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Neben Sergei Eisenstein gilt er als einflussreichster russischer Regisseur aller Zeiten. Für Ingmar Bergman war er der größte Filmemacher der Welt, „Für mich ist er Gott“, sagte gar Lars von Trier und widmete ihm seinen Film „Antichist“ (2009). Vier seiner Filme wurden in die BBC-Liste der 100 größten fremdsprachigen Filme aller Zeiten aufgenommen – obwohl er gerade sieben Streifen selbst drehte: Allesamt metaphysische und spirituelle Erkundungen der Menschheit, und jeder einzelne ist weltweit als künstlerisches Meisterwerk anerkannt, deren Komplexität ihn zum Kultfilmer zivilisationskritischer Intellektueller machte: Andrei Tarkowski, der am 4. April 1932 im Dorf Sawraschje in der heutigen Oblast Kostroma im nordwestlichen Russland zur Welt kam.

Aus einer Künstlerfamilie stammend – sein Vater war ein namhafter Lyriker, seine Mutter Schauspielerin –, wuchs er nach deren Trennung bei Mutter und Großmutter in Zentralrussland auf. Andreis künstlerische Begabung wurde von seiner Mutter früh erkannt und gefördert. 1944 zog die Familie nach Moskau, wo er nach einem mittelmäßigen Schulabschluss 1950 erst ein Studium in Musik, Malerei, Bildhauerei, Orientalistik und Geologie begann, um 1954 an der Filmhochschule Moskau das Regiehandwerk zu erlernen. Er heiratete 1957 eine Schauspielerin und schloss sein Studium 1961 mit dem Diplomfilm „Die Straßenwalze und die Geige“ ab, den er selbst nie zu seinem Werk zählte, der aber schon seine Eigenwilligkeit zeigte: Es geht um das Verhältnis von Künstler und Arbeiter in Phantasie und Realität. Viele motivische Metaphern, etwa davonrollende Äpfel oder verschiedene Aggregatzustände des Wassers werden danach immer wieder auftauchen. 1962 kommt sein Sohn zur Welt.

Tarkowski. Quelle: https://www.dekoder.org/sites/default/files/tarkowski_festival-de_cine_africano.jpg

In seinem ersten Spielfilm „Iwans Kindheit“ (1962) nach einer Erzählung von Wladimir Bogomolow  verarbeitete Tarkowski prägende autobiographische Erlebnisse wie die Abwesenheit seines Vaters und den Krieg. Im Mittelpunkt steht ein 12-jähriger Kriegswaise, der seine Verstörung durch Härte niederkämpft, sich in vorderster Front einen Posten in der Roten Armee erobert und zwischen den Linien in Lebensgefahr gerät – ob er stirbt, bleibt offen: „eine expressive Angsterfahrung, kein propagandistisch verwertbares Heldentum“, erkennt Claudia Lenssen im Tagesspiegel. Allein an den heimischen Kinokassen wurden 16,7 Millionen Tickets verkauft. Der Streifen errang auf Anhieb den „Goldenen Löwen“ der Filmfestspiele von Venedig (1962) und war 1964 der erste Kandidat, den die Sowjetunion überhaupt ins Rennen um den Auslandsoscar schickte. „Meine Entdeckung von Tarkowskis erstem Film war wie ein Wunder“, erklärte Bergman. „Plötzlich fand ich mich vor der Tür zu einem Raum stehen, dessen Schlüssel mir bis dahin nie gegeben worden waren. Es war ein Raum, den ich immer hatte betreten wollen und wo er sich frei und voller Leichtigkeit bewegte.“

Drama um Schuld

Dieses Werk sicherte Tarkowski direkt im Anschluss an sein Studium einen Job bei der sowjetischen Filmgesellschaft Mosfilm und markiert den Anfang einer außergewöhnlichen Karriere. Mit seinem zweiten Film „Andrej Rublijow“ (1966) zog Tarkowski schon früh die Aufmerksamkeit der Regierung auf sich, die den Film aufgrund von Nackt- und Gewaltdarstellungen zensierte, nachdem er sich weigerte, alle geforderten Änderungen daran vorzunehmen. Der episodische Film zeigt, oft schwarzweiß, acht Momente im Leben des russischen Ikonenmalers, Glockengießers und Wandermönchs Andrej Rubljow im 15. Jahrhundert, beleuchtet das Spannungsfeld von Künstler und Gesellschaft und wurde von vielen als Allegorie für die Notlage des Künstlers unter dem Sowjetregime interpretiert.

Folglich wurde er in der Heimat bis 1971 nicht kommerziell veröffentlicht, allerdings 1969 bei den Filmfestspielen in Cannes gezeigt: Obwohl so früh morgens, dass möglichst viele Juroren die Vorstellung versäumen sollten, erhielt er sofort den Kritikerpreis, die erste von insgesamt neun Auszeichnungen. Für Chris Marker zeigt sich, dass Tarkowskis Kameraperspektive der des klassischen Hollywood-Kinos entgegengesetzt sei: Während man dort eine leichte Untersicht bevorzuge, die die Personen exponiert und effektvolle Himmelsaufnahmen ermöglicht, schaue Tarkowskis Kamera leicht von oben auf die Menschen herab, die wie mit der Erde verwachsen scheinen, mit dem „Urschlamm“, aus dem sie hervorgegangen und wie noch nicht ganz befreit sind – Tarkowski selbst bezeichnete seinen Rubljow als einen „Film der Erde“ und setzte mit Birken, Laub und Spiegeln weitere Motive, die er in seinen weiteren Filmen immer wieder variierte.

Rubljow. Quelle: https://www.trigon-film.org/de/movies/Andrei_Rubljow/photos/1200/rubljow_04.jpg

Nicht so häufig, aber umso auffälliger sei die „stürzende Sicht“ seiner Kamera, bei der sie sich emporschwingt und senkrecht über dem Geschehen verharrt, als schaue sie mit den Augen des richtenden Pantokrator von der Kuppel einer orthodoxen Kirche herab. International, so auch in der DDR, erschien der Streifen erst 1973. Zuvor scheiterte 1970 seine Ehe, noch im selben Jahr heiratete er erneut: Seine Regieassistentin Larissa Jegorkina, beide bekommen einen Sohn. Aus Anlass des 100-jährigen Jubiläums des Kinos nahm der Vatikan 1995 den Film in seine Liste der „45 großen Filme“ mit auf. Über den Rubljow wird aber bis heute weltweit geforscht und publiziert, seine größte Wirkung entfaltete er erst im 21. Jahrhundert. 2010 etwa, als der Guardian nach den 25 „Besten Arthouse-Filmen aller Zeiten“ fragte, setzten ihn die Kritiker auf Rang eins.

Auch Tarkowskis weitere Filme waren kontrovers und wurden vorerst zensiert. Auf Stanley Kubricks Welterfolg „2001 – Odyssee im Weltraum“ (1968) erwartete man in der Sowjetunion eine angemessene Antwort von Tarkowski und bedachte ihn mit dem Auftrag. Er verfilmte dazu die Erzählung „Solaris“ von Stanisław Lem – in einer ganz eigenen Interpretation. Der 1972 fertiggestellte Film hatte mit der Vorlage fast nur noch den Titel gemeinsam. Tarkowski verzichtete auf alle spektakulären technischen Details und schuf ein Drama um Schuld, individuelle Erinnerung und kollektives Gedächtnis. Die Geschichte handelt von einem Wissenschaftler, der geschickt wurde, um mysteriöse Ereignisse auf einer Raumstation im Orbit des Planeten Solaris zu untersuchen. Bei der Ankunft findet er seine tote ehemalige Geliebte lebendig auf der Station vor und versucht, sie zu töten, aber sie kommt immer wieder zurück.

In dieser Meditation über die Kultur- und Evolutionsgeschichte und den stets präsenten Vater-Sohn-Konflikt wird nach einer Instanz gesucht, die unsere Träume speichert. War schon im Rubljow der Zuschauer gefordert zu mutmaßen, wie die Episoden der Handlung zusammenhängen, so nimmt in „Solaris“ die für den reifen Tarkowski typische Rätselhaftigkeit noch deutlich zu. Spätestens hier zeigt sich, dass Tarkowski gern mit den gleichen Schauspielern arbeitet und auch die Kameraleute nicht ständig austauscht. Eduard Artemjew schrieb ihm für diesen und zwei weitere Filme die zum Teil experimentelle elektronische Musik, die er mit dem ersten in Russland gebauten Synthesizer einspielte – für Tarkowski eine „privilegierte Klangsprache“ für eine „Symbiose mit den Bildern“. Die Geschichte wurde 2002 mit anderen thematischen Schwerpunkten von Steven Soderbergh mit George Clooney neu verfilmt.  

„Sie glauben an nichts“

„Der Spiegel“ (1975) mit seinen vielen Zeitebenen und Politbezügen ist als „eindringliche autobiografische Träumerei“ (Norbert Franz in Dekoder) wohl der Schlüsselfilm in Tarkowskis Kanon und so nah an Poesie, wie Kino nur sein kann. Noch konsequenter als in seinen übrigen Filmen befreite er sich darin von den Konventionen des Erzählkinos. Erzählt wird assoziativ eine Kindheit in den Jahren der Stalin‘schen Herrschaft, jedoch so, dass sich viele in Situationen und Konstellationen erkannten. Der Spiegel wird hier Symbol und Metapher des Selbsterkennens in der Erinnerung. Die fragmentierten Reminiszenzen an den sterbenden Dichter Alexei sind verwoben mit Gedichten von Tarkowskis Vater Arseni. Der kaleidoskopische Ansatz des Films kombiniert Ereignisse, Träume und Erinnerungen mit Filmmaterial aus der sowjetischen Wochenschau, manche Kritiker erkennen eine strophische Reihung von Augenblicken, in denen im Angesicht des Todes das Leben vorbeizieht. In der Sowjetunion wurden dem Film, den Tarkowski seiner Mutter widmete, Vorwürfe wie unverständlich, überladen oder düster gemacht.

„Spiegel“. Quelle: https://testkammer.com/2016/12/19/der-spiegel-1975/

In seinem Schaffensdrang hatte er sich Zeit seines Lebens der sowjetischen Bürokratie zu erwehren, wurde bei Auftragsvergaben immer wieder ignoriert. Geldsorgen zwangen ihn, kommerzielle Drehbucharbeiten und Vorträge in der Provinz anzunehmen, außerdem Hörspiele zu verfassen und Theaterinszenierungen zu besorgen. Überraschenderweise hatte er bei seiner nächsten Produktion „Stalker“ einigen Freiraum, obwohl der Film Andeutungen auf die politische Situation der Sowjetunion machte. Es war wie schon „Solaris“ eine individuelle Adaption einer literarischen Vorlage, diesmal des dritten Kapitels des Romans „Picknick am Wegesrand“ von Arkadi und Boris Strugazki, das beide umschrieben. Aber erst mit der neunten Drehbuchversion war Tarkowski zufrieden.

Schauplatz ist eine „Zone“, in der Außerirdische aus unbekannten Gründen Spuren hinterlassen haben: Vor allem Gegenstände teilweise unbekannter Funktion, stets ungeklärten Prinzips, oftmals furchtbarer oder gar tödlicher Wirkung, manchmal aber auch höchster Nützlichkeit. Sie werden von illegalen Schatzsuchern, den „Stalkern“, geborgen. Ein Stalker macht sich mit zwei Männern, die einander nicht mit Namen kennen, sondern mit „Professor“ und „Schriftsteller“ ansprechen sollen, auf den Weg zu einem Raum, der einer Person ihre tiefsten Wünsche erfüllen soll. Nach sage und schreibe neun Minuten fällt im Film das erste Wort; der Anfang ist schwarzweiß, erst in der geheimnisumwitterten Zone wird er farbig. Wege durch das trostlose Gebiet –  ein Geisteszustand wie ein wirklicher Ort – können in diesem metaphysischen Labyrinth nur gespürt, nicht gesehen werden. Am Ziel – vor dem verheißungsvollen, unwirklichen Zimmer, in dem es auch noch regnet – machen beide einen Rückzieher und gehen nicht hinein. Telekinetisch sind sie auf einmal wieder in einer Kneipe, dem Ausgangspunkt ihrer Expedition. 

Tarkowski lehnte eine eindeutige Interpretation dieser Zone immer ab – dieses mystisch-entrückten Ortes, der für viele Cineasten damals wie heute die Konturen eines brüchig gewordenen Fortschrittsglaubens trägt. Dabei lässt sich Tarkowskis Klassiker vor allem als eine traumwandlerische Reise ins menschliche Selbst interpretieren. Zunehmend setzt sich die Auffassung durch, Professor, Schriftsteller und Stalker hegelianisch zu lesen: Sie stehen dann für Wissenschaft, Kunst und Religion; nach Hegel die Modi, in denen das Wissen zu seiner Vollendung kommt – Religion (Anschauung) und Kunst (Vorstellung) sind in der Philosophie (Selbsterkenntnis) dialektisch aufgehoben. Im Film ist die dialektische Trias umgekehrt: Wissenschaft und Kunst sind ungenügende Annäherungen an die Wirklichkeit, die der Vollendung durch den Glauben bedürfen. Wissenschaftler und Schriftsteller aber sind dazu nicht fähig. Tatsächlich mahnt der Stalker, in der Zone Ehrfurcht zu zeigen und zu glauben. Resigniert muss er aber feststellen: „Sie glauben an nichts, an gar nichts. Bei ihnen ist das Organ mit dem man glaubt, an Nahrungsmangel zugrunde gegangen.“

„Stalker“. Quelle: https://lwlies.com/wp-content/uploads/2016/05/stalker-andrei-tarkovsky.jpg

Tarkowskis Bilder gehören allerdings nicht zu einer konkreten Form des Glaubens, nicht zu einer bestimmten Religion. Es geht um die eher unspezifische Sehnsucht nach einem Absoluten, das die menschliche Rationalität übersteigt und zu dem man Kontakt haben möchte. „Die heutige Zivilisation ist in eine Sackgasse geraten“, schrieb er selbst. „Die Zeit, um unsere Gesellschaft geistig umzubauen, fehlt. Die Menschen, die Politiker sind Sklaven des Systems geworden. Der Computer hat die Führung übernommen. Die einzige Hoffnung, die bleibt, ist, dass der Mensch in jenem letzten Moment, in dem er den Computer ausschalten kann, von oben erleuchtet wird.“ Tarkowski knüpft da an Dostojewski an, der das Leiden „eine gute Sache“ genannt hatte. Ganz ähnlich spricht die Frau des Stalkers, während sie direkt in die Kamera schaut: „Wenn es in unserem Leben keinen Kummer gäbe, besser wäre das nicht. Es wäre sogar schlechter, denn dann gäbe es kein Glück.“ Glück wird nicht mit Wohlbefinden verbunden, sondern mit Erlösung, die aber nur der erfahren kann, der um seine Erlösungsbedürftigkeit weiß. Einen Dostojewskij-Roman zu verfilmen ist ihm nie erlaubt worden.

nie geschaute Schönheit

Trotz der erarbeiteten Freiheiten blieben für Tarkowski die politischen und materiellen Produktionsbedingungen in der UdSSR schwierig, zudem ging es ihm nach mehreren Herzinfarkten gesundheitlich schlecht. Lust am Widerspruch auf der einen und eine eher diffuse Religiosität mit Hang zu Esoterik auf der anderen Seite machten ihn ebenso aus wie der tiefe Wunsch, seiner eigenen Kunstvorstellung zu folgen und trotzdem in der Heimat bleiben zu können, was ihm nicht gelang: Um dem Korsett des sowjetischen Filmbetriebs zu entweichen, nahm er 1981 schließlich einen Auftrag in Italien an, obwohl ihm klar war, dass er seine Familie in der Sowjetunion zurücklassen musste. So entstand zunächst die Fernsehdokumentation „Tempo di Viaggio“, gefolgt von seinem vorletzten Spielfilm „Nostalghia“ (1983).

Darin bereist ein russischer Schriftsteller mit seiner Dolmetscherin die Toskana und untersucht einen selbstmörderischen russischen Komponisten des 18. Jahrhunderts. Heimweh und Verzweiflung frustrieren ihn, bis er einen Wahnsinnigen trifft, der ihn überzeugt eine Aufgabe zu übernehmen – mit einer angezündeten Kerze von einem Ende eines Spa-Pools zum anderen zu gehen – um die Welt zu „retten“. Der Wahnsinnige verbrennt sich öffentlich, dem Schriftsteller geht zweimal die Kerze aus, bis er den Weg erfolgreich zurücklegt – und stirbt. „Die sanfte Gewalt, die nie geschaute Schönheit seiner Bilder ist so heftig, dass man sie im Kopf behält wie einen Traum, den man immer wieder träumt“, so Ulrich Greiner in der Zeit. Dafür bekam er in Cannes gleich drei Preise, darunter den als bester Regisseur.

„Nostalghia“. Quelle: https://www.filmingo.ch/images/films/98-800×500.jpg

Er hielt sich in der Folgezeit in Paris, London und Berlin auf, wo er Stipendiat des Deutschen Akademischen Austauschdienstes war. 1985 veröffentlichte er das Buch „Die versiegelte Zeit“, in dem er seine wesentlichen Gedanken zu Ästhetik und Poetik des Films darlegte. Zugleich wird bei ihm Krebs diagnostiziert. Parallel dazu entstand in Schweden sein letzter Film „Opfer“: Eine Allegorie individueller Verantwortung, in der ein von Erland Josephson gespielter, zurückgezogen auf einer Schären-Insel lebender Schauspieler den Atomkrieg durch ein mystisch-sakrales Selbstopfer rückgängig macht – im Jahr von Tschernobyl. Auch dafür bekam er in Cannes drei Preise, dazu die Goldenen Ähre des Filmfests Valladolid; 1988 wurde „Opfer“ in England als bester fremdsprachiger Film ausgezeichnet.

