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Er ist kein Weltmann, sondern Beamter der drittletzten Stufe, Geheimer Justizrat im Dienst des Hannoverschen Hofs; ein blasser, leicht unbeholfener, schnell verlegener Einzelgänger. Er hat keine Frau und keine engeren Freunde, und die Mahlzeiten, die er sich aus dem Gasthaus kommen lässt, verzehrt er meist allein auf seinem Zimmer. Seine Stimme ist hoch und dünn, sein Blick kurzsichtig, seine Füße und Finger zu lang für seinen Geschmack. Und sein gesamter Leib scheint nicht zur Bewegung gemacht. Doch dieser einsame Mann steht mit ganz Europa in Verbindung. Er hat Audienzen bei Fürsten, bei zwei deutschen Kaisern und dem russischen Zaren. Er korrespondiert mit 1100 Partnern in 16 Ländern, denen er mehr als 15 000 Briefe schreibt – die heute UNESCO-Weltdokumentenerbe sind.

In diesem unablässigen Austausch bewegt er seine Gedanken und hält sie zugleich fest – gedruckte Bücher veröffentlicht er zu Lebzeiten nur wenige. In einer Zeit der wissenschaftlichen Explosion, in der die Kenntnisse in unerhörtem Maß anwachsen, ist er der wohl letzte Universalgelehrte – der „intelligenteste Mensch seiner Epoche“, wie ihn ein Biograf rühmen wird. Er verschwendet sich als Doktor der Rechte, Philosoph und Forscher, als Mathematiker und Erfinder, arbeitet als Techniker, Physiker, Historiker und Bibliothekar, wirkt als Diplomat, Sprachwissenschaftler und Theologe. Denn nur wer sich überall auskennt, kann das Entlegenste miteinander verknüpfen: „Wer nur an einer Sache arbeitet, entdeckt selten etwas Neues.“

So findet er, was seine Zeitgenossen nicht einmal suchen. Er entwickelt Theorien zu Archäologie und Sprachgeschichte, aber auch eine Vorform des Dübels und einen gefederten Sitz für lange Kutschfahrten sowie eine revolutionäre mechanische Rechenmaschine mit Staffelwalze und Zahnrad – die zwar vorerst nur vorübergehend funktioniert, deren Bauprinzip sich jedoch fast 300 Jahre nach seinem Tod als fehlerfrei erweisen wird. Zudem formuliert er die „Dyadik“, die sämtliche Zahlen mit den Ziffern 1 (Gott) und 0 (nichts) ausdrückt, und legt so die Grundlagen für die digitale Rechenweise des Computers. Er entdeckt auch eine Methode zur Beschreibung von Kurven, die als Infinitesimalrechnung die Mathematik umwälzen wird und ohne die weder Raketen noch Smartphones denkbar wären.

Leibniz. Quelle: Von Christoph Bernhard Francke – Herzog Anton Ulrich-Museum, online, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=53159699

Doch eigentlich geht es ihm immer und immer wieder vor allem um eines: die Harmonie. Denn „Glück“, schreibt er, beruhe auf „höchstmöglicher Harmonie“. Und weil Harmonie, so seine Definition, „die Vollkommenheit des Denkbaren“ sei, führten nur das Denken und das Wissen zuverlässig zu diesem Ziel – zur „Harmonie des Geistes“ und schließlich zur Erkenntnis jener „Universalharmonie“, die in Gottes Schöpfung wirke. Und weil die Harmonie seiner Ansicht nach nur durch das Denken entstehen kann, schafft er sie in seinem Kopf – mit den Werkzeugen der Logik will er diese verrückt gewordene Zeit in die Bahn bringen: Gottfried Wilhelm Leibniz, der am 1. Juli 1646 in Leipzig zur Welt kam.

„nach meinem eigenen Willen“

Schon vor der Einschulung mag das Professorenkind lieber lesen als spielen, unterhält sich besser mit Büchern als mit gleichaltrigen Freunden. Und dass sein Vater stirbt, als er sechs ist, sieht er im Rückblick nicht als Trauma, sondern als Chance: Nur so kann er ohne elterliche Vorgaben lernen, was ihm gefällt, und „auf viele Dinge kommen, an die ich sonst nimmermehr gedacht hätte“. Mit acht Jahren besucht er nicht nur die Nikolaischule, sondern wälzt nebenbei den altrömischen Historiker Livius – und erschließt sich die lateinische Sprache ohne Wörterbuch, nur anhand der Holzschnitt-Abbildungen, mit denen die Bücher verziert sind. Mit neun stürzt er sich auf die Kirchenväter, die Logik des Aristoteles und die Metaphysik der Scholastik. Mit zwölf denkt er erstmals über eine „Art Alphabet der menschlichen Gedanken“ nach: Ein Arsenal aus klar definierten, als Zeichen darstellbaren Grundbegriffen, die sich eindeutig und nachvollziehbar zu gedanklichen Urteilen kombinieren lassen.

Auch als er mit 17 in Leipzig das Studium der Rechtswissenschaft beginnt, findet er noch genug Energie, sich nebenher in allerlei wissenschaftlichen Disziplinen auszuprobieren – und zwar ausschließlich „nach meinem eigenen Willen“. 1666, noch im Alter von 19 Jahren, veröffentlichte Leibniz sein erstes Buch „Über die Kunst der Kombinatorik“, mit dessen erstem Teil er in Jena in Philosophie promoviert wurde. Die Professur, die ihm die Universität Nürnberg mit 21 Jahren anbietet, lehnt er selbstbewusst ab: Er will sich nicht im akademischen Betrieb einmauern: Sein Leben lang wird er keinen Hochschulposten bekleiden. Stattdessen trat er in den Dienst des Mainzer Erzbischofs Johann Philipp von Schönborn. Er arbeitete an einer Reform des römischen Rechts und veröffentlichte zwei Traktate zur Physik. 1672 reiste Leibniz auf eigenen Wunsch nach Paris, wo er dem Sonnenkönig Ludwig XIV. einen Plan für einen Eroberungsfeldzug gegen Ägypten unterbreiten wollte, um ihn von den geplanten Eroberungskriegen in Europa abzubringen. Doch Ludwig hatte längst beschlossen, in die Niederlande einzumarschieren – und Leibniz traute sich nicht, den Plan zu übergeben. Über einhundert Jahre später jedoch wird ihn Napoleon Bonaparte in seiner Ägyptischen Expedition umsetzen.

Leibniz‘ Rechenmaschine. Quelle: Von uploader was Hajotthu at de.wikipedia – Museum Herrenhausen Palace, CC BY 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=28141911

Aber eigentlich würde er gern sein Wissen mit vollen Händen verteilen, meint Jörg-Uwe Albig in Geo Epoche. Pädagogische Erlebnisparks „zum leichteren Erlernen aller Dinge“ malt er sich aus, mit Laternae magicae, künstlichen Meteoriten, nachgestellten Land- und Seeschlachten sowie den berühmten Vakuumkugeln des Magdeburger Bürgermeisters Otto von Guericke, deren Hälften 32 Pferde nicht auseinanderzerren konnten. Er stellt sich öffentliche Bluttransfusionen vor, Shows mit Rechenmaschinen und Artisten, die durch Schreie Glas zerspringen lassen. Solches Infotainment, wie wir heute sagen würden, könnte den Menschen die Welt der Vollkommenheit näherbringen, sprich: der Harmonie. Unermüdlich und auf allen Ebenen bemüht er sich um diese Harmonie, verhandelt mit protestantischen Kirchenmännern und katholischen Bischöfen um die Einheit der Konfessionen, tüftelt weiter an seinem universalen Zeichensystem.

Am liebsten möchte er in die Politik: Mitmachen, an den Hebeln ziehen, die Geschicke der Nationen beeinflussen – oder wenigstens die der Kleinstaaten, die in Deutschland um Macht und Prestige rangeln. Meist bleibt es aber nur bei Projekten, großen Entwürfen. Er schmiedet Pläne für einen Reichsbund deutscher Fürsten, die niemand umsetzen will. Um Geld zu verdienen, verfasst Leibniz juristische Gutachten und dient sich 1673 sogar, mit einer Spottschrift auf Ludwig XIV., dem Kaiser in Wien für einen Posten als Hofsatiriker an. Doch ein Beamter richtet ihm aus, Majestät beschäftige bereits einen spaßigen Bibliothekar, es bestehe kein weiterer Bedarf. 1676 nimmt er das Angebot des Herzogs Johann Friedrich von Braunschweig-Lüneburg an, in der Residenz Hannover als Rechtsbeistand und Bibliothekar zu dienen – allerdings erst nach langem Zögern, denn Hannover ist tiefe Provinz: Ein Nest mit kaum 10 000 Einwohnern, erst 40 Jahre zuvor zur fürstlichen Residenz avanciert.

„mein Besonderer“

Johann Friedrich ist ein rachsüchtiger, auf den ersten Blick wenig einnehmender Mensch, selbst seine Mutter findet ihn hässlich, „abscheulich dick, dabei viel kürzer als die anderen“. Auch ein Mann des Geistes ist er nicht: Viel mehr als Bücher interessiert ihn seine kostspielige Armee. Leibniz, den Intellektuellen, hält sich der Fürst eher zu seinem Amüsement. Er bringt ihn in einer Kammer der Bibliothek unter, wo der Gelehrte zunächst fürchtet, er sei zu einer wahren „Sisyphusarbeit der Gerichtsgeschäfte“ verdammt, doch tatsächlich lässt Johann Friedrich ihm reichlich Zeit, seinen mathematischen, naturwissenschaftlichen und philosophischen Einfällen zu folgen.

Leibniz-Haus in Hannover. Quelle: Von Axel Hindemith – Foto aufgenommen von Benutzer Benutzer:AxelHH, Februar 2008, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=4557489

Manchmal darf er dem Herzog auch seine Ideen vortragen. Dann begibt sich Leibniz zum „Audienzbett“, in dem Johann Friedrich ab acht Uhr morgens seine Tage verbringt, und präsentiert ihm Entwürfe für Verschlüsselungsmaschinen, Pläne zur Mechanisierung der Seidenproduktion, zur Verwaltungsreform, zu Ackerbau und Manufakturwesen. Er unterbreitet ihm ein gigantisches Programm zur Datensammlung, schlägt Mikrokredite für Arme vor, Versicherungen gegen Flut und Feuer und für Hinterbliebene. „Mein Guter“, ächzt der Fürst dann, „mein Besonderer“, und will von den Plänen meist doch nichts wissen. Nur der Vorschlag seines Hofgelehrten, die Bergwerke im Harz mit Windkraft zu entwässern, stößt bei Johann Friedrich auf Interesse. Doch die Leibniz’schen Windmühlen sind zu schwach, und auch Wind und Wetter nicht verlässlich auf seiner Seite. Zudem sabotiert das Bergamt den wunderlichen Quereinsteiger, der sich kaum unter Tage wagt, „wo ich mich selbst nicht sehen könnte“. Viele seiner Ideen werden heute noch im Bergbau eingesetzt wie etwa die Endlosförderkette oder die konische Seiltrommel.

Als Johann Friedrich 1680 stirbt und dessen Bruder Ernst August in Hannover das Regiment übernimmt, verschlechtert sich die Stellung des Gelehrten noch weiter. Der neue Fürst kürzt Leibniz den Etat für die Bibliothek von 1500 auf nicht einmal 100 Taler pro Jahr. Dafür spannt er ihn als PR-Manager ein, lässt ihn Erbansprüche wie den Gewinn der britischen Königskrone 1714 legitimieren und Glückwunschgedichte verfassen. Und erteilt ihm den Auftrag, eine umfassende Geschichte des Welfenhauses zu erstellen, dem der Herzog angehört. Immerhin darf der Forscher für diese Arbeit reisen. Auf der Suche nach den Wurzeln seines Chefs durchkämmt er Süddeutschland und Österreich, durchquert Italien bis nach Rom und Neapel. Und es gelingt ihm sogar, in Wien eine Audienz bei Kaiser Leopold I. zu erhaschen, ihm Pläne zur Münzreform vorzulegen, zur Finanzierung der Türkenkriege, zum Aufbau eines Reichsarchivs. Doch der Kaiser nickt nur gnädig – und wendet sich anderen Dingen zu. Die Welfengeschichte bleibt unabgeschlossen, aber an politischen Erfolgen der Hannoveraner Welfen wie der Erhebung in den Kurfürstenstand 1692 war Leibniz beteiligt.

Es erscheint wie ein Glücksfall, dass sich Sophie Charlotte, die hochgebildete Tochter von Ernst August und Gattin des brandenburgischen Kurfürsten Friedrich III., für Berlin ein Observatorium wünscht, so wie bereits in Paris eins steht. Leibniz wittert eine Chance. Darf es nicht vielleicht eine ganze Akademie sein: ein Haus für die Mathematik und Medizin, für Botanik und Bergbau, Astronomie und Architektur, Physik und Chemie? Diese „Societät“, so schwebt ihm vor, soll nicht nur dienen, sondern regieren. Eine sanfte Diktatur des Geistes soll sie sein, eine Wissensbehörde, ein Superministerium, das nach und nach den ganzen Staat übernähme – und schließlich den Erdkreis: Beherrschte eine solche Institution erst einmal „mehr als die Hälfte der Welt“, hätten auch Krieg und Gewalt ein Ende. Immer wieder reist er nach Berlin, umgarnt die Kurfürstin mit seinem Scharfsinn, bis die schließlich bekennt, seine „Schülerin“ zu sein. Und 1700 bewilligt Friedrich III. tatsächlich die Akademie: mit Leibniz als Präsidenten, allerdings ohne Budget. Der Gelehrte sucht Mitglieder zusammen, doch findet er eher Dilettanten als Genies. Das Projekt verebbt in Bedeutungslosigkeit.

„als eigenes Verdienst angeeignet“

Immer klarer entwickelt er jetzt eine Philosophie, die seiner Sehnsucht nach Harmonie das theoretische Rüstzeug verschafft, die nicht einfach Metaphysik ist, sondern „sozusagen gänzlich Mathematik“. In seiner „Theodizee“, dem umfangreichsten Werk, das er je publiziert, unternimmt er nicht weniger als die Verteidigung Gottes mit den Mitteln der Logik: Er besteht darauf – dem Irrsinn der Europa immer wieder erschütternden Kriege zum Trotz -, dass der Gang der Dinge so vernünftig ist wie Algebra. „Indem Gott rechnet und seinen Gedanken ausführt“, so schreibt er, „entsteht die Welt.“ Nichts in ihr geschehe ohne zureichenden Grund. Und so sei sie vielleicht nicht uneingeschränkt gut – aber doch die „beste aller möglichen Welten“: die einzige logische Option, die dem rechnenden Gott zur Auswahl stand. Der Satz wurde vielfach missverstanden und missinterpretiert.

Windkunst zur Stollenentwässerung, 1:15. Quelle: https://www.hannover.de/Wirtschaft-Wissenschaft/Wissenschaft/Initiative-Wissenschaft-Hannover/Leibniz-in-Hannover/Leibniz%27-Leben/Leibniz-Der-Ingenieur

Während sich der Gelehrte noch im Glanz seines wachsenden Ruhms sonnt, pocht der hannoversche Fürst Georg Ludwig, der 1698 seinem Vater Ernst August nachgefolgt ist, immer wieder auf die Erfüllung der Dienstpflichten. Allmählich, so kolportiert jedenfalls ein hannoverscher Gesandter am Kaiserhof in Wien, habe Georg Ludwig genug von den „unendlichen Korrespondenzen“ seines Untertanen, dessen „Hin- und Wiederreisen“, dessen „unersättlicher Kuriosität“. Der Herrscher argwöhnt, Leibniz habe „entweder kein Talent oder keine Lust“, eine Aufgabe „zusammenzubringen oder zu beenden“. Leibniz fügt sich in die Pflicht, die er seinem Fürsten schuldet, auch wenn sie ihn zwingt, wie er klagt, „alle mathematischen, philosophischen und juristischen Überlegungen, zu denen ich mich hingezogen fühle, zurückzustellen“.

Und als wären diese profanen Belästigungen noch nicht genug, eskaliert auch noch ein großer Gelehrtenstreit um die Infinitesimalrechnung. Für Leibniz ist der Fall klar: 1684 hat er in einer Wissenschaftszeitschrift erstmals die wesentlichen Elemente seines „Calculus“ publiziert. Erst drei Jahre später hat Isaac Newton in seiner Schrift „Mathematische Grundlagen der Naturphilosophie“ öffentlich nachgezogen. Doch seit Langem lancieren die Anhänger des Mannes aus Cambridge den bösen Verdacht, in Wahrheit sei der Brite der Erste gewesen. Leibniz habe einfach nur zwei Briefe ausgewertet, in denen Newton dem Deutschen seine neue Methode dargestellt habe – und die mit leicht veränderten Begriffen als eigene Leistung ausgegeben. Bald tobt der Zwist um die mathematische Erstgeburt.

1712 nimmt sich eine Untersuchungskommission der Londoner „Royal Society“ des Falls an, der angesehensten Wissenschaftsinstanz weltweit. Binnen nur 50 Tagen kommt sie zu dem Schluss, dass „Mr. Newton der erste Erfinder“ der „differenziellen Methode“ sei. Präsident der Society: Isaac Newton. Autor des Abschlussberichts: Isaac Newton. Leibniz wankt unter diesem Schlag. Gekränkt lässt er sich zu einem Flugblatt hinreißen, das er anonym in der Mathematiker-Gemeinde zirkulieren lässt: In Wirklichkeit sei Newton derjenige, der „sich die Ehre eines anderen als eigenes Verdienst angeeignet hat“ – und seine Unterstützer nichts als „Schmeichler“, erfüllt von „Eitelkeit“ und „Ungerechtigkeit“.

Urvater der Kybernetik

Leibniz peinigen jetzt auch noch Gicht und offene Beine, die er der Überlieferung nach mit Löschpapier trocknet. Als der Universalgelehrte am 14. November 1716 stirbt, fast gelähmt, ohne Frau und Familie, prahlt sein Gegner Newton einem späteren Bericht zufolge, er habe des Kontrahenten „Herz gebrochen“. Und anders als der Brite, dessen Sarg 1727 Herzöge und viele Tausend Anhänger begleiten werden, verlässt Gottfried Wilhelm Leibniz die Welt halb vergessen. Zu seinem Begräbnis erscheint gerade ein einziges Mitglied der Beamtenschaft: Hofrat Johann Georg von Eckhart. Auf dem Sarg aber prangen, in silbernem Zinn auf schwarzem Samt, die Eins und die Null seiner Dyadik – Eckhart hatte sie anbringen lassen.

