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Herzlich willkommen!

Als AfD-Landtagsfraktionspressesprecher und Freier Journalist für konservative Medien blogge ich unregelmäßig Betrachtungen zu Interessantem und Wissenswertem aus politischer und Alltagskultur. Ich schreibe regelmäßig für „Zuerst“ und habe unter dem Titel „Negerkuss und Nazistuss“ eine eigene Kolumne beim Tumult-Blog.

Als Bildungsbürger kommentiere/rezensiere ich vielerlei kulturelle Phänomene – vom Roman über den Musikergeburtstag bis zum Regisseurstod.

Als Dozent und Mitglied im Landesfachausschuss Bildung informiere ich Sie auf meiner Webpräsenz auch über meine Aktivitäten rings um die Themenkreise Hochschule, Wissenschaft, Medien und Kultur.

Und als Mensch lasse ich Sie gern an meinen freizeitlichen Aktivitäten teilhaben, zu denen nicht zuletzt Kochen gehört 😉

Warum gerade Betrachtungen?

Ich empfinde dieses Genre – eine Meinungsdarstellungsform übrigens – als eins der zeitgemäßen schlechthin.

Eine Betrachtung soll durch Beschreibungen und Schilderungen, Vergleiche und Annäherungen bis hin zur Analyse einem Ereignis, einer Situation, einem Gegenstand oder auch einem (gesellschafts-) politischen Problem Individualität verleihen: Recherche darf in gewissem Maße substitutiert werden durch Subjektivität.

Die Betrachtung ist durchaus mit derselben eines Kunstwerks in einer Ausstellung vergleichbar: man wählt zunächst die Gesamtschau und wechselt dann zu einzelnen Aspekten.

Dabei ist dem Genre eigen, dass die Prioritäten dieser Aspekte oft im Vagen bleiben: aus der Betrachtung erwächst ein Gedanke, der das formale Ziel darstellt.

Der Gegenstand darf dabei Randerscheinung eines größeren Zusammenhangs bleiben: „die Bedeutung des Unbeachteten birgt den Kern ihrer Aussage“ (Degen 2004).

Viel Spass beim Lesen – und natürlich beim Kommentieren!

Aus seinen Briefen etwa an den sächsischen Kurfürsten, seinen Förderer und Geldgeber, spricht trotz aller Höflichkeitsfloskeln nicht Unterwürfigkeit, sondern im Gegenteil ein ausgeprägtes Selbstbewusstsein, später auch Verbitterung und Resignation angesichts der miserablen Umstände, unter denen er als Kriegskomponist arbeiten musste. Den alten Mann beschrieb Hans Eppstein 1975 in seiner Biografie so: „Hier vereinigt sich Melancholie mit Weisheit, Müdigkeit mit der Haltung eines Aristokraten, Nach-innen-Gewandtheit mit einer beinahe magisch zu nennenden Ausstrahlung – ein Faust, der das ganze Erdenleben erfahren hat und den es nicht länger berührt“. Was Händel für Halle oder Telemann für Magdeburg ist, ist er für Elbflorenz: Heinrich Schütz, der am 16. November vor 350 Jahren starb.

Geboren wurde er als zweites von acht Kindern am 8. Oktober 1585 in der heutigen „Schwarzbierstadt“ Köstritz (Thüringen) im „Goldenen Kranich“, dem Gasthof seines Vaters, der fünf Jahre später in Weißenfels einen anderen Gasthof übernahm. Hier verbrachte Schütz seine Kindheit. Die Geschichte seiner „Entdeckung“ 1598 liest sich wie ein Märchen: Als im Wirtshaus seines Vaters Landgraf Moritz von Hessen-Kassel übernachtete, hörte er Heinrich mit heller, klarer Stimme singen – und war davon so beeindruckt, dass er den staunenden Eltern anbot, ihren Sohn zu fördern. So kam es, dass Vater und Sohn Schütz im Jahr darauf nach Kassel reisten, wo Heinrich – begabt, wissbegierig und fleißig – schnell Latein, Griechisch und Französisch lernte und mehrere Jahre lang eine umfassende musikalische Ausbildung erhielt.

Landgraf Moritz gewährte dem vielversprechenden 23-Jährigen gar ein Stipendium für einen zweijährigen Studienaufenthalt in Venedig, damals eines der Weltzentren der Musik. Beeinflusst von Madrigalen und Motetten, machte sich Schütz mit allen seinerzeit bekannten musikalischen Gattungen vertraut. Unter der Ägide von Giovanni Gabrieli, der damals renommiertesten musikalischen Persönlichkeit am Übergang von der Renaissance zum Barock, erlernte er zudem die Finessen der Kirchenmusik. Gabrieli vermachte seinem Schützling auf dem Sterbebett einen Ring, was bedeutete, dass er ihn gern als seinen Nachfolger gesehen hätte. Doch Schütz kehrte in seine damalige Wahlheimat Kassel zurück, Gabrielis Nachfolger wurde stattdessen Claudio Monteverdi, der als Wegbereiter des modernen Musiktheaters gilt.

Heinrich Schütz. Quelle: Von Christoph Spätner – Christoph Spätner, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=111512

In Leipzig setzte Schütz 1613 das Jurastudium fort, vor allem, um seine Familie zu beruhigen. Denn diese konnte sich am wenigsten vorstellen, dass er in Form einer künstlerischen Karriere beruflich Fuß fassen könnte. Das sah Landgraf Moritz gänzlich anders, denn kurz darauf holte er Schütz als Organisten zurück an den Kasseler Hof. Gemeinsam reisten sie wenig später nach Dresden, wo Kurfürst Johann Georg I. ebenfalls das Talent des jungen Mannes erkannte und darum bat, Schütz eine Weile in Sachsen behalten zu dürfen. Die Elbmetropole und Heinrich Schütz konnte fortan nichts mehr trennen. Im Alter von 32 Jahren wurde er 1617 offiziell zum Hofkapellmeister ernannt. „Dieses anspruchsvolle Amt hatte er bis 1656, also 39 Jahre lang, inne. In dieser Zeit prägte er nicht nur die Musik am Dresdner Hof, er war weit vernetzt und zählte schließlich zu ,den fürnembsten Musicis in Europa‘“, sagt Christina Siegfried, Intendantin des jährlich zelebrierten Heinrich Schütz Musikfestes.

„zum Heiraten drängen“

Dresden war zu dieser Zeit Hauptstadt des mächtigen Kurfürstentums Sachsen, ein Zentrum des deutschen Protestantismus, eine reiche Handelsstadt und bereits eine Kultur-Metropole. Im Zeitalter furchtbarer Glaubenskriege erhielt sie als eine der ersten in Deutschland einen fast uneinnehmbaren Festungsgürtel aus fünfeckigen Bastionen, was vermutlich ihr Überleben im Dreißigjährigen Krieg sicherte. Dank des Kunstverstandes der Dresdener Regenten stand die Hofmusik, von italienischen Meistern der späten Renaissance geprägt, in höchster Blüte. Schütz‘ Berufung war nach Jahren beruflicher Ungewissheit eine hohe Ehre, nicht zu vergessen eine gut bezahlte, leitende Funktion in der damals wohl wichtigsten deutschen Musikstadt.

Als Kapellmeister hatte Schütz die Oberaufsicht über die Mitglieder der Hofkapelle, die aus Sängern und Instrumentalisten bestand. Mit ihr war er für alle Musik am Hofe zuständig: geistliche wie weltliche, zur Unterhaltung und zum Gottesdienst ebenso wie zur politischen Repräsentation. Von italienischen Vorbildern geprägt, umbrandet von den Wirren eines grauenvollen Krieges, aber zunächst vergleichsweise ungestört, schuf er eine in Deutschland neue Art vokaler Tonmalerei. Leider sind seine dramatischen weltlichen Werke (Singspiele und Ballette), von denen in der Regel nur die Texte gedruckt wurden, verlorengegangen.

Gedenktafel in Dresden. Quelle: Von Mauzelot in der Wikipedia auf Deutsch – Eigenes Werk, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=15660546

1618 brach der Dreißigjährige Krieg aus, dessen verheerende Auswirkungen nicht nur gut einem Drittel der deutschen Bevölkerung das Leben kostete, sondern auch den fast völligen Zusammenbruch jeglichen kulturellen Lebens verursachten. Schütz musste seine Ansprüche an Aufführungspraxis und Instrumentarien erheblich verringern, „damit mein von Gott verliehenes Talentum in solcher edlen Kunst nicht gantz ersitzen bleiben, sondern nur etwas weniges schaffen und darreichen möchte“. In einem Brief sorgte sich sein Landesvater, dass man Schütz regelrecht „zum Heiraten drängen müsste“. 1619 heiratete er die 18-jährige Magdalena Wildeck. Aus der sechs Jahre andauernden, glücklichen Ehe gingen zwei Kinder hervor.

Doch bereits 1625 verstarb Schütz’ Frau. Sein Leben war fortan vom Tod geprägt: Bis 1638 verlor er auch eine der beiden Töchter, die Eltern und einen Bruder. Es erstaunt nicht, dass der Komponist einmal von seiner „nahezu qualvollen Existenz“ sprach. Doch seine schöpferische Energie schien darunter nicht zu leiden, als Witwer konzentrierte er sich gänzlich auf die Musik. Er war er ein disziplinierter Künstler von unbändiger Leistungskraft. Raufereien, Trinkgelage oder Ausschweifungen waren nicht seine Sache. Streng war er, mit sich und vermutlich mit anderen. Seine Hauptenergie galt eindeutig dem musikalischen Werk, weniger der Familie. Die Wohnung gegenüber der Frauenkirche blieb zwar Lebensmittelpunkt, jedoch reiste Schütz – auch nach Ausbruch des Dreißigjährigen Krieges – sehr viel.

1628 / 29 ein zweites Mal in Italien fortgebildet, wurde er in Mitteleuropa ein Wegbereiter des solistisch-virtuosen „Kleinen geistlichen Konzerts“, das – bald mit, bald ohne Instrumente – neben der Orgel zu singen ist. Spätestens seit dieser Reise nutzt er das Pseudonym „Enrico Saggitario“, das wörtlich aus dem Italienischen übersetzt auch „Heinrich Schütz“ heißt. Er war im Auftrag seines Kurfürsten bei allen wichtigen politischen Ereignissen zugegen, so beim Kurfürstentag 1627 in Mühlhausen, bei den Fürstentagen in Leipzig 1631 oder der Huldigung der Stände in Breslau: Wo immer der sächsische Kurfürst mit Versuchen auftrat, das zerrüttete Deutschland zu befrieden, wurde dies stets von Schütz’ Musik begleitet. In seinen Briefen an den Kurfürsten häuften sich die Klagen über schlimme Arbeitsbedingungen und elende soziale Zustände, unter denen die Mitglieder der sächsischen Hofkapelle gegen Kriegsende litten. Der Krieg war teuer, und es war offenbar nicht mehr genügend Geld da, um die Musiker zu bezahlen. 1639 schrieb Schütz erbittert, die Künste seien „unter den Waffen erstickt“ und „in den Kot getreten“ worden.

Künste „unter den Waffen erstickt“

Seine Publikationstätigkeit erreichte Ende der 1640er Jahre ihren Höhepunkt: Er vollendete die „Symphoniae sacrae“ und die „Geistliche Chormusik“: Bis heute Standardrepertoire nicht nur von Kirchenchören mit Liedern wie „Also hat Gott die Welt geliebet“, „Verleih uns Frieden“ oder „Die mit Tränen sehen“. 1633 bis 1635 und erneut 1642 bis 1644 war er in Kopenhagen als dänischer Oberkapellmeister tätig und arbeitete außerdem als musikalischer Ratgeber vieler Fürstenhöfe, darunter Hannover, Weimar und 1655 bis etwa 1666 auch als „Oberkapellmeister von Haus aus“ in Wolfenbüttel. Seine seit 1645 immer wieder eingereichten Gesuche um die Versetzung in den Ruhestand wurden von Johann Georg I. allesamt abgelehnt; erst nach dessen Tod im Jahr 1656 gewährte sein Sohn Johann Georg II. Schütz einen weitgehenden Rückzug. Als „ältester“ Kapellmeister behielt Schütz seinen Titel allerdings bis an sein Lebensende.

Schütz-Haus in Weißenfels. Quelle: Von Kreuzschnabel – Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=42041548

Von melancholischer, schwermütiger Schönheit ist die Musik, die Schütz komponierte – frei von aller Hektik, ruhig, tiefgründig, anmutig, harmonisch und ausgewogen. Wo zuvor meist lateinische Verse gesungen wurden, dichtete Schütz in Deutsch – und damit verständlich auch für einfache, ungebildete Menschen. So schuf er eine neue Qualität in der protestantischen Kirchenmusik. Chöre und Solisten wechselten einander ständig ab, von zarten Lauten-Klängen begleitet. Virtuos wurden Instrumental-Passagen mit Gesang verwoben. Schütz ließ die Künstler oft an verschiedenen Orten im Kirchenraum singen und sorgte dadurch für eine facettenreiche Klangfülle, die die Zeitgenossen faszinierte und begeisterte. Von unerhörter Schaffenskraft, immer lernbegierig, ständig rastlos auf der Suche nach neuen Melodien und Satzfolgen, erweiterte er konsequent seine Tonsprache bis ins hohe Alter. Die Zusammenarbeit mit Martin Opitz führte zur Entstehung der leider verschollenen Pastoralkomödie „Dafne“, bei der allerdings nicht gesichert ist, ob es sich um eine durchkomponierte Oper oder um ein Theaterstück mit Musik handelte.

