder auch einem (gesellschafts-) politischen Problem Individualität verleihen: Recherche darf in gewissem Maße substitutiert werden durch Subjektivität.

Die Betrachtung ist durchaus mit derselben eines Kunstwerks in einer Ausstellung vergleichbar: man wählt zunächst die Gesamtschau und wechselt dann zu einzelnen Aspekten.

Dabei ist dem Genre eigen, dass die Prioritäten dieser Aspekte oft im Vagen bleiben: aus der Betrachtung erwächst ein Gedanke, der das formale Ziel darstellt.

Der Gegenstand darf dabei Randerscheinung eines größeren Zusammenhangs bleiben: „die Bedeutung des Unbeachteten birgt den Kern ihrer Aussage“ (Degen 2004).

Viel Spass beim Lesen – und natürlich beim Kommentieren!

„Stufen“ sei nicht nur sein berühmtestes, sondern überhaupt Deutschlands beliebtestes Gedicht, das nicht nur bei jedem Umzug zitiert werde, behauptete Matthias Matussek im Spiegel: „Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, / Der uns beschützt und der uns hilft zu leben.“ Er habe nach Goethe den reichsten Wortschatz der deutschen Literatur, heißt es bis heute. Schon 1958, vier Jahre vor seinem Tod, erledigte ihn der Spiegel als typisch deutsches Produkt unpolitischer Weltabgewandtheit und prophezeite, dass er sich im Ausland nie durchsetzen werde. Heute ist er mit rund 150 Millionen verkauften Büchern der weltweit erfolgreichste deutschsprachige Literat des 20. Jahrhunderts: Hermann Hesse, der am 9. August vor 60 Jahren an einem nächtlichen Schlaganfall starb.

Schon als 12-Jähriger weiß „Hermännle“, was er werden will: „Entweder ein Dichter oder gar nichts!“ Aber seine Erziehung bricht ihn fast. Am 2. Juli 1877 geboren, wächst er in der schwäbischen Kleinstadt Calw auf. Seine Eltern sind strenge Pietisten, sein baltischstämmiger Vater war früher evangelischer Missionar in Indien, der nirgendwo Wurzeln schlug und „immer wie ein sehr höflicher, sehr fremder und einsamer, wenig verstandener Gast“ wirkte. Er hatte acht Geschwister, von denen drei im Kleinkindalter starben. Als die jüngste Schwester gestorben ist, rennt er an ihr leeres Bett und ruft: „So Gertrudle, bischt jetzt vollends zum lieben Heiland gange?“ „Hermann hat eine Riesenstärke, einen mächtigen Willen und wirklich einen ganz erstaunlichen Verstand“, schreibt über den Vierjährigen seine Mutter, die von seinem „hohen Tyrannengeist“ überfordert ist.

1881 zieht die Familie für fünf Jahre nach Basel. Nach der Rückkehr bildet er sich in der umfangreichen Bibliothek seines Großvaters autodidaktisch und besucht anfangs die Calwer, später die Göppinger Lateinschule zur Vorbereitung auf das württembergische Landexamen, das Württembergern eine kostenlose Ausbildung zum Landesbeamten oder Pfarrer erlaubte. Mit 10 verfasst er ein erstes Märchen. Dann driftet der eigenwillige Junge in eine ernstliche Pubertätskrise ab. Als der 14-Jährige aus dem Klosterseminar Maulbronn ausreißt, empfiehlt der Hausarzt die Einweisung in eine Nervenheilanstalt. Zwar probieren es die frommen Eltern zunächst mit einem Glaubensbruder in Bad Boll, der versucht, seelische Störungen durch Gebete und Exerzitien zu kurieren. Doch als sich Hesse dort nach einer unglücklichen Liebesschwärmerei mit einem Revolver umbringen will, wird er in eine Heil- und Pflegeanstalt in Stetten abgeschoben.

Hesse-Skulptur auf der Nikolausbrücke in Calw. Quelle: Von –Xocolatl (talk) 22:13, 31 May 2009 (UTC) – Eigenes Werk, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=6912524

In dem berühmten anklagenden Brief vom 14. September 1892 an seinen Vater titulierte er diesen „Sehr geehrter Herr!“ und wies ihm bereits im Vorfeld die Schuld an möglichen künftigen „Verbrechen“ zu, die er infolge seines Aufenthaltes in Stetten als „Welthasser“ begehen könnte. Schließlich unterzeichnete er als „Gefangener im Zuchthaus zu Stetten“ und fügte im Nachsatz hinzu: „Ich beginne mir Gedanken zu machen, wer in dieser Affaire schwachsinnig ist.“ Er fühlte sich von Gott, den Eltern und der Welt verlassen und sah hinter den starren pietistisch-religiösen Traditionen der Familie nur noch Scheinheiligkeit. „Bildungshunger, Flößerabenteuer, Fernweh, Frömmigkeit, Märchenwunder, aber auch Prügel und schwarze Pädagogik, die seinen Eigensinn brechen soll, das ist die Kindheit“, fasst Matussek zusammen.

„hoffnungsloser Outsider“

Nachdem er seiner ersten Buchhändlerlehre in Esslingen nach drei Tagen entlaufen war, begann Hesse 1894 eine Mechanikerlehre in einer Turmuhrenfabrik in Calw. Nach 14 Monaten war er bereit, eine neue Buchhändlerlehre in Tübingen zu beginnen. Nach ihrem Abschluss arbeitete er in Tübinger Antiquariaten, las die deutschen Romantiker, die sein Frühwerk prägen werden, und veröffentlichte im Herbst 1898 seinen ersten Gedichtband „Romantische Lieder“ sowie im Sommer 1899 die Prosasammlung „Eine Stunde hinter Mitternacht“. Beide Werke wurden ein geschäftlicher Misserfolg. Darauf ging er im Herbst erneut nach Basel, arbeitete dort wiederum – unterbrochen von einer Italienreise – in verschiedenen Antiquariaten und schrieb Gedichte, kleinere literarische Texte sowie Rezensionen: rund 3000 für rund 60 Zeitungen sind es am Ende. Er ist einer der Ersten, die Kafkas Genie entdecken, er empfiehlt Arno Schmidts „Leviathan“ zur Veröffentlichung.

1900 wurde Hesse wegen seiner Sehschwäche vom Militärdienst befreit. Das Augenleiden hielt zeitlebens an, ebenso wie Nerven- und Kopfschmerzen. Im selben Jahr erschien sein Buch „Hermann Lauscher“ zunächst unter einem Pseudonym. 1903 beschloss er, als freischaffender Autor zu leben. Er lernt er die neun Jahre ältere Fotografin Maria Bernoulli kennen, heiratet sie ein Jahr später und hat mit ihr drei Söhne. Zu den ersten Veröffentlichungen gehören die Entwicklungsromane „Peter Camenzind“ (1904) und „Unterm Rad“ (1906), in denen Hesse jenen Konflikt von Geist und Natur thematisierte, der später sein gesamtes Werk durchziehen sollte. Mit dem zivilisationskritischen Camenzind gelang ihm der literarische Durchbruch, die Familie ließ sich in Gaienhofen am Bodensee nieder.

Gaienhofen, heute Hesse-Museum. Quelle: https://www.mia-und-hermann-hesse-haus.de/wp-content/uploads/2019/12/Hesse_Garten_Nord-1024×685.jpg

Bereits ab 1907 gerät er in eine Schaffenskrise: Ein besonderes Hesse‘sches „Elixier von Antibürgerlichkeit, Selbstfindung, transzendentaler Sinnsuche und dem Gefühl, ein, wie er sagte, ‚hoffnungsloser Outsider‘ zu sein“, erkennt Eberhard Falcke im DLF als Grundzug seines Lebens und Werks. Hesse unternimmt auf dem Monte Verità bei Ascona eine mit Alkoholabstinenz verbundene vegetarische Fastenkur und geht nackt klettern. Später allerdings geht er zu den „Lebensreformern“ und „Weltverbesserern“ der alternativen Künstlerkolonie auf Distanz. Überdies hatten sich in Hesses Ehe die Dissonanzen vermehrt. Um Abstand zu gewinnen, brach Hesse nach dem als misslungen empfundenen Roman „Gertrud“ (1910) mit einem Freund 1911 zu einer großen Reise nach Ceylon und Indien auf. Er fand dort zwar die erhoffte spirituell-religiöse Inspiration nicht, dennoch beeinflusste die Reise sein weiteres literarisches Werk stark. Auch ein Ortswechsel nach Bern konnte die Eheprobleme nicht lösen, wie Hesse in seinem Roman „Roßhalde“ schilderte.

Bei Kriegsausbruch 1914 meldete er sich als Kriegsfreiwilliger, wurde jedoch für untauglich befunden und der deutschen Botschaft in Bern zugeteilt, wo er die „Bücherzentrale für deutsche Kriegsgefangene“ aufbaute als Mitherausgeber der Deutschen Interniertenzeitung arbeitete. Am 3. November 1914 veröffentlichte er in der NZZ eine Warnung vor nationalistischer Polemik und fand sich prompt inmitten einer heftigen politischen Auseinandersetzung wieder: Die deutsche Presse attackierte ihn, Hassbriefe gingen bei ihm ein, und alte Freunde sagten sich von ihm los. Zustimmung erhielt er von Theodor Heuss und Romain Rolland. Wegen dieses sowie weiterer Schicksalsschläge wie dem Tod seines Vaters, der schweren Hirnhautentzündung seines dreijährigen Sohnes und der zerbrechenden Ehe begab er sich in psychiatrische Behandlung, machte erste Erfahrungen mit der Psychoanalyse und fand in Gustav Jungs Analytischer Archetypenlehre eigene Einsichten systematisiert und ergänzt.

1917 verfasste Hesse in einem dreiwöchigen Arbeitsrausch seinen Roman „Demian“, den er nach Kriegsende 1919 unter dem Pseudonym Emil Sinclair veröffentlichte. Thomas Mann schrieb von der „elektrisierenden“ Wirkung einer „Dichtung, die mit unheimlicher Genauigkeit den Nerv der Zeit traf und eine Jugend … zu dankbarem Entzücken hinriss.“ Das Angebot von Wilhelm Muehlon, einen Posten in der Regierung der Münchner Räterepublik zu übernehmen, lehnte er mit der Begründung ab, er wolle sich nicht unter die Dilettanten mischen, die sich in einen Dienst drängten, von dem sie nichts verstünden. Er ließ sich 1919 in Montagnola im Tessin nieder, wo er bis an sein Lebensende wohnen blieb. Nach der Trennung der Eltern wurden die Söhne verteilt: Zwei zu Pflegefamilien, einer blieb bei der depressiven Mutter, von der sich Hesse 1923 scheiden ließ. „Hesse wollte nicht glücklich sein, sondern unglücklich – das war der Motor für ihn“, schrieb sein Biograf Heimo Schwilk.

„eine ungeheure Tat“

Die neue Lebenssituation inspirierte Hesse nicht nur zu neuer schriftstellerischer Tätigkeit, sondern als Ausgleich und Ergänzung auch zu weiteren Zeichenskizzen und Aquarellen, was sich in seiner nächsten großen Erzählung „Klingsors letzter Sommer“ von 1920 deutlich niederschlug: „Hier habe ich die eine Seite meines Wesens bis zur Überdeutlichkeit auszudrücken gesucht, den Nervösen, den Künstler, den Sonderling, den seelisch Gefährdeten, Einsamen, Hungrigen, nach Wein und Opium Gierigen, der im Grunde ein Kind geblieben ist und vor dem Leben Angst hat, und diese Angst in Kunst verwandelt.“ 1922 erschien dann die „Siddartha“. Henry Miller nannte dieses meistgelesene Werk Hesses „eine ungeheure Tat“. Die romanhafte Auseinandersetzung mit dem Buddhismus war für den US-Schriftsteller „eine wirksamere Medizin als das Neue Testament“.

Hesses Schreibmaschine. Quelle: https://www.goethe.de/resources/files/jpg1127/schreibmaschine-hesse_q-v1-formatkey-jpg-w1966.jpg

Dann scheitert eine weitere Ehe nach nur drei Jahren. Seine zweite Frau Ruth schreibt ihm: „Es bleibt keine Sorge und Hingabe mehr übrig für den, der neben dir lebt.“ Erst viel später findet er in seiner dritten Ehefrau Ninon, einer Kunsthistorikerin, die bereits als 14jährige Schülerin eine konstante briefliche Verbindung mit ihm aufgenommen hatte, die Partnerin, die ihn so nimmt, wie er ist: als Einzelgänger. Sein Werk wird in dieser Schaffensphase auch von der ostasiatischen Philosophie beeinflusst, in der Hesse ein Modell zur Überwindung der abendländischen Krise sah. Das Spätwerk versucht den Gegensatz zwischen Geist und Sinnlichkeit, zwischen östlicher und westlicher Lebensweisheit auszugleichen. Spiritualität statt Religion, könnte man seine Haltung zusammenfassen.

Seine nächsten größeren Werke, darunter „Kurgast“ (1925), sind autobiografische Erzählungen mit ironischem Unterton, in denen sich bereits der erfolgreichste Roman Hesses ankündigt: „Der Steppenwolf“ (1927). Harry Haller, die faustische Hauptfigur, ist ein gescheiterter Intellektueller, dessen Weltverachtung nur von seiner Selbstverachtung übertroffen wird. Er schließt einen Pakt mit sich: Er darf sich an seinem 50. Geburtstag umbringen. Angeödet vom Alltag, verzweifelt und räudig in seiner Einsamkeit, betritt der das „Magische Theater“, dessen Reklameläufer ihm das Traktat des Steppenwolfs überreicht: „Nur für Verrückte“. Er lernt die androgyne Hermine kennen, die ihn in die Genüsse der Nacht einführt. Sie bringt ihm den Foxtrott bei, der Saxophonist Pablo erklärt ihm, was Musik heißt. Harry Haller lernt von Goethe und den „Unsterblichen“: das absurde Gelächter. Thomas Mann verglich das Buch mit dem „Ulysses“ und schlug seinen Freund Jahr um Jahr für den Nobelpreis vor.

Anfang der 1930er Jahre entstehen „Narziß und Goldmund“ sowie „Die Morgenlandfahrt“ als „Vorstufe“ zu seinem letzten großen Werk „Das Glasperlenspiel“, an dem er 12 Jahre schreiben wird: „Ich glaube an viele Dinge nicht, die der Stolz der heutigen Menschheit sind: Ich glaube nicht an die Technik, ich glaube weder an die Herrlichkeit und Unübertrefflichkeit unserer Zeit noch an irgendeinen ihrer hochbezahlten ‚Führer‘, während ich vor dem, was man so ‚Natur‘ nennt, eine unbegrenzte Hochachtung habe“, sagte er über seine Verfasstheit beim Schreiben. Während des Zweiten Weltkriegs machen befreundete Autoren wie Thomas Mann und Bert Brecht auf dem Weg ins Exil Station bei ihm. Politisch aber unternimmt Hesse nichts: „Ich habe keine andre Sehnsucht, als zu mir selber und zu rein geistigem Tun zu kommen.“ Seine Bücher sind nicht verboten, aber „unerwünscht“.

Der letzte Ritter

1943 in der Schweiz gedruckt, wurde ihm nicht zuletzt für dieses Spätwerk 1946 der Nobelpreis für Literatur verliehen: Für „seine inspirierten Werke, die mit zunehmender Kühnheit und Tiefe die klassischen Ideale des Humanismus und hohe Stilkunst verkörpern“, begründete die Schwedische Akademie die Vergabe an den Deutschen nach der Kapitulation Deutschlands. Gottfried Benn hält ihn für einen mittelmäßigen „Ehe- und Innerlichkeits-Romancier“ und munkelt: „Spezi von Thomas Mann. Daher der Nobelpreis.“ Robert Musil spottete den Gesamttypus weg: „Das einzig Komische ist, dass er die Schwächen eines größeren Mannes hat, als ihm zukäme.“ Alfred Döblin, als er 1953 selbst für den Nobelpreis gehandelt wird, meint: „So viel wie die langweilige Limonade Hermann Hesse bin ich schon lange“. Für seinen Freund Hugo Ball dagegen erweist er sich als „der letzte Ritter aus dem glanzvollen Zuge der Romantik. Er verteidigt die Nachhut.“

Hesse als Maler: Landschaft bei Ticino. Quelle: https://www.lempertz.com/lempertz_api/images/943-79-Hermann-Hesse-Ticino-Landscap.jpg

Inzwischen an Leukämie erkrankt, malte Hesse viel, schrieb noch wenige Erzählungen und Gedichte, aber keinen Roman mehr, dafür – ohne Sekretariat – rund 17.000 Briefe, in denen sich Sätze finden wie: „Ohne das Tier und den Mörder in uns sind wir kastrierte Engel ohne rechtes Leben“ oder „Die Wirklichkeit ist etwas, was man unter gar keinen Umständen anbeten und verehren darf“. Offenbar erhoffte sich eine neue Generation deutscher Leser von dem weisen Alten mit Strohhut und Nickelbrille Lebenshilfe und Orientierung. In seiner Streitschrift „Kitsch, Konvention und Kunst“ schrieb Karlheinz Deschner fünf Jahre vor Hesses Tod: „Dass Hesse so vernichtend viele völlig niveaulose Verse veröffentlicht hat, ist eine bedauerliche Disziplinlosigkeit, eine literarische Barbarei“. Teile der deutschen Literaturkritik qualifizierten den „Blumenzüchter von Montagnola“ prompt als Produzent epigonaler und kitschiger Literatur.