Denkmal in Leipzig. Quelle: Von Reinhard Ferdinand – Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=46818636

In der Wohnung des Toten finden sich Hunderttausende beschriebener Blätter und Zettel, darunter viele fast fertige, doch unveröffentlichte Manuskripte – die der hannoversche Herrscher eilig konfiszieren lässt, um darin womöglich enthaltene Hofgeheimnisse zu schützen. Die entdeckte man zwar nicht, dafür aber Pläne für ein Unterseeboot, zur Verbesserung der Technik von Türschlössern oder ein Gerät zur Bestimmung der Windgeschwindigkeit. Seine Monadentheorie gab dem Atomismus der antiken Philosophen neue Impulse. Er gilt auch als Begründer der Indogermanistik. Angeblich wurde er Ende 1711 von Kaiser Karl VI. geadelt und in den Freiherrenstand erhoben; es fehlt allerdings die entsprechende Urkunde.

Der Streit aber, wer denn nun die Infinitesimalrechnung erfunden hat, kommt durch den Tod der zwei Genies noch lange nicht zur Ruhe. Mehr als zwei Jahrhunderte lang dauert er an, und erst 1949 wird ein Mathematikhistoriker Leibniz endgültig rehabilitieren: Der sei zwar nach Newton als Zweiter, doch völlig selbstständig zu der bahnbrechenden Methode gelangt. Zudem hat Leibniz die eleganteren Zeichen und Begriffe gefunden; daher rechnet schon bald fast die ganze gelehrte Welt mit seinen Symbolen – außer den Engländern, die mit ihrem unhandlichen Werkzeug so für mindestens ein Jahrhundert den Anschluss an die Entwicklung der Mathematik verpassen.

Den unterlegenen Leibniz aber wird man lange nach seinem Tod als Urvater von Kybernetik und Computer verehren, als Propheten des Siegeszugs formaler Logik, kurz: als Wegbereiter der Moderne. Ein Zusammenschluss deutscher Forschungsinstitute unterschiedlicher Fachrichtungen mit Sitz in Berlin nennt sich Leibniz-Gemeinschaft. Der Supercomputer HLRN-III des Norddeutschen Verbunds für Hoch- und Höchstleistungsrechnen am Standort Hannover ist nach ihm benannt. Universitäten, Straßen und bedeutende Wissenschaftspreise tragen seinen Namen, ein Asteroid, ein Mondkrater, ein Berg im Pamirgebirge – und nicht zuletzt der Keks der „Hannoverschen Cakes-Fabrik H. Bahlsen 1891“.

Es waren nur sechs von insgesamt 3.980 Titeln des Kinderbuchverlags Berlin, doch kaum ein DDR-Bürger kannte sie nicht – die „Smaragdenstadt-Bücher“ waren „Lieblingsbücher“ für Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD) ebenso wie für „Rammstein“-Keyboarder Flake Lorenz: „Ich habe seine Bücher geliebt!“ Dabei waren sie „Bückware“, also nur unterm Ladentisch und nur für gute Kunden erhältlich. Zwischen 1964 und 1982 erstveröffentlicht, wurden sie zwischen 2006 und 2011 von Katharina Thalbach eingesprochen und als Hörbücher publiziert. Geschrieben hat sie Alexander Wolkow, der am 14. Juni vor 130 Jahren zur Welt kam.

Der in Ust-Kamenogorsk (Ost-Kasachstan) geborene Wolkow beschäftigte sich schon als Jugendlicher intensiv mit Literatur. Sein Vater, ein pensionierter Feldwebel, hatte bereits dem vierjährigen Alexander das Lesen beigebracht. Zu den Büchern, die er in seiner Kinder- und Jugendzeit las, zählen Werke von Charles Dickens und Jules Verne – mehrere seiner Romane wird er Jahrzehnte später übersetzen. Auf Grund seiner guten Lesekenntnisse wurde er zwei Jahre später direkt in die 2. Klasse eingeschult. Er beendete die Grundschule mit zwölf Jahren als bester Schüler seines Jahrgangs und legte dann auf dem Gymnasium sein Examen ab. Im Alter von 12 Jahren schrieb er nach eigenem Bekunden an seinem ersten „Roman“, einer Robinsonade.

Nach einer Lehre als Buchbinder studierte er von 1907 bis 1910 Mathematik am Staatlichen Pädagogischen Institut in Tomsk. Danach arbeitete er als Lehrer, zunächst in Kolywan im Altai, dann in Ust-Kamenogorsk an seiner ehemaligen Schule und später, als Schuldirektor, in Jaroslawl. Er unterrichtete neben Mathematik auch Physik, Russisch, Literatur, Geschichte, Geographie, Zeichnen und Latein. Als Autodidakt lernte er Deutsch und Französisch. 1917 wurden als erste Werke einige seiner Gedichte veröffentlicht.

Alexander Wolkow. Quelle: http://www.smaragdenstadt-fanpage.de/bilder/kuenstle/wolkow.jpg

Ab 1929 lebte Wolkow in Moskau, wo er stellvertretender Direktor einer Arbeiterfakultät war und mit fast 40 Jahren ein Mathematikstudium begann. Er beendete es erfolgreich in nur sieben Monaten und arbeitete seit 1931 als Dozent der Moskauer Hochschule für Buntmetalle und Gold, wo er bis zu seiner Pensionierung 1957 höhere Mathematik lehrte. In den 1930er Jahren lernt er auch noch Englisch und versuchte für ein Praktikum, die Erzählung des US-Autors Lyman Frank Baum „The Wizard of Oz“ zu übersetzen. Das Buch gefiel ihm sehr, und er begann, es unter einem Pseudonym nachzuerzählen. Bei der Umarbeitung fügte sich dann eine Änderung an die andere. Aus Dorothy wurde Elli, Totoschka kann nach der Ankunft im Zauberland sprechen und der Zauberer aus dem Land Oz bekam den Namen und Titel „Goodwin, der Große und Schreckliche“ …

Eine Ergänzung folgte der nächsten, und das Märchen des Amerikaners Lyman Frank Baum verwandelte sich in Wolkows ureigenes Märchen. Der bekannte Kinderbuchautor Samuil Marschak wurde 1937 mit dem Manuskript des „Zauberers“ bekannt gemacht und danach auch mit dem Übersetzer, und er riet diesem, sich professionell mit der Literatur zu beschäftigen. Wolkow hörte auf diesen Rat. Der „Zauberer der Smaragdenstadt“ wurde 1939 in einer Auflage von 25.000 Exemplaren herausgegeben, ein Jahr später folgten zwei weitere Auflagen mit 25.000 und dann sogar mit 175.000 Exemplaren.

egalitär-humanistische Moralvorstellungen

„Der Zauberer der Smaragdenstadt“ ist das erste von sechs Büchern, in denen das Mädchen Elli und ihr Hündchen Totoschka von einem Wirbelsturm in ein Zauberland verschlagen werden, das von den unüberwindbaren weltumspannenden Bergen umgeben ist und in dem sie, angelehnt an Frank Baums Vorlage, viele Abenteuer erleben. Mit Hilfe ihrer neu gewonnenen treuen Freunde, einer Vogelscheuche, dem Eisernen Holzfäller und dem Feigen Löwen, kämpfen sie gegen den fürchterlichen Bösewicht Urfin oder die böse Zauberin Bastina. Auch die verschiedenen Völker des Smaragdenlandes und die gute Zauberin Stella helfen Elli und ihren Freunden. Nach vielen Abenteuern, aber auch angenehmen Erlebnissen kommen Elli und ihr Hündchen wieder nach Hause.

Die Smaragdenstadt-Reihe. Quelle: https://images-na.ssl-images-amazon.com/images/I/91wjtE886dL.AC_SX425.jpg

1959 wurde das Buch in einer überarbeiteten Fassung mit Zeichnungen von Leonid Wladimirski neu herausgegeben – er hatte auch Alexei Tolstois „Burattino“ entworfen. Mit Wladimirskis Illustrationen sollte der „Zauberer“ später in der Sowjetunion und in Russland über 110mal wiederaufgelegt werden. In den Folgejahren wurde das Kinderbuch in den Staaten des Ostblocks und vor allem für die DDR erfolgreich immer wieder neu aufgelegt. Nach dem großen Erfolg des ersten Bandes verfasste Wolkow ab 1963 noch fünf weitere Bücher, welche die Motive der Geschichte weitererzählen.

Darin kehrt die arglose und freundliche Elli immer wieder auf verschiedenen Wegen ins Zauberland zurück, weil dort Konflikte zwischen oder mit den Völkern des Zauberlandes gelöst werden müssen oder ihre Hilfe gegen den bösen Urfin gebraucht wird. Der versucht immer wieder, mit verschiedenen Mitteln die Smaragdenstadt zu erobern. In den letzten Büchern der Reihe übernimmt Ellis jüngere Schwester Ann die schwierige Aufgabe, das Zauberland und dessen Bewohner vor Urfin oder der Riesenhexe Arachna zu retten. Dabei propagiert Wolkow egalitär-humanistische Moralvorstellungen. Der letzte Teil nimmt mit der Ankunft von Außerirdischen auf spielerische Weise sogar Science-Fiction-Elemente auf.

Stoff und Motive wurden mehrfach als Theaterstück, Musical oder gar Oper verarbeitet, so 2018 durch Pierangelo Valtinoni an der Komischen Oper Berlin. 2019 brachten die Melnitsa Studios in Sankt Petersburg den 2. Band „Der schlaue Urfin und seine Holzsoldaten“ als Animationsabenteuer auch nach Deutschland. Unter dem Filmtitel „Urfin – Der Zauberer von Oz“ wird auf höchstem grafischen Niveau die Geschichte eines verschlagenen Tischlers erzählt, dem sein wild wucherndes Unkraut ein magisches Pulver liefert, um eine geschreinerte Armee aus Holzköpfen zum Leben zu erwecken und das Wunderland zu unterwerfen. Ellis Freunde aus dem ersten Buch, der Blechmann und die Vogelscheuche, landen in den Kerkern der Smaragdenstadt; das Mädchen und der Löwe eilen ihnen zu Hilfe. Urfin wird dabei von Oliver Kalkofe gesprochen.

Urfin als Trickfigur. Quelle: https://ff-schlingel.de/fileadmin/processed/f/f/csm_SchlaueUrfinUndSeineHolzsoldaten_59b604c9bf.jpg

Neben den Märchen und Übersetzungen schrieb Wolkow auch eine Reihe historischer Romane für Kinder, darunter „Die wunderbare Kugel“ oder „Die Abenteuer zweier Freunde im Lande der Vergangenheit“. Er starb am 3. Juli 1977 in Moskau. Aber der Hunger nach noch mehr „Wolkow“ schien auch nach 1990 unersättlich. 1996 tauchte der neue Name Nikolai Bachnow auf: Der klang so, als hätte Wolkow in Russland einen gelehrigen Schüler gefunden, der nun weitermachte, wo der Meister mit seinem Tod aufhören musste. Dabei ist es ein sächsisch-russisches Ehepaar: Klaus Möckel – Klaus heißt im Russischen Nikolai – und seine Ehefrau Aljonna, deren Mädchenname Bach lautete. Möckel veröffentlichte 42 Bücher vom Krimi über Science-Fiction bis zu Vorlagen für Polizeiruf-110-Folgen und war als Übersetzer ebenso gefragt wie seine Frau, die mehr als 50 Bücher aus dem Russischen übersetzte, darunter fast alle der Brüder Strugazki. Beide legten inzwischen acht Wolkow-Folgebände vor. Und so lebt die Smaragdenstadt weiter…

Im Januar 1939 erschien im New Yorker International Cosmopolitan unter dem Titel „Diagnose der Diktatoren“ sein sogenanntes „Knickerbocker“-Interview, in dem er versuchte, Hitler und den Nationalsozialismus der Deutschen aus psychologischer Perspektive zu erklären. Er bezeichnete darin Hitler als einen „Ergriffenen“ und „Besessenen“. Hitler sei von Inhalten des „kollektiven Unbewussten“ überwältigt, sei einer, der unter dem Befehl einer „höheren Macht steht, einer Macht in seinem Inneren“, der er zwanghaft folge. „Er ist das Volk“, er repräsentiere für die Deutschen das im „Unbewussten des deutschen Volkes“ Lebendige, weswegen andere Nationen die Faszination der Deutschen durch Hitler nicht verstehen könnten. In diesem Sinne beziehe Hitler seine Macht durch sein Volk und sei „hilflos … ohne sein deutsches Volk“.

In dieser psychischen Funktion entspräche Hitler am ehesten dem „Medizinmann“, „Oberpriester“, „Seher“ und „Führer“ einer primitiven Gesellschaft. Dieser sei dadurch mächtig, dass man vermute, er besitze Magie. Er sei „der Lautsprecher, der das unhörbare Raunen der deutschen Seele verstärkt, bis es vom unbewussten Ohr der Deutschen gehört werden kann“, er spiele für die Deutschen die Rolle eines Vermittlers zu den Äußerungen ihres Unbewussten. Das dort Aktivierte war nach seiner Auffassung das frühere Gottesbild des „Wotan“, aber auf eine zerstörerische Art. Er konstatiert zudem einen „Minderwertigkeitskomplex“ der Deutschen, der eine notwendige Voraussetzung für die „Messianisierung“ Hitlers bilde.

Dabei versteht er unter Wotan eine Personifikation seelischer Gewalten. Die „Parallele zwischen Wotan redivivus [auferstanden] und dem sozialpolitischen und psychischen Sturme, der das gegenwärtige Deutschland erschüttert, [könne] wenigstens als ein Gleichsam-als-Ob gelten.“Man könne ebenso den mächtig wirksamen „autonomen seelischen Faktor“ psychologisierend als „furor teutonicus“ bezeichnen: „In Deutschland ist das Unwetter ausgebrochen, während wir [in der Schweiz] noch an das Wetter glauben“. Und: „Deutschland ist ein geistiges Katastrophenland“. Er folgerte, Wotan verkörpere „die triebmäßig-emotionale sowohl wie die intuitiv-inspirierende Seite des Unbewußten […] einerseits als Gott der Wut und Raserei, andererseits als Runenkundiger und Schicksalskünder.“

C.G. Jung um 1935. Quelle: Von Unbekannt – Dieses Bild stammt aus der Sammlung der ETH-Bibliothek und wurde auf Wikimedia Commons im Rahmen einer Kooperation mit Wikimedia CH veröffentlicht. Berichtigungen und zusätzliche Informationen sind gern gesehen., Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=94177705

Er gilt als Mystiker unter den Vätern der Psychoanalyse, denn während Freud vieles vom Sexualtrieb ableitete und Adler den Machttrieb in den Vordergrund stellte, sah der humanistisch denkende und in protestantischer Tradition aufgewachsene Schweizer das Individuum in Verbundenheit mit den „Ahnen“, also durchaus heidnisch als magisches Wesen. Er lebte mit dem Bewusstsein, in eine Familie geboren worden zu sein, die sich aufs Visionäre verstand: der eine Großvater war Geistlicher, der andere Freimaurer. Er galt als unehelicher Enkel Goethes, war sich dessen sicher und betonte zeitlebens diese Abstammung. Seine Mutter fiel regelmäßig in Trance, verkehrte in diesen Zuständen mit Geistern und blieb dem Sohn immer ein rätselhaft-geheimnisumwittertes Wesen: Carl Gustav Jung, kurz meist C.G. Jung, der am 6. Juni 1961 in Küsnacht/Kanton Zürich starb.

„eine geheimnisvolle Welt für mich allein“

Carl Gustav kommt am 26. Juli 1875 in Kesswil, einem Dorf am Schweizer Ufer des Bodensees, als zweiter Sohn seiner Eltern zur Welt. Der Vater ist evangelischer Pfarrer, die Mutter interessiert sich für Spiritismus und Okkultismus. In der Schule nach dem Umzug in Kleinhüningen bei Basel findet Jung kaum Kontakt. Er fühlt sich unverstanden und einsam: „…blieb ich mit meinen Gedanken allein. Das war ich auch am liebsten. Ich habe allein für mich gespielt, bin allein gewandert, habe geträumt und hatte eine geheimnisvolle Welt für mich allein“. Als er neun Jahre alt war, wurde seine Schwester Johanna Gertrud („Trudi“) geboren.

Ab 1895 studierte Jung Medizin an der Universität Basel und besuchte zudem Vorlesungen in Jura und Philosophie. In seiner frühen Studienzeit beschäftigte er sich u. a. mit Spiritismus, einem Gebiet, das damals laut seiner Biografin Deirdre Bair „als mit der Psychiatrie verwandt“ angesehen wurde. Sein Interesse daran wurde zum einen durch zwei unerklärliche „Poltergeistphänomene“ in seinem ersten Studiensemester geweckt. Jung besuchte von 1894 bis 1899 Séancen seiner Cousine Helly Preiswerk, die in Trance mediale Fähigkeiten zu haben schien, sowie zwei Jahre lang, von 1895 bis 1897, die wöchentlichen Séancen eines „Gläser- und Tischrücker-Kreises“, der sich um ein fünfzehnjähriges „Medium“ gebildet hatte. Nach dem Tod seines Vaters 1896 musste er als junger Student für den Unterhalt seiner Mutter und seiner Schwester sorgen.

Universität Basel. Quelle: Von Ralf Roletschek (talk) – Infos über Fahrräder auf fahrradmonteur.de – Eigenes Werk, FAL, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=21559869

Jung spezialisierte sich auf Psychiatrie und war 1900 nach seinem Staatsexamen als Assistent von Eugen Bleuler in der Irrenheilanstalt Burghölzli in Zürich tätig. Während dieser Zeit entstand aus seinen Beobachtungen des Phänomens der gespaltenen Persönlichkeit, die er anhand von Protokollen spiritistischer Sitzungen gewonnen hatte, 1902 seine Dissertation „Zur Psychologie und Pathologie sogenannter occulter Phänomene“. Im Jahr darauf heiratete Jung die wohlhabende Schaffhauserin Emma Rauschenbach. Sie gebar bis 1914 vier Töchter und einen Sohn,  interessierte sich für Naturwissenschaften, Geschichte und Politik und war fasziniert von der Gralslegende. Ihr Ehemann förderte ihre Interessen; sie war für ihn nicht nur eine wichtige Gesprächspartnerin und Kritikerin seiner Texte, sondern half ihm bei seiner Arbeit, indem sie Schreibarbeiten übernahm. Ab 1930 arbeitete sie selbst als Analytikerin. Ihr in die Ehe mitgebrachtes Vermögen war eine wichtige Voraussetzung für Jungs Forschungsfreiheit.