Seinen Lebensabend verbrachte Schütz überwiegend in seinem Haus in Weißenfels, dem Ort seiner Kindheit. Aus dieser Zeit stammen seine drei Passionen nach Lukas, Matthäus und Johannes sowie seine „Weihnachtshistorie“. Sein letztes Werk ein Jahr vor seinem Tod ist die vollständige Vertonung des 119. Psalms, aufgeteilt in elf Motetten und landläufig auch „Schwanengesang“ genannt. Schütz wurde in der alten Dresdner Frauenkirche beigesetzt, mit deren Abriss 1727 aber seine Grabstätte verlorenging. Auf seinem Grabstein wurde er als „seines Jahrhunderts hervorragendster Musiker“ (saeculi sui musicus excellentissimus) bezeichnet. Aber noch zu Lebzeiten wurde Schütz als „parens nostrae musicae modernae“, also „Vater unserer [d. h. der deutschen] modernen Musik“ tituliert. Wolfgang Caspar Printz erwähnt in seiner 1690 erschienenen Musikgeschichte, Schütz sei um 1650 „für den allerbesten Teutschen Componisten gehalten worden“. Die „Internationale Heinrich-Schütz-Gesellschaft“ mit Sitz in Kassel befördert mit jährlichen Heinrich-Schütz-Festen oder Heinrich-Schütz-Tagen die Verbreitung und das Verständnis der Musik von Schütz und seiner Zeit, daneben gibt es auch eine Gesellschaft in Südafrika. Bei der DDR-Schallplattenfirma Eterna entstand seit Mitte der 1960er Jahre die erste Schütz-Gesamtaufnahme mit Protagonisten wie Peter Schreier und Theo Adam sowie dem Dresdner Kreuzchor. Schütz‘ Geburtshaus ist heute ein Museum. Das Wintersemester 2022/23 an der Dresdner Musikhochschule heißt ihm zu Ehren „Heinrich-Schütz-Semester“.

„Whisky im Krug“ klingt zunächst wie eine Zustandsbeschreibung – ist aber viel mehr. Deutsches Grillgewürz – einen „rauchig pikanten BBQ-Allrounder mit Whisky, Pfeffer und geräucherter Paprika“ verheißt der Hersteller –, eine polnische Steakhouse-Kette („Beard, Booze & Rock’n Roll“), und eben: Ein Lied. „Das wahre Genie des Songs liegt in der Tatsache, dass es zu jedem Anlass passt, sei es in einer Kneipe, auf einer Hochzeit oder auf andere Weise. Es garantiert, dass die Leute beim ersten Refrain fröhlich unisono mitsingen“, so Mick McStarkey im Onlinemagazin farout: „Whisky in the Jar“. In der Fassung von „Thin Lizzy“ wurde es am 3. November 1972 veröffentlicht.

Seine Ursprünge liegen im kulturellen Dunkeln. Es handelt von einem Wegelagerer, der von seiner Jenny – ob Frau oder Geliebte, bleibt offen – angezinkt und um seine Beute betrogen wird. Dabei bleibt unklar, warum sie es getan hat. Der Geprellte entkommt nach seiner Verhaftung und sucht seinen Bruder, der Soldat ist. Sobald er ihn gefunden hat, will er mit ihm gemeinsam durch die Hügel streifen, denn eines ist sicher: Er wird ihn besser behandeln als die verräterische Jenny… Der Räuber erzählt die Etappen seiner Geschichte in sieben Strophen, die aber nur selten komplett zu hören sind, und nach jeder Etappe kommt er auf den Whiskey zu sprechen; den Gerstensaft, wie er ihn nennt, den er schon früh am hellen Morgen genießt, um hübschen Jungfern den Hof zu machen. Ort der Ereignisse ist der Südwesten Irlands, als Ortsbezeichnungen finden sich unter anderem Cork, Kerry, Kilkenny oder Killarney. Oft werden Strophen weggelassen oder inhaltlich miteinander kombiniert: Es gibt eine kaum überschaubare Zahl von Varianten, mit abweichenden Texten oder Namen.

Der Refrain nach jeder einzelnen Strophe „Mush-a ring dum-a do dum-a da/Wack fall the daddy-o, wack fall the daddy-o/There’s whiskey in the jar” wird als „nonsense –lyric“ gesehen, die keine richtige Bedeutung hat, sondern nur ihres Klangs wegen verwendet wird. Es gibt zahlreiche Berichte darüber, woher der mysteriöse Originalautor seine Inspiration genommen haben könnte. So wird behauptet, dass einige Zeilen und Elemente des Liedes einer Handlung gleichen, die der historischen Ballade „Patrick Fleming“ über den gleichnamigen berüchtigten Wegelagerer ähnelt, der 1650 hingerichtet wurde. In seinem Buch „The Folk Songs of North America“ meinte der Musikhistoriker Alan Lomax, dass das Lied aus dem 17. Jahrhundert stammt. Er behauptete sogar, John Gays „The Beggar’s Opera“ (1728)  sei davon inspiriert worden, weil Gay einen Balladenhändler „Whiskey in the Jar“ singen hörte.

Cover. Quelle: https://media.hitparade.ch/cover/big/thin_lizzy-whisky_in_the_jar_s.jpg

In Bezug auf die Geschichte des Liedes behauptet Lomax: „Das britische Volk des 17. Jahrhunderts mochte und bewunderte seine örtlichen Wegelagerer; und in Irland (oder Schottland), wo die ‚Gentlemen of the road‘ englische Grundbesitzer beraubten, galten sie als Nationalpatrioten. Solche Gefühle inspirierten diese ausgelassene Ballade.“ Ein Lob dem Robin Hood. Irgendwann kam das Lied in die Vereinigten Staaten und war wegen seiner respektlosen Haltung gegenüber britischen Beamten ein Favorit im kolonialen Amerika. Die amerikanischen Versionen spielen manchmal in Amerika und handeln von amerikanischen Charakteren. Eine solche Version aus Massachusetts handelt von Alan McCollister, einem irisch-amerikanischen Soldaten, der wegen Raubes an britischen Beamten zum Tode durch Erhängen verurteilt wird. Es gibt auch ein Lied über irische Truppen im amerikanischen Bürgerkrieg namens „We‘ll Fight for Uncle Sam“, das in der gleichen Melodie gesungen wird.

eine „Nummer zum Anfassen“

Das Lied erschien in einer Form, die seiner modernen Version nahe kam, in einem Flugblatt Mitte der 1850er Jahr als Vorläufer namens „The Sporting Hero oder Whiskey in the Bar“. Es taucht auch unter dem Titel „There‘s Whiskey in the Jar“ in der Sammlung von Patrick Weston Joyce 1909 auf, enthält aber nur die Melodielinie ohne Text. Versionen des Liedes wurden in den 1920er Jahren in Nordirland vom Liedersammler Sam Henry gesammelt; es ist „Roud Folk Song Index- Nr. 533“. Der Liedersammler und Historiker Colm Ó Lochlainn behauptete, seine Mutter habe das Lied 1870 in Limerick von einem Mann namens Buckley gelernt, der aus Cork stammte. In seinem Buch „Irish Street Ballads“ sind die Texte aus dem Gedächtnis niedergeschrieben, so wie er sie von seiner Mutter gelernt hatte. Er nannte das Lied „There‘s Whiskey in the Jar“, und seine Version ist praktisch identisch mit denen, die die irischen Bands der 1960er Jahre verwendeten.

Das Lied erlangte erstmals große Bekanntheit, als es die irische Folkband „The Dubliners“ international aufführte und in den 1960er Jahren auf gleich drei Alben aufnahm. In den USA wurde es durch „The Highwaymen“ bekannt, die es 1962 auf ihrem Album „Encore“ aufzeichneten. Und dann also 1972. Thin Lizzys Frontmann Phil Lynott gedachte es der Plattenfirma ursprünglich nur als B-Seite anzubieten von „Black Boys On The Corner“, weil sie kein anderes Material zur Verwendung hatten. Der Plattenfirma gefiel es jedoch so gut, dass sie sich entschied, „Whiskey in the Jar“ zur Single zu machen. Das Arrangement von Lynott blieb dem Original durchaus treu, modernisierte es aber mit einer seufzenden Gitarrenlinie und Lynotts heiserem Kneipengesang.

Phil Lynott. Quelle: https://www1.wdr.de/radio/wdr4/musik/thin-lizzy-102~_v-Podcast.jpg

Für McStarckey entwickelte er sich zu einem der besten Rock-Tracks, „die jemals veröffentlicht wurden – und zu einem der beständigsten von ‚Thin Lizzy‘“. Denn es sei eine „Nummer zum Anfassen“, ein „Muss für jeden Musiker“. Die Nummer blieb als Single 17 Wochen lang an der Spitze der irischen Charts und erreichte europaweit Top-Platzierungen. Der Song wurde danach unter anderem von Roger Whittaker, The Pogues, Johnny Logan, Rednex, Paddy Goes To Holyhead, Bryan Adams und vielen anderen neu interpretiert. In Deutschland waren es Santiano (Original) sowie Klaus und Klaus (deutsch: „Rum Buddel Rum“). Daneben existieren israelische (Yarkon Bridge Trio), isländische (Þrjú á palli), schwedische (Euskefeurat ), norwegische (Lillebjørn Nilsen), finnische (Eläkeläiset), dänische (Lars Lilholt), französische (Nolwenn Leroy), uruguayische (El Cuarteto de Nos) und estnische (Poisikõsõ) Versionen.

Traurige Ironie der Geschichte: Infolge seines jahrelangen Alkohol- (und Drogen)konsums war Phil Lynott bereits 1986 gestorben und erlebte diesen Erfolg kaum noch. Sein Grab befindet sich auf der Halbinsel Howth Head bei Dublin, eine Skulptur von ihm in der Innenstadt. Sein kunstvoll verzierter Grabstein stammt vom irischen Künstler Jim Fitzpatrick, der auch einige Cover von Thin-Lizzy-Alben gestaltete. Explizit auf Lynotts Version bezogen sich U2, Pulp, Childline, Smokie, Belle und Sebastian, Gary Moore, Christy Moore, der 2007 zu Irlands „greatest living muscian“ ernannt wurde, die Simple Minds und Grateful Dead. Metallica gewannen mit ihrer Interpretation („Garage Inc.“) zwölf Jahre nach seinem Tod einen Grammy in der Kategorie „Best Hard Rock Performance“. Bei einem Konzert im Slane Castle im irischen Meath spielten sie nicht nur live ihre Coverversion, sondern zollte Frontmann James Hetfield mit dem Satz „Wir lieben dich, Phil“ dem Bassisten, Sänger und Bandleader Respekt. Er lebt nicht nur in diesem Lied weiter.

Lumbung? Humbug!

Sie wollte postkünstlerische Wege gehen und endete in einer postideologischen Sackgasse: Die documenta 15 changierte zwischen „ästhetischer Entkunstung“ und „antisemitischem Weltkunstdebakel“.

Meine neue Tumult-Kolumne, die gern geteilt werden kann.

Da die Pilzsaison langsam endet, nimmt nun die Kürbissaison Fahrt auf. Hier mein Rezept für eine kräftige und oberleckere Cremesuppe:

Ca. 500 gr. Kürbis

Ca. ein Drittel der Kürbismenge Kartoffeln

Ca. ein Drittel der Kürbismenge Möhren

Ca. ein Viertel der Kürbismenge Sushi-Ingwer

1 Zwiebel

2 kleine Chilli

2 Knoblauchzehen

1 Stck. Wurzelpetersilie

1 Dose Kokosmilch

2 EL Honig oder Dattelsirup

Ein Spritzer Tomatenmark oder -ketchup

5 El. Olivenöl zum Braten

Wasser/Gemüsebrühe

Salz, Pfeffer, Muskat, Nelken, Zimt, Wacholderbeeren, Lorbeerblatt, Curry, Kurkuma

Frische Petersilie

Die Zwiebel mit den ebenso gehackten Chilli, Knoblauch und Wurzelpetersilie anbraten. Dann die sehr klein gewürfelten Möhren, Kartoffeln und zuletzt den ebenso klein gewürfelten Kürbis zugeben, salzen, pfeffern und ordentlich anschwitzen. Mit in Wasser gelöster Gemüsebrühe (oder Fond) soweit ablöschen, bis das Gemüse knapp bedeckt ist. Ingwer, Zimt, Muskat, Nelken, Wacholder und Lorbeerblatt zufügen und ca. 15 Minuten auf mittlerer Flamme köcheln, bis alles weich ist. Jetzt Lorbeer herausfischen, Curry, Kurkuma und Tomatenmark mit dem Honig hinein, alles pürieren, die Kokosmilch dazu, durchrühren, nochmal aufkochen und langsam abkühlen lassen. Vor dem Servieren noch frische Petersilie drüberstreuen. Guten Appetit!