Sein letztes Gedicht entstand bei einem morgendlichen Spaziergang vor seinem Tod und war dem absterbenden Ast einer Robinie gewidmet. „Von der Natur entfernten sich die Schauplätze seiner Bücher fast nie weiter als höchstens bis zum Kleinstadt-Marktplatz“, lästert der Spiegel-Nachruf. Seine Rezeption ähnelt einer Pendelbewegung: Kaum war sie in den 1960er Jahren in Deutschland auf einem Tiefpunkt angelangt, brach unter den Jugendlichen in den USA ein Hesse-Boom ohnegleichen aus. In den vielen Verwandlungen des steppenwölfischen „Magischen Theaters“ haben Timothy Leary und die Hippies den „Meisterführer zum psychedelischen Erlebnis“ gesehen. Mit dem Pazifismus Harry Hallers werden die Vietnam-Kriegsverweigerer argumentieren. John Kays Rockband und ihr Song „Born to Be Wild“, mit dem Denis Hoppers „Easy Rider“-Helden losdonnerten, waren musikalisch ebenso einflussreich wie das dem „Demian“ entlehnte „Abraxas“ (Santana), selbst Udo Lindenberg zitierte ihn und gab ein Hermann Hesse-Lesebuch mit heraus.

Szenenbild aus dem FIlm „Steppenwolf“. Quelle: https://www.google.com/imgres?imgurl=https%3A%2F%2Fimg.chmedia.ch%2F2021%2F12%2F07%2F085baa82-f063-43ad-9906-42070e146c6f.jpeg%3Fwidth%3D654%26height%3D367%26fit%3Dbounds%26quality%3D75%26auto%3Dwebp%26crop%3D1569%2C882%2Cx0%2Cy126&imgrefurl=https%3A%2F%2Fwww.bzbasel.ch%2Fbasel%2Fsteppenwolf-wie-mir-hermann-hesse-einen-filmriss-bescherte-ld.2225361&tbnid=buEDbpP-_zMAQM&vet=12ahUKEwjtgvT76-b4AhXyQ_EDHbyNC9AQMygTegUIARCZAg..i&docid=GX4sHePFRSWSgM&w=653&h=367&q=hermann%20hesse%20steppenwolf%20film&ved=2ahUKEwjtgvT76-b4AhXyQ_EDHbyNC9AQMygTegUIARCZAg

„Hermann Hesse hätte die Idee der Occupy-Bewegung begrüßt, sicherlich, weil sie Sand ins Getriebe zu werfen versucht, aber doch keine Zeltstadt! Nie hätte er gemeinsam mit anderen Parolen gebrüllt! Programme, sagte er, seien für Dumme und Einladungen zum Missbrauch“, befand Matussek. „Seelenbiografien“ erkannte Hans Küng, die radikal subjektiv sind und ihn als Vorgänger der Beatpoeten und Aufbruchskünstler ausweisen. „Für den Menschen gibt es nur einen natürlichen Standpunkt, nur einen natürlichen Maßstab. Es ist der des Eigensinnigen“, hatte Hesse schon 1917 postuliert. Dieser Eigensinnige blieb er zeitlebens.

Angst kannte er nicht. Der gefährlichste Moment für einen Tiefseeforscher sei die Autofahrt zwischen Büro und U-Boot, sagte er einmal. „Am Grund war es dann so schön, friedlich und still, da kamen wir nicht auf die Idee, Angst zu haben.“ Kurz vor seinem Tod bekannte er in der NZZ, dass er auch gerne Astronaut geworden wäre. „Das hätte mich natürlich interessiert“, sagte er und fügte bescheiden hinzu, dass die Landung auf dem Mond doch eine deutlich interessantere Expedition gewesen sei als sein Ausflug in die Tiefsee. Es dürfte in der Familie liegen, dass er die entgegengesetzte Richtung einschlug wie sein Vater Auguste, der 1932 einen jahrzehntelang gültigen Rekord mit einem Stratosphärenballon erzielte: Jacques Piccard, der am 28. Juli vor 100 Jahren in Brüssel zur Welt kam.

Nach einer unbeschwerten Kindheit als Professorensohn studierte Piccard Wirtschaft und Geschichte in Genf und wurde Mitarbeiter seines Vaters – der sich seit 1947 nicht mehr in die Höhe, sondern die Tiefe orientierte. Zusammen bauten sie das Tiefseetauchgerät „Trieste“, ein Bathyscaph, eigens als Forschungs-U-Boot für mittlere Tiefen konstruiert. 1953 stießen beide im Tyrrhenischen Meer auf 3150 Metern vor. Jacques setzte dann die Arbeit seines Vaters fort. Die US-amerikanische Marine fand Interesse an diesem U-Boot und erwarb es 1957, nachdem sie eine Reihe von Tauchfahrten vor der Insel Capri finanziert hatte. Der inzwischen verheiratete Piccard wurde darauf als wissenschaftlicher Berater der US-Administration tätig.

Jacques Piccard. Quelle: https://p6.focus.de/img/fotos/id_711940/jacques-piccard.jpg?im=Resize%3D%28800%2C533%29&impolicy=perceptual&quality=medium&hash=f8c1a172c6b36b77eeaa22b8d9ba918fa6ac877d10f61456c81ced91455746d9

1958 war das Boot an mehreren Suchaktionen nach verschollenen Schiffen und U-Booten beteiligt, unter anderem an der Suche nach dem verlorenen Atom-U-Boot USS Thresher. Anschließend es Fahrzeug umgerüstet, um für Tauchgänge in größeren Tiefen geeignet zu sein. Die eigentliche Druckkörperkugel wurde von Krupp in Essen geschmiedet und ließ nunmehr Tauchfahrten bis zu maximal 36.000 Fuß (≈11.000 m) zu. Piccard soll das U-Boot nicht, wie bei einer Schiffstaufe üblich, mit Champagner, sondern mit Weihwasser bespritzt haben. Ein besonderes Sicherheitsmerkmal war der aus etlichen Stahlkugeln bestehende Teil des Ballasts, der von Elektromagneten gehalten wurde. Bei einem Ausfall der Stromversorgung hätten sich die Kugeln sofort gelöst und das Boot wäre selbsttätig aufgetaucht. Als Auftriebskörper dienten rund 85 m³ Benzin in einem zylinderförmigen Blechtank.

„warum sollten wir es noch einmal tun“

Nachdem die USA den Wettlauf in den Kosmos zunächst verloren hatten, versuchten sie in der Tiefsee Boden gutzumachten, und wählten dazu den Marianengraben rund 2000 Kilometer östlich der Philippinen. Kurz vor dem Rekordtauchgang wollten die US-Amerikaner Piccard gegen einen ihrer Landsleute austauschen, was er jedoch verhindern konnte: Sein Vertrag gibt ihm das Recht, bei jedem „besonderen Tauchgang“ dabei zu sein. Er und der US-Marineleutnant Don Walsh ließen sich in der „Trieste“ hinabgleiten, mit Schokoriegeln, Sauerstoff für zwei Tage und einem Unterwassertelefon. In 4 Stunden und 47 Minuten gelangten sie in eine Tiefe von 10.916 Metern – der in Süßwasser kalibrierte Tiefenmesser zeigte gar über 11.000 Meter an.

Die Temperatur an Bord sank von mehr als 30 Grad an der Wasseroberfläche auf eiskalte 1,8 Grad Celsius. Piccard hörte „eigentümliche prasselnde Laute, so als brate man Speck“, vermutlich als Folge des ungeheuren Drucks. Für Bewohner der Erdoberfläche wäre allein der tödlich, die Lunge würde sofort bersten. Dazu ist es vollkommen dunkel. Es gibt weder Pflanzen noch Algen. Fische, Muscheln, Quallen und andere Lebewesen sind hoch angepasst an diese Umwelt und haben keine Lufträume in ihren Körpern. Bei ca. 10.000 Meter hörten die Aquanauten eine laute Implosion: „Weil wir noch lebten und alle Instrumente funktionierten, sagten wir uns: Es kann nicht so schlimm gewesen sein, und entschieden uns, den Tauchgang fortzusetzen“, so Walsh.

Walsh & Piccard an Bord. Quelle: Von Archival Photography by Steve Nicklas, NOS, NGS – NOAA Ship Collection, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=493756

Nach dem Aufstieg stellte sich heraus, dass eines der Fenster in der Einstiegsröhre geborsten war, doch dank seiner 19 Zentimeter Dicke dem Wasserdruck standhielt. 20 Minuten blieben beide ca. vier Meter über dem Meeresgrund, einer Wüste aus hellem Schlick, auf der zu ihrer Überraschung sogar ein Plattfisch lag, dann tauchten sie auf und stiegen zähneklappernd wegen der Kälte aus. „Jetzt können wir im Meer überall hin“, kommentiert Piccard später. Es ging nicht darum, dort etwas zu entdecken – es ging darum, dort gewesen zu sein. Nach dreieinhalb Stunden Aufstieg warfen die Aquanauten einen Behälter mit der US-Flagge in die Tiefe. Neun Jahre später hissten Astronauten die US-Flagge auf dem Mond.

Die Tiefsee ist zwar nach Aussagen von Wissenschaftlern der größte Lebensraum der Erde, bisher wurden aber erst wenige Quadratkilometer des Meeresbodens systematisch untersucht. Niemand zweifelte daran, dass Piccard und Walsh mit ihrer Pioniertauchfahrt ein Tor aufgestoßen hatten, das die weitere Erforschung und Eroberung der Tiefsee nach sich ziehen würde. Doch eigenartigerweise blieb eine solche Entwicklung aus, zum tiefsten Punkt der Meere wollte niemand mehr zurück. Der Erkenntnisgewinn schien zu gering, die Kosten zu hoch. 98 Prozent der Ozeane seien nicht tiefer als 6000 Meter, sagte Piccard. „Es ist wichtiger, ein paar U-Boote für 6000 Meter zu haben, als eines, das noch tiefer taucht.“ Der Pilot des Nachfolgerschiffes „Trieste II“, Ross Saxon, sagte: „Was wir daraus gelernt haben? Nicht viel, außer, dass wir es können. Es ist wie die Landung auf dem Mond. Wir haben es gemacht, warum sollten wir es noch einmal tun?“

„Einer der letzten großen Entdecker“

In den folgenden Jahren entwickelte Piccard das von der Schweizer Regierung in Auftrag gegebene Tauchboot „Auguste Piccard“. Dabei musste er sich Piccard mit diversen Experten auseinandersetzen, die zwar niemals ein U-Boot betreten hatten, jedoch Piccards Konzept misstrauten, da er kein studierter Ingenieur war. Letztlich wurden Piccards Pläne genehmigt, und das Boot konnte rechtzeitig zu Schweizerischen Landesausstellung 1964 in Lausanne am Genfersee seinen Betrieb aufnehmen. Es ist das größte jemals gebaute Tourismus-U-Boot und das größte nichtmilitärische Unterwasserfahrzeug, das 1964 etwa 33.000 Passagiere auf den Grund des Genfersees brachte.

Zwei Tage vor dem Start der Mondlandemission Apollo 11 startete 1969 das von ihm entwickelte U-Boot „Ben Franklin“ zur Erforschung des Golfstroms Boot vor der Küste Floridas nahe Palm Beach. Die Crew von sechs internationalen Wissenschaftlern wurde von Piccard als Missionsleiter angeführt. In etwa 300 bis 350 Metern Tiefe ließ sich die Crew vier Wochen unter Wasser mit dem Golfstrom treiben. Nach gelungener Mission besuchte ihn Wernher von Braun – die NASA interessierte sich vor allem mit Blick auf die psychischen Auswirkungen auf die Crew während einer so langen Mission dafür und ließ die dabei gewonnenen Erkenntnisse in die Skylab-Missionen und das Space-Shuttle-Programm einfließen.

F.A. Forel. Quelle: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/a/a7/F.-A.Forel%28front%29.jpg

In den 1970er-Jahren entwickelte Piccard das U-Boot „F. A. Forel“, mit dem von 1978 bis 2005 die Schweizer Seen erforscht wurden. Alle seine Tauchfahrzeuge existieren noch heute und sind teilweise als Ausstellungsstücke zu besichtigen. Daneben gründete er eine Stiftung, die sich intensiv für die Bewahrung und die Erforschung des marinen Lebens einsetzt. Bis ins hohe Alter von 82 Jahren nahm er noch an Tiefseeexpeditionen teil und schrieb mehrere Bücher. Sein Sohn Bertrand wurde knapp zwei Jahre vor dem legendären Tauchgang geboren. Eine seiner ersten Erinnerungen sei, dass er seinen Vater im Fernsehen sah und hinter die Kiste kroch, um zu sehen, ob der Vater sich dort versteckt hatte, erzählt er. Ihn zieht es wieder in die Lüfte: Er umrundet 1999 als erster die Erde in einem Ballon: „Jeder von uns hat etwas gemacht, von dem man zu dem Zeitpunkt annahm, dass es unmöglich war.“ Ihm und seinen Geschwistern Marie-Laure und Thierry habe Piccard seine Sicht aufs Leben vermittelt, dass „Träume durch Hartnäckigkeit wahr werden können“.

Sein Vater und er erhielten im Februar 2008 die Ehrendoktorwürde der Université catholique de Louvain. Am 1. November 2008 starb Jacques Piccard in seinem Haus am Genfersee. „Einer der letzten großen Entdecker des 20. Jahrhunderts (…) ist gegangen“, schrieb Phil Mundwiller, Sprecher von Piccards letztem Forschungsprojekt „Solar Impulse“. Nach Piccards Feststellung, dass auch in der Tiefsee Strömungen vorhanden sind, hatte er vor der Versenkung radioaktiver Abfällen im Meer gewarnt – dass entsprechende Pläne bis heute nicht umgesetzt wurden, rechnen ihm manche als weiteres bleibendes Verdienst an. Im Mai 2019 meldete der US-Abenteurer Victor Vescovo, er sei in einem Spezialgefährt bis auf 10.928 Meter Tiefe getaucht und habe damit Piccards Rekord gebrochen. Die Darstellung wird bis heute bezweifelt.

„Der Mensch der fernen Zukunft wird Mischling sein. Die heutigen Rassen und Kasten werden der zunehmenden Überwindung von Raum, Zeit und Vorurteil zum Opfer fallen. Die eurasisch-negroide Zukunftsrasse, äußerlich der altägyptischen ähnlich, wird die Vielfalt der Völker durch eine Vielfalt der Persönlichkeiten ersetzen.“ Es sind diese drei Sätze, um die bis heute erbittert gestritten wird. Für die einen künden sie von einem Plan, eine neue Weltordnung zu errichten – den die anderen als rechtsnationalistische, rassistische Verschwörungstheorie bekämpfen. Ihr Urheber, der Publizist und Diplomat Richard Nikolaus Coudenhove-Kalergi, starb am 27. Juli vor 50 Jahren.

Geboren wurde er am 16. November 1894 in Tokio als zweites von vier Kindern einer Japanerin und eines österreichischen k. und k. Geschäftsträgers aus uraltem brabantischen Adel, der 16 Sprachen sprach und seinen Sohn nach dem Umzug aufs elterliche Schloss Ronsperg in Westböhmen gemeinsam mit Hauslehrern selbst unterrichtete. So dachte er, wie er selbst in seinen Lebenserinnerungen schrieb, „nicht in nationalen Begriffen“. Sein älterer Bruder Johann wird den surrealen Menschenfresser-Roman „Ich fraß die weiße Chinesin“ schreiben. Richard kam ans Theresianum in Wien und studierte danach an der Alma Mater Rudolphina Philosophie und Geschichte. Aus gesundheitlichen Gründen kriegsdienstbefreit, heiratete er 1915 die österreichische Schauspielerin Ida Roland, wurde ein Jahr später zum Doktor der Philosophie promoviert und arbeitete seither als Publizist und Philosoph.

