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Herzlich willkommen!

Als AfD-Landtagsfraktionspressesprecher und Freier Journalist für konservative Medien blogge ich unregelmäßig Betrachtungen zu Interessantem und Wissenswertem aus politischer und Alltagskultur. Ich schreibe regelmäßig für „Zuerst“ und habe unter dem Titel „Negerkuss und Nazistuss“ eine eigene Kolumne beim Tumult-Blog.

Als Bildungsbürger kommentiere/rezensiere ich vielerlei kulturelle Phänomene – vom Roman über den Musikergeburtstag bis zum Regisseurstod.

Als Dozent und Mitglied im Landesfachausschuss Bildung informiere ich Sie auf meiner Webpräsenz auch über meine Aktivitäten rings um die Themenkreise Hochschule, Wissenschaft, Medien und Kultur.

Und als Mensch lasse ich Sie gern an meinen freizeitlichen Aktivitäten teilhaben, zu denen nicht zuletzt Kochen gehört 😉

Warum gerade Betrachtungen?

Ich empfinde dieses Genre – eine Meinungsdarstellungsform übrigens – als eins der zeitgemäßen schlechthin.

Eine Betrachtung soll durch Beschreibungen und Schilderungen, Vergleiche und Annäherungen bis hin zur Analyse einem Ereignis, einer Situation, einem Gegenstand oder auch einem (gesellschafts-) politischen Problem Individualität verleihen: Recherche darf in gewissem Maße substitutiert werden durch Subjektivität.

Die Betrachtung ist durchaus mit derselben eines Kunstwerks in einer Ausstellung vergleichbar: man wählt zunächst die Gesamtschau und wechselt dann zu einzelnen Aspekten.

Dabei ist dem Genre eigen, dass die Prioritäten dieser Aspekte oft im Vagen bleiben: aus der Betrachtung erwächst ein Gedanke, der das formale Ziel darstellt.

Der Gegenstand darf dabei Randerscheinung eines größeren Zusammenhangs bleiben: „die Bedeutung des Unbeachteten birgt den Kern ihrer Aussage“ (Degen 2004).

Viel Spass beim Lesen – und natürlich beim Kommentieren!

Als genialer Vordenker nahm er unter anderem die Gen- und Nanotechnik, den bargeldlosen Zahlungsverkehr und den Biochip früh vorweg. Im Jahre 1954, bevor überhaupt an das World Wide Web zu denken war, entwarf er bereits Computernetze und ließ in seinem Roman Lokaltermin die Vorläufer der Suchmaschinen vom Stapel. Seine „Insperten“, ein genial übersetztes Kofferwort aus Inspektor und Experten, führten Untersuchungen zu Themen der „allgemeinen Ariadnologie und Labyrinthik“ durch und kamen schon damals zu dem Ergebnis, die „Informationsumwelt“ sei „von einer fürchterlichen Menge an Unsinn und Lügen verschmutzt“. Am Ende seines Lebens wurde er zum Kritiker der Informationsgesellschaft, weil diese die Nutzer zu „Informationsnomaden“ mache, die nur „zusammenhangslos von Stimulus zu Stimulus hüpfen“ würden. 2003 sagte er der FAZ den legendären Satz: „Der Mensch ist eine unangenehme Gattung, sehr peinlich, ja.“

Den vielleicht prophetischsten Satz schrieb er 1961 in seinem Roman Solaris: „Wir brauchen keine anderen Welten, wir brauchen Spiegel“. In dem dreimal verfilmten Science-Fiction-Epos – so von  Andrei Tarkowski 1972 mit Donatas Banionis und Steven Soderbergh 2002 mit George Clooney – stoßen Wissenschaftler auf einer Raumstation mit einer fremden Planeten-Intelligenz zusammen, die als eine Art Denk-Ozean wundersame Kräfte besitzt, die über das Vorstellungsvermögen der Menschen weit hinausgehen. Die Astronauten werden in einen Wettstreit gegensätzlicher Emotionen gestürzt: Xenophobie gegen Neugier. Dieses Grundthema findet sich in vielen Romanen: Ob in Eden oder Der Unbesiegbare, oft ging es um die Erforschung fremder, extraterrestrischer Formen der Intelligenz und deren Abgleich mit den Grenzen des menschlichen Geistes. Er gilt als erfolgreichster polnischer Autor des 20. Jahrhunderts, dessen Werk in 57 Sprachen übersetzt ist und in einer Auflage von über 45 Millionen weltweit erschien: Stanisław Lem, der am 12. September seinen 100. Geburtstag feierte.

Er kam als Sohn einer polnisch-jüdischen Arztfamilie in Lemberg auf die Welt und studierte nach einer behüteten Kindheit von 1940 bis zur Besetzung Lembergs durch deutsche Truppen 1941 Medizin an der dortigen Universität. Mit einem Intelligenzquotienten von 180 galt er einst als „klügstes Kind Südpolens“. Er beschrieb sich als Lesenarr und Träumer: „Ich zeichnete darüber hinaus auch solche Monster, die es nicht gab, die es aber offensichtlich meiner Ansicht nach gegeben haben sollte. Ich bin also mit meiner Phantasie in andere Zeiten und andere Welten geflüchtet, und obwohl ich verstanden habe, dass dies nur scheinbar ist, ein Spiel, hütete ich meine Geheimnisse.“

Stanislaw Lem 1975. Quelle: https://cdn.prod.www.spiegel.de/images/3f6fd8ab-0001-0004-0000-000000285825_w996_r2.194_fpx40.5_fpy49.98.jpg

Zwar konnte er mit gefälschten Papieren seine jüdische Herkunft verschleiern; der Großteil seiner Familie kam im Holocaust um: „Ich hab Hitler gebraucht, um draufzukommen, dass ich jüdisch bin“, schrieb er in seinen Erinnerungen. Während des Krieges arbeitete er als Hilfsmechaniker und Schweißer für eine deutsche Firma, die Altmaterial aufarbeitete, und half dem Widerstand gegen die deutsche Besatzungsmacht. Als gegen Ende des Krieges Polen durch die Roten Armee befreit wurde und das Land zum Einflussbereich der Sowjetunion gehörte, setzte er sein Studium in Lemberg fort.

1945 musste er, nachdem seine Heimatstadt an die Sowjetunion gefallen war, nach Krakau ziehen, wo er an der Jagiellonen-Universität sein Medizinstudium zum dritten Mal aufnahm und als Forschungsassistent an Problemen der angewandten Psychologie arbeitete. In diese Zeit fielen auch seine ersten literarischen Versuche: Geschichten, ein Theaterstück und eine erst nach Lems Tod wiedergefundene, 2009 herausgegebene antistalinistische Satire. 1948 entstand sein erster Roman Die Irrungen des Dr. Stefan T., der wegen der Zensur erst acht Jahre später erscheinen konnte. Ebenfalls in dieser Zeit lernte er seine spätere Frau Barbara Leśniak kenne, eine Radiologin, die er 1953 heiratete und mit ihr sein gesamtes Leben verbrachte. Als seine Lieblingsschriftsteller wird er Dostojewski, Rilke, Kafka nennen – und die Brüder Arkadi und Boris Strugazki (Stalker), die etwa zeitgleich mit ihm zu publizieren begannen.

technische Evolution statt Futurologie

Da er sich in seinem letzten Examen weigerte, Antworten im Sinne der genetischen Irrlehre des Russen Lyssenko zu geben, entging er zwar einem Dasein als Militärarzt, konnte deswegen aber auch nicht als Arzt praktizieren, arbeitete in der Forschung und verlegte sich immer mehr aufs Schreiben. Sein erstgeschriebener Roman Der Mensch vom Mars von 1946 erschien in Buchform erst 1989. 1951 wurde sein erster Roman Der Planet des Todes veröffentlicht und 1960 von der DEFA unter dem Titel Der schweigende Stern verfilmt. Es war einer von nur vier Science-Fiction-Kinofilmen der DDR; in der Bundesrepublik lief der Film später als Raumschiff Venus antwortet nicht. Hauptthema des Films ist die zu Zeiten des kalten Krieges auf die Venus verlegte Warnung vor einer nuklearen Katastrophe – ein Thema, das Lem immer wieder umtreiben sollte.

Filmszenenbild 1960. Quelle: https://www.rbb-online.de/content/dam/rbb/rbb/fernsehen/filmzeit/111samstag/Der-schweigende-Stern_DEFA-Stiftung_Foto-Waltraut-Pathenheimer-5-.jpg.jpg/size=966×543.jpg

Seinen literarischen Durchbruch schaffte er 1956 mit der Veröffentlichung von Gast im Weltraum. In den darauffolgenden Jahren schrieb er seine wichtigsten Science-Fiction-Romane, darunter die Sterntagebücher, die Kyberiade und Die Stimme des Herrn. Mit Ijon Tichy (abgeleitet von polnisch Cichy, „Der Stille“) schuf Lem eine Art Weltraum-Münchhausen, der auf fremden Welten irrwitzige Abenteuer erlebt, die vor Absurdität strotzen. Er ist die Hauptfigur in den Sterntagebüchern und weiteren Romanen wie dem pessimistischen Der futurologische Kongress, Lokaltermin und Der Flop. Das ZDF verfilmte 2007 und 2011 mehrere Episoden unter dem Titel „Ion Tichy: Raumpilot“ in einem verdächtig an eine studentische Altbauwohnung gemahnenden Flugobjekt mit „so unverhohlener kindlicher Freude am Trash, dass man sich kurz vergewissern muss, ob man tatsächlich den oft als ‚Kukidentkanal‘ verspotteten Mainzer Sender eingeschaltet hat“, wunderte sich Peter Luley im Spiegel.

Das Faktotum „Analoge Halluzinelle“ als kongenialer Sidekick Tichys spielte Nora Tschirner (Tatort). Kreiert, um Tichy durch die gelegentliche Übernahme des Steuers ein wenig Schlaf zu ermöglichen, verschuldet sie bspw. eine Bruchlandung auf dem unwirtlichen Planeten Torkov. Dort wird der Raketenzündschlüssel von einer kilometergroßen haarigen Kulupe gefressen, einem Monster, das so viel Schrecken verbreitet wie Samson aus der Sesamstraße. Um ihn wiederzubeschaffen, übergießt sich Tichy nach kurzem Nachschlagen in der „Kosmischen Enzyklopädie“ mit Pilzsoße und lässt sich als lebenden Köder verspeisen, um dann im Innern der Kulupe eine Bombe zu zünden.

Der Deutsche Fernsehpreis und eine Grimme-Nominierung waren der Lohn für solch Spektakel. Unvergessen ist auch, wie der tölpelhafte Pilot Pirx, eine weitere Lieblingsfigur Lems, mit verdorbenen Lebensmitteln, vergesslichen Robotern und den Sinnlosigkeiten der Weltraum-Bürokratie kämpft. „Lems Helden sind sternenfahrende Don Quichottes, die nicht gegen Windmühlen kämpfen, sondern gegen die Invasion der Technokratie in die geistige Welt“, befindet Andreas Borcholte im Spiegel.

Tichy und Halluzinelle. Quelle: https://m.media-amazon.com/images/I/41pmsz1ZyvL.jpg

Anfang der 1960er Jahre entstand auch sein wichtigstes nicht-fiktionales Werk Summa technologiae. Der Titel bezieht sich auf die großen „Summen“ der Theologie: Summa theologica von Thomas von Aquin bzw. Summa Theologiae von Albertus Magnus. Es geht Lem darin eher um eine Metatheorie technischer Evolution als um Futurologie, da die moderne Technologie erstmals in der Geschichte dem Menschen die Welt mit Hilfe immer komplizierterer Regelsysteme verfügbar machen – und ihn damit von der Natur emanzipieren will. Den technokratischen Anwälten amoralischer Sachzwänge gibt er zu bedenken: „Unser weiteres Vorgehen muss von einem moralischen Kanon geleitet sein, der uns als Ratgeber bei der Entscheidung zwischen den Alternativen dient, die die amoralische Technologie hervorbringt.“ Seine Diskussion dieses imaginären Kanons liest sich immer noch genussvoll, et-wa sein Blick auf „maschinelle Ehestifter“ sprich Heiratscomputer. Alle Literaturkritik aber ist bis heute hilflos, wie seine philosophische Tiefgründigkeit mit seinem utopischen Humor zu vereinen sei.

„gemacht, was ich konnte“

Nachdem in Polen das Kriegsrecht verhängt worden war, verließ Stanisław Lem 1982 sein Heimatland und arbeitete in West-Berlin am Wissenschaftskolleg. Ein Jahr später ging er nach Wien, wo sein einziger Sohn Tomasz die American International School besuchte. In Berlin und Wien schrieb Lem unter anderem den preisgekrönten Krimi Der Schnupfen und Fiasko – sein letzter zu Lebzeiten veröffentlichter Roman. Lem kehrte erst 1988 im Zuge der politischen Veränderungen nach Polen zurück. Er hielt in Krakau Vorlesungen zur Futurologie, gründete die polnische Astronautische Gesellschaft, war Mitglied mehrerer Schriftsteller- und Gelehrtenverbände sowie mehrfacher Ehrendoktor und wurde 1976 auf Betreiben von Philip K. Dick (Blade Runner) Ehrenmitglied in der Science Fiction and Fantasy Writers of America. Dicks psychische Krankheit führte allerdings dazu, dass er gegen Lem – den er für eine geheime Organisation namens L.E.M. hielt – eine Anzeige an das FBI schrieb und ihm auf sein Betreiben diese Ehrenmitgliedschaft vorübergehend wieder entzogen wurde.

„Ich habe auch genug geschrieben. 40 Bücher reichen“, erklärte er 1996 auf telepolis. „Ich war keineswegs ein allwissender Prophet der kreativen technischen Explosion mit einem wunderbar sonnigen Avers und einem schwarzen und düsteren Revers. Diese Aufteilung ergab sich irgendwie von selbst, und erst jetzt, am Ende meiner schriftstellerischen Arbeit, kann ich dieses aus zwei Hälften zusammengesetzte Ganze erkennen“, schrieb er ein Jahr später. Der Mensch als gottgleiche Kreatur, die dank wissenschaftlicher Erkenntnisse die Gesetze der Natur aushebelt und beherrscht – diese Vorstellung war Lem ein ewiges Menetekel. „Die Tragik des 20. Jahrhunderts liegt darin, dass es nicht möglich war, die Theorien von Karl Marx zuerst an Mäusen auszuprobieren“, schrieb er. Bis zuletzt verweigerte er sich dem Internet. Lem starb nach längerer Krankheit am 27. März 2006 in einer Klinik in Krakau an Herzversagen. Auf seinem Grabstein steht die Inschrift „Feci, quod potui, faciant meliora potentes“ – „Ich habe gemacht, was ich konnte, mögen die es besser machen, die dazu imstande sind.“

Lems Grab. Quelle: Von Gapcior – Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=11108254

Seine Kurzgeschichten, Romane und Essays zeichnen sich durch überbordenden Ideenreichtum und fantasievolle sprachliche Neuschöpfungen aus, wobei auch die Kritik an der Machbarkeit und dem Verstehen der technischen Entwicklung im Kontext philosophischer Diskurse immer ein zentraler Bestandteil seiner Werke ist. „Seine schier unbändige Phantasie, Fabulierlust und sein immer wieder durchdringender Humor macht ihn zu einem der herausragenden Autoren, der, sagen wir es ehrlich, einen Nobelpreis verdient hätte“, befand Matthias Weidemann in der Leipziger Internetzeitung. Durch seine utopischen Werke erwarb sich der als schwer übersetzbar geltende Lem den Ruf, einer der größten Schriftsteller in der Geschichte der SF-Literatur zu sein; neben den Strugazkis der größte des einstigen Ostblocks sowieso: Allein in der DDR erfuhr jedes seiner Bücher mindestens eine zweite, oft vierte oder fünfte Auflage. 1992 wurde ein Asteroid nach ihm benannt, 2013 der polnische Forschungssatellit Lem mit einer russisch-ukrainischen Dnepr-Trägerrakete in eine Erdumlaufbahn transportiert. Der Sejm, das polnische Parlament, erklärte 2021 zum Stanisław-Lem-Jahr.