„Eine dunkle Gestalt“, so erlebte Heinrich Heine den Violinisten, Bratschisten, Gitarristen und Komponisten, „die der Unterwelt entstiegen zu sein schien. In den eckigen Krümmungen seines Leibes lag eine schauerliche Hölzernheit und zugleich etwas närrisch Tierisches, dass uns bei diesen Verbeugungen eine sonderbare Lachlust anwandeln musste; aber sein Gesicht, das durch die grelle Orchesterbeleuchtung noch leichenartig weißer erschien, hatte alsdann so etwas Flehendes, so etwas blödsinnig Demütiges, dass ein grauenhaftes Mitleid unsere Lachlust niederdrückte.“

Der zeitgenössische Kritiker Ludwig Rellstab schrieb in seiner Besprechung: „Vielleicht hätte Goethes Mephisto die Violine so gespielt.“ Das wies Goethe in einem Gespräch mit Eckermann umgehend zurück „Nein […], der Mephistopheles ist ein viel zu negatives Wesen, das Dämonische aber äußert sich in einer durchaus positiven Tatkraft. Unter den Künstlern findet es sich mehr bei Musikern, weniger bei Malern. Bei ihm zeigt es sich im hohen Grade, wodurch er denn auch so große Wirkungen hervorbringt.“ Er habe in einem Konzert-Adagio „einen Engel singen gehört“, schrieb etwa Franz Schubert, der den Virtuosen 1828 in Wien hörte: Niccolò Paganini, der am 27. Oktober vor 240 Jahren in Genua als Sohn eines Instrumentenbauers zur Welt kam.

Nach eigenen Angaben erhielt Paganini bereits in frühester Kindheit Violinunterricht, unter anderem von seinem Vater, der ihn unter Androhung von Nahrungsentzug stundenlang zum Üben zwang. Seine einzigartigen Techniken entwickelte er wohl autodidaktisch. Eine Schule besuchte er nicht, begann aber bereits mit 12 Jahren, öffentlich als Violinist aufzutreten. 1795 bis 1797 lebte er mit seinem Vater in Parma, wo er sein Violinspiel vervollkommnete. Spätestens mit 15 Jahren komponierte er hier unter der Aufsicht zweier Lehrer einige Werke, darunter zwei heute verlorene Violinkonzerte.

Porträt Niccolò Paganinis von Eugène Delacroix, 1832. Quelle: Von Eugène Delacroix – The Yorck Project (2002) 10.000 Meisterwerke der Malerei (DVD-ROM), distributed by DIRECTMEDIA Publishing GmbH. ISBN: 3936122202., Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=150203

Erstmals ohne den Vater reiste Paganini 1801 nach Lucca und bewarb sich dort erfolgreich um die musikalische Teilnahme am Hochamt von Santa Croce, worauf er Einladungen für weitere Konzerte erhielt. Für die nächsten Jahre liegen keine gesicherten biographischen Informationen vor. Möglicherweise bezieht sich Paganinis Geständnis jugendlicher Fehler wie der Leidenschaft für Glücksspiele auf diese Zeitspanne. Im Januar 1805 wurde Paganini zum Konzertmeister im Orchester der Republik Lucca ernannt und später, unter Fürstin Elisa Baciocchi, einer Schwester Napoleons, deren Kammervirtuose und Operndirektor. 1808 schickte sie Paganini zum Erfurter Fürstenkongress, wo er vor Napoleon und dem russischen Zaren spielte. Bis 1809 währte diese einzige feste Anstellung in Paganinis Leben. In dieser Zeit entstanden zahlreiche Werke für Violine und Orchester sowie für Violine und Gitarre.

„Zaubergeigerkünste“

Ab 1810 war Paganini nahezu ständig auf Konzertreisen innerhalb Italiens. 1820 wurden erstmals die „24 Capricci“ gedruckt. Technisch gehören sie mit zum Schwierigsten, was je für die Geige komponiert wurde. Sie sind kurz, zum Teil dauern sie keine zwei Minuten, und jede von ihnen hat ihre eigenen technischen Schwierigkeiten. „Jedes einzelne Stück behandelt einen gewissen geigerischen Aspekt, aber auch einen eigenen Charakteraspekt“, sagt der Violinist Thomas Zehetmair, Chefdirigent des Stuttgarter Kammerorchesters, dem BR. Sehr häufig nur als Zugabe gegeben wird die 24. und letzte der Capricen. Von ihr ließen sich viele andere Komponisten zu Bearbeitungen und neuen Werken inspirieren, wie beispielsweise Liszt, Brahms oder Rachmaninow. Paganini allerdings trug die Capricci nie in einem Konzert vor.

1824 begann Paganini in Venedig ein Verhältnis mit der Sängerin Antonia Bianchi, in Palermo kam 1825 der gemeinsame Sohn Achille zur Welt. Antonia reiste in den folgenden Jahren mit Paganini und trat in seinen europaweiten Konzerten auf. Paganini spielte ausschließlich eigene Werke: Sonaten, brillante Variationen oder eines seiner wenigstens sechs Konzerte – wie das berühmte zweite mit dem Beinamen „La campanella“, „das Glöckchen“. Als Paganini schließlich 1828 Italien verließ und sich zunächst nach Wien begab, eilten ihm bereits viele Gerüchte und der Ruf voraus, ein überragender Violinvirtuose zu sein, der seine Zuhörer durch seine „Zaubergeigerkünste“ verhexe.

Die Guarneri del Gesù von 1743, die Paganini „il mio cannone violino“ nannte. Quelle: Von I, Lucarelli, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=2334373

Die Gerüchte wurden durch eine der zahlreichen Liebschaf­ten befeuert: Paganini hatte nach einem Konzert in Genua eine 16-jährige Schneiderstochter entführt, sie geschwän­gert, sie erfolglos abtreiben lassen und sie anschließend verlassen. Die an­schlie­ßenden Prozesse trugen dazu bei, dass sich um ihn eine Aura des Dä­mo­nischen bildete. Gerüchte tauchten auf: Bald hieß es, er habe das Mäd­chen in einer Klosterzelle verführt. Nur ein Mann, der mit dem Teufel im Bund ste­he, könne an einer solchen Stelle so etwas tun. Bald wurde aus dem Abtrei­bungs­ver­such ein Mordversuch. Schließlich machten die Gerüchte aus ihm einen Folterer und Verführer auch weiterer unschuldiger Mädchen. Der Aphorismus „Die Tüchtigen werden beneidet, den Talentierten wird geschadet und die Genies werden gehasst“ wird ihm zugeschrieben.

In Wien feierten ihn Fachleute und Publikum enthusiastisch. Seine Konzerte wurden in allen Zeitungen besprochen, Korrespondentenberichte über seine Kunst gelangten auch nach Deutschland und Frankreich, Modezeitungen beschäftigten sich mit seinem angeblichen Lebenswandel, Gastronomie und Kleidermode wurden vom à la Paganini befallen, Gebrauchsgegenstände trugen sein Porträt, Gedichte und Possen mit dem Thema Paganini wurden veröffentlicht, Komponisten wählten für ihre Werke Melodien und Namen mit Anspielungen auf Paganini, und der österreichische Kaiser Franz I. verlieh ihm den Ehrentitel „Kaiserlicher Kammervirtuose“. Hier in Wien trennte sich Paganini von Antonia. Achille blieb – vertraglich geregelt – bei Paganini und wurde von ihm umsichtig gepflegt und betreut. Er sollte später sein Universalerbe werden.

„seine Seele dem Bösen verschrieben“

Gesundheitliche Probleme veranlassten Paganini, sich im Sommer 1828 zuerst nach Karlsbad und dann nach Prag in Behandlung zu begeben. Er wurde erfolgreich operiert und diktierte seine Biographie, von der er sich eine Widerlegung all der über ihn verbreiteten Gerüchte erhoffte. Über allem lag der Schatten lebenslanger Krankheit: Sein Arzt Bennati berichtete von einer frühen Masern-Enzephalitis, in späteren Jahren kamen Syphilis und eine Kehlkopftuberkulose hinzu, die ihm die Stimme raubte, und schließlich eine Nekrose des Unterkiefers. Die anhand zeitgenössischer Bilder und Beschreibungen erfassten körperlichen Merkmale Paganinis deuten daneben auf das Ehlers-Danlos-Syndrom hin, das zur Überbeweglichkeit der Gelenke führen kann. Er trug stets schwarze Kleidung und spielte auch mal ein Konzert für die Toten auf einem Freidhof.

Nach Prag folgten Konzerte in Deutschland, Polen, Frankreich, Großbritannien und Belgien. Die weit über dem Üblichen liegenden Eintrittspreise für seine Konzerte während der Deutschlandtournee hatten ihm ein gut angelegtes Vermögen eingebracht, das es ihm erlaubte, an vielen Orten Benefizkonzerte zu mildtätigen Zwecken zu geben, deren Erlöse er spendete. Im Dezember 1838 erlebte er in Paris die Uraufführung von Hector Berlioz‘ „Harold in Italien“. Er huldigte Berlioz auf offener Bühne, konnte aber wegen seines Kehlkopfleidens kaum mit ihm sprechen. Wenige Tage später schenkte er Berlioz 20.000 Franc. In Belgien wurde ihm angekreidet, dass er dilettantisch wirkende Sängerinnen in seinen Konzerten auftreten ließ, so Charlotte Watson, in die er sich in London verliebt hatte. Die Liaison mit ihr endete, wie alle Beziehungen Paganinis zu Frauen, unglücklich.

Grabmal in Parma. Quelle: Von unbekannt – Foto aus dem Buch von Julius Knapp: Paganini; eine Biographie Verlag: Schuster & Loeffler, Berlin, 1913, Bild-PD-alt, https://de.wikipedia.org/w/index.php?curid=7179785

Für Franz Liszt hatte das Erlebnis von Paganinis Virtuosität in Paris besonders große Auswirkungen. Er entwickelte in der Auseinandersetzung mit seinen Werken und dessen Art, das Publikum zu faszinieren, seinen hochvirtuosen Klavierstil und wurde zu einem vergleichbaren Publikumsmagneten. In seinem „Nekrolog“ berichtete er: „Sein unerklärliches Genie wollte man nur durch noch unerklärlichere Tatsachen begreifen, und wenig fehlte zu der Vermutung, dass er seine Seele dem Bösen verschrieben und jene vierte Saite, der er so bezaubernde Weisen zu entlocken wusste, der Darm der Gattin sei, die er eigenhändig erwürgt habe.“ Der geradezu hysterische „Hype“ seiner Auftritte beim breiten Publikum überlagerte oft die Ernsthaftigkeit und Schönheit seiner Musik und seines Spiels.

„aus seiner innersten Natur“

1832 gewann er einen Urheber-Rechtsstreit: Inzwischen erschienen viele Plagiate, Imitationen und Arrangements. Am 12. Dezember 1835 wurde er in Parma Mitglied der Kommission des Hoforchesters, was einem heutigen Generalmusikdirektor nahekommt. Er führte Opern auf, kümmerte sich um eine Verbesserung des Instrumentariums und erarbeitete umfangreiche Entwürfe eines Reglements für das Herzogliche Orchester und für eine in dieser Stadt zu errichtende Akademie. Der Normenkatalog ging der Herrscherin Marie Louise allerdings zu weit ging, so dass Paganini 1836 seine Stellung wieder aufgab und erneut auf Konzertreisen ging, die im November 1839 in Nizza ihr Ende fanden. Hier hoffte er, das milde Klima Nizzas zur Linderung seiner vielen Beschwerden bei. Umsonst: Anfang Mai 1840 zwang ihn ein schwerer Anfall ins Bett. Seine Stimme war völlig vernichtet. Am 27. Mai 1840 starb er an einem Blutsturz.

Da Paganini auf dem Sterbebett keine mündliche Beichte mehr ablegen konnte und schriftlich nicht abgeben wollte oder konnte, wurde ihm nach bischöflicher Überprüfung ein christliches Begräbnis verwehrt. Sein Sohn Achille musste ihn einbalsamieren lassen. Es sollte 30 Jahre dauern, bis sein Sohn ihm nach einer makaber anmutenden Odyssee – gegen üppige Bezahlung – seinen letzten Wunsch erfüllen konnte. 1853 wurde Paganini im Friedhof von Gaione bei Parma begraben und 1896 auf den neuen Friedhof zu Parma umgebettet, wo er immer noch in einem stetig mit frischen Blumen geschmückten Grab ruht.

Paganini galt lange als der Inbegriff des romantisch-verklärten Künstlertypus, dem Franz Lehár mit seiner Operette „Paganini“ ein Denkmal setzte. „Das Seelenvolle, Begeisterte, wahrhaft Eigenthümliche in Paganini‘s Spiel strömt aus seiner innersten Natur. Die Gefühle und Empfindungen, die er im verwandten Busen erregen will, sind seine eigenen. In den Tönen seiner Melodien ist sein Leben rege und wach, finden wir stets sein Ich, seine Individualität. Die Trauer, die er empfunden, das Sehnen, das sein Wesen durchzieht, die Leidenschaft, die seinen Puls rascher jagt, sie alle fließen in seinen Vortrag über“, befand schon 1829 der Kritiker Carl Guhr.

Kinski als Paganini. Quelle: https://m.media-amazon.com/images/M/MV5BYTBmYjM1YTQtZDc5Zi00NWRlLWJmMmMtZTUzYjM1Yzk4YmE0XkEyXkFqcGdeQXVyNDkzNTM2ODg@.V1.jpg

In Paganinis Nachlass fanden sich 15 Violinen, zwei Violen, vier Violoncelli sowie eine Gitarre, die meisten von Stradivari, Guarneri und Amati. Vier Stradivari-Instrumente werden heute als „Paganini-Quartett“ bezeichnet und wechselnden Ensembles geliehen: Im September 2019 wurden sie für vier Jahre dem Goldmund Quartett zur Verfügung gestellt. 1954 gründete Paganinis Geburtsstadt Genua den Internationalen Paganini-Violinwettbewerb zur Förderung und Entdeckung junger Talente.