Der Krieg brachte ihn zur Politik: „Den ersten Weltkrieg empfand ich als Bürgerkrieg zwischen Europäern: als Katastrophe erster Ordnung.“ Er entwickelte die visionäre Idee von „Pan-Europa“, die zum Thema seines Lebens wurde. Nach dem Ende der österreichisch-ungarischen Monarchie nahm er zuerst die tschechoslowakische und später die französische Staatsbürgerschaft an. 1922 wurde er Mitglied der karitativ-pazifistischen Wiener Freimaurerloge Humanitas. Ein Jahr später schrieb er sein programmatisches Buch „Pan-Europa“. Die Vorstellung eines europäischen Zusammenschlusses lehnte sich an das idealistische Konzept des Panamerikanismus an und grenzte sich deutlich von nationalen Strömungen wie dem Panslawismus oder -germanismus ab. Er beginnt mit der Feststellung: „Die Europäische Frage gipfelt in den drei Worten: Zusammenschluss oder Zusammenbruch!“

Der alte Calergi. Quelle: https://www.kas.de/o/adaptive-media/image/1050221/hd-resolution/7_media_object_file_112875.jpg

1924 gründete er die Paneuropa-Union als älteste europäische Einigungsbewegung. Coudenhove-Kalergi war damit Vordenker der heutigen „europäischen Idee“, der „europäischen Identität“ zumal. Prinzipien eines Europas in seinem Sinne waren Freiheit, Frieden, Wohlstand und Kultur. Coudenhove-Kalergi entwarf den Zusammenschluss des Kontinents in mehreren Stufen über die Einberufung einer Konferenz, den Abschluss eines Vertrages, die Bildung einer Zollunion bis hin zur Gründung der „Vereinigten Staaten von Europa“. Der von Coudenhove-Kalergi vorgeschlagene europäische Staatenbund von Polen bis Portugal, den er Paneuropäische Union oder Vereinigte Staaten von Europa nannte, sollte als ein politischer und wirtschaftlicher Zweckverband einen erneuten Weltkrieg verhindern. Seit 1924 gab er die Zeitschrift Pan-Europa (Wien–Leipzig) heraus.

„Charakterstärke verbunden mit Geistesschärfe“

Den skandinavischen Staaten dachte er die Rolle zu, für eine Einigung Europas die Initiative zu ergreifen und als Vermittler zwischen den verfeindeten europäischen Staaten zu fungieren. Am ersten Paneuropa-Kongress Anfang Oktober 1926 in Wien nahmen 2000 Personen aus 24 Nationen teil. Die Delegierten wählten Coudenhove-Kalergi zum Präsidenten der Union – ein Amt, das er bis zu seinem Tode innehaben sollte. Das Ehrenpräsidium bestand unter anderem aus dem Außenminister der ČSR, Edvard Beneš, und dem deutschen Reichstagspräsidenten Paul Löbe. Kritisiert wurde von Anbeginn, dass Großbritannien in Coudenhove-Kalergis ursprünglicher Konzeption von Paneuropa nicht vorgesehen war – erst 1939 wurde hier ein Büro eröffnet – und die Sowjetunion aufgrund ihrer geographischen Lage, aber vor allem wegen ihres politischen Systems gänzlich außerhalb der paneuropäischen Betrachtungen blieb, womit von vornherein Konfliktpotential geschaffen war.

Im Jahr zuvor hatte Coudenhove-Kalergi seinen Aufsatzband „Praktischer Idealismus. Adel – Technik – Pazifismus“ veröffentlicht, in dem sich nicht nur die inkriminierten Mischlingssätze, sondern auch Sätze wie die folgenden fanden: „Charakterstärke verbunden mit Geistesschärfe prädestiniert den Juden in seinen hervorragendsten Exemplaren zum Führer urbaner Menschheit, zum falschen wie zum echten Geistesaristokraten zum Protagonisten des Kapitalismus wie der Revolution.“ Zwischen „visionär“ und „abgehoben“ bewegen sich die Einschätzungen von Kritikern, die einerseits aristokratischen Dünkel erkennen, andererseits als Fortführung des Werks seines Vaters interpretierbar war, dessen Studie über das Wesen des Antisemitismus er später neu verlegte. Er habe lediglich eine Realität beschrieben, das, „was seiner Ansicht nach geschehen wird“, so Jürgen Langowski dagegen auf dem Blog Holocaust-Referenz.

Calergis Manifest. Quelle: https://freimaurerloge-europa.de/wp-content/uploads/2018/06/91c3cc0a47.jpg

Im Mai 1930 folgte der zweite Kongress in Berlin, 1932 ein dritter in Basel. Als sich die Paneuropa-Union zum vierten Mal im März 1935 erneut in Wien traf, hatten sich die politischen Rahmenbedingungen jedoch grundlegend geändert. Wenige Monate nach der nationalsozialistischen Machtergreifung waren in Deutschland auch Bücher Coudenhove-Kalergis verbrannt worden, seine Organisation, die er als Gegengewicht zu den Hegemonialbestrebungen Hitlers aufbauen wollte, verboten. In den Jahren 1933 bis 1936 versuchte Coudenhove-Kalergi in mehreren Treffen vergeblich, Mussolini für die Paneuropa-Idee zu gewinnen. Neben der Vorstellung, in Mussolini eine Stütze für das von der NS-Regierung zusehends bedrohte Österreich zu haben, spielte auch die Faszination Coudenhove-Kalergis für den autoritären Politikstil Mussolinis eine gewisse Rolle.

Doch beginnend mit der Besetzung Österreichs 1938 musste der Präsident der Paneuropa-Union ins Exil gehen, zuerst nach Frankreich, dann in die USA, wo er die gesamte Zeit des Zweiten Weltkriegs verbrachte. Als Immigrant lehrte Coudenhove-Kalergi von 1942 bis 1946 an der New-York-Universität Geschichte, zunächst als Lehrbeauftragter (Lecturer), ab 1944 als Professor und Leiter eines neugegründeten Forschungsseminars zur europäischen Nachkriegsföderation. Der 5. Paneuropa-Kongress in New York 1943 blieb weitgehend bedeutungslos.

Als Coudenhove-Kalergi im Juni 1946 in die europäische Heimat zurückkehrte, waren die ersten Europainitiativen bereits neu entstanden. Deshalb stellte er die Wiederbelebung der Paneuropa-Union zunächst zurück und gründete von der Schweiz aus, wo er inzwischen lebte, eine neue Vereinigung, die Europäische Parlamentarier Union, die im September 1947 in Gstaad ihren ersten Kongress abhielt. Unter den deutschen Mitgliedern des zweiten Kongresses 1948 befand sich auch der spätere Bundeskanzler Konrad Adenauer. Im Mai 1950 erhielt Coudenhove-Kalergi in Anerkenntnis seiner bisherigen Leistungen auf dem Gebiet der europäischen Einigung den erstmals von der Stadt Aachen vergebenen Internationalen Karlspreis. 1951 starb seine Frau, 1952 heiratete er Gräfin Bally.

54 Mal für den Friedensnobelpreis nominiert

Im selben Jahr fusionierte er die Europäische Parlamentarier-Union mit der Parlamentarischen Gruppe der Europäischen Bewegung zum Parlamentarischen Rat der Europäischen Bewegung und wurde deren Generalsekretär, einer der Ehrenpräsidenten und 1954 – als einziger Nichtparlamentarier – Mitglied auf Lebenszeit. Er unterbreitete dem Europarat einen Entwurf für eine Europaflagge, der aber wegen der Verwendung des christlichen Symbols des Kreuzes nicht konsensfähig war. 1955 schlug er die Ode an die Freude in Beethovens Vertonung als Europäische Hymne vor. Seit 1972 ist die Melodie die Hymne des Europarats und seit 1985 die Hymne der Europäischen Union.

46. Paneuropatage 2020 in Waldsassen. Quelle: https://www.otv.de/storage/thumbs/441895.jpg

Die in den Jahren 1952 bis 1954 reorganisierte Paneuropa-Union hatte zunächst ihren Sitz in Basel, seit 1965 in Brüssel. Die Wiederbelebung eines deutschen Komitees stieß jedoch auf massiven Widerstand der Europa-Union Deutschland unter der Leitung des Bankiers Friedrich Carl Baron von Oppenheim. Darüber hinaus riefen einige Vorstöße Coudenhove-Kalergis bei der Bonner Regierung Irritationen hervor. Er forderte für das Ziel der Wiedervereinigung Deutschlands die Beendigung des Kalten Krieges, was für ihn eine Anerkennung Ostdeutschlands beinhaltete. Darüber hinaus vertrat der Paneuropa-Präsident sehr vehement das Konzept eines Europas der Nationalstaaten, ebenso wie der seit 1959 amtierende französische Präsident Charles de Gaulle, was bei vielen deutschen Europabefürwortern eher reserviert aufgenommen wurde.

Aus Protest gegen die Unterstützung der Präsidentschaftskandidatur von François Mitterand durch die Europäische Bewegung legte er seine Ehrenpräsidentschaft nieder. In den letzten Lebensjahren stand Coudenhove-Kalergi der europapolitischen Konzeption von Franz Josef Strauß nahe. Nach Ballys Tod heiratete er 1969 noch Melanie Benatzy, die Witwe des „Weißen Rössl“-Komponisten. In Anerkenntnis seiner Lebensleistung, der Hartnäckigkeit, mit der er für sein Ziel, die europäische Einigung, kämpfte, verlieh ihm die Bundesregierung 1972 schließlich das Große Bundesverdienstkreuz mit Stern. Coudenhove-Kalergi konnte die Feiern zum 50. Jubiläum der Paneuropa-Union noch erleben, bevor er wenige Wochen später, am 27. Juli 1972, starb.

Die NS-Propaganda gegen ihn sowie einige dekontextualisierte Aussagen Coudenhove-Kalergis führten dazu, dass sich nach 1945 eine Reihe von Mythen um einen geheimen Plan formierten, den Coudenhove-Kalergi angeblich geschmiedet habe und der bis heute verfolgt würde. Ein zentraler Bestandteil dieser Mythen ist die Behauptung, Coudenhove-Kalergi hätte mit seinem Plan die „Heranzüchtung“ einer „eurasisch-negroiden Zukunftsrasse“ unter der Führung einer jüdischen „Adelsrasse“ angestrebt. Als vermeintlicher Beweis für diese Behauptung werden bis heute Zitate falsch paraphrasiert und aus ihren Kontexten gerissen. Der Terminus „Kalergi-Plan“ wurde vermutlich von dem österreichischen verurteilten Holocaustleugner Gerd Honsik 2003 geprägt.

Werbeflyer 1989. Quelle: https://www.kas.de/o/adaptive-media/image/6729085/hd-resolution/3_Originalflyer.jpg

Er wurde 54 Mal für den Friedensnobelpreis nominiert, erhielt ihn allerdings nie. Die Leitung der Union übernahm sein Vertrauter und Mitarbeiter aus den Jahren des Exils, Otto von Habsburg. Mit dem offiziellen Antritt seiner Präsidentschaft formulierte von Habsburg die Straßburger Grundsatzerklärung vom 11./12. Mai 1973, in der die Wiedervereinigung Europas in den Mittelpunkt gerückt wurde. Bekanntester Ausdruck dieser Überzeugung ist das Paneuropäische Picknick vom 19. August 1989 an der ungarisch-österreichischen Grenze, in dessen Verlauf Hunderte von DDR-Bürgern über die Grenze in den Westen flohen.

Die 1903 eröffnete Werkhalle, die ihr Lieblingsneffe konzipiert hatte, wird bis heute sinnigerweise „Jungfrauenaquarium“ genannt, da dort anfangs unverheiratete Näherinnen arbeiteten: Im Stil des „Neuen Bauens“ entstand ein funktionalistischer Skelettbau mit nahtlos rundum vorgehängter Glasfassade und sichtbaren Wandverbänden. Die offene Gestaltung der Arbeitsfläche im Inneren galt als ihrer Zeit weit voraus. Die ehemalige Rampe an der Außenfassade sorgte nicht nur für Barrierefreiheit, die für die Firmeninhaberin als Rollstuhlfahrerin essentiell war, sondern lohnte sich auch finanziell, da man auf mechanische und elektrische Lastenaufzüge verzichten konnte. Später wurden Rampen an der Fassade in der Architektur ein Zeichen für schnelles Wachstum, Dynamik und Innovation. Die Baugenehmigung gab es erst, nachdem sie das Risiko übernahm, dass niemand, der in einem vollverglasten Gebäude arbeiten würde, Gefahr liefe zu erblinden: Margarete Steiff, die am 24. Juli vor 175 Jahren zur Welt kam.

Der Vater ist Bauwerksmeister, die Mutter Hausfrau. Sie hat zwei ältere Schwestern, etwas später kommt ihr Bruder zur Welt. Margarete ist ein lebhaftes Kind und wächst unbeschwert auf – bis sie im Alter von 1 ½ Jahren an Kinderlähmung erkrankt. Sie blieb in den Beinen gelähmt, nur die linke Hand konnte das „Gretle“ bewegen und – unter Schmerzen – ein bisschen die rechte. Sie gehörte zu einer kleinen „Schar von Invaliden“, notierte ihr Arzt, „unfähig für den Vollgenuss des irdischen Lebens wie für die spätere Erfüllung der Ansprüche, welche die Gesellschaft an ihre einzelnen Glieder zu machen berechtigt ist“. Sie wird niemals die damals typische Rolle einer Mutter oder Hausfrau einnehmen können, besitzt aus damaliger Sicht also keinerlei Zukunftsperspektiven.

Margarete Steiff. Quelle: https://www.handelsblatt.com/images/hugo-bildid-24187508hall-of-fame-steiff/5894864/4-formatOriginal.jpg

Doch sie besitzt eine positive Ausstrahlung, und ihr sowohl geselliges als auch heiteres Wesen machen sie sehr beliebt. „Alle Hausgenossen bettelte ich an“, erinnert sie sich in ihren Tagebüchern, „tragt mich auf die Gasse“, denn die war ihr „der liebste Aufenthalt“. Selbst wenn an den Fensterscheiben die Eisblumen blühten, hockte das Kind draußen im Leiterwagen, um ja nichts zu verpassen, „wenn ich auch manchmal fast erfror“. Sie ist eine kreative Spielerfinderin. Ständig hat sie neue Ideen und organisiert die Abläufe so, dass sie teilnehmen kann. Das ändert sich auch in der Schule nicht: Sie wird von Nachbarskindern und Geschwistern mitgenommen und von einer Frau, die nahe der Schule wohnt, die Treppen hinauf getragen – erst Jahre später erhielt sie einen Rollstuhl. Ihre Leistungen erweisen sich schnell als überdurchschnittlich.

„das unnütze Suchen nach Heilung“

1856 verordnete ihr ein Ludwigsburger Arzt schmerzhafte Operationen und monatelange Kuraufenthalte in Bad Wildbad. Als „ungeheilt“ wurde sie schließlich aus der Behandlung entlassen und reagierte tapfer: „Mit 17 oder 18 Jahren“, erinnerte sie sich später, „ließ ich mich durch keine angepriesenen Mittel oder Heilmethoden mehr aufregen, denn das unnütze Suchen nach Heilung lässt den Menschen nicht zur Ruhe kommen.“ Trotz ihrer Krankheit ist sie neugierig, aktiv, voller Energie und entwickelt einen starken und rebellischen Charakter – zum Ärger ihrer Mutter, die eine sehr strenge, konservative Erziehung vertritt. Dennoch setzt Margarete bei ihren Eltern durch, dass sie eine Nähschule besuchen darf. Da sie aufgrund ihrer Krankheit die rechte Hand nur unter Schmerzen benutzen kann, muss sie die Nähmaschine umdrehen. So bearbeitet sie den Stoff sehr umständlich, aber erfolgreich von der Rückseite der Maschine aus. Die Schule absolviert sie mit Erfolg, mit 17 Jahren ist sie ausgebildete Schneiderin.

