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Er war einer der einflussreichsten Naturwissenschaftler seiner Zeit und wurde in Anspielung auf seinen Zeitgenossen Bismarck auch als „Reichskanzler der Physik“ bezeichnet. Dreimal gab es Initiativen, ihn zum Paten einer Maßeinheit zu machen. So unterbreitete 1939 der NS-Bund Deutscher Technik Hitler den Vorschlag, für die Einheit der Frequenz unter Beibehaltung der Abkürzung Hz ihn statt Hertz zu verwenden, da dieser jüdischer Abstammung sei. Der Vorschlag wurde nicht verwirklicht.  Dreißig Jahre später sollte die physikalische Einheit für das elektrische Doppelschichtmoment nach ihm benannt werden – ebenso erfolglos. Übrig blieb die Bezeichnung musikalischer Tonsymbole mit Kommata vor oder Apostrophen nach den Buchstaben wie „a’“ für den Kammerton, die nach ihm „Helmholtz-Schreibweise“ genannt wird:  Hermann Helmholtz, der am 31. August 1821 in Potsdam als ältester Sohn eines Gymnasial-Oberlehrers geboren wurde.

Seinem jüngeren Bruder Otto, der Ingenieur wurde, zeitlebens eng verbunden, besuchte Hermann zunächst das Gymnasium „Große Stadtschule“, an dem sein Vater als Direktor tätig war und von dem er schon zuvor in Philosophie sowie alten und neuen Sprachen unterrichtet worden war. Schon als 17jähriger hatte er großes Interesse an Physik, doch, wie alle Naturwissenschaften galt die als brotlose Kunst. Daher studierte Helmholtz ab 1838 Medizin am Medizinisch-chirurgischen Friedrich-Wilhelm-Institut in Berlin, wo er 1842 mit einer Arbeit in mikroskopischer Anatomie promoviert wurde. Schon früh engagierte er sich dafür, die Physiologie auf eine streng naturwissenschaftliche Grundlage zu stellen und die ominöse „Lebenskraft“ als Erklärungsmodell für physiologische Vorgänge zu verbannen. Bereits in diesem Jahr wies er den Ursprung der Nervenfasern aus Ganglienzellen nach.

Hermann von Helmholtz. Quelle: Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=74569

Obwohl er ein überdurchschnittlicher Absolvent war, deutete zunächst nichts auf eine akademische Karriere hin. Er arbeitete ein Jahr lang als Unterarzt an der Charité und diente ab 1843 in Potsdam als Militärarzt. Seine Ausbildung setzte er während dieser Zeit fort. Anerkennung in großem Stil verschaffte sich Helmholtz erstmals 1847 mit seiner Arbeit „über die Konstanz der Kraft“. Durch physiologische Untersuchungen über Gärung, Fäulnis und die Wärmeproduktion der Lebewesen, die er hauptsächlich auf Muskelarbeit zurückführte, gelangte er zur Ausformulierung des Energieerhaltungssatzes, also eines elementaren Gesetzes der Physik. Mit dieser Leistung ebnete sich Helmholtz im frühen Alter von 26 Jahren den Weg für seine wissenschaftliche Karriere. 1848 wurde er auf Empfehlung Alexander von Humboldts vorzeitig entlassen und unterrichtete Anatomie an der Berliner Kunstakademie.

Natur- kontra Geisteswissenschaften

Am 26. August 1849 heiratete er Olga von Velten und erhielt einen Ruf als Professor der Physiologie und Pathologie nach Königsberg, wo er sich vor allem mit der Physiologie von Auge und Ohr auseinandersetzte. In dieser Zeit gelang ihm seine bedeutendste Erfindung: Mit dem Augenspiegel machte Helmholtz erstmals die Netzhaut des menschlichen Auges sichtbar. Zudem verhalf er der von Thomas Young aufgestellten Dreifarbentheorie des Sehens zum Durchbruch: Sie beschreibt die drei Primärfarben Rot, Grün und Blau, aus denen man jede beliebige andere Farbe mischen kann – auch heute noch das Funktionsprinzip aller Farbfernsehbildschirme und Farbmonitore. Analog dazu vermutete er, dass es auch im Auge drei Typen von Rezeptoren gibt. Er erfand 1850 das Ophthalmoskop (Augenspiegel) zur Untersuchung des Augenhintergrundes, 1851 das Ophthalmometer zur Bestimmung der Krümmungsradien der Augenhornhaut sowie 1857 das Telestereoskop. 1852 gelang ihm außerdem die Messung der Fortpflanzungsgeschwindigkeit von Nervenerregungen.

Seine tuberkulosekranke Frau vertrug jedoch das raue Klima in Ostpreußen nicht. Unter Vermittlung von Alexander von Humboldt zog Helmholtz im Jahr 1855 nach Bonn, um dort den vakanten Lehrstuhl für Physiologie anzunehmen. Ab 1858 nahm Helmholtz eine gut bezahlte Professur in Heidelberg an. Im Dezember 1859 starb seine Frau Olga, die ihn mit zwei kleinen Kindern zurückließ. Am 16. Mai 1861 heiratete Helmholtz seine zweite Frau Anna von Mohl. Aus beiden Ehen gingen insgesamt fünf Kinder hervor: Drei Söhne und zwei Töchter, darunter der Eisenbahnkonstrukteur Richard von Helmholtz und Ellen von Siemens-Helmholtz, Ehefrau des Industriellen Arnold von Siemens. Bis 1870 wird er als erster Inhaber eines Physiologielehrstuhls an der Universität Heidelberg lehren, darunter mit Wilhelm Wundt als Assistent, sowie zeitweise als Rektor fungieren. In seiner noch heute aktuellen Rektoratsrede 1862 hatte er erstmals „Naturwissenschaften“ und „Geisteswissenschaften“ gegenübergestellt und die Schäden durch die Vernachlässigung rationaler naturwissenschaftlicher Schulbildung aufgezeigt.

Deutsche Sonderbriefmarke 1994 mit Helmholtz-Porträt, menschlichem Auge und Farbdreieck. Quelle: Von Deutsche Bundespost – scanned by NobbiP, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=12731216

Er entwickelte eine mathematische Theorie zur Erklärung der Klangfarbe durch Obertöne, die Resonanztheorie des Hörens, und darauf basierend „Die Lehre von den Tonempfindungen als physiologische Grundlage für die Theorie der Musik“ (1863). Mit der Aufstellung der Wirbelsätze (1858 und 1868) über das Verhalten und die Bewegung von Wirbeln in reibungsfreien Flüssigkeiten, lieferte Helmholtz wichtige Grundlagen der Hydrodynamik. 1858 wurde Hermann von Helmholtz zum korrespondierenden und 1870 zum auswärtigen Mitglied der Bayerischen Akademie der Wissenschaften gewählt. 1871 verzichtet er auf eine Berufung in Cambridge und kehrt schließlich nach Berlin zurück, wo er den sehr gut dotierten Lehrstuhl für Physik übernahm und zeitweise wiederum als Rektor wirkte. Mathematisch ausgearbeitete Untersuchungen über Naturphänomene wie Wirbelstürme, Gewitter oder Gletscher machten Helmholtz zum Begründer der wissenschaftlichen Meteorologie: Nur „die Mangelhaftigkeit unseres Wissens und die Schwerfälligkeit unseres Kombinationsvermögens“ ließen uns von der „wildesten Launenhaftigkeit des Wetters“ sprechen.

„er sich ebenso langweilte wie wir“

Mit seinen Vorlesungen hatte er wenig Erfolg: „Wir hatten das Gefühl, dass er sich selber mindestens ebenso langweilte wie wir“, berichtet Max Planck. Als Schüler hatte er eigentlich nur den ihm kongenialen Heinrich Hertz von 1879-83, der auch 1880 bei ihm promovierte. Zu den herausragenden späten Leistungen zählen die drei Abhandlungen über die „Thermodynamik chemischer Vorgänge“ (1882/1883). Hier wandte Helmholtz die Hauptsätze der Thermodynamik auf die Elektrochemie an und führte den Begriff der „freien Energie“ ein. Die Weite seines systematischen Denkens und seiner Interessen belegen seine erkenntnistheoretischen Arbeiten. Zu ihnen ist die auch auf die Wissenschaftsgeschichte eingehende Behandlung der Allgemeingültigkeit des ursprünglich auf mechanische Bewegungsvorgänge beschränkten „Prinzips der kleinsten Wirkung“ (1886) zu rechnen, die er durch „Das Prinzip der kleinsten Wirkung in der Elektrodynamik“ (1892) abschließt.

Statue vor der Humboldt-Uni Berlin. Quelle: Von Christian Wolf (www.c-w-design.de), Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=43131406

1886 entschließt er sich zur Aufgabe der Leitung des Institutes, nachdem er seinen theoretischen Untersuchungen zuliebe schon einige Jahre auf experimentelle Arbeiten verzichtet hat. Mit der Gründung der Physikalisch-Technischen Reichsanstalt, die er 1887 zusammen mit Werner von Siemens ins Leben rief, vollendete er seine wissenschaftliche Karriere. Bis zu seinem Tod war er Präsident der Reichsanstalt, die noch heute als Physikalisch Technische Bundesanstalt die Wissenschaft der exakten Messtechnik vorantreibt.

Viele Schicksalsschläge verdüsterten sein Leben in der letzten Phase, so der Tod seines Sohnes Robert und der seines Freundes Werner von Siemens. Im Sommer 1893 besuchte er die Weltausstellung in Chicago und verletzte sich auf der Rückreise schwer bei einem Ohnmachtsanfall. Am 8. September 1894 starb Helmholtz an einem zweiten Schlaganfall. Er fand seine letzte Ruhe auf dem Friedhof Wannsee; sein Grab ist seit 1967 als Ehrengrab der Stadt Berlin gewidmet. Der enorme Erkenntniszuwachs, den er im 19. Jahrhundert geschaffen hatte, wurde bald schon durch die Entdeckung der Röntgenstrahlung sowie der Radioaktivität und durch Albert Einstein Formulierung der Relativitätstheorie überholt, welche die Physik revolutionierten. Nach ihm sind nicht nur seit 1995 die Gemeinschaft Deutscher Forschungszentren, Schulen, Plätze sowie die Helmholtz-Medaille der Deutschen Gesellschaft für Akustik benannt, sondern auch Mond- und Marskrater sowie ein Asteroid.

Die eigentlich massentauglich erdachte Idee war auch online gut: der 1. Mopslauf des VfL Brandenburg Anfang April. Dabei sollten Kinder, Jugendliche, Rentner, ja ganze Familien alle 27 in den vergangenen Jahren „ausgewilderten Waldmöpse“ (sprich aufgestellten Bronzemöpse) in einem sieben Kilometer langen Parcours erlaufen, denn: „Ein Leben ohne Möpse ist möglich, aber sinnlos“, wie der aus der Havelstadt stammende deutsche Jahrhunderthumorist wusste. Dabei war er Werbung zeitlebens abgeneigt. Als ihn der Macher der FAZ-Kampagne „Dahinter steckt immer ein kluger Kopf“, Sebastian Turner, um eine Mitwirkung anfragte, winkte er ab. Turners Idee: Wenn er keine Werbung für ein Produkt mache, warum dann nicht dagegen? Er willigte ein. Das Motiv zeigt ihn auf einem Sofa liegend, eingeschlafen, die FAZ über dem Gesicht.

Seine Alleinerbinnen lehnten auch gegen jede Art Promotion mit ihm ab. Eine Firma vertrieb T-Shirts mit dem Satz „Früher war mehr Lametta“; dagegen gingen sie vor. Schon das Landgericht München hatte eine einstweilige Verfügung gegen den Hersteller zurückgewiesen, die nächste Instanz diesen Beschluss nun bestätigt. Seine Besonderheit und Originalität erfahre der Satz durch die „Einbettung in den Fernsehsketch ‚Weihnachten bei den Hoppenstedts‘ und die Situationskomik“. Blende man dies aus, handle es sich um einen „eher alltäglichen und belanglosen Satz“. Die Entscheidung ist rechtskräftig. Anders sah das mit seinen Kreationen aus: Ab Mitte der 1950er Jahre war er etwa für Paderborner Bier, Agfa, den Weinbrand Scharlachberg („Nimm’s leicht“) und die Tabakmarke Stanwell („Drei Dinge braucht der Mann“) aktiv. In Anzeigen und Trickfilmspots kamen seine Knollennasenmännchen zum Einsatz und gewannen mehr und mehr an Popularität.

Loriot. Quelle: Von Philipp von Ostau – Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=17816304

Manche Dialoge gingen nicht nur in die deutsche Medien-, sondern auch Sozialgeschichte ein, etwa die Frühstücksepisode „Das Ei ist hart“, die die Bundespost mit einer eigenen Briefmarke adelte:

Sie: „Ich nehme es nach viereinhalb Minuten heraus, mein Gott.“

Er: „Nach der Uhr oder wie?“

Sie: „Nach Gefühl. Eine Hausfrau hat das im Gefühl.“

Er: „Aber es ist hart. Vielleicht stimmt da mit deinem Gefühl was nicht.“

Der Sketch von 1977 schloss mit den ebenfalls legendären Sätzen: „Ich bringe sie um. Morgen bringe ich sie um.“ Der geniale Schöpfer dieser und vieler anderer Szenen, der freischaffende Zeichner, Autor, Regisseur, Moderator, Kostüm- und Bühnenbildner sowie Schauspieler Bernhard-Viktor Christoph Carl „Vicco“ von Bülow, der sich nach dem Wappentier seiner Familie, dem französischen Wort für Pirol, seit ca. 1950 „Loriot“ nannte, starb am 22. August 2011 in Ammerland bei Bad Tölz.

„seit Jahren täglich eine Flasche Wein“

Die Familie, ein altes mecklenburgisches Adelsgeschlecht mit gleichnamigem Stammhaus im Dorf Bülow bei Rehna, beginnt mit Godofridus de Bulowe (1229); der Name wird erstmals bei der Grundsteinlegung des Ratzeburger Doms 1154 urkundlich erwähnt. Zu seinen Verwandten zählt Reichskanzler Bernhard von Bülow. Geboren am 12. November 1923 als Sohn eines Polizeileutnants, lassen sich seine Eltern schon 1928 scheiden, so dass Vicco mit seinem ein Jahr jüngeren Bruder bei Großmutter und Urgroßmutter in Berlin und ab 1933 wieder beim erneut verheirateten Vater aufwächst und bis 1938 das Schadow-Gymnasium in Berlin-Zehlendorf besucht. Schon zu Schulzeiten war sein zeichnerisches Talent aufgefallen. Die Großmutter spielte ihm Mozart, Puccini und Bach auf dem Klavier vor, was seine Prägung für klassische Musik befördert. Die Familie zog dann nach Stuttgart, wo er das Eberhard-Ludwigs-Gymnasium 1941 mit Notabitur verließ. Hier sammelte er auch erste Erfahrungen als Statist in Oper und Schauspiel.

Anschließen begann er eine Offizierslaufbahn, war drei Jahre mit der 3. Panzer-Division an der Ostfront im Einsatz, wurde mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichnet und erreichte den Dienstgrad Oberleutnant. Sein jüngerer Bruder fiel im März 1945 im Oderbruch. Auf die Frage, ob er ein guter Soldat gewesen sei, antwortete er in einem Interview: „Nicht gut genug, sonst hätte ich am 20. Juli 1944 zum Widerstand gehört. Aber für den schauerlichen deutschen Beitrag zur Weltgeschichte werde ich mich schämen bis an mein Lebensende.“ Nach dem Krieg arbeitete er nach eigener Schilderung für etwa ein Jahr als Holzfäller im Solling, um sich Lebensmittelkarten zu verdienen 1946 vervollständigte er in Northeim das Notabitur und studierte auf Anraten seines Vaters bis 1949 Malerei und Grafik an der Kunstakademie in Hamburg.

Einer der Waldmöpse in Brandenburg. Quelle: Von Asio otus – Selbst fotografiert, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=47249877

Von 1950 an war er sowohl als selbständiger Werbegrafiker als auch als Cartoonist für das Hamburger Magazin Die Straße tätig. Er war ab 1951 verheiratet mit der Hamburger Kaufmannstochter Romi, einer ehemaligen Modeschülerin, und wurde Vater zweier Töchter Bettina und Susanne. Eine erste Comic-Serie „Auf den Hund gekommen“ für den Stern beendet Chefredakteur Henri Nannen nach sieben Folgen: „Ich will den Kerl nie wieder im Stern sehen!“ Umso erfolgreicher wurde er später für die Kinder-Ausgabe Sternchen, für die er ab 1953 „Reinhold das Nashorn“ zeichnete – 17 Jahre lang. 1954 fand der missglückte Zeitschriftenstart doch noch ein Happy-Ende: Loriot sandte die Zeichnungen auf Anraten einer Bekannten dem Schweizer Daniel Keel, der 1952 den Diogenes Verlag gegründet hatte und 44 der „lieblosen Zeichnungen“ veröffentlichte. So begann eine lebenslange Zusammenarbeit; Loriot publizierte fortan fast ausschließlich bei Keel.