Über den Kinofilm „Der Teufelsgeiger“ schrieb die Münchner AZ: „Klaus Kinski hielt sich für die Wiedergeburt Paganinis, David Garrett aber ist es einfach“. Das spielt darauf an, dass Kinski 1989 einen Film über Paganini mit sich in der Hauptrolle gedreht hatte, damit aber keinen großen Erfolg feierte: Er hatte zu viel von seiner eigenen Biografie in den Film gepackt, Garret hingegen kann wirklich spielen, nicht nur Geige. Zu den unzähligen Komponisten, die Themen von Paganini bereits zu dessen Lebzeiten und erst recht danach verarbeiteten, gehörten neben Liszt Johann Strauss (Vater), Robert Schumann, Johannes Brahms, Sergei Rachmaninow, Andrew Lloyd Webber und in der Rockmusik Gitarrenvirtuose Yngwie Malmsteen.

„purer Sex“

Die Haare streng nach hinten gelegt. Mit Pomade auf schwarzglänzend getrimmt. Das Make-up adelsblass, die Kontraste ausdrucksstark. Der Blick aus schattigen Augen, der Mund diplomatisch neutral. Statt ihm das Gesicht eines monsterähnlichen Untoten zu geben, erscheint sein Dracula als charmanter Adeliger, der mit schwarzem Anzug und gutem Benehmen auf jeder Dinnerparty ein gern gesehener Gast wäre. Er ist sympathisch und besitzt eine finstere Würde, obwohl er nur auf eines aus ist: rotpulsierende Halsschlagadern unter blasser Frauenhaut. Er „pflegte mit seiner aristokratischen Spielweise und dem ungarischen Akzent eine theatralische, artifizielle Darstellung und vermittelte doch etwas von der Boshaftigkeit und Besessenheit seiner Gestalten“, befand Mira Winthagen auf kino.de: Bela Ferenc Dezső „Lugosi“ Blaskó, der am 20. Oktober vor 140 Jahren im damals zu Österreich-Ungarn, heute zu Rumänien gehörenden Lugos geboren wurde.

Er war das jüngste von vier Kindern eines erfolgreichen ungarischen Geschäftsmanns und riss von zu Hause aus, als seine Eltern 1893 beschlossen, ihn gegen seinen Willen aufs Gymnasium zu schicken. Stattdessen verwirklichte er seinen Traum einer Schauspielerkarriere. Zunächst tingelte er durch die Provinz und spielte vor allem als Shakespeare-Darsteller an verschiedenen ungarischen Bühnen. 1917 kam er mit dem Film in Berührung und wurde – unter dem Pseudonym Arisztid Olt – in verschiedenen ungarischen Stummfilm-Produktionen vornehmlich als jugendlicher Liebhaber besetzt, so in einer 1918 entstandenen Verfilmung des Oscar-Wilde-Romans „Das Bildnis des Dorian Gray“.

Da er als Schauspieler vom Kriegsdienst befreit war, meldete er sich freiwillig für den Fronteinsatz bei einer Skipatrouille. Der Leutnant der Infanterie in der österreichisch-ungarischen Armee wurde wegen zahlreicher Verwundungen und seiner Tapferkeit wegen Lugosi mit mehreren Orden geehrt. Nach Kriegsende schloss sich Lugosi der Kommunistischen Partei Ungarns an, gründete eine Schauspielergewerkschaft und führte mehrfach Protestmärsche gegen die Republik unter Graf Mihály Károlyi an. Nach der Niederlage der Räterepublik wurde auf aktive Kommunisten eine regelrechte Treibjagd veranstaltet.

Dracula – Bela Lugosi. Quelle: https://images-cdn.bridgemanimages.com/api/1.0/image/600wm.XXX.08652020.7055475/2022501.jpg

Lugosi stand offenbar auf einer „Schwarzen Liste“ als Vertreter der Schauspielergewerkschaft, er musste mit seiner ersten Frau Ilona das Land verlassen. Verborgen in einem Zigeunerkarren, hatten sie alle Grenzübergänge unbemerkt passiert, wurden aber gesichtet, wie sie über ein Feld auf ein Flugzeug zuhasteten. Sie entkamen dem Kugelhagel; Lugosi sah seine Heimat nie wieder. „Nach dem Krieg nahm ich an der Revolution teil und später fand ich mich dann auf der falschen Seite wieder“, sagte er selbst. Dass die falsche Seite die Mitgliedschaft in der Kommunistischen Partei bedeutete, ließ Lugosi in Hollywood stets unerwähnt.

„ausschließlich Frauen attackieren!“

Zunächst emigrierte das Paar nach Wien, ging dann 1919 nach Berlin, wo Lugosi, wie er sich nun in Anlehnung an seinen Geburtsort nannte, in der Stummfilmszene Fuß fassen konnte, wenn auch nur mit Nebenrollen. So spielte er unter anderem in den frühen Karl May-Verfilmungen „Die Todeskarawane“ und „Die Teufelsanbeter“ (beide 1920) mit. Er gehörte auch zur Besetzung des als verschollen geltenden Films „Der Januskopf“ (1920) von Friedrich Wilhelm Murnau nach „Dr. Jekyll und Mr. Hyde“, womit dieser Film zugleich Lugosis ersten Kontakt mit dem Horror-Genre darstellte. Nach zwei Jahren in Deutschland ließ er such scheiden und verdingte sich als Hilfsheizer an Bord eines italienischen Frachters, um es in Amerika zu versuchen.

1923 hatte er sein amerikanisches Bühnendebüt. Obwohl er kaum Englisch sprach und seine Texte phonetisch memorieren musste, bekam er gute Kritiken und schaffte es, nicht nur beim Stummfilm zu landen, sondern auch bei seiner zweiten Frau, die wieder Ilona hieß. 1927 kam Lugosi schließlich zu der Rolle, die seiner amerikanischen Karriere den entscheidenden Auftrieb geben sollte. Die Titelrolle in der Broadway-Produktion von „Dracula“, mit der er sein Publikum 265 Aufführungen lang in den Bann schlug, war ihm geradezu auf den Leib geschrieben. Für viele war es schwierig, den Schauspieler von seiner Rolle zu trennen, und Lugosis ausgeprägtes Ego fand in dieser Identität eine neue Bestimmung. Lugosi, mittlerweile mit seiner dritten Gattin Beatrice liiert, wurde für die Filmrolle zunächst nicht in Erwägung gezogen und später mit einem Knebelvertrag verpflichtet, der ihm 500 Dollar die Woche zusprach und in dem von einer Beteiligung an den Einspielergebnissen keine Rede war.

Mit seiner ersten Frau. Quelle: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/3/3b/Lugosi_B%C3%A9la_sz%C3%ADnm%C5%B1v%C3%A9sz_%C3%A9s_els%C5%91_feles%C3%A9ge%2C_Szmik_Ilona._Fortepan_8777.jpg

Der Schauspielerin Carol Borland zufolge war er „purer Sex“. Wer jetzt die Nase rümpft und an Pornographie denkt, irrt: Lugosi war ein Gentleman-Vampir. Nie entblößte er auf der Bühne oder im Film seine spitzen Eckzähne. Dieses Tabu brach erst der türkische Dracula Atif Kaptan, der seine Sauge-Beißer 1953 schamlos in die Kamera hielt. Aber natürlich hüllte er sich dabei, wie jeder stilvolle Dracula nach 1931, in Bela Lugosis Vampirumhang. Aber auch sonst hielt sich Bela Lugosi weit mehr an Sitte und Moral als andere Draculas: Eigentlich stand ja im Drehbuch, er solle den bewusstlosen Immobilienmakler Renfield beißen. Derart unglaubliche Homoerotik war den Universal Studios für einen Horrorfilm einfach zu gruselig und so schickte man an den Regisseur die Notiz: „Dracula soll ausschließlich Frauen attackieren!“

„Dann hat sie mich verlassen“

Die Figur machte Lugosi zum neuen König des Horrors. Er war jetzt ein Star und kostete das neue Leben in vollen Zügen aus. Lugosis Karriere florierte mit Filmen wie „Der Tod ist ein schwarzes Kamel“ (1931), „Morde in der Rue Morgue“ (1932), „White Zombie“ (1932) und „Chandu the Magician“ (1932). Doch die harten Zeiten warteten gleich um die Ecke: 1936 begann die große Horror-Hausse drastisch abzuebben. Lugosi war verzweifelt und Lilian Arch, seine neue Lebensgefährtin, war schwanger. Als Bela junior das Licht der Welt erblickte, musste das Paar sein protziges Anwesen in den Hollywood Hills verkaufen und in eine bescheidenere Gegend in San Fernando Valey umziehen.

1939 erlebte der Horrorfilm einen neuen Aufschwung, doch Lugosi nahm seine Karriere immer noch nicht ernst. Für die Rolle des Igor in „Frankensteins Sohn“ neben Boris Karloff und Basil Rathbone bekam er wiederum nur 500 Dollar die Woche. Im selben Jahr hatte Lugosi seine einzige komische Rolle in Ernst Lubitschs „Ninotschka“. In den kommenden Jahren ging es beruflich nur noch bergab. In den fünfziger Jahren drehte er eine schundige Billigproduktion nach der anderen. Von  1953 bis 1955 trat er sporadisch in Las Vegas auf, wo er sich in Nachtclubs im Draculakostüm zeigte und in Särgen Interviews gab. In „Bride of the monster“ von Ed Woods, dem „schlechtesten Regisseur der Welt“, für den er in vier Filmen auftrat, spielte er einen Wissenschaftler, der an einem atomaren Übermenschen bastelt. In Tim Burtons Biopic „Ed Wood“ wurde Lugosi von Martin Landau gespielt, der dafür den „Oscar“ als bester Nebendarsteller erhielt.

Stern in Hollywood. Quelle: Von JGKlein – Eigenes Werk, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=10848556

Immer häufiger arbeitslos, begann Lugosi zu trinken; zudem wurde sein Gesundheitszustand durch seine Morphiumabhängigkeit verschlechtert. Seine Verletzung aus dem Ersten Weltkrieg hat zu einem Zwölffingerdarmgeschwür geführt, das ihm permanente Schmerzen verursachte. Lillian versuchte ihm zu helfen. „Sie hat mir die Spritzen gesetzt“, so Lugosi 1953. „Sie gab mir immer kleinere Dosen. Am Ende hatte ich bloß noch die blanke Nadel. Ich hatte es geschafft, ich war drüber weg. Dann hat sie mich verlassen. Mit unserem Sohn. Er war mein Fleisch und Blut. Deshalb fing ich wieder mit den Drogen an. Sie hat mir das Herz gebrochen.“ Lugosi stand vor einem Scherbenhaufen. Er fand Trost auf dem Hollywood Boulevard, wo er häufig beim Betreten eines Schusterladens gesichtet wurde, der einer Drogenconnection als Tarnung diente.

„vorsichtshalber einen Pfahl durchs Herz“

An Lillians Geburtstag 1955 begab sich Lugosi freiwillig in das Los Angeles General Hospital, um seine Sucht behandeln zu lassen, und wurde Aufmacher der Zeitungen. Lugosi sah seine Chance, er war wieder im Gespräch und erhielt nach seiner Überweisung ins Metropolitan State Hospital Kalifornien Hunderte von Fanbriefen und Genesungsschreiben von Prominenten. Nach fünfzehn Wochen wurde Bela als geheilt entlassen – als Schatten seiner selbst. Mittlerweile 73 Jahre alt, sah er das anders: „Gebt mir ein paar Monate, dann bin ich wieder in alter Form.“ Im selben Jahr wurde Hope Lininger die fünfte und letzte Mrs. Lugosi.

Während seines letzten Lebensjahres war er kaum mehr in der Lage zu arbeiten. In seinem letzten Film „Die Schreckenskammer des Dr. Thosti“ (1956) spielte er einen Stummen, weil er seinen Text nicht mehr behalten konnte. Im Sommer 1956 kehrte er mit dem Stück „Devil’s Paradise“ ein letztes Mal auf die Bühne zurück: Ironischerweise einem Antidrogen-Drama. Am 16. August 1956 starb er an einem Herzanfall. „Er wollte in einem seiner Draculakostüme beerdigt werden“, so Hope. So dramatisch und chaotisch sein Leben war, so dramatisch war auch seine Beerdigung. Gerüchte besagen, dass Frank Sinatra die Kosten für die Bestattung übernommen habe und dass am Grab zwischen Vincent Price und Boris Karloff folgende Worte gefallen sein sollen: „Man sollte ihm vorsichtshalber einen Pfahl durch das Herz treiben.“

Lugosis Grab. Quelle: Von IllaZilla – Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=17786685

Lugosi war nicht so schaurig-schön wie George Hamilton, nicht so dämonisch wie Christopher Lee, nicht so unheimlich wie Gary Oldman, aber er ist bis heute Kult und hat mit seiner Dracula-Darstellung für alle Ewigkeit einen Filmmythos geschaffen. Das sah auch die englische Band Bauhaus so, die mit ihrem Stück „Bela Lugosi’s dead“ dem Schauspieler und seiner wichtigsten Rolle ein Denkmal setzte. Auch andere Punk- und Metal-Bands huldigten ihm, außerdem diente er Jim Henson als Inspiration für die Muppets-Figur „Graf Zahl“ in der Sesamstraße. Auf dem „Hollywood Walk of Fame“ erinnert heute ein Stern an den charismatischen Schauspieler.

