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Archiv für die 'Massenmediales' Kategorie

Goethe wird nicht undeutsch, weil er Hafis las. Das Bauhaus wird nicht ungarisch, weil László Moholy-Nagy dort lehrte. Der Kölner Dom verliert seinen Ort in deutscher Geschichte nicht, weil die Gotik ihren Ursprung in Frankreich hatte. Austausch und Eigenart sind keine Gegensätze. Austausch setzt Verschiedenheit voraus. Wo alles unterschiedslos dasselbe wäre, könnte nichts mehr ausgetauscht werden.

Wenn aber die Berater nicht mehr lediglich Sachverstand ergänzen, sondern jene politische Entschlusskraft, Verhandlungskompetenz und Durchsetzungsfähigkeit beisteuern sollen, die eigentlich zur Stellenbeschreibung der Regierung gehören, ist aus der Beratung eine Ersatzhandlung geworden.

Ein Beamter, der Konflikte durch ein geschicktes Gespräch entschärft, leistet mehr als einer, der zwar fehlerfrei schreibt, aber jede Auseinandersetzung eskalieren lässt. Nur folgt daraus nicht, dass schriftsprachliche Kompetenz verzichtbar wäre. Die Alternative zwischen Gesprächsfähigkeit und sicherem Schriftdeutsch ist künstlich; eine professionelle Polizei braucht beides.

Menschen sollen ihre Herkunft kennen, ihre kulturellen Prägungen achten, Minderheiten ihre Traditionen bewahren, Migranten ihre Wurzeln nicht verleugnen. Nur dort, wo diese Selbstverständlichkeit den Deutschen erreicht, beginnt plötzlich die philosophische Gefahrenabwehr. Dann wird aus Zugehörigkeit „Gruppenaffekt“, aus Heimat „Homogenitätsphantasie“ und aus Patriotismus die Vorstufe zum Chauvinismus.

Aus einer Beobachtung wird ein Befund, aus einem Befund ein Missstand und aus einem Missstand eine Forderung. Die Differenz erhält den Charakter einer Schuld, noch bevor geklärt ist, wodurch sie entstanden ist.

Heiliger Zeitgeist

Die Vergangenheit vergeht nicht mehr; sie wartet. Irgendwo steht eine Festplatte, liegt eine VHS-Kassette, schlummert ein Facebook-Eintrag oder wartet ein altes Foto darauf, von der Gegenwart entdeckt und nach deren Maßstäben neu verhandelt zu werden. Jeder Mensch mit hinreichend langer Biographie besitzt deshalb inzwischen ein Archiv potentieller Anklageschriften gegen sich selbst.

Personal überdauert Wahlen, Verwaltungskulturen überdauern Minister – und irgendwann entsteht die Vorstellung, eine politische Sprachregel sei keine politische Entscheidung mehr, sondern eine moralische Errungenschaft, die sogar gegen einen neuen Minister verteidigt werden müsse.

Interessanter ist weniger, dass Menschen mit ungewöhnlichen sexuellen Biographien heute in die Politik gelangen, als vielmehr der Umstand, dass uns dies zugleich weniger immer skandalös und publizistisch reizvoller erscheint als früher: Der Sex hat seine moralische Sprengkraft, seine einstige knisternd-frivole Tabubedeutung völlig verloren.

Entweder Hautfarbe ist für Repräsentation unerheblich. Oder sie ist es nicht. Was nicht überzeugt, ist eine Gesellschaft, die beim Handball die blonden Köpfe zählt und beim Fußball empört fragt, wer überhaupt auf die Idee kommen könne, dunkle Köpfe zu zählen.

Digitalisierung hat eine eigentümliche Form des Fortschritts hervorgebracht: Sie schafft menschliche Arbeit nicht einfach ab. Sie verlagert einen Teil davon auf den Kunden.

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