Eine Kooperation mit dem Martens-Verlag (Weltbild, Quick) endete 1961 auch im Unfrieden: Bülow hatte in der 100. Folge seiner Kolumne Der ganz offene Brief den Zorn von Winzern und Weinhändlern auf sich gezogen, obwohl er „seit Jahren täglich eine Flasche Wein leere“. Er nahm inzwischen auch kleinere Rollen als Schauspieler an, etwa in Bernhard Wickis Filmen „Die Brücke“ (1959) und „Das Wunder des Malachias“ (1961). 1962 gestaltete er das Titelblatt der ersten Ausgabe der Satirezeitschrift pardon und zog ein Jahr später nach Ammerland, das ihn später zum Ehrenbürger machen sollte. 1967 begann dann seine Arbeit fürs Fernsehen. Für Serien wie „Telekabinett“, „Cartoon“ und „Loriot I bis VI“, beim Südwestfunk und bei Radio Bremen entstanden, sollte Loriot ursprünglich nur die Sketche schreiben – vom Spielen war keine Rede. Bis sich herausstellte, dass für Profi-Akteure kein Geld da war: „Dann machen Sie es doch selbst.“ Er machte.

„Na warte“

1971 schuf er mit dem Zeichentrick-Hund Wum ein Maskottchen für die „Aktion Sorgenkind“ in der ZDF-Quizshow „Drei mal Neun“, dem er anfangs selbst auch die Stimme lieh. Zu Anfang noch der treue Freund eines Männchens, des eigentlichen Maskottchens, stahl er dem jedoch mehr und mehr die Show und verdrängte es schließlich völlig. Zu Weihnachten 1972 wurde Wum dann zum Gesangsstar: Mit dem Titel „Ich wünsch’ mir ’ne kleine Miezekatze“ mit von Bülows Sprechgesang belegte er für neun Wochen die Spitze der deutschen Hitparade. Wum blieb auch in der Nachfolgesendung „Der Große Preis“ bis in die 1990er Jahre hinein als Pausenfüller erhalten, bald schon als Duo zusammen mit dem Elefanten Wendelin und später dem außerirdischen Blauen Klaus.

Wum und sein Schöpfer. Quelle: https://cdn1.stuttgarter-zeitung.de/media.media.62745e47-0a7b-4d12-8c19-8ed16935b852.original1024.jpg

1976 entstand mit Loriots sauberer Bildschirm die erste Folge der sechsteiligen Personality-Serie „Loriot“ bei Radio Bremen, in der er sowohl Zeichentrickfilme als auch Sketche präsentierte. Die Serie mit köstlicher bis absurder Situationskomik wie „Herren im Bad“, „Auf der Rennbahn“ oder „Weihnachten bei Hoppenstedts“ gilt als Höhepunkt seines Fernsehschaffens und machte ihn zu einem festen Bestandteil deutscher Fernseh-, Literatur-, Kultur- und Sozialgeschichte. Dabei geht es oft um die „Tücke des Objekts“, noch häufiger aber um Kommunikationsstörungen, zumal zwischen Frau und Mann, die aneinander vorbeireden. Einige Erfindungen und Formulierungen Loriots wurden im deutschen Sprachraum Allgemeingut, etwa das Jodeldiplom oder die Steinlaus, die sogar mit einem Eintrag im Pschyrembel, dem alphabetischen Verzeichnis der gebräuchlichsten und wichtigsten Begriffe der Medizin, vertreten ist; aber auch Sätze wie „Da hab’ ich was Eigenes“, „Das ist fein beobachtet“, „Das Bild hängt schief!“ oder „Frauen haben auch ihr Gutes“. Auffallend ist, neben gekonnt eingesetzten schlüpfrigen Akzenten, der meisterhafte Gebrauch der deutschen Sprache. 1978 auf seinen Wunsch eingestellt, werden viele Sketche der Reihe bis heute wiederholt.

Seine Sketchpartnerin Evelyn Hamann entsprach anfangs gar nicht seiner Idealvorstellung: Eigentlich war er auf der Suche nach einer „kleinen, blonden, pummeligen Hausfrau“ und sagte zu Hamann, nachdem sie ihm vorgespielt hatte: „Liebe Frau Hamann, wenn Sie auf unsere Kosten mehrere Wochen täglich Schweinshaxen essen, meinen Sie, Sie werden dann fülliger?“ Jahrelang spielte sie an Loriots Seite – und überzeugte die Kritiker auf ganzer Linie. Mit unbewegter Miene und hanseatisch trockenem Humor schrieb sie Fernsehgeschichte, etwa als Hildegard in dem Sketch „Die Nudel“ beim Treffen mit Bülow als eitlem Verehrer, dem eine Nudel hartnäckig im Gesicht klebt („Bitte sagen Sie jetzt nichts, Hildegard“), oder „Englische Ansage“, in der sie über die vielen „th“ in Orts- und Personennamen schier den Verstand verliert. Sie verstand sich mit ihm zuletzt blind. Unvergessen bleibt 2007 sein Nachruf bei Beckmann: „Liebe Evelyn, dein Timing war immer perfekt. Nur heute hast du die Reihenfolge nicht eingehalten.“ Und nach einer Pause schließlich mit ganz feinem Lächeln: „Na warte.“

Loriot und Hamann während einer Lesung. Quelle: Von Ralf Zeigermann – Flickr: loriot5, CC BY 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=30858811

Die achtziger Jahre kann man als Loriots musikalisches Jahrzehnt beschreiben. 1982 dirigierte er das „humoristische Festkonzert“ zum 100. Geburtstag der Berliner Philharmoniker. Wiederholt führte er seine Erzählfassung des „Karnevals der Tiere“ auf.  Als Regisseur inszenierte Loriot die Opern „Martha“ (Stuttgart, 1986) und „Der Freischütz“ (Ludwigsburg, 1988). Seit 1992 wird seine Erzählfassung von Wagners „Ring des Nibelungen“ in Mannheim aufgeführt. Bis 2006 moderierte er auch die Operngala zugunsten der Deutschen AIDS-Stiftung, seine Moderationstexte bildeten später den Grundstock für „Loriots kleinen Opernführer“. Für Leonard Bernsteins Operette „Candide“ verfasste er neue Texte für eine konzertante Aufführung, welche die Handlung besser verständlich machten und dem Stück in Deutschland zu neuer Popularität verhalfen.

„Lieber Gott, viel Spaß!“

1988 drehte Loriot als Autor, Regisseur und Hauptdarsteller den Film Ödipussi. Die Geschichte um ein neurotisches Muttersöhnchen lockte 4,6 Millionen Zuschauer in die Kinos. 1991 folgte dann Pappa ante portas, in dem er den heimischen Haushalt betriebswirtschaftlich zu organisieren suchte und daneben auch einen Straßenmusiker mit Geige und den Dichter Lothar Frohwein mit Schluckauf bei einer Lesung spielte: „Kraweel, Kraweel!“ 34 Mal musste Hamann durch einen Hundehaufen laufen – erst bei der letzten Aufnahme war es Loriot beiläufig genug. „Die getreulichste Spiegelung der bundesrepublikanischen Wirklichkeit findet sich zweifellos bei Loriot“, schrieb die „FAZ“ und stellte fest: „Er allein hat die Archetypen der Bonner Republik entworfen, Männlein wie Weiblein.“ Ein „Rinnsal seniler Sketche“ eines „emeritierten preußischen Spaßadlers“ nannte dagegen der Spiegel den Film, den 3,5 Millionen Zuschauer sahen. Unter dem Titel „Wo es um Freundschaft geht“ präsentierten Loriot und Walter Jens 1994 in Hamburg, Wien und Zürich Ausschnitte aus dem Briefwechsel zwischen Friedrich dem Großen und Voltaire. In München las Loriot 1996 aus Thomas Manns Werken. In jenem Jahr soll er der meistgespielte Bühnenautor in Deutschland gewesen sein.

Bronzereplik des Loriot-Sofas mit Mops vor dem Funkhaus von Radio Bremen (2013). Quelle: Von Skulptur: Herbert Rauer; Foto: Wikiuka – Eigenes Werk : Wikiuka, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=30142157

Loriot gründete in seiner Geburtsstadt Brandenburg die Vicco-von-Bülow-Stiftung, die den Erhalt von Denkmälern und Kunstschätzen fördert, aber auch bedürftige Einwohner der Stadt unterstützt. Er gehörte dem im August 2004 in München aus Protest gegen die Rechtschreibreform gegründeten Rat für deutsche Rechtschreibung e. V. als Ehrenmitglied an und gab im April 2006 Loriot bekannt, sich als Fernsehschaffender zurückzuziehen: Seiner Meinung nach war in diesem Medium wegen der entstandenen Schnelllebigkeit keine humoristische Qualität mehr zu erzielen. Zudem beklagte er, der für einen Sketch Mitte der siebziger Jahre noch 1.500 Mark bekam, die Ökonomisierung der Unterhaltungsbranche. Als er starb, galt er bereits als „größter Unterhalter der Nachkriegszeit“: Schon 2007 landete er bei der ZDF-Sendung „Unsere Besten – Komiker & Co“ auf Platz eins vor Heinz Ehrhardt. Eine Woche nach seinem Tod wurde er in Berlin beigesetzt.

Bundestagspräsident Norbert Lammert würdigte Bülow als eine der großen Persönlichkeiten, die das kulturelle Leben in Deutschland über Jahrzehnte geprägt und als Loriot ganz wesentlich dazu beigetragen habe, „dass die Deutschen ein gelassenes Bild ihrer Mentalität und Gewohnheiten gewinnen konnten“. „Für unsere Nation war er so etwas wie ein heimlicher Bundespräsident. Hätte er jemals tatsächlich zur Wahl gestanden, er wäre vollkommen zu Recht im ersten Wahlgang mit absoluter Mehrheit gewählt worden“, so Komikerkollege H.P. Kerkeling. Manche nannten ihn „Karl Valentin des Cartoons“, „Deutschlands komischste Figur“ oder „Legende des anspruchsvollen Humors“ (Horst Seehofer). Der Art Directors Club trauerte um sein Ehrenmitglied in einer Zeitungsanzeige mit den Worten: „Lieber Gott, viel Spaß!“

Ein warmer Aufwind brachte den Tod. Als er am 9. August 1896 seinen selbstgebauten Segelgleiter beim brandenburgischen Örtchen Stölln in eine sogenannte Sonnenbö steuerte, richtete sich das Fluggerät zunächst auf und blieb dann quasi in der Luft stehen. In einem verzweifelten Steuermanöver warf er noch Beine und Oberkörper nach vorn – doch das reichte nicht, um einen Absturz aus 15 Metern Höhe zu vermeiden. Der Pilot brach sich die Halswirbelsäule und habe unmittelbar nach dem Absturz zu seinem Mechaniker gesagt: „Ist nicht so schlimm, kann mal vorkommen. Ich muss mich etwas ausruhen, dann machen wir weiter“. Er wurde – bereits im Koma – in die Berliner Uniklinik kutschiert und starb am folgenden Tag. „Opfer müssen gebracht werden“, sollen seine letzte Worte gewesen sein – auch wenn dieser angeblich letzte Satz in Wahrheit erst 1940 an seinem Berliner Ehrengrab angebracht wurde: Otto Lilienthal, der bis heute als der deutsche Flugpionier gilt.

Geboren wurde er am 23. Mai 1848 als erstes von acht Kindern eines Tuchhändlers und einer studierten Musikerin in Anklam. Fünf Geschwister starben im Alter von wenigen Monaten oder Jahren. Als die Familie in wirtschaftliche Schwierigkeiten geriet und nach Amerika auswandern wollte, durchkreuzte der plötzliche Tod des Vaters den Plan. Die Mutter verdiente den Lebensunterhalt für sich und ihre drei Kinder durch ein kleines Putzgeschäft sowie durch Erteilen von Musikunterricht und gelegentliche Auftritte als Konzertsängerin. 1856 bis 1864 besuchte Otto Lilienthal das örtliche Gymnasium. Gemeinsam mit seinem ein Jahr jüngeren Bruder Gustav, dem er über zahlreiche Projekte und Erfindungen zeitlebens eng verbunden blieb, studierte er bereits dort den Flug der Störche, die über die Felder der pommerschen Landschaft glitten, führte erste Flugexperimente durch und baute ein erstes kindliches Flügelpaar. „Fliegen wie ein Vogel“ – dieser Traum setzte sich in ihm fest.

Otto Lilienthal. Quelle: Von Photographer: A. Regis – http://www.lilienthal-museum.de/olma/images/f0061.jpg, originally uploaded to en by User:Michael Shields, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=36359

1866 erhielt er an der Gewerbeschule in Potsdam sein Reifezeugnis „mit Auszeichnung“, absolvierte dann in der Firma Schwartzkopf ein einjähriges Praktikum im Fach Maschinenbau und besuchte im Anschluss daran bis 1870 die Königliche Gewerbeakademie in Berlin. Er lebte in dieser Zeit als „Schlafbursche“ und musste sein Bett mit einem Droschken- und einem Rollkutscher teilen, wie er in einer Chronik berichtete. 1867 und 1868 bauten die Brüder Lilienthal in Anklam Experimentiergeräte zur Erzeugung von Auftrieb durch Flügelschlag. Das Ergebnis war eine maximal hebbare Masse von 40 kg. Zu den entscheidenden Experimenten wurden die darauf folgenden Untersuchungen des gewölbten Flügels in der Luftströmung ohne Flügelschlag. Nach seinem Studium meldete sich Lilienthal für ein Jahr zur freiwilligen Teilnahme am deutsch-französischen Krieg und erlebte als Infanterist die Belagerung von Paris.

„Vogelflug als Grundlage der Fliegekunst“

Danach arbeitete er in der Zeit von 1871 bis 1880 für die Berliner Maschinenbaufirma Weber und war teilweise parallel als Konstruktionsingenieur für das Maschinenunternehmen C. Hoppe in Berlin tätig. In dieser Zeit war er an der Entwicklung von Bergbaumaschinen beteiligt: Das Patent auf eine Schrämmaschine führte zwar zu einer Serienfertigung, jedoch nicht zu einem eigenen Unternehmen, das er mit Gustav, der inzwischen Architekt war, anstrebte. In dieser Zeit fing Lilienthal an, öffentlich Vorträge über die Probleme des Fliegens zu halten. 1874 experimentierte Lilienthal mit ebenen und gewölbten Tragflügeln, um die Luftkräfte zu messen. Dazu führte er Versuche mit Drachen und Flugmodellen durch, bei denen Schwester Marie protokollierte. Bei Messungen mit Mehrkomponentenwaagen erkannte er die kraftsparenden Eigenschaften gewölbter Flügel und ermittelte genaue Werte für Auftrieb und Widerstand bei verschiedenen Anstellwinkeln.

1878 heiratete Lilienthal die sächsische Bergmannstochter Agnes Fischer, mit der er vier Kinder hatte. Im Jahr darauf entwickelte er mit Gustav ein Baukastensystem für Kinder mit Steinen aus Firnis, Kreide und Sand, deren Vermarktung aber ebenfalls nicht gelang. Schon 1880 verkauften sie das Herstellungsverfahren an den Geschäftsmann Friedrich Adolf Richter aus Rudolstadt, der sofort ein Patent anmeldete und die Steine im Rudolstädter „Anker-Werk“ produzieren ließ. Unter diesem Namen traten sie ihren Siegeszug an – die Brüder Lilienthal konnten sich nur noch verschiedene Auslandspatente für ihre Erfindung sichern und stritten bis 1887 mit Richter, der letztlich gewann. Dem Erfolg konnten die Unstimmigkeiten aber nichts anhaben: Über drei Milliarden Anker-Bausteine wurden hergestellt, Albert Einstein, Erich Kästner und Walter Gropius sollen damit gespielt haben.

Versuchsflug 1891. Quelle: Von Carl Kassner – reproduction of the photograph, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=1537307

Der dritte Versuch als Unternehmer war dann erfolgreich. 1881 erhielt Lilienthal ein Patent für einen Schlangenrohrkessel, das den erhofften Erfolg brachte: Zusammen mit einer kleinen Wand-Dampfmaschine entstand der Lilienthalsche Kleinmotor, der ab 1883 in einer eigenen Firma hergestellt wurde, die schnell zur Fabrik mit bis zu 60 Mitarbeitern anwuchs und auch Akkordsirenen für Nebelhörner produzierte. Es folgten weitere 19 Patente, darunter vier Luftfahrtpatente. Mit dem Ethiker Moritz von Egidy bekannt und sozial engagiert, beteiligte er seine Arbeiter mit 25 % am Unternehmensgewinn und richtete eine Volksbühne im Berliner Ostend-Theater ein.