Kommunistischer Kaiser

Im Jahrzehnt 1949-59, auf der Höhe seiner Macht, sah er sich ausgerechnet in der Tradition der chinesischen Kaiser. Sein Vorbild: Reichsgründer Qin Shihuangdi („Erster erhabener Gottkaiser von Qin“), ein besonders grausamer Herrscher, der im Jahr 221 nach Christus das Reich der Mitte mit äußerster Brutalität einte. Sonst war er kein großer Theoretiker, kein Intellektueller, kein Denker. Die theoretischen Schriften des Marxismus-Leninismus interessierten ihn nie wirklich. Wenngleich er seine eigenen literarischen Ergüsse millionenfach unter das Volk brachte und als Pflichtlektüre verordnete – und daran vorzüglich verdiente –, ist er doch nicht als kommunistischer Klassiker in die Literaturgeschichte eingegangen. Seine damals frenetisch gefeierten Phrasen wie „Der Revolutionär muss sich im Volk bewegen wie im Wasser“ zeugen von eher bescheidenem literarischen Talent.

1957 macht er den Spatz als Feind aus, der Getreide wegfrisst und damit verhindert, dass die Ernte noch besser ausfällt. Millionen Chinesen werden aufgerufen, so lange Lärm zu schlagen, bis die Spatzen erschöpft vom Himmel fallen, weil sie sich nicht getrauen, zu landen. Zwei Milliarden Vögel sollen auf diese Art getötet worden sein. Dummerweise vermehren sich anschließend: Die Insekten, zumal die Heuschrecken. Er sieht seinen Irrtum zwar ein, hat aber viele neue Ideen. Darunter die, Universalmenschen zu schaffen, die Arbeiter, Bauern und Intellektuelle zugleich sind. Die sind ein Jahr nach dem Spatzenkrieg 1958 aufgerufen, den „Großen Sprung“ zu schaffen – den Sprung zum Kommunismus, den Sprung ins 20. Jahrhundert: China soll von einem Agrarland zur Industrienation werden, in kürzester Zeit schaffen, wofür der Westen 100 Jahre brauchte.

Mao. Quelle: Von неизвестный (unknown) – http://sarbaharapath.com/wp-content/uploads/2015/11/Mao2.jpg, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=70869121

Was dazu fehlte, war nach seiner Ansicht Stahl. Und der sollte nun auf den Dörfern in kleinen Hochöfen aus Lehm von Arbeiterbauern hergestellt werden. „Das Problem war allerdings dass sie sehr minderwertigen Stahl produziert haben und auch die Landwirtschaft stark vernachlässigt und die Ernte sehr schlecht eingeholt wurde“, so der Kölner China-Experte Felix Wemheuer im mdr. Der große Sprung endet deshalb in einer Katastrophe: Am Ende gibt es weder Stahl noch Getreide, sondern eine der größten Hungersnöte auf Erden mit 30 Millionen Toten. Der Urheber dieser Katastrophe: Mao Zedong (Tse-tung; „Wohltäter des Ostens“), der am 9. September 1976 in Peking starb.

Hoffnungsträger Oktoberrevolution

Geboren wurde er am 26. Dezember 1893 in Shaoshan (Provinz Hunan) als Sohn eines Bauernpaars nicht unbedingt in verelendeten Verhältnissen, er lernte beispielsweise lesen und schreiben. Seine Mutter war sehr religiös, ihr Volksbuddhismus beeinflusste Mao für sein ganzes Leben.  Doch wie alle bäuerlichen Existenzen wurde auch er mit Entbehrungen, Hunger und Not konfrontiert, denn China war ein Armenhaus. Die im Reich der Mitte herrschende Dynastie der späten Kaiserzeit war inkompetent und korrupt. Die Folge: Landesweit verelendete die chinesische Bevölkerung. Von innen heraus schlecht geführt und völlig bankrott, wurde China von außen durch Kolonialmächte bedrängt und geknechtet: Das Deutsche Reich, Italien, die USA, vor allem aber Japan hatten China im Würgegriff.

Im Alter von vierzehn Jahren wurde Mao mit der achtzehnjährigen Luo Yigu zwangsverheiratet. Mao lehnte diese Ehe ab und versteckte sich; sie blieb unvollzogen. Nach der Schule absolvierte er von 1913 bis 1918 ein Lehrerseminar in Changsha. Dann wechselte Mao nach Beijing (Peking), wo er sich vorübergehend als Aushilfe in der Universitätsbibliothek verdingte. Der ihm vorgesetzte Bibliothekar beeinflusste ihn nachhaltig im Sinne des Marxismus, zu dem er sich fortan bekannte. Viele Chinesen, die unter den politischen und sozialen Missständen des frühen 20. Jahrhunderts schwer leiden mussten, fühlten sich zum Kommunismus hingezogen, schien er doch die einzige Möglichkeit, die bestehenden, ungerechten Verhältnisse umzukehren und aus der Verelendung herauszukommen. Als 1918 die Oktoberrevolution in Russland ausbrach, schöpften viele Chinesen Hoffnung. Die ersten Kommunisten waren also unzufriedene Idealisten, die die bestehenden Zustände ändern wollten.

Geburtshaus von Mao Zedong in Shaoshan, heute vor allem für Chinesen eine Touristenattraktion. Quelle: Von Brücke-Osteuropa – Eigenes Werk, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=9733746

Mao gehört dazu. Er gab eine Jugendzeitung heraus, bekam eine Stelle als Grundschuldirektor, eröffnete ein Buchgeschäft für politische Literatur und gründete eine Gesellschaft zum Studium Russlands. 1920 traf er die Tochter seines mittlerweile verstorbenen Lehrers und Freundes, Yang Kaihui, und heiratete sie. Erst 1921 bezogen sie eine gemeinsame Wohnung. In diesem Jahr wirkte Mao an der Gründung der Kommunistischen Partei KP Chinas in Shanghai mit. Bereits zwei Jahre später trat der wissbegierige und belesene junge Mann in deren Zentralkomitee und Politbüro ein. Nachdem sich die KP mit der herrschenden Volkspartei Guomindang KMT unter Chian Kai-shek verbunden hatte, übernahm Mao bedeutende Koordinierungsaufgaben zwischen beiden Organisationen. Etwa ab Mitte der 1920er Jahre wandte sich der KP-Funktionär der Bauernbevölkerung zu, deren revolutionäres Massenpotential er erkannte und für kleinere Aufstände zu nutzen begann. Sein Traktat „Über die Lage der Bauern in Hunan“ brachte ihn 1927 in Konflikt zur offiziellen Parteilinie, die das städtische und nicht das ländliche Proletariat zur treibenden Kraft einer künftigen Revolution erhoben wissen wollte. 1930 wurde Yang Kaihui von der KMT verhaftet und ermordet, sie hatte drei Söhne geboren.

Gegen Ende der 1920er Jahre zogen die sich verschärfenden parteiinternen Differenzen den vorübergehenden Ausschluss Maos aus den Führungsgremien der KP nach sich. Zur gleichen Zeit erfolgte 1927 der Bruch zwischen KMT und KP, worauf die KMT unter der militärischen Führung von Chiang Kai-Shek eine blutige Unterdrückung der Kommunisten einleitete. Mao ließ sich indessen in der südöstlichen Provinz Jiangxi nieder, um dort mit Guerillaverbänden einer eigens geschaffenen chinesischen Roten Armee eine Räterepublik zu errichten, die auf einer grundlegenden Umwälzung der Agrarordnung gründete. Ein Guerillaführer betrieb 1928 aus Machttaktik die Heirat der Dolmetscherin He Zizhen mit Mao, der nie hochchinesisch sprach. Beide bekamen bis 1938 sechs Kinder; zwei davon gingen auf Fluchtwirren verloren, zwei weitere verstarben früh, ein Sohn fiel im Koreakrieg.

Auf die Militärschläge der KMT-Regierung gegen die kommunistische Republik reagierte Mao mit dem sogenannten „Langen Marsch“ 1934 bis 1935 in die nordwestliche Provinz Shaanxi. Der Fluchtweg erstreckte sich über eine Länge von 12.000 Kilometern. Von ursprünglich 100.000 bis 120.000 Kommunisten, die sich auf den Weg machten, überlebten nur etwa 10.000 die Entbehrungen und Strapazen der Irrfahrt. Es gab Flügelkämpfe zwischen den Moskau-treuen Kommunisten und dem chinesischen Flügel, dem Mao vorstand. Durch Seilschaften, Intrigen und taktisches Geschick putschte sich Mao ganz nach oben und machte sich zur Nummer Eins in der KP. Gegen Jahresende 1936 erzielte Mao einen Waffenstillstand mit den KMT-Truppen, um sich fortan gemeinsam gegen die japanischen Besatzer zu wenden.

Landbevölkerung als Träger der Revolution

Der 1937 eröffnete chinesisch-japanische Krieg endete 1945 mit der Niederlage Japans, auf die nach erfolglosen Koalitionsbemühungen erneut der Bürgerkrieg zwischen KMT und KP folgte. Die Rote Armee eroberte in der Folge das gesamte chinesische Territorium, das Mao am 1. Oktober 1949 in Peking zur Volksrepublik China proklamierte. Als Vorsitzender der nun gebildeten „Zentralen Volksregierung“ und der „Revolutionären Militärkommission“ vereinte Mao die höchsten Staatsämter auf sich. Um die Unterstützung in der Bevölkerung zu verbreitern und aus Sorge um den Zusammenhalt der KP hatte Mao ab Ende 1939 – in dem Jahr heiratete er seine vierte Frau Jiang Qing – das Konzept der „Neuen Demokratie“ entwickelt. Es umfasste die staatliche Achtung von Eigentum, die Förderung des chinesischen Unternehmertums, die Förderung ausländischer Investitionen, die Kontrolle von Schlüsselsektoren durch den Staat, ein Mehrparteiensystem mit Koalitionsregierung und demokratische Freiheiten.

Mao beim Arbeiten. Quelle: https://cdn.prod.www.spiegel.de/images/662b5cf2-0001-0004-0000-000000818029_w948_r1.778_fpx39.03_fpy49.85.jpg

Die Kommunistische Partei beanspruchte in diesem Konzept jedoch die Führungsrolle. Gegenüber ausländischen Besuchern erklärte Mao, dass die Neue Demokratie ein notwendiger Zwischenschritt Chinas auf dem Weg zum Sozialismus und letzten Endes dem Kommunismus sei. 1954 wurde Mao nach der Verkündung einer neuen Verfassung zusätzlich auch zum Staatspräsidenten erhoben. Zu Beginn der Machtübernahme wurde er vom chinesischen Volk begeistert gefeiert. Er verstand es, den Chinesen etwas Entscheidendes zurückzugeben: Selbstwertgefühl und Vertrauen in die Zukunft. Mao versprach das Ende der Unterdrückung und propagierte die glorreiche Wiederauferstehung des Reichs der Mitte – Balsam für die geschundene chinesische Seele.

Und er versprach eine gerechtere Gesellschaft, eine radikale Umverteilung. Auf diese Weise richtete Mao gleich zu Anfang seiner Herrschaft die Identität der Chinesen wieder auf und einte das Land mit einem neuen Nationalgefühl. Er begründete auf philosophisch-ideologischem Gebiet eine neue Interpretation der Lehren von Marx, Engels und Lenin und entwickelte eine neue Revolutionstheorie, die die besonderen Bedingungen der sogenannten „Dritten Welt“ berücksichtigte und daher nicht die städtische Arbeiterschaft, sondern die unterdrückte Landbevölkerung zum Träger der proletarischen Revolution erhob. Nach Auffassung des „Maoismus“ war die Revolution in einem Land der Dritten Welt durch einen Guerillakrieg auszulösen, der sich sukzessive zum Volkskrieg ausweiten sollte, dessen Ziel der Sturz der herrschenden Klasse und die Errichtung der Diktatur des Proletariats waren. Kambodscha sollte sich als grausames Experimentierfeld dieser Lehre erweisen.

Für die nachrevolutionäre Errichtung einer sozialistischen Gesellschaft propagierte der Maoismus die Aufrechterhaltung einer permanenten inneren Revolution, durch die nicht nur die Wirtschafts- und Sozialstruktur, sondern auch die individuellen Bewusstseinslagen nachhaltig verändert und hinsichtlich der Ausbildung neuer Hierarchien und Klassengegensätze immer wieder hinterfragt werden sollten. Mit Hilfe seiner enormen Machtfülle trieb Mao in den 1950er Jahren gemäß den ideologischen Prämissen des Maoismus die grundlegende Umgestaltung der chinesischen Gesellschaft voran, die eine Bodenreform, die Gleichstellung der Frau und die Verstaatlichung der Wirtschaft umfasste. Verschiedene propagandistische Kampagnen wie die „Hundert-Blumen-Bewegung“ von 1956/57 sollten den Umbau im Innern ideologisch absichern.

Mao mit Nixon 1972. Quelle: Von White House Photo Office (1969 – 1974) – White House Photo Office (1969 – 1974), Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=50321500

Im außenpolitischen Bereich kam es im Verhältnis zur kommunistischen Führung der Sowjetunion nach dem Tod Josif W. Stalins und der Machtübernahme durch Nikita Sergejewitsch Chruschtschow im Jahre 1953 zu erheblichen Meinungsverschiedenheiten, die schließlich um 1960 in einen langfristigen Bruch der beiderseitigen Beziehungen mündeten. Schon Stalin hatte Mao misstraut, den er wiederholt als „Höhlenmarxisten“ bezeichnet hatte. Mao sinnierte etwa, dass ein Atomkrieg zwar die Hälfte der Menschheit ausrotten, dafür aber dem Kommunismus zum Sieg über den Kapitalismus verhelfen würde.

zu „70 Prozent positiv“

Aufgrund des Misserfolgs seiner Wirtschaftspolitik, die keinen Durchbruch zur Industrialisierung zeitigte, trat Mao auf parteiinternen Druck 1959 als Staatspräsident zurück. In der Folge wirkte er vor allem als ideologischer Führer der KP. Ab 1962 eröffnete Mao mit Unterstützung der Armee eine „sozialistische Erziehungskampagne“ unter der Bevölkerung. Die „Große Proletarische Kulturrevolution“ von 1965/66 sollte kapitalistischen und bürgerlichen Tendenzen in Partei, Staat und Gesellschaft entgegenwirken. Mit der Parole „Die Liebe zu Mutter und Vater gleicht nicht der Liebe zu Mao Zedong“ forderte er Kinder auf, ihre Eltern als „Konterrevolutionäre“ oder „Rechtsabweichler“ zu denunzieren – wie überhaupt die Förderung der Denunziation eines von Maos wirksamsten Herrschaftsinstrumenten war.