Danach arbeitet sie zunächst in der Damenschneiderei ihrer beiden älteren Schwestern. Als diese acht Jahre später den Heimatort verlassen, macht Margarete alleine weiter. Nur wenig später baut ihr Vater das Elternhaus extra für sie um und richtet ihr einen eigenen Arbeitsraum ein – eine Schneiderei. 1877 eröffnet sie eine Filz-Konfektionsfirma und verkauft selbstgenähte Kleidungsstücke. „Kleider von der Stange“ kommen in Mode, ihre Kundschaft wird größer. Schon bald stellt sie eine erste Arbeitskraft ein. In einem Modejournal sieht sie 1880 das Schnittmuster für einen kleinen Stoffelefanten. Nach dieser Vorlage näht sie das „Elefäntle“. Der als Nadelkissen gedachte Filz-Elefant wird in kürzester Zeit ein beliebtes Kinderspielzeug: Die Kinder fanden es schrecklich, Nadeln in die hübschen Tierchen zu stecken, in die sie sich sofort verliebten. In den ersten Jahren verkauft ihr jüngerer Bruder Fritz die kleinen Elefanten noch auf dem Markt, doch mit der Zeit werden die Stofftiere immer beliebter. 1885 verlassen 600 Elefanten die kleine Werkstatt, ein Jahr später sind es schon mehr als 5000.

Elefäntle. Quelle: https://www.handelsblatt.com/images/hugo-bildid-24187508hall-of-fame-steiff/5894864/4-formatOriginal.jpg

Schon bald erscheint der erste Steiff-Katalog und zeigt neben Elefanten auch Affen, Esel, Pferde, Kamele, Schweine, Mäuse, Hunde, Katzen, Hasen und Giraffen. Im Katalog befand sich auch das Motto Margaretes: „Für Kinder ist nur das Beste gut genug“. In einer Zeit, in der Kinder noch zum Arbeiten ausgenutzt wurden, war es visionär und kühn, weiche Tröster und Spielgefährten für sie zu erschaffen. Die Streichelwesen nicht nur in der Familie zu verschenken, sondern sie zum Kauf anzubieten, hieß, daraus eine Geschäftsidee zu machen. Die Tierchen anschmiegsam und quasi unzerstörbar – also kindgerecht – zu produzieren zeigt obendrein, wie einfühlsam die kinderlose Frau war, die selbst in ihrer Kindheit so wenig Spaß und Vergnügen haben durfte. Vom Württemberger Blechspielzeugexperten Märklin ließ sie später kleine Fahrgestelle für ihre Tiere fertigen; vielleicht auch Ausdruck für die lebenslange Sehnsucht der gelähmten Frau, sich ungehindert bewegen zu können.

Aufgrund der großen Produktion baut Fritz seiner Schwester 1890 ein eigenes Wohn- und Geschäftshaus. Zunächst werden die Tiere mit Schafwolle, später mit Holzwolle gestopft. Im damaligen Katalog wird die Füllung als „leicht, weich und rein (keine Sägespäne, Tierhaare, Korkabfälle)“ bezeichnet. Margarete Steiff ist nun eine unabhängige und erfolgreiche Unternehmerin. Fritz wird nach und nach Vater von sechs Söhnen, die Margarete wie ihre eigenen behandelt. Fünf von ihnen werden als Erwachsene in die Firma eintreten, die am 3. März 1893 als „Margarete Steiff, Filzspielwarenfabrik Giengen/Brenz“ ins Handelsregister eingetragen wird: Zuständig für Einkauf und Absatz, Werbung, Logistik und Technik – der Grundstein des Familienunternehmens ist gelegt. Rund 150 Nachfahren der legendären Patronin gibt es heute noch, 66 davon sind Gesellschafter.

Das Jungfrauenaquarium. Quelle: https://vielfaltdermoderne.de/wp-content/uploads/2022/02/20201121-IMG_7417.jpg

Nachdem 1895 die erste ausländische Geschäftsbeziehung zu Harrods in London entstanden war, ist es 1897 für ihren Lieblingsneffen Richard so weit, der die Kunstgewerbeschule in Stuttgart besuchte, danach in England studierte und nüchternen Geschäftssinn ebenso wie viel Kreativität in die Firma mitbringt. 1902 entwickelt er nach einem Besuch in einem Stuttgarter Tiergarten mit dem 55 cm großen Plüsch-Bär „PB 55“ eine neue Art von Stofftier: Mit beweglichen Armen und Beinen und einem richtigen Fell aus Mohairplüsch, dazu Glasaugen. Margarete ist zunächst skeptisch, ob der Markt diese relativ teuren und für ihr Empfinden plumpen Tiere annehmen wird, entscheidet sich auf Richards Drängen hin dafür – und zunächst ohne Erfolg. Richard packt die Tiere auf der Leipziger Messe schon wieder ein, als buchstäblich im letzten Moment ein Amerikaner alle 3.000 Stück aufkauft.

„gegen jede Konvention“

Der Bär wird zum Verkaufsschlager bei der Weltausstellung in St. Louis: 12.000 Stück werden verkauft. Margarete und Richard erhalten je eine Goldmedaille, der Firma wird der Grand Prix, die höchstmögliche Auszeichnung, verliehen. Von 1903 bis 1907 steigt die Produktionsmenge auf 1.700.000 Spieltiere an. 1906 erhält der Bär dann seinen Namen Teddy unter tätiger Mithilfe des damaligen Präsidenten Theodore „Teddy“ Roosevelt: Der weigerte sich bei einem Jagdausflug, auf einen hilflosen, an einer Leine festgebundenen Bären zu schießen. Daraufhin wurde er von dem Karikaturisten Cliffort K. Berryman in der Washington Post zusammen mit einem kleinen Bären dargestellt, der dem Steiff-Tier zum Verwechseln ähnlich sah.

400 Menschen arbeiten nun im Haus, 1800 Frauen sind zusätzlich als Heimarbeiterinnen beschäftigt. Um die Steiff-Tiere vor Nachahmung zu schützen, wird von Franz Steiff, einem weiteren Neffen Margaretes, das noch heute geschützte Markenzeichen, der berühmte „Knopf im Ohr“ entwickelt. Zunächst ist der mit einem Elefanten versehen, im Laufe der Jahre wird er durch den Schriftzug „Steiff“ ersetzt. Margarete kann den Erfolg nicht mehr lange genießen: Schon am 9. Mai 1909 stirbt sie an den Folgen einer Lungenentzündung. Die Leitung der Firma übernehmen ihre Neffen – und haben zu kämpfen: Während des Ersten Weltkriegs verhängen die deutschen Kriegsgegner Importverbote für die Produkte von Steiff.

PB 55. Quelle: Von MatthiasKabel – Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=586388

In den Goldenen 1920er-Jahren erholt sich das Unternehmen wieder. Diesmal sind es jedoch nicht die Teddybären, die reißenden Absatz finden, sondern die neu entwickelten Stoffhunde, für die sogar die Fließbandproduktion eingeführt wird. 1931 begann die Kooperation mit Disney. Auch vom Produktionsstopp im Zweiten Weltkrieg erholt sich das Familienunternehmen. Den Erfolg in den folgenden Jahren begründet die Fertigung des Stoffigels „Mecki“, der in den 1950er-Jahren als Maskottchen der Fernsehzeitschrift Hörzu bekannt wird. Bis heute kann sich das Traditionsunternehmen auf dem hart umkämpften Spielzeugmarkt erfolgreich behaupten. Mehr als 1,5 Millionen Plüschtiere, die durchschnittlich aus 35 Plüsch- und Filzteilen bestehen, werden jedes Jahr unter strengen Qualitätsstandards hergestellt. Im Erlebnismuseum „Welt von Steiff“ in Giengen werden Besuchern die Geschichte des Teddybären und die Firmengeschichte samt Streichelzoo gezeigt.

Das Gymnasium Giengen wurde ebenso nach Margarete benannt wie ein ICE 4. Die Filmbiografie „Margarete Steiff“ (2005) mit Heike Makatsch in der Titelrolle unter der Regie von Xaver Schwarzenberger schildert das Leben der Unternehmerin bis zu ihren ersten geschäftlichen Erfolgen. „Niemand in der Umgebung der jungen Margarete Steiff hätte es für möglich gehalten, dass aus dem Mädchen, dem sie ‚Krüppel‘ hinterherriefen, einmal die erfolgreichste Spielzeugunternehmerin der Welt werden würde. … Mit unglaublichem Mut und größter Hartnäckigkeit schrieb eine schwerbehinderte Frau eine der großen Erfolgsgeschichten der Gründerzeit – gegen alle Wahrscheinlichkeit und gegen jede Konvention“, bilanzierte Bettina Musall im Spiegel. Das „Jungfrauenaquarium“ wurde 2011 erstmals als ein möglicher Kandidat für eine Welt- bzw. Europaerbe-Nominierung vorgestellt. 2020 wird Margarete Steiff mit einem Platz in der berühmten „Hall of Fame“ der Spielzeugindustrie geehrt.

Bis 1972 gibt es in der DDR noch über 11.000 private Betriebe. Oft stellen sie Nischenprodukte her, die aus dem Alltag aber nicht wegzudenken waren. Unter Erich Honecker ist Schluss mit dem Privatunternehmertum: Am 13. Juli 1972 vermeldet er seinem politischen Ziehvater, Kremlchef Leonid Breschnew, stolz den Abschluss der Verstaatlichungskampagne. Von der war auch die Dauerbackwarenfabrik BerBö betroffen. 1936 von den Striesener Waffelbäckern Max und Gerhard Berger und einem Privatier namens hme aufgebaut, machte sie sich nach dem Krieg einen Namen als gefragter Produzent von Russisch Brot – zu DDR-Zeiten eine klassische „Bückware“, nach der sich die Verkäuferin bücken musste, um sie aus den geheimen Vorräten unter dem Verkaufsregal zu holen.

Die Nascherei aus Eischnee, Zucker, Kakao, Mehl, Karamellsirup und Zimt, in Buchstaben aufs Backblech gespritzt, hatte der Dresdner Bäcker Ferdinand Friedrich Wilhelm Hanke in St. Petersburg kennengelernt und in Dresden damit 1845 eine „Deutsche & Russische Bäckerei“ eröffnet, in der Deutschlands erstes Russisch Brot mit lateinischen Buchstaben gebacken wurde. Aus der Zwangsenteignung der BerBö entstand der „VEB RuBro“, der bereits zwei Jahre später im „VEB Dauerbackwaren Dresden“ aufging.

Trotz des Direktors Herbert Wendler, dem Erfinder der Dominosteine, war das der Anfang vom Siechtum einer mittlerweile fast 200jährigen Tradition. Denn als „Werk II“ des VEB Süßwarenfabriken „Elbflorenz“ schluckte der Betrieb unter anderem „Gerling & Rockstroh“ (gegr. 1894), die „Schokoladen- und Nährmittelfabrik Dr. med. Sperber“ (gegr. 1922), die Schwerter-Schokoladenfabrik (gegr. 1888), die Schokoladen- und Marzipanfabrik Vadossi in Radebeul-Kötzschenbroda (gegr. 1920) und die Emerka Bonbon- und Schokoladenfabrik Lindenau & Ulbricht in Niedersedlitz (gegr. 1915).

Kombinat Elbflorenz 1966. Quelle: Von Alnitt – Eigenes Werk, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=30681526

Allerdings stellte sich mit der Zeit heraus, dass die Schokoladen-, Zucker- und Dauerbackwarenindustrie der DDR dem internationalen Wettbewerb immer weniger gewachsen war. Traditionelle Produkte wurden gestrichen, um mit einem neuen Sortiment höhere Stückzahlen produzieren zu können. Zudem mussten die Produkte dem Vergleich mit den bunt verpackten Waren aus dem Westen Deutschlands standhalten.

1987 unternahm gar das DDR-Fernsehen den Versuch, die darbende Branche mit einer Unterhaltungsrevue aufzuhübschen: „Showkolade“, die vom Dresdner Bass Gunter Emmerlich moderiert wurde und in der Comedian Wolfgang Stumph eine ständige Rubrik hatte. 1990 starb die Sendung nach 13 Ausgaben und ging „Elbflorenz“ in die Liquidation. Viele Dresdner beschämt und ärgert das bis heute – waren Anfang des 20. Jahrhunderts in den Süßwarenfabriken der Sachsenhauptstadt doch noch 7.000 Menschen angestellt.

Zucker und Elbschifffahrt

Puristen lassen die Schokoladentradition Dresdens bereits mit Jean-Étienne Liotards „Schokoladenmädchen“ beginnen, das 1745 für die Dresdner Gemäldesammlung Königs August III. gekauft wird – aber erst seit 1855 in der Gemäldegalerie Alte Meister zu sehen ist. 1767 erteilt die Stadt dem italienischen Kaufmann Giovanni Andrea Puricelli das Privileg zur Herstellung von Trinkschokolade. 1771 beantragt der Wiener Schokoladenfabrikant Franz Klopf die Erlaubnis, eine Schokoladenfabrik zu eröffnen. Außerdem wollte er Hof-Schokoladen-Lieferant werden. Die Behörden erlaubten ihm zwar die Produktion, waren sich aber unsicher über den Status der Schokolade in Dresden. Der Verkauf war allen Specereyhändlern sowie den italienischen Händlern erlaubt, die Herstellung lag in den Händen der Konditoren.

Archiv-„Showkolade“. Quelle: https://www.amazon.de/Sch%C3%B6n-Beste-Galashows-Showkolade-Prominenten/dp/B014Z88N0G

Die Handelsinnung ignorierte die Erlaubnis der Behörde, verbote Klopf den Verkauf von Schokolade und verklagte ihn beim Rat. Er sei nicht nur ein Fremder ohne Bürgerrecht, sondern auch kein Mitglied der Handelsinnung. Der Rat verbot also Klopf den Verkauf von Schokolade und bedrohte ihn mit einer Strafe von 5 Talern. Am 7. Dezember 1772 beantragte Klopf vom Rat das Recht, Schokolade in einem Laden zu verkaufen. Diesmal erlaubte die Behörde Klopf den Verkauf der Schokolade, weil sie ein, wenn auch exotisches und unübliches, Dresdner Produkt sei.

Als eigentlicher Begründer der süßen Tradition gilt allgemein Heinrich Conrad Wilhelm Calberla (1774-1836), ein Kaufmann, der 1817 mit der Calberla‘schen Zuckersiederei ein Unternehmen gründete, das für die Schokoladenproduktion grundlegend war. Für den einfacheren und kostengünstigeren Transport von Rohrzucker etablierte er zugleich den Dampfschiffverkehr von Dresden nach Hamburg auf der Elbe. Die erste Schokoladenfabrik entstand 1823 in Dresden-Neustadt als „Zichorien-, Schokolade- und Zuckerwarenfabrik Jordan & Timaeus“. Eine Jordan- und eine Timaeusstraße sind heute davon noch übrig geblieben. Das zunächst auf die Herstellung von Zichorienkaffee spezialisierte Unternehmen hatte von 1828 an auch „Dampfschocolade und Cacaoware“ im Angebot.

Dabei war die Herstellung von Schokolade damals noch ein geschäftlich riskantes Unterfangen. Durch die Zugabe von Milch wurde die Schokolade feiner, weicher und zarter. Um 1830 erfand der Holländer Coenraad Johannes van Houten schließlich ein Verfahren zur Entölung von Kakao. Die Dresdner Firma hat dann ab 1839 die weltweit erste Milchschokolade unter Verwendung von Eselsmilch (!) hergestellt. Die „Cacaomassen“ in Tafeln und Blöcken, in Dessert- oder „Speisechocoladen“ und Figuren von Jordan und Timaeus waren wirtschaftlich ein Renner, so dass der Betrieb expandierte, darunter ins böhmische Bodenbach (Děčín). Das Unternehmen engagierte sich auch gesellschaftlich. Dem Sohn des Firmengründers, Ernst Albert Jordan, ist die Gründung einer Aktiengesellschaft zur Errichtung des Alberttheaters am Albertplatz zu verdanken.

Zu den weiteren Firmen der Branche, die sich im 19. Jahrhundert auf Schokolade spezialisierten, gehörte Lobeck & Co. in Löbtau. Der lösliche entölte „Kakao Lobeck“ wurde in vielen Staaten patentiert. Lobeck schaffte es bis zum sächsischen Hoflieferanten. Andere Fabriken wie die von Petzold & Aulhorn in Dresden oder Otto Rüger in Sobrigau exportierten ihre Produkte bis nach Übersee, Rüger wurde gar zum k.u.k. Hoflieferanten ernannt. Er erkannte, wie wichtig Werbung ist, und erfand die Werbefigur des sympathischen „Hansi-Jungen“. Der wurde von Kunstmaler Hermann Otto Zieger geschaffen, vermutlich stand dabei sein Sohn Paul Otto Modell. Die Reklame mit „Hansi“ auf Emailtafeln und Druck sind bis heute begehrte Sammlerobjekte.