War er zusammen mit Gustav schon 1873 Mitglied in der „Aeronautical Society of Great Britain“ geworden, trat er 1886 dem „Deutschen Verein zur Förderung der Luftschifffahrt“ in Berlin bei. In diese Zeit fallen auch die ersten Versuche mit Fluggeräten, die einen Menschen transportieren. Als er Ende der 1880er Jahre ein Patent auf den gewölbten Tragflügel anmelden wollte, musste er konstatieren, dass ihm der Engländer Horatio F. Phillips zuvor gekommen war, der 1907 den ersten bemannten Motorflug in Großbritannien absolvieren wird. All seine Erfahrungen und Erkenntnisse bis hierhin verwertete Lilienthal 1889 in „Der Vogelflug als Grundlage der Fliegekunst“. Als Protagonist des „Schwerer als Luft-Prinzips“ war er überzeugt: „Die Nachahmung des Segelflugs muss auch dem Menschen möglich sein, da er nur ein geschicktes Steuern erfordert, wozu die Kraft des Menschen völlig ausreicht.“ Das bis dahin favorisierte „Leichter als Luft-Prinzip“ der Ballonfahrten geriet ins Hintertreffen. Die im Buch enthaltene graphische Darstellung des Zusammenhangs zwischen Auftrieb und Widerstand unter Angabe des Anstellwinkels ist in dieser Form noch heute üblich und wird als Lilienthalsche Polare bezeichnet. Nach der Veröffentlichung experimentiert er ohne Gustav weiter.

Der Todesapparat von 1896. Von Autor unbekannt – Ursprung unbekannt, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=268849

Im März 1891 gelang ihm ein Gleitflug zwischen Derwitz und Krielow nahe Potsdam über die Distanz von mehr als 25 Metern. 1892 setzte Lilienthal seine Flugversuche mit neuen Geräten fort. Dabei gelangen ihm in Gollenberg bei Stölln bahnbrechende Gleitflüge bis zu einer Weite von 250 Metern. Auch im Flugzeugbau experimentierte der emsige Forscher weiter. Unter seinen Flugapparaturen befand sich auch ein Flügelschlagapparat, der für einen Motorantrieb vorgesehen war. Zwischen 1890 und 1896 konstruierte Lilienthal rund 30 Flugapparate, die er zu mehr als 2.000 Flugversuchen in Berlin und Umgebung einsetzte und dabei sagenhafte Weiten von über 400 Metern erreichte. Sein so bezeichneter „Normalsegelapparat“ ging 1894 in Serie und wurde zum Stückpreis von 500 Mark neunmal verkauft. Den ersten erwarb der Schweizer Industrielle Charles E. L. Brown, einer der beiden Gründer des Elektrotechnikkonzerns „Asea Brown Boveri“, einen weiteren der amerikanische Zeitungsmogul William Hearst.

„Er war wohl zu wagemutig“

Die Reise-, Transport- und Verkehrsdimension seiner Entdeckung sei Lilienthal nicht bewusst gewesen, ist der stellvertretende Direktor des Otto-Lilienthal-Museums Anklam, Peer Wittig, auf dem Portal heise.de überzeugt. Lilienthal habe in seinem Normalsegelapparat in erster Linie ein Sportfluggerät gesehen. In einem Brief an Egidy schwärmt Lilienthal aber trotzdem von den friedensstiftenden Möglichkeiten der Fliegerei. „Die Grenzen der Länder würden Ihre Bedeutung verlieren, weil sie sich nicht mehr absperren lassen; die Landesverteidigung, weil zur Unmöglichkeit geworden, würde aufhören, die besten Kräfte der Staaten zu verschlingen, und das zwingende Bedürfnis, die Streitigkeiten der Nationen auf andere Weise zu schlichten als den blutigen Kämpfen um die imaginär gewordenen Grenzen, würde uns den ewigen Frieden verschaffen.“ In diesem Punkt, sagt Wittig, habe sich Lilienthal gewaltig geirrt.

Denkmal bei Krielow/Derwitz für die ersten Flüge 1891. Von Doris Antony, Berlin – photo taken by Doris Antony, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=757742

1895 unternahm Lilienthal mehrere Auslandsreisen, um sich im Kontakt mit anderen Flugforschern und -technikern auszutauschen. In diese Zeit fallen auch seine ersten Flugversuche mit Doppeldeckern. Zu den Erkenntnissen, die er bei seinen Konstruktionen und ihrer Erprobung gewann, gehören die Entdeckung des Vorteils von an der Vorderkante des Flügels verdickten Profilen und die Zweckmäßigkeit scharfer Hinterkanten – Ergebnisse, die für den Flugzeugbau heute allgemeingültig sind. Über Lilienthals Flüge wurde im In- und Ausland berichtet; die sensationellen Flugfotografien erschienen in wissenschaftlichen und populären Veröffentlichungen vieler Länder. Regelmäßig erschienen seine Artikel in der Zeitschrift für Luftschifffahrt und Physik der Atmosphäre sowie in der populären Wochenschrift Prometheus, Übersetzungen in den USA, Frankreich und Russland. Die Gebrüder Wright verwendeten Lilienthals Arbeiten als Grundlage für den Bau ihres ersten flugfähigen Motorflugzeugs der Welt: „Der deutsche Ingenieur Otto Lilienthal lieferte wohl den größten Beitrag zur Lösung des Flugproblems, der je von einem Mann geleistet wurde“, schrieb Wilbur Wright 1901.

Mit Lilienthals Tod auf einem seiner Normalsegelapparate endete Deutschlands Vorreiterrolle im Flugwesen mit Tragflächen; ein gleichermaßen mutiger wie systematischer Nachfolger fand sich nicht. Er war der erste, der die Wirkung verschiedener Flügelprofile systematisch vermaß und dokumentierte, aufbauend auf diesen Messungen kontrolliert geflogen ist und seine Erkenntnisse regelmäßig publizierte. Und schließlich war er der erste, der einen Flugapparat zur Serienreife entwickelte und verkaufte. Porträts und Flugapparate Lilienthals dienten als Würdigung der technischen Pionierleistung auf Briefmarken, Medaillen und in anderer Form in vielen Ländern als Vorlage. Häufig ist die Darstellung mit dem Ikarusmotiv verbunden. Schulen, Straßen, Vereine und Körperschaften tragen seinen Namen, darunter die Otto-Lilienthal-Kaserne im fränkischen Roth.

Gedenkstein an der Absturzstelle. Von Jo-ra-be – Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=101183000

Vor fünf Jahren bauten Forscher des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) den 20 Kilogramm schweren, 6,70 Meter breiten Normalsegelapparat aus Weidenholz und Stoff nach und testeten ihn im Windkanal. Bei Windgeschwindigkeiten von bis zu zehn Metern pro Sekunde zeigte er sich verblüffend modern in seinen Leistungswerten: „Aus den Daten lässt sich auf den ersten Blick keine kritische Flugeigenschaft ableiten, die Lilienthal in Gefahr bringen musste“, sagt Physiker Henning Rosemann dem Spiegel. Um alle drei Achsen stabil, gutmütige Flugeigenschaften: „Je länger man sich mit dem Fluggerät beschäftigt, desto mehr Hochachtung bekommt man“. Wohl auch, weil das Fliegen ein Kraftakt ist: der Pilot hängt wie ein Reckturner zwischen den Flügeln und steuert allein mit Körperbewegungen. Eine technische Todesursache wurde ausgeschlossen – Overconfidence, zu großes Vertrauen, nennt man das Problem bei heutigen Piloten: Die Böe zu stark, der plötzliche Anstellwinkel zu steil. „Er war wohl zu wagemutig“, so Rosemann. „Das hat ihn das Leben gekostet.“

Zwar findet die Documenta 15 wie geplant kommenden Sommer statt. Doch sie ist kulturhistorisch ins Visier linker Kritik geraten: Nazi-Vorwürfe befeuern alte und neue Schuld-/Opfer-Identitäten als weiteren Auswuchs von Identitätspolitik, der die Politisierung von Kunst weiter vorantreibt.

Meine neue Tumult-Kolumne, die gern geteilt werden kann.

Wohl für eine „Professorenidee“ hielt Bismarck die Vorstellung, dass in einem geeinten Land mit einer modernen Verwaltung und einer aufblühenden Industrie und Medienlandschaft auch die Rechtschreibung genormt werden müsse. Zwar war um 1800 die Vereinheitlichung der deutschen Rechtschreibung schon recht weit gediehen: Goethe und Schiller richteten sich nach Johann Christoph Adelungs Wörterbuch (1774–1786), könnte man etwas vereinfacht sagen. Und dieser erste wissenschaftlich vorgehende Wörterbuchautor orientierte sich an der Rechtschreibung von Martin Luthers Meißner Kanzleisächsisch, die seit drei Jahrhunderten vor allem die Drucker nach und nach immer klarer geregelt hatten.  

Das änderte sich im Zuge der frühbürgerlichen Revolution ausgerechnet durch Jakob Grimm, der, getrieben von der romantischen Idee, dass im Mittelalter alles besser gewesen sei, die Rechtschreibung der Gegenwart durch die Wiedereinführung mittelhochdeutscher Schreibgewohnheiten reformieren wollte: So schlug er radikale Kleinschreibung und die Ersetzung von ß durch sz vor. Der Mediävist Karl Weinhold forderte gar, man sollte künftig leffel statt Löffel schreiben, weil sich das unhistorische ö nur durch fehlerhafte Aussprache seit dem Mittelhochdeutschen eingeschlichen habe. Die Anhänger Grimms und Weinholds wurden deshalb von ihren Gegnern als „leffel-Fraktion“ verspottet.

Diese Gegner nannten sich „fi-Partei“. Als Vertreter des phonetischen Prinzips „Schreibe, wie du sprichst“ wollten sie die Buchstaben f, v und ph durch ein einheitliches f ersetzen und das Dehnungs-h weitgehend abschaffen – dann hätte man nicht mehr „Vieh“, sondern „fi“ geschrieben. Aber leichter gesagt als getan, denn man hatte nur lateinische Buchstaben, und für einige Laute der deutschen Sprache gab es keine Zeichen. Zum Beispiel für das „ch“ wie in „Becher“ oder das „sch“ wie in „Schwer“. Zeichenkombinationen mussten helfen. Beide Lager trafen auf der Berliner „Orthograpischen Konferenz“ 1876 aufeinander: Der preußische Kultusminister nahm die reichsweit einheitliche, verbindliche Regelung der Rechtschreibung in die Hand, nachdem als erstes Land Hannover im Jahr 1855 verbindliche Regeln für die Schulorthografie aufgestellt und Württemberg nachgezogen hatte.

Konrad Duden. Quelle: Von unknown / неизвестен – here / здесь, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=16045787

Auf der Konferenz setzten sich mit demokratischer Mehrheit die „fi“-Phonetiker durch. Bismarck tobte, verbot die neue Rechtschreibung in Preußen und drohte, „jeden Diplomaten in eine Ordnungsstrafe zu nehmen, welcher sich derselben bediene“. Der Abgeordnete Lucius notierte, was der Reichskanzler dachte: „Man mute den Menschen zu, sich an neue Maße, Gewichte und Münzen zu gewöhnen, verwirre alle gewohnten Begriffe, und nun wolle man auch noch eine Sprachkonfusion einführen. Das sei unerträglich.“ Einen Monat später erklärte Kultusminister Falk die Konferenz für gescheitert. Den Zug zur Einheitsschreibung konnte Bismarck damit aber nur entschleunigen, nicht aufhalten. Denn ein Vertreter der „fi-Fraktion“ nahm die schon existierenden Regelbücher, verglich sie, ermittelte die häufigsten Schreibweisen, von denen man annehmen konnte, sie würden sich mittelfristig durchsetzen, und legte das Resultat vier Jahre später vor: Konrad Duden, der am 1. August vor 110 Jahren in Sonnenberg starb.

Beurteilung nach Sprachtradition des Lehrers

Er war am 3. Januar 1829 als zweiter Sohn eines Gutsbesitzers, Branntweinbrenners und Eisenbahnbeamten auf Gut Bossigt in Lackhausen bei Wesel am Niederrhein geboren worden. 1833 zog seine Familie in die Altstadt von Wesel, wo er 1846 sein Abitur ablegte. Danach studierte er vier Semester Geschichte, Germanistik und Philologie in Bonn, wo er der Studentenverbindung Germania beitrat. Im Revolutionsjahr 1848 beteiligte sich Duden an den Demonstrationen der Burschenschaften, brach das Studium aus finanziellen Gründen ab und nahm eine Stelle als Hauslehrer in Frankfurt an, um seinen Lebensunterhalt zu finanzieren. Bis 1854 war er bei der Familie des Senators Eduard Franz Souchay beschäftigt und unternahm ausgedehnte Studienreisen nach England und in die Schweiz.

1854 holte er mit besonderer Genehmigung das Staatsexamen an der Universität Bonn nach und promovierte im gleichen Jahr „in absentia“, also mit schriftlich eingereichter Arbeit und ohne mündliche Prüfung, in Marburg. Die an die Promotion anschließende Referendarzeit in Soest bricht Duden vorzeitig ab und nimmt eine Hauslehrerstelle in Genua an. Hier lernt er Adelinde Jakob kennen, die Tochter des deutschen Konsuls, die er 1861 heiraten und mit ihr sechs Kinder bekommen wird. Zwei Jahre zuvor war er nach Deutschland zurückgekehrt und hatte eine Stelle als Prorektor an einem Soester Gymnasium angenommen. Nach zehn Jahren wechselt er 1869 als Gymnasialdirektor ins thüringische Schleiz.

Geburtsort Gut Bossigt. Quelle: Von Stahlkocher – Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=1905458

Hier stellt er 1871 erstmals Regeln zur Rechtschreibung nach dem phonetischen Prinzip zusammen. Denn in Schleiz trafen fränkische, thüringische und sächsische Dialekte zusammen, so dass die Beurteilung der Orthographie eines Schülers davon abhing, aus welcher Sprachtradition der jeweilige Lehrer kam: was bei dem einen richtig war, strich der andere als Fehler an. Durch sein Standardwerk hatte Duden insbesondere bildungsfernen Schichten das Lesen und Schreiben erleichtern wollen. Diese Schrift, zum Gebrauch in seinem Gymnasium bestimmt, war bald in Fachkreisen sehr bekannt und wurde 1872 erweitert zur Abhandlung „Die deutsche Rechtschreibung. Abhandlungen, Regeln und Wörterverzeichnis mit etymologischen Angaben“ – dieser sog. „Schleizer Duden“ war die Grundlage seiner Einladung zur Berliner Konferenz. Im Konferenzjahr wechselte er als Direktor des Königlichen Gymnasiums nach Hersfeld, wo er bis 1905 wirkte.

„schnelle und sichere Lösung“

Als er dann am 7. Juli 1880 sein „Orthographisches Wörterbuch“ vorlegte, hatte er auf 187 Seiten etwa 27.000 Wörter gesammelt, die er in den Regelbüchern vor allem aus Bayern, Preußen, Österreich und sogar Kleinstaaten wie Mecklenburg-Strelitz fand.  Es ist die Urform des heute längst nach seinem Begründer einfach nur Duden genannten Nachschlagewerks, das gerade in der 28. Auflage erschienen ist. Bevorzugt entschied sich Duden für die Varianten des amtlichen Preußischen Regelbuchs, das sein Gesinnungsgenosse Wilhelm Wilmanns kurz zuvor im Auftrag des neuen preußischen Bildungsministers Robert Viktor von Puttkamer verfasst hatte – immer noch gegen Bismarcks Willen.

Die Anzeige im „Börsenblatt“ versprach jedermann für eine Mark ein „Nachschlagebuch, das ihnen in jedem Zweifel schnelle und sichere Lösung bringt“. Weil es sich an der Praxis der Schreibenden orientierte, entwickelte es sich bald zum Bestseller. Schulen, Setzer, Drucker und Korrektoren richteten sich nach ihm, und Konrad Duden erreichte, was die erste staatliche Konferenz vergeblich angestrebt hatte: die Einheitsschreibung im gesamten deutschen Sprachraum. Im Vorwort schrieb er: „Dem Wunsche, diese Orthographie in ganz Deutschland und demnächst, soweit die deutsche Zunge klingt, zum Siege gelangen zu sehen, bringt der Verfasser gern seine besonderen, die Rechtschreibung betreffenden Wünsche zum Opfer.“ Das Opfer lohnte sich.

Dritte Auflage 1887. Quelle: Von Merker Berlin – Eigenes Buch, eigener Scan (own book, own scan), Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=5313341

 Ab 1880 wurde der Duden vom Bibliographischen Institut herausgegeben, das zunächst in Leipzig angesiedelt war und heute seinen Sitz in Mannheim hat. 1892 übernahm auch die Schweiz seine Schreibweisen, später Österreich-Ungarn. Die zweite „Orthographische Konferenz“ in Berlin 1901 legte dann zu großen Teilen nur noch amtlich fest, was dank Dudens Bestrebungen längst überall praktizierte Rechtschreibung war. Am Rande bleibt die Anekdote, dass Kaiser Wilhelm II. darauf bestand, dass bei der Eliminierung des Buchstabens „h“ aus Wörtern wie „Noth“ oder „Thür“ der „Thron“ unangetastet blieb – bis heute. 1955 wurden die Regeln durch die Kultusministerkonferenz als verbindlich bestätigt und behielten ihre Gültigkeit bis zur neuen Rechtschreibreform, die zum 1. August 1998 in Kraft trat und nach Ansicht vieler Experten eine Verschlimmbesserung war. Deshalb hat der Rat für Rechtschreibung 2010 eine Reformulierung des amtlichen Regelwerks beschlossen.

