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Herzlich willkommen!

Als AfD-Landtagsfraktionspressesprecher und Freier Journalist für konservative Medien blogge ich unregelmäßig Betrachtungen zu Interessantem und Wissenswertem aus politischer und Alltagskultur. Ich schreibe regelmäßig für „Zuerst“ und habe unter dem Titel „Negerkuss und Nazistuss“ eine eigene Kolumne beim Tumult-Blog.

Als Bildungsbürger kommentiere/rezensiere ich vielerlei kulturelle Phänomene – vom Roman über den Musikergeburtstag bis zum Regisseurstod.

Als Dozent und Mitglied im Landesfachausschuss Bildung informiere ich Sie auf meiner Webpräsenz auch über meine Aktivitäten rings um die Themenkreise Hochschule, Wissenschaft Medien und Kultur.

Und als Mensch lasse ich Sie gern an meinen freizeitlichen Aktivitäten teilhaben, zu denen nicht zuletzt Kochen gehört 😉

Warum gerade Betrachtungen?

Ich empfinde dieses Genre – eine Meinungsdarstellungsform übrigens – als eins der zeitgemäßen schlechthin.

Eine Betrachtung soll durch Beschreibungen und Schilderungen, Vergleiche und Annäherungen bis hin zur Analyse einem Ereignis, einer Situation, einem Gegenstand oder auch einem (gesellschafts-) politischen Problem Individualität verleihen: Recherche darf in gewissem Maße substitutiert werden durch Subjektivität.

Die Betrachtung ist durchaus mit derselben eines Kunstwerks in einer Ausstellung vergleichbar: man wählt zunächst die Gesamtschau und wechselt dann zu einzelnen Aspekten.

Dabei ist dem Genre eigen, dass die Prioritäten dieser Aspekte oft im Vagen bleiben: aus der Betrachtung erwächst ein Gedanke, der das formale Ziel darstellt.

Der Gegenstand darf dabei Randerscheinung eines größeren Zusammenhangs bleiben: „die Bedeutung des Unbeachteten birgt den Kern ihrer Aussage“ (Degen 2004).

Viel Spass beim Lesen – und natürlich beim Kommentieren!

„Och jo“

Natürlich gibt es eine Anekdote, wie er seine bekannteste Trickfilmfigur schuf, und die geht so: 1956 bekam er das Drehbuch zu einer Geschichte über die Flachsverarbeitung für Kinder, das ihm nicht gefiel. Zugleich war er stark von Disney-Filmen beeinflusst: „Niemand konnte Gefühle besser in Gesten und Bilder übersetzen. Und dabei noch lustige Geschichten erzählen. Von ihm habe ich viel gelernt“, sagte er der Süddeutschen Zeitung SüZ. Also suchte er nach einem Tier, das die Leitfigur übernehmen könnte – und stolperte beim Silvesterspaziergang über einen Maulwurfshügel. „Ich wollte eine neue Figur erschaffen, die noch kein anderer gezeichnet hatte“, erinnert er sich. „Natürlich musste ich der Natur noch ein wenig nachhelfen, damit aus einem blinden, grauen Maulwurf eine Figur wird, die Kinder mögen.“ Er habe sie ständig geändert: „Erst hatte er ein Schwänzchen – das habe ich später weggenommen. Dann habe ich die lange Schnauze, die ihn sehr alt gemacht hat, einfach verkürzt. Erst dadurch ist er ein junger, netter Bursche geworden.“

Heraus kam ein charmanter, fröhlicher, schwarzer Geselle mit roter Nase, Kulleraugen, großen Händen und genau drei Haaren namens „Krtek“ oder „Krteček“ (tschech. „Maulwürfchen“), der anfangs noch sprach, später, damit er überall auf der Welt verstanden werden konnte, nur noch seine Emotionen in kurzen Ausrufen ausdrückte. Die lieferten seine beiden Töchter, die die Filme auch zuerst zu sehen bekamen. So konnte ihr Schöpfer prüfen, ob seine Geschichten die Kinder auch begeisterten. „Wenn ich ihnen im Aufnahmestudio sagte: ‚Lacht jetzt!‘, dann haben sie gelacht. Und wie! Das kam immer von Herzen.“ Anders dagegen, als sie weinen mussten: „Da hab ich sie geschimpft.“ Das unnachahmlich-resignierte „Och jo“ vergisst man nie. Die erste, die Flachsgeschichte „Wie der Maulwurf zu seinen Hosen kam“ gewann 1957 auf Anhieb den Silbernen Löwen in Venedig.

Der Meister und sein Krtek. Quelle: https://cdn.prod.www.spiegel.de/images/4d75445e-0001-0004-0000-000000289201_w948_r1.77_fpx65.86_fpy48.97.jpg

Bis 2002 entstanden 63 Maulwurfsfilme, die in über 80 Ländern zu sehen sind. Im Fernsehen der DDR lief er, wie im tschechoslowakischen Fernsehen, in der Sendung Unser Sandmännchen. In der Bundesrepublik wurde die Serie erstmals ab dem Januar 1968 durch Das Erste ausgestrahlt. Später folgten Wiederholungen durch KiKA, WDR, ORF 1 und SRF 1. Der Trickfilmer illustrierte auch 40 Kinderbücher, die sich mehr als fünf Millionen Mal verkauften. Befragt, wie viel von ihm im Maulwurf steckt, antwortete er „100 Prozent… Ich brauchte lange, es zu begreifen, aber wenn ich den Maulwurf zeichne, dann zeichne ich mich selbst.“ Dieser Zeichner heißt Zdeněk Miler und wurde am 21. Februar vor 100 Jahren im böhmischen Kladno geboren.

„Meine Filme brachten gutes Geld“

Zeichnen war von Anbeginn seine Leidenschaft. Seine Großmutter, die mit im Elternhaus unter dem Dach wohnte, „mit Pendeluhr und Bollerofen“, habe ihn stark beeinflusst: „Bei ihr kam ich mir vor wie im Märchen. Sie hat mich immer auf den Schoss genommen und Geschichten erzählt. Eines Tages sagte sie: Heute schauen wir uns mal die Wolken an. Eine sah aus wie ein Haus. Die nächste wie ein Tier. Sie hat mir das Fenster zur Phantasie geöffnet“. Ein Lehrer in der Oberschule riet ihm zur Bewerbung an der staatlichen Graphikschule in Prag. „Aber ich besaß nicht mal einen Bleistift! Also gab er mir eine Krone, damit ich mir im Schreibwarengeschäft einen kaufen konnte. Dann bat ich meine Großmutter, mir Modell zu sitzen. Da saß sie dann drei Stunden und hat sich nicht gerührt.“

Er wurde 1936 angenommen und studierte anschließend von 1939 bis 1942 Photographie an der Kunstgewerbeschule ebenfalls in Prag. Nach der Besetzung durch Deutschland protestierte er gegen die Schließung der Hochschulen: „Einige Studenten sind hingerichtet oder nach Auschwitz deportiert worden. Ich hatte Glück, dass sie mich nicht verhafteten. Als die Nazis in unser Studentenheim kamen, war ich gerade nicht da.“ Ihm wurde 1942 eine Stelle als Zeichner im Zeichentrickstudio des Baťa-Konzerns im mährischen Zlín angeboten, wo er sein Handwerk von der Pike auf lernte und sich auf Animationsfilme spezialisierte. Das Studio wurde dann von den Deutschen übernommen: „Wir mussten fortan Märchenfilme für Deutschland produzieren, ‚Fritz und Fratz‘ zum Beispiel. Der deutsche Direktor war ein guter Mensch. Er befand, ich wäre unabkömmlich im Studio. Er und ‚Fritz und Fratz‘ haben mir vielleicht das Leben gerettet.“

Fritz und Fratz-Episode. Quelle: https://film-assets.ushmm.org/fvthumbs/FV2683_RG604355.01.01.jpg

Nach dem Zweiten Weltkrieg wechselte er zur Prager Zeichentrickfirma Bratři v triku und arbeitete zunächst als Zeichner tschechischer Märchen, Regisseur und Autor. Später wurde er Direktor der Firma und zeichnete ab 1957 die Filme mit dem kleinen Maulwurf, die ihn international bekannt machten. „Ich bin natürlich in die kommunistische Partei eingetreten. Damals herrschte noch ein großer Idealismus unter uns jungen Leuten. Aber das ging nicht lange gut. Irgendwann haben sie mich aus der Partei geworfen, und ich war froh, dass ich draußen war. Gott sei Dank war ich mittlerweile fast unantastbar geworden, weil der Maulwurf international immer erfolgreicher wurde. Meine Filme brachten gutes Geld ins Land“, befand er in der SüZ. Eine große Rolle kam dabei dem WDR zu, der seit 1972 Filme für die „Sendung mit der Maus“ bestellte; „Pauli“ hieß hier manchmal die Figur. „Aus diesem Grund durfte ich auch hin und wieder nach Köln reisen. Es fuhr natürlich immer ein Genosse mit, um mich zu bewachen.“

Um die Hauptfigur wuchs eine ganze Familie von Freunden wie der Hase, der Igel und die Maus, die in viele gemeinsame Abenteuer schlitterten und sich gegenseitig halfen. Zoff à la „Tom und Jerry“ hatte in Milers Streifen keinen Platz. In den Filmen wird dem Leben in der Natur auch die Umwelt in der Stadt gegenübergestellt sowie dem naiv-kindlichen Leben der Tiere der Alltag der Menschen. „Ich glaube, Kinder lieben den Maulwurf, weil er eine Frohnatur ist, die nichts umwerfen kann. Er steht für die Freundschaft und die Liebe zur Natur. Er steht dem Leben positiv gegenüber, schaut immer nach vorne. Zuversicht und Vertrauen sind ein guter Leitfaden fürs Leben“, sagte er später. Die Geschichten stammten mal von Miler selbst, mal von bekannten Schriftstellern wie dem Kafka-Preisträger Ivan Klima („Liebe und Müll“), der zwischen 1969 und 1989 nur im Ausland publizieren durfte. Die Musik wurde von Miloš Vacek, ab 1974 von Vadim Petrov komponiert. Von seinem Verdienst leistete sich Miler ein kleines Häuschen in einem Prager Villenviertel.

„Es ist genug“

Zuletzt entstand 2002 ein Zeichentrickfilm in Spielfilmlänge, der eine Zusammenstellung aus den ersten zwölf Folgen des kleinen Maulwurfs ist. Dass es keine Gefährtin für Krtek gab, begründete Miler mit dem Alter seines Publikums: „Das hätte die Geschichten nur verkompliziert. Kinder wollen es nicht kompliziert.“ Nach 74 Jahren hauptberuflichen Zeichnens legte er den Stift aus der Hand. „Es ist genug. Meine älteste Tochter macht vielleicht weiter. Sie hat schon ein Maulwurf-Buch veröffentlicht, nach meinen Vorlagen. Letztens waren Japaner hier und haben mir viel Geld geboten, wenn sie eine Geschichte mit meinem Maulwurf machen dürften, womöglich computeranimiert. Ich habe abgelehnt.“ Angesichts millionenschwerer Hochglanzanimationen von „Ice Age“ bis „Findet Nemo“ wirken seine handgemalten zweidimensionalen Figuren zumeist in den kontrastreichen Grundfarben wie liebenswerte Relikte einer guten alten Zeit, die nostalgische Sehnsüchte bedient.

Episode als Buch. Quelle: https://images.booklooker.de/x/018hB4/Zdenek-Miler+Der-Maulwurf-und-die-Rakete.jpg

Am 28. Oktober 2006 wurde Miler vom Staatspräsidenten Václav Klaus die tschechische Verdienstmedaille als Ehrung für sein Lebenswerk verliehen. Er wird mit den Worten zitiert, dass ihm die Feinfühligkeit eines kleinen Maulwurfs bei weitem näher sei als die Schroffheit einer Familie Simpson. Einer seiner größten Fans war der amerikanische Astronaut Andrew Feustel, dessen Frau tschechische Vorfahren hat. Er überreichte Miler 2011 eine Plüschfigur des kleinen Maulwurfs, mit der er im Mai an Bord der Raumfähre Endeavour ins Weltall geflogen war. Der sichtlich erfreute Erfinder, übrigens ein großer Verehrer von Rene Magritte, bedankte sich mit einer gerahmten Zeichnung. „Das hätte ich mir nie vorstellen können“, sagte er. Auf der Internationalen Raumstation sei der Maulwurf die meiste Zeit umhergeschwebt, beschrieb Feustel den Flug mit der Plüschfigur. „Auf dem Rücken hatte er aber auch einen Klettverschluss, damit die Astronauten ihn, wenn nötig, an der Wand befestigen konnten“, sagte der Geophysiker, der zweimal im All war – übrigens 46 Jahre nach der Episode „Der Maulwurf und die Rakete“, in der ihn sein Schöpfer bereits einmal ins All geschickt hatte.

Feustel bei Miler – mit Weltraummaulwurf. Quelle: https://media0.faz.net/ppmedia/aktuell/1867354767/1.1547488/width610x580/der-amerikanische-astronaut.jpg

„Ich wollte immer Bücher und Filme für Kinder machen, dabei wusste ich erst gar nicht, wie das geht. Man muss ja jede Geschichte auf die denkbar einfachste Art erzählen. Wie der Maulwurf ankam, habe ich anfangs gar nicht wahrgenommen. Erst als ich dann im Kino miterlebt habe, wie die Kinder lachen, wie sie mitgehen, wusste ich, dass ich auf dem richtigen Weg bin“, sagte er rückblickend. Die letzten Jahre lebte Miler in einem Seniorenwohnheim nahe Dobříš und starb dort am 30. November 2011. „Mit Zdenek Miler verlieren wir nicht nur den Vater des kleinen Maulwurfs, sondern auch einen ganz Großen des Europäischen Trickfilms und einen überaus warmherzigen Menschen“, teilte Monika Piel mit, die damalige WDR-Intendantin. „Seine Geschichten berühren uns heute wie damals gleichermaßen. Viele Erwachsene von heute verbinden mit ihm ein Stück Kindheit.“ Eine Kindheit, die unverlierbar ist.

19 Ja-Stimmen bei 2 Enthaltungen – mit diesem Ergebnis hatte sich vor zwei Jahren die aus Schülern, Lehrern und Eltern bestehende Schulkonferenz des Wuppertaler Wilhelm-Dörpfeld-Gymnasiums dafür ausgesprochen, seine Statue der griechischen Göttin Pallas Athene nicht mehr vor der Schule behalten zu wollen. Kein Wunder, ist das Gymnasium doch Bestandteil des Netzwerks „Schulen ohne Rassismus – Schulen mit Courage“. Allerdings stehen sowohl die Skulptur von 1957 als auch ihr Sockel seit 1997 unter Denkmalschutz: Nicht nur darum hatte die nichtöffentlich tagende städtische „Kommission für eine Kultur des Erinnerns“ einstimmig gegen eine Entfernung des Werkes votiert.

Bei einer Podiumsdiskussion Mitte Dezember 2019 lautete also die Frage: „Darf eine Skulptur eines von den Nationalsozialisten gefeierten Künstlers weiter im öffentlichen Raum stehen, zumal vor einer Schule, oder sollte sie entfernt werden?“ Die parteilose Kultusministerin Isabel Pfeiffer-Poensgen platzte mit ihrer Empfindung heraus, wie hässlich diese Skulptur sei. Lehrer und Schüler argumentierten, sie passe schlicht nicht mehr zum neu gestalteten baulichen Ensemble: „Da wirkt diese kriegerische Figur einfach fehl am Platz.“ Sie hat nämlich einen Helm auf dem Kopf und einen Speer in der Hand, der sogar nach unten zielt, also auf diejenigen, die auf sie zugehen. Laut Schulleiterin Claudia Schweizer-Motte seit es für die Schüler und Lehrer schwierig, täglich am Werk eines NS-Künstlers vorbeigehen zu müssen.

Felix Krämer, Generaldirektor des Museums Kunstpalast in Düsseldorf, berichtet auf dem Podium, dass es interessanterweise kaum andere Athenen gebe, die in dieser kriegerischen Funktion gezeigt werden. Eine habe er aber doch ausfindig machen können, dabei handle es sich bezeichnenderweise um ein faschistisches Denkmal aus dem Jahr 1932 in Italien. Kein Wunder, ist sie doch unter anderem die Göttin des Kampfes, auch der Kriegstaktik und der Strategie; sie fungierte als Palast- und Schutzgöttin der mykenischen Herrscher sowie des Odysseus und  führte Perseus bei der Enthauptung der Medusa. Einige Schüler betonten, sie sähen in der Skulptur kein heroisches, sondern vielmehr ein humanistisches Menschenbild verkörpert, sie fühlten sich eher beschützt als bedroht.

Arno Breker. Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Arno_Breker#/media/Datei:Arno_Breker_Atelier_Duesseldorf_(1972).jpg

Brigitte Franzen, Vorstand der Peter-und-Irene-Ludwig-Stiftung, machte nun drei Vorschläge, wie man mit der Plastik umgehen sollte: sie mittels einer Tafel kommentieren bzw. die bereits bestehende Tafel aktualisieren, die Skulptur ins Museum bringen und dort kommentieren, oder, als letzte Möglichkeit, sie um einen künstlerischen Kommentar ergänzen. Dieser Vorschlag setzte sich schließlich durch. Wer der neue Künstler sein wird, ist noch offen. Jener der Athene dagegen, den der Mitbegründer der Wiener Schule des Phantastischen Realismus, Ernst Fuchs, einst als „wahren Prophet des Schönen“ bezeichnete, ist weltbekannt: Arno Breker. Vor 30 Jahren, am 13. Februar 1991, starb er in Düsseldorf.

„Vorbereitung auf die monumentale Arbeit“

Seine Berufung war ihm durchaus in die Wege gelegt: Vater des am 19. Juli 1900 in Elberfeld geborenen ältesten Kindes der Familie war der Steinmetz und Grabmalkünstler Arnold Breker. Nach vier Jahren Steinbildhauerlehre und dem Besuch der Kunstgewerbeschule in Elberfeld begann er 1920 ein fünfjähriges Studium an der Kunstakademie Düsseldorf. Kurz vor Ende desselben reiste er erstmals nach Paris, wo er nach einer Nordafrikareise 1927, von der er seine erste Lebensgefährtin, die Griechin Demetra Messala („Mimina“) mitbringt, seinen Wohnsitz nimmt. Er freundet sich mit vielen Künstlern an, darunter Picasso, Jean Cocteau und Man Ray, und entwickelt ein Gussverfahren der „reinen Form“ ohne Oberflächenunebenheiten, das für die idealisierende Typisierung des Schaffens im Nationalsozialismus stilprägend wird.

Die Verbindung nach Deutschland riss jedoch nicht ab, etwa durch Aufträge für eine Großplastik für die Matthäikirche in Düsseldorf und für das Denkmal Röntgens in Remscheid; zudem hatte er Ausstellungen. 1932 erhielt er den Rom-Preis der Preußischen Akademie der Künste nebst einem Stipendium bis Mai 1933 in der „Villa Massimo“. Seine Zeit in Rom sah Breker selbst als „Vorbereitung auf die monumentale Arbeit großen Ausmaßes, die mich erwartete“. Es folgten weitere italienische Studienaufenthalte in Florenz und Neapel, die seine sogenannte „klassische Periode“ zur Zeit des Nationalsozialismus beeinflussen sollten.

Der Sieger. Quelle: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Arno_Breker_Der_Sieger_(1939).jpg

1934 übersiedelte er nach Berlin, nimmt 1935 an der Ausstellung der „Berliner Secession“ teil und 1936 an der Olympischen Kunstausstellung, wo er beim Plastik-Wettbewerb die Silbermedaille des Internationalen Olympischen Komitees für die Statuen „Zehnkämpfer“ und „Die Siegerin“ erhält. Zuvor als „dekadenter Franzose“ kritisiert, der vor allem Porträtaufträge von Industriellen, Militärs oder auch Künstlerkollegen ausführte, erlangt er so höchste offizielle Aufmerksamkeit und darf für die Weltausstellung in Paris Skulpturen für den Deutschen Pavillon fertigen. Mit der Staatsdoktrin der stilistischen Orientierung an der Antike, an die sich Breker anlehnt, schienen den Nationalsozialisten in Brekers Figuren die ästhetischen Ideale des „gesunden, arischen Menschentyps“ verwirklicht, ja als „gestaltete Gesinnung, formgewordene Weltanschauung“, als richtungweisend für den „neuen deutschen Stil“ proklamiert.