Bei Bleuler habilitierte sich Jung 1905, stieg im selben Jahr zum Oberarzt der psychiatrischen Klinik Burghölzli und ersten Stellvertreter Bleulers auf und wurde zum außerordentlichen Professor für Psychiatrie an der Universität Zürich ernannt. Seine Vorlesungen als Privatdozent waren gut besucht, die Habilitationsarbeit brachte ihm erste internationale Anerkennung ein. 1907, im Jahr seiner ersten Begegnung mit Sigmund Freud, folgte seine Arbeit „Über die Psychologie der Dementia praecox“. Wegen eines Zerwürfnisses mit Bleuler gab Jung 1909 seine Tätigkeit am Burghölzli auf und eröffnete in seinem neuen Haus in Küsnacht am Zürichsee eine Privatpraxis. Zwischen 1906 und 1912 standen Jung und Siegmund Freud in regem Austausch. Doch er überwarf sich auch mit ihm – Freuds Libidobegriff hielt er für zu eng. 

„Wiederverzauberung“ der Welt

Ab 1912 arbeitete Antonia Wolff für und mit Jung, wurde seine engste Vertraute und für viele Jahre seine wichtigste Mitarbeiterin und Geliebte – Bair nannte sie Jungs „Zweitfrau“; sie wird manchmal auch als „Jungs Analytikerin“ bezeichnet und war während seiner schweren Krise nach dem Bruch mit Freud sein wichtigster Beistand. Er blieb jedoch mit Emma verheiratet, oft traten sie zu dritt auf. Jung gab 1913 seine Lehrtätigkeit als außerordentlicher Professor an der Universität Zürich auf und konzentrierte sich auf seine eigene Praxis, unterbrochen durch ausgedehnte Reisen in den 1920er Jahren, so nach Nordamerika zu den Pueblo-Indianern, nach Nord- und Ostafrika sowie nach Indien. Zwischen 1917 und 1918 diente er als Sanitätsarzt in einem britischen Internierungslager.

Persönlichkeitstypen. Quelle: https://d20ohkaloyme4g.cloudfront.net/img/document_thumbnails/3a3952378d5f4f3a5625c5fc9df83c4f/thumb_1200_1697.png

Am Ende des Ersten Weltkrieges wandte sich Jung der Gnosis zu. Das religiöse Thema beschäftigte ihn von da an sein Leben lang. Er selbst integriert Gnosis, Philosophie, Alchimie und Mystik zu einer eigenen Religiosität, die nicht konfessionell gebunden ist.  Er gilt oft als der erste moderne Psychologe, der sagt, dass die menschliche Psyche „von Natur aus religiös“ sei, und sie eingehend erforscht hat. Seine Überlegungen und Ansichten nannte er nunmehr „Analytische Psychologie“. Während Freud das Kausalitätsprinzip der Naturforschung auch auf die Seelenkunde anwendet, ergänzt Jung Kausalität um Finalität: Seelisches ist nicht nur kausal bedingt, sondern auch durch Ziele, Zwecke und Werte. Wichtig für das Verständnis der Psyche ist nicht so sehr, woher sie kommt, sondern wohin sie strebt. Dem Diktum des Soziologen Max Weber von der „Entzauberung der Welt“ durch Rationalisierung und der damit verbundenen Entfremdung hält Jung seine Forderung nach „Wiederverzauberung“ entgegen.

Freud hatte sich bereits vom Traum einen „Einblick in die phylogenetische Kindheit“ und „Kenntnis der archaischen Erbschaft des Menschen“ versprochen. Diese Annahme führt Jung zum Konzept des kollektiven Unbewussten und der Archetypen aus. Das kollektive Unbewusste als überpersönlicher Bereich des Unbewussten ist der „Teil der Psyche, der von einem persönlichen Unbewussten dadurch negativ unterschieden werden kann, dass er seine Existenz nicht persönlicher Erfahrung verdankt und daher keine persönliche Erwerbung ist“. Die erfahrungswissenschaftliche Basis, auf der er das Konzept des kollektiven Unbewussten induktiv formulierte, bestand im Wesentlichen aus Träumen und Motiven aus der Kulturgeschichte (Religionen, Mythen, Märchen) im interkulturellen Vergleich, die auf eine ähnliche psychische Grundlage aller Menschen schließen ließen. Davon zu unterscheiden ist das persönliche Unbewusste, das sich in „persona“ (das Außen, die repräsentative Maske) und „Schatten“ (das Innen, das verborgene Negative) gliedern ließe.

Beider Persönlichkeitsintegration im Laufe der individuellen Reifung nennt Jung „Individuation“, Ganzwerdung – das zentrale Konzept der analytischen Psychologie. Archetypen nun seien Formen, ja Energiekomplexe, die „spontan und mehr oder weniger universal, unabhängig von Tradition, in Mythen, Märchen, Phantasien, Träumen, Visionen und Wahngebilden auftreten“ und keine vererbten Vorstellungen, wohl aber „vererbte instinktive Antriebe und Formen“ bildeten, die die Individuation maßgeblich beeinflussten. Das Konzept definiert kein „Set“ von Archetypen, sondern ist prinzipiell offen. Für Jung gehören zu solchen Archetypen primär die Grundformen des Weiblichen und Männlichen (anima und animus), auch in religiöser Erscheinung, darunter die „Große Mutter“, der „alte Weise“ oder das „göttliche Kind“. Diese Archetypen können in verschiedenen Ausprägungen dann zu „Typen“, ja „Stereotypen“ werden.

Archetypen nach Jung. Quelle: https://www.zitrus.com/wp-content/uploads/2019/11/archetyp_branding.png

Inzwischen mehren sich Anzeichen, dass verschiedene archetypische Märchenplots teilweise bis zu 6000 Jahre ins Indoeuropäische zurück verfolgbar sind: „Die Schöne und das Biest“ etwa sei der Versuch, unserer Beziehung zur Natur einen Sinn zu geben und ihr die Bedrohlichkeit zu nehmen; ähnlich alt seien u.a. „Rumpelstilzchen“ oder „Der Schmied und der Teufel“ mit dem „übernatürlichen Helfer“. Jede Dramaturgie, vom Werbespot über Oper und Musical bis zum Spielfilm, arbeitet mit archetypischen Versatzstücken, die dem Protagonisten während seiner „Reise“ begegnen, ja lassen Marken selbst zu Archetypen werden wie etwa zum Gott, Helden oder Magier.

„ein Gott wird da sein“

Er war nicht der Erste, der Träume analysiert hat, doch sicher der vielleicht bekannteste Pionier auf dem Gebiet der Traumanalyse. Hermann Hesse war sein bekanntester Klient. Obwohl er ein theoretischer Psychologe und praktizierender Kliniker war, hat er einen großen Teil seines Lebens damit verbracht, andere Bereiche zu erforschen, darunter östliche und westliche Philosophie, Alchemie, Astrologie, Soziologie sowie Literatur und Kunst.  Viele bahnbrechende psychologische Konzepte wurden ursprünglich von Jung vorgeschlagen, neben den Archetypen und dem kollektiven Unbewusste auch der „Komplex“ und die „Synchronizität“. Auf ihn gehen auch die Bezeichnungen des extro- und introvertierten Menschen zurück. 1933 übernahm er an der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich wieder eine Lehrtätigkeit, ab 1935 als Titularprofessor, die er bis 1942 fortführte.

Von 1934 bis 1939 stand er der „Internationalen Allgemeinen Ärztlichen Gesellschaft für Psychotherapie“ (IAÄGP) vor, um nach seinen Worten die Psychotherapie über die NS-Zeit hinaus zu retten. Seine Präsidentschaft wurde vielfach kritisiert und brachte ihn in den Verdacht der Anbiederung. Als Motivation für sein Verhalten verwies der Schweizer auf seine Neutralität und sein Verantwortungsgefühl: „Man wird im Kriegsfalle den Arzt, der seine Hilfe den Verwundeten der gegnerischen Seite angedeihen lässt, doch auch nicht als Landesverräter auffassen.“ Trotz seiner Aussagen zu germanisch-jüdischen Unterschieden und des NS-Lobes seiner Psychologie als „aufbauende Seelenlehre“, während gleichzeitig die Schriften von Freud der Bücherverbrennung zum Opfer fielen, wurden Jungs Werke 1939 im Deutschen Reich auf die „schwarze Liste“ gesetzt, 1940 nach der deutschen Invasion auf die französische „Otto-Liste“ der verbotenen Werke. 1942/43 diente Jung dem US-amerikanischen Geheimdienst als eine Art „Profiler“, um die führenden Nationalsozialisten des deutschen Volkes zu analysieren, ihre Handlungsweisen und möglichen Reaktionen zu prognostizieren.

Gesammelte Werke. Quelle: https://www.booklooker.de/B%C3%BCcher/Carl-Gustav-Jung-C-G+Gesammelte-Werke-1-20-Kassette-mit-24-B%C3%A4nden-Carl-Gustav-Jung-Ungek%C3%BCrzte/id/A02uPHYM01ZZf?collectionID=2484

Jungs teilweise widersprüchlich wirkendes Verhalten in den 1930er Jahren, durch das er sich starken Angriffen aussetzte, empfand sein Rechtsanwalt Wladimir Rosenbaum gerade als Beweis für Jungs Aufrichtigkeit. Nach 1945 meinte Jung, er sei zu optimistisch über die Möglichkeiten einer positiven Entwicklung gewesen und hätte mehr schweigen sollen. Auch viele Äußerungen über Juden erscheinen zum Teil politisch naiv, unsensibel oder opportunistisch. Die damals starke Rezeption der Psychologie C. G. Jungs durch deutsche Juden und deren spätere Vertreibung aus Deutschland begünstigte wohl die internationale Verbreitung der Jung‘schen Psychologie: Im Jahr 2007 war jeder dritte Jung‘sche Analytiker jüdischer Abstammung. 1944 wurde er als Professor für Medizinische Psychologie an die Universität Basel berufen. Zuletzt war er eng mit dem Physiker und Nobelpreisträger Wolfgang Pauli befreundet, vertiefte seine Forschungen über das kollektive Unbewusste, Alchemie und die Bedeutung der Religion für die Psyche und wurde drei Tage nach seinem Tod auf dem Friedhof Küsnacht begraben. Der Spruch auf seinem Grabstein ist auch der über der Türschwelle seines Hauses: „Vocatus atque non vocatus deus aderit“ („Gerufen oder nicht gerufen, ein Gott wird da sein“).

Jung beeinflusste neben der Psychotherapie auch die Astrologie und die Religionspsychologie. Als sein Hauptwerk gilt das „Rote Buch“: entstanden von 1914 bis 1930, wurde es 2009 in New York erstmals der Öffentlichkeit zugänglich gemacht und gedruckt. Das grossformatige, annähernd sieben Kilogramm schwere, in rotes Leder gebundene Werk ist in eigenartig feierlicher deutscher Sprache verfasst, in kunstvoller Kalligraphie mittelalterlicher Handschriften gehalten und von ihm selbst mit farbenprächtigen Illustrationen versehen. Es war aus den Notizen und Skizzen der „Schwarzen Bücher“ entstanden, die er als Notizbücher auf seinen Reisen nach Freud begonnen hatte. Seine Gesammelten Werke, darunter die ebenfalls bedeutenden „Psychologische Typen“ (1921), „Die Beziehungen zwischen dem Ich und dem Unbewussten“ (1928) und das Spätwerk „Mysterium Coniunctionis“(1956), erschienen dieses Jahr als Neuauflage in 22 Taschenbüchern. Das 1948 von ihm gegründete C. G. Jung-Institut Zürich bildet bis heute Psychotherapeuten in seiner Tradition aus.

Sein Leben war untrennbar mit Krankheit verknüpft. Im Alter von wenigen Monaten erlitt er eine schwere Hirnhautentzündung. 1884 in Rom haben seine Braut und der Arzt nach einem Unterleibstyphus „eigentlich bereits Abschied“  von ihm genommen. Als er ohne abgeschlossene Ausbildung, Beruf und Einkommen seine Braut ein Jahr später aufs Dresdner Standesamt führte, hörte er einen Zufallspassanten sagen: „Der Kerl krepiert ja in den ersten acht Tagen!“ Prompt wurde er bei der militärischen Musterung für dienstuntauglich befunden, als kurze Zeit darauf Bluthusten auftrat, der sich als rezidivierendes Symptom einer Lungentuberkulose erwies. „Jeden Augenblick konnte es, fürchtete ich, mit mir zu Ende sein“ – so drastisch beschrieb er das im autobiografischen „Abenteuer meiner Jugend“. Erst nach 1906 stabilisierte sich sein Gesundheitszustand nachhaltig.

Nicht selten nahm er kranke und sterbende Personen aus seinem engsten Umkreis als Stoffquelle seiner Dichtung. So diente der im Coma diabeticum gestorbene Malerfreund Hugo Ernst Schmidt als Vorbild der zuckerkranken Hauptfigur im Drama „Gabriel Schilling“. Der junge Bakteriologe Dietrich von Sehlen wurde Vorbild für den Protagonisten seines Romans „Atlantis“.  Zahlreich und vielfältig sind auch die übrigen kranken Figuren in seinem Œuvre: Das Spektrum reicht vom alkoholkranken Professor Crampton bis zum wahnhaften Emanuel Quint, von den vielen Lungenkranken bis hin zu den vielen Suizidenten – in nicht weniger als 19 Dramen des Autors, zählte Christel Meier in ihrer Dissertation, spielt das Motiv des Selbstmords eine zentrale Rolle.

Gerhart Hauptmann. Quelle: Von Charles Scolik – Österreichische Nationalbibliothek, Bildarchiv Austria, Inventarnummer: Pf 5.006 : D (3), Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=17007017

Und aus dieser unterschwelligen Lebensangst heraus, die ihn wiederum für menschliches Leid sensibilisierte, machte er schreibend neue Personen aus sich, die er anders nie kennengelernt hätte. Es waren vorzugsweise solche, die unter ihm standen: Weber, Fuhrleute, Mägde. Er ist einer der großen Figurenerfinder unserer Literatur, so Peter Kümmel in der Zeit. Mit allen fühlte er sich verbunden, alle liebte er, und in einem Gespräch äußerte er einmal: „Etwas vom Geiste der Bergpredigt ist überhaupt in meiner Dichtung.“

Sein Leben und Schreiben entfaltete sich in unterschiedlichsten Epochen, die er allesamt mit prägte, aber nicht entscheidend bestimmte: Im wilhelminischen Kaiserreich beginnt er als sozialkritischer Revoluzzer, 1914 begeistert er sich für den Ersten Weltkrieg, in der Weimarer Republik lässt er sich als Nachfolger Goethes und moralische Instanz feiern, doch nach 1933 arrangiert sich der „lebende Klassiker“ mit dem NS-Regime. Ein wenig bedeutender Mensch, aber ein großer Dramatiker, so Klaus Brath im Ärzteblatt. Heute gilt er als der bedeutendste deutsche Vertreter des Naturalismus: Gerhart Hauptmann, der am 6. Juni 1946 starb.

Alkohol und Sexualität offen dargestellt

Geboren wurde Gerhard Johann Robert Hauptmann am 15. November 1862 als viertes Kind des Hotelwirts Robert und seiner Frau Marie Hauptmann im schlesischen Obersalzbrunn (heute Szczawno Zdrój). In seiner Kinder- und Jugendzeit wurde er in Latein und Geige unterrichtet und galt als fabulierfreudig. Nach seiner als qualvoll empfundenen Schulzeit in Breslau – er blieb einmal sitzen und ärgerte sich über die Besserstellung adliger Mitschüler – ließ sich der kränkelnde 16-Jährige bei seinem Onkel in der Landwirtschaft ausbilden, brach aber gesundheitlichen Gründen ab. In dieser Zeit entstanden erste Gedichte. Auf die Zeit der frühesten Kindheit, die er in seinem Geburtsort verlebte, besonders auf das Milieu des väterlichen Hotels, verweisen so verschiedene Dichtungen wie das Drama „Fuhrmann Henschel“ (1899) oder der 1. Akt der „Dorothea Angermann“ (1926) und die späte Novelle „Die Spitzhacke“ (1931).

Gerhart und Marie 1881. Quelle: Von unbekannt – http://www.vorschau-rueckblick.de/wp-content/uploads/2012/10/1-person.jpg, aus Jens Baumann; Thomas Gerlach: Ein Gedenkblatt für Gerhart Hauptmann. In: Vorschau & Rückblick; Monatsheft für Radebeul und Umgebung. Radebeuler Monatshefte e.V., November 2012, abgerufen am 1. November 2012., PD-alt-100, https://de.wikipedia.org/w/index.php?curid=7348687

Zwei Jahre später ging er in eine Bildhauer-Lehre an der Breslauer Königlichen Kunst- und Gewerbeschule. In dieser Zeit unternahm er einige Reisen, so zum Beispiel in die Schweiz, nach Italien oder Spanien. 1881 folgte für ein Semester ein Geschichtsstudium in Jena und am Ende des Jahres die heimliche Verlobung mit Marie Thienemann, der Tochter eines Großkaufmanns aus Dresden. Zwei Jahre später siedelte er nach Rom über, um dort als Bildhauer tätig zu sein. 1884 wurde er in die Zeichenklasse der Königlichen Akademie in Dresden aufgenommen, zudem nahm er in Berlin Schauspielunterricht. Die Verbindung mit Marie sicherte dem Unsteten den notwendigen Lebensunterhalt, nachdem er sie 1885 geheiratet hatte. Die Flitterwochen verbrachten sie auf Rügen, wo Hauptmann erstmals die Insel Hiddensee, sein späterer zeitweiser Wohn- und Lebensmittelpunkt, besuchte. Dort schrieb er das Gedicht „Mondscheinlerche“.

Im gleichen Jahr ließen sich die Eheleute, die zusammen die drei Söhne Ivo, Eckart und Klaus hatten, in der Kleinstadt Erkner südöstlich von Berlin nieder. Dort stieß Gerhart Hauptmann auf den Dichterverein „Durch“, in dem er die Bekanntschaft mit naturalistischen Schriftstellern wie Arno Holz, Bruno Wille oder Wilhelm Bölsche machte. 1888 erschien die Novelle „Bahnwärter Thiel“, das erste naturalistische Werk deutscher Sprache überhaupt. Er prägte in dem sozialkritischen Titel Sprache, Stil, In-halt und Darstellung des Naturalismus. Protagonist Bahnwärter Thiel ist nicht nur Gegenstand einer psychopathologischen Untersuchung, sondern zugleich Willenloser seiner Triebkräfte aufgrund des gesellschaftlichen Milieus. Hauptmann benutzt die Darstellung aufkommender Industrialisierung – symbolhaft dargestellt in der Eisenbahn – als Spiegel innerer Befindlichkeit. Weitere naturalistische Stilelemente sind neben detaillierter Beschreibungen von Geschehnissen, exakten Orts- und Zeitangaben sowie chronologischer Erzählweise vor allem der Sekundenstil.

