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Herzlich willkommen!

Als AfD-Landtagsfraktionspressesprecher und Freier Journalist für konservative Medien blogge ich unregelmäßig Betrachtungen zu Interessantem und Wissenswertem aus politischer und Alltagskultur. Ich schreibe regelmäßig für „Zuerst“ und habe unter dem Titel „Negerkuss und Nazistuss“ eine eigene Kolumne beim Tumult-Blog.

Als Bildungsbürger kommentiere/rezensiere ich vielerlei kulturelle Phänomene – vom Roman über den Musikergeburtstag bis zum Regisseurstod.

Als Dozent und Mitglied im Landesfachausschuss Bildung informiere ich Sie auf meiner Webpräsenz auch über meine Aktivitäten rings um die Themenkreise Hochschule, Wissenschaft, Medien und Kultur.

Und als Mensch lasse ich Sie gern an meinen freizeitlichen Aktivitäten teilhaben, zu denen nicht zuletzt Kochen gehört 😉

Warum gerade Betrachtungen?

Ich empfinde dieses Genre – eine Meinungsdarstellungsform übrigens – als eins der zeitgemäßen schlechthin.

Eine Betrachtung soll durch Beschreibungen und Schilderungen, Vergleiche und Annäherungen bis hin zur Analyse einem Ereignis, einer Situation, einem Gegenstand oder auch einem (gesellschafts-) politischen Problem Individualität verleihen: Recherche darf in gewissem Maße substitutiert werden durch Subjektivität.

Die Betrachtung ist durchaus mit derselben eines Kunstwerks in einer Ausstellung vergleichbar: man wählt zunächst die Gesamtschau und wechselt dann zu einzelnen Aspekten.

Dabei ist dem Genre eigen, dass die Prioritäten dieser Aspekte oft im Vagen bleiben: aus der Betrachtung erwächst ein Gedanke, der das formale Ziel darstellt.

Der Gegenstand darf dabei Randerscheinung eines größeren Zusammenhangs bleiben: „die Bedeutung des Unbeachteten birgt den Kern ihrer Aussage“ (Degen 2004).

Viel Spass beim Lesen – und natürlich beim Kommentieren!

Der eiserne Feldherr

Nachdem seine Verlobte 17jährig an Tuberkulose verstorben war, trauerte er acht Jahre, bevor er eine andere Frau heiratete – und sandte bis an sein Lebensende jedes Jahr zu ihrem Todestag einen Kranz an ihr Grab. Er war vielfacher Ehrendoktor, mehrhundertfacher Namenspate von Straßen und Plätzen, ihm wurden allein 3824 Ehrenbürgerschaften zuteil – von denen nach 1945 viele eine Umbenennung oder Aberkennung erfuhren, zuletzt 2020 in Berlin. Und er ist bis heute das einzige deutsche Staatsoberhaupt, das je vom Volk direkt gewählt wurde: Paul Ludwig Hans Anton von Beneckendorff und von Hindenburg, der am 2. Oktober vor 175 Jahren als erster von zwei Söhnen eines preußischen Offiziers und Gutsbesitzers und einer Arzttochter in Posen geboren wurde. Sein elf Jahre jüngerer Bruder Bernhard wird 1915 die erste Biografie des Soldatenpolitikers verfassen.

Ab 1859 besucht Hindenburg kurzzeitig das Gymnasium und wechselt dann – seine Militärlaufbahn ist vorgegeben – zur Kadettenanstalt in Wahlstatt und später nach Berlin. 1865 wurde er Königin Elisabeth, der Witwe des verstorbenen preußischen Königs Friedrich Wilhelm IV., als Leibpage zugeteilt und im April 1866 als Leutnant in das 3. Garderegiment zu Fuß aufgenommen. Als solcher nahm er an der Schlacht von Königgrätz teil. Im Deutsch-Französischen Krieg ist er in der Schlacht von Sedan dabei, und er repräsentierte sein Garderegiment bei der Kaiserproklamation im Spiegelsaal des Schlosses von Versailles. 1879 heiratete er die Offizierstochter und Philanthropin Gertrud von Sperling und bekommt mit ihr zwei Töchter und einen Sohn. Ein weiterer Sohn wird 1881 tot geboren. Hindenburg sah in seiner Frau, wie er selbst schrieb, „eine liebende Gattin, die treulich und unermüdlich Freud und Leid, alle Sorge und Arbeit mit mir teilte und so mein bester Freund und Kamerad wurde“.

Paul von Hindenburg. Quelle: Von Bundesarchiv, Bild 183-R17289 / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 de, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=5436370

Die nächsten 40 Jahre verfolgte er nach dem Besuch der Berliner Kriegsakademie, die er mit der Qualifikation für den Generalstab verließ, seine Militärlaufbahn an wechselnden Orten. 1877 wurde er in den Großen Generalstab versetzt und gehörte 1888 zu den Offizieren, die am aufgebahrten Leichnam Kaiser Wilhelms I. Totenwache hielten. 1890 leitete er die II. Abteilung im Kriegsministerium und wurde im Jahr darauf Oberstleutnant. 1893 kommandierte er das Oldenburgische Infanterieregiment Nr. 91, ein Jahr später wurde er zum Oberst befördert. 1896 wurde er Chef des Generalstabes des VIII. Armee-Korps in Koblenz und im Jahr darauf zum Generalmajor ernannt. 1900 folgte seine Beförderung zum Generalleutnant und die Ernennung zum Kommandeur der 28. Division in Karlsruhe. 1903 wurde er zum Kommandierenden General des IV. Armee-Korps in Magdeburg ernannt und 1905 zum General der Infanterie befördert. Zuletzt im Rang eines Kommandierenden Generals in Magdeburg, nimmt er 1911 Abschied aus dem Militärdienst und lässt sich in Hannover nieder. 

Mythos des „Siegers von Tannenberg“

Drei Wochen nach Beginn des Ersten Weltkriegs wird Hindenburg reaktiviert und übernimmt die 8. Armee als Oberbefehlshaber mit Erich Ludendorff als Stabschef, „weil ihm im Gegensatz zu seinem Vorgänger die überlegene Ruhe des Gewährenlassens gegenüber dem eigenwilligen, energisch kraftvollen neuen Chef zugetraut wurde“, so Hindenburgs Biograph Werner Conze. „Ludendorff blieb im Kriege stets der erste Mitarbeiter Hindenburgs, überragte ihn aber in der Führungskunst an Entschlusskraft und Arbeitsleistung. Er prägte Hindenburg seinen Willen sowohl militärisch wie politisch auf, ohne dass Hindenburg dies als Fremdbestimmung empfunden hätte; denn militärisch kamen beide erfahrenen Generalstäbler aus Schlieffens Schule und fanden sich auch politisch in gleicher Gesinnung zusammen.“

Beide schlugen die nach Ostpreußen eingedrungene russische Narew-Armee in einer Umfassungs- und Vernichtungsschlacht vom 26. bis zum 30. August 1914. Dieser Sieg begründete Hindenburgs außerordentliches Prestige, das ihn im weiteren Verlauf des Krieges zum mächtigsten Mann in Deutschland machen sollte. An diesem politischen Mythos, der sich um seine Person und den Sieg ranken sollte, arbeitete er selbst aktiv mit und setzte unmittelbar nach der Schlacht durch, dass sie nach dem vom Kampfgeschehen am Rande betroffenen Ort Tannenberg genannt werden sollte. Denn in der Schlacht bei Tannenberg – auch: Schlacht bei Grunwald – hatte 1410 ein polnisch-litauisches Heer den Deutschen Orden vernichtend geschlagen, eine „Scharte“, die Hindenburg durch die Namensgebung auszuwetzen versuchte.

Russische Gefangene nach der Schlacht bei Tannenberg. Quelle: Von website: Ray Mentzer (atominfo@aol.com); photographer unknown – Photos of the Great War, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=196215

Der triumphale Sieg brachte ihm die Ernennung zum Generalfeldmarschall, die Verleihung des Sterns zum Großkreuz des Eisernen Kreuzes und 1915 die Ehre der damals größten deutschen Nagelfigur in Berlin.  Mit dem Mythos des „Siegers von Tannenberg“ erhält Hindenburg das Oberkommando über alle deutschen Truppen der Ostfront (OberOst) und übernimmt 1916 mit Ludendorff als Erstem Generalquartiermeister die Oberste Heeresleitung (OHL). Sie gewann schnell an Einfluss auf die Politik des Deutschen Reiches und entmachtete praktisch Wilhelm II. Hindenburg war dabei (mit)verantwortlich für entscheidende Weichenstellungen im Krieg wie die Eröffnung des uneingeschränkten U-Boot-Krieges, die Ablehnung eines Verständigungsfriedens und die Diktatfrieden von Brest-Litowsk und Bukarest.

Die Machtfülle von Hindenburg und Ludendorff war so groß, dass verschiedene Zeitgenossen wie unter anderem Max Weber von einer regelrechten „Militärdiktatur“ sprachen. Andere Historiker weisen dagegen darauf hin, dass die Machtausübung der OHL nicht im strengen Sinne als Militärdiktatur gewertet werden könne, da sie die politische Führung nie verantwortlich übernommen habe und durchaus auch innenpolitisch an Grenzen gestoßen sei, und sprechen von einer Sonderform der charismatischen Herrschaft. Die dem „Vaterländischen Hilfsdienstgesetz“ von 1916 zugrundeliegenden Vorbereitungen deckte Hindenburg mit seinem Namen und drängte auf die Entlassung des Reichskanzlers von Bethmann Hollweg.

Ende September 1918 fordert die OHL nach dem Scheitern der Frühjahrsoffensive sofortige Waffenstillstandsverhandlungen und eine parlamentarische Regierung. Am 9.11.1918 riet Hindenburg zum Übertritt Wilhelms II. nach Holland, woraus unerquickliche Kontroversen, eine Vertrauenskrise zwischen dem ehemaligen Kaiser und ihm sowie ein lebenslanges Trauma Hindenburgs folgten. Der Übergang von der Monarchie zur Republik gelang unter den Bedingungen der Niederlage, materieller Not und Revolutionsgefahr verhältnismäßig reibungslos. Hindenburg, geachtet vom größten Teil des Volkes und der Front, wurde von Friedrich Ebert und der SPD-Mehrheit für unentbehrlich gehalten, drängte am 10. November auf schnelle Unterzeichnung des Waffenstillstandsvertrags und stellte sich der neuen Regierung zur Verfügung, um das Frontheer geordnet zurückzuführen und, mit Hilfe der Arbeiter- und Soldatenräte, Ruhe und Ordnung aufrechterhalten zu helfen.

„von hinten erdolcht“

Mit Abschluss des Versailler Vertrages im Juli 1919 gewährte Reichspräsident Ebert Hindenburg auf dessen Wunsch den Abschied. Vor dem Untersuchungsausschuss für die Schuldfragen des Weltkrieges der Weimarer Nationalversammlung verbreitete Hindenburg am 18. November 1919 die „Dolchstoßlegende“, deren Text wahrscheinlich der deutschnationale Politiker Karl Helfferich in Absprache mit Ludendorff verfasst hatte: Ein Sieg über die Entente wäre danach möglich gewesen, „wenn die geschlossene und einheitliche Zusammenwirkung von Heer und Heimat eingetreten wäre“. Dass sie nicht eingetreten sei, sei darauf zurückzuführen, dass „die deutsche Armee […] von hinten erdolcht“ worden wäre, eine Metapher, die er dem englischen General Frederick Maurice zuschrieb – dem sie von der NZZ fälschlich in den Mund gelegt worden war. Die Entscheidung, den Waffenstillstand abzuschließen, kam aber nicht von der revolutionären Regierung, sondern war noch vor der Novemberrevolution von der letzten kaiserlichen Regierung getroffen worden.

Hindenburg und Ludendorff. Quelle: Von Bundesarchiv, Bild 146-1987-127-09A / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 de, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=5483400

Der General, der sich erneut nach Hannover zurückgezogen hatte, das ihn im August 1915 zum Ehrenbürger ernannt und ihm im Oktober 1918 im Zooviertel eine Villa zum lebenslangen Nießbrauch überlassen hatte, unternahm viele Reisen durch das Reich, besonders durch Ostpreußen, wo er sich als Befreier Ostpreußens einer großen Popularität erfreute. 1921 wurde er Vorsitzender der Deutschenhilfe. Nachdem beim ersten Wahlgang zur Reichspräsidentenwahl am 29. März 1925 kein Kandidat eine absolute Mehrheit erreicht hatte, fragten die Rechtsparteien bei dem parteilosen Hindenburg eine Kandidatur an. Der 77-Jährige äußerte sich zunächst zögerlich, stimmte jedoch schließlich zu und wird mit einer relativen Mehrheit vor dem Kandidaten des Zentrums Wilhelm Marx gewählt. Er sollte ein von den demokratischen Parteien weitgehend anerkannter Präsident werden, dessen politische Amnestie von 1925 die umfangreichste in Deutschland bis 1932 wird. 

Im antisemitischen Lager erntete Hindenburg 1927 Kritik, weil er sich für ein Staatsporträt von „dem Juden Liebermann“ malen ließ. Nachdem er 1930 den Young-Plan unterschrieben hatte, der von den rechtsradikalen Parteien als Verpflichtung zu jahrzehntelanger „Versklavung“ des Volkes hingestellt wurde, rückten seine ehemaligen politischen Freunde immer mehr von ihm ab. Hindenburg beschloss, die derzeit regierende Große Koalition unter Kanzler Hermann Müller (SPD) durch eine „antimarxistische und antiparlamentarische“ Regierung zu ersetzen. Die Gelegenheit hierzu ergab sich, nachdem die Große Koalition an der Frage des Beitragssatzes zur Arbeitslosenversicherung zerbrochen war: Ende März 1930 beruft er, ohne das Parlament einzuschalten, Heinrich Brüning zum Reichskanzler. Mit dieser Ernennung beginnt die Zeit der Präsidialkabinette. 