Das erklärte Ziel der Kampagne war die Beseitigung reaktionärer Tendenzen unter Parteikadern, Lehrkräften und Kulturschaffenden. In Wirklichkeit sollte durch das entstehende Chaos die erneute Machtergreifung Mao Zedongs und die Beseitigung seiner innerparteilichen Gegner erreicht werden. Durch die Einsetzung von Revolutionskomitees riss er erneut die Macht an sich, um fortan einen Führerkult um seine Person aufzubauen. Mao regierte im folgenden Jahrzehnt als „großer Vorsitzender und Steuermann“ über das chinesische Riesenreich, über dessen Grenzen hinaus seine im „roten Buch“ gesammelten politischen Weisheiten als „Mao-Bibel“ mit einer Milliardenauflage seit 1964 weltweite Verbreitung fanden. Innenpolitisch fiel er 1968 nochmals durch einen absurden „Mango-Kult“ auf, außenpolitisch war die Aufnahme Chinas in die UNO 1971 Maos größter Erfolg.

37 Meter hohe Statue  im Bezirk Tongxu in der zentralen Provinz Henan. Quelle: https://img.welt.de/img/vermischtes/mobile150674533/7361626707-ci23x11-w1136/title.jpg 

Mao genoss ungeheure Privilegien und verstieß gegen alle Sittlichkeitsvorstellungen, Zwänge und Entbehrungen, die er seinem leidgeprüften Volk auferlegte. Mao aß und trank im Überfluss, war zeitweise Kettenraucher und führte ein ausschweifendes Sexualleben mit zahlreichen jungen Mädchen, da er fest an die lebensverlängernden Praktiken der taoistischen Tradition glaubte. Er besaß Luxusautos, Villen und Schwimmbäder, auf Sonderkonten verfügte er über enorme Summen. Mit äußerster Brutalität und Menschenverachtung unterdrückte Mao jede Opposition und überzog China mit einem Netz aus Terror und Misswirtschaft. Er war schlau, gerissen und instinktsicher, und besonders in späteren Jahren nur sich und seinen Interessen verpflichtet, ausgestattet mit einem absoluten Willen zur Macht. Dadurch bis ins Mark korrumpiert, bestimmte schließlich tiefes Misstrauen seinen Umgang selbst mit seiner engsten Umgebung, er schottete sich am Ende gegen alles und jeden ab, verlor den Bezug zur Realität, zu seinem eigenen Volk. Seinen Leitspruch „die Wahrheit in den Tatsachen suchen“ aus den 1920er Jahren kehrte er selbst ins Gegenteil. Seine Überreste wurden 1977 in einem Mausoleum am „Platz des Himmlischen Friedens“ aufgebahrt. Selbst sein Schlafanzug ist noch Museumsstück. Mao ziert mehr als 2.000 Statuen und bis heute alle Geldscheine der Volksrepublik.

Und bis heute diskutiert die westliche Geschichtswissenschaft, ob ein China ohne Mao eine schnellere und menschlichere ökonomische Entwicklung erfahren hätte. Zwangsläufig musste er von seinen politischen Nachfolgern immer neu erfunden, zu einem Zerrbild uminterpretiert werden. Die Kulturrevolution wurde erst nach Maos Tod offiziell als beendet erklärt. 1981 gestand die KP erstmals offiziell die Misserfolge der Kampagnen ein, ohne sich dabei gegen Mao auszusprechen: Die Kulturrevolution sei ein „grober Fehler“ gewesen, Maos Wirken insgesamt aber zu „70 Prozent positiv“ zu bewerten, da die Leistungen die Irrtümer mehr als ausgeglichen hätten. Heute spricht man von einer „sozialistischen Marktwirtschaft mit chinesischen Besonderheiten“. Maos politische „Kampagnen“ sollen insgesamt 76 Millionen Tote nach sich gezogen haben. Der Spatz steht in China heute noch auf der Liste der bedrohten Arten.

Nach den Umbenennungsorgien „kolonialer“ Straßen und „rassistischer“ Apotheken sind derzeit nicht nur moderne Lebensmittel, sondern selbst historische Tiernamen betroffen. Der Kulturkampf hat Naturkunde und Marketing erreicht. Was folgt als nächstes?

Meine neue Tumult-Kolumne, die gern verbreitet werden darf.

Häftling Nr. 5

„Das Geheimnis liegt in seiner leisen Beredsamkeit, seinem scharfen Verstand und seiner angeborenen Fähigkeit, die Menschen um ihn herum zu bezaubern und zu manipulieren, sei es die Richter in Nürnberg oder die Journalisten, Verleger und Filmemacher. Das half ihm, die Vergangenheit und seinen eigenen Anteil daran neu zu schreiben.“ So beschreibt die israelische Filmemacherin Vanessa Lapa das Charisma des gutaussenden, kultivierten Mannes, das mitverantwortlich war für eine Legendenbildung, die sich über viele Jahre halten konnte. In ihrem Streifen „Speer goes to Hollywood“ wollte sie zeigen, wie es Hitlers Rüstungsminister fast gelang, Hollywood für diese Legendenbildung einzuspannen. Sein Name zieht bis heute: Der Film feierte auf der 70. Berlinale vor einem Jahr mit ungeheurem Publikumszuspruch auch aus dem Ausland Premiere.

Die Geschichte dahinter: 1971 planten die Paramount-Studios des Ex-Ministers Bestseller „Erinnerungen“ zu verfilmen: Zu groß war die Versuchung, das Thema Nationalsozialismus in Kombination mit einem Überlebenden, der zum engsten Führungszirkel der Nazis gehörte, auf die Leinwand zu bringen. Der damals 26 Jahre alte Andrew Birkin – der Bruder von Jane Birkin und später erfolgreicher Regisseur und Drehbuchautor („Der Name der Rose“, „Das Parfum“) – traf sich damals mit ihm, um über Drehbuch und Filmfassung zu sprechen. Diese Gespräche, rund 40 Stunden Ton-Material, hat Lapa für ihren Film ausgewertet und bebildert. Er spräche „frei und ohne Hemmungen“ und „korrigiert die Vergangenheit, während er spricht. Die Aura, die er ausstrahlt, ist die von einem eleganten Mann, der eher einem Landjunker ähnelt als dem Massenmörder von Millionen“, so Lapa.

Albert Speer als Ange­klagter bei den Nürnberger Prozessen 1946. Quelle: Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=299919

Paramount gab das Projekt, das unter dem Titel „Inside the Third Reich“ ins Kino kommen sollte, schließlich kurzfristig auf, zu risikoreich erschien der Film. Ein Jahrzehnt später wurden die „Erinnerungen“ übrigens doch noch verfilmt: Der US-Sender ABC machte eine mehrteilige Fernsehserie daraus. Nicht zuletzt sorgten auch große Kinoproduktionen wie der oscarnominierte deutsche Spielfilm „Der Untergang“ (2004) dafür, dass die „Legende“ weiter bestehen konnte. Die akribisch erarbeiteten Erkenntnisse der Historiker setzten sich bei einem breiten Publikum kaum durch. Erst langsam, auch wiederum durch einen Film, nämlich Heinrich Breloers „Speer und Er“ (2005), brach der Mythos vom „guten Nazi“ in sich zusammen: dem des Architekten Berthold Konrad Hermann Albert Speer, der am 1. September 1981 in London starb.

„geringe Ansprüche an sein architektonisches Können“

Am 19. März 1905 in Mannheim als mittlerer von drei Söhnen hineingeboren in eine Architektendynastie, besuchte er Schulen in Mannheim und Heidelberg und studierte auf Drängen des Vaters Architektur in Karlsruhe und München, bevor er 1925 nach Berlin wechselte und Schüler beim Gartenstadt-Vater Heinrich Tessenow wurde. Von ihm übernahm er einen mit kargen Mitteln arbeitenden, die vertikalen Linien betonenden monumentalen Baustil, wurde nach dem Diplom 1927 dessen Assistent und blieb es bis Anfang 1932. Als Student hatte er in Heidelberg die gleichaltrige Margarete Weber kennengelernt, die er 1928 in Berlin gegen den Willen von Speers Mutter heiratete. Zwischen 1934 und 1942 bekamen sie sechs Kinder, von denen einige selbst bekannte Persönlichkeiten wurden. Sein Sohn Albert war ebenfalls Architekt und Stadtplaner von internationalem Rang, seine Tochter Hilde Schramm Erziehungswissenschaftlerin und ehemalige Vizepräsidentin des Berliner Abgeordnetenhauses für die Alternative Liste.

Speers Hinwendung zum Nationalsozialismus Anfang der 1930er Jahre erfolgte aus eigenem Antrieb und nicht aus dem Wunsch nach Versorgungssicherheit: „Für einen großen Bau hätte ich, wie Faust, meine Seele verkauft.“ Er wollte bewusst nicht – wie sein Vater – Miets- und Privathäuser, Gewerbebauten, Villen oder vereinzelt auch mal öffentliche Gebäude errichten. 1930 erhielt er den ersten Bauauftrag einer nationalsozialistischen Organisation: Eine Berliner NS-Kreisleitung beauftragte ihn, eine angemietete Villa in Berlin-Grunewald in ein Parteibüro umzubauen. Danach erhielt er von Joseph Goebbels den Auftrag, das neue Gauhaus in der Voßstraße für Parteizwecke umzugestalten. Beide Aufträge „stellten geringe Ansprüche an sein architektonisches Können, gaben ihm aber die Gelegenheit, sein Organisationstalent unter Beweis zu stellen und sich bekannt zu machen“, so sein Biograph Ludolf Herbst.

Speer, Hitler, Architekt Ruff mit Bauplänen und Modellen des Reichsparteitagsgeländes in Nürnberg. Quelle: Von Bundesarchiv, Bild 146-1971-016-31 / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 de, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=5482586

Die Entwürfe entsprachen dem Repräsentationsbedürfnis der schnell wachsenden Partei; er übertrug den nationalsozialistischen Gedanken erfolgreich in eine architektonische Ästhetik. Im Januar 1931 trat Speer der NSDAP bei. Seit 1933 entwarf er die Bauten und die Fahnen- und Scheinwerferinszenierungen für die Maifeier der NSDAP und die Nürnberger Reichsparteitage. Besonders Hitler und Goebbels fanden Gefallen an dieser Choreographie, die der nationalistischen Propaganda eine ins Grandiose gesteigerte Fassade gab. Hitler begriff Speer „als Künstler, dem es gelungen war, ein Lebensziel zu verwirklichen, an dem er selbst gescheitert war“, meint Herbst. Bald gehörte er zur engsten Entourage des Führers und nutzte die Möglichkeit, Macht zu akkumulieren, die seinen fehlenden Rückhalt in der NSDAP mehr als kompensierte. 1933 wurde er in Anerkennung seiner wichtigen Rolle als Propagandachoreograph zum „Amtsleiter der NSDAP für die künstlerische Gestaltung von Großveranstaltungen“ berufen, seit 1934 leitete er das Amt „Schönheit der Arbeit“ in der Deutschen Arbeitsfront.

Speer war verantwortlicher Leiter der „Lichtdome“ im Rahmen des Parteitages von 1934. Im selben Jahr ernannte ihn Hitler nach dem Tod seines bevorzugten Architekten Paul Ludwig Troost zum „Architekten des Führers“, 1936 zum Professor und 1937 zum „Generalbauinspekteur für die Reichshauptstadt Berlin“ (Germania) im Rang eines Staatssekretärs. Dafür sollte im Spreebogen als größter Kuppelbau der Welt die Große Halle nördlich des Reichstagsgebäudes entstehen, die über die „Nord-Süd-Achse“ mit einem neuen „Südbahnhof“ an der Stelle des heutigen Bahnhofs Südkreuz in Berlin-Tempelhof verbunden werden sollte. Zwischen 1938 und 1939 baute Speer in Berlin die neue Reichskanzlei. In diesem Zusammenhang war Speer direkt für die „Entmietung“ der jüdischen Bevölkerung Berlins und deren Abtransport in die Konzentrationslager verantwortlich. Auf diese Weise wurden bis zu 18.000 Wohnungen „requiriert“. Nur wenige seiner Gebäude sind erhalten, die Neue Reichskanzlei ist gänzlich zerstört.

Mit Heinrich Himmler vereinbarte Speer die Herstellung und Lieferung von Baumaterial durch KZ-Häftlinge. Das Kapital für die von der SS gegründete Firma „Deutsche Erd- und Steinwerke GmbH (DEST)“ wurde aus dem Haushalt Speers finanziert. Das Geld floss direkt in den Aufbau des KZ-Systems. Der zinslose Kredit für die SS-Totenkopfverbände war rückzahlbar an Speers Behörde in Form von Steinen. Deshalb wurden fast alle KZs zwischen 1937 und 1942 in der Nähe von Tongruben oder Steinbrüchen gebaut. Nach der Besetzung Frankreichs im Juni 1940 wurde in den Vogesen auf Vorschlag Speers das Konzentrationslager KZ Natzweiler-Struthof errichtet, um den dort vorkommenden roten Granit zu brechen. Auch für das KZ Groß-Rosen in Schlesien legte Speer 1940 den Standort nahe den dortigen Granitvorkommen selbst fest.

Das „Rüstungswunder“

Wenige Stunden nach dem tödlichen Flugzeugabsturz des Rüstungsministers Fritz Todt im Februar 1942 ernannte Hitler für viele überraschend Speer zu dessen Nachfolger in allen Ämtern, also zum Reichsminister für Bewaffnung und Munition, Leiter der Organisation Todt und zum Generalinspektor für das deutsche Straßenwesen, Generalinspektor für Festungsbau und Generalinspektor für Wasser und Energie. Von seinen Aktivitäten als Organisator des Straßenbaus ist die Linienführung einiger Autobahnstrecken, die er der Landschaft harmonisch einzufügen versuchte, übriggeblieben. Im September 1942 besprach Speer mit Oswald Pohl die Vergrößerung von Auschwitz und stellte dazu ein Bauvolumen von 13,7 Millionen Reichsmark zur Verfügung. In einer auf Gespräche von Speer, Pohl und dem Leiter für das Bauwesen der SS Hans Kammler basierenden Bauakte sind auch die „Kostenüberschläge“ zur „Sonderbehandlung“ mit dem „Gleisanschluss“ für die Rampe, die neuen Krematorien und andere Maßnahmen festgehalten. Nach Abschluss der Verhandlungen hob Amtschef Kammler das „außerordentlich große Bauvolumen“ des Bauvorhabens hervor, das er „Sonderprogramm Prof. Speer“ nannte. Speer hörte auch Himmlers berüchtigte Rede auf der Gauleitertagung in Posen am 3.10.1943, in der dieser die Praxis der Massenvernichtung offenlegte.

Modell Berlins von 1939 zur Neugestaltung nach Speers Plänen: Blick vom geplanten Südbahnhof über den Triumph­bogen bis zur Großen Halle (Nord-Süd-Achse). Quelle: Von Bundesarchiv, Bild 146III-373 / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 de, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=5484311

Im selben Jahr erfolgte Speers Berufung zum Reichsminister für Rüstung und Kriegsproduktion. In dieser Funktion war er für die Ausbeutung und Vernichtung Tausender von Zwangsarbeitern und KZ-Häftlingen verantwortlich, mit deren Hilfe er die Kriegs- und Rüstungsziele zu erreichen suchte. Speer konnte seinen Machtbereich erheblich ausdehnen: Im Juli 1943 kam die Marinerüstung hinzu. Im September übernahm er wesentliche Funktionen des Reichswirtschaftsministeriums. Damit war er auch für die wichtigsten Bereiche der zivilen Wirtschaft zuständig – jetzt lautete sein Titel „Reichsminister für Rüstung und Kriegsproduktion“. Schließlich übernahm er 1944 auch die Luftrüstung. Bis zum Herbst 1944 stieg die Rüstungsproduktion in einer als erstaunlich wahrgenommenen Weise an, trotz der Zerstörungen durch alliierte Bombenangriffe. Später sprach man zum Teil von einem „Rüstungswunder“.