Im April 1889 wurde die „Freie Bühne“ gegründet, ein Verein, der es dem Schriftsteller ermöglichte, einige seiner Titel ohne Zensur aufzuführen. Im Oktober des gleichen Jahres wurde dort das Sozialdrama „Vor Sonnenaufgang“ uraufgeführt. Die Vorstellung brach vor allem mit künstlerischen Tabus, aber auch mit gesellschaftlichen, moralischen, religiösen Werten, weil auf der Bühne Themen wie soziale Verelendung, Alkohol, Sexualität und Selbstmord offen dargestellt wurden. Der Skandal folgte prompt: Neben Tumulten im bürgerlichen Lager der Zuschauer gab es auch weitere Proteste sowie Zensureingriffe und Aufführungsverbote. Das Stück machte Gerhart Hauptmann, der sich mittlerweile mit „t“ am Ende des Vornamens schrieb, berühmt und zum wichtigsten Dramatiker des Naturalismus, der durch ihn zugleich Bühnenreife erlangte. In der Folge machten weitere Theaterstücke des Naturalismus, darunter auch hauptmannsche, in gleicher Weise Furore.

Wilhelm II. kündigte seine Loge

Hauptmann stellte 1892 sein bedeutendstes und intensiv recherchiertes sozialkritisches Drama „Die Weber“ fertig, nachdem er von einer Reise durch Schlesien wieder zurückgekehrt war. Die erste Fassung über den Aufstand schlesischer Weber 1844 im Eulengebirge fasste er in schlesischem Dialekt als „De Waber“ ab. Der als exzentrisch eingestufte Schriftsteller musste vor der Uraufführung erst einige Zensuren und Verbote überwinden, bevor das Stück, das auch sein bekanntestes wurde, 1894 vom „Deutschen Theater“ uraufgeführt wurde. Es beschwor einen weiteren Skandal herauf, indem es nicht nur verboten wurde, sondern auch Kaiser Wilhelm II. zu der aufgeregten Ankündigung brachte, er werde das Theater nicht wieder betreten: Er kündigte seine Loge. Die ästhetische Empörung aus dem bürgerlichen Lager und der Oberschicht wurde wiederum durch die ungefilterte Bühnendarstellung der Auflehnung von Proletariern gegen Hunger, Leid und Polizeigewalt als Folge gesellschaftlicher Unterdrückungsmechanismen der Industriellen Revolution hervorgerufen.

Plakat zu „Die Weber“. Quelle: Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=436356

Hauptmanns sozialkritische Komödie „Der Biberpelz“ wurde 1893 uraufgeführt, ebenso wie seine neoromantische Dichtung „Hanneles Himmelfahrt“. Im Jahr darauf ging seine Ehe endgültig in die Brüche, nachdem der Schriftsteller durch die Bekanntschaft mit der Musikstudentin Margarete Marschalk die Verbindung in die Krise gebracht hatte. Erstmals 1896 bekam Gerhart Hauptmann den Grillparzer-Preis in Wien ausgehändigt, den er danach noch zweimal erhielt. Im gleichen Jahr sollte er aus den Händen von Wilhelm II. den Schillerpreis empfangen, doch dieser lehnte eine Übergabe ab. Nebenbei schrieb er Märchen und Sagen als neuromantische Werke wie „Die versunkene Glocke“ (1896). Im Jahr 1901 fand er in Agnetendorf im Riesengebirge einen zeitweisen ständigen Wohnsitz, wie später auch auf der Insel Hiddensee oder in Italien. Zwei Jahre später fand die Uraufführung des Sozialdramas „Rose Bernd“ im Deutschen Theater in Berlin statt. Das Stück beruht auf der Mitwirkung von Gerhart Hauptmann als Geschworener in einem Mordprozess gegen eine Landarbeiterin. In Wien wurde seine Aufführung verboten.

Die Eheleute Hauptmann ließen sich 1904 scheiden. Der Schriftsteller heiratete im Anschluss Margarete Marschalk, mit der er noch einen Sohn hatte. Hauptmann war 1905 eines der ersten von 31 Mitgliedern der Berliner Sektion in der Gesellschaft für Rassenhygiene des Alfred Ploetz und wurde zum Ehrenmitglied der Berliner Secession ernannt. Im Jahr darauf wurde seine erste Gesamtausgabe in sechs Bänden veröffentlicht. Gerhart Hauptmann feierte mit „Der Narr in Christo Emanuel Quint“ 1910 die Ersterscheinung seines großen Erzählwerks. Ein Jahr später wurde Hauptmanns tragisch-komödiantisches Schauspiel „Die Ratten“ im Berliner Lessing-Theater uraufgeführt, das später wegen seiner kompromisslosen Symbolik hohe Akzeptanz als Großstadtdichtung feierte. Die größte Ehre eines Dichters und Schriftstellers wurde dem 50-Jährigen 1912 zuteil, als er den Nobelpreis verliehen bekam. Vor allem seine Milieustudien, seine detailgetreuen Beschreibungen von Zeitumständen und Menschen sowie seine ungewöhnlichen Psychogramme als Ausgeburt gesellschaftlicher Zeitzwänge wurden zur Preisverleihung gelobt.

Gerhart und Margarethe. Quelle: Von Bundesarchiv, Bild 102-14016 / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 de, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=5481271

Hauptmann, in der mündlichen Sprache eher nicht nobelpreiswürdig, genoss diesen Triumpf und bewahrte um diese Zeit bemerkenswertes öffentliches Stillschweigen zur sozialen Lage. Das Preisgeld soll er in kurzer Zeit für eher private Angelegenheiten ausgegeben haben. Zahlreiche seiner Werke fanden nun den Weg ins Medium Film, erstmals der Roman „Atlantis“ 1913. Er bejahte den Ersten Weltkrieg, unterzeichnete das Manifest der 93 und publizierte entsprechende Gelegenheitsverse, doch wandelte sich seine Gesinnung bald. Der Dichter engagierte sich nach dem Ende des Ersten Weltkriegs für die Weimarer Republik, indem er 1918 im „Berliner Tageblatt“ seine Mithilfe am deren Zustandekommen öffentlich bekannte. Dass Hauptmann eine Kandidatur als Reichspräsident erwog, wurde 1921 dementiert, das Amt des Reichskanzlers ihm aber angeboten. Im darauffolgenden Jahr wurde ihm als erstem der Adlerschild des Deutschen Reiches verliehen. Im Ausland galt der „Staatsdramatiker“ als der Repräsentant der deutschen Literatur schlechthin. Im Jahr 1924 wurde er Ehrenmitglied der Wiener Akademie der bildenden Künste, im gleichen Jahr Träger des Pour le Mérite in der Friedensklasse. Während sich Hauptmann zum Goethejahr 1932 in den USA aufhielt, wurde er zum Ehrendoktor der Columbia University ernannt und vom US-amerikanischen Präsidenten Hoover im Weißen Haus empfangen.

„sondern im Mitwirken“

Warum er das Land nicht verließ, schrieb er am 16. März 1933 in einem Brief an den Schriftsteller Rudolf G. Binding: Sein Wesen sei zum „Frondieren“ viel zu positiv. „Nicht im Gegenwirken sieht es das Heil, sondern im Mitwirken.“ Und so wirkte er mit. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten unterzeichnete Hauptmann eine Loyalitätserklärung der Deutschen Akademie der Dichtung, Sektion der Preußischen Akademie der Künste. Im Sommer desselben Jahres beantragte er die Mitgliedschaft in der NSDAP, sein Antrag wurde aber von den örtlichen Parteidienststellen abgelehnt. Als er am 15. November 1933 Hitler die Hand schüttelt, sehen sich die beiden Männer lang und stumm an, und Hauptmann schwärmt von des Führers Blick: „seltsames und schönes Auge“. Hitler nennt er den „Sternenschicksalsträger des Deutschtums“, „Mein Kampf“ bezeichnet er als die „hochbedeutsame Hitlerbibel“, die Bücherverbrennung vom 10. Mai 1933 erkennt er als „reine Albernheit“.

Hans Frank, genannt der „Judenschlächter von Krakau“, war mehrmals bei Hauptmann zu Gast, verbrachte Stunden in dessen Archiv und las ihm abends aus dessen eigenen Schriften vor; Hauptmann nannte ihn daraufhin einen „Mann tiefmenschlicher Absichten, gebildet durchaus und im leidenschaftlichen Trieb sich fortzubilden“. Später sagte Hauptmann, das „Wunder des Nichtwissens“ sei immer sein Trost gewesen. Seine Aufführungen und Veröffentlichungen erlitten keine Restriktionen oder Verbote von oben, im Gegenteil – er wurde als wichtigster Schriftsteller eingestuft. 1937 erschien seine Autobiographie „Das Abenteuer meiner Jugend“. 1940 begann der Dichter mit der so genannten Atriden-Tetralogie einen Dramenzyklus seines Alterswerks. Die fünfbändige Ausgabe im jambischen Versmaß fand in antiken Werken von Euripides, Aischylos und Sophokles ihre Vorlage. Vor allem wegen seiner Nazi-Nähe und der Sperrigkeit des Werkes hatte es wenig Bühnenerfolg.

Hauptmann beim Golfen auf Hiddensee, um 1930. Quelle: https://img.nzz.ch/C=W900,H507,X0,Y0/O=75/http://s3-eu-west-1.amazonaws.com/nzz-img/2013/01/11/1.17935000.1357936246.jpg?width=1360&height=764&fit=bounds&quality=75&auto=webp&crop=900,506,x0,y0

Eine Distanz zwischen dem Nationalsozialismus und Hauptmann ist dennoch unübersehbar. Das Amt Rosenberg schreibt 1942 in einer Stellungnahme: „Bei aller Anerkennung der künstlerischen Gestaltungskraft Hauptmanns ist die weltanschauliche Haltung der meisten seiner Werke vom nationalsozialistischen Standpunkt aus kritisch zu betrachten.“ Auch die Zensur von Goebbels wachte über Hauptmanns Wirken: So verbot er eine Neuauflage von „Der Schuss im Park“, weil darin eine Schwarze vorkommt. Dennoch kam es zu Hauptmanns 80. Geburtstag auch unter Beteiligung von Repräsentanten des nationalsozialistischen Regimes zu Ehrungen, Jubiläumsfeiern und -aufführungen. Hauptmann wurden von seinen Verlegern Suhrkamp und Behl die ersten Exemplare der 17-bändigen Gesamtausgabe seiner Werke überreicht. Arno Breker schuf eine Porträtbüste von ihm.

Während des Luftangriffs auf Dresden am 13. Februar 1945 weilte Hauptmann mit Margarete im Stadtteil Wachwitz im Sanatorium, weil er eine schwere Lungenentzündung auskurieren musste. Über das Inferno sagte er: „Wer das Weinen verlernt hat, der lernt es wieder beim Untergang Dresdens“. Hauptmann erlebte das Kriegsende in seinem Haus „Wiesenstein“ in Agnetendorf, wo er an einer Bronchitis starb, kurz bevor er vertrieben werden sollte. Gegen seinen testamentarisch erklärten Willen wurde Hauptmann nicht in seiner Heimat begraben, sondern Wochen danach in einem Zinksarg per Sonderzug nach Hiddensee geschafft, wo er am 28. Juli „vor Sonnenaufgang“ auf dem Inselfriedhof in Kloster bestattet wurde. Die Witwe des Dichters vermischte ein Säckchen Riesengebirgserde mit Ostseesand.

Grab auf Hiddensee. Quelle: Von Metzner – Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=4757008

„Suchte man eine Formel für den zentralen Gehalt der Dichtung Hauptmanns, so wäre die polare Spannung seines Wesens vielleicht zu erfassen, wenn man ihn den Dichter des Leides, ja der ‚Bluthistorie der Menschheit‘ und zugleich den Dichter des Eros, des Dionysischen und der glückhaften Fülle des Lebens nennt“, erklärt sein Biograph Hans-Egon Hass. Die meisten Konflikte der Hauptmannschen Dichtung beruhen auf dem Ringen mit der „nackten Faktizität einer Wirklichkeit“, die ganz auf ihre eigenen Kräfte zurückverwiesen ist. Diese Wirklichkeit dennoch als sinnhaft erfahren und dichterisch vermitteln zu können, ermöglichte dem Autor die Magie einer poetisch-mythischen Gestaltung des ewigen Kampfs, der in allem Leben tobt. Das muss heute zwangsläufig unzeitgemäß wirken, er wird zunehmend seltener aufgeführt. Kümmel prognostizierte zu seinem 50. Todestag gar: „Es kann sehr wohl sein, dass in weiteren 50 Jahren Hauptmanns Kunst völlig verblasst ist“.

Anfang der 1920er Jahre war die Sehnsucht nach einem hoffnungsspendenden Zeichen des Himmels unerträglich geworden: Die Spekulation auf einen raschen Zusammenbruch der Oktoberrevolution hatte sich als trügerisch erwiesen. Die Seelen hungerten in einem immer endloseren Winter der Emigration. Zweifel am Untergang der gesamten Zarenfamilie waren buchstäblich Nahrung für alle, denen die russische Revolution die Welt zerstört hatte. Vielleicht lag es an ihrem Namen – Anastasia bedeutet „die Wiedererstandene“ -, dass gerade sie als jüngste Tochter von Nikolaus II. das Blutbad überlebt haben soll, das in der Nacht vom 16. auf den 17. Juli 1918 im sibirischen Jekaterinburg (heute Swerdlowsk), im Erdgeschoß des Hauses Ipatjew, die gesamte Zarenfamilie mit Bediensteten, insgesamt elf Personen, auslöschte. Vor 120 Jahren, am 5. Juni 1901, kam sie in Petersburg zur Welt.

Die vierte Tochter des letzten russischen Zaren und seiner Frau Alexandra Fjodorowna, vormals Alix von Hessen-Darmstadt, sollte eigentlich ein Junge und Thronerbe werden, da das Paar bereits drei Töchter hatte. Dennoch liebten beide ihre neue Tochter und erfreuten sich, dass das Baby gesund war: Ihr jüngerer Bruder Alexei, mit dem sie ein inniges Verhältnis pflegte, sollte von seiner Mutter die Bluterkrankheit (Hämophilie B) erben. Anastasia wurde, wie ihre anderen Töchter vorher, von Alexandra selbst gestillt und von ihr „Shivzik“ genannt, das russische Wort für „Kobold“, da niemand vor ihren Scherzen sicher war.

Anastasia galt als furchtlos, weinte selten, spielte gerne Streiche, verkleidete sich und hatte großes schauspielerisches Talent. Sie imitierte gerne andere Leute und erfreute damit ihr Umfeld. Obwohl sie wie ihre Schwestern Großfürstin war, schlief sie wie ihre Geschwister auf Feldbetten und musste jeden Morgen ein kaltes Bad nehmen. Sie litt an Spreizfüßen, beidseitigem Zehenschiefstand (Hallux valgus) und an Rückenproblemen, weshalb sie regelmäßig massiert wurde. Anastasia war zwar keine gute Schülerin, liebte aber Sprachen. Die Kinder sprachen Englisch mit der Mutter, Russisch mit dem Vater, Deutsch mit den hessischen Verwandten der Mutter und lernten Französisch.

Anastasia. Quelle: Von Boissonnas et Eggler, St. Petersburg, Nevsky 24. – Bain News Service, publisher. – Dieses Bild ist unter der digitalen ID ggbain.38336 in der Abteilung für Drucke und Fotografien der US-amerikanischen Library of Congress abrufbar.Diese Markierung zeigt nicht den Urheberrechtsstatus des zugehörigen Werks an. Es ist in jedem Falle zusätzlich eine normale Lizenzvorlage erforderlich. Siehe Commons:Lizenzen für weitere Informationen., Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=27287143

Ging es dem Zarewitsch aufgrund seiner Krankheit nicht gut, vermochte meist nur Anastasia, ihren Bruder von den Schmerzen abzulenken und ihn ein wenig zu erheitern. Auch mit ihrer älteren Schwester Maria verband sie ein enges Band, und die beiden waren als „Kleines Paar“ bekannt. Ihre beiden älteren Schwestern Olga und Tatjana waren das „Große Paar“ – die Bezeichnungen stammen von einer Hebamme, die gleich nach Anastasias Geburt zur Kaiserin Alexandra meinte, sie solle nicht traurig sein, dass es wieder ein Mädchen sei, denn nun habe sie ein großes und ein kleines Paar Mädchen.

„nicht genügend historisch bedeutsam“

Im Zuge der Revolution wurde Nikolaus II. am 15. März 1917 zur Abdankung gezwungen und die Familie in Zarskoje Selo unter Hausarrest gestellt. Aufgrund der Kriegswirren und der Rachepläne der Bolschewiki deportierte Ministerpräsident Kerenski die Romanows samt Gefolge Ende Juli per Zug und Schiff nach Tobolsk in Sibirien. Der Zar sollte in einem großen Schauprozess für seine Verbrechen am russischen Volk gerichtet werden, ähnlich wie einst in der Französischen Revolution Ludwig XVI. Da der Prozess in Moskau stattfinden sollte und die Anwesenheit des Zaren verlangte, sollte die Familie über Jekaterinburg in die Hauptstadt reisen. Am 30. April bezog sie dort das Ipatjew-Haus.

In der Zeit der Gefangenschaft versuchten die Geschwister, ihre Fröhlichkeit zu erhalten – was Anastasia am besten gelang, nicht zuletzt auch durch und mit ihrem King Charles Spaniel Jemmy. Selbst die Wachsoldaten gingen auf ihre Scherze ein. Doch das Schicksal nahm seinen Lauf: In den ersten Juliwochen fiel in Moskau die Entscheidung, die Familie hinzurichten, da Lenin einen Prozess gegen den ehemaligen Zaren für zu riskant hielt. Ein unschuldiger Zar hätte die Richtigkeit der Revolution in Frage gestellt. Auf keinen Fall sollte die Familie den herannahenden Weißen Truppen in die Hände fallen und als Symbolfigur für eine etwaige Konterrevolution dienen.

Der Kellerraum des Ipatjew-Hauses, in dem die Zarenfamilie ermordet wurde. Quelle: Von Anonym – выставка «Гибель семьи императора Николая II. Следствие длиной в век» Выставочный зал федеральных архивов. 2012., Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=19584445

Unter Führung von Jakow Jurowski erschossen dann vier Tschekisten und sieben ungarische Kriegsgefangene die Familie mitsamt Gefolge; selbst Jemmy wurde nicht verschont. Die Revolverkugeln prallten jedoch an Anastasias Kleid ab, weil in ihr Mieder Familienschmuck eingenäht war. Die Mörder erstachen das Mädchen daraufhin mit Bajonetten. Nach dem Mord versuchte Jurowski, die Spuren des Verbrechens zu verwischen, und brachte die sterblichen Überreste zu einem Bergwerksschacht namens Ganina Jama in einem Wald etwa 15 km von Jekaterinburg. Die Leichen wurden größtenteils verbrannt, teilweise in Schwefelsäure aufgelöst und an verschiedenen Stellen verscharrt.