Tarkowskis geschwächte Gesundheit verschlimmerte sich, sodass er die Arbeit zu seinem letzten Film „Hoffmanianna“, eine Dokumentation über E.T.A. Hofmann, nie zu Ende führen konnte. Am 29. Dezember 1986 erlag er in Paris dem Krebsleiden. Seine Witwe Larissa widmete sich nach seinem Tod der Erhaltung von Tarkowskis Erbe, beteiligte sich aktiv an der Gründung des „Institut international Andreï-Tarkovski“ in Paris und der Publikation seiner Schriften, darunter auch seinen als „Martyrolog“ bezeichneten Tagebüchern: Er schrieb nicht nur, sondern kritzelte, erstellte Listen, zeichnete Pläne und traurige Gesichter. Ein Eintrag laut etwa: „Gestern war ich besoffen und hab mir den Schnurrbart abrasiert. Heute Morgen fiel mir ein, dass ich auf allen Ausweisen einen Schnurrbart trage. Dann muss ich ihn wohl nachwachsen lassen!“

Durch lange Takes und handlungsarme Szenen erzieht sich Tarkowski seinen Zuschauer, der genau hinschauen, betrachten lernt. Er muss sich das wackelige Beistelltischchen im Schlafzimmer ansehen, die Tabletten, das Glas mit Wasser, das auf dem Tischchen verrutscht. Dazu hört er das Geräusch eines vorbeifahrenden Zuges. Er weiß nicht, wogegen die Tabletten helfen sollen, wer sie nimmt. Und er erfährt es auch später nicht. Tarkowskis Filme tragen in der Regel keine Antworten zu den Fragen vor, die sie stellen. Und wenn sie Lösungen suggerieren, stehen wiederum andere Fragen dahinter. Seine Filme handeln von Künstlern, Wissenschaftlern, Kindern, hochsensibel introvertierten Individuen, die immer auch als Alter Ego des Regisseurs fungieren.

Tarkowskis Grab. Quelle: https://media-cdn.sygictraveldata.com/media/800×600/612664395a40232133447d33247d383739303832343839

Die Handlung ist jedoch in keinem seiner Filme im engen Sinne bedeutsam, vielmehr vermitteln gedehnte Kamerafahrten, entleerte Innenräume, Blicke auf Dinge des Alltags, an denen sich Erinnerungen kristallisieren, von Wasser überströmte Räume und Landschaften ein traumartiges Gewebe, in dem sich Zeiterfahrungen auflösen. „Ein wahrer Künstler ist immer auch ein Visionär, der in die Zukunft sieht“, befand Tarkowskis Sohn 2020. „Das erschreckt seine Mitmenschen. Aus diesem Grund wird er meist sehr viel später verstanden.“ Seine Filme sollten mit dem Zuschauer „nicht über eindeutig nacherzählbare Inhalte kommunizieren“, sondern „psychische Grundzustände reanimieren“: „Möge jeder, der dies wünscht, sich meine Filme wie einen Spiegel anschauen, in dem er sich selber erblickt“. Auf seinem Grab in Paris steht geschrieben: „Der Mann, der den Engel gesehen hat”.

O Fortuna

Allein die Orchester seiner Vertonungen antiker Tragödien sprengen mit ihren vier bis sechs Klavieren und bis zu 18 Schlagzeugern mit einer Vielzahl von Trommeln, Xylophonen, Marimbaphonen und Metallophonen alles, was normale Opernorchester an Musikern und normale Opernhäuser an Platz im Orchestergraben aufbieten können. Und woher soll man Instrumente nehmen wie javanische Gongs, Hyoshigis, Bin Sasaras, Angklungs? Wagner-Enkel Wieland, der große szenische Visionär der Nachkriegszeit, erkannte prompt Parallelen zu seines Großvaters „Ring des Nibelungen“ und wollte ihm gar das Bayreuther Festspielhaus öffnen: Carl Orff, der am 29. März vor 40 Jahren starb.

Der Sohn eines Offiziers und einer Pianistin kommt am 10. Juli 1895 in München zur Welt und erhält bereits ab 1900 Jahren Klavier-, Cello- und Orgelunterricht. Im selben Jahr erschien auch seine erste Komposition. Auf dem Oktoberfest 1905 hat er ein Aha-Erlebnis vor einem Puppentheater, er bastelt Puppen, bekommt zu Weihnachten ein großes Puppentheater mit Vorhang geschenkt – prompt fehlt für die erste Theater-Vorstellung von Carl Orff nur noch die Musik, die er dann anfängt zu schreiben. Vor der Schule graust es ihn, mit Rechnen oder gar Latein will er sich nicht abplagen. Mit 14 Jahren dann das zweite Aha-Erlebnis: ein Besuch des „Fliegenden Holländers“ von Richard Wagner. Kolportiert wird, dass ihm die Aufführung buchstäblich die Sprache verschlagen habe: Tagelang schweigt er und isst fast nichts und musste die Oper bald darauf, mit einem Klavierauszug ausgestattet, erneut besuchen, um wieder ansprechbar zu werden.

Er beendet mit 16 Jahren seine Schulzeit, ohne Abitur und mit einem fürchterlich schimpfenden Vater im Nacken, und will unbedingt Musik studieren. 1911 schreibt er rund 50 Lieder zu Texten von Heinrich Heine, Friedrich Hölderlin und anderen Klassikern, 1912 komponierte er sein erster größeres Chorwerk nach Friedrich Nietzsches „Also sprach Zarathustra“, und schuf 1913 nach einer japanischen Sage die Oper „Gisei“. Im selben Jahr beginnt er ein Studium an der Akademie der Tonkunst in München, das er 1914 bereits beenden muss, da er eingezogen wird. Er kommt an die Ostfront, wird bei einem Angriff verschüttet und vertiefte sich, traumatisiert und zeitweise halbseitig gelähmt, im Lazarett in Friedrich Nietzsches „Der Wille zur Macht“.

Der späte Orff. Quelle: Von Orff-Zentrum München – Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=79623589

Spätestens hier begann seine Entfremdung vom Glauben – immerhin war er als „Karl Heinrich Maria“ katholisch getauft worden. Noch während der Schulzeit erregte er sich im Religionsunterricht darüber, dass Abraham seinen Sohn Isaak opfern soll. Wie kann ein liebender Vater und letztlich Gott das zulassen? Als sich später ein Mitschüler das Leben nahm, weil er mit den katholischen Dogmen nicht zurechtgekommen war, wuchs die Distanz weiter. Die Todesangst aus dem Krieg ließ ihn nie  mehr los; Dunkel- und Verlassenheit hielt er nicht aus. Seitdem wimmelt es in seinen Kompositionen nur so von Hexen und Teufeln, die das Böse verkörpern.

eine Art „schwarze Messe“

Nacheinander Kapellmeister in München, Mannheim und Darmstadt, heiratete er 1920 erstmals und bekam im Jahr darauf eine Tochter, sein einziges Kind. Die Ehe sollte sieben Jahre halten. Bis 1922 studierte er erneut in München, interessierte sich für die Musik Claude Debussys und dessen Verwendung von Musikinstrumenten fremder Kulturen. Schnell entdeckte er den Gong für sich und baut ihn in viele seiner Kompositionen ein. Auch Richard Strauss zählte zu seinen musikalischen Vorbildern. 1924 gründete er aus seinem ganzheitlichen Klangbewusstsein heraus gemeinsam mit Dorothee Günther die „Günther-Schule München – Ausbildungsstätte vom Bund für freie und angewandte Bewegung e. V.“, die in den Bereichen Gymnastik, Rhythmik, Musik und Tanz ausbildete. Carl Orff selbst übernahm dort die Leitung der Musikabteilung. Grundlage seiner Arbeit bildete die Idee, das musikalisch-rhythmische Gefühl aus der Bewegung heraus zu entwickeln: Tanz, Musik und Sprache gehören für ihn untrennbar zusammen.

Aus dieser Idee entwickelte er gemeinsam mit seiner Mitarbeiterin Gunild Keetman ein neues Modell für Musik- und Bewegungserziehung: das Orff-Schulwerk, das er seit 1930 in fünf Bänden veröffentlicht und bis heute Grundlage des Musikunterrichts ist. Er komponierte in diesem Rahmen auch Musik für Kinder, die „Orff-Kompositionen“, und etablierte mit dem Instrumentenbauer Karl Maendler die „Orff-Instrumente“. Zu ihnen zählen etwa Glockenspiele, Schlagwerk, Schellen, Kastagnetten oder Klanghölzer. Sie förderten nicht nur das Gefühl und Verständnis von Musik, sondern weckten in den Kindern auch ein Interesse am Musikmachen. Parallel dazu befasste er sich mit Claudio Monteverdi (bspw. „Orpheus“ 1924) und komponierte drei Kantaten nach Franz Werfel (1929/30, darunter „Des Turmes Auferstehung“) sowie zwei Kantaten nach Bertolt Brecht (1930/31), die, so manche Kritiker, durch seine Musik zu einer Art „schwarze Messe“ mutierten.

Buchmalerei im Codex Buranus: Das Schicksalsrad. Quelle: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/c/cc/Carmina_Burana.pdf/page1-627px-Carmina_Burana.pdf.jpg

1934 dann das dritte Aha-Erlebnis: „Fortuna hatte es mit mir gut gemeint, als sie mir einen Würzburger Antiquariatskatalog in die Hände spielte, in dem ich einen Titel fand, der mich mit magischer Gewalt anzog: Carmina Burana“, schrieb Carl Orff über die Entdeckung der Benediktbeurer Handschrift. Allein schon der Titel zieht Orff magisch an – was für ein toller Rhythmus in den zwei Worten steckt: „Carmina burana“. Am Gründonnerstag des Jahres bekommt er das Buch geschickt, das lateinische und deutsche Liedtexte und Gedichte aus dem 13. Jahrhundert beinhaltet. Orff studiert den Text, seine Lateinkenntnisse sind lausig, aber den Rhythmus versteht er sofort. Plötzlich entsteht in seinem Kopf zu den alten Worten aus dem Kloster, die von Liebe, Speis und Trank, von der Glücksgöttin Fortuna und dem Lauf der Welt erzählen, ein klingendes Spektakel.

Parallel dazu schreibt er 1935 „Das Paradiesgärtlein“, ein Ballett nach Lautensätzen des 15. Jahrhunderts. Im selben Jahre erhält er von Carl Diem, dem Vorsitzenden des Deutschen Olympischen Komitees, den Auftrag zur Komposition des „Kinderreigens“ für die Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele in Berlin. Eine Verbindung zur „Günther-Schule“ ergab sich durch Diems Frau, die dort Schülerin war. Allerdings stammen die Partituren von Gunild Keetman, einige Stücke steuerte Werner Egk bei, Dorothee Günther besorgte die Choreographie, Gret Palucca übernahm den Solotanz. Daher ist schon formal die Behauptung falsch, dass die Olympia-Musik Beleg für eine enge Beziehung Orffs zum NS-Regime war.

Unrühmlich für Orff ist die Tatsache, dass er in den offiziellen Programmen und Ankündigungen die Autorschaft der Musik für sich beansprucht hat. Doch für den kanadischen Historiker Michael H. Kater ergibt sich das Bild eines unpolitischen und auch nicht an Politik interessierten Komponisten, der es dennoch verstand, sich mit den Machthabern zu arrangieren, um ungehindert seinen künstlerischen Weg gehen zu können, und der es genoss, als bedeutender deutscher Komponist seiner Zeit hofiert zu werden. Orff war übrigens ein persönlicher Freund von Kurt Huber, einem der Gründer der Widerstandsgruppe „Weiße Rose“, der wegen seines Widerstands gegen das NS-Regime hingerichtet wurde. Im letzten Kriegsjahr wurde er von Hitler auf der „Gottbegnadeten-Liste“ genannt und nach dem Krieg als Mitläufer eingestuft.

„ein Prophet im Gewand des Gauklers“

Zuvor allerdings hatte er am 8. Juni 1937 für eine Sternstunde der deutschen Musikgeschichte gesorgt: die Premiere der „Carmina Burana“ in der Frankfurter Oper vor einem atemlos lauschenden Publikum. 24 der 254 mittelalterlichen Lieder von Hugo von Orléans, Heinrich von Morungen, Walther von der Vogelweide und vielen weiteren unbekannten Schöpfern hatte er zu einem Chorwerk aus drei Teilen verarbeitet: lateinische Frühlingslieder und mittelhochdeutsche Stücke, Fress- und Sauflieder der Vaganten sowie Liebeslieder. Der Erfolg verleitet Orff zu dem bekannten Brief an seinen Verleger: „Alles, was ich bisher geschrieben und was Sie leider gedruckt haben, können Sie nun einstampfen! Mit den Carmina Burana beginnen meine gesammelten Werke!“ Er zieht fast sein ganzes, bis dahin entstandenes Werk zurück.

Berliner Olympiaeröffnung 1936. Quelle: Von Bundesarchiv, B 145 Bild-P017045 / Frankl, A. / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 de, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=5474551

1939 wird Orffs Märchenoper „Der Mond“ in München uraufgeführt. Im selben Jahr heiratet er zum zweiten Mal, die Ehe wird 14 Jahre halten. 1941 folgt die Uraufführung der Bühnentrilogie „Orpheus“, „Klage der Ariadne“ und „Tanz der Spröden“ in Gera. Daneben schreibt er „Die Kluge“ nach einem Märchen der Brüder Grimm, für das er 1949 den Nationalpreis der DDR bekommt, den er später zurückgab, und beginnt mit der Arbeit am „Bairischen Welttheater“, vier „Singspielen“ im Dialekt. Er ist der erste Komponist, der Stücke auf Bayerisch schreibt, weil er den Klang des Dialekts liebt, zumal aus der Kindheit: Fanni, die Köchin der Orffs, hatte ihm und seiner Schwester Mia viele Geschichten in tiefstem Bayerisch erzählt. „Orff gelang es, mit modernen Gestaltungsmitteln das Mystische und Historische wieder aufleben zu lassen, so wie es bereits Igor Strawinsky vor ihm geschafft hatte“, befindet Irem Çatı auf dem Portal concerti.

Neben seiner kompositorischen Arbeit übernahm er auch Führungspositionen in verschiedenen musikalischen Einrichtungen. Er war von 1950 bis 1960 Leiter einer Meisterklasse an der Musikhochschule in München. 1961 folgte die Leitung des Orff-Instituts in Salzburg. Dazwischen lag von 1954 bis 1959 seine dritte Ehe, eine Promi-Ehe mit der eigenwilligen linkskatholischen Schriftstellerin Luise Rinser. Mitte der 1950er Jahre begannen dann seine vielfachen Ehrungen: so erhält er kurz hintereinander die Ehrendoktorwürde der Universitäten Tübingen und München sowie den Orden „Pour le Mérite“. 1960 heiratete er seine Sekretärin Liselotte, die sich nach seinem Tod 24 Jahre lang als Vorsitzende der Carl-Orff-Stiftung für die Verbreitung des musikdramatischen Schaffens von Carl Orff und des Orff-Schulwerks einsetzte und die Errichtung des Orff-Zentrums München initiierte.

Als Orffs Hauptwerk nach dem Krieg ist das „Theatrum Mundi“ anzusehen – drei Vertonungen antiker Tragödien: „Keine Opern“, betont Orff. Beginnend bei „Antigonae“ (1949) über „Oedipus der Tyrann“ (1959) und „Prometheus“ (1968) endet das „Welttheater“ mit dem „Spiel vom Ende der Zeiten“ (1973/1977): Im Weltuntergang bittet Satan um Vergebung und wird von Gott wieder als Engel aufgenommen. Für 3.200 Münchner Schulkinder schreibt er dann den „Gruß der Jugend“ zur Eröffnung der Olympischen Sommerspiele in München und zehrt vom Ruhm seines Lebenswerks. Orff starb nach langer Krankheit im Alter von 86 Jahren in München und wurde in der „Schmerzhaften Kapelle“ der Klosterkirche Andechs beigesetzt.

Grab in Andechs. Quelle: Von ViennaUK – Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=23768341

Eine ungewöhnliche Ehre für einen Nichtadligen und Nichtgeistlichen, der sich „seine eigene Theologie geschaffen“ habe, „in der Christus nicht vorkomme“, so der Musikwissenschaftler Thomas Rösch. Er hat es vermocht, „mit modernen Gestaltungsmitteln den Eindruck historischer, mythischer, legendärer oder religiöser Empfindungen hervorzurufen“, befindet Rösch und nennt ihn einen „Prophet im Gewand des Gauklers“. Der große Solitär der Musik war keiner Schule zugehörig und dachte als Theatermensch fast ausschließlich in szenischen, in Bühnenkategorien. Von seiner Carmina, die über alle kulturellen Grenzen hinweg weltweit aufgeführt wird, verzeichnet der Internet-Versand JPC rund 80 Einspielungen: Carlton Beer Draught warb ebenso damit wie Nestlé-Schokolade. „Von nirgendwo kommend, Schöpfer eines musiktheatralischen Kosmos‘, der in sich abgeschlossen ist“, bilanzierte Rösch anlässlich des Orff-Jahres 2020 (125. Geburtstag): „Eine einzigartige Erscheinung. Für Orff-Jahre sollte es keiner Jubiläen bedürfen.“

Das Riff kennt jeder. Es ist so einfach, dass selbst Menschen, die gar nicht Gitarre spielen können, die Akkordfolge auf einer Saite hinbekämen. Generationen Pubertierender, zu denen auch der Autor dieses Textes gehört, haben es breitbeinig mit Luftgitarren und Federball- oder Tennisschlägern in ihren Kinderzimmern nachgeäfft. Gerade seine Schlichtheit und Eingängigkeit machten aus Smoke On The Water einen Jahrhundertsong, den sich selbst Kurzzeit-Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg zu seinem „Großen Zapfenstreich“ im März 2011 wünschte – auch wenn „Rauch auf dem Wasser“ eine „klare Sicht auf die Dinge“ erschwere, wie Thorsten Dörting im Spiegel dazu lästerte. Spätestens mit dem Song wurden Deep Purple zu einer der einflussreichsten Hardrock-Bands aller Zeiten. Das Album, auf dem sie ihn mit anfangs sechs weiteren musikalischen Kleinoden verewigten, wurde vor 50 Jahren, am 25. März 1972, veröffentlicht: Machine Head.