„Mangel an Urteilskraft“

Widerwillig fügte sich Hindenburg 1932 der Tatsache, dass nur er noch für populär genug gehalten werden konnte, in der durch die Weltwirtschaftskrise polarisierten Gesellschaft gegen den aufstrebenden Hitler den Wahlsieg davonzutragen. Reichswehrminister Groener musste feststellen: „Der Alte vom Berge will sich nicht küren lassen, wenn nicht auch die Rechtser mitmachen“. Dass er, verglichen mit 1925, gleichsam mit verkehrter Front, das heißt von links und der Mitte gegen rechts gewählt wurde, hat er kaum verwinden können. Nachdem er im 2. Wahlgang mit der absoluten Mehrheit von 53% vor Hitler mit 37% und Thälmann mit 10% gewählt worden war, entlässt das zweite Kabinett Brüning und ernennt Franz von Papen zum Reichskanzler – lehnt jedoch im November 1932 Hindenburg eine befristete Diktatur Papens als Ausweg aus der staatspolitischen Krise ab.

Stimmzettel 1932. Quelle: Von Reichspräsidentenwahl 1932 – Präsidentenwahl, 1932, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=134735

Spätestens seitdem war er „dem Vorgehen Hitlers aus Mangel an Urteilskraft und Information mehr oder weniger hilflos ausgeliefert“, befindet Conze – obwohl er diesen anfangs abschätzig den „böhmischen Gefreiten“ nannte. Nach dem Zwischenreich mit Kurt von Schleicher als Reichskanzler beruft Hindenburg am 30. Januar Hitler zum Reichskanzler. Am 28. Februar ebnet er mit der Unterzeichnung der „Verordnung zum Schutz von Volk und Staat“ den Weg in die nationalsozialistische Diktatur. Am 21. März 1933, dem sogenannten „Tag von Potsdam“, wurde der neu gewählte Reichstag in der Potsdamer Garnisonkirche, der Grablege Friedrichs des Großen, eröffnet: Durch eine Verneigung Hitlers vor dem greisen Reichspräsidenten wurde eine symbolträchtige Kontinuität zwischen der Kaiserzeit und dem Dritten Reich hergestellt und Hindenburgs hohes Ansehen für das neue Regime instrumentalisiert und vereinnahmt. Hindenburg reagierte zu Tränen gerührt auf die Huldigung Hitlers.

„In den letzten Lebensmonaten ist Hindenburg teils infolge Nachlassens seiner Kraft, teils infolge der von Hitler bewerkstelligten Isolierung schon mehr und mehr ausgeschaltet gewesen“, so Conze. Er verfasste noch ein „politisches Testament“, in dem er Hitler persönlich die Wiedereinführung der Monarchie empfahl. Mit seinem Tode sollte das Amt des Reichspräsidenten erlöschen, das auf Grund eines schon vorher verabschiedeten Gesetzes mit dem des Reichskanzlers vereinigt wurde – die Reichswehr leistet nun ihren Eid auf Hitlers Person. Hindenburgs längst erhoffter Tod am 2. August in Neudeck südlich von Danzig gab Hitler den Weg noch unbehinderter als zuvor frei. Er wird auf Hitlers Betreiben im Denkmal von Tannenberg beigesetzt. Anfang 1945 wurden nach einer Irrfahrt über Königsberg und Stettin seine Gebeine nebst vielen anderen historischen Relikten im thüringischen Bernterode eingelagert, dort von der US-Army entdeckt und nach Marburg gebracht. Dort fanden Hindenburg und seine Frau in der Nordturmkapelle der Elisabethkirche ihre letzte Ruhestätte.

Beisetzung im Tannenberg-Denkmal- Quelle: Von Bundesarchiv, Bild 183-2006-0429-502 / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 de, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=5348669

Seiner Überzeugung nach stören Parteien den „Zusammenhalt der Nation“. Nach dem „Eisernen Kanzler“ Bismarck galt er als „Eiserner Feldherr“, ja „Ersatzkaiser“. Seine Bedeutung sei jedoch nach dem 1. Weltkrieg von einem großen Teil der Nation überschätzt worden, bilanziert Conze. 1925 – 33 sei er überfordert gewesen, „als er aus dem militärischen Bereich herauszutreten und eine politische Führungsrolle zu spielen genötigt war. Sein Ausharren im Dienst, inmitten einer weithin fremden, ja zum Teil von ihm missachteten Umwelt, hat zum Scheitern der demokratischen Republik beigetragen“. So war „der im Kriege gefeierte Feldherr als Greis in eine für ihn ausweglose Tragik verstrickt gewesen“. Die innere Einigung der Nation, wie sie angeblich bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs im August 1914 existiert hatte, konnte seiner Ansicht nach nur wieder gelingen, wenn die nationalsozialistische Bewegung mit eingebunden und so die völlig zerstrittene politische Rechte zusammengeführt werde. Das gelang – mit verheerenden Konsequenzen.

Er schrieb schon als Erstklässler im Gymnasium einen Roman über die Kreuzzüge – und bestand doch seine Baccalauréats-Prüfungen nicht. Er gilt neben Stendhal, Balzac, Flaubert, Hugo und Maupassant als einer der großen französischen Erzähler des 19. Jahrhunderts – und wurde zugleich als unmoralischster Schriftsteller des 19. Jahrhunderts kritisiert. Und er starb am 29. September 1902 an einer Kohlenmonoxidvergiftung, offenbar durch einen verstopften Kamin, in seinem Pariser Haus – ob Unfall, politisch motivierter Mord oder Selbstmord, ist bis heute unklar: Émile Édouard Charles Antoine Zola.

Der Sohn eines italienischen Ingenieurs und einer französischen Mutter wurde am 2. April 1840 in Paris geboren, blieb Einzelkind und wurde als Siebenjähriger Halbwaise: Seine Mutter, zu der er zeitlebens ein enges Verhältnis hat, heiratete nicht wieder und brachte ihren Sohn alleine durch. Während seiner Schulzeit in Aix-en-Provence freundete er sich mit Paul Cézanne an, der ihm die graphischen Künste nahebrachte. Trotz seiner ärmlichen Kindheit hatte er von Anbeginn eine starke Leidenschaft für Literatur, las viel und setzte sich bald das Ziel, selbst professionell zu schreiben. Doch nach nicht bestandenem Abitur 1859 lebt er drei Jahre arbeitslos in Paris. Die in dieser Zeit gesammelten Erfahrungen vom Leben der Armen sollen ihm später in seiner schriftstellerischen Arbeit nützlich sein.

Zola um 1910. Quelle: Von Nadar – plain photo, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=788555

Zolas erste Liebe 1860 war eine Prostituierte namens Berthe, die er „aus der Gosse holen“ und ihr die Lust auf Arbeit zurückgeben wollte. Sein Idealismus scheiterte an der Realität der Armenviertel von Paris, was er in seinem ersten Roman verarbeiten wird. 1862 nahm ihn Louis Hachette als Angestellten in seiner Buchhandlung auf, kurz darauf wurde Zola als Franzose eingebürgert. Er blieb vier Jahre in der Werbeabteilung von Hachette als eine Art Pressesprecher. Zola lernte nicht nur alle Techniken der Herstellung und Vermarktung von Büchern kennen, sondern knüpfte auch viele Kontakte in die Welt der Literatur. Nach harter Arbeit in seiner Freizeit gelang es ihm, seine ersten Artikel und sein erstes Buch „Erzählungen an Ninon“ (1864) zu veröffentlichen.

„das dumpfe Wirken der Leidenschaften“

Im selben Jahr machte Zola die Bekanntschaft von Éléonore-Alexandrine Meley, zog im Jahr darauf zu ihr, heiratete sie wegen Vorbehalten seiner Mutter aber erst weitere fünf Jahre später. Ab 1863 arbeitete Zola gelegentlich und ab 1866 regelmäßig an den Rubriken zur literarischen und künstlerischen Kritik von verschiedenen Zeitungen mit. Das erlaubte ihm, seine Schriften nicht nur schnell zu veröffentlichen und seine Qualitäten als Schriftsteller einem breiten Publikum zu zeigen, sondern auch seine Einkünfte zu steigern. Bis zuletzt empfahl Zola allen Nachwuchsschriftstellern, die ihn um Rat fragten, zunächst in Zeitungen zu veröffentlichen.

1866 trennte er sich von Hachette und lebte als freier Schriftsteller. Bis 1881 veröffentlichte er neben Literatur-, Theater- und Kunstkritik in der Presse über 100 Erzählungen und Feuilleton-Romane. Er bediente sich dabei eines polemischen Journalismus, indem er seinen Hass, aber auch seinen Geschmack zeigte und seine ästhetischen wie auch politischen Positionen hervorhob. Zola beherrschte das journalistische Handwerk perfekt, sandte für seine frühen Werke sogar vorgefertigte Berichte an Pariser Literaturkritiker persönlich und erhielt von ihnen zahlreiche Rückmeldungen.

DDR-Ausgabe der Rougon-Macquart. Quelle: https://images.booklooker.de/x/01nnVZ/Emile-Zola+Die-Rougon-Macquart-Natur-und-Sozialgeschichte-einer-Familie-unter-dem-Zweiten.jpg

1867 hatte Émile Zola mit seinem dritten Roman „Thérèse Raquin“ bereits Aufsehen erregt. Das Vorwort zur zweiten Auflage 1868, in dem Zola sich gegen seine gutbürgerlichen Kritiker und ihren Vorwurf der Geschmacklosigkeit verteidigt, wurde zum Manifest der jungen naturalistischen Schule: „Ich habe in diesen Tieren Schritt für Schritt das dumpfe Wirken der Leidenschaften, das Drängen des Naturtriebes und die infolge einer Nervenkrisis eingetretenen Verwirrungen des Gehirns zu verfolgen versucht. Ich habe einfach an zwei lebenden Körpern die zergliedernde Arbeit vorgenommen, welche Chirurgen an Leichen vornehmen.“ Damit beeinflusst er die Kunst in Frankreich, Deutschland, Russland und Skandinavien und wird Wegbereiter der modernen Strömungen des 20. Jahrhunderts.

1869 begann er mit der Arbeit an dem monumentalen Zyklus „Die Rougon-Macquart“, die ihn mehr als zwanzig Jahre lang beschäftigen sollte. Ab 1871 veröffentlichte er einen Roman pro Jahr, außerdem journalistische Beiträge und Theaterstücke – er wird sich „kein Tag ohne eine Zeile“ als Motto über seinen Kamin malen lassen. Der Romanzyklus stellt im Sinne eines „Mikrokosmos“ Aspekte der französischen Gesellschaft dar. Gestützt auf darwinistische und deterministische Vererbungs- und Milieulehren, schildert er die Verfallsgeschichte einer Familie. Für Zola bestand die Welt nicht aus Gut und Böse, sondern aus Sein und Handeln. Seine sinnlichen und teilweise obszönen Werke vertraten eine neue Kultur, die Kritiker unmoralisch nannten. Als einer der ersten wandte Zola dokumentarische Verfahren an, besuchte mit dem Notizbuch in der Hand die Absteigen der armen Pariser, frequentierte die Halbwelt und die Hochfinanz.

J’accus. Quelle: Von Émile Zola – Scan of L’Aurore, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=784807

Von Februar 1871 bis August 1872 produzierte er aber auch mehr als 250 kritische Artikel zur Tätigkeit des Parlaments während des deutsch-französischen Krieges. In mutiger bis tollkühner Weise griff Zola dessen führende Köpfe an. Er beschimpfte das Parlament als ein „schüchternes, reaktionäres und […] manipuliertes Haus“. Im März 1871 wurde er zweimal verhaftet, kam aber beide Male am gleichen Tag wieder frei. Den politischen Stoff verarbeitete er später auch in seinen Romanen. Nachdem Zola jahrelang mit erheblichen finanziellen Schwierigkeiten zu kämpfen hatte, besserte sich seine Lage nach dem großen Erfolg von „Der Totschläger“ (1877), so dass er ein Landhaus in Médan erwerben konnte, das zu einem geistigen Zentrum wurde: Mit jungen Autoren wie Maupassant, Huysmans und anderen bildete er die Gruppe der sechs, die auch in einem Novellenzyklus vorkommt.

„Gesundung der Menschheit“

1880 erscheint „Nana“, die Geschichte einer Prostituierten. Seine Werke werden kontrovers diskutiert und teilweise als Pornografie diffamiert. Er hält die Auseinandersetzungen um seine Person für die beste Werbung für sein literarisches Werk. Sein theoretisches Konzept legt er in dem Essay „Der Experimentalroman“ nieder. Literatur solle in die von der Wissenschaft noch unerforschten Gebiete der Menschenwelt eindringen, um durch das Aufdecken ihrer Krankheitssymptome zur Erhaltung und Gesundung der Menschheit beizutragen. Er fordert, dass Kunst wirklichkeitsgetreu sein müsse. Im selben Jahr fällt er nach dem Tod seiner Mutter in Depressionen.

1885 erreicht „Germinal“, in dem Zola das Bergarbeitermilieu beschreibt, Rekordauflagen; er wird zu einem der meistgelesenen Schriftsteller seiner Zeit. Im Jahr darauf endet die Freundschaft mit Cézanne in einem Zerwürfnis, weil der sich im Roman „Das Werk“ in der Figur des scheiternden Künstlers Lantier wiedererkannte. 1888 beginnt er eine Liebesbeziehung mit der 20jährigen Wäscherin Jeanne Rozerot, mit der er zwei Kinder hat – seine Ehe blieb kinderlos. Zu Zolas Lebzeiten am erfolgreichsten war „Das Debakel“ (1892), dessen Handlung vor dem Hintergrund des Krieges von 1870/71 und der blutig unterdrückten Pariser Commune spielt. Zwischen 1894 und 1898 veröffentlichte er den dreibändigen Zyklus „Die Drei Städte“.