J & T auf altem Druck. Quelle: Von Druck und Verlag von Louis Oeser in Neusalza – SLUB Dresden Hist.Sax.M.232.o-1 http://digital.slub-dresden.de/id252070399, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=63629310

Auch die Firma Riedel & Engelmann gehörte zu den bekannten Schokoladenherstellern an der Elbe. Sie besaß Werksverkaufsstellen, belieferte Dresdner Geschäfte und auch das sächsische Königshaus. Der königlichen Familie schmeckte die Schokolade so gut, dass sie der Firma schon um 1888 herum die Auszeichnung „Führen der Kursächsischen Schwerter“ verlieh. So wurden die Schwerter Markenzeichen der Firma. Die Dresdner kauften „Schwerter-Chocolade“ und „Schwerter-Cacao“.

Sehr beliebt gerade zur Weihnachtszeit waren auch Figuren aus Schokolade. In dieser Beziehung fügte es sich günstig, dass ein anderer Dresdner, Anton Reiche, als Klempnergeselle seine Wanderjahre in Frankreich verbracht und dort die Herstellung von Schokoladenformen erlernt hatte. Nach seiner Rückkehr gründete er in Dresden die bedeutendste „Schokoladenformen- und Blechemballagenfabrik“ Deutschlands. So fanden die Kinder auf ihren Weihnachtstellern Weihnachtsmänner, Zwerge, Engel aus Schwerter-Schokolade, die in den detailreichen Formen der Firma Reiche gegossen worden waren. Um 1880 wurden in Dresden 550 Tonnen Schokolade jährlich hergestellt. Das war damals etwa ein Drittel der deutschen Gesamtproduktion.

Schwerter, Tell und Nudossi

Derweil drängte Rüger auf die Einhaltung von Qualitätsstandards und war 1877 Mitbegründer des Verbandes deutscher Schokoladenfabrikanten, ab 1881 dessen Vorsitzender. Aus den 20 Gründungsunternehmen, darunter fünf aus Dresden, wurden letztlich 178 Mitglieder. Seit 1878 gab es eine Verbandmarke, welche die Reinheit der Produkte garantierte. Jeder Hersteller, der diese Marke auf seinen Produkten abbilden wollte, musste unangekündigte Qualitätskontrollen in seiner Fabrik zuzulassen. Wenn vom Verband abgelehnte Stoffe verwendet wurden, gab es beim ersten Mal eine Verwarnung, beim zweiten Mal wurde einer Geldstrafe zwischen 50 und 100 Mark verhängt und beim dritten Mal das Unternehmen aus dem Verband ausgeschlossen. Der Verstoß wurde mit Angabe der Ausschlussgründe in mehreren Tageszeitungen publiziert.

Stresemann. Quelle: Von Bundesarchiv, Bild 146-1989-040-27 / Unbekannt / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 de, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=5419488

Von 1901 bis 1904 arbeitete Gustav Stresemann in der Position eines Assistenten als Interessenvertreter und Rechtsberater beim Verband. Ihm gelang es, unter den unterschiedlich strukturierten Mitgliedsunternehmen einen Interessenausgleich herbeizuführen. Es kam auf seine Initiative hin zu einer Verständigung über einen Mindestpreis für die Produkte. Erst nach Ausscheiden Stresemanns endete diese Absprache und führte 1906 zu einem langen Preiskampf. Stresemann, der in Dresden auch seine Frau Käte kennenlernte und heiratete, gründete den Verband sächsischer Industrieller mit und macht später als Reichskanzler Karriere. 1934 wurde der Schokoladenverband zwangsaufgelöst, indem er in die Fachgruppe Süßwarenindustrie der Wirtschaftsgruppe Lebensmittelindustrie überführt wurde, für die eine Zwangsmitgliedschaft bestand.

Zu den prominenten Firmen jener Zeit gehörten auch die Dresdner „Cacao-, Chocoladen-, Confecturen-, Marzipan und Waffelfabriken“ von Hartwig & Vogel, deren Anfänge ins Jahr 1870 zurückreichen. Das Unternehmen kreierte den „Tell-Apfel“, ein zerlegbarer, aus mehreren Schokoladenelementen bestehender Artikel. Zudem brachte das Unternehmen zerlegbare Schokoladenerzeugnisse in Tier- und Fruchtform auf den Markt, etwa die Tell-Glücksvögel oder den Tell-Bären. Das Werk wurde nach dem Zweiten Weltkrieg zunächst VEB Tell, später Werk I und anschließend Stammsitz der VEB Süßwarenfabriken „Elbflorenz“. Nach und nach wurden alle Dresdner Unternehmen, sofern sie nicht stillgelegt oder in anderen Kombinaten aufgegangen waren, dem Verbund angeschlossen.

Im Zuge dieser Zusammenschlüsse wurden das Produktionsprogramm umstrukturiert, die Pralinenproduktion eingestellt und stattdessen die Herstellung von Schokoladengrund- und Fondantmassen, Vollmilchpulver und anderen Kakaoprodukten erweitert. Bis 1989 wurden auch Marzipankartoffeln für das Kölner Unternehmen Hitschler International GmbH & Co. KG produziert. Einige Süßwaren der Handelsunternehmen Genex, Intershop oder Delikat wurden nicht in der BRD, sondern als Lohnproduktion in der DDR hergestellt, z. B. Lübecker Marzipanbrot. Als Herkunftsbezeichnung wurde nicht „Made in West Germany“, sondern „Made in Germany“ aufgedruckt – was heute prophetisch wirkt.

Radebeuler Werksverkauf. Quelle: https://www.vadossi.de/fileadmin/user_upload/Bilder/Inhalt/werksverkauf-cafe.jpg

Eine weitere Umstrukturierung nach 1989 schlug ebenso fehl wie der Versuch, den VEB Dresdner Süßwarenfabriken an ein westdeutsches Unternehmen zu verkaufen. Auch die Nachkommen der Alteigentümer lehnten eine Übernahme ab: Anfang 1990 wurden die Produktion in den Dresdner Werken I und II eingestellt, die Grundstücke verkauft, die Gebäude abgerissen. Auf dem Gelände des Stammhauses steht heute das Dresdner „World Trade Center“. Lediglich Vadossi wurde an die 1972 enteigneten Alteigentümer zurückübertragen und firmiert heute als „Sächsische und Dresdner Back- und Süßwaren GmbH“ in Radebeul, die Schokoladen-, Waffel- und Oblatenprodukte verkauft. Die bereits 1954 eingetragene Wort- und Bildmarke „VEB DRESDNER SÜSSWARENFABRIKEN DRESDEN – ELBFLORENZ“ wird heute von Vadossi genutzt, deren bekannteste Marke der Ende der 1960er Jahre entwickelte Nutella-Konkurrent „Nudossi“ ist und bis heute Erfolg hat.

Von RuBro zu Quendt

Rechnet man die Waffelfabrik Haubold & Richter heraus, die heute als Otto Beier Waffelfabrik GmbH in Wilsdruff arbeitet, ist in Dresden selbst gerade ein Unternehmen von einst 39 übrig geblieben. Zu danken ist das dem Lebensmitteltechnologen Helmut Quendt, der an der TU Dresden zum Thema „Weizenteigbereitung bei hohen Knetbeanspruchungen“ promoviert hatte. Er entwickelte die einst vom VEB RuBro gebaute Maschine in den 1980er Jahren am alten Standort weiter zu einer Anlage zur kontinuierlichen Fertigung von Russisch Brot. Als der VEB Dauerbackwaren abgewickelt werden sollte, rettete Quendt seine Fertigungslinie in einer Nacht- und Nebelaktion vor dem Verschrotten und gründete 1991 die „Dr. Quendt Backwaren GmbH“, um die Produktion fortzuführen. Anfangs fuhr er im rostigen Lieferwagen übers Land, um sein Russisch Brot zu verkaufen.

1992 ließ er sich den Namen „Dr. Quendt“ schützen, begann 1994 mit der Herstellung von Original Dresdner Christstollen und übernahm 1999 die insolvente „Firma Herbert Wendler“ und mit ihr die Produktion von Dominosteinen. 2013 geriet das Unternehmen unter anderem aufgrund anziehender Rohstoffpreise in finanzielle Schieflage, so dass sich Quendt 2014 mehrheitlich von der Aachener Printen- und Schokoladenfabrik Henry Lambertz GmbH & Co. KG übernehmen ließ, womit die Lambertz-Gruppe drei führende Marken mit großen Herkunftsbezeichnungen im Backwarenbereich vereint: Aachener Printen, Nürnberger Lebkuchen und Dresdner Stollen.

Hartmut Quendt. Quelle: https://cdn.prod.www.spiegel.de/images/277124ef-0002-0004-0000-0000b95a7b91_w541_r1_fpx53.09_fpy44.92.jpg

Nach Unternehmensangaben stammt beim Christstollen heute fast die Hälfte der deutschen Jahresproduktion aus der Backwarenfabrik im Südwesten Dresdens. „Sein Name steht nicht nur für guten Geschmack und beliebte Lebensmittel, sondern auch für den Unternehmermut, der Sachsen nach 1990 wieder stark gemacht hat“, ließ zu Quendts Tod 2016 der damalige sächsische Ministerpräsident Stanislaw Tillich (CDU) verlauten. Ironie der Geschichte: Noch 1989 war Tillich stellvertretender Vorsitzender des Rates des Kreises Kamenz und zuständig für den Bereich Handel und Versorgung – dem Bereich, dessen Engpässe durch den unseligen Schritt 1972 mitverursacht wurden.

2015 scheiterten zwei Lüneburger Unternehmerinnen noch mit einer Wiederbelebung der Marke „Jordan & Timaeus“. Doch seit etwa 15 Jahren haben sich frische, kleine Betriebe in Dresden gegründet, die Tradition und Unternehmertum neu verbinden, so „Tafelwerk“, „Camondas“ mit angeschlossenem Dresdner Schokoladenmuseum, das „Pralinenherz“ Jacqueline Hormes‘, die in Tell’scher Tradition Dino- und andere Schokoladentierfiguren fertigt, oder das „Dresdner Schokoladenhandwerk“ von Amina Kühnel, die neben ausgefallenen Pralinen und Brotaufstrichen auch Faberge-Ostereier aus Schokolade kreiert. Außerhalb Dresdens sind erwähnenswert die Schokoladenmanufakturen Olav Praetsch Wermsdorf, Marcus Schürer Heidenau, die eine Frauenkirche aus Schokolade im Angebot hat, die Sächsische Kaffee- und Schokoladenmanufaktur Grimma oder „Adoratio“ in Pirna.

„Wir sehen Schokolade nicht nur als Genussmittel, sie ist uns ein Rohstoff, den uns die Natur geschenkt hat, um in uns Glücksmomente und Kindheitserinnerungen wachzurufen“, schwärmt Adoratio-Chefin Susanne Engler für ihre Branche. Camondas-Chef Ivo Schaffer erklärt im MDR, viele seiner Kreationen, etwa die „Stollenschokolade“, entstünden abends als Ideen bei Bier und Wein. „…das müsste man mal machen. Und am anderen Morgen, wenn das immer noch eine coole Idee ist, da sagt man sich dann, warum macht man aus ‚müsste‘ nicht ‚man macht‘“. Es sind solche Macher, die nicht nur – wieder – die Dresdner Schokoladenbranche, sondern unsere Wirtschaft insgesamt vorantreiben. Das kann man zu Zeiten linksgrüner Umverteilungs- und Enteignungsphantasien – eingedenk des warnenden Jahrestags – gar nicht oft genug betonen.

Nach ihrem Erfolg vor 105 Jahren setzte die Oktoberrevolution das System „Sozialismus“ durch – dem weltweit 100 Millionen Menschen zum Opfer fielen. Jetzt feiert es fröhliche Urständ. Warum nur?

Meine neue Tumult-Kolumne, die gern verbreitet werden kann.

Heute lebt er fast nur noch in seinen vielen Adaptionen weiter: Jacques Offenbach setzte ihm in der Oper „Hoffmanns Erzählungen“ (1881) ein Denkmal. Das so genannte Nachtstück „Der Sandmann“ inspirierte Léo Delibes zum Ballett „Coppélia“ (1870); später wurde es musikalisiert von Metallica („Enter Sandman“, 1991), Rammstein („Mein Herz brennt“, 2001), Farin Urlaub („Unscharf“, 2008) und Saltatio Mortis (2013). Peter Tschaikowskij verwendete sein Märchen „Nussknacker und Mausekönig“ als literarische Vorlage für das Ballett „Der Nussknacker“ (1892). Seine „Nachricht von den neuesten Schicksalen des Hundes Berganza“ beeinflusste 1892 Oskar Panizzas „Aus dem Tagebuch eines Hundes“ und 1922 Franz Kafkas „Forschungen eines Hundes“.

Seine „Abenteuer der Sylvester-Nacht“ dienten als Grundlage des weltweit ersten Autoren- und Kunstfilms „Der Student von Prag“ (1913) von Hanns Heinz Ewers. Sein „Fräulein von Scuderi“ wurde als erste deutsche Kriminalnovelle sechsmal seit 1919 verfilmt, so 1955 mit Henny Porten, und von Paul Hindemith als „Cardillac“ auf die Opernbühne gebracht. 1921 bildete sich in St. Petersburg eine Gruppe unpolitischer sowjetischer Schriftsteller u.a. mit Konstatin Fedin,  Nikolai Tichonow und Michail Soschtschenko, die sich nach seinem Erzählzyklus „Die Serapionsbrüder“ nannten.

E.T.A.Hoffmann. Quelle: Von E. T. A. Hoffmann – Alte Nationalgalerie, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=76818100

„Das steinerne Herz“ inspirierte Arno Schmidt zu seinem gleichnamigen Roman (1956). Die „Elixiere des Teufels“ wurden in den 1970er Jahren in Ost- und Westdeutschland verfilmt. Sein Kunstmärchen „Klein Zaches genannt Zinnober“ wurde nicht nur 1983 von der DEFA für das DDR-Fernsehen gedreht; sondern auch von der Berliner Band „Coppelius“ zur weltersten Steampunk-Oper (2015) verarbeitet. Und Peter Härtling beschäftigt sich in seinem Roman „Hoffmann oder Die vielfältige Liebe“ (2001) mit seinem Aufenthalt 1808 bis 1813 in Bamberg und stellt ihn als Bürgerschreck, Säufer und Erotomane dar: Ernst Theodor Amadeus Hoffmann, der am 25. Juni 1822 starb.

„mir sehr wohl thut“

Geboren wurde der Anwaltssohn am 24. Januar 1776 in Königsberg als Ernst Theodor Wilhelm Hoffmann. Aus Verehrung gegenüber Mozart ersetzte er Wilhelm 1805 durch Amadeus. Das jüngste von vier Kindern wuchs in zerrütteten Familienverhältnissen mit einem trinkenden Vater und einer hysterischen Mutter auf. Nach der Scheidung der Eltern lebte er bei seiner Mutter, wurde jedoch weitgehend durch den Onkel Otto Dörffer erzogen, einem frommen, strengen und bigotten Juristen. Dieser sorgte jedoch früh für Musik- und Zeichenunterricht, sodass Hoffmann bereits mit 13 Jahren seine ersten Kompositionen zu Papier brachte. Ab 1782 besuchte Hoffmann die reformierte Burgschule, an der er in Theodor Gottlieb von Hippel einen Freund fürs Leben fand.

Im Jahr 1792 nahm er ein Jura-Studium auf, das er 1795 mit dem ersten Examen abschloss. Auch in dieser Zeit zeichnete und komponierte Hoffmann und schrieb seinen ersten, heute verschollenen Roman „Cornaro“. Dem Studium folgten Anstellungen in Königsberg und ab 1796 am Gericht in Glogau. Zwei Jahre später, nach dem erfolgreich abgeschlossenen Referendarexamen, verlobte sich Hoffmann mit seiner Cousine Minna Dörffer und wechselte als Gerichtsrat nach Berlin. Das großstädtische künstlerische Leben konnte er jedoch nur kurze Zeit genießen, da er nach dem Assessorexamen im Jahr 1800 nach Posen versetzt wurde. Aufgrund einiger Karikaturen, in denen sich Hoffmann über die Posener Gesellschaft lustig gemacht hatte, wurde er 1802 nach Plock/Weichsel strafversetzt. Im selben Jahr löste er die Verlobung mit Minna und heiratete die Polin Maria Rorer-Trzynska.

