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Herzlich willkommen!

Als AfD-Landtagsfraktionspressesprecher und Freier Journalist für konservative Medien blogge ich unregelmäßig Betrachtungen zu Interessantem und Wissenswertem aus politischer und Alltagskultur. Ich schreibe regelmäßig für „Zuerst“ und habe unter dem Titel „Negerkuss und Nazistuss“ eine eigene Kolumne beim Tumult-Blog.

Als Bildungsbürger kommentiere/rezensiere ich vielerlei kulturelle Phänomene – vom Roman über den Musikergeburtstag bis zum Regisseurstod.

Als Dozent und Mitglied im Landesfachausschuss Bildung informiere ich Sie auf meiner Webpräsenz auch über meine Aktivitäten rings um die Themenkreise Hochschule, Wissenschaft Medien und Kultur.

Und als Mensch lasse ich Sie gern an meinen freizeitlichen Aktivitäten teilhaben, zu denen nicht zuletzt Kochen gehört 😉

Warum gerade Betrachtungen?

Ich empfinde dieses Genre – eine Meinungsdarstellungsform übrigens – als eins der zeitgemäßen schlechthin.

Eine Betrachtung soll durch Beschreibungen und Schilderungen, Vergleiche und Annäherungen bis hin zur Analyse einem Ereignis, einer Situation, einem Gegenstand oder auch einem (gesellschafts-) politischen Problem Individualität verleihen: Recherche darf in gewissem Maße substitutiert werden durch Subjektivität.

Die Betrachtung ist durchaus mit derselben eines Kunstwerks in einer Ausstellung vergleichbar: man wählt zunächst die Gesamtschau und wechselt dann zu einzelnen Aspekten.

Dabei ist dem Genre eigen, dass die Prioritäten dieser Aspekte oft im Vagen bleiben: aus der Betrachtung erwächst ein Gedanke, der das formale Ziel darstellt.

Der Gegenstand darf dabei Randerscheinung eines größeren Zusammenhangs bleiben: „die Bedeutung des Unbeachteten birgt den Kern ihrer Aussage“ (Degen 2004).

Viel Spass beim Lesen – und natürlich beim Kommentieren!

Er sei „eine barocke, seinen Begabungen in alle Richtungen nachjagende Jahrhundertfigur“, befand Peter Kümmel in der Zeit – von der Queen zum Ritter geschlagener Schauspieler und zweifacher Oscar-Gewinner, Regisseur, Maler und Bühnenbildner, Erzähler und Dramatiker, Universitätsrektor, Komiker und Conférencier, Geräusche- und Stimmenimitator, Wohltäter und Diplomat. „In meinem englischen Pass steht unter Beruf Autor. Für alles ist kein Platz, das versteh‘ ich auch“, sagte er einmal. Und er war Kosmopolit: „Ich bin ethnisch sehr schmutzig und sehr stolz darauf.“

Tausendsassa nannten ihn viele, oder Universalgenie. Mit seinen Talenten hätte er ein ganzes Show-Ensemble ersetzen können: „imstande, ganze Sinfonieorchester zu dirigieren, die allein aus ihm selbst bestanden“, befand Kümmel. Aber er betrat die Bühne nie aufrecht und stolz, sondern eher ein bisschen gebückt und bescheiden. Mehr als einmal erklärte er, schon als Baby übergewichtig, er sei aus Notwehr zum Komiker und Entertainer geworden: „Ich begann, über mich selbst zu lachen, um den Anderen zuvorzukommen.“ Am 16. April vor 100 Jahren wurde er als Peter Alexander Baron von Ustinov geboren: Sir Peter Ustinov.

„Ich wurde in St. Petersburg gezeugt, in London geboren und in Schwäbisch Gmünd evangelisch getauft. Ich finde, das ist das Wichtigste“, sagte er öfters. Er kommt als kleiner Baby-Buddha auf die Welt, mit elf Pfund Gewicht. „Meine Mutter wusste nie, wo bei mir vorn und hinten ist.“ Sein katholischer Großvater lebte als russischer Emigrant in Württemberg, sein Vater, ein Diplomat und Journalist, der während des Ersten Weltkrieges als Flieger in der deutschen Armee diente, seit 1918 in England. Ustinov wuchs in London auf, bleibt sein Leben lang offiziell britischer Staatsbürger und genoss eine mehrsprachige Erziehung – acht Sprachen wird er am Ende sprechen und auf Französisch und Deutsch gar sich selbst synchronisieren. In Kontakt mit dem Theater kam Ustinov über seine französische Mutter, eine Bühnenbildnerin und Kostümzeichnerin, die russische, französische, italienische und äthiopische Vorfahren hatte.

Peter Ustinov. Quelle: Von Allan Warren – Eigenes Werk http://allanwarren.com, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=9567625

Nach eigener Aussage war seine erste Rolle die eines Schweins bei einer kleinen Aufführung in seinem Kindergarten. Er selbst betrachtete sich als eher mittelmäßigen Schüler mit Problemen in Mathematik. Seit 1934 besuchte er die Eliteschule Westminster, die er jedoch verabscheute und nach knapp drei Jahren verließ. Zu seinen dortigen Schulkameraden gehörte Rudolf von Ribbentrop, der älteste Sohn des späteren NS-Außenministers. Ustinov absolvierte eine Schauspielausbildung in London und trat mit 17 Jahren in seiner ersten professionellen Rolle als „Der Waldschrat“ auf. Nach mehreren Theaterengagements erhielt Ustinov 1940 seine erste kleine Filmrolle in „Hullo, Fame!“. Im selben Jahr heiratete er die Schauspielerin Isolde Denham und ließ sich 1950 wieder scheiden. Der Ehe entstammt Tochter Tamara, auch Schauspielerin.

Zwischen Oscar und Oper

Seine Leidenschaft und Begeisterung für Schauspielerei und Theater ließen ihn bald eigene Werke schreiben: 1942 wurde sein erstes Theaterstück „House of Regrets“ uraufgeführt. Nach seiner ersten größeren Filmrolle 1942 absolvierte Ustinov seinen Wehrdienst während des Zweiten Weltkriegs in der British Army. Sein Vorgesetzter war der Schauspieler David Niven. Er trat der Schauspieler-Einheit bei und hatte dort kleinere Rollen in Propagandafilmen, zu einer Produktion schrieb er 1943 auch erstmals das Drehbuch. Nach seiner Entlassung aus der Armee begann Ustinov seine künstlerische Vielseitigkeit zu entfalten: als Regisseur, Produzent und Drehbuchautor, aber auch als Erzähler und Kritiker.

Nach den Probeaufnahmen für Mervyn LeRoys Verfilmung des Romans „Quo Vadis“ von Henryk Sienkiewicz zögerte Produzente Sam Zimbalist ein ganzes Jahr lang mit der Entscheidung, ihn als Nero zu besetzen, da er ihn für zu jung hielt. Als Ustinov telegrafierte, dass er für die Rolle bald zu alt sei, da Nero selbst bereits mit 31 Jahren gestorben war, wurde er 1951 engagiert. Mit der Darstellung des selbstherrlichen, geisteskranken und größenwahnsinnigen Kaisers gelang Ustinov der internationale Durchbruch, erhielt einen Golden Globe und die erste von mehreren Oscar-Nominierungen. Drei Jahre später schloss er die Ehe mit der kanadischen Schauspielerin Suzanne Cloutier, aus der drei Kinder hervorgingen, darunter Sohn Igor, ein Bildhauer, der als Kuratoriums-Mitglied der Sir-Peter-Ustinov-Stiftung inzwischen das Vermächtnis seines Vaters wahrt. Auch diese Ehe hielt nicht lange.

Inzwischen entfaltete Ustinov eine schier rastlose Tätigkeit. Er verfasste er Theaterstücke, in denen er auch als Darsteller und Regisseur mitwirkte, darunter „Romanoff und Julia“ am Broadway, das den Ost-West-Konflikt parodierte. Daneben profilierte er sich in Filmen wie „Beau Brummel – Rebell und Verführer“ oder Stanley Kubricks Epos „Spartacus“. Hier trug ihm seine Darstellung des Gladiatorenmeisters Batiatus 1961 einen Oscar als bester Nebendarsteller ein. Im selben Jahr verfilmte Ustinov als Regisseur Herman Melvilles Kurzroman „Billy Budd“. 1962 inszenierte er erstmals mit dem Einakter „Die Spanische Stunde“ in London erstmals eine Oper. Bis Ende der 1990er Jahre sollten weitere Operninszenierungen in ganz Europa folgen, darunter Mozarts „Zauberflöte“ und „Don Giovanni“. Für seine Darstellung in der Gaunerkomödie „Topkapi“ von Jules Dassin an der Seite von Melina Mercouri und Maximilian Schell wurde er 1964 wiederum mit einem Oscar ausgezeichnet.

Ustinov als Nero. Quelle: https://twitter.com/AngusBlair1/status/892102070656020480/photo/1

Neben Elizabeth Taylor, Richard Burton und Alec Guinness war Ustinov 1967 in „Die Stunde der Komödianten“ nach dem Roman von Graham Greene zu sehen. Für das Originaldrehbuch der Filmkomödie „Das Millionending“, in der er selbst mitspielte, war er 1968 erneut für einen Oscar nominiert. Viele von Ustinovs Theaterstücken bildeten die Grundlage für Fernsehproduktionen. Neben seiner literarischen Betätigung trat er in Fernsehspielen und Shows auf und erhielt dreimal einen Emmy als Hauptdarsteller in einem Film. Im Gegensatz zu anderen Hollywoodstars trat er vielfach im Fernsehen auf und war ein gern gesehener Talkshowgast. In solchen Gesprächsrunden schöpfte Ustinov aus seinem großen Schatz an Erzählungen, Witzen und Anekdoten. Er wirkte ab den 1960er Jahren auch als vielgelobter Unterhaltungskünstler, der neben seiner Filmkarriere weltweit im Fernsehen und auf Veranstaltungen in Erscheinung trat.

„Achtung Vorurteile“

Parallel dazu erwarb er das Schweizer Bürgerrecht und begann sich politisch zu engagieren – die Erfahrungen des Krieges hätten ihn tief geprägt und in seinem pazifistischen und humanistischen Denken beeinflusst, sagt er später. 1968 wurde er zum Sonderbotschafter des UN-Hilfswerkes UNICEF ernannt; im selben Jahr trat er auch – ohne einen anerkannten Schul- oder Studienabschluss – sein erstes akademisches Amt als Rektor der schottischen Universität Dundee an, wo er ein Jahr später außerdem zum Ehrendoktor der Rechte ernannt wurde. Als UNICEF-Botschafter bereiste Ustinov seitdem kontinuierlich den ganzen Erdball, er wollte als „Brückenbauer“ zu einer besseren, demokratischen Welt beitragen. Schon früh den Weltföderalisten beigetreten, fungierte er von 1990 bis zu seinem Tod als deren Vorsitzender. Ziel des World Federalist Movement war zudem eine verstärkte Demokratisierung der Vereinten Nationen und die umfassende Neuordnung internationaler Beziehungen.

1971 heiratete er die Journalistin und Schriftstellerin Hélène du Lau d’Allemans, mit der er bis zuletzt in einem Haus mitten in Weinhängen in Bursins am Genfer See lebte: „Wenn man sein Leben auf der Bühne verbringt, muss man sich privat in die Kulissen zurückziehen können“. Ab Mitte der 1970er Jahre konzentrierte er sich wieder auf seine Arbeit als Filmschauspieler und verkörperte ab 1978 in drei Film- und drei Fernsehproduktionen den belgischen Meisterdetektiv „Hercule Poirot“ nach der Vorlage von Agatha Christie, darunter „Tod auf dem Nil“, der 1979 mit einem Oscar für die besten Kostüme ausgezeichnet wurde, „Das Böse unter der Sonne“ oder „Rendezvous mit einer Leiche“. Die Rolle sei ihm auf den Leib geschrieben, befand Bernhard Baumgartner in der Wiener Zeitung. Sein Gesicht ist „in der perfekten Form eines Eies“, seinen „makellosen Schnurrbart“ schützt er nachts mit einer eigenen Stoff-Konstruktion vor dem Verrücken; dazu seine makellosen Anzüge, seine Detailverliebtheit: Schon ein Staubkorn „fügt ihm mehr emotionalen Schaden zu als eine Kanonenkugel“.

Ustinov als Poirot. Quelle: https://www.pinterest.de/pin/645985140276324042/

Als er 1984 im Rahmen seiner dreiteiligen BBC-Reihe „Ustinov’s People“ die indische Premierministerin Indira Gandhi interviewen wollte, erlebte er live, wie sie auf ihrem Weg zum Gespräch mit ihm erschossen wurde. Der Satz „Die Wächter stehen nicht mehr in den Winkeln, aber die Vögel sind noch in den Bäumen“ wurde legendär. Er spielte Theater, auch in Deutschland, und ließ 1989 den „Mirabeau“ („Die Französische Revolution“) sowie den „Detektiv Fix“ („In 80 Tagen um die Welt“) ikonisch werden. 1990 geadelt, wurde Peter Ustinov zwei Jahre später Kanzler der nordenglischen Universität Durham, war aber weiterhin als Schriftsteller und Schauspieler tätig, darunter in „Alice im Wunderland“, und präsentierte im Fernsehen Dokumentationen und Veranstaltungen, zuletzt 2003 das Schleswig-Holstein Musik Festival.

Neben seinen vielen filmischen Auszeichnungen, darunter auch einem Berliner „Silbernen Bären“, bekam er seit den 1980er Jahren auf der ganzen Welt Auszeichnungen für sein Lebenswerk, so 1998 das Bundesverdienstkreuz. In seinen Büchern wie „Monsieur René“ (1998) und Erzählungen verarbeitete er nicht nur Zeitsatire, sondern griff auch grundsätzliche Themen wie Kommunikationsschwierigkeiten auf. Da nach seiner Meinung letztere aus Vorurteilen resultierten, gründete er 2003 nach seiner internationalen Peter Ustinov Stiftung, die Schulen bspw. in Afghanistan baut, gemeinsam mit der Stadt Wien das Sir-Peter-Ustinov-Institut, das sich mit der Vorurteilsforschung auseinandersetzt. Seine eigenen Erkenntnisse verarbeitete er im Band „Achtung! Vorurteile“, dem ersten Buch, das er selbst auf Deutsch verfasst hatte.

Rarer Allrounder

2003 stand er letztmals vor der Kamera, darunter als Friedrich der Weise in „Luther“. An Diabetes und Ischialgie erkrankt, starb Sir Peter Ustinov am 28. März 2004 in einer Genfer Privatklinik an Herzversagen. Selbst kurz vor seinem Tod hatte er noch eine Pointe parat: „Mein Pass ist noch gültig bis 2008. Für mich ist es eine Frage der Ehre, nicht vorher abzulaufen.“ Er verfasste nach eigenen Angaben über 20 Theaterstücke und neun Filmdrehbücher, führte bei acht Filmen Regie, spielte in über 80 Film- und Fernsehproduktionen und vielen Bühnenstücken mit, legte Foto- und Karikatursammlungen vor und bereiste als begnadeter Komiker mit Soloprogrammen die Welt. Seine One-Man-Shows und pfeilspitzen Pointen blieben legendär, auch als er längst im Rollstuhl saß.