Es war der vorläufige Höhepunkt einer rasanten Karriere, die die britische Band in der legendären „Mark II“-Besetzung mit Ian Gillan (Gesang), Ritchie Blackmore (Gitarre), Roger Glover (Bass), Jon Lord (†, Orgel) und Ian Paice (Schlagzeug) seit Mai 1969 hinlegte. Schon In Rock (1970) verbrachte in der BRD mit Titeln wie Speed King, Hard Lovin‘ Man und vor allem der Anti-Vietnamkriegshymne Child in Time zwölf Wochen auf Platz eins der Charts. Fireball (1971) mit Klassikern wie dem Titelsong, Strange Kind of Woman oder Fools stand dem in nichts nach, gelangte als erstes Album der Band in ihrer Heimat auf Platz eins und erreichte in der BRD, wenn auch verspätet, Gold-Status.

Machine Head. Quelle: eigene Collage

Nun also Machine Head (dt. „Stimmmechanik“): Gemeint ist der Apparat zur mechanischen Stimmung von Saiten mit einem Schnecken- oder Planetengetriebe am Halsende von Saiteninstrumenten. Im Casino von Montreux am Genfer See wollte die Band im Winter 1971 ihr neues Album einspielen, doch ging das Gebäude während eines Konzerts von Frank Zappa, zu dem die Bandmitglieder als Gäste geladen waren, am 4. Dezember in Flammen auf: Ein Fan hatte mit einer Leuchtpistole an die Decke gefeuert und den Bau in Brand gesetzt. „Der Wind kam von den Bergen herab und trieb den Rauch und die Flammen über den See“, erinnert sich Gillan. Die Band hatte ihr Aufnahmestudio verloren – und die Inspiration für ihren größten Hit gewonnen. Die Aufnahmen fanden dann vom 5. bis 21. Dezember 1971 mit dem mobilen Rolling-Stones-Studio statt: eigentlich „nur“ einem „Kontrollraum“ für maximal 20 Eingänge mit einem 16-Spur-Aufnahmegerät.

Die Rolling Stones hatten es, müde von den „9 to 5“-Einschränkungen klassischer Studios, 1968 entwickeln lassen und stellten es auch anderen Bands zur Verfügung. Deep Purple hatten nun das teure Tonstudio, aber keinen Ort mehr, an dem sie ihre Aufnahmen machen konnten. Auf der Suche nach geeigneten Räumlichkeiten kam als erstes das Theater „The Pavilion“ in Frage. Nach Beginn der Session beschwerten sich Nachbarn über den Lärm; und die Polizei schritt ein. Schließlich wurde nach einer Woche des Suchens das fast leerstehende „Montreux Grand Hotel“ gemietet, wo der Salon zum Aufnahmestudio umfunktioniert wurde. Smoke on the Water wurde als einziges Lied nicht hier eingespielt, sondern erst später aus dem Basic Track der abgebrochenen Pavilion-Aufnahmen vollendet.

Weltrekord mit 1802 Gitarristen

Das Album beginnt mit Highway Star, das zu den wichtigsten Wegbereitern des Speed Metal zählt und schon am 13. September 1971 in einem Tourneebus vor Journalisten aus einer Improvisation entstanden sein soll. Im Beat-Club von Radio Bremen feierte das Lied schon Ende September seine Fernsehpremiere und war zwei Jahre lang auch der Konzertopener der Band. Das Gitarrensolo von Blackmore wurde vom Magazin Guitar World auf Platz 15 der „100 Greatest Guitar Solos“ gelistet, der Song selbst vom britischen Automagazin Top Gear auf dem 5. Platz der „Greatest Driving Songs of All Time“ geführt. Roger Glover bescheinigte, dass Highway Star „der endgültige Deep-Purple-Song“ sei. Er wurde in verschiedenen Kinofilmen, Fernsehserien und Computerspielen verwendet und von vielen Bands gecovert.

Casino Montreux. Quelle: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/e/ee/Rebuilt_Montreux_Casino_-Closeup.jpg/1280px-Rebuilt_Montreux_Casino-_Closeup.jpg

Es schlossen sich Maybe I’m a Leo sowie Pictures of Home an; letzteres war nach Blackmores Ausscheiden jahrelang im Live-Repertoire der Band und erfuhr in der Classic-Edition von 1999 auch ein Arrangement mit dem London Symphony Orchestra. Beendet wird die A-Seite von Never Before. Die Band wollte mit diesem Song eine kommerzielle Single machen, falls das Plattenlabel danach verlangen würde, und investierte viel Zeit in dessen Arrangement. Umsonst – die Single floppte, war aber gefällig: Sogar die Les Humphries Singers coverten sie. Das Juwel auf der B-Seite der Single fand dagegen nicht den Weg aufs Album: When A Blind Man Cries – ein musikalisch-textlich ausgereiftes balladeskes Fresko über einen einsam erblindeten Mann, das erst 1997 zum 25. Albenjubiläum als jetzt achtes Stück in die Neuauflage gelangte.

Die B-Seite des Albums nun beginnt mit Smoke on the Water. Das Lied erreichte Platz vier der amerikanischen Billboard-Charts, gilt mit über 12 Millionen verkauften Exemplaren als eines der meistverkauften und bekanntesten Werke der Rockmusik und wurde in die Rock and Roll Hall of Fame aufgenommen. In den USA ist es das bekannteste Lied nach der Nationalhymne. Die Zeitschrift Ultimate Classic Rock listete Smoke on the water auf Platz 1 der Top 10 Deep Purple Songs. Es existieren zahlreiche Zitate und Coverversionen, darunter 1989 eine Neueinspielung durch das Fundraising-Projekt Rock Aid Armenia anlässlich des Erdbebens von Spitak, das 25.000 Tote forderte. 2007 stellten 1.802 Gitarristen in Leinfelden-Echterdingen einen Gitarren-Weltrekord mit dem Lied auf, dirigiert vom Volkschor-Guru Gotthilf Fischer. Gillan war aus England zugeschaltet, konnte wegen technischer Probleme jedoch nicht mitsingen.

Mark II Besetzung mit Goldener Schallplatte. Quelle: https://www.guitarmasterclass.net/wiki/index.php/Image:Mark2a.jpg

Lazy ist dann mit über sieben Minuten das längste und nicht nur wegen Gillans Mundharmonika auch bluesigste Stück des Albums. Die Leser von Guitar World wählten Blackmores Solo auf Platz 74 der 100 größten Gitarrensoli aller Zeiten. Teile dieses Songs wurden in Australien im Sportprogramm Channel 9 als Werbetrenner verwendet. Space Truckin’ beschließt dann das Album. Gillan erzählt im Songtext comichaft vom Alltag eines Weltraumfernfahrers zwischen planetaren Raststätten. Das Lied wurde unter anderem von „Captain Kirk“ William Shatner („Raumschiff Enterprise“) auf seinem vierten Album Seeking Major Tom gecovert, aber auch in Filmen und Computerspielen benutzt. Im Allgemeinen dauerte Space Truckin’ bei einem Live-Konzert länger als 20 Minuten, wurde am Ende des Sets gespielt und diente Lord und Blackmore als Anlass ausufernder „Live-Duelle“.

Die rohe und ungezügelte Energie des Songs offenbarte sich 1974 beim California Live Jam, als Blackmore eine Gitarre in den Bühnengraben schleuderte, eine weitere auf einer Fernsehkamera zerschlug, zum Ende des Songs hin die Verstärker in Brand setzte und so eine Detonation auslöste, die die Bühne zum Beben brachte. Dabei wurde Paice‘s Brille weggeschleudert, sehbeeinträchtigt trommelte er wild um sich. Auch Lord kam hinter seiner Orgel am anderen Ende der Bühne ins Wanken. Blackmore selbst wurde auf den vorderen Bühnenrand geblasen, seine Haare fingen Feuer. Nach der Beendigung des Konzerts prasselten sofort Schadenersatzklagen auf die Band-Manager ein. Blackmore konnte sich seiner drohenden Verhaftung entziehen, indem er mit einem Hubschrauber ins Hotel und von dort mit einer Limousine nach Los Angeles gebracht wurde.

Wegbereiter des Heavy-Metal-Genres

Viele Musikkritiker sehen Machine Head als einen der wichtigsten Wegbereiter des Heavy-Metal-Genres an. Es wurde mit Led Zeppelins IV (Stairway to Heaven) und Black Sabbaths Paranoid (Iron Man) als „Holy Trinity“ (Heilige Dreifaltigkeit) des Hardrock bezeichnet und das meistverkaufte Studioalbum der Band. Es gelangte in Deutschland und im Vereinigten Königreich auf Platz eins und auch in anderen Staaten hoch in die Charts. Am 13. Oktober 1986 erlangte es Doppel-Platin-Status, 2001 listete die Zeitschrift Q das Album unter den 50 Heaviest Albums of All Time. Songwriting, Instrumentierung und Interpretation seien perfekt ausbalanciert auf den Punkt gebracht, befanden Christof Mallet & Oliver Lange 2002 im Musikmagazin Eclipsed: „Das Album fiel schnörkellos, kompakt und in sich stimmig aus wie kein anderes Purple-Produkt zuvor oder danach.“

Explosion beim California Jam, vorn der in Deckung gegangene Blackmore. Quelle: https://whitesnake.com/wp-content/uploads/2017/04/CalJam-17.jpg

Im Rahmen ihrer Machine Head Worldtour nahmen Deep Purple Mitte Juni 1972 nicht nur Made in Japan auf, das bis heute als eins der besten Live-Alben der Musikgeschichte gilt, sondern spielten am 30. Juni auch ein Konzert im Londoner Rainbow Theatre, wo sie einen Lautstärkeweltrekord mit 117 dB aufstellten. 1975 führte sie dann das Guinness-Buch der Rekorde als „lauteste Popgruppe der Welt“. Doch da war die „Mark II“-Besetzung schon Geschichte: Gillan und Glover wurden wegen andauernder Querelen mit Blackmore ersetzt.

Beider Karriere schadete das nicht, im Gegenteil: Glover vertonte erfolgreich ein Kinderbuch und arbeitete als gefragter Produzent, Gillan wurde von Andrew Lloyd Webber engagiert, auf der Originalaufnahme von Jesus Christ Superstar zu singen. Als er auch in der Verfilmung die Hauptrolle bekommen sollte, war sein Marktwert schon zu hoch. Beide sind seit 1984 wieder bei Deep Purple; Gillan sang 2020 mit Whoosh! das inzwischen 21. Studioalbum ein. Insgesamt soll die Band bis zu 150 Millionen Alben verkauft haben; allein Gillans Vermögen wurde 2019 auf 40 Millionen Dollar geschätzt.

Sein Lebensthema war der Wirtschaftsliberalismus. Er kämpfte unablässig gegen jede Form staatlicher Eingriffe, weil die seiner Meinung nach letztlich zur Unfreiheit der Menschen führten. Sein Argument war: Der Staat kann niemals über ausreichend Wissen verfügen, um eine Gesellschaft richtig lenken zu können. Seine Ideen waren äußerst einflussreich und prägten viele konservative Politiker des letzten Jahrhunderts, etwa Ronald Reagan oder Václav Klaus. Besonderen Einfluss hatte er auf die britische Premierministerin Margaret Thatcher. Einer Anekdote zufolge soll Thatcher einmal zu Beginn einer Kabinettssitzung ein Buch von ihm auf den Tisch geworfen haben, begleitet von den Worten: „Das ist es, woran wir glauben!“ Er wiederum war ein Bewunderer der „Iron Lady“ – und ein Befürworter ihres harten Reformkurses. Mehrfach soll er sie ermutigt haben, ihre Sparmaßnahmen und Einschnitte ins Sozialsystem zügiger umzusetzen.

Seine Arbeiten zur Preistheorie werden als sein wichtigster Beitrag zur Wirtschaftswissenschaft angesehen. In seiner Dankesrede zum Nobelpreis erklärte er doch tatsächlich, dass er den Preis für unangemessen hält. Ja mehr noch, die Auszeichnung sei gefährlich, weil sie „einem Einzelnen eine solche Autorität gibt, wie sie in den Wirtschaftswissenschaften niemand besitzen sollte.“ Aber auch der zweite Geehrte, der schwedische Sozialist Gunnar Myrdal, war unzufrieden – allerdings mit der Wahl seines Ko-Preisträgers. Solange Forscher wie er geehrt würden, sollte der Preis besser abgeschafft werden, meinte Myrdal. Die Auszeichnung angenommen haben 1974 aber letztlich beide. Und vor allem dem 75-jährigen – zuvor kränklich und in Forscherkreisen eher ein Außenseiter – verlieh der Preis für die letzten knapp zwei Lebensjahrzehnte ungeheuren Auftrieb: Friedrich August von Hayek, der am 23. März 1992 starb.

Als ältester von drei Brüdern, die auch als Wissenschaftler Karriere machen, am 8. Mai 1899 in Wien geboren, wächst er in einem Akademikerhaushalt auf: Sein Vater ist Arzt und Privatdozent für Botanik an der Universität Wien; sein Cousin ist der Philosoph Ludwig Wittgenstein. In Hayeks Elternhaus treffen sich oft die Kollegen des Vaters. Wissenschaftliche Themen sind an der Tagesordnung. Auch die wissenschaftliche Methodik lernte der junge Fritz Hayek von seinem Vater, der ihn bei Versuchen assistieren lässt. Als Jugendlicher wird er im Ersten Weltkrieg eingezogen und kämpft als Artillerieoffizier an der italienischen Front. Nach einem Granateinschlag bleibt er sein Leben lang auf einem Ohr taub. Zudem erkrankt er an Malaria. Nach Ende des Krieges kehrt er, von der Krankheit geschwächt, nach Wien zurück und beginnt unverzüglich mit dem Studium.

Hayek. Quelle: https://www1.wdr.de/stichtag/friedrich-august-von-hayek-stichtagmaerz-zwanzigsiebzehn-100~_v-gseagaleriexl.jpg

Hayek ist für Rechtswissenschaften eingeschrieben. Tatsächlich besucht er aber hauptsächlich Vorlesungen in Volkswirtschaft und Psychologie. Als junger Student ist er zunächst von den Ideen der Planwirtschaft angetan und liest mit Begeisterung Walther Rathenaus Werke. 1921 schließt er mit gerade 20 Jahren sein Jurastudium mit der Promotion ab und entschließt sich für ein zweites Studium in Staatswissenschaften: „Wer nur ein Ökonom ist, kann kein guter Ökonom sein“, wird er bilanzieren. Bereits zwei Jahre später erhält er auch in diesem Fach den Doktortitel. Während seines Studiums arbeitet Hayek im österreichischen Abrechnungsamt, wo Angelegenheiten der Reparationszahlungen und Kriegsfolgekosten abgewickelt werden. Er lernt Ludwig von Mises kennen, einen der wichtigsten Vertreter der Österreichischen Schule der Nationalökonomie, dessen Buch „Die Gemeinwirtschaft“ ihn sehr beeindruckt. Von der systematischen Widerlegung der sozialistischen Ideen überzeugt, wirft er seine Begeisterung für die Planwirtschaft über Bord und wird zu einem „radikalen Anti-Sozialisten“, wie er sich selbst nennt.

„the muddle of the middle”

Zwischen 1923 und 1924 arbeitete Hayek als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der New York University, kehrt zurück in den österreichischen Staatsdienst, heiratet 1926 Hella von Fritsch, die als Sekretärin in einer öffentlichen Behörde arbeitete und bekommt mit ihr zwei Kinder. Mit Mises, der sein Mentor und Freund geworden ist, gründet er 1927 das Österreichische Institut für Konjunkturforschung und forschte besonders über die Theorie von Konjunkturschwankungen. Konjunkturtheorien sind Ende der 1920er Jahre in Mode, nicht zuletzt weil ausgehend von den USA die Große Depression, eine Wirtschaftskrise ungekannten Ausmaßes, über die Welt hereinbricht, die zu Massenarbeitslosigkeit und sogar zu Hungertoten führt.

Viele Ökonomen sind schockiert und suchen händeringend nach Rezepten, um die Wirtschaft schnell wieder in Gang zu bringen. Hayek geht davon aus, dass es in einer Volkswirtschaft einen natürlichen Zinssatz gibt. Dieser Zinssatz würde sich ergeben, wenn niemand in das Wirtschaftsgeschehen eingreift. Der Zins, den die Zentralbank festlegt, weicht vom natürlichen Zins ab. Deshalb kommt es zu Verzerrungen im Produktionsprozess – und zum Auf und Ab in der Wirtschaft, weil entweder zu viel oder zu wenig investiert wird. Hayek hält jegliche Eingriffe – egal ob in Form von staatlichen Investitionen oder billigem Geld – für schädlich. Krisen gehören seiner Meinung nach zum Wirtschaftszyklus dazu. Sie hätten eine Art reinigende Wirkung und machten eine Ökonomie langfristig produktiver, denn schlechte Investitionsprojekte werden abgebrochen, Produktionsfaktoren freigesetzt. Er selbst bezeichnete sich als Tüftler, sitzt lange an seinen Manuskripten, überarbeitet sie von morgens bis abends. Spontane Aussagen und Diskussionen liegen ihm nicht. Seine Kinder sagten einmal, sie hätten ihren Vater immer nur lesen gesehen.