„Undine“ in Bamberg. Quelle: Von Hajo Lindner – Eigenes Werk, CC-BY 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=108151930

Die Jahre in Plock und ab 1804 als Regierungsrat in Warschau standen vor allem im Zeichen der Musik. Neben seinem Hauptberuf schrieb, zeichnete und komponierte Hoffmann, engagierte sich beim Aufbau einer „Musikalischen Gesellschaft“ in Warschau und konnte als deren Dirigent auch erstmals eigene Werke aufführen. Mit dem Einrücken der französischen Truppen verlor er 1807 seine Anstellung und begab sich in Berlin auf Stellensuche, die jedoch erfolglos blieb. So nahm er 1808 die Stelle des Kapellmeisters am Bamberger Hoftheater an. Wenngleich diese Anstellung wieder nur kurz währte, da das Theater 1809 Konkurs anmelden musste, war die Zeit in Bamberg für Hoffmanns Zukunft entscheidend, da er sich nun vermehrt der Schriftstellerei zuwendete.

Das tat er zunächst in Form der Musikkritik, die eine seiner zentralen Tätigkeiten im Rahmen der Mitarbeit an der Allgemeinen Musikalischen Zeitung darstellte. In der von Johann Friedrich Rochlitz herausgegeben Zeitschrift veröffentlichte Hoffmann neben seiner ersten Erzählung „Ritter Gluck“ (1809) auch zwei wichtige Beethoven-Rezensionen, die später in den Aufsatz „Beethovens Instrumentalmusik“ im ersten Teil der Kreisleriana einflossen. Die Musik der Romantik, deren Wesen Hoffmann als „die unendliche Sehnsucht“ bezeichnete, lag ihm besonders am Herzen – in Beethoven sah er sie in ihrer reinsten Form manifestiert, und der dankte ihm 1820 höchstpersönlich: „Sie nehmen also, wie ich glauben muß, einigen Antheil an mir; Erlauben Sie mir zu sagen, dass dieses von einem mit So ausgezeichneten Eigenschaften begabten Manne ihres gleichen, mir sehr wohl thut.[…]“

„unsere gemeinschaftliche Sache“

Im Kontext der Musikkritik entwickelte Hoffmann auch die fiktive Figur des Kapellmeisters Kreisler, die in gewisser Weise sein literarisches Alter Ego darstellt und eine ganze Reihe von Kreisleriana-Erzählungen in den „Fantasiestücken“ und in dem Roman „Lebensansichten des Katers Murr“ durchzieht. 1810 fand Hoffmann eine neue Anstellung am Bamberger Theater als Direktionsgehilfe, Dramaturg und Dekorationsmaler. Daneben komponierte, schrieb und zeichnete er weiter und verdiente Geld als Musiklehrer. Dabei verliebte er sich heftig in seine minderjährige Musikschülerin Julia Mark, was ihm sehr zu schaffen machte und mitsamt seinen wechselnden Gefühlen in seine literarischen Werke einfloss.

Erstausgabe der „Nachtstücke“. Quelle: Von selbst fotografiert – Slg. H.-P.Haack, Leipzig, Attribution, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=62425371

Da Julia 1812 heiratete und auch die finanziellen Probleme Hoffmanns größer wurden, nahm er im darauf folgenden Jahr das Angebot an, als Theaterkapellmeister in Dresden zu wirken. Während er zunehmend literarisch tätig war und weiterhin Erzählungen in der Allgemeinen Musikalischen Zeitung veröffentlichte, spielte die Musik hier noch ein letztes Mal die Hauptrolle: Mit der in Bamberg begonnenen und 1814 vollendeten Oper „Undine“ gelang ihm sein wohl wichtigstes musikalisches Werk, das 1816 in Berlin uraufgeführt wurde. In einem Brief vom 29. Mai 1815 an Friedrich de la Motte-Fouqué, der das Libretto nach seiner eigenen Erzählung verfasste, nennt Hoffmann „die Undine ganz und gar jetzt unsere gemeinschaftliche Sache“. Diesen Brief unterzeichnete er mit dem Namen „Kreisler“.

Wie viele andere Ereignisse seines Lebens fand auch die Zusammenarbeit mit Fouqué ihren literarischen Niederschlag in Hoffmanns Werken: Ein fiktiver Briefwechsel zwischen Baron Wallborn und Johannes Kreisler, hinter denen sich niemand anderes als Fouqué und Hoffmann verbergen, erschien 1814 in Die Musen. Eine nordische Zeitschrift. Zusammen mit der Kreisleriana und weiteren Erzählungen, darunter dem Märchen „Der goldene Topf“, wurden sie von Hoffmann auch in die 1814 und 1815 erschienene Sammlung „Fantasiestücke in Callots Manier“ aufgenommen, mit der er seine ersten großen literarischen Erfolge feiern konnte. In unterschiedlichen Varianten begegnet in den Fantasiestücken der Einbruch des Fremden in die Realität, der Widerstreit von bürgerlicher Normalität und fantastischer Kunst, von äußerer Vernunft und geheimnisvoller Tiefe des menschlichen Unbewussten.

Die hier abgesteckten Themen durchziehen auch Hoffmanns spätere Texte und können als geradezu charakteristisch für sein Gesamtwerk gelten. So prägt die Erfahrung einer zerrissenen, gedoppelten Wirklichkeit auch den ab 1814 entstandenen Roman „Die Elixiere des Teufels“, der 1815/16 in zwei Bänden erschien. Er konnte damit allerdings nicht an den Erfolg der Fantasiestücke anknüpfen, wie er sich zunächst erhofft hatte. Charakteristisch ist die Dichotomie zwischen Normalität und Wahn, Realität und Fantasiewelt, Bürgerlichkeit und Exzentrik, die zum Klischee vom „Gespenster-Hoffmann“ führte. Viele Texte stehen in Manier traditioneller Schauerromane und thematisieren die Gefährdung des Menschen durch das Unheimliche sowie die Frage nach der Grenze zwischen Genie und Wahnsinn. Er nahm gewissermaßen den „magischen Realismus“ vorweg.

„fieberhafte Träume eines kranken Gehirns“

1814 beendete Hoffmann seine musikalische Laufbahn in Dresden und kehrte nach Berlin zurück. Mit der Hilfe Hippels fand er dort eine Anstellung am Kammergericht und wurde 1816 zum Kammergerichtsrat befördert. Zugleich baute er sich in der Berliner Gesellschaft rasch einen großen Kreis von Freunden und Bewunderern auf; er pflegte Umgang mit Tieck, Chamisso, Eichendorff, Humboldt und weiteren bedeutenden Persönlichkeiten der Zeit. In einem Leben zwischen Kammergericht und der Weinstube Lutter & Wegner, in der er sich fast allabendlich mit dem Schauspieler Ludwig Devrient traf, fand er doch genug Zeit zum Schreiben und entwickelte eine hohe literarische Produktivität. Ab 1816 arbeitete Hoffmann an einem zweiten Erzählungszyklus, den „Nachtstücken“ mit dem bekannten „Der Sandmann“. Der Text rund um Automaten, Androiden und verrückte Wissenschaftler beeindruckt bis heute und beeinflusste die spätere phantastische Literatur ungemein.

Selbstillustration zum Sandmann. Quelle. https://etahoffmann.staatsbibliothek-berlin.de/portfolio-item/sandmann/

1819 wurde Hoffmann in eine „Commission zur Ermittlung hochverräterischer Verbindungen und anderer gefährlicher Umtriebe“ berufen. Durch seine aufrichtige Arbeit, die häufig Angeklagte vor polizeilicher Verfolgung schützte, zog er den Unmut des Berliner Polizeidirektors auf sich. Mit der Beförderung in den Oberappellationssenat erhielt Hoffmann 1821 andere Aufgaben. In einem Disziplinarverfahren wegen der Karikierung des Polizeidirektors in dem 1822 erschienen Roman „Meister Floh“ und einer darauf folgenden Zensur des Werkes fand diese Zeit ein trauriges Nachspiel. Bereits 1819 war Hoffmann schwer erkrankt, man vermutet Syphilis. Dennoch fand er in den nächsten Jahren weiterhin die Kraft, neben der täglichen Arbeit literarisch tätig zu sein. Mit „Das Fräulein von Scuderi“ (1818) und den „Lebens-Ansichten des Katers Murr“ (1819-21) erschienen wichtige Spätwerke.

An seinem Geburtstag 1822 begann an seinen Füßen und Beinen eine Lähmung, die rasch voranschritt, sich auf seine Arme ausbreitete, sodass er nicht mehr schreiben konnte, und schließlich zum Verlust der Sprache führte. Seine geistigen Fähigkeiten blieben dabei erhalten. Er erlag in seiner Wohnung in der Berliner Taubenstraße einer Atemlähmung. Sein Grab ist bis heute ein Ehrengrab Berlins. Er ging in die Kunstgeschichte ein als Universalkünstler, dessen Talente in ihren vielfältigen Ausdrücken nie scharf voneinander zu trennen waren: Musik, Schriftstellerei und Zeichnen gingen häufig ineinander über. „Die Perspektive ist immer verrückt, das Gravitätische wird zum Grotesken, das Würdevolle lächerlich, dürre Beine vollführen Bocksprünge, auf Glatzen sitzen Fliegen, Hosenlatze stehen offen, und die Sprache stolpert, lispelt, schmatzt und raunt“, heißt es zu ihm im Onlineportal exlibris.

Nach seinem Tod fielen die Reaktionen in seinem Heimatland abwertender aus als im Ausland. „Dieser Hoffmann ist mir widerwärtig mit all seinem Geist und Witz von Anfang bis zu Ende“, urteilte Wilhelm Grimm; Goethe erkannte gar „fieberhafte Träume eines leichtbeweglichen kranken Gehirns“, ja „Verrücktheiten eines Mondsüchtigen“. Interessanterweise war er der Lieblingsautor von Karl Marx. Auch Richard Wagner schätzte ihn, „Der Fliegende Holländer“ verdankt Hoffmann seinen mystisch-nachtschwarzen Charakter. „Der Teufel kann so teuflisches Zeug nicht schreiben“, schwärmte der Heinrich Heine als Student. In der DDR prägte er u.a. Franz Fühmann und Wolfgang Hilbig, aber auch Ingo Schulze und Uwe Tellkamp bekannt sich zu ihm als ihr Vorbild: „Vater aller besseren Literatur über das Problem [DDR] ist, meiner Ansicht nach, E.T.A. Hoffmann, bei dem die (Alb-)Träume in die Wirklichkeit wucherten“, schrieb Tellkamp. In Bamberg wird er bis heute als Namensgeber des Theaters, eines Gymnasiums und eines Literaturpreises gewürdigt.

Sondermarke 1972. Quelle: Von Wilhelm Hensel – see above, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=4761143

Im Ausland wurde und wird er bis heute geschätzt und zum meistgelesenen Autor der deutschen Romantik. So gilt er als Leitfigur der zweiten Generation der französischen Romantik mit Théophile Gautier an der Spitze. In Russland war er sehr beliebt, prägte Nikolai Gogol und Fjodor Dostojewski. Meisterregisseur Andrej Tarkowski plante einen Film „Hoffmanniana“, der aber nicht mehr zustande kam. Auch Edgar Allan Poe und George Sand schätzten sein Werk, das Grundlage von rund 100 Filmen weltweit gewesen sein soll.  Seine Wirkung im gesamteuropäischen Kontext stellt eins der interessantesten Kapitel der Rezeptionsgeschichte der deutschen Romantik dar.

Es war eine der Schlüsselszenen in „Spur der Steine“, jenem legendären, 1966 bis 1989 verbotenen DEFA-Arbeiterfilm: Eberhard Esche stellt sich auf der Baustelle mit den Worten „Ich bin der neue Parteisekretär“ vor. Brigadeführer Balla alias Manfred Krug schüttet ihm den gesammelten Regen aus seiner Zimmermannshutkrempe – platsch! – in die Hand und sagt dann: „Und ich bin Pittiplatsch, der liebe.“ Da war die Koboldfigur gerade mal vier Jahre alt – und hatte diese Wendung bereits in der ostdeutschen Alltagssprache verankert. Und da tummelt sie sich bis heute, ebenso in Phrasen wie „Kannste glauben!“, „Platsch-Quatsch“ oder vor allem „Ach du meine Nase!“, die Bestandteil der Torhymne der Eisbären Berlin ist und die es sogar als Klingelton gibt.

Die FAZ nannte den Kobold ein „überlebensgroßes Symbol für das, was gut war in der DDR, nicht an der DDR“. Politisch wurde er damals wie heute interpretiert. So kommentierte im April 2021 Klaus Funke den Cicero-Beitrag „Würden Sie dieser Frau Ihr Land anvertrauen?“ unter dem Titel „Schnatterinchen im Kanzleramt?“ zur Grünen-Kandidatin Annalena Baerbock: „Fehlt nur noch Pittiplatsch als Außenminister, Onkel Uhu als Wirtschaftsminister und Frau Elster als Innenministerin. Das wäre die öffentliche Bankrotterklärung vor aller Welt. Wer so eine Regierungschefin hat, kann in der Welt nicht mehr ernstgenommen werden. Das wäre Kasperletheater!“ Damit waren viele aktuelle rotgrüne Protagonisten reinterpretiert zu irrationalen Gestalten aus dem sozialistischen Märchenwald des DDR-„Sandmännchens“, die nur dort gut aufgehoben wären, keinesfalls aber in der realen Welt.

Schnatterinchen, Pitti und Moppi. Quelle: https://www.sandmann.de/content/dam/rbb/san/bilder/freunde/pittiplatsch/Pittiplatsch2019_2/Moppi-freut-sich-ueber-das-Geschenk.jpg.jpg/size=708×398.jpg

Zum Sendestart allerdings kritisierten Lehrer und Eltern, „dass diese Figur nach ihrer Ansicht weder Tier noch Mensch und noch dazu so frech sei“, erinnerte sich Puppenspieler Heinz Schröder, der Pittiplatsch seine krächzende, hohe Stimme lieh, 2008 rückblickend im Tagesspiegel. Die besorgten Pädagogen fürchteten, die Kinder würden nur Dummheiten von der Puppe lernen. Prompt wurde der arme Kerl in den Fundus gesteckt. Die Kinder jedoch wollten ihn wiedersehen und schickten säckeweise Protestbriefe, so dass Pittiplatsch ein halbes Jahr nach dem Karriereknick pünktlich zu Weihnachten wieder auf die Mattscheibe zurückkehrte. Doch egal ob designierter Außenminister oder Kobold: Neben dem Ampelmännchen gehört er seit 1962, überdies dem symbolträchtigen 17. Juni, um 18.50 Uhr zu den wenigen DDR-Kultfiguren, die auch erfolgreich im Westen ankamen: Pittiplatsch.

„fabelhafte Welt der grenzenlosen Anarchie“

Im November 1959 war das Sandmännchen als Reaktion auf die Programmvorschau des SFB erschaffen worden: „Am 1. Dezember um 18.55 Uhr beginnt das Fernsehen des Senders Freies Berlin mit einer neuen Sendereihe ‚Sandmännchen – ein Gute-Nacht-Gruß für Kinder‘.“ Ost-Berlin war schneller mit „Unser Sandmännchen“, das aussah wie Walter Ulbricht, kein Wort sprach, aber zu den Kindern als eines von ihnen kam. Der Sandmann des Westens sah aus wie ein Seemann und schwebte auf einer Wolke. Überall, wo beide Sandmänner zu sehen waren, trug das Sandmännchen des Ostens mit all seinen Fahr- und Flugzeugen den Sieg davon, fuhr Panzer der Sowjetarmee, Straßenbahn und Ballon, ja flog mit Raumschiffen und streute allen Schlafsand in die Augen – was für eine Metapher.

Krug und Esche. Quelle: https://encrypted-tbn0.gstatic.com/images?q=tbn:ANd9GcQXIXd1jKMaGqJqH9ub5-vPB-Vd-thAfJ5Naw&usqp=CAU

Und in dieser Sendung trat nun fast drei Jahre nach ihrem Start plötzlich ein Kobold auf, kein Mann, sondern „eine postheroische Fiktion“, wie Michael Pilz in der Welt befand, „die man nicht in eine Sojus-Rakete setzen und im FDJ-Hemd durch den Märchenwald spazieren lassen konnte.“ Er wohnte im Underground und richtete, sobald er gutmeinend heraufkam, sanftes Chaos an, zumal beim altklugen Schnatterinchen, seiner „edlen“ weiblichen Gegenfigur. Das Land war ihm zu langsam: „Pitti wird vor lauter Langeweile rundum traurig.“ Er traute nur einem Medium, dem „Pustewind“. Er sagte: „Was Spaß macht, kommt so selten. Da muss Pitti sich was einfallen lassen.“ Er sprach oft in der dritten Person von sich: als ob er nicht er sei, sondern eine außerhalb der Handlung angesiedelte, teilautistische Figur, die ihre Intentionen plötzlich in die Welt holen und sie dadurch verändern will. Er stand „über allem, über dem System, über dem Staat und über seinem Schnatterinchen, das es auch nie schaffte, ihn auf irgendeine Sache einzuschwören. Seine Sache ist grundsätzlich eine andere“, resümierte Pilz.