Duden publizierte noch mehrere Bücher, darunter die „Etymologie der neuhochdeutschen Sprache“ (1893) und zog sich 1905 nach Sonnenberg bei Wiesbaden zurück, wo er auch starb. Nach ihm sind sowohl der Konrad-Duden-Preis für Germanisten als auch der Konrad-Duden-Journalistenpreis benannt. Die aktuelle 28. Auflage umfasst fast 1.300 Seiten und nahezu 150.000 Stichwörter – so viele wie noch nie, mehr als fünf Mal so viele wie die Erstausgabe. Der waren Wörter wie Social Distancing, Abwrackprämie, Selfie, fremdschämen oder tindern einfach noch fremd.

„abenteuerliche Kreationen“

Allerdings ebenso fremd dürfte Duden heute sein, was unter dem Label der „Geschlechtergerechtigkeit“ mit der Sprache – und seinem Standardwerk – geschieht. Denn die Redaktion des Duden gibt für eine geschlechtergerechte Sprache traditionelle Wortbedeutungen auf: Sie „gendert“ und schafft das generische Maskulinum ab. Erstmals enthält der Rechtschreib-Duden auf drei Seiten eine Übersicht zum Gender-Instrumentarium: Hingewiesen wird auf den zunehmenden Gebrauch des Gendersternchens und anderer Genderzeichen. Wer auf Duden.de „Mieter“ eingibt, sieht als Wortbedeutung jetzt: „männliche Person, die etwas gemietet hat“.

Blick in die vorletzte Auflage. Quelle: https://media1.faz.net/ppmedia/511250772/1.5173047/width610x580/duden-juengste-auflage-bringt-viele-neuerungen.jpg

„Die Festlegung des grammatischen Genus Maskulinum auf das natürliche Geschlecht entspricht nicht der Systematik des Deutschen“, sagt die Sprachwissenschaftlerin Ursula Bredel im DLF. „Sprachsystematisch führt ein Total-Verzicht auf maskuline Personenbezeichnungen in geschlechtsneutraler Deutung zu Lücken“, befindet ebenda auch die Linguistin Gisela Zifonun. Ihr Kollege Hennig Lobin dagegen erhebt in seinem Buch „Sprachkampf“ den Vorwurf, dass der Widerstand gegen politisch korrekte Sprache und Genderdeutsch Teil einer „neurechten Agenda“ sei und mit der Ablehnung der „Gendersprache“ etwa durch die AfD „eine traditionelle Vorstellung von Familie und Gesellschaft allgemein“ verbunden sei.

Die Rolle als maßgeblicher Hüter der Rechtschreibung hat der Duden seit 25 Jahren verloren. Stattdessen entscheidet der Rat für deutsche Rechtschreibung über die Weiterentwicklung der Regeln. Doch sprachpolitisch macht der Duden weiter Druck und hat Einfluss. Die Geschäftsführerin des Rats, Sabine Krome, bezweifelt, dass „abenteuerliche Kreationen“ wie „Gästin“ oder Neubildungen wie „Bösewichtin“ eine relevante Rolle spielen. Der Duden missbrauche seine Deutungs-und Definitionshoheit über die deutsche Sprache, meint die Bozener Sprachwissenschaftlerin Ewa Trutkowski, er propagiere eine einseitige Sichtweise. Sprache entwickelt sich aber als natürlicher Prozess aller Sprachverwender und nicht als Spielwiese weniger Sprachvorschreiber. Duden-Nutzer könnten die Variante als Sprachrealität missverstehen – was sie nicht ist. Der Stuttgarter AfD-Fraktionschef Bernd Gögel MdL bilanziert: „Der neue Duden ist eine einzige linkspolitisch, genderideologisch und denglisch verzerrte Enttäuschung, die ihren großen Ahnherrn Konrad Duden im Grab rotieren lässt“.

Die See seiner Wahl war die baltische. Von Berlin aus reiste er sommers von 1908 bis 1921 auf die Insel Usedom und von 1924 bis 1935 nach Deep an der pommerschen Ostseeküste nahe Kolberg, wo Skizzenzeichnungen entstanden, die er „Natur-Notizen“ nannte. „Mit ihnen schuf er sich die Grundlage für das Kapital, aus dem er bis zu seinem Tode künstlerisch schöpfte“, so der Kunsthistoriker Ulrich Luckhardt in der Welt. Die Zuneigung zur Ostsee blieb auch in seiner Geburtsstadt New York lebendig, in die der amerikanische Staatsbürger 1937 remigrierte.

Im selben Jahr beschlagnahmten die Nazis in den deutschen Museen 410 Werke des Künstlers, zeigten acht Gemälde und mehrere Grafiken als „Entartete Kunst“. „Ich fühle mich 25 Jahre jünger, seit ich weiß, dass ich in ein Land gehe, wo Phantasie in der Kunst und Abstraktion nicht als absolutes Verbrechen gelten wie hier“, schrieb Feininger vor der Abreise seinem Sohn. „Hier male ich seither anders, aber nicht besser“, befand er dennoch in seinem Todesjahr: Lyonel Charles Adrian Feininger, der am 17. Juli 1871 in New York als Kind zweier angesehener deutscher Musiker zur Welt kam.

Der Sohn eines Konzertgeigers und einer Pianistin reiste mit 16 Jahren mit seinen Eltern, die auf Konzerttour waren, erstmals nach Deutschland. Er sollte dort am Leipziger Konservatorium Musik studieren, um auch Geiger zu werden. Doch bereits auf der Überfahrt änderte der junge Feininger seine Pläne, da ihm das reine Reproduzieren von Musik auf dem Instrument nicht genügte. Mit väterlicher Erlaubnis durfte er die Kunstgewerbeschule Hamburg besuchen. Am 1. Oktober des folgenden Jahres bestand er die Aufnahmeprüfung der Königlichen Akademie in Berlin. Er fing früh an, für Verleger und Zeitschriften zu zeichnen. 1892 nahm er ein Studium an der Pariser Académie Colarossi auf, die vom italienischen Bildhauer Filippo Colarossi gegründet worden war.

Feininger. Quelle: https://www.swr.de/swr2/kunst-und-ausstellung/1621433950306,lyonel-feininger-100~v-16×9@2dM-ad6791ade5eb8b5c935dd377130b903c4b5781d8.jpg

Nach siebenmonatigem Aufenthalt in Paris kehrte er 1893 nach Berlin zurück, wo er als freier Illustrator und Karikaturist für Zeitschriften wie Harpers Young People, Humoristische Blätter, Ulk, Das Schnauferl und Die Lustigen Blätter tätig wurde. Seine Themen variierten zwischen harmlosen Witzbildern und politischen Karikaturen, deren Themen allerdings von den Redakteuren der Blätter vorgegeben wurden, für die er arbeitete. Sein Interesse galt ohnedies mehr der künstlerischen Ausarbeitung dieser Sujets, und sein graphischer Stil orientierte sich zunehmend an Fläche und kantigen Konturen mit deutlichem Hang zur Groteske, was ihm schon um die Jahrhundertwende in der Kritik erste Beachtung einbrachte.

„neue Weltperspektive“

1901 heiratete Feininger die Pianistin Clara Fürst und bekam mit ihr die Töchter Leonore und Marianne. Nachdem er 1905 die Liebe seines Lebens, die jüdische Künstlerin Julia Berg kennengelernt hatte, die an der Großherzoglichen Kunstschule Weimar studierte, trennten sich beide von ihren Familien. Zusammen reisten sie 1906 nach Paris, wo Sohn Andreas zur Welt kam, später ein bekannter Fotograf. Feininger schloss mit der Chicago Sunday Tribune einen Vertrag über zwei kurzlebige Comic-Serien, darunter „Wee Willie Winkie’s World“, eine traumhafte Serie von kurzen Bildergeschichten mit Prosatexten, in denen die Metamorphosen diverser Landschaften aus der Sicht eines kleinen, phantasievollen Jungen geschildert werden. Häuser bekommen Gesichter, Bäume, Wolken werden zu phantastischen Gestalten, Naturgeistern gleich, und Gegenstände rund um den Kamin stecken plötzlich voller Leben. Sie wird heute zu den Klassikern des Genres gezählt. 1908 heirateten Lyonel und Julia, ließen sich in Berlin nieder und bekamen zwei weitere Söhne, Laurence und Theodore Lux, der ebenfalls ein erfolgreicher Maler wurde und vor 10 Jahren 101jährig starb.

1909 wurde er Mitglied der „Berliner Secession“, die in jenem Jahr mit 97 Mitgliedern, darunter Max Beckmann, Ernst Barlach und Wassily Kandinsky, ihren künstlerischen Höhepunkt erreichte. In dieser Zeit kam er erstmals mit dem Kubismus in Berührung, lernte die Künstlergruppe „Brücke“ kennen, stellte seine ersten architektonischen Kompositionen her und nahm gemeinsam mit den Künstlern des „Blauen Reiter“ 1913 auf Einladung von Franz Marc am Ersten Deutschen Herbstsalon teil. Zugleich verlässt er die Secession wieder.

Winkie-Comic. Quelle: https://i.pinimg.com/originals/23/9d/cc/239dcc93e1f0e6c0b590148b8c1c7654.jpg

Als Mittdreißiger verhältnismäßig spät wandte er sich ausschließlich der Malerei zu und entwickelte, ausgehend von seinen Karikaturen, einen sehr markanten Malstil, der Objekte abstrahiert und gestalterisch überhöht. Nach der ersten großen Einzelausstellung in Herwarth Waldens Galerie „Der Sturm“ zieht er sich 1918 mit seiner Familie aufgrund der schwierigen Situation als amerikanischer Staatsbürger am Ende des Ersten Weltkriegs nach Braunlage (Harz) zurück.

Hier legt er bis 1920 sein einzigartiges Holzschnittwerk von über 300 Drucken an. Neben dem Erfindungsreichtum der Motive verblüfft vor allem die Radikalisierung der Bildsprache, für die auch die Zeichnungen seiner Söhne eine inspirierende Rolle spielen. Kinder erreichen sofort, wonach die damalige Avantgarde sucht – eine von Vorwissen unverdorbene Wahrnehmung der Welt. Kinder zeichnen nie „richtig“ im Sinne einer korrekten Wiedergabe, sondern begnügen sich mit dem, was ein Motiv in ihren Augen „vollständig“ macht. Fluchtpunkt und Tiefenraum haben für sie keinen Sinn, sie denken konsequent in der Fläche und bevorzugen die Bedeutungsperspektive. Darum zeichnen sie das Wichtige groß und das Nebensächliche klein. Zum Vorschein kommt das Paradox einer gegenständlichen Naturferne. Sie ist künstlerisch genau das, was Feininger die „neue Weltperspektive“ nannte. Ihr Ziel ist, die konkrete Form des Gesehenen in der abstrakten Bildgesetzlichkeit zu klären.

1919 unterschreibt Feininger das Programm des „Arbeitsrats für Kunst“, der versucht, die Novemberrevolution 1918 auch auf den Bereich der Kunst auszudehnen. Zugleich beruft ihn Walter Gropius als ersten Lehrer, nämlich „Meister der Formlehre“ und Leiter der Druckwerkstätten, ans Bauhaus in Weimar. Auf dem Titelblatt des Bauhausmanifests von 1919 ist sein Holzschnitt „Kathedrale” abgebildet. Besonders das Weimarer Land, aus dem Julia stammte, mit Dörfern wie Oberweimar, Vollersroda und Gelmeroda, die er mit dem Fahrrad erkundete, fesselten seine Phantasie.

geätztes Klischee des Bauhaus-Holzschnitts im Weimarer Museum. Quelle: https://pavillon-presse.de/de/wp-content/uploads/2019/04/klischee1.jpg

Vor allem tat es ihm die kleine gotische Dorfkirche von Gelmeroda an, die er in unzähligen Naturnotizen und Gemälden festhielt und die zum Symbol einer romantisch verklärten Märchenwelt wurde, die er in seine anderen Werke einfließen ließ und die von seltsam überlängten und historisch gekleideten Menschen bevölkert sind. Etwa seit Anfang der 1920er Jahre erschienen Städte und Dörfer im Lichte einer eingefrorenen Weltentrücktheit und Spiritualität und bezeichnen Feiningers romantische Hinwendung zu einer Welt, die durch Massengesellschaft und Industrialisierung vor dem Untergang stand und nur noch in einer illusionären „Traumstadt“ zu finden war.

„einfach wonnig“

1923 hatte er eine große Ausstellung in New York und gründete im Jahr darauf mit Kandinsky, Paul Klee und Alexej von Jawlensky die Künstlergemeinschaft „Die Blaue Vier“, die 1925 wiederum in New York ihre erste große Ausstellung hat. „Es hat ausgeweimart, meine Herren, wir gehen jetzt dessauern“ schrieb er im selben Jahr in einem Brief an Julia. Gemeint war der bevorstehende Umzug des Bauhauses nach Dessau, nachdem es in Weimar infolge von Eingaben der thüringischen Handwerkerschaft und des deutsch-völkischen Blocks im Thüringer Landtag geschlossen worden war.

Im Jahr der Eröffnung 1926 waren die Meisterhäuser fertiggestellt worden, auch Feininger konnte mit seiner Familie eine der Doppelhaushälften beziehen. Die anfänglichen Vorbehalte, die er gegenüber deren Architektur hatte, waren bald verflogen: „Ich sitze hier auf unserer Terrasse, die einfach wonnig ist“, schrieb er begeistert. Allerdings ließ sich Feininger auf eigenen Wunsch von sämtlichen Lehrverpflichtungen am Bauhaus entbinden, blieb aber bis 1932 auf Drängen Gropius‘ „Meister“. In dieser Zeit entstanden unter anderem seine vielgerühmten Stadtansichten von Halle.

Gelmeroda real und artifiziell. Quelle: eigene Darstellung.

Trotz seiner Erfolge als Maler und Lehrer ließ die Musik Feininger nie los. Als Autodidakt am Klavier lernte er das „Wohltemperierte Klavier“ von Johann Sebastian Bach kennen, den er glühend verehrte. Durch hartnäckiges Üben – oft mehr als sechs Stunden am Tag – konnte er bald alle 48 Präludien und Fugen auswendig spielen und von jedem beliebigen Ton aus transponieren. Er komponierte von 1921 bis 1927 dreizehn Fugen, drei für Klavier und zehn für Orgel. 1924 wurde zum ersten Mal ein Stück von ihm im Meistersaal des Bauhauses öffentlich präsentiert. Der Erfolg dieser Aufführung bestärkte ihn darin, weiter „auf autodidaktischem Wege Musik zu gestalten“.

Im Sinne einer gegenseitigen Durchdringung der Künste versuchte Feininger aber auch, die „vielstimmig aufeinander bezogene Komplexität und gleichzeitige Durchschaubarkeit“ der Bach’schen Kompositionen auf seine Malerei zu übertragen und eine „klare Raumgestaltung“ sowie thematische und formale Bezüge innerhalb der Bilder herzustellen. Besonders das Konstruktivistische und Architektonische in seinem Malstil lässt sich aus seiner intensiven Beschäftigung mit dem musikalischen Kompositionsprinzip der Fuge herleiten. Es sollte bis zu seinem 50. Todestag 2006 dauern, da erstmals eine CD mit seinen Orgelfugen erschien, interpretiert von neun verschiedenen Organisten.

Feininger reist 1936 für eine Lehrtätigkeit am „Mills College“ in Oakland (Kalifornien) erstmals in die USA, kehrt aber Ende des Jahres zunächst nach Berlin zurück. Zuvor hatte er den promovierten Juristen und Bauhaus-Studenten Hermann Klumpp kennengelernt und sich mit ihm angefreundet. Klumpp hat dann 64 Feininger-Bilder gerettet und nach Quedlinburg überführt, nachdem er dem Ehepaar geholfen hatte, am 11. Juni 1937 Deutschland in Richtung USA zu verlassen. Feininger arbeitete als freier Maler in New York und entwirft 1939 Wandbilder für die Weltausstellung in New York. Während die ersten Exilbilder noch stark von den Erinnerungen an die Heimat Deutschland geprägt sind, werden die Wolkenkratzer Manhattans in den folgenden Jahren zu seinem neuen Bildmotiv.