Rückblickend bezeichnete Breker selbst das Jahr 1936 als „Wendepunkt“ seiner Existenz. In der Folgezeit wurde er von der NS-Propaganda vereinnahmt, zum „bedeutendsten deutschen Bildhauer der Gegenwart“, gar zum Vorkämpfer der nationalsozialistischen Revolution stilisiert, schienen seine monumentalen Figuren doch hervorragend geeignet, den Kampf des „Neuen Reiches“ gegen die „Verfallserscheinungen“ in Kunst und Gesellschaft insgesamt visuell fassbar zu machen. 1937 trat er der NSDAP bei, heiratete Demetra, wird Professor einer Bildhauerklasse an der Hochschule für Bildende Künste in Berlin und erhält bis 1944 in Zusammenarbeit mit Albert Speer zahlreiche Staatsaufträge. Auf ausdrücklichen Wunsch Hitlers, mit dem er auch in persönlichem Kontakt steht, wird er für den Ausbau Berlins als geplante Welthauptstadt „Germania“ tätig. Hierfür wird ihm ein eigenes Großraumatelier in Berlin-Dahlem errichtet, das heute das „Kunsthaus Dahlem“ beherbergt.

Die Hoheitszeichen am Berliner Finanzministerium, Steinreliefs am Gebäude der Nordstern-Lebensversicherung in Berlin-Schöneberg, der figürliche Schmuck am Hauptportal der Deutschen Versuchsanstalt für Luftfahrt Berlin-Adlershof und die Plastik „Der Flieger“ für das Hauptgebäude der Dresdner Luftkriegsschule entstanden, später die Monumentalfiguren „Partei“ und „Wehrmacht“ für den Ehrenhof der Neuen Reichskanzlei sowie viele Figuren und Reliefs für „Germania“. 1939 schlägt er ein Arbeitsangebot Stalins aus. 1940 erhielt Breker als erster bildender Künstler den Mussolini-Preis der Biennale in Venedig, ein Jahr später wurde er Vizepräsident der Reichskulturkammer der Bildenden Künste. Zu seinem 40. Geburtstag schenkte ihm Hitler das ehemalige Rittergut Jäckelsbruch in Eichwerder bei Wriezen in „dankbarer Anerkennung seiner schöpferischen Arbeit im Dienste der deutschen Kunst“.

„Harte Zeit, starke Kunst“

Hier wurden Mitte 1941 die „Steinbildhauerwerkstätten Arno Breker GmbH“ mit Gleisanschluss und Kanalhafen gegründet – eine Einrichtung des Generalbauinspektors, die es Speer ermöglichte, Aufträge jedweder Größenordnung ohne Genehmigungsverfahren direkt an Breker zu vergeben. In den Werkstätten entstanden Bildhauerarbeiten für die Neugestaltung Berlins und für das Parteitagsgelände in Nürnberg. Gegen Ende des Krieges wurden bis zu 50 Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter für Arbeiten an den Figuren eingesetzt, etwa bei der Vervielfältigung der „Hitler-Büste“ von 1941. Daneben hatte er viele Ausstellungen, darunter auch im Vichy-Paris, und wurde 1944 an der Preußische Akademie der Künste Vorsteher eines Meisterateliers, Mitglied des Akademiesenats und von Hitler selbst in die Sonderliste der Gottbegnadeten-Liste mit den „unersetzlichen Künstlern“ aufgenommen, was für ihn die Freistellung vom Kriegsdienst bedeutete. Zugleich drehte die Riefenstahl-Film GmbH den Dokumentarfilm „Arno Breker – Harte Zeit, starke Kunst“.

Breker mit Meyfarth. Quelle: https://www.meaus.com/109-breker-and-meyfarth.JPEG

Nach Ende des Zweiten Weltkriegs, dem rund 90 Prozent seines Werks zum Opfer fielen, zieht Breker ins bayrische Wemding. 1948 wird er trotz seiner privilegierten Stellung bei der „Entnazifizierung“ als „Mitläufer“ eingestuft, da er sich mehrmals und nachweislich für Verfolgte des Regimes wie Pablo Picasso eingesetzt hat, den er vor dem KZ bewahrte. Peter Suhrkamp verdankt ihm gar sein Leben, da er unter dem dringenden Verdacht des Widerstandes gegen Adolf Hitler inhaftiert worden war. Breker hatte Suhrkamp im Gefängnis besucht und sich bei Albert Speer und Hitler erfolgreich für die Entlassung des Verlegers eingesetzt.

1950 kehrt er nach Düsseldorf zurück, beteiligt sich als Architekt am Wiederaufbau und bezieht das frühere Atelier des Tierbildhauers Josef Pallenberg. 1956 starb seine Frau, zwei Jahre später heiratete er die 26 Jahre jüngere Charlotte Kluge, mit der er dann zwei Kinder hatte. Er erhielt zwar kaum noch öffentliche, jedoch zahlreiche private Aufträge, für die er angeblich Gagen von bis zu 150.000 Mark bezog. Er porträtierte Rudolf-August Oetker und Gustav Schickedanz, Konrad Adenauer und Ludwig Erhard, Salvador Dalí und Ernst Jünger und viele andere. Dali sagte über seinen Freund: „Gott ist die Schönheit und er sein Prophet.“ Über die Freundschaft beider mit Ernst Fuchs, genannt „Goldenes Dreieck“, sagte Dalí: „Breker-Dalí-Fuchs. Man kann uns wenden wie man will, wir sind immer oben.“ Daneben arbeitete Breker als Architekt, darunter bei der Gestaltung der Gerling-Konzernzentrale in Köln, die wegen ihres monumentalen Charakters von der Bevölkerung schon bald „Kleine Reichskanzlei“ genannt wurde, und errichtet 1960 erneut ein Atelier in Paris.

Breker behielt seine Vorliebe für Porträtbüsten und athletische, meist männliche Körper, wobei der das Element der vollendeten Form wieder aufnahm. Bis in die 1980er Jahre arbeitete er, der nach eigenen Angaben „von Muskeln nie genug kriegen“ konnte, nach Sportlermodellen wie der Hochspringerin Ulrike Nasse-Meyfarth und dem Zehnkämpfer Jürgen Hingsen, der als „griechischer Apoll“ verewigt wurde. 1981 beteiligt sich Breker mit einem Entwurf an der Ausstellung „Paris 1937-47“, den er aufgrund massiver Proteste zurückziehen muss, woraufhin er sich deutlich vom Nationalsozialismus distanziert. Dennoch blieb ihm der Vorwurf fehlender Reue anhaften. 1985 eröffnete die Familie von Brekers Kunsthändler Joe F. Bodenstein in Schloss Nörvenich bei Köln das „Museum Arno Breker – Sammlung Europäische Kunst“. Bereits 12 Jahre vor seinem Tod gründete sich in Deutschland die Arno Breker Gesellschaft, acht Jahre vor seinem Tod zog die USA mit der Arno Breker Society International nach.

Brekers Büsten von Ernst Jünger, Ezra Pound und Salvador Dali. Quelle: https://www.meaus.com/94-junger-pound-dali.JPEG

Auch nach seinem Tod wurde er als „Lieblingsbildhauer Hitlers“ gleichermaßen verehrt wie gescholten; sein Kölner Grab war im Oktober 2018 geschändet worden. Breker fühlte er sich als ein Bewahrer der christlich-abendländischen Kultur hellenistischer Prägung. Dieser Mission widmete er sein gesamtes meisterliches Schaffen. Er verstand sich selbst als „Bildhauer des Dreiklangs der Schönheit von Körper, Geist und Seele“ (1932), pathetisch könnte man auch die Verherrlichung des Menschen in der bildenden Kunst nach dem – vollkommenen – Ideal der Schöpfung unterstellen. Obwohl er zeitlebens hochumstritten war, konnte ihm niemand seine künstlerisch-ästhetische Begabung absprechen: Für Aristide Maillol ist er der „Michelangelo des 20. Jahrhunderts“.

Seine Kultshow „Zwischen Frühstück und Gänsebraten“ geht auf seine Frau zurück, berichtete Tochter Petra im MDR. „Das war am ersten Weihnachtsfeiertag 1956. Meine Mutter kochte perfekt, alles duftete herrlich und mein Daddy war zuhause und wuselte in der Küche herum. Er musste ja hier und da mal was naschen. Irgendwann ist ihr dann der Kragen geplatzt und sie sagte: Mensch, mach Du doch eine Sendung, so zwischen Frühstück und Gänsebraten. Dann hast Du zu tun und ich habe meine Küche für mich. Das war es“. Die 1957 erstmals ausgestrahlte Matinee, stets angekündigt als „bunter Weihnachtsteller mit viel Musik und Humor“, war aber eigentlich eine heimelige TV-Show wie jede andere.

Die Moderatorin, Schauspielerin und Sängerin Margot Ebert war zur Premiere Anfang Dreißig, er selbst Mitte Dreißig. Beide begrüßten ihre Zuschauer noch, als sie im Rentenalter waren. In den ersten Jahren kam die Sendung live aus dem Friedrichstadt-Palast, später wurde die Weihnachtsstimmung vorab hergestellt, etwa im Dresdner Kulturpalast. Doch die harmonische Eintracht vor der Kamera war gespielt. Die Spekulation über das Verhältnis zwischen den Gastgebern war fast so beliebt wie ihre Sendung. Tatsächlich fühlte sich Margot Ebert, die nicht nur moderierte, tanzte und sang, sondern in der Show auch ihre eigenen Gedichte vortragen wollte, von ihrem dominanten Partner immer stärker unterdrückt.

Doch der Gegendruck von außen war groß: Als er in der 20. Ausgabe bekannt gab, dies sei seine letzte, klingelte noch während der Sendung das Telefon in der Fernsehzentrale Adlershof: Die SED-Parteispitze, die selbst gern eherne Traditionen zelebrierte, wünschte sich dringend eine Fortsetzung. Natürlich auch die Zuschauer. 1984 dann spielte Margot Ebert nicht mehr mit und ließ ihn vorm Tannenbaum allein. Auch diesmal beschworen viele Zuschauer die Moderatorin, so dass sie im folgenden Jahr zurückkehrte und beide noch bis 1991 das traditionelle Kommando 20 Minuten vor Show-Ende, so kurz nach halb eins, gaben: „Kartoffeln aufsetzen!“ Klöße waren auch gemeint. Und Hunderttausende Familienmütter taten wie geheißen.

Quermanns Autogrammkarte. Quelle: https://i.ebayimg.com/images/g/J2cAAOSwX~heiaYt/s-l1600.jpg

Der Redakteur, Regisseur, Conférencier, kurz Entertainer hat daneben zwölf Revuen im Friedrichstadtpalast Berlin, 15 Pressefest-Tourneeprogramme, insgesamt rund 2.500 Sendungen in Rundfunk und Fernsehen der DDR sowie rund 7.500 Veranstaltungen gestaltet. „Schlaf brauchte mein Vater nur wenig. Drei bis vier Stunden reichten ihm. Dafür konnte er überall, wo er gerade war, ein Nickerchen halten, notfalls auch kurz vor der Probe schräg hinter der Bühne“, erinnert sich Petra. Ihren Vater beschreibt sie als „wahres Arbeitstier“. Der große Strippenzieher der DDR-Unterhaltungskunst landete nach der Wende als erster Ossi im Wachsfigurenkabinett des Berliner Panoptikums am Kurfürstendamm: Heinz Quermann.  Am 10. Februar 1921 kam er in Hannover als Bäckersohn zur Welt.

mit Gartengeräten jonglieren

Nach dem Besuch der Volksschule begann er 1936 eine Bäckerlehre und erhielt daneben Violin- und Schauspielunterricht. 1939 legte er zusammen mit einem gewissen Theo Lingen die Schauspielprüfung ab und hatte Engagements an Theatern in Bernburg, Magdeburg und Köthen. Anfang Juli 1945 machte ihn der sowjetische Stadtkommandant zum Intendant des Theaters in Köthen. Ab 1947 war er Leiter der Abteilung Unterhaltung beim Mitteldeutschen Rundfunk Leipzig, außerdem Redakteur und Sprecher; und ab 1953 Mitarbeiter des Staatlichen Rundfunkkomitees in Berlin, Hauptabteilung Unterhaltung. Er entwickelt sich in mehreren Sendeformaten zu einem beliebten Conférencier. So war er ab 1953 Moderator der Schlagerlotterie, ab 1955 von Da lacht der Bär, die später zur ersten DDR-Fernsehshow wurde, ab 1957 des Amiga-Cocktail und ab 1958 der Schlagerrevue, der laut Guinnessbuch mit 36 ¼ Jahren und 1731 Ausgaben langlebigsten Rundfunk-Hitparade der Welt. Ab 1962 war er Arbeitsgruppenleiter beim DDR-Fernsehen.

Als sein größtes Verdienst gilt die Sendung „Herzklopfen kostenlos“, die von 1958 bis 1973 lief. Im Westfernsehen gab es allerdings bereits seit 1953 eine ähnliche Sendung: Peter Frankenfelds „Wer will, der kann. Die große Talentprobe für jedermann“, von der sich Quermann durchaus inspirieren ließ. Eigentlich hatte er mit seiner neuen Sendung nur ein paar neue Gesichter für das Fernsehpublikum entdecken wollen, doch die Parade der jungen Talente wurde schnell populärer als alle anderen Unterhaltungssendungen des DDR-Fernsehens und bekam alsbald einen der begehrten Sendeplätze am Samstagabend. Quermann, der sich in seiner Rolle als leutseliger „Talentevater des Ostens“ sehr gefiel, gab in seiner neuen Show Laienkünstlern aller Art eine Bühne – Schlagersängern, Kabarettisten, Rezitatoren, Instrumentalisten und Schauspielern. Hauptsache, sie hatten etwas Unterhaltsames zu bieten.

„Zwischen Frühstück und Gänsebraten“ mit Margot Ebert und Heinz Quermann 1991 zum 35. und letzten Mal. Quelle: https://pics.freiepresse.de/DYNIMG/43/23/6154323_M650x433.jpg

Und das Publikum fieberte mit, wenn zwei Schlosser waghalsige artistische Nummern boten, ein Siebenjähriger Brahms spielte, eine Kellnerin sich als Kabarettistin versuchte, Soldaten im Chor sangen und Landwirtschaftslehrlinge mit Gartengeräten jonglierten. Quermann stieg gewissermaßen zum obersten Talentförderer in Sachen Unterhaltung auf. In allen Bezirken und Kreisen der DDR suchten hauptamtliche Kulturarbeiter nach geeigneten Kandidaten für seine Sendung. In den mehr als 1.000 Kulturhäusern der Republik trafen sie gemeinsam mit Vertretern von Jugendorganisationen und der Einheitsgewerkschaft eine Vorauswahl. Quermann selbst tourte mit seinem Stab rastlos durchs Land und sichtete – nur die Besten sollten schließlich eine Chance bekommen.

Und tatsächlich entging Quermann in diesen Jahren kaum ein junges Talent. Fast alle, die in den 1970er- und 1980er-Jahren zur Prominenz der DDR-Unterhaltung gehören sollten, waren von ihm entdeckt worden: Frank Schöbel, Regina Thoss, Monika Herz, Wolfgang Ziegler oder Dagmar Frederic. Auch Veronika Fischer hatte ihren ersten Fernsehauftritt in „Herzklopfen kostenlos“. Und selbst Punklady Nina Hagen pries im Jahr 2000 den Talentvater Heinz Quermann als ihren „Entdecker“. 1973 wurde die Sendung modernisiert und hieß fortan „Heitere Premiere“. Quermann moderierte nicht mehr, hielt im Hintergrund aber bis zur letzten Sendung 1990 alle Fäden in der Hand – er schrieb die Drehbücher und bestimmte, wer auf die Bühne durfte. Karel Gott soll er mal im Scherz prognostiziert haben: „Junge, du kannst ja richtig singen. Aus dir wird nie ein Schlagersänger!“

„Tschüss und Winke Winke“

Einmal im Jahr zeichnete er auf dem Gelände des DDR-Staatszirkus in Hoppegarten die „Nacht der Prominenten“ auf – das Pendant zur westdeutschen Show „Stars in der Manege“, wo sich Promis in anderen Unterhaltungsgenres mal besser, mal schlechter beweisen sollten. Zu Quermanns großen Coups zählte, die Darsteller der im Osten sehr populären dänischen Klamaukreihe „Olsenbande“ dafür zu engagieren, allen voran Egon Olsen alias Ove Sprogoe. „Mit Geld war das natürlich nicht zu bezahlen“, blickt Petra Quermann zurück. Die Mimen wünschten sich russischen Kaviar, der auch in Dänemark unerschwinglich teuer und damals schwer zu bekommen war. Also ließ Quermann seine Kontakte zur DDR-„Delikat“-Kette spielen und lieferte die wertvolle Fracht, 40 Döschen Malossol-Kaviar, beim dänischen Künstleragenten im Ostberliner Palast-Hotel ab.

Quermann auf dem Kongress der Unterhaltungskunst am 1.3.89 in Berlin mit Kurt Hager und DDR-Stars, darunter Michael Hansen, Barbara Kellerbauer, Ines Paulke und Dagmar Frederic. Quelle: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/0/07/Bundesarchiv_Bild_183-1989-0301-031%2C_Berlin%2C_Kongress_der_Unterhaltungskunst.jpg

Seine Lieblingsrolle war aber eher unscheinbar: Die Darstellung der „Märchenomi“ in der Sendung „Mit Lutz und Liebe“ mit Lutz Jahoda. Die umgestrickten Märchen enthielten so manche Kritik am Ost-Alltag. Doch Quermann, in der DDR nie in der Einheitspartei SED, sondern sehr früh Mitglied der liberaldemokratischen LDPD, beherrschte den schwierigen Spagat zwischen Unterhaltungskunst und Partei-Lenkung. Andere konnten das nicht so gut und wurden knallhart fallengelassen, etwa der Conferencier O.F. Weidling. Nach dem Kunstpreis der DDR 1959 erhielt er 1977 den Nationalpreis und 1986 gar den Vaterländischen Verdienstorden.

Privat legte der Kreative Wert auf Ruhe, gefiel sich vor und nach dem Dienst dagegen als Schnellfahrer. Noch mit knapp 80 musste er seinen Führerschein abgeben, weil er auf einer 80er Strecke mit 122 km/h geblitzt wurde. Seine Ehe mit der Rundfunksprecherin Ruth Peter, mit der er Tochter Petra bekam und die bereits 1994 starb, verlief unspektakulär. Er war Ehrenmitglied der 1. Köthener Karnevalsgesellschaft. 1996 veranstalteten mehr als 40 seiner „Zöglinge“ aus der Schlager-Szene eine vierstündige Gala in der Schwarzenberger Waldbühne und sangen ein Abschiedsständchen unter dem Titel „Das gibt’s nur einmal“. Die Liste der Darsteller war ein „Who’s who“ des DDR-Schlagers.

„Palim Palim“ mit Hallervorden und Gerhard Wollner. Quelle: https://www.bz-berlin.de/data/uploads/2015/09/142621448_0eb2a0c65a-768×432.jpeg

2000 erhielt er die „Goldene Henne“ für sein Lebenswerk. Zuletzt hatte Quermann Herzprobleme und litt an Demenz. Der unbestrittene Schlagerpapst, der sich immer mit einem fröhlich-väterlichen „Tschüss und Winke Winke – Ihr Heinz der Quermann“ von seinem Publikum verabschiedete, sagte am 14. Oktober 2003 in Berlin endgültig Tschüss. Vier Jahre später erklärte Dieter Hallervorden, er habe mit Heinz Quermann häufiger Sketche und Witze ausgetauscht. Den Sketch „Flasche Pommes Frites“, auch bekannt als „Palim-Palim“, will er ihm für ungefähr 500 Westmark abgekauft haben.

Es waren nicht nur Sätze von bemerkenswerter Klarheit, die Kanzlerin Angela Merkel (CDU) Ende Januar in der Bundespressekonferenz formulierte. Die promovierte Physikerin gab mit diesem Statement offenkundig bedenkenlos zu, dass für sie Wissenschaft nicht (mehr?) wertfrei und objektiv, sondern ideologisch subjektiv aufgeladen ist: „Es gibt in dem ganzen auch politische Grundentscheidungen, die haben mit Wissenschaft nichts zu tun. Mit der Einladung von bestimmten Wissenschaftlern wollen wir auf bestimmte Fragen, die uns interessieren und die nicht politischer Natur sind, Antworten bekommen.“

Genau dies war und ist der Vorwurf von Kritikern, dass eben nur „bestimmte“ Wissenschaftler mit Antworten auf „bestimmte“ Fragen gehört werden und deshalb „bestimmte“ Antworten und „bestimmte“ Entscheidungen herauskommen. Prompt warf der Bundesverband mittelständische Wirtschaft der Bundesregierung vor, sich in der Corona-Krise einseitig beraten zu lassen. Es fehle ökonomischer Sachverstand, sagte Bundesgeschäftsführer Markus Jerger dpa. Bei einem Expertengespräch vor Beratungen von Bund und Ländern sei keiner der fünf „Wirtschaftsweisen“ dabei gewesen, sondern vor allem Virologen. Der nichteingeladene Virologe Henrik Streeck wiederum verkündete in der FAZ stracks: „Die Entscheidungen sind politisch, nicht wissenschaftlich“ – und bestätigte damit Merkel von der entgegen gesetzten Seite der Argumentation.