Ustinov als Friedrich der Weise. Quelle: https://www.rbb-online.de/content/dam/rbb/rbb/fernsehen/filmzeit/111_donnerstagsfilm/11_Luther_1.jpg.jpg/size=973×546.jpg

Die Nachrufe auf Ustinov überboten sich in ihren Würdigungen. Die FAZ erkannte einen „der raren Allrounder mit europäischer Basis und Hollywood-Überbau: an Leibes- und Pointen- und Witzumfang stets zunehmend…“ Er konnte mitten im Satz „Sprache und Heimatland zurücklassen und als ein ganz anderer wieder auftauchen: als Dünkelbrite, aufbrausender Russe oder deutscher Sturkopf“, meinte Kümmel und behauptete, dass er bei seinem Schauspiel in anderen Figuren nicht verschwand, sondern sie eher spaßhaft wie ein guter Bär „fraß“ und ihre Eigenheiten annahm, „die Bewegungen des Beutetiers bewahrend, das er verschlungen hatte. Er fraß sich voll mit fremdem Leben.“

Zu seinen wenigen Kritikern gehörte Stephen Pollard, der im Telegraph Ustinows angebliche Neigung belegen wollte, „Tyrannen zu entschuldigen und Tyrannei zu verteidigen“: „Stalin: ok, Unternehmen: kriminell; al-Qaida und die USA: moralisch gleich. Ermordung chinesischer Dissidenten: gut; Beseitigung von Tyrannen: schlecht. Das war die Weltanschauung des Sir Peter Ustinov, ‚Menschenfreund‘.“ Igor Ustinov schimpfte im Kurier: „Sein Erbe ist schwierig. Er hat viele Firmen gegründet, die von Anwälten kontrolliert wurden. Als er starb, sind die verschwunden. Das Problem mit seinem Erbe liegt nicht, wie kolportiert wurde, an uns Kindern untereinander, sondern an den Firmen, die mein Vater auf Anraten von Steuerberatern ins Leben rief“. Eine Klärung steht bis heute aus.

Er gilt als einer der meistverfilmten Autoren des 20. Jahrhunderts: Im Zeitraum 1934 bis 2010 waren 66 Filme nach seinen Romanen, Stücken und Erzählungen entstanden. Die Liste der Hauptdarsteller liest sich wie ein Who is who der Filmgeschichte: Laurence Olivier, Alec Guinness, Anthony Hopkins, Ralph Fiennes oder Michael Caine. Das trifft auch auf die Liste der Regisseure zu: Fritz Lang, John Ford, Ken Annakin, Otto Preminger oder George Cukor. 1950 war er für seine Arbeit an „Kleines Herz in Not“, eine Verfilmung seines eigenen Stoffes, für den Oscar in der Kategorie Bestes adaptiertes Drehbuch nominiert.

Dabei wäre er fast nicht zum Schriftsteller geworden: Als Jugendlicher unternahm er – unter anderem durch Russisches Roulette – mehrere Selbstmordversuche, weil er in einem Loyalitätskonflikt zwischen seinen Mitschülern und seinem Vater stand – der war sein Schulleiter. Prompt wurde er im Alter von 16 Jahren nach London zu einer halbjährigen psychoanalytischen Behandlung geschickt. Als 18jähriger war er für kurze Zeit Mitglied der Kommunistischen Partei und während des Zweiten Weltkriegs gar Geheimdienstmitarbeiter. Doch seine publizistische Prägung – über seine Mutter war er Großneffe von Robert Louis Stevenson („Die Schatzinsel“), ein jüngerer Bruder wurde später Generaldirektor der BBC – tat schließlich ihr Übriges, um den Journalisten seine literarische Berufung finden zu lassen: (Henry) Graham Greene. Am 3. April von 30 Jahren starb er.

Geboren am 2. Oktober 1904 in Berkhamsted, Hertfordshire nördlich von London viertes von sechs Kindern eines wohlhabenden Pädagogen, der seine Cousine geheiratet hatte, studierte er nach seiner depressiven Schulzeit, die für manche Biographen seine Rolle als Außenseiter begründete, Geschichte in Oxford und veröffentlichte 1925 einen unbeachteten Gedichtband. Er arbeitete dann vier Jahre lang als Journalist, zunächst beim Nottingham Journal, dann als sub-editor im Redaktionsstab der Times. Nach einer Korrespondenz mit der gleichaltrigen Katholikin Vivien Dayrell-Browning konvertierte der Agnostiker mit 22 Jahren zur Überraschung seiner anglikanischen Umgebung zum Katholizismus, so dass 1927 eine Trauung möglich wurde. Der Ehe entstammen zwei Töchter.

G. Greene. Quelle: Von Bassano Ltd – National Portrait Gallery: NPG x15393, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=65819874

Nach der positiven Resonanz auf seinen ersten Roman „The Man Within“ (1929) fühlte er sich ermutigt, die journalistische Tätigkeit zu beenden und von nun an als Romanschriftsteller zu leben. Die beiden nächsten Versuche waren Fehlschläge, der Durchbruch kam 1932 mit „Orient Express“, der schon 1934 verfilmt wurde. Greene selbst unterteilte seine Werke lange in novels („ernste“ Romane wie „Schlachtfeld des Lebens“ 1934) und entertainments (Unterhaltungsromane wie „Jagd im Nebel“ 1939), gab diese Unterscheidung aber später auf. Er schrieb daneben Drehbücher, Erzählungen, Kinderbücher, ab 1953 auch Dramen sowie Essays für Zeitungen, zum Beispiel Filmkritiken für The Spectator, in denen er Alfred Hitchcock verriss.

„kritischer Katholik“

Beim Magazin Night and Day war er Mitherausgeber. Äußerungen über den US-Kinderstar Shirley Temple in seiner Besprechung des Films Wee Willie Winkie (1937) führten zu einem Verleumdungsprozess, der die Zeitschrift in den Ruin trieb. Greene war unterdessen nach Mexiko gereist und wartete dort das Prozessende ab. In dieser Zeit begann seine Leidenschaft für das Reisen, die sich dann auch in umfangreicher Reiseliteratur spiegeln sollte. Greene war als Schriftsteller außerordentlich produktiv, außerdem war er ein gefürchteter Verfasser von Leserbriefen.

In Mexiko reiften in ihm Ideen für jenen Roman, der oft als sein Meisterwerk bezeichnet wird: „Die Kraft und die Herrlichkeit“ (The Power and the Glory, 1940). Darin beschreibt er als „kritischer Katholik“, der zeitlebens Kritiker der Amtskirche war, den blutigen Kampf eines jungen revolutionären Offiziers in Lateinamerika, vermutlich Mexiko, gegen einen der letzten Arme-Leute-Priester der katholischen Kirche auf dem Land. Weder der eine noch der andere dieser beiden diametralen Figuren wird denunziert: Beide sind in die Ideale ihrer gegensätzlichen Bewegungen und zugleich in ihre Verbiegungen verstrickt, das Recht und nicht weniger das Unrecht sind auf beiden Seiten zu finden. 1953 belegte Giuseppe Kardinal Pizzardo, Sekretär der Kongregation für die Glaubenslehre, den Roman mit einem Bannspruch, der bis heute nicht aufgehoben ist.

Szenenbild „Der stille Amerikaner“ mit Michael Caine. Quelle: https://www.pinterest.ch/pin/289285976044628618/

Während des Zweiten Weltkrieges arbeitete Greene von 1942 bis 1943 in einer Sondermission des britischen Auslandsgeheimdienstes für das Außenministerium in Westafrika. Aus dieser Zeit stammen seine präzise Kenntnisse der verborgenen Seiten des Diplomatischen Korps, die er in seinen Romanen genussvoll ironisierend darstellte, etwa in „Unser Mann in Havanna“ (1958). Greene wurde von dem ewigen Gefühl der Langeweile getrieben, dem er entkommen wollte, wie er in seiner Autobiographie „Ways of Escape“ erzählt. Das führte ihn zum Alkohol, der in vielen seiner Romane eine Rolle spielt, so beim „Schnaps-Priester“ in „Die Kraft und die Herrlichkeit“. Greene reiste in die Krisengebiete seiner Zeit, er stürzte sich in viele Affären und war auch ein häufiger Gast in Bordellen. Das Ehepaar Greene trennte sich 1947 wegen der zahlreichen Affären, blieb aber bis zu seinem Tod verheiratet.

Besonders in seinen frühen Romanen bis „Ein ausgebrannter Fall“ (1960) herrscht eine schäbige, triste Atmosphäre, in der die Menschen Erlösung suchen und für die sich im englischen Sprachgebrauch der Begriff „Greeneland“ etablierte. In seinen reifen Jahren wurde Greene zu einem scharfen Kritiker des Kolonialismus und seiner Auswüchse, aber auch der US-Außenpolitik, und unterstützte die Politik von Fidel Castro. In „Der stille Amerikaner“ (1955) kritisierte er implizit die US-Außenpolitik in Indochina. Olaf Ihlau und Jürgen Kremb erkennen im Spiegel eine „Parabel auf die Verstrickung von fehlgeleitetem Idealismus mit Terrorismus, auf die Konfrontation zwischen amerikanischem Sendungsbewusstsein und europäischer Melancholie“. Der Roman galt in den USA weithin als antiamerikanisch. Der Guardian hat 2002 aus US-Regierungsdokumenten erschlossen, dass das Buch, zusammen mit anderen kritischen Äußerungen Greenes, Anlass dafür war, dass er bis zu seinem Tod vom US-Geheimdienst überwacht wurde. Als er in dem Roman „Die Stunde der Komödianten“ (1966) das Terrorregime in Haiti darstellte, wurde er von Staatschef François Duvalier mit Verleumdungen verfolgt.

„nicht moralisch genug“

Zwar war Greene in der Öffentlichkeit über vierzig Jahre lang präsent, sein Privatleben hielt er jedoch möglichst abgeschirmt. Bis heute wird kolportiert, dass er seine Arbeit für den Geheimdienst nach dem Zweiten Weltkrieg nicht wirklich beendet habe – zumal er dem Doppelagenten Kim Philby unterstellt war. Im „Orientexpress“ heißt es: „Ein Romanschriftsteller ist so etwas wie ein Spion.“ Greens großer Freundeskreis umfasste Autorenkollegen wie Evelyn Waugh, Politiker wie Panamas Präsidenten Omar Torrijos oder Filmemacher wie François Truffaut, in dessen „Die amerikanische Nacht“ (1973) Greene eine stumme Rolle spielte. Seinen letzten Lebensabschnitt verbrachte er in Vevey am Genfersee, wo er sich mit Charlie Chaplin anfreundete und bis zu dessen Tod 1977 regelmäßigen Umgang pflegte. Greene selbst starb an Leukämie, seine geschiedene Frau überlebte ihn um 12 Jahre. Sein Grab befindet sich auf dem Friedhof von Corseaux im Kanton Waadt.

Greenes Grab. Quelle: Von Philoum – Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=6511130

Geheimnisse und zwielichtige Figuren bevölkern Graham Greenes zum Teil außerordentlich erfolgreiche Romane. Die nuanciert wiedergegebene Psychologie der Figuren, die straffe Handlungsführung, die politischen Hintergründe und die kritischen Untertöne zu diesen heben seine Bücher von der Trivialliteratur ab. Ihm ging es immer um das gewöhnliche Böse in den Menschen, das er dennoch, einem Entertainer gleich, mit teilweise schwarzem Humor und ausgeprägtem Hang zu Täuschungsscherzen, zur Verstellung, zum „Als ob“ ergründete: „Der Mensch ist ein Geschöpf, dem es bestimmt ist, in Katastrophen zu leben.“ Er thematisiert immer wieder Schuld, (Un-)Glaube und Verrat im äußeren Gewand von Abenteuergeschichte, „spy story“ und Krimi: „Die Unschuld ist eine Form des Wahnsinns.“

Der langjährige Feuilleton-Chef der Zeit, Rudolf Walter Leonhardt, der Greene persönlich kannte, sah in dem britischen Autor vor allem einen Individualisten, der für die Literaturwissenschaft und erst recht für die Jury des Literaturnobelpreises zu schwer einzuordnen war: „Er hat zwar Millionen von Lesern und Bewunderern in aller Welt, aber er hat keine Lobby einflussreicher Freunde“. So mutmaßte er, dass er vielleicht „nicht moralisch genug (zuviel Whisky und zuviel Sex)“ gewesen sein könnte; oder „den Kommunisten zu liberal, den Liberalen zu sehr ‚Sympathisant‘, den Katholiken zu ketzerisch, den Atheisten zu katholisch, den intellektuellen Kritikern zu unterhaltend, den Farbigen zu sehr weißer Mann, den Weißen zu sehr Chamäleon.“ Wie auch immer: Greene gilt als der Autor mit den meisten Nominierungen für den Literaturnobelpreis. Bekommen hat er ihn nie.

Sein Leben war mit schwierigen Toden verwoben. 1910 starb seine jüngste Schwester Carla ebenso durch Suizid wie 1927 seine Schwester Julia, 1944 seine zweite Frau Nelly, die unter schweren Alkoholproblemen gelitten hatte, und 1949 sein Neffe Klaus („Mephisto“). Seine erste, geschiedene  Frau, die Schauspielerin Maria Kanová, war wegen ihrer jüdischen Abstammung drei Jahre im KZ Theresienstadt interniert und erlag kurz nach Kriegsende den Folgen der Haft.  

Sein Leben war auch von der Rivalität mit seinem jüngeren Bruder Thomas gezeichnet. Der fühlte sich bspw. von „dieser Fratzenwelt der krassen Effekte“ im Roman „Die Jagd nach Liebe“ (1903) abgestoßen und mutmaßte, „die Begierde nach Wirkung“ habe seinen Bruder „korrumpiert“. Der noch ästhetisch-literarisch begrenzte Konflikt der Brüder erreichte 1909 mit dem Roman „Die kleine Stadt“ ein neues Niveau und wurde nach dem Erscheinen von Thomas Manns „Gedanken im Kriege“ (1914), in denen dieser sich deutschnational äußerte, politisch. Nach des Älteren Essay „Zola“ (1915) herrschte zwischen den Brüdern bis 1922 komplette Funkstille. Nach Thomas‘ Nobelpreis 1929 war die Rivalität mindestens literarisch zu Gunsten des jüngeren entschieden – aufgrund seiner politischen Dimension erreicht der Ältere nicht „das ewig Gültige“.

Und sein Leben war mit politischen Wirren verbunden. Sein Roman „Professor Unrat“ (1905) wurde in seiner Heimatstadt Lübeck totgeschwiegen. Als er, inzwischen Präsident der Sektion Dichtkunst der Preußischen Akademie der Künste, gemeinsam mit Käthe Kollwitz und Albert Einstein 1932 und 1933 gleich zweimal den „Dringenden Appell zur Aktionseinheit der Kommunistischen Partei Deutschlands und der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands gegen die Nationalsozialisten“ unterzeichnet hatte, drohte der spätere Kultusminister Bernhard Rust, die Akademie aufzulösen, wenn er nicht abträte. Er tat’s, verließ Deutschland und sah sein Vaterland nie wieder.

Mann 1906. Quelle: Bundesarchiv, Bild 183-R98911 / o.Ang. / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 de, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=11723625

Seine Schriften waren die ersten, die bei der berühmt-berüchtigten Bücherverbrennung in Berlin am 10. Mai 1933 in die Flammen flogen. Während seiner Emigration wurde er Vorsitzender des Vorbereitenden Ausschusses der deutschen Volksfront (Lutetia-Kreis) und Ehrenpräsident der SPD. 1949 wurde er schließlich zum Präsidenten der Deutschen Akademie der Künste in Ost-Berlin gewählt, starb jedoch im Exilland USA, bevor er das Amt antreten konnte: Heinrich Mann. Am 27. März 1871 wurde er in Lübeck als Sohn eines Kaufmanns und dessen brasilianisch-deutscher Ehefrau geboren.