Grabkammer von Dumas, Zola und Hugo im Pantheon. Quelle: Von selbst erstellt – Eigenes Werk (Originaltext: selbst erstellt), Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=22496490

Auf dem Höhepunkt seines Ruhms ergriff Zola 1898 für den jüdischen Hauptmann Dreyfus Partei, der drei Jahre zuvor der Spionage für das Deutsche Reich bezichtigt worden war und unschuldig in Haft saß. Der offene Brief an den Präsidenten erschien am 13. Januar auf der Titelseite der Tageszeitung L’Aurore: „J’accuse“ (Ich klage an) lautete die Überschrift: „Ich klage den Oberstleutnant du Paty de Clam an, der teuflische Urheber eines Justizverbrechens zu sein und seit drei Jahren sein unheilvolles Werk mit den geschmacklosesten und verwerflichsten Machenschaften zu verteidigen. (…) Ich klage das Kriegsministerium an, in der Presse einen abscheulichen Feldzug geführt zu haben, um die öffentliche Meinung irrezuleiten.“

Ein politischer Skandal war die Folge, der das Land spaltete, aber zugleich den Anstoß für die Entstehung eines laizistischen Frankreichs gab. Gegen den Schriftsteller erging wegen Beleidigung der Armee ein Haftbefehl über ein Jahr. Zola flüchtete nach London, wo er bis zur Amnestie 1899 blieb und den Zyklus „Die vier Evangelisten“ begann. Nach seiner Rückkehr publizierte er die drei Bände „Fruchtbarkeit“, „Arbeit“ und „Wahrheit“ – der vierte „Gerechtigkeit“ blieb aufgrund seines unerwarteten Todes unvollendet. Eine Untersuchungskommission machte Experimente mit dem Ofen und kam zu dem Schluss, dass es sich um einen Unfall handelte.

„von der Willkür der Phantasie befreien“

„Seit dem Tode Goethes hat vielleicht keines Dichters Tod die Gebildeten erregt wie dieser“, befand Richard M. Meyer in seinem Nachruf in Die Woche. Meyer sieht Zolas Alleinstellungsmerkmal darin, dass es ihm gelang, eine „neue Aera der Litteratur [zu] schaffen, indem er sie von der Willkür der Phantasie befreien und völlig unter das Gesetz der wissenschaftlichen Technik stellen wollte“. Immer wieder betont der Literaturhistoriker Zolas Nähe zur Wissenschaft, vor allem zu Soziologie und Psychologie. Mit diesem Denken sei Zola tief in seiner (nun vergangenen) wissenschaftsgläubigen Zeit zuhause gewesen: „‚Psychologisch‘ war das Lieblingswort dieser Epoche“.

Verfilmung mit S. Signoret. Quelle: https://assets.cdn.moviepilot.de/files/5d1606246c5a246880ed8e4933d4e859a3fa42ab187bc5c54dfb34689090/limit/505/701/zzzzzzz.jpg

Am 4. Juni 1908 wurden die Überreste Zolas auf Anordnung der inzwischen linken französischen Regierung in das Panthéon überführt, wo er in einer Kammer mir Alexandre Dumas und Victor Hugo bestattet wurde. Bereits im frühen 20. Jahrhundert wurden viele von Zolas Romanen verfilmt, unter der Regie von William Dieterle entstand 1937 unter dem Titel „Das Leben des Emile Zola“ eine Filmbiografie mit Paul Muni in der Titelrolle. Er gilt bis heute als zugänglicher und lesbarer „Intellektueller“, der „eine ungeheure Kraft, Menschen zu zeichnen, die von einem dämonischen Verlangen ganz erfüllt sind“, entfaltet habe, wie Meyer schrieb. Außerdem lasse er „Landschaften leben. Er fühlt sich hinein, die Landschaft wird ihm wirklich ein ‚seelischer Zustand‘“.

„J’accuse“ stieg zu einem Beweis dafür auf, dass sich durch Sprache politische Wirkung erzielen lässt, wenn auch nicht sofort. Zolas Ausführungen hatten ihren Anteil an Alfred Dreyfus‘ Rückkehr nach Frankreich und daran, dass der spätere Präsident Émile Loubet den Militär unter der Bedingung begnadigte, auf Berufung zu verzichten. 1906 wurde Dreyfus völlig rehabilitiert, bekam ein Kommando im Ersten Weltkrieg und starb 1935. Der Text ist und bleibt ein Beispiel für einen pointierten Stil, der auch dann nichts beschönigt, wenn dem Autor Konsequenzen drohen; das Gegenteil jenes Gratismuts, der er heute viel zu oft in der Publizistik zu beobachten ist.

Drei unsterbliche Figuren hat er in die Weltliteratur eingeführt: „Don Quijote“, den verarmten Land-edelmann aus der Mancha, der „wider jeglichen Verstands“ auf seiner alten Stute Rosinante gegen die Ungerechtigkeit zu Felde zieht und einer goldenen Vergangenheit nachtrauert; seinen erdverbundenen Schildknappen Sancho Pansa, ohne dessen Realitätssinn er keines seiner Abenteuer überstanden hätte; und das etwas einfältige Bauernmädchen Dulcinea, das er als seine „Minneherrin“ vergöttert. Mit diesen Gestalten hat der spanische Schriftsteller eines der berühmtesten und meist übersetzten Bücher geschaffen, ja für viele den modernen westlichen Roman begründet: Miguel de Cervantes, der am 29. September vor 475 Jahren als drittes von sieben Kindern verarmter Adliger in Alcalá de Henares geboren wurde.

Der Sohn eines Wanderchirurgen studierte Theologie an den Universitäten von Salamanca und Madrid, wo er die Schriften des Aristoteles und des Erasmus von Rotterdam kennenlernte. Erste Gedichte erscheinen 1568 in einer Sammlung zum Andenken an die spanische Königin Elisabeth von Valois. Im Jahr darauf begleitet er vermutlich als Kammerdiener den späteren Kardinal Claudio Aquaviva nach Rom, wo er sich bald gründliche Kenntnisse der italienischen Sprache und Literatur aneignet. Die italienischen Erfahrungen hinterließen vor allem in seinem Novellenwerk deutliche inhaltliche und stilistische Spuren. Noch im gleichen Jahr trat er als unvermögender Hidalgo, dem kaum andere Karrierewege offenstanden, in eine in Neapel stationierte Einheit der spanischen Marine ein.

Porträt um 1600. Quelle: Von Juan de Jáuregui zugeschrieben – 1. Ursprung unbekannt2. cervantesvirtual.com3. The Bridgeman Art Library, Objekt 119216, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=676819

1571 kämpfte er in der Schlacht von Lepanto gegen die Türken und erhielt drei Schusswunden, darunter eine in den linken Unterarm. Dadurch blieb seine linke Hand dauerhaft gelähmt. Später schrieb er, er habe „die Fähigkeit, seine linke Hand zu bewegen, zum Ruhme seiner rechten verloren“. Nach weiteren Jahren in der spanischen Marine wurde Cervantes, als er sich im September 1575 an Bord einer Galeere auf der Heimreise befand, nach einem Angriff algerischer Korsaren als Sklave nach Algier verschleppt. Erst nach fünf Jahren und vier erfolglosen und halsbrecherischen Fluchtversuchen wurde er von Familie und Freunden freigekauft.

Als Steuereinnehmer inhaftiert

Nach seiner Rückkehr scheitern langfristig alle Versuche, seine Existenz wirtschaftlich abzusichern. Auch seine Arbeit als Schriftsteller ist finanziell zunächst wenig lukrativ, so dass er zwischen 1580 und 1582 als Soldat an den Kriegszügen Spaniens nach Portugal und auf die Azoren teilnimmt. 1584 heiratete er die 18 Jahre jüngere Catalina, Tochter eines wohlhabenden Bauern, von der er sich nach wenigen Jahren wieder trennt. Diese Verbindung blieb kinderlos, doch hatte er aus einer Affäre mit der Schauspielerin Ana Franca de Rojas eine Tochter, Isabel de Saavedra. In dem nach 1582 ohne größere Beachtung aufgeführten und erst 1615 veröffentlichten Theaterstück „Los tratos de Argel“ verarbeitete er seine Erfahrungen aus der Gefangenschaft.

Von seinem frühen dramatischen Schaffen, einer Reihe von über 20 „Comedias“, bleibt kaum etwas erhalten. Der Schäferroman „Die Galatea“ trägt ihm 1585 zwar einen gewissen literarischen Ruf ein, doch bleibt der Verkaufserlös gering. Cervantes verdient sich seinen Lebensunterhalt als Proviantkommissar der spanischen Flotte in Andalusien und schließlich als Steuereinnehmer in Granada und Malaga. Er erweist sich als wenig erfolgreich; seine Methoden resultieren in Defiziten. Da die Bauern nur leere Scheunen vorweisen konnten und er sich auch am Kircheneigentum vergriff, wurde er von einem Inquisitionsgericht exkommuniziert, und er kommt mehrmals für kurze Zeit ins Gefängnis.

Titelblatt des Quixote. Quelle: Von Miguel de Cervantes – Miguel de Cervantes Saavedra. El ingenioso hidalgo Don Quixote de la Mancha. Madrid: Juan de la Cuesta; 1605., Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=89167492

Hier beginnt er den ersten Teil des „Don Quijote“, dessen Held in tragisch-komischer Weise versucht, in einer veränderten Welt nach den Regeln des Rittertums zu leben, und den er auch selbst illustriert. Der Roman hat über die Jahrhunderte vielfältige Interpretationen erfahren: So wurde das Werk nicht nur als Parodie auf die Ritterromane der damaligen Zeit gesehen, sondern auch als Darstellung eines heroischen Idealismus, als Traktat über die Ausgrenzung des Autors selbst, als Geschichte eines Scheiterns oder als Kritik am spanischen Gesellschaftssystem. Es besteht in der Literaturwissenschaft bis heute kein Konsens über die eigentliche Aussage des Romans.

Die Dualität zwischen dem kleinen Dicken und dem großen Dünnen ist in der modernen Literatur seitdem immer wieder zu finden. Don Quijotes Kampf gegen die Windmühlen ist die bekannteste Episode des Romans. Sie spielt im Original nur eine untergeordnete Rolle, ist aber in den meisten modernen Bearbeitungen des Stoffes zentral. Einer häufigen Interpretation zufolge war das 17. Jahrhundert von diesem ausweglosen Kampf des Don Quijote gegen die gnadenlose Maschine fasziniert, weil der rasante technische Fortschritt damals den Machtverlust der Aristokratie vorantrieb. Die lächerliche Auflehnung des Junkers gegen Windmühlen war dafür das ideale Symbol. Der Roman brachte seinem Verfasser zwar den ersehnten Erfolg, doch verlor Cervantes das dadurch gewonnene Geld wieder.

„Roman der Desillusion“

Im Juli 1613 trat er der säkularen franziskanischen Bruderschaft bei und veröffentlichte die „Exemplarischen Novellen“, die als erste Novellen spanischer Sprache gelten, sehr erfolgreich wurden und bis heute aufgelegt werden. Darin greift er bevorzugt Themen des spanischen Alltagslebens auf, mit teils didaktischer, teils unterhaltsamer Tendenz. Die außergewöhnlichste der Novellen ist „Das Gespräch der Hunde“. Der zweite Teil des Quijote kam 1615 auf den Markt. In seinem Todesjahr vollendete er noch den Roman „Los Trabajos de Persiles y Sigismunda“, bevor er verarmt am 22. April 1616 in Madrid starb. Sein Grab auf dem Gelände des Klosters der Unbeschuhten Trinitarierinnen im Literatenviertel der Stadt wurde trotz aufwändiger Suche bis heute nicht eindeutig identifiziert.

Verfilmung von 1965. Quelle: https://a2.tvspielfilm.de/imedia/5769/1985769,dtXuD_9KFH4BVKhaapzB590vWQk0vsUnZafdOdclLXj+rb7uv2tsKyQsxSaYJctRZ5rJIEytDbP_o8xedKHyuA==.jpg

Cervantes gilt bis heute als spanischer Nationaldichter, als Luther und Goethe in einer Person. Der wichtigste Literaturpreis der spanischsprachigen Welt ist nach ihm benannt. Auch mehrere Theater tragen seinen Namen. Die 10-, 20- und 50-Cent-Münzen der spanischen Euromünzen tragen eine Cervantes-Abbildung. 1877 wurde ihm in Valladolid ein Denkmal gesetzt. Die internationale Cervantes-Literatur ist kaum mehr überschaubar. Vincent Sherman inszenierte 1967 mit „Cervantes – Der Abenteurer des Königs“ eine Filmbiografie nach dem Roman von Bruno Frank mit Horst Buchholz in der Titelrolle.