Die räumte mit ihren Äußerungen faktisch ein, dass ihr Kurs nicht alternativlos ist – dass sie sich aber gegen die Alternative entschieden habe und nur mehr mithilfe von Zirkelschlüssen regiert: Man hat eine politische Linie, lädt nur solche Berater ins Kanzleramt, die diese Linie stützen, und erklärt dem Bürger, die politische Linie werde ja durch die Berater gestützt. Es ist nicht völlig klar, ob man damit vor allem das Volk täuschen will oder sich selbst oder beides – das war ein vollständiger intellektueller Offenbarungseid. Das befand selbst FDP-Urgestein Wolfgang Kubicki auf Facebook: „Dass sich die Bundeskanzlerin … lieber von selbst ausgewählten Beratern bestätigen lässt, zeigt, dass sie nicht mehr nach dem besseren Weg sucht, sondern den einmal eingeschlagenen Weg durchbringen will. Koste es, was es wolle.“

Merkel vor der BPK. Quelle: https://www.bundesregierung.de/resource/image/1780820/16×9/990/557/c728effa2d94b66083ffde49415279fd/Is/2020-08-28-merkel-sommer-pk.jpg

Der wie üblich medial kaum beachtete Vorgang kann gar nicht laut, oft und drastisch genug kommentiert werden, zeigt er doch, dass seit spätestens 2015 nicht nur das Recht, sondern auch die Wissenschaft massiven Verwerfungen ausgesetzt ist. Corona wirkte insofern wie ein Brennglas, das entzündete, was schon seit längerem in der „scientific community“ schwelt: die ideologische Zurichtung von Erkenntnis, verbunden mit der politisch-medialen Abwertung nicht genehmer Forscher bzw. Forschungsergebnisse sowie akademischer Grade, geklammert von der Geringschätzung der Geisteswissenschaften bei gleichzeitiger Ökonomisierung der Naturwissenschaften.

Absurde Einseitigkeit

So zeugt vor allem der Umgang mit Corona von einer absurden Einseitigkeit, die gepaart ist mit dem beinahe vollständigen Schweigen anderer Wissenschaftler, die es einfach hinnehmen, dass Wissenschaft zur Spielfigur auf dem politischen Schachbrett degradiert wird, oder andernfalls medial totgeschwiegen werden. Allen voran ereifert sich die Hallenser Wissenschaftsvereinigung Leopoldina mit ihren knapp 2000 Mitgliedern, darunter dem Kanzlergatten, und lässt sich willig als Inhaberin der absoluten Wahrheit feiern, indem sie dem Bürger suggeriert, sie sei im Besitze des Wissens, das aus der Pandemiekrise führen werde. Leopoldinas Weisheit letzter Schluss ist der harte Lockdown, wie es in einer Stellungnahme von Anfang Dezember 2020 heißt und der dann auch so umgesetzt wurde. Dass diese Stellungnahme die Prinzipien wissenschaftlicher und ethischer Redlichkeit verletzt, ist so evident, dass mit dem Tübinger Professor Thomas Eigner inzwischen ein Leopoldina-Mitglied ausgetreten ist, weil er es mit seinem Gewissen nicht vereinbaren könne, ein Teil dieser Art von Wissenschaft zu sein.

So ist der Begriff „Inzidenz“ ein rein politischer und hat nichts mit dem viel umfangreicheren epidemiologischen Inzidenzbegriff zu tun. Der politische Begriff ist eigentlich nur eine Melderate, doch auf dieser baut die absurde Logik auf, dass zum einen Infiziert gleich krank und krank gleich potentieller Beatmungspatient bzw. potentieller Toter heißt. Sie verkennt zum anderen, dass jeder Symptomlose trotzdem infiziert und damit potentieller Ansteckungsherd sein kann. Hier werden sämtliche medizinischen Maßstäbe ins Groteske gekippt und neben dem wirtschaftlichen Totalschaden des Landes auch sein sozialer Tod in Kauf genommen. Das ist keine Politik, das ist Selbstmord aus Angst vor dem Tod; und manche lauten Wissenschaftler gerieren sich dabei als Totengräber.

In diesem Zusammenhang muss zu denken geben, dass just mit der Amtsübernahme von Joe Biden und seinem am ersten Amtstag verfügten Wiedereintritt in die Weltgesundheitsorganisation WHO eben diese ihre Richtlinien für die Interpretation von PCR-Tests änderte. Darin heißt es nun, man solle den Schwellenwert, ab dem ein Testergebnis als positiv gilt, unter Umständen manuell anpassen. Ergebnisse, die „gerade so“ noch positiv seien, müssten sehr vorsichtig interpretiert werden. Ein PCR-Test kann also positiv sein – und man weiß dennoch nicht, ob der positiv Getestete nun viele Viren in sich trägt (und vielleicht ansteckend ist) oder ob es nur ganz wenige Virenanteile sind, die lediglich aufgrund einer hohen Zyklenzahl so stark vervielfältigt wurden, dass schließlich ein positives Testergebnis herauskam.

Wenn das Testergebnis nun nicht mit dem gesundheitlichen Zustand des Getesteten übereinstimmt (wenn er positiv ist, aber putzmunter wirkt, also keine Symptome hat), dann muss ein erneuter Test durchgeführt werden, so die WHO. Auf gut Deutsch: Die PCR-Tests sind also überhaupt nicht geeignet, um eine Corona-Infektion zuverlässig festzustellen, vor allem, wenn es sich um Menschen ohne klinische Symptome handelt. Es sind also viel zu viele Menschen aufgrund eines vermutlich falschen Testergebnisses in Quarantäne geschickt worden. Wurden früher Pandemien anhand von Todeszahlen als solche bestimmt, genügen heute die Zahlen von Infizierten. Wie sehr muss eine Regierung ihren „wissenschaftlich begründeten“ Maßnahmen misstrauen, wenn die Bürger in Bussen, Bahnen und an Bahnhöfen ständig mit der Erinnerung an die Maskenpflicht penetriert werden?

„Denn der unaufgeregte Diskurs über Daten und Fakten wurde schnell einer global entfachten Panikstimmung geopfert, die den seriösen Blick der Wissenschaft beiseiteschob, um sich als Propagandawelle in die Gemüter der Menschen zu ergießen“, befindet Fabian Nicolai auf achgut. „Der Bezug auf medizinwissenschaftliche Basisdaten konnte entfallen und das Rudiment als Tatsache verkauft werden“. Mit Prof. Dr. Michael Esfeld stellte ein Leopoldina-Mitglied in einem Protestschreiben fest: „Es gibt in Bezug auf den Umgang mit der Ausbreitung des Coronavirus keine wissenschaftlichen Erkenntnisse, die bestimmte politische Handlungsempfehlungen wie die eines Lockdowns rechtfertigen.“ Er hat sogar gefordert, die Akademie solle das Papier zurückziehen, weil es den Anschein erweckte, die Forscher seien sich einig. So ist es aber nicht. „Es gab keine ‚epidemische Lage von nationaler Tragweite‘, wenngleich dies der Bundestag mit Wirkung ab dem 28.03.2020 festgestellt hat“, urteilte jetzt, endlich, ein Weimarer Amtsrichter.

Wissenschaftsreflexion. Quelle: https://www.lcss.uni-hannover.de/de/forschung/wissenschaftsreflexion/

Esfeld habe mit seiner Aussage völlig Recht, dass höchst umstritten ist, ob der Nutzen scharfer politischer Maßnahmen wie ein Lockdown die dadurch verursachten Schäden aufwiegt, so der wissenschaftspolitische Sprecher der Stuttgarter AfD-Fraktion Dr. Bernd Grimmer MdL. „Auch seiner Aussage, dass es ethisch in der auf Immanuel Kant zurückgehenden Tradition Gründe gibt, grundlegende Freiheitsrechte und die Würde des Menschen auch in der gegenwärtigen Situation für unantastbar zu halten, stimme ich uneingeschränkt zu. So gehört zur Würde des Menschen die Freiheit, selbst entscheiden zu dürfen, welche Risiken sie einzugehen bereit ist.“ Das betrifft vor allem die Frage des Impfens: „Die Pandemie wird nicht verschwinden, wenn der Impfstoff zur Verfügung steht. Sie wird dann zu Ende gehen, wenn das Virus alle Menschen gefunden hat“, so der Epidemiologe Klaus Stöhr, Ex-Chef des weltweiten Influenza-Programms der WHO, der leider nur auf Tichys Einblick zitiert wird. Ein Virus ist von Natur aus unbesiegbar, auch wenn das dem Narzissmus der schon länger hier Regierenden ein Dorn im Auge ist.

„verwirrend und irritierend“

Eine andere Facette dieser Einseitigkeit ist das nachgerade totalitäre Wissenschaftsverständnis, wie es jüngst die Präsidentin der Deutschen Forschungsgemeinschaft DFG, die Heidelbergerin Katja Becker, an den Tag legte. Wer will, dass Virologen „öfter mit einer Stimme sprechen“, und für wünschenswert hält, dass die Wissenschaftler „zunächst untereinander diskutieren und sich dann auf eine gemeinsame Linie verständigen“, offenbart die Sehnsucht nach einer Stromlinienförmigkeit von Erkenntnis, die diese zum Glück nie haben wird. Ihre Würdigung der „Vielstimmigkeit einer wissenschaftlichen Community“ konterkariert sie sofort selbst, wenn sie beklagt, dass diese Stimmen hinterher „oft mühsam wieder in Einklang gebracht werden“ müssen, „wenn es beispielsweise darum geht, politische Entscheidungen zu treffen“. Das sei „bisweilen verwirrend und irritierend, außerdem kostet es zu viel Zeit“.

Da liegt der Hase im Pfeffer. Becker will offenbar ebenso wie Merkel „durchregieren“ und sich der einstimmigen wissenschaftlichen Unterstützung sicher sein: „Das ist ebenso feige wie diktatorisch und nicht nur einer Demokratie unwürdig, sondern befördert ihre Abschaffung von oben“, erboste sich Grimmer und forderte Beckers Rücktritt. Zugleich erinnerte er daran, dass auch der vor Monaten noch führbare Streit zwischen Christian Drosten und Alexander Kekulé gezeigt habe, dass es „die eine“ wissenschaftliche Erkenntnis und Lösung nicht gibt. Nur das immer wiederkehrende Wechselspiel von These und Antithese garantiert fortschreitende Erkenntnis. Noch 1931 versuchten 100 Autoren gegen Einstein, eine „Mehrheitsmeinung“ durchzusetzen, was diesen sinngemäß zu der Aussage veranlasst haben soll: „Gleich 100? Wenn sie Recht hätten, würde doch einer genügen“. Wie dieser Streit ausging, ist bekannt.

Doch die kritische Überprüfung von Forschungsergebnissen wird nicht mehr als notwendiger Bestandteil wissenschaftlichen Arbeitens gesehen, sondern als Störfaktor auf dem Weg zur absoluten Wahrheit, die zu einer idealen linken Gesellschaft führt. „Der Marxismus ist allmächtig, weil er wahr ist“, hieß es bis 1990. Wir sind entsetzlicherweise auf dem Weg in ein Gemeinwesen, das genau solche Verdikte über die wissenschaftliche Erkenntnis stellt. Becker hatte sich schon Anfang August 2020 disqualifiziert, als unter ihrer Verantwortung ein selbst in Auftrag gegebenes Videostatement des Kabarettisten Dieter Nuhr zum 100. DFG-Gründungsjubiläum nach einem Shitstorm auf den Seiten der DFG feige gelöscht wurde. Dieses Phänomen der „Cancel Culture“ begann spätestens 2017 mit der Absage eines zuwanderungskritischen Vortrags über den „Polizeialltag in der Einwanderungsgesellschaft“ an der Frankfurter Goethe-Universität durch die Ethnologin Susanne Schröter. Reden sollte der Bundesvorsitzenden der Polizeigewerkschaft Rainer Wendt, doch 60 von Schröters Kolleginnen und Kollegen hatte in einem offenen Brief die Wiederausladung des Gewerkschaftsmannes gefordert und sich durchgesetzt.

Eine bereits 2018 durchgeführte Befragung von 932 Studenten der eher linken Sozialwissenschaften in Frankfurt brachte jüngst den alarmierenden Befund, ein Drittel bis die Hälfte der Befragten dagegen sind, Redner mit abweichenden Meinungen zu den am meisten umstrittenen Themen Islam, Geschlecht und Zuwanderung an der Hochschule zu dulden. Noch höher ist der Anteil derer, die solchen Personen keine Lehrbefugnis geben würden, wiederum ein Drittel will ihre Bücher aus den Bibliotheken verbannen. Eine derartige Haltung ist nicht mehr weit von der Bücherverbrennung aus unseligen Zeiten entfernt. Die Toleranz für andere Ansichten war unter den sich als links bezeichnenden Studenten außerdem deutlich geringer als im konservativen Spektrum. Die Studienautoren Revers und Traunmüller erkennen in den restriktiven Sprachcodes, gewalttätigen Protesten gegen kontroverse Vortragende und im Wunsch nach Demission unliebsamer Professoren einen „klaren Indikator für die entsetzliche Zukunft der Meinungsfreiheit“ insgesamt – und der Wissenschaftsfreiheit, muss man hinzusetzen.

Uni FFM . Quelle: https://www.fnp.de/bilder/2018/02/02/10416227/34416904-2083280-446b.jpg

Prompt hat sich heute ein Netzwerk gegründet, das Wissenschaftler bei umstrittenen Forschungsthemen unterstützen soll, falls sie sich nicht mehr Positionen einzunehmen getrauen, die zum Mainstream divergieren. „Versuchen Sie mal in einem biologischen Seminar über Genetik und Vererbung zu sprechen sowie über die Frage, wie weit Weiblichkeit etwas Angeborenes oder etwas kulturell Anerzogenes ist … Die Lockerheit und Entspanntheit im freien gemeinsamen gedanklichen Experimentieren ist bei den wirklich wichtigen politischen Themen verloren gegangen“, so die Philosophin Maria-Sibylla Lotter im Cicero.

„Es ist empörend, dass die Furcht vor medialen Empörungswellen so immens ist, dass die Wissenschaftler lieber schweigen“, befindet Grimmer und spricht von einer „Trendwende im Kampf um die Meinungsfreiheit“. Dass Wissenschaft zum Schweigen gebracht wird, sei zwar kein neues Phänomen, doch würde es jeder Demokrat einem diktatorischen Regime zuschreiben. „Doch diese demokratieunwürdigen Verhältnisse sind nun auch bei uns angekommen. Die Freiheit der Lehre und Wissenschaft aber ist ein Grundrecht, das nicht verwehrt werden kann. Dass sie sich zusammenschließen, um für etwas zu kämpfen, was eigentlich selbstverständlich sein müsste, ist ein untragbarer Zustand“, so Grimmer.

„Droh- und Schmähanrufe“

Im Gegenzug allerdings werden andere, politisch erwünschte Forschungsgebiete geradezu „gehypt“. Laut dem im Dezember verabschiedeten Bundeshaushalt für das Jahr 2021 soll der Etat für Bildung und Forschung zwar von 18,2 auf 20,8 Milliarden Euro steigen. Bundesbildungsministerin Anja Karliczek sah jedoch in ihrer Rede im Bundestag im Fokus von Bildung und Wissenschaft: die Bewältigung der Corona-Pandemie, die digitale Bildung, die Mitgestaltung von Schlüsseltechnologien, darunter die Künstliche Intelligenz und Quantentechnologie, und – die Klimaforschung.

Klimaschützer hätten sich mit ihrem Engagement für eine nachhaltigere, lebenswertere Welt hinter der Wissenschaft verschanzt, befindet Welt-Chef Ulf Poschardt. „Sie haben eine tolle Meinung und sagen nur zwei Sachen: Pariser Abkommen einhalten und ‚listen to the science‘. Die Wissenschaft – oder, genauer, der besonders alarmistische Teil – wird als der Weisheit letzter Schluss präsentiert, sie dürfe auch demokratische Kompromissformeln und gesellschaftliche Prozesse infrage stellen. Es ist kein Zufall, dass die aktuellen Lockdown-Fetischisten im Zweifel die Bekämpfung der Corona-Krise mit der Bekämpfung der Klima-Krise vergleichen.“

Der renommierte Klimaforscher Hans von Storch bezweifelt im Spiegel, „dass junge unausgebildete Leute in Nordeuropa beurteilen können, was Regierungschefs … tun oder nicht tun – geschweige denn welche schwierigen Abwägungsprozesse in den einzelnen Ländern ablaufen. Was die jungen Klimaaktivisten anbieten, ist ein wilder Mix aus Fakten und Spekulationen. … Früher war ein Sturm einfach ein Sturm, heute gilt er manchen als ein Vorbote des Weltuntergangs.“ Allein die Helmholtz-Gemeinschaft verzeichnete allein 2013 für die Klimaforschung 450 Mio. Euro Fördermittel, davon 325 Mio. Programm- und 125 Mio. Drittmittel.

Wie sich die Klimaforschung sieht. Quelle: https://www.deutsches-klima-konsortium.de/fileadmin/processed/5/5/csm_dkk-aufgaben-klimasforschung_ebbda34a3a.png

Als Ex-US-Vize Al Gore quasi über Nacht zum „Papst in Sachen Global Warming“ wurde, „war die Klimawissenschaft mit dem Virus der Politik infiziert. Der ist tödlich, denn in der Wissenschaft geht es um Wahrheit, in der Politik aber um Mehrheit. Als Folge davon ist heute eine sachliche Untersuchung der Physik der Erdatmosphäre nicht mehr möglich“, so der Kernphysiker Hans Hofmann-Reinecke auf achgut. Er erkennt weltweit entstandene Institutionen, „welche die Unterstützung der Mächtigen genießen und dafür pseudo-wissenschaftliche Rechtfertigungen derer Politik liefern. Solche Arbeit ist nicht von Selbstkritik geprägt, sondern von der Hexenjagd auf externe Kritiker, die ihren Schwindel aufdecken könnten. Aber Selbstkritik wäre hier dringend notwendig, denn die zu messenden Effekte sind so schwach, dass man sich leicht selbst zum Narren halten kann“.

Ein anderes politisch erwünschtes Forschungsgebiet sind die „Gender Studies“, von denen sich Deutschland knapp 300 Lehrstühle und Zentren leistet. Wurden von 1995 bis 2005 hierzulande 663 Professorenstellen in den Sprach- und Kulturwissenschaften trotz steigender Studentenzahlen eingespart, hat sich das größte Bundesland Nordrhein-Westfalen für die Gender-Studies höchst großzügig gezeigt und allein zwischen 1986 bis 1999 an 21 Hochschulen 40 Professuren für das „Netzwerk Frauenforschung NRW“ neu geschaffen, darunter auch eine für „feministische Ökonomie“ in Münster. Wie streng die Sanktionen gegen Andersdenkende sind, erfuhr 2004 ein Professor an einer deutschen Universität, der in einem Essay Gender-Mainstreaming als totalitäre Steigerung der Frauenpolitik bezeichnet hatte. Der Wissenschaftsminister untersagte ihm unter Androhung disziplinarischer und strafrechtlicher Konsequenzen, Derartiges weiter zu publizieren. „Diskutieren wollte niemand, dagegen bekam ich anonyme Droh- und Schmähanrufe sowie soziale Distanzierungen und Ridikülisierungen“, sagt der Wissenschaftler anonym dem Handelsblatt.

„Stünde es um die akademische Freiheit, um die Freiheit des Denkens und Forschens, nicht besser, wenn es diese Katheder mit ihrer behaupteten Allzuständigkeit nicht gäbe“, fragt Alexander Kissler im Focus. „Dort werden Waffen geschmiedet im Kampf gegen das Männliche als Prinzip, Form und Person, mal auf grammatikalischen, mal auf diskurspolitischen Wegen.“ Der Linguist Peter Eisenberg erkennt, dass der Streit über Sinn und Unsinn von Bemühungen um einen Umbau des Deutschen zur geschlechter- oder gendergerechten Sprache auch die Mitte der Sprachwissenschaft erreicht habe, und empört sich über die Abschaffung des generischen Maskulinums der Duden-Redaktion. „Der Duden vertritt nicht die Sprache, wie sie ist, sondern er will die Sprache umbauen. In dieser Offenheit, in dieser Dreistigkeit hat es das bisher nicht gegeben“, sagte er dem NDR.