Aus heutiger Sicht waren die pädagogischen Reaktionen auf seine Auftritte unvorstellbar, denn Pittiplatsch wiegelte die Kinder lediglich zum Aufbleiben auf. „Heute gehen wir überhaupt nicht schlafen“, rief er fröhlich lachend seinem Schneidermeister Nadelöhr zu, der erwachsenen Leitfigur des Abendgrußes. Stattdessen überlegte er, was er in der Nacht alles anstellen könnte. Sterne zählen zum Beispiel. Was für ein Skandal! Schröder spielte ihn als, wie er sagte, „Jungen, den man nicht erziehen kann“. Im Laufe der Zeit brachte es Pittiplatsch laut RBB, dem Rechtsnachfolger des DDR-Fernsehens, auf mehr als 1.000 Auftritte in verschiedenen Sendereihen. Bis zur Einstellung des Sendebetriebs des DFF 1991 wurden rund 2.000 Abendgruß-Sendungen und etwa 1000 Nachmittagssendungen produziert.

Die originellen Geschichten um den neugierig-verschmitzten, nie um eine Antwort verlegenen Kobold und sein Leben mit der Ente und später dem Hund Moppi knüpfen an die kindliche Fantasiewelt an: Pitti will schneller wachsen – Moppi holt die Gießkanne, um ihn mit Wasser zu gießen. Pitti möchte zum Knopfstern fliegen – und macht den Staubsauger startbereit. Er vermutet in der Gartenlaube ein Gespenst – und will es ritterhaft mit dem Besen vertreiben. Kinder erkennen in der Figur leicht eigene Wünsche und Träume, aber auch Schwächen und Ängste wieder. Er erfand das „Rüttelschüttelfest“, eine große Party ohne offiziellen Anlass oder amtliche Erlaubnis. Über Weihnachten reiste er zu „Omama“ ins Kaffeekannenhaus im Koboldland, wo jeder Kobold anders als der andere war „in seiner eigenen fabelhaften Welt der grenzenlosen Anarchie“, staunte Pilz.

Mit Omama vorm Kaffeekannenhaus im Koboldland. Quelle: https://i.ytimg.com/vi/JfNvgqqFlgc/hqdefault.jpg

„Das Schöne war, dass wir politisch nicht eingeengt waren. Man konnte ja einem Fuchs schlecht ein Pionierhalstuch umbinden oder einem Kobold ein Abzeichen für gutes Wissen“, erklärte Schröder. Dieses anarchische Element war es wohl auch, das die Ultras von Dynamo Dresdens K-Block dazu trieb, seit Jahren Illustrationen der Kultpuppe auf ihren Bannern zu verwenden. Doch im Herbst 2016 wollten der RBB und Dynamo-Medienpartner MDR – richtig, das war der Sender, der den linken Ost-Kabarettisten Uwe Steimle aus dem Programm warf und sich dafür entschuldigte, dass eine seiner Moderatorinnen die AfD als bürgerlich bezeichnete – die Darstellung verbieten. Der Grund: Die Figur gucke auf den Fahnen der Dynamo-Ultras nicht lieb genug; sie sei teilweise so abgewandelt worden, „dass das Gesicht nun böse und angriffslustig erscheint“, ja die Figur „Aggressionen ausstrahlt“, erklärte MDR-Sprecher Sebastian Henne gegenüber TAG24. Doch wenn Fußballer nicht angriffslustig sein sollen – was dann? Die Fans starteten wütende Proteste, die beiden Sender lenkten ein.

„Schön ist er ja nicht“

Hinter „Pitti“ standen mehrere Schöpfer: Den Spruch „Ach du meine Nase“ legte ihm der Schriftsteller Walter Krumbach in den Mund, der auch das „Sandmännchen“-Lied „Sandmann, lieber Sandmann…“ geschrieben hatte: Darin hieß es, dass jedes Kind danach ins Bettchen müsse. Die szenischen Texte lieferte die wunderbare Kinderbuchautorin Ingeborg Feustel. Die Puppen von ihm und Schnatterinchen schuf die erst 2016 gestorbene Emma-Maria Lange aus dem württembergischen Wasseralfingen, die schon als Kind im elterlichen Betrieb mit Kunsthandwerk in Berührung kam. Sie belegte mitten im Weltkrieg künstlerische Abendkurse in München und reiste dann zum Studium an die Hochschule Weißensee nach Ostberlin. In Berlin und Teltow machte sie sich 1958 mit einer Puppenmanufaktur selbstständig.

Fans von Dynamo Dresden mit Pittiplatsch-Fahne, bei TuS Koblenz im DFB-Pokal am 11.08.2017. Quelle: https://www.imago-images.de/bild/sp/0029439245/s.jpg

Die Schwäbin nähte, während sich die DDR abschottete, zwei Kunstlederkugeln aneinander, setzte auf die kleinere der beiden Kugeln einen hellen Haarschopf und zwei neugierige Augen und hängte an die größere zwei Beine mit karierten Pantoffeln dran. „Schön ist er ja nicht“, soll sie gesagt haben. Prompt ging die Karriere des Kobolds stockend los. Pitti sollte zunächst Lackschuhe tragen, gerade Beine und eine Bürstenfrisur haben, doch die Puppenspieler legten Einspruch ein: „Wir hätten gern, dass er Latschen trägt, krumme Beine und eine Glatze hat, mit ein paar Haaren ganz vorn“, erinnert sich Schröder an die damaligen Diskussionen. Bis heute gilt der ostdeutsche Kobold vielen als Erfinder der gesamtdeutschen Punk-Frisur – obwohl deren soziohistorische Wurzeln viel älter sind.

Ganze Generationen von Kindern hat er seit damals zu Bett gebracht – und tut das bis heute. Zu sehen ist Pittiplatsch nicht nur jeden dritten Sonnabend zur Sandmannzeit im RBB und im MDR, sondern regelmäßig auch im KiKa. Auf allen drei Kanälen schauen wöchentlich bis zu 1,5 Millionen Menschen zu – nach Senderangaben 29,5 Prozent der 3- bis 13-Jährigen. Bedienten sich die Sender jahrzehntelang aus dem reichhaltigen DDR-Fundus, änderte sich das zum sechzigsten Jubiläum des Sandmännchens im November 2019 – im Hamburger Studio von Trikk 17 entstanden 13 neue Folgen. Die Figuren sprachen etwas schneller als früher, der Schnitt war moderner, beim Bühnenbild gab es Neuerungen, und erstmals bekam Pitti einen richtigen beweglichen Mund – wo bisher nur die unbewegliche Zungenspitze hervorlugte, konnte er nun die Lippen bewegen. Puppenbauer Norman Schneider steckte 600 Stunden Arbeit in das Design.

Sächsische Pitti-Torte. Quelle: https://www.baeckerei-raddatz.de/images/stories/Torten/Pittiplatsch/pittiplatsch1.jpg

Der Berliner Kurier schreibt: „Pittiplatsch wird Wessi!“ Pittiplatsch, sagt die zuständige RBB-Redakteurin Anja Hagemeier der Welt, sei international. Ein Weltbürger jenseits des Koboldlandes, ein Kosmopolit im Märchenwald. „Pittis und insbesondere auch Moppis witzige Formulierungen machen einfach ganz viel von ihrem Charme aus“, sagte Autor Thomas Möller auf dem Portal DWDL. „Nur um es mal auszuprobieren, haben wir durchgespielt, wie sich die Figuren mit moderneren Ausdrücken anhören würden, und das klappte überhaupt nicht.“ Stattdessen hing über Möllers Schreibtisch eine lange Liste mit Lieblingszitaten aus alten Folgen. „Nicht, um sie zu wiederholen“, betonte er, „sondern um mich immer wieder zu ermahnen: Da geht’s lang!“ In Erfurt, dem KiKa-Stammsitz, sitzt die Kult-Figur seitdem auf einer Bank der Rathaus-Brücke und musste 2020 einen bis heute nicht aufgeklärten Säure-Anschlag überstehen.

„dann horchen sie an der Kiste“

Pitti hat wie die anderen Figuren aus dem Märchenwald auch per Merchandising seinen Weg in die Kinderzimmer gefunden, sei es als Plüschtier, Schlüsselanhänger oder Magnet-Pin. Zu DDR-Zeiten gab es gar eine Pittiplatsch-Briefmarke, einige der Fernsehgeschichten wurden auf Kassette und LP veröffentlicht. Zu Pittis 50. Geburtstag erschien eine DVD-Box. Eine sächsische Bäckereikette hat gar einen 38 cm langen Pittiplatsch als Motivtorte mit Rührkuchen und Bitterschokolade kreiert. Die nach der Wende mit dem DDR-Fernsehen abgewickelten Puppenspieler und Sprecher mit Schröder an der Spitze machten das Beste aus der Situation, gründeten das „Pittiplatsch-Ensemble“ und tourten erfolgreich mit einem Bühnenprogramm durchs Land.

Pitti mit „Papa“ Heinz Schröder. Quelle: https://i.ytimg.com/vi/cXBlUg4cNp8/maxresdefault.jpg

Um die 400, 500 Zuschauer seien keine Seltenheit, erzählte Schröder. Der Erfolg habe auch ein bisschen mit Nostalgie zu tun: „Wenn wir in die Zuschauerreihen blicken, kommt uns oft der Gedanke, wir spielen für Große“. Kämen drei Erwachsene ohne Kinder, würden sie darauf hingewiesen, dass es sich um eine Kinderveranstaltung handele. „Spontan heißt es dann, das ist doch unsere Kindheit und wir wollen Pitti mal live sehen“. Zwei Wochen Tournee jeweils im Frühjahr, im Sommer, im Herbst und dann noch die Veranstaltungen zur Weihnachtszeit „halten jung und machen viel Spaß“, sagte Schröder 2008.

Seine letzte Figur war nach eigenen Angaben die 15. Anfertigung der Puppe. Erst die 15., ist man nach über 45 Jahren versucht zu sagen. Die Märchenwald-Figuren bestimmten auch das Spiel auf der Bühne. „Grundsätzlich halten wir es so, dass wir uns nicht vor oder während der Vorstellung zeigen. Das würde die Illusionen der Kinder zerstören. Ach, der Opa da hat das gemacht, heißt es dann möglicherweise“, meint Schröder. „Wenn die Kinder am Ende hinter die Bühne kommen und fragen, wo ist denn der Pittiplatsch, dann sage ich, der schläft schon, und dann horchen sie an der Kiste.“

2019: Neue Mannschaft mit neuen Puppen und neuen Folgen; in der Mitte Christian Sengewald. Quelle: https://taz.de/picture/3724540/948/Pitti.jpeg

Der Puppenspieler, der neben Pittiplatsch auch Herr Fuchs, Onkel Uhu, Buddelflink und andere Figuren spielte und sprach, wünschte sich zu seinem 80. Geburtstag 2008 einen großen TV-Rückblick, der an die „vielen schönen Märchenwald-Geschichten“ erinnert. Der Wunsch war ihm, dessen Spiel- und Sprechrolle  sowohl im Fernsehen als auch im Bühnenprogramm 2010 der Dresdner Christian Sengewald übernahm, nicht vergönnt. Dafür ein anderer: Ebenso wie 15 Jahre zuvor in Berlin „Thaddeus Punkt“ alias Werner Fülfe mit seinem Zauberbleistift beigesetzt wurde, bekam er 2009 im brandenburgischen Schöneiche sein „Lieblingskind“ mit ins Grab gelegt.

Er war „ein kolossal außergewöhnliches, widersprüchliches, zugleich sympathisches wie abstoßendes Individuum“, bilanziert Matthias Schreiber im Spiegel. Groß war er gewiss nicht nur körperlich: Er maß 2,03 Meter. Gawril Derschawin, ein russischer Dichter des 18. Jahrhunderts, stellte gar die rhetorische Frage: „War Gott es nicht, der in ihm niederstieg?“ Den einen gilt er als Genie, das dem breiigen Riesenland eine erkennbare und übersichtliche Form gegeben habe; den anderen gilt er als Mörder, als „gekrönter Tiger“, als Vernichter altrussischer Identität, als ungewöhnlich grausamer Tyrann; wieder anderen als Sittenverderber – wegen seiner Unterwerfung der Kirche unter die Autorität des Staates und wegen seiner Liebe zu den Frauen sowie zu den regelmäßigen „Narren- und Saufkonzilen“: Zar Peter I., der als Pjotr Alexejewitsch Romanow am 9. Juni 1672 in Moskau geboren wurde.

Brutalität ist ihm von Anbeginn vertraut: Mit nur zehn Jahren wird er im Moskauer Kreml-Palast Augenzeuge eines Blutbads. Auslöser ist eine vertrackte Mischung aus Familienzwist und politisch-sozialem Aufstand. Der Familienstreit folgt einem klassischen Muster: Peters Vater, der reformfreudige Zar Alexej Michailowitsch, hat aus zwei Ehen 16 Kinder. Zwischen den Clans der beiden Mütter schwelt eine Dauerfehde, genährt vom Wunsch, dass der nächste Zar aus ihrer Linie stamme. Gleichzeitig brodelt es bei der Palastgarde, den Strelizen, einer Elitetruppe von 20.000 Mann. Die Soldaten beschuldigen ihre Obristen der Unterschlagung von Sold und der Misshandlung. Die Regierung lässt sie gewähren, und prompt ergreifen die Strelizen Partei im Nachfolgestreit.

Im Mai 1682 verwüstet eine tobende Soldateska die Residenz der Zaren und tötet etliche Verwandte Peters, darunter zwei seiner Onkel. Sie werden durch Fenster in darunter aufgerichtete Lanzen und Hellebarden gestürzt, in Stücke gehackt und unter spöttischem Geschrei nahe der Basilius-Kathedrale zur Schau gestellt. Nun setzen die Strelizen durch, dass zusammen mit dem Zehnjährigen, der kurz zuvor zum Zaren gewählt und vom Patriarchen bestätigt worden war, auch sein sechs Jahre älterer, geistig behinderter Halbbruder Iwan gekrönt wird. Für die beiden Unmündigen übernimmt Iwans energische und fähige Schwester Sofija, 24 Jahre alt, die Regentschaft, die sie sieben Jahre lang ausüben wird.

Peter I. Quelle: Von Jean-Marc Nattier zugeschrieben – 4. Eremitage, Sankt Petersburg3. Ursprung unbekannt2. http://img15.nnm.ru/3/c/9/6/9/3223e6d548f3dff6bc0cb50f947.jpg1. Eremitage, Sankt Petersburg, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=3227131

Seit diesem ersten Strelizenaufstand hielt sich Peter mit seiner Mutter im Dorf Preobraschenskoje unweit Moskaus auf, genoss eine traditionelle altmoskowitische Erziehung und beschäftigte sich vor allem mit dem Kriegsspiel, indem er mit Gleichaltrigen eine Kriegerschar bildete. Aus dieser Spielzeugarmee entwickelte sich das Preobraschensker Leib-Garderegiment, das 1698 den Zweiten Strelizenaufstand in Abwesenheit Peters I. niederschlagen und damit seine Herrschaft retten sollte. Doch schon zuvor, im August 1689, muss er in panischer Angst vor anrückenden Soldaten fliehen, springt barfuß auf ein Pferd und galoppiert in den nächsten Wald. Diener bringen ihm Kleidung und geleiten ihn in ein Kloster, wo die Entscheidung fällt: Der oberste Kirchenpatriarch ergreift Peters Partei, die ausländischen Offiziere, die russische Söldnertruppen in Moskau befehligen, fügen sich, und so muss Sofija den Kreml verlassen und ins Kloster ziehen. Drei Strelizen werden geköpft.