Nur acht Tage später nahmen Weiße Truppen die Stadt ein und setzten ein Ermittlungsverfahren unter Nikolai Sokolow in Gang, um den Fall Romanow aufzuklären. Doch es gab bereits Gerüchte, dass Anastasia zu diesem Zeitpunkt noch lebte. Wenigstens erwähnt sei hier die Tatsache, dass auch Anastasias Bruder Alexej Wiedergänger haben sollte, darunter den Dreifachagenten Michael Goleniewski, den 1927 von einer Warschauer Zeitung zum „echten“ Zarewitsch ausgerufenen Eugene Nikolaiwitsch Iwanoff, den Esten Alexei Tammet, der in Wirklichkeit Ernest Veermann hieß, oder Alexander Savin, den die sowjetische Geheimpolizei 1928 festnahm – überführt wurden sie allesamt, weil sie keine Bluter waren.

Sokolows Buch über die Ermordung der Zarenfamilie erschien Ende 1924 kurz nach seinem Tod in Paris. Seinen Indizien für die Hinrichtung der gesamten Familie fehlten allerdings die Leichen als letzter Beweis. Das Haus selbst wurde 1977 vom Sekretär des Gebietssowjets und nachmaligen Präsidenten Boris Jelzin auf Befehl Moskaus als „nicht genügend historisch bedeutsam“ abgerissen, nachdem es mehr und mehr zu einer Wallfahrtsstätte für russische Monarchisten geworden war. Zwei Jahre später fanden zwei Aktivisten ein Grab der Hingemetzelten. Es dauerte bis zum 12. Juli 1991, kurz vor der endgültigen Auflösung der Sowjetunion, bis die sterblichen Überreste exhumiert wurden. Die Fundstelle barg neun der elf Ermordeten. Mittels DNA-Analyse konnten die geborgenen Leichen 1993 eindeutig identifiziert werden.

Kathedrale auf dem Blut. Quelle: Von Смирнов Евгений – Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=70884549

Da im Grab zwei Leichen fehlten, die von Alexei und einer seiner Schwestern, verstummten die Gerüchte über ein mögliches Überleben eines Familienmitgliedes nicht. 2007 wurden auch diese Leichen gefunden und 2009 zweifelsfrei als Alexei und Maria identifiziert. Achtzig Jahre nach der Ermordung von Anastasia und ihrer Familie wurden ihre sterblichen Überreste in St. Petersburg in der Peter-und-Paul-Kathedrale beigesetzt. Die Familie wurde aufgrund ihres Martyriums von der orthodoxen Kirche in Russland 2000 heiliggesprochen, die russische Auslandskirche kanonisierte die Familie bereits 1981. Am Platz ihrer Ermordung in Jekaterinburg wurde 2002/2003 die orthodoxe „Kathedrale auf dem Blut“ errichtet.

Mindestens zehn falsche Großfürstinnen

Doch die Jahrzehnte bis dahin, ja teilweise bis heute hält sich das Gerücht, dass die damals 17-Jährige entkommen konnte und sich unter falschen Namen ein neues Leben aufgebaut haben soll. So lebt Anastasia noch 2018 in einer Musicalfassung des Stuttgarter Stage-Palladium-Theaters als Straßenkehrerin Anja in Leningrad und macht sich nach Paris auf, ihre wahre Identität zu finden, wo sie an der Seite eines charmanten Betrügers in gefährliche Abenteuer mit Kommunisten rutscht, die ihr bereits auf den Fersen sind. Obwohl es nach dem Zweiten Weltkrieg mindestens zehn Antragsteller auf die Identität der Großherzogin Anastasia gab, stellvertretend erwähnt seien die Namen Eleonora Albertowa Krüger und Nadeschda Iwanova Wasilyewa, erreichten nur drei einen mehr als kleinen Kreis von Gläubigen.

„Ich bin die wahre Anastasia“, behauptete Franzisca Czenstkowski, als sie 1920 nach einem Selbstmordversuch aus dem Berliner Landwehrkanal gefischt wurde – obwohl sie 1896 in der Kaschubei zur Welt kam, wie man heute weiß.  Die Arbeiterin hatte keine Schneidezähne mehr und wies Verletzungen auf, nachdem sie in einer Waffenfabrik eine Granate fallengelassen hatte. Diese Verletzungen schrieb sie selbst jedoch den Bajonetten und Schusswunden durch die Mörder im Ipatjew-Haus zu. Viele Menschen glaubten ihr. Sie klammerten sich an die Hoffnung, dass die russische Zarenfamilie doch nicht komplett ausgelöscht wurde, da bislang noch keine Leichen gefunden werden konnten.

Anna Anderson. Quelle: Von Autor unbekannt – http://www.tonnel.ru/?l=gzl&uid=659&op=bio, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=4245160

Dass sie kaum Russisch sprach, erklärte Anna Anderson durch die traumatischen Erlebnisse in der Mordnacht; genau wie ihr mangelndes Wissen über die Zarenfamilie. Aber genau wegen dieser Details hielten sie viele für eine dreiste Hochstaplerin. In der historischen Aufarbeitung konnte nie zweifelsfrei geklärt werden, ob Franziska Schanzkowsky die Öffentlichkeit 64 Jahre lang bewusst täuschte oder sie durch ein Nervenleiden tatsächlich glaubte, die überlebende Zarentochter zu sein. Spätere Untersuchungen ergaben, dass Schanzkowsky von den behandelnden Ärzten geradezu gedrängt wurde, in die Rolle der Anastasia zu schlüpfen. Sie legte sich das Pseudonym Anna Anderson zu und spielte zeit ihres Lebens die Rolle der verkannten Großfürstin.

Ab 1938 forderte die vermeintliche Adlige vor Gericht das Erbe des Zaren heraus. Zig Prozesse wurden geführt, darunter 1958 in Wiesbaden als Ortstermin des Hamburger Landgerichts. Felix Dassel, einstiger Flügeladjutant des Zaren, beharrt darauf, in Anna Anderson die Tochter des Regenten zu erkennen („Das muss sie sein.“), während der aus Lausanne angereiste Hauslehrer der Romanows, Pierre Gilliard, das verneint („Außer der Augenfarbe gibt es keine Ähnlichkeit.“). Tatjana Melnik-Botkin, Tochter des Leibarztes der Romanows, steht auf Andersons Seite: „Ich bin überzeugt, dass Frau Anderson die Zarentochter Anastasia ist.“ So weit will Serge Lifar, Ballettmeister der Pariser Oper und als Überraschungszeuge nach Wiesbaden geeilt, nicht gehen. Er behauptet nur: „Anastasia hat überlebt.“ Der Bundesgerichtshof in Karlsruhe glaubte ihr letztinstanzlich 1970 (!) nicht. Schließlich wanderte Anna Anderson in die USA aus, heiratete einen Millionär und starb 1984 verarmt inmitten von drei Dutzend Katzen. Erst zehn Jahre nach ihrem Tod klärte eine DNA-Untersuchung zweifelsfrei, dass sie nicht mit dem russischen Zarengeschlecht Romanow verwandt gewesen sein konnte.

Trickfilmfigur. Quelle: https://assets.thalia.media/img/artikel/a5ed87f81195b1d037225e2be5f54b057bf83cb2-00-00.jpeg

Ihr Leben wurde mehrmals verfilmt, erstmals schon 1928. Am bekanntesten ist die Hollywood-Verfilmung von 1956 mit Ingrid Bergman, die dafür mit einem Oscar und dem Golden Globe geehrt wurde. Im selben Jahr entstand der Film „Anastasia, die letzte Zarentochter“ mit Lilli Palmer in der Titelrolle. Aber auch der Trickfilm „Anastasia“ (1997) mit Meg Ryans Stimme basiert auf der Geschichte Anna Andersons und brachte ihr weitere Bekanntheit und Popularität ein: Das Zelluloid-Kinomagazin sah einen „perfekten Zeichentrickfilm, der zwar jeden Geschichtsprofessor in Ohnmacht fallen lässt, aber Groß und Klein werden wohl ‚Anastasia‘ in ihr Herz schließen.“

von einer unbekannten Frau gerettet

Die zweite im Bunde war Eugenia Smith (1899 in der Bukowina – 1997 in den USA), auch bekannt als Eugenia Drabek Smetisko. Smith ist Autorin einer Autobiographie von „Anastasia Nicholaevna“ (1963), in der sie „ihr“ Leben in der russischen Kaiserfamilie bis zu dem Zeitpunkt erzählt, als Bolschewiki sie in Jekaterinburg ermordeten. Nach eigenen Angaben erlangte sie nach der Hinrichtung das Bewusstsein wieder und wurde von einer unbekannten Frau gerettet, die sie wieder gesund pflegte. Smith begann eine Wanderung nach Westen, begleitet von zwei Männern, von denen einer später als Alexander identifiziert wurde, ein Soldat, der im Ipatjev-Haus stationiert war. Die lange Reise, die mit dem Zug und zu Fuß unternommen wurde, führte Smith und ihre Retter durch die Städte Ufa, Bugulma, Simbirsk und Kursk, bevor sie Serbien erreichten, wo die Memoiren endeten.

Die jugoslawische Staatsbürgerin wanderte zweimal in die USA ein, freundete sich mit einem Bundesrichter an und schrieb mit dessen jüngerer Tochter ab 1930 die Memoiren, die sie vier Jahre später als ersten Entwurf abschloss. Prinz Rostislav, ein Neffe von Nikolaus II., wurde auf sie aufmerksam und lud sie dreimal zum Mittagessen ein. In jedem Falle lehnte die Eingeladene jedoch mit der Begründung ab, sie sei zu nervös. Vor der Veröffentlichung wurden vom Life Magazine Auszüge gedruckt, zusammen mit Artikeln, die die Ergebnisse von Lügendetektortests, der Handschriftenanalyse und des Vergleichs von Smiths Gesichtszügen durch einen Anthropologen mit Fotografien der tatsächlichen Großherzogin beschreiben. Die Ergebnisse sprachen nicht für Smith. 2013 brachte die Bremer Musical-Company den Kampf der beiden Kontrahentinnen um ihre jeweilige Echtheit als Musical auf die Bühne.

Anastasia in Stuttgart. Quelle: https://www.h-hotels.com/_Resources/Persistent/cd695b34434b46f5935c57df47323a9a8c13b0d3/C-ANA_STU_Prio_2_Anja_jung_und_Zarenmutter-1356×860.jpg

2002 trat dann als Dritte Natalija Bilichodse in Erscheinung. Die 101-jährige Georgierin behauptete, die wahre Anastasia zu sein. Sie konnte sich tatsächlich an Details erinnern, zum Beispiel das Tapetenmuster des Zarenhofs beschreiben. Außerdem bescheinigte der Leiter der „Prinzessin Anastasia Romanowa Wohltätigkeitsstiftung“, Professor Wladlen Sirotkin, eine große Ähnlichkeit zu der verschollenen Großfürstin; dies sei nur in „einem von 700 Milliarden Fällen möglich“. Auch Natalija Bilichodse forderte Geld aus dem Millionenvermögen der Romanows. Jedoch starb sie, bevor Tests ihre Identität einwandfrei beweisen konnten.

Was bleibt? Der Hunger nach Geschichten ist unersättlich, nach Geschichten, die das Unerträgliche fasslich machen: „Und wie drängt es den Menschen erst zu Geschichten, die von Wundern handeln, von Auferstehung aus den Gräbern der Revolutionen“, resümierte Gerhard Mauz bereits 1967 im Spiegel einen der vielen Anderson-Prozesstage. „Die Mühe um eine Wahrheit, die zwangsläufig das Recht zur Folge haben muss, gelangt … dorthin, wo jene Wahrheit beginnt, die ‚in die alten Zeiten‘ gehört, ‚wo das Wünschen noch geholfen hat‘.“ Erst durch diese Wunschwahrheit konnte die historisch eigentlich unbedeutende Zarentochter Anastasia zu einer Märchenprinzessin verklärt werden, deren Legende bis heute präsent ist.

Beim Griechen „nebenan“ gehört er dazu wie Ouzo, Gyros und Zaziki: der Sirtaki – leise klimpernd im Hintergrund. Die Bouzoukiklänge von Mikis Theodorakis beschwören im grauen Norden Urlaubsträume herauf – aber auch das Bild jenes Mannes, der die Melodie barfuß in den Strandsand tanzt. Dabei gab es bis vor 50 Jahren gar keinen Volkstanz dieses Namens. Ob den „Sirtaki“ nun eine Werbeagentur erfand, Regisseur Michael Cacoyannis oder der Schauspieler selbst, weil er zu faul war, die nativen Tänze zu lernen, oder schlicht nicht tanzen konnte, ist bis heute unklar. Jedenfalls wird seine Figur des „Alexis Sorbas“ zum berühmtesten, wenn auch erfundenen Aushängeschild hellenischer Folklore durch einen Spielfilm: Anthony Quinn, der am 3. Juni 2001 in Boston an einer Lungenentzündung starb.

Sein Ruhm war nicht abzusehen, als Antonio Rodolfo Quinn Oaxaca am 21. April 2015 im mexikanischen Chihuahua als Sohn eines Iren, der während der Mexikanischen Revolution für Pancho Villa kämpfte, und einer erst 15jährigen Mexikanerin mit indianischen Wurzeln zur Welt kommt. Als der Vater als verschollen galt, versteckt die Mutter den kleinen Anthony in einem Kohlekarren, reist illegal über die Grenze und lässt sich in der Nähe von Hollywood nieder. Hier trafen beide wieder mit dem Vater zusammen, der damals als Kameramann in Hollywood arbeitete, bis er 1927 bei einem Autounfall ums Leben kam. Daraufhin musste der erst zwölfjährige Anthony die Schule abbrechen und zum Lebensunterhalt beitragen: Er arbeitete in den nächsten Jahren unter anderem als Zeitungsjunge, Schuhputzer, Wasserträger, Fensterputzer, Schlachthausarbeiter, Maurer, Straßenprediger, Boxer und Zuschneider in einer Textilfabrik. Die Berufe prägten seinen Charakter und seinen Habitus.

Seine Künstlerkarriere begann der knapp 1,90-Hüne aber nicht als Schauspieler, sondern als Bildhauer – bereits im Alter von elf Jahren erhielt er einen Preis für eine Skulptur – und Saxophonspieler, der eine eigene Band gründete. Mit einem Stipendium studierte er Architektur bei Frank Lloyd Wright, der dem damals 17-jährigen eine Operation an der Zunge bezahlte, um einen Sprachfehler zu beheben. Zusätzlich zur Operation erhielt Quinn therapeutischen Sprachunterricht, der sein Interesse an der Schauspielerei weckte. Zwei Jahre später gab er sein Theaterdebüt in einem „Federal Theatre Project“ neben Mae West in dem Schauspiel „Clean Beds“, 1936 sein Leinwanddebüt als Nebendarsteller in den Streifen „Ausgerechnet Weltmeister“ („The Milky Way“) und „Mord in Sing Sing“ („Parole!“).

Anthony Quinn. https://resizing.flixster.com/M_iXbzVrB4fvMeJSr5GhEpCtckc=/506×652/v2/https://flxt.tmsimg.com/v9/AllPhotos/1404/1404_v9_bb.jpg

Als im selben Jahr der Regisseur Cecil B. DeMille für den Western „Der Held der Prärie“ mit Gary Cooper Indianer sucht, ergreift Quinn die Gelegenheit, gibt vor, ein Cheyenne zu sein, und erhält die Rolle. Als DeMille seine hübsche Adoptivtochter Katherine zu den Dreharbeiten mitbringt, zögert Quinn ebenfalls nicht lange und nimmt sie 1937 zu seiner ersten Ehefrau. Sie hatten miteinander fünf Kinder. Der erstgeborene Sohn Christopher ertrank 1941 in einem Teich auf dem Anwesen des Schauspielerkollegen W. C. Fields. Da der berühmte Schwiegervater ihm keine Hilfe war, spielte Quinn bis in die 1940er Jahre hinein als „ethnic actor“ Chinesen, Philippinen, Araber, Eskimos, Unterdrückte, Geschlagene, blutige Draufgänger, Gangster; kurz Gegenpole zum „weißen Helden“. Von Anfang an war Quinn mit seiner exotisch-markanten Physiognomie auf einfache, robuste Charaktere festgelegt. 1943 entstand der Western „Der Ritt zum Ox-Bow“, der recht erfolgreich war, und 1947 „Sindbad der Seefahrer“. Im selben Jahr zog es Quinn nach New York – seine Weltkarriere begann.

„dann dreh ich nicht“

Zunächst übernahm er von Marlon Brando die Hauptrolle in dem am New Yorker Broadway aufgeführten Theaterstück „Endstation Sehnsucht“. Der Regisseur des Stückes, Elia Kazan, gab dem neuen Theaterstar eine Nebenrolle an der Seite von Brando in dem Film „Viva Zapata!“ (1951), wofür er einen Oscar als bester Nebendarsteller erhielt. Doch weil Quinn das Gefühl hat, dass er nicht gut genug aussehe, um ein Hollywood-Star zu werden, geht er nach Europa. In Italien dreht er mit Frederico Fellini den Welterfolg „La Strada“ (1954) und machte die Figur des ungeschlachten, brutalen Straußengauklers Zampanò ikonisch, der das Mädchen Gelsomina (Giulietta Masina) kauft und sie ausbeutet, ohne ihre Liebe zu erkennen. „Der Film überzeugte die Leute, dass ich wirklich ein Schauspieler war, und öffnete mir alle Türen… Es hat mich viele, viele Jahre gekostet, meine eigene Persönlichkeit zu finden“, resümierte Quinn.

Zwei Jahre später wird er erneut mit einem Oscar ausgezeichnet: Quinn begeistert als Paul Gauguin an der Seite von Kirk Douglas in der Hauptrolle von Vincent van Gogh in „Ein Leben in Leidenschaft“ (1956). Kein Erfolg beschieden war dagegen seinem Erstling als Regisseur „König der Freibeuter“ (1958), einer Neuverfilmung von „Der Freibeuter von Louisiana“, den sein Schwiegervater 20 Jahre zuvor gedreht und ihn in einer Nebenrolle besetzt hatte. Quinn arbeitete danach nie wieder als Regisseur. Er spielt an der Seite von Gina Lollobrigida den buckligen „Glöckner von Notre Dame“ (1956), wirkt als Offizier Andrea Stavros beim Kriegsfilm „Die Kanonen von Navarone“ (1961) erstmals als Grieche mit und verkörpert in „Lawrence von Arabien“ (1962) einen hakennasigen Stammesfürsten mit wehendem schwarzen Umhang hoch zu Pferd. Im selben Jahr erhielt er die Titelrolle in dem Bibelfilm „Barabbas“ und die des Boxers Mountain Rivera in „Faust im Gesicht“.