Peter Eisenberg. Quelle: https://media0.faz.net/ppmedia/aktuell/karriere-hochschule/2511106376/1.5981950/width610x580/peter-eisenberg-ist.jpg

Der Duden bildet sich offenbar ein, er könne auf diese Weise den allgemeinen Sprachgebrauch manipulieren, um dann festzustellen, der Gebrauch habe sich verändert und er folge ihm: „Man kann das nur als skandalösen Fälschungsversuch bezeichnen“, so Eisenberg. Damit würde der Gegenstand der Sprachwissenschaft desavouiert, seine Bedeutung für die Disziplin als empirische Wissenschaft negiert, ja ihr buchstäblich der Boden unter den Füßen weggezogen. „Hier versucht ein winziges Häuflein pseudofeministischer Sprachmoralisten, den allgemeinen Sprachgebrauch zu beeinflussen, eine wissenschaftlich einseitige Sichtweise zu propagieren und damit in eine ideologisch genehme Richtung zu lenken“, empört sich auch die Stuttgarter gleichstellungspolitische AfD-Fraktionssprecherin Carola Wolle MdL. „De facto aber besitzt nicht der Duden die Deutungs- oder gar Definitionshoheit über die deutsche Sprache, sondern allein die Sprachgemeinschaft der rund 100 Millionen deutschen Muttersprachler weltweit.“

„Mitglieder mit Rückgrat“

Abwertungsindizien finden sich vor allem im Umgang mit akademischen Graden. Während Freiherr zu Guttenberg und Annette Schavan (Union) noch gehen mussten und überdies deren Doktortitel aberkannt wurden, darf Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD) weiter Karriere machen und ihren zunächst behalten. Die Ankündigung der erneuten Prüfung ihrer Doktorarbeit durch den Präsidenten der Freien Universität FU Berlin, Günter M. Ziegler, kann man nur „akademische Schande“ nennen: er sagte allen Ernstes, es werde „ergebnisoffen“ geprüft. „Wieso muss diese Selbstverständlichkeit betont werden“, wundert sich Grimmer und fragt sich, was als nächstes folgt: „Ergebnisoffene Forschung? Promotionsverfahren, bei denen politische Kontakte keine Rolle spielen? Auch der Satz, dass die Mitglieder der neuen Prüfungskommission alle ‚Mitglieder mit Rückgrat sein‘ werden, lässt tief blicken: hatten die alten keins? Oder steht wegen der politischen Prominenz der Kandidatin zu befürchten, dass nicht genehme Ergebnisse karrierehindernd wirken könnten? Diese Wortwahl ist ebenso entlarvend wie empörend und eines deutschen Universitätspräsidenten unwürdig.“

Daneben verweist Grimmer darauf, dass die Giffey-Debatte schon viel zu lange und vor allem grundsätzlich falsch geführt wird. „Die erste Reaktion der FU auf Giffeys Plagiat, nämlich nur eine Rüge auszusprechen, also faktisch gar nichts zu tun, war bereits unrechtmäßig, weil es für die Rüge schlicht an einer Rechtsgrundlage fehlt und es die im Promotionsverfahren gar nicht gibt. Schon hier wäre nur die Aberkennung in Frage gekommen“. Es sei verlogen, auf den Doktortitel zu verzichten und ihn künftig nicht mehr zu führen mit der Begründung „Wer ich bin und was ich kann, ist nicht abhängig von diesem Titel.“

Denn bislang stand dieser Titel für wissenschaftliche Gründlichkeit, akademische Reife, die Fähigkeit selbstständigen und akribischen Forschens und dafür, der allgemeinen Nivellierung unserer Gesellschaft etwas entgegenzusetzen. Prompt schlug der Berliner Wirtschaftswissenschaftler Steffen Huck in der Zeit vor, den Doktortitel zugunsten eines Peer-Review-Publikationsprozesses abzuschaffen, weil er „bloß die Macht von Betreuern, Bürokraten und Erbsenzählern“ sichere. Die auf Giffey & Co. gemünzte Begründung, dass der Welt „Skandale wie dieser Tage endlich erspart“ blieben, ist dabei ebenso kurzsichtig wie nivellierend. Wir haben schon das Geschlecht abgeschafft, jetzt auch den Doktortitel – wozu eine Goldmedaille, wenn dabei sein alles ist? „Diese Begründung wäre eher eine Kapitulation vor den Scharlatanen“, meint Grimmer.

Das Problem ist nicht der Doktortitel, sondern wie leicht bzw. mit wie wenig Aufwand er teilweise erworben werden kann – angesichts von „Promotionsagenturen“, Ghostwritern usw. muss man sich für seine Redlichkeit scheinbar schon rechtfertigen. Einer Recherche des ARD-ZDF-Content-Netzwerks Funk zufolge schreiben inzwischen ukrainische Ghostwriter gar schon Bachelorarbeiten für deutsche Studenten. Zwischen 900 und 2.700 Euro kostet eine 30-seitige Arbeit; der Autor sieht davon kaum 20 %. Wenn man also wissenschaftlich Unbrauchbares abschaffen will, müsste man zuerst den Bachelorgrad diskutieren, ist sich Grimmer sicher. „Denn er führt üblicherweise nicht zu Publikationen und lähmt das System mit massenhaften Modulprüfungen – oft genug für Studenten, die sich weder für Forschung interessieren noch irgendein Talent dafür haben.“

Was ist der Doktor heute noch wert? Quelle: https://cdn.iz.de/media/images/image-0030907_s768xauto_c0x40_1284x864.jpg

Hinzu kommt, dass die Peer-Review-Praxis in den letzten Jahren zunehmender Kritik ausgesetzt ist. Einerseits gibt es auch bei den Peer-Reviewed Journals Zitier- und Gefälligkeitskartelle, ja den Editor und Forscher in Personalunion. Der niederländische Wissenschaftsverlag Elsevier hat 2019 in seinen Journalen in 433 Fällen wissenschaftliches Fehlverhalten von hunderten Peer-Reviewern gefunden. Andererseits haben jüngst Autoren zwei große Studien zu COVID-19 zurückgezogen, obwohl sie nach Peer Reviews in hochrangigen Journals veröffentlicht worden waren.

Zudem geht dank Preprint-Servern wie bioRxiv und medRxiv die Veröffentlichung eventuell bahnbrechender Studienergebnisse viel schneller. Mehr als 3300 Studien zu Corona sind bisher auf bioRxiv veröffentlicht worden; die meisten politischen Entscheidungen in Zusammenhang mit dem Umgang mit SARS-CoV-2 stützen sich in erster Linie darauf. Publikationsdruck wie gerade der einer Promotion führt da nur zu Fehlanreizen und könnte damit tatsächlich die Abhängigkeit junger Wissenschaftler von ihren Betreuern vergrößern statt im Gegenteil zur wissenschaftlichen Emanzipation der Promovenden beizutragen. Eine Dissertation ist mehr als nur eine Anhäufung von ein paar Aufsätzen, weil die geistige Architektur, die man dafür errichten muss, viel komplexer und größer ist.

„Brotgelehrter als Symbol von Enge“

Wer promoviert, weist auch nach, sich unbekannte Inhalte strukturiert anzueignen, zu kontextualisieren, damit sich und sein Denken auf ein höheres Niveau zu heben. Auf diesem Potential beruhte gerade in den Naturwissenschaften die Stärke unseres Landes. Man geht doch auch nicht aufs Gymnasium, um dann kein Abitur zu machen. Eine solche Selbstbeschneidung kann nicht im Sinne unseres nationalen Wohlergehens sein. Doch „Selbstbeschränkung und Meinungskonformismus“ konstatiert selbst der Hamburger Historiker Christoph Ploß, der für die CDU im Bundestag sitzt. In Teilen der Wissenschaft werde immer stärker infrage gestellt, andere Meinungen anzuhören und diese als Gedankenanstoß zu empfinden, weil „Kraft und Mut“ fehlten: „Dabei wären gerade in Zeiten schnelllebiger Meinungskonjunkturen und einer Flut von Fake News grundlegende Erkenntnisse der Wissenschaft wichtiger denn je“, schreibt er im Cicero.

Vor allem der Drittmittelzirkus würde zu einem selbstreferentiellen bürokratischen System führen, das das „Interesse, aus den eigenen akademischen Echokammern herauszutreten und mit einer breiteren Öffentlichkeit zu diskutieren“, sinken ließe. Das beklagte in der Tagesstimme auch Ex-Lehrerverbandschef Josef Kraus: „Die Fragen der Universitätspolitik lauten nämlich heute: Wie gestalten wir Forschung und Wissenschaft so, dass wir einen praktischen Nutzen davon haben? Wie kommen wir an Drittmittel? Wie schaffen wir es, in den Rang der Exzellenz-Universität zu kommen? Wie kann Hochschule zu einem betriebswirtschaftlich-kundenorientierten Dienstleister werden?“ Für Ferdinand Knauss hat sich auf Tichys Einblick die Politisierung des Lehr- und Forschungsbetriebs im Dienste bestimmter ideologischer Botschaften aus den Sozial- und Kulturwissenschaften auch schon in die Naturwissenschaften ausgebreitet.

Solche Konzentration auf Quantitäten und Verwertbarkeit ist falsch; eine Reduktion von Bildung und Wissenschaft auf bloße Qualifikationen und Kompetenzen hinterlassen ein Vakuum. Nur der umfassende Gebildete aber ist frei und mündig, weil er sich gelegentlich zurücknehmen und reflektieren kann: „Wissenschaft schafft Wissen, nicht Maschinen oder Reichtum“, weiß Hofmann-Reinecke. Vor diesem Hintergrund – Gender-Studies einer- und Klimaforschung andererseits zum Trotz – muten das  Selbst- und Fremdverständnis um unsere Geisteswissenschaften befremdlich an: Von den insgesamt 48.547 Professoren des Jahres 2019 stellten die Geisteswissenschaften nur 4.693. Zum Vergleich: 14.527 waren es in den Rechts-/ Wirtschafts-/ Sozialwissenschaften, 12.535 in den Ingenieurswissenschaften, 6.456 in Mathematik und Naturwissenschaften, 4.442 in der Medizin…

Geisteswissenschaft. Quelle: https://i0.wp.com/userpage.fu-berlin.de/melab/wordpress/wp-content/uploads/2019/02/Geisteswissenschaft.png?resize=1200%2C798&ssl=1

Gewiss garantieren die Natur- und Ingenieurswissenschaften Wertschöpfung, ohne die ein differenziertes Bildungswesen nicht finanzierbar ist. Aber es sind die Geisteswissenschaften, vor allem die Philosophie, die Theologie, die Geschichtswissenschaften, die Literatur- und Sprachwissenschaften, die Orientierungsverluste der nihilistischen Moderne mit ihrem „anything goes“ und „alternative“, in Kommunikationsblasen verbreitete Fakten ausgleichen beziehungsweise widerlegen helfen, ist sich Kraus sicher. Diese Ideologien bedeuten nämlich Beliebigkeit. Fehlende traditionelle Sinnbezüge mögen als „unmodern“ gelten, aber sie hinterlassen Orientierungslosigkeit. Geisteswissenschaften erbringen ihre besondere Leistung als historisch-erinnernde, als Werte- und Geltungswissenschaften. Sie tragen dazu bei, das eigene Menschsein zu verstehen, zu entfalten und zu gestalten.

Der Mensch ist eben nicht nur ein möglichst gut funktionierender „homo oeconomicus“, sondern ein historisches, sittliches, sprachlich-ästhetisches, sinnsuchend-religiöses Wesen und ein „zoon politikon“. Er bedarf des übernützlichen Sinns. Das heißt für Kraus: Eine Reduktion von Bildung und Wissenschaft auf bloße Qualifikationen und Kompetenzen hinterlassen ein Vakuum. Nur der umfassende Gebildete aber ist frei und mündig, weil er sich gelegentlich zurücknehmen und reflektieren kann. Friedrich Schiller hatte in seiner Jenaer Antrittsvorlesung vom 26. Mai 1789 mit dem Titel „Was heißt und zu welchem Ende studiert man Universalgeschichte?“ die faustische Kernaussage getätigt: Der Brotgelehrte ist Symbol von Enge, der philosophische Kopf erforscht, was die Welt im Innersten zusammenhält. „Wo der Brotgelehrte trennt, vereinigt der philosophische Geist.“ Diese Einheit ist nicht mehr gewollt, Diversifizierung und Dekonstruktion sind die aktuellen Rezepte zur Medikamentation eines karzinogen verstandenen Wissenschaftsbetriebs, der überdies seit Monaten auf Präsenz verzichtet und Studenten allein lässt.

Das Fazit ist mehr als bitter. „In den letzten Jahren sind wir Zeugen eines vollendeten Schulterschlusses aus Politik, Wissenschaft und Medien geworden, der die zur gegenseitigen Kontrolle notwendige kritische Distanz zum Staat und seiner Regierung restlos nivellierte“, bilanziert Nicolai. Dazu habe sich ein widerstandslos anbiederndes Großunternehmertum gesellt, das „im Appeasement-Modus nicht ungeübt mit den Gretas und Luisas dieser Welt“ sei, was „zur Gleichschaltung der Antagonisten geführt“ habe.

Für den 2018 an der TU Berlin in den (Un-)Ruhestand verabschiedeten Medienphilosophen Norbert Bolz lassen sich immer mehr Wissenschaftler dazu überreden, ihre Prognosen als Gewissheiten anzubieten. In seinem Bändchen „Avantgarde der Angst“ fällt auch der Begriff der „Gefälligkeitsforschung“ sowie der Satz „Als Prophet wird der Wissenschaftler zum Demagogen und Journalisten.“ Solche „Propheten des Elends“ würden aber nicht als „beamtete Scharlatane“ psychoanalytisch behandelt, sondern politisch und medial geadelt. Wer weiß, wie dieser neuen Ständegesellschaft zu entkommen ist, dürfte gute Chancen auf die nächste Kanzlerschaft haben.

Die Bundesregierung fördert den „Kampf gegen Rechts“ mit sage und schreibe einer Milliarde Euro. Mit ideologischen Worthülsen sollen alle Kritiker und Andersdenkenden mundtot gemacht werden.

Meine neue Tumult-Kolumne, die gern verbreitet werden kann.

Der Stubenhocker

Als er einmal in Deutschland eine Rede hielt und aufgefordert wurde, Hochdeutsch zu sprechen, entgegnete er: „Ich kann nicht höher!“ Ganz selbstverständlich flossen in seine Texte Helvetismen ein. Legendär ist der Dialog zwischen Kaiser Romulus und Kammerdiener Pyramus im Theaterstück Romulus der Große, den er einfügte, nachdem sich ein Schauspieler über den Ausdruck „Morgenessen“ statt „Frühstück“ mokiert hatte. Als 1985 sein Roman Justiz im Stern vorabgedruckt wurde und man die Helvetismen aus dem Text strich, kam es sogar zum Prozess. Spätestens damit erhielten sie die höheren literarischen Weihen – und fanden wie „Kondukteur“ oder „Pneu“ auch den Weg in den Duden, wo sie als „schweizerische Variante“ gekennzeichnet sind: der Wortschöpfer als Sprachlehrer.

Er bewegte sich ungern, sah sich selbst als Stubenhocker. Die allermeiste Zeit saß er nur in seinem Arbeitszimmer und schrieb oder zeichnete. Ein Solitär und Solodenker, der sich immer über die Frauengeschichten seines Kollegen und Freundes Max Frisch pikiert zeigte – aber auch selbst welche hatte. Der Suizidversuch seiner ersten Frau Lotti nach einem dieser Seitensprünge nahm in mehr mit als er sich eingestehen wollte.  Als sie, die ihm drei Kinder gebar, 1983 starb, stürzt ihn der Tod in tiefe Verwirrung, er hält ihn auf kindliche Weise für einen bösen „Streich“, den ihm Lotti gespielt hat, für eine Art böswilliges Verlassen des gemeinsamen Ehestandes. Aus Ratlosigkeit, Verdüsterung und aus der Verfinsterung seiner Lebensumstände rettet er sich 1984 durch die Ehe mit der Journalistin und Schauspielerin Charlotte Kerr. Die zweite Ehe wird zu einer Wiedergeburt des Autors. Ein neuer Alltag, neue Beziehungen und neue Einsichten lösen einen Kreativschub aus.

Überhaupt – Kreativität. Ein Dörfler, geprägt von der Kindheit im Emmental, der sich schon dort als dicklicher Außenseiter empfindet und von den Mitschülern geprügelt wird. Seiner geordneten, kleinkarierten Wirklichkeit setzt er früh, wild um sich malend und dichtend, die Eigenwelt seiner überbordend monströsen, apokalyptischen Phantasie entgegen. Er fühlte sich als Kind oft eingesperrt in ein undurchschaubares Labyrinth, wie der Minotaurus, der nicht weiß, was auf ihn zukommt – eines der wichtigen Motive des bildenden Künstlers: „Zeichnen war für mich eine Abwehr, ein Umfunktionieren, ich konnte dann das irgendwie bildlich darstellen. Was hab ich gezeichnet? Ich habe immer Katastrophen gezeichnet, ich habe immer Kriege gezeichnet, ich hab immer Sintfluten gezeichnet.“ In guter Laune verewigt er sich als Erwachsener zeichnerisch sogar auf Weinflaschen – im Selbstporträt als „Minoromulus“, als Mischwesen aus „Romulus dem Großen“ und dem „Minotaurus“, das kräftig den Darm entleert.

Friedrich Dürrenmatt. Quelle: https://www.deutschlandfunk.de/media/thumbs/2/2938e248734c84b4735632f46816485av1_max_755x425_b3535db83dc50e27c1bb1392364c95a2.jpg?key=5e0170

Wenig Verständnis findet seine Welt beim Vater, einem Pfarrer und Gelehrten. Beide Eltern, erinnert sich seine jüngere Schwester Verena, seien ausgeprägte Persönlichkeiten gewesen, die ihre Welt gelebt haben, „wir waren ja eigentlich draußen und hatten unsere eigene zu entdecken“. Die Rebellion gegen den Vater führt zeitweise zu einem „nebulösen Parteinehmen für Hitler“, befindet sein Biograph Peter Rüedi, dessen Aufstieg anfangs noch als Gegenkraft zum Kommunismus von beiden Dürrenmatts gemeinsam mit Sympathie verfolgt wird. Das ändert sich beim Vater, der den Führer des Dritten Reiches zunehmend als Antichristen wahrnimmt, während der Sohn ihn als „Schutz gegen die väterliche Welt des Glaubens“ verwendet. Außerdem gefällt er sich von Anbeginn in der Rolle des Außenseiters und des provokanten Bürgerschrecks – laut Rüedi war er germanophil, aber kein Nazi, und am Ende seines Lebens gar linksliberal: Friedrich Reinhold Dürrenmatt, der vor 100 Jahren, am 5. Januar 1921 im kleinen Städtchen Konolfingen zur Welt kam.

Weltveränderer sind Narren

1935 zieht die Familie nach Bern, wo der Vater Pfarrer am Salemspital wird und Friedrich das Gymnasium besucht. Der Vater wollte, dass sein Sohn nach dem Abitur 1941 Theologie studiert, doch Friedrich hatte beschlossen, Maler zu werden. Doch zu einem Kunststudium kam es nie – seine magisch-surrealen Bilder stießen auf Ablehnung: „Das war eine Zeit, da ganz Bern impressionistisch malte; der Expressionismus existierte nicht“. So belegte er Theologie, Philosophie und Literatur; Homer und Aristophanes, Kierkegaard und Kafka werden ihm wichtig. Zwischendurch setzt er das Studium in Zürich fort, kehrt aber im Mai 1943 nach Bern zurück, wo er auch noch Psychologie, Nationalökonomie und Philosophie studiert. Parallel leistet er in jener Zeit den militärischen Hilfsdienst ab und vor allem – er malt und schreibt: Prosa, Lyrik, Dramatik, allesamt später veröffentlicht. Der Gedanke an einen künstlerischen Beruf beherrscht ihn. In Bern wohnte er bei seinen Eltern in einer Mansarde, die er mit großen Wandbildern ausstattete, die später übertüncht und erst Anfang der neunziger Jahre entdeckt, freigelegt, restauriert und zugänglich gemacht wurden.

Am 5. Januar 1945, als Hilfssoldat in einem Schweizer Grenzbataillon, fällt er die Entscheidung, als Autor zu arbeiten, und bricht nach 10 Semestern das Studium ab, ohne seine geplante Dissertation zu Søren Kierkegaard auch nur anzufangen. 1946 heiratet er Lotti und betritt 1947mit Getöse  die Bühne des Schauspielhauses Zürich. Die Premiere seines turbulenten Wiedertäufer-Spektakels Es steht geschrieben führt zu einem solchen Skandal, dass man sich in Zürich für etliche Jahre an kein neues Werk des Szenen-Berserkers wagt. „Die Welt rast dem Nichts entgegen, und Friedrich Dürrenmatt schreibt als Zeremonienmeister das Protokoll dazu“, fasst Roman Bucheli in der NZZ die literarische Existenz Dürrenmatts zusammen. Zeitlebens hat Dürrenmatt weiter gezeichnet, oft bedauerte er auch, nicht Maler geworden zu sein. Er hatte auch außerhalb der Schweiz viele Ausstellungen.