Wortführer des „Aktivismus“

Er wuchs in wohlhabenden Verhältnissen in Lübeck auf, wo sein Vater von 1877 bis zu seinem Tod 1891 Senator für Wirtschaft und Finanzen war. Heinrich brach sowohl das Gymnasium als auch eine Buchhandelslehre in Dresden ab und volontierte von 1890 bis 1892 beim S. Fischer Verlag in Berlin, um sich auf eine journalistische Laufbahn vorzubereiten. Nach einer Lungenblutung 1892 unternahm er mehrere Kurreisen u.a. mit seinem Bruder nach Italien; die Familie zieht derweil nach München. Er veröffentlicht erste Erzählungen und poetische Texte und ist als Herausgeber der nationalkonservativen und antisemitischen Monatsschrift „Das Zwanzigste Jahrhundert. Blätter für deutsche Art und Wohlfahrt“ tätig.

Zur Zeit des wilhelminischen Kaiserreiches entstanden politische und kulturkritische – zum Teil aber auch antisemitische – Essays, so 1900 „Im Schlaraffenland. Ein Roman unter feinen Leuten“ und 1903 „Die Göttinnen oder Die drei Romane der Herzogin von Assy“, in denen Heinrich Eindrücke verarbeitet, die er durch seinen gemeinsam mit seinem Bruder Thomas verbrachten längeren Aufenthalt in Italien, vor allem in Riva am Gardasee, gewonnen hatte. Gottfried Benn, René Schickele und Otto Flake waren begeistert. „Es sind die Abentheuer einer großen Dame aus Dalmatien. Im ersten Theile glüht sie vor Freiheitssehnen, im zweiten vor Kunstempfinden, im dritten vor Brunst“, schreibt Mann an seinen Verleger Albert Langen. 1910 bis 1913 wurden in Berlin alljährlich Schauspiele Heinrich Manns uraufgeführt.

Die Brüder 1902. Quelle: Atelier Elvira, München – first upload to de.wikipedia by Benutzer:Nocturne on 6 Oct 2004, but no source given, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=442464

An dem Roman „Der Untertan“ arbeitete er ab 1912. Der Vorabdruck in der „Zeit im Bild“ fiel der Zensur zum Opfer und wurde mit Beginn des Ersten Weltkrieges unterbunden. Das Werk erschien 1915 zuerst auf Russisch und ab 1916 als Privatausgabe in deutscher Sprache. Erst nach Kriegsende 1918 wurde der Roman in nennenswerter Auflage in Deutschland veröffentlicht. Darin kritisiert er, wie auch schon im „Unrat“, in pointierten, zuweilen belustigenden Formulierungen die politischen und sittlichen Verhältnisse im wilhelminischen Deutschland, die Servilität des deutschen Bürgertums und die sozialen Ungerechtigkeit dieser Zeit.

„Alle seine schreiberischen Fähigkeiten – Witz und Pointenreichtum sowie ein unbestechlicher Blick für Phrasen, Floskeln, Denkschablonen, die er hinreißend aufzuspießen vermag – explodieren förmlich in diesem literarischen Al-fresco-Gemälde“, lobt Tilman Krause in der Welt. Zugleich das zugänglichste von Heinrich Manns vielen Büchern, schuf der Autor mit seinem Helden Diederich Heßling, der so gern wie „unser herrlicher junger Kaiser“ Wilhelm II. sein will, dem er in schneidigem Auftreten, vor allem aber in operettenhafter Inszenierung von Macht und Stärke nacheifert, einen Typus, der nicht auf den Wilhelminismus beschränkt ist: den gewissenlosen Karrieristen und Opportunisten. 1951 verfilmte den Stoff Wolfgang Staudte für die DEFA mit Werner Peters in der Hauptrolle.

Die moralische Entrüstung über die, wie er empfand, „heuchlerische Wohlanständigkeit“ seiner Zeit- und Standesgenossen, ihren „dumpfen Nationalismus“ und ihre „rücksichtslose Ausbeutung“ der arbeitenden Bevölkerung war auch Thema vieler Erzählungen. Seit dem Erscheinen dieser Romane und der zuvor publizierten politisch-kulturpolitischen Essays „Voltaire – Goethe“ und „Geist und Tat“ galt er der jungen expressionistisch-literarischen Generation als Wortführer des „Aktivismus“. Mann gehörte bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs zu den wenigen europäischen Intellektuellen, die sich gegen die chauvinistische Kriegsbegeisterung wandten. 1914 heiratete er Maria Kanová, zieht mit ihr nach München, wo zwei Jahre später Tochter Leonie zur Welt kommt, sein einziges Kind.

„das beste Deutschland“

In den ersten Jahren der Weimarer Republik versuchte er, den Erfolg des „Untertan“ fortzusetzen. Dem negativen Bildungsroman des imperialistischen Bourgeois fügte er die Darstellungen des Proletariats („Die Armen“, 1917) sowie der Großindustrie, der leitenden Bürokratie und der Diplomatie („Der Kopf“, 1925) an; er begriff diese drei Werke als „die Romane der deutschen Gesellschaft im Zeitalter Wilhelms II.“ und fasste sie unter dem Titel „Das Kaiserreich“ zusammen. Geschult an den Franzosen, besonders an Zola, sah er sich selbst als einen linksengagierten Schriftsteller und wurde auch von den Zeitgenossen so eingeordnet. Die literarische Wirkung der Fortsetzungen blieb allerdings gering.

Erstausgabe des Alterswerks. Quelle: © Foto H.-P.Haack (H.-P.Haack) – Antiquariat Dr. Haack Leipzig → Privatsammlung Frankfurt am Main, CC BY 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=3994900

Bedeutsamer als sein belletristisches war sein publizistisches und essayistisches Werk der 20er Jahre. In ihm setzte er sich für die deutsch-französische Verständigung sowie für eine paneuropäische Bewegung ein. Nach der Trennung von Maria, auf die 1930 die Scheidung folgen sollte, zog Mann 1928 wieder nach Berlin, wo er ein Jahr später seine zweite Ehefrau Nelly Kröger kennenlernte und danach den Welterfolg der UFA-Verfilmung von „Professor Unrat“ als „Der blaue Engel“ mit Marlene Dietrich und Emil Jannings miterlebt. 1932 brachte ihn der Publizist Kurt Hiller als möglichen Reichspräsidenten ins Spiel.

Nach der Machtergreifung der Nazis – er stand auf der ersten Ausbürgerungsliste, als einem der ersten Prominenten wurde ihm die deutsche Staatsbürgerschaft aberkannt – floh er im Februar 1933 nach Nizza, wo er bis 1940 lebte und durch sein umfängliches publizistisches Engagement zu einem intellektuellen Wortführer der antinazistischen Emigration wurde. Bereits 1933/34 veröffentlichte er in Paris die beiden politischen Streitschriften „Der Haß“ und „Der Sinn dieser Emigration“. „Die Emigration … ist die Stimme ihres stumm gewordenen Volkes, sie sollte es sein vor aller Welt. […] Die Emigration wird darauf bestehen, dass mit ihr die größten Deutschen waren und sind, und das heißt zugleich: das beste Deutschland“, heiß es darin. Zudem schrieb er zahllose Beiträge für Exil-Zeitschriften wie Die Neue Weltbühne.

In der Emigration schrieb Mann aber auch die großangelegten Romane „Die Jugend des Königs Henri Quatre“ (1935) und „Die Vollendung des Königs Henri Quatre“ (1938). Er stellte mit diesem Volkskönig des Toleranzedikts von Nantes einen vorbildlichen humanistischen Politiker dar, der die von ihm selbst propagierte Synthese von „Macht“ und „Geist“ praktizierte. Dieser historische Roman sollte gemäß seinem pragmatischen Geschichtsdenken ein „wahres Gleichnis“ für die Gegenwart sein und wurde als solches von Kollegen und Kritikern wie Arnold Zweig, Lion Feuchtwanger oder Bertolt Brecht erkannt und gerühmt. 1936 wurde ihm die tschechische Staatsbürgerschaft gewährt, 1939 feiert er Hochzeit mit Nelly.

Szenenbilder aus dem „Blauen Engel“ und dem „Untertan“. Quelle eigene Darstellung

1940, nach der Niederlage Frankreichs, musste der fast Siebzigjährige noch unter abenteuerlichen Umständen über die Pyrenäen und Lissabon nach Amerika fliehen, gemeinsam mit seiner Frau Nelly, seinem Neffen Golo sowie Franz Werfel und Alma Mahler-Werfel – von einer „Actionszene der Weltliteratur“ schreibt Krause. Dort lebte er in Hollywood, dann in einem anderen Stadtteil von Los Angeles und zuletzt in Santa Monica in äußerst eingeschränkten Verhältnissen – er kam in den USA nie wirklich an geschweige wurde dort heimisch. Hier entstand – in Dialogformen und Struktur teilweise angeregt durch seinen Broterwerb als Scriptwriter für die Filmgesellschaft Warner Brothers – das bisher weitgehend unbeachtet und unverstanden gebliebene Alterswerk, darunter die Antinazi-Satire „Lidice“ (1943), mit der er auf die „Ausmerzung“ des böhmischen Dorfes durch die SS am 9.6.1942 reagierte.

„Gespür für Atmosphäre“

Sein letztes Opus, „Ein Zeitalter wird besichtigt“, beschwöre wie kein anderes Memoirenwerk der deutschen Literatur das herauf, was Heinrich „Lebensgefühl“ nennt, so Krause: „Das Lebensgefühl der Deutschen unter der späten Monarchie und der ersten Republik hat jedenfalls niemand so anschaulich wie er gespiegelt, vielleicht weil auch niemand sonst ein solches Gespür für Atmosphäre besaß.“ Nach dem Freitod Nellys zieht er sich mehr und mehr in die Einsamkeit zurück. Auch die Versuche der Kulturpolitiker der späteren DDR, ihn als „intellektuelle Galionsfigur“ zur Umsiedelung zu bewegen, trugen keine Früchte. 1947 wurde Heinrich Mann die Ehrendoktorwürde der Philosophischen Fakultät der Humboldt-Universität verliehen, 1949 der Nationalpreis 1. Klasse für Kunst und Literatur der DDR. Er wurde instrumentalisiert und ließ sich instrumentalisieren.

Warum er, trotz seiner erklärten Sympathie für Stalin und seiner Annahme der Wahl zum Präsidenten der DDR-Akademie der Künste doch mit der Abreise zauderte, sich vor den Karren der DDR-Propaganda spannen zu lassen, war lange Forschungsgegenstand. Heute erscheint plausibel, dass es neben Alter, Hinfälligkeit und der Angst vor Veränderung auch ein gravierendes politisches Problem für Heinrich gab: die Abneigung gegen Walter Ulbricht, den er kannte und dem er nicht traute. Nach seinem Tod am 11. März 1950 infolge einer Gehirnblutung wurde Manns Urne 1961 nach Deutschland überführt und auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof in Berlin beigesetzt, die Grabstätte gehört heute zu den Ehrengräbern des Landes Berlin. Darüber hinaus wurde nach ihm der Heinrich-Mann-Preisbenannt, der seit 1953 jährlich verliehen wird. Anfangs mit 10.000 DDR-Mark für Prosa datiert, wird er seit der Wiedervereinigung als Preis für Essayistik vergeben, das Preisgeld beträgt 20.000 Euro.

25.3.1961 Beisetzung der Urne Heinrich Manns u.a. mit Arnold Zweig und Ludwig Renn. Quelle: Bundesarchiv, Bild 183-81659-0008 / CC-BY-SA, CC BY-SA 3.0 de, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=5358771

Die Hinneigung zum „Regime von Pankow“, um es mit Adenauer zu sagen, der dabei das „w“ so verächtlich mitsprach, hat ihm in der BRD gewaltig geschadet. Dass man in der Bundesrepublik seine Bücher über Jahrzehnte hinweg nur als DDR-Lizenzausgaben bekommen konnte, marginalisierte ihn. Auch als die gesamte Familie Mann in den Nullerjahren zur deutschen Vorzeigesippe aufgewertet wurde, profitierten davon alle – Thomas und Katja, Klaus und Erika, Golo und Elisabeth – nur Heinrich nicht. Er blieb der schrullige Onkel, selbst noch in dem populären und –zigfach preisgekrönten Fernsehmehrteiler von Heinrich Breloer „Die Manns“ (2001).

Heinrich Manns politische Position ist nicht einfach zu verstehen, lässt sich aber mit dem Begriff der „Freiheit“ auf einen Nenner bringen. Er kämpfte für ein freiheitliches und republikanisches Deutschland, teilweise mit sozialistischer Grundierung. Für diese Ideale trat er bereits vor dem Ersten Weltkrieg ein, am engagiertesten in seinem Zola-Essay. In der Weimarer Republik kämpfte er für ihren Erhalt und nahm sie gegen überzogene Erwartungen in Schutz, zögerte aber auch nicht, bestehende Missstände anzuprangern. Als Hindenburg 1932 erneut als Reichspräsident kandidierte, wählte er ihn in der Hoffnung, dass die Republik so überleben würde. Seine „Republik-Romane“ lesen sich wie ein moralischer Appell, die Würde der Demokratie zu verteidigen.

Im Exil bekämpfte er den Nationalsozialismus und überzog ihn mit Orgien des Hasses und der Verachtung. Er glaubte an den Erfolg einer deutschen Volksfrontbewegung gegen den Faschismus und sah nicht, dass die Kommunisten kein republikanisches freiheitliches Deutschland anstrebten. Als er von Paul Merker gebeten wurde, ein Vorwort zur DDR-Verfassung zu schreiben, lehnte er darin jedwede Form der Parteiendiktatur ab. Er schrieb: „Wer die ganze Wahrheit wünscht, rechnet mit der Verschiedenheit der Meinungen.“

Der Unvollendete

Manche Porträts sind so ikonographisch geworden, dass sie das Bild des porträtierten Künstlers bis in die Moderne hinein prägen. Sein kurz vor seinem frühen Tod am 28. März vor 140 Jahren von Ilja Repin gemaltes gehört dazu: Ein aufgedunsenes Gesicht mit wirren Haaren, zerzaustem Bart, unstetem Blick und roter Säufernase über einem viel zu massigen Körper, den ein schwerer grauer Mantel mit rotem Kragen umweht, der einen Blick auf das handbestickte Unterhemd gewährt. 20 Jahre zuvor war der Kadett noch ein umworbener Mädchenschwarm. Er ging ein in die Musikgeschichte als der Erneuerer der russischen Romantik: Modest Mussorgsky.

Der Gutsherrensohn wurde am 21. März 1839 in Karewo im Gouvernement Pskow etwa 290 km südwestlich von Sankt Petersburg nahe der Grenze zu Estland geboren und verbrachte eine sorgenfreie Jugend. Er lernte von seiner Mutter und einer deutschen Erzieherin sowie später weiteren Lehrern das Klavierspiel, beherrschte mit sieben Jahren bereits kurze Stücke von Franz Liszt und spielte mit neun Jahren vor einem zahlreichen Publikum in seinem Elternhaus sein erstes Konzert. 1852 trat er in die Kadettenschule in St. Petersburg ein, wo er sich besonders mit Geschichte und Philosophie beschäftigte, im Schulchor sang und sich mit russischer Kirchenmusik des frühen 19. Jahrhunderts beschäftigte. Seine erste, seinen Mitschülern gewidmete Komposition „Porte-enseigne Polka“, wurde auf Kosten seines Vaters gedruckt. In den Kasinos rühmte man ihn als glänzenden Tänzer und Pianisten, dandyhaft im Auftreten.