Zu dieser Zeit begannen seine Handlungen widersprüchlich zu werden, er erkannte die bevorstehende Niederlage. So führte er heftige Auseinandersetzungen mit Joseph Goebbels: Während Speer die Rüstungsproduktion steigern wollte, suchte Goebbels dieser die Arbeiter zu entziehen, um sie der Wehrmacht zuzuführen. Im März 1945 verweigerte Speer die Ausführung des Befehls „verbrannte Erde“, die gesamte deutsche Infrastruktur zu zerstören. Hitler ernannte Speers Stellvertreter Karl Saur in seinem Politischen Testament vom 29. April 1945 zu Speers Nachfolger. Speer widersetzte sich nicht. Am 24. April traf er sich in Berlin ein letztes Mal mit Himmler, wobei offen bleibt, ob er bei diesem Treffen sondieren wollte, inwieweit er Himmlers Kontakte zu Mittelsmännern im Westen für sich selbst nutzen könne. Jedenfalls hielt er sich anschließend bei Karl Dönitz in Schleswig-Holstein auf und gehörte nach Hitlers Tod dem Kabinett Dönitz an, bevor er am 23. Mai 1945 von den Briten auf Schloss Glücksburg verhaftet wurde.

Da er sich zu einer Mitschuld bekannte, gar ein eigenes Gasattentat auf Hitler erfand, wurde er 1946 durch das Internationale Militärtribunal in Nürnberg wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit für schuldig befunden und zu einer 20jährigen Haftstrafe verurteilt, die er bis 1966 als „Häftling Nr. 5“ im internationalen Militärgefängnis in Berlin-Spandau verbüßte. Seine langjährige Sekretärin Annemarie Kempf hatte als Zeugin durch positive Aussagen und gesammeltes Entlastungsmaterial versucht, das Urteil zu mildern. Der Todesstrafe entkam Speer nur sehr knapp. Zunächst votierten der sowjetische und der amerikanische Richter für Tod durch den Strang, während der französische sowie der britische Richter eine Haftstrafe verhängen wollten. Da eine Mehrheit notwendig war, musste später die Abstimmung wiederholt werden, in der sich der amerikanische Richter schließlich umstimmen ließ.

„eine Nase gedreht“

In der Haft verfasste er seine Memoiren. Deren Dreh- und Angelpunkt ist die persönliche Beziehung zwischen ihm und Hitler; sie zeigen, in welchem Umfang er von dem Diktator psychisch abhängig war – in seinem „Bann“ stand, wie er selbst formulierte. Da von anderen Führungsgestalten des Dritten Reiches keine Memoiren vorliegen, kommt den Speer-Erinnerungen (1969) und seinen „Spandauer Tagebüchern“ (1975), die die Memoiren fortsetzten und ergänzten, eine erhebliche Bedeutung als Quelle zu. Doch damit konstruierte Speer die Legende von seiner Schuldlosigkeit auf literarischer und filmischer Ebene als unpolitischer Technokrat, ja „guter Nazi“ weiter. Dabei unterstützte ihn unabsichtlich Hitler-Biograph Joachim Fest, der 1969 einen dokumentarischen Film mit Speer drehte und später äußerte, Speer habe „uns allen mit der treuherzigsten Miene der Welt eine Nase gedreht.“ Bei Speers Entlassung waren Hunderte Journalisten und Tausende Zuschauer zugegen.

Speers Bestseller. Quelle: eigene Darstellung

Von Verlegerseite bekam Speer bei der Konstruktion seiner geschönten Lebensgeschichte unfreiwillige Unterstützung durch Wolf Jobst Siedler, der seine Bücher verlegte: Neben den „Erinnerungen“ 1981, für deren Vorabdruck Speer von der Welt 600.000 DM kassierte, auch „Der Sklavenstaat – Meine Auseinandersetzung mit der SS“. Speers Bücher werden zu einem der größten Memoirenerfolge der Bundesrepublik: „Deutschlands liebster Ex-Nazi“ nannte ihn Klaus Wiegrefe im Spiegel. Ein Neuanfang als Architekt scheiterte: Einen Anschluss an moderne Tendenzen der Architektur hatte er nicht gesucht, zum Bauhaus und zu Repräsentanten der Moderne wie Mies van der Rohe und Le Corbusier stand er in Distanz. Er lebte überwiegend in der Heidelberger Stadtvilla seines Vaters und verkaufte regelmäßig auch heimlich Werke aus einer NS-Raubkunst-Bildersammlung.

Speers Veröffentlichungen verursachten ein Zerwürfnis mit vielen ehemaligen Mitarbeitern und Weggefährten, die ihm – ähnlich wie Kreise der intellektuellen Linken – vorwarfen, sich wie in den 1930er Jahren erneut völlig dem Zeitgeist zu unterwerfen. Demnach sei Speer ein überzeugungsloser Opportunist, der versuchte, in der Öffentlichkeit der Bundesrepublik Fuß zu fassen. Es kam zum endgültigen Zusammenbruch seiner Beziehung zu seinem engen Freund aus Studienzeiten, Rudolf Wolters. Dieser stieß sich vor allem an der Diskrepanz zwischen Speers öffentlichen Buß-Bekenntnissen und seinem Lebensstil sowie Speers angeblichem Bruch mit Hitler. Albert Speer, so Wolters, sei „ein Mann, für den Geld und Geltung entscheidend waren“. In der Folge machte Wolters seine Akten dem Historiker Matthias Schmidt zugänglich, der 1982 eine erste kritische Biografie veröffentlichte. Im Jahr zuvor war Speer nach einem BBC-Interview in einem Hotelzimmer in London im Beisein seiner deutsch-englischen Freundin an einem Schlaganfall verstorben und in Heidelberg begraben worden.

Speer, Hitler und Arno Breker in Paris. Quelle: Von Autor unbekannt oder nicht angegeben – U.S. National Archives and Records Administration, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=16454191

„Speer ist ein Prototyp für die gesellschaftliche Gruppe der Funktionseliten, die sich bewusst für Hitler entschieden und dem Nationalsozialismus durch ihre Fachkenntnisse erst seine eigentliche Dynamik gegeben haben“, bilanziert der Historiker Magnus Brechtken. „Ohne die ganzen Mediziner, Juristen und Verwaltungsfachleute hätte die Herrschaft gar nicht so gut funktionieren können. Speer war im Grunde nur einer der Engagiertesten, Ehrgeizigsten und Fleißigsten. Deswegen war er nach 1945 auch die ideale Figur für alle, die sagen wollten: ‚Ich habe zwar mitgemacht, aber von den Verbrechen habe ich nichts mitbekommen.‘ Selbst Leute, die ganz vorne mitmarschiert sind, waren ja hinterher angeblich nicht beteiligt. Speer wusste wie alle anderen genau, was er getan hatte. Er hat das nachher sehr erfolgreich geleugnet und verdrängt.“ Zeitlebens räumte er eine Gesamtverantwortung ein. Persönliche Schuld aber nie.

Er war einer der einflussreichsten Naturwissenschaftler seiner Zeit und wurde in Anspielung auf seinen Zeitgenossen Bismarck auch als „Reichskanzler der Physik“ bezeichnet. Dreimal gab es Initiativen, ihn zum Paten einer Maßeinheit zu machen. So unterbreitete 1939 der NS-Bund Deutscher Technik Hitler den Vorschlag, für die Einheit der Frequenz unter Beibehaltung der Abkürzung Hz ihn statt Hertz zu verwenden, da dieser jüdischer Abstammung sei. Der Vorschlag wurde nicht verwirklicht.  Dreißig Jahre später sollte die physikalische Einheit für das elektrische Doppelschichtmoment nach ihm benannt werden – ebenso erfolglos. Übrig blieb die Bezeichnung musikalischer Tonsymbole mit Kommata vor oder Apostrophen nach den Buchstaben wie „a’“ für den Kammerton, die nach ihm „Helmholtz-Schreibweise“ genannt wird:  Hermann Helmholtz, der am 31. August 1821 in Potsdam als ältester Sohn eines Gymnasial-Oberlehrers geboren wurde.

Seinem jüngeren Bruder Otto, der Ingenieur wurde, zeitlebens eng verbunden, besuchte Hermann zunächst das Gymnasium „Große Stadtschule“, an dem sein Vater als Direktor tätig war und von dem er schon zuvor in Philosophie sowie alten und neuen Sprachen unterrichtet worden war. Schon als 17jähriger hatte er großes Interesse an Physik, doch, wie alle Naturwissenschaften galt die als brotlose Kunst. Daher studierte Helmholtz ab 1838 Medizin am Medizinisch-chirurgischen Friedrich-Wilhelm-Institut in Berlin, wo er 1842 mit einer Arbeit in mikroskopischer Anatomie promoviert wurde. Schon früh engagierte er sich dafür, die Physiologie auf eine streng naturwissenschaftliche Grundlage zu stellen und die ominöse „Lebenskraft“ als Erklärungsmodell für physiologische Vorgänge zu verbannen. Bereits in diesem Jahr wies er den Ursprung der Nervenfasern aus Ganglienzellen nach.

Hermann von Helmholtz. Quelle: Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=74569

Obwohl er ein überdurchschnittlicher Absolvent war, deutete zunächst nichts auf eine akademische Karriere hin. Er arbeitete ein Jahr lang als Unterarzt an der Charité und diente ab 1843 in Potsdam als Militärarzt. Seine Ausbildung setzte er während dieser Zeit fort. Anerkennung in großem Stil verschaffte sich Helmholtz erstmals 1847 mit seiner Arbeit „über die Konstanz der Kraft“. Durch physiologische Untersuchungen über Gärung, Fäulnis und die Wärmeproduktion der Lebewesen, die er hauptsächlich auf Muskelarbeit zurückführte, gelangte er zur Ausformulierung des Energieerhaltungssatzes, also eines elementaren Gesetzes der Physik. Mit dieser Leistung ebnete sich Helmholtz im frühen Alter von 26 Jahren den Weg für seine wissenschaftliche Karriere. 1848 wurde er auf Empfehlung Alexander von Humboldts vorzeitig entlassen und unterrichtete Anatomie an der Berliner Kunstakademie.

Natur- kontra Geisteswissenschaften

Am 26. August 1849 heiratete er Olga von Velten und erhielt einen Ruf als Professor der Physiologie und Pathologie nach Königsberg, wo er sich vor allem mit der Physiologie von Auge und Ohr auseinandersetzte. In dieser Zeit gelang ihm seine bedeutendste Erfindung: Mit dem Augenspiegel machte Helmholtz erstmals die Netzhaut des menschlichen Auges sichtbar. Zudem verhalf er der von Thomas Young aufgestellten Dreifarbentheorie des Sehens zum Durchbruch: Sie beschreibt die drei Primärfarben Rot, Grün und Blau, aus denen man jede beliebige andere Farbe mischen kann – auch heute noch das Funktionsprinzip aller Farbfernsehbildschirme und Farbmonitore. Analog dazu vermutete er, dass es auch im Auge drei Typen von Rezeptoren gibt. Er erfand 1850 das Ophthalmoskop (Augenspiegel) zur Untersuchung des Augenhintergrundes, 1851 das Ophthalmometer zur Bestimmung der Krümmungsradien der Augenhornhaut sowie 1857 das Telestereoskop. 1852 gelang ihm außerdem die Messung der Fortpflanzungsgeschwindigkeit von Nervenerregungen.

Seine tuberkulosekranke Frau vertrug jedoch das raue Klima in Ostpreußen nicht. Unter Vermittlung von Alexander von Humboldt zog Helmholtz im Jahr 1855 nach Bonn, um dort den vakanten Lehrstuhl für Physiologie anzunehmen. Ab 1858 nahm Helmholtz eine gut bezahlte Professur in Heidelberg an. Im Dezember 1859 starb seine Frau Olga, die ihn mit zwei kleinen Kindern zurückließ. Am 16. Mai 1861 heiratete Helmholtz seine zweite Frau Anna von Mohl. Aus beiden Ehen gingen insgesamt fünf Kinder hervor: Drei Söhne und zwei Töchter, darunter der Eisenbahnkonstrukteur Richard von Helmholtz und Ellen von Siemens-Helmholtz, Ehefrau des Industriellen Arnold von Siemens. Bis 1870 wird er als erster Inhaber eines Physiologielehrstuhls an der Universität Heidelberg lehren, darunter mit Wilhelm Wundt als Assistent, sowie zeitweise als Rektor fungieren. In seiner noch heute aktuellen Rektoratsrede 1862 hatte er erstmals „Naturwissenschaften“ und „Geisteswissenschaften“ gegenübergestellt und die Schäden durch die Vernachlässigung rationaler naturwissenschaftlicher Schulbildung aufgezeigt.

Deutsche Sonderbriefmarke 1994 mit Helmholtz-Porträt, menschlichem Auge und Farbdreieck. Quelle: Von Deutsche Bundespost – scanned by NobbiP, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=12731216

Er entwickelte eine mathematische Theorie zur Erklärung der Klangfarbe durch Obertöne, die Resonanztheorie des Hörens, und darauf basierend „Die Lehre von den Tonempfindungen als physiologische Grundlage für die Theorie der Musik“ (1863). Mit der Aufstellung der Wirbelsätze (1858 und 1868) über das Verhalten und die Bewegung von Wirbeln in reibungsfreien Flüssigkeiten, lieferte Helmholtz wichtige Grundlagen der Hydrodynamik. 1858 wurde Hermann von Helmholtz zum korrespondierenden und 1870 zum auswärtigen Mitglied der Bayerischen Akademie der Wissenschaften gewählt. 1871 verzichtet er auf eine Berufung in Cambridge und kehrt schließlich nach Berlin zurück, wo er den sehr gut dotierten Lehrstuhl für Physik übernahm und zeitweise wiederum als Rektor wirkte. Mathematisch ausgearbeitete Untersuchungen über Naturphänomene wie Wirbelstürme, Gewitter oder Gletscher machten Helmholtz zum Begründer der wissenschaftlichen Meteorologie: Nur „die Mangelhaftigkeit unseres Wissens und die Schwerfälligkeit unseres Kombinationsvermögens“ ließen uns von der „wildesten Launenhaftigkeit des Wetters“ sprechen.

„er sich ebenso langweilte wie wir“

Mit seinen Vorlesungen hatte er wenig Erfolg: „Wir hatten das Gefühl, dass er sich selber mindestens ebenso langweilte wie wir“, berichtet Max Planck. Als Schüler hatte er eigentlich nur den ihm kongenialen Heinrich Hertz von 1879-83, der auch 1880 bei ihm promovierte. Zu den herausragenden späten Leistungen zählen die drei Abhandlungen über die „Thermodynamik chemischer Vorgänge“ (1882/1883). Hier wandte Helmholtz die Hauptsätze der Thermodynamik auf die Elektrochemie an und führte den Begriff der „freien Energie“ ein. Die Weite seines systematischen Denkens und seiner Interessen belegen seine erkenntnistheoretischen Arbeiten. Zu ihnen ist die auch auf die Wissenschaftsgeschichte eingehende Behandlung der Allgemeingültigkeit des ursprünglich auf mechanische Bewegungsvorgänge beschränkten „Prinzips der kleinsten Wirkung“ (1886) zu rechnen, die er durch „Das Prinzip der kleinsten Wirkung in der Elektrodynamik“ (1892) abschließt.

Statue vor der Humboldt-Uni Berlin. Quelle: Von Christian Wolf (www.c-w-design.de), Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=43131406

1886 entschließt er sich zur Aufgabe der Leitung des Institutes, nachdem er seinen theoretischen Untersuchungen zuliebe schon einige Jahre auf experimentelle Arbeiten verzichtet hat. Mit der Gründung der Physikalisch-Technischen Reichsanstalt, die er 1887 zusammen mit Werner von Siemens ins Leben rief, vollendete er seine wissenschaftliche Karriere. Bis zu seinem Tod war er Präsident der Reichsanstalt, die noch heute als Physikalisch Technische Bundesanstalt die Wissenschaft der exakten Messtechnik vorantreibt.