Der Quijote ist vielfach adaptiert, dramatisiert, vertont und verfilmt worden. Wieland, Schlegel und Kafka bezogen sich auf ihn; Bulgakow brachte ihn auf die Bühne; Telemann, Salieri und Ravel widmeten ihm Suiten, Opern und Lieder; und nach der ersten Verfilmung mit Pat und Patachon 1926 wurde er von Fjodor Schaljapin, Rex Harrison und selbst Christoph Maria Herbst sowie in einer Musicalfassung von Peter O’Toole verkörpert. Für Carlos Fuentes hat der Roman erstmals „ermöglicht, uns selbst zu verlassen und die Welt zu erschließen, und zwar mit Sinn für Ironie und Humor. Es ist ein Roman der Desillusion, der ambivalenten Wirklichkeit, ein Roman der Reise, der Dynamik, der Bewegung vom Verstand zum Wahnsinn.“

Seine konfuse deutsche Rezeptionsgeschichte hängt damit zusammen, dass er erst in der Mitte der dreißiger Jahre erstmals ins Deutsche übersetzt wurde. Aber die drei Romane  „Licht im August“, „Wendemarke“ und „Absalom, Absalom“ stehen in seinem Gesamtwerk nicht an erster bis dritter, sondern an zwölfter, sechzehnter und siebzehnter Stelle. Dazu sind die Übersetzungen, über mehrere Verlage verteilt, so Günter Blöcker 1956 in der Süddeutschen Zeitung, „in so krausem Durcheinander erschienen, dass weder die innere und äußere Kontinuität des Werkes noch seine kompakte Einheitlichkeit hinreichend deutlich werden.“ Westdeutsche Leser dürften die oft ohnehin komplizierten Verwandtschaftsverhältnisse und Familiengeschehnisse kaum noch durchschauen.

Die meisten seiner Romane und Kurzgeschichten spielen in dem fiktiven Yoknapatawpha County, das von seinem realen Wohnsitz, dem Lafayette County, inspiriert wurde. Der Quartalstrinker, der sich auch nach Genuss beträchtlicher Whiskymengen stets peinlich korrekt verhalten hatte, beschrieb Neger, Seeleute, Bettler und Huren, Schwachsinnige und Schwarzhändler, Polizisten und Priester, er übte sich in der Niederschrift innerer Monologe und bekundete seine Vorliebe für Skurrilität, bissigen Humor und dramatisch gesteigerten individualistischen Realismus. Er schraubte übrigens den Türknauf seines Arbeitszimmers ab, um konzentriert und ohne Ablenkung zu schreiben: William Cuthbert Faulkner, der am 25. September 1897 als erster von vier Söhnen eines verarmten Kleinindustriellen in Oxford (Mississippi) geboren wurde.

Schon als Kind las er Shakespeare, Conrad und Balzac, verließ aber mit 17 Jahren die Schule ohne Abschluss und erhielt eine Anstellung in der Bank seines Großvaters. Dabei begann er zu zeichnen und zu schreiben. Bei Kriegseintritt der USA meldete er sich freiwillig zur Luftwaffe, wurde aber abgelehnt, da er nur 1,67 Meter groß war. Ab 1918 belegte er einige Kurse an der University of Mississippi in Oxford und veröffentlichte in der Universitätszeitung Zeichnungen, Gedichte und Prosa. Im Herbst 1921 arbeitete er mehrere Monate bei einem Buchhändler in New York, danach bis 1924 als Leiter der Poststelle der University of Mississippi.

Faulkner. Quelle: https://media2.nekropole.info/2012/09/William-Faulkner-9292252-1-402.jpg

Im selben Jahr erschien sein erstes Buch, der Gedichtband „Der Marmorfaun“. 1925 lernte er in New Orleans den Schriftsteller Sherwood Anderson kennen und fand Gefallen an dessen Lebensgewohnheiten: Morgens Arbeit, abends Zeit für die eine oder andere Flasche Whisky – wenn so der Arbeitstag für Schriftsteller aussah, meinte Faulkner, war Schriftstellerei für ihn der passende Beruf. Seinen ersten Roman „Soldatenlohn“ schloss er im Mai 1925 ab. Wochen später reiste er mit einem Freund erst nach Italien, dann über die Schweiz nach Frankreich, wo er sich lange in Paris aufhielt. Ab 1928 schrieb Faulkner innerhalb von acht Jahren seine vier bekanntesten Romane, darunter „Schall und Wahn“, der, fünfmal umgeschrieben, in der BRD erst 1956 erschien, sowie zahlreiche Kurzgeschichten.

„die Kontrolle zu verlieren“

1929 heiratete er seine Frau Estelle, die er schon lange verehrt hatte und die zuvor mit einem anderen Mann verheiratet war. Weil das Eheleben durch ökonomische Probleme geprägt war, mussten sie in einem Mietshaus leben und Faulkner als Aufseher im Heizwerk der Universität arbeiten. Wachsende Einkünfte ermöglichten dem Paar, das Parkhaus Rowan Oak in Oxford mit weißer Säulenfassade und 700 Morgen Land zu kaufen, das Faulkner bis zu seinem Tod bewirtschaftete: „Ich bin kein Literat, ich bin Farmer“, wird er später sagen. Der recht freizügige, im Pulp-Fiction-Stil verfasste Roman „Die Freistatt“ (1931), der die weibliche Sexualität und den moralischen Verfall behandelt, wurde zum bisher größten Erfolg und machte Faulkner auch im Vereinigten Königreich und in Frankreich bekannt. Im selben Jahr starb, gerade neun Tage alt, die erste Tochter Alabama.

1932 schloss er einen Vertrag mit Metro-Goldwyn-Mayer und schrieb fortan Drehbücher für die Filmindustrie in Hollywood. Darunter waren die Verfilmungen von Raymond Chandlers „Tote schlafen fest“ und Ernest Hemingways „Haben und Nichthaben“, beide unter der Regie von Howard Hawks,  mit dessen Scriptgirl Faulkner eine zehn Jahre währende Affäre hatte. Die zierliche blonde Meta entflammte den schüchternen, „sexuell ausgehungerten“ Faulkner so, dass er „fürchtete, die Kontrolle zu verlieren“, schrieb sie in ihren Erinnerungen. Ihr Liebeslager schmückte er gern mit Gardenien- und Jasminblüten, und unters Kopfkissen legte er eigene erotische Verse und Zeichnungen über ihre „wilden Liebesakte“. Sie werden heute im „Giftschrank“ in der Faulkner-Sammlung der New York Public Library aufbewahrt.

Wohnhaus in Oxford. Quelle: Von Gary Bridgman – Eigenes Werk, CC BY 2.5, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=1810643

1933 wurde seine Tochter Jill geboren. In den nächsten Jahren schrieb er diskontinuierlich weitere Romane und Erzählungen; so begann er die Snopes-Trilogie, die er erst kurz vor seinem Tod beendete. Er schrieb in langen, labyrinthischen Sätzen, kreierte Handlungsspiralen, in denen Gegenwärtiges und Vergangenes durcheinanderkreisten, verband Redensarten und Slangschlenker und war doch Traditionalist, konservativ. Dass die Mehrheit recht habe – Glaubenssatz der Demokratie -, konnte ihm niemals einleuchten; er jedenfalls möchte auf keinem Schiff reisen, sagte er, über dessen Navigation die Matrosen und der Schiffskoch abstimmten. Neuerungen gegenüber war er skeptisch eingestellt, er schaffte sich lange kein Radio an und zögerte auch den Kauf eines Autos hinaus. Und er erklärte, wenn es wegen der Farbigenfrage zu einem Bürgerkrieg käme, würde er auf Seiten des Südens kämpfen.

Faulkner bewarb sich bei der US-Armee, um im Zweiten Weltkrieg mitzukämpfen, wurde aber wieder abgelehnt. 1948 erschien der Roman „Griff in den Staub“, der kurz nach Erscheinen in Faulkners Heimatort Oxford verfilmt wurde, was sehr zu seiner Popularität in Oxford beitrug. 1949 begann er eine Affäre mit der wesentlich jüngeren Schriftstellerin Joan Williams, der er auch als Ratgeber diente und der zahlreiche Reflexionen Faulkners zu seinem Werk zu verdanken sind. 1950 wurde ihm der Nobelpreis für seinen „machtvollen und unabhängigen künstlerischen Beitrag zur neuen Erzählliteratur Amerikas“ verliehen. Die Nachricht erreichte ihn beim Düngen auf der Farm.

Erst seine Tochter konnte ihn überreden, nach Stockholm zu fahren. Der Preis gelte nicht ihm als Person, sondern seinem Werk, sagte er und spendete einen Teil seines Preisgeldes einer Stiftung zur Unterstützung von Nachwuchsautoren, die bis heute den PEN/Faulkner Award for Fiction vergibt: „Wenn ich nicht gelebt hätte, würde mich jemand anders geschrieben haben: Hemingway, Dostojewski, wir alle. Der Künstler ist nicht von Wichtigkeit.“ Der Spiegel befand: „Der Süden mit seinen provinziellen Städten und der von Sonne bedrückten Unendlichkeit der Baumwollfelder, ein Land, erobert und geprägt von den Weißen, getränkt vom Schweiß der Neger, wird in Faulkners Romanen zu einer fast mythischen Landschaft, über der wie Gewitterschwüle ein schwerer Fluch zu lasten scheint“.

Ein  „homerischer Provinzler“

In den Jahren nach der Nobelpreisverleihung wurden seine Werke deutlich moralischer – und wahrnehmungsstärker; er erhielt mehrfach den Pulitzerpreis und den National Book Award. Das als Drama verfasste „Requiem für eine Nonne“ ist die Fortsetzung von „Freistatt“ und hat die Sittlichkeit des Menschen zum Thema. 1957 und 1958 war Faulkner „Writer in Residence“ an der University of Virginia in Charlottesville, wo auch seine Tochter lebte und wo die Studenten dem gemeinhin wenig interviewfreudigen Romancier über 2.000 Fragen stellten, die samt Antworten auf 37 Tonbändern konserviert wurden. Ihm seien alle seine Bücher „vollständig misslungen“, und dies sei für ihn „der einzige Grund, Neues zu schreiben, denn das Schreiben selber ist wahrhaftig kein Vergnügen“, heißt es da. Oder „Ich glaube nicht, dass ein College dazu verhilft, Schriftsteller zu werden; ebenso wenig hindert es daran, Schriftsteller zu werden.“

Faulkners Schreibmaschine. Quelle: Von Gary Bridgman – own work, http://www.southsideartgallery.com, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=1810998

Seinen letzten Roman „Die Spitzbuben“ schrieb er 1961 innerhalb weniger Wochen. Nach einem Pferdesturz kam der begeisterte Reiter, Jäger und Flieger am 5. Juli in eine Klinik und starb dort am Folgetag an einem Herzinfarkt, der auf eine Thrombose als Folge des Reitunfalls zurückgeführt wurde. In Deutschland, wo er in Ost und West verlegt wurde, beeinflusste er wesentlich das Schaffen von Heinrich Böll, Alfred Andersch, Uwe Johnson und Peter Handke. Sein vielschichtiges Gesamtwerk gebe „den geistig-kulturellen Untergang des Südens sowie den wachsenden Einfluss skrupelloser Aufsteiger nach dem Bürgerkrieg“ sowie „die Dekadenz ehemals angesehener Südstaatenfamilien und die Gegensätze zwischen weißen und schwarzen Einwohnern“ wieder, weiß der Brockhaus. Romancier Arno Schmidt, in Vulgärsprache wohlgeübt, hat als sechzehnter seine 15 Übersetzer-Vorgänger allesamt an Fertigkeit übertroffen.

„Der Schriftsteller ist nur seiner Kunst gegenüber verantwortlich. Er wird völlig gewissenlos sein, wenn er ein guter Schriftsteller ist. Er hat einen Traum. Der ängstigt ihn so sehr, dass er ihn loswerden muss. Er hat keinen Frieden bis zu diesem Augenblick. Er wirft alles über Bord: Ehre, Stolz, Anstand, Sicherheit, Glück – alles, um das Buch fertig zu bekommen“, behauptete Faulkner. „Wenn ich die Wahl habe zwischen dem Nichts und dem Schmerz, dann wähle ich den Schmerz“, ist eine seiner vielen Lebensweisheiten. In deutschen Kritiken ist von „stenographischer Poesie“ eines „homerischen Provinzlers“ zu lesen, ja eines cholerischen, „menschenfeindlichen und hoffnungslos bornierten literarischen Hinterwäldlers“. Er sei so widersprüchlich wie seine Figuren, meinte Tom Noga im DLF. Das kann man so stehen lassen.

Weil ein Winnetou-Kinderfilmbuch „rassistische Stereotype“ reproduziere und Völkermord „romantisiere“, nahm es der Ravensburger Verlag vom Markt. Das ist der Endsieg des Zeitgeists über die Kultur.

Meine neue Tumult-Kolumne, die gern verbreitet werden kann.

Er stand für Lebensfreude, ewige Jugend, basslastige Hits mit Streicherarrangements – und für ein Genre. Er trug glitzernde Anzüge, Damenschuhe, Federboas und Zylinder und klebte sich Anfang 1971 für einen Auftritt in der populären Fernsehsendung Top of the Pops glitzernde Sternchen ins Gesicht: Der Glam Rock war geboren, dem sich Stars wie Gary Glitter, Slade, Sweet, Mud oder auch David Bowie verschrieben. Dieter Bohlen nannte seinen ersten Sohn in Erinnerung an ihn „Marc“: Marc Bolan. Der Sänger, Komponist, Autor und Journalist kam am 30. September 1947 als Mark Feld in London zur Welt.

Als Sohn jüdischer Eltern wuchs er in einfachen Verhältnissen auf und entwickelte durch die Plattensammlung seiner Eltern seine erste Beziehung zur Musik. Als er acht Jahre alt war, kaufte ihm sein Vater eine Platte von Bill Haley, die nach seinen Worten den Ausschlag für seine spätere Karriere geben sollte. Er brachte sich auf selbstgemachten Instrumenten das Gitarrespielen bei und gründete 1956, nachdem er seine erste Gitarre geschenkt bekommen hatte, in der Schule eine Skiffle-Band namens Susie and the Hula Hoops. 1962 wurde er wegen schlechten Benehmens relegiert und schlug sich mit Gelegenheitsjobs als Barkeeper und Garderobier in der Mod-Szene, aber auch als Schauspieler durch.