Höchst folgenreich für Mussorgsky war im Winter 1856/57 die Begegnung mit Milij Balakirev, der dank privater Unterstützung als Musiker leben konnte. Mussorgsky begann, bei dem drei Jahre älteren Freund Kompositionsunterricht zu nehmen, und wurde von ihm stark beeinflusst. Bald gehörte er zu dem sich um Balakirev formierenden, zunächst geheimen Kreis gleich gesinnter Komponisten, die das Ziel hatten, die russische Kunstmusik unter Einbeziehung der Volksmusik, der besonderen Charakteristik der Sprache, realistischer Sujets und nationaler Themen zu reformieren: Alexander Borodin, Cesar Cui und Nikolaji Rimsky-Korsakow, die sich fortan „Die Fünf“ oder auch „Das mächtige Häuflein“ nennen. Es waren allesamt Musikliebhaber, bewusste Dilettanten, die gegen den akademischen Professionalismus kämpften und aus dem Volkstum Russlands etwas Neues schaffen wollten. Die Bewegung zerbrach letztlich daran, dass das Bürgertum zunächst keinerlei Verständnis für sie aufbrachte.

Repins Gemälde von 1881. Quelle: Tretyakov Gallery, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=77230100

1856 dem Preobraschenski-Garderegiment beigetreten, verließ es Mussorgsky nach einer Krise im Juli 1858 wieder, um sich der Musik zu widmen. Mit der Aufhebung der Leibeigenschaft im Februar 1861 änderten sich Mussorgskys Lebensverhältnisse von Grund auf, seine Einkünfte aus dem Gutsbesitz fielen weg. Nunmehr mittellos zog er 1863 in St. Petersburg in die WG der „Fünf“ und nahm im Dezember desselben Jahres eine untergeordnete Beamtenstellung an, parallel dazu arbeitete er als Konzertpianist. Mit kleineren Veränderungen verblieb Mussorgsky 17 Jahre lang im Staatsdienst und musste seine Zeit mit dem stupiden Abschreiben von Akten verbringen, so zuletzt in der Forstwirtschaftsabteilung des Ministeriums für Staatsbesitz.

„vom Dämonischen bis zu himmlischer Verklärung“

Es ist naheliegend, dass der Widerspruch zwischen seinem Schaffensdrang und der stumpfsinnigen Tätigkeit, zu der er sich gezwungen sah, seinen Hang zum Alkoholismus fatal verstärkte. Die Alkoholkrankheit zeigte sich schon im Herbst 1865 äußerst bedenklich, als Mussorgsky einen akuten Anfall von Delirium tremens erlitt, ausgelöst durch den Tod seiner Mutter. Sein Bruder Filaret holte ihn unter Zwang aus der musikalischen Kommune heraus und ließ ihn bei sich auf dem Land wohnen, wo sich Mussorgsky insbesondere mit Orchesterwerken beschäftigte. 1867 gelang ihm mit der sinfonischen Dichtung „Die Nacht auf dem kahlen Berge“ das erste völlig eigenständige Orchesterstück.

Mussorgski beschreibt darin den Tanz der Hexen in der Johannisnacht auf dem Lyssaja gora („kahlen Berg“), einem Ort der slawischen Mythologie, der ähnlich dem Blocksberg als Versammlungsort der Hexen gilt. Allerdings stieß das Werk auf massive Ablehnung durch die Komponisten-Kollegen: Balakirew vermerkte in der Partitur mehrfach „unsinnig“. Mussorgski verteidigte sein Werk in einem Brief an Rimski-Korsakow vom Juli 1867. Dennoch wagte er es in der Folgezeit nicht mehr, sich um eine Aufführung zu bemühen, und komponierte auch keine weiteren Orchesterwerke mehr.

Für Wilhelm Zentner ist Mussorgskij „eine ebenso elementare musikalische wie dramatische Begabung“. Seine persönliche Handschrift zeigt sich in Elementen, die im traditionellen Komponieren keinen Platz haben, darunter ungewöhnliche Akkordverbindungen, eine schroffe, gelegentlich modal-altertümlich, ja asiatisch anmutende Harmonik oder eine eigenwillige Instrumentation. Wegen solcher scheinbarer Fehler oder Ungeschicklichkeiten wurde Mussorgsky im Freundeskreis und darüber hinaus als Stümper oder Dilettant belächelt. Dabei sind es gerade diese besonderen Charakteristika, die seiner Musik ihre spezifische Eindringlichkeit und Kraft verleihen und mit denen er auf spätere Komponisten wie Debussy und Ravel gewirkt hat. Die Oper „Die Heirat“ (1868) blieb wie viele andere Stücke Fragment. Mit „Die Kinderstube“ (1868–72) begann er zugleich einen von mehreren Zyklen mit Klavierliedern.

Godunov-Szene am Bolschoi-Theater. Quelle: http://www.gcprive.com/boris-godunov/

Mussorgskys Hauptwerk ist die Oper „Boris Godunov“, die in erster Fassung in den Jahren 1868/69 entstand und 1872 noch einmal wesentlich erweitert und bearbeitet wurde. Von der Uraufführung 1874 an wurde sie mehrere Jahre lang regelmäßig am Marinskij Theater gespielt, dann aber aus dem Spielplan gedrängt, auch weil die Oper als politisch bedenklich eingestuft wurde. Vom Komponisten „musikalisches Volksdrama“ genannt, variiert sie Motive des gleichnamigen Dramas von Alexander Puschkin. Die historische Person Boris Godunow war russischer Zar von 1598 bis 1605 und gilt in der monarchistischen Geschichtsperspektive als Usurpator, der allerdings von der damaligen Volksvertretung gewählt worden war. Sie kam erst nach mehrmaliger Ablehnung durch die Leitung des Mariinsky Theaters und dann in veränderter Form dort auf die Bühne – nötigte aber doch auch den Gegnern Hochachtung ab. Peter Tschaikowsky freilich beschied der Oper: „Sie ist eine gemeine, niederträchtige Parodie auf die Musik.“

Mussorgsky kombinierte in seiner Oper Realistisches mit Rituellem, Humoristisches mit Psychologischem und hat wie Richard Wagners „Tristan und Isolde“ „zukunftweisend und anregend auf die Entwicklung der Oper gewirkt“, befindet Zentner. Seine Tonsprache und ihre faszinierende Wirkung entzögen sich rein verstandesmäßiger Deutung: „Staunenswert ist die Spannweite dieser Musik, die von der naiven Kinderweise bis zu wildester Leidenschaft, vom derbsten Humor bis zu keuschester Verinnerlichung, vom Dämonischen bis zu himmlischer Verklärung reicht und für alles den natürlichsten, treffendsten Ausdruck findet.“ Durch die Verwendung von Kirchentonarten, den vermehrten Einsatz von Chromatik sowie die realistische Darstellung des Volkes und seiner Reaktionen fällt der Chor aus dem zeitgenössischen Rahmen damals in Russland beliebter ausländischer Opern (z. B. Giuseppe Verdis), aber auch der Romantik eines Tschaikowski.

„kein Platz für Gesetze“

1873 stirbt der Maler und Architekt Viktor Hartmann, ein guter Freund Mussorgskys. Zu seinem Andenken wird in St. Petersburg eine Ausstellung mit Hartmanns Werken organisiert: Da hängen die „Hütte der Hexe Baba-Yaga“, die finsteren „Katakomben von Paris“ oder auch das prächtige „große Tor von Kiew“. Er sieht die Bilder an, und in seinem Inneren verwandeln sie sich in Musik – in Tongemälde. Er geht nach Hause, setzt sich ans Klavier und komponiert eine musikalische Galerie, wo sie alle wieder hängen: Die „Bilder einer Ausstellung“. Daneben vollendet er mit „Ohne Sonne“ (1874) und „Lieder und Tänze des Todes“ (1874–77) nach Gedichten von Alexej Tolstoi zwei weitere Liederzyklen.

Adaptionen in der elektronischen Musik. Quelle: eigene Darstellung

1878/79 raffte er sich trotz schwerster Alkoholprobleme zu einer dreimonatigen Konzertreise zusammen mit der Altistin Daria Leonowa in die Ukraine, die Krim und zu Städten an Don und Wolga auf. Am 13. Januar 1880 musste Mussorgsky den Staatsdienst wegen seiner Trunksucht verlassen, erhielt jedoch unter der Bedingung, dass er seine halbfertige Oper „Chowanschtschina“ zu Ende bringe, eine Pension von 100 Rubel zugebilligt. Doch sowohl die als auch die komische Oper „Der Jahrmarkt von Sorotschinzy“ (1876–78) nach einer Erzählung von Nikolai Gogol bleiben unvollendet.

In seinem letzten Lebensjahr lebte er teilweise bei Daria Leonowa auf ihrem Landgut, arbeitete als Begleiter und Theorielehrer in der von ihr gegründeten Musikschule in St. Petersburg. Ende Februar 1881 wurde er in das Nikolajewski-Krankenhaus eingeliefert und starb nach einer scheinbaren Erholung Mitte März, während der Repin sein berühmtes Bildnis malte, am 28. desselben Monats nach einem Schlaganfall. Ihm zu Ehren tragen seit 1961 die Mussorgsky Peaks seinen Namen, zwei Berge auf der Alexander-I.-Insel in der Antarktis. Auch eine russische Münze zeigt sein Porträt. Seine Kompositionen haben ihren Siegeszug durch die Konzertsäle und Opernhäuser der Welt in der Regel nicht in der Gestalt angetreten, die Mussorgsky ihnen gegeben hat, sondern in Bearbeitungen, die tief in ihre Substanz eingreifen. Viele wurden durch seinen Freund Rimski-Korsakow bearbeitet und „korrigiert“, so „Chowanschtschina“.

Die „Bilder einer Ausstellung“ sind von mehreren anderen Komponisten orchestriert worden; die bekannteste Version stammt von Maurice Ravel. Aber auch in der elektronischen (Isao Tomita) und Rockmusik (Emerson, Lake & Palmer, Stern Meißen) sowie in mehreren Filmen wurden der Zyklus sowie Themen anderer Kompositionen gern adaptiert, so in Disneys Zeichentrickfilm „Fantasia“ oder Monty Pythons „Jabberwocky“. Zu allem Überfluss wurde Mussorgskys Schaffen in den Debatten um den Sozialistischen Realismus, zu dessen direktem Wegbereiter der Komponist erklärt wurde, hemmungslos instrumentalisiert. Er selbst formulierte das Credo seines Schaffens so: „Wo es sich um Menschen, um Leben handelt, da ist kein Platz für vorgefasste Paragrafen und Gesetze.“

Meine letzte Rezension liegt schon ein Weilchen zurück, aber ich fand zwischendurch auch kein Buch, das mich zu einem längeren Text herausgefordert hätte. Das änderte sich nach der Krankenbettlektüre eines 399-Seiten-Romans, der in den Feuilletons 2019 nachgerade enthusiastisch besprochen wurde: Sally Rooneys „Gespräche mit Freunden“ (orig. „Conversations with Friends“ 2017) – das Manuskript der damals vollkommen unbekannten irischen Autorin, Jahrgang 1991, war lukrativ versteigert worden. „Die wichtigste Stimme der Millennialliteratur“ hat der Independent sie genannt. Für ihr Erstlingswerk wurde Rooney 2017 von der Sunday Times als „Young Writer of the Year“ ausgezeichnet. Man kann noch erwähnen, dass sie mit 22 Jahren Europameisterin im Debattierwettbewerb der europäischen Universitäten, dem EUDC, wurde.

„Gnadenlos intelligent“ jubelt die FAS, die Generation der Millenials würde darin „hellsichtig seziert“ (FAZ), die Sprache sei „schnörkellos“ und „mondän“ (FAZ), ja „warmherzig“ (DLF), die Dialoge gar „atemberaubend“ (FAZ), kurz der ganze Hype „in diesem Fall glücklicherweise komplett berechtigt“ (Süddeutsche). Von gelegentlicher Einzelkritik abgesehen, fand ich nicht einen Verriss. Soso. Nach meiner Lektüre allerdings war ich ordentlich durchgeärgert. Weniger wegen der vertanen Lebenszeit (hätte ich halt ein anderes Buch gelesen), sondern eher der geradezu unheimlichen Kongruenz von schlechter Literatur mit bester Kritik: wieso werden selbst abartige literarische Fehler derart unisono positiviert und ins Gewollte, ja Gekonnte uminterpretiert, wie das etwa der Spiegel mit dem Terminus „geniale Vagheit“ praktiziert?

Was ich las, war, knappstmöglich bilanziert, langweiliges, blutleeres, pubertäres Geschwätz. Dabei, und die Plattitüde muss jetzt sein, entsprach die Autorin perfekt meiner Imagination der Protagonistin: Ein langweilig-schnippisches „Wasch-mich-aber-mach-nicht-nass“-Püppchen mit Emaille-Wangen, ausdruckslosen Augen, zu großer Nase, dafür sehr sinnlichem Mund und kleinen Brüsten, gekleidet in eine unscheinbare Bluse und einen Faltenrock, der einen Blick auf ihre etwas zu strammen Waden freigab. Die NZZ nannte sie „ein bisschen linkisch“, obwohl sie genau diesen Eindruck ihrer Hauptfigur machte: Den einer Literaturstudentin mit dem Drang zu geradezu zwanghafter Selbstbeobachtung und –beschreibung, zwischen Selbstzweifel und Selbststilisierung, die mehr Geist als Körper ist und zu ihren eigenen Gefühlen keinen Zugang findet. „Ich war nicht, wer ich vorgab zu sein“, bringt die Ich-Erzählerin das selbsterkannte Dilemma auf den Punkt.

Sie heißt Frances und war mit ihrer besten Freundin Bobbi während der Schulzeit ein Paar – das Switchen zwischen verschiedenen sexuellen Identitäten wird nicht weiter thematisiert, sondern ungeachtet aller psychischen Folgen als selbstverständlich genommen. Mittlerweile studieren beide am prestigeträchtigen Trinity College in Dublin und treten als Duo bei Spoken-Word-Events auf – Poetry Slam, sagt man hierzulande. Frances schreibt alle Texte, Bobbi ist die bessere Performerin.

Cover. Quelle: https://www.fr.de/bilder/2019/08/21/12932551/516675114-feu_cover_rooney_200819_4c-3N6b.jpg

Als die beiden eines Abends die 37-jährige Kulturjournalistin Melissa und später ihren jüngeren, erfolgloseren Mann Nick, einen mittelmäßigen Aktor kennenlernen, überträgt sich diese Aufgabenteilung auch auf ihr Liebesleben. Während Bobbi direkt mit Melissa zu flirten beginnt, ist Frances‘ erster Schritt bei Nick, ihm eine Mail zu schreiben. Die restliche Handlung verliert sich in minimalistischer, unterkühlter Sprache an unterschiedlichen Schauplätzen und mittels diverser Medien wie Dialogen, Mails, Chats im komplizierten Beziehungsgeflecht aus Zuneigung, Abneigung, heimlichen und später offenen Affären zwischen diesen vier Figuren.