Viele Schicksalsschläge verdüsterten sein Leben in der letzten Phase, so der Tod seines Sohnes Robert und der seines Freundes Werner von Siemens. Im Sommer 1893 besuchte er die Weltausstellung in Chicago und verletzte sich auf der Rückreise schwer bei einem Ohnmachtsanfall. Am 8. September 1894 starb Helmholtz an einem zweiten Schlaganfall. Er fand seine letzte Ruhe auf dem Friedhof Wannsee; sein Grab ist seit 1967 als Ehrengrab der Stadt Berlin gewidmet. Der enorme Erkenntniszuwachs, den er im 19. Jahrhundert geschaffen hatte, wurde bald schon durch die Entdeckung der Röntgenstrahlung sowie der Radioaktivität und durch Albert Einstein Formulierung der Relativitätstheorie überholt, welche die Physik revolutionierten. Nach ihm sind nicht nur seit 1995 die Gemeinschaft Deutscher Forschungszentren, Schulen, Plätze sowie die Helmholtz-Medaille der Deutschen Gesellschaft für Akustik benannt, sondern auch Mond- und Marskrater sowie ein Asteroid.

Die eigentlich massentauglich erdachte Idee war auch online gut: der 1. Mopslauf des VfL Brandenburg Anfang April. Dabei sollten Kinder, Jugendliche, Rentner, ja ganze Familien alle 27 in den vergangenen Jahren „ausgewilderten Waldmöpse“ (sprich aufgestellten Bronzemöpse) in einem sieben Kilometer langen Parcours erlaufen, denn: „Ein Leben ohne Möpse ist möglich, aber sinnlos“, wie der aus der Havelstadt stammende deutsche Jahrhunderthumorist wusste. Dabei war er Werbung zeitlebens abgeneigt. Als ihn der Macher der FAZ-Kampagne „Dahinter steckt immer ein kluger Kopf“, Sebastian Turner, um eine Mitwirkung anfragte, winkte er ab. Turners Idee: Wenn er keine Werbung für ein Produkt mache, warum dann nicht dagegen? Er willigte ein. Das Motiv zeigt ihn auf einem Sofa liegend, eingeschlafen, die FAZ über dem Gesicht.

Seine Alleinerbinnen lehnten auch gegen jede Art Promotion mit ihm ab. Eine Firma vertrieb T-Shirts mit dem Satz „Früher war mehr Lametta“; dagegen gingen sie vor. Schon das Landgericht München hatte eine einstweilige Verfügung gegen den Hersteller zurückgewiesen, die nächste Instanz diesen Beschluss nun bestätigt. Seine Besonderheit und Originalität erfahre der Satz durch die „Einbettung in den Fernsehsketch ‚Weihnachten bei den Hoppenstedts‘ und die Situationskomik“. Blende man dies aus, handle es sich um einen „eher alltäglichen und belanglosen Satz“. Die Entscheidung ist rechtskräftig. Anders sah das mit seinen Kreationen aus: Ab Mitte der 1950er Jahre war er etwa für Paderborner Bier, Agfa, den Weinbrand Scharlachberg („Nimm’s leicht“) und die Tabakmarke Stanwell („Drei Dinge braucht der Mann“) aktiv. In Anzeigen und Trickfilmspots kamen seine Knollennasenmännchen zum Einsatz und gewannen mehr und mehr an Popularität.

Loriot. Quelle: Von Philipp von Ostau – Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=17816304

Manche Dialoge gingen nicht nur in die deutsche Medien-, sondern auch Sozialgeschichte ein, etwa die Frühstücksepisode „Das Ei ist hart“, die die Bundespost mit einer eigenen Briefmarke adelte:

Sie: „Ich nehme es nach viereinhalb Minuten heraus, mein Gott.“

Er: „Nach der Uhr oder wie?“

Sie: „Nach Gefühl. Eine Hausfrau hat das im Gefühl.“

Er: „Aber es ist hart. Vielleicht stimmt da mit deinem Gefühl was nicht.“

Der Sketch von 1977 schloss mit den ebenfalls legendären Sätzen: „Ich bringe sie um. Morgen bringe ich sie um.“ Der geniale Schöpfer dieser und vieler anderer Szenen, der freischaffende Zeichner, Autor, Regisseur, Moderator, Kostüm- und Bühnenbildner sowie Schauspieler Bernhard-Viktor Christoph Carl „Vicco“ von Bülow, der sich nach dem Wappentier seiner Familie, dem französischen Wort für Pirol, seit ca. 1950 „Loriot“ nannte, starb am 22. August 2011 in Ammerland bei Bad Tölz.

„seit Jahren täglich eine Flasche Wein“

Die Familie, ein altes mecklenburgisches Adelsgeschlecht mit gleichnamigem Stammhaus im Dorf Bülow bei Rehna, beginnt mit Godofridus de Bulowe (1229); der Name wird erstmals bei der Grundsteinlegung des Ratzeburger Doms 1154 urkundlich erwähnt. Zu seinen Verwandten zählt Reichskanzler Bernhard von Bülow. Geboren am 12. November 1923 als Sohn eines Polizeileutnants, lassen sich seine Eltern schon 1928 scheiden, so dass Vicco mit seinem ein Jahr jüngeren Bruder bei Großmutter und Urgroßmutter in Berlin und ab 1933 wieder beim erneut verheirateten Vater aufwächst und bis 1938 das Schadow-Gymnasium in Berlin-Zehlendorf besucht. Schon zu Schulzeiten war sein zeichnerisches Talent aufgefallen. Die Großmutter spielte ihm Mozart, Puccini und Bach auf dem Klavier vor, was seine Prägung für klassische Musik befördert. Die Familie zog dann nach Stuttgart, wo er das Eberhard-Ludwigs-Gymnasium 1941 mit Notabitur verließ. Hier sammelte er auch erste Erfahrungen als Statist in Oper und Schauspiel.

Anschließen begann er eine Offizierslaufbahn, war drei Jahre mit der 3. Panzer-Division an der Ostfront im Einsatz, wurde mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichnet und erreichte den Dienstgrad Oberleutnant. Sein jüngerer Bruder fiel im März 1945 im Oderbruch. Auf die Frage, ob er ein guter Soldat gewesen sei, antwortete er in einem Interview: „Nicht gut genug, sonst hätte ich am 20. Juli 1944 zum Widerstand gehört. Aber für den schauerlichen deutschen Beitrag zur Weltgeschichte werde ich mich schämen bis an mein Lebensende.“ Nach dem Krieg arbeitete er nach eigener Schilderung für etwa ein Jahr als Holzfäller im Solling, um sich Lebensmittelkarten zu verdienen 1946 vervollständigte er in Northeim das Notabitur und studierte auf Anraten seines Vaters bis 1949 Malerei und Grafik an der Kunstakademie in Hamburg.

Einer der Waldmöpse in Brandenburg. Quelle: Von Asio otus – Selbst fotografiert, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=47249877

Von 1950 an war er sowohl als selbständiger Werbegrafiker als auch als Cartoonist für das Hamburger Magazin Die Straße tätig. Er war ab 1951 verheiratet mit der Hamburger Kaufmannstochter Romi, einer ehemaligen Modeschülerin, und wurde Vater zweier Töchter Bettina und Susanne. Eine erste Comic-Serie „Auf den Hund gekommen“ für den Stern beendet Chefredakteur Henri Nannen nach sieben Folgen: „Ich will den Kerl nie wieder im Stern sehen!“ Umso erfolgreicher wurde er später für die Kinder-Ausgabe Sternchen, für die er ab 1953 „Reinhold das Nashorn“ zeichnete – 17 Jahre lang. 1954 fand der missglückte Zeitschriftenstart doch noch ein Happy-Ende: Loriot sandte die Zeichnungen auf Anraten einer Bekannten dem Schweizer Daniel Keel, der 1952 den Diogenes Verlag gegründet hatte und 44 der „lieblosen Zeichnungen“ veröffentlichte. So begann eine lebenslange Zusammenarbeit; Loriot publizierte fortan fast ausschließlich bei Keel.

Eine Kooperation mit dem Martens-Verlag (Weltbild, Quick) endete 1961 auch im Unfrieden: Bülow hatte in der 100. Folge seiner Kolumne Der ganz offene Brief den Zorn von Winzern und Weinhändlern auf sich gezogen, obwohl er „seit Jahren täglich eine Flasche Wein leere“. Er nahm inzwischen auch kleinere Rollen als Schauspieler an, etwa in Bernhard Wickis Filmen „Die Brücke“ (1959) und „Das Wunder des Malachias“ (1961). 1962 gestaltete er das Titelblatt der ersten Ausgabe der Satirezeitschrift pardon und zog ein Jahr später nach Ammerland, das ihn später zum Ehrenbürger machen sollte. 1967 begann dann seine Arbeit fürs Fernsehen. Für Serien wie „Telekabinett“, „Cartoon“ und „Loriot I bis VI“, beim Südwestfunk und bei Radio Bremen entstanden, sollte Loriot ursprünglich nur die Sketche schreiben – vom Spielen war keine Rede. Bis sich herausstellte, dass für Profi-Akteure kein Geld da war: „Dann machen Sie es doch selbst.“ Er machte.

„Na warte“

1971 schuf er mit dem Zeichentrick-Hund Wum ein Maskottchen für die „Aktion Sorgenkind“ in der ZDF-Quizshow „Drei mal Neun“, dem er anfangs selbst auch die Stimme lieh. Zu Anfang noch der treue Freund eines Männchens, des eigentlichen Maskottchens, stahl er dem jedoch mehr und mehr die Show und verdrängte es schließlich völlig. Zu Weihnachten 1972 wurde Wum dann zum Gesangsstar: Mit dem Titel „Ich wünsch’ mir ’ne kleine Miezekatze“ mit von Bülows Sprechgesang belegte er für neun Wochen die Spitze der deutschen Hitparade. Wum blieb auch in der Nachfolgesendung „Der Große Preis“ bis in die 1990er Jahre hinein als Pausenfüller erhalten, bald schon als Duo zusammen mit dem Elefanten Wendelin und später dem außerirdischen Blauen Klaus.

Wum und sein Schöpfer. Quelle: https://cdn1.stuttgarter-zeitung.de/media.media.62745e47-0a7b-4d12-8c19-8ed16935b852.original1024.jpg

1976 entstand mit Loriots sauberer Bildschirm die erste Folge der sechsteiligen Personality-Serie „Loriot“ bei Radio Bremen, in der er sowohl Zeichentrickfilme als auch Sketche präsentierte. Die Serie mit köstlicher bis absurder Situationskomik wie „Herren im Bad“, „Auf der Rennbahn“ oder „Weihnachten bei Hoppenstedts“ gilt als Höhepunkt seines Fernsehschaffens und machte ihn zu einem festen Bestandteil deutscher Fernseh-, Literatur-, Kultur- und Sozialgeschichte. Dabei geht es oft um die „Tücke des Objekts“, noch häufiger aber um Kommunikationsstörungen, zumal zwischen Frau und Mann, die aneinander vorbeireden. Einige Erfindungen und Formulierungen Loriots wurden im deutschen Sprachraum Allgemeingut, etwa das Jodeldiplom oder die Steinlaus, die sogar mit einem Eintrag im Pschyrembel, dem alphabetischen Verzeichnis der gebräuchlichsten und wichtigsten Begriffe der Medizin, vertreten ist; aber auch Sätze wie „Da hab’ ich was Eigenes“, „Das ist fein beobachtet“, „Das Bild hängt schief!“ oder „Frauen haben auch ihr Gutes“. Auffallend ist, neben gekonnt eingesetzten schlüpfrigen Akzenten, der meisterhafte Gebrauch der deutschen Sprache. 1978 auf seinen Wunsch eingestellt, werden viele Sketche der Reihe bis heute wiederholt.

Seine Sketchpartnerin Evelyn Hamann entsprach anfangs gar nicht seiner Idealvorstellung: Eigentlich war er auf der Suche nach einer „kleinen, blonden, pummeligen Hausfrau“ und sagte zu Hamann, nachdem sie ihm vorgespielt hatte: „Liebe Frau Hamann, wenn Sie auf unsere Kosten mehrere Wochen täglich Schweinshaxen essen, meinen Sie, Sie werden dann fülliger?“ Jahrelang spielte sie an Loriots Seite – und überzeugte die Kritiker auf ganzer Linie. Mit unbewegter Miene und hanseatisch trockenem Humor schrieb sie Fernsehgeschichte, etwa als Hildegard in dem Sketch „Die Nudel“ beim Treffen mit Bülow als eitlem Verehrer, dem eine Nudel hartnäckig im Gesicht klebt („Bitte sagen Sie jetzt nichts, Hildegard“), oder „Englische Ansage“, in der sie über die vielen „th“ in Orts- und Personennamen schier den Verstand verliert. Sie verstand sich mit ihm zuletzt blind. Unvergessen bleibt 2007 sein Nachruf bei Beckmann: „Liebe Evelyn, dein Timing war immer perfekt. Nur heute hast du die Reihenfolge nicht eingehalten.“ Und nach einer Pause schließlich mit ganz feinem Lächeln: „Na warte.“

Loriot und Hamann während einer Lesung. Quelle: Von Ralf Zeigermann – Flickr: loriot5, CC BY 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=30858811

Die achtziger Jahre kann man als Loriots musikalisches Jahrzehnt beschreiben. 1982 dirigierte er das „humoristische Festkonzert“ zum 100. Geburtstag der Berliner Philharmoniker. Wiederholt führte er seine Erzählfassung des „Karnevals der Tiere“ auf.  Als Regisseur inszenierte Loriot die Opern „Martha“ (Stuttgart, 1986) und „Der Freischütz“ (Ludwigsburg, 1988). Seit 1992 wird seine Erzählfassung von Wagners „Ring des Nibelungen“ in Mannheim aufgeführt. Bis 2006 moderierte er auch die Operngala zugunsten der Deutschen AIDS-Stiftung, seine Moderationstexte bildeten später den Grundstock für „Loriots kleinen Opernführer“. Für Leonard Bernsteins Operette „Candide“ verfasste er neue Texte für eine konzertante Aufführung, welche die Handlung besser verständlich machten und dem Stück in Deutschland zu neuer Popularität verhalfen.

„Lieber Gott, viel Spaß!“

1988 drehte Loriot als Autor, Regisseur und Hauptdarsteller den Film Ödipussi. Die Geschichte um ein neurotisches Muttersöhnchen lockte 4,6 Millionen Zuschauer in die Kinos. 1991 folgte dann Pappa ante portas, in dem er den heimischen Haushalt betriebswirtschaftlich zu organisieren suchte und daneben auch einen Straßenmusiker mit Geige und den Dichter Lothar Frohwein mit Schluckauf bei einer Lesung spielte: „Kraweel, Kraweel!“ 34 Mal musste Hamann durch einen Hundehaufen laufen – erst bei der letzten Aufnahme war es Loriot beiläufig genug. „Die getreulichste Spiegelung der bundesrepublikanischen Wirklichkeit findet sich zweifellos bei Loriot“, schrieb die „FAZ“ und stellte fest: „Er allein hat die Archetypen der Bonner Republik entworfen, Männlein wie Weiblein.“ Ein „Rinnsal seniler Sketche“ eines „emeritierten preußischen Spaßadlers“ nannte dagegen der Spiegel den Film, den 3,5 Millionen Zuschauer sahen. Unter dem Titel „Wo es um Freundschaft geht“ präsentierten Loriot und Walter Jens 1994 in Hamburg, Wien und Zürich Ausschnitte aus dem Briefwechsel zwischen Friedrich dem Großen und Voltaire. In München las Loriot 1996 aus Thomas Manns Werken. In jenem Jahr soll er der meistgespielte Bühnenautor in Deutschland gewesen sein.

