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In die politische Geschichte des Landes ging er ein als wirkmächtigster Literat. Während es der vor wenigen Monaten verstorbene Rolf Hochhuth zu Lebzeiten mit Hans Filbinger „nur“ zum Sturz eines Ministerpräsidenten gebracht hatte, fällte er posthum einen Bundestagspräsidenten: Am 10. November 1988 trägt Ida Ehre, die große alte Dame des deutschen Theaters, zum Gedenken an die Pogromnacht 1938 seine Todesfuge im Bonner Bundestag vor. „…Der Tod ist ein Meister aus Deutschland sein Auge ist blau / er trifft dich mit bleierner Kugel er trifft dich genau…“ Sie hat die Worte ins Parlament „hineingebrüllt“, erinnerte sich der damalige Hausherr Philipp Jenninger. „Alle, die dort saßen, ich inbegriffen, waren erschüttert von diesem Schrei.“ Jenninger, rhetorisch nicht ansatzweise zum Kontern begabt, drückt sich auch noch erinnerungspolitisch missverständlich aus, so dass viele Abgeordnete, nicht nur der Grünen, schließlich den Saal verlassen. Am Tag darauf tritt Jenninger zurück.

Diese Todesfuge, 1944/45 als erstes veröffentlichtes Gedicht des Autors entstanden, wurde zum Inbegriff von Holocaust-Lyrik und relativierte auch wegen ihres musikalisierten Duktus‘ Adornos Diktum, „nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, ist barbarisch“. Der erschütternde Text, befindet John Felstiner, erweist sich im Sinne ästhetischer Vergangenheitsbewältigung als das „‚Guernica‘ der Nachkriegsliteratur“ – und musste sich trotzdem vorwerfen lassen, dass die „Schönheit“ der lyrischen Umsetzung der Thematik der Judenvernichtung nicht gerecht werde. Wolfgang Emmerich spricht von einem „Jahrhundertgedicht“, Winfried Freund vom „berühmtesten Gedicht der klassischen Moderne“, Harald Hartung gar vom „wichtigsten und folgenreichsten Gedicht der Epoche“. Laut Claus-Michael Ort wurde kein anderes deutschsprachiges Gedicht aus der Nachkriegszeit in vergleichbarem Umfang „Teil einer öffentlichen Kanonisierung, die es als Ganzes sowie einzelne Bildformeln zum sprachlichen Ausdruck des Holocausts erhob“: Die Metapher „Da habt ihr ein Grab in den Wolken, da liegt man nicht eng“ verstört bis heute.

Paul Celan. Quelle: https://ais.badische-zeitung.de/piece/0a/df/ca/a1/182438561-h-720.jpg

Dabei hat sich sein Autor gar drei Mal mit Martin Heidegger in Freiburg und auf der Philosophenhütte in Todtnauberg getroffen. 1954 nannte er ihn in einem nie abgeschickten, fast devoten Brief seinen „Denk-Herrn“: Ihn habe fasziniert, „dass Heidegger der Dichtung eine Mission und ein Wesen zugesprochen hat, das sie ganz in der Nähe des ‚Seins‘ platzierte“, so Emmerich. Nach den Griechen, die diesem „Sein“ näher waren, sehe Heidegger nur noch die Verfallsgeschichte der Menschheit, manifestiert in ihrer technologischen Entwicklung. Innerhalb dieser Verfallsgeschichte gebe es nur ein Medium, das dieses „Sein“ berühren kann – das ist die Sprache und ganz speziell die dichterische Sprache. Ob Heidegger wirklich auf „eine vertrackte Weise gerührt war über sich und diesen jüdischen Dichter“, der von ihm „ein klärendes Wort verlangte über sein philosophisches Edel-Nazitum“, wie Hans-Peter Kunisch vermutet, ist unklar. Angeblich, schreibt Kunisch, habe der Lyriker, nachdem der deutsche Philosoph auf die Zusendung seines Gedichts Todtnauberg („mit einer Hoffnung auf ein kommendes Wort im Herzen“) nur phrasenhaft reagiert habe, von diesem „gar nichts mehr erwartet“. Dieser Lyriker wurde am 23. November vor 100 Jahren als Paul Antschel geboren: Paul Celan.

ohne Lebensvertrauen

Seine Heimatstadt Czernowitz, die Hauptstadt der Bukowina, war bis 1918 habsburgisch, dann rumänisch, später sowjetisch, heute ukrainisch, und galt mit ihren Künstlern, Philosophen, Musikern und Schriftstellern als vielsprachiges Zentrum deutsch-jüdischer Kreativität. Diese Pluralität prägte auch Paul, der als Einzelkind in einer deutsch sprechenden, orthodox-jüdischen Familie aufwächst. Sein strenger Vater Leo ist Vertreter einer Holzfirma. Mit der Mutter Fritzi teilt der Junge die frühe Begeisterung für deutsche Dichtung. Zunächst besucht Paul die deutsche, dann die hebräische Volksschule, von 1930 an ein rumänisches, später ein ukrainisches Staatsgymnasium. Mit vierzehn Jahren feiert er die Bar-Mizwa, vergleichbar mit der protestantischen Konfirmation im christlichen Kulturraum. Danach wird er nie wieder einen jüdischen Gottesdienst besuchen.

Nach dem Abitur beginnt er im französischen Tours das Studium der Medizin. Als sein Schnellzug auf dem Weg nach Frankreich Berlin erreicht, hatte die Stadt gerade die Reichspogromnacht hinter sich. Wegen des beginnenden Krieges kehrt er nach Czernowitz zurück und studiert dort Romanistik. 1940 besetzen gemäß der Annexionsbestimmungen des Hitler-Stalin- Pakts sowjetische Truppen die Stadt. Ein Jahr später trifft die SS-Einsatztruppe D in Czernowitz ein. Das Judenviertel wird zum Ghetto erklärt, ab Oktober 1941 werden 55.000 Juden in die Vernichtungslager Transnistriens deportiert. Nur 5.000 Menschen überleben.

Gedenktafel an seinem Geburtshaus. Quelle: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/5/53/Celan-Tafel_%28Czernowitz%29.jpg/1280px-Celan-Tafel_%28Czernowitz%29.jpg

Der 21jährige wird vierhundert Kilometer südlich von Czernowitz als Straßenbauer eingesetzt – in einem von den Rumänen eingerichteten Arbeitslager. Dadurch entgeht er der Deportation. Als er im Juni 1942 seine Eltern in Czernowitz besuchen will, findet er die Wohnung leer vor –  sie waren nach Transnistrien geschafft worden. Sein Vater stirbt dort kurz darauf an Cholera, seine Mutter wird im folgenden Winter mit einem Genickschuss umgebracht. Die Deportation seiner Eltern und ihr Tod hinterließen tiefe Spuren in Paul. Er litt für den Rest seines Lebens unter dem Gefühl, seine Eltern im Stich gelassen zu haben. In seinen Gedichten sind zahlreiche Verweise auf dieses Trauma der „Überlebensschuld“ zu finden: „Sprachvertrauen ist nichts ohne Lebensvertrauen und das war ihm zerstört worden“, meint der Theologe Karl-Josef Kuschel im DLF.

„Der liest ja wie Goebbels“

Nach der Einnahme durch die Rote Armee kehrte Paul im Dezember 1944 nach Czernowitz zurück und nahm sein Studium wieder auf. 1945 übersiedelte er nach Bukarest und studierte dort weiter, war später als Übersetzer und Lektor tätig und nennt sich nun Celan – ein Anagramm des rumänisierten Ancel. 1947 floh er über Ungarn nach Wien und siedelte 1948 nach Paris über, wo er bis zum seinem Tod als Lyriker, Übersetzer, Sprachlehrer und Dozent der Ecole Normale Superieure arbeitete – das Sprachgenie übersetzt Texte von über vierzig Autoren in sieben Sprachen, darunter der Creme de la Creme der Weltliteratur: Apollinaire, Baudelaire, Éluard, Jewtuschenko, Mallarmé, Pessoa oder Shakespeare. Noch im selben Jahr erschien in Wien mit Der Sand aus den Urnen sein erster Gedichtband mit der Todesfuge, dessen gesamte Auflage er jedoch wegen zahlreicher Satzfehler einstampfen ließ.

Hier begegnet er Ingeborg Bachmann, die zur Liebe seines Lebens wurde – der Briefwechsel Herzzeit (Frankfurt 2008) kündet davon. Inhalt und Form seiner Gedichte ändern sich radikal. Der Tod, das Schicksal des jüdischen Volkes und der ferne Gott durchziehen seine Texte – selbst die Liebesgedichte. Der Reim verschwindet immer mehr aus seinem Werk. „Diese Dialektik von Muttersprache und Mördersprache ist einer der Schlüssel, um zu verstehen, wie er seine Gedichte schreibt“, befindet Kuschel.

Paul und Gisèle. Quelle: https://www.deutschlandfunkkultur.de/media/thumbs/4/40d6f45ef557efb5791afef63bf1582cv1_max_635x357_b3535db83dc50e27c1bb1392364c95a2.jpg?key=c8dc22

Vier Jahre später veröffentlicht Celan seinen Gedichtband Mohn und Gedächtnis und heiratete die 25-jährige Tochter des Marquis de Lestrange, Gisèle, mit der er im großbürgerlichen 16. Pariser Arrondissement in der Rue de Longchamps logiert. Im selben Jahr las er zum ersten und letzten Mal vor der Gruppe 47 – ein Desaster, erinnerte sich Walter Jens: „…er las sehr pathetisch. Wir haben darüber gelacht. ‚Der liest ja wie Goebbels‘, sagte einer. Das war eine völlig andere Welt, da kamen die Neorealisten nicht mit. … Hans Werner Richter war der Ansicht gewesen, Celan habe ‚in einem Singsang vorgelesen wie in einer Synagoge‘“.

Celan entwickelte zwar Freundschaften mit deutschen Schriftstellerkollegen, doch die endeten regelmäßig in Zerwürfnissen. Das betraf vor allem das deutsch-französische Schriftstellerpaar Yvan und Claire Goll. Nach dem Tode ihres Mannes erhebt Claire Goll 1960 öffentlich Plagiatsvorwürfe, auch gegen die Todesfuge. Der Dichter wird zwar später von den Anklägern vollständig rehabilitiert, aber seine Psyche erleidet durch die „Plagiatsaffäre“ dauerhaften Schaden: „Celan war unheilbar verletzt. Die in deutschen Blättern ausgebreiteten Zweifel an seiner künstlerischen Integrität erlebte er wie neuerliche ‚Hitlerei‘“, so Iris Radisch in der Zeit.

Beeinflusst vom französischen Symbolismus und Surrealismus, gilt er dennoch als der bedeutendste Lyriker der deutschen Nachkriegsliteratur – als der bis heute einzige, dessen Gedichte dem Unaussprechlichen der Shoah angemessen sind, die er in die geistigen Traditionen des Judentums der letzten dreitausend Jahre einzubetten versuchte, sie mit religiösen Motiven verband, vor allem aus dem Alten Testament. Seine Zweifel, sein Glauben-Wollen, aber nicht können, werden ihn bis zu seinem Tod begleiten.