„indem er mit Matrosen Wirtshäuser aufsucht“

Bereits im Januar dieses Jahres musste der siebzehnjährige Peter auf Drängen seiner Mutter die drei Jahre ältere Jewdokija heiraten, die im Februar 1690 den Sohn Aleksei gebar. Ein zweiter Sohn verstarb bereits nach einem halben Jahr. Die Ehe mit Jewdokija währte formell zehn Jahre, war aber schon nach kurzer Zeit zerrüttet. An den Regierungsgeschäften zeigte er noch wenig Interesse. Inspiriert von technischen Neuerungen und Künsten ausländischer Handwerker in der Moskauer Ausländervorstadt suchte Peter durch Besuche das dortige Leben und Treiben näher kennenzulernen. Mit dem Schotten Patrick Gordon und dem Schweizer François Le Fort lernte er hier seinen späteren militärischen Hauptberater und seinen späteren Admiral der Kriegsflotte kennen. Diese Besuche erregten in ihm nicht nur große Wissbegier, sondern auch den Wunsch, Russland auf ein ähnliches kulturelles und wirtschaftliches Niveau zu bringen.

In den ersten Jahren beschäftigte er sich mit dem Aufbau einer schlagkräftigen Armee – und entwickelte eine Sehnsucht nach dem Meer. Bereits 1688 hatte er bei Verwandten ein altes englisches Boot entdeckt, das 1691 ein Schiffbauer reparierte. Mit diesem „Großvater der russischen Flotte“ unternahm Peter eine erste Seereise auf der Moskwa und träumte nun von einem Hafen für Russland, um militärisch und wirtschaftlich zu reüssieren. Doch Russland besitzt nur in Archangelsk im hohen Norden einen eigenen Zugang zum Meer, doch der ist den langen Winter über zugefroren. Das Schwarze Meer wird von den Osmanen beherrscht, die Ostsee von den Schweden. An einem Nebenfluss des Don gründet Peter eine große Werft, wo er in wenigen Monaten 30 Galeeren und Hunderte kleiner Barken auf Kiel legen lässt. Damit blockiert er im Juli 1696 erfolgreich die Versorgung der Türkenfestung Asow – seine erste erfolgreiche militärische Operation öffnet ein Nadelöhr zum Schwarzen Meer.

Bildnis 1698. Von Godfrey Kneller – www.royalcollection.org.uk/collection/405645/peter-the-great-tsar-of-russia-1672-1725, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=920701

Da er weiß, dass er ohne ausländische Schiffsbauer, Navigatoren und Artilleristen die Türken nicht besiegt hätte, beschließt er, eine „Große Gesandtschaft“ der Lernbegierigen nach Westeuropa zu schicken und selbst daran teilzunehmen – ein provozierender Verstoß gegen eine jahrhundertealte Tradition. Denn der oberste Herrscher Russlands, der Beschützer der Kirche verlässt niemals zu Friedenszeiten die russische Erde, schon gar nicht monatelang und inkognito. Das ermutigt seine Gegner zur nächsten Verschwörung, wieder mit Strelizen. Doch die Putschisten fliegen auf. Unter der Folter gestehen sie, mit der entmachteten Sofija konspiriert zu haben, so dass ihnen Peter reihenweise die Gliedmaßen und Köpfe abhacken lässt. Sechs Tage nach diesem barbarischen Schlachtfest, im März 1697, bricht die Gesandtschaft gen Westen auf, mehr als 250 Leute.

Die Reise dauert 18 Monate und führt über Riga, Königsberg, Berlin, Amsterdam, London, Dresden, Prag und Wien nach Krakau. Dabei lernt er den späteren Preußenkönig Friedrich I., den englischen König William III., der für den russischen Gast eine kleine Seeschlacht inszenieren lässt, und August den Starken kennen, mit dem er ein antischwedisches Bündnis schließt. Im Amsterdam verdingt er sich unter dem Decknamen Peter Michailow bei einer privaten Werft als Zimmermann. Doch schon bald eilen die Bürger herbei, um diese seltsamen Russen zu bestaunen wie Zoo-Tiere. Der impulsive Zar ohrfeigt einen besonders zudringlichen Gaffer. Die Kurfürstin Sophie von Hannover notierte nach Peters Besuch in Coppenbrügge: „In Amsterdam amüsiert sich seine Exzellenz, indem er zusammen mit Matrosen Wirtshäuser aufsucht.“ Und zuvor hatte sie erwähnt: „Ich muss Ihnen sagen, dass er sich in unserer Gesellschaft nicht betrunken hat.“ In Krakau erhält er Kunde vom Zweiten Strelizenaufstand, den seine Leibgarde ohne ihn niederschlug. Dennoch bricht Peter die Reise ab und übt monatelang grausame Rache: 1182 Strelizen werden aufgehängt oder geköpft, fünf von ihm selbst. Auch Jewdokija verdächtigte er der Teilnahme an der Verschwörung und verbannte sie.

„regulieren, policieren, civilisieren“

Damit stand seinen Reformplänen nichts mehr im Weg: er wollte die Modernisierung Russlands nach westeuropäischen Maßstäben. Er kennt nun Mikroskope, Barometer, Münzen und Zahnzangen: „Wir wollen Russland regulieren, policieren, civilisieren.“ Dazu gehörte zunächst die Förderung einer merkantilistischen Wirtschaft durch den Bau von Großbetrieben und die Unterstützung der Gründung privater Manufakturen. 1716 wurde das Spinnrad in Russland eingeführt. Noch ein Jahr vor seinem Tod ordnete Peter  an, dass alle Findelkinder zu Handwerkern und Fabrikanten erzogen werden sollten. In seinem letzten Regierungsjahr gab es etwa 100 Fabriken, darunter einige mit mehr als 3000 Beschäftigten. Wesentlichen Anteil an der Entwicklung der Hüttenindustrie hatte der deutsche Bergbauspezialist Baron von Hennin, der Vorsitzender des Bergkollegiums war. Am Ende der Regierung registriert die Statistik einen ausgeglichenen Staatshaushalt von etwa 10 Millionen Rubel.

Sarkophag hinten rechts. Quelle: Von D.j.mueller (talk) 19:28, 2 July 2008 (UTC) – Selbst fotografiert, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=4313596

Außerdem nahm Peter massenwirksam eine Schere, schneidet etlichen Bojaren die langen Bärte ab und erhebt gar eine Bartsteuer. Wie die Bärte, so lässt er auch die langen hemdartigen Kaftanschöße, Mäntel und Gewandärmel stutzen, verordnet den Städtern praktischere ungarische oder deutsche Kleider, lässt sie auch mal als modisches Muster ans Stadttor hängen. Schließlich schafft er die Unsitte ab, dass der Untergebene bei der tiefen rituellen Verbeugung vor dem Herrscher mit der Stirn den Boden berühren muss. Treue und Diensteifer schätze er mehr als solche Selbsterniedrigung, lässt Peter verlauten. Damit verbunden war die Einführung einer Adelsrangtabelle. Nicht Abstammung und Familien-Nimbus allein sollen über die gesellschaftliche Stellung entscheiden, sondern persönliche Fähigkeiten und Verdienste: Der Dienstadel tritt dem Erbadel zur Seite.

Weitere Reformen betrafen das Militär- und das Bildungswesen: Er führte eine Schriftreform durch und gründete nach langjährigen Gesprächen mit Gottfried Wilhelm Leibniz 1724 die russische Akademie der Wissenschaften. Der julianische Kalender wurde eingeführt, obgleich im restlichen Europa in dieser Zeit bereits langsam der gregorianische Kalender übernommen wurde..  Und nicht zuletzt arbeitete er an der stärkeren Zentralisierung der Verwaltung. So schuf Peter die Bürgermeisterei und richtete einen Senat, der neue Gesetze vorbereitete und die örtlichen und zentralen Organe anleitete, als oberste Verwaltungsinstanz ein. Außerdem entstanden in seiner Regierung die Kollegien, etwa mit den Fachministerien in Westeuropa vergleichbar. Das russische Reich wurde verwaltungsmäßig in acht Gouvernements und etwa 50 Provinzen aufgegliedert. Diese Reformen gingen als Petrinische Reformen in die Geschichte ein und trugen zum Aufstieg Russlands als einer der führenden Mächte in Europa bei.

Während er überkommene Traditionen kappt, holt er zu einem politischen Doppelschlag aus: Im Juli 1700 schließt er im Süden, in Konstantinopel, nach zweijährigem Waffenstillstand, Frieden mit der Türkei – und erklärt im Norden prompt Schweden den Krieg. In diesem Zweiten Nordischen Krieg (1700–1721) konnte er trotz zahlreicher Niederlagen und erheblicher Verluste mit dem Sieg in der Schlacht bei Poltawa 1709 die Kriegswende herbeiführen. Zwischen 1701 und 1706 entwickelt er sowohl eine Form der Taktik der „Verbrannten Erde“, damit der Feind nichts Essbares, nichts Brauchbares mehr findet, als auch die Strategie des Rückzugs ins Landesinnere in Kombination mit gezielten Nadelstichen gegen die Nachschublinien des Feindes. Schon bald dezimieren Hunger, Kälte und Krankheit die schwedische Armee, wie ein Jahrhundert später die Truppen Napoleons. Als die Russen im Mai 1703 die Festung Nyenschanz nahe der Mündung der Newa in den Finnischen Meerbusen erobern, lässt Peter eine neue Festung mitten im Mündungsdelta bauen und tauft den Ort, den er zur Hauptstadt des Landes machen wird, St. Petersburg.

„Vater des Vaterlandes“

1721 finden im schwedisch-finnischen Nystad die Verhandlungen über einen Friedensvertrag statt, sie dauern über drei Monate. Ihr Ergebnis: Schweden tritt Livland, Estland und Ingermanland, die Provinz rund um St. Petersburg, „für ewige Zeiten“ an Russland ab, erhält aber Finnland zurück. Der Friede von Nystad stellt für Peter den „größten Erfolg seines Lebens“ dar, so der Historiker Erich Donnert. Russland ist jetzt die Führungsmacht im nordosteuropäischen Raum. Im Oktober treten in St. Petersburg der Senat und der Heilige Synod zusammen, jene von Peter eingesetzten obersten Instanzen weltlicher und geistlicher Kompetenz, die dem Zaren zuarbeiten wie Ministerien. Sie bitten, scheinbar von sich aus, den Herrscher um die Annahme der Ehrentitel „Vater des Vaterlandes, Allrussischer Kaiser und Peter der Große“. Damit ist er auf dem Höhepunkt seiner Macht.

Festung Peter und Paul. Quelle: Von Alex ‚Florstein‘ Fedorov, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=20479981

Privat erlebte er Höhen und Tiefen. Seit 1712 war er in zweiter Ehe mit einer einfachen Litauerin verheiratet, die an seinem Hof den Namen Katharina Alexejewna angenommen hatte und ihm zwölf Kinder gebar. Andererseits spitzte sich der Konflikt mit seinem Sohn Alexei 1718 zu, den er nicht zum Nachfolger machen wollte. Er ließ ihn nach dessen Flucht über Österreich nach Italien zurückholen, enterbte ihn und machte ihm wegen Hochverrats den Prozess. Alexei wurde zum Thronverzicht gezwungen und zum Tode verurteilt, starb jedoch vor der Vollstreckung am 26. Juni an den Folgen der Folter von 40 Peitschenhieben. August Graf von Platen hat sein Schicksal nicht völlig geschichtsgetreu in die Ballade „Alexius“ (1832) gefasst, August Strindberg in einer Novelle dargestellt. 1722 änderte Peter per Erlass die traditionell praktizierte, von der Reihenfolge der Geburt abhängige Thronfolge ab. Nun konnte der herrschende Regent seinen Nachfolger frei bestimmen, auch von außerhalb der Familie, und einen unwürdigen Nachfolger wieder absetzen. Prompt machte er seine Frau zur Nachfolgerin, die nach seinem Tod als Katharina I. auch die Herrschaft übernahm.

Die dramatische Art, wie er Anfang 1725 das Zeitliche segnet, passt zu seinem turbulenten Herrscherleben: Auf einer Inspektionstour nahe der Newa-Mündung entdeckt Peter ein Boot, das der Sturm auf eine Sandbank geworfen hat. Einige Soldaten, die nicht schwimmen können, kämpfen in der rauen See um ihr Überleben, andere versuchen, den gekenterten Kahn wieder flottzumachen. Peter lässt sich zur Sandbank rudern, ungeduldig springt er schon vor der Sandbank über den Bootsrand, um schneller helfen zu können. Das eiskalte Wasser bekommt ihm schlecht: In der Nacht quälen ihn Fieber und Schüttelfrost, ein notorisches Blasen- und Nierenleiden meldet sich heftig zurück. Scheinbar erholt, gönnt er sich noch auf einem nachweihnachtlichen Fest exzessiven Alkoholgenuss. In der Nacht zum 8. Februar ruft er nach seiner Tochter Anna, der späteren Herzogin von Holstein-Gottorf. Als sie kommt, ist er schon bewusstlos, er stirbt gegen sechs Uhr morgens.

„ein Mann von sehr hitzigem Temperament“

Zu seinen Ehren wurden Denkmale errichtet und mehrere russische Schiffe benannt. Albert Lortzings komische Oper „Zar und Zimmermann“, uraufgeführt 1837 in Leipzig, thematisierte die „Große Gesandtschaft“. Alexej Tolstoi betrachtete 1918/19 in zwei Erzählungen das Wirken des Zaren recht skeptisch. Doch in der Stalinzeit wurde daraus ein mehrbändiger Roman – aus dem 1937 ein Film und als Nebenprodukt ein Kinderbuch und ein Theaterstück erwuchsen –, um „die fortschrittliche Bedeutung der petrinischen Epoche“ zu würdigen. 1986 wurde in den USA ein Vierteiler über sein Leben mit dem Who’s Who der Schauspielerszene gedreht: Neben Maximilian Schell in der „alten“ Titelrolle wirkten Vanessa Redgrave, Omar Sharif, Laurence Olivier, Lilli Palmer und Hanna Schygulla mit.

Denkmal in Petersburg. Quelle: https://www.russlandjournal.de/wp-content/uploads/2014/10/petersburg-denkmal-peter-der-grosse.jpg

Er zivilisierte das Reich durch politische, militärische und alltagskulturelle Reformen und intensivierte durch den Ostsee-Zugang zugleich die Handelsbeziehungen zu allen anderen Großmächten. So war er trotz vieler taktischer Fehler, die der impulsive, launische, vielleicht manisch-depressive Mann machte, ein bedeutender Stratege. Das sah der Marxist – und Widerpart Lenins – Georgi Plechanow ganz anderes: „Mit seiner Europäisierung Russlands führte Peter es zu seinem Ende, zu dem logischen Abschluss unter der Bedingung völliger Hilflosigkeit der Bevölkerung gegenüber dem Staat, was das Charakteristikum einer orientalischen Despotie ist.“ Und für den von Lenin geschätzten Alexander Herzen war Peter I. ein „Despot nach Art des Wohlfahrtsausschusses“, denn „der Umsturz Peters hat aus uns das Schlechteste gemacht, was aus Menschen gemacht werden kann: aufgeklärte Sklaven“.

Wenig nachsichtig urteilte auch Gilbert Burnet, der Bischof von Salisbury: „Die Natur hat ihn eher zum Schiffbauer als dazu bestimmt, ein großer Fürst zu sein … Er ist ein Mann von sehr hitzigem Temperament, der sich leicht ereifert, brutal in seiner Leidenschaft. Dieses sein natürliches Ungestüm steigert er noch durch übermäßigen Alkoholkonsum. Nachdem ich ihn oft gesehen und viel mit ihm gesprochen hatte, blieb mir nichts übrig, als die Unerforschlichkeit der göttlichen Vorsehung zu bewundern, die einem so ungestümen Menschen unumschränkte Gewalt über einen so großen Teil der Welt verliehen hatte.“

Als sein dialektischster Kritiker sollte sich Voltaire erweisen: „Peter schuf Russland. Vor ihm existierte Russland nicht … Zar Peter war ein Barbar, aber immerhin ein Barbar, der Menschen geschaffen, Städte gegründet und Meere durch Kanäle verbunden hat“, schreibt er. „Er hatte große Fehler, aber wurden sie nicht wettgemacht durch die Vielzahl von Plänen, die er für die Größe seines Landes entwarf und von denen er manche verwirklichte? … Er wollte Deutsche und Engländer aus ihnen machen, als es Not tat, Russen aus ihnen zu machen“. Legendär wurden Peters Worte „Wir werden Europa für einige wenige Dekaden brauchen – und danach können wir ihm den Rücken zukehren.“ Das liest sich heute gespenstisch.

Ex-Antifa-Redakteuse Nancy Faeser fällt als Innenministerin bislang nur durch Dekonstruktionen auf: „Telegram“ will sie abschalten, Exkanzler Schröder aus der SPD werfen – und nun „Heimat“ umdeuten.

Meine neue Tumult-Kolume, die gern geteilt werden darf. Viel Spaß beim Lesen.

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