Vorlesung 1948. Quelle: https://cdn.prod.www.spiegel.de/images/d23b5bd5-0002-0004-0000-00009ebe4065_w948_r1.9452887537993921_fpx25.71_fpy50.jpg

Seine Arbeiten sorgen für Furore in der Fachwelt. Die renommierte London School of Economics bietet ihm eine Professur an. Hayek wird hier 1931 Professor – als erster Ausländer überhaupt. Man hatte schon länger Ausschau nach jemandem wie Hayek gehalten. Denn an der anderen renommierten britischen Universität, dem King`s College in Cambrigde, sorgt gerade John Maynard Keynes für eine Revolution in der Ökonomie. Hayek gilt bald als bedeutendster intellektueller Widerpart von Keynes. Die wirtschaftspolitischen Empfehlungen der beiden könnten unterschiedlicher nicht sein. Während Hayek Krisen für unausweichlich hält – ihnen sogar eine reinigende Wirkung zuspricht –, plädiert Keynes für ein beherztes Eingreifen des Staates durch Konjunkturprogramme.

Hayek war nicht bereit, nach dem Anschluss 1938 nach Österreich zurückzukehren, und wurde mit seinen Kindern britischer Staatsbürger – ein Status, den für den Rest seines Lebens innehatte. 1944 veröffentlicht er „Der Weg in die Knechtschaft“. Darin warnt er davor, dass eine zentralwirtschaftliche Planung letztlich in die Despotie führe. Auch die NS-Herrschaft sei keine Antwort auf linke Tendenzen, sondern vielmehr deren zwangsläufige Folge gewesen. „Hayeks Angriff richtete sich in erster Linie gegen die prinzipienlose ‚gemischte Wirtschaftsordnung‘ – also das pragmatische Nebeneinander von staatlichem Interventionismus und Markt -, die er als ‚the muddle of the middle‘ verspottetet“, so der Grazer Volkswirt Stephan Böhm in der Zeit. Die erste Auflage von 2000 Exemplaren ist innerhalb eines Monats vergriffen. Bis heute wurde das Buch in zahlreiche Sprachen übersetzt und millionenfach verkauft.

1945 erscheint sein berühmter Aufsatz „Die Verwertung des Wissens für eine Gesellschaft“. Weil der Staat niemals so viel Wissen anhäufen könne wie die Menschen insgesamt besitzen, ist es besser, wenn er die Menschen frei handeln lässt: Als Einrichtung, die sich an tausende Umstände anpasst, welche niemand komplett erfassen kann, ja als „Einrichtung, wo Preise, die sich auf dem Markt gebildet haben, dem Einzelnen signalisieren, was er tun sollte und was nicht, und das ganz im Sinne des Gemeinwohls.“ Preise haben in der Marktwirtschaft die Rolle, Menschen, Marktakteure darauf hinzuweisen, was sie tun, in welche Richtung sie ihre Anstrengungen lenken sollten. Wenn etwa der Preis für einen wichtigen Rohstoff wie etwa  Erdöl steigt, bedeutet das im Sinne von Hayek, hier wird den Marktakteuren angezeigt, mit diesem Rohstoff vorsichtiger umzugehen und Alternativen zu suchen.

Wettbewerb als Entdeckungsverfahren

Nach dem Krieg kämpft Hayek weiter für wirtschaftsliberale Ideen. 1947 gründet er die Mont Pèlerin Society, eine Diskussionsrunde einflussreicher Ökonomen, darunter Milton Friedman, späterer Nobelpreisträger, oder Walter Eucken, der als geistiger Vater der Sozialen Marktwirtschaft in Deutschland gilt. Die Society existiert bis heute, im Laufe der Zeit gehörten ihr viele hochrangige Politiker an, auch der deutsche Wirtschaftsminister und Bundeskanzler Ludwig Erhard. Hayek wendet sich im Laufe der Zeit allerdings von der Mont Pèlerin Society ab – als zu interventionistisch empfindet er die Ausrichtung. Er favorisiert die „adjektivlose“ Marktwirtschaft, wie er es nennt, also eine Marktwirtschaft ohne sozialen Ausgleich. Statt Umverteilung solle sich der Staat darauf beschränken, den Rahmen festzulegen, innerhalb dessen sich die Marktwirtschaft ungehindert abspielen kann.

Nobelpreisverleihung 1974. Quelle: https://www.npr.org/2011/11/15/142307737/austrian-school-economist-hayek-finds-new-fans?t=1643557955671

Privat sorgte er derweil für einen Skandal: Er nahm eine Beziehung zu seiner Cousine Helene Bitterlich auf, hielt sie jedoch bis 1948 geheim. Hayek und Fritsch ließen sich im Juli 1950 scheiden und Friedrich August ehelichte seine Cousine, mit der er bis zu seinem Tod verheiratet war. Da sich einige Wissenschaftler darum weigerten, weiter mit Hayek zu arbeiten, ging er 1950 in die USA an die Universität Chicago, wo er elf Jahre lehrte. Hier erscheint 1960 „Die Verfassung der Freiheit“, sein Opus magnum, sein wissenschaftlich bedeutendstes sozialphilosophisches Buch, in dem er die ethischen, anthropologischen und ökonomischen Grundlagen einer freien Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung darlegte. Es steht auf Platz neun auf der Liste der 100 besten Non-Fiction-Bücher des 20. Jahrhunderts des Magazins National Review. Daneben reiste er viel, allein vier Mal nach Japan, und verlor durch einen finanziellen Betrug eine große Summe Geld.

Für seine Altersversorgung folgte er 1962 dem Ruf auf den Lehrstuhl für angewandte Nationalökonomie an der Universität Freiburg. In dieser Zeit entstanden seine Konzeption des Wettbewerbs als ein „Entdeckungsverfahren“ und weitere Aufsätze der „Freiburger Studien“. Da sich der Keynesianismus nach dem Zweiten Weltkrieg im Westen durchgesetzt hatte, stoßen seine Mahnungen vor den Gefahren staatlicher Wirtschaftstätigkeit auf taube Ohren, auch in Deutschland: „Eine soziale Marktwirtschaft ist keine Marktwirtschaft, ein sozialer Rechtsstaat kein Rechtsstaat, ein soziales Gewissen kein Gewissen, soziale Gerechtigkeit keine Gerechtigkeit – und ich fürchte auch, dass soziale Demokratie keine Demokratie ist.“

Nach seiner Emeritierung 1969 vollendete er die Trilogie „Recht, Gesetzgebung und Freiheit“ (1973–1979), für viele sein bedeutendes Werk. Hayeks Stunde kommt, als der Keynesianismus in den 70er Jahren in die Krise gerät: Die Inflation kehrt zurück, es gibt Konsumsättigung und den „Ölschock“. Staatliche Stimulierung sei nur kurzfristig erfolgreich, langfristig führe sie zu höherer Arbeitslosigkeit plus Inflation, erklären die Wirtschaftsliberalen und fordern deshalb, dass sich der Staat aus der Wirtschaft heraushalten soll. Hayek wurde von 1969 bis 1977 Professor an der Universität Salzburg und kehrte dann nach Freiburg zurück, wo er den Rest seiner Tage verbrachte. Er litt allerdings an einer schweren Depression sowie insgesamt schlechter Gesundheit und hatte zwei Herzinfarkte, die erst im Nachhinein entdeckt und später falsch diagnostiziert wurden. Nach der Nobelpreisverleihung besserte sich sein Befinden.

Grab in Wien. Quelle: Von I, Michael Kranewitter, CC BY 2.5, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=23260005

Margaret Thatcher setzt in Großbritannien erstmals in einem Industrieland seine Theorien in Politik um. Der über 80-jährige Hayek wird ihr wichtigster Berater, lobte auch ihre restriktive Einwanderungspolitik, was ihm zahlreiche Vorwürfe des Rassismus einbrachte. Man könne im Vorhinein nicht wissen, was die besten Regeln sind, und müsse auf Wettbewerb als „Entdeckungsverfahren“ zurückgreifen, lautet eine seiner wichtigsten Lehren, die er auch „kulturelle Evolution“ nannte. Zweimal besuchte er Chile, wo er unter anderem mit dem Diktator Augusto Pinochet persönlich sprach, dessen Regime er daraufhin in verschiedenen Artikeln zu verteidigen suchte.

Er starb hochbetagt in Freiburg und ist in Wien begraben. Bis heute wird er sehr unterschiedlich beurteilt. Für die einen ist er ein unablässiger Kämpfer für Wohlstand und die Freiheit des Individuums. Für die Anderen ist er ein Marktfundamentalist, der im Wettbewerb das Heil ganzer Gesellschaften sucht. Hayek selbst dürfte die ambivalente Beurteilung übrigens wenig gestört haben. Das jedenfalls legt seine eingangs erwähnte Dankesrede vor dem Nobelpreis-Komitee nahe. Er beendet sie mit den Worten: „Sozialwissenschaftler müssen den Beifall der Masse fürchten: Der Teufel ist mit ihnen, wenn alle gut von ihnen sprechen.“

Identitärer Totalitarismus“ nannte Starpublizist Harald Martenstein das Phänomen, zu dem „Cancel Culture“ heute mutiert ist – und das ihn selbst traf. Es offenbart soziale, mediale, politische Abgründe.

Meine neue Tumult-Kolumne, die gern verbreitet werden kann.

„Wenn ich einen Roman schreibe, dann besetze ich mit meiner Persönlichkeit alle Rollen in diesem Roman: Ich bin der Kostümbildner, ich bin der Maskenbildner, ich bin der Regisseur, ich bin der Kameramann… Das heißt: Ich bestimme alle Details. Bei einem Drehbuch bin ich auf das Vermögen anderer angewiesen, so wie die auf mein Vermögen angewiesen sind. Filmemachen ist Teamwork.“  Der das von sich sagte, schrieb mit „Jakob der Lügner“ ebenso Weltliteratur wie er mit Manfred Krug als „Liebling Kreuzberg“ die Fernsehunterhaltung auf ein kaum wiederholbares Niveau hob: Jurek Becker, der am 14. März 1997 starb.

Als Jerzy Bekker könnte er am 30. September 1937 in Lodz als der Sohn eines aus Litauen stammenden Buchhalters und einer polnischen Näherin geboren worden sein. Könnte, denn die amtlichen Dokumente wurden im Krieg vernichtet, zudem hat ihn sein Vater offensichtlich älter gemacht, um ihn vor der Deportation zu bewahren: Ältere Kinder wurden zum Arbeiten herangezogen. Nach dem deutschen Überfall auf Polen wird die jüdische Familie ins Ghetto „Litzmannstadt“ umgesiedelt; ab 1943 wächst er in den Konzentrationslagern Ravensbrück und Sachsenhausen auf. Seine Mutter stirbt kurz nach der Befreiung an Unterernährung, sie gab ihrem Sohn ihre Rationen, damit er überlebt.

Seinen Vater, der nach Auschwitz deportiert worden war, findet er mithilfe einer amerikanischen Suchorganisation wieder, und zieht mit ihm 1945 nach Ost-Berlin, wo Becker Deutsch lernt und zur Schule geht. „Ich war irgendwie Kaspar Hauser, ich war in diese Welt gefallen mit acht Jahren – und keiner hat mir erzählt, wo ich herkomme“, charakterisiert er sein Lebensgefühl von Jugend auf – bis auf eine Tante wurde die gesamte Familie vernichtet. An seine Kindheit erinnert er sich nicht, wohl aber an seine Schulzeit: „„Für keine schulische Leistung belohnte mein Vater mich so reichlich wie für gute Noten bei Diktat und Aufsatz. Wir entwickelten gemeinsam ein übersichtliches Lohnsystem: Für eine geschriebene Seite gab es im Idealfall eine Summe von fünfzig Pfennig, jeder Fehler brachte einen Abzug von fünf Pfennig. So lernte ich nebenbei Rechnen.“

Becker kurz vor seinem Tod. Quelle: Von Leon Becker – Eigenes Werk, CC BY-SA 2.5, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=1232346

Nach dem Abitur 1955 wird Becker Mitglied der FDJ und der SED und dient zwei Jahre freiwillig bei der Kasernierten Volkspolizei. Er lernt Manfred Krug kennen, mit dem er fünf Jahre in einer WG leben und mit dem ihn eine lebenslange Freundschaft verbinden wird: „Wären wir Mann und Frau gewesen, hätte man das Liebe auf den ersten Blick nennen können“, wird sich viele Jahre später Becker erinnern. „Wenn er eine Freundin hatte, so war es immer die schönste, die man weit und breit finden konnte. Man hätte sie alle an erstklassige Model-Agenturen loswerden können, wenn es sowas gegeben hätte. Freilich musste er manchmal hinsichtlich des Unterhaltungswertes seiner Geliebten Abstriche machen, aber zum Schwatzen hatte er ja mich“, so Krug rückblickend.

1957 beginnt Becker ein Studium der Philosophie an der Humboldt-Universität Berlin – gegen den Willen seines Vaters, der ihn gern als Arzt gesehen hätte – und wird kurz vor dem Examen 1960 wegen „Umtrieben“ relegiert. Seitdem lebt er als Publizist in Ost-Berlin, schreibt zunächst Texte für das Kabarett „Die Distel“. Parallel dazu beginnt er ein Studium an der Filmhochschule Babelsberg – eigentlich eher ein „Skript-Lehrgang“ für die Qualifikation zum Drehbuchautor. 1961 heiratet er die Dekorateurin Erika „Rieke“ Hüttig und bekommt mit ihr zwei Söhne; die Ehe hält 16 Jahre. Von 1962 bis 1977 arbeitet er als DEFA-Drehbuchautor und freischaffender Schriftsteller.

„die ganze Spannweite menschlicher Existenz“

Becker verfasst Drehbücher für satirisch-polemische Kurzspielfilme der „Stacheltier“-Produktion der DEFA und schreibt, zum Teil gemeinsam mit Klaus Poche unter den Pseudonym Georg Nikolaus, mindestens fünf Filme. Seine frühe Erfahrungen mit der DEFA und dem Fernsehen gehen in den 1973 erschienenen Roman „Irreführung der Behörden“ ein, eine später mit dem Bremer Literaturpreis gewürdigte Fundgrube für die Kuriosa kulturpolitischer Entscheidungsfindungen in der DDR. 1965 schließt Becker ein Drehbuch unter dem Titel „Jakob der Lügner“ ab – das wohl unter dem Vorzeichen der kulturpolitischen Krise des Jahres 1965 von der DEFA nicht abgenommen wird: „Meine Enttäuschung über die Ablehnung des Drehbuchs war so groß, dass ich mich quasi im Affekt hingesetzt und vor Wut meinen ersten Roman geschrieben hab.“

Jurek Becker & Manfred Krug beim Badeurlaub auf Teneriffa. Quelle: https://cdn.prod.www.spiegel.de/images/d7da2ca6-0001-0004-0000-000001267052_w1528_r1.6120365394948952_fpx62_fpy49.98.jpg

Er schildert darin Begebenheiten in einem polnischen Getto unter der Naziherrschaft, zeigt Überlebensstrategien unter extremen Bedingungen: Der Schuster Jakob Heym behauptet, ein Radio versteckt zu haben, und wird so mit seinen erfundenen Nachrichten über die bevorstehende sowjetische Befreiung zum Hoffnungsvermittler für seine Leidensgenossen. Jakob selbst ist eher das Gegenteil eines Helden, er ist nicht mutig, sondern gerät fast wider Willen in die Position des Hoffnungsträgers. Konsequenterweise haben seine wortreichen Erfindungen letztendlich auch keinen Einfluss auf den tatsächlichen Verlauf des Geschehens: Bevor die Russen das Getto erreichen, wird es geräumt. Der Roman wird 1969 veröffentlicht, in 24 Sprachen übersetzt und erhält mehrere Literaturpreise in Ost und West. Damit war er der erste, der das Holocaust-Tabu der deutschen Literatur brach, befand Thomas Schmid in der Welt: „Hier ist alle nur denkbare Grazie der Literatur präsent, ohne dass das Grauen des Holocaust verharmlost würde.“ Trotzdem war Becker später unzufrieden: „Ich wünschte mir, das Buch könnte sorgfältig lektoriert werden. Aber was soll ich machen? Jakob ist sozusagen ein hübsches Kind, das in den Brunnen gefallen ist.“

Erst 1974 kann der Film unter der Regie von Frank Beyer als Co-Produktion der DEFA mit dem Fernsehen der DDR realisiert werden. „Die Geschichte von Jakob dem Lügner ist voller Poesie; Komisches steht neben Tragischem, Absurdes, Reales und Märchenhaftes durchdringen einander. Eine Geschichte mit hintergründigem Witz und tiefer Traurigkeit, die ganze Spannweite menschlicher Existenz ausmessend“, erklärte Regisseur Beyer. Als die Meldung von der Verfilmung durch die Medien ging, erhielt Jurek Becker ein Telegramm von Heinz Rühmann, der darum bat, die Rolle des Jakob Heym spielen zu dürfen. Dieses sehr verlockende Angebot im Hinblick auf den Erfolg des Films lehnte Erich Honecker persönlich mit der Begründung ab, dass zwei grundsätzlich verschiedene deutsche Staaten existierten und es keinen Hinweis auf eine gemeinsame Kultur geben dürfe.

Der Film wird zu einem internationalen Erfolg, erhält einen Nationalpreis der DDR, läuft als erster DEFA-Film bei der Berlinale, wo er gleich den Silbernen Bären erhält, und wird als einziger DEFA-Film für einen Oscar nominiert. Zwei Jahre nach Beckers Tod kommt ein Remake von „Jakob der Lügner“ mit Robin Williams in die Kinos. Die komödiantische Behandlung eines ernsten Themas hat Becker bereits in „Meine Stunde null“ (1970) versucht, der nach Erinnerungen des deutschen Antifaschisten Karl Krug die turbulenten Abenteuer eines Stabsgefreiten schildert, der 1943 in russische Gefangenschaft gerät und als falscher Oberleutnant hinter die deutschen Linien zurückgeht, um seinen Major mitten aus einem Offiziersgelage zu entführen. Der aufwendig in Farbe und Totalvision inszenierte Film ist ganz auf den trockenen Humor des Hauptdarstellers Manfred Krug zugeschnitten. 1976/77 dreht Frank Beyer nach einem Drehbuch von Becker die Emanzipationskomödie „Das Versteck“, in der sich ein geschiedener Architekt – wiederum Krug – bei seiner Ex-Gattin zwecks Rückeroberung einnistet. Der Film kommt erst 1978 und mit nur fünf Kopien in die DDR-Kinos, da Krug zuvor nach West-Berlin übergesiedelt war.

