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Die minderheitenfreundlich getarnte Einmischung in die inneren Angelegenheiten Ungarns einerseits – die Feigheit vor tatsächlich homophoben Nationen andererseits: Nie entlarvten sich Doppelmoral und Gratismut westlicher Dekadenz besser als unter dem Symbol des Regenbogens im „Pride Month“.

Meine neue Tumult-Kolumne, die gern verbreitet werden kann.

Thomas Burmeister erkannte bei dpa ein Leben, „in dem unentwegt Flaschen geleert, Fische geangelt, Frauen geliebt und Viecher aller Art geschossen wurden, kein Kriegsschauplatz ausgelassen und nun auch noch eine neue wunderbare Droge entdeckt wurde – Afrika.“ Und dort kam er 1954 bei Flugzeugabstürzen gleich zweimal fast ums Leben. Der erste ereignete sich bei einem Sightseeing-Trip in Belgisch-Kongo, der zweite tags darauf auf dem Weg ins Hospital in Entebbe. Der schwergewichtige Autor konnte sich nur retten, indem er die Flugzeugtür mit seinem Schädel aufbrach. Er verlor Gehirnflüssigkeit, erlitt Risse in Nieren, Milz und Leber, eine Quetschung des Rückenwirbels und Verbrennungen auf dem Kopf. Aber er war dem Tod so knapp entkommen, wie es sich für einen echten Abenteurer gehört. Doch es war der Beginn seines quälend lang andauernden physischen Verfalls.

Er ist ein Mann, der fünf Frauen verschliss und nur eine davon nicht zu seiner Ehefrau machen konnte: Die Krankenschwester Agnes von Kurowsky pflegte den Kriegsverwundeten im Lazarett in Italien. Aus dieser Affäre entsteht 1929 sein einziger Liebesroman „In einem anderen Land“. Der Enttäuschung über die Frau, die ihn verschmäht hat, macht er Luft, indem er sie im Roman sterben lässt. Der Tod, eine Situation, die der Mensch nicht verändern kann. Der Moment des Todes hat den Schriftsteller von jeher so fasziniert, dass er ihn am liebsten hätte zu Eis erstarren lassen. Einfach aus Angst, dass er eintritt, aber auch, um zu erforschen, warum. Früh wird er mit gewaltsamem Tod konfrontiert, nicht nur in diesem „anderen Land“ im ersten, sondern auch im Deutschland des zweiten Weltkriegs. Grund genug, um ihn in sein Schaffen einzubeziehen, sich zur Aufgabe zu machen, den Tod zu entmystifizieren, um dem menschlichen Leben einen Hauch von Ewigkeit zu verleihen.

Hemingway 1953. Quelle: Von Look Magazine, Photographer (NARA record: 1106476) – U.S. National Archives and Records Administration, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=17194665

Seine Gegner verurteilten ihn wegen seiner brutalen Dialoge, seine Verehrer liebten ihn für die oft melancholisch anmutenden Erzählpassagen, für die Sehnsucht, die nicht nur den Protagonisten, sondern auch den Leser in die Tiefen seiner Seele führt. So paradox dieser lakonische Stil war, so paradox war der Autor selbst. Als psychisch kranker Alkoholiker gilt er, und diesem Umstand schreibt man auch seinen Selbstmord zu: „Er war ein Mann der Extreme, er wollte leben und töten, lieben und kämpfen – und alles am besten exzessiv“, so Anne Lederer im Ärzteblatt. Seine Hobbys hatten allesamt mit dem Tod zu tun: Krieg und Hochseefischen, Stierkampf und Großwildjagd – ein ausgestopfter Löwe und die Hörner eines Kudu zieren noch heute sein Archiv in der John F. Kennedy Library in Boston. Ein Macho also, dessen Männlichkeitswahn gar die Liebe zu sich selbst übersteigt, so dass er sich nach dem Genuss eines New York Strip Steak mit gebackener Kartoffel und Sour Cream am 2. Juli 1961 mit seiner Lieblingsflinte, seiner „glatten, braunen Geliebten“ erschoss: Ernest Hemingway.

„die Kunst des Weglassens“

Geboren wurde Ernest Miller Hemingway am 21. Juli 1899 als zweites der insgesamt fünf Kinder eines Landarztes und einer eher erfolglosen Opernsängerin in Oak Park/Illinois. Von 1913 bis 1917 besuchte er die Oak Park High School und begann seine Laufbahn als Lokalreporter in Kansas City. 1918 meldete er sich im Ersten Weltkrieg freiwillig als Fahrer des „American Field Service“, eine Art Sanitätstransportgruppe, an der norditalienischen und französisch-deutschen Front, wo er zweimal schwer verwundet und von Kurowsky monatelang gesundgepflegt wurde. 1919 kehrte er in die USA zurück, begann sich erstmals an Prosa zu probieren und wurde 1920 erst Mitarbeiter beim Toronto Star und dann Polizeireporter in Chicago. Hier lernte er seine erste Liebe Hadley kennen und heiratete sie sogleich. Private und berufliche Reisen in die Schweiz, nach Italien, Spanien und in den Nahen Osten folgten.

1921 zog er nach Paris und verschrieb sich der Schriftstellerei ganz, wobei er die Bekanntschaft anderer dort lebender Amerikaner machte, darunter F. Scott Fitzgerald, Ezra Pound und Gertrude Stein, die zwei Jahre später auch Taufpatin seines ersten Sohns John Hadley Nicanor wurde. Stein und Pound lehrten ihn die Kunst des Weglassens und sahen seine Texte durch. Hemingway revanchierte sich, indem er Steins Arbeiten korrigierte und Pound das Boxen lehrte. Das Jahr 1923 führte ihn erstmals ins spanische Pamplona, der Stadt der Stiertreiberei und des Stierkampfs, der für Hemingway eine besondere Bedeutung hatte, betonte er doch Eleganz, Mut und Männlichkeit.

Geburtshaus in Oak Park. Quelle: Von I, Padraic Ryan, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=3511070

Im selben Jahr erschien seine Erstlingsanthologie „Three Stories and Ten Poems“ mit seiner Premierenerzählung „Up in Michigan“ (1921). Weitere Kurzgeschichten folgten, die geprägt sind von Hemingways hochgelobtem Stil, auch komplizierte Gefühlsverzweigungen durch eine einfache Sprache und Wortwahl zum klaren Ausdruck zu bringen. Viele dieser Shortstories sind heute Hemingway-Klassiker wie etwa „Indianerlager“, „Der Doktor und seine Frau“ oder „Das Ende von Etwas“. 1926 erzielte er einen ersten Erfolg mit dem Roman „Fiesta“, der die „Lost Generation“ thematisiert, die den ersten Weltkrieg miterlebte.

1927 wurde „Männer ohne Frauen“ veröffentlicht, 14 Kurzgeschichten, die von Krieg, Sport und dem Mann-Frau-Verhältnis handeln. Er lernt Pauline Pfeiffer kennen, seine zweite Frau, die er 1927 heiratete, nachdem er sich im gleichen Jahr von Hadley hatte scheiden lassen. Nach sechs Jahren Aufenthalt in Paris, in denen Hemingway den Wandel vom Journalist zum Schriftsteller vollzog, ging er mit seiner neuen Ehefrau im Frühjahr 1928 zurück in die USA und bezog in Haus in Key West. Mit Patrick und Gregory folgten bis 1931 zwei weitere Söhne.

Hemingway reiste 1929 abermals nach Spanien und veröffentlichte 1932 den Roman „Tod am Nachmittag“, in den seine Leidenschaft für den Stierkampf einfloss. Im selben Jahr nahm er mit seiner Frau erstmals an einer Safari in Afrika teil. 1935 erschien „Die grünen Hügel von Afrika“, in dem er Erlebnisse und Eindrücke der Reise verarbeitete, 1936 dann die Kurzgeschichte „Schnee auf dem Kilimandscharo“. Davor hatte er das zwölf Meter lange Fischerboot „Pilar“ gekauft und unternahm Segeltörns in der Karibik.

Joris Ivens (links) mit Ernest Hemingway (Mitte) und Ludwig Renn 1937 während des Spanischen Bürgerkriegs. Quelle: Von Bundesarchiv, Bild 183-84600-0001 / Autor unbekannt / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 de, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=5665527

1937 ging Hemingway im Auftrag der North American Newspaper Alliance NANA erneut nach Spanien und publizierte im Jahr darauf „Wem die Stunde schlägt“, in dem er seine Erlebnisse aus dem spanischen Bürgerkrieg verarbeitete und den viele Kritiker als seinen gelungensten Text lobten. Parallel dazu betrieb er die Scheidung von seiner zweiten Ehefrau Pauline und lebte mit seiner dritten Ehefrau, der Journalistin Martha Gellhorn, ab 1939 auf Kuba. Das Ehepaar erwarb nahe Havanna das Landgut Finca La Vigía im später eingemeindeten San Francisco de Paula. Er nahm die „Pilar“ mit und wurde Stammgast in der Bar El Floridita, wo heute eine Bronzestatue von ihm steht und der legendäre „Hemingway“-Cocktail entstand: Ein Daiquiri ohne Zucker, dafür mit doppeltem Rum („Papa Doble“), ergänzt um Grapefruitsaft und Maraschinolikör. Auf Kuba wird Hemingway heute noch verehrt: Es gibt Museen, Literaturfestivals und Münzen.

„eine neue Milde“

1941 wird er vom KGB angeworben, als „dilettantischer Spion“ aber rasch wieder fallen gelassen. 1943 begab er sich samt Frau in das asiatische Kriegsgebiet des Zweiten Weltkrieges, im Jahr darauf fuhr er allein nach Europa und nahm zunächst an der Ardennenoffensive als Kriegsberichterstatter teil. Zeitweilig wechselte er auf die Seite der Aktiven und führte in einer umstrittenen Rolle als Kommandeur oder Berater eine kleine Gruppe von Widerstandskämpfern in Rambouillet. Im August 1944 erlebte er die Befreiung von Paris mit und beobachtete als Kriegsreporter im November 1944 die Schlacht im Hürtgenwald. Die grausamen Kämpfe an der deutschen Westfront bei Aachen führten bei ihm nicht nur zur Veränderung seines bisher kriegsverherrlichenden Weltbilds, sondern auch zu lange andauernden Irritationen bezüglich seines Verhältnisses zur Wehrmacht.

„Einmal habe ich einen besonders frechen SS-Kraut umgelegt. Als ich ihm sagte, dass ich ihn töten würde, wenn er nicht seine Fluchtwegsignale rausrückte, sagte der Kerl doch: Du wirst mich nicht töten. Weil du Angst davor hast und weil du einer degenerierten Bastardrasse angehörst. Außerdem verstößt es gegen die Genfer Konvention. Du irrst dich, Bruder, sagte ich zu ihm und schoss ihm dreimal schnell in den Bauch, und dann, als er in die Knie ging, schoss ich ihm in den Schädel, so dass ihm das Gehirn aus dem Mund kam, oder aus der Nase, glaube ich.“ Das schrieb Hemingway am 27. August 1949 seinem Verleger Charles Scribner. „Ich töte gern“, verlautbarte er und schrieb am 2. Juni 1950, dass er 122 Deutsche getötet habe. Eines seiner letzten Opfer sei ein junger, auf einem Fahrrad flüchtender Soldat gewesen – „ungefähr im Alter meines Sohnes Patrick“. Er habe ihm mit einer M1 von hinten durch das Rückgrat geschossen. Die Kugel zerfetzte die Leber.

Büffeljäger in Afrika. Quelle: Von unattributed – Photograph in the Ernest Hemingway Photograph Collection, John F. Kennedy Presidential Library, Boston. JFK Library link, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=11539564

Dass er gegen die Genfer Konvention verstoßen hat, verschweigen selbst seine Bewunderer nicht. Mit der Zahl und Details konfrontiert, wiegeln sie aber meist ab: Man müsse verstehen, es sei Krieg gewesen. Hemingway hat zwar immer dick aufgetragen, den Macho demonstriert – aber was trieb ihn ohne Not zu diesem Eingeständnis? Die Briefe blieben bis heute in allen Ausgaben unkommentiert. Obwohl es keinen Zeugen für die 122 Morde gibt, mit denen er prahlt, sind jedoch nicht wenige Verehrer entsetzt über den „Massenmörder an deutschen Kriegsgefangenen“ (Alfred Mechtersheimer): Die Stadt Triberg im Schwarzwald setzte daraufhin 2002 ihr Festival „Hemingway Days“ ab. Ein Gutachten der Universität Hamburg von 2008 kommt zu dem Ergebnis, es handle sich bei den einschlägigen Briefpassagen um „fiktionale“ Aussagen.

Hemingway fällt in eine tiefe Depression; der Kriegsroman, den alle von ihm erwarten, wird nie erscheinen. „Die reine Friedensliebe ist zwar nicht über ihn gekommen, aber eine neue Milde und ein überraschender Sanftmut fallen nach 1945 schon an ihm auf“, konstatiert Wolfgang Stock. Ein Jahr nach dem Krieg begann Ernest Hemingway die Schreibarbeiten zu dem Romanvorhaben „Land, See und Luft“, aus dem insgesamt vier Romane/Novellen wurden, von denen drei erst posthum erschienen. Er ließ sich von seiner dritten Frau Martha scheiden und ging seine vierte Ehe mit Mary Welsh ein, die die Finca nach seinem Tod dem kubanischen Staat schenken wird.

1948 begann er einen Italientrip, den er zu einer Europa-Reise ausdehnte. Bei einem Venedig-Aufenthalt lernte er die damals 18-jährige Adriana Ivancich kennen, die ihn zu dem Roman „Über den Fluss und in die Wälder“ inspirierte. Die platonische Liebesgeschichte belastete die Ehe des Schriftstellers bis in die 1950er Jahre. 1952 erschien „Der alte Mann und das Meer“, das sein wohl bekanntestes Werk wurde. Innerhalb von zwei Tagen verkaufte sich das Buch fünf Millionen Mal – das letzte, das zu seinen Lebzeiten erschien. Hemingway wurde 1953 dafür mit dem Pulitzer-Preis geehrt und 1954 mit dem Nobelpreis. Da er gar nicht gerne redete, erschien er nicht einmal zur Verleihung und ließ stattdessen in seinem Namen eine knappe Dankesrede verlesen, in deren Manuskript es unter anderem heißt: „Ein Schriftsteller sollte das, was er zu sagen hat, nicht sagen, sondern niederschreiben.“

„soll er aussparen, was ihm klar ist“

Im Mittelpunkt der Handlung steht der alte kubanische Fischer Santiago, der tagelang bei Wind und Wetter, Nacht und Nebel mit einem riesigen Marlin ringt, den er zwar töten und längsseits vertäuen kann, der aber letztlich von Haien verspeist wird, so dass er am Ende mit leeren Händen wieder in den Hafen einläuft. Einige Interpreten sehen darin hintergründig die Beziehung zwischen Mensch und Gott, die Novelle handle im religiösen wie im nicht-religiösen Sinne von der Begrenztheit des Menschen – „Man kann vernichtet werden, aber man darf nicht aufgeben“, ruft Santiago immer wieder sich selbst zu – und der Allmacht der Natur. Die Novelle wurde mehrfach verfilmt: Bereits 1958 mit Spencer Tracy, 1989 entstand als Neuverfilmung ein Fernsehfilm mit Anthony Quinn.

Filmplakat mit Spencer Tracy unter der Regie von John Sturges. Quelle: https://cdn.prod.www.spiegel.de/images/8bfd3efe-0001-0004-0000-000000639568_w920_r0.735742518351214_fpx49.97_fpy57.32.jpg

Vorbild für Santiago war der 2002 mit 104 Jahren gestorbene Fischer Grigorio Fuentes, der für 250 Dollar im Monat und freiem Gin und Whiskey Bootsmann der Pilar wurde: „Ich war sein Koch, Seemann, Kapitän, Begleiter“, sagte er dem Spiegel. Fragte man ihn, warum er das Buch nie gelesen habe, antwortete er nur, er wisse ja, was drinstehe. Nur Kritik an seinem Kapitän ließ Fuentes nicht zu. Einmal soll ihn ein argentinischer Fernsehmann gefragt haben, ob Hemingway nicht ein manischer Säufer und Frauenheld gewesen sei. Da erzählte Fuentes keine seiner Geschichten, sondern antwortete dem frechen Journalisten mit einem Fausthieb.

Die Novelle bedeutet sicher den Höhepunkt seines literarischen Schaffens und zugleich auch den  Gipfel seines „Eisbergmodells“ – ein erzähltheoretischer Ansatz des „modernen Klassizismus“, den er in einer vielzitierten Passage in „Tod am Nachmittag“ entwickelte: „Wenn ein Prosaschriftsteller genug davon versteht, worüber er schreibt, so soll er aussparen, was ihm klar ist. Wenn der Schriftsteller nur aufrichtig genug schreibt, wird der Leser das Ausgelassene genauso stark empfinden, als hätte der Autor es zu Papier gebracht. Ein Eisberg bewegt sich darum so anmutig, da sich nur ein Achtel von ihm über Wasser befindet.“ Der eigentliche, tiefergehende oder symbolische Bedeutungsgehalt einer kunstvoll aufgebauten Erzählung liegt demzufolge größtenteils im Verborgenen und muss vom Leser durch dessen eigene Vorstellungskraft oder Erfahrung aktiv erschlossen werden: Der Subtext dominiert den Text. „Er ist der Meister des hochdramatischen Schweigens, der Erfinder des schreienden Understatements“, befand Marcel Reich-Ranicki.

Auf den Nobelpreis folgten eine Europareise und eine Afrikasafari mit den beiden Abstürzen. Er schreibt ohne Ende und zeigt seine „neue Milde“, indem er das Schicksal seiner angefahrenen Katze „Uncle Willie“ beklagt. Um sie von ihren Qualen zu erlösen, tötete Hemingway sie mit einem Kopfschuss – und war am Boden zerstört: „Ich habe Menschen erschießen müssen, doch nie jemanden, den ich gekannt und elf Jahre lang geliebt habe“, klagte er am 22. Februar 1953 in einem Brief. „Nicht jemanden, der schnurrte, mit zwei gebrochenen Beinen.“ 1959 reiste er letztmals nach Spanien. In dieser Zeit soll er auch für die CIA tätig gewesen sein und die Pilar mit einem Maschinengewehr und Handgranaten sowie einem Feuerlöscher voll Sprengstoff ausgestattet haben. „Mein Vater“, sagte Patrick Hemingway dem Spiegel, „wollte eben ein bisschen Krieg spielen … Bis zu seinem Ende träumte er von der Rückkehr auf die Insel, die er gegen Deutschlands U-Boote zu schützen versucht hatte.“

Der Hemingway-Daiquiri, Quelle: https://noseychef.com/wp-content/uploads/2018/04/hemingwaydaiquiri.jpg

Da sich Hemingways Gesundheitszustand Ende der 1950er Jahre zusehends verschlechterte und die Beziehungen zwischen Kuba und den USA nach der kubanischen Revolution ebenfalls zerrüttet waren, entschied das Ehepaar, wegen der besseren Behandlungsmöglichkeiten in die USA zurückzukehren. 1959 erwarb Hemingway ein Landhaus in Ketchum in den Ausläufern der Rocky Mountains. 1960 litt Hemingway mehrfach wieder an Depressionen, weshalb er in eine Klinik kam und mittels Elektroschock-Therapie behandelt wurde. 1961 unternahm er bereits mehrere Selbstmordversuche, bevor er ernst machte – wie übrigens sein Vater 1928 auch, wie seine Schwester Ursula und sein Bruder Leicester. 35 Jahre nach Ernest nahm sich als Fünfte seine Enkelin Margaux, Schauspielerin und Fotomodell, ebenfalls das Leben. Mediziner vermuten eine bipolare Störung in der Familie.