„Die Welt der Atlasse“ (Ausschnitt, 1965 – 1978). Quelle: https://www.duerrenmatt.net/fukushima-h5n1-und-jimmy-carter-durrenmatts-chilling-words/

Zuerst findet er im Theater seine Bestimmung. Hier konnte er Bilder auf die Bühne bringen und zugleich philosophische Denkmodelle mit handelnden Personen entwerfen. Mit 35 Jahren erlebte Dürrenmatt den Durchbruch. Die tragische Komödie Der Besuch der alten Dame wurde 1956 ein Welterfolg. Überall verfolgten die Zuschauer seine düstere Spielanordnung: Was würde geschehen, wenn ein Mensch – wie die alte Dame Claire Zachanassian – eine Milliarde für einen Mord böte? Und was, wenn die Formel zur Vernichtung der Welt in falsche Hände geriete, wie in Die Physiker? Auch dieses Stück, das 1962 uraufgeführt wurde, nannte Dürrenmatt eine Komödie, denn seiner Überzeugung nach konnten nur noch Komödien den grotesk-horrenden Zustand der Welt im Zeitalter der Atombombe abbilden: „Das Komödiantische ist meine dramaturgische, ich möchte fast sagen, wissenschaftliche Methode, mit der ich mit den Menschen experimentiere, um Resultate zu erhalte, die mich allerdings oft selber verblüffen.“

Kafka steht bei Dürrenmatt ebenso Pate wie Wedekind und Nestroy. In seinen politischen Themen wurde er auch von Bertolt Brecht inspiriert, aber anders als Brecht trieb Dürrenmatt seine Stoffe stets in die Groteske. Dürrenmatt lässt die Zuschauer lachen – und dann in den Abgrund blicken, der für ihn die Welt bedeutete. Seine Themen sind wahrlich nicht gemütlich: Prediger, Idealisten und zynische Mörder ringen in seinen Theaterstücken um Wahrheit und Macht. Seine Kriminalromane und Hörspiele handeln von meist ungesühnten Verbrechen, davon, wie man jemanden in einen Mord hineintreiben kann – oder in eine Schuld, wie in dem frühen Hörspiel Der Doppelgänger. Für Dürrenmatt sind Weltveränderer Narren, denn sie sind nicht nur ohne Erfolg, sondern auch der kleinste Zufall kann die menschlichen Bestimmungen zunichtemachen. Mit seiner literarischen Darstellungsweise als ein Gegenbild zur Realität verfolgte er moralische Zwecke, um die Menschen in ihrem Bewusstsein der Freiheit zu sensibilisieren. Einige seiner Theaterstücke wurden fest eingeplant in die Schullektüre. Im Porträt eines Planeten (1967) wird die Weltgeschichte zum Schlachthaus.

„Buhrufe statt Applaus“

„Wie besteht der Künstler in einer Welt der Bildung“, fragt er listig, als er sich nach besserem Verdienst umtut. „Vielleicht am besten, indem er Kriminalromane schreibt, Kunst da tut, wo sie niemand vermutet.“ 1950 erscheint Der Richter und sein Henker als Fortsetzungsroman in Der Schweizerische Beobachter und erreicht bis heute eine weltweite Auflage von rund 7 Millionen Exemplaren. Dürrenmatts Themen auch der folgenden Kriminalromane sind die des ketzerischen Protestanten; es geht stets um Schuld und Verrat, die unmögliche Gnade und die unmögliche Gerechtigkeit auf Erden. Die Welt erscheint Dürrenmatt als Paradoxon, als Absurdum, als faszinierende Sinnlosigkeit.

Filmplakat zur Adaption von „Das Versprechen“. Quelle: https://www.anankesreich.de/wp-content/uploads/2014/10/esgeschahamhellichtentag.jpg

In den nächsten Jahren publiziert er weitere Kriminalromane, die seinen Weltruhm mit begründen, etwa Der Verdacht (1953). Herausragend ist dabei Das Versprechen (1958). Für Rüedi ist das Buch, in dem ein pensionierter Kommissar einen von seiner Ehefrau traumatisierten Mädchenmörder sucht, der seine Opfer mit Schokolade anlockt,  ein „Meisterwerk über den Zufall.“ Der Stoff wird noch im Erscheinungsjahr unter dem Titel Es geschah am helllichten Tag mit Heinz Rühmann in der Rolle des Kommissars Matthäi und Gert Fröbe als Triebtäter Schrott verfilmt; Sean Penn dreht 2001 mit Jack Nicholson als Kommissar ein vielbeachtetes Remake.

Dürrenmatt schrieb unermüdlich weiter: Frank der Fünfte (1959), Der Meteor (1966), unternahm Reisen nach London, Mailand, Paris und Stockholm und erhielt zahlreiche Preise. So den „Hörspielpreis der Kriegsblinden“ für Die Panne (1957), den „Prix Italia“ für das Hörspiel Abendstunde im Spätherbst (1958) und den Preis der Schillerstiftung . 1968 hält Dürrenmatt den „Monstervortrag über Gerechtigkeit und Recht” in Mainz, im selben Jahr bekommt er den Grillparzer-Preis. 1973 scheiterte Friedrich Dürrenmatt spektakulär. Für sein Stück „Der Mitmacher“ gab es am Zürcher Schauspielhaus Buhrufe statt Applaus. Mit dieser Niederlage begann für Dürrenmatt eine langsame Abkehr vom Theater und eine komplette Hinwendung zur Prosa.

Er beginnt mit der Arbeit an den Stoffen und versucht eine umfassende Darstellung der Geschichte seiner Schriftstellerei zu schaffen – ein Werk, das sich keiner gängigen Literaturgattung zuordnen lässt: Teils Autobiografie, teils Erzählung, teils philosophische Reflexion. Es entstehen die Stoffe I – III (Labyrinth) und IV – IX (Turmbau). An dem Projekt arbeitet Dürrenmatt bis zu seinem Tod. Weitere erwähnenswerte Werke sind unter anderem Ein Engel kommt nach Babylon (1954), Herkules und der Stall des Augias (1954), Die Panne (1956), Frank der Fünfte. Oper einer Privatbank (1960), Der Mitmacher (1976), Durcheinandertal (1989) oder Midas oder die Schwarze Leinwand (1991).

Den inzwischen erworbenen Wohlstand weiß er zu genießen. Seine seit jeher bestehende Leidenschaft für Wein pflegt er nunmehr im großen Stil des Kenners. Es entsteht im Laufe der Jahre ein legendärer Weinkeller, nachdem er für diesen Luxus durch den Bau seines zweiten Hauses (1965) im großen Luftschutzkeller Platz geschaffen hat. Schon früh hat er sich mit Vorliebe an roten Bordeaux gehalten. Auch nach einer durchzechten Nacht war er spätestens morgens um neun wieder an der Arbeit. Er hat auch die Auffassung vertreten, dass sein Diabetes, an dem er seit Jahrzehnten litt, und der Anfälle von Müdigkeit und von Verstimmungen zu Folge hatte, für seine Arbeit förderlich sei. Er betrachtete die Krankheit als Widerstand, den er überwinden musste.

Dürrenmatt widmete ihr «Die Physiker»: Therese Giehse (vorne) als Irrenärztin. Uraufführung im Schauspielhaus Zürich 21.2.1962. Quelle: https://tageswoche.ch/wp-content/uploads/2012/02/imagescms-image-000040154-760×427.jpg

Seine Texte sind nicht Ausdruck seiner Persönlichkeit, wie bei den meisten Schriftstellern. Er ist ein Beobachter der Welt aus sicherer Distanz und hält dem Leser von dieser Welt das verzerrte Spiegelbild vor. Er war Ehrendoktor in den USA, Frankreich und Israel und ging mit seinen Kritikern nicht gerade sanft um. Selbst in seine Werke baute er Entgegnungen ein, etwa in der Dichterdämmerung (1980), in der er unter anderem Hellmuth Karasek, Joachim Kaiser oder Marcel Reich-Ranicki abfertigte. Am 14. Dezember 1990 stirbt Friedrich Dürrenmatt an den Folgen eines Herzinfarkts in Neuenburg. 1998 hat der Diogenes Verlag eine auf 37 Bände erweiterte Werkausgabe veröffentlicht.

Der Friedensgeneral

Selbst wenn er es nicht wollte: Er musste immer der erste sein. Der erste, den das Time Magazin zweimal zum Mann des Jahres kürte: 1943 und 1947. Der erste militärische Führer, der in den USA das Außenministerium leitete. Der erste General, der als vielfach prämierter Weltkriegsveteran von Senator Joseph McCarthy – der in der nach ihm benannten McCarthy-Ära vielerorts Kommunisten am Werk wähnte – als Verräter und „Helfer der Kommunisten auf ihrem Weg zur Weltherrschaft“ verdächtigt und beschimpft wurde. Und er war auch der erste Soldat, der den Friedensnobelpreis erhielt: George C. (Catlett) Marshall. Am 31. Dezember 1880 kam er in Uniontown, Pennsylvania, als Sohn eines wohlhabenden Kohlenhändlers zur Welt.

Die Familie konnte auf eine lange patriotische Linie zurückblicken, die einen Obersten Bundesrichter der USA einschloss. Obwohl er kein besonders guter Schüler war, erregten das Fach Geschichte seine Aufmerksamkeit – und illegale Hahnenkämpfe. Sein Vater hat seinen älteren Bruder Stuart und seine jüngere Schwester Margaret, eine bei weitem bessere Schülerin, stets bevorzugt. Nach einer unspektakulären Mittelschichtsjugend schlug er eine militärische Laufbahn ein und wurde von 1897 bis 1901 am Virginia Military Institute VMI ausgebildet. Er war ein „großer, schlanker, gutaussehender 20-Jähriger mit stechenden blauen Augen und einer gewissen Zurückhaltung“, wusste der Bostoner Historiker Lance Morrow. Stuart, der 1894 am VMI seinen Abschluss gemacht hatte, war gegen diese Wahl. Die beiden Brüder kamen nicht miteinander aus. Marshall erinnerte sich: „Ich hörte, wie Stuart mit meiner Mutter sprach und sie überreden wollte, mich nicht gehen zu lassen, weil er meinte, ich würde dem Familiennamen Schande bereiten. Das hat mich mehr beeindruckt als alle Lehrer, elterlicher Druck oder anderes. Ich beschloss an Ort und Stelle, ihn auszustechen.“

G.C. Marshall. Quelle: https://www.marshallfoundation.org/marshall/wp-content/uploads/sites/22/2020/04/Marshall-portrait-600×705.png

1902 trat er in die US Army ein und heiratete seine Jugendliebe Elizabeth Carter Coles. Die Ehe bleibt aufgrund einer Herzkrankheit „Lilys“ kinderlos. 1907 wurde er Captain First Lieutenant und bekleidete bis zum Ersten Weltkrieg verschiedene Positionen in den USA – er kartographierte den Südwesten von Texas – und auf den Philippinen: Hier sollte er vergeblich die gewaltsame Kolonialisierung durch Japan verhindern. Ab 1914 plante er sowohl Ausbildungs- als auch militärische Operationen, wurde 1916 zum Captain und 1917 zum Major befördert, kam im selben Jahr nach Frankreich und arbeitete ab 1918 im Hauptquartier der US-amerikanischen Expeditionsstreitkräfte. In Fort Douglas (Utah) machte der Kommandeur, Oberstleutnant Johnson Hagood, Marshall 1916 ein bemerkenswertes Kompliment in seiner Beurteilung: „Dieser Offizier ist sehr gut qualifiziert, in Kriegszeiten im Rang eines Generalmajors eine Division zu befehligen, und ich würde sehr gerne unter ihm dienen.“ Als Generalstabschef der 1. Armee war er maßgeblich an der Planung und Organisation der Meuse-Argonne-Offensive im Herbst 1918 in der Nähe von Verdun beteiligt, die Deutschland zu einem Friedensangebot zwang. Zu seinen Erfolgen zählten unter anderem die Verschiebung von 400.000 US-Soldaten, 3000 Kanonen, 40.000 Tonnen Munition und 90.000 Pferden über eine Entfernung von 100 Meilen.

„meine zitternden Hände zu halten“

1919 wurde er Adjutant von Sechs-Sterne-General John Pershing, organisierte die Besetzung des Rheinlands durch US-Truppen und konzentrierte sich, inzwischen Lieutenant Colonel, bis 1924 auf Ausbildung und Lehre in moderner mechanisierter Kriegführung. Bis 1927 war er als Befehlshaber des 15. Infanterie Regiments in Tientsin in China stationiert. Der Tod seiner Frau durch Herzinfarkt im letzten Jahr des Fernost-Aufenthalts traf ihn sehr. Bis 1932 war er an der US-Infanterie-Schule in Fort Benning als stellvertretender Kommandeur zuständig für die Ausbildung. Hier erwarb Marshall auch den Ruf, Offiziere skrupellos zu beurteilen und sogar die erfahrensten Männer zugunsten junger Offiziere zu entlassen, die seines Erachtens ein modernes Heer führen konnten. Dieser Ruf wurde später zu einer bisweilen traurigen Heereslegende.

In dieser Zeit heiratete er 1930 Katherine Boyce Tupper, die aus ihrer ersten Ehe drei Kinder mitbrachte und ihm damit seinen Wunsch nach einer Familie erfüllte. Seine Enkelin Kitty Winn gewann 1971 in Jerry Schatzbergs „The Panic in Needle Park“ die Goldene Palme als beste Darstellerin. 1933 wurde Marshall Colonel, 1936 Brigadier General und 1938 Leiter der Abteilung für Kriegsplanung im US-Kriegsministerium. Als sich Brigadegeneral Marshall im Kriegsministerium in Washington zum Dienst meldete, begrüßte ihn Stabschef Craig, ein alter Freund aus dem Ersten Weltkrieg, mit den Worten: „Gott sei Dank, George, dass Sie gekommen sind, meine zitternden Hände zu halten.“

Marshall 1941. Quelle: https://images.squarespace-cdn.com/content/v1/5497331ae4b0148a6141bd47/1514791411371-NTSTS97J135NXWMEPGMO/ke17ZwdGBToddI8pDm48kERAlRbCkGazH9JlzlNLhWgUqsxRUqqbr1mOJYKfIPR7LoDQ9mXPOjoJoqy81S2I8N_N4V1vUb5AoIIIbLZhVYxCRW4BPu10St3TBAUQYVKcM-012eKQk-Gu6Wdb3X6NruQJGUqRPK7kBrOeNl_PeOs1uo5b3xCLDBd7H1daQGyB/geo.jpg?format=1500w

Am 1. September 1939 ernannte ihn Roosevelt zum Generalstabschef des Heeres –  eine Position, die er bis zum Kriegsende innehatte. Er leitet den Aufbau der amerikanischen Streitkräfte, begann mit einem absurd schlecht ausgerüsteten Heer von 174.000 Mann, das an 17. Stelle weltweit hinter Nationen wie Bulgarien und Portugal stand, und machte es zu einer globalen Streitmacht von mehr als acht Millionen Soldaten – einer Armee, ohne die die Alliierten Nazi-Deutschland und Japan nicht hätten besiegen können. „Keine kriegerische Extravaganz, sondern Logistik rettete die Welt in den Jahren von 1939-45, obwohl die Welt vielleicht immer noch nicht reif genug ist, um das zu verstehen“, weiß Morrow.

„Mann des Jahres“

Als Stabschef und wichtigster amerikanischer Kriegsplaner setzt sich Marshall nachdrücklich für eine Initiative der Alliierten gegen die NS-Streitkräfte über den Ärmelkanal ein, und plante die Operation Roundup, die die Vorstufe zur späteren Operation Overlord war, der Invasion in der Normandie am 6. Juni 1944. „Letztlich war es Marshalls meisterhafter Umgang mit den neuen Gegebenheiten – die Notwendigkeit, schnell zu denken und zu improvisieren, im Feld einen sicheren Schnellschussinstinkt zu haben und von hervorragend organisierter Logistik und Kriegsstärke unterstützt zu werden – der ihn zum letzten beherrschenden Genie des Zweiten Weltkriegs machte“, lobt Morrow. Churchill nannte ihn den „Organisator des alliierten Sieges“, im Time Magazine wurde er erstmals „Mann des Jahres“. 1944 wurde er zum Fünf-Sterne-General des Heeres befördert. Da er selbst nach Ansicht Roosevelts in Washington unentbehrlich ist, setzt er sich dafür ein, dass sein Protegé Dwight D. Eisenhower die alliierten Streitkräfte in Europa anführt: „Ich habe das Gefühl, dass ich nachts nicht schlafen kann, wenn Sie nicht im Land sind“, soll Roosevelt gesagt haben.

1945 nimmt er an den Konferenzen von Jalta und Potsdam teil, tritt als Stabschef zurück und wird von Präsident Truman aufgrund seiner Fernost-Erfahrungen beauftragt, als Sonderbotschafter in China im dortigen Bürgerkrieg zu vermitteln. Diese Mission blieb ohne Erfolg, er erkannte er bald, dass Mao Tse-tungs Sieg nicht aufzuhalten war. So wurde er 1947 zurückgerufen und unter Präsident Truman als erster militärischer Führer in den USA Außenminister. Das Time Magazine erkor ihn zum zweiten Mal zum „Mann des Jahres“.

Time-Cover. Quelle: https://img.timeinc.net/time/magazine/archive/covers/1948/1101480105_400.jpg

Marshall weist seine Mitarbeiter an, ein Programm für den wirtschaftlichen Wiederaufbau Europas, das European Recovery Programm (ERP), zu konzipieren, das er am 5. Juni in einer historischen Rede vor den Absolventen der Havard-Universität vorstellt – anlässlich der Verleihung der Ehrendoktorwürde. Die Ehre, erzählte Universitätspräsident James B. Conant den 8.000 Anwesenden im Hof der Universität, ging an „einen Amerikaner, dem die Freiheit andauernde Dankbarkeit schuldet, einen Soldaten und Staatsmann, dessen Fähigkeit und Charakter nur mit einem Mann in der Geschichte dieser Nation vergleichbar ist.“ Mit dem Vergleich war George Washington gemeint.

Marshall misstraute Eloquenz. Er sagte, er könne schlecht mit Worten umgehen und dachte, ein Offizier solle sich durch seine Taten ausdrücken. Er blickte auf den Hof von Harvard, rückte seine Lesebrille zurecht und begann: „Ich muss Ihnen nicht sagen, dass die Lage der Welt sehr ernst ist…“ Damit legte Marshall das europäische Gesundungsprogramm dar, oder – wie alle es bald nannten – den Marshallplan. Als der Kalte Krieg begann, leitete er ein Programm in die Wege, das Westeuropa vor dem wirtschaftlichen und politischen Chaos und dem Totalitarismus retten würde, der China und die Ostblockländer erfasste.

„der letzte große Amerikaner“

Aus dem Außenministerium zog er sich 1949 zurück und wurde nun Präsident des Amerikanischen Roten Kreuzes. 1950 wurde das George-C.-Marshall-Haus auf dem Gelände der Messe Berlin im Rahmen der ersten Deutschen Industrieausstellung eröffnet. Das von Bruno Grimmek entworfene Gebäude beherbergt einen Kino- sowie einen Ausstellungssaal. Im selben Jahr wurde er zum Verteidigungsminister ernannt, zog sich jedoch am 12. September 1951 nach den Vorwürfen McCarthys für immer aus der Politik zurück. 1953 erhielt er für den Marshallplan den Friedensnobelpreis, 1959 den Karlspreis. Zu dieser Zeit war Marshalls Gesundheit schon rapide verfallen, er wurde taub und litt an Gedächtnisschwund. Während er im Walter-Reed- Militärkrankenhaus in Washington lag, erlitt er mehrere Schlaganfälle. Stellvertretend für ihn nahm seine Frau Catherine die Auszeichnung am 4. Mai 1959 entgegen. Im selben Jahr starb der langjährige Freimaurer und wurde auf dem Nationalfriedhof Arlington beigesetzt.