„Marxismus als Stilrepertoire“

Das Buch kreist dabei um zwei Dinge. Zum einen um Geld, Macht und den Kapitalismus. Auf dem Weg zu Melissas Haus erklärt Bobbi ihrer neuen Bekannten: „Ich bin lesbisch, und Frances ist Kommunistin“. Während der ersten richtigen, postkoitalen Unterhaltung zwischen Frances und Nick heißt es: „Beim Abendessen tauschten wir ein paar Details aus unserem Leben aus. Ich erklärte ihm, dass ich den Kapitalismus zerstören wolle und dass ich Männlichkeit persönlich als unterdrückend empfand. Nick sagte, er sei ,grundsätzlich‘ ein Marxist, und er wolle nicht, dass ich ihn verurteile, weil er ein Haus besaß.“ An einer anderen Stelle sagt Frances „Ferienhäuser egal wo zu haben sollte gesetzlich verboten sein.“

„Bobbi hatte eine Art an sich, mit der sie überall dazugehörte“, beschreibt Frances. „Obwohl sie sagte, sie hasse die Reichen, war ihre Familie reich, und andere wohlhabende Menschen erkannten sie als eine der ihren an. Ihre radikale politische Einstellung betrachteten sie als so etwas wie bourgeoise Selbstkritik, nichts allzu Ernsthaftes, und sprachen mit ihr über Restaurants oder wo man in Rom wohnte. Ich fühlte mich in diesen Situationen fehl am Platz, unwissend und bitter, hatte aber auch Angst davor, als halbwegs armer Mensch und Kommunistin identifiziert zu werden.“

Scheinbar alles, was Frances (und auch Bobbi) tun, tun sie in einer ständigen Auseinandersetzung mit den gesellschaftlichen Umständen und in gewisser Weise auch mit sich selbst, filtern es durch Klassen- und Geschlechterverhältnisse, geprägt von Zukunftsängsten und echter materieller Not: Eine Zeit lang lebt Frances von Toastbrot. Denn Frances‘ alkoholkranker Vater kann seiner Tochter monatelang keinen Unterhalt überweisen, auf den die Studentin dringend angewiesen ist. Trotzdem strebt Frances keine Karriere an.

Die Autorin, inszeniert von Klaus Holsting. Quelle: https://img.nzz.ch/2019/7/30/9c1113bb-41a8-4f56-9af1-70afed8f0548.jpeg?width=1360&height=2029&fit=crop&quality=75&auto=webp

Der Anfang Zwanzigjährigen erscheint eine Festanstellung, ja Lohnarbeit überhaupt weder aussichtsreich noch erstrebenswert. Lustlos absolviert sie zwar ein unbezahltes Praktikum in einer Dubliner Literaturagentur. Ihren prekären Lebensstil hat sie jedoch längst zum Programm erhoben. „Ich hatte verschiedene Niedriglohnjobs in den vergangenen Sommerferien und ich ging davon aus, dass es nach meinem Abschluss so weitergehen würde. Auch wenn ich wusste, dass ich irgendwann eine Vollzeitstelle antreten musste, phantasierte ich garantiert nie von einer strahlenden Zukunft, in der ich dafür bezahlt wurde, eine wirtschaftlich relevante Rolle einzunehmen.“

Einmal erklärt sie wie fürs Protokoll, „dass mein Desinteresse an Reichtum ideologisch gesund war. Ich hatte nachgesehen, wie hoch das durchschnittliche Jahreseinkommen wäre, wenn das Weltbruttosozialprodukt gerecht auf alle verteilt würde, und laut Wikipedia läge es bei 16 100 Dollar. Ich sah keinen Grund, weder politisch noch finanziell, warum ich je mehr als diese Summe verdienen sollte.“ Das hält sie jedoch nicht davon ab, sich ins französische Sommerhaus von Melissa und Nick einladen zu lassen und Wein und Lamm zu genießen.

Klassenunterschiede mobilisieren keine Wut, münden noch nicht einmal in Konsumkritik oder werden sonstwie hinterfragt, sondern einfach nur vage als „schlecht“ beschrieben. Selbstgenügsamkeit, provozierte Bescheidenheit oder passive Duldungsstarre vor einem als monströs empfundenen sozialen Moloch: Nichts genaues weiß man nicht. „Marxismus erscheint so als ein Stilrepertoire, ein Slang unter vielen, dessen sich Rooneys polyglotte Figuren je nach Bedarf bedienen“, erkennt Anna Pilarczyk im Spiegel.

„das Recht, niemanden zu lieben“

Zum anderen geht es um Krankheit, Liebe, Freundschaft, die vielen Abstufungen dazwischen, und um Gefühle, die so stark sind, dass die Ich-Erzählerin sie nur ertragen kann, indem sie sich selbst physische Schmerzen zufügt und ritzt, womit sich der Kreis zur Krankheit schließt: sie leidet, wie später festgestellt wird, unter Endometriose, was fatal heilkundliche Befunde unterstützt, wonach Gefühle, wenn sie nicht externalisiert werden, sich nach innen richten.

Denn Frances tut alles dafür, um von ihrer Umgebung für cool, souverän und unabhängig gehalten zu werden: Gefühle unterdrücken, lügen, Chatnachrichten erst schreiben und dann doch wieder löschen… als sei sie in eine ständige Selbstbefragung verstrickt. Wie wirke ich auf andere, wie komme ich an, bin ich gut genug? Wichtig ist eine gewisse Coolness, die nur aufrechtzuerhalten ist, wenn man Distanz wahrt, zu anderen, aber auch zu sich selbst. So lebt sie ihr Leben nicht, sondern kuratiert es. Aber wo wird es ausgestellt, wer soll es sehen?

Denn gleichzeitig dreht sich bei ihr alles um das eigene Ego, die eigene Befindlichkeit. Ein gefährlicher Spagat, der verletzbar macht. Sich dem zu entziehen, gelingt halbherzig, indem sie möglichst wenige Gefühle zeigt, auch wenn sie sie in den Sozialen Medien oft inflationär zur Schau stellt, aber in der Realität vorsichtig, ja misstrauisch ist: „Als Feministin habe ich das Recht, niemanden zu lieben.“ Sie ist trotz der fast symbiotischen Beziehung zu Bobby einsam – als sie Sexbilder eines US-Studenten erhält, ist sie völlig überfordert und findet außer der Löschtaste keine Bewältigung: „Ich erzählte niemandem davon, es gab niemanden, dem ich davon hätte erzählen können.“ So verhält es sich auch in der Liebesbeziehung, die Frances mit Nick eingeht, zunächst im Geheimen, dann mehr oder weniger geduldet von Melissa.

Die Autorin als europäische Debattenkönigin. Quelle: http://www.universitytimes.ie/wp-content/uploads/2013/09/883839_10151857318394199_431750601_o.jpg

Also seziert sie neben den anderen und der Welt vor allem sich selbst, auch im Spiegel, auch auf Fotos. Das geht soweit, dass sie oft genug ihren Gesichtsausdruck ahnt und beschreibt, ohne ihn zu sehen. Was sie erlebt, ist oft genug begleitet von einem Bewusstsein dafür, wie man es später beschreiben könnte, und wenn etwas Unangenehmes passiert, denkt Frances „sogar darüber nach, wie lustig ich in einer E-Mail darüberschreiben könnte“.

Dieser Zwang, verbunden mit ihrer ärmlichen Herkunft, macht sie oft blind für die Nöte und Empfindlichkeiten der anderen – mit manchmal verheerenden Folgen. Ihre Liebe zu Nick trägt das Korsett eines prononcierten Machtanspruchs: Glück heißt für sie, „die volle Kontrolle“ in der Beziehung zu haben. „Ich könnte gehen, dachte ich, und darüber nachzudenken fühlte sich gut an, als hätte ich wieder die Kontrolle über mein Leben.“

Dabei wird permanent die Ambivalenz zwischen ihrem eigenen Innenleben und ihrer Außenwirkung thematisiert: „Ich war aufgeregt, bereit für die Herausforderung, in die Wohnung einer Fremden zu gehen, und legte mir schon ein paar Mienen und Komplimente zurecht, um charmant zu wirken.“ Zu wirken, wohlbemerkt, nicht zu sein. Reflektieren statt leben. Diese Kombination aus Unsicherheit, Verletzlichkeit und Narzissmus ist nicht nur die härteste Waffe, die Frances im Umgang mit ihrem Umfeld hat, sondern eben auch ihre offene Flanke.

Ihre Verfasstheit gipfelt in religiösem Sendungsbewusstsein: „Jesus wollte immer der bessere Mensch sein, ich auch.“ „Die größte Grausamkeit für Rooneys Generation, zu der ich auch gehöre, ist aber, dass wir von der Welt geliebt werden wollen, von der wir vorgeben, sie zu hassen“, hat die junge Kritikerin Madeleine Schwarz Rooneys Paradox in der New York Review of Books zusammengefasst.

„ihr Inneres zu verschleiern“

Dabei geizt Rooney geradezu mit Details, jede Information, die ein zu klares Bild von einer Figur geben könnte, spart sie aus. Nick wird schnöde mit den Worten „Er hatte ein großes, schönes Gesicht“ skizziert. Konterkariert wird diese figürliche Detailarmut von funktionalem Detailreichtum, wenn es etwa vor einem Lyrikevent heißt: „Wir hatten eine Flasche Weißwein reingeschmuggelt, die wir uns auf dem Klo teilten.“ Dass Plastebecher beim Vertilgen der Konterbande zum Einsatz kamen, versteht sich von selbst.

Selbst popkulturelle Verweise hält Rooney abstrakt. So heißt es an einer Stelle, dass sich Nick und Frances „einen iranischen Film über Vampire“ ansehen. Als Ausweis dafür, dass die beiden einen anspruchsvollen Filmgeschmack haben, reicht das völlig. Wer es weiß, denkt sich hinzu, dass es sich um „A Girl Walks Home Alone At Night“ von Ana Lily Amirpour handeln muss. Wer es nicht weiß, hat an Bedeutung aber auch nichts verpasst. Diese Ambiguität aus einerseits pseudointellektuellem Gebaren, das andererseits gar nichts bedeutet, macht den Roman in Gänze so belanglos: Nicht umsonst fragt sich Frances, „warum ich mich nicht für mein eigenes Leben interessierte“.

Die Autorin 2017. Quelle: https://i2.wp.com/literaturreich.de/wp-content/uploads/2019/08/24872619808_b01b153932_b.jpg?w=1024&ssl=1

Rooneys lakonische Dialoge drehen sich permanent um das Offensichtliche und zugleich mitschwingende Verborgene, die Figuren sind nicht dümmer als die Autorin. Tilman Spreckelsen mutmaßt in der FAZ, dass das „nicht nur an den Lügen und Heimlichkeiten“ liege, an dem vielen, das angedeutet und falsch oder gar nicht verstanden wird, an dem, was auf der Zunge liegt und dann doch nicht gesagt wird oder den intensiv empfundenen, aber höchst wandelbaren Emotionen. „Es liegt auch nicht nur an den Techniken, die gerade die älteren Protagonisten ausgebildet haben, ihr Inneres zu verschleiern, was wiederum auf den Argwohn der anderen trifft.“ Wer eine moderne Ausprägung des Spengler’schen „Ibsen-Weibs“ sucht – hier wird er fündig.

Der Titel lässt zu Recht durchblicken, dass es sich um ein schier endloses Palaver handelt, das sich noch dazu in Textnachrichten und Mails fortsetzt, die als Frances’ Gedächtnis erscheinen: Hier geht sie mit der praktischen Suchfunktion vergangenen „Gesprächen“ nach, die Melancholie beim Lesen alter Briefe findet ihre zeitgemäße Fortsetzung. Denn wenn unsere Gegenwart immer komplexer und jede Information darin digital jederzeit verfügbar wird, lässt sich die Welt – auch erzählerisch – nur durch radikale Selektion bewältigen.

Bei dieser Selektion kann man als Autorin subjektiv vorgehen oder die Datenmenge per Suchalgorithmus eingrenzen, so wie Frances es anhand ihrer Chats mit Bobbi beschreibt: „Diesmal lud ich mir unsere Unterhaltungen als riesige Textdatei mit Zeitstempeln herunter. Ich sagte mir, sie sei zu groß, um sie von Anfang bis Ende zu lesen, und sie hatte auch keine durchgehende erzählerische Form, also beschloss ich, sie zu lesen, indem ich nach bestimmten Wörtern oder Phrasen suchte und um sie herum las.“ Miriam Zeh orakelt im DLF: „Die Autorin hätte vermutlich nichts dagegen, wenn ihre Romane auf dieselbe Weise gelesen würden.“

Auch psychologisch verblüfft der Roman durchs Ungefähre. Immer wieder werfen die Figuren mit ihrem Verhalten Rätsel auf, irritieren durch plötzliche Tränen oder zynische Ausbrüche. Ihre Figuren entstammen einem bestimmten Milieu, einer weißen und überdurchschnittlich gebildeten, urbanen Mittelschicht. Hier – und nur hier – diskutiert man über den kapitalistischen Nutzen von Monogamie, über das kommunistische Manifest und über Gilles Deleuze. „Nervig-pseudointellektuelles Gelaber“ stöhnt selbst Nina Apin in der taz, aber meint zugleich: „Die Sexszenen sind ziemlich gut. Und das ist wirklich selten.“ Entweder hat sie einen anderen Text gelesen, oder ich will mir nicht ausmalen, wie ihr Sexleben aussieht.

„Ich habe keine Agenda“

„Über weite Strecken scheint Sally Rooney selbst nicht zu wissen, wohin sie sich als nächstes schreibt. Ein heimliches Treffen von Nick und Frances reiht sich ans nächste“, erkennt Zeh. Erzählstränge versanden mit offenen Enden, Konsequenzen werden nicht ausgesprochen und Fragen nicht gestellt. Als „Geschichte ohne Fazit“, die zu peinlich sei, um erzählt zu werden, bezeichnet Frances einmal einen ihrer Tage und fasst damit Rooneys gesamten Roman zusammen: „eine Absage an die vollständige Erzählbarkeit einer zwischenmenschlichen Beziehung und eine Absage an den Autor als Allmacht.“ Dazwischengetupft immer mal ein Bild, das ihre durchaus vorhandenen Ansätze erkennen lasst wie „Im Bett falteten wir uns wie Origami ineinander“ oder „Die Luft schien hilflos auf den Straßen gefangen“. Aber auch hier Begrenztheit und Passivität.

Der Übersetzung von Zoë Beck gelinge es, dabei immer dieselbe Texttemperatur zu halten, meint Meredith Haaf in der Süddeutschen. Es stecke ein „austrainierter“ und doch „warmer, lebendiger Intellekt“ hinter dem Text. Aha. „Easy reads“ nennt man im Englischen süffige, voraussetzungsarme Lektüren, bei denen man rasch von einer Seite zur nächsten blättert – das trifft es besser. Einen „Entwicklungsroman“, den Anne Kohlick im DLF gelesen haben will, konnte ich gleich gar nicht entdecken. Denn der Text – der Mann bleibt bei seiner Frau, die Liebhaberin vielleicht ratlos-verletzt, dennoch solo – steuert auf ein offenes Ende hin: „Ist es möglich, dass wir ein Alternativmodell entwickeln, wie wir einander lieben?“

Da wird eine Beziehung zer- und die Emotionalität einer naiven Kind-Frau nachhaltig verstört, aber all das plätscherte so dahin, hätte auch anders verlaufen können und wird in seinen Folgen eher niedlich ausfallen – oder gewaltig. Weder die Erzählerin noch die Autorin kümmerts: „Ich habe keine Agenda. In meinem Roman bin ich nicht daran interessiert, über die Dinge zu urteilen – auch nicht über Dinge, die mir sehr am Herzen liegen … Ich bin nur daran interessiert, es zu beobachten, und wenn ich es sehe, werde ich darüberschreiben“, sagte sie der FAZ. Angela Schade befand in der NZZ: „Das kalte Feuer, das durch diesen Roman irrlichtert, hat die Figuren zwar nicht verzehrt; aber es lässt sie als gebrannte Kinder zurück.“ 

Die Autorin bei einer ihrer vielen Preisverleihungen. https://www.irishtimes.com/polopoly_fs/1.3719652!/image/image.jpg_gen/derivatives/landscape_620/image.jpg

Mich frappierte daneben die Menge an Meta-Text, die Rooney und ihr Roman produzierten: neben Essays, Autorenporträts und Rezensionen auch Instagram-Posts von Prominenten wie Sarah Jessica Parker. Prompt musste auch Haaf die Frage aufwerfen, „ob das nicht einfach Wohlfühlliteratur für ein arriviertes Publikum ist. Und ob man da nicht einfach nur einer sehr gut gemachten intellektuell-literarischen Hochstapelei aufgesessen ist.“ Sie traute sich offenbar nicht, Ja zu antworten. Ich schon. Was sich vielleicht aufmachte, die Formen und Bedingungen ihres eigenen Begehrens und das der anderen zu reflektieren und den Versuch zu machen, sich diesen Prägungen zu entziehen, endet im literarischen Nirvana.