Sein gutes Aussehen brachte ihm kurzzeitig einen Job bei einer Modelagentur ein, doch 1964 entschied er sich für eine Karriere in der Musik, jobbte als Straßenmusiker mit Songs von Bob Dylan und erhielt 1965 seinen ersten Plattenvertrag bei Decca, die seinen Namen ohne seine Zustimmung in Marc Bowland änderte. Er bestand darauf, den Namen Bolan zu schreiben. 1967 tourte er mit „John’s Children“ als Vorband für „The Who“ durch Deutschland und gründete mit Steve Peregrin Took die akustische Formation „Tyrannosaurus Rex“. Bolan schrieb, ganz dem Geschmack der Hippie-Kultur entsprechend, Songs über Feen, Elfen und Zauberer, die er mit psychedelischen Sounds versah. Die Band stach durch den ungewöhnlich hohen Gesang Marc Bolans und die stimmlichen Improvisationen der beiden Musiker hervor, die sie akustisch, mit Gitarre und Percussion, auf einem Teppich sitzend, vortrugen.

Quelle: https://www.sundaypost.com/wp-content/uploads/sites/13/2017/09/59b7e6588cda0-e1505388180536.jpg

So lernte sie der aufstrebende US-amerikanische Produzent Tony Visconti kennen, der maßgeblich an der Entwicklung des streicherspezifischen Gruppensounds beteiligt war und 1970 den Namen zu „T. Rex“ verkürzte: „Was ich in ihm sah, war pures Talent. Ich habe Genie gesehen. Ich habe in Marc einen potenziellen Rockstar gesehen – von der ersten Minute an, als ich ihn kennengelernt habe.“ Bolan schrieb auch Gedichte und Geschichten, veröffentlichte 1969 „The Warlock of Love“, das in die britischen Bestseller-Charts kam, und heiratete 1970 June Child. In neuer und erweiterter Besetzung entstand im Hochzeitsjahr mit „Ride a white swan“ der erste Hit: Die Geburtsstunde der „T.Rextasy“.

Seiner Zeit voraus

Ab 1971 hatte die Band vier Nr.1-Hits in Folge. Der fünfte im September vor 50 Jahren schaffte es „nur“ auf Platz 2, gehört aber zu den unsterblichen Hymnen der Musikgeschichte: „Children of a Revolution“. Elton John und Ringo Starr traten bei der Aufnahmesession als Gastmusiker auf: „Jeder wollte ein Stück Bolan, und er war das Gesicht einer ganz neuen Generation, die ihre Stimme laut und deutlich hörbar machte“, schrieb Joe Taysom im faroutmagazine. Eigentlich nur als Zugabe für den Soundtrack zu Starrs Bolan-Film „Born to Boogie“ gedacht, wurde der Song in zahlreichen Werbespots eingesetzt und vielfach gecovert, so von Bono, Elton John oder den Scorpions. Später wurde eine 12-Minuten-Version für das dritte T. Rex-Album produziert. Der Refrain „You Won’t Fool the Children of the Revolution” wurde zum geflügelten Wort und gab auch Kunstprojekten ihren Namen. „T. Rex“ wurden bisweilen schon als Nachfolger der „Beatles“ angesehen.

Doch der Erfolg verkehrte sich von nun an in eine tragische, von Drogenexzessen, Alkohol, Dekadenz und Selbstzweifeln durchwobene Geschichte eines fallenden Rockstars. Das bis zur Peinlichkeit übertriebene Bühnengehabe Bolans, durch das er seine Bandkollegen zu Hintergrundstatisten degradierte, führte zunehmend zu schlechten Kritiken, und die Fans verloren das Interesse. Als er sich auch bei der Produktion für das nächste Album in den Vordergrund drängen und auf Tony Viscontis Vorschläge nicht länger eingehen wollte, verließ dieser schließlich das Team. Bolan trennte sich dann auch von seiner Frau, löste die Band vorübergehend auf und ging aus steuerrechtlichen Gründen nach New York, wo er mit seiner Freundin Gloria Jones zusammenlebte.

T.Rex. Quelle: https://i.ytimg.com/vi/wZkTh_T75QY/maxresdefault.jpg

Als sie schwanger wurde – Sohn Rolan kam 1975 zur Welt –, versuchte Bolan, T. Rex wieder aufleben zu lassen. Die Platten stiegen nicht mehr so hoch in die Charts ein wie früher, aber er schaffte es noch immer, Hallen auszuverkaufen. Er wurde auch journalistisch tätig, bekam eine eigene Kolumne beim Record Mirror und eine eigene Fernsehshow „Marc“ bei Granada. Hier erwies sich Marc Bolan als seiner Zeit voraus und engagierte Bands wie die „Boomtown Rats“ oder „The Jam“. Damit gab er der gerade entstehenden Punk-Bewegung eine Bühne; auf seiner letzten großen Tour engagierte er „The Damned“ als Vorband. Spätere Größen wie Bob Geldof oder Billy Idol hatten in der „Marc“-Show ihre ersten Fernsehauftritte überhaupt. In seiner letzten Show war David Bowie zu Gast.

Am 16. September 1977 verlor Gloria Jones in London die Kontrolle über Bolans Mini, mit dem sie ihren Freund nach einem Restaurantbesuch heimfahren wollte, prallte gegen einen Betonpfahl am Straßenrand und dann gegen einen Baum. Marc Bolan war sofort tot, Jones überlebte schwer verletzt. Um die Unfallursache ranken sich bis heute Gerüchte, die von zu niedrigem Reifendruck bis zu einem Reifenschaden und unzureichend angezogenen Radmuttern reichen. Am Unfallort befindet sich heute eine Gedenkstätte. Maria Callas starb übrigens am selben Tag, doch ihr Tod wurde in Großbritannien weniger beachtet.

Gedenkstätte. Quelle: Von Britmax at the English Wikipedia, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=4552264

2020 erschien mit „Angel Headed Hipster” ein Tribute-Album, auf dem Bolan Stars wie U2, Joan Jett, die Lennon-Söhne, Nena oder Nick Cave ihre Reverenz erweisen. „Ich bin in diesen Künstler eingetaucht“, erklärte Produzent Hal Willner. „Dabei fand ich heraus, dass über Bolan kaum jemals als ‚Komponist‘ gesprochen wurde. Es ging nur darum, was für ein großartiger Rocker und wie innovativ er war.“ „Die Leute kannten ihn als großartigen Musiker, Songwriter, Gitarristen, aber er war auch ein Dichter“, sagte Ringo Starr, als er Bolan im selben Jahr posthum in die Rock and Roll Hall of Fame aufnahm. „Tatsächlich war ihm seine Poesie genauso wichtig wie seine Musik. Er hatte einen großartigen Stil und war wirklich anders als alle anderen, die ich je getroffen habe.“

Der erste Freidenker

Ohne ihn hätte es Karl Marx nicht gegeben – sein anthropologischer Materialismus steht heute wohl gleichberechtigt neben Marx’ dialektischem und historischem Materialismus. Ohne ihn hätte es auch Richard Wagners musiktheoretische Arbeit „Das Kunstwerk der Zukunft“ (1850) nicht gegeben: Der Komponist war etwa zehn Jahre lang sein glühender Anhänger, widmete ihm die Schrift und wandte sich erst danach Schopenhauer zu. Ohne ihn hätte es auch die Psychoanalyse nicht gegeben: Max Scheler bezeichnete ihn als einen der „großen Triebpsychologen“. Und ohne ihn hätte es auch noch heute geläufige Aphorismen nicht gegeben, so „Der Mensch ist, was er isst“: Ludwig Feuerbach, der am 13. September vor 150 Jahren an den Folgen einer Lungenentzündung starb.

Er wird am 28. Juli 1804 in Landshut als viertes von sieben Kindern in eine namhafte Familie hineingeboren. Sein Vater Paul Johann Anselm von Feuerbach gilt als Begründer des modernen deutschen Strafrechts und lehrt an der Bayerischen Landesuniversität, seine Mutter Eva Wilhelmine stammt vom Weimarer Herzog Ernst August I. ab: Ihr Großvater war ein außerehelicher Sohn des Herzogs. Auch Ludwigs Brüder sollten als Komponist, Mathematiker und Sprachwissenschaftler bekannt werden. Er besucht in München die Elementarschule, in Bamberg die Oberprimärschule und in Ansbach das Gymnasium.

1823 begann Feuerbach in Heidelberg ein protestantisches Theologiestudium und wechselte 1824 gegen den Willen des Vaters nach Berlin, wo er zwei Jahre lang sämtliche Vorlesungen hörte, die Hegel in dieser Zeit hielt, die „Logik“ sogar zweimal. Da er als Stipendiat des bayerischen Königs das Studium an einer Landesuniversität abzuschließen hatte, kehrte er 1826 nach Bayern zurück. Nach einem Jahr privater Studien in Philologie, Literatur und Geschichte belegte er in Erlangen Botanik, Anatomie und Physiologie und schrieb gleichzeitig seine Dissertation „Über die Unendlichkeit, Einheit und Allgemeinheit der Vernunft“. Nach Promotion und Habilitation begann er 1828, als unbesoldeter Privatdozent in Erlangen zu lehren.

Feuerbach. Quelle: Von August Weger – http://www.marxists.org/glossary/, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=478696

Doch eine akademische Karriere verbaute sich Feuerbach durch die anonyme Erstlingsschrift „Gedanken über Tod und Unsterblichkeit“ (1830), in der er die persönliche Unsterblichkeit leugnete.  Wegen ihres religionskritischen Inhalts wurde die Schrift sofort verboten und der Verfasser polizeilich ermittelt. Dreimal bewarb er sich vergeblich um eine außerordentliche Professur. Versuche, durch familiäre Beziehungen eine Stellung in Paris zu finden, scheiterten, ebenso Bemühungen um einen Lehrstuhl in Bern oder eine passende Tätigkeit in Griechenland. Da ihm die akademische Lehrtätigkeit ohnedies nicht zusagte, zog er sich 1836 endgültig von der Universität zurück. Auf der Suche nach Alternativen schrieb er eine Aphorismensammlung, eine „Geschichte der neuern Philosophie“ sowie „Kritik des ‚Anti-Hegels‘. Eine Einleitung in das Studium der Philosophie.“

Aufhebung aller Theologie

Im ländlichen Bruckberg bei Ansbach fand er dann den ihm zuträglichen Ort: Seine Geliebte Bertha Löw, die er 1837 heiratete, war dort Mitinhaberin einer Porzellanmanufaktur, die im ehemals markgräflichen Jagdschloss untergebracht war. Die kleine Fabrik warf zwar nur bescheidene Gewinne ab, bot aber freies Wohnrecht und umfangreiche Naturaliennutzung. 1839 wurde die erste Tochter „Lorchen“ geboren, 1842 die zweite, die jedoch sehr früh starb. „Die wahre Philosophie besteht darin, nicht Bücher, sondern Menschen zu machen“, wird er später schreiben. Das einfache, aber insgesamt sorglose Leben auf dem Land entsprach Feuerbachs persönlichem Geschmack, und die völlige Freiheit von allen akademischen Rücksichten wurde, wie er selbst bekannte, zum „archimedischen Punkt“ in seinem philosophischen Entwicklungsgang. In Bruckberg schrieb er, nun Privatgelehrter und freier Autor, einen zweiten, ausschließlich Leibniz und dessen Monadentheorie gewidmeten Band seiner Geschichte der neueren Philosophie.

Nach mehreren Aufsätzen, etwa „Zur Kritik der Hegelschen Philosophie“ (1839), machte ihn dann sein Hauptwerk „Das Wesen des Christentums“ (1841) schlagartig berühmt. Darin kritisiert er Gott als Projektion der Vollkommenheit des Menschen, die sich in dessen wirklichem Gattungsleben realisieren soll. Durch seine in der Zeit der Restauration in breiten Kreisen als befreiend empfundene Religions- und Idealismuskritik wurde Feuerbach zur intellektuellen Leitfigur der Dissidentenbewegungen des „Vormärz“. Die selbständigen philosophischen Werke „Vorläufige Thesen zur Reform der Philosophie“ (1842) und „Grundsätze der Philosophie der Zukunft“ (1843) schlossen sich an. In seiner Philosophie geht Feuerbach davon aus, dass der Geist der Neuzeit die Aufhebung aller Theologie und metaphysischen Philosophie in Anthropologie.

Sondermarke 2004. Quelle: Von s.u. – Website der Deutschen Post AGURL: https://philatelie.deutschepost.de/philatelie/art/informationen/jahrgaenge/04/ph040702_max.jpg (Descr.), Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=5206304

Feuerbach schließt sich den „Freien“ an, einer Gruppe von liberalen und sozialistischen Intellektuellen, und diskutiert mit Friedrich Engels und dem Anarchisten Max Stirner. 1844 beginnt er einen Briefwechsel mit Karl Marx und schreibt weitere religionskritische Werke, darunter „Das Wesen der Religion“. 1845 erhielt er von seinem Verleger Otto Wigand das Angebot, seine Schriften in einer Werkausgabe zu versammeln. Bis 1866 erreichten diese „Sämmtlichen Werke“ zehn Bände. Der erste erschien bereits 1846. Feuerbach überarbeitete alle seine Bücher aus den dreißiger Jahren, um der inzwischen vollzogenen Abkehr von der Hegelschen Philosophie Rechnung zu tragen.

Nach der März-Revolution geht Ludwig Feuerbach nach Frankfurt, wo er die Beratungen des Paulskirchenparlaments verfolgt und im Rathaus Vorlesungen hält. Durch Ruge, Herwegh und Marx ist Feuerbach mit den revolutionären Bestrebungen verbunden, nimmt jedoch keinen unmittelbaren Anteil an der Tagespolitik. Gottfried Keller sympathisiert mit dem Philosophen und setzt ihm in „Der Grüne Heinrich“ (1849) ein literarisches Denkmal. Parallel dazu verschlechtert sich die wirtschaftliche Situation der Bruckberger Porzellanfabrik. Pläne, in die USA auszuwandern, scheitern am fehlenden Geld. Er verfasst eine zweibändige Biographie seines Vaters.