Marshall-Denkmal in Wien. Quelle: https://www.geschichtewiki.wien.gv.at/images/8/82/Denkmal_George_Catlett_Marshall%2C_1220_Am_Kaiserm%C3%BChlendamm_1-5.jpg

Morrow nannte ihn den „letzten großen Amerikaner“. Er hat in seiner 50-jährigen Laufbahn acht Präsidenten gedient. In der Historischen Rangordnung der höchsten Offiziere der Vereinigten Staaten wird er auf dem hohen 15. Rang geführt. 1994 wird das George C. Marshall Europäisches Zentrum für Sicherheitsstudien als „Marshall Center“ in Garmisch-Partenkirchen eingeweiht. Die historische Leistung des „Friedensgenerals“ war der Plan, den Präsident Truman am 3. April 1948 in Höhe von 12,4 Milliarden Dollar unterzeichnete. In den Vereinten Nationen und anderen internationalen Organisationen hatte sich Marshall für Verträge mit den besiegten Mächten eingesetzt, durch die sie wieder einen Platz als geachtete und gleichberechtigte Mitglieder in der Staatengemeinschaft erhalten sollen. Marshall befürwortet die Wiederbewaffnung Westeuropas, um die Region vor einer möglichen sowjetischen Aggression zu schützen.

Er hatte nicht nur eine Anhörung vor dem Kongress – er reiste durch das Land und erklärte geduldig. Es sei kein kostenloses Programm, sagte er den Geschäftsleuten. Die Länder, die finanzielle Unterstützung wünschten, hatten praktische Vorschläge für die wirtschaftliche Gesundung vorgelegt. Die Hilfe hatte eine zeitliche Begrenzung und eine festgesetzte Obergrenze für die Kosten. Sie würde von einem amerikanischen Geschäftsmann – keinem Bürokraten – verwaltet, und die Rechenschaftspflicht war gesichert. Zweimal in 50 Jahren, erinnerte er die Isolationisten, war Amerika in den Krieg gezogen, um Europa vor der „Beherrschung durch eine einzige Macht“ zu bewahren – ein klarer Beweis dafür, wieviel Europa Amerika bedeutete.

In Deutschland erhielt allein die Kohleindustrie rund 40 Prozent der Marshall-Mittel. Das Konzept war einfach: Firmen, die diese Mittel zur Verfügung gestellt bekamen, sollten diese Darlehen an den Staat zurückzahlen, um hieraus Förderungen für andere Unternehmen zu ermöglichen. Der Marshall-Plan beinhaltete zusätzlich ein technisches Unterstützungsprogramm: Ingenieure und Unternehmer wurden in die Vereinigten Staaten geholt, umgekehrt wurden auch amerikanische Ingenieure nach Europa entsandt. Nach vier Jahren hatte der Plan alle Erwartungen übertroffen. Jedes Mitgliedsland erwirtschaftete ein größeres Bruttoinlandsprodukt als in der Vorkriegszeit. Hunger und Not, unter denen so viele entwurzelte Menschen gelitten hatten, verschwanden fast über Nacht.

Medaille zur Erinnerung an Marshalls Verdienste 1982. Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/George_C._Marshall#/media/Datei:MedalGeorgeMarshall1982.jpg

Nur wenige Jahre danach vereinten sich mit der Unterzeichnung der Römischen Verträge 1957 Belgien, Frankreich, Italien, Luxemburg, die Niederlande und die Bundesrepublik Deutschland zur „Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft“. Mit der wachsenden Entwicklung innerhalb Europas, neu hinzu gekommenen Mitgliedern und dem Vertrag von Maastricht am 1. November 1993 wurde die Europäische Union geschaffen. Ob der Moloch, zu dem die Institution inzwischen mutierte, in Marshalls Sinne gewesen wäre, darf getrost bezweifelt werden.

Wie es lange Zeit um sein Ansehen stand, illustriert treffend der Streit über die „Goldmaske des Agamemnon“, die er 1876 bei Ausgrabungen in Mykene fand. Ernst Curtius, der das historische Olympia ausgegraben hatte, meinte, das Gold der Maske sei viel zu dünn, um einen so mächtigen Herrscher damit auszustatten, und folgerte, dass das Grab aus der byzantinischen Ära stammen müsste. Der Privatgelehrte Ernst Bötticher behauptete sogar, dass er den Schmuck selbst habe herstellen lassen, um ihn heimlich zu vergraben. Aufgrund seines Geizes habe er nicht mehr Gold verwenden wollen. Beide hatten Unrecht – auch wenn sich später herausstellte, dass er nicht das Grab Agamemnons, sondern das eines mykenischen Fürsten einer vorhergehenden Dynastie gefunden hatte.

Glaubt man dem SAT 1- Zweiteiler „Der geheimnisvolle Schatz von Troja“ (2007), ist seine Lebensgeschichte genau das Märchen, das viele auch heute noch mit seiner Person verbinden: Ein Dorfjunge in Mecklenburg verträumt die Tage über Homers Epen. Aus dem versponnenen Buben wird ein kühl rechnender Großkaufmann, der sechzehn Sprachen beherrscht, als deutscher Generalkonsul in Sankt Petersburg amtiert und ein riesiges Vermögen anhäuft. Auf der Höhe des Erfolgs besinnt er sich der Kindheitsträume, entdeckt 1870 Troja, gräbt später, von deutschen und europäischen Gelehrten fortwährend verspottet, Agamemnons Mykene aus und Tyrins, den legendären Fürstensitz des Nestor. In zweiter Ehe heiratet er eine schöne junge Griechin, die ihm bei seiner Arbeit zur Seite steht. Die Krönung ihrer Mühen sind Goldschätze, die sie in Troja und Mykene finden. Er schenkt Trojas Gold dem Deutschen Reich und wird endlich anerkannt.

Heinrich Schliemann. Quelle: https://www.planet-wissen.de/geschichte/archaeologie/troja/tempxtrojagjpg104~_v-gseapremiumxl.jpg

Doch seine Biographie liest sich nicht nur wie ein Märchen, sondern ist es teilweise auch, erfunden und niedergeschrieben von ihm selbst. „Diese ruhmsüchtige Fabulierlust war gekoppelt an die verbissene Buchstabengläubigkeit des Mannes, der – oft wider besseres Wissen – jede Zeile der Ilias beim Wort nahm und so die Wirklichkeit zwang, ihm zu Willen zu sein“, erklärt Dieter Bartetzko in der FAZ. Was nicht in sein Bild der homerischen Epoche und nicht in sein Selbstbild passte, habe er ausgeblendet. In seinem romantischen Fanatismus sei er „ein für jene Ära typischer Deutscher“ gewesen, „ein faszinierendes Gemisch aus Empfindsamkeit und Härte“: Heinrich Schliemann, der am 26. Dezember 1890 starb.

Vom Kaufmann zum Studenten

Der Pastorensohn kam am 6. Januar 1822 fünftes von neun Kindern in Neubukow im Großherzogtum Mecklenburg-Schwerin zur Welt und wuchs in Ankershagen auf. Es sei nicht die Ilias gewesen, sondern „Die Weltgeschichte für Kinder“ von Georg Ludwig Jerrer, die er zu Weihnachten 1828 geschenkt bekam, aus der nach eigenen Angaben sein Entschluss zur Suche nach der antiken Stadt Troja erwuchs. Als die Mutter 1831 nach der Geburt des neunten Kindes starb, kam Heinrich in die Familie seines Onkels, der ebenfalls Pastor war. Als Schliemanns Vater das Schulgeld für das Gymnasium Carolinum in Neustrelitz nicht bezahlen konnte, musste er nach nur drei Monaten den Weg zum Abitur abbrechen und auf die Realschule wechseln. Ostern 1836 begann er eine Kaufmannslehre als Handelsgehilfe in Fürstenberg/Havel und wollte nach Beendigung seiner Lehrzeit zu Ostern 1841 gemeinsam mit einem Schulfreund nach Nordamerika auswandern.

In Rostock erlernt er zunächst Englisch und Buchführung und beschließt, krank und verarmt nach vergeblicher Arbeitssuche in Hamburg, nach Venezuela auszuwandern. Doch vor der holländischen Küste erleidet er Schiffbruch und sucht nun in den Niederlanden sein Glück. Zum Jahreswechsel 1841/42 findet er eine Anstellung als Kontorbote bei der Firma F.C. Quien in Amsterdam und beginnt, sich autodidaktisch Fremdsprachen anzueignen. Auf Englisch, Französisch, Niederländisch, Spanisch, Italienisch und Russisch folgen später u.a. Portugiesisch, Schwedisch, Polnisch und Neugriechisch. Bis zum Beginn seiner Grabungsleidenschaft 1870 erlernt er 16 moderne Fremdsprachen in Wort und Schrift, verwendet sie für Korrespondenzen und Tagebücher und übt sie immer wieder systematisch auf Reisen. Daneben eignet er sich Altgriechisch, Lateinisch, Hebräisch und Sanskrit an. Man vermutet eine Inselbegabung.

Museum im Wohnhaus Ankershagen. Quelle: https://aid-magazin.de/wp-content/uploads/sites/3/2020/06/Schliemann-Museum-Ausstellung.jpg

1844 wird er beim Amsterdamer Handelshaus B.H. Schröder & Co. zunächst Korrespondent und Buchhalter, dann als Handelsagent nach St. Petersburg geschickt. Bereits ein Jahr später eröffnete er dort ein eigenes Handelshaus auf dem Newski-Prospekt und erwarb 1847 die russische Staatsbürgerschaft. Besonders erfolgreich wurde Heinrich im Kolonialwarenhandel, vor allem mit Indigo, Genussmitteln und Industrierohstoffen. Der Briefwechsel mit seinem Bruder Ludwig, der in Kalifornien Goldsucher war, zog ihn 1850 bis 1852 nach Amerika. Er gründete eine Bank für Goldhandel in Sacramento und begann, erfolgreich in amerikanische, später auch kubanische Eisenbahnprojekte zu investieren.

Zurück in Europa heiratete er am 12. Oktober 1852 in der Isaakskathedrale eine russische Kaufmannstochter. Die nach russisch-orthodoxem Ritus geschlossene Ehe führt zu drei Kindern und festigte seine gesellschaftliche Stellung. Sein geschäftlicher Glücksfall sollte der Krimkrieg 1853 – 1856 werden: Unter geschickter Umgehung der Seeblockade lieferte er große Mengen von Munitionsrohstoffen wie Blei, Schwefel und Salpeter über den Landweg an die zaristische Armee und wurde reich. 1855 notierte er an der Petersburger Börse als Kaufmann mit dem höchsten Handelsumsatz und einem Geschäftsvolumen von einer Million Talern. Nach Kriegsende erwägt Schliemann, aus dem Handel auszusteigen, zu reisen, Land zu erwerben und erwähnt erstmals, „das Vaterland meines Lieblings Homer“ besuchen zu wollen.

Bereits 1858/59 unternimmt er Reisen nach Europa und den Nahen Osten. 1861 wird er für drei Jahre zum Richter beim St. Petersburger Handelsgericht gewählt und danach, gemeinsam mit seiner Frau, erblicher Ehrenbürger Russlands. 1864 gab er seinen russischen Wohnsitz auf und ging auf ausgedehnte Studienreisen nach Asien sowie Nord- und Mittelamerika. Im Jahr darauf verfasste er sein erstes Buch und begann mit 42 Jahren 1866 Sprachen, Literatur und Altertumskunde an der Sorbonne in Paris zu studieren. Er nimmt seinen Wohnsitz in der französischen Hauptstadt und erwirbt Mietshäuser im Wert von 1,7 Millionen Francs.

Erfolgreicher Schatzsucher

Im April 1868 begann Schliemann seine erste Forschungsreise nach Griechenland. Zunächst suchte er auf Korfu nach Spuren der Phäaken, bei denen Odysseus laut Homer strandete, und erreichte Ende Juli 1868 Ithaka.  Erstmals versuchte er sich als Ausgräber, heuerte örtliche Hilfskräfte an und suchte neun Tage lang vergeblich nach dem in der Ilias beschriebenen Palast des Odysseus. Anfang August reiste er dann in die Troas, wo er den dort ansässigen amerikanischen Konsul Frank Calvert kennen lernt. Nach intensiven Ortsbegehungen zur vermutlichen Lage der legendären Stadt des Priamos teilte er die Meinung Calverts, dass sich die Burg unter dem Hisarlık verbergen müsse, und beantragte eine Grabungserlaubnis.

Mykenische Schachtgräber. Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Heinrich_Schliemann#/media/Datei:MiceneCircoloTombeReali.jpg

Im September 1868 reiste Schliemann zurück nach Paris und schrieb dort sein Buch „Ithaka, der Peloponnes und Troja“, für die ihm die Universität Rostock 1869 den Doktortitel zuerkennt. Im selben Jahr reiste er in die USA, um die amerikanische Staatsbürgerschaft zu erlangen, mit der er seine damals in Europa unauflösbare russisch-orthodoxe Ehe scheiden lassen konnte. Gleichzeitig ließ er sich von einem befreundeten Athener Erzbischof Fotografien griechischer Heiratskandidatinnen zusenden. Nach seiner Rückkehr nach Griechenland heiratete er die 17-jährige Sophia Engastroménos am 24. September 1869 nach griechisch-orthodoxem Ritus in der Meletios-Kirche in Kolonos, dem Geburtsort des Sophokles. Nach der Hochzeitsreise kehrte das Ehepaar Anfang 1870 nach Athen zurück und bezog zunächst eine Stadtvilla.

Im selben Jahr wählte ihn die griechische philologische Gesellschaft in Konstantinopel zum korrespondierenden Mitglied. Da die Grabungserlaubnis auf sich warten ließ, begann Heinrich illegal mit Hilfsarbeitern im April einen 20 Meter langen und bis zu 3 Meter tiefen Graben auszuheben, der bereits zur Entdeckung mehrerer Siedlungsschichten führte. 1871 begann er nach den Plänen des Architekten Ernst Ziller ein Stadthaus in Athen zu erbauen, das er „Iliou Melathron“ („Palast von Ilios“) nennen, ganz nach der griechischen Mythologie einrichten und zu einem Zentrum der Athener Gesellschaft machen wird. Aus der Ehe mit Sophia gehen zwei Kinder hervor, die er nach Protagonisten der Homerischen Dichtung Andromache und Agamemnon nennt.

Mit der inzwischen erteilten Grabungserlaubnis führt er 1871, 72 und 73 drei Grabungskampagnen in Troja durch. Während der letzten entdeckt er am 31. Mai einen Goldschatz aus Waffen, Vasen, Kelchen und Schmuck, den er „Schatz des Priamos“ nennt und illegal außer Landes schafft. In diesem Schatz sieht er das Beweismittel für die Wahrhaftigkeit Homers und die Existenz des legendären Troja. Tatsächlich ist dieser Grabungsbereich, Troja II, weitaus älter; die „Burg des Priamos“ aus der mykenischen Zeit wird bei späteren Grabungen unter der Leitung seines ehemaligen Assistenten Wilhelm Dörpfeld in einer anderen Schicht verortet. Unstrittig ist aber von nun an, dass sich das legendäre Troja auf dem Berg Hisarlık befindet.

Maske des Agamemnon. Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Goldmaske_des_Agamemnon#/media/Datei:MascheraDiAgammenone.jpg

Mit dem Schatz verfuhr er genauso hemdsärmelig wie mit all seinen Unternehmungen: Obwohl durch die Grabungserlaubnis zur Abgabe verpflichtet, brachte er ihn heimlich über die Grenze nach Athen und schickte an die wichtigen wissenschaftlichen Gesellschaften Europas Depeschen, in denen er seine Entdeckung bekanntgab. Die Türkei verklagte ihn vor einem griechischen Gericht auf die Herausgabe der Hälfte der Funde. Der ein Jahr dauernde Prozess endete mit dem Urteil auf Zahlung von 10.000 Goldfranken. Kulanzhalber zahlte er jedoch 50.000 Goldfranken an das Kaiserliche Museum in Konstantinopel und trat einige weniger bedeutsame Fundstücke ab.

Nachdem sowohl der Louvre als auch die Eremitage einen Ankauf ablehnten, stellte Heinrich den Schatz 1877 bis 1880 in London aus und schenkte ihn auf Initiative seines Freundes Rudolf Virchow, der an vierten Troja-Kampagne 1879 persönlich teilnahm, schließlich 1881 „dem Deutschen Volke zu ewigem Besitze und ungetrennter Aufbewahrung in der Reichshauptstadt“. Gleichzeitig wurde er Ehrenmitglied der Berliner Gesellschaft für Anthropologie, Ethnologie und Urgeschichte und erhielt die Ehrenbürgerschaft der Stadt Berlin. Kaiser Wilhelm I. bedankte sich in einem persönlichen Brief an Schliemann und entschied, dass der Schatz im gerade im Bau befindlichen Museum für Völkerkunde Berlin ständig ausgestellt werden solle.

„Vater der mykenischen Archäologie“

Zwischendurch hatte Heinrich auch in Mykene, wo er die Goldmaske fand, sowie in Alba Longa und Motye in Italien gegraben und war auf eine Vortrags- und Museumsreise durch Europa gegangen. In London erscheint „Mykenae“ mit einem Vorwort des ehemaligen und künftigen britischen Premierministers William Ewart Gladstone. Die englische, deutsche und amerikanische Ausgabe erscheinen gleichzeitig, die französische folgt ein Jahr später. In den USA wird „Mykenae“ 1878 zum Buch des Jahres. 1880 veröffentlicht er „Ilios. Stadt und Land der Trojaner“ mit einem Vorwort von Rudolf Virchow in Leipzig, London und New York und beginnt den Text mit einer „Selbstbiografie“, in der er zahlreiche Legenden um seine Person rankt.

Ehemaliges Wohnhaus Schliemanns in Athen. Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Heinrich_Schliemann#/media/Datei:Deutsches_Arch%C3%A4ologisches_Institut_Athen_28.jpg

1882 beginnt er seine sechste Grabungskampagne in Troja 1882 mit Hilfe des Architekten Wilhelm Dörpfeld und wird Ehrenmitglied der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, im Jahr darauf auch Ehrendoktor der Universität Oxford. „Troja. Ergebnisse meiner neuesten Ausgrabungen“ erscheint in Leipzig und London. 1884 wendet er sich gemeinsam mit Dörpfeld der Ausgrabung des Palasts auf der Burg von Tiryns zu, das Buch dazu veröffentlicht er im Jahr darauf in Leipzig, Paris, London und New York. Königin Victoria verleiht ihm in London die „Große Goldene Medaille für Kunst und Wissenschaft“. 1888 nimmt Heinrich nach einer Nilreise gemeinsam mit Virchow auch Grabungen im ägyptischen Alexandria in Angriff, um vergebens das Grab Alexanders des Großen zu suchen.

1889 und 90 organisiert er zwei Trojakonferenzen in Hisarlık unter Beteiligung hochrangiger Gutachter sowie seines Kritikers Bötticher. Die Konferenzprotokolle verschaffen ihm volle Genugtuung, er beginnt eine erneute Grabungskampagne in Troja mit Dörpfeld und Virchow. Im April 1890 reist er mit Virchow durch die Troas zum Berg Ida, zu den Quellen des Skamander, und zieht sich eine Erkältung zu, in deren Folge er fast taub wird. Am 13. November unterzieht er sich einer Ohrenoperation in Halle/Saale und verlässt gegen den dringenden Rat des Arztes die Klinik vier Wochen später. Auf der Rückreise nach Athen stirbt er in Neapel an den Operationsfolgen. Sein Leichnam wird überführt und im Januar zunächst beigesetzt, bevor er 1892 im prächtigen, wiederum von Ziller entworfenen neoklassizistischen Mausoleum im Stile eines Heroentempels auf dem Ersten Friedhof von Athen seine endgültige Ruhe findet.

Schliemann-Mausoleum auf dem „Ersten Athener Friedhof“. Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Heinrich_Schliemann#/media/Datei:Schliemanngrab.jpg

Sein unbekümmertes Vorgehen bei den ersten Grabungen in Hisarlık – er konnte sich auf keinerlei Vorbilder stützen – hat Heinrich anfangs viel Kritik eingebracht. Dass er seine Methoden grundlegend geändert hat, machte ihn neben Dörpfeld zu einem der Wegbereiter der Archäologie als Feldarbeit und der wissenschaftlich-methodischen Grabungstechnik, die bis dahin lediglich in der schatzsucherhaften Aushebung wertvoller Einzelobjekte bestand, nicht aber in der nun systematischen Freilegung eines Grabungsareals. Zu den von ihm eingeführten neuen Forschungsmethoden gehören unter anderem die Voruntersuchung des Geländes durch Sondagen (Suchgräben), die Beachtung der Stratigraphie (Schichtenfolge) sowie die Suche nach der Leitkeramik („Leitfossil“) für die einzelnen Schichten. Auch die interdisziplinäre Zusammenarbeit mit anderen Wissenschaften wie Paläographie, Topographie und Chemie geht auf ihn zurück. Zudem rückten seine Berichte über die Zusammenhänge zwischen Tiryns, Mykene und Kreta diese Stätten erst in das Bewusstsein der Geschichtswissenschaft, weshalb er heute als „Vater der mykenischen Archäologie“ anerkannt ist.