„Kriege ich das durch?“

Auch Becker bleibt nicht mehr lange. Auf seiner Eröffnungsrede „Literatur und Wirklichkeit“ zum VII. Schriftstellerkongress der DDR postulierte er, dass es die Aufgabe von Literatur sei, Unruhe zu stiften, indem sie Fragen stelle sowie Widersprüche und Fehlentwicklungen in der Wirklichkeit aufzeige. Er sprach sich gegen das Abhängigkeitsverhältnis von Autoren zu ihren Verlagen aus, das geprägt sei durch die Fragestellung „Kriege ich das durch?“, was eine sozialistische Gartenlaubenliteratur zur Folge habe. „Ich war in der DDR in der letzten Zeit sehr aufgeregt und habe nur noch reagiert. Und mein Schreiben glich einem Bellen, einem aufgeregten Bellen“, erinnert er sich kurz vor seinem Tod im Spiegel. 1976 erscheint noch „Der Boxer“, die autobiographisch gefärbte Geschichte einer Vater-Sohn-Beziehung im Nachkriegsdeutschland. Er wird als Unterzeichner der Biermann-Petition aus der SED ausgeschlossen und tritt 1977 aus dem DDR-Schriftstellerverband aus. Eine Veröffentlichung des Romans „Schlaflose Tage“ über die Schwierigkeiten eines undogmatisch-sozialistischen Lehrers in der DDR wird abgelehnt. Den Pädagogen lässt er, erschüttert von der Gleichgültigkeit seiner Schüler, sagen: „Ich selbst, sagte er sich, habe meinen traurigen Anteil daran, denn ich habe sie zielstrebig erzogen, sich vor jeder Beunruhigung zu verschließen.“

Jurek & Christine. Quelle: https://cdn.prod.www.spiegel.de/images/39d44d8a-0001-0004-0000-000001267050_w1528_r1.4306151645207439_fpx31.44_fpy54.99.jpg

Er lebt ab Ende 1977 mit einem Zweijahresvisum im Westen, das im Dezember 1979 auf zehn Jahre verlängert wird – eine weitere Verlängerung war dann nicht mehr nötig. Seine persönlichen Erfahrungen nach seiner Übersiedlung in den Westen verarbeitet Becker später im Roman „Aller Welt Freund“ (1983). Mit dem Staat war er nie wirklich fertig geworden und wollte es wohl auch nicht: „Ich hätte mir gewünscht, dass die DDR mehr Erfolg gehabt hätte, dass das nicht so miserabel gemanagt worden wäre, dass nicht alles so ungedacht geblieben wäre und so unausgegoren und verlogen und korrupt. Dass die DDR untergegangen ist, darum ist es nicht schade, diese DDR hatte es nicht besser verdient. Aber dass das, was die DDR hätte sein können, nach meiner Vermutung, untergegangen ist, darum tut es mir sehr leid“, sagte er noch kurz vor seinem Tod dem Spiegel.

1978-82 ist er mit Unterbrechungen „writer in residence“ am Oberlin College, Ohio, übernimmt weitere Gastprofessuren in den USA, später an der Gesamthochschule Essen und der Universität Augsburg, und lebt fünf Jahre mit einer amerikanischen Studentin zusammen. 1980 erscheint der Roman „Nach der ersten Zukunft“. 1982 wird er Stadtschreiber von Bergen-Enkheim, einem Stadtteil von Frankfurt am Main, und hat ein einjähriges Wohnrecht im dortigen Stadtschreiberhäuschen. Christine Harsch-Niemeyer absolvierte zu dieser Zeit eine Ausbildung als Verlagsbuchhändlerin in dem renommierten Wissenschaftsverlag ihres Vaters, verliebt sich während einer Lesung in den „richtig gestandenen, kräftigen Kerl“, heiratet ihn 1986 und schenkt ihm einen weiteren Sohn. Im selben Jahr erscheint „Bronsteins Kinder“, der dritte Roman, der sich mit dem Holocaust und dessen Nachwirkungen auf die Verfolgten beschäftigt.

Diesmal jedoch schreibt Becker nicht aus der Perspektive der Opfer, sondern aus der der nachgeborenen Generation, die sich in der Auseinandersetzung mit der Vergangenheit ihrer Eltern befindet. Ebenfalls verfilmt, wird der Streifen trotz guter darstellerischer Leistungen von Rolf Hoppe und Armin Mueller-Stahl, die sich als faschistischer Täter und jüdisches Opfer gegenüberstehen, als „schwitzender Lichtbildervortrag“ (Zeit), als zu aufdringlich-belehrend wahrgenommen. Außerdem wird Becker als Drehbuchmitarbeiter zu Spielfilmen von Peter Lilienthal („David“) und Thomas Brasch („Der Passagier“) hinzugezogen; beide behandeln Geschichten von Juden in der Nazizeit.

Liebling Kreuzberg /Szene). Quelle: https://www1.wdr.de/stichtag/stichtag_februar138~_v-gseapremiumxl.jpg

Nach einer Idee des Produzenten Otto Meißner und des Hauptdarstellers Manfred Krug verfasst Becker ab 1986 Drehbücher für die Fernsehserie „Liebling Kreuzberg“, in der der leicht phlegmatische Rechtsanwalt Robert Liebling (Krug) versucht, im Westberliner Kiez „die Verhältnisse kapitalistischer Klassenjustiz etwas zum Tanzen zu bringen“, wie die taz befand. Insgesamt 58 Episoden in fünf Staffeln wurden gedreht, Becker schrieb für vier die Drehbücher. Die Mischung aus Alltagsfällen, die mit Witz, kleinen juristischen Tricks und persönlichen Marotten gelöst werden, findet bei Kritik und Fernsehpublikum Anklang: Die Einschaltquoten der ersten Folgen liegen bei 45%. Zahlreiche Wiederholungen belegen die andauernde Popularität dieses Glücksfalls in der Geschichte deutscher Fernsehserien. Mehrere Fernsehpreise, darunter der Grimme-Preis, waren die logische Folge.

Dabei beklagte sich Becker in der ersten Staffel über Zensurversuche, die er erfolgreich abwehren konnte. „Da haben die eine Passage gestrichen, in der jemand wegen Widerstands gegen die Staatsgewalt vor Gericht stand, und es stellte sich während der Verhandlung heraus, dass nicht er Widerstand geleistet hat, sondern dass er von der Polizei verprügelt worden ist. Ein Vorgang, der damals in Berlin tausendfach in den Akten gestanden hat. Aber die Redakteure, die die erste Staffel gemacht haben, fühlten sich als verlängerter Arm der Berliner Fremdenverkehrswerbung, die wollten ein hübsches, friedliches, nettes Kreuzberg zeigen, wo die Nächte lang sind und wo‘s die interessanten Restaurants gibt. Und daran wollte ich mich nicht beteiligen. Das wäre mir zu läppisch gewesen. Ich wollte keinesfalls für eine dieser belämmerten Unterhaltungsserien verantwortlich sein, denen man ansieht, dass die Macher ihr Publikum für Idioten halten.“ Mit dem Honorar erwirbt er ein Haus in Sieseby an der Schlei.

„einen Westmenschen muss ich erfinden“

Inzwischen Mitglied der Akademie für Sprache und Dichtung sowie der Akademie der Künste, hält Becker Poetikvorlesungen an der Universität Frankfurt, schreibt die Ehe-Tragikomödie „Neuner“, die 1991 mit dem Deutschen Filmpreis in Gold ausgezeichnet wird, und veröffentlicht 1992 den Roman „Amanda herzlos“, der sich mit dem Alltag in der DDR der späten 1980er Jahre beschäftigt. Von der Kritik fast einhellig abgelehnt, ist er beim Publikum erfolgreich. Seine Sicht auf die DDR-Literatur blieb bis zum Ende eigenwillig: „Da ihr in der Vergangenheit eine Aufmerksamkeit zuteil geworden ist, die sie sich nicht zu verdienen brauchte, wird ihr nun der größte Schaden zustoßen, den man sich vorstellen kann: sie wird untergehen.“

Guenter Grass während seiner Rede auf dem Ostberliner Schriftstellertreffen am 14. Dezember 1981 im Hotel Stadt Berlin, daneben Becker. Quelle: https://cdn.prod.www.spiegel.de/images/d5105ff5-0001-0004-0000-000001266734_w1528_r1.5_fpx30_fpy53.jpg

Eine weitere Becker-Krug-Gemeinschaftstat gelingt 1994 mit der neunteiligen ARD-Produktion „Wir sind auch nur ein Volk“. Hier wird zwar der pädagogische Zweck verfolgt, Ost-West-Vorurteile zu überwinden, doch ist das Ganze so kurzweilig-überdreht gespielt und inszeniert, dass die belehrenden Absichten das Publikum nicht verstimmen: Der schlitzohrige arbeitslose Ost-Berliner (Krug) wird zum Studienobjekt des West-Schriftstellers Steinheim (Dietrich Mattausch). Der Zuschauer durchschaut, was dem naiven Steinheim lange noch ein Rätsel bleiben wird: Realität muss inszeniert werden, damit sie in ihren tatsächlichen Ost-West-Unterschieden deutlich wird. Die Aufhebung dieser Ost-West-Entfremdung erfordert längere Zeiträume als politischer Voluntarismus es möchte: „Steinheim ist ein Westmensch, und einen Westmenschen muss ich erfinden. Es ist mir bis heute nicht geglückt, einer zu sein“, wird Becker sagen.

1995 wird bei ihm Darmkrebs diagnostiziert. Im Jahr darauf veröffentlicht er den Band „Ende des Größenwahns“ mit Aufsätzen und Vorträgen aus den Jahren 1971 bis 1995. Er wird in Sieseby begraben und gelangt posthum noch als Postkartenautor zu Ruhm: Bis zu seinem Tod dürfte Becker Tausende Postkarten verschickt haben, etwa 1000 gelten als erhalten – an seine Frau und die Söhne, an Krug und dessen Frau, an Freunde, Verlagsmitarbeiter – alle getragen von tiefer Zuneigung. Er schrieb manchmal an seine Frau aus dem Nebenzimmer, griff eine Situation auf, nahm sie auf die Schippe und lief dann zum Briefkasten, damit seine Liebste am nächsten Tag etwas zum Lachen hatte.

„Literarische Miniaturen, feinsinnig, voller Sprachwitz und listiger Ironie“, ja ein eigenes literarisches Genre erkennt Janko Tietz im Spiegel. Brachte Krug kurz nach seines Freundes Tod bereits einen Band damit heraus, zog Christine Becker 2018 mit einem weiteren Band nach. Darin Bonmots wie „Kanada macht auf mich irgendwie den Eindruck, als wäre eine DDR-Firma beauftragt worden, USA-Verhältnisse hier einzuführen. Das macht es mir leicht, mich gut zu fühlen“ (18.04.1980, an Krug). Bei den Anreden ließ er sich immer den Anlässen entsprechend komische Titulierungen einfallen. Seine Frau nannte er mal „Du alter Wackelpudding“, oder „Du verlorene Liebesmüh´“, seinen jüngsten Sohn Jonathan „Du lieber Kullerpfirsich“ oder „Du alte Fahrradantenne“.

Eine der letzten Karten. Quelle: https://cdn.prod.www.spiegel.de/images/808c708b-0001-0004-0000-000001266709_w1528_r1.3982102908277405_fpx40.04_fpy50.jpg

Er „zählte zu den Zeitgenossen, bei denen sich hinter Schalk und Schlitzohrigkeit jene tiefe Ernsthaftigkeit zeigt, die mehr als bloß Sympathie beim Publikum weckt“, textete der Spiegel in seinem Nachruf. Inwieweit dies auf seine Herkunft zurückzuführen ist, hat er nie eindeutig geklärt: „Ich bin nicht unentwegt auf Identitätssuche. Ich weiß, dass ich ohne diese konkrete Herkunft ein völlig anderer wäre. Dass ich einen anderen Geschmack hätte, andere Vorlieben, eine andere Vorstellung von Gerechtigkeit, von Sprache, von Erzählen, von Witz, der Himmel weiß, wovon. Das ist überhaupt keine Frage. Die Frage ist nur, ob das Jude-Sein bedeutet.“ Sein Verhältnis zu seinen Romanen blieb ambivalent: „Sobald ich ein Buch abgeschlossen habe, ist mein Verhältnis zu ihm grundsätzlich verdorben. Meine Bücher ekeln mich an. Ich kann sie nicht mehr anschauen, nachdem sie einmal gedruckt sind. Ich habe vor der Drucklegung so lange an ihnen herumgedoktert und herumkorrigiert, dass ich sie nicht mehr sehen kann. Ich korrigiere so lange, so fanatisch an meinen Texten herum, bis ich jegliche Distanz zu ihnen verloren habe.“

„Wenn Sie Schriftsteller sein wollen“, so sagte er im Sommer 1989 in einer Poetikvorlesung, „leiden Sie an etwas, seien Sie über etwas zu Tode erschrocken, stemmen Sie sich gegen etwas, werden Sie verrückt von etwas. Sonst sind Ihre Bücher zur Mäßigkeit verurteilt, es fehlt darin das Rasende, das Unausweichliche. Ohne ein Unglück können Sie nicht einmal Witze über Ihr Unglück machen.“ Später wich das Rasende einer melancholischen Abgeklärtheit, wie er dem Spiegel sagte: „Am Schreibtisch kann ich ein kleines bisschen fliegen. Ich lese manchmal Texte von mir und komme zu dem Schluss: Eigentlich sind diese Texte intelligenter, als ich es bin. Und ich frage mich, wie das möglich ist – ich habe sie doch geschrieben, da war kein Dritter in dem Geschäft dabei. Das bringt mich zu dem Schluss, dass ich nicht immer, aber vielleicht manchmal am Schreibtisch etwas kann, was ich sonst nirgends kann.“

Glaubt man der jüngsten Debatte im Feuilleton, sei die Romantik für das Anwachsen des impfkritischen Protest-Milieus verantwortlich. Wir lernen: Sucht man sie zu erzwingen, kann Aktualisierung nur schiefgehen.

Meine Februar-Kolumne für Tumult, die gern verbreitet werden kann.

Sein erster Roman, den er in gewisser Weise nicht mehr überboten hat, handelt von der Erfahrung des Hungers – eine Erfahrung, die er am eigenen Leib gemacht hatte, in der Stadt, die damals noch nicht Oslo, sondern Kristiania hieß. „Es war zu jener Zeit, als ich in Kristiania umherging und hungerte, in dieser seltsamen Stadt, die keiner verlässt, ehe er von ihr gezeichnet worden ist …“ – Es gibt Bücher, die schon mit ihrem ersten Satz faszinieren und eine unverwechselbare Melodie anstimmen, und ihm gelang eine dieser Melodien. Viele andere sollten folgen.

Freilich ist das Autobiographische stark stilisiert und literarisch transponiert. Das Buch wird aus der Perspektive eines jungen Mannes erzählt, der in Norwegens Hauptstadt in den achtziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts auf der sozial tiefsten Stufe dahinvegetiert. Vergeblich versucht er, die von ihm verfassten Zeitungsartikel in verschiedenen Redaktionen unterzubringen, seine finanziellen Reserven sind längst erschöpft, aber in verbissener Selbstachtung lehnt er fremde Hilfe ab, so dass er immer mehr in eine körperliche und seelische Notlage gerät.

Die Beschreibung des Hungers und des nackten Existenzkampfes, die ungemein einprägsame Wirklichkeitsschilderung lässt einen Schriftsteller des Naturalismus vermuten. Doch nicht die soziale Komponente des Hungers steht im Vordergrund, sondern es sind seine psychischen Auswirkungen, die Ekstase, die Gewalt der Fieberphantasie, die Spannung zwischen dem verfallenden Körper und der sich leidenschaftlich zur Wehr setzenden Seele, die er zu erfassen sucht: Knut Hamsun, der vor 70 Jahren, am 19. Februar 1952, starb.

Hamsun. Quelle: https://img.nzz.ch/2019/10/13/c32891e8-537e-4d0b-8e3f-62bce650c58a.jpeg?width=654&height=872&fit=crop&quality=75&auto=webp

Geboren wurde Hamsun am 4. August 1859 als Knud Pedersen in der südnorwegischen Provinz. Der spätere Eigentümer eines Gutshofs im klassizistischen Stil kam aus kleinsten Verhältnissen. Hamsun verbringt seine Kindheit auf dem Hof mit den Eltern, als viertes von sieben Geschwistern. Die Mutter ist nervenkrank. Immer öfter rennt sie aus dem Haus über die Felder, schreit wirres Zeug. Die Leute im Dorf tuscheln. Sie wird zum siebten Mal schwanger, das schwächt sie weiter. Für liebevolle Zuneigung fehlt die Kraft. Der Vater kann nicht mit Geld umgehen, im zugigen Holzhaus ist kaum genug Platz für alle. Also wird Knut 1868 in den Nachbarort zum Onkel geschickt, einem Junggesellen.

Der leidet, obwohl erst Anfang vierzig, bereits an Parkinson, prügelt ihn, lässt ihn schuften. Hamsun will fliehen, wieder und wieder, versucht es mit einem Ruderboot. Einmal, als es ganz schlimm wird, hackt er sich mit einer Axt in den Fuß, in der Hoffnung, verletzt zurück zu den Eltern zu dürfen. Erfolglos. Der Junge wurde aber nicht nur für harte körperliche Arbeit, sondern dank seiner schönen Schrift auch für Schreibdienste eingesetzt. Und weil der Onkel nebenbei die Gemeindebücherei verwaltete, kam er an Bücher und Traktate – der Anfang autodidaktischer Lehrjahre.