Deutsche Gesamtausgabe. Quelle: https://images-eu.ssl-images-amazon.com/images/I/41gf3S7tqWL.AC_UL600_SR372,600.jpg

Sein erster Sohn stirbt bald nach der Geburt. 1955 wird Claude Francois geboren, zugleich erhielt Celan die Staatsbürgerschaft der Republik Frankreich. In den 1960er Jahren erscheinen Gedichtbände, die ihn, inzwischen Büchner-Preisträger, weltberühmt machen, etwa Die Niemandsrose, Atemwende oder Fadensonnen. Seine ungeheure Sprachverdichtung gilt als Indiz für seine zunehmende psychische Implosion, die zu mehreren Aufenthalten in psychiatrischen Kliniken führt. So wollte er in einem Wahnzustand einmal sich selbst umbringen, in einem anderen seine Ehefrau mit einem Messer töten. Seit November 1967 lebten sie getrennt voneinander, blieben aber in Verbindung.

„Man hat mich zerheilt“

Im Oktober 1969 unternahm Celan seine einzige Reise nach Jerusalem – ein weiteres Desaster. Er sieht sich nicht in der Lage, sich mit einem Leben dort zu identifizieren, fühlt sich aber auch in seiner Pariser Exilheimat zunehmend einsam. An seine Jugendliebe Ilana Schmueli schreibt er: „Ich muss täglich in meine Abgründe hinab. Jeder Tag ist eine Last. Das, was Du ‚meine Gesundheit‘ nennst, kann es wohl nie geben. Die Zerstörungen reichen bis an den Kern meiner Existenz. Man hat mich zerheilt.“

Im Februar 1970 tauchte plötzlich ein angeblich aus dem Jahr 1944 stammendes Gedicht seines Czernowitzer Schulfreundes Immanuel Weißglas auf, das ausgerechnet die eindringlichen Sprachbilder der kurz darauf entstandenen Todesfuge noch ganz ungelenk und wie im Rohentwurf vorwegzunehmen schien. Eine weitere Plagiatsdiskussion wollte Celan womöglich nicht mehr erleben; sie blieb übrigens aus. Am 1. Mai 1970 findet ein Fischer seinen Leichnam in der Seine – zehn Kilometer abwärts von Paris. Wahrscheinlich hat er sich in der Nacht vom 19. auf den 20. April am Pont Mirabeau in der Nähe seiner Wohnung in den Fluss gestürzt. Einen Abschiedsbrief gibt es nicht. „Er hat sich“, schreibt Gisèle an Ingeborg Bachmann, „den einsamsten und anonymsten Tod ausgesucht.“

Celans Grab. https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/b/b3/Grave-Paul-Celan.jpg

Aus seinen späten Gedichten ist die rauschhafte Musikalität seiner Anfänge verschwunden: „Sie sind von grandioser Trostlosigkeit, Verse wie Karstlandschaften, wie Steinwüsten, nah am Verstummen und stolz in der Würde des Scheiterns. Man muss sie noch immer lesen“, befindet Radisch. Seine „weltliterarisch fast einzigartige Wirkung“ bestehe darin, dass er in einer „durch die Gräuel des Massenmordes hindurch gegangenen Sprache schreibe“, ohne „je der Illusion anzuhängen, ,über‘ Auschwitz und die Millionen von Opfern mit den Mitteln des Abbildrealismus schreiben zu können“, fasst Emmerich sein Wirken zusammen. Zu Ehren des nachdichtenden Übersetzers stiftete der Deutsche Literaturfonds 1988 den Paul-Celan-Preis für ebenfalls herausragende Übersetzerleistungen. Sein Nachlass liegt im Marbacher Literaturarchiv, auch die Handschrift der Todesfuge.

„Ich habe nie eine Zeile gedichtet, die nichts mit meiner Existenz zu tun gehabt hätte. Ich bin, Du siehst es, Realist auf meine Weise“, schreibt der Dichter anfangs der 60er Jahre an einen Freund. Spätestens seit dieser Zeit hat er die Todesfuge nicht mehr gelesen, er hielt sie für „lesebuchreif gedroschen“. Hans Mayer, selbst Jude, gebrauchte die Formulierung, Celan habe sie „zurückgenommen“. Celan entgegnete: „Ich nehme niemals ein Gedicht zurück, lieber Hans Mayer.“ Den Vers „der Tod ist ein Meister aus Deutschland“ hat übrigens Heiner Müller noch zu Zeiten der DDR adaptiert zu „Deutschland dein Meister ist der Tod“. Darüber kann man nun lange nachdenken.

Als 1938 eine amerikanische Filmzeitschrift zur Wahl des Königs von Hollywood aufruft, stimmt eine überwältigende Mehrheit für ihn. Sein freches Grinsen, sein spöttischer Blick unter hochgezogenen Augenbrauen und sein raubeiniger Charme lassen viele Frauen in den Kinosesseln dahinschmelzen. Auch manche Männer mögen ihn: Ein richtiger Mann, der zupacken und draufhauen kann. Er verkörpert den amerikanischen Traum: Der Aufsteiger, der es aus eigener Kraft nach oben geschafft hat und der bei aller lässigen Eleganz nie seine Herkunft aus den Hinterhöfen verleugnet: Clark Gable. Am 16. November 1960 erlag er Los Angeles einem Herzinfarkt, den Marilyn Monroe mitverschuldet haben soll.

Geboren wurde Gable am 1. Februar 1901 in Cadiz in Ohio, wobei William Clark in der Geburtsurkunde als weiblich erfasst wurde, was sich später sogar noch in Schulzeugnissen bemerkbar machte, bevor der Fehler dann ebenso korrigiert wurde wie später der Nachname: Das deutsche „Goebel“ passte nicht im Ersten Weltkrieg. Als seine Mutter früh starb, zeigte sich der Vater, ein deutschstämmiger Ölarbeiter, mit der Alleinerziehung völlig überfordert und gab das Kind zunächst in die Hände von Pflegeeltern. So verbrachte der Junge eine kurze Zeit auf der Farm seines Onkels Charles in Pennsylvania. Nach zwei Jahren fühlte sich sein Vater der Aufgabe gewachsen, heiratete eine neue Frau und holte seinen Sohn wieder zu sich. Das Leben wurde dadurch nicht einfacher. Bald geriet der Vater in finanzielle Schwierigkeiten und musste mehrfach den Job wechseln, darunter arbeitete er als Krawattenverkäufer. Mit sechzehn Jahren wurde Gable von der High School verwiesen und schlug sich mit Gelegenheitsjobs durch.

Clark Gable. Quelle: https://prod-images.tcm.com/Master-Profile-Images/ClarkGable.jpg

Große Anziehungskraft übte das Theater auf ihn aus. Er spielte zunächst kleinere Rollen und wurde Mitglied verschiedener Wandertheater. Fast zehn Jahre tingelte er als Statist auf Tourneebühnen, bis er am Broadway landete und dank seiner virilen, teilweise ungehobelten Ausstrahlung gute Kritiken bekam. In der Zeit der Großen Depression 1929, die auf den Börsencrash folgte, wurde Hollywood auf ihn aufmerksam, nachdem er bereits kleine Statistenrollen wie in „Die lustige Witwe“ von Erich von Stroheim übernommen hatte. Zunächst wegen seiner Segelohren als „Taxi mit offen stehenden Türen“ verspottet, erwies er sich als der rechte Mann zur rechten Zeit: Das von der Wirtschaftskrise gebeutelte Publikum war ganz wild nach dem Draufgänger mit dem schiefen Grinsen. Hinzu kommt die Bekanntschaft mit der Theatermanagerin Josephine Dillon, die ihm auch Schauspielunterricht gab – 17 Jahre älter, aber mit den richtigen Verbindungen. Die 1930 schon wieder beendete Ehe mit ihr öffnete ihm die Türen ins Filmgeschäft.

„moderner Rudolfo Valentino“

Er ergatterte zunächst eine Nebenrolle im Western „The Painted Desert“ und begann mit seiner Rolle eines gewalttätigen Gangsters und Verführers im Drama „Der Mut zum Glück“ einen kometenhaften Aufstieg. Schon 1931 spielte der Newcomer in neun Filmen und zählte zu den zehn kassenträchtigsten Stars. Aber was für Unsympathen spielt Gable, was für Widerlinge, Scheusale, Draufgänger und Gangster: In „Night Nurse“ schlägt er Barbara Stanwyck ins Gesicht, in „Helgas Fall und Aufstieg“ warf er eine Prostituierte die Treppe hinab, und Norma Shearer wird in „Der Mut zum Glück“ als wohlerzogene Tochter der besseren Gesellschaft von Gable schlecht behandelt. Und doch liegt ihm die Frauenwelt zu Füßen. Nach den Schlägen gegen Shearer wird Metro-Goldwyn-Mayer mit Briefen bombardiert: Keine Proteste – die Fans wollen sich freiwillig von Gable schlagen lassen.

1932 trat er als charmanter Flegel bereits das zweite Mal neben Jean Harlow auf, beide erweisen sich als profitables Gespann. Gable wird außerdem acht Mal neben Joan Crawford, sieben Mal an der Seite von Myrna Loy und dreimal an der Seite von Norma Shearer zu sehen sein. Obwohl ihn sein Image als Schurke und Gigolo bald anödete, musste er von seinem Filmstudio Metro-Goldwyn-Meyer quasi dazu gezwungen werden, 1934 als Reporter in Frank Capras Screwball-Spaß „Es geschah in einer Nacht“ aufzutreten. Für die gewagte, von der Zensur kritisch beäugte Liebeskomödie bekam Gable, der sich stets nur für einen Selbstdarsteller hielt, zu seiner Überraschung 1935 den Oscar. Der Film, der ihn mit nackter Brust unter dem offenen Hemd zeigte, machte ihn zum Sexsymbol – und stürzte angeblich Unterhemdfabrikanten in den Ruin, bis Marlon Brando und sein weißes T-Shirt in „Endstation Sehnsucht“ 1951 den Trend wieder umkehrten. Legendär sind seine vielen Affären, unter anderem mit Jean Harlow, Joan Crawford, Grace Kelly – und Loretta Young, die schwanger wurde. Sie musste nach Europa reisen, um die Schwangerschaft geheim zu halten, und brachte dort eine Tochter zur Welt. Gable gab die Vaterschaft niemals zu.

Gable und Charles Laughton in „Die Meuterei auf der Bounty“. Quelle: https://cdn.britannica.com/79/77079-050-A3B10897/Crew-members-Bligh-HMS-Bounty-Charles-Laughton-1935.jpg

Auf dem Gipfel seines Ruhmes war Gable, den Kritiker auch als „modernen Rudolfo Valentino“ bezeichneten, der einzige MGM-Darsteller mit einem lebenslangen Vertrag und kassierte ein jährliches Gehalt von 300 000 Dollar. Neben diesen Glanzrollen aber drehte er meist anspruchslose Starvehikel wie „Meuterei auf der Bounty“ – hier war er für seine Verkörperung des Seeoffiziers Fletcher Christian erneut für den Oscar als bester Hauptdarsteller nominiert, – „Der Draufgänger“ und „Zu heiß zum Anfassen“, deren Titel verraten, um was es ging. Nach dem Scheitern seiner zweiten Ehe mit der wiederum 17 Jahre älteren texanischen Millionenerbin Maria Langham heiratet er 1939 in dritter Ehe seine große Liebe, die Schauspielerin Carole Lombard. Davor hatte er den Film abgedreht, dessen später legendäre Hauptrolle als Rhett Butler er nur zögerlich angenommen hatte und der ihm doch auf ewig einen Platz in der Filmgeschichte sichert: „Vom Winde verweht“.