Heute tragen Schulen ebenso seinen Namen wie das Institut für Altertumswissenschaften der Universität Rostock, ein Asteroid und ein Mondkrater. Sein Elternhaus in Ankershagen beherbergt seit 1980 das Heinrich-Schliemann-Museum. 1990 gaben sowohl die DDR als auch die Deutsche Bundespost gemeinsam mit der griechischen Post ELTA eine Sondermarke aus Anlass von Schliemanns 100. Todestag aus. Schlecht erging es unterdessen seinem Schatz, um dessen Rückkehr nach Troja sich inzwischen die Türkei bemüht: 1945 als Beutekunst in die Sowjetunion gebracht, wurde sein Aufenthalt geheim gehalten, erst 1993 bestätigt und seit 1996 in der ständigen Sammlung des Puschkin-Museums gezeigt. Im Schliemann-Saal des Museums für Vor- und Frühgeschichte Berlin sind seit 2009 wichtige Teile als Kopie sowie die wenigen, von der Sowjetunion an die DDR sowie von Russland 1992 an Deutschland zurückgegebenen Teile im Original ausgestellt. „Talent bedeutet Energie und Ausdauer. Weiter nichts“, schrieb Schliemann einst. Daran hielt er sich. Bis zuletzt.

„Ich verpuffe“

Ob ihn erfreut hätte, dass die Deutsche Post eine Briefmarkenserie mit fünf Motiven von ihm auflegte, ist wohl fraglich. Die Sache mit dem Krokodil aber hätte ihm sicher gefallen. Fast sechs Meter lang, lebte es vor etwa 164 Millionen Jahren und war „eine der bösesten Kreaturen, die jemals die Erde bewohnt haben“, sagte die Londoner Museumskuratorin Lorna Steel dpa. Lemmysuchus obtusidens wurde das gigantische Reptil getauft. Auch ein Asteroid und ein ausgestorbener Wurm sind nach ihm benannt worden, nicht aber eins von vier neuen superschweren Elementen des Periodensystems. Eine Petition, die dazu aufrief und über 150.000 Unterstützer fand, begründete das so: „Lemmy war eine Naturgewalt und verkörperte das Wesen des Heavy Metal“.

Er galt als einer der Pioniere der Gegenkultur und seltenen Vertreter der letzten authentischen Rocker-Generation: Der Spiegel sieht in ihm „einen britischen Exzentriker, der seinen Feinsinn und seine Sanftmut hinter mächtigen Verstärkern und martialischen Zeichen verbarg.“ 2014 befragt, ob er sich nun endlich auf der Bühne das Recht erworben habe, Ohrenstöpsel zu tragen, antwortete er: „Wenn man sich entscheidet, diese Art Lärm zu machen, hat man eine gewisse Verantwortung. Nur andere Menschen zuzudröhnen und sich selbst fein rauszuhalten gilt nicht. Ohrenstöpsel sind unfair.“ Und er galt als belesener, ja mindestens freizeitphilosophischer Freigeist, der mit lockeren Sprüchen wie diesem überraschen konnte: „Einen Kater vermeidest du am besten, indem du nie aufhörst zu trinken.“

Lemmy 2015. Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Lemmy_Kilmister#/media/Datei:Mot%C3%B6rhead_-_Rock_am_Ring_2015-0343.jpg

Seine Band nannte er Motörhead – für die New York Times die lauteste der Welt, 140 dB wurden auf manchen Konzerten gemessen. Dabei blieb er Realist: „Wir sind an der Spitze der zweiten Liga, und das reicht mir vollkommen.“ Die Musik bezeichnete er einmal als „Unfall, bei dem Motorrad, Auto und Bulldozer aufeinander krachen. Nur der Motorradfahrer überlebt.“ Markus Lanz schockte er im ZDF mit der Beschreibung „Meine Musik hört sich an wie der dritte Weltkrieg in einer Telefonzelle.“ Mit dem ö in Motörhead wollte er niemanden ärgern: „Es sah einfach gemeiner aus. Deutscher.“ Die Kriegs- und Deutschenmetaphorik war seiner Herkunft geschuldet und sollte ihn zeitlebens nicht nur musikalisch prägen: Bandleader Lemmy Kilmister. Am 24. Dezember 1945 kam er in Stoke-on-Trent zur Welt: Als „Christkind des Hardrock“, heißt es später.

„Macht ist Versuchung“

Seine Mutter war Bibliothekarin, sein leiblicher Vater Feldkaplan der Royal Air Force im Zweiten Weltkrieg: „Mein Vater wollte ein Kind zeugen, bevor er in den Krieg zog. Ich bin, so gesehen, eine direkte Konsequenz des Kriegs.“ Er verließ die Familie drei Monate nach Lemmys Geburt: „Er hat den Soldaten fromme Sprüche vorgebetet und Werte gepredigt, die er dann selber nicht gelebt hat“, ärgert er sich noch Jahrzehnte später. Religion hält er zeitlebens für einen Fehler: „Und zwar alle Religionen. Es ist wie mit den Politikern: Die Partei ist völlig egal. Sobald sie an der Macht sind, vermasseln sie es. Macht ist Versuchung. Und Priester und Politiker sind eben auch nur Menschen.“ Und überhaupt: „Gott kommt sowieso nie vorbei. Er zeigt sich höchstens in der Musik, die er Auserwählte schreiben lässt. Etwa Beethoven.“

Seine früheste Erinnerung beschreibt er augenzwinkernd: „Ich steh im Laufstall, klammere mich an den Stäben fest und brülle. Ich muss wohl geprobt haben“. Kilmister besuchte die Grundschule in Madeley, einem Dorf nahe seiner Geburtsstadt. „Ich wurde von meiner Mutter und meiner Oma großgezogen, sie lehrten mich, höflich zu Frauen zu sein und ihnen mit Respekt zu begegnen“. Mit zehn Jahren zog er nach Benllech, einem Seebad auf der zu Wales gehörenden Insel Anglesey, wo seine Mutter den ehemaligen Profifußballer und Fabrikanten George Willis geheiratet hatte. 1957 nahm Kilmister erstmals eine Gitarre in die Hand, es war die Hawaiigitarre seiner Mutter, weil er damit den Mädchen seiner Schule imponieren wollte. Er hatte nie Gitarrenunterricht, sondern brachte sich das Spielen selber bei.

Paläoart-Rekonstruktion von Lemmysuchus obtusidens. Quelle: https://www.augsburger-allgemeine.de/img/wissenschaft/crop42344711/1689678073-cv3_2-w1880/Palaeoart-Rekonstruktion-von-dem-Meereskrokodil-Lemmysuchus-obtusidens.jpg

Nachdem Kilmister mit 15 Jahren ohne Abschluss der Schule verwiesen worden war, jobbte er in einer Fabrik am Fließband und in einer Reitschule: „Ich besaß eine Farm in Wales mit zwei Hengsten, die ich für 34 Pfund gekauft und selbst zugeritten hatte. Dann hörte ich Little Richard, verkaufte die Pferde, und los ging‘s.“ Er erkannte, dass Rock‘n Roll ihm die Chance bot, einem eintönigen Leben in der Provinz zu entkommen und ein Abenteuer mit offenem Ausgang zu beginnen. Mit 16 verließ er sein Elternhaus und zog nach Manchester, wo er bei verschiedenen Bands spielte. Seine erste eigene Truppe, die „Rockin‘ Vickers“, mit der er drei Singles aufnahm, brachte es zu einigem lokalen Erfolg.

1967 traf Kilmister in London ein, wohnte im Haus der Mutter des späteren „Rolling Stones“-Gitarristen Ron Wood, teilte sich eine Wohnung mit Noel Redding, dem Bassisten von „Jimi Hendrix Experience“, und hielt sich zunächst mit Gelegenheitsjobs über Wasser, unter anderem als Roadie bei Hendrix und Keith Emersons „The Nice“. Nach Gastauftritten etwa bei P.P. Arnold wurde er 1968 Sänger bei „Sam Gopal“, mit der er 1969 das Album „Escalator“ aufnahm, für das er einige Songs unter dem Namen „Ian Willis“ beisteuerte, dem Nachnamen seines Stiefvaters. Das Projekt scheiterte wie auch sein nächstes „Opal Butterfly“. 1971 bekam er dann Kontakt zur Spacerockband „Hawkwind“, wollte als Gitarrist einsteigen – und wurde schließlich neuer Bassist.

Dabei verhalf ihm ein Zufall zu seinem ersten Instrument: „Es war ein deutsches Instrument, ein Bass von ‚Hopf‘. Del Dettmar, der Keyboarder von Hawkwind hat ihn am Flughafen Heathrow bei einem Preisausschreiben gewonnen. Seitdem bin ich Bassist – was für ein Zufall.“ Später bevorzugte er Instrumente von Rickenbacker, die er selbst „Rickenbastard“ nannte. In dieser Zeit soll sein Spitzname Lemmy entstanden sein: der oft exzessive Spieler litt an chronischer Münzknappheit und ging seine Kollegen mit den Worten „Can you lem’me five?“ oder „Lemme a fiver“ („Kannste mir ’nen Fünfer leihen?“) um Geld an. In seiner Autobiographie „White Line Fever“ (München 2006) erklärt er allerdings, dass er bereits als zehnjähriger Grundschüler diesen Spitznamen erhalten habe. Er sang die erfolgreichste Single der Band, „Silver Machine“, die bis auf Platz 2 der Charts gelangte – und wurde 1975 vom Management gefeuert, nachdem er wegen Drogenbesitzes durch den kanadischen Zoll festgenommen worden war.

„eine Hiobsbotschaft“

Irgendwann im Sommer desselben Jahres gründete er seine eigene Band, da konnte ihn niemand feuern, und wollte sie „Bastard“ nennen. Auf Anraten seines Managers, der ihm sagte, dass er damit kaum ins Fernsehen käme, benannte er sie in Anlehnung an den Titel des letzten Songs, den er für „Hawkwind“ geschrieben hatte, um. Bis zu seinem Tod war die Band mit ihm als musikalischem Kopf aktiv; die letzten 23 Jahre in konstanter Besetzung. Weil die drei Motörhead-Musiker – Kilmister, Gitarrist Phil Campbell und Schlagzeuger Mikkey Dee – auf den Tourneen so viel Zeit miteinander verbrachten, gingen sie sich ansonsten aus dem Weg, wann immer es ging. Alle drei hatten eigene Garderoben und im Tourbus ihre eigene Ecke.

Motörhead 2015. Quelle: https://www.rollingstone.de/wp-content/uploads/2016/12/07/14/getty-motorhead-463000442.jpg

Vor jedem Auftritt trat der Mann in Schwarz mit den hohen Cowboystiefeln, dem Eisernen Kreuz oder Indianerkunsthandwerk um den Hals, mit den markanten Fibromen, dem unverwechselbaren Westernbackenschnauzer, dem schnurgeraden langen Haar unter einem Cowboyhut und der Pik-Ass-Tätowierung auf dem Arm an den Mikrofonständer und erklärte allen, auch denen, die es schon wussten: „We are Motörhead. We play Rock and Roll.“ Ihrem Klang war die Band über die Jahre und die 22 Alben, die sie veröffentlichte, immer treu. Rau musste es sein und schnell. „Ich kann Heavy Metal eigentlich nicht leiden“, sagte Kilmister. „Die Beatles sind die beste Band.“ Manche Marketing-Gags seiner Truppe wurden legendär, etwa Babystrampler mit Logo und dem Aufdruck „Everything Louder than Everything Else“ oder Kondome „Go to Bed with Motörhead“.

Sein Bass, den er wie eine Rhythmusgitarre spielte, korrespondierte dabei mit seiner Stimme, die genauso klang, wie er lebte, nach Zigaretten und Whiskey. Kilmister hat die Freiheiten, die ihm seine Karriere bot, genossen. Einmal behauptete er von sich, dass er seit seinem 30. Geburtstag jeden Tag eine Flasche Whiskey getrunken habe: „Wenn ich ins Röhrchen puste, würde das Gerät wahrscheinlich zu Staub zerfallen.“ In Interviews war das Glas mit der Jack-Daniels-Cola-Mischung sein ständiger Begleiter. Sex, Drogen, Alkohol, Nikotin – Lemmy nahm alles mit; außer Heroin, das er hasste, weil seine große und einzige Liebe mit 19 daran zugrunde gegangen war.

Lemmys Sammlung. Quelle: https://www.schnittberichte.com/schnittbericht.php?ID=353700

Obwohl kolportiert wird, dass er tausend Frauen gehabt habe, wird er nie heiraten, allerdings mit zwei Frauen zwei Söhne bekommen. Der eine, Paul, arbeitet in den USA als Musiker und Produzent; beide sehen sich gelegentlich. Über den Verbleib seines anderen Sprösslings weiß er nicht viel: „Mein anderer Sohn ist ein Jahr jünger und wohnt, glaube ich, noch in England“, erzählt er dem Spiegel. „Ich bin mir aber nicht sicher. Ich habe ihn nie getroffen, weil er direkt nach der Geburt zur Adoption freigegeben wurde. Die Mutter war damals 15. Das war vielleicht eine Hiobsbotschaft…“

„Wir mögen die bösen Buben“

Kilmister hatte manche Eigenart. Oft stieg er, während die Konzertbesucher schon in die Halle eingelassen wurden, mit einem Beutel Münzen in ein Taxi und ließ sich zu einem Spielcasino fahren. Dort verdaddelte er das Kleingeld an Automaten. Zwei Stunden später, wenn die Vorgruppen ihren Auftritt beendet hatten, kam er zurück und trat auf. Auch positionierte er sein Mikrofon stets etwas zu hoch, sodass er seinen Kopf während der Gesangspassagen anheben musste. Das war ein Markenzeichen seiner Bühnenpräsenz, diente nach seinen Aussagen der Bequemlichkeit und sollte ein Relikt aus den Anfangstagen sein, als die Band nur wenige Zuschauer hatte und er „so das Elend im Publikum nicht mitansehen musste“. Der erfolgreichste Song der Band war „Ace of Spades“ vom gleichnamigen Album aus dem Jahr 1980. 25 Jahre später gab‘s für eine Metallica-Adaption den einzigen Grammy.

Die Inhalte der Songs waren dabei trotz mancher Monotonie und erst recht Lautstärke nie zu vernachlässigen. Lemmy war ein durchaus politischer Mensch, der in den Texten Themen wie Religion („Don‘t Need Religion“, „Bad Religion“), Kindesmissbrauch („Don´t let Daddy kiss me“) und vor allem Krieg („1916“) aufgriff. Diesen unpathetisch-melancholischen Song, in dem ein schwerverletzter Soldat in der Schlacht an der Somme in Dreck, Blut und Eingeweiden nach seiner Mutter schreit, die jedoch nie kommt, singt er nur begleitet von einer Orgel, dem Marschrhythmus eines Schlagzeugs und im Mittelteil von einem klagenden Cello. Das Kriegsthema war nicht nur eine Eigenart: „Der Zweite Weltkrieg“ antwortet er der Süddeutschen Zeitung auf die Frage, welche die tief gehende Katastrophe in seinem Leben war, auf die seine Musik die logische Antwort ist.

Lemmys zweite Leidenschaft. Quelle: https://classicrock.net/wp-content/uploads/2018/12/lemmy-mot%C3%B6rhead-clean-your-clock-press.jpg

Seine Beschäftigung mit diesem Geschichtskapitel kann man fast manisch nennen. Seine Wohnung ist vollgestopft mit Andenken und Trophäen aus Hitlerdeutschland, darunter einem Aschenbecher von Eva Braun und einem Jagdmesser von Hermann Göring: „Kultur ist alles, was das Bewusstsein der Bevölkerung erweitert“. In Deutschland bekam er polizeilichen Ärger: „Auf einem Zeitungsfoto trug ich einen Nazi-Hut. Ich wusste aber nicht, dass der Kram in Deutschland verboten ist. Eigentlich ist das ja logisch. Aber die Bösen haben nun mal einfach die schöneren Uniformen.“

Er fand nichts dabei, auf einer Kostümparty in Hollywood in voller SS-Uniform aufzutreten. Hitler war für ihn „der zwingende Redner des zwanzigsten Jahrhunderts. Nach Hitlers Charisma kam nur noch Ozzy Osbourne, aber – Ozzy kann singen!“ Die Süddeutsche Zeitung fragte Lemmy direkt: „Weshalb lieben die Engländer Hitler so wahnsinnig?“ Seine Antwort: „Wir mögen die bösen Buben. Du möchtest nichts über langweilige Landwirtschaftsreformen hören. Du willst, dass Mackie Messer wieder zuschlägt.“ Sein Lieblingsmoment im Zweiten Weltkrieg war: „Als sie Frankreich überrannten. In nur drei Wochen.“

 „etwas ruhiger angehen“

1990 hatte er sich in Los Angeles niedergelassen, in einem Zweizimmer-Apartment gegenüber seiner geliebten „Rainbow Bar” am Sunset Boulevard 9015, in dem er bis zuletzt wohnte: „Ich kann nicht 30 Zimmer bewohnen, Mann! Stress! In 28 Zimmern herrscht dann Totenstille. Wozu?“ Oft wurde er erkannt und um Selfies gebeten: „Wenn man sich sein ganzes Leben lang wünscht, berühmt zu sein, dann sollte man auch nicht anfangen zu meckern, wenn man es dann ist“, sagte er der Welt.

Trauerfeier. Quelle: https://www.laut.de/bilder/upload/2016/01/11/motorchurch.jpg

Eigenen Angaben zufolge hat Lemmy versucht, dem als unmusikalisch geltenden Sex-Pistols-Mitglied Sid Vicious das Bassspielen beizubringen, und nach drei Tagen aufgegeben: „Sid war ein hoffnungsloser Fall.“ Er hatte einige kleine bis mittlere Filmrollen, so mit vielen anderen Musikerkollegen in der Sozialgroteske „Eat the Rich“, für die er den Titelsong schrieb, sowie in Videoclips diverser Bands, bemerkenswert oft als Fahrer oder Fahrgast. Zudem sprach er in „Brütal Legend“ eine Videospiel-Rolle und ist spielbarer Charakter im Musikspiel „Guitar Hero: Metallica“.

Natürlich hat ein Leben, wie er es führte, seinen Preis, und Kilmister klagte nicht, als es daranging, ihn zu zahlen. 2000 wurde bei ihm, der für sein Leben gern Marzipan nascht, ein Diabetes diagnostiziert. 2013 bekam er einen Herzschrittmacher, der ihn auf der Bühne nicht beeinträchtigte: „Unser Geheimnis ist wohl, dass wir eigentlich immer noch Kinder sind. Mehr muss man da nicht hineindichten. Wir stehen immer noch gern auf der Bühne und toben nun mal gern herum.“ Kilmister beglich dabei immer cash, weil, wie er in der ihm eigenen Nonchalance bemerkte, die Krankenversicherung, die ihn nehmen würde, erst noch erfunden werden müsste.

Befragt nach seiner Angst, tot umzufallen, antwortete er: „Ich fall‘ nicht um. Ich verpuffe“. Wegen seiner anhaltenden gesundheitlichen Probleme mussten 2013 viele Konzerte und die Promotiontour des letzten Albums „Aftershock“ abgesagt, ein Auftritt beim Wacken Open Air abgebrochen werden. Kurz nach seinem 70. Geburtstag wurden bei ihm Tumore im Kopf- und Nackenbereich diagnostiziert. Er verstarb schließlich am 28. Dezember 2015 in seiner Wohnung an einer aggressiven Prostatakrebserkrankung. Sein Begräbnis wurde live im Internet übertragen.

Lemmys Grab. https://www.udiscover-music.de/wp-content/uploads/sites/21/2018/01/2017-06-08-14.51.05-Grab-Lemmy_preview-1024×768.jpeg

Auf der „anderen Seite“ solle er es „etwas ruhiger angehen“, scherzte Motörhead-Schlagzeuger Mikkey Dee dabei. „Unser Mitgefühl gilt dem Gehörnten, der sich von nun an dort unten mit Dir wird messen lassen müssen“, schrieb Jörg Scheller in der Süddeutschen Zeitung. Lemmy wurde auf dem Forest Lawn Memorial Park in Hollywood beigesetzt. Obwohl man sein Vermögen auf mehrere Millionen schätzte, hinterließ er dem Haupterben, seinem Sohn Paul, laut Mirror nur ungefähr 600.000 Euro. „Es ist nicht wirklich schwierig, zu überleben – du darfst nur nicht aufgeben“, sagte er 2002. Daran hat er sich gehalten. Bis zum Ende.