Nach seiner Konfirmation war er bei einem Kaufmann als Ladengehilfe beschäftigt und kritzelte dort erste Verse auf die Türrahmen des Ladens. Die Hamsun-Biografin Ingar Sletten Kolloen schreibt darüber: „Zum ersten Mal erlebte Knut einen Menschen, den er vorbehaltlos bewunderte: einen souveränen Patriarchen, einen Mann mit mysteriösem Wissen und großen Geheimnissen, unnachgiebig, wenn nötig, milde, wo Milde verdient war.“ Das Problem dieser biographischen Episode hieß Laura, war 16 und die Tochter des Kaufmanns. Knut verliebt sich, doch dem Chef gefällt nicht, dass ein junger Handlanger sich für seine Tochter interessiert. Nach nur einem Jahr muss Hamsun wieder gehen.

nicht gut genug zu sein

Einige Biographen vertreten die Theorie, dass Hamsun wegen Laura den Job verlor, und sind überzeugt, dass sie die Vorlage für viele Frauen in Hamsuns Romanen ist. Ein Indiz dafür, wie eng Leben und Werk miteinander verbunden sind. Und ein Hinweis darauf, wie sehr diese frühen Jahre, die Erfahrung, nicht gut genug zu sein, nicht dazuzugehören, ihn geprägt haben. Diese Rolle hat Hamsun in seinem späteren Leben nicht nur immer wieder erlebt, „er hat sie nahezu gesucht und gelernt, sich darin zu gefallen. Und was wäre die größtmögliche Außenseiterrolle in einem Land, das gegen die Nazis kämpft, als sich für die Nazis einzusetzen“, fragt Christian Vooren im Tagesspiegel.

Als Straßenbahnschaffner in Chicago. Quelle: Von Autor unbekannt – Ursprung unbekannt, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=826314

Die Härte und Strenge hat er sich zu Eigen gemacht, die in vielerlei Hinsicht rückständige, fast feudale Gesellschaft mit ihren patriarchalischen Beziehungen zwischen Herren und Untergebenen seine konservative Grundeinstellung mit bedingt. In seinen Romanen erklärte er das Leben auf dem Land, die feudalen Strukturen, die Entbehrungen und die Einfachheit zum Ideal. Zugleich wurde ihm der Hass auf England eingepflanzt: Er hörte immer wieder, wie die Engländer Norwegen ausbeuteten. England beherrschte den Welthandel. Hunger, Notjahre, Krieg und Engländer, das alles hänge zusammen, erfuhr er – auch ein entscheidender Punkt für sein Verhalten nach 1933.

1875, mit sechzehn Jahren, begab sich Hamsun auf Wanderschaft durch Norwegen, um das Land kennenzulernen, arbeitete als Hafenarbeiter, fahrender Händler und Gemeindeschreiber. Seine ersten literarischen Versuche unternahm er 1877 mit „Der Rätselhafte“ und der Bauernnovelle „Der Bürger“ von 1878, die in Kleinstädten des Nordens gedruckt und vertrieben, andernorts aber nicht wahrgenommen wurden. Im selben Jahr fügte er den Hofnamen als Autornamen hinzu: Knut Pedersen Hamsund. In einem Essay von 1885 tauchte erstmals, angeblich durch einen Druckfehler, der Name Hamsun auf, den er fortan beibehielt – Pflicht wurde ein Familienname in Norwegen erst 1923.

Zwischen 1882 und 1888 wanderte er zweimal in die USA aus und arbeitete unter anderem als Straßenbahnschaffner, Farmarbeiter, Handlungsgehilfe und Sekretär, später als Redakteur. Hamsun vermochte in den USA nie richtig Fuß zu fassen; der American Way of Life stieß ihn von vornherein ab. Der 1890 erschienene Roman „Hunger“ brachte ihm erste literarische Anerkennung. Heute gilt er als Pionierwerk der literarischen Moderne, der ein neues Interesse an psychischen Grenzzuständen zeigt, die bereits in einer Art Bewusstseinsstrom protokolliert werden. Seine ersten Bücher flankierte Hamsun mit provokativen Vorträgen, in denen er die Größen der skandinavischen Literatur vom Sockel zu stoßen suchte. Vor allem schoss er sich auf Ibsen ein, diesen „Typendichter“. Anschließend lebte er für mehrere Jahre in Paris, wo er mit seinen Defiziten konfrontiert wurde: Das hohe Aufkommen von gebildeten, wohlstudierten Menschen weckte seine alten Minderwertigkeitsgefühle.

Danach unternahm er ausgedehnte Reisen in verschiedene Länder, darunter Finnland, Russland, Türkei und Persien. Mit seinem nächsten Roman „Mysterien“ schrieb sich Hamsun an die Spitze der europäischen Avantgarde. Inzwischen war das Publikum der naturalistischen Elends-Inszenierungen überdrüssig geworden und suchte psychische Raffinessen. „Mysterien“ bot sie im Übermaß. Das Delirierende, Fieberhafte, Halluzinierende, wie man es von den Bildern Edvard Munchs kennt, bestimmt diesen Roman, mit dem Unterschied, dass Hamsun viel Komik hinzu gibt. Die Hauptfigur Johan Nilsen Nagel ist die Verkörperung der „Nervosität“, ein raffinierter Hysteriker, der sich selbst unermüdlich inszeniert. Das Faszinierende besteht darin, dass nicht nur über Nagel erzählt wird, sondern dass die Sprache selbst in den „Nagel-Zustand“ gerät: „eine geschmeidige, geistreich flirrende Verunsicherungs-Prosa, voller Gesten, Gebärden und Gelächter“, so Wolfgang Schneider im Deutschlandfunk.

Mit Marie und Kindern. Quelle: Von Anders Beer Wilse – Norwegische Nationalbibliothek, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=38224031

Eines seiner Hauptwerke wurde der 1894 erschienene „Pan“. Das Werk wurde anfänglich als Glorifizierung der Natur aufgefasst, jedoch wird diese Stimmung von Hamsun im zweiten Teil des Buches konterkariert. Zwischen 1895 und 1898 entstand eine Dramen-Trilogie, 1898 heiratete Hamsun Bergljot Bech, mit der er eine Tochter hatte und von der er sich 1906 wieder scheiden ließ. In den Jahren danach erschien seine „Wandertrilogie“, in deren Zentrum ein Wanderer steht, der sich nicht binden will, zuletzt „Die letzte Freude“ (1912). Dies waren die letzten in der Ich-Form geschriebenen Werke.

„wirklich der Allergrößte“

1909 heiratete Knut Hamsun eine 22 Jahre jüngere Schauspielerin, die als Kinderbuchautorin Marie Hamsun bekannt wurde. Das Paar bekam vier Kinder. 1911 erwarb er einen Bauernhof. Das Landleben sollte Marie dem Theaterbetrieb und den verderblichen Einflüssen der Stadt entziehen. Auch für ihn selbst war es ein ethisches Programm: „Ich war von all den Feinheiten, die ich mir in vielen Jahren angewöhnt hatte, verdorben worden, musste erst wieder zum Bauern zurückstudieren“, heißt es im Roman „Gedämpftes Saitenspiel“. Er wollte seine überreizten Nerven und seine Melancholie kurieren. Aber bald meldete sich der literarische Impuls zurück, und er ging monatelang auf Reisen, um zu schreiben, so zwei Romane über den Untergang alter Gutsbesitzerfamilien.

1917 erschien sein bekanntester Roman „Segen der Erde“, für den er 1920 den Literaturnobelpreis erhielt und in dem er die Geschichte des tugendhaften Ödlandbauern Isak beschreibt, der über Jahre hinweg sein Land urbar macht und von den Früchten seiner Arbeit lebt. Thomas Mann fand, die Wahl sei „nie auf einen Würdigeren“ gefallen, auch Hermann Hesse, Stefan Zweig und Kurt Tucholsky äußerten sich euphorisch. Die Ehrung gerade dieses einen Werks bedeutete in der noch jungen Geschichte des Preises ein Novum, denn alle bisher Geehrten waren für ihr Gesamtwerk oder große Teile davon ausgezeichnet worden. Zudem, folgenreich für die Hamsun-Rezeption, war es die Hervorhebung des einzigen seiner Romane, der eine „positive“ Botschaft vermittelt. „Hamsuns Gesang von der Landlust, vom einfachen, naturverbundenen Leben wirkte nach dem Horror der Materialschlachten wie ein Therapeutikum“, würdigt Schneider den Text.

„Wer sich der Stadt anheimgibt, verfehlt das richtige Leben. Mit diesem doppelten Signal beeinflusste ‚Segen der Erde‘ die rechtsgewirkte, industrie- und zivilisationskritische deutsche Heimatliteratur der 20er und 30er Jahre“, befindet dagegen Jochen Pohlandt in der Frankfurter Rundschau und schreibt von einer „fragwürdigen Ehrung“. Wer selektiv liest – die Charaktere sind sehr komplex, die raffinierte Handlungsführung verunsichert den Leser immer wieder – kann in „Segen der Erde“ eine heile Welt finden, die den Roman für die NS-Ideologie anschlussfähig machte. NS-Literaturkritiker sahen in ihm ein idealtypisches Werk der Blut-und- Boden-Literatur und verengten ihn zum Bauernroman. Goebbels sorgte für eine billige Frontbuchausgabe. Chefideologe Alfred Rosenberg machte Isak „mit dem rostigen Bart und dem zu untersetzten Körper, er war wie ein gräulicher Mühlgeist“ gar zum schönen nordischen Menschen schlechthin.

Die Landstreichertrilogie in einem Band. Quelle: https://images-na.ssl-images-amazon.com/images/I/91N4r-ed70L.jpg

Es folgten weitere Romane wie „Das letzte Kapitel“ (1923) über ein Sanatorium, das den „Zauberberg“ (1924) des Hamsun-Verehrers Thomas Mann vorwegnahm. Eine weitere Trilogie erschien in den Jahren 1927 bis 1933 mit den drei „Landstreicher August“-Romanen, die die Themen Auswanderung, Heimat und Industrialisierung in Norwegen thematisierten. 1936 erschien sein letzter Roman „Der Ring schließt sich“, der am Beispiel eines jungen Totalverweigerers alle traditionellen Werte in Frage stellt. Die Hauptfigur wäre in Deutschland ein Fall fürs Arbeitslager gewesen, belustigt sich Schneider: „Abel, der Nichtstuer und Träumer, eine der antriebsärmsten Gestalten der Weltliteratur, die viel von Camus‘ ‚Fremdem‘ vorwegnimmt.“

In seinen Romanen zeigte Hamsun eine gewisse Sympathie für die Schwachen, gleichzeitig verherrlichte er den Hang Nazideutschlands zu vermeintlicher Stärke und zu Härte. Hamsun verachtete die Briten mit ihrer Aristokratie, ihrer High Society und ihrem Kolonialismus. Sie waren der Gegenentwurf zu Hamsuns Lebensideal des einfachen Mannes auf dem Land. Und: Während Hamsuns Erfolg als Schriftsteller sich zunächst nicht einstellen wollte, weder in Norwegen, England oder sonst in Europa, verkauften sich seine Geschichten in Deutschland schon früh sehr gut. Eine für ihn ungewohnte Erfahrung: gefragt und angesehen zu sein. Auch diese Erfahrung führte zu seiner fast irrationalen Haltung zu Hitler und dem NS-Deutschland.

„Geste der Ritterlichkeit“

Deutschland, dessen Sprache er nie beherrschte, symbolisierte für Hamsun das „junge Europa“. Er bezog in Zeitungsartikeln für die Politik Hitlers Stellung, während seine literarische Produktion zum Erliegen kam. 1935 unterstellte er dem „merkwürdigen Friedensfreund“ Carl von Ossietzky, der im KZ Esterwegen gefangen saß, dass er vorsätzlich in Deutschland geblieben sei, um als Märtyrer zu erscheinen. Als Ossietzky den Friedensnobelpreis erhielt, äußerte er öffentlich massive Kritik und rechtfertigte die Errichtung von Konzentrationslagern. 1936 rief Hamsun zur Wahl des Führers der norwegischen „Nasjonal Samling“, Vidkun Quisling, auf und appellierte während der deutschen Invasion 1940 an seine Landsleute: „Werft das Gewehr weg und geht wieder nach Hause! Die Deutschen kämpfen für uns alle und brechen jetzt Englands Tyrannei über uns und alle Neutralen.“

Hamsuns Gut. Quelle: https://www.gbm.no/media/1521/kjoep-av-noerholm.jpg?width=1200

In Deutschland wirkte in vier Kriegswintern derweil Hamsuns Frau Marie, eingeladen von der Nordischen Gesellschaft, deren Schirmherr Alfred Rosenberg war. Bei mehr als hundert Auftritten von Tilsit bis Karlsruhe, von Kiel bis Wien überbrachte sie Grüße von Knut und las vor durchschnittlich 500 Menschen aus Hamsuns Werken. „Die Hauptnummer waren die ersten Kapitel in ,Segen der Erde‘“, berichtet Thorkild Hansen in seinem Buch „Der Hamsun-Prozeß“ und charakterisiert diese Auftritte als Feiern, bei denen Marie als „Priesterin“ und das Publikum sich dem großen Dichter Knut Hamsun andachtsvoll hingaben.

Übergriffe der Besatzungsmacht auf die norwegische Bevölkerung erfüllten Hamsun dagegen mit Sorge. Er setzte sich für einige Norweger ein, die von der Besatzungsmacht hingerichtet werden sollten, teilweise auch mit Erfolg, für andere aber auch nicht, obwohl er dazu aufgefordert worden war. Das brutale Auftreten des Reichskommissars Josef Terboven veranlasste Hamsun 1943 schließlich persönlich, auf dessen Ablösung hinzuwirken. Einem Besuch von Propagandaminister Joseph Goebbels, der Hamsuns Werke sehr schätzte, am 18. Mai 1943 in dessen Berliner Privatwohnung schloss sich im Juni die Schenkung seiner Nobelpreis-Medaille an Goebbels an. Tage später hielt Hamsun auf der ersten, von Goebbels organisierten Tagung der Union der nationalen Journalisten-Verbände in Wien vor ca. 500 Journalisten aus 40 Ländern eine englandfeindliche Rede, in der er sich offen für den Nationalsozialismus aussprach.

Ein Treffen mit Hitler Ende Juni geriet dagegen zum Desaster. Hamsun wagte es, den Führer mit den Worten zu unterbrechen: „Die Methoden des Reichskommissars eignen sich nicht für uns, seine ‚Preußerei‘ ist bei uns unannehmbar, und dann die Hinrichtungen – wir wollen nicht mehr!“ Als Hamsun nicht locker ließ, brach Hitler das Gespräch ab und sparte seinen Wutausbruch aus Respekt für Hamsun auf, bis er gegangen war. Dessen ungeachtet pries Hamsun Hitler in einem Nachruf als einen „Verkünder des Evangeliums vom Recht aller Nationen“, als eine „reformatorische Gestalt höchsten Ranges“. Von seinem Sohn Tore nach der Motivation für diesen Nachruf gefragt, antwortete Knut Hamsun: „Es war eine Geste der Ritterlichkeit einer gefallenen Größe gegenüber.“ Manche Literaturwissenschaftler betonen bis heute, Hamsuns Eintreten für Hitler und das Nazi-Regime habe sich nur in seinen politischen Artikeln niedergeschlagen, in denen er gegen Verstädterung, Industrialisierung und Demokratisierung polemisiert.

Auf dem Weg in den Gerichtssaal. Quelle: https://www.gbm.no/media/1528/hovedforhandling-og-dom.jpg?width=1200

Der Charakter der ideologischen Nähe Hamsuns zum Nationalsozialismus ist umstritten: Teils werden gemeinsame Werte von Rasse, Mythos, Blut und Boden, Disziplin und Abenteuer betont, teils dagegen die Ablehnung des Bürgertums als Bindeglied zu Hitler. „Hamsun ist kein ergiebiger Fall für die Literaturgeschichte des Bösen“, befindet auch Schneider. „Das Faszinosum einer reaktionären Intellektualität, wie es bei Benn, Céline, Ernst Jünger oder Carl Schmitt eine Rolle spielt, sucht man bei ihm vergebens.“ Starrsinn und Verblendung kennzeichneten seinen Glauben an den Nationalsozialismus, Affinitäten gab es allerdings in Bezug auf Germanophilie sowie den Jugend- und Gesundheitskult. Doch „nichts in Hamsuns Romanen“ berechtige dazu, ihn „als Nazi abzustempeln“.

„nachhaltig seelisch geschwächt“

Nach Kriegsende versuchte Norwegen, Hamsun für seine Sympathie mit der Besatzungsmacht zur Rechenschaft zu ziehen. Wegen seines Alters (86) und seiner Verdienste wurde er nicht in Untersuchungshaft genommen, sondern zunächst in ein Altersheim in Landvik gebracht, dann zu einer längeren Untersuchung in die psychiatrische Klinik in Vinderen (Oslo) eingewiesen. Seine Begutachtung als „nachhaltig seelisch geschwächt“ sollte zu seiner Entlastung vor Gericht dienen. Hamsun kommentiert später sarkastisch, dass diese Diagnose erst durch den Aufenthalt eingetreten sei, und bestand auf Rechtfertigung seines Verhaltens während der Besatzungszeit in einem Gerichtsprozess. Die Anklage vor dem Obersten Gericht wegen einer Straftat wurde als nicht haltbar fallengelassen und der Fall nach der Landesverratsanordnung weiterbehandelt, die Kollaborateure zu Entschädigungszahlungen verpflichtete.