Feiningers Musik. Quelle: https://i.ytimg.com/vi/Pz7N7EZY_mE/maxresdefault.jpg

1944 stellte er eine Retrospektive im Museum of Modern Art aus, wurde 1947 zum Präsidenten der Federation of American Painters und Sculptors gewählt und ein Jahr vor seinem Tod zum Mitglied des National Institute of Arts and Letters ernannt. Feininger beteiligte sich 1953 an der dritten Jahresausstellung des Deutschen Künstlerbundes in Hamburg sowie 1955 der ersten „documenta“ und stellte auch in Frankfurt, Baden-Baden und Düsseldorf aus. Er entwirft ein Wandbild für den Passagierdampfer „Constitution“ und malt zuletzt vor allem Aquarelle. Am 13. Januar 1956 starb er in New York und wurde dort auch begraben. Seine Frau wird ihn um 14 Jahre überleben. Neben Radwegen auf Usedom und in Thüringen wurde ein Asteroid nach ihm benannt und eine Sondermarke der Deutschen Post für ihn aufgelegt.

„ein Versäumnisurteil erlassen“

Sein Erbe führte allerdings noch zu einer kulturpolitischen Posse zwischen der DDR und den USA. Denn sind die 64 geretteten Bilder Klumpps Eigentum oder gehören sie Feiningers Söhnen? Darüber wurde seit 1971 am Bezirksgericht Halle verhandelt. Das Urteil 1976 ist eindeutig: Die überwiegende Mehrheit der Bilder gehört den Amerikanern. Doch inzwischen haben sich die DDR-Behörden eingeschaltet. Als „schützenswertes Kulturgut“ dürfen sie nach DDR-Recht nicht außer Landes gebracht werden.

1983 platzt den amerikanischen Anwälten der Geduldsfaden: Sie verklagen die DDR vor einem New Yorker Gericht. DDR-Außenminister Oskar Fischer richtet folgende Worte an das SED-Politbüro: „Geht dem Gericht eine termingerechte Erwiderung nicht zu, kann ein Versäumnisurteil erlassen sowie Antrag auf Zwangsvollstreckung gestellt werden.“ Nun kommt endlich Bewegung in die Verhandlung. Die Amerikaner geben ein wenig Raubkunst von 1945 zurück und Feiningers Söhne bekommen ihr Erbe.

Feininger-Galerie Quedlinburg. Quelle: https://lh3.googleusercontent.com/proxy/6a4eU6AoX2cJOaExZkv1xZ4m990LhKxx1mntvPRcl95xb5SVzYhLt6o5lIg_L2UGgiisic12KMnskul5NpqU15O7sG5CuZqzMQsk68M2-mtXFMNMicizxLvNf3_X84K9ZXYkBjZP4XM87W7gNuZ59OCKDUBL5A

Hermann Klumpp jedoch gerät mit den ihm verbliebenen Werken in die Zwickmühle: Solche Kulturschätze in privater Hand sind dem Kulturministerium ein Dorn im Auge. In einer internen Vorlage des Amtes für Rechtsschutz heißt es: „Klumpp ist nicht bereit, mit staatlichen Institutionen zur Sicherung und Nutzung der Sammlung zusammenzuarbeiten.“ Schließlich gelingt es doch: der Rat des Kreises Quedlinburg gründet 1986 die Lyonel-Feininger-Galerie und Hermann Klumpp übereignet ihr seine Sammlung. Als wenige Tage nach Feiningers 30. Todestag die Feininger-Galerie in der Domstadt eröffnet wird, erinnerte eine Gedenktafel auch an ihn. Das Museum ist seit 2014 Teil der Kulturstiftung Sachsen-Anhalt, beherbergt einen der weltweit umfangreichsten geschlossenen Bestände von Grafiken, Radierungen, Lithografien und Holzschnitten des Künstlers und ist zudem das einzige Feininger-Museum in Europa.

Die minderheitenfreundlich getarnte Einmischung in die inneren Angelegenheiten Ungarns einerseits – die Feigheit vor tatsächlich homophoben Nationen andererseits: Nie entlarvten sich Doppelmoral und Gratismut westlicher Dekadenz besser als unter dem Symbol des Regenbogens im „Pride Month“.

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Thomas Burmeister erkannte bei dpa ein Leben, „in dem unentwegt Flaschen geleert, Fische geangelt, Frauen geliebt und Viecher aller Art geschossen wurden, kein Kriegsschauplatz ausgelassen und nun auch noch eine neue wunderbare Droge entdeckt wurde – Afrika.“ Und dort kam er 1954 bei Flugzeugabstürzen gleich zweimal fast ums Leben. Der erste ereignete sich bei einem Sightseeing-Trip in Belgisch-Kongo, der zweite tags darauf auf dem Weg ins Hospital in Entebbe. Der schwergewichtige Autor konnte sich nur retten, indem er die Flugzeugtür mit seinem Schädel aufbrach. Er verlor Gehirnflüssigkeit, erlitt Risse in Nieren, Milz und Leber, eine Quetschung des Rückenwirbels und Verbrennungen auf dem Kopf. Aber er war dem Tod so knapp entkommen, wie es sich für einen echten Abenteurer gehört. Doch es war der Beginn seines quälend lang andauernden physischen Verfalls.

Er ist ein Mann, der fünf Frauen verschliss und nur eine davon nicht zu seiner Ehefrau machen konnte: Die Krankenschwester Agnes von Kurowsky pflegte den Kriegsverwundeten im Lazarett in Italien. Aus dieser Affäre entsteht 1929 sein einziger Liebesroman „In einem anderen Land“. Der Enttäuschung über die Frau, die ihn verschmäht hat, macht er Luft, indem er sie im Roman sterben lässt. Der Tod, eine Situation, die der Mensch nicht verändern kann. Der Moment des Todes hat den Schriftsteller von jeher so fasziniert, dass er ihn am liebsten hätte zu Eis erstarren lassen. Einfach aus Angst, dass er eintritt, aber auch, um zu erforschen, warum. Früh wird er mit gewaltsamem Tod konfrontiert, nicht nur in diesem „anderen Land“ im ersten, sondern auch im Deutschland des zweiten Weltkriegs. Grund genug, um ihn in sein Schaffen einzubeziehen, sich zur Aufgabe zu machen, den Tod zu entmystifizieren, um dem menschlichen Leben einen Hauch von Ewigkeit zu verleihen.

Hemingway 1953. Quelle: Von Look Magazine, Photographer (NARA record: 1106476) – U.S. National Archives and Records Administration, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=17194665

Seine Gegner verurteilten ihn wegen seiner brutalen Dialoge, seine Verehrer liebten ihn für die oft melancholisch anmutenden Erzählpassagen, für die Sehnsucht, die nicht nur den Protagonisten, sondern auch den Leser in die Tiefen seiner Seele führt. So paradox dieser lakonische Stil war, so paradox war der Autor selbst. Als psychisch kranker Alkoholiker gilt er, und diesem Umstand schreibt man auch seinen Selbstmord zu: „Er war ein Mann der Extreme, er wollte leben und töten, lieben und kämpfen – und alles am besten exzessiv“, so Anne Lederer im Ärzteblatt. Seine Hobbys hatten allesamt mit dem Tod zu tun: Krieg und Hochseefischen, Stierkampf und Großwildjagd – ein ausgestopfter Löwe und die Hörner eines Kudu zieren noch heute sein Archiv in der John F. Kennedy Library in Boston. Ein Macho also, dessen Männlichkeitswahn gar die Liebe zu sich selbst übersteigt, so dass er sich nach dem Genuss eines New York Strip Steak mit gebackener Kartoffel und Sour Cream am 2. Juli 1961 mit seiner Lieblingsflinte, seiner „glatten, braunen Geliebten“ erschoss: Ernest Hemingway.

„die Kunst des Weglassens“

Geboren wurde Ernest Miller Hemingway am 21. Juli 1899 als zweites der insgesamt fünf Kinder eines Landarztes und einer eher erfolglosen Opernsängerin in Oak Park/Illinois. Von 1913 bis 1917 besuchte er die Oak Park High School und begann seine Laufbahn als Lokalreporter in Kansas City. 1918 meldete er sich im Ersten Weltkrieg freiwillig als Fahrer des „American Field Service“, eine Art Sanitätstransportgruppe, an der norditalienischen und französisch-deutschen Front, wo er zweimal schwer verwundet und von Kurowsky monatelang gesundgepflegt wurde. 1919 kehrte er in die USA zurück, begann sich erstmals an Prosa zu probieren und wurde 1920 erst Mitarbeiter beim Toronto Star und dann Polizeireporter in Chicago. Hier lernte er seine erste Liebe Hadley kennen und heiratete sie sogleich. Private und berufliche Reisen in die Schweiz, nach Italien, Spanien und in den Nahen Osten folgten.

1921 zog er nach Paris und verschrieb sich der Schriftstellerei ganz, wobei er die Bekanntschaft anderer dort lebender Amerikaner machte, darunter F. Scott Fitzgerald, Ezra Pound und Gertrude Stein, die zwei Jahre später auch Taufpatin seines ersten Sohns John Hadley Nicanor wurde. Stein und Pound lehrten ihn die Kunst des Weglassens und sahen seine Texte durch. Hemingway revanchierte sich, indem er Steins Arbeiten korrigierte und Pound das Boxen lehrte. Das Jahr 1923 führte ihn erstmals ins spanische Pamplona, der Stadt der Stiertreiberei und des Stierkampfs, der für Hemingway eine besondere Bedeutung hatte, betonte er doch Eleganz, Mut und Männlichkeit.

Geburtshaus in Oak Park. Quelle: Von I, Padraic Ryan, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=3511070

Im selben Jahr erschien seine Erstlingsanthologie „Three Stories and Ten Poems“ mit seiner Premierenerzählung „Up in Michigan“ (1921). Weitere Kurzgeschichten folgten, die geprägt sind von Hemingways hochgelobtem Stil, auch komplizierte Gefühlsverzweigungen durch eine einfache Sprache und Wortwahl zum klaren Ausdruck zu bringen. Viele dieser Shortstories sind heute Hemingway-Klassiker wie etwa „Indianerlager“, „Der Doktor und seine Frau“ oder „Das Ende von Etwas“. 1926 erzielte er einen ersten Erfolg mit dem Roman „Fiesta“, der die „Lost Generation“ thematisiert, die den ersten Weltkrieg miterlebte.

1927 wurde „Männer ohne Frauen“ veröffentlicht, 14 Kurzgeschichten, die von Krieg, Sport und dem Mann-Frau-Verhältnis handeln. Er lernt Pauline Pfeiffer kennen, seine zweite Frau, die er 1927 heiratete, nachdem er sich im gleichen Jahr von Hadley hatte scheiden lassen. Nach sechs Jahren Aufenthalt in Paris, in denen Hemingway den Wandel vom Journalist zum Schriftsteller vollzog, ging er mit seiner neuen Ehefrau im Frühjahr 1928 zurück in die USA und bezog in Haus in Key West. Mit Patrick und Gregory folgten bis 1931 zwei weitere Söhne.

Hemingway reiste 1929 abermals nach Spanien und veröffentlichte 1932 den Roman „Tod am Nachmittag“, in den seine Leidenschaft für den Stierkampf einfloss. Im selben Jahr nahm er mit seiner Frau erstmals an einer Safari in Afrika teil. 1935 erschien „Die grünen Hügel von Afrika“, in dem er Erlebnisse und Eindrücke der Reise verarbeitete, 1936 dann die Kurzgeschichte „Schnee auf dem Kilimandscharo“. Davor hatte er das zwölf Meter lange Fischerboot „Pilar“ gekauft und unternahm Segeltörns in der Karibik.

Joris Ivens (links) mit Ernest Hemingway (Mitte) und Ludwig Renn 1937 während des Spanischen Bürgerkriegs. Quelle: Von Bundesarchiv, Bild 183-84600-0001 / Autor unbekannt / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 de, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=5665527

1937 ging Hemingway im Auftrag der North American Newspaper Alliance NANA erneut nach Spanien und publizierte im Jahr darauf „Wem die Stunde schlägt“, in dem er seine Erlebnisse aus dem spanischen Bürgerkrieg verarbeitete und den viele Kritiker als seinen gelungensten Text lobten. Parallel dazu betrieb er die Scheidung von seiner zweiten Ehefrau Pauline und lebte mit seiner dritten Ehefrau, der Journalistin Martha Gellhorn, ab 1939 auf Kuba. Das Ehepaar erwarb nahe Havanna das Landgut Finca La Vigía im später eingemeindeten San Francisco de Paula. Er nahm die „Pilar“ mit und wurde Stammgast in der Bar El Floridita, wo heute eine Bronzestatue von ihm steht und der legendäre „Hemingway“-Cocktail entstand: Ein Daiquiri ohne Zucker, dafür mit doppeltem Rum („Papa Doble“), ergänzt um Grapefruitsaft und Maraschinolikör. Auf Kuba wird Hemingway heute noch verehrt: Es gibt Museen, Literaturfestivals und Münzen.

„eine neue Milde“

1941 wird er vom KGB angeworben, als „dilettantischer Spion“ aber rasch wieder fallen gelassen. 1943 begab er sich samt Frau in das asiatische Kriegsgebiet des Zweiten Weltkrieges, im Jahr darauf fuhr er allein nach Europa und nahm zunächst an der Ardennenoffensive als Kriegsberichterstatter teil. Zeitweilig wechselte er auf die Seite der Aktiven und führte in einer umstrittenen Rolle als Kommandeur oder Berater eine kleine Gruppe von Widerstandskämpfern in Rambouillet. Im August 1944 erlebte er die Befreiung von Paris mit und beobachtete als Kriegsreporter im November 1944 die Schlacht im Hürtgenwald. Die grausamen Kämpfe an der deutschen Westfront bei Aachen führten bei ihm nicht nur zur Veränderung seines bisher kriegsverherrlichenden Weltbilds, sondern auch zu lange andauernden Irritationen bezüglich seines Verhältnisses zur Wehrmacht.

„Einmal habe ich einen besonders frechen SS-Kraut umgelegt. Als ich ihm sagte, dass ich ihn töten würde, wenn er nicht seine Fluchtwegsignale rausrückte, sagte der Kerl doch: Du wirst mich nicht töten. Weil du Angst davor hast und weil du einer degenerierten Bastardrasse angehörst. Außerdem verstößt es gegen die Genfer Konvention. Du irrst dich, Bruder, sagte ich zu ihm und schoss ihm dreimal schnell in den Bauch, und dann, als er in die Knie ging, schoss ich ihm in den Schädel, so dass ihm das Gehirn aus dem Mund kam, oder aus der Nase, glaube ich.“ Das schrieb Hemingway am 27. August 1949 seinem Verleger Charles Scribner. „Ich töte gern“, verlautbarte er und schrieb am 2. Juni 1950, dass er 122 Deutsche getötet habe. Eines seiner letzten Opfer sei ein junger, auf einem Fahrrad flüchtender Soldat gewesen – „ungefähr im Alter meines Sohnes Patrick“. Er habe ihm mit einer M1 von hinten durch das Rückgrat geschossen. Die Kugel zerfetzte die Leber.

Büffeljäger in Afrika. Quelle: Von unattributed – Photograph in the Ernest Hemingway Photograph Collection, John F. Kennedy Presidential Library, Boston. JFK Library link, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=11539564

Dass er gegen die Genfer Konvention verstoßen hat, verschweigen selbst seine Bewunderer nicht. Mit der Zahl und Details konfrontiert, wiegeln sie aber meist ab: Man müsse verstehen, es sei Krieg gewesen. Hemingway hat zwar immer dick aufgetragen, den Macho demonstriert – aber was trieb ihn ohne Not zu diesem Eingeständnis? Die Briefe blieben bis heute in allen Ausgaben unkommentiert. Obwohl es keinen Zeugen für die 122 Morde gibt, mit denen er prahlt, sind jedoch nicht wenige Verehrer entsetzt über den „Massenmörder an deutschen Kriegsgefangenen“ (Alfred Mechtersheimer): Die Stadt Triberg im Schwarzwald setzte daraufhin 2002 ihr Festival „Hemingway Days“ ab. Ein Gutachten der Universität Hamburg von 2008 kommt zu dem Ergebnis, es handle sich bei den einschlägigen Briefpassagen um „fiktionale“ Aussagen.

Hemingway fällt in eine tiefe Depression; der Kriegsroman, den alle von ihm erwarten, wird nie erscheinen. „Die reine Friedensliebe ist zwar nicht über ihn gekommen, aber eine neue Milde und ein überraschender Sanftmut fallen nach 1945 schon an ihm auf“, konstatiert Wolfgang Stock. Ein Jahr nach dem Krieg begann Ernest Hemingway die Schreibarbeiten zu dem Romanvorhaben „Land, See und Luft“, aus dem insgesamt vier Romane/Novellen wurden, von denen drei erst posthum erschienen. Er ließ sich von seiner dritten Frau Martha scheiden und ging seine vierte Ehe mit Mary Welsh ein, die die Finca nach seinem Tod dem kubanischen Staat schenken wird.