„große Leistung der Amerikaner“

Das Südstaatenepos um die Liebe in Zeiten des Bürgerkriegs nach dem gleichnamigen Roman von Margaret Mitchell war mit fast vier Stunden Laufzeit seinerzeit der Film mit der längsten Spieldauer, außerdem mit Herstellungskosten von rund vier Millionen US-Dollar der teuerste Film überhaupt. Vom American Film Institute wurde er auf Platz 4 der 100 größten US-Filme aller Zeiten gewählt. Mit einem inflationsbereinigten Einspielergebnis von rund 7,2 Milliarden US-Dollar (2019) gilt der für 13 Oscars nominierte Streifen bis heute als kommerziell erfolgreichster der Filmgeschichte. In Umfragen rangiert er noch vor „Star Wars“; in Großbritannien war er noch 2004 der meiste gesehene Film überhaupt.

Die Premiere im Grand Theater in Atlanta war das Ereignis des Jahres. Dafür hatte der Gouverneur von Georgia den 15. Dezember 1939 zum Feiertag ausgerufen – vermutlich zum ersten Mal in der Geschichte aus Anlass einer Kino-Premiere. Viele Schaulustige waren als Hommage an den Film in Kostümen aus der Bürgerkriegszeit erschienen. Gable, der ihn übrigens als „Film für Frauen“ geringschätzte, wird im DLF mit Sätzen wie diesem zitiert: „Als ich meine erste Liebesszene spielen musste, war ich zu Tode erschrocken. Der Regisseur meinte, ich sollte einen verlangenden Gesichtsausdruck mimen. Daraufhin dachte ich an ein riesiges, halb durchgebratenes Steak. Es klappte so gut, dass ich diesen Trick seither immer wieder verwende“.

Gable und Carole Lombard. Quelle: https://www.classichollywoodcentral.com/wp-content/uploads/2015/09/Clark-Gable-and-Carole-Lombard.jpg

Er habe in der Szene nicht weinen wollen, in der er von der Fehlgeburt seiner Frau erfährt, erklärte Kollegin Olivia de Havilland 2004 im Spiegel. „Er dachte, es sei unmännlich. So waren Männer damals konditioniert. Es war so schade, dass sie diese Gefühle unterdrücken mussten“. Regisseur Fleming habe damals alles versucht und Gable sogar bei seiner Berufsehre gepackt. „Am Ende gab es einen letzten Versuch“, so de Havilland. „Ich sagte ‚Ich weiß, dass du es kannst und du wirst wunderbar sein‘. Tja, und bevor die Kamera zu laufen begann, konnte man bereits die Tränen in seinen Augen sehen.“ Bis heute schmachten Frauen unter seinem spöttischen Blick. Und das, obwohl sein letzter Satz gegenüber der ihr Herz ausschüttenden Scarlett ist: „Frankly, my dear, I don‘t give a damn“ („Ehrlich gesagt ist mir das gleichgültig“). Der Satz wurde vom American Film Institute zum bedeutendsten US-Filmzitat überhaupt gewählt.

Dass der Film erst mit 14-jähriger Verspätung in die deutschen Kinos kam, war zunächst der NS-Filmpolitik geschuldet, die mit ihrem Anspruch auf den ersten Platz in der Filmwelt Roman wie Film verbot. „Clark Gable ist nicht nur ein kluger, sondern auch ein schöner Mann“, sagt Eva Braun in Philippe Moras nachsynchronisiertem Kompilationsfilm „Swastika“ (1973), weshalb Hitler auf Gable, den er tatsächlich geschätzt haben soll, eifersüchtig geworden sei. Joseph Goebbels schrieb am 30. Juli 1940 in sein Tagebuch: „Großartig in der Farbe und ergreifend in der Wirkung. Man wird ganz sentimental dabei. Die Leigh und Clark Gable spielen wunderbar. Die Massenszenen sind hinreißend gekonnt. Eine große Leistung der Amerikaner. Das muss man öfter sehen. Wir wollen uns daran ein Beispiel nehmen. Und arbeiten.“

„an den Rand eines Herzinfarkts gebracht“

Mit Carole Lombard lässt sich Gable auf einer Ranch in Encino nieder, auf der er bis zu seinem Tod leben wird. Gemeinsam gingen sie fischen, jagen, wurden sesshaft und gesellig. 1940 erlitt Carol eine Fehlgeburt. Ausgerechnet eine Kriegsanleihenverkaufstour kostete sie dann 1942 bei einem Flugzeugabsturz nahe Las Vegas das Leben. Das Unglück war ein schwerer Schlag für Gable, der sogar zur Unglücksstelle flog, seitdem nicht mehr als derselbe galt und dem Alkohol mehr zuzusprechen begann als ihm zuträglich war. Um der Leere zu entkommen, meldete er sich freiwillig zum Kriegsdienst, den er bis 1945 als Bomberpilot absolvierte. Die gesamte Ausbildung in der US Army zum Kanonier wurde gefilmt, eine vierköpfige Filmcrew begleiteten Gable während der ganzen Zeit. Fünfmal flog Bordschütze Gable Angriffe in einer B-17 mit.

Gable in „Vom Winde verweht“. Quelle: https://www1.wdr.de/stichtag/stichtagdezembervierzehn118~_v-gseapremiumxl.jpg

Nach dem Krieg – die Entlassungsurkunde von Major Gable hatte ein Offizier namens Ronald Reagan unterschrieben – erlebte er nur ein verhaltenes Comeback: Bei seinen Erfolgen wäre er heute ein Top-Star, in Hollywood dagegen war er eins unter vielen Gesichtern. Er spielte den „Mann ohne Herz“ (1945), den „Mann am Scheideweg“ (1947), blieb der charmante Herzensbrecher in der Komödie „Der Windhund und die Lady“(1947), glänzte als draufgängerischer Abenteurer in William A. Wellmans großem Western „Colorado“ (1951), in John Fords Afrika-Drama „Mogambo“ (1953) mit Ava Gardner und Grace Kelly sowie in drei großen Filmen von Raoul Walsh. Sehenswert sind auch die Abenteuerkomödie „Es begann in Moskau“ (1953), das Kriegsdrama „U23 – Tödliche Tiefen“ (1958), die Doris-Day-Komödie „Reporter der Liebe“ (1958) und die turbulent-romantische Komödie „Es begann in Neapel“ (1960) mit Sophia Loren.

Ehefrau Nummer vier war 1949 das Model Sylvia Ashley geworden, 1952 ging auch diese Beziehung in die Brüche. 1954 hatte er nach einem Direktorenwechsel MGM verlassen und arbeitete seitdem freiberuflich. Mit der bereits dreimal geschiedenen Schauspielerin Kathleen „Kay“ Spreckels fand Gable ein neues, wenn auch kurzes spätes Glück, am 11. Juli 1955 fand die Hochzeit statt. 1960 kam dann mit „Misfits – Nicht gesellschaftsfähig“, in dem Gable mit der Monroe spielte, der für beide letzte und nach Auffassung vieler auch jeweils beste Film. Es ist ein Psychodrama nach einer Vorlage von Monroes Ehemann Arthur Miller – und ein Psychodrama war auch der Dreh.

Monroe war unzuverlässig, ihre ständige Verspätung reizte Gable bis aufs Blut. Alle waren auf den Erfolg oder auf Monroe eifersüchtig, zudem stand die Crew unter Erfolgsdruck. Freunde hatten ihn vor der nervenaufreibenden Arbeit mit Monroe gewarnt, doch die Gage von 750 000 Dollar – im Schnitt verdiente ein Amerikaner damals gute 5.000 Dollar im Jahr – lockte ihn. Es sei gut, dass die Dreharbeiten sich dem Ende näherten, sagte der 59-Jährige im Herbst, die Monroe habe ihn „an den Rand eines Herzinfarkts gebracht“. Kurz darauf starb er – an einem Herzinfarkt. Die Premiere von „Misfits“ erlebte er nicht mehr mit, ebenso die Geburt seines einzigen Sohnes John Clark Gable im März 1961.

Gable und die Monroe in „Misfits“. Quelle: https://i2.wp.com/www.horsetalk.co.nz/wp-content/uploads/2011/03/clark-gable-marilyn-monroe.jpg?resize=800%2C614

Die Monroe war‘s, sagen seine (weiblichen) Fans. Skeptiker sehen es etwas nüchterner: Jahrelang drei Schachteln Zigaretten am Tag und dazu noch Zigarren zum Whiskey fordern auch von einem Hollywoodstar ihren Tribut. Gable wurde im Großen Mausoleum im Forest Lawn Memorial Park neben seiner dritten Frau, Carole Lombard, beigesetzt. Heute erinnert ein Stern auf dem „Hollywood Walk of Fame“ an den legendären „King of Hollywood“, der vom kernigen, grobschlächtigen Farmer bis zum eleganten Gentleman wandlungsfähig war wie wenige. Bei einer Umfrage des American Film Institute wurde er noch 1999 auf Platz sieben der größten männlichen Filmstars gewählt.

Er galt damals wie heute als umstrittenster deutscher Kaiser. Zeitgenossen beschrieben ihn als hinterhältig, berechnend und heimtückisch, ja als Tyrannen; ein „Monster auf dem Thron“ erkennt Gerd Tellenbach. Für Stephan Draf war er dagegen „der größte Pechvogel, der je auf dem deutschen Kaiserthron gesessen hat“. Er sei mehrfach traumatisiert gewesen, sein Leben „eine perfekt inszenierte Tragödie“, denn er habe „erschütternd begriffsstutzig, daran geglaubt, dass etwas Gutes in den Menschen sei“.  Bei aller menschlichen Sympathie, die einem sein bewegtes und bewegendes Schicksal abzwinge, „kann man ihm doch nur sehr bedingt historische Größe zusprechen … Schwere Missgriffe der Anfangsjahre stürzten ihn in einen Konflikt, der den Weg zu einer gesunden Evolution versperrte und an dem er für seine Person zugrunde ging“, befand auch Theodor Schieffer.

Mit seiner fast 50-jährigen Regierung gehöre er aufgrund seiner Territorialpolitik, der Begünstigung von Städtebürgertum, Reichsministerialität und Judentum („Wormser Privileg“) sowie seiner Landfriedenspolitik zu den bedeutendsten mittelalterlichen deutschen Herrscherpersönlichkeiten, lautete dagegen der Tenor marxistischer Geschichtsschreibung. Als 1900 sein Grab im Dom von Speyer geöffnet wird, ergab sich das Bild „eines großen, starken, untadelig gewachsenen Mannes … die Gestalt eines schlanken, aber kräftigen, beinahe athletischen Mannes, zu allen ritterlichen Übungen geschickt und in ihnen geübt.“ Das kontrastiert mit einem unterstellten „sensiblen Charakter“, mit dem manche seine scheinbare politische Schwäche begründeten.

Heinrich IV. Quelle: https://www.wasistwas.de/files/wiwtheme/wissenswelten/geschichte/Artikel/Gross/PD_HeinrichIV.jpg_b.jpg

Denn den meisten ist er heute präsent durch seinen Canossa-Gang, durch den das deutsche Königtum „seine Todeswunde“ empfangen habe, wie es Hermann Heimpel noch in den 50er Jahren formulierte. Das Papsttum mit seinem Streben nach Vorrangstellung und die deutschen Fürsten mit ihren partikularen Interessen galten als „Totengräber“ der Kaisermacht, die erst 1871 wieder auferstehen durfte. Die Fixierung eines Geschichtsbildes auf eine starke Zentralgewalt und einen mächtigen König musste also zu seiner Verteidigung führen – Canossa kann als Sinnbild politischer Demütigung ebenso interpretiert werden wie als politische Weitsicht. Alle seine Gegner habe er überlebt und sei nur durch Verrat zuletzt doch noch besiegt worden: Die listvolle Entmachtung des Vaters durch den Sohn galt Karl Hampe gar als „die teuflischste Tat der ganzen deutschen Geschichte“: Heinrich IV. Am 11. November 1050 kam der Salier in der Goslarer Kaiserpfalz zur Welt.

