Moderne Demokratien zensieren selten offen. Sie arbeiten subtiler: Nicht der Staat selbst verbietet das Lied, sondern Institutionen, Veranstalter, Verwaltungen oder moralische Gremien erzeugen einen normativen Druckraum, innerhalb dessen bestimmte Inhalte zunehmend als „problematisch“ gelten. Gerade darin ähnelt die gegenwärtige Kulturpolitik auf paradoxe Weise spätsozialistischen Mechanismen.
Das politische Wir wurde nicht mehr gelebt, sondern inszeniert. Es entstand nicht von unten, sondern wurde von oben formuliert. Es war weniger Ausdruck einer vorhandenen Gemeinschaft als der Versuch, eine gewünschte Gemeinschaft kommunikativ hervorzubringen.
Früher sprach man schlicht von Armutsbekämpfung oder Infrastrukturaufbau. Heute dominieren Formeln wie Klimagerechtigkeit, Dekolonisierung, Resilienz oder gendergerechte Transformation. Die Begriffe wechseln permanent, der Geldfluss bleibt bestehen. Entwicklung erscheint dadurch nicht mehr als erreichbares Ziel, sondern als endloser Prozess administrierter Bedürftigkeit.
Kulturelle Unterschiede sind weder grundsätzlich schlecht noch grundsätzlich gut, sondern schlicht real. Wer sie ignoriert, produziert nicht Harmonie, sondern mindestens Enttäuschung, schlimmstenfalls Hass. Die Mannheimer Studie erinnert deshalb an eine banale Wahrheit: Menschen sind keine Verwaltungsobjekte. Man kann sie umsiedeln, fördern, integrieren. Man kann sie aber nicht beliebig umformen.
Das Sommermärchen war kein nationalistischer Aufbruch. Es war vielmehr der seltene Augenblick, in dem Deutschland sich selbst für einige Wochen als normales Land empfinden durfte. Dass dieser Moment heute zunehmend skeptisch betrachtet wird, verweist auf einen tieferen kulturellen Konflikt. Die eigentliche Frage lautet nämlich nicht, ob die WM 2006 den Aufstieg der AfD begünstigt hat, ja erklären kann. Die eigentliche Frage lautet, warum ein friedlicher und unverkrampfter Patriotismus überhaupt erklärungsbedürftig geworden ist.
Der entscheidende Satz des Liberalismus lautet: Der Mensch ist frei und deshalb kann er Gemeinschaften bilden. Der entscheidende Satz des Kollektivismus lautet: Der Mensch wird erst durch die Gemeinschaft frei. Genau diese Umkehrung findet sich in Brantners Formel.
Heimat ist die soziale Form des Vertrauens. Sie ist der Raum, in dem Menschen nicht permanent ihre Zugehörigkeit begründen müssen. Der Ort, an dem die grundlegenden kulturellen Selbstverständlichkeiten geteilt werden. Die Umgebung, in der man nicht ständig übersetzen, erklären und rechtfertigen muss.
Hooton-Plan, „nazisicheres“ Land, jetzt Bärbel Bas’ (SPD) „Einheitsbraun“: Warum die Vergewisserung des Eigenen unter Verdacht steht – und die Vielfalt des Fremden neue Staatsideologie wird.
Das klassische Theater lebte von Widersprüchen, Konflikten, tragischen Ambivalenzen. Es zeigte Menschen, die zwischen Schuld und Notwendigkeit, Freiheit und Schicksal, Moral und Macht zerrieben wurden. Die moderne deutsche Regietheaterlandschaft dagegen hat Ambivalenz weitgehend abgeschafft. Sie kennt fast nur noch Täter und Aufklärer.
Ausgerechnet jene Institutionen, die permanent Toleranz predigen, zeigen oft die geringste Toleranz gegenüber abweichenden Meinungen. Peter Thiel mag dabei nur der aktuelle Anlass sein. Morgen wird es jemand anderes sein.