Es gab mal Zeiten, da galten irische Autoren als Maß aller Dinge. Zu den irischen Trägern des Literaturnobelpreises zählen William Butler Yeats (1923), George Bernard Shaw (1925), Samuel Beckett (1969) und Seamus Heaney (1995). Diese Zeiten, muss man angesichts von Rooney konstatieren, sind dahin. Unwiederbringlich. Das für mich positivste an der Causa folgt zum Schluss: Mit ihrem zweiten Roman „Normal People“ stach Rooney 2019 in Großbritannien Michelle Obamas Autobiografie als „Buch des Jahres“ aus. Was wiederum viel über die Qualität des Obama-Textes aussagt. Oder die der Übersetzung. Vielleicht stammte die ja von einem unsensiblen, alten, weißen Mann, der sie gar nicht hätte verfertigen dürfen…

Einen „Sprachkampf“ ums Deutsche erkennt der Linguist Hennig Lobin. Doch Sprachpolitik ist nur ein Aspekt von „Identitätspolitik“, die jetzt auch Linke, ja die ganze Gesellschaft neu zu spalten droht.

Meine neue Tumult-Kolumne, die hier nachgelesen werden kann und natürlich gern geteilt werden darf.

Sehr geehrter Herr Gniffke,

dass ich Ihnen binnen eines Jahres zum zweiten Male einen „Offenen Brief“ schreibe, ja schreiben muss, ist für beide Seiten kein gutes Zeichen. Für mich, da meine Anliegen im Namen meiner Partei für Sie offenbar ignorabel sind; für Sie, da Ihr Sender offenbar ohne Ihre Führung schaltet und waltet, wie ihm gut dünkt.

Der zur Rede stehende Fakt ist rasch berichtet: während ich als Pressesprecher der AfD-Landtagsfraktion Baden-Württemberg letzte Woche meinen Fraktionschef und Spitzenkandidaten Bernd Gögel MdL noch problemlos zur Radio-Liveübertragung von „Leute heute“ (SWR 1) ins Stuttgarter Funkhaus begleiten durfte, wurde mir das zur TV-Aufzeichnung eines Interviews für das ARD-Mittagsmagazin diese Woche bereits verwehrt – neben dem Ausfüllen eines Corona-Kontaktformulars gesellte sich plötzlich die Ansage, ohne Maske das Gebäude nicht mehr zu betreten. Ich bin aus medizinischen Gründen, die außer meinen Arzt niemanden auf dieser Welt zu interessieren haben, maskenbefreit.

SWR-Dreharbeiten im Hause. Quelle: privat

Gestern Abend nun verständigte mich die zuständige SWR-Wahlkampfkoordinatorin, dass ich ohne Maske ab sofort auch bei keiner SWR-Übertragung mehr dabei sein dürfe. Das beträfe die Kandidatenrunde heute Abend in der Wagenhalle ebenso wie die Spitzenrunde am Wahlabend im Landtag. Sie begründete das mit einer internen Regelung, da viele Mitarbeiter „Ängste“ hätten. Ich kündigte ihr an, dass ich dieses faktische Berufsausübungsverbot nicht unkommentiert lassen werde. Nur illustrativ: bei der ZDF-MoMa-Übertragung diese Woche war ich selbstverständlich maskenlos dabei.

Sehr geehrter Herr Gniffke,

dieser Vorgang ist eine Bankrotterklärung jedweder Demokratie.

Zum ersten werde ich von der Presse – namentlich einem öffentlich-rechtlichen Sender – an der Wahrnehmung meiner beruflichen Aufgaben als Pressesprecher gehindert. Das wird Ihnen – Stichwort Medienkritik im Allgemeinen, ÖR-Kritik im Speziellen und SWR-Kritik im Besondern -, bei einer bestimmten Klientel, um es dezent zu formulieren, keinerlei Sympathiepunkte bringen.

Zum zweiten wäre ein solcher Vorgang zwar auf privatrechtlicher Ebene juristisch legitim (ob moralisch, sei dahingestellt) – wer als Einzelhändler trotz medizinischer Bedenken eine Maskenpflicht zur Zugangsvoraussetzung zu seinem Ladengeschäft macht, kann das tun – keinesfalls aber auf öffentlicher Ebene: Da ist er schlicht herabsetzend, demütigend, ja diskriminierend.

Zum dritten aber – und das ist der primäre Punkt – zeigt diese Diskriminierung, wohin sich unsere Gesellschaft bewegt: Nämlich zu einer der „Dazugehörenden“ und der anderen. Die einen lassen sich „freitesten“, die anderen nicht. Verweigern Eltern diese Testpflicht und werden ihre Kinder von der Schule vom Unterricht ausgeschlossen – hindert dann auch die Schule die Kinder daran, dass sie ihre Schulpflicht erfüllen wollen?

Die einen lassen sich impfen, die anderen nicht. Hindern dann diverse Institutionen, Behörden… etc. ihre ungeimpften Mitarbeiter/Besucher daran, ihre gesetzlich verbrieften (Grund-)rechte wahrzunehmen? Inwieweit kann für eine kaum erforschte Krankheit ein überstürzt zugelassener Impfstoff verpflichtend gemacht und aus dieser Verpflichtung eine Teilhabemöglichkeit oder –unmöglichkeit abgeleitet werden?

Wir haben es hier mit mehrfachen Paradigmenwechseln zu tun, die jedem Demokraten die Haare zu Berge stehen lassen müssen – einerseits ob der damit verbundenen Grundrechtsverletzungen, andererseits ob der damit verbundenen Alltagseinschränkungen. Galt bis 2020 der Grundsatz, dass die Bevölkerung per se gesund ist, gilt nun der Generalverdacht, dass die Bürger potentielle Virenüberträger, ja „symptomlos Infizierte“ und also krank sind. Auf der Ebene Ihres Senders wird im Kleinen reproduziert, was uns der Staat seit Monaten im Großen zumutet: durch die Krankheitshysterie weniger werden nicht viele, sondern gleich alle in Geiselhaft genommen. Wer meint, dass ich ihm gefährlich werden könne, kann in meiner Gegenwart gern ebenso achtsam sein wie ich auch.

Galt bis 2020 der Grundsatz, dass sich der Mensch Strukturen schafft, um darin (besser) zu leben, gilt nun der Grundsatz, dass sich der Mensch den Strukturen unterzuordnen habe, um deren Funktionalität nicht zu gefährden. Strukturen, die überdies selbstverschuldet kaputtgespart wurden: Allein Kretschmanns zwei Regierungen schlossen 30 Krankenhäuser. Dabei wird von der absurden Gleichsetzung ausgegangen, dass positiv getestet gleich infiziert und infiziert gleich krank und krank gleich potentieller Beatmungspatient bzw. potentieller Toter heißt.

Dreh im SWR, den ich nur vom Parkplatz verfolgen konnte. Screenshot: eigene Darstellung

Und galt bis 2020 der Grundsatz, dass die Regierung Eingriffe in bürgerliche Freiheits- und parlamentarische Standesrechte (wie das Haushaltsrecht) rechtfertigen muss, gilt nun der Grundsatz, dass dem Bürger Grundrechte wie Almosen wieder ausgehändigt werden, wenn die Regierung es aufgrund astrologischer Kennziffern wie etwa „Inzidenzwerten“ oder, siehe oben, sozialer Zwangsmaßnahmen wieder erlaubt. Grundrechte aber sind nicht verhandelbar, Punkt!

Wir als Rechtsstaatspartei fordern seit Monaten, den Menschen ihre Selbstverantwortung, erst recht ihre Grundrechte zurückzugeben. Wenn im Winter die Straßenverhältnisse durch Eis und Schnee beeinträchtigt sind und Gefahren bergen, erlassen wir doch auch keine Fahrverbote, sondern klären über die Gefahrenlage auf und bitten die Bürger, ihre Fahrweise an gefährliche Gegebenheiten wie Straßenglätte anzupassen. Genau das erwarten wir nicht nur von der Landesregierung, sondern auch von allen öffentlichen Institutionen, eben auch dem SWR.

Vulnerable Gruppen – hat der SWR eigentlich so viele vorerkrankte/gefährdete Mitarbeiter? – werden nicht dadurch geschützt, dass andere Gruppen diskriminiert werden – von der Wirkung oder Nicht-Wirkung diverser Maskentypen ganz zu schweigen. Wenn ich an/in den Bahnhöfen, Bussen und Bahnen ständig zum Maskentragen aufgefordert werde, frage ich mich, wie sehr eine Regierung ihren Maßnahmen misstrauen muss, wenn sie die Bürger damit derart penetriert. Und wenn sich Stefanie, Jessica oder Sebastian „aus der S-Bahn-Leitstelle“ bei uns Fahrgästen täglich fürs „Mitmachen“ bedanken, frage ich mich, ob es sich um eine dringend gebotene medizinische Schutzmaßnahme, ein neues Gesellschaftsspiel oder einfach nur um einen gigantischen IQ-Test handelt.

Sehr geehrter Herr Gniffke,

anstatt all diesen Sachverhalten in Ihrer Berichterstattung genügend Raum zu geben und verschiedene Perspektiven wissenschaftlich objektiv und vorurteilsfrei zuzulassen, folgen Sie nur einer: der Regierungsperspektive. Und nicht genug damit: Sie schwelgen nicht nur redaktionell in ihr, sondern folgen ihr auch in Ihrem Anstaltsalltag. Damit behindern Sie nicht nur einen Repräsentanten der bislang wählerstärksten Opposition, sondern grenzen ihn auch aus. Laut SWR-Staatsvertrag vom 30. Juni 2015 sollen Sie aber genau das nicht tun, sondern „den gesellschaftlichen Zusammenhalt in Bund und Ländern fördern“. Ich erwarte umgehend, dass Sie Ihre Haltung und die Ihres Senders reflektieren und revidieren.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Thomas Hartung

Der Königlich-Preußische Hofkoch Louis Ferdinand Jungius  widmete ihm in seinem Kochbuch 1839 ein dreischichtiges Sahneeis: Eine Kombination von Schokoladen- und Erdbeer- oder Himbeer- mit Vanilleeis, die aufgrund ihres hohen Sahnegehalts nicht vollständig gefriert – das Halbgefrorene war geboren. 15 Jahre später hat Heinrich Heine das Vorwort zum zweiten Band seines Werkes Vermischte Schriften – Lutezia betitelt: „Zueignungsbrief an Seine Durchlaucht den Fürsten“. Und erst seit 19 Jahren trägt der Asteroid 39571 ebenfalls seinen Namen: Hermann Ludwig Heinrich Graf von, später Fürst von Pückler-Muskau, der am 4. Februar 1871 starb.

Er war das erste von fünf Kindern des Grafen Ludwig Carl Hans Erdmann von Pückler; drei Schwestern und ein sehr früh verstorbener Bruder folgten. Bei seiner Geburt am 30. Oktober 1785 auf Schloss Muskau war seine Mutter Gräfin Clementine von Callenberg erst 15 Jahre alt. Das hatte Folgen: einerseits behandelte ihn die ungefestigt-jugendliche Frau wie ein Spielzeug, „ohne selbst zu wissen, warum sie mich bald schlug, bald liebkoste“, wie er viel später in einem Brief an den Vater schrieb. Zu dieser lebenslangen Suche nach der Mutter – seine Frau, die geschiedene Tochter des preußischen Staatskanzlers Karl August von Hardenberg, sollte dann neun Jahre älter sein – gesellte sich eine sexuelle Präferenz für minderjährige Partnerinnen.

Einer streng pietistische Erziehung unter anderem bei den Herrnhutern und dem Philanthropinum in Dessau, die seine spätere Abneigung gegen den Protestantismus und seine entschiedene Hinwendung zum Pantheismus begründete, schloss sich ein Studium der Rechte an der Universität Leipzig an. Das brach Pückler jedoch frühzeitig ab und begann eine militärische Laufbahn. Als Oberstleutnant und Generaladjutant des Großherzogs Karl-August von Sachsen-Weimar-Eisenach nahm er an der Völkerschlacht bei Leipzig teil, fungierte in den folgenden Feldzügen gegen Napoleon als Verbindungsoffizier zum russischen Zaren Alexander I. und wurde danach kurzzeitig als Militärgouverneur von Brügge eingesetzt.

Pückler. Quelle: Von Moritz Michael Daffinger (1790–1849) – artsalesindex.artinfo.com/, Bild-PD-alt, https://de.wikipedia.org/w/index.php?curid=8020064

Da er nach dem Tode des Vaters die Verwaltung Muskaus seinem Freund Leopold Schefer übergeben hatte, fand er daneben Zeit für ausgedehnte Reisen – oft zu Fuß – in die Provence, nach Italien und 1812 zusammen mit Schefer das erste Mal nach England – und entdeckte seine Berufung als Landschaftsgestalter. Nach dem Wiener Kongress 1815 fiel Pücklers Teil der Lausitz von Sachsen an Preußen, womit er nach Schätzungen von Historikern einer der fünfzehn größten Landbesitzer im Königreich wurde. Ironie der Geschichte: Heute liegen zwei Drittel des Muskauer Parks in Polen. Und zur Gestaltung dieses Parks rief er im selben Jahr, unterstützt durch die PR-Aktion eines Ballonflugs, die Bürger von Muskau auf. Er erwarb weitere Grundstücke zur Schaffung eines geschlossenen Parkareals, ließ das Dorf Köbeln umsiedeln und legte los.

Hyazinth-Ara als Geschenk

So ließ er riesige Mengen Mutterboden aus weiter entfernten Gegenden auf Ochsenkarren heranschaffen, da der sandige Untergrund für den geplanten Bewuchs ungeeignet war. Darüber hinaus gelang es ihm erstmals, ausgewachsene Bäume zu verpflanzen, und konnte sein berühmt gewordenes Konzept der „Blickachsen“ schon bei der Anlage der Parks zu verwirklichen. Außerdem beschloss er den freien Zugang für seine Landschaftsgärten und weitete diesen auf jedermann aus. Neben Muskau und dem Park seines Sterbeorts Branitz sind mit seinem Namen in Deutschland verbunden: der „Pücklerschlag“ im Park Ettersberg bei Weimar, die Herzoglich Sachsen-Meiningische Sommerresidenz Altenstein, der Park Babelsberg in Potsdam sowie der Park von Schloss Wilhelmsthal bei Eisenach.

1817 heiratete er Lucie von Hardenberg, wurde 1822 in den Fürstenstand erhoben und ließ sich 1826 wieder scheiden, blieb aber dessen ungeachtet lebenslang freundschaftlich mit Lucie verbunden – der Luciesee im Muskauer Park ist nach ihr benannt. Da er inzwischen verschuldet war, wollte er wiederum nach England reisen, um erneut reich zu heiraten. Zwischen 1825 und 1829 fand er zwar keine Braut, dafür mit seinen Reiseberichten literarischen und finanziellen Erfolg in Deutschland, in England und den USA. Der Fürst beschloss deshalb nach Nordamerika zu reisen, doch wegen eines Duells verpasste er die Schiffsabfahrt.