„Angst vor dem Nichts“

Nach seinem Tod wurden zahlreiche Manuskripte aus seinem Nachlass veröffentlicht, darunter „Inseln im Strom“ (1970) und „Der Garten Eden“ (1986). Sein Buch „Die Wahrheit im Morgenlicht“, in dem Hemingway seine letzte Safari in Kenia beschreibt, die er 1953 in Begleitung seiner vierten Frau und seines Sohnes Patrick unternahm, wurde erst 1999 publiziert. Das Buch „Paris – Ein Fest fürs Leben“ (1964) ist nach den Anschlägen vom 13. November 2015, bei denen in Frankreich 130 Menschen getötet wurden, plötzlich zum Bestseller und zum Symbol geworden: Täglich sollen es bis zu 500 Ausgaben sein, die über den Ladentisch gehen – vorher waren es laut „Le Figaro“ zehn am Tag. Mitauslöser für den Hemingway-Boom war ein TV-Beitrag des französischen Fernsehsenders BFMTV, in dem eine Frau die Lage in Paris reflektierte und dabei das Buch erwähnte. „Es ist sehr wichtig, ‚Paris – ein Fest fürs Leben‘ von Hemingway mehrmals zu lesen, denn wir sind eine sehr alte Zivilisation und wir tragen unsere Werte sehr stolz“, sagte die 77-Jährige kurz nach den Anschlägen – der Autor berichtet ganz einfach von seinen Pariser Erlebnissen 1921 – 1926.

Seinem Leben widmeten sich mindestens acht Dokumentationen und Theaterstücke, darunter 1996 „In Love and War“ mit Chris O’Donnell und Sandra Bullock oder 1999 „Hemingway Adventure“ vom „Monthy Python“ Michael Palin. „Zeitweise scheint ihm seine perfekte Selbstinszenierung wichtiger gewesen zu sein als seine Prosa“, befindet Reich-Ranicki in der FAZ. „Auf der Suche nach der Einheit von Wort und Tat schreckte er vor keinerlei Konsequenzen zurück, kein Risiko war ihm zu groß, um die Synthese von Leben und Literatur zu verwirklichen. Wie dieser Odysseus sein eigener Homer wurde, so wollte dieser Homer um jeden Preis sein eigener Odysseus sein. Er hat zunächst erzählt, was er erlebt hat, während er später zu erleben bemüht war, was er erzählen wollte.“ Seit 1980 richtet die Hemingway Look-Alike Society einen Wettbewerb in Key West aus, auf dem der Mann gesucht wird, der Ernest Hemingway am ähnlichsten sieht.

Doppelgänger-Wettbewerb 2008. Quelle: https://www.fr.de/bilder/2008/07/17/11603317/2055498056-896955-Qea.jpg

Die besondere Aussage der Werke Hemingways läge in der Symbolkraft der Natur, meint Lederer. Im Schutz der Bäume, in der Macht gewaltiger Berge, in der Tiefe der Täler und der Unendlichkeit des Meeres findet der Hemingway-Protagonist Zuflucht. Die Natur und ihre Gewalten deuten ihm seinen Weg, wenn der Autor es regnen und stürmen lässt, wenn die Sonne brennt und der Schnee fällt: „Die Natur ist oft das Letzte, worauf sich der Mensch bei Hemingway verlassen kann, und oft auch das Einzige, mit dem zu kommunizieren sich für ihn lohnt.“

Bei Hemingway findet jeder seinen Frieden in der Natur – aber nur so lange, wie er auch mit ihr allein ist. Denn es ist die Menschheit, die einen immer wieder aufmerksam macht auf die eigenen Schwächen. Gelingt es nicht, den Konflikt zu bewältigen, dann steht am Ende aller Schwächen der Tod. Der Mensch als intelligentes Wesen besitzt dann, gegenüber der Natur, das Privileg, ihn selbst eintreten zu lassen. Diese Freiheit hat Ernest Hemingway sich genommen, bilanziert Lederer: „Größer als die Angst vor dem Nichts war die Angst, diesen Moment nicht selbst bestimmen zu können“.

Seinen Ruf als Ausnahmetalent und chirurgischer Alleskönner, der dafür berüchtigt war, mit einem enormen Tempo zu operieren, hatte er sich vor allem durch drei bahnbrechende medizinische Meilensteine erarbeitet. 1904 stellte er auf einem Chirurgenkongress das Druckdifferenzverfahren vor, für das er eine Unterdruckkammer erdacht hatte: Von nun an waren Ärzte in der Lage, Eingriffe am geöffneten Brustraum vorzunehmen, ohne dass die Lunge zusammenfiel und der Patient verstarb. Er entwickelte nach seinen Erfahrungen im Ersten Weltkrieg eine Handprothese, die vielen Kriegsversehrten ein nahezu normales Leben ermöglichte: „In den Hirnen lädierter Landser verklärte sich die Figur des Arztes zu einem heilbringenden Mythos“, schrieb der Spiegel 1960. Und er reduzierte Oberschenkel-Amputationen zu Unterschenkel-Amputationen, indem er den erkrankten Oberschenkelknochen durch den Unterschenkelknochen ersetzte.

Die illustre Liste seiner Patienten umfasste Lenin, dem er einen Zahn zog, ebenso wie den griechischen König Konstantin I. oder Schauspielerinnen wie Tilla Durieux und Adele Sandrock, der er einen Oberschenkelbruch richtete. Wilhelm Röntgen ließ sich kurz vor seinem Tod 1923 eine Geschwulst am Hals von ihm entfernen. Er kurierte die Beingeschwüre des alten Rothschild, befreite General Ludendorff vom Kropf, schnitt dem Exkönig Alfons XIII. von Spanien den Blinddarm heraus, flickte den zusammengeschossenen Grafen Arco-Valley wieder zurecht, der 1919 den Revolutionsmacher Kurt Eisner ermordet hatte, und behandelte auch den Reichspräsidenten von Hindenburg sowie den Leistenbruch Max Liebermanns: „‘N Fehler von mir sieht man über hundert Jahre an de Wand häng‘n. Wenn Sie ‘n Fehler machen, dann deckt ihn anderntags der jriene Rasen“, so der Maler, der ihn 1932 als „Der Chirurg“ porträtierte. Das Bild hängt heute in der Hamburger Kunsthalle.

Seinen Ruf als widersprüchlicher Nazi-Sympathisant betont seit Jahren eine Dauerausstellung in der Charité: Auf der einen Seite habe er das NS-Regime seit 1933 durch Verlautbarungen und Auftritte unterstützt, Auszeichnungen entgegengenommen und im Zweiten Weltkrieg als Generalarzt des Heeres fungiert, der medizinische Experimente in Konzentrationslagern befürwortete. Gleichzeitig aber habe Sauerbruch während des Dritten Reichs Kontakt zu Juden gepflegt und sie behandelt, gegen die Euthanasie-Morde protestiert und – wenn auch nur indirekt – die Generäle um Claus Schenk Graf von Stauffenberg vor dem Anschlag im Juli 1944 unterstützt. Die Folgen des ARD-Mehrteilers „Charité“ bildeten, wen wundert‘s, eher die zweite Position ab. Dennoch stehen nach ihm benannte Straßen seit Jahren unter linkem Umbenennungsdruck, etwa in Hannover.

Geheimrat Prof. Dr. Sauerbruch. Quelle: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/0/0e/Bundesarchiv_Bild_183-R45871%2C_Prof._Dr._Ferdinand_Sauerbruch.jpg

„Zerrissen vom Widerspruch zwischen medizinischem Ethos und ideologischen Zumutungen“ sei er gewesen, so Christoph Gunkel im Spiegel. Gegensätzliches Verhalten scheint dem charismatischen, den Menschen zugewandten Mann, der praktisch jeden duzte und den großen Auftritt liebte, generell nicht fremd gewesen zu sein. Im OP konnte der Chirurg, der von allen Untergebenen nur „der Chef“ genannt wurde, unerbittlich sein. Folgten seine Assistenten seinem Tempo nicht, flogen während eines Eingriffes böse Worte – und auch mal Instrumente. Außerhalb des OPs war er den jüngeren Ärzten gegenüber fürsorglich und ein wichtiger Ratgeber, auch in privaten Angelegenheiten: Ernst Ferdinand Sauerbruch, der am 2. Juli 1951 in Berlin einem Schlaganfall erlag.

„willkürlich bewegbare künstliche Hand“

Geboren am 3. Juni 1875 im westfälischen Barmen als Sohn des technisches Leiters einer kleinen Tuchweberei, musste er mit seiner Mutter schon zwei Jahre später finanziell mittellos ins Haus seines Großvaters, eines Schuhmachers, nach Elberfeld ziehen: sein Vater hatte sein Vermögen in die Konstruktion eines neuen Webstuhls investiert und verloren und starb an Tbc. In Elberfeld besucht Sauerbruch vier Jahre die Volksschule und wechselt anschließend auf das humanistische Gymnasium. Betroffen vom Tod des Großvaters, der für ihn die Vaterrolle spielte, muss Sauerbruch eine Klasse wiederholen und besteht erst mit 20 Jahren die Reifeprüfung.

Anschließend beginnt er sein Studium der Naturwissenschaft an der Universität Marburg. Für die Zulassung zum Medizinstudium holt Sauerbruch 1896 die Graecumprüfung am Gymnasium in Mülheim nach – eine erste in Köln hatte er nicht bestanden. Nach kurzer Studienzeit in Marburg immatrikuliert sich Sauerbruch an der Universität in Leipzig, wo er 1901 sein Staatsexamen ablegt und im Jahr darauf in Marburg promoviert. Da die finanzielle Situation durch den Tod des Großvaters angespannt ist, kann der angehende Arzt seine weitere Ausbildung nicht in Universitätsinstituten wie damals üblich als unbezahlte, mehrjährige Famulatur absolvieren, sondern wird Assistent in kleineren Krankenhäusern, zunächst in Kassel und später in Erfurt, wo seine erste wissenschaftliche Arbeit über stumpfe Bauchverletzungen entsteht. Das unstete Leben wird bis nach dem I. Weltkrieg dauern.

Sauerbruch-Prothese. Quelle: https://www.dmm-ingolstadt.de/fileadmin/pic/sauerbruch_prothese.jpg

Nach einem Intermezzo in Berlin tritt er 1903 als Assistenzarzt in die Breslauer Chirurgische Universitätsklinik ein und entwickelt sein „Druckdifferenzverfahren“, das die Thoraxchirurgie revolutioniert. Nachdem er sich 1905 noch in Breslau als Privatdozent habilitierte und die Verlobung mit einer Fabrikantentochter rasch wieder löste, wechselt er als Assistenzarzt nach Greifswald. Hier lernte er Adeline kennen, die Tochter des Pharmakologen Hugo Schulz, die er 1908 heiratet. Im selben Jahr wurde er erst Oberarzt, dann Außerordentlicher Professor in Marburg, reiste erstmals in die USA und freute sich über die Geburt seiner ersten Tochter Ursula – die aber mit fünf Monaten wieder starb.

1910 wird Sohn Hans geboren und Sauerbruch kurz darauf nach Zürich berufen. Hier kommen noch zwei Söhne und eine Tochter zur Welt, außerdem erscheint die erste Auflage zur Chirurgie der Brustorgane mit dem Titel „Technik der Thoraxchirurgie“. Getippt von seiner Frau auf der Schreibmaschine, wird sie bald ein Standardwerk. Der deutsch-national eingestellte Chirurg wird 1914 von der Kriegsbegeisterung erfasst, lässt sich, obwohl er keine Mobilmachungsanordnung erhält, von den Schweizer Behörden auf unbestimmte Zeit beurlauben, meldet sich als Kriegsfreiwilliger bei der deutschen Gesandtschaft in Bern und wird zum beratenden Chirurg des 15. Armeekorps in Straßburg befördert.

Anfänglich in den Vogesen und später bei Ypern eingesetzt, wird ihm 1915 die Leitung des Reservelazaretts an der Chirurgischen Universitätsklinik in Greifswald übertragen, in dem zahlreiche Amputationen durchgeführt werden. Bis 1916, da er das Vereinslazarett in Singen übernimmt, konstruiert er den „Sauerbruch-Arm“, eine Prothese, die direkt in den Körper implementiert wird; und schreibt sein Buch „Die willkürlich bewegbare künstliche Hand. Eine Anleitung für Chirurgen und Techniker“. Später gelingt ihm, die finanzielle Unterstützung der Firma Brown-Boveri zu gewinnen und damit die „Deutsche Ersatzgliedergesellschaft Sauerbruch GmbH“ (DERSA) mit dem Ziel zu gründen, eine schnelle und zuverlässige Versorgung der Amputierten zu gewährleisten.

„Fackelzug für Geheimrat Sauerbruch“

Mit der Übernahme der Leitung der Chirurgischen Universitätsklinik München 1918 und seiner Ernennung zum Geheimen Hofrat endet die unstete Lebensphase Sauerbruchs für die nächsten zehn Jahre. 1923 trifft er Hitler und sieht in ihm einen „halbgebildeten Vorstadtbarbier“, wie er einem Kollegen damals sagt. Bei der Feier seines 50. Geburtstags 1925 erschienen etwa 200 Personen. Ein am Vorabend stattgefundener „Fackelzug für Geheimrat Sauerbruch“ legte den Münchener Verkehr völlig lahm. In dem Jahr erschien auch „Die Chirurgie der Brustorgane“. Eine Geliebte ließ die Ehe kriseln. 1927 unternahm Sauerbruch anlässlich der Einladung vom Chirurgenverband Argentiniens, seine Methoden der Thoraxchirurgie vorzustellen, eine Südamerika-Reise. Danach wurde ihm der Lehrstuhl in Berlin angetragen. Sauerbruch pendelte zunächst ein halbes Jahr lang zwischen der Charité und München: Montag bis Mittwoch in Berlin Vorlesungen und Operationen, Donnerstag bis Sonnabend das gleiche Pensum in München. „Achtstundentag“ ist für ihn ein Fremdwort.

Einweihung der chirurgischen Universitäts-Klinik Berlin. Quelle: Von Bundesarchiv, Bild 102-08042 / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 de, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=5480123

1928 trat er dann die Stelle als Ordinarius an der II. Chirurgischen Klinik an, die er bis zu seiner Emeritierung 1949 leitet. 1932 wird er Ehrenpräsident der Berliner Chirurgischen Gesellschaft, im Jahr darauf Mitglied der Berliner Mittwochsgesellschaft, der auch Max Planck und vier der Hitler-Attentäter vom 20. Juli angehören, darunter Generaloberst Carl Ludwig Beck. Sauerbruch nutzt seine Stellung, um sich für nationalsozialistischen Repressionen ausgesetzten Menschen zu engagieren. So händigt er wiederholt Empfehlungsschreiben für „nichtarische“ Ärzte an Kollegen im Ausland aus, bis diese Praxis für ihn gefährlich wird. In mehreren nationalen Reden bekennt sich Sauerbruch dennoch zum NS-Regime, in das er Hoffnungen setzt, das Deutsche Reich zu einigen und zu stärken. So unterschreibt er ein „Bekenntnis“ deutscher Professoren zu Hitler und betont in einer Rundfunkrede, das „ganze Volk“ stehe „eisenstark“ hinter der neuen Regierung.

Mit Rudolf Nissen verfasste er 1933 die „Allgemeine Operationslehre“, mit Hans Wenke 1936 „Wesen und Bedeutung des Schmerzes“. Nach seiner Ernennung zum Staatsrat 1934 erhält er, gemeinsam mit dem Chirurgen August Bier, den von Hitler gestifteten Deutschen Nationalpreis für Kunst und Wissenschaft auf dem Reichsparteitag in Nürnberg. Die Einführung dieses Preises war die Antwort der Nationalsozialisten auf den Friedensnobelpreis für Carl von Ossietzky. Zur Teilung des mit 100.000 Reichsmark dotierten Deutschen Nationalpreises kam es infolge massiven Protests durch Gerhard Wagner, Reichsärzteführer und Leiter des Amts für Volksgesundheit in der Reichsleitung der NSDAP, gegen die Nominierung Sauerbruchs.

Im selben Jahr wurde er in den Reichsforschungsrat als Fachspartenleiter für den Bereich Medizin berufen und erlangt damit Einfluss auf die Forschungsförderung. Die bewegt sich zunächst im Bereich üblicher medizinischer Forschungen, ab 1941 fördert der Rat aber auch Menschenversuche in Kriegsgefangenen- und Konzentrationslagern. Sauerbruch genehmigt diese Experimente, wohl ohne dass sich aus den Anträgen und Berichten des Rats ihr Charakter ergab. Im Mai 1943 erfährt er jedoch nachweislich von den Versuchen der SS-Ärzte Karl Gebhardt und Fritz Fischer und deren Sulfonamidforschungen an KZ-Häftlingen. Unter dem Vorwand der Kriegsnotwendigkeit wird der Vortrag sowohl von Sauerbruch als auch von allen Anwesenden kritiklos hingenommen. In dieser Zeit machte der Ritterkreuzträger die Charité „zu einem Mekka für Thorax-Chirurgen aus der ganzen Welt“, so der britische Chirurg Sir Gordon Gordon-Taylor im Spiegel.

Liebermanns „Chirurg“. Quelle: Von Max Liebermann – anagoria, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=43273358

Der Scheidung von seiner ersten Frau 1938 folgt ein Jahr später die Heirat mit der zweiten, der sächsischen Ärztin Margot Großmann. Vortragsreisen, etwa nach London, schlossen sich Inspektionsreisen an die West- und Ostfront an, die sich nach seiner Beförderung zum Generalarzt noch intensivieren. Nach dem Attentat auf Hitler wird Sauerbruch vom Chef der Sicherheitspolizei Ernst Kaltenbrunner der Mitverschwörung verdächtigt und verhört. Sauerbruch weiß von Umsturzplänen, einer Inhaftierung oder gar einer Hinrichtung entgeht er jedoch. Auch Sauerbruchs Sohn Peter, der mit Claus Schenk Graf von Stauffenberg befreundet ist, gerät in den Fokus der Ermittlungen. Sauerbruch kann seine privilegierte Stellung bis Kriegsende bewahren, zieht mit seiner Frau in den Operationsbunker der Charité, als die Rote Armee der Reichshauptstadt näher rückt, und operiert bis zur Kapitulation rund 2.700 Verletzte. „Für mich ging das Dritte Reich wirklich und wahrhaftig inmitten von Blut, Eiter, Leichen und Gestank unter“, wird er sich erinnern.

„Wir brauchen den Namen Sauerbruch“

Obwohl sich bereits kurz nach Kriegsende Anzeichen einer Zerebralsklerose der Gehirngefäße bemerkbar machen, arbeitet Sauerbruch dennoch als Chirurg weiter. Die sowjetischen Besatzungsbehörden ernennen ihn noch im Mai 1945 zum Leiter der Abteilung Gesundheitswesen für die gesamte Stadt Berlin. Er unterzeichnet den Gründungsaufruf der CDU in Berlin am 26. Juni 1945. Im Oktober wird Sauerbruch wegen der Annahme von Ehrungen und politischer Tätigkeit zur NS-Zeit aus diesem Amt wieder entlassen. Ein in West-Berlin eröffnetes Entnazifizierungsverfahren endete am 26. Juli 1949 mit einem Freispruch. Nach seiner Emeritierung am 1. Dezember dieses Jahres ist er trotz seiner fortgeschrittenen Demenzerkrankung bis zu seinem Tod weiterhin als beratender und behandelnder Chirurg tätig. Friedrich Sauerbruch weiß um die Krankheit seines Vaters und bleibt dessen Assistenzarzt. Seine letzte Ruhe fand er in Wannsee, seit 1967 ist sein Grab „Ehrengrab“ der Stadt.

Noch in seinem Todesjahr erschienen Sauerbruchs heiter-melancholische Lebenserinnerungen „Das war mein Leben“, geschrieben von dem Publizisten Hans Rudolf Berndorff, die 1954 unter dem Titel „Sauerbruch – Das war mein Leben“ verfilmt wurden. Der Wahrheitsgehalt des Textes wurde von dem Chirurgieprofessor Rudolf Nissen, dem ehemaligen Schüler und Oberarzt Sauerbruchs, vehement bestritten, der eine Auseinandersetzung mit dem Autor und dem Verlag darüber führte. Vor allem die letzten Jahre galten als hochproblematisch in Sauerbruchs Leben: 1960 enthüllte Jürgen Thorwald in „Die Entlassung“, dass Sauerbruch, der einst die Panne eines Assistenzarztes zum Anlass nahm, das Wort vom „absolut unverzeihlichen Chirurgenverbrechen“ zu prägen, nach dem Kriege aufgrund seiner Demenz eine ganze Reihe von Patienten zu Tode operiert hat.