1948 begann er einen Italientrip, den er zu einer Europa-Reise ausdehnte. Bei einem Venedig-Aufenthalt lernte er die damals 18-jährige Adriana Ivancich kennen, die ihn zu dem Roman „Über den Fluss und in die Wälder“ inspirierte. Die platonische Liebesgeschichte belastete die Ehe des Schriftstellers bis in die 1950er Jahre. 1952 erschien „Der alte Mann und das Meer“, das sein wohl bekanntestes Werk wurde. Innerhalb von zwei Tagen verkaufte sich das Buch fünf Millionen Mal – das letzte, das zu seinen Lebzeiten erschien. Hemingway wurde 1953 dafür mit dem Pulitzer-Preis geehrt und 1954 mit dem Nobelpreis. Da er gar nicht gerne redete, erschien er nicht einmal zur Verleihung und ließ stattdessen in seinem Namen eine knappe Dankesrede verlesen, in deren Manuskript es unter anderem heißt: „Ein Schriftsteller sollte das, was er zu sagen hat, nicht sagen, sondern niederschreiben.“

„soll er aussparen, was ihm klar ist“

Im Mittelpunkt der Handlung steht der alte kubanische Fischer Santiago, der tagelang bei Wind und Wetter, Nacht und Nebel mit einem riesigen Marlin ringt, den er zwar töten und längsseits vertäuen kann, der aber letztlich von Haien verspeist wird, so dass er am Ende mit leeren Händen wieder in den Hafen einläuft. Einige Interpreten sehen darin hintergründig die Beziehung zwischen Mensch und Gott, die Novelle handle im religiösen wie im nicht-religiösen Sinne von der Begrenztheit des Menschen – „Man kann vernichtet werden, aber man darf nicht aufgeben“, ruft Santiago immer wieder sich selbst zu – und der Allmacht der Natur. Die Novelle wurde mehrfach verfilmt: Bereits 1958 mit Spencer Tracy, 1989 entstand als Neuverfilmung ein Fernsehfilm mit Anthony Quinn.

Filmplakat mit Spencer Tracy unter der Regie von John Sturges. Quelle: https://cdn.prod.www.spiegel.de/images/8bfd3efe-0001-0004-0000-000000639568_w920_r0.735742518351214_fpx49.97_fpy57.32.jpg

Vorbild für Santiago war der 2002 mit 104 Jahren gestorbene Fischer Grigorio Fuentes, der für 250 Dollar im Monat und freiem Gin und Whiskey Bootsmann der Pilar wurde: „Ich war sein Koch, Seemann, Kapitän, Begleiter“, sagte er dem Spiegel. Fragte man ihn, warum er das Buch nie gelesen habe, antwortete er nur, er wisse ja, was drinstehe. Nur Kritik an seinem Kapitän ließ Fuentes nicht zu. Einmal soll ihn ein argentinischer Fernsehmann gefragt haben, ob Hemingway nicht ein manischer Säufer und Frauenheld gewesen sei. Da erzählte Fuentes keine seiner Geschichten, sondern antwortete dem frechen Journalisten mit einem Fausthieb.

Die Novelle bedeutet sicher den Höhepunkt seines literarischen Schaffens und zugleich auch den  Gipfel seines „Eisbergmodells“ – ein erzähltheoretischer Ansatz des „modernen Klassizismus“, den er in einer vielzitierten Passage in „Tod am Nachmittag“ entwickelte: „Wenn ein Prosaschriftsteller genug davon versteht, worüber er schreibt, so soll er aussparen, was ihm klar ist. Wenn der Schriftsteller nur aufrichtig genug schreibt, wird der Leser das Ausgelassene genauso stark empfinden, als hätte der Autor es zu Papier gebracht. Ein Eisberg bewegt sich darum so anmutig, da sich nur ein Achtel von ihm über Wasser befindet.“ Der eigentliche, tiefergehende oder symbolische Bedeutungsgehalt einer kunstvoll aufgebauten Erzählung liegt demzufolge größtenteils im Verborgenen und muss vom Leser durch dessen eigene Vorstellungskraft oder Erfahrung aktiv erschlossen werden: Der Subtext dominiert den Text. „Er ist der Meister des hochdramatischen Schweigens, der Erfinder des schreienden Understatements“, befand Marcel Reich-Ranicki.

Auf den Nobelpreis folgten eine Europareise und eine Afrikasafari mit den beiden Abstürzen. Er schreibt ohne Ende und zeigt seine „neue Milde“, indem er das Schicksal seiner angefahrenen Katze „Uncle Willie“ beklagt. Um sie von ihren Qualen zu erlösen, tötete Hemingway sie mit einem Kopfschuss – und war am Boden zerstört: „Ich habe Menschen erschießen müssen, doch nie jemanden, den ich gekannt und elf Jahre lang geliebt habe“, klagte er am 22. Februar 1953 in einem Brief. „Nicht jemanden, der schnurrte, mit zwei gebrochenen Beinen.“ 1959 reiste er letztmals nach Spanien. In dieser Zeit soll er auch für die CIA tätig gewesen sein und die Pilar mit einem Maschinengewehr und Handgranaten sowie einem Feuerlöscher voll Sprengstoff ausgestattet haben. „Mein Vater“, sagte Patrick Hemingway dem Spiegel, „wollte eben ein bisschen Krieg spielen … Bis zu seinem Ende träumte er von der Rückkehr auf die Insel, die er gegen Deutschlands U-Boote zu schützen versucht hatte.“

Der Hemingway-Daiquiri, Quelle: https://noseychef.com/wp-content/uploads/2018/04/hemingwaydaiquiri.jpg

Da sich Hemingways Gesundheitszustand Ende der 1950er Jahre zusehends verschlechterte und die Beziehungen zwischen Kuba und den USA nach der kubanischen Revolution ebenfalls zerrüttet waren, entschied das Ehepaar, wegen der besseren Behandlungsmöglichkeiten in die USA zurückzukehren. 1959 erwarb Hemingway ein Landhaus in Ketchum in den Ausläufern der Rocky Mountains. 1960 litt Hemingway mehrfach wieder an Depressionen, weshalb er in eine Klinik kam und mittels Elektroschock-Therapie behandelt wurde. 1961 unternahm er bereits mehrere Selbstmordversuche, bevor er ernst machte – wie übrigens sein Vater 1928 auch, wie seine Schwester Ursula und sein Bruder Leicester. 35 Jahre nach Ernest nahm sich als Fünfte seine Enkelin Margaux, Schauspielerin und Fotomodell, ebenfalls das Leben. Mediziner vermuten eine bipolare Störung in der Familie.

„Angst vor dem Nichts“

Nach seinem Tod wurden zahlreiche Manuskripte aus seinem Nachlass veröffentlicht, darunter „Inseln im Strom“ (1970) und „Der Garten Eden“ (1986). Sein Buch „Die Wahrheit im Morgenlicht“, in dem Hemingway seine letzte Safari in Kenia beschreibt, die er 1953 in Begleitung seiner vierten Frau und seines Sohnes Patrick unternahm, wurde erst 1999 publiziert. Das Buch „Paris – Ein Fest fürs Leben“ (1964) ist nach den Anschlägen vom 13. November 2015, bei denen in Frankreich 130 Menschen getötet wurden, plötzlich zum Bestseller und zum Symbol geworden: Täglich sollen es bis zu 500 Ausgaben sein, die über den Ladentisch gehen – vorher waren es laut „Le Figaro“ zehn am Tag. Mitauslöser für den Hemingway-Boom war ein TV-Beitrag des französischen Fernsehsenders BFMTV, in dem eine Frau die Lage in Paris reflektierte und dabei das Buch erwähnte. „Es ist sehr wichtig, ‚Paris – ein Fest fürs Leben‘ von Hemingway mehrmals zu lesen, denn wir sind eine sehr alte Zivilisation und wir tragen unsere Werte sehr stolz“, sagte die 77-Jährige kurz nach den Anschlägen – der Autor berichtet ganz einfach von seinen Pariser Erlebnissen 1921 – 1926.

Seinem Leben widmeten sich mindestens acht Dokumentationen und Theaterstücke, darunter 1996 „In Love and War“ mit Chris O’Donnell und Sandra Bullock oder 1999 „Hemingway Adventure“ vom „Monthy Python“ Michael Palin. „Zeitweise scheint ihm seine perfekte Selbstinszenierung wichtiger gewesen zu sein als seine Prosa“, befindet Reich-Ranicki in der FAZ. „Auf der Suche nach der Einheit von Wort und Tat schreckte er vor keinerlei Konsequenzen zurück, kein Risiko war ihm zu groß, um die Synthese von Leben und Literatur zu verwirklichen. Wie dieser Odysseus sein eigener Homer wurde, so wollte dieser Homer um jeden Preis sein eigener Odysseus sein. Er hat zunächst erzählt, was er erlebt hat, während er später zu erleben bemüht war, was er erzählen wollte.“ Seit 1980 richtet die Hemingway Look-Alike Society einen Wettbewerb in Key West aus, auf dem der Mann gesucht wird, der Ernest Hemingway am ähnlichsten sieht.

Doppelgänger-Wettbewerb 2008. Quelle: https://www.fr.de/bilder/2008/07/17/11603317/2055498056-896955-Qea.jpg

Die besondere Aussage der Werke Hemingways läge in der Symbolkraft der Natur, meint Lederer. Im Schutz der Bäume, in der Macht gewaltiger Berge, in der Tiefe der Täler und der Unendlichkeit des Meeres findet der Hemingway-Protagonist Zuflucht. Die Natur und ihre Gewalten deuten ihm seinen Weg, wenn der Autor es regnen und stürmen lässt, wenn die Sonne brennt und der Schnee fällt: „Die Natur ist oft das Letzte, worauf sich der Mensch bei Hemingway verlassen kann, und oft auch das Einzige, mit dem zu kommunizieren sich für ihn lohnt.“

Bei Hemingway findet jeder seinen Frieden in der Natur – aber nur so lange, wie er auch mit ihr allein ist. Denn es ist die Menschheit, die einen immer wieder aufmerksam macht auf die eigenen Schwächen. Gelingt es nicht, den Konflikt zu bewältigen, dann steht am Ende aller Schwächen der Tod. Der Mensch als intelligentes Wesen besitzt dann, gegenüber der Natur, das Privileg, ihn selbst eintreten zu lassen. Diese Freiheit hat Ernest Hemingway sich genommen, bilanziert Lederer: „Größer als die Angst vor dem Nichts war die Angst, diesen Moment nicht selbst bestimmen zu können“.

Seinen Ruf als Ausnahmetalent und chirurgischer Alleskönner, der dafür berüchtigt war, mit einem enormen Tempo zu operieren, hatte er sich vor allem durch drei bahnbrechende medizinische Meilensteine erarbeitet. 1904 stellte er auf einem Chirurgenkongress das Druckdifferenzverfahren vor, für das er eine Unterdruckkammer erdacht hatte: Von nun an waren Ärzte in der Lage, Eingriffe am geöffneten Brustraum vorzunehmen, ohne dass die Lunge zusammenfiel und der Patient verstarb. Er entwickelte nach seinen Erfahrungen im Ersten Weltkrieg eine Handprothese, die vielen Kriegsversehrten ein nahezu normales Leben ermöglichte: „In den Hirnen lädierter Landser verklärte sich die Figur des Arztes zu einem heilbringenden Mythos“, schrieb der Spiegel 1960. Und er reduzierte Oberschenkel-Amputationen zu Unterschenkel-Amputationen, indem er den erkrankten Oberschenkelknochen durch den Unterschenkelknochen ersetzte.

Die illustre Liste seiner Patienten umfasste Lenin, dem er einen Zahn zog, ebenso wie den griechischen König Konstantin I. oder Schauspielerinnen wie Tilla Durieux und Adele Sandrock, der er einen Oberschenkelbruch richtete. Wilhelm Röntgen ließ sich kurz vor seinem Tod 1923 eine Geschwulst am Hals von ihm entfernen. Er kurierte die Beingeschwüre des alten Rothschild, befreite General Ludendorff vom Kropf, schnitt dem Exkönig Alfons XIII. von Spanien den Blinddarm heraus, flickte den zusammengeschossenen Grafen Arco-Valley wieder zurecht, der 1919 den Revolutionsmacher Kurt Eisner ermordet hatte, und behandelte auch den Reichspräsidenten von Hindenburg sowie den Leistenbruch Max Liebermanns: „‘N Fehler von mir sieht man über hundert Jahre an de Wand häng‘n. Wenn Sie ‘n Fehler machen, dann deckt ihn anderntags der jriene Rasen“, so der Maler, der ihn 1932 als „Der Chirurg“ porträtierte. Das Bild hängt heute in der Hamburger Kunsthalle.

Seinen Ruf als widersprüchlicher Nazi-Sympathisant betont seit Jahren eine Dauerausstellung in der Charité: Auf der einen Seite habe er das NS-Regime seit 1933 durch Verlautbarungen und Auftritte unterstützt, Auszeichnungen entgegengenommen und im Zweiten Weltkrieg als Generalarzt des Heeres fungiert, der medizinische Experimente in Konzentrationslagern befürwortete. Gleichzeitig aber habe Sauerbruch während des Dritten Reichs Kontakt zu Juden gepflegt und sie behandelt, gegen die Euthanasie-Morde protestiert und – wenn auch nur indirekt – die Generäle um Claus Schenk Graf von Stauffenberg vor dem Anschlag im Juli 1944 unterstützt. Die Folgen des ARD-Mehrteilers „Charité“ bildeten, wen wundert‘s, eher die zweite Position ab. Dennoch stehen nach ihm benannte Straßen seit Jahren unter linkem Umbenennungsdruck, etwa in Hannover.

Geheimrat Prof. Dr. Sauerbruch. Quelle: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/0/0e/Bundesarchiv_Bild_183-R45871%2C_Prof._Dr._Ferdinand_Sauerbruch.jpg

„Zerrissen vom Widerspruch zwischen medizinischem Ethos und ideologischen Zumutungen“ sei er gewesen, so Christoph Gunkel im Spiegel. Gegensätzliches Verhalten scheint dem charismatischen, den Menschen zugewandten Mann, der praktisch jeden duzte und den großen Auftritt liebte, generell nicht fremd gewesen zu sein. Im OP konnte der Chirurg, der von allen Untergebenen nur „der Chef“ genannt wurde, unerbittlich sein. Folgten seine Assistenten seinem Tempo nicht, flogen während eines Eingriffes böse Worte – und auch mal Instrumente. Außerhalb des OPs war er den jüngeren Ärzten gegenüber fürsorglich und ein wichtiger Ratgeber, auch in privaten Angelegenheiten: Ernst Ferdinand Sauerbruch, der am 2. Juli 1951 in Berlin einem Schlaganfall erlag.

„willkürlich bewegbare künstliche Hand“

Geboren am 3. Juni 1875 im westfälischen Barmen als Sohn des technisches Leiters einer kleinen Tuchweberei, musste er mit seiner Mutter schon zwei Jahre später finanziell mittellos ins Haus seines Großvaters, eines Schuhmachers, nach Elberfeld ziehen: sein Vater hatte sein Vermögen in die Konstruktion eines neuen Webstuhls investiert und verloren und starb an Tbc. In Elberfeld besucht Sauerbruch vier Jahre die Volksschule und wechselt anschließend auf das humanistische Gymnasium. Betroffen vom Tod des Großvaters, der für ihn die Vaterrolle spielte, muss Sauerbruch eine Klasse wiederholen und besteht erst mit 20 Jahren die Reifeprüfung.

Anschließend beginnt er sein Studium der Naturwissenschaft an der Universität Marburg. Für die Zulassung zum Medizinstudium holt Sauerbruch 1896 die Graecumprüfung am Gymnasium in Mülheim nach – eine erste in Köln hatte er nicht bestanden. Nach kurzer Studienzeit in Marburg immatrikuliert sich Sauerbruch an der Universität in Leipzig, wo er 1901 sein Staatsexamen ablegt und im Jahr darauf in Marburg promoviert. Da die finanzielle Situation durch den Tod des Großvaters angespannt ist, kann der angehende Arzt seine weitere Ausbildung nicht in Universitätsinstituten wie damals üblich als unbezahlte, mehrjährige Famulatur absolvieren, sondern wird Assistent in kleineren Krankenhäusern, zunächst in Kassel und später in Erfurt, wo seine erste wissenschaftliche Arbeit über stumpfe Bauchverletzungen entsteht. Das unstete Leben wird bis nach dem I. Weltkrieg dauern.

Sauerbruch-Prothese. Quelle: https://www.dmm-ingolstadt.de/fileadmin/pic/sauerbruch_prothese.jpg

Nach einem Intermezzo in Berlin tritt er 1903 als Assistenzarzt in die Breslauer Chirurgische Universitätsklinik ein und entwickelt sein „Druckdifferenzverfahren“, das die Thoraxchirurgie revolutioniert. Nachdem er sich 1905 noch in Breslau als Privatdozent habilitierte und die Verlobung mit einer Fabrikantentochter rasch wieder löste, wechselt er als Assistenzarzt nach Greifswald. Hier lernte er Adeline kennen, die Tochter des Pharmakologen Hugo Schulz, die er 1908 heiratet. Im selben Jahr wurde er erst Oberarzt, dann Außerordentlicher Professor in Marburg, reiste erstmals in die USA und freute sich über die Geburt seiner ersten Tochter Ursula – die aber mit fünf Monaten wieder starb.