Kindheit und Entführung

Er war nach vier Töchtern der lang ersehnte Thronfolger Kaiser Heinrichs III. und seiner zweiten Frau Agnes von Poitou und erhielt zunächst den Namen des Großvaters, Konrad. Schon zu Weihnachten ließ Heinrich III. die anwesenden Fürsten schwören, dem Thronfolger treu ergeben zu sein. Wohl unter dem Einfluss des Abts Hugo von Cluny wurde sein Name in Heinrich geändert. Damit der angesehene Abt, um die Verbindung zur Kirche zu stärken, Taufpate des Thronfolgers werden konnte, wurde die Taufe bis zum nächsten Osterfest verzögert. Bereits im Alter von drei Jahren wird er zum Herzog von Bayern ernannt. 1054 lässt Heinrich III. seinen Sohn vor einer größeren Versammlung von Adligen zu seinem Nachfolger wählen – die Großen machen die Einschränkung, ihm nur zu folgen, wenn er sich als gerechter Herrscher erweise. 1055 wird der Fünfjährige mit der dreijährigen Bertha von Turin verlobt, damit es später eine deutsch-italienische Machtkonstellation gibt.

Als Heinrich III. am 5. Oktober 1056 unerwartet stirbt, wird der Thronfolge des sechs Jahre alten Heinrich IV. nicht widersprochen. Die Kaiserwitwe Agnes, der ein Liebesverhältnis mit dem Bischof Heinrich von Augsburg, ihrem wichtigstem Berater, nachgesagt wurde, führte für ihren Sohn die Regierungsgeschäfte im Sinne ihres Mannes. Das wurde zum Problem, denn Heinrich hatte auf der Durchsetzung der königlichen Gewalt und Autorität beharrt, die ihn weit über die Fürsten heraushebe. Mit dieser Haltung wich er von der durch clementia, die herrscherliche Milde, geprägten Regierungsweise der Ottonen ab. Gegen die selbstherrliche Art und den autokratischen, allein der Verantwortung gegenüber Gott verpflichteten Regierungsstil rebellierten vor allem die Sachsen und die Bayern.

Anton von Werner: Heinrichs Entführung durch Anno. Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Heinrich_IV_(Germany).jpg

Nach einer ersten misslungenen Verschwörung 1057 gelang unter der Führung des Kölner Erzbischofs Anno 1062 die zweite als Entführung bei einer Bootspartie in Kaiserswerth bei Düsseldorf. „Kaum hatte er das Boot betreten“, berichtet der Mönch Lampert von Hersfeld, „da umringten ihn die vom Erzbischof angestellten Helfershelfer, rasch stemmten sich die Ruderer mit aller Kraft in die Riemen und trieben das Boot in die Mitte des Stroms.“ In Todesangst springt der Junge in vollem Gewand in den Fluss und kann gerade noch gerettet werden. Seine Mutter verzichtet darauf, ihn zurückzuholen. Anno regierte als Reichsverweser, muss dieses Amt später mit dem Erzbischof von Hamburg-Bremen, Adalbert, teilen, was zu einem ständigen Konflikt führt, und wird dem jungen König zeitlebens verhasst bleiben: Als Heinrich am 29. März 1065 die Schwertleite erhält und somit volljährig war, soll ihn seine Mutter Agnes gerade noch davon abgehalten haben, das Schwert, das er eben umgürtet bekommen hatte, gegen den verhassten Erzbischof zu erheben.

Sachsenkriege und Investitursteit

Ein Jahr später heiratet er Berta. Ein 1069 eingereichtes Scheidungsverlangen wurde von Papst Alexander II. abgelehnt, was ihn dazu veranlasste, sich seinem Schicksal zu fügen. 1070 bekam das Königspaar eine Tochter und bald darauf auch einen möglichen Thronfolger. Der junge König begann seine Vorstellung eines befehlsorientierten Königtums zu verwirklichen, was zwangsläufig zu Konflikten mit dem Adel führen musste, die im „Sachsenkrieg“ 1073 – 1075 eskalierten. Als er sich vor allem im Harzgebiet bemühte, Krongut aus dem sächsischen Kernland zurückzufordern und es durch Burgen zu sichern, wobei er sich der Hilfe schwäbischer Ministerialen versicherte, brachte diese Hausmachtpolitik den sächsischen Adel gegen ihn auf. Bereits im ersten Jahr der Auseinandersetzungen belagerten die Sachsen die Harzburg und zwangen Heinrich IV., der wiederum Todesangst erfuhr, in der Nacht des 9./10. August 1073 zur Flucht.

In einem Anfang 1074 vereinbarten Frieden musste Heinrich erklären, die Burgen wieder abzubauen. Als das den Sachsen zu langsam ging, plünderten sie die Harzburg und schändeten zahlreiche Gräber der Salier. Dieses Vorgehen spielte nun Heinrich in die Hände, da viele Fürsten des Reichs bereit waren, ihn bei seinem Rachefeldzug zu unterstützen. Am 9. Juni 1075 errang er in der Schlacht bei Homburg an der Unstrut einen vollständigen Sieg. Die Führer des Aufstands, darunter Otto von Northeim und der Sachsenherzog Magnus Billung, unterwarfen sich. Zu Weihnachten gelang es ihm, die Großen eidlich zu verpflichten, seinen 1074 geborenen Sohn Konrad zu seinem Nachfolger zu wählen.

Unterdessen tat sich eine andere politische Baustelle auf: mit dem Papstwahldekret „In nomine Domini“ war 1059 das Wahlrecht des Papstes an die Kardinalbischöfe übertragen worden, der Kaiser und dessen Nachfolger erhielten ein, eher allgemein formuliertes, Bestätigungsrecht („Königsparagraph“) zugesprochen. Damit sollte der Wahl von Gegenpäpsten und der Beeinflussung der Wahl durch stadtrömische Adelsgruppen entgegengesteuert werden. Im April 1073 wurde unter tumultartigen Umständen gegen den Willen Heinrichs in einer Inspirationswahl der römische Archidiakon Hildebrand als Gregor VII. zum Papst gewählt. Petrus Damiani, ein enger Mitstreiter, bezeichnete ihn als „heiligen Satan“, ja „Zuchtrute Gottes“, gegen den Widerstand zwecklos sei. 1075 verabschiedet Gregor die Bulle „Dictatus Papae“, die in Artikel drei festlegt, dass nur der Papst Bischöfe einsetzen kann, und in Artikel zwölf gar verfügt, dass er Kaiser und Könige absetzen kann. Damit wird das Gefüge des mittelalterlichen Systems aus den Angeln gehoben: ergänzten sich geistliche und weltliche Macht bisher, konkurrieren sie nun miteinander.

Papst Gregor. Quelle: https://img.welt.de/img/iphone_app/historyapp/mobile100125244/5381359077-ci16x9-w1200/History-Februar-22-02-1076-Gregor-VII-BM-Lifestyle-Peking-jpg.jpg

Als Heinrich unter Missachtung des päpstlichen Willens im Erzbistum Mailand sowie den Diözesen Fermo und Spoleto provokante Personalentscheidungen traf, also ungeliebte Personen in ihr Amt investierte, forderte der Papst am Neujahrstag 1076 Gehorsam. Heinrich veröffentlichte die Drohungen des Papstes und berief die Bischöfe des Reichs nach Worms, wo er am 24. Januar 1076 zusammen mit den beiden Erzbischöfen Siegfried von Mainz und Udo von Trier sowie weiteren 24 Bischöfen eine gepfefferte Antwort formulierte: Er sei entgegen den Vorschriften des Papstwahldekrets in das Amt gelangt. Die lange Liste der Vorwürfe an ihn, der im Brief nur „Bruder Hildebrand“ genannt wurde, endet mit der legendären Aufforderung: „Steige herab, steige herab!“

Gregor VII. ließ das unbeeindruckt, am 22. Februar 1076 setzte er den König ab, exkommunizierte ihn und löste alle Christen von den Treueiden, die sie Heinrich geschworen hatten. Nebenbei setzte er auch noch Siegfried von Mainz ab. Diese Maßnahmen bewegten die Zeitgenossen tief, ihre ungeheuerliche Wirkung wird in den Worten des Gregorianers Bonizo von Sutri deutlich: „Als die Nachricht von der Bannung des Königs an die Ohren des Volkes drang, erzitterte unser ganzer Erdkreis.“ Nach einer Reihe unglücklicher Umstände – der Brand der Kathedrale von Utrecht zu Ostern wurde als Zeichen für Gottes Zorn aufgefasst – schwand seine klerikale Unterstützung. Die immer noch renitenten Fürsten, vor allem Welf von Bayern, Rudolf von Schwaben und Berthold von Kärnten, witterten Morgenluft und erklärten im Oktober, nach einer Fürstenversammlung in Trebur, Heinrich müsse sich bis zum Jahrestag der Exkommunikation vom päpstlichen Bann befreien, sonst würde man ihn nicht mehr als Herrscher akzeptieren.

Canossa und die Folgen

Angesichts dieses Ultimatums blieb Heinrich im Winter 1076/77 nur der Weg nach Italien, um sich mit dem Papst ins Benehmen zu setzen. Da die feindlichen Herzöge die Alpenpässe belagerten, blieb seiner Familie samt kleinem Gefolge nur der gefahrvolle Weg über den Mont Cenis in Burgund. Nach Lampert von Hersfeld krochen die Männer auf Händen und Füßen, die Frauen wurden auf Rinderhäuten über das Eis gezogen, die meisten Pferde starben oder wurden schwer verletzt. Gregor begab sich auf die Burg Canossa seiner Parteigängerin Mathilde von Tuszien. Heinrich verbrachte im Büßergewand, barfuß und ohne Herrschaftszeichen drei Tage im Vorhof der Burg und flehte unter Tränen der Reue um Erbarmen. Als Vermittler traten unter anderen sein Taufpate Hugo von Cluny und Markgräfin Mathilde auf. Gregor war in der Zwickmühle: Verzeiht er dem König nicht, ist sein Ruf als gütiger Oberhirte beim gemeinen Volk dahin. Er spricht Heinrich vom Kirchenbann los, setzt ihn aber nicht mehr als König ein – was er als Papst eigentlich auch nicht kann, denn das ist Sache der Fürsten.

Canossa in der Darstellung Otto Bitschnaus. Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Gregor7_Canossa.jpg

Was dann geschah, ist unter Historikern bis heute strittig. Für die einen haben die Beteiligten durch ein abschließendes gemeinsames Mahl gezeigt, dass sie künftig friedlich und freundschaftlich miteinander umgehen wollten. Bischof Anselm von Lucca berichtet hingegen, Heinrich IV. habe geschwiegen, keine Speisen angerührt und auf der Tischplatte mit seinem Fingernagel herumgekratzt, um keine rechtlichen Verpflichtungen einzugehen: Ein gemeinsames Mahl stellte eine rechtsrituelle Handlung dar, durch die man sich zu einem bestimmten Verhalten gegenüber dem Tischgenossen verpflichtet. Die Wertung ist dennoch fast einheitlich: Der Büßergang nach Canossa wird vor allem als taktischer Schachzug des Königs angesehen, um der drohenden Absetzung zu entgehen, und schwächte Papst wie Fürsten gleichermaßen.