Grab in Wannsee. Quelle: Von Mutter Erde – Own work, Attribution, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=3541225

Das prominenteste Opfer war der aus Russland remigrierte Schauspieler Heinrich Greif, der bei einer Leistenbruch-Operation stirbt: Sauerbruch hatte die Hauptschlagader des Beins verletzt. Nach Greif wurde der bedeutendste Film- und Fernsehpreis der DDR benannt. Ein anderes Opfer war ein Mädchen mit Magen-Sarkom: Der Chirurg vergaß am Ende der Operation, Magen und Darm wieder zusammenzufügen. Zur Begründung, dass Sauerbruch nicht spätestens 1946 abberufen wurde, zitiert Thorwaldt den damaligen Verwaltungsdirektor der Deutschen Akademie der Wissenschaften, Dr. Josef Naas: „In der künftigen Auseinandersetzung … zwischen Sozialismus und Kapitalismus werden Millionen ihr Leben lassen. Angesichts dieser Tatsache ist es doch völlig belanglos, ob Sauerbruch auf seinem Operationstisch ein paar Dutzend Menschen tötet. Wir brauchen den Namen Sauerbruch.“

Der Fall Sauerbruch dünkte ihn exemplarisch, fasst Thorwald seine Recherchen zusammen, „für das Problem des alternden Arztes, der nicht erkennt oder nicht erkennen will, dass er abtreten muss“; und „für die fragwürdige Standessolidarität der Ärzte, Kunstfehler in den eigenen Reihen zu verharmlosen und versagende Kollegen zu decken“. Kann man angesichts seiner Lebensleistung diese letztenJahre relativieren? Sauerbruchs „großartiges Können“ habe darin bestanden, dass er „blitzartig den Krankheitsherd anging und freilegte“, zitiert der Spiegel einen seiner Schüler. Als weiteres Verdienst gilt, dass er die erste gelungene Operation eines Herzaneurysmas durchführte. „Die Chirurgie ist die älteste Form des Arzttums“, lautete sein Credo.

Ulrich Noethen als Sauerbruch in der ARD-Serie „Charite“. Quelle: https://media0.faz.net/ppmedia/aktuell/2811954143/1.6042624/mmobject-still_full/er-duzt-jeden-und-operiert.jpg

„Niemand“, konstatierte der Sauerbruch-Schüler Emil Karl Frey in einem Nachruf, „hat der Heilkunde und insbesondere der Chirurgie in den letzten Jahrzehnten so viel gegeben wie Sauerbruch.“ Dass er nach Dienstantritt die chirurgischen Kliniken in München und Berlin komplett modernisieren ließ, brachte ihm den Spitznamen „Mauerbruch“ ein. „Das Bild des ärztlichen Halbgottes in Weiß jedenfalls ist bis heute maßgeblich von Sauerbruchs Persönlichkeit geprägt“, befindet Angela Mißlbeck in der Ärzte-Zeitung. Er wurde zwischen 1912 und 1951 -zigmal für Nobelpreise vorgeschlagen – häufiger als jeder andere Chirurg, ohne den Preis jedoch jemals zu erhalten.

Er ist kein Weltmann, sondern Beamter der drittletzten Stufe, Geheimer Justizrat im Dienst des Hannoverschen Hofs; ein blasser, leicht unbeholfener, schnell verlegener Einzelgänger. Er hat keine Frau und keine engeren Freunde, und die Mahlzeiten, die er sich aus dem Gasthaus kommen lässt, verzehrt er meist allein auf seinem Zimmer. Seine Stimme ist hoch und dünn, sein Blick kurzsichtig, seine Füße und Finger zu lang für seinen Geschmack. Und sein gesamter Leib scheint nicht zur Bewegung gemacht. Doch dieser einsame Mann steht mit ganz Europa in Verbindung. Er hat Audienzen bei Fürsten, bei zwei deutschen Kaisern und dem russischen Zaren. Er korrespondiert mit 1100 Partnern in 16 Ländern, denen er mehr als 15 000 Briefe schreibt – die heute UNESCO-Weltdokumentenerbe sind.

In diesem unablässigen Austausch bewegt er seine Gedanken und hält sie zugleich fest – gedruckte Bücher veröffentlicht er zu Lebzeiten nur wenige. In einer Zeit der wissenschaftlichen Explosion, in der die Kenntnisse in unerhörtem Maß anwachsen, ist er der wohl letzte Universalgelehrte – der „intelligenteste Mensch seiner Epoche“, wie ihn ein Biograf rühmen wird. Er verschwendet sich als Doktor der Rechte, Philosoph und Forscher, als Mathematiker und Erfinder, arbeitet als Techniker, Physiker, Historiker und Bibliothekar, wirkt als Diplomat, Sprachwissenschaftler und Theologe. Denn nur wer sich überall auskennt, kann das Entlegenste miteinander verknüpfen: „Wer nur an einer Sache arbeitet, entdeckt selten etwas Neues.“

So findet er, was seine Zeitgenossen nicht einmal suchen. Er entwickelt Theorien zu Archäologie und Sprachgeschichte, aber auch eine Vorform des Dübels und einen gefederten Sitz für lange Kutschfahrten sowie eine revolutionäre mechanische Rechenmaschine mit Staffelwalze und Zahnrad – die zwar vorerst nur vorübergehend funktioniert, deren Bauprinzip sich jedoch fast 300 Jahre nach seinem Tod als fehlerfrei erweisen wird. Zudem formuliert er die „Dyadik“, die sämtliche Zahlen mit den Ziffern 1 (Gott) und 0 (nichts) ausdrückt, und legt so die Grundlagen für die digitale Rechenweise des Computers. Er entdeckt auch eine Methode zur Beschreibung von Kurven, die als Infinitesimalrechnung die Mathematik umwälzen wird und ohne die weder Raketen noch Smartphones denkbar wären.

Leibniz. Quelle: Von Christoph Bernhard Francke – Herzog Anton Ulrich-Museum, online, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=53159699

Doch eigentlich geht es ihm immer und immer wieder vor allem um eines: die Harmonie. Denn „Glück“, schreibt er, beruhe auf „höchstmöglicher Harmonie“. Und weil Harmonie, so seine Definition, „die Vollkommenheit des Denkbaren“ sei, führten nur das Denken und das Wissen zuverlässig zu diesem Ziel – zur „Harmonie des Geistes“ und schließlich zur Erkenntnis jener „Universalharmonie“, die in Gottes Schöpfung wirke. Und weil die Harmonie seiner Ansicht nach nur durch das Denken entstehen kann, schafft er sie in seinem Kopf – mit den Werkzeugen der Logik will er diese verrückt gewordene Zeit in die Bahn bringen: Gottfried Wilhelm Leibniz, der am 1. Juli 1646 in Leipzig zur Welt kam.

„nach meinem eigenen Willen“

Schon vor der Einschulung mag das Professorenkind lieber lesen als spielen, unterhält sich besser mit Büchern als mit gleichaltrigen Freunden. Und dass sein Vater stirbt, als er sechs ist, sieht er im Rückblick nicht als Trauma, sondern als Chance: Nur so kann er ohne elterliche Vorgaben lernen, was ihm gefällt, und „auf viele Dinge kommen, an die ich sonst nimmermehr gedacht hätte“. Mit acht Jahren besucht er nicht nur die Nikolaischule, sondern wälzt nebenbei den altrömischen Historiker Livius – und erschließt sich die lateinische Sprache ohne Wörterbuch, nur anhand der Holzschnitt-Abbildungen, mit denen die Bücher verziert sind. Mit neun stürzt er sich auf die Kirchenväter, die Logik des Aristoteles und die Metaphysik der Scholastik. Mit zwölf denkt er erstmals über eine „Art Alphabet der menschlichen Gedanken“ nach: Ein Arsenal aus klar definierten, als Zeichen darstellbaren Grundbegriffen, die sich eindeutig und nachvollziehbar zu gedanklichen Urteilen kombinieren lassen.

Auch als er mit 17 in Leipzig das Studium der Rechtswissenschaft beginnt, findet er noch genug Energie, sich nebenher in allerlei wissenschaftlichen Disziplinen auszuprobieren – und zwar ausschließlich „nach meinem eigenen Willen“. 1666, noch im Alter von 19 Jahren, veröffentlichte Leibniz sein erstes Buch „Über die Kunst der Kombinatorik“, mit dessen erstem Teil er in Jena in Philosophie promoviert wurde. Die Professur, die ihm die Universität Nürnberg mit 21 Jahren anbietet, lehnt er selbstbewusst ab: Er will sich nicht im akademischen Betrieb einmauern: Sein Leben lang wird er keinen Hochschulposten bekleiden. Stattdessen trat er in den Dienst des Mainzer Erzbischofs Johann Philipp von Schönborn. Er arbeitete an einer Reform des römischen Rechts und veröffentlichte zwei Traktate zur Physik. 1672 reiste Leibniz auf eigenen Wunsch nach Paris, wo er dem Sonnenkönig Ludwig XIV. einen Plan für einen Eroberungsfeldzug gegen Ägypten unterbreiten wollte, um ihn von den geplanten Eroberungskriegen in Europa abzubringen. Doch Ludwig hatte längst beschlossen, in die Niederlande einzumarschieren – und Leibniz traute sich nicht, den Plan zu übergeben. Über einhundert Jahre später jedoch wird ihn Napoleon Bonaparte in seiner Ägyptischen Expedition umsetzen.

Leibniz‘ Rechenmaschine. Quelle: Von uploader was Hajotthu at de.wikipedia – Museum Herrenhausen Palace, CC BY 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=28141911

Aber eigentlich würde er gern sein Wissen mit vollen Händen verteilen, meint Jörg-Uwe Albig in Geo Epoche. Pädagogische Erlebnisparks „zum leichteren Erlernen aller Dinge“ malt er sich aus, mit Laternae magicae, künstlichen Meteoriten, nachgestellten Land- und Seeschlachten sowie den berühmten Vakuumkugeln des Magdeburger Bürgermeisters Otto von Guericke, deren Hälften 32 Pferde nicht auseinanderzerren konnten. Er stellt sich öffentliche Bluttransfusionen vor, Shows mit Rechenmaschinen und Artisten, die durch Schreie Glas zerspringen lassen. Solches Infotainment, wie wir heute sagen würden, könnte den Menschen die Welt der Vollkommenheit näherbringen, sprich: der Harmonie. Unermüdlich und auf allen Ebenen bemüht er sich um diese Harmonie, verhandelt mit protestantischen Kirchenmännern und katholischen Bischöfen um die Einheit der Konfessionen, tüftelt weiter an seinem universalen Zeichensystem.

Am liebsten möchte er in die Politik: Mitmachen, an den Hebeln ziehen, die Geschicke der Nationen beeinflussen – oder wenigstens die der Kleinstaaten, die in Deutschland um Macht und Prestige rangeln. Meist bleibt es aber nur bei Projekten, großen Entwürfen. Er schmiedet Pläne für einen Reichsbund deutscher Fürsten, die niemand umsetzen will. Um Geld zu verdienen, verfasst Leibniz juristische Gutachten und dient sich 1673 sogar, mit einer Spottschrift auf Ludwig XIV., dem Kaiser in Wien für einen Posten als Hofsatiriker an. Doch ein Beamter richtet ihm aus, Majestät beschäftige bereits einen spaßigen Bibliothekar, es bestehe kein weiterer Bedarf. 1676 nimmt er das Angebot des Herzogs Johann Friedrich von Braunschweig-Lüneburg an, in der Residenz Hannover als Rechtsbeistand und Bibliothekar zu dienen – allerdings erst nach langem Zögern, denn Hannover ist tiefe Provinz: Ein Nest mit kaum 10 000 Einwohnern, erst 40 Jahre zuvor zur fürstlichen Residenz avanciert.

„mein Besonderer“

Johann Friedrich ist ein rachsüchtiger, auf den ersten Blick wenig einnehmender Mensch, selbst seine Mutter findet ihn hässlich, „abscheulich dick, dabei viel kürzer als die anderen“. Auch ein Mann des Geistes ist er nicht: Viel mehr als Bücher interessiert ihn seine kostspielige Armee. Leibniz, den Intellektuellen, hält sich der Fürst eher zu seinem Amüsement. Er bringt ihn in einer Kammer der Bibliothek unter, wo der Gelehrte zunächst fürchtet, er sei zu einer wahren „Sisyphusarbeit der Gerichtsgeschäfte“ verdammt, doch tatsächlich lässt Johann Friedrich ihm reichlich Zeit, seinen mathematischen, naturwissenschaftlichen und philosophischen Einfällen zu folgen.

Leibniz-Haus in Hannover. Quelle: Von Axel Hindemith – Foto aufgenommen von Benutzer Benutzer:AxelHH, Februar 2008, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=4557489

Manchmal darf er dem Herzog auch seine Ideen vortragen. Dann begibt sich Leibniz zum „Audienzbett“, in dem Johann Friedrich ab acht Uhr morgens seine Tage verbringt, und präsentiert ihm Entwürfe für Verschlüsselungsmaschinen, Pläne zur Mechanisierung der Seidenproduktion, zur Verwaltungsreform, zu Ackerbau und Manufakturwesen. Er unterbreitet ihm ein gigantisches Programm zur Datensammlung, schlägt Mikrokredite für Arme vor, Versicherungen gegen Flut und Feuer und für Hinterbliebene. „Mein Guter“, ächzt der Fürst dann, „mein Besonderer“, und will von den Plänen meist doch nichts wissen. Nur der Vorschlag seines Hofgelehrten, die Bergwerke im Harz mit Windkraft zu entwässern, stößt bei Johann Friedrich auf Interesse. Doch die Leibniz’schen Windmühlen sind zu schwach, und auch Wind und Wetter nicht verlässlich auf seiner Seite. Zudem sabotiert das Bergamt den wunderlichen Quereinsteiger, der sich kaum unter Tage wagt, „wo ich mich selbst nicht sehen könnte“. Viele seiner Ideen werden heute noch im Bergbau eingesetzt wie etwa die Endlosförderkette oder die konische Seiltrommel.

Als Johann Friedrich 1680 stirbt und dessen Bruder Ernst August in Hannover das Regiment übernimmt, verschlechtert sich die Stellung des Gelehrten noch weiter. Der neue Fürst kürzt Leibniz den Etat für die Bibliothek von 1500 auf nicht einmal 100 Taler pro Jahr. Dafür spannt er ihn als PR-Manager ein, lässt ihn Erbansprüche wie den Gewinn der britischen Königskrone 1714 legitimieren und Glückwunschgedichte verfassen. Und erteilt ihm den Auftrag, eine umfassende Geschichte des Welfenhauses zu erstellen, dem der Herzog angehört. Immerhin darf der Forscher für diese Arbeit reisen. Auf der Suche nach den Wurzeln seines Chefs durchkämmt er Süddeutschland und Österreich, durchquert Italien bis nach Rom und Neapel. Und es gelingt ihm sogar, in Wien eine Audienz bei Kaiser Leopold I. zu erhaschen, ihm Pläne zur Münzreform vorzulegen, zur Finanzierung der Türkenkriege, zum Aufbau eines Reichsarchivs. Doch der Kaiser nickt nur gnädig – und wendet sich anderen Dingen zu. Die Welfengeschichte bleibt unabgeschlossen, aber an politischen Erfolgen der Hannoveraner Welfen wie der Erhebung in den Kurfürstenstand 1692 war Leibniz beteiligt.

Es erscheint wie ein Glücksfall, dass sich Sophie Charlotte, die hochgebildete Tochter von Ernst August und Gattin des brandenburgischen Kurfürsten Friedrich III., für Berlin ein Observatorium wünscht, so wie bereits in Paris eins steht. Leibniz wittert eine Chance. Darf es nicht vielleicht eine ganze Akademie sein: ein Haus für die Mathematik und Medizin, für Botanik und Bergbau, Astronomie und Architektur, Physik und Chemie? Diese „Societät“, so schwebt ihm vor, soll nicht nur dienen, sondern regieren. Eine sanfte Diktatur des Geistes soll sie sein, eine Wissensbehörde, ein Superministerium, das nach und nach den ganzen Staat übernähme – und schließlich den Erdkreis: Beherrschte eine solche Institution erst einmal „mehr als die Hälfte der Welt“, hätten auch Krieg und Gewalt ein Ende. Immer wieder reist er nach Berlin, umgarnt die Kurfürstin mit seinem Scharfsinn, bis die schließlich bekennt, seine „Schülerin“ zu sein. Und 1700 bewilligt Friedrich III. tatsächlich die Akademie: mit Leibniz als Präsidenten, allerdings ohne Budget. Der Gelehrte sucht Mitglieder zusammen, doch findet er eher Dilettanten als Genies. Das Projekt verebbt in Bedeutungslosigkeit.

„als eigenes Verdienst angeeignet“

Immer klarer entwickelt er jetzt eine Philosophie, die seiner Sehnsucht nach Harmonie das theoretische Rüstzeug verschafft, die nicht einfach Metaphysik ist, sondern „sozusagen gänzlich Mathematik“. In seiner „Theodizee“, dem umfangreichsten Werk, das er je publiziert, unternimmt er nicht weniger als die Verteidigung Gottes mit den Mitteln der Logik: Er besteht darauf – dem Irrsinn der Europa immer wieder erschütternden Kriege zum Trotz -, dass der Gang der Dinge so vernünftig ist wie Algebra. „Indem Gott rechnet und seinen Gedanken ausführt“, so schreibt er, „entsteht die Welt.“ Nichts in ihr geschehe ohne zureichenden Grund. Und so sei sie vielleicht nicht uneingeschränkt gut – aber doch die „beste aller möglichen Welten“: die einzige logische Option, die dem rechnenden Gott zur Auswahl stand. Der Satz wurde vielfach missverstanden und missinterpretiert.

Windkunst zur Stollenentwässerung, 1:15. Quelle: https://www.hannover.de/Wirtschaft-Wissenschaft/Wissenschaft/Initiative-Wissenschaft-Hannover/Leibniz-in-Hannover/Leibniz%27-Leben/Leibniz-Der-Ingenieur

Während sich der Gelehrte noch im Glanz seines wachsenden Ruhms sonnt, pocht der hannoversche Fürst Georg Ludwig, der 1698 seinem Vater Ernst August nachgefolgt ist, immer wieder auf die Erfüllung der Dienstpflichten. Allmählich, so kolportiert jedenfalls ein hannoverscher Gesandter am Kaiserhof in Wien, habe Georg Ludwig genug von den „unendlichen Korrespondenzen“ seines Untertanen, dessen „Hin- und Wiederreisen“, dessen „unersättlicher Kuriosität“. Der Herrscher argwöhnt, Leibniz habe „entweder kein Talent oder keine Lust“, eine Aufgabe „zusammenzubringen oder zu beenden“. Leibniz fügt sich in die Pflicht, die er seinem Fürsten schuldet, auch wenn sie ihn zwingt, wie er klagt, „alle mathematischen, philosophischen und juristischen Überlegungen, zu denen ich mich hingezogen fühle, zurückzustellen“.

Und als wären diese profanen Belästigungen noch nicht genug, eskaliert auch noch ein großer Gelehrtenstreit um die Infinitesimalrechnung. Für Leibniz ist der Fall klar: 1684 hat er in einer Wissenschaftszeitschrift erstmals die wesentlichen Elemente seines „Calculus“ publiziert. Erst drei Jahre später hat Isaac Newton in seiner Schrift „Mathematische Grundlagen der Naturphilosophie“ öffentlich nachgezogen. Doch seit Langem lancieren die Anhänger des Mannes aus Cambridge den bösen Verdacht, in Wahrheit sei der Brite der Erste gewesen. Leibniz habe einfach nur zwei Briefe ausgewertet, in denen Newton dem Deutschen seine neue Methode dargestellt habe – und die mit leicht veränderten Begriffen als eigene Leistung ausgegeben. Bald tobt der Zwist um die mathematische Erstgeburt.