1910 wird Sohn Hans geboren und Sauerbruch kurz darauf nach Zürich berufen. Hier kommen noch zwei Söhne und eine Tochter zur Welt, außerdem erscheint die erste Auflage zur Chirurgie der Brustorgane mit dem Titel „Technik der Thoraxchirurgie“. Getippt von seiner Frau auf der Schreibmaschine, wird sie bald ein Standardwerk. Der deutsch-national eingestellte Chirurg wird 1914 von der Kriegsbegeisterung erfasst, lässt sich, obwohl er keine Mobilmachungsanordnung erhält, von den Schweizer Behörden auf unbestimmte Zeit beurlauben, meldet sich als Kriegsfreiwilliger bei der deutschen Gesandtschaft in Bern und wird zum beratenden Chirurg des 15. Armeekorps in Straßburg befördert.

Anfänglich in den Vogesen und später bei Ypern eingesetzt, wird ihm 1915 die Leitung des Reservelazaretts an der Chirurgischen Universitätsklinik in Greifswald übertragen, in dem zahlreiche Amputationen durchgeführt werden. Bis 1916, da er das Vereinslazarett in Singen übernimmt, konstruiert er den „Sauerbruch-Arm“, eine Prothese, die direkt in den Körper implementiert wird; und schreibt sein Buch „Die willkürlich bewegbare künstliche Hand. Eine Anleitung für Chirurgen und Techniker“. Später gelingt ihm, die finanzielle Unterstützung der Firma Brown-Boveri zu gewinnen und damit die „Deutsche Ersatzgliedergesellschaft Sauerbruch GmbH“ (DERSA) mit dem Ziel zu gründen, eine schnelle und zuverlässige Versorgung der Amputierten zu gewährleisten.

„Fackelzug für Geheimrat Sauerbruch“

Mit der Übernahme der Leitung der Chirurgischen Universitätsklinik München 1918 und seiner Ernennung zum Geheimen Hofrat endet die unstete Lebensphase Sauerbruchs für die nächsten zehn Jahre. 1923 trifft er Hitler und sieht in ihm einen „halbgebildeten Vorstadtbarbier“, wie er einem Kollegen damals sagt. Bei der Feier seines 50. Geburtstags 1925 erschienen etwa 200 Personen. Ein am Vorabend stattgefundener „Fackelzug für Geheimrat Sauerbruch“ legte den Münchener Verkehr völlig lahm. In dem Jahr erschien auch „Die Chirurgie der Brustorgane“. Eine Geliebte ließ die Ehe kriseln. 1927 unternahm Sauerbruch anlässlich der Einladung vom Chirurgenverband Argentiniens, seine Methoden der Thoraxchirurgie vorzustellen, eine Südamerika-Reise. Danach wurde ihm der Lehrstuhl in Berlin angetragen. Sauerbruch pendelte zunächst ein halbes Jahr lang zwischen der Charité und München: Montag bis Mittwoch in Berlin Vorlesungen und Operationen, Donnerstag bis Sonnabend das gleiche Pensum in München. „Achtstundentag“ ist für ihn ein Fremdwort.

Einweihung der chirurgischen Universitäts-Klinik Berlin. Quelle: Von Bundesarchiv, Bild 102-08042 / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 de, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=5480123

1928 trat er dann die Stelle als Ordinarius an der II. Chirurgischen Klinik an, die er bis zu seiner Emeritierung 1949 leitet. 1932 wird er Ehrenpräsident der Berliner Chirurgischen Gesellschaft, im Jahr darauf Mitglied der Berliner Mittwochsgesellschaft, der auch Max Planck und vier der Hitler-Attentäter vom 20. Juli angehören, darunter Generaloberst Carl Ludwig Beck. Sauerbruch nutzt seine Stellung, um sich für nationalsozialistischen Repressionen ausgesetzten Menschen zu engagieren. So händigt er wiederholt Empfehlungsschreiben für „nichtarische“ Ärzte an Kollegen im Ausland aus, bis diese Praxis für ihn gefährlich wird. In mehreren nationalen Reden bekennt sich Sauerbruch dennoch zum NS-Regime, in das er Hoffnungen setzt, das Deutsche Reich zu einigen und zu stärken. So unterschreibt er ein „Bekenntnis“ deutscher Professoren zu Hitler und betont in einer Rundfunkrede, das „ganze Volk“ stehe „eisenstark“ hinter der neuen Regierung.

Mit Rudolf Nissen verfasste er 1933 die „Allgemeine Operationslehre“, mit Hans Wenke 1936 „Wesen und Bedeutung des Schmerzes“. Nach seiner Ernennung zum Staatsrat 1934 erhält er, gemeinsam mit dem Chirurgen August Bier, den von Hitler gestifteten Deutschen Nationalpreis für Kunst und Wissenschaft auf dem Reichsparteitag in Nürnberg. Die Einführung dieses Preises war die Antwort der Nationalsozialisten auf den Friedensnobelpreis für Carl von Ossietzky. Zur Teilung des mit 100.000 Reichsmark dotierten Deutschen Nationalpreises kam es infolge massiven Protests durch Gerhard Wagner, Reichsärzteführer und Leiter des Amts für Volksgesundheit in der Reichsleitung der NSDAP, gegen die Nominierung Sauerbruchs.

Im selben Jahr wurde er in den Reichsforschungsrat als Fachspartenleiter für den Bereich Medizin berufen und erlangt damit Einfluss auf die Forschungsförderung. Die bewegt sich zunächst im Bereich üblicher medizinischer Forschungen, ab 1941 fördert der Rat aber auch Menschenversuche in Kriegsgefangenen- und Konzentrationslagern. Sauerbruch genehmigt diese Experimente, wohl ohne dass sich aus den Anträgen und Berichten des Rats ihr Charakter ergab. Im Mai 1943 erfährt er jedoch nachweislich von den Versuchen der SS-Ärzte Karl Gebhardt und Fritz Fischer und deren Sulfonamidforschungen an KZ-Häftlingen. Unter dem Vorwand der Kriegsnotwendigkeit wird der Vortrag sowohl von Sauerbruch als auch von allen Anwesenden kritiklos hingenommen. In dieser Zeit machte der Ritterkreuzträger die Charité „zu einem Mekka für Thorax-Chirurgen aus der ganzen Welt“, so der britische Chirurg Sir Gordon Gordon-Taylor im Spiegel.

Liebermanns „Chirurg“. Quelle: Von Max Liebermann – anagoria, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=43273358

Der Scheidung von seiner ersten Frau 1938 folgt ein Jahr später die Heirat mit der zweiten, der sächsischen Ärztin Margot Großmann. Vortragsreisen, etwa nach London, schlossen sich Inspektionsreisen an die West- und Ostfront an, die sich nach seiner Beförderung zum Generalarzt noch intensivieren. Nach dem Attentat auf Hitler wird Sauerbruch vom Chef der Sicherheitspolizei Ernst Kaltenbrunner der Mitverschwörung verdächtigt und verhört. Sauerbruch weiß von Umsturzplänen, einer Inhaftierung oder gar einer Hinrichtung entgeht er jedoch. Auch Sauerbruchs Sohn Peter, der mit Claus Schenk Graf von Stauffenberg befreundet ist, gerät in den Fokus der Ermittlungen. Sauerbruch kann seine privilegierte Stellung bis Kriegsende bewahren, zieht mit seiner Frau in den Operationsbunker der Charité, als die Rote Armee der Reichshauptstadt näher rückt, und operiert bis zur Kapitulation rund 2.700 Verletzte. „Für mich ging das Dritte Reich wirklich und wahrhaftig inmitten von Blut, Eiter, Leichen und Gestank unter“, wird er sich erinnern.

„Wir brauchen den Namen Sauerbruch“

Obwohl sich bereits kurz nach Kriegsende Anzeichen einer Zerebralsklerose der Gehirngefäße bemerkbar machen, arbeitet Sauerbruch dennoch als Chirurg weiter. Die sowjetischen Besatzungsbehörden ernennen ihn noch im Mai 1945 zum Leiter der Abteilung Gesundheitswesen für die gesamte Stadt Berlin. Er unterzeichnet den Gründungsaufruf der CDU in Berlin am 26. Juni 1945. Im Oktober wird Sauerbruch wegen der Annahme von Ehrungen und politischer Tätigkeit zur NS-Zeit aus diesem Amt wieder entlassen. Ein in West-Berlin eröffnetes Entnazifizierungsverfahren endete am 26. Juli 1949 mit einem Freispruch. Nach seiner Emeritierung am 1. Dezember dieses Jahres ist er trotz seiner fortgeschrittenen Demenzerkrankung bis zu seinem Tod weiterhin als beratender und behandelnder Chirurg tätig. Friedrich Sauerbruch weiß um die Krankheit seines Vaters und bleibt dessen Assistenzarzt. Seine letzte Ruhe fand er in Wannsee, seit 1967 ist sein Grab „Ehrengrab“ der Stadt.

Noch in seinem Todesjahr erschienen Sauerbruchs heiter-melancholische Lebenserinnerungen „Das war mein Leben“, geschrieben von dem Publizisten Hans Rudolf Berndorff, die 1954 unter dem Titel „Sauerbruch – Das war mein Leben“ verfilmt wurden. Der Wahrheitsgehalt des Textes wurde von dem Chirurgieprofessor Rudolf Nissen, dem ehemaligen Schüler und Oberarzt Sauerbruchs, vehement bestritten, der eine Auseinandersetzung mit dem Autor und dem Verlag darüber führte. Vor allem die letzten Jahre galten als hochproblematisch in Sauerbruchs Leben: 1960 enthüllte Jürgen Thorwald in „Die Entlassung“, dass Sauerbruch, der einst die Panne eines Assistenzarztes zum Anlass nahm, das Wort vom „absolut unverzeihlichen Chirurgenverbrechen“ zu prägen, nach dem Kriege aufgrund seiner Demenz eine ganze Reihe von Patienten zu Tode operiert hat.

Grab in Wannsee. Quelle: Von Mutter Erde – Own work, Attribution, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=3541225

Das prominenteste Opfer war der aus Russland remigrierte Schauspieler Heinrich Greif, der bei einer Leistenbruch-Operation stirbt: Sauerbruch hatte die Hauptschlagader des Beins verletzt. Nach Greif wurde der bedeutendste Film- und Fernsehpreis der DDR benannt. Ein anderes Opfer war ein Mädchen mit Magen-Sarkom: Der Chirurg vergaß am Ende der Operation, Magen und Darm wieder zusammenzufügen. Zur Begründung, dass Sauerbruch nicht spätestens 1946 abberufen wurde, zitiert Thorwaldt den damaligen Verwaltungsdirektor der Deutschen Akademie der Wissenschaften, Dr. Josef Naas: „In der künftigen Auseinandersetzung … zwischen Sozialismus und Kapitalismus werden Millionen ihr Leben lassen. Angesichts dieser Tatsache ist es doch völlig belanglos, ob Sauerbruch auf seinem Operationstisch ein paar Dutzend Menschen tötet. Wir brauchen den Namen Sauerbruch.“

Der Fall Sauerbruch dünkte ihn exemplarisch, fasst Thorwald seine Recherchen zusammen, „für das Problem des alternden Arztes, der nicht erkennt oder nicht erkennen will, dass er abtreten muss“; und „für die fragwürdige Standessolidarität der Ärzte, Kunstfehler in den eigenen Reihen zu verharmlosen und versagende Kollegen zu decken“. Kann man angesichts seiner Lebensleistung diese letztenJahre relativieren? Sauerbruchs „großartiges Können“ habe darin bestanden, dass er „blitzartig den Krankheitsherd anging und freilegte“, zitiert der Spiegel einen seiner Schüler. Als weiteres Verdienst gilt, dass er die erste gelungene Operation eines Herzaneurysmas durchführte. „Die Chirurgie ist die älteste Form des Arzttums“, lautete sein Credo.

Ulrich Noethen als Sauerbruch in der ARD-Serie „Charite“. Quelle: https://media0.faz.net/ppmedia/aktuell/2811954143/1.6042624/mmobject-still_full/er-duzt-jeden-und-operiert.jpg

„Niemand“, konstatierte der Sauerbruch-Schüler Emil Karl Frey in einem Nachruf, „hat der Heilkunde und insbesondere der Chirurgie in den letzten Jahrzehnten so viel gegeben wie Sauerbruch.“ Dass er nach Dienstantritt die chirurgischen Kliniken in München und Berlin komplett modernisieren ließ, brachte ihm den Spitznamen „Mauerbruch“ ein. „Das Bild des ärztlichen Halbgottes in Weiß jedenfalls ist bis heute maßgeblich von Sauerbruchs Persönlichkeit geprägt“, befindet Angela Mißlbeck in der Ärzte-Zeitung. Er wurde zwischen 1912 und 1951 -zigmal für Nobelpreise vorgeschlagen – häufiger als jeder andere Chirurg, ohne den Preis jedoch jemals zu erhalten.

Er ist kein Weltmann, sondern Beamter der drittletzten Stufe, Geheimer Justizrat im Dienst des Hannoverschen Hofs; ein blasser, leicht unbeholfener, schnell verlegener Einzelgänger. Er hat keine Frau und keine engeren Freunde, und die Mahlzeiten, die er sich aus dem Gasthaus kommen lässt, verzehrt er meist allein auf seinem Zimmer. Seine Stimme ist hoch und dünn, sein Blick kurzsichtig, seine Füße und Finger zu lang für seinen Geschmack. Und sein gesamter Leib scheint nicht zur Bewegung gemacht. Doch dieser einsame Mann steht mit ganz Europa in Verbindung. Er hat Audienzen bei Fürsten, bei zwei deutschen Kaisern und dem russischen Zaren. Er korrespondiert mit 1100 Partnern in 16 Ländern, denen er mehr als 15 000 Briefe schreibt – die heute UNESCO-Weltdokumentenerbe sind.

In diesem unablässigen Austausch bewegt er seine Gedanken und hält sie zugleich fest – gedruckte Bücher veröffentlicht er zu Lebzeiten nur wenige. In einer Zeit der wissenschaftlichen Explosion, in der die Kenntnisse in unerhörtem Maß anwachsen, ist er der wohl letzte Universalgelehrte – der „intelligenteste Mensch seiner Epoche“, wie ihn ein Biograf rühmen wird. Er verschwendet sich als Doktor der Rechte, Philosoph und Forscher, als Mathematiker und Erfinder, arbeitet als Techniker, Physiker, Historiker und Bibliothekar, wirkt als Diplomat, Sprachwissenschaftler und Theologe. Denn nur wer sich überall auskennt, kann das Entlegenste miteinander verknüpfen: „Wer nur an einer Sache arbeitet, entdeckt selten etwas Neues.“

So findet er, was seine Zeitgenossen nicht einmal suchen. Er entwickelt Theorien zu Archäologie und Sprachgeschichte, aber auch eine Vorform des Dübels und einen gefederten Sitz für lange Kutschfahrten sowie eine revolutionäre mechanische Rechenmaschine mit Staffelwalze und Zahnrad – die zwar vorerst nur vorübergehend funktioniert, deren Bauprinzip sich jedoch fast 300 Jahre nach seinem Tod als fehlerfrei erweisen wird. Zudem formuliert er die „Dyadik“, die sämtliche Zahlen mit den Ziffern 1 (Gott) und 0 (nichts) ausdrückt, und legt so die Grundlagen für die digitale Rechenweise des Computers. Er entdeckt auch eine Methode zur Beschreibung von Kurven, die als Infinitesimalrechnung die Mathematik umwälzen wird und ohne die weder Raketen noch Smartphones denkbar wären.

Leibniz. Quelle: Von Christoph Bernhard Francke – Herzog Anton Ulrich-Museum, online, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=53159699

Doch eigentlich geht es ihm immer und immer wieder vor allem um eines: die Harmonie. Denn „Glück“, schreibt er, beruhe auf „höchstmöglicher Harmonie“. Und weil Harmonie, so seine Definition, „die Vollkommenheit des Denkbaren“ sei, führten nur das Denken und das Wissen zuverlässig zu diesem Ziel – zur „Harmonie des Geistes“ und schließlich zur Erkenntnis jener „Universalharmonie“, die in Gottes Schöpfung wirke. Und weil die Harmonie seiner Ansicht nach nur durch das Denken entstehen kann, schafft er sie in seinem Kopf – mit den Werkzeugen der Logik will er diese verrückt gewordene Zeit in die Bahn bringen: Gottfried Wilhelm Leibniz, der am 1. Juli 1646 in Leipzig zur Welt kam.