Das Amtsgericht Grimstad verurteilte ihn am 16. Dezember 1947 mit den Stimmen zweier Laienrichter gegen die Stimme des Gerichtsvorsitzenden zu einer „Entschädigung“ von 425.000 Kronen zuzüglich Zinsen und Verfahrenskosten wegen „Schadens gegenüber dem norwegischen Staat“. Im Anschluss an dieses Urteil durfte er auf sein Gut Nørholm bei Grimstad zurückkehren. Im Revisionsverfahren wurde 1948 die Summe zwar auf 325.000 Kronen reduziert, was aber den finanziellen Ruin der Familie nicht abwendete. Er verarbeitete diese Erlebnisse in seinem letzten Werk, dem Tagebuch „Auf überwachsenen Pfaden“ (1949). Nicht nur nach seinem Tod: Hamsun polarisiert in seiner Heimat bis heute. Vielen kommunalen Ehrungen durch Straßen oder Denkmäler steht etwa der Intendant des Trondheimer Theaters entgegen, der sein Haus zur hamsunfreien Zone erklärte.

Sydow als Hamsun. Quelle: https://m.media-amazon.com/images/M/MV5BMmE2MTJkNzItZTNlNC00YzcwLTg4MmMtZWE5YWI2ZGZmMDlkXkEyXkFqcGdeQXVyMjUyNDk2ODc@.V1.jpg

Die Hamsun-Verehrung in Deutschland endete 1945 keineswegs. Eine 1955 von der Schriftstellerin Hilde Fürstenberg gegründete Knut-Hamsun-Gesellschaft verschrieb sich bis 1998 der Pflege seines Werks mehr huldigend als kritisch. Der Film „Hamsun“ (1996) behandelt die letzten 17 Jahre seines Lebens, verkörpert wird er von Max von Sydow. Außerdem wurden mehrere seiner Romane und Erzählungen als Theaterstücke bearbeitet oder verfilmt. Das Jubiläum bietet Anlass, einen der größten europäischen Schriftsteller wiederzuentdecken. Er ist, in Triumph und Verhängnis, auch ein Stück deutscher Literaturgeschichte.

„Er ist Ehemann, Vater und Vorstand eines Kleinbetriebs mit der Verantwortung für Familie und Angestellte. Daneben kämpft er auf Tausenden von Seiten mit den Gestalten seiner Phantasie, erfindet deren Lebenswege und spielt für sie Schicksal. Eine weitere Sphäre und ebenso abgeschlossen vom ‚wirklichen Leben‘ ist die Welt der Sanatorien, Kuranstalten und Nervenkliniken, die er in immer kürzeren Abständen aufsuchen muss.“ So beschreibt der Germanist Peter Walther die an Gegensätzen reichen Lebenssphären jenes Autors der „Neuen Sachlichkeit“, der am 5. Februar vor 75 Jahren starb: Rudolf Ditzen, der sich später Hans Fallada nannte.

Geboren wird er am 21. Juli 1893 als Sohn eines Reichsgerichtsrats in Greifswald. 1899 zog die Familie mit vier Kindern nach Berlin, zehn Jahre später nach Leipzig. Doch trotz harmonisch und gesichert anmutender Familienverhältnisse entwickelte sich der kleine Rudolf zu einem Knaben, der sich von Konflikten, Krankheiten und Katastrophen verfolgt sah. Neben der unsteten Kindheit litt er unter dem Verhältnis zum Vater, der für seinen Sohn eine Juristenlaufbahn vorgesehen hatte. Für seine frühen Jahre zeichnet sich ein Muster ab, in dem sich Rudolf und die Familie einzurichten versuchen: „Ich bin ein tüchtiger Pechvogel gewesen, der jede Treppe hinunterfiel, sich Mühlsteine auf die Finger warf, unter galoppierende Pferde sich legte, immer auf der Schule erwischt wurde, wenn er mal mogelte.“

Er galt an allen Schulen als Außenseiter und zog sich immer mehr in sich selbst zurück – trotz des Versuchs, sein Pechvogel-Muster herumzudrehen und daraus das Signum einer besonderen, gegen alle Welt kritischen Außenseiterhaltung zu machen. 1911 wird er mehrfach in Sanatorien eingewiesen – er schrieb „Satanorien“. Mit seinem Freund Hanns Dietrich von Necker beschloss er am 17. Oktober, einen als Duell getarnten Doppelsuizid zu vollziehen. Bei dem Schusswechsel starb von Necker, während Ditzen schwer verletzt überlebte. Er wurde wegen Totschlags angeklagt und landete in der der psychiatrischen Klinik Tannenfeld. Wegen Schuldunfähigkeit wurde die Anklage fallengelassen. Ditzen verließ das Gymnasium ohne Abschluss.

Fallada. Quelle: https://img.welt.de/img/kultur/literarischewelt/mobile196647435/1992505887-ci102l-w1024/Hans-Fallada.jpg

Nach der Entlassung arbeitet er ab 1913 in der Landwirtschaft, meldet sich 1914 als Kriegsfreiwilliger, wird aber wegen seiner Alkohol- und Morphiumsucht für untauglich befunden. Bis 1919 kommt er immer wieder in Entzugskliniken, vor allem nach Posterstein/Thüringen, eine dauerhafte Heilung erreicht er aber nicht. Er beginnt zu schreiben, 1920 veröffentlicht er den expressionistisch beeinflussten Debütroman „Der junge Goedeschal“, drei Jahre später „Anton und Gerda“ – beide im Rowohlt-Verlag, dem er bis 1945 verbunden bleibt. Seit dem Goedeschal nannte er sich Hans Fallada in Anlehnung an zwei Märchen der Brüder Grimm: Der Vorname bezieht sich auf den Protagonisten von „Hans im Glück“ und der Nachname auf das sprechende Pferd Falada aus „Die Gänsemagd“ – der abgeschlagene Kopf des Pferdes verkündet so lange die Wahrheit, bis die betrogene Prinzessin zu ihrem Recht kommt.

im Einklang mit den eigenen Defekten

Da Fallada in Posterstein eine landwirtschaftliche Lehre absolviert hatte, konnte er sich in Berlin mit Gelegenheitstätigkeiten über Wasser halten: Vor allem als Gutsverwalter, aber auch als wissenschaftlicher Hilfsarbeiter der Landwirtschaftskammer Stettin und später als Angestellter einer Kartoffelanbaugesellschaft. Zur Finanzierung seines Morphin- und Alkoholkonsums beging er Unterschlagungen, die 1923 zu einer dreimonatigen Haftstrafe führten. Es folgte 1926 eine zweieinhalbjährige Haftstrafe wegen Betrugs. Nach seiner zweiten Haftentlassung 1928 lernte er in Hamburg Anna kennen, von ihm Suse genannt – das Vorbild für seine Romanfigur Lämmchen. Nach der Heirat 1929 bekommen sie zwei Söhne und zwei Töchter – eine davon starb als Baby, mit 17 die andere. Fallada arbeitete zunächst als Anzeigenwerber und Reporter für den General-Anzeiger und war vorübergehend Mitglied der Guttempler und der SPD.

Ab 1930 – inzwischen ist er Lektor im Rowohlt-Verlag – hat er mit seinen Texten zunehmend Erfolg. Sein erster großer Roman „Bauern, Bonzen und Bomben“ (1931) zeigt eine Kleinstadt während der Bauernunruhen Ende der zwanziger Jahre. Er beruht auf Falladas Erfahrungen als Gerichtsreporter beim „Landvolk-Prozess“ 1929. In ihm zeichnet er ein realistisches Bild der Zustände und der Unzufriedenheit der Bevölkerung. Fallada wendet sich vermehrt sozialkritischen Themen zu, bemüht sich um die Darstellung der Realität, beinahe im Stile einer dokumentarischen Literatur. Das bevorzugte Milieu seiner Romane wird das Kleinbürgertum, das unter den Auswirkungen der Wirtschaftskrise zu leiden hat. Durch die einfache, leicht verständliche Sprache seiner Werke wird Fallada nicht nur zum Autor über, sondern besonders für diese Gesellschaftsschicht.

Als Wandervogel 1910. Quelle: http://www.literaturland-thueringen.de/wp-content/uploads/2015/10/Hans-Fallada-als-Wandervogel-1910-Hans-Fallada-Archiv-179×258.jpg

Der Roman „Kleiner Mann, was nun“ bringt Fallada 1932 Weltruhm ein; er kommt auf 45 Auflagen und 20 Auslandsausgaben. Er schildert das Leben eines kleinen Angestellten, der unter der Weltwirtschaftskrise leidet und statt des erhofften sozialen Aufstiegs den Abstieg in Arbeitslosigkeit und Armut erlebt. Ab 1933 bewirtschaftet er sein eigenes Gut in Carwitz (Mecklenburg), das er nach dem Erfolg seines letzten Buchs erworben hat – Biographen meinen, es seien die schönsten Jahre seines Lebens gewesen. Fallada galt als fanatischer Schreiber, erfüllte pedantisch sein Tagespensum, bevor er Zeit für Frau Anna und die drei Kinder erübrigte. Dann aber erwies er sich als rühriger Vater, der seine Bücher auch für den eigenen Nachwuchs schrieb. „Wir schenken ihnen eine Kindheit, deren Glück man aus ihren Augen abliest“, sagte er. „Hoppelpoppel wo bist du“ oder die „Geschichten aus der Murkelei“ wurden bis ins 21. Jahrhundert verlegt.

1934 schildert er in dem Roman „Wer einmal aus dem Blechnapf frisst“ das Schicksal eines ehemaligen Strafgefangenen, der vergeblich versucht, in ein „normales“ Leben zurückzufinden. Das Werk wird von der nationalsozialistischen Kritik abgelehnt. Nahezu die gesamte Spanne von Falladas Schriftstellerleben fiel mit dem Dritten Reich zusammen. Das hatte Konsequenzen für seinen Ruf, seine Arbeit, seine Entwicklung. Von den nationalsozialistischen Machthabern wurden seine Bücher unterschiedlich beurteilt. Joseph Goebbels und seine Reichsschrifttumskammer waren von Fallada sehr angetan. Sein Buch „Wolf unter Wölfen“, als Kritik an der Weimarer Republik interpretiert, wurde positiv beurteilt und von Goebbels ausdrücklich gelobt. Alfred Rosenberg dagegen und das ihm unterstellte Amt Rosenberg sahen Fallada sehr kritisch; er ließ das Buch verbieten.

Zu den überraschendsten Folgen gehörte, dass Falladas Autorenfleiß, der zwischen 1933 und 1944 zwanzig Romane hervorbrachte, darunter ebenso wenig litt wie sein finanzieller Erfolg: Seine jährlichen Einnahmen aus Buch- und Zeitungsveröffentlichungen, Film- und Aufführungsrechten haben sich von 1941 bis 1943 auf hohem Niveau zwischen 61.000 und knapp 75.000 RM eingepegelt. Dabei wurde ihm die permanente Grenzüberschreitung zwischen bürgerlicher Sphäre und den Anstalten für psychisch Kranke oder Gesetzesbrecher scheinbar zur Selbstverständlichkeit. Später ging Fallada, wann immer es geboten erschien, in Nervenheilanstalten oder Entzugskliniken wie andere ins Hotel. Das war seine Art, sich im Einklang mit den eigenen Defekten durchs Leben zu bewegen.

„etwas Erfreuliches schreiben“

Fallada verzichtet auf eine klare politische Stellungnahme. Es erscheinen „neutral“ gehaltene Werke wie „Das Märchen vom Stadtschreiber, der einmal aufs Land flog“, „Wir hatten mal ein Kind“, „Kleiner Mann, großer Mann – alles vertauscht“, „Der ungeliebte Mann“ sowie seine Autobiographie „Damals bei uns daheim“. Neben „Wolf unter Wölfen“ veröffentlichte er mit „Der eiserne Gustav“ eine weitere zeitkritische Milieustudie, die er auf Geheiß des Propagandaministeriums 1938 sogar umschreibt. Für gewisse Kompromisse war er zu haben, zum platten Gesinnungsknecht eignete er sich dagegen nicht. Dem Verlangen von Goebbels nach einem antisemitischen Roman zur Kutisker-Affäre mochte er nicht nachkommen.

Falladas Frau Suse mit Sohn Ulrich auf Usedom 1932. Quelle: https://img.welt.de/img/kultur/literarischewelt/mobile177675832/1830245987-ci3x2l-w780/Fallada-Archiv-Carwitz.jpg

Ebenfalls 1938 lernte er die 18-jährige Marianne kennen, später unter dem Namen Wintersteiner Autorin mehrerer Frauenbiographien. Es entstand eine tiefe, aber platonische Liebesbeziehung, die fast bis zu seinem Tod anhielt. Zu ihrem 19. Geburtstag schenkte Fallada ihr das Manuskript „Pechvogel und Glückskind“. Seine Ehe dagegen scheitert: Nach seiner Rückkehr als „Sonderführer des Reichsarbeitsdiensts“ in Frankreich ließ sich das Paar 1944 scheiden. Bei einem Besuch, um einige Habseligkeiten abzuholen, brach ein Streit zwischen ihm und Anna aus, schließlich zog Fallada eine Taschenpistole, die Kugel traf einen Tisch. Das Gericht wies Fallada nach einem Verfahren wegen versuchten Totschlags zur Beobachtung in die Landesanstalt Neustrelitz ein.

Hier entstand das Manuskript zum „Trinker“ – erst 1950 wird der Roman veröffentlicht. Er konnte nicht ahnen, dass der Titel ein Menetekel war. Kurzzeitig Bürgermeister in Feldberg, übersiedelte er auf Wunsch des späteren DDR-Kulturministers Johannes R. Bechers nach Berlin, schreibt für die Tägliche Rundschau und heiratet die ebenfalls alkoholabhängige Ursula Boltzenthal. Seine letzten Lebensjahre verbringt Fallada häufig schwer krank in Berliner Krankenhäusern, darunter der Charite. 1946 schreibt er hier innerhalb von nur dreieinhalb Wochen „Jeder stirbt für sich allein“. Lange Zeit war es ruhig um die Geschichte eines Berliner Ehepaars, das den Nationalsozialisten Widerstand leistete, nachdem ihr Sohn im Frankreichfeldzug gefallen war.

Das Buch beruht auf einer wahren Begebenheit. Ab 1940 legten Otto und Elise Hampel in Berlin zwei Jahre lang rund 200 Karten in ungelenkem Deutsch mit Forderungen wie „Deutsche Männer und Frauen Wir müssen an uns selbst glauben! Nicht dem Schurken Hitler“ in Treppenhäusern, Telefonzellen und U-Bahnhöfen aus. Beide werden verhaftet, in Verhören gegeneinander ausgespielt und verurteilt – er wird hingerichtet, sie kommt kurz vor Kriegsende im Gefängnis bei einem Bombenangriff ums Leben. Becher gab Fallada die Gestapo-Akte des Falls. Seine Bitte, daraus einen Roman zu schreiben, lehnte der Schriftsteller zunächst ab, weil er lieber über „etwas Erfreuliches schreiben möchte“ und nicht „mit mahnendem Zeigefinger erinnern“. Doch Becher hat gute Argumente: Er sorgt für eine Wohnung, Lebensmittel und Morphium, ohne das Fallada zu jener Zeit nicht mehr leben konnte – der Autor hatte 30.000 Mark Steuerschulden, dazu kam eine ausstehende Geldstrafe von 10.000 Mark und mehrere tausend Mark Zechschulden.

Werke in Einzelausgaben. Quelle: https://www.zvab.com/servlet/BookDetailsPL?bi=30935911753&cm_mmc=ggl--ZVAB_Shopp_Rare--naa-_-naa&gclid=Cj0KCQiAi9mPBhCJARIsAHchl1ywD4QhyOEnsdVHWx6j_LfgfTRtwfvyxxmhy9juMFUnhchpyaAzz-MaAkg6EALw_wcB#&gid=1&pid=1

In einem rauschhaften Zustand tippte er 36 Schreibmaschinenseiten pro Tag. Ergebnis: ein Meisterwerk, das 60 Jahre fast vergessen war. Seit 2009 ist das anders: Übersetzt in über 30 Sprachen, darunter Hebräisch und Norwegisch, hat es eine späte Karriere hingelegt. Der Roman gilt als das erste Buch eines deutschen nicht-emigrierten Schriftstellers über den Widerstand gegen den Nationalsozialismus. Unter dem Titel „Alone In Berlin“ wurde es in Großbritannien zum Bestseller, 300.000 Exemplare sind verkauft. In den USA, dort heißt das Buch „Every Man Dies Alone“, sind es 200.000 Stück – bemerkenswert in einem Land, dessen Leser sich für europäische Literatur kaum interessieren. Insgesamt sind 18 Neuübersetzungen in Arbeit oder bereits veröffentlicht. Dennis Johnson, bei Melville House Falladas amerikanischer Verleger, kann nicht verstehen, dass die englischsprachige Welt den Autor 60 Jahre lang kaum wahrgenommen habe: „Er verdient seinen Platz in der Weltliteratur.“

„wenn ich hätte tanzen können“

Fallada sollte die Veröffentlichung seines letzten Romans nicht mehr erleben. Im Dezember 1946 wurde er in die Berliner Charité zwangseingewiesen. Ein Professor führte den Patienten im Rollstuhl seinen Medizinstudenten vor: „Das, meine Herren, wie Sie sehen, ist der Ihnen allen bekannte Schriftsteller Hans Fallada, oder vielmehr das, was die Sucht nach dem Rauschgift aus ihm gemacht hat: Ein Appendix.“ Fallada erlitt in der Folge dieser Demütigung einen Schwächeanfall. Es gelang seiner Frau noch, ihn in ein anderes Krankenhaus verlegen zu lassen, wo er dann an Herzversagen starb – als „hochbegabter Selbstzerstörer“, so Thomas Hüetlin im Spiegel.