„enttäuschend banaler Schluss eines gewaltigen Dramas“

Nachdem die Reaktion jeden politisch-emanzipatorischen Funken gründlich erstickt hatte, verschwand auch Feuerbachs Philosophie völlig aus dem öffentlichen Interesse; der allgemeine Defätismus verhalf der bislang fast unbekannten Schopenhauer‘schen Philosophie zu einem rasanten Aufstieg. Feuerbach hingegen wurde 1856 in einer Zeitungsmeldung sogar totgesagt. In Frankreich, England und den USA indes begann er bekannt zu werden. 1859 war die Bruckberger Porzellanfabrik dann endgültig bankrott, Feuerbach und seine Frau verloren nicht nur alle investierten Ersparnisse, sondern auch ihr Wohnrecht und die Naturaliennutzung und zogen nach mühsamer Suche in ein Haus in Rechenberg bei Nürnberg. Freunde bezahlten den Umzug und sammelten Spenden.

Feuerbachs Wohnsitz in Rechenberg. Quelle: Von verschiedene – Scan des Originals, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=7020520

Von 1862 an erhielt er eine regelmäßig erneuerte Ehrengabe der eben geschaffenen Schillerstiftung, außerdem zwei Leibrenten zweier vermögender Freunde, darunter vom Nürnberger Industriemagnaten Theodor von Cramer-Klett. 1863 entwirft er Studien zur „Willensfreiheit“ und zur „Ethik“; beide bleiben Fragmente. 1866 erscheint die Abhandlung „Über Spiritualismus und Materialismus, besonders in Beziehung auf die Willensfreiheit“ im zehnten Band seiner „Sämmtlichen Werke“. Der preußisch-österreichische Krieg erschüttert Feuerbach tief. Bismarcks Einigungspolitik lehnte er entschieden ab, weil sie auf Gewalt gestützt war und in seinen Augen keine Freiheit brachte. Hingegen studierte er den ersten Band von Marx’ „Kapital“ kurz nach dessen Erscheinen und begeisterte sich für die in Amerika aufkommende Frauenbewegung.

1867 erlitt er einen leichten Schlaganfall, von dem er sich im österreichischen Salzkammergut erholte. 1869 trat Feuerbach in die kurz zuvor von Wilhelm Liebknecht und August Bebel gegründete Sozialdemokratische Arbeiterpartei (SDAP) ein. Am Tag nach der Kriegserklärung des Deutsch-Französischen Kriegs traf ihn ein zweiter, schwerer Schlaganfall, der sein geistiges Vermögen völlig zerstörte und sein Ableben beschleunigte. Nach seinem Tod riefen mehrere Zeitungen, darunter die auflagenstarke Familienzeitschrift Die Gartenlaube, zu einem „Nationaldank“ auf. Die Spenden flossen so reichlich, dass für Frau und Tochter, um deren Zukunft Feuerbach gebangt hatte, ein bescheidenes, aber lebenslanges Auskommen gesichert war. Am Begräbnis auf dem Nürnberger Johannisfriedhof nahmen Tausende teil, Cramer-Klett stiftete das Grabmal.

Seine Wirkung war zwiespältig: Die „kritischen Arbeiten schlugen bei den Zeitgenossen durch, aber seinem positiven Ansatz blieb größere Anerkennung versagt“, konstatiert seine Biographin Ruth-Eva Schulz: „Die Selbstbestätigung des Menschen in seiner Sinnlichkeit als Resultat der gesamten Religions- und Geistesgeschichte: das wirkte wie der enttäuschend banale Schluss eines gewaltigen Dramas.“ Seine „sperrige“ Philosophie „fügte sich weder der Totalität der Dialektik, noch der Logik des Klassenkampfes und wurde alsbald von der Hegel- wie Marxorthodoxie wieder fallengelassen“, schreibt die Münsteraner Pädagogin Ursula Reitemeyer.

Gedenktafel in Rechenberg. Quelle: CC BY 1.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=15167

Einen indirekten, aber bedeutenden Einfluss hatte Feuerbachs Philosophie auf eine ganze Generation von Naturwissenschaftlern und Medizinern, die für die Erklärung des Naturgeschehens keine übernatürlichen Ursachen mehr gelten lassen wollten. Die Freidenkerbewegung beruft sich auf ihn, auch Max Webers grundlegender Begriff der „Deutung“ erinnert an das Verfahren von Feuerbachs Religionskritik. Einen Kenotaph zu Feuerbachs Gedenken auf dem Rechenberg, der 1933 vergraben wurde, stellte der SPD-geführte Stadtrat Nürnbergs gegen den Widerstand von CDU und FDP 1955 wieder auf. Gegner versuchten, mit einer letztlich erfolglosen Verfassungsbeschwerde das Denkmal wieder zu beseitigen, es stand zeitweise unter Polizeischutz. Christlich-fundamentalistische Täter beschmierten es bis in die jüngste Vergangenheit.

„Queen of Goths“

Vielen Büchern und Filmen diente ihr Klassiker als Vorlage für Horrorvisionen eines im Labor geschaffenen Menschen. Der 2,40 Meter große, hoffnungslos hässliche „Dämon“, den die Autorin im Alter von 19 Jahren erschuf, warf einen gigantischen Schatten auf ihr weiteres Werk. Weil er verletzlich war wie ein Kind, grausam wie ein Raubtier und grüblerisch wie Hamlet. Ein mutterloses Monster, das „Die Leiden des jungen Werther“ las. Eine zutiefst einsame Kreatur, die zum Mehrfachmörder wurde und sich selbst ebenso hasste wie ihr Schöpfer. Der gottgleiche Gelehrte Frankenstein nennt seine Kreatur ein „ekelhaftes Scheusal“, einen „verfluchten Satan“, den er am liebsten eliminieren würde: „Komm her, und ich will den Funken zertreten, den ich in so leichtfertiger Weise angefacht.“ Die Urheberin der Kreatur und ihres Schöpfers kam am 30. August vor 225 Jahren in London zur Welt: Mary Shelley.

Sie war die Tochter der Feministin Mary Wollstonecraft, die mit „Verteidigung der Rechte der Frau“ (1792) eine der grundlegenden Arbeiten der Frauenrechtsbewegung verfasste und kurz nach der Geburt ihrer Tochter starb. Ihr Vater, der radikale Sozialphilosoph und Begründer des politischen Anarchismus William Godwin, zog sie gemeinsam mit ihrer älteren Halbschwester zunächst allein auf und ließ ihr eine umfassende Bildung zuteilwerden. 1811 besuchte sie für kurze Zeit ein Mädchenpensionat in Ramsgate. Die Fünfzehnjährige wurde von ihrem Vater als ungewöhnlich kühn, ein wenig herrschsüchtig und von wachem Verstand beschrieben. Zwei längere und prägende Reisen nach Schottland folgten: in der weiten, offenen Landschaft habe sich ihre Phantasie entwickeln können, schrieb sie später.

Mit 16 verliebte sich Mary in ihren späteren Ehemann Percy Bysshe Shelley, der jedoch noch verheiratet war. Shelley entstammte einer wohlhabenden Aristokratenfamilie, besuchte Eton und Oxford, war rebellisch, unbequem, Republikaner, Vegetarier, überzeugter Atheist. Idealistisch, introspektiv und naturvernarrt wie alle romantischen Dichter – aber auch politisch. Am 26. Juni 1814 soll sie durch ihn auf dem Grab ihrer Mutter ihre Unschuld verloren haben – „Queen of Goths“ wird sie dafür heute noch in Kreisen der Dark-Wave-Szene genannt. Danach reisten beide in die Schweiz, wo sie in Anlehnung an Marys Vater ihr Konzept der freien Liebe entwickelten. Mary kehrte schwanger zurück, wurde sozial geächtet und traf ihren Liebhaber nur gelegentlich in Hotels, Kirchen oder Kaffeehäusern. Zwei Jahrzehnte später verarbeitete sie diese heimlichen Zusammenkünfte im Roman „Lodore“. Im Februar 1815 gebar Mary eine Tochter, die wenige Tage später starb und bei ihr eine depressive Phase auslöste. Im Sommer ging es ihr besser, sie wurde erneut schwanger und brachte im Januar 1816 einen Sohn zur Welt.

Mary Shelley. Quelle: Von Richard Rothwell – Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=59420814

Im Mai reiste sie dann mit Percy, dem kleinen Sohn und ihrer Stiefschwester, die vom berühmt-berüchtigten Dichter Lord Byron schwanger war, erneut in die Schweiz, um den Sommer am Genfersee zu verbringen. Der von seinem Leibarzt John Polidori begleitete Byron brachte die Gesellschaft in der Villa Diodati unter, wo sie ihre Zeit mit gemeinsamem Lesen, Schreiben und mit Bootsausflügen verbrachte. 1816 ist in die Klimageschichte als Jahr ohne Sommer eingegangen: Die Auswirkungen des Vulkanausbruchs des Tambora in Indonesien führten zu einem Sommer, der ungewöhnlich kalt, stürmisch und nass war. Nicht enden wollender Regen zwang die Gruppe, für Tage im Haus zu bleiben. Byron schlug vor, jeder möge eine Gespenstergeschichte schreiben. Der Wettstreit, den Kevin Russels Film „Gothic“ thematisiert, gehört laut Welt zu den „Actionszenen der Weltliteratur“.

Das Geschöpf verfolgt eigene Ziele

Polidori schrieb zum einen die weltweit erste Vampirgeschichte „Der Vampyr“, der relativ schnell wieder vergessen wurde und erst durch Bram Stokers „Dracula“ (1897) die bis heute bekannte Wirkkraft erhielt. Zum anderen aber schuf die junge Mary mit „Frankenstein oder Der moderne Prometheus“ einen wahren Klassiker. Byrons Geschichte blieb nur Fragment, von Percy ist aus dieser Zeit gar kein dunkles Werk bekannt geworden. In gewisser Weise hat Mary damit das Genre des Science-Fiction-Romans geprägt, wenn nicht sogar begründet. Der Roman ist einerseits ein Briefroman – in dieser Zeit eine beliebte Form – und andererseits eine klassische Ich-Erzählung. Der leidenschaftliche und ehrgeizige Polarforscher Robert Walton schreibt Briefe an seine Schwester. Den Inhalt hat ihm Viktor Frankenstein diktiert, den er zuvor aus dem ewigen Eis fischte, als dieser gerade Jagd auf sein Geschöpf machte.

Die Geschichte ist bekannt: Viktor Frankenstein schuf aus Teilen von Toten eine menschliche Kreatur und erweckt sie mittels Elektrizität – Mary kannte Galvanis Experimente – zum Leben. Doch er erschrickt vor seiner eigenen Tat und flieht. Das von ihm geschaffene Wesen kennt keine Moral, da ihm auch keine Erziehung angediehen ist. So tötet es ohne bösen Willen. Bei den Menschen trifft es auf starke Abneigung, zunächst nur wegen seiner Hässlichkeit. In seiner Einsamkeit bittet die Kreatur Frankenstein um eine weibliche Begleitung. Dieser beginnt das Werk zunächst, doch aus Angst vor den unkalkulierbaren Folgen, beispielsweise wenn beide Kinder bekommen würden, zerstört er die fast fertige weibliche Schöpfung wieder. Die einsame Kreatur sieht dies und sinnt nun auf Rache. So tötet er – diesmal ganz bewusst – Frankensteins Braut in der Hochzeitsnacht. Sein Schöpfer soll den gleichen Schmerz erfahren, wie das Monster. Es beginnt eine Jagd der beiden aufeinander, die letztlich beide das Leben kostet.

Manuskriptseite des Frankenstein. Quelle: Von Mary Shelley (1797-1851) – http://www.bodley.ox.ac.uk/dept/scwmss/frank2.html, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=3235272

Alle Menschen um Frankenstein werden als durch und durch tugendhaft geschildert. Auch Viktor bezeichnet seine Motive als tugendhaft. Und das ist das große Dilemma von Schöpfungen. Von der Genetik bis zur Transplantationsmedizin, von der Chimären-Wissenschaft bis zur KI-Forschung. Das Erkenntnisstreben der Wissenschaft ist weder böse noch gut. Mary Shelley operiert in ihrem Roman vor allem mit dem Begriff der Tugend. Die Tugend ist eine Charaktereigenschaft, die sich aus dem Verstand und dem Herzen bildet. Und tugendhaft war immer schon das Schöne und Leistungsfähige. Die gesamte KI-Forschung argumentiert mit der Nützlichkeit, den Anwendungsmöglichkeiten ihrer Schöpfungen. Aber das ist zu einfach. Das Geschöpf verfolgt eigene Ziele. Und wer garantiert uns, dass die KI sich nicht beim geringsten Widerstand des Menschen selbst wehrt und seine eigenen Ziele rücksichtslos verfolgt, so wie das Monster von Frankenstein? Wir erstarren vor dem Haupt der Medusa nicht, weil wir es anblicken, sondern weil wir den Anblick nicht ertragen.

Kern der Geschichte ist also weniger der Gruseleffekt, der später in Verfilmungen gern in den Mittelpunkt gestellt wurde, sondern es sind ethische Fragen jenseits des Gut-Böse-Schemas: Darf der Mensch sich zum göttlichen Schöpfer erheben? Welche Verantwortung trägt er für sein Werk? Setzt eine Straftat bewusstes Handeln voraus? Mit diesen Perspektiven reiht sich Mary in die Riege von Science-Fiction-Autoren wie Stanisław Lem oder Philip K. Dick ein, die erst weit über 150 Jahre später solcherlei fantastische Exkurse ausbreiteten. Ihr ist es zu verdanken, dass in „Frankenstein“ nicht nur die reine Machbarkeit von Wissenschaft betrachtet wird, sondern auch die gesellschaftlich-moralische Verantwortung eine Rolle spielt. Bei ihr ist nicht die geschaffene Kreatur das Monster, sondern sein Schöpfer.