Der Vorgang ist bezeichnend für die verkrampfte deutsche Unfähigkeit eines angemessenen Umgangs mit der Historie: Weil „Leben und Wirken“ des Namensgebers „nicht dem Bildungsauftrag der Berliner Schule“ im Prenzlauer Berg entspreche, wird sie umbenannt. Seine Persönlichkeit sei Grundschulkindern „schwer vermittelbar“, habe er doch gerne vom Sport als dem Mittel der militärischen Ertüchtigung gesprochen. Doch der Sohn des Namensgebers, Bierbrauer Julius Bötzow, war ein höriger Nazi, seine Frau Ruth eine große Hitler-Verehrerin. Das Unternehmerpaar nahm sich 1945 gemeinsam das Leben aus Angst vor einer Zukunft ohne „Drittes Reich“. Den Namen Bötzow kann man also als vorbelastet bezeichnen. Seinen Namen dagegen nur, wenn man die Geschichte nicht verstanden hat: Johann Friedrich Ludwig Christoph Jahn, der am 15. Oktober 1852 in Freyburg starb.

Geboren wurde er am 11. August 1778 im Dorfe Lanz (bei Lenzen/Prignitz) in Brandenburg als Sohn eines protestantischen Pastors. Über seine kurze Schulzeit in Salzwedel ab 1791 und ab 1794 am Gymnasium in Berlin ist bekannt, dass er ein schwieriges Kind und kein guter Schüler war. Er fiel den Lehrern wegen seiner Schroffheit und seines selbstherrlichen Auftretens unangenehm auf, was wohl auch auf Probleme im Elternhaus deutet. Ohne Schulabschluss studierte er ab 1796 Theologie in Halle und trat dem geheimen studentischen Orden der „Unitisten“ bei. Die Ordenskonstitution verpflichtete zu Verschwiegenheit, Bruderliebe und -hilfe, Tüchtigkeit, Zurückhaltung bei Duellen und Studienfleiß.

F.L.Jahn. Quelle: Von Lithograph Georg Ludwig Engelbach (* 28. Februar 1817, † 4. Dezember 1894) – zeitgenössische Lithographie, gescannt von APPER/2004, de.Wikipedia, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=7887115

Von Studienfleiß konnte bei Jahn jedoch keine Rede sein. 1799 las er versteckt in einer Höhle am Giebichenstein in Halle, heute „Jahn-Höhle“, den utopischen Staatsroman „Dya-Na-Sore oder die Wanderer“ von Wilhelm Friedrich von Meyern. Der Text über Nationalerziehung, Wehrpflicht und Bürgerbeteiligung am Staatswesen überzeugte Jahn, der das Buch als sein künftiges Glaubenskonzept bezeichnet haben soll. Er verfasste eine Schrift mit dem Titel „Über die Beförderung des Patriotismus im Preußischen Reiche“, die er in schlimmster Geldnot für 10 Taler an einen Studenten Höpffner verkaufte, unter dessen Namen sie 1800 erschien.

Als Student fiel Jahn wegen Streitsucht und Gewalttätigkeiten auf. Welche Vorkommnisse seiner Exmatrikulation 1802 vorausgingen, lässt sich nicht feststellen. Jahn setzte sein Studium zunächst unter falschem Namen an der damals schwedischen Universität Greifswald fort, an der er Vorlesungen der philosophischen Fakultät hörte, bevor er nach 13 Semestern die Universität ohne Abschluss verließ. Zwischen 1803 und 1809 hat er als Kurier und gelegentlich als Hilfslehrer gearbeitet. Er organisierte Wanderungen, Spiel- und Badenachmittage.

DDR-Ehrungen: Münze und Briefmarke. Quelle: eigene Darstellung.

„Zerrissene Kleider und blutige Köpfe waren dabei alltägliche Erscheinungen. Abhärtung gegen jede Unbill der Natur, Übung aller Kräfte mit Hinwendung auf die Notwendigkeit, die deutsche Nation zu einer mannhaften, dem Feinde gewachsenen, wiederzuerziehen, war überall sein Augenmerk. Dabei hatte er von seinen politischen Absichten schon damals kein Hehl gemacht (…)“, berichtete ein Freund Jahns. 1806, nach dem Sieg Napoleons bei Jena und Auerstedt, hielt Friedrich Ludwig Jahn, der sich noch einmal ein Semester als Student versuchte, vor der Göttinger Studentenschaft eine politische Rede, auf der er zum ersten Mal öffentlich die Freiheit des Vaterlandes und Leibesübungen als Mittel der Charaktererziehung forderte. Er hatte sein Lebensthema gefunden.

erste deutsche Burschenschaft

1807 besuchte er den Pädagogen Guts Muths in Schnepfenthal (Thüringen), der dort Erzieher war und schon 14 Jahre zuvor eine „Gymnastik für die Jugend“ als Grundlage für die Leibeserziehung junger Menschen zu „würdigen Vaterlandsverteidigern“ geschrieben und neben seiner Schule den ersten Sportplatz in Deutschland hatte anlegen lassen. Der Besuch gab Ludwig Jahn einige Anregungen. 1809 ging Jahn nach Berlin, 1810 erschien seine Schrift „Deutsches Volksthum“, eine Sammlung dessen, was er über Deutschtum, Volk, Kultur, Vaterland, Nationalgefühl und Volkserziehung zusammengetragen hatte. In der Berliner Hasenheide ließ er 1811 den ersten öffentlichen Turnplatz in Deutschland anlegen.

Neben der Leichtathletik wurde das Turnen an den Geräten wie Pferd, Klettergerüst, Ringe und Schwebebalken, die er von den Philanthropen übernommen hatte, bevorzugt. Neu entwickelt hatte Jahn das Barren- und Reckturnen, aber ebenso zog er Schwimmen, Fechten und Wandern in seine Übungen ein, die alle sehr deutsche Namen haben: Bauchwelle, Kreuzbiege oder Affensprung. Bereits 1812 entstand aus dem losen Turnbetrieb eine fest organisierte Turngesellschaft mit Gesetz und Ordnung. Das Turnen wurde damit die erste öffentliche Einrichtung des organisierten politischen Nationalismus: „Dem ging es schlicht und einfach um die Schaffung einer Art jugendlich-männlicher Guerilla“, behauptet der Sporthistoriker Hans Joachim Teichler im WDR.

Denkmal in Hasenheide. Quelle: Von statue: Erdmann Encke; photo: James Steakley – photographed in the Hasenheide, Berlin, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=6218071

Zu den Besonderheiten der nationalen Turnbewegung, wie sie durch Jahn vertreten wurde, gehörten die Aufhebung ständischer Schranken im Umgang miteinander und das Tragen einheitlicher Turnkleidung: Ein grauer Drillichanzug. Seit 1813 setzte sich die Bezeichnung „Turnvater Jahn“ durch. Ein Zeitgenosse charakterisierte Jahn so: „Man sah ihn nicht viel anders als in seiner Turnkleidung mit nacktem Halse und unbedeckter kahler Glatze, die feinen Augen fest in die Weite gerichtet. Seine Ausdrucksweise war kurz, derb, oft voll selbstgeschaffener, aber sehr bezeichnender Worte. Sein Witz war in der Regel ebenso beißend, wie treffend; die Franzosen haßte er wüthend. Die turnende Jugend enthusiassmierte er und sie folgte ihm blindlings (…)“.

Mit dem Beginn der Befreiungskriege 1813 traten viele Turner, auch Friedrich Ludwig Jahn, als Freiwillige in das Lützowsche Freikorps ein. Nach erfolgreichem Ende des Krieges wurde Jahn für seine Verdienste ein Ehrensold zugesprochen, der ihn für den Rest seines Lebens absicherte und der Not eines Brotberufes enthob. Die nationale Turnbewegung begann sich jetzt erst richtig zu entwickeln. Auf der Berliner Hasenheide fanden regelmäßige Turnveranstaltungen statt. Nationale Ansprachen, Rezitationen und vaterländische Lieder umrahmten den Übungsbetrieb. Vorturner wurden ausgebildet und trugen den Sport in andere Regionen. 1815 gründeten Studenten – Turner und ehemalige Lützower – in Jena nach Jahns Ideen die erste deutsche Burschenschaft.

1816 veröffentlichte Friedrich Ludwig Jahn gemeinsam mit Ernst Eiselen „Die Deutsche Turnkunst“, ein Buch über das Turnen und die Ausstattung von Turnplätzen, das ein getreues Spiegelbild des Turnbetriebes auf der Berliner Hasenheide war und zum Bestseller wurde. Darin fand sich auch sein Turnerwahlspruch „Frisch, fromm, fröhlich, frei“. Jahn nannte darin etwa zahlreiche Laufarten: Das Rennen, den Schlängellauf, den Zickzacklauf, den „Rücklauf“ (Rückwärtslaufen) und den Sturmlauf hinauf auf eine Anhöhe. Alle Laufübungen konnten als Schnelllauf oder Dauerlauf und als Lastlauf mit Gepäck oder Lediglauf ohne Gepäck betrieben werden.

Historische Darstellung des Turnplatzes. Quelle: https://www.tagesspiegel.de/sport/images/der-turnplatz-auf-der-hasenheide-in-berlin/alternates/BASE_21_9_W1000/der-turnplatz-auf-der-hasenheide-in-berlin.jpeg

Jahn hielt Vorträge zum „deutschen Volkstum“ und beteiligte sich an den Vorbereitungen zum Wartburgfest 1817. Die Karlsbader Beschlüsse brachten Turner und Burschenschaftler jedoch in den Verdacht der Staatsfeindlichkeit. Der preußische König Friedrich Wilhelm III. verbot 1819 das öffentliche Turnen in Preußen und schloss die Hasenheide. 1825 wurde Jahn gar wegen staatsfeindlicher Äußerungen verhaftet und in der Festung Kolberg inhaftiert. Jahn sagte rückblickend auf diese Verhaftung, dass er bei Anlegung der Ketten den „Glauben an die Menschheit“ verlor. Jahn wurde zu zwei Jahren Haft wegen „frecher Äußerungen gegen Staat und Verfassung“ verurteilt. In der Berufungsverhandlung konnte er einen Freispruch erwirken, erhielt aber ein Aufenthaltsverbot für Berlin und andere Universitäts- und Gymnasialstädte. Der Dichter E.T.A. Hoffmann, der nach 1814 als Richter am Kammergericht Berlin angestellt war, hatte mit über den Fall Jahn zu entscheiden gehabt und sich für ihn eingesetzt.

„Ehre, Freiheit, Vaterland“

Ludwig Jahn ging nach Freyburg/Unstrut und stand fortan unter polizeilicher Aufsicht. Das Turn- und Burschenschaftswesen agitierte im Geheimen weiter. Jahn nahm Kontakt zu Merseburger Gymnasiasten auf, weswegen er 1828 zeitweilig ins thüringische Kölleda verwiesen wurde. Mit der Thronbesteigung Friedrich Wilhelms IV. wurde Jahn rehabilitiert, 1842 das öffentliche Turnen wieder zugelassen und Turnen als Schulfach eingerichtet. Aus den Anfangsbuchstaben des Turnerwahlspruches, den vier F, formte der Darmstädter Kupferstecher Heinrich Felsing 1843/46 das Turnerkreuz. Der fünfzig Jahre später gegründete sozialistische Arbeiter-Turnerbund wandelte das Jahnsche Motto in einen neuen Wahlspruch um: Frisch – Frei – Stark – Treu.

1848 wurde Ludwig Jahn im Merseburger Wahlkreis zum Abgeordneten der Frankfurter Nationalversammlung gewählt. Seine 1849 gehaltene Parlamentsrede war eine Rückschau auf sein Lebenswerk: „Mein Schild führt drei Farben: Schwarz-rot und gold, und darin steht Ehre, Freiheit, Vaterland“. Das Revolutionäre, für das er einst gestanden hatte, ging ihm nun komplett ab: Der alte Turnvater trat in der Zeit des gesellschaftlichen Umbruchs als Verteidiger Preußens und der Monarchie auf. „Er war zu dieser Zeit völlig aus der Welt gefallen“, sagt Teichler dem Tagesspiegel.

Jahndenkmal an der Erinnerungsturnhalle in Freyburg (Unstrut), erbaut 1894. Quelle: Von MOdmate – own work /self made, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=916312

Er wurde an der Stirnseite der ersten deutschen Turnhalle in Freyburg beigesetzt. Aus Anlass der Olympischen Spiele in Berlin 1936 wurden seine Gebeine umgebettet. Sie fanden ihre letzte Ruhestätte im Ehrenhof seines Wohnhauses, das er 1838/39 erbaut hatte und heute sein Museum beherbergt. „Zurück zu Jahn, es gibt kein besseres Vorwärts!“, lautete das Motto des ersten Turnfestes unter dem NS-Regime. Der Deutsche Turnerbund verleiht die Friedrich-Ludwig-Jahn-Plakette als höchste Auszeichnung. Die Initiative „Sport ohne Turnväter“ fordert bereits seit 2011 eine Umbenennung des Berliner Jahn-Sportparks, 2018 forderte der Bezirk Pankow den Berliner Senat auf, eine Namensänderung zu prüfen.