1712 nimmt sich eine Untersuchungskommission der Londoner „Royal Society“ des Falls an, der angesehensten Wissenschaftsinstanz weltweit. Binnen nur 50 Tagen kommt sie zu dem Schluss, dass „Mr. Newton der erste Erfinder“ der „differenziellen Methode“ sei. Präsident der Society: Isaac Newton. Autor des Abschlussberichts: Isaac Newton. Leibniz wankt unter diesem Schlag. Gekränkt lässt er sich zu einem Flugblatt hinreißen, das er anonym in der Mathematiker-Gemeinde zirkulieren lässt: In Wirklichkeit sei Newton derjenige, der „sich die Ehre eines anderen als eigenes Verdienst angeeignet hat“ – und seine Unterstützer nichts als „Schmeichler“, erfüllt von „Eitelkeit“ und „Ungerechtigkeit“.

Urvater der Kybernetik

Leibniz peinigen jetzt auch noch Gicht und offene Beine, die er der Überlieferung nach mit Löschpapier trocknet. Als der Universalgelehrte am 14. November 1716 stirbt, fast gelähmt, ohne Frau und Familie, prahlt sein Gegner Newton einem späteren Bericht zufolge, er habe des Kontrahenten „Herz gebrochen“. Und anders als der Brite, dessen Sarg 1727 Herzöge und viele Tausend Anhänger begleiten werden, verlässt Gottfried Wilhelm Leibniz die Welt halb vergessen. Zu seinem Begräbnis erscheint gerade ein einziges Mitglied der Beamtenschaft: Hofrat Johann Georg von Eckhart. Auf dem Sarg aber prangen, in silbernem Zinn auf schwarzem Samt, die Eins und die Null seiner Dyadik – Eckhart hatte sie anbringen lassen.

Denkmal in Leipzig. Quelle: Von Reinhard Ferdinand – Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=46818636

In der Wohnung des Toten finden sich Hunderttausende beschriebener Blätter und Zettel, darunter viele fast fertige, doch unveröffentlichte Manuskripte – die der hannoversche Herrscher eilig konfiszieren lässt, um darin womöglich enthaltene Hofgeheimnisse zu schützen. Die entdeckte man zwar nicht, dafür aber Pläne für ein Unterseeboot, zur Verbesserung der Technik von Türschlössern oder ein Gerät zur Bestimmung der Windgeschwindigkeit. Seine Monadentheorie gab dem Atomismus der antiken Philosophen neue Impulse. Er gilt auch als Begründer der Indogermanistik. Angeblich wurde er Ende 1711 von Kaiser Karl VI. geadelt und in den Freiherrenstand erhoben; es fehlt allerdings die entsprechende Urkunde.

Der Streit aber, wer denn nun die Infinitesimalrechnung erfunden hat, kommt durch den Tod der zwei Genies noch lange nicht zur Ruhe. Mehr als zwei Jahrhunderte lang dauert er an, und erst 1949 wird ein Mathematikhistoriker Leibniz endgültig rehabilitieren: Der sei zwar nach Newton als Zweiter, doch völlig selbstständig zu der bahnbrechenden Methode gelangt. Zudem hat Leibniz die eleganteren Zeichen und Begriffe gefunden; daher rechnet schon bald fast die ganze gelehrte Welt mit seinen Symbolen – außer den Engländern, die mit ihrem unhandlichen Werkzeug so für mindestens ein Jahrhundert den Anschluss an die Entwicklung der Mathematik verpassen.

Den unterlegenen Leibniz aber wird man lange nach seinem Tod als Urvater von Kybernetik und Computer verehren, als Propheten des Siegeszugs formaler Logik, kurz: als Wegbereiter der Moderne. Ein Zusammenschluss deutscher Forschungsinstitute unterschiedlicher Fachrichtungen mit Sitz in Berlin nennt sich Leibniz-Gemeinschaft. Der Supercomputer HLRN-III des Norddeutschen Verbunds für Hoch- und Höchstleistungsrechnen am Standort Hannover ist nach ihm benannt. Universitäten, Straßen und bedeutende Wissenschaftspreise tragen seinen Namen, ein Asteroid, ein Mondkrater, ein Berg im Pamirgebirge – und nicht zuletzt der Keks der „Hannoverschen Cakes-Fabrik H. Bahlsen 1891“.

Es waren nur sechs von insgesamt 3.980 Titeln des Kinderbuchverlags Berlin, doch kaum ein DDR-Bürger kannte sie nicht – die „Smaragdenstadt-Bücher“ waren „Lieblingsbücher“ für Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD) ebenso wie für „Rammstein“-Keyboarder Flake Lorenz: „Ich habe seine Bücher geliebt!“ Dabei waren sie „Bückware“, also nur unterm Ladentisch und nur für gute Kunden erhältlich. Zwischen 1964 und 1982 erstveröffentlicht, wurden sie zwischen 2006 und 2011 von Katharina Thalbach eingesprochen und als Hörbücher publiziert. Geschrieben hat sie Alexander Wolkow, der am 14. Juni vor 130 Jahren zur Welt kam.

Der in Ust-Kamenogorsk (Ost-Kasachstan) geborene Wolkow beschäftigte sich schon als Jugendlicher intensiv mit Literatur. Sein Vater, ein pensionierter Feldwebel, hatte bereits dem vierjährigen Alexander das Lesen beigebracht. Zu den Büchern, die er in seiner Kinder- und Jugendzeit las, zählen Werke von Charles Dickens und Jules Verne – mehrere seiner Romane wird er Jahrzehnte später übersetzen. Auf Grund seiner guten Lesekenntnisse wurde er zwei Jahre später direkt in die 2. Klasse eingeschult. Er beendete die Grundschule mit zwölf Jahren als bester Schüler seines Jahrgangs und legte dann auf dem Gymnasium sein Examen ab. Im Alter von 12 Jahren schrieb er nach eigenem Bekunden an seinem ersten „Roman“, einer Robinsonade.

Nach einer Lehre als Buchbinder studierte er von 1907 bis 1910 Mathematik am Staatlichen Pädagogischen Institut in Tomsk. Danach arbeitete er als Lehrer, zunächst in Kolywan im Altai, dann in Ust-Kamenogorsk an seiner ehemaligen Schule und später, als Schuldirektor, in Jaroslawl. Er unterrichtete neben Mathematik auch Physik, Russisch, Literatur, Geschichte, Geographie, Zeichnen und Latein. Als Autodidakt lernte er Deutsch und Französisch. 1917 wurden als erste Werke einige seiner Gedichte veröffentlicht.

Alexander Wolkow. Quelle: http://www.smaragdenstadt-fanpage.de/bilder/kuenstle/wolkow.jpg

Ab 1929 lebte Wolkow in Moskau, wo er stellvertretender Direktor einer Arbeiterfakultät war und mit fast 40 Jahren ein Mathematikstudium begann. Er beendete es erfolgreich in nur sieben Monaten und arbeitete seit 1931 als Dozent der Moskauer Hochschule für Buntmetalle und Gold, wo er bis zu seiner Pensionierung 1957 höhere Mathematik lehrte. In den 1930er Jahren lernt er auch noch Englisch und versuchte für ein Praktikum, die Erzählung des US-Autors Lyman Frank Baum „The Wizard of Oz“ zu übersetzen. Das Buch gefiel ihm sehr, und er begann, es unter einem Pseudonym nachzuerzählen. Bei der Umarbeitung fügte sich dann eine Änderung an die andere. Aus Dorothy wurde Elli, Totoschka kann nach der Ankunft im Zauberland sprechen und der Zauberer aus dem Land Oz bekam den Namen und Titel „Goodwin, der Große und Schreckliche“ …

Eine Ergänzung folgte der nächsten, und das Märchen des Amerikaners Lyman Frank Baum verwandelte sich in Wolkows ureigenes Märchen. Der bekannte Kinderbuchautor Samuil Marschak wurde 1937 mit dem Manuskript des „Zauberers“ bekannt gemacht und danach auch mit dem Übersetzer, und er riet diesem, sich professionell mit der Literatur zu beschäftigen. Wolkow hörte auf diesen Rat. Der „Zauberer der Smaragdenstadt“ wurde 1939 in einer Auflage von 25.000 Exemplaren herausgegeben, ein Jahr später folgten zwei weitere Auflagen mit 25.000 und dann sogar mit 175.000 Exemplaren.

egalitär-humanistische Moralvorstellungen

„Der Zauberer der Smaragdenstadt“ ist das erste von sechs Büchern, in denen das Mädchen Elli und ihr Hündchen Totoschka von einem Wirbelsturm in ein Zauberland verschlagen werden, das von den unüberwindbaren weltumspannenden Bergen umgeben ist und in dem sie, angelehnt an Frank Baums Vorlage, viele Abenteuer erleben. Mit Hilfe ihrer neu gewonnenen treuen Freunde, einer Vogelscheuche, dem Eisernen Holzfäller und dem Feigen Löwen, kämpfen sie gegen den fürchterlichen Bösewicht Urfin oder die böse Zauberin Bastina. Auch die verschiedenen Völker des Smaragdenlandes und die gute Zauberin Stella helfen Elli und ihren Freunden. Nach vielen Abenteuern, aber auch angenehmen Erlebnissen kommen Elli und ihr Hündchen wieder nach Hause.

Die Smaragdenstadt-Reihe. Quelle: https://images-na.ssl-images-amazon.com/images/I/91wjtE886dL.AC_SX425.jpg

1959 wurde das Buch in einer überarbeiteten Fassung mit Zeichnungen von Leonid Wladimirski neu herausgegeben – er hatte auch Alexei Tolstois „Burattino“ entworfen. Mit Wladimirskis Illustrationen sollte der „Zauberer“ später in der Sowjetunion und in Russland über 110mal wiederaufgelegt werden. In den Folgejahren wurde das Kinderbuch in den Staaten des Ostblocks und vor allem für die DDR erfolgreich immer wieder neu aufgelegt. Nach dem großen Erfolg des ersten Bandes verfasste Wolkow ab 1963 noch fünf weitere Bücher, welche die Motive der Geschichte weitererzählen.

Darin kehrt die arglose und freundliche Elli immer wieder auf verschiedenen Wegen ins Zauberland zurück, weil dort Konflikte zwischen oder mit den Völkern des Zauberlandes gelöst werden müssen oder ihre Hilfe gegen den bösen Urfin gebraucht wird. Der versucht immer wieder, mit verschiedenen Mitteln die Smaragdenstadt zu erobern. In den letzten Büchern der Reihe übernimmt Ellis jüngere Schwester Ann die schwierige Aufgabe, das Zauberland und dessen Bewohner vor Urfin oder der Riesenhexe Arachna zu retten. Dabei propagiert Wolkow egalitär-humanistische Moralvorstellungen. Der letzte Teil nimmt mit der Ankunft von Außerirdischen auf spielerische Weise sogar Science-Fiction-Elemente auf.

Stoff und Motive wurden mehrfach als Theaterstück, Musical oder gar Oper verarbeitet, so 2018 durch Pierangelo Valtinoni an der Komischen Oper Berlin. 2019 brachten die Melnitsa Studios in Sankt Petersburg den 2. Band „Der schlaue Urfin und seine Holzsoldaten“ als Animationsabenteuer auch nach Deutschland. Unter dem Filmtitel „Urfin – Der Zauberer von Oz“ wird auf höchstem grafischen Niveau die Geschichte eines verschlagenen Tischlers erzählt, dem sein wild wucherndes Unkraut ein magisches Pulver liefert, um eine geschreinerte Armee aus Holzköpfen zum Leben zu erwecken und das Wunderland zu unterwerfen. Ellis Freunde aus dem ersten Buch, der Blechmann und die Vogelscheuche, landen in den Kerkern der Smaragdenstadt; das Mädchen und der Löwe eilen ihnen zu Hilfe. Urfin wird dabei von Oliver Kalkofe gesprochen.

Urfin als Trickfigur. Quelle: https://ff-schlingel.de/fileadmin/processed/f/f/csm_SchlaueUrfinUndSeineHolzsoldaten_59b604c9bf.jpg

Neben den Märchen und Übersetzungen schrieb Wolkow auch eine Reihe historischer Romane für Kinder, darunter „Die wunderbare Kugel“ oder „Die Abenteuer zweier Freunde im Lande der Vergangenheit“. Er starb am 3. Juli 1977 in Moskau. Aber der Hunger nach noch mehr „Wolkow“ schien auch nach 1990 unersättlich. 1996 tauchte der neue Name Nikolai Bachnow auf: Der klang so, als hätte Wolkow in Russland einen gelehrigen Schüler gefunden, der nun weitermachte, wo der Meister mit seinem Tod aufhören musste. Dabei ist es ein sächsisch-russisches Ehepaar: Klaus Möckel – Klaus heißt im Russischen Nikolai – und seine Ehefrau Aljonna, deren Mädchenname Bach lautete. Möckel veröffentlichte 42 Bücher vom Krimi über Science-Fiction bis zu Vorlagen für Polizeiruf-110-Folgen und war als Übersetzer ebenso gefragt wie seine Frau, die mehr als 50 Bücher aus dem Russischen übersetzte, darunter fast alle der Brüder Strugazki. Beide legten inzwischen acht Wolkow-Folgebände vor. Und so lebt die Smaragdenstadt weiter…

Im Januar 1939 erschien im New Yorker International Cosmopolitan unter dem Titel „Diagnose der Diktatoren“ sein sogenanntes „Knickerbocker“-Interview, in dem er versuchte, Hitler und den Nationalsozialismus der Deutschen aus psychologischer Perspektive zu erklären. Er bezeichnete darin Hitler als einen „Ergriffenen“ und „Besessenen“. Hitler sei von Inhalten des „kollektiven Unbewussten“ überwältigt, sei einer, der unter dem Befehl einer „höheren Macht steht, einer Macht in seinem Inneren“, der er zwanghaft folge. „Er ist das Volk“, er repräsentiere für die Deutschen das im „Unbewussten des deutschen Volkes“ Lebendige, weswegen andere Nationen die Faszination der Deutschen durch Hitler nicht verstehen könnten. In diesem Sinne beziehe Hitler seine Macht durch sein Volk und sei „hilflos … ohne sein deutsches Volk“.

In dieser psychischen Funktion entspräche Hitler am ehesten dem „Medizinmann“, „Oberpriester“, „Seher“ und „Führer“ einer primitiven Gesellschaft. Dieser sei dadurch mächtig, dass man vermute, er besitze Magie. Er sei „der Lautsprecher, der das unhörbare Raunen der deutschen Seele verstärkt, bis es vom unbewussten Ohr der Deutschen gehört werden kann“, er spiele für die Deutschen die Rolle eines Vermittlers zu den Äußerungen ihres Unbewussten. Das dort Aktivierte war nach seiner Auffassung das frühere Gottesbild des „Wotan“, aber auf eine zerstörerische Art. Er konstatiert zudem einen „Minderwertigkeitskomplex“ der Deutschen, der eine notwendige Voraussetzung für die „Messianisierung“ Hitlers bilde.

Dabei versteht er unter Wotan eine Personifikation seelischer Gewalten. Die „Parallele zwischen Wotan redivivus [auferstanden] und dem sozialpolitischen und psychischen Sturme, der das gegenwärtige Deutschland erschüttert, [könne] wenigstens als ein Gleichsam-als-Ob gelten.“Man könne ebenso den mächtig wirksamen „autonomen seelischen Faktor“ psychologisierend als „furor teutonicus“ bezeichnen: „In Deutschland ist das Unwetter ausgebrochen, während wir [in der Schweiz] noch an das Wetter glauben“. Und: „Deutschland ist ein geistiges Katastrophenland“. Er folgerte, Wotan verkörpere „die triebmäßig-emotionale sowohl wie die intuitiv-inspirierende Seite des Unbewußten […] einerseits als Gott der Wut und Raserei, andererseits als Runenkundiger und Schicksalskünder.“

C.G. Jung um 1935. Quelle: Von Unbekannt – Dieses Bild stammt aus der Sammlung der ETH-Bibliothek und wurde auf Wikimedia Commons im Rahmen einer Kooperation mit Wikimedia CH veröffentlicht. Berichtigungen und zusätzliche Informationen sind gern gesehen., Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=94177705

Er gilt als Mystiker unter den Vätern der Psychoanalyse, denn während Freud vieles vom Sexualtrieb ableitete und Adler den Machttrieb in den Vordergrund stellte, sah der humanistisch denkende und in protestantischer Tradition aufgewachsene Schweizer das Individuum in Verbundenheit mit den „Ahnen“, also durchaus heidnisch als magisches Wesen. Er lebte mit dem Bewusstsein, in eine Familie geboren worden zu sein, die sich aufs Visionäre verstand: der eine Großvater war Geistlicher, der andere Freimaurer. Er galt als unehelicher Enkel Goethes, war sich dessen sicher und betonte zeitlebens diese Abstammung. Seine Mutter fiel regelmäßig in Trance, verkehrte in diesen Zuständen mit Geistern und blieb dem Sohn immer ein rätselhaft-geheimnisumwittertes Wesen: Carl Gustav Jung, kurz meist C.G. Jung, der am 6. Juni 1961 in Küsnacht/Kanton Zürich starb.

„eine geheimnisvolle Welt für mich allein“

Carl Gustav kommt am 26. Juli 1875 in Kesswil, einem Dorf am Schweizer Ufer des Bodensees, als zweiter Sohn seiner Eltern zur Welt. Der Vater ist evangelischer Pfarrer, die Mutter interessiert sich für Spiritismus und Okkultismus. In der Schule nach dem Umzug in Kleinhüningen bei Basel findet Jung kaum Kontakt. Er fühlt sich unverstanden und einsam: „…blieb ich mit meinen Gedanken allein. Das war ich auch am liebsten. Ich habe allein für mich gespielt, bin allein gewandert, habe geträumt und hatte eine geheimnisvolle Welt für mich allein“. Als er neun Jahre alt war, wurde seine Schwester Johanna Gertrud („Trudi“) geboren.

Ab 1895 studierte Jung Medizin an der Universität Basel und besuchte zudem Vorlesungen in Jura und Philosophie. In seiner frühen Studienzeit beschäftigte er sich u. a. mit Spiritismus, einem Gebiet, das damals laut seiner Biografin Deirdre Bair „als mit der Psychiatrie verwandt“ angesehen wurde. Sein Interesse daran wurde zum einen durch zwei unerklärliche „Poltergeistphänomene“ in seinem ersten Studiensemester geweckt. Jung besuchte von 1894 bis 1899 Séancen seiner Cousine Helly Preiswerk, die in Trance mediale Fähigkeiten zu haben schien, sowie zwei Jahre lang, von 1895 bis 1897, die wöchentlichen Séancen eines „Gläser- und Tischrücker-Kreises“, der sich um ein fünfzehnjähriges „Medium“ gebildet hatte. Nach dem Tod seines Vaters 1896 musste er als junger Student für den Unterhalt seiner Mutter und seiner Schwester sorgen.

Universität Basel. Quelle: Von Ralf Roletschek (talk) – Infos über Fahrräder auf fahrradmonteur.de – Eigenes Werk, FAL, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=21559869

Jung spezialisierte sich auf Psychiatrie und war 1900 nach seinem Staatsexamen als Assistent von Eugen Bleuler in der Irrenheilanstalt Burghölzli in Zürich tätig. Während dieser Zeit entstand aus seinen Beobachtungen des Phänomens der gespaltenen Persönlichkeit, die er anhand von Protokollen spiritistischer Sitzungen gewonnen hatte, 1902 seine Dissertation „Zur Psychologie und Pathologie sogenannter occulter Phänomene“. Im Jahr darauf heiratete Jung die wohlhabende Schaffhauserin Emma Rauschenbach. Sie gebar bis 1914 vier Töchter und einen Sohn,  interessierte sich für Naturwissenschaften, Geschichte und Politik und war fasziniert von der Gralslegende. Ihr Ehemann förderte ihre Interessen; sie war für ihn nicht nur eine wichtige Gesprächspartnerin und Kritikerin seiner Texte, sondern half ihm bei seiner Arbeit, indem sie Schreibarbeiten übernahm. Ab 1930 arbeitete sie selbst als Analytikerin. Ihr in die Ehe mitgebrachtes Vermögen war eine wichtige Voraussetzung für Jungs Forschungsfreiheit.