Quinn als Quasimodo. Quelle: https://cdn.prod.www.spiegel.de/images/9054c737-0001-0004-0000-000000835420_w1528_r1.511111111111111_fpx38.36_fpy49.98.jpg

1964 schreibt er erneut Filmgeschichte, als er beschließt, die griechische Volksseele zu verkörpern. Seine Rolle als vitaler und freiheitsliebender Bauer „Alexis Sorbas“, dessen lebensfrohe, leidenschaftliche Einstellung mit der Haltung eines von der Zivilisation angekränkelten englischen Schriftstellers kontrastiert wird, den er schließlich zum einfachen Leben bekehrt, wird seine Lieblingsrolle. Er genießt, „dass der Funke des Glücks, die glückliche Lebenseinstellung auf die Menschen in der ganzen Welt übersprungen ist“. „Tony war der ideale Schauspieler für Sorbas“, sagt Hollywood-Autor Martin Ritt. „Nur ein Mann mit einer solchen Lebenslust konnte diese Rolle spielen.“ Cacoyannis übersteht die Dreharbeiten mit chronischer Geldnot und der überstürzten Abreise seines Stars Simone Signoret. Am Ende stehen drei Oskars: Neben dem für die Filmmusik geht einer an Lila Kedrowa als bester Nebendarstellerin und an Kameramann Walter Lasally. In den folgenden Jahren galt Anthony Quinn als der Leinwand-Grieche schlechthin und überzeugte mit diesem Typ in Filmen wie „Teuflische Spiele“ (1968), „Matsoukas, der Grieche“ (1969) und letztmals 1978 mit Jaqueline Bisset im Melodram „Der große Grieche“, der ebenso frei wie sentimental nacherzählten Lebensgeschichte von Aristoteles Onassis.

Dazwischen verkörperte er 1965 den Mongolenfürst Kublai Khan im prominent besetzen Streifen „Marco Polo’s Abenteuer“ mit Horst Buchholz, Orson Welles und Omar Sharif. Im selben Jahr wurde seine Ehe geschieden nach einer Affäre mit Yolanda Addolori, die er bei den Dreharbeiten für „Barabbas“ das erste Mal gesehen hatte. Eigentlich sei sie für das Einkleiden der Statisten zuständig gewesen, doch Quinn habe verlangt, dass sie stattdessen seine Kostüme schneidert. Zunächst sei ihm das verwehrt worden. „Da sagte er, dann dreh ich nicht. Sie mussten die Dreharbeiten für drei Stunden unterbrechen“, erinnert sich sein Sohn Lorenzo. „Wenn er etwas haben wollte, dann tat er alles, um es zu kriegen“. Ein Jahr später nahm er sie zur zweiten Ehefrau und hatte mit ihr drei weitere Kinder.

„Du willst keine Schererei?“

Nachdem er 1969 „In den Schuhen des Fischers“ gar den Papst spielte, zieht sich Quinn in den 1970er Jahren langsam vom Film zurück und veröffentlicht 1973 seine ersten Memoiren. Eine weitere Paraderolle war 1972 die des Agenten Erasmus „Deaf“ Smith in dem Italo-Western „Das Lied von Mord und Totschlag“ neben Franco Nero sowie 1976 die des Trickbetrügers Philipp Bang an der Seite von Adriano Celentano in der Gangsterpersiflage „Der große Bluff“. 1977 feierte er nochmals Erfolge als Kaiphas in dem Bibelstreifen „Jesus von Nazareth“. In den 1980er Jahren trat Quinn nur noch gelegentlich vor die Kamera und war in zweitklassigen und wenig lukrativen Actionthrillern wie „Kennwort Salamander“ oder Komödien wie „Mein Geist will immer nur das Eine“ zu sehen.

Quinn als Sorbas. Quelle: https://cdn.prod.www.spiegel.de/images/6899fd21-0001-0004-0000-000000835384_w1528_r1.4940239043824701_fpx38.81_fpy50.jpg

Einen beachtlichen Erfolg verzeichnete er noch einmal 1981 als Beduinenführer „Omar Mukhtar – Löwe der Wüste“. 1982 legte er einen Roman vor und landete 1985 mit der Musical-Adaption von „Alexis Zorbas“ einen Broadwayhit. 1989 durfte er, nachdem er sich diese Rolle zu seinem 75. Geburtstag gewünscht hatte, im Fernsehen in der Hemingway-Neuverfilmung „Der alte Mann und das Meer“ glänzen. Zu seinen letzten Kino-Produktionen gehörte 1990 die Zusammenarbeit mit Kevin Costner in „Eine gefährliche Affäre – Revenge“. In einigen Hercules-Fantasyspektakeln, die 1994 im Fernsehen gezeigt wurden, spielte er den Göttervater Zeus. „Die Kamera mag mich, aber nicht von allen Seiten. Ich bitte sie um Verständnis, dass ich nicht mehr 45, nicht einmal mehr 60 bin. Ich bitte sie, dass sie meine Fehler übersehen, dafür das Gute einfangen soll. Ich spreche mit der Kamera. Aber ich denke lieber nicht an sie.“

Die Kamera konnte der Vollblutschauspieler erst vergessen, als es ihm gelang, sich auch einen Namen als Maler, Bildhauer und Designer zu schaffen: Die Erfüllung eines Jugendtraums. Die Verkaufspreise seiner Plastiken und Bilder erreichen sechsstellige Beträge. Quinn verdient damit Millionen – Geld, das er für Unterhaltszahlungen und Abfindungen gut verwenden kann. Denn nach über 30 Ehejahren mit Iolanda heiratet er 1997 seine 48 Jahre jüngere ehemalige Sekretärin Kathy, mit der er nochmal zwei Kinder hat. Er soll Vater von insgesamt 13 Kindern von 5 Frauen sein. Vor der Scheidungsrichterin wurde damals schmutzige Wäsche gewaschen, denn der zu dieser Zeit 82-jährige untreue Hollywoodstar soll angeblich bei Auseinandersetzungen seine Ehefrau verprügelt haben. Im Jahr vor der Scheidung veröffentlichte er seine zweiten Memoiren „One Man Tango“, in denen er schrieb: „Ich bin tausend Mal geliebt worden, aber ich will immer noch mehr“.

Quinn privat in seinem Atelier. Quelle: https://cdn.prod.www.spiegel.de/images/e88b9dda-0001-0004-0000-000000835397_w1528_r1.4918625678119348_fpx60.97_fpy44.97.jpg

Sein lange gehegter Wunsch, einmal Picasso zu spielen, hat sich nicht mehr erfüllt. Seine letzte Ruhe fand der charismatische Schauspieler in einem Familiengrab auf dem Gelände seines Anwesens in Bristol (Rhode Island). Er schlägt die Menschen bis heute in seinen Bann. Sein Geheimnis liegt wohl in diesem Buchtitel „One Man Tango“ – so hat ihn sein Freund Orson Welles genannt. Er war zeitlebens der einsame Tänzer, der sich allein durchschlagen musste. Sein Aussehen kam ihm nicht zu Hilfe. Er spielte mit dem Herzen. Sattelfest in allen Genres, decken seine multikulturellen Jedermänner vom Eskimo bis zu Mohammeds Onkel, von Onassis bis zum Papst das gesamte Weltkino ab. Doch am ehesten sich selbst spielte Quinn als Sorbas: „Du willst keine Schererei? Was willst du denn sonst? Das ganze Leben ist eine Schererei, der Tod ist es nicht.“

Wegen solcher Sätze avancierte der meist zurückhaltend, ja fast schüchtern auftretende Kernphysiker zum „Staatsfeind Nr. 1“ des sowjetischen Geheimdienstes KGB: „Ich bin kein Theoretiker auf dem Gebiet der politischen Ökonomie. Ich denke einfach über das Glück, den Frieden und die Gerechtigkeit in der Welt nach und ich fühle, dass der totalitäre Sozialismus nicht effektiv ist, dass das System flexibler sein muss, menschlicher, föderalistischer.“ Dabei hatte zunächst nichts darauf hingedeutet, dass das Genie zu einem der führenden Dissidenten in der Sowjetunion werden würde: Andrei Dmitrijewitsch Sacharow, der am 21.Mai 1921 in Moskau als Sohn eines Physiklehrers und einer Pontosgriechin geboren wurde.

Geprägt von seinem Vater, der auch Lehr- und populärwissenschaftlichen Bücher zur Physik schrieb, schloss er 1938 die Oberschule mit Auszeichnung ab, begann im gleichen Jahr an der Lomonossow-Universität in Moskau Physik zu studieren, meldete sich 1939 freiwillig zur Roten Armee und beendete das Studium in Aschgabat, Turkmenistan, wohin er 1941 während des Zweiten Weltkriegs mit Teilen der Universität verlegt worden war. Von 1942 bis 1945 war er Ingenieur in einer Munitionsfabrik in Uljanowsk an der Wolga und studierte dann weiter am Lebedew-Institut der Sowjetischen Akademie der Wissenschaften, wo er mehrere Erfindungen auf dem Gebiet der Kontroll- und Messtechnik machte und 1947 in Kernphysik promoviert wurde – er arbeitete damals auf dem Gebiet der kosmischen Strahlung und blieb für Jahrzehnte Mitarbeiter der Theoretischen Abteilung.

Im Sommer 1948 wurde Andrei Sacharow Mitglied einer Arbeitsgruppe, die unter der Leitung von Igor Tamm mit der Entwicklung der sowjetischen Wasserstoffbombe beschäftigt war, und zog 1950 von Moskau in die geschlossene Stadt „Arsamas 16“, eine Spezialsiedlung, die Zentrum des sowjetischen Atombombenbaus wurde. Sacharow war dort einer der wissenschaftlichen Leiter des Programms für den Wasserstoffbombenbau, womit er fortan zur wissenschaftlich-technischen Elite der UdSSR gehörte und direkt mit den Partei- und Regierungschefs verkehren konnte. Er befasste sich mit der kontrollierten Kernfusion, in der er den Schlüssel zur Bewältigung ungelöster Menschheitsprobleme sah.

Sacharow 1969. Quelle: Von RIA Novosti archive, image #25981 / Vladimir Fedorenko / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=16787252

Gemeinsam mit Tamm entwickelte er die Konzeption für eine kontrollierte thermonukleare Reaktion: die sogenannte Tokamak-Anordnung. Von ihm stammen auch die Myonenkatalyse der Kernfusionsreaktion, die er „Kalte Fusion“ nannte, und der Einsatz gepulster Laserstrahlung zur Aufheizung von Fusionsbrennstoff. 1951 lieferte Sacharow Grundideen für den Flusskompressionsgenerator und schlug sogar vor, mit durch Nuklearexplosion betriebenen Generatoren Teilchenbeschleuniger zu bauen. Auch wissenschaftlich machte Sacharow eine rasante Karriere und habilierte sich im Juni 1953 auf dem Gebiet der Physik und Mathematik.

„unmenschliche Sachen“

Am 12. August 1953 wurde die erste sowjetische Wasserstoffbombe gezündet, zu der er die Konfiguration der beiden Sprengsätze und des Sprengstoffs sowie dessen Beschaffenheit (Lithiumdeuterid) beisteuerte. Im Oktober dieses Jahres wurde er jüngstes Vollmitglied der Akademie der Wissenschaften der UdSSR und insgesamt drei Mal mit dem Titel „Held der Sozialistischen Arbeit“ ausgezeichnet. 1953 erhielt er den Stalin- und 1956 den Leninpreis. Die größte je gezündete Wasserstoffbombe, die auf seinen Ideen beruhende Zar-Bombe, wurde ohne die letzte Spaltungsstufe 1961 getestet und hatte 50 bis 60 Megatonnen Sprengkraft. In dieser Zeit heiratete er seine Frau Klawdija und bekam mit ihr zwei Töchter und einen Sohn.

Sacharow sah seine Mitarbeit an der Wasserstoffbombe nicht nur als patriotische Pflicht, sondern auch als Dienst für die Menschheit und als Beitrag zur Verhinderung eines Dritten Weltkrieges. Jahre später schrieb er in seinen Erinnerungen: „Natürlich war ich mir darüber im Klaren, mit welchen schrecklichen, unmenschlichen Sachen wir uns beschäftigten. Doch der Krieg war noch nicht lange vorbei, und er war ebenfalls unmenschlich gewesen! In jenem Krieg war ich kein Soldat, aber nun fühlte ich mich als Soldat des wissenschaftlich-technischen Krieges. […] Mit der Zeit hörten wir von Begriffen wie strategisches Gleichgewicht, gegenseitige thermonukleare Abschreckung usw. oder kamen selbst auf diese. Auch jetzt noch denke ich, dass in diesen Ideen tatsächlich eine – wenn auch nicht vollständig überzeugende – intellektuelle Rechtfertigung für den Bau der Wasserstoffbombe und unserer Beteiligung liegt.“

Sacharow spricht am 28.05.1989 auf dem 1.Kongress der Volksdeputierten in Moskau (im Hintergrund Michail Gorbatschow). Quelle: https://static4.evangelisch.de/get/ccd/3lwxsK46LlJq2KUryzsG17N_00085031/i-62

Doch ab 1955 wurde ihm immer stärker bewusst, dass der Preis, den die Menschheit für die Sicherheit des nuklearen Gleichgewichts bezahlt, die globale Verseuchung durch radioaktive Zerfallsprodukte ist, die nach jeder Atomexplosion in der Atmosphäre oder unter Wasser zurückbleiben. Besonders beunruhigten ihn die biologischen Folgen der Verstrahlung. Sacharows Berechnungen zufolge konnten Atomtests in der Atmosphäre hunderttausende vorzeitige Todesfälle oder schwere Erkrankungen verursachen, von denen nicht nur gegenwärtige, sondern auch zukünftige Generationen bedroht waren. 1961 protestierte Sacharow gegen die Verletzung des Kernwaffenteststoppabkommens durch die UdSSR und ließ sich dabei auf einen Streit direkt mit Staats- und Parteichef Chruschtschow ein, der ihn daraufhin öffentlich rügte.

Im Herbst 1962 protestierte Sacharow gegen Pläne, zwei große Nukleartests in der Atmosphäre durchzuführen, die weder durch technische noch durch politische Erfordernisse gerechtfertigt wären. Er verlangte die Beschränkung auf nur eine Zündung, aber Chruschtschow ignorierte seine Proteste. Am 26. September explodierte über der Nordpolarinsel Nowaja Semlja die zweite, ausgerechnet unter Sacharows Leitung gebaute Atombombe. In seinen Erinnerungen schrieb er dazu: „Dieses furchtbare Verbrechen wurde verübt und ich konnte es nicht verhindern. Mich überwältigte ein Gefühl von Machtlosigkeit, Verbitterung, Scham und Erniedrigung. Ich stürzte mit dem Gesicht auf den Tisch und weinte. Das war sicher die schlimmste Lektion, die ich in meinem Leben erhalten habe: Man kann auf zwei Stühlen nicht sitzen.“

Genfer Atomteststopp-Verhandlungen

So konzentrierte er sich darauf, einen Atomteststopp in der Atmosphäre, im Weltraum und unter Wasser zu konzipieren, und präsentierte ihn der Regierung als Ausweg aus der Sackgasse der Genfer Atomteststopp-Verhandlungen. Dieser Kompromissvorschlag erwies sich als erfolgreich. 1963 unterzeichneten die UdSSR, Großbritannien und die USA den Moskauer Vertrag über das Verbot von Kernwaffenversuchen in der Atmosphäre, im Weltraum und unter Wasser. Später trat die Mehrzahl der Staaten diesem Abkommen bei. Die Öffentlichkeit wusste damals nichts von der Rolle, die Sacharow beim Abkommen gespielt hatte.

Grab Sacharows auf dem Friedhof Wostrjakowo. Quelle: Von A.Savin (Wikimedia Commons · WikiPhotoSpace) – Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=11216736

Das änderte sich 1967.  Zunächst unterschrieb Sacharow einen Appell von 25 Vertretern aus Wissenschaft, Literatur und Kunst an den XIII. Parteitag der KPdSU, in dem vor den Folgen einer möglichen politischen Rehabilitation Stalins gewarnt wurde. Dann schrieb Sacharow aus Anlass der Verhaftung von Alexander Ginsburg einen privaten Brief an den neuen Staats- und Parteichef Breschnew und unterzeichnete gemeinsam mit 167 Persönlichkeiten aus Wissenschaft und Kultur eine Petition an das Präsidium des Obersten Sowjets, die die Verabschiedung eines Gesetzes über Informationsfreiheit forderte. Diese Petition war die erste von Sacharow unterzeichnete öffentliche Erklärung, in der es um die Verteidigung der Menschenrechte ging.

Seit Anfang der 60er Jahre verbrachte Sacharow immer mehr Zeit in Moskau. Der Kreis seiner Bekannten erweiterte sich, Intellektuelle stießen dazu, die mit der entstehenden Dissidentenbewegung verbunden waren. Er wandte sich der Teilchenphysik und Kosmologie zu und steuerte zu letzterer die Erklärung der Baryonenasymmetrie des Weltalls bei. Hierfür stellte er drei Grundbedingungen auf, die Sacharowkriterien, die noch heute die Basis entsprechender Theorien bilden. Außerdem gab er wichtige Denkanstöße zum Thema Quantengravitation und war der erste, der Modelle mit über die Gravitationskraft verbundenen Universen untersuchte. Seine Massenformeln für Mesonen und Baryonen Mitte der siebziger Jahre werden seine letzten wissenschaftlichen Leistungen.

Sacharow verurteilte 1968 die Zerschlagung des reformkommunistischen Prager Frühlings und veröffentlichte im Juli das Memorandum „Gedanken über Fortschritt, friedliche Koexistenz und geistige Freiheit“, in dem er sich für internationale Abrüstung und Kernwaffen-Kontrolle einsetzte. Er betrachtete die „friedliche Koexistenz“ nicht nur als Verzicht auf militärische Konfrontation, sondern auch als Annäherung der zwei rivalisierenden politischen Systeme Sozialismus und Kapitalismus. Tatsächlich trat Sacharow damit als Anhänger der Konvergenztheorie von John Galbraith auf. Aus Sicht der sowjetischen Staatsideologie war das ein unverzeihlicher Verrat, er wurde aus dem sowjetischen Atomprogramm entlassen, woraufhin er anfing, sich der theoretischen Physik und seinen gesellschaftlichen Anliegen zu widmen. Mit der sowjetischen Invasion in Prag im August verliert er endgültig den Glauben an den Sozialismus.