„Jahn wurde er in der DDR als Muster-Sozialist verehrt. Das war er bestimmt nicht. Vorher feierten ihn die Nazis als ‚arischen Soldaten‘. Das war er auch nicht. Aus heutiger Sicht war er eher ein grüner Fundi, wehrte sich gegen Autoritäten und […] gehört zu den Erfindern des typisch deutschen Gesundheitskults“, bilanzierte Gunnar Schupelius in der BZ. Galt er in der DDR als bürgerlicher Rebell, feierte ihn die Bundesrepublik als sozialen Pädagogen. Zeitgenossen nannten ihn einen „Romantiker der Tat“. Heinrich Heine verspottet seine Haltung als „idealistisches Flegeltum“. „Jedes politische Regime – von der Diktatur bis zur Demokratie – schuf sich sein eigenes Jahn-Bild“, so Oliver Ohmann auf den Seiten der Deutschen Sporthilfe. „Und es passte immer“.

Der eiserne Feldherr

Nachdem seine Verlobte 17jährig an Tuberkulose verstorben war, trauerte er acht Jahre, bevor er eine andere Frau heiratete – und sandte bis an sein Lebensende jedes Jahr zu ihrem Todestag einen Kranz an ihr Grab. Er war vielfacher Ehrendoktor, mehrhundertfacher Namenspate von Straßen und Plätzen, ihm wurden allein 3824 Ehrenbürgerschaften zuteil – von denen nach 1945 viele eine Umbenennung oder Aberkennung erfuhren, zuletzt 2020 in Berlin. Und er ist bis heute das einzige deutsche Staatsoberhaupt, das je vom Volk direkt gewählt wurde: Paul Ludwig Hans Anton von Beneckendorff und von Hindenburg, der am 2. Oktober vor 175 Jahren als erster von zwei Söhnen eines preußischen Offiziers und Gutsbesitzers und einer Arzttochter in Posen geboren wurde. Sein elf Jahre jüngerer Bruder Bernhard wird 1915 die erste Biografie des Soldatenpolitikers verfassen.

Ab 1859 besucht Hindenburg kurzzeitig das Gymnasium und wechselt dann – seine Militärlaufbahn ist vorgegeben – zur Kadettenanstalt in Wahlstatt und später nach Berlin. 1865 wurde er Königin Elisabeth, der Witwe des verstorbenen preußischen Königs Friedrich Wilhelm IV., als Leibpage zugeteilt und im April 1866 als Leutnant in das 3. Garderegiment zu Fuß aufgenommen. Als solcher nahm er an der Schlacht von Königgrätz teil. Im Deutsch-Französischen Krieg ist er in der Schlacht von Sedan dabei, und er repräsentierte sein Garderegiment bei der Kaiserproklamation im Spiegelsaal des Schlosses von Versailles. 1879 heiratete er die Offizierstochter und Philanthropin Gertrud von Sperling und bekommt mit ihr zwei Töchter und einen Sohn. Ein weiterer Sohn wird 1881 tot geboren. Hindenburg sah in seiner Frau, wie er selbst schrieb, „eine liebende Gattin, die treulich und unermüdlich Freud und Leid, alle Sorge und Arbeit mit mir teilte und so mein bester Freund und Kamerad wurde“.

Paul von Hindenburg. Quelle: Von Bundesarchiv, Bild 183-R17289 / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 de, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=5436370

Die nächsten 40 Jahre verfolgte er nach dem Besuch der Berliner Kriegsakademie, die er mit der Qualifikation für den Generalstab verließ, seine Militärlaufbahn an wechselnden Orten. 1877 wurde er in den Großen Generalstab versetzt und gehörte 1888 zu den Offizieren, die am aufgebahrten Leichnam Kaiser Wilhelms I. Totenwache hielten. 1890 leitete er die II. Abteilung im Kriegsministerium und wurde im Jahr darauf Oberstleutnant. 1893 kommandierte er das Oldenburgische Infanterieregiment Nr. 91, ein Jahr später wurde er zum Oberst befördert. 1896 wurde er Chef des Generalstabes des VIII. Armee-Korps in Koblenz und im Jahr darauf zum Generalmajor ernannt. 1900 folgte seine Beförderung zum Generalleutnant und die Ernennung zum Kommandeur der 28. Division in Karlsruhe. 1903 wurde er zum Kommandierenden General des IV. Armee-Korps in Magdeburg ernannt und 1905 zum General der Infanterie befördert. Zuletzt im Rang eines Kommandierenden Generals in Magdeburg, nimmt er 1911 Abschied aus dem Militärdienst und lässt sich in Hannover nieder. 

Mythos des „Siegers von Tannenberg“

Drei Wochen nach Beginn des Ersten Weltkriegs wird Hindenburg reaktiviert und übernimmt die 8. Armee als Oberbefehlshaber mit Erich Ludendorff als Stabschef, „weil ihm im Gegensatz zu seinem Vorgänger die überlegene Ruhe des Gewährenlassens gegenüber dem eigenwilligen, energisch kraftvollen neuen Chef zugetraut wurde“, so Hindenburgs Biograph Werner Conze. „Ludendorff blieb im Kriege stets der erste Mitarbeiter Hindenburgs, überragte ihn aber in der Führungskunst an Entschlusskraft und Arbeitsleistung. Er prägte Hindenburg seinen Willen sowohl militärisch wie politisch auf, ohne dass Hindenburg dies als Fremdbestimmung empfunden hätte; denn militärisch kamen beide erfahrenen Generalstäbler aus Schlieffens Schule und fanden sich auch politisch in gleicher Gesinnung zusammen.“

Beide schlugen die nach Ostpreußen eingedrungene russische Narew-Armee in einer Umfassungs- und Vernichtungsschlacht vom 26. bis zum 30. August 1914. Dieser Sieg begründete Hindenburgs außerordentliches Prestige, das ihn im weiteren Verlauf des Krieges zum mächtigsten Mann in Deutschland machen sollte. An diesem politischen Mythos, der sich um seine Person und den Sieg ranken sollte, arbeitete er selbst aktiv mit und setzte unmittelbar nach der Schlacht durch, dass sie nach dem vom Kampfgeschehen am Rande betroffenen Ort Tannenberg genannt werden sollte. Denn in der Schlacht bei Tannenberg – auch: Schlacht bei Grunwald – hatte 1410 ein polnisch-litauisches Heer den Deutschen Orden vernichtend geschlagen, eine „Scharte“, die Hindenburg durch die Namensgebung auszuwetzen versuchte.

Russische Gefangene nach der Schlacht bei Tannenberg. Quelle: Von website: Ray Mentzer (atominfo@aol.com); photographer unknown – Photos of the Great War, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=196215

Der triumphale Sieg brachte ihm die Ernennung zum Generalfeldmarschall, die Verleihung des Sterns zum Großkreuz des Eisernen Kreuzes und 1915 die Ehre der damals größten deutschen Nagelfigur in Berlin.  Mit dem Mythos des „Siegers von Tannenberg“ erhält Hindenburg das Oberkommando über alle deutschen Truppen der Ostfront (OberOst) und übernimmt 1916 mit Ludendorff als Erstem Generalquartiermeister die Oberste Heeresleitung (OHL). Sie gewann schnell an Einfluss auf die Politik des Deutschen Reiches und entmachtete praktisch Wilhelm II. Hindenburg war dabei (mit)verantwortlich für entscheidende Weichenstellungen im Krieg wie die Eröffnung des uneingeschränkten U-Boot-Krieges, die Ablehnung eines Verständigungsfriedens und die Diktatfrieden von Brest-Litowsk und Bukarest.

Die Machtfülle von Hindenburg und Ludendorff war so groß, dass verschiedene Zeitgenossen wie unter anderem Max Weber von einer regelrechten „Militärdiktatur“ sprachen. Andere Historiker weisen dagegen darauf hin, dass die Machtausübung der OHL nicht im strengen Sinne als Militärdiktatur gewertet werden könne, da sie die politische Führung nie verantwortlich übernommen habe und durchaus auch innenpolitisch an Grenzen gestoßen sei, und sprechen von einer Sonderform der charismatischen Herrschaft. Die dem „Vaterländischen Hilfsdienstgesetz“ von 1916 zugrundeliegenden Vorbereitungen deckte Hindenburg mit seinem Namen und drängte auf die Entlassung des Reichskanzlers von Bethmann Hollweg.

Ende September 1918 fordert die OHL nach dem Scheitern der Frühjahrsoffensive sofortige Waffenstillstandsverhandlungen und eine parlamentarische Regierung. Am 9.11.1918 riet Hindenburg zum Übertritt Wilhelms II. nach Holland, woraus unerquickliche Kontroversen, eine Vertrauenskrise zwischen dem ehemaligen Kaiser und ihm sowie ein lebenslanges Trauma Hindenburgs folgten. Der Übergang von der Monarchie zur Republik gelang unter den Bedingungen der Niederlage, materieller Not und Revolutionsgefahr verhältnismäßig reibungslos. Hindenburg, geachtet vom größten Teil des Volkes und der Front, wurde von Friedrich Ebert und der SPD-Mehrheit für unentbehrlich gehalten, drängte am 10. November auf schnelle Unterzeichnung des Waffenstillstandsvertrags und stellte sich der neuen Regierung zur Verfügung, um das Frontheer geordnet zurückzuführen und, mit Hilfe der Arbeiter- und Soldatenräte, Ruhe und Ordnung aufrechterhalten zu helfen.

„von hinten erdolcht“

Mit Abschluss des Versailler Vertrages im Juli 1919 gewährte Reichspräsident Ebert Hindenburg auf dessen Wunsch den Abschied. Vor dem Untersuchungsausschuss für die Schuldfragen des Weltkrieges der Weimarer Nationalversammlung verbreitete Hindenburg am 18. November 1919 die „Dolchstoßlegende“, deren Text wahrscheinlich der deutschnationale Politiker Karl Helfferich in Absprache mit Ludendorff verfasst hatte: Ein Sieg über die Entente wäre danach möglich gewesen, „wenn die geschlossene und einheitliche Zusammenwirkung von Heer und Heimat eingetreten wäre“. Dass sie nicht eingetreten sei, sei darauf zurückzuführen, dass „die deutsche Armee […] von hinten erdolcht“ worden wäre, eine Metapher, die er dem englischen General Frederick Maurice zuschrieb – dem sie von der NZZ fälschlich in den Mund gelegt worden war. Die Entscheidung, den Waffenstillstand abzuschließen, kam aber nicht von der revolutionären Regierung, sondern war noch vor der Novemberrevolution von der letzten kaiserlichen Regierung getroffen worden.

Hindenburg und Ludendorff. Quelle: Von Bundesarchiv, Bild 146-1987-127-09A / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 de, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=5483400

Der General, der sich erneut nach Hannover zurückgezogen hatte, das ihn im August 1915 zum Ehrenbürger ernannt und ihm im Oktober 1918 im Zooviertel eine Villa zum lebenslangen Nießbrauch überlassen hatte, unternahm viele Reisen durch das Reich, besonders durch Ostpreußen, wo er sich als Befreier Ostpreußens einer großen Popularität erfreute. 1921 wurde er Vorsitzender der Deutschenhilfe. Nachdem beim ersten Wahlgang zur Reichspräsidentenwahl am 29. März 1925 kein Kandidat eine absolute Mehrheit erreicht hatte, fragten die Rechtsparteien bei dem parteilosen Hindenburg eine Kandidatur an. Der 77-Jährige äußerte sich zunächst zögerlich, stimmte jedoch schließlich zu und wird mit einer relativen Mehrheit vor dem Kandidaten des Zentrums Wilhelm Marx gewählt. Er sollte ein von den demokratischen Parteien weitgehend anerkannter Präsident werden, dessen politische Amnestie von 1925 die umfangreichste in Deutschland bis 1932 wird. 

Im antisemitischen Lager erntete Hindenburg 1927 Kritik, weil er sich für ein Staatsporträt von „dem Juden Liebermann“ malen ließ. Nachdem er 1930 den Young-Plan unterschrieben hatte, der von den rechtsradikalen Parteien als Verpflichtung zu jahrzehntelanger „Versklavung“ des Volkes hingestellt wurde, rückten seine ehemaligen politischen Freunde immer mehr von ihm ab. Hindenburg beschloss, die derzeit regierende Große Koalition unter Kanzler Hermann Müller (SPD) durch eine „antimarxistische und antiparlamentarische“ Regierung zu ersetzen. Die Gelegenheit hierzu ergab sich, nachdem die Große Koalition an der Frage des Beitragssatzes zur Arbeitslosenversicherung zerbrochen war: Ende März 1930 beruft er, ohne das Parlament einzuschalten, Heinrich Brüning zum Reichskanzler. Mit dieser Ernennung beginnt die Zeit der Präsidialkabinette. 

„Mangel an Urteilskraft“

Widerwillig fügte sich Hindenburg 1932 der Tatsache, dass nur er noch für populär genug gehalten werden konnte, in der durch die Weltwirtschaftskrise polarisierten Gesellschaft gegen den aufstrebenden Hitler den Wahlsieg davonzutragen. Reichswehrminister Groener musste feststellen: „Der Alte vom Berge will sich nicht küren lassen, wenn nicht auch die Rechtser mitmachen“. Dass er, verglichen mit 1925, gleichsam mit verkehrter Front, das heißt von links und der Mitte gegen rechts gewählt wurde, hat er kaum verwinden können. Nachdem er im 2. Wahlgang mit der absoluten Mehrheit von 53% vor Hitler mit 37% und Thälmann mit 10% gewählt worden war, entlässt das zweite Kabinett Brüning und ernennt Franz von Papen zum Reichskanzler – lehnt jedoch im November 1932 Hindenburg eine befristete Diktatur Papens als Ausweg aus der staatspolitischen Krise ab.