Bei Bleuler habilitierte sich Jung 1905, stieg im selben Jahr zum Oberarzt der psychiatrischen Klinik Burghölzli und ersten Stellvertreter Bleulers auf und wurde zum außerordentlichen Professor für Psychiatrie an der Universität Zürich ernannt. Seine Vorlesungen als Privatdozent waren gut besucht, die Habilitationsarbeit brachte ihm erste internationale Anerkennung ein. 1907, im Jahr seiner ersten Begegnung mit Sigmund Freud, folgte seine Arbeit „Über die Psychologie der Dementia praecox“. Wegen eines Zerwürfnisses mit Bleuler gab Jung 1909 seine Tätigkeit am Burghölzli auf und eröffnete in seinem neuen Haus in Küsnacht am Zürichsee eine Privatpraxis. Zwischen 1906 und 1912 standen Jung und Siegmund Freud in regem Austausch. Doch er überwarf sich auch mit ihm – Freuds Libidobegriff hielt er für zu eng. 

„Wiederverzauberung“ der Welt

Ab 1912 arbeitete Antonia Wolff für und mit Jung, wurde seine engste Vertraute und für viele Jahre seine wichtigste Mitarbeiterin und Geliebte – Bair nannte sie Jungs „Zweitfrau“; sie wird manchmal auch als „Jungs Analytikerin“ bezeichnet und war während seiner schweren Krise nach dem Bruch mit Freud sein wichtigster Beistand. Er blieb jedoch mit Emma verheiratet, oft traten sie zu dritt auf. Jung gab 1913 seine Lehrtätigkeit als außerordentlicher Professor an der Universität Zürich auf und konzentrierte sich auf seine eigene Praxis, unterbrochen durch ausgedehnte Reisen in den 1920er Jahren, so nach Nordamerika zu den Pueblo-Indianern, nach Nord- und Ostafrika sowie nach Indien. Zwischen 1917 und 1918 diente er als Sanitätsarzt in einem britischen Internierungslager.

Persönlichkeitstypen. Quelle: https://d20ohkaloyme4g.cloudfront.net/img/document_thumbnails/3a3952378d5f4f3a5625c5fc9df83c4f/thumb_1200_1697.png

Am Ende des Ersten Weltkrieges wandte sich Jung der Gnosis zu. Das religiöse Thema beschäftigte ihn von da an sein Leben lang. Er selbst integriert Gnosis, Philosophie, Alchimie und Mystik zu einer eigenen Religiosität, die nicht konfessionell gebunden ist.  Er gilt oft als der erste moderne Psychologe, der sagt, dass die menschliche Psyche „von Natur aus religiös“ sei, und sie eingehend erforscht hat. Seine Überlegungen und Ansichten nannte er nunmehr „Analytische Psychologie“. Während Freud das Kausalitätsprinzip der Naturforschung auch auf die Seelenkunde anwendet, ergänzt Jung Kausalität um Finalität: Seelisches ist nicht nur kausal bedingt, sondern auch durch Ziele, Zwecke und Werte. Wichtig für das Verständnis der Psyche ist nicht so sehr, woher sie kommt, sondern wohin sie strebt. Dem Diktum des Soziologen Max Weber von der „Entzauberung der Welt“ durch Rationalisierung und der damit verbundenen Entfremdung hält Jung seine Forderung nach „Wiederverzauberung“ entgegen.

Freud hatte sich bereits vom Traum einen „Einblick in die phylogenetische Kindheit“ und „Kenntnis der archaischen Erbschaft des Menschen“ versprochen. Diese Annahme führt Jung zum Konzept des kollektiven Unbewussten und der Archetypen aus. Das kollektive Unbewusste als überpersönlicher Bereich des Unbewussten ist der „Teil der Psyche, der von einem persönlichen Unbewussten dadurch negativ unterschieden werden kann, dass er seine Existenz nicht persönlicher Erfahrung verdankt und daher keine persönliche Erwerbung ist“. Die erfahrungswissenschaftliche Basis, auf der er das Konzept des kollektiven Unbewussten induktiv formulierte, bestand im Wesentlichen aus Träumen und Motiven aus der Kulturgeschichte (Religionen, Mythen, Märchen) im interkulturellen Vergleich, die auf eine ähnliche psychische Grundlage aller Menschen schließen ließen. Davon zu unterscheiden ist das persönliche Unbewusste, das sich in „persona“ (das Außen, die repräsentative Maske) und „Schatten“ (das Innen, das verborgene Negative) gliedern ließe.

Beider Persönlichkeitsintegration im Laufe der individuellen Reifung nennt Jung „Individuation“, Ganzwerdung – das zentrale Konzept der analytischen Psychologie. Archetypen nun seien Formen, ja Energiekomplexe, die „spontan und mehr oder weniger universal, unabhängig von Tradition, in Mythen, Märchen, Phantasien, Träumen, Visionen und Wahngebilden auftreten“ und keine vererbten Vorstellungen, wohl aber „vererbte instinktive Antriebe und Formen“ bildeten, die die Individuation maßgeblich beeinflussten. Das Konzept definiert kein „Set“ von Archetypen, sondern ist prinzipiell offen. Für Jung gehören zu solchen Archetypen primär die Grundformen des Weiblichen und Männlichen (anima und animus), auch in religiöser Erscheinung, darunter die „Große Mutter“, der „alte Weise“ oder das „göttliche Kind“. Diese Archetypen können in verschiedenen Ausprägungen dann zu „Typen“, ja „Stereotypen“ werden.

Archetypen nach Jung. Quelle: https://www.zitrus.com/wp-content/uploads/2019/11/archetyp_branding.png

Inzwischen mehren sich Anzeichen, dass verschiedene archetypische Märchenplots teilweise bis zu 6000 Jahre ins Indoeuropäische zurück verfolgbar sind: „Die Schöne und das Biest“ etwa sei der Versuch, unserer Beziehung zur Natur einen Sinn zu geben und ihr die Bedrohlichkeit zu nehmen; ähnlich alt seien u.a. „Rumpelstilzchen“ oder „Der Schmied und der Teufel“ mit dem „übernatürlichen Helfer“. Jede Dramaturgie, vom Werbespot über Oper und Musical bis zum Spielfilm, arbeitet mit archetypischen Versatzstücken, die dem Protagonisten während seiner „Reise“ begegnen, ja lassen Marken selbst zu Archetypen werden wie etwa zum Gott, Helden oder Magier.

„ein Gott wird da sein“

Er war nicht der Erste, der Träume analysiert hat, doch sicher der vielleicht bekannteste Pionier auf dem Gebiet der Traumanalyse. Hermann Hesse war sein bekanntester Klient. Obwohl er ein theoretischer Psychologe und praktizierender Kliniker war, hat er einen großen Teil seines Lebens damit verbracht, andere Bereiche zu erforschen, darunter östliche und westliche Philosophie, Alchemie, Astrologie, Soziologie sowie Literatur und Kunst.  Viele bahnbrechende psychologische Konzepte wurden ursprünglich von Jung vorgeschlagen, neben den Archetypen und dem kollektiven Unbewusste auch der „Komplex“ und die „Synchronizität“. Auf ihn gehen auch die Bezeichnungen des extro- und introvertierten Menschen zurück. 1933 übernahm er an der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich wieder eine Lehrtätigkeit, ab 1935 als Titularprofessor, die er bis 1942 fortführte.

Von 1934 bis 1939 stand er der „Internationalen Allgemeinen Ärztlichen Gesellschaft für Psychotherapie“ (IAÄGP) vor, um nach seinen Worten die Psychotherapie über die NS-Zeit hinaus zu retten. Seine Präsidentschaft wurde vielfach kritisiert und brachte ihn in den Verdacht der Anbiederung. Als Motivation für sein Verhalten verwies der Schweizer auf seine Neutralität und sein Verantwortungsgefühl: „Man wird im Kriegsfalle den Arzt, der seine Hilfe den Verwundeten der gegnerischen Seite angedeihen lässt, doch auch nicht als Landesverräter auffassen.“ Trotz seiner Aussagen zu germanisch-jüdischen Unterschieden und des NS-Lobes seiner Psychologie als „aufbauende Seelenlehre“, während gleichzeitig die Schriften von Freud der Bücherverbrennung zum Opfer fielen, wurden Jungs Werke 1939 im Deutschen Reich auf die „schwarze Liste“ gesetzt, 1940 nach der deutschen Invasion auf die französische „Otto-Liste“ der verbotenen Werke. 1942/43 diente Jung dem US-amerikanischen Geheimdienst als eine Art „Profiler“, um die führenden Nationalsozialisten des deutschen Volkes zu analysieren, ihre Handlungsweisen und möglichen Reaktionen zu prognostizieren.

Gesammelte Werke. Quelle: https://www.booklooker.de/B%C3%BCcher/Carl-Gustav-Jung-C-G+Gesammelte-Werke-1-20-Kassette-mit-24-B%C3%A4nden-Carl-Gustav-Jung-Ungek%C3%BCrzte/id/A02uPHYM01ZZf?collectionID=2484

Jungs teilweise widersprüchlich wirkendes Verhalten in den 1930er Jahren, durch das er sich starken Angriffen aussetzte, empfand sein Rechtsanwalt Wladimir Rosenbaum gerade als Beweis für Jungs Aufrichtigkeit. Nach 1945 meinte Jung, er sei zu optimistisch über die Möglichkeiten einer positiven Entwicklung gewesen und hätte mehr schweigen sollen. Auch viele Äußerungen über Juden erscheinen zum Teil politisch naiv, unsensibel oder opportunistisch. Die damals starke Rezeption der Psychologie C. G. Jungs durch deutsche Juden und deren spätere Vertreibung aus Deutschland begünstigte wohl die internationale Verbreitung der Jung‘schen Psychologie: Im Jahr 2007 war jeder dritte Jung‘sche Analytiker jüdischer Abstammung. 1944 wurde er als Professor für Medizinische Psychologie an die Universität Basel berufen. Zuletzt war er eng mit dem Physiker und Nobelpreisträger Wolfgang Pauli befreundet, vertiefte seine Forschungen über das kollektive Unbewusste, Alchemie und die Bedeutung der Religion für die Psyche und wurde drei Tage nach seinem Tod auf dem Friedhof Küsnacht begraben. Der Spruch auf seinem Grabstein ist auch der über der Türschwelle seines Hauses: „Vocatus atque non vocatus deus aderit“ („Gerufen oder nicht gerufen, ein Gott wird da sein“).

Jung beeinflusste neben der Psychotherapie auch die Astrologie und die Religionspsychologie. Als sein Hauptwerk gilt das „Rote Buch“: entstanden von 1914 bis 1930, wurde es 2009 in New York erstmals der Öffentlichkeit zugänglich gemacht und gedruckt. Das grossformatige, annähernd sieben Kilogramm schwere, in rotes Leder gebundene Werk ist in eigenartig feierlicher deutscher Sprache verfasst, in kunstvoller Kalligraphie mittelalterlicher Handschriften gehalten und von ihm selbst mit farbenprächtigen Illustrationen versehen. Es war aus den Notizen und Skizzen der „Schwarzen Bücher“ entstanden, die er als Notizbücher auf seinen Reisen nach Freud begonnen hatte. Seine Gesammelten Werke, darunter die ebenfalls bedeutenden „Psychologische Typen“ (1921), „Die Beziehungen zwischen dem Ich und dem Unbewussten“ (1928) und das Spätwerk „Mysterium Coniunctionis“(1956), erschienen dieses Jahr als Neuauflage in 22 Taschenbüchern. Das 1948 von ihm gegründete C. G. Jung-Institut Zürich bildet bis heute Psychotherapeuten in seiner Tradition aus.

Sein Leben war untrennbar mit Krankheit verknüpft. Im Alter von wenigen Monaten erlitt er eine schwere Hirnhautentzündung. 1884 in Rom haben seine Braut und der Arzt nach einem Unterleibstyphus „eigentlich bereits Abschied“  von ihm genommen. Als er ohne abgeschlossene Ausbildung, Beruf und Einkommen seine Braut ein Jahr später aufs Dresdner Standesamt führte, hörte er einen Zufallspassanten sagen: „Der Kerl krepiert ja in den ersten acht Tagen!“ Prompt wurde er bei der militärischen Musterung für dienstuntauglich befunden, als kurze Zeit darauf Bluthusten auftrat, der sich als rezidivierendes Symptom einer Lungentuberkulose erwies. „Jeden Augenblick konnte es, fürchtete ich, mit mir zu Ende sein“ – so drastisch beschrieb er das im autobiografischen „Abenteuer meiner Jugend“. Erst nach 1906 stabilisierte sich sein Gesundheitszustand nachhaltig.

Nicht selten nahm er kranke und sterbende Personen aus seinem engsten Umkreis als Stoffquelle seiner Dichtung. So diente der im Coma diabeticum gestorbene Malerfreund Hugo Ernst Schmidt als Vorbild der zuckerkranken Hauptfigur im Drama „Gabriel Schilling“. Der junge Bakteriologe Dietrich von Sehlen wurde Vorbild für den Protagonisten seines Romans „Atlantis“.  Zahlreich und vielfältig sind auch die übrigen kranken Figuren in seinem Œuvre: Das Spektrum reicht vom alkoholkranken Professor Crampton bis zum wahnhaften Emanuel Quint, von den vielen Lungenkranken bis hin zu den vielen Suizidenten – in nicht weniger als 19 Dramen des Autors, zählte Christel Meier in ihrer Dissertation, spielt das Motiv des Selbstmords eine zentrale Rolle.

Gerhart Hauptmann. Quelle: Von Charles Scolik – Österreichische Nationalbibliothek, Bildarchiv Austria, Inventarnummer: Pf 5.006 : D (3), Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=17007017

Und aus dieser unterschwelligen Lebensangst heraus, die ihn wiederum für menschliches Leid sensibilisierte, machte er schreibend neue Personen aus sich, die er anders nie kennengelernt hätte. Es waren vorzugsweise solche, die unter ihm standen: Weber, Fuhrleute, Mägde. Er ist einer der großen Figurenerfinder unserer Literatur, so Peter Kümmel in der Zeit. Mit allen fühlte er sich verbunden, alle liebte er, und in einem Gespräch äußerte er einmal: „Etwas vom Geiste der Bergpredigt ist überhaupt in meiner Dichtung.“

Sein Leben und Schreiben entfaltete sich in unterschiedlichsten Epochen, die er allesamt mit prägte, aber nicht entscheidend bestimmte: Im wilhelminischen Kaiserreich beginnt er als sozialkritischer Revoluzzer, 1914 begeistert er sich für den Ersten Weltkrieg, in der Weimarer Republik lässt er sich als Nachfolger Goethes und moralische Instanz feiern, doch nach 1933 arrangiert sich der „lebende Klassiker“ mit dem NS-Regime. Ein wenig bedeutender Mensch, aber ein großer Dramatiker, so Klaus Brath im Ärzteblatt. Heute gilt er als der bedeutendste deutsche Vertreter des Naturalismus: Gerhart Hauptmann, der am 6. Juni 1946 starb.

Alkohol und Sexualität offen dargestellt

Geboren wurde Gerhard Johann Robert Hauptmann am 15. November 1862 als viertes Kind des Hotelwirts Robert und seiner Frau Marie Hauptmann im schlesischen Obersalzbrunn (heute Szczawno Zdrój). In seiner Kinder- und Jugendzeit wurde er in Latein und Geige unterrichtet und galt als fabulierfreudig. Nach seiner als qualvoll empfundenen Schulzeit in Breslau – er blieb einmal sitzen und ärgerte sich über die Besserstellung adliger Mitschüler – ließ sich der kränkelnde 16-Jährige bei seinem Onkel in der Landwirtschaft ausbilden, brach aber gesundheitlichen Gründen ab. In dieser Zeit entstanden erste Gedichte. Auf die Zeit der frühesten Kindheit, die er in seinem Geburtsort verlebte, besonders auf das Milieu des väterlichen Hotels, verweisen so verschiedene Dichtungen wie das Drama „Fuhrmann Henschel“ (1899) oder der 1. Akt der „Dorothea Angermann“ (1926) und die späte Novelle „Die Spitzhacke“ (1931).

Gerhart und Marie 1881. Quelle: Von unbekannt – http://www.vorschau-rueckblick.de/wp-content/uploads/2012/10/1-person.jpg, aus Jens Baumann; Thomas Gerlach: Ein Gedenkblatt für Gerhart Hauptmann. In: Vorschau & Rückblick; Monatsheft für Radebeul und Umgebung. Radebeuler Monatshefte e.V., November 2012, abgerufen am 1. November 2012., PD-alt-100, https://de.wikipedia.org/w/index.php?curid=7348687

Zwei Jahre später ging er in eine Bildhauer-Lehre an der Breslauer Königlichen Kunst- und Gewerbeschule. In dieser Zeit unternahm er einige Reisen, so zum Beispiel in die Schweiz, nach Italien oder Spanien. 1881 folgte für ein Semester ein Geschichtsstudium in Jena und am Ende des Jahres die heimliche Verlobung mit Marie Thienemann, der Tochter eines Großkaufmanns aus Dresden. Zwei Jahre später siedelte er nach Rom über, um dort als Bildhauer tätig zu sein. 1884 wurde er in die Zeichenklasse der Königlichen Akademie in Dresden aufgenommen, zudem nahm er in Berlin Schauspielunterricht. Die Verbindung mit Marie sicherte dem Unsteten den notwendigen Lebensunterhalt, nachdem er sie 1885 geheiratet hatte. Die Flitterwochen verbrachten sie auf Rügen, wo Hauptmann erstmals die Insel Hiddensee, sein späterer zeitweiser Wohn- und Lebensmittelpunkt, besuchte. Dort schrieb er das Gedicht „Mondscheinlerche“.

Im gleichen Jahr ließen sich die Eheleute, die zusammen die drei Söhne Ivo, Eckart und Klaus hatten, in der Kleinstadt Erkner südöstlich von Berlin nieder. Dort stieß Gerhart Hauptmann auf den Dichterverein „Durch“, in dem er die Bekanntschaft mit naturalistischen Schriftstellern wie Arno Holz, Bruno Wille oder Wilhelm Bölsche machte. 1888 erschien die Novelle „Bahnwärter Thiel“, das erste naturalistische Werk deutscher Sprache überhaupt. Er prägte in dem sozialkritischen Titel Sprache, Stil, In-halt und Darstellung des Naturalismus. Protagonist Bahnwärter Thiel ist nicht nur Gegenstand einer psychopathologischen Untersuchung, sondern zugleich Willenloser seiner Triebkräfte aufgrund des gesellschaftlichen Milieus. Hauptmann benutzt die Darstellung aufkommender Industrialisierung – symbolhaft dargestellt in der Eisenbahn – als Spiegel innerer Befindlichkeit. Weitere naturalistische Stilelemente sind neben detaillierter Beschreibungen von Geschehnissen, exakten Orts- und Zeitangaben sowie chronologischer Erzählweise vor allem der Sekundenstil.

Im April 1889 wurde die „Freie Bühne“ gegründet, ein Verein, der es dem Schriftsteller ermöglichte, einige seiner Titel ohne Zensur aufzuführen. Im Oktober des gleichen Jahres wurde dort das Sozialdrama „Vor Sonnenaufgang“ uraufgeführt. Die Vorstellung brach vor allem mit künstlerischen Tabus, aber auch mit gesellschaftlichen, moralischen, religiösen Werten, weil auf der Bühne Themen wie soziale Verelendung, Alkohol, Sexualität und Selbstmord offen dargestellt wurden. Der Skandal folgte prompt: Neben Tumulten im bürgerlichen Lager der Zuschauer gab es auch weitere Proteste sowie Zensureingriffe und Aufführungsverbote. Das Stück machte Gerhart Hauptmann, der sich mittlerweile mit „t“ am Ende des Vornamens schrieb, berühmt und zum wichtigsten Dramatiker des Naturalismus, der durch ihn zugleich Bühnenreife erlangte. In der Folge machten weitere Theaterstücke des Naturalismus, darunter auch hauptmannsche, in gleicher Weise Furore.