Bronzereplik des Loriot-Sofas mit Mops vor dem Funkhaus von Radio Bremen (2013). Quelle: Von Skulptur: Herbert Rauer; Foto: Wikiuka – Eigenes Werk : Wikiuka, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=30142157

Loriot gründete in seiner Geburtsstadt Brandenburg die Vicco-von-Bülow-Stiftung, die den Erhalt von Denkmälern und Kunstschätzen fördert, aber auch bedürftige Einwohner der Stadt unterstützt. Er gehörte dem im August 2004 in München aus Protest gegen die Rechtschreibreform gegründeten Rat für deutsche Rechtschreibung e. V. als Ehrenmitglied an und gab im April 2006 Loriot bekannt, sich als Fernsehschaffender zurückzuziehen: Seiner Meinung nach war in diesem Medium wegen der entstandenen Schnelllebigkeit keine humoristische Qualität mehr zu erzielen. Zudem beklagte er, der für einen Sketch Mitte der siebziger Jahre noch 1.500 Mark bekam, die Ökonomisierung der Unterhaltungsbranche. Als er starb, galt er bereits als „größter Unterhalter der Nachkriegszeit“: Schon 2007 landete er bei der ZDF-Sendung „Unsere Besten – Komiker & Co“ auf Platz eins vor Heinz Ehrhardt. Eine Woche nach seinem Tod wurde er in Berlin beigesetzt.

Bundestagspräsident Norbert Lammert würdigte Bülow als eine der großen Persönlichkeiten, die das kulturelle Leben in Deutschland über Jahrzehnte geprägt und als Loriot ganz wesentlich dazu beigetragen habe, „dass die Deutschen ein gelassenes Bild ihrer Mentalität und Gewohnheiten gewinnen konnten“. „Für unsere Nation war er so etwas wie ein heimlicher Bundespräsident. Hätte er jemals tatsächlich zur Wahl gestanden, er wäre vollkommen zu Recht im ersten Wahlgang mit absoluter Mehrheit gewählt worden“, so Komikerkollege H.P. Kerkeling. Manche nannten ihn „Karl Valentin des Cartoons“, „Deutschlands komischste Figur“ oder „Legende des anspruchsvollen Humors“ (Horst Seehofer). Der Art Directors Club trauerte um sein Ehrenmitglied in einer Zeitungsanzeige mit den Worten: „Lieber Gott, viel Spaß!“

Ein warmer Aufwind brachte den Tod. Als er am 9. August 1896 seinen selbstgebauten Segelgleiter beim brandenburgischen Örtchen Stölln in eine sogenannte Sonnenbö steuerte, richtete sich das Fluggerät zunächst auf und blieb dann quasi in der Luft stehen. In einem verzweifelten Steuermanöver warf er noch Beine und Oberkörper nach vorn – doch das reichte nicht, um einen Absturz aus 15 Metern Höhe zu vermeiden. Der Pilot brach sich die Halswirbelsäule und habe unmittelbar nach dem Absturz zu seinem Mechaniker gesagt: „Ist nicht so schlimm, kann mal vorkommen. Ich muss mich etwas ausruhen, dann machen wir weiter“. Er wurde – bereits im Koma – in die Berliner Uniklinik kutschiert und starb am folgenden Tag. „Opfer müssen gebracht werden“, sollen seine letzte Worte gewesen sein – auch wenn dieser angeblich letzte Satz in Wahrheit erst 1940 an seinem Berliner Ehrengrab angebracht wurde: Otto Lilienthal, der bis heute als der deutsche Flugpionier gilt.

Geboren wurde er am 23. Mai 1848 als erstes von acht Kindern eines Tuchhändlers und einer studierten Musikerin in Anklam. Fünf Geschwister starben im Alter von wenigen Monaten oder Jahren. Als die Familie in wirtschaftliche Schwierigkeiten geriet und nach Amerika auswandern wollte, durchkreuzte der plötzliche Tod des Vaters den Plan. Die Mutter verdiente den Lebensunterhalt für sich und ihre drei Kinder durch ein kleines Putzgeschäft sowie durch Erteilen von Musikunterricht und gelegentliche Auftritte als Konzertsängerin. 1856 bis 1864 besuchte Otto Lilienthal das örtliche Gymnasium. Gemeinsam mit seinem ein Jahr jüngeren Bruder Gustav, dem er über zahlreiche Projekte und Erfindungen zeitlebens eng verbunden blieb, studierte er bereits dort den Flug der Störche, die über die Felder der pommerschen Landschaft glitten, führte erste Flugexperimente durch und baute ein erstes kindliches Flügelpaar. „Fliegen wie ein Vogel“ – dieser Traum setzte sich in ihm fest.

Otto Lilienthal. Quelle: Von Photographer: A. Regis – http://www.lilienthal-museum.de/olma/images/f0061.jpg, originally uploaded to en by User:Michael Shields, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=36359

1866 erhielt er an der Gewerbeschule in Potsdam sein Reifezeugnis „mit Auszeichnung“, absolvierte dann in der Firma Schwartzkopf ein einjähriges Praktikum im Fach Maschinenbau und besuchte im Anschluss daran bis 1870 die Königliche Gewerbeakademie in Berlin. Er lebte in dieser Zeit als „Schlafbursche“ und musste sein Bett mit einem Droschken- und einem Rollkutscher teilen, wie er in einer Chronik berichtete. 1867 und 1868 bauten die Brüder Lilienthal in Anklam Experimentiergeräte zur Erzeugung von Auftrieb durch Flügelschlag. Das Ergebnis war eine maximal hebbare Masse von 40 kg. Zu den entscheidenden Experimenten wurden die darauf folgenden Untersuchungen des gewölbten Flügels in der Luftströmung ohne Flügelschlag. Nach seinem Studium meldete sich Lilienthal für ein Jahr zur freiwilligen Teilnahme am deutsch-französischen Krieg und erlebte als Infanterist die Belagerung von Paris.

„Vogelflug als Grundlage der Fliegekunst“

Danach arbeitete er in der Zeit von 1871 bis 1880 für die Berliner Maschinenbaufirma Weber und war teilweise parallel als Konstruktionsingenieur für das Maschinenunternehmen C. Hoppe in Berlin tätig. In dieser Zeit war er an der Entwicklung von Bergbaumaschinen beteiligt: Das Patent auf eine Schrämmaschine führte zwar zu einer Serienfertigung, jedoch nicht zu einem eigenen Unternehmen, das er mit Gustav, der inzwischen Architekt war, anstrebte. In dieser Zeit fing Lilienthal an, öffentlich Vorträge über die Probleme des Fliegens zu halten. 1874 experimentierte Lilienthal mit ebenen und gewölbten Tragflügeln, um die Luftkräfte zu messen. Dazu führte er Versuche mit Drachen und Flugmodellen durch, bei denen Schwester Marie protokollierte. Bei Messungen mit Mehrkomponentenwaagen erkannte er die kraftsparenden Eigenschaften gewölbter Flügel und ermittelte genaue Werte für Auftrieb und Widerstand bei verschiedenen Anstellwinkeln.

1878 heiratete Lilienthal die sächsische Bergmannstochter Agnes Fischer, mit der er vier Kinder hatte. Im Jahr darauf entwickelte er mit Gustav ein Baukastensystem für Kinder mit Steinen aus Firnis, Kreide und Sand, deren Vermarktung aber ebenfalls nicht gelang. Schon 1880 verkauften sie das Herstellungsverfahren an den Geschäftsmann Friedrich Adolf Richter aus Rudolstadt, der sofort ein Patent anmeldete und die Steine im Rudolstädter „Anker-Werk“ produzieren ließ. Unter diesem Namen traten sie ihren Siegeszug an – die Brüder Lilienthal konnten sich nur noch verschiedene Auslandspatente für ihre Erfindung sichern und stritten bis 1887 mit Richter, der letztlich gewann. Dem Erfolg konnten die Unstimmigkeiten aber nichts anhaben: Über drei Milliarden Anker-Bausteine wurden hergestellt, Albert Einstein, Erich Kästner und Walter Gropius sollen damit gespielt haben.

Versuchsflug 1891. Quelle: Von Carl Kassner – reproduction of the photograph, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=1537307

Der dritte Versuch als Unternehmer war dann erfolgreich. 1881 erhielt Lilienthal ein Patent für einen Schlangenrohrkessel, das den erhofften Erfolg brachte: Zusammen mit einer kleinen Wand-Dampfmaschine entstand der Lilienthalsche Kleinmotor, der ab 1883 in einer eigenen Firma hergestellt wurde, die schnell zur Fabrik mit bis zu 60 Mitarbeitern anwuchs und auch Akkordsirenen für Nebelhörner produzierte. Es folgten weitere 19 Patente, darunter vier Luftfahrtpatente. Mit dem Ethiker Moritz von Egidy bekannt und sozial engagiert, beteiligte er seine Arbeiter mit 25 % am Unternehmensgewinn und richtete eine Volksbühne im Berliner Ostend-Theater ein.

War er zusammen mit Gustav schon 1873 Mitglied in der „Aeronautical Society of Great Britain“ geworden, trat er 1886 dem „Deutschen Verein zur Förderung der Luftschifffahrt“ in Berlin bei. In diese Zeit fallen auch die ersten Versuche mit Fluggeräten, die einen Menschen transportieren. Als er Ende der 1880er Jahre ein Patent auf den gewölbten Tragflügel anmelden wollte, musste er konstatieren, dass ihm der Engländer Horatio F. Phillips zuvor gekommen war, der 1907 den ersten bemannten Motorflug in Großbritannien absolvieren wird. All seine Erfahrungen und Erkenntnisse bis hierhin verwertete Lilienthal 1889 in „Der Vogelflug als Grundlage der Fliegekunst“. Als Protagonist des „Schwerer als Luft-Prinzips“ war er überzeugt: „Die Nachahmung des Segelflugs muss auch dem Menschen möglich sein, da er nur ein geschicktes Steuern erfordert, wozu die Kraft des Menschen völlig ausreicht.“ Das bis dahin favorisierte „Leichter als Luft-Prinzip“ der Ballonfahrten geriet ins Hintertreffen. Die im Buch enthaltene graphische Darstellung des Zusammenhangs zwischen Auftrieb und Widerstand unter Angabe des Anstellwinkels ist in dieser Form noch heute üblich und wird als Lilienthalsche Polare bezeichnet. Nach der Veröffentlichung experimentiert er ohne Gustav weiter.

Der Todesapparat von 1896. Von Autor unbekannt – Ursprung unbekannt, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=268849

Im März 1891 gelang ihm ein Gleitflug zwischen Derwitz und Krielow nahe Potsdam über die Distanz von mehr als 25 Metern. 1892 setzte Lilienthal seine Flugversuche mit neuen Geräten fort. Dabei gelangen ihm in Gollenberg bei Stölln bahnbrechende Gleitflüge bis zu einer Weite von 250 Metern. Auch im Flugzeugbau experimentierte der emsige Forscher weiter. Unter seinen Flugapparaturen befand sich auch ein Flügelschlagapparat, der für einen Motorantrieb vorgesehen war. Zwischen 1890 und 1896 konstruierte Lilienthal rund 30 Flugapparate, die er zu mehr als 2.000 Flugversuchen in Berlin und Umgebung einsetzte und dabei sagenhafte Weiten von über 400 Metern erreichte. Sein so bezeichneter „Normalsegelapparat“ ging 1894 in Serie und wurde zum Stückpreis von 500 Mark neunmal verkauft. Den ersten erwarb der Schweizer Industrielle Charles E. L. Brown, einer der beiden Gründer des Elektrotechnikkonzerns „Asea Brown Boveri“, einen weiteren der amerikanische Zeitungsmogul William Hearst.

„Er war wohl zu wagemutig“

Die Reise-, Transport- und Verkehrsdimension seiner Entdeckung sei Lilienthal nicht bewusst gewesen, ist der stellvertretende Direktor des Otto-Lilienthal-Museums Anklam, Peer Wittig, auf dem Portal heise.de überzeugt. Lilienthal habe in seinem Normalsegelapparat in erster Linie ein Sportfluggerät gesehen. In einem Brief an Egidy schwärmt Lilienthal aber trotzdem von den friedensstiftenden Möglichkeiten der Fliegerei. „Die Grenzen der Länder würden Ihre Bedeutung verlieren, weil sie sich nicht mehr absperren lassen; die Landesverteidigung, weil zur Unmöglichkeit geworden, würde aufhören, die besten Kräfte der Staaten zu verschlingen, und das zwingende Bedürfnis, die Streitigkeiten der Nationen auf andere Weise zu schlichten als den blutigen Kämpfen um die imaginär gewordenen Grenzen, würde uns den ewigen Frieden verschaffen.“ In diesem Punkt, sagt Wittig, habe sich Lilienthal gewaltig geirrt.

Denkmal bei Krielow/Derwitz für die ersten Flüge 1891. Von Doris Antony, Berlin – photo taken by Doris Antony, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=757742

1895 unternahm Lilienthal mehrere Auslandsreisen, um sich im Kontakt mit anderen Flugforschern und -technikern auszutauschen. In diese Zeit fallen auch seine ersten Flugversuche mit Doppeldeckern. Zu den Erkenntnissen, die er bei seinen Konstruktionen und ihrer Erprobung gewann, gehören die Entdeckung des Vorteils von an der Vorderkante des Flügels verdickten Profilen und die Zweckmäßigkeit scharfer Hinterkanten – Ergebnisse, die für den Flugzeugbau heute allgemeingültig sind. Über Lilienthals Flüge wurde im In- und Ausland berichtet; die sensationellen Flugfotografien erschienen in wissenschaftlichen und populären Veröffentlichungen vieler Länder. Regelmäßig erschienen seine Artikel in der Zeitschrift für Luftschifffahrt und Physik der Atmosphäre sowie in der populären Wochenschrift Prometheus, Übersetzungen in den USA, Frankreich und Russland. Die Gebrüder Wright verwendeten Lilienthals Arbeiten als Grundlage für den Bau ihres ersten flugfähigen Motorflugzeugs der Welt: „Der deutsche Ingenieur Otto Lilienthal lieferte wohl den größten Beitrag zur Lösung des Flugproblems, der je von einem Mann geleistet wurde“, schrieb Wilbur Wright 1901.

Mit Lilienthals Tod auf einem seiner Normalsegelapparate endete Deutschlands Vorreiterrolle im Flugwesen mit Tragflächen; ein gleichermaßen mutiger wie systematischer Nachfolger fand sich nicht. Er war der erste, der die Wirkung verschiedener Flügelprofile systematisch vermaß und dokumentierte, aufbauend auf diesen Messungen kontrolliert geflogen ist und seine Erkenntnisse regelmäßig publizierte. Und schließlich war er der erste, der einen Flugapparat zur Serienreife entwickelte und verkaufte. Porträts und Flugapparate Lilienthals dienten als Würdigung der technischen Pionierleistung auf Briefmarken, Medaillen und in anderer Form in vielen Ländern als Vorlage. Häufig ist die Darstellung mit dem Ikarusmotiv verbunden. Schulen, Straßen, Vereine und Körperschaften tragen seinen Namen, darunter die Otto-Lilienthal-Kaserne im fränkischen Roth.