Lucie. Quelle: Von O. Schubert – Pückler-Museum, Christian Friedrich, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=44512894

Stattdessen unternahm er eine Reise über Algier nach Ägypten, wo er von Muhammad Ali Pascha als Staatsgast empfangen wurde und für seinen Aufenthalt einen Palast mit Personal erhielt. 1837 kaufte er sich in Kairo auf dem Sklavenmarkt die etwa 12-jährige Machbuba, die ihn auf der weiteren Reise begleitete. Er gelangte über die Nilkatarakte bis in den Sudan, wo er seinen Namen an den Pyramiden von Meroe eingravieren ließ, und trat 1838 entkräftet den Rückweg an. Machbuba lebte nur noch zwei Jahre als seine Mätresse in Muskau und wurde im Schloss begraben. Pückler bereiste außerdem den Nahen Osten, Konstantinopel, wo er erfolglos versuchte, preußischer Botschafter zu werden, und Griechenland. Einmal brachte er einen blauen Hyazinth-Ara mit, den er Prinzessin Augusta von Sachsen-Weimar-Eisenach, der späteren Kaiserin, schenkte und der zur großen Bestürzung der Beschenkten nach wenigen Jahren in den zugigen preußischen Schlössern verstarb – ein Ereignis, welches die Prinzessin in einem tränenreichen Brief dem, wie sie ihn nannte, „Gartenzauberer“ schilderte.

Machbuba. Quelle: Von Clemensfranz – Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=72782665

1845 verkaufte er Muskau und zog sich auf sein Erbschloss Branitz zurück, wo er, stark von Gottfried Semper beeinflusst, sich ebenfalls mit Hingabe der Parkgestaltung widmete. Sein pantheistischer Liberalismus im Sinne der preußischen Reformer um den Freiherrn vom Stein und sein extravaganter Lebensstil machten ihn im reaktionären Preußen der Biedermeier-Ära suspekt. Andererseits beteiligte sich Pückler im Sinne der offiziellen deutschnationalen Linie aktiv an der Germanisierung seiner überwiegend sorbischen Untertanen und vernachlässigte die Volksbildung in seiner Herrschaft. Dem Militär blieb er weiterhin à la suite verbunden und wurde 1863 zum Generalleutnant ernannt. Als solcher gehörte er 1866 zum Hauptquartier des preußischen Königs im Deutsch-Österreichischen Krieg, wo der zu diesem Zeitpunkt 80-jährige die Schlacht bei Königgrätz verschlief und trotzdem für seine Teilnahme ausgezeichnet wurde.

staatenübergreifende Welterbestätte

Im hohen Alter zum Katholizismus konvertiert, widmete er sich bis zu seinem Tod der Schriftstellerei und war der erste deutsche Autor, der Papier für Durchschläge benutzte. Da eine Einäscherung Verstorbener damals aus religiösen Gründen verboten war, griff er zu einer provokanten List und verfügte, dass sein Herz in Schwefelsäure aufzulösen sei und der Körper in Ätznatron, Ätzkali und Ätzkalk gebettet werden solle. So wurde er am 9. Februar 1871 in einer Seepyramide im Parksee des Branitzer Schlossparks beigesetzt. Da er kinderlos war, fielen Schloss und Park nach seinem Tod an seinen Neffen Heinrich von Pückler, Barvermögen und Inventar an seine Nichte und sein literarischer Nachlass an die Schriftstellerin Ludmilla Assing mit der Auflage, die Biographie des Autors zu schreiben und seine ungedruckten Briefwechsel und Tagebücher zu veröffentlichen.

Muskauer Park. Quelle: Von Kora27 – Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=40107813

Das Bürgertum erhielt dadurch, dass er als Adeliger Zugang zu den führenden Häusern Europas hatte und seine Leser an diesen Erfahrungen teilhaben ließ, Einblick in die vor ihnen abgeschirmten Milieus des Adels, von dem er sich als Dandy abhob. Von einem „scharfäugigen Zugriff auf sprechende Situationen“ sprechen Kritiker. Dazu kommen uneinschüchterbare Scharfzüngigkeit zumal auch seinem eignen Stand gegenüber, fehlende Prüderie und unangestrengte Ironie. Pückler hatte er einen ausgedehnten Freundes- und Bekanntenkreis unter Künstlern und Schriftstellern und war darüber hinaus mit zahlreichen exotischen Ländern vertraut, die er genau, anzüglich und spöttisch zu schildern wusste.

Von 1930 bis 1945 bestand in Muskau die Fürst-Pückler-Gesellschaft, sie wurde 1979 in Berlin erneut gegründet. Als Fürst-Pückler-Region haben sich Kommunen und öffentlichen Institutionen in den Bundesländern Sachsen und Brandenburg in der Grenzregion zu Polen zusammengeschlossen, um die gemeinsame Öffentlichkeitsarbeit und den Kulturtourismus zu fördern. Seit 2004 ist der Muskauer Park das einzige ostsächsische Welterbe und eine der wenigen staatenübergreifenden Welterbestätten. 2017 würdigte die Stiftung Preussische Schlösser und Gärten den „grünen Fürsten“ mit einer umfassenden Sonderschau in Schloss und Park Babelsberg.

„Och jo“

Natürlich gibt es eine Anekdote, wie er seine bekannteste Trickfilmfigur schuf, und die geht so: 1956 bekam er das Drehbuch zu einer Geschichte über die Flachsverarbeitung für Kinder, das ihm nicht gefiel. Zugleich war er stark von Disney-Filmen beeinflusst: „Niemand konnte Gefühle besser in Gesten und Bilder übersetzen. Und dabei noch lustige Geschichten erzählen. Von ihm habe ich viel gelernt“, sagte er der Süddeutschen Zeitung SüZ. Also suchte er nach einem Tier, das die Leitfigur übernehmen könnte – und stolperte beim Silvesterspaziergang über einen Maulwurfshügel. „Ich wollte eine neue Figur erschaffen, die noch kein anderer gezeichnet hatte“, erinnert er sich. „Natürlich musste ich der Natur noch ein wenig nachhelfen, damit aus einem blinden, grauen Maulwurf eine Figur wird, die Kinder mögen.“ Er habe sie ständig geändert: „Erst hatte er ein Schwänzchen – das habe ich später weggenommen. Dann habe ich die lange Schnauze, die ihn sehr alt gemacht hat, einfach verkürzt. Erst dadurch ist er ein junger, netter Bursche geworden.“

Heraus kam ein charmanter, fröhlicher, schwarzer Geselle mit roter Nase, Kulleraugen, großen Händen und genau drei Haaren namens „Krtek“ oder „Krteček“ (tschech. „Maulwürfchen“), der anfangs noch sprach, später, damit er überall auf der Welt verstanden werden konnte, nur noch seine Emotionen in kurzen Ausrufen ausdrückte. Die lieferten seine beiden Töchter, die die Filme auch zuerst zu sehen bekamen. So konnte ihr Schöpfer prüfen, ob seine Geschichten die Kinder auch begeisterten. „Wenn ich ihnen im Aufnahmestudio sagte: ‚Lacht jetzt!‘, dann haben sie gelacht. Und wie! Das kam immer von Herzen.“ Anders dagegen, als sie weinen mussten: „Da hab ich sie geschimpft.“ Das unnachahmlich-resignierte „Och jo“ vergisst man nie. Die erste, die Flachsgeschichte „Wie der Maulwurf zu seinen Hosen kam“ gewann 1957 auf Anhieb den Silbernen Löwen in Venedig.

Der Meister und sein Krtek. Quelle: https://cdn.prod.www.spiegel.de/images/4d75445e-0001-0004-0000-000000289201_w948_r1.77_fpx65.86_fpy48.97.jpg

Bis 2002 entstanden 63 Maulwurfsfilme, die in über 80 Ländern zu sehen sind. Im Fernsehen der DDR lief er, wie im tschechoslowakischen Fernsehen, in der Sendung Unser Sandmännchen. In der Bundesrepublik wurde die Serie erstmals ab dem Januar 1968 durch Das Erste ausgestrahlt. Später folgten Wiederholungen durch KiKA, WDR, ORF 1 und SRF 1. Der Trickfilmer illustrierte auch 40 Kinderbücher, die sich mehr als fünf Millionen Mal verkauften. Befragt, wie viel von ihm im Maulwurf steckt, antwortete er „100 Prozent… Ich brauchte lange, es zu begreifen, aber wenn ich den Maulwurf zeichne, dann zeichne ich mich selbst.“ Dieser Zeichner heißt Zdeněk Miler und wurde am 21. Februar vor 100 Jahren im böhmischen Kladno geboren.

„Meine Filme brachten gutes Geld“

Zeichnen war von Anbeginn seine Leidenschaft. Seine Großmutter, die mit im Elternhaus unter dem Dach wohnte, „mit Pendeluhr und Bollerofen“, habe ihn stark beeinflusst: „Bei ihr kam ich mir vor wie im Märchen. Sie hat mich immer auf den Schoss genommen und Geschichten erzählt. Eines Tages sagte sie: Heute schauen wir uns mal die Wolken an. Eine sah aus wie ein Haus. Die nächste wie ein Tier. Sie hat mir das Fenster zur Phantasie geöffnet“. Ein Lehrer in der Oberschule riet ihm zur Bewerbung an der staatlichen Graphikschule in Prag. „Aber ich besaß nicht mal einen Bleistift! Also gab er mir eine Krone, damit ich mir im Schreibwarengeschäft einen kaufen konnte. Dann bat ich meine Großmutter, mir Modell zu sitzen. Da saß sie dann drei Stunden und hat sich nicht gerührt.“

Er wurde 1936 angenommen und studierte anschließend von 1939 bis 1942 Photographie an der Kunstgewerbeschule ebenfalls in Prag. Nach der Besetzung durch Deutschland protestierte er gegen die Schließung der Hochschulen: „Einige Studenten sind hingerichtet oder nach Auschwitz deportiert worden. Ich hatte Glück, dass sie mich nicht verhafteten. Als die Nazis in unser Studentenheim kamen, war ich gerade nicht da.“ Ihm wurde 1942 eine Stelle als Zeichner im Zeichentrickstudio des Baťa-Konzerns im mährischen Zlín angeboten, wo er sein Handwerk von der Pike auf lernte und sich auf Animationsfilme spezialisierte. Das Studio wurde dann von den Deutschen übernommen: „Wir mussten fortan Märchenfilme für Deutschland produzieren, ‚Fritz und Fratz‘ zum Beispiel. Der deutsche Direktor war ein guter Mensch. Er befand, ich wäre unabkömmlich im Studio. Er und ‚Fritz und Fratz‘ haben mir vielleicht das Leben gerettet.“

Fritz und Fratz-Episode. Quelle: https://film-assets.ushmm.org/fvthumbs/FV2683_RG604355.01.01.jpg

Nach dem Zweiten Weltkrieg wechselte er zur Prager Zeichentrickfirma Bratři v triku und arbeitete zunächst als Zeichner tschechischer Märchen, Regisseur und Autor. Später wurde er Direktor der Firma und zeichnete ab 1957 die Filme mit dem kleinen Maulwurf, die ihn international bekannt machten. „Ich bin natürlich in die kommunistische Partei eingetreten. Damals herrschte noch ein großer Idealismus unter uns jungen Leuten. Aber das ging nicht lange gut. Irgendwann haben sie mich aus der Partei geworfen, und ich war froh, dass ich draußen war. Gott sei Dank war ich mittlerweile fast unantastbar geworden, weil der Maulwurf international immer erfolgreicher wurde. Meine Filme brachten gutes Geld ins Land“, befand er in der SüZ. Eine große Rolle kam dabei dem WDR zu, der seit 1972 Filme für die „Sendung mit der Maus“ bestellte; „Pauli“ hieß hier manchmal die Figur. „Aus diesem Grund durfte ich auch hin und wieder nach Köln reisen. Es fuhr natürlich immer ein Genosse mit, um mich zu bewachen.“

Um die Hauptfigur wuchs eine ganze Familie von Freunden wie der Hase, der Igel und die Maus, die in viele gemeinsame Abenteuer schlitterten und sich gegenseitig halfen. Zoff à la „Tom und Jerry“ hatte in Milers Streifen keinen Platz. In den Filmen wird dem Leben in der Natur auch die Umwelt in der Stadt gegenübergestellt sowie dem naiv-kindlichen Leben der Tiere der Alltag der Menschen. „Ich glaube, Kinder lieben den Maulwurf, weil er eine Frohnatur ist, die nichts umwerfen kann. Er steht für die Freundschaft und die Liebe zur Natur. Er steht dem Leben positiv gegenüber, schaut immer nach vorne. Zuversicht und Vertrauen sind ein guter Leitfaden fürs Leben“, sagte er später. Die Geschichten stammten mal von Miler selbst, mal von bekannten Schriftstellern wie dem Kafka-Preisträger Ivan Klima („Liebe und Müll“), der zwischen 1969 und 1989 nur im Ausland publizieren durfte. Die Musik wurde von Miloš Vacek, ab 1974 von Vadim Petrov komponiert. Von seinem Verdienst leistete sich Miler ein kleines Häuschen in einem Prager Villenviertel.

„Es ist genug“

Zuletzt entstand 2002 ein Zeichentrickfilm in Spielfilmlänge, der eine Zusammenstellung aus den ersten zwölf Folgen des kleinen Maulwurfs ist. Dass es keine Gefährtin für Krtek gab, begründete Miler mit dem Alter seines Publikums: „Das hätte die Geschichten nur verkompliziert. Kinder wollen es nicht kompliziert.“ Nach 74 Jahren hauptberuflichen Zeichnens legte er den Stift aus der Hand. „Es ist genug. Meine älteste Tochter macht vielleicht weiter. Sie hat schon ein Maulwurf-Buch veröffentlicht, nach meinen Vorlagen. Letztens waren Japaner hier und haben mir viel Geld geboten, wenn sie eine Geschichte mit meinem Maulwurf machen dürften, womöglich computeranimiert. Ich habe abgelehnt.“ Angesichts millionenschwerer Hochglanzanimationen von „Ice Age“ bis „Findet Nemo“ wirken seine handgemalten zweidimensionalen Figuren zumeist in den kontrastreichen Grundfarben wie liebenswerte Relikte einer guten alten Zeit, die nostalgische Sehnsüchte bedient.

Episode als Buch. Quelle: https://images.booklooker.de/x/018hB4/Zdenek-Miler+Der-Maulwurf-und-die-Rakete.jpg

Am 28. Oktober 2006 wurde Miler vom Staatspräsidenten Václav Klaus die tschechische Verdienstmedaille als Ehrung für sein Lebenswerk verliehen. Er wird mit den Worten zitiert, dass ihm die Feinfühligkeit eines kleinen Maulwurfs bei weitem näher sei als die Schroffheit einer Familie Simpson. Einer seiner größten Fans war der amerikanische Astronaut Andrew Feustel, dessen Frau tschechische Vorfahren hat. Er überreichte Miler 2011 eine Plüschfigur des kleinen Maulwurfs, mit der er im Mai an Bord der Raumfähre Endeavour ins Weltall geflogen war. Der sichtlich erfreute Erfinder, übrigens ein großer Verehrer von Rene Magritte, bedankte sich mit einer gerahmten Zeichnung. „Das hätte ich mir nie vorstellen können“, sagte er. Auf der Internationalen Raumstation sei der Maulwurf die meiste Zeit umhergeschwebt, beschrieb Feustel den Flug mit der Plüschfigur. „Auf dem Rücken hatte er aber auch einen Klettverschluss, damit die Astronauten ihn, wenn nötig, an der Wand befestigen konnten“, sagte der Geophysiker, der zweimal im All war – übrigens 46 Jahre nach der Episode „Der Maulwurf und die Rakete“, in der ihn sein Schöpfer bereits einmal ins All geschickt hatte.