Fürst Karl Lichnowsky gehörte zu seinen größten Gönnern: er bewilligte ihm eine Unterstützung von 600 Gulden jährlich, die solange gezahlt werden sollte, bis er eine feste Anstellung als Musiker erlangt – was aber nie geschah. Lichnowskys Zahlungen endeten infolge eines schweren Zerwürfnisses, als er im Herbst 1806 zu Gast auf Schloss Grätz war und sich auf seine „typische Art“ weigerte, für französische Offiziere zu musizieren, die beim Fürsten zu Besuch waren. Nach zeitgenössischen Quellen hatte er „den Stuhl schon aufgehoben, um ihn auf des Fürsten Kopf in seinem eigenen Hause zu zerbrechen, nachdem der Fürst die Zimmerthür, die B. nicht aufmachen wollte, zertreten hatte, wenn Graf Oppersdorf ihm nicht in die Arme gefallen wäre“.

Diese typische Art hat auch Goethe nach nur wenigen Stunden ihres ersten und einzigen Treffens im Juli 1812 in Teplitz erkannt: „Sein Talent hat mich in Erstaunen gesetzt; allein er ist leider eine ganz ungebändigte Persönlichkeit, die zwar gar nicht unrecht hat, wenn sie die Welt detestabel findet, aber sie freilich dadurch weder für sich noch für andre genußreicher macht. … Ich begreife recht gut, wie er gegen die Welt wunderlich stehen muß.“ Der so Beschriebene teilte seinem Verleger nur mit: „Göthe behagt die Hofluft sehr, mehr als einem Dichter ziemt. Es ist nicht vielmehr über die Lächerlichkeiten der Virtuosen hier zu reden, wenn Dichter, die als die ersten Lehrer der Nation angesehen sein sollten, über diesem Schimmer alles andere vergessen können.“

Beethoven. Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Ludwig_van_Beethoven#/media/Datei:Beethoven.jpg

Legendär wurden aber auch seine Frauengestalten – mindestens zehn mehr oder weniger langjährige Beziehungen haben seine Biographen nachgewiesen, darunter zur minderjährigen Sängerin Elisabeth Röckel, für die er 1810 sein Albumblatt „Für Elise“ komponierte. Die bezaubernde Gräfin Josephine Deym könnte nicht nur die Mutter seines einzigen Kindes sein, einer Tochter, die sie Minona nannte (was rückwärts gelesen „anonym“ hieße), sondern 1812 auch die Adressatin seines Briefs an die „Unsterbliche Geliebte“, der mit der Anrede „Mein Engel, mein alles, mein Ich“ begann. Der Brief hat wegen des Fehlens unzweifelhafter Anhaltspunkte für die Identität der Adressatin zahlreiche und andauernde Spekulationen ausgelöst. Sein Verfasser war Ludwig van Beethoven, der am 17. Dezember 1770 in Bonn getauft wurde.

„Lied an einen Säugling“

Sein Vater Johann war Tenor an der kurkölnischen Hofkapelle sowie Musiklehrer und sollte mit seiner Frau Maria Magdalena sieben Kinder haben, von denen nur drei das Säuglingsalter überlebten. Ludwig war der zweiälteste und hatte das musikalische Talent geerbt, das der Vater früh erkannte – prompt wollte er aus ihm mit teilweise rabiaten Methoden einen zweiten Mozart machen. Die erste echte Förderung erfuhr er durch den Hoforganisten Christian Gottlob Neefe. Schon als Kind lernte er Klavier, Orgel und Bratsche, trat mit sieben erstmals öffentlich als Pianist auf und komponierte ab zwölf bereits Stücke mit lustigen Namen wie etwa das „Lied an einen Säugling“ oder die „Elegie auf den Tod eines Pudels“.

Ludwigs Schulbildung ging über Grundlegendes wie Lesen, Schreiben und Rechnen kaum hinaus. Zusätzlich erhielt er aber zeitweise Privatunterricht in Latein, Französisch und Italienisch. 1782 wurde er Stellvertreter Neefes an der Orgel, zwei Jahre später erhielt er eine feste Anstellung als Organist. Darüber hinaus wirkte er als Cembalist und Bratschist in der Hofkapelle. Ende Dezember 1786 brach Beethoven vergebens zu einer Reise nach Wien auf, um Kompositionsschüler Mozarts zu werden. Wenige Wochen danach starb im Frühjahr 1787 seine Mutter, der Vater wurde zum Trinker und konnte nicht mehr für seine drei Söhne sorgen. 1789 wurde er vom Dienst suspendiert und Ludwig die Verfügungsgewalt über die Hälfte der Pension des Vaters erteilt, wodurch ihm faktisch die Rolle des Familienoberhaupts zufiel.

Der Künstler als Kind, ca. 1783. Quelle: https://www.kinderzeitmaschine.de/fileadmin/user_upload/Neuzeit/Franzoesische_Revolution/Beethoven_als_Kind.jpg

1792 wurde ein zweiter Studienaufenthalt in Wien mit und bei Joseph Haydn vereinbart. Noch im November des Jahres brach Ludwig auf – und blieb für den Rest seines Lebens. Denn im Dezember starb sein Vater, und als 1794 französische Truppen das Rheinland besetzten und der kurfürstliche Hof floh, war ihm nicht nur der Boden für die Rückkehr nach Bonn entzogen, auch die Gehaltszahlungen des Kurfürsten blieben nun aus. Seine beiden Brüder folgten ihm nach. In Wien fand er bald die Unterstützung adliger Musikliebhaber, darunter Fürst Lobkowitz und eben Lichnowsky, der ihn anfangs sogar bei sich wohnen ließ. Das Verhältnis zwischen dem renommierten Lehrer Haydn und ihm war nicht einfach, er war mit Haydn als Lehrer unzufrieden und nahm heimlich Unterricht bei anderen, darunter Antonio Salieri in Gesangskomposition.

„Allegro di Confusione“

In den ersten zehn Jahren in Wien entstanden allein 20 seiner 32 Klaviersonaten. Am 29. März 1795 trat Beethoven mit seinem Klavierkonzert B-Dur op. 19 erstmals als Pianist an die Wiener Öffentlichkeit. Besonderes Aufsehen erregte er auch durch seine herausragende Fähigkeit zum freien Fantasieren. 1796 unternahm der junge Virtuose eine Konzertreise nach Prag, Dresden, Leipzig und Berlin, die ein großer künstlerischer und finanzieller Erfolg wurde. Die von Lichnowsky initiierte Tournee folgte der Route der Reise, die der Fürst 1789 schon mit Mozart unternommen hatte. Die ersten Kompositionen, die Ludwig drucken ließ, waren drei 1794/95 entstandene Klaviertrios, die er mit der Opusnummer 1 versah. Zwischen 1798 und 1800 komponierte er, nach intensivem Studium der Quartette Haydns und Mozarts, eine erste Serie von sechs Quartetten, kurz darauf präsentierte er sich auch als Sinfoniker mit seinen ersten beiden Sinfonien. Schon 1800 rissen sich die Musikverlage um sein Musik: „ich fordere und man zahlt“. Ein genialer Coup war sein erstes selbst veranstaltetes Konzert am 2. April 1800 im Hofburgtheater mit Stücken von Mozart und Haydn neben seinen.

Noten der 1. Sinfonie. Quelle: https://cdn.shortpixel.ai/client/q_glossy,ret_img,w_1200/https://www.michael-schoenstein.com/wp-content/uploads/foto-noten-beethoven-1-c-dur-001-1200×624.png

Seine Musik galt als neuartig, interessant, bewunderungswürdig – aber schwierig. Manche Werke, so hieß es, verstehe man erst nach mehrmaligem Hören. Wertkonservativen Zeitgenossen war sie schon mal etwas über. Ein Kritiker fand „des Grellen und Bizzarren allzu viel“, ein anderer hörte nur noch „wirklich gräßliche Harmonie“. Angeblich verstieß Beethoven gegen das Schönheitsideal der Natürlichkeit. 1828 befand ein Kritiker „Gewiss keine von allen jemals bekannt gemachten Sinfonien ist so kolossal und kraftvoll, so tief und kunstreich wie die Zweite von Beethoven“, ein anderer nannte sie dagegen immer noch „ein krasses Ungeheuer“. Für ihn waren derlei Anwürfe nicht mehr als „Mückenstiche“: lästig, aber vorübergehend. Er beharrte darauf: „Wahre Kunst ist eigensinnig und lässt sich nicht in schmeichelnde Formen zwingen.“

Leider legte sich auf seine Karriere ab 1797 ein Schatten: er wurde taub. Hohe Töne aus der Ferne hörte er 1801 nicht mehr, dazu quälte ihn Tinnitus. „Nur die Kunst“, schrieb er 1802 im „Heiligenstädter Testament“, halte ihn vom Selbstmord ab. 1808 konnte er noch öffentlich konzertieren. 1813 dirigiert er die 7. Symphonie, ohne die leisen Stellen zu hören. Ab 1814 benutzte er Hörrohre, ab 1818 die „Konversationshefte“, in die seine Besucher ihre Äußerungen schreiben, so dass er antworten konnte. Über 100 davon sind erhalten, „einzigartige Zeugnisse der Alltäglichkeiten des Verkehrs eines der größten Genien der Menschheit“, so sein Biograph Walter Riezler. Bei der Uraufführung der 9. Symphonie (1824) hörte er den tosenden Applaus nicht mehr.

Beim Komponieren beeinträchtigte ihn die Schwerhörigkeit aufgrund seines absoluten Gehörs nicht, am meisten litt Ludwig an der sozialen Isolation. Er wurde mürrisch und argwöhnisch, neigte immer mehr zu sinnlosen Zornesausbrüchen und zog sich zunehmend von den Mitmenschen zurück. Er galt als Sonderling mit wirren Haaren, der brummend durch die Gassen stapft und Noten in die Luft malt. Das hatte Auswirkungen bis in den Alltag hinein. Auf dem Flügel häufen sich Notenblätter und Staub, darunter steht ein voller Nachttopf, auf dem Tisch Frühstücksreste nebst halbleeren Weinflaschen, auf dem Boden große Pfützen von der Morgenwäsche: So berichten Besucher, und er selbst gab zu, sein Haushalt sei ein „Allegro di Confusione“. Haushälterin und Köchin mussten her, deren Erziehung allerdings wieder Unordnung in die Wohnung brachte: „Die Nany ist ganz umgewandelt, seit ich ihr das halb dutzend Bücher an den Kopf geworfen. Es ist wahrscheinlich durch Zufall etwas davon in ihr Gehirn geraten. Der Baberl warf ich meinen schweren Sessel auf den Leib. Da hatte ich den ganzen Tag Ruhe.“

„wacker herumtummeln“

Vage Heiratsabsichten sind erstmals Ende 1801 dokumentiert: Ein „liebes zauberisches Mädchen“, hinter dem sich wohl seine gräfliche Klavierschülerin Giulietta Guicciardi verbirgt, könne ihn glücklich machen. Aber die sei nicht „von meinem Stande“, und außerdem müsse er sich noch „wacker herumtummeln“. Sein Freund Franz Gerhard Wegeler schreibt: „In Wien war Beethoven immer in Liebesverhältnissen“. Am Standesunterschied scheiterte auch die lange, komplexe Beziehung zur verwitweten Gräfin Deym. Sehnlichst wünschte sich Beethoven eine Familie. Nun sollte ein Freund ihm die Frau suchen. 1810 fand sich die Kaufmannstocher Therese Malfatti. Beethoven hatte schon die Papiere für die Trauung, als er die Absage erhielt.

Neffe Karl van Beethoven. Quelle: https://en.wikipedia.org/wiki/Karl_van_Beethoven#/media/File:Karl_van_Beethoven.jpg

Als anfänglicher Anhänger der Französischen Revolution widmete er Napoleon seine 3. Sinfonie, die „Eroica“. Nachdem sich Napoleon 1804 allerdings zum Kaiser gekrönt hatte, löschte Beethoven diese Widmung wutentbrannt aus dem Titelblatt der Partitur. Als 1808 König Jerôme von Westfalen ihn für seinen Hof zu gewinnen sucht, setzten ihm drei Freunde und Gönner, darunter Erzherzog Rudolf, ein Jahresgehalt von 4000 Gulden aus, um ihn in Wien zu halten. Im selben Jahr beendet er die 5., die Schicksalssinfonie: „So pocht das Schicksal an die Pforte“, beschreibt er das legendäre Eingangsmotiv. Am 22. Dezember 1808 packte er die Fünfte mit der Sechsten nebst anderen gewichtigen Werken in ein vierstündiges Konzert in einem unbeheizten Theater. Das war dann selbst für aufgeschlossene Besucher „des Starken zu viel“. Die größten Triumphe erntete er in den Festkonzerten zum Wiener Kongress 1815, wo neben Gelegenheitswerken seine 7. und 8. Sinfonie uraufgeführt wurden. Im Jahre zuvor hatte er mit dem umgearbeiteten „Fidelio“ großen Erfolg. Daraus stammt das musikalische Pausenzeichen („Es sucht der Bruder seine Brüder“), das jahrzehntelang im DW-Hörfunkprogramm zu hören war.

Nach dem Tod seines Bruders Caspar 1815 erkämpfte Beethoven vor Gericht das alleinige Sorgerecht für seinen Neffen Karl, den er 1818 zu sich holt, vielleicht ein letzter, verzweifelter Versuch, so etwas wie eine Familie zu haben. An ihm wollte er sein Ideal eines „höheren Menschen“ verwirklichen, ihn zu einem großen Künstler oder Gelehrten machen. Das Erziehungsprojekt scheiterte. Karl, der einfach nur Soldat werden wollte, war hoffnungslos überfordert und litt an der fast schon psychotischen Bevormundung durch den Onkel. 1826 versuchte er, sich zu erschießen. Nicht unzutreffend erklärte er: „Ich bin schlechter geworden, weil mich mein Onkel besser haben wollte.“

Er war Perfektionist, komponierte nicht für seine Zeitgenossen, sondern für die Nachwelt. Immer wieder feilte er, überarbeitete und korrigierte die Partituren bis spät in die Nacht. Bei dieser Sorgfalt verwundert nicht, dass er manche Stücke, gerade Auftragskompositionen, zu spät fertig stellte. Die „Missa Solemnis“, eine grandiose Messe zur Inthronisation des Erbbischofs von Olmütz 1820, wurde erst 1823 fertig. Im Jahr danach folgte dann der Höhepunkt seines Schaffens: am 7. Mai fand im Theater am Kärntnertor die Uraufführung der 9. Sinfonie statt. Geleitet von Kapellmeister Michael Umlauf, stand Ludwig mit ihm zur Unterstützung am Dirigentenpult. Einen Chor hatte es in einer klassischen Sinfonie bis dato nicht gegeben, der Applaus war frenetisch. Umso mehr ärgerte ihn der billige Ring, den Preußenkönig Friedrich Wilhelm III. für die Widmung des Jahrtausendwerks zu schicken geruhte: Er hat ihn gleich verscherbelt. Die Zahl Neun in Bezug auf Sinfonien schien die Nachwelt zu prägen: Gustav Mahler oder Anton Bruckner etwa kamen über eine neunte Symphonie nicht hinaus.

9. Sinfonie in der Christuskirche Karlsruhe. Quelle: https://provocal.eu/wp-content/uploads/2018/01/2018-01-27_Beethoven_Foto-Bernadette-Fink_web-1024×683.jpg

Nach 1945 nahm das Gewandhausorchester in Leipzig seine Tradition wieder auf, das Silvesterkonzert mit Beethovens Neunter zu beenden. Seit 1972 gelten die einschlägigen 16 Takte („Freude, schöner Götterfunken“) als „Europahymne“. Zehn Jahre zuvor hatten dieselben Takte den englischen Schriftsteller Anthony Burgess und mehr noch 1971 den amerikanischen Filmregisseur Stanley Kubrick zu gänzlich anderen Assoziationen verleitet: In „A Clockwork Orange“ sind sie der dynamisierende Begleitsound zu Vergewaltigung und Totschlag. Die Sinfonie hat 1982 auch die Entwicklung der CD mit einer Speicherkapazität von 80 Minuten beeinflusst: Herbert von Karajan, der von Produktentwicklern dazu befragt wurde, sagte, dass es möglich sein müsse, Beethovens Neunte an einem Stück zu hören. Und im Dezember 1989, kurz nach dem Mauerfall, dirigierte der amerikanische Superstar Leonard Bernstein die 9. Sinfonie im Ostberliner Konzerthaus am Gendarmenmarkt mit einem Orchester, das Musiker aus Ost und West vereinte. Das Konzert wurde in 20 Länder übertragen. Die Originalpartitur wurde 2001 als erste Komposition Weltkulturerbe. 2003 versteigerte Sothebys die von Beethoven korrigierte Druckvorlage für drei Millionen Euro.

„Schade, schade – zu spät!“

Zur Zeit der Uraufführung war Ludwig bereits erschöpft und von der Leberzirrhose gezeichnet, an der er letztlich sterben wird. Sein letztes Werk, das fünfte einer Serie von Streichquartetten, vollendete er 1826. Pläne wie eine dritte Messe, eine zehnte Sinfonie oder ein Oratorium blieben ungeschrieben – rund 240 Werke sind von ihm überliefert. Die Bauchwassersucht machte ihm die letzten drei Monate zur Qual. Mehr zum Trost als zur Heilung verschrieb ihm der Arzt eine Kiste Rheinwein, deren Ankunft er sehnlich erwartete. Beethoven war nicht zwingend ein klassischer Alkoholiker, und eine Leberzirrhose kann auch andere Ursachen haben. Aber er trank sicher mehr, als ihm gut tat: Ein Fläschchen zum Essen, ein paar Fläschchen unter Freunden… Auch bleihaltigen Billigwein verschmähte er nicht: Weißwein wurde von den Winzern damals mit Bleizucker statt mit teurem Rohrzucker gesüßt. Die Ärzte schufen ihm noch manche Erleichterung, so dass er immer noch Besuche von Freunden empfangen konnte. Zu retten war er nicht mehr. Er wusste um seinen Zustand, machte sein Testament zugunsten des Neffen und lag schon im Sterben, als die Kiste endlich eintraf. Seine letzten Worte sollen gewesen sein: „Schade, schade – zu spät!“

Beethovens Begräbnis. Quelle: https://www.sepulkralmuseum.de/ressources/images/leichenzug_1591800069_SUPERHERO_xl.jpg

Er starb am 26. März 1827 während eines Schneegewitters. Die Obduktion ergab eine stark geschrumpfte Leber, „lederartig fest, grünlichblau gefärbt“; später wird an Knochenstücken seines Schädels auch eine abnorm hohe Bleikonzentration gemessen. Am Tag seiner Beerdigung blieben die Schulen in Wien geschlossen, mindestens 20.000 Menschen gaben ihm das letzte Geleit. Franz Grillparzer hielt die Grabrede. Unter den Musikern, die Fackeln tragend den Sarg umgaben, war der jüngste Franz Schubert – der ihm schon nach einem Jahr in den Tod folgte. „Was in den Herzen der Menschen lebt, ist die Gewalt des menschlichen Ausdrucks in seiner Musik, aus der ein unendlicher Reichtum an Gefühlen auf den Hörer eindringt, und damit verbunden das – freilich sehr verzeichnete – Bild des Menschen, des einsamen ‚tauben Musikers‘, der mit dem Schicksal ringt“, bilanziert Riezler.

Mit seinem Aufbegehren gegen die Form, seiner Konzentration auf die persönliche Aussage in der Musik, seinem dramaturgischen Komponieren und der Wahl kurzer Motive mit hohem Wiedererkennungswert vollendete der Rebell die Klassik und schlug die Brücke zur Romantik. Mit ihm beginne die „Vervollkommnung der Tendenz zu deutscher Einsamkeit“, befand Carl Schmitt: „Seitdem die Instrumente reden, können die Menschen nicht mehr reden; ein stummes, musikalisches Volk.“ Neben Romanen und Gedichten thematisierten zahlreiche Bühnenstücke und Filme das Leben des Komponisten, der unter anderem von Karlheinz Böhm, Donatas Banionis, Gary Oldman, Ian Hart und Ed Harris verkörpert wurde. Anlässlich des runden Jubiläums hatten die Bundesrepublik, das Land Nordrhein-Westfalen, der Rhein-Sieg-Kreis und die Bundesstadt Bonn eine Beethoven Jubiläums gGmbH gegründet, die das ganze Jahr lang Ausstellungen, Konzerte, Performances und Kongresse organisierte – die im Corona-Lockdown versandeten. Im weltweiten Klassikranking führt er immer noch vor Mozart und Bach die Liste der meistgespielten Komponisten an, über 13% aller klassischen Konzerte rings auf der Erde hatten 2019 ein Werk von Beethoven im Programm.

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