Stimmzettel 1932. Quelle: Von Reichspräsidentenwahl 1932 – Präsidentenwahl, 1932, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=134735

Spätestens seitdem war er „dem Vorgehen Hitlers aus Mangel an Urteilskraft und Information mehr oder weniger hilflos ausgeliefert“, befindet Conze – obwohl er diesen anfangs abschätzig den „böhmischen Gefreiten“ nannte. Nach dem Zwischenreich mit Kurt von Schleicher als Reichskanzler beruft Hindenburg am 30. Januar Hitler zum Reichskanzler. Am 28. Februar ebnet er mit der Unterzeichnung der „Verordnung zum Schutz von Volk und Staat“ den Weg in die nationalsozialistische Diktatur. Am 21. März 1933, dem sogenannten „Tag von Potsdam“, wurde der neu gewählte Reichstag in der Potsdamer Garnisonkirche, der Grablege Friedrichs des Großen, eröffnet: Durch eine Verneigung Hitlers vor dem greisen Reichspräsidenten wurde eine symbolträchtige Kontinuität zwischen der Kaiserzeit und dem Dritten Reich hergestellt und Hindenburgs hohes Ansehen für das neue Regime instrumentalisiert und vereinnahmt. Hindenburg reagierte zu Tränen gerührt auf die Huldigung Hitlers.

„In den letzten Lebensmonaten ist Hindenburg teils infolge Nachlassens seiner Kraft, teils infolge der von Hitler bewerkstelligten Isolierung schon mehr und mehr ausgeschaltet gewesen“, so Conze. Er verfasste noch ein „politisches Testament“, in dem er Hitler persönlich die Wiedereinführung der Monarchie empfahl. Mit seinem Tode sollte das Amt des Reichspräsidenten erlöschen, das auf Grund eines schon vorher verabschiedeten Gesetzes mit dem des Reichskanzlers vereinigt wurde – die Reichswehr leistet nun ihren Eid auf Hitlers Person. Hindenburgs längst erhoffter Tod am 2. August in Neudeck südlich von Danzig gab Hitler den Weg noch unbehinderter als zuvor frei. Er wird auf Hitlers Betreiben im Denkmal von Tannenberg beigesetzt. Anfang 1945 wurden nach einer Irrfahrt über Königsberg und Stettin seine Gebeine nebst vielen anderen historischen Relikten im thüringischen Bernterode eingelagert, dort von der US-Army entdeckt und nach Marburg gebracht. Dort fanden Hindenburg und seine Frau in der Nordturmkapelle der Elisabethkirche ihre letzte Ruhestätte.

Beisetzung im Tannenberg-Denkmal- Quelle: Von Bundesarchiv, Bild 183-2006-0429-502 / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 de, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=5348669

Seiner Überzeugung nach stören Parteien den „Zusammenhalt der Nation“. Nach dem „Eisernen Kanzler“ Bismarck galt er als „Eiserner Feldherr“, ja „Ersatzkaiser“. Seine Bedeutung sei jedoch nach dem 1. Weltkrieg von einem großen Teil der Nation überschätzt worden, bilanziert Conze. 1925 – 33 sei er überfordert gewesen, „als er aus dem militärischen Bereich herauszutreten und eine politische Führungsrolle zu spielen genötigt war. Sein Ausharren im Dienst, inmitten einer weithin fremden, ja zum Teil von ihm missachteten Umwelt, hat zum Scheitern der demokratischen Republik beigetragen“. So war „der im Kriege gefeierte Feldherr als Greis in eine für ihn ausweglose Tragik verstrickt gewesen“. Die innere Einigung der Nation, wie sie angeblich bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs im August 1914 existiert hatte, konnte seiner Ansicht nach nur wieder gelingen, wenn die nationalsozialistische Bewegung mit eingebunden und so die völlig zerstrittene politische Rechte zusammengeführt werde. Das gelang – mit verheerenden Konsequenzen.

Er schrieb schon als Erstklässler im Gymnasium einen Roman über die Kreuzzüge – und bestand doch seine Baccalauréats-Prüfungen nicht. Er gilt neben Stendhal, Balzac, Flaubert, Hugo und Maupassant als einer der großen französischen Erzähler des 19. Jahrhunderts – und wurde zugleich als unmoralischster Schriftsteller des 19. Jahrhunderts kritisiert. Und er starb am 29. September 1902 an einer Kohlenmonoxidvergiftung, offenbar durch einen verstopften Kamin, in seinem Pariser Haus – ob Unfall, politisch motivierter Mord oder Selbstmord, ist bis heute unklar: Émile Édouard Charles Antoine Zola.

Der Sohn eines italienischen Ingenieurs und einer französischen Mutter wurde am 2. April 1840 in Paris geboren, blieb Einzelkind und wurde als Siebenjähriger Halbwaise: Seine Mutter, zu der er zeitlebens ein enges Verhältnis hat, heiratete nicht wieder und brachte ihren Sohn alleine durch. Während seiner Schulzeit in Aix-en-Provence freundete er sich mit Paul Cézanne an, der ihm die graphischen Künste nahebrachte. Trotz seiner ärmlichen Kindheit hatte er von Anbeginn eine starke Leidenschaft für Literatur, las viel und setzte sich bald das Ziel, selbst professionell zu schreiben. Doch nach nicht bestandenem Abitur 1859 lebt er drei Jahre arbeitslos in Paris. Die in dieser Zeit gesammelten Erfahrungen vom Leben der Armen sollen ihm später in seiner schriftstellerischen Arbeit nützlich sein.

Zola um 1910. Quelle: Von Nadar – plain photo, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=788555

Zolas erste Liebe 1860 war eine Prostituierte namens Berthe, die er „aus der Gosse holen“ und ihr die Lust auf Arbeit zurückgeben wollte. Sein Idealismus scheiterte an der Realität der Armenviertel von Paris, was er in seinem ersten Roman verarbeiten wird. 1862 nahm ihn Louis Hachette als Angestellten in seiner Buchhandlung auf, kurz darauf wurde Zola als Franzose eingebürgert. Er blieb vier Jahre in der Werbeabteilung von Hachette als eine Art Pressesprecher. Zola lernte nicht nur alle Techniken der Herstellung und Vermarktung von Büchern kennen, sondern knüpfte auch viele Kontakte in die Welt der Literatur. Nach harter Arbeit in seiner Freizeit gelang es ihm, seine ersten Artikel und sein erstes Buch „Erzählungen an Ninon“ (1864) zu veröffentlichen.

„das dumpfe Wirken der Leidenschaften“

Im selben Jahr machte Zola die Bekanntschaft von Éléonore-Alexandrine Meley, zog im Jahr darauf zu ihr, heiratete sie wegen Vorbehalten seiner Mutter aber erst weitere fünf Jahre später. Ab 1863 arbeitete Zola gelegentlich und ab 1866 regelmäßig an den Rubriken zur literarischen und künstlerischen Kritik von verschiedenen Zeitungen mit. Das erlaubte ihm, seine Schriften nicht nur schnell zu veröffentlichen und seine Qualitäten als Schriftsteller einem breiten Publikum zu zeigen, sondern auch seine Einkünfte zu steigern. Bis zuletzt empfahl Zola allen Nachwuchsschriftstellern, die ihn um Rat fragten, zunächst in Zeitungen zu veröffentlichen.

1866 trennte er sich von Hachette und lebte als freier Schriftsteller. Bis 1881 veröffentlichte er neben Literatur-, Theater- und Kunstkritik in der Presse über 100 Erzählungen und Feuilleton-Romane. Er bediente sich dabei eines polemischen Journalismus, indem er seinen Hass, aber auch seinen Geschmack zeigte und seine ästhetischen wie auch politischen Positionen hervorhob. Zola beherrschte das journalistische Handwerk perfekt, sandte für seine frühen Werke sogar vorgefertigte Berichte an Pariser Literaturkritiker persönlich und erhielt von ihnen zahlreiche Rückmeldungen.

DDR-Ausgabe der Rougon-Macquart. Quelle: https://images.booklooker.de/x/01nnVZ/Emile-Zola+Die-Rougon-Macquart-Natur-und-Sozialgeschichte-einer-Familie-unter-dem-Zweiten.jpg

1867 hatte Émile Zola mit seinem dritten Roman „Thérèse Raquin“ bereits Aufsehen erregt. Das Vorwort zur zweiten Auflage 1868, in dem Zola sich gegen seine gutbürgerlichen Kritiker und ihren Vorwurf der Geschmacklosigkeit verteidigt, wurde zum Manifest der jungen naturalistischen Schule: „Ich habe in diesen Tieren Schritt für Schritt das dumpfe Wirken der Leidenschaften, das Drängen des Naturtriebes und die infolge einer Nervenkrisis eingetretenen Verwirrungen des Gehirns zu verfolgen versucht. Ich habe einfach an zwei lebenden Körpern die zergliedernde Arbeit vorgenommen, welche Chirurgen an Leichen vornehmen.“ Damit beeinflusst er die Kunst in Frankreich, Deutschland, Russland und Skandinavien und wird Wegbereiter der modernen Strömungen des 20. Jahrhunderts.

1869 begann er mit der Arbeit an dem monumentalen Zyklus „Die Rougon-Macquart“, die ihn mehr als zwanzig Jahre lang beschäftigen sollte. Ab 1871 veröffentlichte er einen Roman pro Jahr, außerdem journalistische Beiträge und Theaterstücke – er wird sich „kein Tag ohne eine Zeile“ als Motto über seinen Kamin malen lassen. Der Romanzyklus stellt im Sinne eines „Mikrokosmos“ Aspekte der französischen Gesellschaft dar. Gestützt auf darwinistische und deterministische Vererbungs- und Milieulehren, schildert er die Verfallsgeschichte einer Familie. Für Zola bestand die Welt nicht aus Gut und Böse, sondern aus Sein und Handeln. Seine sinnlichen und teilweise obszönen Werke vertraten eine neue Kultur, die Kritiker unmoralisch nannten. Als einer der ersten wandte Zola dokumentarische Verfahren an, besuchte mit dem Notizbuch in der Hand die Absteigen der armen Pariser, frequentierte die Halbwelt und die Hochfinanz.

J’accus. Quelle: Von Émile Zola – Scan of L’Aurore, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=784807

Von Februar 1871 bis August 1872 produzierte er aber auch mehr als 250 kritische Artikel zur Tätigkeit des Parlaments während des deutsch-französischen Krieges. In mutiger bis tollkühner Weise griff Zola dessen führende Köpfe an. Er beschimpfte das Parlament als ein „schüchternes, reaktionäres und […] manipuliertes Haus“. Im März 1871 wurde er zweimal verhaftet, kam aber beide Male am gleichen Tag wieder frei. Den politischen Stoff verarbeitete er später auch in seinen Romanen. Nachdem Zola jahrelang mit erheblichen finanziellen Schwierigkeiten zu kämpfen hatte, besserte sich seine Lage nach dem großen Erfolg von „Der Totschläger“ (1877), so dass er ein Landhaus in Médan erwerben konnte, das zu einem geistigen Zentrum wurde: Mit jungen Autoren wie Maupassant, Huysmans und anderen bildete er die Gruppe der sechs, die auch in einem Novellenzyklus vorkommt.

„Gesundung der Menschheit“

1880 erscheint „Nana“, die Geschichte einer Prostituierten. Seine Werke werden kontrovers diskutiert und teilweise als Pornografie diffamiert. Er hält die Auseinandersetzungen um seine Person für die beste Werbung für sein literarisches Werk. Sein theoretisches Konzept legt er in dem Essay „Der Experimentalroman“ nieder. Literatur solle in die von der Wissenschaft noch unerforschten Gebiete der Menschenwelt eindringen, um durch das Aufdecken ihrer Krankheitssymptome zur Erhaltung und Gesundung der Menschheit beizutragen. Er fordert, dass Kunst wirklichkeitsgetreu sein müsse. Im selben Jahr fällt er nach dem Tod seiner Mutter in Depressionen.

1885 erreicht „Germinal“, in dem Zola das Bergarbeitermilieu beschreibt, Rekordauflagen; er wird zu einem der meistgelesenen Schriftsteller seiner Zeit. Im Jahr darauf endet die Freundschaft mit Cézanne in einem Zerwürfnis, weil der sich im Roman „Das Werk“ in der Figur des scheiternden Künstlers Lantier wiedererkannte. 1888 beginnt er eine Liebesbeziehung mit der 20jährigen Wäscherin Jeanne Rozerot, mit der er zwei Kinder hat – seine Ehe blieb kinderlos. Zu Zolas Lebzeiten am erfolgreichsten war „Das Debakel“ (1892), dessen Handlung vor dem Hintergrund des Krieges von 1870/71 und der blutig unterdrückten Pariser Commune spielt. Zwischen 1894 und 1898 veröffentlichte er den dreibändigen Zyklus „Die Drei Städte“.