Denn die hatten nichts Eiligeres zu tun, Rudolf von Schwaben 1077 zum Gegenkönig auszurufen. Heinrich entsetzte die Herzöge prompt ihrer Ämter und Lehen, Schwaben gab er 1079 an Friedrich von Büren, der zugleich seiner Tochter Agnes verlobt wurde und Stammvater der Staufer werden sollte. Der Krieg der beiden Könige endete am 15. Oktober 1080 in Thüringen mit Rudolfs Tod, der Heinrichs Anhängern als Gottesurteil erschien: bei seiner tödlichen Verwundung hatte er die rechte Hand, die Schwurhand, verloren. Zwar wurde im August 1081 mit Graf Hermann von Salm erneut ein Gegenkönig gewählt, der außerhalb Sachsens jedoch weitgehend wirkungslos blieb.

Schon einige Monate zuvor hatte Papst Gregor erneut die Exkommunikation über Heinrich verhängt und dessen Untergang bis zum 1. August 1080 vorhergesagt. Da sich dies nicht erfüllt hatte und die meisten Bischöfe nun auf der Seite Heinrichs standen, gelang es ihm, mit Clemens III. einen Gegenpapst zu installieren. Heinrich machte sich nun mit einem Heer erneut auf den Weg nach Italien und gelangte Pfingsten 1081 bis vor Rom, schaffte aber erst drei Jahre später den Einmarsch und setzt Gregor VII. ab. Am Ostersonntag ließ er sich von Papst Clemens zum Kaiser krönen und erreichte damit, trotz je zweier Könige und Päpste, den Höhepunkt seiner Macht. Als sich Graf Hermann 1088 entnervt in seine Erblande zurückzog, schlossen die Sachsen endlich Frieden mit Heinrich und verzichteten auf einen dritten Gegenkönig. Nach dem 1087 seine Frau Berta gestorben war, heiratete er 1089 erneut: Adelheid (Eupraxia) von Kiew, die sich schon kurz darauf auf die Seite seiner Gegner schlug. Die Ehe wurde 1095 wieder geschieden; Heinrich warf seiner attraktiven Frau Untreue vor, angeblich soll sie sogar ihren Stiefsohn Konrad verführt haben.

Absetzung und Tod

Von dem sollte schließlich Gefahr für Heinrichs Thron ausgehen. Nachdem sich Clemens III. in Italien nicht behaupten konnte und mit Urban II. ein neuer Papst auf dem Heiligen Stuhl Platz nahm, schlug sich Konrad überraschend auf dessen Seite, weil der ihm die Kaiserkrone in Aussicht stellte und nach Eupraxias Sitten-Vorwürfen Heinrich zum 3. Mal exkommunizierte. Ein daraus resultierender dritter Italienzug endete damit, dass Heinrich drei Jahre in Oberitalien festhing, ehe er nach Norden zurückkehren konnte. 1098 gelang es ihm unter Zustimmung der Fürsten, Konrad zu enterben, seinem jüngeren Sohn Heinrich V. als Nachfolger festzulegen und ein Jahr später als Mitkönig zu krönen. Der daraus resultierende Zwist zwischen Konrad und dem jüngeren Heinrich wurde durch Konrads Gift-Tod im Jahre 1101 endgültig beigelegt.

Die Grabkrone von Heinrich IV. aus der Domschatzkammer des Dom zu Speyer. Quelle: https://www.heraldik-wiki.de/wiki/Datei:Grabkrone_Heinrich_4.jpg

Womit Heinrich IV. allerdings nicht gerechnet hatte: Auch sein zweiter Sohn Heinrich V. stellte sich gegen ihn, da er um seine Nachfolgeansprüche fürchtete und die eigenen Thronansprüche dem immer noch gebannten Vater zum Trotz erhalten wollte. Er trat zur päpstlichen Partei über, nachdem auch ihm die Kaiserkrone versprochen worden war. Als zu Weihnachten 1105 eine Reichsversammlung zur Entscheidung des Thronstreits einberufen wurde, ließ der Sohn den Vater auf der Burg Böckelheim festsetzen und dann vor die Reichsversammlung in Ingelheim bringen. Hier dankte Heinrich IV. am 31.12.1105 unter härtestem Druck der Fürsten ab, am 6. Januar 1106 wurde sein Sohn Heinrich V. zum Nachfolger gewählt. Aber noch einmal bäumte sich der gestürzte Kaiser, entkam aus Ingelheim, aber starb aber vor einem neuen Entscheidungskampf  am 7. August 1106 in Lüttich.

Nach einigen Grabeswirren wurde er nach Speyer überführt und sein Sarg in der noch ungeweihten späteren Afrakapelle abgestellt, weil Bischof Gebhardt ein Begräbnis im Dom verbot – der Kirchenbann war noch nicht genommen. Erst als sein Sohn die Aufhebung erwirkte, wurde er am 7.8.1111 im Dom beigesetzt. Die königsfreundliche Geschichtsschreibung hatte in den erbitterten politischen Auseinandersetzungen teilweise den Charakter von Rechtfertigungs- oder Verteidigungsschriften angenommen. In der Hervorhebung bestimmter Eigenschaften und Handlungsweisen des Königs wurde häufig eine Gegenposition zu den Angriffen und Verleumdungen der Gegenseite deutlich, meint Tilman Struve aus moderner Perspektive. Gerd Althoff neigte in seiner Biografie dazu, die von Heinrichs Gegnern erhobenen Vorwürfe als Indizien für tatsächliches Fehlverhalten zu werten, und  gewinnt den „Eindruck von taktischen Ränkespielen und unaufrichtigem Verhalten“. In seinem recht negativen Gesamturteil überwiegen in Heinrichs Persönlichkeit die „Schattenseiten“´; Heinrich habe „ganz ohne Zweifel die Krise der Königsherrschaft seiner Zeit zu verantworten“.

Tafel an der Canossasäule in Bad Harzburg. Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Gang_nach_Canossa

„Die heroische Zähigkeit, mit der er die Stöße auffing, hat die Substanz des ottonisch-salischen Reichsgefüges über die tödlich scheinende Krise hinweggerettet. Freilich musste er die Investiturfrage, an der sich der Streit entzündet hatte, ungelöst seinem Nachfolger hinterlassen“, bilanziert Schieffer und liegt damit sicher richtig. Die ungeheure Wirkungsgeschichte Canossas wird nicht zuletzt im Kulturkampf des Deutschen Reiches von 1871 mit der katholischen Kirche deutlich. Als es zum Konflikt mit der Kurie um die Bestellung eines deutschen Gesandten beim Heiligen Stuhl kam, formulierte Reichskanzler Otto von Bismarck die berühmten Worte: „Seien Sie außer Sorge: Nach Canossa gehen wir nicht – weder körperlich noch geistig!“

Sehr geehrter Herr Pfalzgraf,

nach über 25 Jahren bin ich nicht mehr sächsisches, sondern seit wenigen Wochen baden-württembergisches DJV-Mitglied und, als Pressesprecher der AfD-Landtagsfraktion, dem Fachausschuss Medienkommunikation (Presse- und Öffentlichkeitsarbeit) zugeordnet. Ihrer Rundmail vom 4. November entnahm ich, dass Sie jüngst zum Landesvorsitzenden gewählt wurden; dazu herzlichen Glückwunsch. Nach meiner Beschäftigung mit dem Landesverband und seinen diversen Publikaten sehe ich mich allerdings veranlasst, mit dem Glückwunsch einige kritische Anmerkungen zu verbinden und in die Form eines Offenen Briefs zu kleiden.

Den Hintergrund meiner Anmerkungen bilden primär Ihre drei hintereinander publizierten Artikel im Mitgliedermagazin Blickpunkt. Das Medienmagazin für Baden-Württemberg. Die Titel lauten „Es wird ungemütlich“ (01/2020, S.26 ff.), „Grundsätzlich und gelassen“ (02/2020, S. 30 ff.) sowie „Wichtiger denn je: Pressefreiheit verteidigen“ (03/2020, S. 24) – alle sind online abrufbar (https://www.djv-bawue.de/landesverband/blickpunkt/). In diesen Artikeln findet statt, was ich gelinde geschrieben nur als widerwärtige Hetze gegen andersdenkende Demokraten auffassen kann.

Sekundär sind es zwei Äußerungen Ihres Dienstherrn, dem SWR-Intendanten Kai Gniffke. Er hat sich einerseits in der Zeit gegen ein Auftrittsverbot für AfD-Politiker wie Björn Höcke in Talkshows ausgesprochen. „Wenn wir anfangen zu unterscheiden, wer bei uns auftreten darf und wer nicht, kommen wir argumentativ ganz schnell in den Wald“, wurde er zitiert. Und er hätte „diese Leute nicht nur abzubilden, sondern auch mit denen zu reden.“ Dass diese Selbstverständlichkeit inzwischen Nachrichtenwert hat, lässt tief blicken. Denn dem SWR-Staatsvertrag, der seit 30. Juni 2015 in Kraft ist, entnehme ich unter § 3 Abs. 1, dass er „in seinen Angeboten einen objektiven und umfassenden Überblick über das internationale, europäische, bundesweite sowie im Schwerpunkt über das länder- und regionenbezogene Geschehen in allen wesentlichen Lebensbereichen zu geben“ hat und „hierdurch auch die internationale Verständigung, die europäische Integration und den gesellschaftlichen Zusammenhalt in Bund und Ländern fördern“ soll (Hervorhebungen von mir).

Andererseits hat er zugegeben, „dass wir bestimmte Haltungen in unserer Belegschaft vielleicht nicht abbilden“. Anlass war die ARD-Volontärsumfrage im Novemberheft unseres Bundesfachblatts journalist. Danach würden sage und schreibe 92 Prozent bei der Bundestagswahl grün-rot-rot wählen. Die AfD wird dabei gar nicht mehr separat gelistet, sondern zusammen mit anderen Splitterparteien unter „Sonstige“ mit 3,9 Prozent geführt. Wenn aber die Präferenzen von Journalisten so krass von jenen der Gebührenzahler abweichen, ist es praktisch unmöglich, den Sendeauftrag zu erfüllen. Es spricht nichts gegen eher linksgerichtete Journalisten. Offenbar ist man aber wohl mittlerweile der Meinung, es spräche etwas gegen konservative und liberale Journalisten, die das andere Spektrum abbilden.

Das Problem liegt also nicht zuvorderst in der Abbildung linker Themen und Meinungen, sondern darin, dass sie kein Gegengewicht, keinen Widerspruch mehr durch Journalisten mit einem anderen politischen Blickwinkel erfahren. Und dieses Problem, womit sich zunächst der Kreis formal schließt, ist auch Ihren drei Texten eigen, die in geradezu beängstigender Weise Ihre politische Voreingenommenheit mit Ihrem gewerkschaftlichen Engagement wider die AfD und ihre Landtagsfraktion vermischen – und mit der Sie sich, um in der Metaphorik Kai Gniffkes zu bleiben, bereits ganz tief im Wald verlaufen haben.