Gedenkstein an der Absturzstelle. Von Jo-ra-be – Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=101183000

Vor fünf Jahren bauten Forscher des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) den 20 Kilogramm schweren, 6,70 Meter breiten Normalsegelapparat aus Weidenholz und Stoff nach und testeten ihn im Windkanal. Bei Windgeschwindigkeiten von bis zu zehn Metern pro Sekunde zeigte er sich verblüffend modern in seinen Leistungswerten: „Aus den Daten lässt sich auf den ersten Blick keine kritische Flugeigenschaft ableiten, die Lilienthal in Gefahr bringen musste“, sagt Physiker Henning Rosemann dem Spiegel. Um alle drei Achsen stabil, gutmütige Flugeigenschaften: „Je länger man sich mit dem Fluggerät beschäftigt, desto mehr Hochachtung bekommt man“. Wohl auch, weil das Fliegen ein Kraftakt ist: der Pilot hängt wie ein Reckturner zwischen den Flügeln und steuert allein mit Körperbewegungen. Eine technische Todesursache wurde ausgeschlossen – Overconfidence, zu großes Vertrauen, nennt man das Problem bei heutigen Piloten: Die Böe zu stark, der plötzliche Anstellwinkel zu steil. „Er war wohl zu wagemutig“, so Rosemann. „Das hat ihn das Leben gekostet.“

Zwar findet die Documenta 15 wie geplant kommenden Sommer statt. Doch sie ist kulturhistorisch ins Visier linker Kritik geraten: Nazi-Vorwürfe befeuern alte und neue Schuld-/Opfer-Identitäten als weiteren Auswuchs von Identitätspolitik, der die Politisierung von Kunst weiter vorantreibt.

Meine neue Tumult-Kolumne, die gern geteilt werden kann.

Wohl für eine „Professorenidee“ hielt Bismarck die Vorstellung, dass in einem geeinten Land mit einer modernen Verwaltung und einer aufblühenden Industrie und Medienlandschaft auch die Rechtschreibung genormt werden müsse. Zwar war um 1800 die Vereinheitlichung der deutschen Rechtschreibung schon recht weit gediehen: Goethe und Schiller richteten sich nach Johann Christoph Adelungs Wörterbuch (1774–1786), könnte man etwas vereinfacht sagen. Und dieser erste wissenschaftlich vorgehende Wörterbuchautor orientierte sich an der Rechtschreibung von Martin Luthers Meißner Kanzleisächsisch, die seit drei Jahrhunderten vor allem die Drucker nach und nach immer klarer geregelt hatten.  

Das änderte sich im Zuge der frühbürgerlichen Revolution ausgerechnet durch Jakob Grimm, der, getrieben von der romantischen Idee, dass im Mittelalter alles besser gewesen sei, die Rechtschreibung der Gegenwart durch die Wiedereinführung mittelhochdeutscher Schreibgewohnheiten reformieren wollte: So schlug er radikale Kleinschreibung und die Ersetzung von ß durch sz vor. Der Mediävist Karl Weinhold forderte gar, man sollte künftig leffel statt Löffel schreiben, weil sich das unhistorische ö nur durch fehlerhafte Aussprache seit dem Mittelhochdeutschen eingeschlichen habe. Die Anhänger Grimms und Weinholds wurden deshalb von ihren Gegnern als „leffel-Fraktion“ verspottet.

Diese Gegner nannten sich „fi-Partei“. Als Vertreter des phonetischen Prinzips „Schreibe, wie du sprichst“ wollten sie die Buchstaben f, v und ph durch ein einheitliches f ersetzen und das Dehnungs-h weitgehend abschaffen – dann hätte man nicht mehr „Vieh“, sondern „fi“ geschrieben. Aber leichter gesagt als getan, denn man hatte nur lateinische Buchstaben, und für einige Laute der deutschen Sprache gab es keine Zeichen. Zum Beispiel für das „ch“ wie in „Becher“ oder das „sch“ wie in „Schwer“. Zeichenkombinationen mussten helfen. Beide Lager trafen auf der Berliner „Orthograpischen Konferenz“ 1876 aufeinander: Der preußische Kultusminister nahm die reichsweit einheitliche, verbindliche Regelung der Rechtschreibung in die Hand, nachdem als erstes Land Hannover im Jahr 1855 verbindliche Regeln für die Schulorthografie aufgestellt und Württemberg nachgezogen hatte.

Konrad Duden. Quelle: Von unknown / неизвестен – here / здесь, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=16045787

Auf der Konferenz setzten sich mit demokratischer Mehrheit die „fi“-Phonetiker durch. Bismarck tobte, verbot die neue Rechtschreibung in Preußen und drohte, „jeden Diplomaten in eine Ordnungsstrafe zu nehmen, welcher sich derselben bediene“. Der Abgeordnete Lucius notierte, was der Reichskanzler dachte: „Man mute den Menschen zu, sich an neue Maße, Gewichte und Münzen zu gewöhnen, verwirre alle gewohnten Begriffe, und nun wolle man auch noch eine Sprachkonfusion einführen. Das sei unerträglich.“ Einen Monat später erklärte Kultusminister Falk die Konferenz für gescheitert. Den Zug zur Einheitsschreibung konnte Bismarck damit aber nur entschleunigen, nicht aufhalten. Denn ein Vertreter der „fi-Fraktion“ nahm die schon existierenden Regelbücher, verglich sie, ermittelte die häufigsten Schreibweisen, von denen man annehmen konnte, sie würden sich mittelfristig durchsetzen, und legte das Resultat vier Jahre später vor: Konrad Duden, der am 1. August vor 110 Jahren in Sonnenberg starb.

Beurteilung nach Sprachtradition des Lehrers

Er war am 3. Januar 1829 als zweiter Sohn eines Gutsbesitzers, Branntweinbrenners und Eisenbahnbeamten auf Gut Bossigt in Lackhausen bei Wesel am Niederrhein geboren worden. 1833 zog seine Familie in die Altstadt von Wesel, wo er 1846 sein Abitur ablegte. Danach studierte er vier Semester Geschichte, Germanistik und Philologie in Bonn, wo er der Studentenverbindung Germania beitrat. Im Revolutionsjahr 1848 beteiligte sich Duden an den Demonstrationen der Burschenschaften, brach das Studium aus finanziellen Gründen ab und nahm eine Stelle als Hauslehrer in Frankfurt an, um seinen Lebensunterhalt zu finanzieren. Bis 1854 war er bei der Familie des Senators Eduard Franz Souchay beschäftigt und unternahm ausgedehnte Studienreisen nach England und in die Schweiz.

1854 holte er mit besonderer Genehmigung das Staatsexamen an der Universität Bonn nach und promovierte im gleichen Jahr „in absentia“, also mit schriftlich eingereichter Arbeit und ohne mündliche Prüfung, in Marburg. Die an die Promotion anschließende Referendarzeit in Soest bricht Duden vorzeitig ab und nimmt eine Hauslehrerstelle in Genua an. Hier lernt er Adelinde Jakob kennen, die Tochter des deutschen Konsuls, die er 1861 heiraten und mit ihr sechs Kinder bekommen wird. Zwei Jahre zuvor war er nach Deutschland zurückgekehrt und hatte eine Stelle als Prorektor an einem Soester Gymnasium angenommen. Nach zehn Jahren wechselt er 1869 als Gymnasialdirektor ins thüringische Schleiz.

Geburtsort Gut Bossigt. Quelle: Von Stahlkocher – Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=1905458

Hier stellt er 1871 erstmals Regeln zur Rechtschreibung nach dem phonetischen Prinzip zusammen. Denn in Schleiz trafen fränkische, thüringische und sächsische Dialekte zusammen, so dass die Beurteilung der Orthographie eines Schülers davon abhing, aus welcher Sprachtradition der jeweilige Lehrer kam: was bei dem einen richtig war, strich der andere als Fehler an. Durch sein Standardwerk hatte Duden insbesondere bildungsfernen Schichten das Lesen und Schreiben erleichtern wollen. Diese Schrift, zum Gebrauch in seinem Gymnasium bestimmt, war bald in Fachkreisen sehr bekannt und wurde 1872 erweitert zur Abhandlung „Die deutsche Rechtschreibung. Abhandlungen, Regeln und Wörterverzeichnis mit etymologischen Angaben“ – dieser sog. „Schleizer Duden“ war die Grundlage seiner Einladung zur Berliner Konferenz. Im Konferenzjahr wechselte er als Direktor des Königlichen Gymnasiums nach Hersfeld, wo er bis 1905 wirkte.

„schnelle und sichere Lösung“

Als er dann am 7. Juli 1880 sein „Orthographisches Wörterbuch“ vorlegte, hatte er auf 187 Seiten etwa 27.000 Wörter gesammelt, die er in den Regelbüchern vor allem aus Bayern, Preußen, Österreich und sogar Kleinstaaten wie Mecklenburg-Strelitz fand.  Es ist die Urform des heute längst nach seinem Begründer einfach nur Duden genannten Nachschlagewerks, das gerade in der 28. Auflage erschienen ist. Bevorzugt entschied sich Duden für die Varianten des amtlichen Preußischen Regelbuchs, das sein Gesinnungsgenosse Wilhelm Wilmanns kurz zuvor im Auftrag des neuen preußischen Bildungsministers Robert Viktor von Puttkamer verfasst hatte – immer noch gegen Bismarcks Willen.

Die Anzeige im „Börsenblatt“ versprach jedermann für eine Mark ein „Nachschlagebuch, das ihnen in jedem Zweifel schnelle und sichere Lösung bringt“. Weil es sich an der Praxis der Schreibenden orientierte, entwickelte es sich bald zum Bestseller. Schulen, Setzer, Drucker und Korrektoren richteten sich nach ihm, und Konrad Duden erreichte, was die erste staatliche Konferenz vergeblich angestrebt hatte: die Einheitsschreibung im gesamten deutschen Sprachraum. Im Vorwort schrieb er: „Dem Wunsche, diese Orthographie in ganz Deutschland und demnächst, soweit die deutsche Zunge klingt, zum Siege gelangen zu sehen, bringt der Verfasser gern seine besonderen, die Rechtschreibung betreffenden Wünsche zum Opfer.“ Das Opfer lohnte sich.

Dritte Auflage 1887. Quelle: Von Merker Berlin – Eigenes Buch, eigener Scan (own book, own scan), Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=5313341

 Ab 1880 wurde der Duden vom Bibliographischen Institut herausgegeben, das zunächst in Leipzig angesiedelt war und heute seinen Sitz in Mannheim hat. 1892 übernahm auch die Schweiz seine Schreibweisen, später Österreich-Ungarn. Die zweite „Orthographische Konferenz“ in Berlin 1901 legte dann zu großen Teilen nur noch amtlich fest, was dank Dudens Bestrebungen längst überall praktizierte Rechtschreibung war. Am Rande bleibt die Anekdote, dass Kaiser Wilhelm II. darauf bestand, dass bei der Eliminierung des Buchstabens „h“ aus Wörtern wie „Noth“ oder „Thür“ der „Thron“ unangetastet blieb – bis heute. 1955 wurden die Regeln durch die Kultusministerkonferenz als verbindlich bestätigt und behielten ihre Gültigkeit bis zur neuen Rechtschreibreform, die zum 1. August 1998 in Kraft trat und nach Ansicht vieler Experten eine Verschlimmbesserung war. Deshalb hat der Rat für Rechtschreibung 2010 eine Reformulierung des amtlichen Regelwerks beschlossen.

Duden publizierte noch mehrere Bücher, darunter die „Etymologie der neuhochdeutschen Sprache“ (1893) und zog sich 1905 nach Sonnenberg bei Wiesbaden zurück, wo er auch starb. Nach ihm sind sowohl der Konrad-Duden-Preis für Germanisten als auch der Konrad-Duden-Journalistenpreis benannt. Die aktuelle 28. Auflage umfasst fast 1.300 Seiten und nahezu 150.000 Stichwörter – so viele wie noch nie, mehr als fünf Mal so viele wie die Erstausgabe. Der waren Wörter wie Social Distancing, Abwrackprämie, Selfie, fremdschämen oder tindern einfach noch fremd.

„abenteuerliche Kreationen“

Allerdings ebenso fremd dürfte Duden heute sein, was unter dem Label der „Geschlechtergerechtigkeit“ mit der Sprache – und seinem Standardwerk – geschieht. Denn die Redaktion des Duden gibt für eine geschlechtergerechte Sprache traditionelle Wortbedeutungen auf: Sie „gendert“ und schafft das generische Maskulinum ab. Erstmals enthält der Rechtschreib-Duden auf drei Seiten eine Übersicht zum Gender-Instrumentarium: Hingewiesen wird auf den zunehmenden Gebrauch des Gendersternchens und anderer Genderzeichen. Wer auf Duden.de „Mieter“ eingibt, sieht als Wortbedeutung jetzt: „männliche Person, die etwas gemietet hat“.

Blick in die vorletzte Auflage. Quelle: https://media1.faz.net/ppmedia/511250772/1.5173047/width610x580/duden-juengste-auflage-bringt-viele-neuerungen.jpg

„Die Festlegung des grammatischen Genus Maskulinum auf das natürliche Geschlecht entspricht nicht der Systematik des Deutschen“, sagt die Sprachwissenschaftlerin Ursula Bredel im DLF. „Sprachsystematisch führt ein Total-Verzicht auf maskuline Personenbezeichnungen in geschlechtsneutraler Deutung zu Lücken“, befindet ebenda auch die Linguistin Gisela Zifonun. Ihr Kollege Hennig Lobin dagegen erhebt in seinem Buch „Sprachkampf“ den Vorwurf, dass der Widerstand gegen politisch korrekte Sprache und Genderdeutsch Teil einer „neurechten Agenda“ sei und mit der Ablehnung der „Gendersprache“ etwa durch die AfD „eine traditionelle Vorstellung von Familie und Gesellschaft allgemein“ verbunden sei.

Die Rolle als maßgeblicher Hüter der Rechtschreibung hat der Duden seit 25 Jahren verloren. Stattdessen entscheidet der Rat für deutsche Rechtschreibung über die Weiterentwicklung der Regeln. Doch sprachpolitisch macht der Duden weiter Druck und hat Einfluss. Die Geschäftsführerin des Rats, Sabine Krome, bezweifelt, dass „abenteuerliche Kreationen“ wie „Gästin“ oder Neubildungen wie „Bösewichtin“ eine relevante Rolle spielen. Der Duden missbrauche seine Deutungs-und Definitionshoheit über die deutsche Sprache, meint die Bozener Sprachwissenschaftlerin Ewa Trutkowski, er propagiere eine einseitige Sichtweise. Sprache entwickelt sich aber als natürlicher Prozess aller Sprachverwender und nicht als Spielwiese weniger Sprachvorschreiber. Duden-Nutzer könnten die Variante als Sprachrealität missverstehen – was sie nicht ist. Der Stuttgarter AfD-Fraktionschef Bernd Gögel MdL bilanziert: „Der neue Duden ist eine einzige linkspolitisch, genderideologisch und denglisch verzerrte Enttäuschung, die ihren großen Ahnherrn Konrad Duden im Grab rotieren lässt“.

Die See seiner Wahl war die baltische. Von Berlin aus reiste er sommers von 1908 bis 1921 auf die Insel Usedom und von 1924 bis 1935 nach Deep an der pommerschen Ostseeküste nahe Kolberg, wo Skizzenzeichnungen entstanden, die er „Natur-Notizen“ nannte. „Mit ihnen schuf er sich die Grundlage für das Kapital, aus dem er bis zu seinem Tode künstlerisch schöpfte“, so der Kunsthistoriker Ulrich Luckhardt in der Welt. Die Zuneigung zur Ostsee blieb auch in seiner Geburtsstadt New York lebendig, in die der amerikanische Staatsbürger 1937 remigrierte.