„freien Republiken Europas“

Sein öffentliches Engagement unterbrach Sacharow 1969 wegen des Todes seiner Frau, bis er im Frühjahr 1970 wieder einen „Appell an die Partei- und Staatsführung“ richtete, in dem er zur Demokratisierung des Landes aufrief und ein konkretes Reformprogramm unterbreitete. Dabei zog er es vor, auf sich selbst gestellt zu handeln und keinen Organisationen beizutreten, mit Ausnahme des „Komitees für Menschenrechte in der UdSSR“. Über die Mitglieder und vor allem über ihn ergoss sich eine Lawine von Briefen und Besuchern vor allem aus der Provinz. Sacharow sah keinen Grund, den Menschen Hilfe zu verweigern und sich hinter dem Statut des Komitees zu verbergen – vor allem damals entstand in der Bevölkerung das Bild des großen Mannes, der bereit ist, den Kampf gegen jede Ungerechtigkeit der Staatsmacht aufzunehmen. 1971 protestierte er gegen die Praxis, Regimegegner in psychiatrische Kliniken einzuweisen.

East Side Gallery in Berlin: Bild Sacharows von Dmitri Wrubel. Quelle: Von Bundesarchiv, B 145 Bild-F086695-0013 / Lemmerz, Wolfgang / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 de, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=5473400

Seit 1972 in zweiter Ehe mit der Kinderärztin Jelena Bonner verheiratet, engagierte er sich für politische Häftlinge und Personen, die aus unterschiedlichen Gründen verfolgt wurden, fuhr zu Gerichtsprozessen, obwohl ihm der Zutritt zu Gerichtssälen verwehrt war, erteilte Interviews und organisierte Pressekonferenzen, so am 30. Oktober 1974, da der er über den Hungerstreik von politischen Häftlingen in mehreren Lagern informierte, nachdem er während des Nixon-Besuchs selbst einen Hungerstreik begann – seit 1991 wird an diesem Datum in Russland der „Tag der Erinnerung an die Opfer der politischen Repressionen“ begangen. Am 10. Dezember 1975 wurde Sacharow für seine Unterstützung Andersdenkender und sein Streben nach einer rechtsstaatlichen und offenen Gesellschaft der Friedensnobelpreis verliehen. Die sowjetische Regierung verbot ihm, zur Verleihung nach Oslo zu reisen. Den Preis nahm seine Frau entgegen. In den Augen des KGB wurde Sacharow damit zum „Staatsfeind“.

Nach Protesten gegen die sowjetische Intervention in Afghanistan wurde Sacharow am 22. Januar 1980 verhaftet und ohne Gerichtsprozess nach Gorki verbannt, wo er unter Aufsicht des KGB leben musste. Dort arbeitete er am Entwurf einer neuen sowjetischen Verfassung und erleidet mehrere Herzinfarkte. Jelena Bonner blieb sein einziger Kontakt zur Außenwelt, bis auch sie 1984 nach Gorki verbannt wurde. Im Dezember 1986 wurde die Verbannung Sacharows und Bonners aufgehoben. Parteichef Michail Gorbatschow bat ihn telefonisch, nach Moskau zurückzukehren und seine politische Tätigkeit fortzusetzen.

1988 wurde er in die Leitung der Sowjetischen Akademie der Wissenschaften berufen und ein Jahr später als Parteiloser in den Kongress der Volksdeputierten gewählt. Dort schloss er sich der interregionalen Arbeitsgruppe der Radikalreformer an und versuchte, die sowjetische Verfassung zu reformieren – er entwarf eine Staatsform, die seiner Meinung nach aus der UdSSR hervorgehen sollte: die „Föderation der freien Republiken Europas und Asiens“. Im Herbst 1989 war er Mitinitiator einer Kampagne für die Aufhebung der sechs Artikel der Verfassung der UdSSR, in denen die führende Rolle der Kommunistischen Partei festgeschrieben war. Anfang Dezember 1989 appellierte er auf den Sitzungen der „Interregionalen Abgeordnetengruppe“ dafür, einen Generalstreik zur Durchsetzung dieser Forderung auszurufen. Im selben Jahr wurde Sacharow Gründungsvorsitzender der russischen Gesellschaft Memorial, die die Geschichte der Gulag-Lager aufarbeitet.

Briefmarke 1991. Quelle: Von Scanned and processed by Mariluna – Personal collection, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=2724973

Die radikalen Veränderungen und den Zerfall der Sowjetunion erlebt er jedoch nicht mehr. Er stirbt am 14. Dezember 1989 nach einem weiteren Herzinfarkt. An seiner Beisetzung nahmen mehrere zehntausende Menschen teil. In den USA wurde er in mehrere wissenschaftliche Akademien gewählt. Ihm zu Ehren vergibt das Europäische Parlament jährlich den „Sacharow-Preis für geistige Freiheit“, eine Auszeichnung, die nicht vor Verfolgung und Repressionen schützt. Daneben existieren noch drei weitere Freiheitspreise mit seinem Namen. Die Universität Minsk ist nach ihm benannt, ein Asteroid, eine Brücke im niederländischen Arnheim sowie ein Park in Jerusalem.

Der Dresdner Jan Josef Liefers hat mit 52 anderen Schauspielern die Republik aufgestört und den politmedialen Komplex erst verschreckt, dann erzürnt: Wie Corona-Kritiker zu „Rechten“ wurden und die „offene Gesellschaft“ als „geschlossene Gesinnungsgemeinschaft“ enttarnten.

Meine neue TUMULT-Kolume, die gern geteilt werden kann.

Der Tübinger Literaturwissenschaftler Joachim Knape würdigte ihn euphorisch: „Keiner hat in dieser Zeit eine ähnlich berühmte und in Europa so enthusiastisch aufgenommene literarische Figur wie den Narren im ‚Narrenschiff‘ geschaffen. Kein lebender Zeitgenosse konnte in Deutschland ein dem ‚Narrenschiff‘ vergleichbares deutsches gedrucktes Werk vorweisen, das Dicht-, Bild- und Buchkunst zu einem Ensemble von ähnlichem Rang vereint. Bei den Zeitgenossen blieben der Anspruch und die Neuartigkeit des Werks nicht ohne Wirkung. Literarisch begründete es die europäische Tradition der Narrenliteratur.“ Der so Gefeierte war Sebastian Brant, der am 10. Mai 1521 in Straßburg starb.

Der Sohn eines angesehenen Straßburger Gastwirts und langjährigen Ratsherrn kam 1457 oder 1458 zur Welt. Über seine Kindheit und Jugend ist nichts bekannt, weshalb Biographen sein Leben entsprechend seinen beiden beruflichen Wirkungskreisen und Wohnsitzen in eine Basler (1475–1500) und Straßburger Periode (1500–1521) gliedern. 1475 begann er, an der Universität in Basel zu studieren, darunter klassische Sprachen und Rechtswissenschaft. Knapp zehn Jahre später, 1484 erhielt er ein Lizentiat und lehrt dort selbst als Jurist. Nach Abschluss seines Studiums heiratete er 1485 die Tochter des Zunftmeisters der Basler Messerschmiede Elisabeth Burgis. Das Paar hatte zusammen sieben Kinder, darunter den Sohn Onophrius Brant, der später als Jurist und Gelegenheitsdichter hervortrat und in den Rat der Stadt Straßburg gewählt wurde. 1489 promovierte Sebastian zum Doktor der Rechte und wurde 1492 Dekan der juristischen Fakultät.

Sebastian Brant. Quelle: Von Reußner, Icones – Gero von Wilpert: Deutsche Literatur in Bildern. Alfred Kröner, Stuttgart 1957, S. 79., Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=4800019

Er war nicht nur als Rechtsgutachter, Advokat und Richter tätig, sondern auch maßgeblich beteiligt am Buchmarkt in Basel: als Schriftsteller, Herausgeber und Korrektor. Brant schrieb nicht nur rechtswissenschaftliche Texte, sondern auch religiöse und weltliche Beiträge. Darunter befanden sich Gedichte, Beschreibungen von Naturereignissen und Gelegenheitstexte wie Epigramme, ein Rosenkranz, eine Marienklage und eine Trostrede Jesu sowie Flugblätter, so über einen Meteor oder Missgeburten. Daneben verfasste er mindestens zwei Schauspiele und gilt als einer der produktivsten Autoren lateinischer Andachtslyrik, arbeitete aber auch als Übersetzer lateinischer Lieder und Spruchsammlungen. 

„europaweit beliebteste Figur“

„Das Narren Schyff“, zur Fasnacht 1494 in Basel herausgegeben, ist Brants Hauptwerk. Die Moralsatire porträtiert 109 unterschiedliche Narren auf einer Schiffsreise in das fiktive Land Narragonien, das die selbsternannten Seemänner in Eigenregie zu finden hoffen – denn an Bord befinden sich weder Kapitän noch Steuermann oder eine andere Autorität. Ohne nautischen und moralischen Kompass treibt das Narrenschiff orientierungslos durch die See – ob es sein Ziel jemals erreicht, blieb offen. Das Buch sollte zur Verbreitung von Vernunft, Weisheit und guten Sitten nutzen, wie es selbst im Text heißt. Darin wehrt sich Brant gegen „Narrheit, Blindheit, Irrsal und Torheit aller Stände und Geschlechter der Menschen“, denn Unverstand und Verderbtheit kennzeichnen den Zustand der Welt, kennzeichnen ebenso den Zustand der Menschen, deren Leben ohne jeden Halt dahintreibt.

Im „Narrenschiff“ verarbeitete der Autor sowohl eigene Erfahrungen aus seinem reichsstädtischen Leben als auch Motive aus mittelalterlicher und humanistischer Literatur. Es ist geschrieben aus der Sicht des gebildeten Stadtbürgers, der die Gefahren und Laster erkennt – von der Modetorheit über die Geldherrschaft bis zum Untergang von Reich und Religion: Wer sich in das Narrenschiff setzt, der fährt – wenn auch lachend und singend – seinem Verderben entgegen. Im Mittelalter stand der Narr außerhalb der ständischen Ordnung, verkehrte mit Huren, Henkern, Aussätzigen. Sein verdrehter Geist fand oft Verkörperung in einer verkrüppelten oder kleinwüchsigen Gestalt. Schon im Alten Testament verhöhnt er König David: „Es spricht der Narr in seinem Herzen: Es gibt keinen Gott.“ Er ist nicht nur unbelehrbar, sondern auch ungläubig, was ihn näher an den Teufel rückt, ihn beunruhigend erscheinen lässt, ja gefährlich macht.

Der Dürer zugeschriebene Titel der Erstausgabe. Quelle: Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=196433

Der Humanist Brant nutzt in seiner Moralschrift den Vorwurf der sittlichen Defizienz, um durch das Fehlverhalten der Narren eine Antithese zu ethisch integrem Verhalten darzustellen, gibt aber in seiner „Trottelparade“, wie Thomas Morawetz im BR befand, auch positive Ausblicke, die er in der Weisheit erkennt. Dazu verhilft die theologisch motivierte Wissenschaft. Im „Narrenschiff“ wird als Kontrapunkt ein verklärtes Bild gezeichnet von vollständiger Weisheit ohne Eigentumszwang und mit allgemeiner Gütergemeinschaft. Es ist die Utopie des Goldenen Zeitalters nach antiken Vorstellungen, die der zeitgenössischen Narrenherrschaft entgegengesetzt wird. Dieses konträre Darstellungsmuster und die didaktische Funktion von Texten lagen im ästhetischen Lesetrend der Zeit. Daraus sollte eine Selbsterkenntnis resultieren, die Voraussetzung sein sollte für die Überwindung des Narrentums hin zum beschriebenen menschlichen Paradieszustand.

Paradoxerweise prangert Brant die Unwirksamkeit der Besserungswirkung von Büchern an. In einem eigenen Kapitel „Von unnützen Büchern“ beklagt er die Leidenschaft des Sammelns von Büchern, ohne dass die Büchernarren deren Inhalte begreifen. Dabei folgen alle Kapitel einem einfachen Konstruktionsschema, das fast für das ganze Werk durchgehalten wird: Sie beginnen auf der linken Seite mit einem drei- oder vierzeiligen Motto, dem ein Holzschnitt und dann das Spruchgedicht folgt, das 34 meist jambische Verse aufweist und auf eine Doppelseite passt. Zur Bebilderung des Werks engagierte Brant mindestens vier Künstler, darunter auch den jungen Albrecht Dürer, dem gut zwei Drittel der Holzschnitte zugeschrieben werden. 14 Exemplare des Erstdrucks sind erhalten. Bereits im Erscheinungsjahr wird es viermal nachgedruckt und bis zur Lutherbibel das meistverkaufte Buch.

Boschs Narrenschiff. Quelle: Von Hieronymus Bosch – http://www.hetnoordbrabantsmuseum.nl/english/press-jheronimus-bosch/persbeelden-eng/Previously: www.arthistory.cc : Home : Info : Pic, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=8787863

38 deutsche oder niederdeutsche Ausgaben erschienen bis 1730, 23 lateinische Fassungen bis 1572, daneben etliche französische, englische und niederländische Übertragungen bis zum Ende des 17. Jahrhunderts. Faksimile-Editionen, Neudrucke und hochdeutsche Bearbeitungen sowie weitere Übersetzungen ins Italienische, Russische oder Japanische prägen das Bild im 19. und 20. Jahrhundert. Sicher ist, dass Brant die Allegorie des Narren schlagartig europaweit zur beliebtesten Figur des ausgehenden Mittelalters machte: Hieronymus Bosch hat sein „Narrenschiff“ um das Jahr 1500 gemalt; in kurzem Abstand folgten das „Lob der Torheit“ (1509) des Erasmus von Rotterdam, Thomas Murners „Narrenbeschwörung“ (1512), „Till Eulenspiegel“ (1515) und die „Schildbürger“ (1597).

„Klabautermann führt das Narrenschiff“

1496 bekam Sebastian Brant den Professorentitel für römisches und kanonisches Recht. Im selben Jahr erschienen seine „Expositiones“. Der knappe Kommentar zu den wichtigsten Titeln des römischen und kanonischen Rechts war vermutlich als Lehrbuch für Brants Studenten gedacht. Obgleich lateinisch verfasst, entwickelte er sich schnell zum Bestseller, der bis in die Barockzeit hinein immer wieder aufgelegt wurde. 1499 trat Basel der Eidgenossenschaft bei. Dieser Schritt war für Brant als Anhänger der Reichseinheit und des Kaisers Maximilian I. Grund genug, nach Straßburg zurückzugehen als Inhaber des Amts für Rechtsbeistand. 1503 wurde er dort Stadtschreiber. Brant bewährte sich in seinen Aufgaben und erhielt Auszeichnungen, so zum Beispiel den Titel eines kaiserlichen und kurmainzischen Rates.

Er trat nun verstärkt als Förderer literarischer Arbeiten in Erscheinung, veröffentlichte aber kaum noch eigene Arbeiten. Als herausragend gelten seine Ausgaben der Werke Petrarcas sowie die Vergils. Als Zensor war er auch mit der Genehmigung aller Straßburger Drucke befasst. 1520 reiste Brant nach Gent, wo er dem neuen Kaiser Karl V. für die Freie Reichsstadt Straßburg huldigte. Insgesamt ist, ebenso wie aus seiner Jugend, nicht viel über sein spätes Leben bekannt: 31 Briefe sind erhalten sowie Autographe aus Brants Amtstätigkeit. Sein Grab ist heute verschollen. Die Wirkmächtigkeit sowohl seiner Titelallegorie als auch der Narrenfigur ist allerdings ungebrochen. Die walisische Stadt Conwy etwa besitzt – nach über 700 Jahren – wieder einen offiziellen Stadt-Narren.

Narrenschiff von Jürgen Weber in Nürnberg. Quelle: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/e/e2/Nuernberg_Narrenschiff_Weber.jpg/640px-Nuernberg_Narrenschiff_Weber.jpg?1620375407089

Musikalisch widmeten Karat (1980), Udo Jürgens (1986) und Reinhard Mey (1998) dem Titel eigene Lieder, englischsprachig waren es u.a. The Doors (1970), The Grateful Dead (1974), Bob Seeger (1976), Erasure (1988), Sarah Brightman und die Scorpions (beide 1993) sowie Alphaville (2003). Aufgrund seiner Amoralität wurde und wird dem Narren bis heute auch eine vermittelnde Funktion zwischen Sinn und Unsinn zugestanden. Nur er besaß die sprichwörtliche Narrenfreiheit, zu tun und zu sagen, was er wollte. Außerhalb der Standesordnung befindlich, gab es für ihn wenig Konsequenzen zu fürchten, erkannte Konstantin Fechter in der Jungen Freiheit: „Er hatte nichts, weder Rang noch Familie oder Einkommen, durch das sich gegen ihn Druck ausüben ließ. Je willkürlicher der Tyrann und brutaler seine Unterdrückung der Untertanen, desto wichtiger war der Hofnarr, welcher als einziger noch eine spielerische Kritik vortragen konnte.“

Seine Duldung verdeutlichte jedoch zugleich auch die eigentliche Machtlosigkeit des Narren: „Man konnte ihn gewähren lassen, da er keine Bedrohung für die herrschenden Verhältnisse darstellte, selbst wenn er die Wahrheit sprach“, so Fechtner, der aktuell zunächst eine Verbindung zur „Narretei“ der „schillernden Protestzüge gegen die bundesrepublikanische Corona-Politik der letzten Monate“ zieht. Die ernsthaften Kritiker der derzeitigen Zustände hätten damit „die Wahl zwischen weiterem Stillschweigen oder dem Anschluss an den Tanz und die damit verbundene Narrenkappe. Da-durch delegitimieren sie jedoch ihr Ansinnen und degradieren sich zur Witzfigur, indem sie sich argumentativ selbst entwaffnen.“ Somit werde der Wahn des Narren nicht mehr wie im Mittelalter ein Korrektiv zur Politik, sondern Grundlage eines Massenphänomens und Lebensgefühl der politisch Ausgestoßenen: „Wer aber aus Verzweiflung über fehlende Handlungsmöglichkeiten mit der Selbstvernarrung sympathisiert, setzt auf den Wahn als Verbündeten und erreicht damit genau das Ziel der Neofeudalherren.“ Das trifft laut Fechter übrigens auch auf die linksgrünen, teils institutionalisierten Nazi- und Rassismusdenunzianten des Netzes zu.