Das mag Ihnen in Ihrer Freizeit gern zugestanden sein, nichtsdestotrotz sorge ich mich sehr darum, welche Auswirkungen diese Vermischung auf Ihre Berichterstattung im SWR zeitigen, auf die anderen DJV-organisierten Redaktionskollegen im Südwesten und – auf Ihre Studenten, da Sie ja einen Lehrauftrag an der HdM erfüllen. Ich war seit 1998 neben-, seit 2002 hauptberuflicher Dozent für Medienkommunikation und –produktion an Universitäten und Hochschulen bundesweit und grüble bis heute, was spätestens seit 2014 passiert ist, um ideologisch so stromlinienförmigen Nachwuchs entstehen zu lassen.

Der Autor als Fraktionspressesprecher 2020. Quelle: Pressestelle der AfD-Fraktion im Landtag Baden-Württemberg

So mutmaßen Sie im ersten Text „Bald wird die AfD erste Mitglieder in den Rundfunkrat entsenden. Spätestens dann könnte es ungemütlich werden. Denn auch das hat die AfD schon in anderen Institutionen gezeigt, die sie verachtet: Sie ist gewillt, mindestens den Betrieb zu stören, viele Menschen mit ihren Eingaben, Nachfragen oder gleich Klagen aufzuhalten und zu binden.“ Ungemütlich, aha. Ein interessantes Adjektiv dafür, dass die ARD als Anstalt mit einem Etat, der etwa dem Staatshaushalt der Slowakei entspricht, nicht mehr kontrolliert zu werden braucht, weil sie ja per se alles richtig macht.

Daneben stellen Sie Zusammenhänge zum Medienanwalt Ralf Höcker und der CDU-„Werte-Union“ sowie dem ehemaligen Verfassungsschutzpräsident Hans-Georg Maaßen her und diskreditieren sie damit. Maassen vorzuwerfen, er habe „seinen Posten wegen mindestens verharmlosender Äußerungen im Zusammenhang mit rassistischen Ausschreitungen in Chemnitz 2018 verloren“, ist hanebüchen: Maassen hatte damit die Worte des mit der Untersuchung beauftragten Staatsanwalts sowie des amtierenden Ministerpräsidenten wiedergegeben. Daneben die Ausgrenzung der Fraktion von den Corona-Absprachen der anderen Fraktionen zu schnellen Milliarden-Hilfspaketen für die Wirtschaft als selbstinduzierte „Inszenierung“ darzustellen, ist absurd und verdreht die Realität in ihr Gegenteil; darauf ist noch zurückzukommen.

Ein Hauch von Weimar

Im zweiten Text vermitteln Sie Ihren Eindruck, „dass ein Hauch von Weimar durch die Straßen weht“. Geht’s noch eine Nummer größer? Ich verwahre mich nicht nur als DDR-studierter Geschichtslehrer gegen diese erbärmliche Geschichtsklitterung, deren Framing der Thüringer Staatskanzleichef nach der Kemmerich-Wahl vorgab. Ich verwahre mich dagegen auch als Bürger, der die ersten 28 Jahre seines Lebens ostdeutsch sozialisiert wurde – die DDR muss ja dann nach Ihrem Verständnis nicht links, sondern rechts gewesen sein. Meine Gymnasialdirektorin war die Frau von Klaus Trostorff (einfach mal google fragen), ich habe in meiner Erfurter Schulzeit, 20 km neben Weimar, öfter der Buchenwald-Opfer gedacht als Sie das in Ihrem Leben je tun werden.

Sie ergehen sich danach in ellenlangen Mutmaßungen, wie Nachrichtenwerte so interpretiert werden können, dass die AfD nicht vorkommt (!!!). Ich erinnere: Ihr Intendant hat dazu in der Zeit die Gegenposition vertreten! Übrigens zolle ich an dieser Stelle Ihrer Kollegin, als sie es noch war, Katharina Thoms Respekt: Sie holte immer ein AfD-Statement zu bestimmten Sachverhalten ein, obwohl das eigentlich Sache von dpa gewesen wäre, deren erbärmliche Rolle nochmal einen eigenen Text gäbe.

Der Autor als Dozent 2013. Quelle: privat

Darüber hinaus fabulieren Sie von einem „falschen Verständnis von Neutralität und Offenheit“ und „darum, zu markieren, wo Meinung aufhört, und wo Hetze und Desinformation beginnen“. Wie bitte? Was gibt es an „Neutralität“ zu interpretieren? Und offenbar können Sie nicht nur mit einem Blick erfassen, was Information ist und was nicht, sondern auch entscheiden, welche Meinung von der Meinungsfreiheit gedeckt ist und welche – ja was eigentlich – die Straftatbestände Beleidigung, Verleumdung, üble Nachrede etc. erfüllt? Das offenbart ein totalitäres Rechtsverständnis. Über den Rest des Textes breite ich den Mantel des Schweigens; Worthülsen wie „Wir wollen keinen Millimeter zurückweichen, wenn es um unsere journalistischen Prinzipien geht. Auch wenn es unbequem wird. Rechts ist Rechts, und Pressefreiheit ist Pressefreiheit“ sprechen für sich. 

Keinesfalls schweigen aber kann ich zum 3. Pamphlet. Hier blasen Sie sich zu einem vermeintlichen Märtyrer der Pressefreiheit auf und zeigen das ganze selbstreferentielle Daseinsverständnis der unangenehmeren Vertreter Ihres Berufsstandes. Zitat: „Wütende Leserbriefe können wir aushalten, empörte Mails ins Studio ertragen und bestenfalls den Dialog suchen, wenn es sich lohnt. Aber wir müssen nicht auf jeden Unsinn reagieren oder ihm gar eine Bühne bieten. (…) Aber wenn Kolleg*innen bedroht und eingeschüchtert werden, wenn Kolleg*innen online belästigt und beschimpft werden, Vertreter*innen bestimmter Parteien, Organisationen oder Demonstrationen nur zu ihren Bedingungen mit uns sprechen wollen – vielleicht auch, weil sie nicht verstanden haben, wie Medien arbeiten – dann müssen wir sagen: Stopp! Dann berichten wir eben anders, oder eben gar nicht.“

Abgesehen vom arroganten Pluralis Majestatis: Sie finden also, für 18,36 Euro im Monat hat jeder Bürger dieses Landes ein Recht auf Herrn Pfalzgrafs gönnerhafte kleine politische Meinung. Das ist Orwell hoch zwei und wird hoch drei, wenn Sie die Opposition direkt angehen. Zitat: „Die AfD wird uns in der nächsten Zeit zunehmend Probleme machen. Diese Partei will Teile der Medienlandschaft umbauen, aus ihrer Verachtung etwa für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk macht sie keinen Hehl. (…) Aber wenn Interviews nur noch zu genehmen Themen gegeben werden, Zitate entweder vollständig oder gar nicht gedruckt werden sollen, und manchmal sogar Versuche unternommen werden, in das Umfeld der Berichterstattung einzugreifen, dann ist auch hier eine Grenze erreicht. Zumal rechte Parteien und Organisationen längst die Deutungshoheit in sozialen Medien übernehmen wollen und viele Kanäle teils mit redaktionell aussehenden Inhalten fluten.“

Sie bekennen hier ganz klar einen politischen Auftrag zum Kampagnenjournalismus – den Kampf gegen die demokratische Opposition. Gegner soll die AfD sein, Zitate und Themen nur nach Herrn Pfalzgrafs Geschmack. An der Position des Gesprächspartners – kein Bedarf. Billiger, rückhaltloser und entlarvender hat sich noch keiner als Pressesprecher einem grünen Ministerpräsidenten andienen wollen. „Sagen was ist – nicht was sein könnte“ lautet ein eherner journalistischer Grundsatz, den ich meinen Volontären und Studenten in der ersten Woche vermittelte. Was dagegen vermitteln Sie?

Der Autor als Moderator auf der „Mediennacht Mittweida“ 2006. Quelle: privat.

Offenkundig stimmt Odo Marquards Befund vom „Prinzessin-auf-der-Erbse-Syndrom“: Je sicherer man lebt, desto ängstlicher reagiert man auf Restrisiken. Und wer vermeintlich keine Feinde mehr hat, sucht sich welche. Mit Angst lässt sich alles Mögliche verkaufen: teurer Strom, vegane Kost, E-Mobilität, unbegrenzte Zuwanderung… und „Weimarer Zustände“. Der Schweizer Psychiater Eugen Bleuler hat das „Phobophobie“ genannt. Von journalistischer Objektivität, journalistischem Ethos, der Trennung von Nachricht und Meinung bleibt nicht einmal ein Anspruch. Genau so wurde es in zwei deutschen Diktaturen gemacht.

Denn genau dies erleben wir spätestens seit Corona in Reinkultur: alle AfD-Initiativen, zumal zur Sanierung des Landes oder zur Rationalisierung der medizinischen Debatte, werden kurz oder gar nicht berichtet, während selbst Null-Meldungen der Herren Stoch oder Rülke genüsslich ausgebreitet werden: So widmen Sie und Ihre Redaktion der Meinung „FDP-Fraktionschef hält Alltagsmasken für untauglich“, die nicht von ungefähr auch die AfD vertritt, geradezu unverschämt viel Platz (https://www.swr.de/swraktuell/baden-wuerttemberg/debatte-um-alltagsmasken-100.html). Dass derselbe Herr Rülke zur Maskenpflicht im Landtag feige kniff, verschwiegen Sie danach aber ebenso wie die wissenschaftlichen Argumente der Mediziner Baum, Fiechtner und Gedeon dagegen. Symbolpolitik aka Gratismut ist nur solange gut, wie einen die Symbole nicht selbst betreffen?

Zwang zur Einheitlichkeit

Mit einer Abbildung verschiedener politischer Positionen innerhalb einer pluralistischen Demokratie hat das nichts mehr zu tun. Vielmehr trägt diese Einseitigkeit wesentlich dazu bei, dass bestimmte Meinungen aus dem öffentlichen Diskurs verbannt werden und Menschen in privaten Gesprächen kaum noch in der Lage sind, widerstreitende Positionen zu ertragen, weil diese auch in der medialen Landschaft kaum noch vorkommen. Ein Beitrag zur Demokratiebildung wird so nicht mehr geleistet. Stattdessen werden durch den Zwang zur Einheitlichkeit Spaltung und Intoleranz innerhalb der Gesellschaft vorangetrieben. Denn die Meinungen sind nicht weg, nur weil sie, bspw. von Ihnen, nicht mehr medial abgebildet werden.

Der Autor als Sachsens AfD-Sprecher 2013. Quelle: privat

Am Ende setzen Sie Ihrer Selbstinszenierung als Märtyrer der Pressefreiheit noch die Krone auf: Sie seien tagtäglich mit den Anfeindungen von sogenannten Querdenkern, Reichsbürgern oder (Zitat!) „den Hetzern gegen die Presse von der AfD konfrontiert.“ Ich weiß nun nicht, auf welche Erlebnisse mit mir oder meinen Kollegen von der Pressestelle diese Äußerung gründet. Aber Stichwort Realitätsumkehrung: ich verweise gern auf die Anfragen von MdL bundesweit, in Stuttgart namentlich von Dr. Podeswa, aus deren Antworten hervorgeht, dass es Politiker und Einrichtungen der AfD sind, die mit nicht nur verbaler Gewalt konfrontiert sind – erst gestern wieder traf es mit Dr. Kaufmann unseren Stuttgarter OB-Bewerber. Nur nebenbei erwähne ich die Tatsache, dass unter dem Rubrum der „Pressefreiheit“ eine ähnliche Anti-AfD-Kampagne auch im DJV-Bundesblatt journalist losgetreten wurde – die Angst vor dem baden-württembergischen Superwahljahr und der Aufbau entsprechend identischer Propagandamuster sind überdeutlich.