Grabkammer von Dumas, Zola und Hugo im Pantheon. Quelle: Von selbst erstellt – Eigenes Werk (Originaltext: selbst erstellt), Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=22496490

Auf dem Höhepunkt seines Ruhms ergriff Zola 1898 für den jüdischen Hauptmann Dreyfus Partei, der drei Jahre zuvor der Spionage für das Deutsche Reich bezichtigt worden war und unschuldig in Haft saß. Der offene Brief an den Präsidenten erschien am 13. Januar auf der Titelseite der Tageszeitung L’Aurore: „J’accuse“ (Ich klage an) lautete die Überschrift: „Ich klage den Oberstleutnant du Paty de Clam an, der teuflische Urheber eines Justizverbrechens zu sein und seit drei Jahren sein unheilvolles Werk mit den geschmacklosesten und verwerflichsten Machenschaften zu verteidigen. (…) Ich klage das Kriegsministerium an, in der Presse einen abscheulichen Feldzug geführt zu haben, um die öffentliche Meinung irrezuleiten.“

Ein politischer Skandal war die Folge, der das Land spaltete, aber zugleich den Anstoß für die Entstehung eines laizistischen Frankreichs gab. Gegen den Schriftsteller erging wegen Beleidigung der Armee ein Haftbefehl über ein Jahr. Zola flüchtete nach London, wo er bis zur Amnestie 1899 blieb und den Zyklus „Die vier Evangelisten“ begann. Nach seiner Rückkehr publizierte er die drei Bände „Fruchtbarkeit“, „Arbeit“ und „Wahrheit“ – der vierte „Gerechtigkeit“ blieb aufgrund seines unerwarteten Todes unvollendet. Eine Untersuchungskommission machte Experimente mit dem Ofen und kam zu dem Schluss, dass es sich um einen Unfall handelte.

„von der Willkür der Phantasie befreien“

„Seit dem Tode Goethes hat vielleicht keines Dichters Tod die Gebildeten erregt wie dieser“, befand Richard M. Meyer in seinem Nachruf in Die Woche. Meyer sieht Zolas Alleinstellungsmerkmal darin, dass es ihm gelang, eine „neue Aera der Litteratur [zu] schaffen, indem er sie von der Willkür der Phantasie befreien und völlig unter das Gesetz der wissenschaftlichen Technik stellen wollte“. Immer wieder betont der Literaturhistoriker Zolas Nähe zur Wissenschaft, vor allem zu Soziologie und Psychologie. Mit diesem Denken sei Zola tief in seiner (nun vergangenen) wissenschaftsgläubigen Zeit zuhause gewesen: „‚Psychologisch‘ war das Lieblingswort dieser Epoche“.

Verfilmung mit S. Signoret. Quelle: https://assets.cdn.moviepilot.de/files/5d1606246c5a246880ed8e4933d4e859a3fa42ab187bc5c54dfb34689090/limit/505/701/zzzzzzz.jpg

Am 4. Juni 1908 wurden die Überreste Zolas auf Anordnung der inzwischen linken französischen Regierung in das Panthéon überführt, wo er in einer Kammer mir Alexandre Dumas und Victor Hugo bestattet wurde. Bereits im frühen 20. Jahrhundert wurden viele von Zolas Romanen verfilmt, unter der Regie von William Dieterle entstand 1937 unter dem Titel „Das Leben des Emile Zola“ eine Filmbiografie mit Paul Muni in der Titelrolle. Er gilt bis heute als zugänglicher und lesbarer „Intellektueller“, der „eine ungeheure Kraft, Menschen zu zeichnen, die von einem dämonischen Verlangen ganz erfüllt sind“, entfaltet habe, wie Meyer schrieb. Außerdem lasse er „Landschaften leben. Er fühlt sich hinein, die Landschaft wird ihm wirklich ein ‚seelischer Zustand‘“.

„J’accuse“ stieg zu einem Beweis dafür auf, dass sich durch Sprache politische Wirkung erzielen lässt, wenn auch nicht sofort. Zolas Ausführungen hatten ihren Anteil an Alfred Dreyfus‘ Rückkehr nach Frankreich und daran, dass der spätere Präsident Émile Loubet den Militär unter der Bedingung begnadigte, auf Berufung zu verzichten. 1906 wurde Dreyfus völlig rehabilitiert, bekam ein Kommando im Ersten Weltkrieg und starb 1935. Der Text ist und bleibt ein Beispiel für einen pointierten Stil, der auch dann nichts beschönigt, wenn dem Autor Konsequenzen drohen; das Gegenteil jenes Gratismuts, der er heute viel zu oft in der Publizistik zu beobachten ist.

Drei unsterbliche Figuren hat er in die Weltliteratur eingeführt: „Don Quijote“, den verarmten Land-edelmann aus der Mancha, der „wider jeglichen Verstands“ auf seiner alten Stute Rosinante gegen die Ungerechtigkeit zu Felde zieht und einer goldenen Vergangenheit nachtrauert; seinen erdverbundenen Schildknappen Sancho Pansa, ohne dessen Realitätssinn er keines seiner Abenteuer überstanden hätte; und das etwas einfältige Bauernmädchen Dulcinea, das er als seine „Minneherrin“ vergöttert. Mit diesen Gestalten hat der spanische Schriftsteller eines der berühmtesten und meist übersetzten Bücher geschaffen, ja für viele den modernen westlichen Roman begründet: Miguel de Cervantes, der am 29. September vor 475 Jahren als drittes von sieben Kindern verarmter Adliger in Alcalá de Henares geboren wurde.

Der Sohn eines Wanderchirurgen studierte Theologie an den Universitäten von Salamanca und Madrid, wo er die Schriften des Aristoteles und des Erasmus von Rotterdam kennenlernte. Erste Gedichte erscheinen 1568 in einer Sammlung zum Andenken an die spanische Königin Elisabeth von Valois. Im Jahr darauf begleitet er vermutlich als Kammerdiener den späteren Kardinal Claudio Aquaviva nach Rom, wo er sich bald gründliche Kenntnisse der italienischen Sprache und Literatur aneignet. Die italienischen Erfahrungen hinterließen vor allem in seinem Novellenwerk deutliche inhaltliche und stilistische Spuren. Noch im gleichen Jahr trat er als unvermögender Hidalgo, dem kaum andere Karrierewege offenstanden, in eine in Neapel stationierte Einheit der spanischen Marine ein.

Porträt um 1600. Quelle: Von Juan de Jáuregui zugeschrieben – 1. Ursprung unbekannt2. cervantesvirtual.com3. The Bridgeman Art Library, Objekt 119216, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=676819

1571 kämpfte er in der Schlacht von Lepanto gegen die Türken und erhielt drei Schusswunden, darunter eine in den linken Unterarm. Dadurch blieb seine linke Hand dauerhaft gelähmt. Später schrieb er, er habe „die Fähigkeit, seine linke Hand zu bewegen, zum Ruhme seiner rechten verloren“. Nach weiteren Jahren in der spanischen Marine wurde Cervantes, als er sich im September 1575 an Bord einer Galeere auf der Heimreise befand, nach einem Angriff algerischer Korsaren als Sklave nach Algier verschleppt. Erst nach fünf Jahren und vier erfolglosen und halsbrecherischen Fluchtversuchen wurde er von Familie und Freunden freigekauft.

Als Steuereinnehmer inhaftiert

Nach seiner Rückkehr scheitern langfristig alle Versuche, seine Existenz wirtschaftlich abzusichern. Auch seine Arbeit als Schriftsteller ist finanziell zunächst wenig lukrativ, so dass er zwischen 1580 und 1582 als Soldat an den Kriegszügen Spaniens nach Portugal und auf die Azoren teilnimmt. 1584 heiratete er die 18 Jahre jüngere Catalina, Tochter eines wohlhabenden Bauern, von der er sich nach wenigen Jahren wieder trennt. Diese Verbindung blieb kinderlos, doch hatte er aus einer Affäre mit der Schauspielerin Ana Franca de Rojas eine Tochter, Isabel de Saavedra. In dem nach 1582 ohne größere Beachtung aufgeführten und erst 1615 veröffentlichten Theaterstück „Los tratos de Argel“ verarbeitete er seine Erfahrungen aus der Gefangenschaft.

Von seinem frühen dramatischen Schaffen, einer Reihe von über 20 „Comedias“, bleibt kaum etwas erhalten. Der Schäferroman „Die Galatea“ trägt ihm 1585 zwar einen gewissen literarischen Ruf ein, doch bleibt der Verkaufserlös gering. Cervantes verdient sich seinen Lebensunterhalt als Proviantkommissar der spanischen Flotte in Andalusien und schließlich als Steuereinnehmer in Granada und Malaga. Er erweist sich als wenig erfolgreich; seine Methoden resultieren in Defiziten. Da die Bauern nur leere Scheunen vorweisen konnten und er sich auch am Kircheneigentum vergriff, wurde er von einem Inquisitionsgericht exkommuniziert, und er kommt mehrmals für kurze Zeit ins Gefängnis.

Titelblatt des Quixote. Quelle: Von Miguel de Cervantes – Miguel de Cervantes Saavedra. El ingenioso hidalgo Don Quixote de la Mancha. Madrid: Juan de la Cuesta; 1605., Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=89167492

Hier beginnt er den ersten Teil des „Don Quijote“, dessen Held in tragisch-komischer Weise versucht, in einer veränderten Welt nach den Regeln des Rittertums zu leben, und den er auch selbst illustriert. Der Roman hat über die Jahrhunderte vielfältige Interpretationen erfahren: So wurde das Werk nicht nur als Parodie auf die Ritterromane der damaligen Zeit gesehen, sondern auch als Darstellung eines heroischen Idealismus, als Traktat über die Ausgrenzung des Autors selbst, als Geschichte eines Scheiterns oder als Kritik am spanischen Gesellschaftssystem. Es besteht in der Literaturwissenschaft bis heute kein Konsens über die eigentliche Aussage des Romans.

Die Dualität zwischen dem kleinen Dicken und dem großen Dünnen ist in der modernen Literatur seitdem immer wieder zu finden. Don Quijotes Kampf gegen die Windmühlen ist die bekannteste Episode des Romans. Sie spielt im Original nur eine untergeordnete Rolle, ist aber in den meisten modernen Bearbeitungen des Stoffes zentral. Einer häufigen Interpretation zufolge war das 17. Jahrhundert von diesem ausweglosen Kampf des Don Quijote gegen die gnadenlose Maschine fasziniert, weil der rasante technische Fortschritt damals den Machtverlust der Aristokratie vorantrieb. Die lächerliche Auflehnung des Junkers gegen Windmühlen war dafür das ideale Symbol. Der Roman brachte seinem Verfasser zwar den ersehnten Erfolg, doch verlor Cervantes das dadurch gewonnene Geld wieder.

„Roman der Desillusion“

Im Juli 1613 trat er der säkularen franziskanischen Bruderschaft bei und veröffentlichte die „Exemplarischen Novellen“, die als erste Novellen spanischer Sprache gelten, sehr erfolgreich wurden und bis heute aufgelegt werden. Darin greift er bevorzugt Themen des spanischen Alltagslebens auf, mit teils didaktischer, teils unterhaltsamer Tendenz. Die außergewöhnlichste der Novellen ist „Das Gespräch der Hunde“. Der zweite Teil des Quijote kam 1615 auf den Markt. In seinem Todesjahr vollendete er noch den Roman „Los Trabajos de Persiles y Sigismunda“, bevor er verarmt am 22. April 1616 in Madrid starb. Sein Grab auf dem Gelände des Klosters der Unbeschuhten Trinitarierinnen im Literatenviertel der Stadt wurde trotz aufwändiger Suche bis heute nicht eindeutig identifiziert.

Verfilmung von 1965. Quelle: https://a2.tvspielfilm.de/imedia/5769/1985769,dtXuD_9KFH4BVKhaapzB590vWQk0vsUnZafdOdclLXj+rb7uv2tsKyQsxSaYJctRZ5rJIEytDbP_o8xedKHyuA==.jpg

Cervantes gilt bis heute als spanischer Nationaldichter, als Luther und Goethe in einer Person. Der wichtigste Literaturpreis der spanischsprachigen Welt ist nach ihm benannt. Auch mehrere Theater tragen seinen Namen. Die 10-, 20- und 50-Cent-Münzen der spanischen Euromünzen tragen eine Cervantes-Abbildung. 1877 wurde ihm in Valladolid ein Denkmal gesetzt. Die internationale Cervantes-Literatur ist kaum mehr überschaubar. Vincent Sherman inszenierte 1967 mit „Cervantes – Der Abenteurer des Königs“ eine Filmbiografie nach dem Roman von Bruno Frank mit Horst Buchholz in der Titelrolle.

Der Quijote ist vielfach adaptiert, dramatisiert, vertont und verfilmt worden. Wieland, Schlegel und Kafka bezogen sich auf ihn; Bulgakow brachte ihn auf die Bühne; Telemann, Salieri und Ravel widmeten ihm Suiten, Opern und Lieder; und nach der ersten Verfilmung mit Pat und Patachon 1926 wurde er von Fjodor Schaljapin, Rex Harrison und selbst Christoph Maria Herbst sowie in einer Musicalfassung von Peter O’Toole verkörpert. Für Carlos Fuentes hat der Roman erstmals „ermöglicht, uns selbst zu verlassen und die Welt zu erschließen, und zwar mit Sinn für Ironie und Humor. Es ist ein Roman der Desillusion, der ambivalenten Wirklichkeit, ein Roman der Reise, der Dynamik, der Bewegung vom Verstand zum Wahnsinn.“

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