Grateful Dead „Ship of fools“. Quelle: https://i.pinimg.com/originals/e6/0e/96/e60e960ecad015a3dea7c854d1a19f4f.jpg

Doch genau der aktuelle Zustand der „Neofeudalherren“ in Berlin lässt sich auch als Narrenschiff allegorisieren, wie AfD-Bundestagsfraktionschef Alexander Gauland schon im Oktober 2019 schrieb. Bereits vor über zwei Jahrzehnten aber war Reinhard Mey ebenso weitsichtig: „Am Horizont wetterleuchten die Zeichen der Zeit / Niedertracht und Raffsucht und Eitelkeit“, reimte er damals. Und weiter:

"Der Steuermann lügt, der Kapitän ist betrunken
Und der Maschinist in dumpfe Lethargie versunken
Die Mannschaft lauter meineidige Halunken
Der Funker zu feig‘, um SOS zu funken.
Klabautermann führt das Narrenschiff
Volle Fahrt voraus und Kurs auf‘s Riff.“

Es lohnt heute, darüber wieder nachzudenken.

An ihm scheiden sich die Geister bis heute: War er genialischer Kriegsherr und Hüter des Erbes der Französischen Revolution oder Kriegsverbrecher und Knechter der Völker? Die Geschichte seines Lebens zeichnet den fantastischen Weg eines verschrienen Insulaners zum mächtigsten Mann Europas. Sein Name steht für den Einzug der Moderne in Europa und zugleich für das neue, totale Gesicht des Krieges: „Man kann keinen Eierkuchen backen, ohne ein paar Eier zu zerschlagen“ gehörte zu seinen Weisheiten. Er soll mehr Schlachten geführt haben als Karl der Große, Hannibal und Cäsar zusammen: Napoleon Bonaparte. Am 5. Mai 1821 starb er im Exil auf St. Helena.

Als Napoleone Buonaparte kommt er am 15. August 1769 in Ajaccio zur Welt, der Hauptstadt der Insel Korsika. Von zwölf Geschwistern werden sieben groß werden. Seine Familie stammt ursprünglich aus Italien, seine Eltern gehören dem niederen Adel an. Der Vater arbeitete als Advokat, Richter und als Sekretär von Pascal Paoli, einem Kämpfer, der sich für die politische Unabhängigkeit Korsikas einsetzte. Der Freiheitsgedanke spielte dadurch schon in Napoleons Kindheit eine wichtige Rolle. Der Junge begann seine schulische Ausbildung in der französischen Stadt Autun und punktete dort vor allem in den Fächern Mathematik und Geschichte. Mit neun Jahren kann Napoleon dank eines königlichen Stipendiums für verarmte Adlige auf die Militärschule von Brienne gehen. Dort ist er der einzige Korse und wird wegen seines Insel-Akzents früh von seinen Mitschülern ausgegrenzt. Rasch lernt er aber, sich durch militärisches Geschick Achtung zu verschaffen, und wurde aber aufgrund seiner Fähigkeiten schnell zu einer der besten Militärschulen Frankreichs versetzt.

1785 verlässt er das „École royale militaire“ in Paris und beginnt seine Karriere beim Militär. Im gleichen Jahr starb sein Vater an Magenkrebs, und Napoleon übernahm die Rolle des Familienoberhaupts. Er kümmerte sich um seine Mutter und Geschwister. Um seine Mutter zu entlasten, nahm er seinen elfjährigen Bruder Louis zu sich und kümmerte sich um dessen Erziehung. Währenddessen arbeitete er als Leutnant beim Militär. In seiner Freizeit las er viel, vor allem Literatur aus der Antike, aber auch Goethes „Werter“ hat er verschlungen. Der Französischen Revolution von 1789 verdankt Napoleon seine steile Karriere in der Armee: Er stand hinter dem Ziel des Aufstands unter dem Motto „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ gegen das strenge Regime Ludwigs XVI, wollte er doch, dass sein Heimatland Korsika endlich frei wird und die Bürger ihr verarmtes Land wieder aufbauen können.

Napoleon. Quelle: Von Jacques-Louis David – zQEbF0AA9NhCXQ at Google Cultural Institute maximum zoom level, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=22174172

Als er 1793 erfolgreich die Artillerie der Revolutionstruppen in der Schlacht um Toulon gegen die königstreuen Royalisten führt, wird er zum Brigadegeneral befördert. Doch die universalistischen Prinzipien der Französischen Revolution hatten nun mal eine kolonialistische Kehrseite. Offenkundig wurde dies während der Invasion auf dem Gebiet des heutigen Haiti. In der dortigen französischen Kolonie hatten sich die Sklaven im Jahr 1791 befreit. Bonaparte schickte seinen Schwager Charles Leclerc mit 25.000 Soldaten auf die Insel, um die Revolution zu brechen – was misslang. Zudem ließ Bonaparte in allen französischen Kolonien die Sklaverei wiedereinführen.

„Ein Naturereignis“

Dann der Durchbruch: 1796 führt Napoleon den Italienfeldzug. Der Sieg gegen Österreich und die Besetzung Belgiens, der Lombardei und des Rheinufers ebnen ihm den Weg an die Spitze der Macht. Zugleich gelingt ihm der Aufstieg in der französischen Gesellschaft: Er heiratet er die höhergestellte Joséphine de Beauharnais, nachdem er eine unglückliche Romanze mit Désirée Clary hatte, der späteren Königin von Schweden, und sie mit dem autobiographisch gefärbten Roman „Clisson et Eugénie“ bewältigen wollte, der über das Entwurfsstadium aber nicht hinauskam.

1798 bricht er auf Befehl der Revolutionsregierung zur „Ägyptischen Expedition“ auf. Dieser Feldzug an den Nil wird zum Triumph: Napoleon erreicht nicht nur die Loslösung Ägyptens vom Osmanischen Reich, er verursacht mit dem Feldzug auch einen kulturellen Boom – das Interesse am Ägypten der Pharaonen lebt wieder auf. Den moralischen Tiefpunkt des Feldzugs stellte 1799 die Belagerung der osmanischen Stadt Jaffa dar, bei der Napoleon mehrere Tausend Gefangene massakrieren ließ. Christian Morgenstern kommentierte: „Napoleon war ein Naturereignis. Ihn einen großen Schlächter schmähen heißt nichts anderes, als ein Erdbeben groben Unfug schelten oder ein Gewitter öffentliche Ruhestörung.“ Seine große Popularität in der Armee und im Volk verhilft ihm 1799 zum Sturz der Revolutionsregierung. Am 13. Dezember lässt er sich für zehn Jahre zum obersten von drei Konsuln wählen und hat praktisch nun die alleinige Macht.

Er zentralisiert das junge nachrevolutionäre Staatsgefüge Frankreichs und veranlasst Reformen in der Justiz, im Militär und in der Bildung. 1804 veröffentlicht er den „Code civil“, das erste bürgerliche Gesetzbuch Frankreichs. Zentrale Freiheitsgedanken der Revolution gießt Napoleon damit in eine bis heute gültige Gesetzesform. Seine Kriegszüge spülen Geld in die Staatskassen, er kann den französischen Haushalt sanieren. Nachdem er sich 1802 schon zum Konsul auf Lebenszeit hat ernennen lassen, folgt 1804 die Krönung zum Kaiser von Frankreich. Dabei wagt Napoleon den Eklat: In der Pariser Kathedrale Notre Dame entreißt er Papst Pius VII. die Krone und krönt sich kurzerhand selbst. Das war die letzte Konsequenz einer besonderen Form der Politik, die keineswegs zur Gänze vergangen ist: das von oben angeordnete Plebiszit, das den charismatischen Führer bestätigt. Napoleon hat sich seiner in vier Situationen bedient, in denen er seine Macht sprunghaft ausweiten wollte, etwa als er 1802 über sein lebenslanges Konsulat abstimmen ließ oder 1804, als er nach der Erblichkeit der Kaiserwürde fragte. Der „Bonapartismus“ war geboren, eine Diktatur mit plebiszitären Elementen.

Die Schlacht bei den Pyramiden. Quelle: Von Louis-François Lejeune – histoire-image.org. Voir aussi : Collections du château de Versailles, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=153767

Getrieben vom Willen, wie sein Vorbild Karl der Große Herrscher Europas zu sein, führt er als Kaiser Napoleon I. seine aggressive Expansionspolitik fort. Er erobert Italien und Holland und setzt seine Brüder als Könige der Vasallenstaaten ein. In den eroberten Gebieten, besonders auf deutschem Boden, ordnet er drastische Gebiets- und Rechtsreformen an. Seinen größten militärischen Erfolg feiert Napoleon 1805 bei der „Dreikaiserschlacht“ von Austerlitz. Dort schlägt er Österreich und Russland. Der Friedensvertrag von Pressburg versetzt dem schon lange angezählten Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation den Todesstoß. Er war ab 1805 auch König von Italien und bis 1813 Protektor des Rheinbundes.

Der war am 16. Juli 1806 aus anfangs 16 Ländern gegründet worden mit der Pflicht zur militärischen Unterstützung Frankreichs und zum Austritt aus dem Heiligen Römischen Reich. Daraufhin legte Franz II. die Kaiserkrone nieder. Bereits 1808 hin gehörten fast alle deutschen Staaten außer Österreich und Preußen zu diesem „Dritten Deutschland“. Umfangreiche Zentralisierung des Staatswesens nach französischem Vorbild – im oft noch ständisch organisierten „Flickenteppich“ Deutschland – ging mit der Einführung von Prinzipien der Französischen Revolution, wie Gleichheit, Eigentumsrechte und dergleichen, aber auch mit der Reform des Agrar-, Bildungs-, Wirtschafts-, Steuer- und Finanzwesens einher.

„ein Haufen Scheiße“

Als Feldherr besticht Napoleon durch die Schnelligkeit seiner Entscheidungen und die militärische Aufklärung über den Feind. Seine Späher besorgen Informationen über die gegnerischen Pläne aus allen möglichen Quellen. Noch am Vorabend der Schlacht von Austerlitz ändert er seine Strategie komplett – mit Erfolg. Seit Austerlitz genießt seine Armee einen legendären Ruf. Mit raschen Angriffskriegen bringt er eine neue Kriegsphilosophie auf. Seine Kriege sind total, sie stellen die Existenz ganzer Staaten in Frage und mobilisieren ganze Völker. Napoleons Zeitgenosse Carl von Clausewitz schreibt 1812: „Nun hatten die Mittel, welche aufgewandt, die Anstrengungen, welche aufgeboten werden konnten, keine bestimmte Grenze mehr; die Energie, mit welcher der Krieg selbst geführt werden konnte, hatte kein Gegengewicht mehr, und folglich war die Gefahr für den Gegner die äußerste.“

Huldigung der Rheinbund-Fürsten. Quelle: Von Charles Etienne Pierre Motte – http://talleyrand.slub-dresden.de/detail_09_03b.html, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=2980899

Mit der sogenannten Kontinentalsperre schafft Napoleon sogar eine neue Kriegsform: den Wirtschaftskrieg. Um Großbritannien in die Knie zu zwingen, verhängt er 1806 einen radikalen Importstopp für sämtliche Güter der britischen Insel und ihrer Kolonien. Nachdem Preußen mit Russland ein geheimes Bündnis geschlossen hatte, wurde er am 26. August 1806 ultimativ aufgefordert, unter anderem seine Truppen hinter den Rhein zurückzuziehen. Dies betrachtete Bonaparte als Kriegserklärung und stieß im Oktober 1806 mit seinen Truppen vom Main aus durch Thüringen auf die preußische Hauptstadt Berlin vor. Die in der Schlacht bei Jena und Auerstedt geschlagene preußische Armee löste sich in den folgenden Wochen nahezu auf.

Am 7. Juli 1807 ist Napoleon auf der Höhe seiner Macht: Im Frieden von Tilsit schnürt er ein Bündnis mit Russlands Zar Alexander I. Alle Gebiete westlich der Elbe gingen verloren und wurden Grundlage für das neue Königreich Westphalen. Die von Preußen bei den Teilungen Polens 1793 und 1795 einverleibten Gebiete wurden zum Herzogtum Warschau erhoben. Insgesamt verlor Preußen etwa die Hälfte seines bisherigen Territoriums, musste zudem noch hohe Kontributionen zahlen und durfte nur noch in einem beschränkten Umfang eine Armee unterhalten. Vom Südzipfel Spaniens bis zum östlichsten Ende Polens reicht nun Napoleons Einflussgebiet. Er will einen Thronfolger und lässt daher 1809 die kinderlose Ehe mit Joséphine scheiden. Zur neuen Frau nimmt er die österreichische Kaisertochter Marie Louise. Mit ihr bekommt er 1811 seinen einzigen legitimen Sohn, Napoleon II. Allerdings hatte er mindestens zwei, nach manchen Biographen gar sechs uneheliche Kinder mit verschiedenen Mätressen.

Frankreichs Kaiser drängt es nach mehr Macht. Nach seinem Verständnis führt er Krieg, um anderen Nationen Vernunft und Freiheitsliebe beizubringen, und schlägt die Warnung seines wichtigsten Außenpolitikers, Außenminister Talleyrand, in den Wind, ein derartiges Vorhaben sei das beste Mittel, „den Freiheitsgedanken verhasst zu machen und seinen Triumph zu verhindern“. Legendär ist der Zusammenprall der beiden im Januar 1809, nachdem Talleyrand wieder einmal versucht hat, Napoleon auszutricksen. „Sie sind ein Haufen Scheiße in Seidenstrümpfen“, pöbelt der Kaiser. Sein Minister verneigt sich. Es gibt viele solcher Anekdoten. Dessen ungeachtet bricht Napoleon 1812 mit dem russischen Zaren und marschiert auf Moskau zu. Der Russland-Feldzug, zu dem er Armeen aus nahezu allen Teilen seines Einflussbereichs mobilisiert, wird Napoleons Desaster.

„Marmor, woraus man Götter macht“

Die Schlacht von Borodino konnte er zwar gewinnen, aber sie wurde zur verlustreichsten Auseinandersetzung der napoleonischen Kriege überhaupt: etwa 45.000 Tote oder Verwundete auf russischer Seite und 28.000 auf französischer Seite waren zu beklagen. Erst im Ersten Weltkrieg gab es noch höhere Opferzahlen an einem einzigen Tag. Napoleon ist nun in der Defensive. Russland verbündet sich erfolgreich mit Preußen und Österreich. Napoleon verliert schließlich die Leipziger „Völkerschlacht“ vom 16. bis 19. Oktober 1813. Die alliierten Truppen jagten ihn weiter und nahmen nach der Schlacht bei Paris am 31. März 1814 die Hauptstadt ein. Der Kaiser verlor daraufhin jegliche Unterstützung der Armee, der Politik und selbst enger Getreuer. Am 2. April 1814 sprach der Senat die Absetzung des Kaisers aus. Am 6. April dankte er zu Gunsten seines Sohnes ab.

Napoelons Rückzug aus Rußland. Quelle: Von Adolph Northen – [1][2], Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=298121

Damit waren die Alliierten nicht einverstanden. Sie verlangten vom Kaiser, bedingungslos abzudanken und boten den Vertrag vom 11. April 1814 zur Unterschrift an. Diese Offerte unterschrieb Napoleon unter dem Datum vom 12. April, nachdem er in der Nacht vom 12. auf den 13. April einen Suizidversuch unternommen haben soll. Ihm wurde die Insel Elba als Wohnsitz zugewiesen und einzig der Kaisertitel belassen. Doch durch ein Netz von Agenten wusste er genau, dass es in Frankreich nach der Restauration unter Ludwig XVIII. eine weit verbreitete Unzufriedenheit gab. Ermutigt von diesen Meldungen kehrte Napoleon am 1. März 1815 nach Frankreich zurück. Die Soldaten des 5e régiment d’infanterie, die ihn hätten aufhalten sollen, liefen zu ihm über.

Es gelingt ihm, eine gut ausgerüstete Armee von 125.000 erfahrenen Soldaten auszuheben. Er ließ eine provisorische Regierung unter Marschall Davout in Paris zurück und marschierte gegen die Allianz. Wie gewohnt plante Bonaparte, die Gegner nacheinander zu schlagen. Anfangs gelang es ihm bei Charleroi, einen Keil zwischen die britische Armee unter Wellington und die preußischen Truppen unter Blücher zu treiben. Am 16. Juni schlug er die Verbündeten in der Schlacht bei Quatre-Bras und der bei Ligny. Am 18. Juni griff Napoleon die alliierte Armee von Wellington nahe dem belgischen Ort Waterloo an. Wellington gelang es, die günstige Stellung gegen alle französischen Angriffe im Wesentlichen zu halten: Der Ruf „Ich wollte, es wäre Nacht oder die Preußen kämen“, wird ihm zugeschrieben. Die preußischen Truppen unter Marschall Blücher trafen rechtzeitig ein, Napoleon wurde geschlagen. Damit war die „Hundert-Tage-Herrschaft“ vorbei.

Die Briten verbannen ihn auf die englische Insel St. Helena, mitten in den Südatlantik. Dort stirbt Napoleon am 5. Mai 1821, vermutlich wie sein Vater an Magenkrebs. Andere Vermutungen zur Todesursache sind weitgehend vom Tisch, darunter die einer Arsenvergiftung durch die arsenhaltige Farbe (Schweinfurter Grün) in seinen Tapeten. 1840 lassen die Franzosen seine Gebeine in einem Prunksarg unter der Kuppel des Pariser Invalidendoms aufbahren. Laut Totenschein soll Napoleon 1,66 Meter gemessen haben. „Napoleon-Komplex“ nannte der österreichische Psychotherapeut Alfred Adler prompt das Verhalten, wenn Menschen ihre geringe Körpergröße durch Erfolge und Statussymbole kompensieren wollen.

Napoleons Sarkophag, Krypta des Invalidendoms, Paris. Quelle: Von Thesupermat – Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=15531310

Nach seinem Tod beginnt die Auseinandersetzung um die Bedeutung Napoleons für die Nachwelt. Talleyrand beurteilte die Nachricht vom Ableben seines ehemaligen Kaisers lakonisch: „Es ist nur noch eine Neuigkeit, aber kein Ereignis mehr.“ Heinrich Heine schrieb: „Napoleon ist nicht von dem Holz, woraus man Könige schnitzt – er ist von jenem Marmor, woraus man Götter macht.“ Der romantische Schriftsteller und Diplomat Chateaubriand bemerkt, nun habe „der mächtigste Lebensodem, der jemals menschlichen Lehm beseelt hat“ aufgehört zu atmen. Seit 1908 tauchte die Figur des Napoleon in mehr als 300 Spielfilmen oder TV-Produktionen auf. Damit zählt er neben Hitler zu den historischen Persönlichkeiten, die am häufigsten in Filmen zu sehen sind.

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