Sie haben – und jetzt zitiere ich die Vorwürfe aus meinem Brief an Kai Gniffke, sie treffen nämlich eins zu eins auch auf Sie zu – nach dem Prinzip der instrumentellen Aktualisierung „genau jene Sachverhalte gehypt, die Ihrem politischen, oder besser politisch korrekten, Verständnis entsprechen, und die anderen, mehrheitlich dem Land und seiner Bevölkerung nutzenden durch Verschweigen abgewertet. Das ist nicht nur hochgradig unseriös, sondern manipulativ, desinformativ und letztlich destruktiv“. Mit derselben Berechtigung könnte ich der SPD unterstellen, sie sei – Stichwort Edathy – eine Partei von Pädophilen, oder – Stichwort Giffey – eine Partei von Doktorschwindlern, oder – Stichwort Schmidt – eine Partei von Dienstwagenbetrügern oder – Stichwort Hinz – eine Partei von Lebenslauferfindern; kurz ein Haufen pseudopolitischer Krimineller. Die Empörung wäre grenzenlos.

Je konträrer das Darzustellende zur Realität ist, umso stärker werden gefühlige, emotionalisierende und irrationale Beschreibungen herangezogen, ja missbraucht: „…die AfD findet auf sachpolitischer Ebene nicht statt, sondern nur auf moralischer Metaebene. Das kündet von der Heraufkunft der Schmitt‘schen Freund-Feind-Unterscheidung im Journalismus und kann nicht Aufgabe eines bürgerfinanzierten Journalisten sein“, hatte ich geschrieben. Es braucht sehr viel guten Willen, um hinter Ihren Aussagen keine Lust am Ausgrenzen, Ächten und Bestrafen von politischen Gegnern zu erkennen. Wer dagegen auf der richtigen Seite steht, soll sich in der Welt des sozial gerechten Medienrichtertums auch mehr herausnehmen dürfen, wie die taz jüngst im Shitstorm gegen Hengameh Yaghoobifarah unvorsichtigerweise eingestand.

So hätten „Identität, Repräsentation und Antidiskriminierung“ inzwischen einen ganz anderen Stellenwert, weshalb die Frage diskutiert würde, „ob das einen anderen Journalismus definieren darf oder muss“. taz-Chefin Barbara Junge entblödete sich nicht zu argumentieren, „ob die Klimakrise so existenziell ist, dass sie journalistische Regeln verändert“. Das ist kein Witz. Nach der Klima- wird dann eine Demokratiekrise konstatiert, um weiter munter die Regeln zu ändern?

Sicher ist inzwischen, dass die Rücksichtnahme auf Prinzipien wie die Unschuldsvermutung, die Wahrung der Verhältnismäßigkeit oder die Gleichheit vor Gericht auch in Politik und Justiz schwindet. Ein Kollege schrieb jüngst von „Hashtag-Aktivisten“, die sich in einem Krieg gegen das „absolut Böse“ wähnen und es daher geradezu für eine Pflicht halten, „demokratische Prinzipien wie Toleranz, Meinungsfreiheit, Vernunft oder die Unschuldsvermutung zu tilgen.“

In Berlin zum Beispiel gilt nach dem Willen der rot-rot-grünen Mehrheit die Unschuldsvermutung nicht mehr, zumindest für Polizisten, die künftig im Fall von Rassismusvorwürfen ihre Unschuld beweisen müssen. Ist das auch Ihr Ideal der Politikberichterstattung? Ihr Dresdner SZ-Kollege Sven Heitkamp kommentierte erst gestern, dass die Richter am OVG Bautzen mit ihrer Entscheidung über die „Querdenken“-Demo in Leipzig völlig daneben lägen und der Demokratie einen „Bärendienst“ erwiesen. Definieren jetzt Journalisten nicht nur soziale, sondern auch juristische Standards?

Helmut Mauró schrieb in seinem zu Unrecht inkriminierten SüZ-Text über Igor Levit von einem „diffusen Weltgericht“, „dessen Prozesse und Urteile in Teilen auf Glaube und Vermutung, aber auch auf Opferanspruchsideologie und auch regelrechten emotionalen Exzessen beruhen. Es scheint ein opfermoralisch begründbares Recht auf Hass und Verleumdung zu geben…“ Damit hat er unbedingt Recht. Gerade in bestimmten linksliberalen Medien gilt das sehr beliebte Wort „Haltung“ nur so lange, als es gegen „rechte Rabauken“ und „Hasstrolle“ geht. Damit macht man sich erpressbar und nährt eine Kultur der Feigheit, der Illoyalität, der Anbiederung und des Konformismus. So hatte Zeit-Chef Giovanni di Lorenzo versucht, das deutsche Handball-Nationalteam als im rechten Milieu verankert darzustellen, weil keine Migranten mitspielen. Das nimmt absurde Züge an.

Sehr geehrter Herr Pfalzgraf,

als ich am 28. April 2013 gemeinsam mit Frauke Petry die AfD Sachsen gründete und ihr Landesvize wurde, gab es außer einem Neun-Punkte-Manifest mit dem Euro als Primärthema nur acht Sekundärthemen. Als Hochschulpädagoge war der Zustand unserer Bildung – das letzte Sekundärthema – mein primärer Eintrittsgrund. Angefangen von der fehlenden frühkindlichen Bildung über die katastrophale Inflation guter Noten und Abiture, das ein Halbwissen befördernde Bologna-System, die Verideologisierung der Wissenschaft, die zugleich mit ihrer Vergenderung einhergeht, dazu das Entstehen eines akademischen Prekariats mit armselig entlohnten Zeitverträgen, der fehlende akademische Anstand, der Plagiaten Tür und Tor öffnet, die Aushöhlung universitärer Standards, die zu Juniorprofessuren und kumulativen Habilitationen führte, ein Publikationszirkus, der nur noch quantitativen Maßstäben folgt – wir mutierten damals wie heute vom Land der Dichter und Denker zum Land der Gesinnungsrichter und Niveauhenker.

Der Autor als ZDF-Parteitagsbetreuer 2017. Quelle: privat.

Aus diesen neun Punkten entstanden Europa-, Bundes- und 16 Landtagswahlprogramme, in denen nichts zur Einschränkung der Pressefreiheit oder zur ungehinderten Ausübung des Journalistenberufs steht. Das weiß ich sehr sicher, ich kenne sie alle und habe die sächsischen selbst und an den bundesweiten als Bildungs-, Medien- und Kulturpolitiker mitgeschrieben. Nichtsdestotrotz fühlte sich der DJV-Verbandstag bereits vor 2 Jahren zu einer „Dresdner Erklärung“ veranlasst, laut der es nicht vereinbar sei, gleichzeitig Mitglied des DJV sowie einer politischen Partei zu sein, welche die Pressefreiheit und die ungehinderte Ausübung des Journalistenberufs einschränken will.

Mein Entsetzen darob wurde durch die Relativierung des DJV-Sprechers Hendrik Zörner im MDR nicht geringer: „Die Erklärung richtet sich nicht nur gegen die AfD – aber auch“; sie richte sich gegen alle extremistischen Parteien. Prompt schrieb ich einen ersten Offenen Brief und forderte „Dann schließt mich doch aus“ (http://www.dr-thomas-hartung.de/?p=3657); alle Argumente darin sind heute immer noch aktuell. Ein zweites Mal erhebe ich diese Forderung, trotz Ihrer hanebüchenen „Karlsruher Erklärung“, allerdings nicht. Im Gegenteil: Ich werde alles dafür tun, den Einfluss moralistischer Funktionäre mit Volkserzieher-Allüren zurückzudrängen.

Ich habe als „Homo sapiens ostrozonalis“ (Klaus-Rüdiger Mai in der NZZ, auf den ich mich im Folgenden gern und oft beziehe) genügend Erfahrung damit gesammelt, wenn Medien nicht mehr kritisch berichten, sondern propagieren, motivieren und erziehen wollen. Aus der Art der Darstellung vermögen wir herauszulesen, was die schon länger hier Regierenden möchten, hoffen oder befürchten: Als das DDR-Fernsehen 1989 ausführlich über die Niederschlagung der Proteste am Platz des Himmlischen Friedens in Peking berichtete, die Filmbilder wie in einer Endlosschleife gesendet wurden, erkannte jeder DDR, dass das eine Warnung an das eigene Volk und die Opposition darstellte. 

Das Eigene zu erkennen, bleibt Aufgabe, solange man lebt. Das Eigene zu verachten, so wird niemand groß. Wir waren klein und werden seit 30 Jahren weiter in unserem Wachstum behindert. Für uns war die Wiedervereinigung eine Heimkehr nach Deutschland und die Rückkunft zum Herr sein über sich selbst. Diese Rückkunft wird uns gerade genommen – unter anderem von Ihnen. Wir bestehen auf der Existenz Deutschlands unabhängig von einer EU, wir empfinden uns als Deutscher wie der Franzose als Franzose, der Italiener als Italiener und der Portugiese als Portugiese: „Deutschland einig Vaterland“, hieß es in der Nationalhymne der DDR, wissen Sie das eigentlich!

Heute vor 31 Jahren fiel die Mauer. Heimat ist etwas, das man immer dann spürt, wenn es verloren zu gehen droht. Der Herbst 2015 und die Öffnung der Grenzen schuf diese Situation. Die Propagierung der Willkommenskultur, die einherging mit der Ausgrenzung und Diffamierung von deren Kritikern, und der Konformitätsdruck, der in den Medien erzeugt wurde und wird, erinnerten viele von uns an das Staatswesen, das wir überwunden meinten. Uns zeigte sich wieder das hässliche Gesicht des Klassenkampfes. Wie aus der DDR bestens bekannt, bezieht das linksliberale Neobiedermeier seine Rechtfertigung aus der vermeintlich guten Sache, aus einer höheren Moral, aus Weltoffenheit, aus Fortschrittlichkeit. Der Kritiker, der Andersdenkende war plötzlich der Klassenfeind – im eigenen Land!

Dass eine realistische Problemanalyse mit einem apodiktischen „Wir schaffen das“ obsolet gemacht wurde, dass eine Regierung angesichts der tiefgreifenden, von vielen als verfassungswidrig eingestuften Veränderung keine Antworten anbietet, kann nur zu Radikalisierung führen: Die Bürger spüren, dass sie das, was für sie Herkunft, Heimat, Identität ist, verlieren. Sie erkennen, dass Prozesse in Gang gesetzt werden, bei denen sie keiner gefragt hat, ob sie das wollen – „wir wollen das gar nicht schaffen“, dekretierte Alexander Gauland sehr richtig. Die Erinnerung an die DDR kehrt mit Macht zurück: Wir stellen mit Erschrecken fest, dass das neue Deutschland der alten DDR immer ähnlicher wird, wenn die Eliten auf obrigkeitsstaatliche Mittel und Strukturen setzen, weil sie ihrer selbstgeschaffenen Probleme nicht mehr Herr werden, weil sie die Bevölkerung in Geiselhaft für ihre eigene Unfähigkeit nehmen wollen.