Wilhelm II. kündigte seine Loge

Hauptmann stellte 1892 sein bedeutendstes und intensiv recherchiertes sozialkritisches Drama „Die Weber“ fertig, nachdem er von einer Reise durch Schlesien wieder zurückgekehrt war. Die erste Fassung über den Aufstand schlesischer Weber 1844 im Eulengebirge fasste er in schlesischem Dialekt als „De Waber“ ab. Der als exzentrisch eingestufte Schriftsteller musste vor der Uraufführung erst einige Zensuren und Verbote überwinden, bevor das Stück, das auch sein bekanntestes wurde, 1894 vom „Deutschen Theater“ uraufgeführt wurde. Es beschwor einen weiteren Skandal herauf, indem es nicht nur verboten wurde, sondern auch Kaiser Wilhelm II. zu der aufgeregten Ankündigung brachte, er werde das Theater nicht wieder betreten: Er kündigte seine Loge. Die ästhetische Empörung aus dem bürgerlichen Lager und der Oberschicht wurde wiederum durch die ungefilterte Bühnendarstellung der Auflehnung von Proletariern gegen Hunger, Leid und Polizeigewalt als Folge gesellschaftlicher Unterdrückungsmechanismen der Industriellen Revolution hervorgerufen.

Plakat zu „Die Weber“. Quelle: Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=436356

Hauptmanns sozialkritische Komödie „Der Biberpelz“ wurde 1893 uraufgeführt, ebenso wie seine neoromantische Dichtung „Hanneles Himmelfahrt“. Im Jahr darauf ging seine Ehe endgültig in die Brüche, nachdem der Schriftsteller durch die Bekanntschaft mit der Musikstudentin Margarete Marschalk die Verbindung in die Krise gebracht hatte. Erstmals 1896 bekam Gerhart Hauptmann den Grillparzer-Preis in Wien ausgehändigt, den er danach noch zweimal erhielt. Im gleichen Jahr sollte er aus den Händen von Wilhelm II. den Schillerpreis empfangen, doch dieser lehnte eine Übergabe ab. Nebenbei schrieb er Märchen und Sagen als neuromantische Werke wie „Die versunkene Glocke“ (1896). Im Jahr 1901 fand er in Agnetendorf im Riesengebirge einen zeitweisen ständigen Wohnsitz, wie später auch auf der Insel Hiddensee oder in Italien. Zwei Jahre später fand die Uraufführung des Sozialdramas „Rose Bernd“ im Deutschen Theater in Berlin statt. Das Stück beruht auf der Mitwirkung von Gerhart Hauptmann als Geschworener in einem Mordprozess gegen eine Landarbeiterin. In Wien wurde seine Aufführung verboten.

Die Eheleute Hauptmann ließen sich 1904 scheiden. Der Schriftsteller heiratete im Anschluss Margarete Marschalk, mit der er noch einen Sohn hatte. Hauptmann war 1905 eines der ersten von 31 Mitgliedern der Berliner Sektion in der Gesellschaft für Rassenhygiene des Alfred Ploetz und wurde zum Ehrenmitglied der Berliner Secession ernannt. Im Jahr darauf wurde seine erste Gesamtausgabe in sechs Bänden veröffentlicht. Gerhart Hauptmann feierte mit „Der Narr in Christo Emanuel Quint“ 1910 die Ersterscheinung seines großen Erzählwerks. Ein Jahr später wurde Hauptmanns tragisch-komödiantisches Schauspiel „Die Ratten“ im Berliner Lessing-Theater uraufgeführt, das später wegen seiner kompromisslosen Symbolik hohe Akzeptanz als Großstadtdichtung feierte. Die größte Ehre eines Dichters und Schriftstellers wurde dem 50-Jährigen 1912 zuteil, als er den Nobelpreis verliehen bekam. Vor allem seine Milieustudien, seine detailgetreuen Beschreibungen von Zeitumständen und Menschen sowie seine ungewöhnlichen Psychogramme als Ausgeburt gesellschaftlicher Zeitzwänge wurden zur Preisverleihung gelobt.

Gerhart und Margarethe. Quelle: Von Bundesarchiv, Bild 102-14016 / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 de, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=5481271

Hauptmann, in der mündlichen Sprache eher nicht nobelpreiswürdig, genoss diesen Triumpf und bewahrte um diese Zeit bemerkenswertes öffentliches Stillschweigen zur sozialen Lage. Das Preisgeld soll er in kurzer Zeit für eher private Angelegenheiten ausgegeben haben. Zahlreiche seiner Werke fanden nun den Weg ins Medium Film, erstmals der Roman „Atlantis“ 1913. Er bejahte den Ersten Weltkrieg, unterzeichnete das Manifest der 93 und publizierte entsprechende Gelegenheitsverse, doch wandelte sich seine Gesinnung bald. Der Dichter engagierte sich nach dem Ende des Ersten Weltkriegs für die Weimarer Republik, indem er 1918 im „Berliner Tageblatt“ seine Mithilfe am deren Zustandekommen öffentlich bekannte. Dass Hauptmann eine Kandidatur als Reichspräsident erwog, wurde 1921 dementiert, das Amt des Reichskanzlers ihm aber angeboten. Im darauffolgenden Jahr wurde ihm als erstem der Adlerschild des Deutschen Reiches verliehen. Im Ausland galt der „Staatsdramatiker“ als der Repräsentant der deutschen Literatur schlechthin. Im Jahr 1924 wurde er Ehrenmitglied der Wiener Akademie der bildenden Künste, im gleichen Jahr Träger des Pour le Mérite in der Friedensklasse. Während sich Hauptmann zum Goethejahr 1932 in den USA aufhielt, wurde er zum Ehrendoktor der Columbia University ernannt und vom US-amerikanischen Präsidenten Hoover im Weißen Haus empfangen.

„sondern im Mitwirken“

Warum er das Land nicht verließ, schrieb er am 16. März 1933 in einem Brief an den Schriftsteller Rudolf G. Binding: Sein Wesen sei zum „Frondieren“ viel zu positiv. „Nicht im Gegenwirken sieht es das Heil, sondern im Mitwirken.“ Und so wirkte er mit. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten unterzeichnete Hauptmann eine Loyalitätserklärung der Deutschen Akademie der Dichtung, Sektion der Preußischen Akademie der Künste. Im Sommer desselben Jahres beantragte er die Mitgliedschaft in der NSDAP, sein Antrag wurde aber von den örtlichen Parteidienststellen abgelehnt. Als er am 15. November 1933 Hitler die Hand schüttelt, sehen sich die beiden Männer lang und stumm an, und Hauptmann schwärmt von des Führers Blick: „seltsames und schönes Auge“. Hitler nennt er den „Sternenschicksalsträger des Deutschtums“, „Mein Kampf“ bezeichnet er als die „hochbedeutsame Hitlerbibel“, die Bücherverbrennung vom 10. Mai 1933 erkennt er als „reine Albernheit“.

Hans Frank, genannt der „Judenschlächter von Krakau“, war mehrmals bei Hauptmann zu Gast, verbrachte Stunden in dessen Archiv und las ihm abends aus dessen eigenen Schriften vor; Hauptmann nannte ihn daraufhin einen „Mann tiefmenschlicher Absichten, gebildet durchaus und im leidenschaftlichen Trieb sich fortzubilden“. Später sagte Hauptmann, das „Wunder des Nichtwissens“ sei immer sein Trost gewesen. Seine Aufführungen und Veröffentlichungen erlitten keine Restriktionen oder Verbote von oben, im Gegenteil – er wurde als wichtigster Schriftsteller eingestuft. 1937 erschien seine Autobiographie „Das Abenteuer meiner Jugend“. 1940 begann der Dichter mit der so genannten Atriden-Tetralogie einen Dramenzyklus seines Alterswerks. Die fünfbändige Ausgabe im jambischen Versmaß fand in antiken Werken von Euripides, Aischylos und Sophokles ihre Vorlage. Vor allem wegen seiner Nazi-Nähe und der Sperrigkeit des Werkes hatte es wenig Bühnenerfolg.

Hauptmann beim Golfen auf Hiddensee, um 1930. Quelle: https://img.nzz.ch/C=W900,H507,X0,Y0/O=75/http://s3-eu-west-1.amazonaws.com/nzz-img/2013/01/11/1.17935000.1357936246.jpg?width=1360&height=764&fit=bounds&quality=75&auto=webp&crop=900,506,x0,y0

Eine Distanz zwischen dem Nationalsozialismus und Hauptmann ist dennoch unübersehbar. Das Amt Rosenberg schreibt 1942 in einer Stellungnahme: „Bei aller Anerkennung der künstlerischen Gestaltungskraft Hauptmanns ist die weltanschauliche Haltung der meisten seiner Werke vom nationalsozialistischen Standpunkt aus kritisch zu betrachten.“ Auch die Zensur von Goebbels wachte über Hauptmanns Wirken: So verbot er eine Neuauflage von „Der Schuss im Park“, weil darin eine Schwarze vorkommt. Dennoch kam es zu Hauptmanns 80. Geburtstag auch unter Beteiligung von Repräsentanten des nationalsozialistischen Regimes zu Ehrungen, Jubiläumsfeiern und -aufführungen. Hauptmann wurden von seinen Verlegern Suhrkamp und Behl die ersten Exemplare der 17-bändigen Gesamtausgabe seiner Werke überreicht. Arno Breker schuf eine Porträtbüste von ihm.

Während des Luftangriffs auf Dresden am 13. Februar 1945 weilte Hauptmann mit Margarete im Stadtteil Wachwitz im Sanatorium, weil er eine schwere Lungenentzündung auskurieren musste. Über das Inferno sagte er: „Wer das Weinen verlernt hat, der lernt es wieder beim Untergang Dresdens“. Hauptmann erlebte das Kriegsende in seinem Haus „Wiesenstein“ in Agnetendorf, wo er an einer Bronchitis starb, kurz bevor er vertrieben werden sollte. Gegen seinen testamentarisch erklärten Willen wurde Hauptmann nicht in seiner Heimat begraben, sondern Wochen danach in einem Zinksarg per Sonderzug nach Hiddensee geschafft, wo er am 28. Juli „vor Sonnenaufgang“ auf dem Inselfriedhof in Kloster bestattet wurde. Die Witwe des Dichters vermischte ein Säckchen Riesengebirgserde mit Ostseesand.

Grab auf Hiddensee. Quelle: Von Metzner – Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=4757008

„Suchte man eine Formel für den zentralen Gehalt der Dichtung Hauptmanns, so wäre die polare Spannung seines Wesens vielleicht zu erfassen, wenn man ihn den Dichter des Leides, ja der ‚Bluthistorie der Menschheit‘ und zugleich den Dichter des Eros, des Dionysischen und der glückhaften Fülle des Lebens nennt“, erklärt sein Biograph Hans-Egon Hass. Die meisten Konflikte der Hauptmannschen Dichtung beruhen auf dem Ringen mit der „nackten Faktizität einer Wirklichkeit“, die ganz auf ihre eigenen Kräfte zurückverwiesen ist. Diese Wirklichkeit dennoch als sinnhaft erfahren und dichterisch vermitteln zu können, ermöglichte dem Autor die Magie einer poetisch-mythischen Gestaltung des ewigen Kampfs, der in allem Leben tobt. Das muss heute zwangsläufig unzeitgemäß wirken, er wird zunehmend seltener aufgeführt. Kümmel prognostizierte zu seinem 50. Todestag gar: „Es kann sehr wohl sein, dass in weiteren 50 Jahren Hauptmanns Kunst völlig verblasst ist“.

Anfang der 1920er Jahre war die Sehnsucht nach einem hoffnungsspendenden Zeichen des Himmels unerträglich geworden: Die Spekulation auf einen raschen Zusammenbruch der Oktoberrevolution hatte sich als trügerisch erwiesen. Die Seelen hungerten in einem immer endloseren Winter der Emigration. Zweifel am Untergang der gesamten Zarenfamilie waren buchstäblich Nahrung für alle, denen die russische Revolution die Welt zerstört hatte. Vielleicht lag es an ihrem Namen – Anastasia bedeutet „die Wiedererstandene“ -, dass gerade sie als jüngste Tochter von Nikolaus II. das Blutbad überlebt haben soll, das in der Nacht vom 16. auf den 17. Juli 1918 im sibirischen Jekaterinburg (heute Swerdlowsk), im Erdgeschoß des Hauses Ipatjew, die gesamte Zarenfamilie mit Bediensteten, insgesamt elf Personen, auslöschte. Vor 120 Jahren, am 5. Juni 1901, kam sie in Petersburg zur Welt.

Die vierte Tochter des letzten russischen Zaren und seiner Frau Alexandra Fjodorowna, vormals Alix von Hessen-Darmstadt, sollte eigentlich ein Junge und Thronerbe werden, da das Paar bereits drei Töchter hatte. Dennoch liebten beide ihre neue Tochter und erfreuten sich, dass das Baby gesund war: Ihr jüngerer Bruder Alexei, mit dem sie ein inniges Verhältnis pflegte, sollte von seiner Mutter die Bluterkrankheit (Hämophilie B) erben. Anastasia wurde, wie ihre anderen Töchter vorher, von Alexandra selbst gestillt und von ihr „Shivzik“ genannt, das russische Wort für „Kobold“, da niemand vor ihren Scherzen sicher war.

Anastasia galt als furchtlos, weinte selten, spielte gerne Streiche, verkleidete sich und hatte großes schauspielerisches Talent. Sie imitierte gerne andere Leute und erfreute damit ihr Umfeld. Obwohl sie wie ihre Schwestern Großfürstin war, schlief sie wie ihre Geschwister auf Feldbetten und musste jeden Morgen ein kaltes Bad nehmen. Sie litt an Spreizfüßen, beidseitigem Zehenschiefstand (Hallux valgus) und an Rückenproblemen, weshalb sie regelmäßig massiert wurde. Anastasia war zwar keine gute Schülerin, liebte aber Sprachen. Die Kinder sprachen Englisch mit der Mutter, Russisch mit dem Vater, Deutsch mit den hessischen Verwandten der Mutter und lernten Französisch.

Anastasia. Quelle: Von Boissonnas et Eggler, St. Petersburg, Nevsky 24. – Bain News Service, publisher. – Dieses Bild ist unter der digitalen ID ggbain.38336 in der Abteilung für Drucke und Fotografien der US-amerikanischen Library of Congress abrufbar.Diese Markierung zeigt nicht den Urheberrechtsstatus des zugehörigen Werks an. Es ist in jedem Falle zusätzlich eine normale Lizenzvorlage erforderlich. Siehe Commons:Lizenzen für weitere Informationen., Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=27287143

Ging es dem Zarewitsch aufgrund seiner Krankheit nicht gut, vermochte meist nur Anastasia, ihren Bruder von den Schmerzen abzulenken und ihn ein wenig zu erheitern. Auch mit ihrer älteren Schwester Maria verband sie ein enges Band, und die beiden waren als „Kleines Paar“ bekannt. Ihre beiden älteren Schwestern Olga und Tatjana waren das „Große Paar“ – die Bezeichnungen stammen von einer Hebamme, die gleich nach Anastasias Geburt zur Kaiserin Alexandra meinte, sie solle nicht traurig sein, dass es wieder ein Mädchen sei, denn nun habe sie ein großes und ein kleines Paar Mädchen.

„nicht genügend historisch bedeutsam“

Im Zuge der Revolution wurde Nikolaus II. am 15. März 1917 zur Abdankung gezwungen und die Familie in Zarskoje Selo unter Hausarrest gestellt. Aufgrund der Kriegswirren und der Rachepläne der Bolschewiki deportierte Ministerpräsident Kerenski die Romanows samt Gefolge Ende Juli per Zug und Schiff nach Tobolsk in Sibirien. Der Zar sollte in einem großen Schauprozess für seine Verbrechen am russischen Volk gerichtet werden, ähnlich wie einst in der Französischen Revolution Ludwig XVI. Da der Prozess in Moskau stattfinden sollte und die Anwesenheit des Zaren verlangte, sollte die Familie über Jekaterinburg in die Hauptstadt reisen. Am 30. April bezog sie dort das Ipatjew-Haus.

In der Zeit der Gefangenschaft versuchten die Geschwister, ihre Fröhlichkeit zu erhalten – was Anastasia am besten gelang, nicht zuletzt auch durch und mit ihrem King Charles Spaniel Jemmy. Selbst die Wachsoldaten gingen auf ihre Scherze ein. Doch das Schicksal nahm seinen Lauf: In den ersten Juliwochen fiel in Moskau die Entscheidung, die Familie hinzurichten, da Lenin einen Prozess gegen den ehemaligen Zaren für zu riskant hielt. Ein unschuldiger Zar hätte die Richtigkeit der Revolution in Frage gestellt. Auf keinen Fall sollte die Familie den herannahenden Weißen Truppen in die Hände fallen und als Symbolfigur für eine etwaige Konterrevolution dienen.

Der Kellerraum des Ipatjew-Hauses, in dem die Zarenfamilie ermordet wurde. Quelle: Von Anonym – выставка «Гибель семьи императора Николая II. Следствие длиной в век» Выставочный зал федеральных архивов. 2012., Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=19584445

Unter Führung von Jakow Jurowski erschossen dann vier Tschekisten und sieben ungarische Kriegsgefangene die Familie mitsamt Gefolge; selbst Jemmy wurde nicht verschont. Die Revolverkugeln prallten jedoch an Anastasias Kleid ab, weil in ihr Mieder Familienschmuck eingenäht war. Die Mörder erstachen das Mädchen daraufhin mit Bajonetten. Nach dem Mord versuchte Jurowski, die Spuren des Verbrechens zu verwischen, und brachte die sterblichen Überreste zu einem Bergwerksschacht namens Ganina Jama in einem Wald etwa 15 km von Jekaterinburg. Die Leichen wurden größtenteils verbrannt, teilweise in Schwefelsäure aufgelöst und an verschiedenen Stellen verscharrt.

Nur acht Tage später nahmen Weiße Truppen die Stadt ein und setzten ein Ermittlungsverfahren unter Nikolai Sokolow in Gang, um den Fall Romanow aufzuklären. Doch es gab bereits Gerüchte, dass Anastasia zu diesem Zeitpunkt noch lebte. Wenigstens erwähnt sei hier die Tatsache, dass auch Anastasias Bruder Alexej Wiedergänger haben sollte, darunter den Dreifachagenten Michael Goleniewski, den 1927 von einer Warschauer Zeitung zum „echten“ Zarewitsch ausgerufenen Eugene Nikolaiwitsch Iwanoff, den Esten Alexei Tammet, der in Wirklichkeit Ernest Veermann hieß, oder Alexander Savin, den die sowjetische Geheimpolizei 1928 festnahm – überführt wurden sie allesamt, weil sie keine Bluter waren.

Sokolows Buch über die Ermordung der Zarenfamilie erschien Ende 1924 kurz nach seinem Tod in Paris. Seinen Indizien für die Hinrichtung der gesamten Familie fehlten allerdings die Leichen als letzter Beweis. Das Haus selbst wurde 1977 vom Sekretär des Gebietssowjets und nachmaligen Präsidenten Boris Jelzin auf Befehl Moskaus als „nicht genügend historisch bedeutsam“ abgerissen, nachdem es mehr und mehr zu einer Wallfahrtsstätte für russische Monarchisten geworden war. Zwei Jahre später fanden zwei Aktivisten ein Grab der Hingemetzelten. Es dauerte bis zum 12. Juli 1991, kurz vor der endgültigen Auflösung der Sowjetunion, bis die sterblichen Überreste exhumiert wurden. Die Fundstelle barg neun der elf Ermordeten. Mittels DNA-Analyse konnten die geborgenen Leichen 1993 eindeutig identifiziert werden.