Fallada schrieb mit leidenschaftlicher Hingabe und konnte in erstaunlich kurzer Zeit riesige Textmengen produzieren. Im Hinblick auf seine erzählerischen Impulse bezeichnete er sich einmal als „Menschensammler“, das heißt seine Figuren, ihre Beweggründe und Geschichten waren für ihn wichtiger als alle hehren Ziele. Das Schreiben sei bei ihm Teil seiner Triebstruktur, befindet Walther: „Die Gestalten seiner Phantasie drängen darauf, in die Welt entlassen zu werden; sich von ihnen zu entlasten ist ein notwendiges Ereignis, keines, das nach Sinn oder Unsinn, Zweckhaftigkeit oder Zwecklosigkeit fragt.“ Er erkannte Anzeichen dafür, dass das Schreiben bei Fallada ebenfalls Suchtcharakter hatte. Schreibräuschen konnte er sich sogar dort hingeben, wo andere verstummt wären, in Heilanstalten, Entzugskliniken oder Gefängnissen. Wenn er mit einem Text durch war, litt er wie unter Entzugserscheinungen.

Armin Mueller-Stahl in „Wolf unter Wölfen.“ Quelle: https://www.filmdienst.de/bild/filmdb/226757

Etliche seiner Werke sind verfilmt worden, so 1933 „Kleiner Mann was nun?“ mit Victor de Kowa, 1958 „Der eiserne Gustav“ mit Heinz Rühmann, 1964 „Wolf unter Wölfen“ mit Armin Mueller-Stahl, 1975 „Jeder stirbt für sich allein“ mit Hildegard Knef und, vielbeachtet und hochgelobt, 1995 „Der Trinker“ mit Harald Juhnke. Auch auf deutschen Bühnen kehrt Fallada zurück. In Erinnerung an den Schriftsteller vergibt die Stadt Neumünster seit 1981 den Hans-Fallada-Preis. Jedes Jahr um seinen Geburtstag herum erinnert die Hans-Fallada-Gesellschaft an seinem einstigen Wohnort Carwitz in der Feldberger Seenlandschaft – das Haus ist heute Museum – mit den Hans-Fallada-Tagen an den Schriftsteller. „Manchmal glaube ich, mein ganzes Leben wäre anders verlaufen, wenn ich hätte tanzen können“, heißt es in seiner Autobiographie. Er konnte es nicht. Aber schreiben, das konnte er.

„Ja, er hat viele politische Fehler gemacht. Seine Ideen, seine wirtschaftlichen Ideen waren richtig, aber er konnte diese Ideen den Menschen in Deutschland nicht beibringen oder, sollen wir mal sagen, nicht verkaufen. Die Unterstützung für die soziale Marktwirtschaft war eher schwach und fußte nur auf dem Wohlstand, den sie den Menschen gebracht hatte, nicht auf einem tieferen Verständnis ihrer Grundsätze.“ Diese Einschätzung seines Biographen Alfred C. Mierzejewski im DLF wurde von Ex-Linken-Vize Sara Wagenknecht 2013 instrumentalisiert: Er wäre bei uns mit seinen Ansprüchen am besten aufgehoben, schrieb sie in „Freiheit statt Kapitalismus“, und Leute wie er hätten „vor genau jener Fehlentwicklung gewarnt, deren Konsequenzen wir heute erleben“: Ludwig Erhard, dessen 125. Geburtstag sich am 4. Februar jährt.

Der Sohn eines Einzelhandelskaufmanns wuchs mit drei Geschwistern auf, durchlitt mit zwei Jahren eine Kinderlähmung, die ihm einen deformierten Fuß bescherte, und begann nach dem Besuch der Realschule in Fürth 1913 eine kaufmännische Lehre. Im Ersten Weltkrieg Artillerist, wurde er 1918 bei Ypern durch eine Handgranate schwer verwundet und genas erst nach sieben Operationen. Dies habe er laut Biographen körperlich, aber nicht seelisch verarbeitet. Nach dem Krieg nahm er ein Studium an der Handelshochschule in Nürnberg auf, das er 1923 mit dem Diplom beendete. Im selben Jahr heiratete er die verwitwete Volkswirtin Luise Schuster, die aus erster Ehe eine Tochter hatte. Beide bekamen eine weitere Tochter. Er schrieb er sich an der Universität Frankfurt für Betriebswirtschaftslehre, Nationalökonomie und Soziologie ein und promovierte im Jahr darauf mit einem währungspolitischen Thema.

Ludwig Erhard mit seinem Bestseller. Quelle: Von Bundesarchiv, B 145 Bild-F004204-0003 / Adrian, Doris / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 de, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=5448680

Von 1925 bis 1928 arbeitete Erhard als Geschäftsführer im elterlichen Betrieb – der allerdings in Konkurs ging. Danach wurde er Assistent beim Institut für Wirtschaftsbeobachtung der deutschen Fertigware an der Handelshochschule in Nürnberg und wirkte als ökonomisch-politischer Publizist. Er schrieb gelegentlich in der linksliberalen Wochenschrift Das Tage-Buch gegen die wirtschaftspolitischen Vorstellungen des späteren Reichsbankpräsidenten Hjalmar Schacht an und forderte in einem Aufsatz die Regierung auf, den Missbrauch durch Kartelle und Monopole, insbesondere der Investitionsgüterindustrie, zu unterbinden; statt dessen sollte die Verbrauchsgüterproduktion gefördert werden. Im Gegensatz zum damals vorherrschenden Protektionismus trat er für eine Wettbewerbswirtschaft und freie Marktpreisbildung ein. Seit 1930 war das Zigarrenrauchen Erhards Markenzeichen – er soll immer Zigarren vom Witzenhäuser Hersteller Leopold Engelhardt geraucht haben, weshalb ihm die Stadt ein Denkmal spendierte.

Kriegsniederlage vorausgesehen

Die Arbeit am Institut, aus dem sowohl die Nürnberger Akademie für Absatzwirtschaft (NAA) und die Gesellschaft für Konsumforschung (GfK e. V.) entstanden, verlieh Erhard den Ruf eines Wirtschaftsspezialisten. Dazu trug auch bei, dass er bis 1940 die „Wirtschaftspolitischen Blätter der deutschen Fertigindustrie“ redigierte. Im Auftrag der deutschen Zivilverwaltung betreut Erhard von 1940 bis 1945 die lothringische Glasindustrie. Nach einem Konflikt mit der Institutsleitung verließ er 1942 die Einrichtung, um sein eigenes Forschungsinstitut zu gründen. Hier tat er sich 1944 mit einer wirtschaftspolitischen Denkschrift zur Neuordnung Deutschlands nach der Kriegsniederlage hervor, die Erhard voraussah und die damals als Hochverrat gewertet werden konnte.

Die Denkschrift, die er kurz vor dem 20. Juli auch an Carl Goerdeler gesandt hatte, bescherte ihm nach Kriegsende die Ernennung zum Wirtschaftsberater der amerikanischen Militärbehörden in Nürnberg. Erhard war nun für den wirtschaftlichen Wiederaufbau in Franken verantwortlich und wurde noch im Herbst 1945 als Staatsminister für Handel und Gewerbe in die bayerische Landesregierung aufgenommen. 1947 schien ihm eine Honorarprofessur an der Universität München endlich die wissenschaftliche Karriere zu eröffnen, doch folgte er dem Ruf der amerikanischen Besatzungsmacht in die Zweizonenverwaltung für Wirtschaft in Frankfurt. Hier leitete er die Vorbereitung der westdeutschen Währungsreform und stieg im März 1948 zum Leiter der Zweizonenverwaltung für Wirtschaft auf. Die Währungsreform mit der Einführung der D-Mark löste einen überraschenden Wirtschaftsaufstieg aus.

1949 zog er für die die CDU erstmals ins neue westdeutsche Parlament ein und stand bis 1963 als wiederholter Bundeswirtschaftsminister unter Kanzler Adenauer für die wirtschaftspolitische Kontinuität und den wirtschaftlichen Aufstieg der Bundesrepublik zur führenden Industrienation. Erhard glaubte fest an den freien Markt und unterstützte staatliches Handeln im Einklang mit dem Markt, um sozialwünschenswerte Ziele zu erreichen: „Die Schwierigkeit lag, wie er wohl wusste, in der Definition dessen, was sozial wünschenswert ist“, erkennt Mierzejewski. „Ludwig Erhard könnte man als Lehrer ansehen. Er wollte die deutsche Bevölkerung über diese Ideen von Freiheit und eine freie Marktwirtschaft informieren und hoffentlich überzeugen. Aber als Theoretiker war er eigentlich ziemlich schwach.“

Erhard als Minister in Bayern. Quelle: https://www.planet-wissen.de/gesellschaft/wirtschaft/geschichte_der_d_mark/portraetdmwohlstandgjpg100~_v-gseapremiumxl.jpg

In seinem populären Buch „Wohlstand für Alle“ (1957) legte Erhard seine Vorstellungen allgemeinverständlich dar. Er trat für die Liberalisierung des Außenhandels und für die Konvertierbarkeit internationaler Währungen ein, was ihm auch in den eigenen Reihen den Ruf eines Dogmatikers einbrachte. Obwohl 1957 noch unter der dritten Regierung Adenauers zum Vizekanzler nominiert, gestaltete sich das Verhältnis zu ihm politisch schwierig und menschlich spannungsreich. „Er mochte Erhards lässige Kleidung nicht und missbilligte den Zigarrenrauch, mit dem sich Erhard gern einnebelte, ebenso wie die Zigarrenasche, die sich auf seinem Revers ansammelte“, so Mierzejewski. „Erhards Alkoholkonsum betrachtete er als moralischen Affront. Und schließlich war ihm Erhards Hang zum Selbstmitleid unerträglich.“

Adenauers Hauptvorwürfe waren häufige Abwesenheit, mangelnde Kontrolle des Ministeriums und unbedachte Reden. Seine Anhänger wurden scherzhaft „Brigade Erhard“ genannt – nach einer Marineeinheit aus dem Kapp-Putsch von 1920. Einer der Höhepunkte der Differenzen zeigte sich bei der Rentenreform 1957, die Adenauer mit seiner Richtlinienkompetenz als Kanzler durchsetzte. Das seitdem bestehende Umlageverfahren („Generationenvertrag“) lehnte Erhard als nicht zukunftsfähig ab. Adenauer setzte sich jedoch mit dem bekannten Ausspruch „Kinder kriegen die Leute sowieso“ über diese Bedenken hinweg. Weitreichende Entscheidungen aus seiner Zeit als Wirtschaftsminister waren die Neuordnung des Kartellrechts mit dem Gesetz gegen Wettbewerbsbeschränkungen von 1957, das Bundesbankgesetz aus dem gleichen Jahr sowie die Privatisierung von Unternehmen, die sich bis dahin noch im Staatsbesitz befanden wie die Preussag AG 1959 oder die Volkswagen AG 1960, wobei die Anteile jedes Mal als Volksaktien erworben werden konnten.

„kein Abschied von der Politik“

Seit dem Bundestagswahlkampf von 1961 zum voraussichtlichen Kanzler-Nachfolger gekürt, wurde Ludwig Erhard nach dem Rückzug Konrad Adenauers am 16. Oktober 1963 zum neuen Bundeskanzler gewählt. 1964 ließ er im Park des Palais Schaumburg den Kanzlerbungalow als Wohn- und Empfangsgebäude des Bundeskanzlers erbauen. Als Atlantiker, der den Beziehungen zu den USA gegenüber denen zu Frankreich Vorrang gab, warf man ihm aus den Reihen der CDU vor, er sei für eine Abkühlung der deutsch-französischen Beziehungen verantwortlich. Erhard veranlasste – ohne formelle Kabinettsentscheidung – die Aufnahme von Verhandlungen zur Herstellung diplomatischer Beziehungen zwischen der Bundesrepublik Deutschland und Israel, die im Mai 1965 abgeschlossen wurden; es war die einzige Richtlinienentscheidung seiner Amtszeit. Nach dem Botschafteraustausch brachen zahlreiche Nahost-Staaten die Beziehungen zur Bundesrepublik ab.

Um seinem rasanten Autoritätsverlust entgegenzuwirken, lässt er sich 1966 zum CDU-Vorsitzenden wählen – umsonst. Das Devisenausgleichsabkommen, mit dem die Kosten für die Stationierung der US-Truppen auf deutschem Boden ausgeglichen werden sollten, brach ihm das politische Genick. Während in den ersten beiden Adenauer-Abkommen die Erfüllung der Forderungen unter deutschem Haushaltsvorbehalt standen, verpflichtete sich Erhard zur vorbehaltlosen Zahlung. Als Deutschland die nicht termingerecht abwickeln konnte, versuchte Erhard in Washington bei US-Präsident Lyndon B. Johnson Zugeständnisse zu erreichen; die Reise wurde ein völliger Fehlschlag. Daraufhin trat der Minister für Wirtschaftliche Zusammenarbeit Walter Scheel (FDP) zurück, die übrigen FDP-Minister schlossen sich an. Am 1. Dezember 1966 tritt Erhard als Bundeskanzler zurück.

Adenauer und Erhard. Quelle: https://www.fr.de/bilder/2008/06/13/11590400/527347177-898178-156b.jpg

„Der Kanzlerwechsel ist für mich kein Abschied von der Politik. Sie werden mir auch in Zukunft aktiv im politischen Leben dieses Staates begegnen“, sagte er zum Abschied. Sein Nachfolger wird Kurt Georg Kiesinger mit einer Regierung der Großen Koalition. Die CDU nahm ihm übel, dass er ein Kanzler ohne Fortüne geblieben war. Seine Glücklosigkeit hatte sich sowohl in der Außen- wie in der Wirtschaftspolitik gezeigt. Mit dieser fand der Wirtschaftsfachmann Erhard kein Rezept gegen die Rezession und den damit verbundenen Anstieg der Arbeitslosigkeit. Erhards politische Aktivität spielte sich noch elf Jahre hauptsächlich auf den Hinterbänken des Bundestages ab. Zweimal durfte er die Legislatur als Alterspräsident eröffnen.

Bei zahlreichen Gelegenheiten äußerte er sich weiter zu wirtschaftspolitischen Fragen und tat sich in der Öffentlichkeit als Gralshüter der sozialen Marktwirtschaft hervor. Erhard genoss die Ehrenbürgerschaft von Tokio, Lima, Houston, Bonn und Ulm und besaß zahlreiche in- und ausländische Ehrenpromotionen. 1967 gründete er die Ludwig-Erhard-Stiftung, die seine wirtschaftswissenschaftlichen und Wirtschaftsordnungs-Vorstellungen wissenschaftlich und publizistisch weiter pflegen sollte. Ludwig Erhard starb am 5. Mai 1977 in Bonn und wurde nach einem Staatsakt auf dem Bergfriedhof in Gmund am Tegernsee beigesetzt. In vielen deutschen Städten sind Straßen, Wege, Plätze oder Brücken nach ihm benannt.

Erfinder des Exportweltmeisters

In den Nachrufen wird als sein Verdienst gewürdigt, sich Deutschlands hoch entwickelter Ökonomie in den Fünfzigerjahren bedient und diese weltweit erfolgreich gemacht zu haben. Nach Albrecht Ritschl bestehe die große Leistung von Erhard „weniger darin, Reformen gestaltet zu haben – sondern darin, falsche Entscheidungen verhindert zu haben.“ Seine Zeit als Bundeskanzler wird jedoch oft als „glücklos“ gesehen, sein politisches Scheitern nicht zuletzt darauf zurückgeführt, dass ihm als „Quereinsteiger“ in die Politik Durchsetzungsfähigkeit fehlte und sein kollegialer Stil als Führungsschwäche ausgelegt wurde. „Erhard war ein Antipolitiker, der sich der Folgen, die sich aus seinen eigenen Anschauungen ergaben, nie ganz bewusst war. Er weigerte sich, dass politische Ränkespiel mitzuspielen, war aber nicht konsequent genug, ihm ein Ende zu setzen“, befindet Mierzejewski.

Statue in Witzenhausen. Quelle: https://www.hna.de/bilder/2020/02/14/13540574/1674834025-witzenhausen-stadtpark-ludwig-erhard-statue-2ma7.jpg

„Erhard hat schon in den frühen Fünfzigerjahren erkannt, dass die deutsche Wirtschaft mit ihrer führenden Stellung bei Investitionsgütern nicht nur den europäischen, sondern den Weltmarkt im Blick haben muss“, würdigt ihn der Wirtschaftshistoriker Werner Abelshauser im Spiegel. „Daraus hat er die Strategie entwickelt, mit gezielter Unterstützung der Wirtschaftsverbände auch weit entfernte Märkte in Asien oder Lateinamerika zu erobern. Mit dem Ergebnis, dass die deutsche Wirtschaft heute 50 Prozent ihrer Exporte außerhalb der EU absetzt.“ Daher sei er weniger der Vater des Wirtschaftswunders als vielmehr der Erfinder des Exportweltmeisters. Er wollte aus Europa eine Freihandelszone machen und stand der wirtschaftlichen Integration Europas lange skeptisch gegenüber.

Wie eine Bombe schlug 2007 ein Stern-Interview mit Horst Friedrich Wünsche ein, Geschäftsführer der Erhard-Stiftung: „Er war nie Mitglied der CDU.“ Günter Buchstab, der Leiter des wissenschaftlichen Dienstes der CDU-nahen Konrad-Adenauer-Stiftung, die das Parteiarchiv verwaltet, bestätigte: „Die Mitgliedschaft lässt sich aktenmäßig nicht nachvollziehen“, seines Wissens habe Erhard an die CDU auch „keine Beiträge gezahlt“ – obwohl er 28 Jahre für die Christdemokraten im Bundestag saß und bis zu seinem Tod 1977 gar Ehrenvorsitzender war. In Personenarchiven und deutschen Medien fand hatte die Version Aufnahme, Erhard sei anlässlich seiner Wahl zum CDU-Vorsitzenden am 23. März 1966 in die CDU eingetreten, wobei der offizielle Beitritt um drei Jahre auf 1963 rückdatiert worden sei. Das wurde nun dementiert. Erhard wäre damit formaljuristisch nie CDU-Vorsitzender gewesen und hätte auf keinem Parteitag an Abstimmungen teilnehmen dürfen. Ein Parteivorsitzender ohne gültige Mitgliedschaft – ein Kuriosum in der deutschen Parteiengeschichte.

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