Verzweiflung, Entfremdung und Todessehnsucht

Illustre Freunde, Partys, Reisen, Drogen, Promiskuität und gleichgeschlechtliche Liebe – das war die schillernde Hülle des Duos Shelley, das nach dem Selbstmord von Shelleys Frau heiratete und vor allem in Italien lebte. Der Kampf gegen die Konventionen war hart, für die Gesellschaft waren sie Aussätzige. Exzentrik musste man sich leisten können – doch diesem Paar mangelte es permanent an Geld und Rückhalt. Ab 1818 ließ eine erschütternde Zahl von Katastrophen Mary Shelleys Leben implodieren. Wie sie es schaffte, trotz allem zu schreiben und sich immer wieder aus Schock und Depressionen zu lösen, ist der wirklich spannende Teil ihrer Biografie. Binnen weniger Jahre verlor die nahezu dauerschwangere Mary etliche Menschen aus ihrem engsten Umfeld: Drei ihrer Kinder starben, Percy Shelley kam 1822 bei einem Sturm auf See um, sie selbst entging im selben Jahr nur knapp dem Tod durch eine Fehlgeburt. Ihre depressive Halbschwester beging Suizid, ebenso Byrons Leibarzt Polidori; Byron selbst starb 1824 im griechischen Freiheitskampf.

Einäscherung von Percy. Quelle: Von Mary Shelley (1797-1851) – http://www.bodley.ox.ac.uk/dept/scwmss/frank2.html, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=3235272

Marys Briefe aus dieser Zeit sprechen von Verzweiflung, Entfremdung und Todessehnsucht. Monströs ist etwa die Vater-Tochter-Beziehung in „Mathilda“: Die Novelle entstand zwischen 1819 und 1820, kurz nach dem Tod der Kinder. Veröffentlicht wurde sie erst 139 Jahre später – Shelleys Vater weigerte sich, die Erzählung freizugeben, und nannte die inzestuöse Leidenschaft des Protagonisten „widerlich und verabscheuenswert“. Der postapokalyptische Roman „The Last Man“, der vom Ende der Menschheit durch eine Pandemie handelt und manchen als erste Dystopie der Literaturgeschichte gilt, liest sich erschreckend aktuell und ist nicht nur ein Schlüsselroman zu ihrer Biographie, sondern auch ein 500-seitiger Versuch, ihr Leben mit dem berühmten Dichter weißzuwaschen. Und geht es im Buch wirklich darum, geplatzte Träume doch noch zu erfüllen, dann geht es vor allem um Marys geplatzten Traum vom glücklichen Leben mit Percy. „Da ballen sich in einem Satz oftmals Handlung, Betrachtung, Figurenzeichnung, emotionaler Ausdruck und Gedankenflüge konzentriert zusammen“, meint Eberhard Falcke im DLF.

Sir Timothy Shelley, Percys Vater, gestand ihr eine kleine Jahresrente zu unter der Bedingung, dass sie keine Biografie ihres Mannes veröffentlichte und auch keine weiteren Gedichtbände mit seinen Arbeiten herausgab. Er wollte damit erreichen, dass in Vergessenheit geriet, für welch radikale Ideen sein Sohn eingetreten war. Den Gedichtband „Posthumous Poems of P. B. Shelley“, den Mary 1824 herausgab, kaufte Timothy weitgehend auf und ließ die Bücher vernichten. Bis ans Ende seines Lebens weigerte er sich, seine Schwiegertochter persönlich zu treffen. Erst nach Timothys Tod 1844 konnte sie ihrem Mann literarische Geltung verschaffen. 1826 lernte sie den amerikanischen Schauspieler John Howard Payne kennen, der um ihre Hand anhielt. Mary lehnte mit der Begründung ab, dass sie nach der Ehe mit einem Genie nur ein weiteres heiraten könne.

Klassiker des Horrorfilms

1827 bis 1840 war Mary als Autorin und Herausgeberin sehr aktiv, schrieb vier Romane wie „Perkin Warbeck“ oder „Falkner“ sowie eine Novelle, verfasste fünf Bände für die Enzyklopädie „Lives of the Most Eminent Literary and Scientific Men“ und außerdem Erzählungen für Frauenmagazine, darunter Kurzgeschichten für Almanache wie The Keepsake. Darin thematisiert sie oft die Zerbrechlichkeit der individuellen Identität und den unterschiedlichen Wert, den die Gesellschaft Männern und Frauen beimisst. Nach der Episode mit Payne schien sie keine neue Beziehung zu einem Mann gewünscht zu haben. 1828 lernte sie den französischen Schriftsteller Prosper Mérimée kennen und flirtete wohl auch mit ihm. Der einzige erhaltene Brief an ihn wird meist als behutsame Ablehnung seiner Liebeserklärung interpretiert. Im Mittelpunkt von Mary Leben stand ihr Sohn Percy Florence, der in Cambridge Recht und Politik studierte, aber nicht die Begabung seiner Eltern besaß.

Boris Karloff als Frankensteins Monster im Film von 1931. Quelle: https://assets.deutschlandfunk.de/FILE_37f50ab3b18ca738004c58a169c8d289/1280×720.jpg?t=1597519274561

Zwischen 1840 und 1843 unternahmen Mutter und Sohn gemeinsam zwei Reisen auf den europäischen Kontinent, so auch nach Deutschland, aus denen Reiseberichte entstanden. Ab 1839 litt sie unter Kopfschmerzen und teilweisen Lähmungen, so dass sie häufig weder lesen noch schreiben konnte. Am 1. Februar 1851 starb sie im Alter von 53 Jahren in London, vermutlich an einem Hirntumor. Am ersten Jahrestag ihres Todes öffneten Percy und seine Frau Marys Schreibtischschublade. Sie fanden dort Locken ihrer verstorbenen Kinder, ein Notizbuch, das sie gemeinsam mit Percy Bysshe Shelley genutzt hatte, sowie eine Kopie seines Gedichtes „Adonaïs“. Eine Seite des Gedichtes war um ein kleines seidenes Päckchen gefaltet, das Überreste seines Herzens enthielt.

Mary war kommerziell erfolgreicher als ihr Mann und erzielte höhere Auflagen als die anderen Mitglieder ihres illustren literarischen Kreises. „Frankenstein“ aber sah man weniger als ihre eigene Leistung an, sondern meinte, in ihm die inspirierende Leistung von Shelley und Lord Byron zu entdecken – eine in der Literaturwissenschaft noch in den 1980er Jahren weit verbreitete Einstellung. Erst seitdem mehren sich Biographien mit Neubewertungen ihres Schaffens. Mary Shelley gilt heute als eine der wesentlichen Autoren der Romantik, „Frankenstein“ als eins der bekanntesten Werke der phantastischen Literatur. Die zweite Frankenstein-Verfilmung von 1931, in der Boris Karloff das Monster spielte, wurde zu einem Klassiker des Horrorfilms. 2004 wurde Mary postum in die Science Fiction and Fantasy Hall of Fame aufgenommen.

Weil Aktivisten sie als „rechts“ diffamierten, sagte die Humboldt-Uni einer feministischen (!) Doktorandin einen Vortrag zur Zweigeschlechtlichkeit ab: Nun darf sich Scharlatanerie Wissenschaft nennen. Meine neue Tumult-Kolumne, die gern verbreitet werden darf.

Höhepunkt des Gegenprotests (nach Redaktionsschluss): Der DDR-sozialisierte konservative BILD-Politikchef Ralf Schuler trägt das als Blattlinie nicht mehr mit und geht. Richtig so.

„Stufen“ sei nicht nur sein berühmtestes, sondern überhaupt Deutschlands beliebtestes Gedicht, das nicht nur bei jedem Umzug zitiert werde, behauptete Matthias Matussek im Spiegel: „Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, / Der uns beschützt und der uns hilft zu leben.“ Er habe nach Goethe den reichsten Wortschatz der deutschen Literatur, heißt es bis heute. Schon 1958, vier Jahre vor seinem Tod, erledigte ihn der Spiegel als typisch deutsches Produkt unpolitischer Weltabgewandtheit und prophezeite, dass er sich im Ausland nie durchsetzen werde. Heute ist er mit rund 150 Millionen verkauften Büchern der weltweit erfolgreichste deutschsprachige Literat des 20. Jahrhunderts: Hermann Hesse, der am 9. August vor 60 Jahren an einem nächtlichen Schlaganfall starb.

Schon als 12-Jähriger weiß „Hermännle“, was er werden will: „Entweder ein Dichter oder gar nichts!“ Aber seine Erziehung bricht ihn fast. Am 2. Juli 1877 geboren, wächst er in der schwäbischen Kleinstadt Calw auf. Seine Eltern sind strenge Pietisten, sein baltischstämmiger Vater war früher evangelischer Missionar in Indien, der nirgendwo Wurzeln schlug und „immer wie ein sehr höflicher, sehr fremder und einsamer, wenig verstandener Gast“ wirkte. Er hatte acht Geschwister, von denen drei im Kleinkindalter starben. Als die jüngste Schwester gestorben ist, rennt er an ihr leeres Bett und ruft: „So Gertrudle, bischt jetzt vollends zum lieben Heiland gange?“ „Hermann hat eine Riesenstärke, einen mächtigen Willen und wirklich einen ganz erstaunlichen Verstand“, schreibt über den Vierjährigen seine Mutter, die von seinem „hohen Tyrannengeist“ überfordert ist.

1881 zieht die Familie für fünf Jahre nach Basel. Nach der Rückkehr bildet er sich in der umfangreichen Bibliothek seines Großvaters autodidaktisch und besucht anfangs die Calwer, später die Göppinger Lateinschule zur Vorbereitung auf das württembergische Landexamen, das Württembergern eine kostenlose Ausbildung zum Landesbeamten oder Pfarrer erlaubte. Mit 10 verfasst er ein erstes Märchen. Dann driftet der eigenwillige Junge in eine ernstliche Pubertätskrise ab. Als der 14-Jährige aus dem Klosterseminar Maulbronn ausreißt, empfiehlt der Hausarzt die Einweisung in eine Nervenheilanstalt. Zwar probieren es die frommen Eltern zunächst mit einem Glaubensbruder in Bad Boll, der versucht, seelische Störungen durch Gebete und Exerzitien zu kurieren. Doch als sich Hesse dort nach einer unglücklichen Liebesschwärmerei mit einem Revolver umbringen will, wird er in eine Heil- und Pflegeanstalt in Stetten abgeschoben.

Hesse-Skulptur auf der Nikolausbrücke in Calw. Quelle: Von –Xocolatl (talk) 22:13, 31 May 2009 (UTC) – Eigenes Werk, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=6912524

In dem berühmten anklagenden Brief vom 14. September 1892 an seinen Vater titulierte er diesen „Sehr geehrter Herr!“ und wies ihm bereits im Vorfeld die Schuld an möglichen künftigen „Verbrechen“ zu, die er infolge seines Aufenthaltes in Stetten als „Welthasser“ begehen könnte. Schließlich unterzeichnete er als „Gefangener im Zuchthaus zu Stetten“ und fügte im Nachsatz hinzu: „Ich beginne mir Gedanken zu machen, wer in dieser Affaire schwachsinnig ist.“ Er fühlte sich von Gott, den Eltern und der Welt verlassen und sah hinter den starren pietistisch-religiösen Traditionen der Familie nur noch Scheinheiligkeit. „Bildungshunger, Flößerabenteuer, Fernweh, Frömmigkeit, Märchenwunder, aber auch Prügel und schwarze Pädagogik, die seinen Eigensinn brechen soll, das ist die Kindheit“, fasst Matussek zusammen.

„hoffnungsloser Outsider“

Nachdem er seiner ersten Buchhändlerlehre in Esslingen nach drei Tagen entlaufen war, begann Hesse 1894 eine Mechanikerlehre in einer Turmuhrenfabrik in Calw. Nach 14 Monaten war er bereit, eine neue Buchhändlerlehre in Tübingen zu beginnen. Nach ihrem Abschluss arbeitete er in Tübinger Antiquariaten, las die deutschen Romantiker, die sein Frühwerk prägen werden, und veröffentlichte im Herbst 1898 seinen ersten Gedichtband „Romantische Lieder“ sowie im Sommer 1899 die Prosasammlung „Eine Stunde hinter Mitternacht“. Beide Werke wurden ein geschäftlicher Misserfolg. Darauf ging er im Herbst erneut nach Basel, arbeitete dort wiederum – unterbrochen von einer Italienreise – in verschiedenen Antiquariaten und schrieb Gedichte, kleinere literarische Texte sowie Rezensionen: rund 3000 für rund 60 Zeitungen sind es am Ende. Er ist einer der Ersten, die Kafkas Genie entdecken, er empfiehlt Arno Schmidts „Leviathan“ zur Veröffentlichung.

1900 wurde Hesse wegen seiner Sehschwäche vom Militärdienst befreit. Das Augenleiden hielt zeitlebens an, ebenso wie Nerven- und Kopfschmerzen. Im selben Jahr erschien sein Buch „Hermann Lauscher“ zunächst unter einem Pseudonym. 1903 beschloss er, als freischaffender Autor zu leben. Er lernt er die neun Jahre ältere Fotografin Maria Bernoulli kennen, heiratet sie ein Jahr später und hat mit ihr drei Söhne. Zu den ersten Veröffentlichungen gehören die Entwicklungsromane „Peter Camenzind“ (1904) und „Unterm Rad“ (1906), in denen Hesse jenen Konflikt von Geist und Natur thematisierte, der später sein gesamtes Werk durchziehen sollte. Mit dem zivilisationskritischen Camenzind gelang ihm der literarische Durchbruch, die Familie ließ sich in Gaienhofen am Bodensee nieder.