Kathedrale auf dem Blut. Quelle: Von Смирнов Евгений – Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=70884549

Da im Grab zwei Leichen fehlten, die von Alexei und einer seiner Schwestern, verstummten die Gerüchte über ein mögliches Überleben eines Familienmitgliedes nicht. 2007 wurden auch diese Leichen gefunden und 2009 zweifelsfrei als Alexei und Maria identifiziert. Achtzig Jahre nach der Ermordung von Anastasia und ihrer Familie wurden ihre sterblichen Überreste in St. Petersburg in der Peter-und-Paul-Kathedrale beigesetzt. Die Familie wurde aufgrund ihres Martyriums von der orthodoxen Kirche in Russland 2000 heiliggesprochen, die russische Auslandskirche kanonisierte die Familie bereits 1981. Am Platz ihrer Ermordung in Jekaterinburg wurde 2002/2003 die orthodoxe „Kathedrale auf dem Blut“ errichtet.

Mindestens zehn falsche Großfürstinnen

Doch die Jahrzehnte bis dahin, ja teilweise bis heute hält sich das Gerücht, dass die damals 17-Jährige entkommen konnte und sich unter falschen Namen ein neues Leben aufgebaut haben soll. So lebt Anastasia noch 2018 in einer Musicalfassung des Stuttgarter Stage-Palladium-Theaters als Straßenkehrerin Anja in Leningrad und macht sich nach Paris auf, ihre wahre Identität zu finden, wo sie an der Seite eines charmanten Betrügers in gefährliche Abenteuer mit Kommunisten rutscht, die ihr bereits auf den Fersen sind. Obwohl es nach dem Zweiten Weltkrieg mindestens zehn Antragsteller auf die Identität der Großherzogin Anastasia gab, stellvertretend erwähnt seien die Namen Eleonora Albertowa Krüger und Nadeschda Iwanova Wasilyewa, erreichten nur drei einen mehr als kleinen Kreis von Gläubigen.

„Ich bin die wahre Anastasia“, behauptete Franzisca Czenstkowski, als sie 1920 nach einem Selbstmordversuch aus dem Berliner Landwehrkanal gefischt wurde – obwohl sie 1896 in der Kaschubei zur Welt kam, wie man heute weiß.  Die Arbeiterin hatte keine Schneidezähne mehr und wies Verletzungen auf, nachdem sie in einer Waffenfabrik eine Granate fallengelassen hatte. Diese Verletzungen schrieb sie selbst jedoch den Bajonetten und Schusswunden durch die Mörder im Ipatjew-Haus zu. Viele Menschen glaubten ihr. Sie klammerten sich an die Hoffnung, dass die russische Zarenfamilie doch nicht komplett ausgelöscht wurde, da bislang noch keine Leichen gefunden werden konnten.

Anna Anderson. Quelle: Von Autor unbekannt – http://www.tonnel.ru/?l=gzl&uid=659&op=bio, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=4245160

Dass sie kaum Russisch sprach, erklärte Anna Anderson durch die traumatischen Erlebnisse in der Mordnacht; genau wie ihr mangelndes Wissen über die Zarenfamilie. Aber genau wegen dieser Details hielten sie viele für eine dreiste Hochstaplerin. In der historischen Aufarbeitung konnte nie zweifelsfrei geklärt werden, ob Franziska Schanzkowsky die Öffentlichkeit 64 Jahre lang bewusst täuschte oder sie durch ein Nervenleiden tatsächlich glaubte, die überlebende Zarentochter zu sein. Spätere Untersuchungen ergaben, dass Schanzkowsky von den behandelnden Ärzten geradezu gedrängt wurde, in die Rolle der Anastasia zu schlüpfen. Sie legte sich das Pseudonym Anna Anderson zu und spielte zeit ihres Lebens die Rolle der verkannten Großfürstin.

Ab 1938 forderte die vermeintliche Adlige vor Gericht das Erbe des Zaren heraus. Zig Prozesse wurden geführt, darunter 1958 in Wiesbaden als Ortstermin des Hamburger Landgerichts. Felix Dassel, einstiger Flügeladjutant des Zaren, beharrt darauf, in Anna Anderson die Tochter des Regenten zu erkennen („Das muss sie sein.“), während der aus Lausanne angereiste Hauslehrer der Romanows, Pierre Gilliard, das verneint („Außer der Augenfarbe gibt es keine Ähnlichkeit.“). Tatjana Melnik-Botkin, Tochter des Leibarztes der Romanows, steht auf Andersons Seite: „Ich bin überzeugt, dass Frau Anderson die Zarentochter Anastasia ist.“ So weit will Serge Lifar, Ballettmeister der Pariser Oper und als Überraschungszeuge nach Wiesbaden geeilt, nicht gehen. Er behauptet nur: „Anastasia hat überlebt.“ Der Bundesgerichtshof in Karlsruhe glaubte ihr letztinstanzlich 1970 (!) nicht. Schließlich wanderte Anna Anderson in die USA aus, heiratete einen Millionär und starb 1984 verarmt inmitten von drei Dutzend Katzen. Erst zehn Jahre nach ihrem Tod klärte eine DNA-Untersuchung zweifelsfrei, dass sie nicht mit dem russischen Zarengeschlecht Romanow verwandt gewesen sein konnte.

Trickfilmfigur. Quelle: https://assets.thalia.media/img/artikel/a5ed87f81195b1d037225e2be5f54b057bf83cb2-00-00.jpeg

Ihr Leben wurde mehrmals verfilmt, erstmals schon 1928. Am bekanntesten ist die Hollywood-Verfilmung von 1956 mit Ingrid Bergman, die dafür mit einem Oscar und dem Golden Globe geehrt wurde. Im selben Jahr entstand der Film „Anastasia, die letzte Zarentochter“ mit Lilli Palmer in der Titelrolle. Aber auch der Trickfilm „Anastasia“ (1997) mit Meg Ryans Stimme basiert auf der Geschichte Anna Andersons und brachte ihr weitere Bekanntheit und Popularität ein: Das Zelluloid-Kinomagazin sah einen „perfekten Zeichentrickfilm, der zwar jeden Geschichtsprofessor in Ohnmacht fallen lässt, aber Groß und Klein werden wohl ‚Anastasia‘ in ihr Herz schließen.“

von einer unbekannten Frau gerettet

Die zweite im Bunde war Eugenia Smith (1899 in der Bukowina – 1997 in den USA), auch bekannt als Eugenia Drabek Smetisko. Smith ist Autorin einer Autobiographie von „Anastasia Nicholaevna“ (1963), in der sie „ihr“ Leben in der russischen Kaiserfamilie bis zu dem Zeitpunkt erzählt, als Bolschewiki sie in Jekaterinburg ermordeten. Nach eigenen Angaben erlangte sie nach der Hinrichtung das Bewusstsein wieder und wurde von einer unbekannten Frau gerettet, die sie wieder gesund pflegte. Smith begann eine Wanderung nach Westen, begleitet von zwei Männern, von denen einer später als Alexander identifiziert wurde, ein Soldat, der im Ipatjev-Haus stationiert war. Die lange Reise, die mit dem Zug und zu Fuß unternommen wurde, führte Smith und ihre Retter durch die Städte Ufa, Bugulma, Simbirsk und Kursk, bevor sie Serbien erreichten, wo die Memoiren endeten.

Die jugoslawische Staatsbürgerin wanderte zweimal in die USA ein, freundete sich mit einem Bundesrichter an und schrieb mit dessen jüngerer Tochter ab 1930 die Memoiren, die sie vier Jahre später als ersten Entwurf abschloss. Prinz Rostislav, ein Neffe von Nikolaus II., wurde auf sie aufmerksam und lud sie dreimal zum Mittagessen ein. In jedem Falle lehnte die Eingeladene jedoch mit der Begründung ab, sie sei zu nervös. Vor der Veröffentlichung wurden vom Life Magazine Auszüge gedruckt, zusammen mit Artikeln, die die Ergebnisse von Lügendetektortests, der Handschriftenanalyse und des Vergleichs von Smiths Gesichtszügen durch einen Anthropologen mit Fotografien der tatsächlichen Großherzogin beschreiben. Die Ergebnisse sprachen nicht für Smith. 2013 brachte die Bremer Musical-Company den Kampf der beiden Kontrahentinnen um ihre jeweilige Echtheit als Musical auf die Bühne.

Anastasia in Stuttgart. Quelle: https://www.h-hotels.com/_Resources/Persistent/cd695b34434b46f5935c57df47323a9a8c13b0d3/C-ANA_STU_Prio_2_Anja_jung_und_Zarenmutter-1356×860.jpg

2002 trat dann als Dritte Natalija Bilichodse in Erscheinung. Die 101-jährige Georgierin behauptete, die wahre Anastasia zu sein. Sie konnte sich tatsächlich an Details erinnern, zum Beispiel das Tapetenmuster des Zarenhofs beschreiben. Außerdem bescheinigte der Leiter der „Prinzessin Anastasia Romanowa Wohltätigkeitsstiftung“, Professor Wladlen Sirotkin, eine große Ähnlichkeit zu der verschollenen Großfürstin; dies sei nur in „einem von 700 Milliarden Fällen möglich“. Auch Natalija Bilichodse forderte Geld aus dem Millionenvermögen der Romanows. Jedoch starb sie, bevor Tests ihre Identität einwandfrei beweisen konnten.

Was bleibt? Der Hunger nach Geschichten ist unersättlich, nach Geschichten, die das Unerträgliche fasslich machen: „Und wie drängt es den Menschen erst zu Geschichten, die von Wundern handeln, von Auferstehung aus den Gräbern der Revolutionen“, resümierte Gerhard Mauz bereits 1967 im Spiegel einen der vielen Anderson-Prozesstage. „Die Mühe um eine Wahrheit, die zwangsläufig das Recht zur Folge haben muss, gelangt … dorthin, wo jene Wahrheit beginnt, die ‚in die alten Zeiten‘ gehört, ‚wo das Wünschen noch geholfen hat‘.“ Erst durch diese Wunschwahrheit konnte die historisch eigentlich unbedeutende Zarentochter Anastasia zu einer Märchenprinzessin verklärt werden, deren Legende bis heute präsent ist.

Beim Griechen „nebenan“ gehört er dazu wie Ouzo, Gyros und Zaziki: der Sirtaki – leise klimpernd im Hintergrund. Die Bouzoukiklänge von Mikis Theodorakis beschwören im grauen Norden Urlaubsträume herauf – aber auch das Bild jenes Mannes, der die Melodie barfuß in den Strandsand tanzt. Dabei gab es bis vor 50 Jahren gar keinen Volkstanz dieses Namens. Ob den „Sirtaki“ nun eine Werbeagentur erfand, Regisseur Michael Cacoyannis oder der Schauspieler selbst, weil er zu faul war, die nativen Tänze zu lernen, oder schlicht nicht tanzen konnte, ist bis heute unklar. Jedenfalls wird seine Figur des „Alexis Sorbas“ zum berühmtesten, wenn auch erfundenen Aushängeschild hellenischer Folklore durch einen Spielfilm: Anthony Quinn, der am 3. Juni 2001 in Boston an einer Lungenentzündung starb.

Sein Ruhm war nicht abzusehen, als Antonio Rodolfo Quinn Oaxaca am 21. April 2015 im mexikanischen Chihuahua als Sohn eines Iren, der während der Mexikanischen Revolution für Pancho Villa kämpfte, und einer erst 15jährigen Mexikanerin mit indianischen Wurzeln zur Welt kommt. Als der Vater als verschollen galt, versteckt die Mutter den kleinen Anthony in einem Kohlekarren, reist illegal über die Grenze und lässt sich in der Nähe von Hollywood nieder. Hier trafen beide wieder mit dem Vater zusammen, der damals als Kameramann in Hollywood arbeitete, bis er 1927 bei einem Autounfall ums Leben kam. Daraufhin musste der erst zwölfjährige Anthony die Schule abbrechen und zum Lebensunterhalt beitragen: Er arbeitete in den nächsten Jahren unter anderem als Zeitungsjunge, Schuhputzer, Wasserträger, Fensterputzer, Schlachthausarbeiter, Maurer, Straßenprediger, Boxer und Zuschneider in einer Textilfabrik. Die Berufe prägten seinen Charakter und seinen Habitus.

Seine Künstlerkarriere begann der knapp 1,90-Hüne aber nicht als Schauspieler, sondern als Bildhauer – bereits im Alter von elf Jahren erhielt er einen Preis für eine Skulptur – und Saxophonspieler, der eine eigene Band gründete. Mit einem Stipendium studierte er Architektur bei Frank Lloyd Wright, der dem damals 17-jährigen eine Operation an der Zunge bezahlte, um einen Sprachfehler zu beheben. Zusätzlich zur Operation erhielt Quinn therapeutischen Sprachunterricht, der sein Interesse an der Schauspielerei weckte. Zwei Jahre später gab er sein Theaterdebüt in einem „Federal Theatre Project“ neben Mae West in dem Schauspiel „Clean Beds“, 1936 sein Leinwanddebüt als Nebendarsteller in den Streifen „Ausgerechnet Weltmeister“ („The Milky Way“) und „Mord in Sing Sing“ („Parole!“).

Anthony Quinn. https://resizing.flixster.com/M_iXbzVrB4fvMeJSr5GhEpCtckc=/506×652/v2/https://flxt.tmsimg.com/v9/AllPhotos/1404/1404_v9_bb.jpg

Als im selben Jahr der Regisseur Cecil B. DeMille für den Western „Der Held der Prärie“ mit Gary Cooper Indianer sucht, ergreift Quinn die Gelegenheit, gibt vor, ein Cheyenne zu sein, und erhält die Rolle. Als DeMille seine hübsche Adoptivtochter Katherine zu den Dreharbeiten mitbringt, zögert Quinn ebenfalls nicht lange und nimmt sie 1937 zu seiner ersten Ehefrau. Sie hatten miteinander fünf Kinder. Der erstgeborene Sohn Christopher ertrank 1941 in einem Teich auf dem Anwesen des Schauspielerkollegen W. C. Fields. Da der berühmte Schwiegervater ihm keine Hilfe war, spielte Quinn bis in die 1940er Jahre hinein als „ethnic actor“ Chinesen, Philippinen, Araber, Eskimos, Unterdrückte, Geschlagene, blutige Draufgänger, Gangster; kurz Gegenpole zum „weißen Helden“. Von Anfang an war Quinn mit seiner exotisch-markanten Physiognomie auf einfache, robuste Charaktere festgelegt. 1943 entstand der Western „Der Ritt zum Ox-Bow“, der recht erfolgreich war, und 1947 „Sindbad der Seefahrer“. Im selben Jahr zog es Quinn nach New York – seine Weltkarriere begann.

„dann dreh ich nicht“

Zunächst übernahm er von Marlon Brando die Hauptrolle in dem am New Yorker Broadway aufgeführten Theaterstück „Endstation Sehnsucht“. Der Regisseur des Stückes, Elia Kazan, gab dem neuen Theaterstar eine Nebenrolle an der Seite von Brando in dem Film „Viva Zapata!“ (1951), wofür er einen Oscar als bester Nebendarsteller erhielt. Doch weil Quinn das Gefühl hat, dass er nicht gut genug aussehe, um ein Hollywood-Star zu werden, geht er nach Europa. In Italien dreht er mit Frederico Fellini den Welterfolg „La Strada“ (1954) und machte die Figur des ungeschlachten, brutalen Straußengauklers Zampanò ikonisch, der das Mädchen Gelsomina (Giulietta Masina) kauft und sie ausbeutet, ohne ihre Liebe zu erkennen. „Der Film überzeugte die Leute, dass ich wirklich ein Schauspieler war, und öffnete mir alle Türen… Es hat mich viele, viele Jahre gekostet, meine eigene Persönlichkeit zu finden“, resümierte Quinn.

Zwei Jahre später wird er erneut mit einem Oscar ausgezeichnet: Quinn begeistert als Paul Gauguin an der Seite von Kirk Douglas in der Hauptrolle von Vincent van Gogh in „Ein Leben in Leidenschaft“ (1956). Kein Erfolg beschieden war dagegen seinem Erstling als Regisseur „König der Freibeuter“ (1958), einer Neuverfilmung von „Der Freibeuter von Louisiana“, den sein Schwiegervater 20 Jahre zuvor gedreht und ihn in einer Nebenrolle besetzt hatte. Quinn arbeitete danach nie wieder als Regisseur. Er spielt an der Seite von Gina Lollobrigida den buckligen „Glöckner von Notre Dame“ (1956), wirkt als Offizier Andrea Stavros beim Kriegsfilm „Die Kanonen von Navarone“ (1961) erstmals als Grieche mit und verkörpert in „Lawrence von Arabien“ (1962) einen hakennasigen Stammesfürsten mit wehendem schwarzen Umhang hoch zu Pferd. Im selben Jahr erhielt er die Titelrolle in dem Bibelfilm „Barabbas“ und die des Boxers Mountain Rivera in „Faust im Gesicht“.

Quinn als Quasimodo. Quelle: https://cdn.prod.www.spiegel.de/images/9054c737-0001-0004-0000-000000835420_w1528_r1.511111111111111_fpx38.36_fpy49.98.jpg

1964 schreibt er erneut Filmgeschichte, als er beschließt, die griechische Volksseele zu verkörpern. Seine Rolle als vitaler und freiheitsliebender Bauer „Alexis Sorbas“, dessen lebensfrohe, leidenschaftliche Einstellung mit der Haltung eines von der Zivilisation angekränkelten englischen Schriftstellers kontrastiert wird, den er schließlich zum einfachen Leben bekehrt, wird seine Lieblingsrolle. Er genießt, „dass der Funke des Glücks, die glückliche Lebenseinstellung auf die Menschen in der ganzen Welt übersprungen ist“. „Tony war der ideale Schauspieler für Sorbas“, sagt Hollywood-Autor Martin Ritt. „Nur ein Mann mit einer solchen Lebenslust konnte diese Rolle spielen.“ Cacoyannis übersteht die Dreharbeiten mit chronischer Geldnot und der überstürzten Abreise seines Stars Simone Signoret. Am Ende stehen drei Oskars: Neben dem für die Filmmusik geht einer an Lila Kedrowa als bester Nebendarstellerin und an Kameramann Walter Lasally. In den folgenden Jahren galt Anthony Quinn als der Leinwand-Grieche schlechthin und überzeugte mit diesem Typ in Filmen wie „Teuflische Spiele“ (1968), „Matsoukas, der Grieche“ (1969) und letztmals 1978 mit Jaqueline Bisset im Melodram „Der große Grieche“, der ebenso frei wie sentimental nacherzählten Lebensgeschichte von Aristoteles Onassis.

Dazwischen verkörperte er 1965 den Mongolenfürst Kublai Khan im prominent besetzen Streifen „Marco Polo’s Abenteuer“ mit Horst Buchholz, Orson Welles und Omar Sharif. Im selben Jahr wurde seine Ehe geschieden nach einer Affäre mit Yolanda Addolori, die er bei den Dreharbeiten für „Barabbas“ das erste Mal gesehen hatte. Eigentlich sei sie für das Einkleiden der Statisten zuständig gewesen, doch Quinn habe verlangt, dass sie stattdessen seine Kostüme schneidert. Zunächst sei ihm das verwehrt worden. „Da sagte er, dann dreh ich nicht. Sie mussten die Dreharbeiten für drei Stunden unterbrechen“, erinnert sich sein Sohn Lorenzo. „Wenn er etwas haben wollte, dann tat er alles, um es zu kriegen“. Ein Jahr später nahm er sie zur zweiten Ehefrau und hatte mit ihr drei weitere Kinder.

„Du willst keine Schererei?“

Nachdem er 1969 „In den Schuhen des Fischers“ gar den Papst spielte, zieht sich Quinn in den 1970er Jahren langsam vom Film zurück und veröffentlicht 1973 seine ersten Memoiren. Eine weitere Paraderolle war 1972 die des Agenten Erasmus „Deaf“ Smith in dem Italo-Western „Das Lied von Mord und Totschlag“ neben Franco Nero sowie 1976 die des Trickbetrügers Philipp Bang an der Seite von Adriano Celentano in der Gangsterpersiflage „Der große Bluff“. 1977 feierte er nochmals Erfolge als Kaiphas in dem Bibelstreifen „Jesus von Nazareth“. In den 1980er Jahren trat Quinn nur noch gelegentlich vor die Kamera und war in zweitklassigen und wenig lukrativen Actionthrillern wie „Kennwort Salamander“ oder Komödien wie „Mein Geist will immer nur das Eine“ zu sehen.