Feustel bei Miler – mit Weltraummaulwurf. Quelle: https://media0.faz.net/ppmedia/aktuell/1867354767/1.1547488/width610x580/der-amerikanische-astronaut.jpg

„Ich wollte immer Bücher und Filme für Kinder machen, dabei wusste ich erst gar nicht, wie das geht. Man muss ja jede Geschichte auf die denkbar einfachste Art erzählen. Wie der Maulwurf ankam, habe ich anfangs gar nicht wahrgenommen. Erst als ich dann im Kino miterlebt habe, wie die Kinder lachen, wie sie mitgehen, wusste ich, dass ich auf dem richtigen Weg bin“, sagte er rückblickend. Die letzten Jahre lebte Miler in einem Seniorenwohnheim nahe Dobříš und starb dort am 30. November 2011. „Mit Zdenek Miler verlieren wir nicht nur den Vater des kleinen Maulwurfs, sondern auch einen ganz Großen des Europäischen Trickfilms und einen überaus warmherzigen Menschen“, teilte Monika Piel mit, die damalige WDR-Intendantin. „Seine Geschichten berühren uns heute wie damals gleichermaßen. Viele Erwachsene von heute verbinden mit ihm ein Stück Kindheit.“ Eine Kindheit, die unverlierbar ist.

19 Ja-Stimmen bei 2 Enthaltungen – mit diesem Ergebnis hatte sich vor zwei Jahren die aus Schülern, Lehrern und Eltern bestehende Schulkonferenz des Wuppertaler Wilhelm-Dörpfeld-Gymnasiums dafür ausgesprochen, seine Statue der griechischen Göttin Pallas Athene nicht mehr vor der Schule behalten zu wollen. Kein Wunder, ist das Gymnasium doch Bestandteil des Netzwerks „Schulen ohne Rassismus – Schulen mit Courage“. Allerdings stehen sowohl die Skulptur von 1957 als auch ihr Sockel seit 1997 unter Denkmalschutz: Nicht nur darum hatte die nichtöffentlich tagende städtische „Kommission für eine Kultur des Erinnerns“ einstimmig gegen eine Entfernung des Werkes votiert.

Bei einer Podiumsdiskussion Mitte Dezember 2019 lautete also die Frage: „Darf eine Skulptur eines von den Nationalsozialisten gefeierten Künstlers weiter im öffentlichen Raum stehen, zumal vor einer Schule, oder sollte sie entfernt werden?“ Die parteilose Kultusministerin Isabel Pfeiffer-Poensgen platzte mit ihrer Empfindung heraus, wie hässlich diese Skulptur sei. Lehrer und Schüler argumentierten, sie passe schlicht nicht mehr zum neu gestalteten baulichen Ensemble: „Da wirkt diese kriegerische Figur einfach fehl am Platz.“ Sie hat nämlich einen Helm auf dem Kopf und einen Speer in der Hand, der sogar nach unten zielt, also auf diejenigen, die auf sie zugehen. Laut Schulleiterin Claudia Schweizer-Motte seit es für die Schüler und Lehrer schwierig, täglich am Werk eines NS-Künstlers vorbeigehen zu müssen.

Felix Krämer, Generaldirektor des Museums Kunstpalast in Düsseldorf, berichtet auf dem Podium, dass es interessanterweise kaum andere Athenen gebe, die in dieser kriegerischen Funktion gezeigt werden. Eine habe er aber doch ausfindig machen können, dabei handle es sich bezeichnenderweise um ein faschistisches Denkmal aus dem Jahr 1932 in Italien. Kein Wunder, ist sie doch unter anderem die Göttin des Kampfes, auch der Kriegstaktik und der Strategie; sie fungierte als Palast- und Schutzgöttin der mykenischen Herrscher sowie des Odysseus und  führte Perseus bei der Enthauptung der Medusa. Einige Schüler betonten, sie sähen in der Skulptur kein heroisches, sondern vielmehr ein humanistisches Menschenbild verkörpert, sie fühlten sich eher beschützt als bedroht.

Arno Breker. Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Arno_Breker#/media/Datei:Arno_Breker_Atelier_Duesseldorf_(1972).jpg

Brigitte Franzen, Vorstand der Peter-und-Irene-Ludwig-Stiftung, machte nun drei Vorschläge, wie man mit der Plastik umgehen sollte: sie mittels einer Tafel kommentieren bzw. die bereits bestehende Tafel aktualisieren, die Skulptur ins Museum bringen und dort kommentieren, oder, als letzte Möglichkeit, sie um einen künstlerischen Kommentar ergänzen. Dieser Vorschlag setzte sich schließlich durch. Wer der neue Künstler sein wird, ist noch offen. Jener der Athene dagegen, den der Mitbegründer der Wiener Schule des Phantastischen Realismus, Ernst Fuchs, einst als „wahren Prophet des Schönen“ bezeichnete, ist weltbekannt: Arno Breker. Vor 30 Jahren, am 13. Februar 1991, starb er in Düsseldorf.

„Vorbereitung auf die monumentale Arbeit“

Seine Berufung war ihm durchaus in die Wege gelegt: Vater des am 19. Juli 1900 in Elberfeld geborenen ältesten Kindes der Familie war der Steinmetz und Grabmalkünstler Arnold Breker. Nach vier Jahren Steinbildhauerlehre und dem Besuch der Kunstgewerbeschule in Elberfeld begann er 1920 ein fünfjähriges Studium an der Kunstakademie Düsseldorf. Kurz vor Ende desselben reiste er erstmals nach Paris, wo er nach einer Nordafrikareise 1927, von der er seine erste Lebensgefährtin, die Griechin Demetra Messala („Mimina“) mitbringt, seinen Wohnsitz nimmt. Er freundet sich mit vielen Künstlern an, darunter Picasso, Jean Cocteau und Man Ray, und entwickelt ein Gussverfahren der „reinen Form“ ohne Oberflächenunebenheiten, das für die idealisierende Typisierung des Schaffens im Nationalsozialismus stilprägend wird.

Die Verbindung nach Deutschland riss jedoch nicht ab, etwa durch Aufträge für eine Großplastik für die Matthäikirche in Düsseldorf und für das Denkmal Röntgens in Remscheid; zudem hatte er Ausstellungen. 1932 erhielt er den Rom-Preis der Preußischen Akademie der Künste nebst einem Stipendium bis Mai 1933 in der „Villa Massimo“. Seine Zeit in Rom sah Breker selbst als „Vorbereitung auf die monumentale Arbeit großen Ausmaßes, die mich erwartete“. Es folgten weitere italienische Studienaufenthalte in Florenz und Neapel, die seine sogenannte „klassische Periode“ zur Zeit des Nationalsozialismus beeinflussen sollten.

Der Sieger. Quelle: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Arno_Breker_Der_Sieger_(1939).jpg

1934 übersiedelte er nach Berlin, nimmt 1935 an der Ausstellung der „Berliner Secession“ teil und 1936 an der Olympischen Kunstausstellung, wo er beim Plastik-Wettbewerb die Silbermedaille des Internationalen Olympischen Komitees für die Statuen „Zehnkämpfer“ und „Die Siegerin“ erhält. Zuvor als „dekadenter Franzose“ kritisiert, der vor allem Porträtaufträge von Industriellen, Militärs oder auch Künstlerkollegen ausführte, erlangt er so höchste offizielle Aufmerksamkeit und darf für die Weltausstellung in Paris Skulpturen für den Deutschen Pavillon fertigen. Mit der Staatsdoktrin der stilistischen Orientierung an der Antike, an die sich Breker anlehnt, schienen den Nationalsozialisten in Brekers Figuren die ästhetischen Ideale des „gesunden, arischen Menschentyps“ verwirklicht, ja als „gestaltete Gesinnung, formgewordene Weltanschauung“, als richtungweisend für den „neuen deutschen Stil“ proklamiert.

Rückblickend bezeichnete Breker selbst das Jahr 1936 als „Wendepunkt“ seiner Existenz. In der Folgezeit wurde er von der NS-Propaganda vereinnahmt, zum „bedeutendsten deutschen Bildhauer der Gegenwart“, gar zum Vorkämpfer der nationalsozialistischen Revolution stilisiert, schienen seine monumentalen Figuren doch hervorragend geeignet, den Kampf des „Neuen Reiches“ gegen die „Verfallserscheinungen“ in Kunst und Gesellschaft insgesamt visuell fassbar zu machen. 1937 trat er der NSDAP bei, heiratete Demetra, wird Professor einer Bildhauerklasse an der Hochschule für Bildende Künste in Berlin und erhält bis 1944 in Zusammenarbeit mit Albert Speer zahlreiche Staatsaufträge. Auf ausdrücklichen Wunsch Hitlers, mit dem er auch in persönlichem Kontakt steht, wird er für den Ausbau Berlins als geplante Welthauptstadt „Germania“ tätig. Hierfür wird ihm ein eigenes Großraumatelier in Berlin-Dahlem errichtet, das heute das „Kunsthaus Dahlem“ beherbergt.

Die Hoheitszeichen am Berliner Finanzministerium, Steinreliefs am Gebäude der Nordstern-Lebensversicherung in Berlin-Schöneberg, der figürliche Schmuck am Hauptportal der Deutschen Versuchsanstalt für Luftfahrt Berlin-Adlershof und die Plastik „Der Flieger“ für das Hauptgebäude der Dresdner Luftkriegsschule entstanden, später die Monumentalfiguren „Partei“ und „Wehrmacht“ für den Ehrenhof der Neuen Reichskanzlei sowie viele Figuren und Reliefs für „Germania“. 1939 schlägt er ein Arbeitsangebot Stalins aus. 1940 erhielt Breker als erster bildender Künstler den Mussolini-Preis der Biennale in Venedig, ein Jahr später wurde er Vizepräsident der Reichskulturkammer der Bildenden Künste. Zu seinem 40. Geburtstag schenkte ihm Hitler das ehemalige Rittergut Jäckelsbruch in Eichwerder bei Wriezen in „dankbarer Anerkennung seiner schöpferischen Arbeit im Dienste der deutschen Kunst“.

„Harte Zeit, starke Kunst“

Hier wurden Mitte 1941 die „Steinbildhauerwerkstätten Arno Breker GmbH“ mit Gleisanschluss und Kanalhafen gegründet – eine Einrichtung des Generalbauinspektors, die es Speer ermöglichte, Aufträge jedweder Größenordnung ohne Genehmigungsverfahren direkt an Breker zu vergeben. In den Werkstätten entstanden Bildhauerarbeiten für die Neugestaltung Berlins und für das Parteitagsgelände in Nürnberg. Gegen Ende des Krieges wurden bis zu 50 Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter für Arbeiten an den Figuren eingesetzt, etwa bei der Vervielfältigung der „Hitler-Büste“ von 1941. Daneben hatte er viele Ausstellungen, darunter auch im Vichy-Paris, und wurde 1944 an der Preußische Akademie der Künste Vorsteher eines Meisterateliers, Mitglied des Akademiesenats und von Hitler selbst in die Sonderliste der Gottbegnadeten-Liste mit den „unersetzlichen Künstlern“ aufgenommen, was für ihn die Freistellung vom Kriegsdienst bedeutete. Zugleich drehte die Riefenstahl-Film GmbH den Dokumentarfilm „Arno Breker – Harte Zeit, starke Kunst“.

Breker mit Meyfarth. Quelle: https://www.meaus.com/109-breker-and-meyfarth.JPEG

Nach Ende des Zweiten Weltkriegs, dem rund 90 Prozent seines Werks zum Opfer fielen, zieht Breker ins bayrische Wemding. 1948 wird er trotz seiner privilegierten Stellung bei der „Entnazifizierung“ als „Mitläufer“ eingestuft, da er sich mehrmals und nachweislich für Verfolgte des Regimes wie Pablo Picasso eingesetzt hat, den er vor dem KZ bewahrte. Peter Suhrkamp verdankt ihm gar sein Leben, da er unter dem dringenden Verdacht des Widerstandes gegen Adolf Hitler inhaftiert worden war. Breker hatte Suhrkamp im Gefängnis besucht und sich bei Albert Speer und Hitler erfolgreich für die Entlassung des Verlegers eingesetzt.

1950 kehrt er nach Düsseldorf zurück, beteiligt sich als Architekt am Wiederaufbau und bezieht das frühere Atelier des Tierbildhauers Josef Pallenberg. 1956 starb seine Frau, zwei Jahre später heiratete er die 26 Jahre jüngere Charlotte Kluge, mit der er dann zwei Kinder hatte. Er erhielt zwar kaum noch öffentliche, jedoch zahlreiche private Aufträge, für die er angeblich Gagen von bis zu 150.000 Mark bezog. Er porträtierte Rudolf-August Oetker und Gustav Schickedanz, Konrad Adenauer und Ludwig Erhard, Salvador Dalí und Ernst Jünger und viele andere. Dali sagte über seinen Freund: „Gott ist die Schönheit und er sein Prophet.“ Über die Freundschaft beider mit Ernst Fuchs, genannt „Goldenes Dreieck“, sagte Dalí: „Breker-Dalí-Fuchs. Man kann uns wenden wie man will, wir sind immer oben.“ Daneben arbeitete Breker als Architekt, darunter bei der Gestaltung der Gerling-Konzernzentrale in Köln, die wegen ihres monumentalen Charakters von der Bevölkerung schon bald „Kleine Reichskanzlei“ genannt wurde, und errichtet 1960 erneut ein Atelier in Paris.

Breker behielt seine Vorliebe für Porträtbüsten und athletische, meist männliche Körper, wobei der das Element der vollendeten Form wieder aufnahm. Bis in die 1980er Jahre arbeitete er, der nach eigenen Angaben „von Muskeln nie genug kriegen“ konnte, nach Sportlermodellen wie der Hochspringerin Ulrike Nasse-Meyfarth und dem Zehnkämpfer Jürgen Hingsen, der als „griechischer Apoll“ verewigt wurde. 1981 beteiligt sich Breker mit einem Entwurf an der Ausstellung „Paris 1937-47“, den er aufgrund massiver Proteste zurückziehen muss, woraufhin er sich deutlich vom Nationalsozialismus distanziert. Dennoch blieb ihm der Vorwurf fehlender Reue anhaften. 1985 eröffnete die Familie von Brekers Kunsthändler Joe F. Bodenstein in Schloss Nörvenich bei Köln das „Museum Arno Breker – Sammlung Europäische Kunst“. Bereits 12 Jahre vor seinem Tod gründete sich in Deutschland die Arno Breker Gesellschaft, acht Jahre vor seinem Tod zog die USA mit der Arno Breker Society International nach.

Brekers Büsten von Ernst Jünger, Ezra Pound und Salvador Dali. Quelle: https://www.meaus.com/94-junger-pound-dali.JPEG

Auch nach seinem Tod wurde er als „Lieblingsbildhauer Hitlers“ gleichermaßen verehrt wie gescholten; sein Kölner Grab war im Oktober 2018 geschändet worden. Breker fühlte er sich als ein Bewahrer der christlich-abendländischen Kultur hellenistischer Prägung. Dieser Mission widmete er sein gesamtes meisterliches Schaffen. Er verstand sich selbst als „Bildhauer des Dreiklangs der Schönheit von Körper, Geist und Seele“ (1932), pathetisch könnte man auch die Verherrlichung des Menschen in der bildenden Kunst nach dem – vollkommenen – Ideal der Schöpfung unterstellen. Obwohl er zeitlebens hochumstritten war, konnte ihm niemand seine künstlerisch-ästhetische Begabung absprechen: Für Aristide Maillol ist er der „Michelangelo des 20. Jahrhunderts“.

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