Gaienhofen, heute Hesse-Museum. Quelle: https://www.mia-und-hermann-hesse-haus.de/wp-content/uploads/2019/12/Hesse_Garten_Nord-1024×685.jpg

Bereits ab 1907 gerät er in eine Schaffenskrise: Ein besonderes Hesse‘sches „Elixier von Antibürgerlichkeit, Selbstfindung, transzendentaler Sinnsuche und dem Gefühl, ein, wie er sagte, ‚hoffnungsloser Outsider‘ zu sein“, erkennt Eberhard Falcke im DLF als Grundzug seines Lebens und Werks. Hesse unternimmt auf dem Monte Verità bei Ascona eine mit Alkoholabstinenz verbundene vegetarische Fastenkur und geht nackt klettern. Später allerdings geht er zu den „Lebensreformern“ und „Weltverbesserern“ der alternativen Künstlerkolonie auf Distanz. Überdies hatten sich in Hesses Ehe die Dissonanzen vermehrt. Um Abstand zu gewinnen, brach Hesse nach dem als misslungen empfundenen Roman „Gertrud“ (1910) mit einem Freund 1911 zu einer großen Reise nach Ceylon und Indien auf. Er fand dort zwar die erhoffte spirituell-religiöse Inspiration nicht, dennoch beeinflusste die Reise sein weiteres literarisches Werk stark. Auch ein Ortswechsel nach Bern konnte die Eheprobleme nicht lösen, wie Hesse in seinem Roman „Roßhalde“ schilderte.

Bei Kriegsausbruch 1914 meldete er sich als Kriegsfreiwilliger, wurde jedoch für untauglich befunden und der deutschen Botschaft in Bern zugeteilt, wo er die „Bücherzentrale für deutsche Kriegsgefangene“ aufbaute als Mitherausgeber der Deutschen Interniertenzeitung arbeitete. Am 3. November 1914 veröffentlichte er in der NZZ eine Warnung vor nationalistischer Polemik und fand sich prompt inmitten einer heftigen politischen Auseinandersetzung wieder: Die deutsche Presse attackierte ihn, Hassbriefe gingen bei ihm ein, und alte Freunde sagten sich von ihm los. Zustimmung erhielt er von Theodor Heuss und Romain Rolland. Wegen dieses sowie weiterer Schicksalsschläge wie dem Tod seines Vaters, der schweren Hirnhautentzündung seines dreijährigen Sohnes und der zerbrechenden Ehe begab er sich in psychiatrische Behandlung, machte erste Erfahrungen mit der Psychoanalyse und fand in Gustav Jungs Analytischer Archetypenlehre eigene Einsichten systematisiert und ergänzt.

1917 verfasste Hesse in einem dreiwöchigen Arbeitsrausch seinen Roman „Demian“, den er nach Kriegsende 1919 unter dem Pseudonym Emil Sinclair veröffentlichte. Thomas Mann schrieb von der „elektrisierenden“ Wirkung einer „Dichtung, die mit unheimlicher Genauigkeit den Nerv der Zeit traf und eine Jugend … zu dankbarem Entzücken hinriss.“ Das Angebot von Wilhelm Muehlon, einen Posten in der Regierung der Münchner Räterepublik zu übernehmen, lehnte er mit der Begründung ab, er wolle sich nicht unter die Dilettanten mischen, die sich in einen Dienst drängten, von dem sie nichts verstünden. Er ließ sich 1919 in Montagnola im Tessin nieder, wo er bis an sein Lebensende wohnen blieb. Nach der Trennung der Eltern wurden die Söhne verteilt: Zwei zu Pflegefamilien, einer blieb bei der depressiven Mutter, von der sich Hesse 1923 scheiden ließ. „Hesse wollte nicht glücklich sein, sondern unglücklich – das war der Motor für ihn“, schrieb sein Biograf Heimo Schwilk.

„eine ungeheure Tat“

Die neue Lebenssituation inspirierte Hesse nicht nur zu neuer schriftstellerischer Tätigkeit, sondern als Ausgleich und Ergänzung auch zu weiteren Zeichenskizzen und Aquarellen, was sich in seiner nächsten großen Erzählung „Klingsors letzter Sommer“ von 1920 deutlich niederschlug: „Hier habe ich die eine Seite meines Wesens bis zur Überdeutlichkeit auszudrücken gesucht, den Nervösen, den Künstler, den Sonderling, den seelisch Gefährdeten, Einsamen, Hungrigen, nach Wein und Opium Gierigen, der im Grunde ein Kind geblieben ist und vor dem Leben Angst hat, und diese Angst in Kunst verwandelt.“ 1922 erschien dann die „Siddartha“. Henry Miller nannte dieses meistgelesene Werk Hesses „eine ungeheure Tat“. Die romanhafte Auseinandersetzung mit dem Buddhismus war für den US-Schriftsteller „eine wirksamere Medizin als das Neue Testament“.

Hesses Schreibmaschine. Quelle: https://www.goethe.de/resources/files/jpg1127/schreibmaschine-hesse_q-v1-formatkey-jpg-w1966.jpg

Dann scheitert eine weitere Ehe nach nur drei Jahren. Seine zweite Frau Ruth schreibt ihm: „Es bleibt keine Sorge und Hingabe mehr übrig für den, der neben dir lebt.“ Erst viel später findet er in seiner dritten Ehefrau Ninon, einer Kunsthistorikerin, die bereits als 14jährige Schülerin eine konstante briefliche Verbindung mit ihm aufgenommen hatte, die Partnerin, die ihn so nimmt, wie er ist: als Einzelgänger. Sein Werk wird in dieser Schaffensphase auch von der ostasiatischen Philosophie beeinflusst, in der Hesse ein Modell zur Überwindung der abendländischen Krise sah. Das Spätwerk versucht den Gegensatz zwischen Geist und Sinnlichkeit, zwischen östlicher und westlicher Lebensweisheit auszugleichen. Spiritualität statt Religion, könnte man seine Haltung zusammenfassen.

Seine nächsten größeren Werke, darunter „Kurgast“ (1925), sind autobiografische Erzählungen mit ironischem Unterton, in denen sich bereits der erfolgreichste Roman Hesses ankündigt: „Der Steppenwolf“ (1927). Harry Haller, die faustische Hauptfigur, ist ein gescheiterter Intellektueller, dessen Weltverachtung nur von seiner Selbstverachtung übertroffen wird. Er schließt einen Pakt mit sich: Er darf sich an seinem 50. Geburtstag umbringen. Angeödet vom Alltag, verzweifelt und räudig in seiner Einsamkeit, betritt der das „Magische Theater“, dessen Reklameläufer ihm das Traktat des Steppenwolfs überreicht: „Nur für Verrückte“. Er lernt die androgyne Hermine kennen, die ihn in die Genüsse der Nacht einführt. Sie bringt ihm den Foxtrott bei, der Saxophonist Pablo erklärt ihm, was Musik heißt. Harry Haller lernt von Goethe und den „Unsterblichen“: das absurde Gelächter. Thomas Mann verglich das Buch mit dem „Ulysses“ und schlug seinen Freund Jahr um Jahr für den Nobelpreis vor.

Anfang der 1930er Jahre entstehen „Narziß und Goldmund“ sowie „Die Morgenlandfahrt“ als „Vorstufe“ zu seinem letzten großen Werk „Das Glasperlenspiel“, an dem er 12 Jahre schreiben wird: „Ich glaube an viele Dinge nicht, die der Stolz der heutigen Menschheit sind: Ich glaube nicht an die Technik, ich glaube weder an die Herrlichkeit und Unübertrefflichkeit unserer Zeit noch an irgendeinen ihrer hochbezahlten ‚Führer‘, während ich vor dem, was man so ‚Natur‘ nennt, eine unbegrenzte Hochachtung habe“, sagte er über seine Verfasstheit beim Schreiben. Während des Zweiten Weltkriegs machen befreundete Autoren wie Thomas Mann und Bert Brecht auf dem Weg ins Exil Station bei ihm. Politisch aber unternimmt Hesse nichts: „Ich habe keine andre Sehnsucht, als zu mir selber und zu rein geistigem Tun zu kommen.“ Seine Bücher sind nicht verboten, aber „unerwünscht“.

Der letzte Ritter

1943 in der Schweiz gedruckt, wurde ihm nicht zuletzt für dieses Spätwerk 1946 der Nobelpreis für Literatur verliehen: Für „seine inspirierten Werke, die mit zunehmender Kühnheit und Tiefe die klassischen Ideale des Humanismus und hohe Stilkunst verkörpern“, begründete die Schwedische Akademie die Vergabe an den Deutschen nach der Kapitulation Deutschlands. Gottfried Benn hält ihn für einen mittelmäßigen „Ehe- und Innerlichkeits-Romancier“ und munkelt: „Spezi von Thomas Mann. Daher der Nobelpreis.“ Robert Musil spottete den Gesamttypus weg: „Das einzig Komische ist, dass er die Schwächen eines größeren Mannes hat, als ihm zukäme.“ Alfred Döblin, als er 1953 selbst für den Nobelpreis gehandelt wird, meint: „So viel wie die langweilige Limonade Hermann Hesse bin ich schon lange“. Für seinen Freund Hugo Ball dagegen erweist er sich als „der letzte Ritter aus dem glanzvollen Zuge der Romantik. Er verteidigt die Nachhut.“

Hesse als Maler: Landschaft bei Ticino. Quelle: https://www.lempertz.com/lempertz_api/images/943-79-Hermann-Hesse-Ticino-Landscap.jpg

Inzwischen an Leukämie erkrankt, malte Hesse viel, schrieb noch wenige Erzählungen und Gedichte, aber keinen Roman mehr, dafür – ohne Sekretariat – rund 17.000 Briefe, in denen sich Sätze finden wie: „Ohne das Tier und den Mörder in uns sind wir kastrierte Engel ohne rechtes Leben“ oder „Die Wirklichkeit ist etwas, was man unter gar keinen Umständen anbeten und verehren darf“. Offenbar erhoffte sich eine neue Generation deutscher Leser von dem weisen Alten mit Strohhut und Nickelbrille Lebenshilfe und Orientierung. In seiner Streitschrift „Kitsch, Konvention und Kunst“ schrieb Karlheinz Deschner fünf Jahre vor Hesses Tod: „Dass Hesse so vernichtend viele völlig niveaulose Verse veröffentlicht hat, ist eine bedauerliche Disziplinlosigkeit, eine literarische Barbarei“. Teile der deutschen Literaturkritik qualifizierten den „Blumenzüchter von Montagnola“ prompt als Produzent epigonaler und kitschiger Literatur.

Sein letztes Gedicht entstand bei einem morgendlichen Spaziergang vor seinem Tod und war dem absterbenden Ast einer Robinie gewidmet. „Von der Natur entfernten sich die Schauplätze seiner Bücher fast nie weiter als höchstens bis zum Kleinstadt-Marktplatz“, lästert der Spiegel-Nachruf. Seine Rezeption ähnelt einer Pendelbewegung: Kaum war sie in den 1960er Jahren in Deutschland auf einem Tiefpunkt angelangt, brach unter den Jugendlichen in den USA ein Hesse-Boom ohnegleichen aus. In den vielen Verwandlungen des steppenwölfischen „Magischen Theaters“ haben Timothy Leary und die Hippies den „Meisterführer zum psychedelischen Erlebnis“ gesehen. Mit dem Pazifismus Harry Hallers werden die Vietnam-Kriegsverweigerer argumentieren. John Kays Rockband und ihr Song „Born to Be Wild“, mit dem Denis Hoppers „Easy Rider“-Helden losdonnerten, waren musikalisch ebenso einflussreich wie das dem „Demian“ entlehnte „Abraxas“ (Santana), selbst Udo Lindenberg zitierte ihn und gab ein Hermann Hesse-Lesebuch mit heraus.

Szenenbild aus dem FIlm „Steppenwolf“. Quelle: https://www.google.com/imgres?imgurl=https%3A%2F%2Fimg.chmedia.ch%2F2021%2F12%2F07%2F085baa82-f063-43ad-9906-42070e146c6f.jpeg%3Fwidth%3D654%26height%3D367%26fit%3Dbounds%26quality%3D75%26auto%3Dwebp%26crop%3D1569%2C882%2Cx0%2Cy126&imgrefurl=https%3A%2F%2Fwww.bzbasel.ch%2Fbasel%2Fsteppenwolf-wie-mir-hermann-hesse-einen-filmriss-bescherte-ld.2225361&tbnid=buEDbpP-_zMAQM&vet=12ahUKEwjtgvT76-b4AhXyQ_EDHbyNC9AQMygTegUIARCZAg..i&docid=GX4sHePFRSWSgM&w=653&h=367&q=hermann%20hesse%20steppenwolf%20film&ved=2ahUKEwjtgvT76-b4AhXyQ_EDHbyNC9AQMygTegUIARCZAg

„Hermann Hesse hätte die Idee der Occupy-Bewegung begrüßt, sicherlich, weil sie Sand ins Getriebe zu werfen versucht, aber doch keine Zeltstadt! Nie hätte er gemeinsam mit anderen Parolen gebrüllt! Programme, sagte er, seien für Dumme und Einladungen zum Missbrauch“, befand Matussek. „Seelenbiografien“ erkannte Hans Küng, die radikal subjektiv sind und ihn als Vorgänger der Beatpoeten und Aufbruchskünstler ausweisen. „Für den Menschen gibt es nur einen natürlichen Standpunkt, nur einen natürlichen Maßstab. Es ist der des Eigensinnigen“, hatte Hesse schon 1917 postuliert. Dieser Eigensinnige blieb er zeitlebens.

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