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Archiv für die 'Regionales' Kategorie

Niemand muss ernsthaft annehmen, eine „scharfe Kathi“ sei eine gesellschaftspolitische Aussage über Frauen, ebenso wenig wie die „Memme“ ein wissenschaftlicher Befund über männliche Feigheit ist. Die Namen bedienen sich jener volkstümlichen Anzüglichkeit, die seit Generationen zum Repertoire von Wirtshäusern, Schlagern, Karneval und Unterhaltungskultur gehört.

Ein angekündigter Roman wird nicht erscheinen, weil seine erzählerische Ausgangssituation öffentlich unter moralischen Verdacht geraten ist. Der kulturpolitische Sprecher der baden-württembergischen AfD-Landtagsfraktion, Uwe von Wangenheim, hat dazu treffende Worte gefunden, dieder über den konkreten Vorgang noch hinausweisen: „Die Freiheit der Kunst bewährt sich nicht an gefälligen Geschichten, sondern an denen, die Widerspruch hervorrufen.“

Ständig werden neue Begriffe aus dem gemeinsamen Sprachgebrauch herausgebrochen und einer besonderen Gruppe als moralisches Eigentum zugewiesen, und jedes Mal folgt die Forderung nach sofortigem Gehorsam.

Nicht das Böse triumphiert, sondern menschliche Klugheit. Auf dem Rathausplatz aber steht nicht die Marktfrau, sondern der Teufel.

Goethe wird nicht undeutsch, weil er Hafis las. Das Bauhaus wird nicht ungarisch, weil László Moholy-Nagy dort lehrte. Der Kölner Dom verliert seinen Ort in deutscher Geschichte nicht, weil die Gotik ihren Ursprung in Frankreich hatte. Austausch und Eigenart sind keine Gegensätze. Austausch setzt Verschiedenheit voraus. Wo alles unterschiedslos dasselbe wäre, könnte nichts mehr ausgetauscht werden.

Wenn aber die Berater nicht mehr lediglich Sachverstand ergänzen, sondern jene politische Entschlusskraft, Verhandlungskompetenz und Durchsetzungsfähigkeit beisteuern sollen, die eigentlich zur Stellenbeschreibung der Regierung gehören, ist aus der Beratung eine Ersatzhandlung geworden.

Man kann den Anschlagsversuch von Leipzig/Halle sehr ernst nehmen, ohne aus ihm einen deutschen 11. September zu machen. Man kann eine bessere Drohnenabwehr verlangen, Sicherheitslücken schließen und ausländische Sabotage entschieden verfolgen, ohne dafür die Erinnerung an fast 3.000 Tote von New York, Washington und Pennsylvania in den Dienst einer politischen Mobilisierung zu stellen. Und vor allem kann man einen Verdacht gegen Russland für plausibel halten, ohne ihn bereits zur erwiesenen Tatsache zu erklären.

Eine ektopische Schwangerschaft ist nur deshalb eine ektopische Schwangerschaft, weil wir wissen, wo sich eine Schwangerschaft normalerweise entwickelt. Und sie betrifft einen Organismus, der die reproduktiven Voraussetzungen einer Schwangerschaft besitzt. Genau diese einfache Ordnung wird im politischen Diskurs zunehmend umgekehrt. Nicht mehr die Regel erklärt die Ausnahme. Die Ausnahme soll die Regel delegitimieren.

Die neue Erklärung lautet: Machtlosigkeit. „Wir holen uns unser Land zurück“, habe Ulrich Siegmund im Wahlkampf gesagt. Hähnig übersetzt: Wir wollen wieder mächtig werden! Daraus wiederum folge: Wir sind es derzeit nicht. Die AfD rekurriere auf ein „Gefühl des Ausgeliefertseins“. Das ist nicht ganz falsch. Aber die entscheidende Frage wird durch das Wort „Gefühl“ bereits vorentschieden.

Ein mächtiger Händler, der sich einer europäischen Kolonialmacht widersetzt, passt ideal in die postkoloniale Erzählung vom indigenen Widerstand. Ein mächtiger Sklavenhändler, der seine wirtschaftlichen und politischen Interessen verteidigt, ist ein sehr viel komplexerer Akteur und belegt moralische Schattierungen statt Schwarz-Weiß.

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