„nach meinem eigenen Willen“

Schon vor der Einschulung mag das Professorenkind lieber lesen als spielen, unterhält sich besser mit Büchern als mit gleichaltrigen Freunden. Und dass sein Vater stirbt, als er sechs ist, sieht er im Rückblick nicht als Trauma, sondern als Chance: Nur so kann er ohne elterliche Vorgaben lernen, was ihm gefällt, und „auf viele Dinge kommen, an die ich sonst nimmermehr gedacht hätte“. Mit acht Jahren besucht er nicht nur die Nikolaischule, sondern wälzt nebenbei den altrömischen Historiker Livius – und erschließt sich die lateinische Sprache ohne Wörterbuch, nur anhand der Holzschnitt-Abbildungen, mit denen die Bücher verziert sind. Mit neun stürzt er sich auf die Kirchenväter, die Logik des Aristoteles und die Metaphysik der Scholastik. Mit zwölf denkt er erstmals über eine „Art Alphabet der menschlichen Gedanken“ nach: Ein Arsenal aus klar definierten, als Zeichen darstellbaren Grundbegriffen, die sich eindeutig und nachvollziehbar zu gedanklichen Urteilen kombinieren lassen.

Auch als er mit 17 in Leipzig das Studium der Rechtswissenschaft beginnt, findet er noch genug Energie, sich nebenher in allerlei wissenschaftlichen Disziplinen auszuprobieren – und zwar ausschließlich „nach meinem eigenen Willen“. 1666, noch im Alter von 19 Jahren, veröffentlichte Leibniz sein erstes Buch „Über die Kunst der Kombinatorik“, mit dessen erstem Teil er in Jena in Philosophie promoviert wurde. Die Professur, die ihm die Universität Nürnberg mit 21 Jahren anbietet, lehnt er selbstbewusst ab: Er will sich nicht im akademischen Betrieb einmauern: Sein Leben lang wird er keinen Hochschulposten bekleiden. Stattdessen trat er in den Dienst des Mainzer Erzbischofs Johann Philipp von Schönborn. Er arbeitete an einer Reform des römischen Rechts und veröffentlichte zwei Traktate zur Physik. 1672 reiste Leibniz auf eigenen Wunsch nach Paris, wo er dem Sonnenkönig Ludwig XIV. einen Plan für einen Eroberungsfeldzug gegen Ägypten unterbreiten wollte, um ihn von den geplanten Eroberungskriegen in Europa abzubringen. Doch Ludwig hatte längst beschlossen, in die Niederlande einzumarschieren – und Leibniz traute sich nicht, den Plan zu übergeben. Über einhundert Jahre später jedoch wird ihn Napoleon Bonaparte in seiner Ägyptischen Expedition umsetzen.

Leibniz‘ Rechenmaschine. Quelle: Von uploader was Hajotthu at de.wikipedia – Museum Herrenhausen Palace, CC BY 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=28141911

Aber eigentlich würde er gern sein Wissen mit vollen Händen verteilen, meint Jörg-Uwe Albig in Geo Epoche. Pädagogische Erlebnisparks „zum leichteren Erlernen aller Dinge“ malt er sich aus, mit Laternae magicae, künstlichen Meteoriten, nachgestellten Land- und Seeschlachten sowie den berühmten Vakuumkugeln des Magdeburger Bürgermeisters Otto von Guericke, deren Hälften 32 Pferde nicht auseinanderzerren konnten. Er stellt sich öffentliche Bluttransfusionen vor, Shows mit Rechenmaschinen und Artisten, die durch Schreie Glas zerspringen lassen. Solches Infotainment, wie wir heute sagen würden, könnte den Menschen die Welt der Vollkommenheit näherbringen, sprich: der Harmonie. Unermüdlich und auf allen Ebenen bemüht er sich um diese Harmonie, verhandelt mit protestantischen Kirchenmännern und katholischen Bischöfen um die Einheit der Konfessionen, tüftelt weiter an seinem universalen Zeichensystem.

Am liebsten möchte er in die Politik: Mitmachen, an den Hebeln ziehen, die Geschicke der Nationen beeinflussen – oder wenigstens die der Kleinstaaten, die in Deutschland um Macht und Prestige rangeln. Meist bleibt es aber nur bei Projekten, großen Entwürfen. Er schmiedet Pläne für einen Reichsbund deutscher Fürsten, die niemand umsetzen will. Um Geld zu verdienen, verfasst Leibniz juristische Gutachten und dient sich 1673 sogar, mit einer Spottschrift auf Ludwig XIV., dem Kaiser in Wien für einen Posten als Hofsatiriker an. Doch ein Beamter richtet ihm aus, Majestät beschäftige bereits einen spaßigen Bibliothekar, es bestehe kein weiterer Bedarf. 1676 nimmt er das Angebot des Herzogs Johann Friedrich von Braunschweig-Lüneburg an, in der Residenz Hannover als Rechtsbeistand und Bibliothekar zu dienen – allerdings erst nach langem Zögern, denn Hannover ist tiefe Provinz: Ein Nest mit kaum 10 000 Einwohnern, erst 40 Jahre zuvor zur fürstlichen Residenz avanciert.

„mein Besonderer“

Johann Friedrich ist ein rachsüchtiger, auf den ersten Blick wenig einnehmender Mensch, selbst seine Mutter findet ihn hässlich, „abscheulich dick, dabei viel kürzer als die anderen“. Auch ein Mann des Geistes ist er nicht: Viel mehr als Bücher interessiert ihn seine kostspielige Armee. Leibniz, den Intellektuellen, hält sich der Fürst eher zu seinem Amüsement. Er bringt ihn in einer Kammer der Bibliothek unter, wo der Gelehrte zunächst fürchtet, er sei zu einer wahren „Sisyphusarbeit der Gerichtsgeschäfte“ verdammt, doch tatsächlich lässt Johann Friedrich ihm reichlich Zeit, seinen mathematischen, naturwissenschaftlichen und philosophischen Einfällen zu folgen.

Leibniz-Haus in Hannover. Quelle: Von Axel Hindemith – Foto aufgenommen von Benutzer Benutzer:AxelHH, Februar 2008, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=4557489

Manchmal darf er dem Herzog auch seine Ideen vortragen. Dann begibt sich Leibniz zum „Audienzbett“, in dem Johann Friedrich ab acht Uhr morgens seine Tage verbringt, und präsentiert ihm Entwürfe für Verschlüsselungsmaschinen, Pläne zur Mechanisierung der Seidenproduktion, zur Verwaltungsreform, zu Ackerbau und Manufakturwesen. Er unterbreitet ihm ein gigantisches Programm zur Datensammlung, schlägt Mikrokredite für Arme vor, Versicherungen gegen Flut und Feuer und für Hinterbliebene. „Mein Guter“, ächzt der Fürst dann, „mein Besonderer“, und will von den Plänen meist doch nichts wissen. Nur der Vorschlag seines Hofgelehrten, die Bergwerke im Harz mit Windkraft zu entwässern, stößt bei Johann Friedrich auf Interesse. Doch die Leibniz’schen Windmühlen sind zu schwach, und auch Wind und Wetter nicht verlässlich auf seiner Seite. Zudem sabotiert das Bergamt den wunderlichen Quereinsteiger, der sich kaum unter Tage wagt, „wo ich mich selbst nicht sehen könnte“. Viele seiner Ideen werden heute noch im Bergbau eingesetzt wie etwa die Endlosförderkette oder die konische Seiltrommel.

Als Johann Friedrich 1680 stirbt und dessen Bruder Ernst August in Hannover das Regiment übernimmt, verschlechtert sich die Stellung des Gelehrten noch weiter. Der neue Fürst kürzt Leibniz den Etat für die Bibliothek von 1500 auf nicht einmal 100 Taler pro Jahr. Dafür spannt er ihn als PR-Manager ein, lässt ihn Erbansprüche wie den Gewinn der britischen Königskrone 1714 legitimieren und Glückwunschgedichte verfassen. Und erteilt ihm den Auftrag, eine umfassende Geschichte des Welfenhauses zu erstellen, dem der Herzog angehört. Immerhin darf der Forscher für diese Arbeit reisen. Auf der Suche nach den Wurzeln seines Chefs durchkämmt er Süddeutschland und Österreich, durchquert Italien bis nach Rom und Neapel. Und es gelingt ihm sogar, in Wien eine Audienz bei Kaiser Leopold I. zu erhaschen, ihm Pläne zur Münzreform vorzulegen, zur Finanzierung der Türkenkriege, zum Aufbau eines Reichsarchivs. Doch der Kaiser nickt nur gnädig – und wendet sich anderen Dingen zu. Die Welfengeschichte bleibt unabgeschlossen, aber an politischen Erfolgen der Hannoveraner Welfen wie der Erhebung in den Kurfürstenstand 1692 war Leibniz beteiligt.

Es erscheint wie ein Glücksfall, dass sich Sophie Charlotte, die hochgebildete Tochter von Ernst August und Gattin des brandenburgischen Kurfürsten Friedrich III., für Berlin ein Observatorium wünscht, so wie bereits in Paris eins steht. Leibniz wittert eine Chance. Darf es nicht vielleicht eine ganze Akademie sein: ein Haus für die Mathematik und Medizin, für Botanik und Bergbau, Astronomie und Architektur, Physik und Chemie? Diese „Societät“, so schwebt ihm vor, soll nicht nur dienen, sondern regieren. Eine sanfte Diktatur des Geistes soll sie sein, eine Wissensbehörde, ein Superministerium, das nach und nach den ganzen Staat übernähme – und schließlich den Erdkreis: Beherrschte eine solche Institution erst einmal „mehr als die Hälfte der Welt“, hätten auch Krieg und Gewalt ein Ende. Immer wieder reist er nach Berlin, umgarnt die Kurfürstin mit seinem Scharfsinn, bis die schließlich bekennt, seine „Schülerin“ zu sein. Und 1700 bewilligt Friedrich III. tatsächlich die Akademie: mit Leibniz als Präsidenten, allerdings ohne Budget. Der Gelehrte sucht Mitglieder zusammen, doch findet er eher Dilettanten als Genies. Das Projekt verebbt in Bedeutungslosigkeit.

„als eigenes Verdienst angeeignet“

Immer klarer entwickelt er jetzt eine Philosophie, die seiner Sehnsucht nach Harmonie das theoretische Rüstzeug verschafft, die nicht einfach Metaphysik ist, sondern „sozusagen gänzlich Mathematik“. In seiner „Theodizee“, dem umfangreichsten Werk, das er je publiziert, unternimmt er nicht weniger als die Verteidigung Gottes mit den Mitteln der Logik: Er besteht darauf – dem Irrsinn der Europa immer wieder erschütternden Kriege zum Trotz -, dass der Gang der Dinge so vernünftig ist wie Algebra. „Indem Gott rechnet und seinen Gedanken ausführt“, so schreibt er, „entsteht die Welt.“ Nichts in ihr geschehe ohne zureichenden Grund. Und so sei sie vielleicht nicht uneingeschränkt gut – aber doch die „beste aller möglichen Welten“: die einzige logische Option, die dem rechnenden Gott zur Auswahl stand. Der Satz wurde vielfach missverstanden und missinterpretiert.

Windkunst zur Stollenentwässerung, 1:15. Quelle: https://www.hannover.de/Wirtschaft-Wissenschaft/Wissenschaft/Initiative-Wissenschaft-Hannover/Leibniz-in-Hannover/Leibniz%27-Leben/Leibniz-Der-Ingenieur

Während sich der Gelehrte noch im Glanz seines wachsenden Ruhms sonnt, pocht der hannoversche Fürst Georg Ludwig, der 1698 seinem Vater Ernst August nachgefolgt ist, immer wieder auf die Erfüllung der Dienstpflichten. Allmählich, so kolportiert jedenfalls ein hannoverscher Gesandter am Kaiserhof in Wien, habe Georg Ludwig genug von den „unendlichen Korrespondenzen“ seines Untertanen, dessen „Hin- und Wiederreisen“, dessen „unersättlicher Kuriosität“. Der Herrscher argwöhnt, Leibniz habe „entweder kein Talent oder keine Lust“, eine Aufgabe „zusammenzubringen oder zu beenden“. Leibniz fügt sich in die Pflicht, die er seinem Fürsten schuldet, auch wenn sie ihn zwingt, wie er klagt, „alle mathematischen, philosophischen und juristischen Überlegungen, zu denen ich mich hingezogen fühle, zurückzustellen“.

Und als wären diese profanen Belästigungen noch nicht genug, eskaliert auch noch ein großer Gelehrtenstreit um die Infinitesimalrechnung. Für Leibniz ist der Fall klar: 1684 hat er in einer Wissenschaftszeitschrift erstmals die wesentlichen Elemente seines „Calculus“ publiziert. Erst drei Jahre später hat Isaac Newton in seiner Schrift „Mathematische Grundlagen der Naturphilosophie“ öffentlich nachgezogen. Doch seit Langem lancieren die Anhänger des Mannes aus Cambridge den bösen Verdacht, in Wahrheit sei der Brite der Erste gewesen. Leibniz habe einfach nur zwei Briefe ausgewertet, in denen Newton dem Deutschen seine neue Methode dargestellt habe – und die mit leicht veränderten Begriffen als eigene Leistung ausgegeben. Bald tobt der Zwist um die mathematische Erstgeburt.

1712 nimmt sich eine Untersuchungskommission der Londoner „Royal Society“ des Falls an, der angesehensten Wissenschaftsinstanz weltweit. Binnen nur 50 Tagen kommt sie zu dem Schluss, dass „Mr. Newton der erste Erfinder“ der „differenziellen Methode“ sei. Präsident der Society: Isaac Newton. Autor des Abschlussberichts: Isaac Newton. Leibniz wankt unter diesem Schlag. Gekränkt lässt er sich zu einem Flugblatt hinreißen, das er anonym in der Mathematiker-Gemeinde zirkulieren lässt: In Wirklichkeit sei Newton derjenige, der „sich die Ehre eines anderen als eigenes Verdienst angeeignet hat“ – und seine Unterstützer nichts als „Schmeichler“, erfüllt von „Eitelkeit“ und „Ungerechtigkeit“.

Urvater der Kybernetik

Leibniz peinigen jetzt auch noch Gicht und offene Beine, die er der Überlieferung nach mit Löschpapier trocknet. Als der Universalgelehrte am 14. November 1716 stirbt, fast gelähmt, ohne Frau und Familie, prahlt sein Gegner Newton einem späteren Bericht zufolge, er habe des Kontrahenten „Herz gebrochen“. Und anders als der Brite, dessen Sarg 1727 Herzöge und viele Tausend Anhänger begleiten werden, verlässt Gottfried Wilhelm Leibniz die Welt halb vergessen. Zu seinem Begräbnis erscheint gerade ein einziges Mitglied der Beamtenschaft: Hofrat Johann Georg von Eckhart. Auf dem Sarg aber prangen, in silbernem Zinn auf schwarzem Samt, die Eins und die Null seiner Dyadik – Eckhart hatte sie anbringen lassen.

Denkmal in Leipzig. Quelle: Von Reinhard Ferdinand – Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=46818636

In der Wohnung des Toten finden sich Hunderttausende beschriebener Blätter und Zettel, darunter viele fast fertige, doch unveröffentlichte Manuskripte – die der hannoversche Herrscher eilig konfiszieren lässt, um darin womöglich enthaltene Hofgeheimnisse zu schützen. Die entdeckte man zwar nicht, dafür aber Pläne für ein Unterseeboot, zur Verbesserung der Technik von Türschlössern oder ein Gerät zur Bestimmung der Windgeschwindigkeit. Seine Monadentheorie gab dem Atomismus der antiken Philosophen neue Impulse. Er gilt auch als Begründer der Indogermanistik. Angeblich wurde er Ende 1711 von Kaiser Karl VI. geadelt und in den Freiherrenstand erhoben; es fehlt allerdings die entsprechende Urkunde.

Der Streit aber, wer denn nun die Infinitesimalrechnung erfunden hat, kommt durch den Tod der zwei Genies noch lange nicht zur Ruhe. Mehr als zwei Jahrhunderte lang dauert er an, und erst 1949 wird ein Mathematikhistoriker Leibniz endgültig rehabilitieren: Der sei zwar nach Newton als Zweiter, doch völlig selbstständig zu der bahnbrechenden Methode gelangt. Zudem hat Leibniz die eleganteren Zeichen und Begriffe gefunden; daher rechnet schon bald fast die ganze gelehrte Welt mit seinen Symbolen – außer den Engländern, die mit ihrem unhandlichen Werkzeug so für mindestens ein Jahrhundert den Anschluss an die Entwicklung der Mathematik verpassen.

Den unterlegenen Leibniz aber wird man lange nach seinem Tod als Urvater von Kybernetik und Computer verehren, als Propheten des Siegeszugs formaler Logik, kurz: als Wegbereiter der Moderne. Ein Zusammenschluss deutscher Forschungsinstitute unterschiedlicher Fachrichtungen mit Sitz in Berlin nennt sich Leibniz-Gemeinschaft. Der Supercomputer HLRN-III des Norddeutschen Verbunds für Hoch- und Höchstleistungsrechnen am Standort Hannover ist nach ihm benannt. Universitäten, Straßen und bedeutende Wissenschaftspreise tragen seinen Namen, ein Asteroid, ein Mondkrater, ein Berg im Pamirgebirge – und nicht zuletzt der Keks der „Hannoverschen Cakes-Fabrik H. Bahlsen 1891“.

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