Im selben Jahr beschlagnahmten die Nazis in den deutschen Museen 410 Werke des Künstlers, zeigten acht Gemälde und mehrere Grafiken als „Entartete Kunst“. „Ich fühle mich 25 Jahre jünger, seit ich weiß, dass ich in ein Land gehe, wo Phantasie in der Kunst und Abstraktion nicht als absolutes Verbrechen gelten wie hier“, schrieb Feininger vor der Abreise seinem Sohn. „Hier male ich seither anders, aber nicht besser“, befand er dennoch in seinem Todesjahr: Lyonel Charles Adrian Feininger, der am 17. Juli 1871 in New York als Kind zweier angesehener deutscher Musiker zur Welt kam.

Der Sohn eines Konzertgeigers und einer Pianistin reiste mit 16 Jahren mit seinen Eltern, die auf Konzerttour waren, erstmals nach Deutschland. Er sollte dort am Leipziger Konservatorium Musik studieren, um auch Geiger zu werden. Doch bereits auf der Überfahrt änderte der junge Feininger seine Pläne, da ihm das reine Reproduzieren von Musik auf dem Instrument nicht genügte. Mit väterlicher Erlaubnis durfte er die Kunstgewerbeschule Hamburg besuchen. Am 1. Oktober des folgenden Jahres bestand er die Aufnahmeprüfung der Königlichen Akademie in Berlin. Er fing früh an, für Verleger und Zeitschriften zu zeichnen. 1892 nahm er ein Studium an der Pariser Académie Colarossi auf, die vom italienischen Bildhauer Filippo Colarossi gegründet worden war.

Feininger. Quelle: https://www.swr.de/swr2/kunst-und-ausstellung/1621433950306,lyonel-feininger-100~v-16×9@2dM-ad6791ade5eb8b5c935dd377130b903c4b5781d8.jpg

Nach siebenmonatigem Aufenthalt in Paris kehrte er 1893 nach Berlin zurück, wo er als freier Illustrator und Karikaturist für Zeitschriften wie Harpers Young People, Humoristische Blätter, Ulk, Das Schnauferl und Die Lustigen Blätter tätig wurde. Seine Themen variierten zwischen harmlosen Witzbildern und politischen Karikaturen, deren Themen allerdings von den Redakteuren der Blätter vorgegeben wurden, für die er arbeitete. Sein Interesse galt ohnedies mehr der künstlerischen Ausarbeitung dieser Sujets, und sein graphischer Stil orientierte sich zunehmend an Fläche und kantigen Konturen mit deutlichem Hang zur Groteske, was ihm schon um die Jahrhundertwende in der Kritik erste Beachtung einbrachte.

„neue Weltperspektive“

1901 heiratete Feininger die Pianistin Clara Fürst und bekam mit ihr die Töchter Leonore und Marianne. Nachdem er 1905 die Liebe seines Lebens, die jüdische Künstlerin Julia Berg kennengelernt hatte, die an der Großherzoglichen Kunstschule Weimar studierte, trennten sich beide von ihren Familien. Zusammen reisten sie 1906 nach Paris, wo Sohn Andreas zur Welt kam, später ein bekannter Fotograf. Feininger schloss mit der Chicago Sunday Tribune einen Vertrag über zwei kurzlebige Comic-Serien, darunter „Wee Willie Winkie’s World“, eine traumhafte Serie von kurzen Bildergeschichten mit Prosatexten, in denen die Metamorphosen diverser Landschaften aus der Sicht eines kleinen, phantasievollen Jungen geschildert werden. Häuser bekommen Gesichter, Bäume, Wolken werden zu phantastischen Gestalten, Naturgeistern gleich, und Gegenstände rund um den Kamin stecken plötzlich voller Leben. Sie wird heute zu den Klassikern des Genres gezählt. 1908 heirateten Lyonel und Julia, ließen sich in Berlin nieder und bekamen zwei weitere Söhne, Laurence und Theodore Lux, der ebenfalls ein erfolgreicher Maler wurde und vor 10 Jahren 101jährig starb.

1909 wurde er Mitglied der „Berliner Secession“, die in jenem Jahr mit 97 Mitgliedern, darunter Max Beckmann, Ernst Barlach und Wassily Kandinsky, ihren künstlerischen Höhepunkt erreichte. In dieser Zeit kam er erstmals mit dem Kubismus in Berührung, lernte die Künstlergruppe „Brücke“ kennen, stellte seine ersten architektonischen Kompositionen her und nahm gemeinsam mit den Künstlern des „Blauen Reiter“ 1913 auf Einladung von Franz Marc am Ersten Deutschen Herbstsalon teil. Zugleich verlässt er die Secession wieder.

Winkie-Comic. Quelle: https://i.pinimg.com/originals/23/9d/cc/239dcc93e1f0e6c0b590148b8c1c7654.jpg

Als Mittdreißiger verhältnismäßig spät wandte er sich ausschließlich der Malerei zu und entwickelte, ausgehend von seinen Karikaturen, einen sehr markanten Malstil, der Objekte abstrahiert und gestalterisch überhöht. Nach der ersten großen Einzelausstellung in Herwarth Waldens Galerie „Der Sturm“ zieht er sich 1918 mit seiner Familie aufgrund der schwierigen Situation als amerikanischer Staatsbürger am Ende des Ersten Weltkriegs nach Braunlage (Harz) zurück.

Hier legt er bis 1920 sein einzigartiges Holzschnittwerk von über 300 Drucken an. Neben dem Erfindungsreichtum der Motive verblüfft vor allem die Radikalisierung der Bildsprache, für die auch die Zeichnungen seiner Söhne eine inspirierende Rolle spielen. Kinder erreichen sofort, wonach die damalige Avantgarde sucht – eine von Vorwissen unverdorbene Wahrnehmung der Welt. Kinder zeichnen nie „richtig“ im Sinne einer korrekten Wiedergabe, sondern begnügen sich mit dem, was ein Motiv in ihren Augen „vollständig“ macht. Fluchtpunkt und Tiefenraum haben für sie keinen Sinn, sie denken konsequent in der Fläche und bevorzugen die Bedeutungsperspektive. Darum zeichnen sie das Wichtige groß und das Nebensächliche klein. Zum Vorschein kommt das Paradox einer gegenständlichen Naturferne. Sie ist künstlerisch genau das, was Feininger die „neue Weltperspektive“ nannte. Ihr Ziel ist, die konkrete Form des Gesehenen in der abstrakten Bildgesetzlichkeit zu klären.

1919 unterschreibt Feininger das Programm des „Arbeitsrats für Kunst“, der versucht, die Novemberrevolution 1918 auch auf den Bereich der Kunst auszudehnen. Zugleich beruft ihn Walter Gropius als ersten Lehrer, nämlich „Meister der Formlehre“ und Leiter der Druckwerkstätten, ans Bauhaus in Weimar. Auf dem Titelblatt des Bauhausmanifests von 1919 ist sein Holzschnitt „Kathedrale” abgebildet. Besonders das Weimarer Land, aus dem Julia stammte, mit Dörfern wie Oberweimar, Vollersroda und Gelmeroda, die er mit dem Fahrrad erkundete, fesselten seine Phantasie.

geätztes Klischee des Bauhaus-Holzschnitts im Weimarer Museum. Quelle: https://pavillon-presse.de/de/wp-content/uploads/2019/04/klischee1.jpg

Vor allem tat es ihm die kleine gotische Dorfkirche von Gelmeroda an, die er in unzähligen Naturnotizen und Gemälden festhielt und die zum Symbol einer romantisch verklärten Märchenwelt wurde, die er in seine anderen Werke einfließen ließ und die von seltsam überlängten und historisch gekleideten Menschen bevölkert sind. Etwa seit Anfang der 1920er Jahre erschienen Städte und Dörfer im Lichte einer eingefrorenen Weltentrücktheit und Spiritualität und bezeichnen Feiningers romantische Hinwendung zu einer Welt, die durch Massengesellschaft und Industrialisierung vor dem Untergang stand und nur noch in einer illusionären „Traumstadt“ zu finden war.

„einfach wonnig“

1923 hatte er eine große Ausstellung in New York und gründete im Jahr darauf mit Kandinsky, Paul Klee und Alexej von Jawlensky die Künstlergemeinschaft „Die Blaue Vier“, die 1925 wiederum in New York ihre erste große Ausstellung hat. „Es hat ausgeweimart, meine Herren, wir gehen jetzt dessauern“ schrieb er im selben Jahr in einem Brief an Julia. Gemeint war der bevorstehende Umzug des Bauhauses nach Dessau, nachdem es in Weimar infolge von Eingaben der thüringischen Handwerkerschaft und des deutsch-völkischen Blocks im Thüringer Landtag geschlossen worden war.

Im Jahr der Eröffnung 1926 waren die Meisterhäuser fertiggestellt worden, auch Feininger konnte mit seiner Familie eine der Doppelhaushälften beziehen. Die anfänglichen Vorbehalte, die er gegenüber deren Architektur hatte, waren bald verflogen: „Ich sitze hier auf unserer Terrasse, die einfach wonnig ist“, schrieb er begeistert. Allerdings ließ sich Feininger auf eigenen Wunsch von sämtlichen Lehrverpflichtungen am Bauhaus entbinden, blieb aber bis 1932 auf Drängen Gropius‘ „Meister“. In dieser Zeit entstanden unter anderem seine vielgerühmten Stadtansichten von Halle.

Gelmeroda real und artifiziell. Quelle: eigene Darstellung.

Trotz seiner Erfolge als Maler und Lehrer ließ die Musik Feininger nie los. Als Autodidakt am Klavier lernte er das „Wohltemperierte Klavier“ von Johann Sebastian Bach kennen, den er glühend verehrte. Durch hartnäckiges Üben – oft mehr als sechs Stunden am Tag – konnte er bald alle 48 Präludien und Fugen auswendig spielen und von jedem beliebigen Ton aus transponieren. Er komponierte von 1921 bis 1927 dreizehn Fugen, drei für Klavier und zehn für Orgel. 1924 wurde zum ersten Mal ein Stück von ihm im Meistersaal des Bauhauses öffentlich präsentiert. Der Erfolg dieser Aufführung bestärkte ihn darin, weiter „auf autodidaktischem Wege Musik zu gestalten“.

Im Sinne einer gegenseitigen Durchdringung der Künste versuchte Feininger aber auch, die „vielstimmig aufeinander bezogene Komplexität und gleichzeitige Durchschaubarkeit“ der Bach’schen Kompositionen auf seine Malerei zu übertragen und eine „klare Raumgestaltung“ sowie thematische und formale Bezüge innerhalb der Bilder herzustellen. Besonders das Konstruktivistische und Architektonische in seinem Malstil lässt sich aus seiner intensiven Beschäftigung mit dem musikalischen Kompositionsprinzip der Fuge herleiten. Es sollte bis zu seinem 50. Todestag 2006 dauern, da erstmals eine CD mit seinen Orgelfugen erschien, interpretiert von neun verschiedenen Organisten.

Feininger reist 1936 für eine Lehrtätigkeit am „Mills College“ in Oakland (Kalifornien) erstmals in die USA, kehrt aber Ende des Jahres zunächst nach Berlin zurück. Zuvor hatte er den promovierten Juristen und Bauhaus-Studenten Hermann Klumpp kennengelernt und sich mit ihm angefreundet. Klumpp hat dann 64 Feininger-Bilder gerettet und nach Quedlinburg überführt, nachdem er dem Ehepaar geholfen hatte, am 11. Juni 1937 Deutschland in Richtung USA zu verlassen. Feininger arbeitete als freier Maler in New York und entwirft 1939 Wandbilder für die Weltausstellung in New York. Während die ersten Exilbilder noch stark von den Erinnerungen an die Heimat Deutschland geprägt sind, werden die Wolkenkratzer Manhattans in den folgenden Jahren zu seinem neuen Bildmotiv.

Feiningers Musik. Quelle: https://i.ytimg.com/vi/Pz7N7EZY_mE/maxresdefault.jpg

1944 stellte er eine Retrospektive im Museum of Modern Art aus, wurde 1947 zum Präsidenten der Federation of American Painters und Sculptors gewählt und ein Jahr vor seinem Tod zum Mitglied des National Institute of Arts and Letters ernannt. Feininger beteiligte sich 1953 an der dritten Jahresausstellung des Deutschen Künstlerbundes in Hamburg sowie 1955 der ersten „documenta“ und stellte auch in Frankfurt, Baden-Baden und Düsseldorf aus. Er entwirft ein Wandbild für den Passagierdampfer „Constitution“ und malt zuletzt vor allem Aquarelle. Am 13. Januar 1956 starb er in New York und wurde dort auch begraben. Seine Frau wird ihn um 14 Jahre überleben. Neben Radwegen auf Usedom und in Thüringen wurde ein Asteroid nach ihm benannt und eine Sondermarke der Deutschen Post für ihn aufgelegt.

„ein Versäumnisurteil erlassen“

Sein Erbe führte allerdings noch zu einer kulturpolitischen Posse zwischen der DDR und den USA. Denn sind die 64 geretteten Bilder Klumpps Eigentum oder gehören sie Feiningers Söhnen? Darüber wurde seit 1971 am Bezirksgericht Halle verhandelt. Das Urteil 1976 ist eindeutig: Die überwiegende Mehrheit der Bilder gehört den Amerikanern. Doch inzwischen haben sich die DDR-Behörden eingeschaltet. Als „schützenswertes Kulturgut“ dürfen sie nach DDR-Recht nicht außer Landes gebracht werden.

1983 platzt den amerikanischen Anwälten der Geduldsfaden: Sie verklagen die DDR vor einem New Yorker Gericht. DDR-Außenminister Oskar Fischer richtet folgende Worte an das SED-Politbüro: „Geht dem Gericht eine termingerechte Erwiderung nicht zu, kann ein Versäumnisurteil erlassen sowie Antrag auf Zwangsvollstreckung gestellt werden.“ Nun kommt endlich Bewegung in die Verhandlung. Die Amerikaner geben ein wenig Raubkunst von 1945 zurück und Feiningers Söhne bekommen ihr Erbe.

Feininger-Galerie Quedlinburg. Quelle: https://lh3.googleusercontent.com/proxy/6a4eU6AoX2cJOaExZkv1xZ4m990LhKxx1mntvPRcl95xb5SVzYhLt6o5lIg_L2UGgiisic12KMnskul5NpqU15O7sG5CuZqzMQsk68M2-mtXFMNMicizxLvNf3_X84K9ZXYkBjZP4XM87W7gNuZ59OCKDUBL5A

Hermann Klumpp jedoch gerät mit den ihm verbliebenen Werken in die Zwickmühle: Solche Kulturschätze in privater Hand sind dem Kulturministerium ein Dorn im Auge. In einer internen Vorlage des Amtes für Rechtsschutz heißt es: „Klumpp ist nicht bereit, mit staatlichen Institutionen zur Sicherung und Nutzung der Sammlung zusammenzuarbeiten.“ Schließlich gelingt es doch: der Rat des Kreises Quedlinburg gründet 1986 die Lyonel-Feininger-Galerie und Hermann Klumpp übereignet ihr seine Sammlung. Als wenige Tage nach Feiningers 30. Todestag die Feininger-Galerie in der Domstadt eröffnet wird, erinnerte eine Gedenktafel auch an ihn. Das Museum ist seit 2014 Teil der Kulturstiftung Sachsen-Anhalt, beherbergt einen der weltweit umfangreichsten geschlossenen Bestände von Grafiken, Radierungen, Lithografien und Holzschnitten des Künstlers und ist zudem das einzige Feininger-Museum in Europa.

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