Quinn als Sorbas. Quelle: https://cdn.prod.www.spiegel.de/images/6899fd21-0001-0004-0000-000000835384_w1528_r1.4940239043824701_fpx38.81_fpy50.jpg

Einen beachtlichen Erfolg verzeichnete er noch einmal 1981 als Beduinenführer „Omar Mukhtar – Löwe der Wüste“. 1982 legte er einen Roman vor und landete 1985 mit der Musical-Adaption von „Alexis Zorbas“ einen Broadwayhit. 1989 durfte er, nachdem er sich diese Rolle zu seinem 75. Geburtstag gewünscht hatte, im Fernsehen in der Hemingway-Neuverfilmung „Der alte Mann und das Meer“ glänzen. Zu seinen letzten Kino-Produktionen gehörte 1990 die Zusammenarbeit mit Kevin Costner in „Eine gefährliche Affäre – Revenge“. In einigen Hercules-Fantasyspektakeln, die 1994 im Fernsehen gezeigt wurden, spielte er den Göttervater Zeus. „Die Kamera mag mich, aber nicht von allen Seiten. Ich bitte sie um Verständnis, dass ich nicht mehr 45, nicht einmal mehr 60 bin. Ich bitte sie, dass sie meine Fehler übersehen, dafür das Gute einfangen soll. Ich spreche mit der Kamera. Aber ich denke lieber nicht an sie.“

Die Kamera konnte der Vollblutschauspieler erst vergessen, als es ihm gelang, sich auch einen Namen als Maler, Bildhauer und Designer zu schaffen: Die Erfüllung eines Jugendtraums. Die Verkaufspreise seiner Plastiken und Bilder erreichen sechsstellige Beträge. Quinn verdient damit Millionen – Geld, das er für Unterhaltszahlungen und Abfindungen gut verwenden kann. Denn nach über 30 Ehejahren mit Iolanda heiratet er 1997 seine 48 Jahre jüngere ehemalige Sekretärin Kathy, mit der er nochmal zwei Kinder hat. Er soll Vater von insgesamt 13 Kindern von 5 Frauen sein. Vor der Scheidungsrichterin wurde damals schmutzige Wäsche gewaschen, denn der zu dieser Zeit 82-jährige untreue Hollywoodstar soll angeblich bei Auseinandersetzungen seine Ehefrau verprügelt haben. Im Jahr vor der Scheidung veröffentlichte er seine zweiten Memoiren „One Man Tango“, in denen er schrieb: „Ich bin tausend Mal geliebt worden, aber ich will immer noch mehr“.

Quinn privat in seinem Atelier. Quelle: https://cdn.prod.www.spiegel.de/images/e88b9dda-0001-0004-0000-000000835397_w1528_r1.4918625678119348_fpx60.97_fpy44.97.jpg

Sein lange gehegter Wunsch, einmal Picasso zu spielen, hat sich nicht mehr erfüllt. Seine letzte Ruhe fand der charismatische Schauspieler in einem Familiengrab auf dem Gelände seines Anwesens in Bristol (Rhode Island). Er schlägt die Menschen bis heute in seinen Bann. Sein Geheimnis liegt wohl in diesem Buchtitel „One Man Tango“ – so hat ihn sein Freund Orson Welles genannt. Er war zeitlebens der einsame Tänzer, der sich allein durchschlagen musste. Sein Aussehen kam ihm nicht zu Hilfe. Er spielte mit dem Herzen. Sattelfest in allen Genres, decken seine multikulturellen Jedermänner vom Eskimo bis zu Mohammeds Onkel, von Onassis bis zum Papst das gesamte Weltkino ab. Doch am ehesten sich selbst spielte Quinn als Sorbas: „Du willst keine Schererei? Was willst du denn sonst? Das ganze Leben ist eine Schererei, der Tod ist es nicht.“

Wegen solcher Sätze avancierte der meist zurückhaltend, ja fast schüchtern auftretende Kernphysiker zum „Staatsfeind Nr. 1“ des sowjetischen Geheimdienstes KGB: „Ich bin kein Theoretiker auf dem Gebiet der politischen Ökonomie. Ich denke einfach über das Glück, den Frieden und die Gerechtigkeit in der Welt nach und ich fühle, dass der totalitäre Sozialismus nicht effektiv ist, dass das System flexibler sein muss, menschlicher, föderalistischer.“ Dabei hatte zunächst nichts darauf hingedeutet, dass das Genie zu einem der führenden Dissidenten in der Sowjetunion werden würde: Andrei Dmitrijewitsch Sacharow, der am 21.Mai 1921 in Moskau als Sohn eines Physiklehrers und einer Pontosgriechin geboren wurde.

Geprägt von seinem Vater, der auch Lehr- und populärwissenschaftlichen Bücher zur Physik schrieb, schloss er 1938 die Oberschule mit Auszeichnung ab, begann im gleichen Jahr an der Lomonossow-Universität in Moskau Physik zu studieren, meldete sich 1939 freiwillig zur Roten Armee und beendete das Studium in Aschgabat, Turkmenistan, wohin er 1941 während des Zweiten Weltkriegs mit Teilen der Universität verlegt worden war. Von 1942 bis 1945 war er Ingenieur in einer Munitionsfabrik in Uljanowsk an der Wolga und studierte dann weiter am Lebedew-Institut der Sowjetischen Akademie der Wissenschaften, wo er mehrere Erfindungen auf dem Gebiet der Kontroll- und Messtechnik machte und 1947 in Kernphysik promoviert wurde – er arbeitete damals auf dem Gebiet der kosmischen Strahlung und blieb für Jahrzehnte Mitarbeiter der Theoretischen Abteilung.

Im Sommer 1948 wurde Andrei Sacharow Mitglied einer Arbeitsgruppe, die unter der Leitung von Igor Tamm mit der Entwicklung der sowjetischen Wasserstoffbombe beschäftigt war, und zog 1950 von Moskau in die geschlossene Stadt „Arsamas 16“, eine Spezialsiedlung, die Zentrum des sowjetischen Atombombenbaus wurde. Sacharow war dort einer der wissenschaftlichen Leiter des Programms für den Wasserstoffbombenbau, womit er fortan zur wissenschaftlich-technischen Elite der UdSSR gehörte und direkt mit den Partei- und Regierungschefs verkehren konnte. Er befasste sich mit der kontrollierten Kernfusion, in der er den Schlüssel zur Bewältigung ungelöster Menschheitsprobleme sah.

Sacharow 1969. Quelle: Von RIA Novosti archive, image #25981 / Vladimir Fedorenko / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=16787252

Gemeinsam mit Tamm entwickelte er die Konzeption für eine kontrollierte thermonukleare Reaktion: die sogenannte Tokamak-Anordnung. Von ihm stammen auch die Myonenkatalyse der Kernfusionsreaktion, die er „Kalte Fusion“ nannte, und der Einsatz gepulster Laserstrahlung zur Aufheizung von Fusionsbrennstoff. 1951 lieferte Sacharow Grundideen für den Flusskompressionsgenerator und schlug sogar vor, mit durch Nuklearexplosion betriebenen Generatoren Teilchenbeschleuniger zu bauen. Auch wissenschaftlich machte Sacharow eine rasante Karriere und habilierte sich im Juni 1953 auf dem Gebiet der Physik und Mathematik.

„unmenschliche Sachen“

Am 12. August 1953 wurde die erste sowjetische Wasserstoffbombe gezündet, zu der er die Konfiguration der beiden Sprengsätze und des Sprengstoffs sowie dessen Beschaffenheit (Lithiumdeuterid) beisteuerte. Im Oktober dieses Jahres wurde er jüngstes Vollmitglied der Akademie der Wissenschaften der UdSSR und insgesamt drei Mal mit dem Titel „Held der Sozialistischen Arbeit“ ausgezeichnet. 1953 erhielt er den Stalin- und 1956 den Leninpreis. Die größte je gezündete Wasserstoffbombe, die auf seinen Ideen beruhende Zar-Bombe, wurde ohne die letzte Spaltungsstufe 1961 getestet und hatte 50 bis 60 Megatonnen Sprengkraft. In dieser Zeit heiratete er seine Frau Klawdija und bekam mit ihr zwei Töchter und einen Sohn.

Sacharow sah seine Mitarbeit an der Wasserstoffbombe nicht nur als patriotische Pflicht, sondern auch als Dienst für die Menschheit und als Beitrag zur Verhinderung eines Dritten Weltkrieges. Jahre später schrieb er in seinen Erinnerungen: „Natürlich war ich mir darüber im Klaren, mit welchen schrecklichen, unmenschlichen Sachen wir uns beschäftigten. Doch der Krieg war noch nicht lange vorbei, und er war ebenfalls unmenschlich gewesen! In jenem Krieg war ich kein Soldat, aber nun fühlte ich mich als Soldat des wissenschaftlich-technischen Krieges. […] Mit der Zeit hörten wir von Begriffen wie strategisches Gleichgewicht, gegenseitige thermonukleare Abschreckung usw. oder kamen selbst auf diese. Auch jetzt noch denke ich, dass in diesen Ideen tatsächlich eine – wenn auch nicht vollständig überzeugende – intellektuelle Rechtfertigung für den Bau der Wasserstoffbombe und unserer Beteiligung liegt.“

Sacharow spricht am 28.05.1989 auf dem 1.Kongress der Volksdeputierten in Moskau (im Hintergrund Michail Gorbatschow). Quelle: https://static4.evangelisch.de/get/ccd/3lwxsK46LlJq2KUryzsG17N_00085031/i-62

Doch ab 1955 wurde ihm immer stärker bewusst, dass der Preis, den die Menschheit für die Sicherheit des nuklearen Gleichgewichts bezahlt, die globale Verseuchung durch radioaktive Zerfallsprodukte ist, die nach jeder Atomexplosion in der Atmosphäre oder unter Wasser zurückbleiben. Besonders beunruhigten ihn die biologischen Folgen der Verstrahlung. Sacharows Berechnungen zufolge konnten Atomtests in der Atmosphäre hunderttausende vorzeitige Todesfälle oder schwere Erkrankungen verursachen, von denen nicht nur gegenwärtige, sondern auch zukünftige Generationen bedroht waren. 1961 protestierte Sacharow gegen die Verletzung des Kernwaffenteststoppabkommens durch die UdSSR und ließ sich dabei auf einen Streit direkt mit Staats- und Parteichef Chruschtschow ein, der ihn daraufhin öffentlich rügte.

Im Herbst 1962 protestierte Sacharow gegen Pläne, zwei große Nukleartests in der Atmosphäre durchzuführen, die weder durch technische noch durch politische Erfordernisse gerechtfertigt wären. Er verlangte die Beschränkung auf nur eine Zündung, aber Chruschtschow ignorierte seine Proteste. Am 26. September explodierte über der Nordpolarinsel Nowaja Semlja die zweite, ausgerechnet unter Sacharows Leitung gebaute Atombombe. In seinen Erinnerungen schrieb er dazu: „Dieses furchtbare Verbrechen wurde verübt und ich konnte es nicht verhindern. Mich überwältigte ein Gefühl von Machtlosigkeit, Verbitterung, Scham und Erniedrigung. Ich stürzte mit dem Gesicht auf den Tisch und weinte. Das war sicher die schlimmste Lektion, die ich in meinem Leben erhalten habe: Man kann auf zwei Stühlen nicht sitzen.“

Genfer Atomteststopp-Verhandlungen

So konzentrierte er sich darauf, einen Atomteststopp in der Atmosphäre, im Weltraum und unter Wasser zu konzipieren, und präsentierte ihn der Regierung als Ausweg aus der Sackgasse der Genfer Atomteststopp-Verhandlungen. Dieser Kompromissvorschlag erwies sich als erfolgreich. 1963 unterzeichneten die UdSSR, Großbritannien und die USA den Moskauer Vertrag über das Verbot von Kernwaffenversuchen in der Atmosphäre, im Weltraum und unter Wasser. Später trat die Mehrzahl der Staaten diesem Abkommen bei. Die Öffentlichkeit wusste damals nichts von der Rolle, die Sacharow beim Abkommen gespielt hatte.

Grab Sacharows auf dem Friedhof Wostrjakowo. Quelle: Von A.Savin (Wikimedia Commons · WikiPhotoSpace) – Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=11216736

Das änderte sich 1967.  Zunächst unterschrieb Sacharow einen Appell von 25 Vertretern aus Wissenschaft, Literatur und Kunst an den XIII. Parteitag der KPdSU, in dem vor den Folgen einer möglichen politischen Rehabilitation Stalins gewarnt wurde. Dann schrieb Sacharow aus Anlass der Verhaftung von Alexander Ginsburg einen privaten Brief an den neuen Staats- und Parteichef Breschnew und unterzeichnete gemeinsam mit 167 Persönlichkeiten aus Wissenschaft und Kultur eine Petition an das Präsidium des Obersten Sowjets, die die Verabschiedung eines Gesetzes über Informationsfreiheit forderte. Diese Petition war die erste von Sacharow unterzeichnete öffentliche Erklärung, in der es um die Verteidigung der Menschenrechte ging.

Seit Anfang der 60er Jahre verbrachte Sacharow immer mehr Zeit in Moskau. Der Kreis seiner Bekannten erweiterte sich, Intellektuelle stießen dazu, die mit der entstehenden Dissidentenbewegung verbunden waren. Er wandte sich der Teilchenphysik und Kosmologie zu und steuerte zu letzterer die Erklärung der Baryonenasymmetrie des Weltalls bei. Hierfür stellte er drei Grundbedingungen auf, die Sacharowkriterien, die noch heute die Basis entsprechender Theorien bilden. Außerdem gab er wichtige Denkanstöße zum Thema Quantengravitation und war der erste, der Modelle mit über die Gravitationskraft verbundenen Universen untersuchte. Seine Massenformeln für Mesonen und Baryonen Mitte der siebziger Jahre werden seine letzten wissenschaftlichen Leistungen.

Sacharow verurteilte 1968 die Zerschlagung des reformkommunistischen Prager Frühlings und veröffentlichte im Juli das Memorandum „Gedanken über Fortschritt, friedliche Koexistenz und geistige Freiheit“, in dem er sich für internationale Abrüstung und Kernwaffen-Kontrolle einsetzte. Er betrachtete die „friedliche Koexistenz“ nicht nur als Verzicht auf militärische Konfrontation, sondern auch als Annäherung der zwei rivalisierenden politischen Systeme Sozialismus und Kapitalismus. Tatsächlich trat Sacharow damit als Anhänger der Konvergenztheorie von John Galbraith auf. Aus Sicht der sowjetischen Staatsideologie war das ein unverzeihlicher Verrat, er wurde aus dem sowjetischen Atomprogramm entlassen, woraufhin er anfing, sich der theoretischen Physik und seinen gesellschaftlichen Anliegen zu widmen. Mit der sowjetischen Invasion in Prag im August verliert er endgültig den Glauben an den Sozialismus.

„freien Republiken Europas“

Sein öffentliches Engagement unterbrach Sacharow 1969 wegen des Todes seiner Frau, bis er im Frühjahr 1970 wieder einen „Appell an die Partei- und Staatsführung“ richtete, in dem er zur Demokratisierung des Landes aufrief und ein konkretes Reformprogramm unterbreitete. Dabei zog er es vor, auf sich selbst gestellt zu handeln und keinen Organisationen beizutreten, mit Ausnahme des „Komitees für Menschenrechte in der UdSSR“. Über die Mitglieder und vor allem über ihn ergoss sich eine Lawine von Briefen und Besuchern vor allem aus der Provinz. Sacharow sah keinen Grund, den Menschen Hilfe zu verweigern und sich hinter dem Statut des Komitees zu verbergen – vor allem damals entstand in der Bevölkerung das Bild des großen Mannes, der bereit ist, den Kampf gegen jede Ungerechtigkeit der Staatsmacht aufzunehmen. 1971 protestierte er gegen die Praxis, Regimegegner in psychiatrische Kliniken einzuweisen.

East Side Gallery in Berlin: Bild Sacharows von Dmitri Wrubel. Quelle: Von Bundesarchiv, B 145 Bild-F086695-0013 / Lemmerz, Wolfgang / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 de, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=5473400

Seit 1972 in zweiter Ehe mit der Kinderärztin Jelena Bonner verheiratet, engagierte er sich für politische Häftlinge und Personen, die aus unterschiedlichen Gründen verfolgt wurden, fuhr zu Gerichtsprozessen, obwohl ihm der Zutritt zu Gerichtssälen verwehrt war, erteilte Interviews und organisierte Pressekonferenzen, so am 30. Oktober 1974, da der er über den Hungerstreik von politischen Häftlingen in mehreren Lagern informierte, nachdem er während des Nixon-Besuchs selbst einen Hungerstreik begann – seit 1991 wird an diesem Datum in Russland der „Tag der Erinnerung an die Opfer der politischen Repressionen“ begangen. Am 10. Dezember 1975 wurde Sacharow für seine Unterstützung Andersdenkender und sein Streben nach einer rechtsstaatlichen und offenen Gesellschaft der Friedensnobelpreis verliehen. Die sowjetische Regierung verbot ihm, zur Verleihung nach Oslo zu reisen. Den Preis nahm seine Frau entgegen. In den Augen des KGB wurde Sacharow damit zum „Staatsfeind“.

Nach Protesten gegen die sowjetische Intervention in Afghanistan wurde Sacharow am 22. Januar 1980 verhaftet und ohne Gerichtsprozess nach Gorki verbannt, wo er unter Aufsicht des KGB leben musste. Dort arbeitete er am Entwurf einer neuen sowjetischen Verfassung und erleidet mehrere Herzinfarkte. Jelena Bonner blieb sein einziger Kontakt zur Außenwelt, bis auch sie 1984 nach Gorki verbannt wurde. Im Dezember 1986 wurde die Verbannung Sacharows und Bonners aufgehoben. Parteichef Michail Gorbatschow bat ihn telefonisch, nach Moskau zurückzukehren und seine politische Tätigkeit fortzusetzen.

1988 wurde er in die Leitung der Sowjetischen Akademie der Wissenschaften berufen und ein Jahr später als Parteiloser in den Kongress der Volksdeputierten gewählt. Dort schloss er sich der interregionalen Arbeitsgruppe der Radikalreformer an und versuchte, die sowjetische Verfassung zu reformieren – er entwarf eine Staatsform, die seiner Meinung nach aus der UdSSR hervorgehen sollte: die „Föderation der freien Republiken Europas und Asiens“. Im Herbst 1989 war er Mitinitiator einer Kampagne für die Aufhebung der sechs Artikel der Verfassung der UdSSR, in denen die führende Rolle der Kommunistischen Partei festgeschrieben war. Anfang Dezember 1989 appellierte er auf den Sitzungen der „Interregionalen Abgeordnetengruppe“ dafür, einen Generalstreik zur Durchsetzung dieser Forderung auszurufen. Im selben Jahr wurde Sacharow Gründungsvorsitzender der russischen Gesellschaft Memorial, die die Geschichte der Gulag-Lager aufarbeitet.

Briefmarke 1991. Quelle: Von Scanned and processed by Mariluna – Personal collection, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=2724973

Die radikalen Veränderungen und den Zerfall der Sowjetunion erlebt er jedoch nicht mehr. Er stirbt am 14. Dezember 1989 nach einem weiteren Herzinfarkt. An seiner Beisetzung nahmen mehrere zehntausende Menschen teil. In den USA wurde er in mehrere wissenschaftliche Akademien gewählt. Ihm zu Ehren vergibt das Europäische Parlament jährlich den „Sacharow-Preis für geistige Freiheit“, eine Auszeichnung, die nicht vor Verfolgung und Repressionen schützt. Daneben existieren noch drei weitere Freiheitspreise mit seinem Namen. Die Universität Minsk ist nach ihm benannt, ein Asteroid, eine Brücke im niederländischen Arnheim sowie ein Park in Jerusalem.

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