„Ein Hauch von Weimar“… Quelle: Twitter/Facebook

Der Klassenfeind, der Rechte, der Populist ist vor allem die Gestalt des eigenen Versagens, von dem man prima ablenken kann. Die Erfahrung der Diktatur, der fehlenden Meinungsfreiheit, der fehlenden Demokratie, der Allgewalt der Propaganda, der Verteufelung und Diskriminierung des politisch Andersdenkenden wird in einer Situation aktiviert, in der die Gegenwart Züge der Vergangenheit annimmt. Diese Vergangenheit, Herr Pfalzgraf, habe ich Ihnen uneinholbar voraus.  Sie leben in einer ideologisch verzerrten Parallelwelt, die sei Ihnen unbenommen. Aber unterstehen Sie sich, Ihre Mitmenschen zu zwingen, auch in dieser Parallelwelt zu leben!

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Thomas Hartung

Pressesprecher

Zum Autor: Dr. Thomas Hartung (* 1962 in Erfurt) promovierte nach seinem Lehramtsstudium in Magdeburg 1992 zur deutschen Gegenwartsliteratur. Danach arbeitete er frei-, später hauptberuflich als Radio- und Fernseh-Journalist in Sachsen-Anhalt und Sachsen (MDR Kultur, Radio SAW, Antenne Sachsen, Sachsen Fernsehen); später als Mediendozent an vielen Hochschulen Deutschlands.

Der bekennende „Erzliberalkonservative“ trat als Student in die DDR-LDPD ein und 1990 aus der BRD-FDP aus: von „misslungener Einheit“ nicht nur mit Blick auf die Parteienfusion spricht er bis heute. Hartung war Mitbegründer der AfD Sachsen, wurde zweimal zum Landesvize gewählt und war Landessprecher der „Alternativen Mitte Sachsen“. Seit März 2020 ist er Pressesprecher der AfD-Fraktion Baden-Württemberg, hat zwei Essaybände vorgelegt, schreibt regelmäßig für zuerst und hat auf dem Tumult-Blog seine eigene Kolumne „Negerkuss und Nazistuss“.

Der 4. November, sein Todestag, ist in Israel inzwischen nationaler Erinnerungstag. Bei seiner Beerdigung waren neben 60 Regierungs- und Staatschefs auch Vertreter von sieben arabischen Staaten anwesend. 2005 wurde in Tel Aviv das nach ihm benannte Zentrum eingeweiht, das als Veranstaltungsort für Ausstellungen und Konferenzen sowie als Forschungs- und Dokumentationszentrum zur Geschichte des Staates Israel dient. Im selben Jahre meinte ein Viertel der Befragten in Israel, er sei einem Komplott zum Opfer gefallen, was sich auch in einer Reihe verschwörungstheoretischer Internetseiten widerspiegelt: Itzhak Rabin. Der israelische Politiker wurde vor 25 Jahren von einem religiös-fanatischen israelischen Jurastudenten erschossen. Nach seinem Tod gerieten die Verhandlungen und der gesamte Friedensprozess im Nahen Osten ins Stocken: „Das Trauma der Ermordung war tiefgehend, intensiv und anhaltend“, bilanzierte der Historiker Yaacov Lozowick auf dem Online-Portal audiatur.

Geboren am 1. März 1922 als erstes von zwei Kindern russisch-amerikanischer Exiljuden in Jerusalem, besuchte er nach zwei Schulen in Tel Aviv ab 1937 die Kadoori Landwirtschaftsschule. Er beendete sie nach anfänglichen Schwierigkeiten 1940 als bester Schüler seiner Klasse mit dem Abitur. Zwischendurch engagierte er sich in der Hagana, einer paramilitärischen Untergrundmiliz während des britischen Mandats. 1941 wurde er in einem Kibbuz für den neu gegründeten Palmach rekrutiert, eine Eliteeinheit der Hagana, die nach 1948 in die israelischen Streitkräfte überging. Als Angehöriger der britischen Armee nahm er am Syrisch-Libanesischen Feldzug teil und wurde 1945 Vize einer Palmach-Einheit. Daraufhin wurde er im Juli 1946 von den britischen Truppen verhaftet und zu sechs Monaten Haft verurteilt – und nach seiner Freilassung 1947 zum Stabschef des Palmach befördert.

1948 heiratete er die gebürtige Königsbergerin Leah und hatte mit ihr zwei Kinder. Während des israelischen Unabhängigkeitskriegs befehligte er bei den Kämpfen um Jerusalem eine Brigade und handelte 1949 das Waffenstillstandsabkommen mit Ägypten mit aus. Nach dem Krieg wurde seine Einheit aufgelöst und er als einer der wenigen Offiziere in die Armee Israels übernommen. Nach einem Kurs für Bataillonskommandeure folgte seine Beförderung in den Generalstab, wo er als Chef der Operationsabteilung der Armee Israels wirkte. 1952 ging er mit seiner Familie nach England, um dort das Staff College der British Army in Camberley zu besuchen.

Itzhak Rabin. Quelle: https://www.britannica.com/biography/Yitzhak-Rabin

1953 zurückgekehrt, übernahm Rabin, inzwischen Generalmajor, bis 1956 die Leitung der Ausbildung der israelischen Armee und, nachdem er eine Generalstabsakademie aufgebaut hatte, den Oberbefehl über die Truppen an der syrischen Grenze Israels. Nach einem Intermezzo als stellvertretenden Generalstabschef wurde er am 1. Januar 1964 zum Generalstabschef ernannt. Unter seinem Kommando errang die israelische Armee einen umfassenden Sieg über Ägypten, Syrien und Jordanien im Sechstagekrieg. Nach dem Krieg hielt er eine berühmt gewordene Rede, nachdem er von der Universität mit der Ehrendoktorwürde der Philosophie geehrt worden war. Er nahm den Preis im Namen der ganzen Armee an, die sich, wie er sagte, nicht nur in ihrer spirituellen Größe, dem Trauern um die Opfer des Feindes, von allen anderen Armeen in der Welt unterscheide. Sie habe auch auf anderen Gebieten einen Sonderstatus in der Welt.

„ihre Hände und Beine brechen“

1967 gab Rabin seinen Posten als Generalstabschef ab und wurde 1968 als Botschafter in den Vereinigten Staaten entsandt. Obwohl er als sehr unerfahren galt und weder gutes Englisch sprach noch ein guter Gesellschafter war, wird seine Arbeit in den USA als erfolgreich bewertet. Rabin sah schon damals voraus, dass Frankreich Israel in Zukunft nicht mehr unterstützen würde, weshalb andere Bündnispartner gefunden werden müssten. 1973 wurde er als Mitglied der Arbeitspartei in die Knesset gewählt und diente als Arbeitsminister unter Golda Meïr. Am 3. Juni 1974 löste er sie an der Spitze der Regierung ab, nachdem er sich in einer parteiinternen Urwahl gegen Schimon Peres durchgesetzt hatte. Zwischen beiden entwickelte sich eine jahrelange Konkurrenzsituation. Ein Jahr später unterzeichnete Rabin ein Interimsabkommen mit Ägypten. In seine Amtszeit fiel auch die Befreiung der Geiseln eines von Palästinensern entführten Air-France-Flugzeuges in Entebbe in Uganda.

1974 musste er sein Amt aufgeben. Unter anderem wurde kurz vor der Parlamentswahl ein illegales Dollarvermögen seiner Frau aufgedeckt, wofür er die politische Verantwortung übernahm und vom Parteivorsitz zurücktrat. Die Knesset-Wahl 1977 bescherte seinem Parteienbündnis herbe Verluste und dem Likud-Politiker Menachem Begin den Sieg. Damit endete die jahrzehntelange Dominanz der Arbeitspartei, wofür Rabin verantwortlich gemacht wurde. Später bekannte er, während seiner ersten Amtszeit zu unerfahren in innenpolitischen Fragen gewesen zu sein. Zudem galt er, der nie studierte und ganz ohne intellektuelle Ambitionen oder formelle Ausbildung agierte, als scheu und zuweilen introvertiert. Hinzu kamen generelle Schwächen Rabins im öffentlichen Auftreten: Oft auch mit seiner eigenen Partei ungeduldig, zeigte er sich taktlos und unhöflich, weshalb ihn manche als schlechten Politiker betrachteten.

Rabin als Offizier im israelischen Norden. Quelle: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/e/e6/Rabin_Northern_Command1957.jpg

1984 berief ihn Schimon Peres als Verteidigungsminister in seine Einheitsregierung. Es war die Zeit der Ersten Intifada („Krieg der Steine“), eine gewalttätige Auseinandersetzung zwischen Palästinensern und der israelischen Armee, die erst nach dem Oslo-Abkommen von 1993 zu Ende ging. Um sie zu beenden, setzte Rabin umstrittene bis brutale Methoden ein und wurde 1988 mit dem Ausspruch zitiert: „Wir sollten ihre Hände und Beine brechen“ (bezogen auf die palästinensischen Steinewerfer), was ihm in der arabischen Welt den Titel „Knochenbrecher“ einbrachte. Zugleich war er zuständig für den Rückzug der israelischen Armee aus dem südlichen Libanon. Dennoch galt er als unumstrittene Autorität Israels in verteidigungspolitischen Fragen und setzte im Mai 1989 im Kabinett seinen Plan zu einer Zusammenarbeit mit den Palästinensern durch.

Der Frieden hat keine Grenzen“

Ab 1990 wurde Rabin zu einem der wichtigsten Fürsprecher des Friedensprozesses zwischen Israel, Palästinensern und arabischen Nachbarn. Er wurde wieder Vorsitzender der israelischen Arbeitspartei, siegte bei den Wahlen und bekleidete 1992 erneut das Ministerpräsidentenamt. Seinen Vorgänger Schimon Peres machte er zum Außenminister, er selbst behielt das Verteidigungsministerium. Nach den Friedensgesprächen in Madrid 1991, noch ohne PLO, kündigte Rabin 1992 Syrien einen Abzug der Truppen aus den Golanhöhen an. Zeitgleich kam es vermehrt zu palästinensischen Terrorakten. Rabin zeigte Härte und ließ über 400 Hamas-Anhänger als Rache für die Ermordung eines zuvor entführten Grenzpolizisten völkerrechtswidrig in den Südlibanon deportieren.

Im Sommer 1993 kam es dann zu ersten direkten Gesprächen zwischen Vertretern der PLO und der israelischen Regierung mit dem Oslo-Abkommen als Endpunkt. Es sah einen Abzug der israelischen Armee aus dem Westjordanland und dem Gazastreifen sowie eine palästinensische Selbstverwaltung in diesen Gebieten bei gleichzeitigem Gewaltverzicht der Palästinenser vor. Nach einer Übergangszeit sollte ein dauerhafter Status der Gebiete ausgehandelt werden. Am 4. Mai 1994 erfolgte eine weitere vertragliche Regelung in Washington, bei der die PLO erstmals eine anerkannte begrenzte Autonomie für den Gazastreifen und das Gebiet um Jericho bekam. Für seine Beteiligung an diesem Prozess erhielt Rabin im selben Jahr, zusammen mit Jassir Arafat und Schimon Peres, den Friedensnobelpreis.

Rabin, Clinton und Arafat im Zuge des Oslo-Friedensprozesses am 13. September 1993 vor dem Weißen Haus. Quelle: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/f/f2/Bill_Clinton%2C_Yitzhak_Rabin%2C_Yasser_Arafat_at_the_White_House_1993-09-13.jpg

In der Folge wurden israelische Truppen aus den Autonomiegebieten abgezogen, die PLO durfte eine Polizeitruppe von 9000 Mann bilden, um ihrer Aufgaben der Verwaltung und Kontrolle gerecht zu werden, außerdem wurden etwa 8500 palästinensische Gefangene freigelassen. Am 28. September 1995 trafen Rabin, Arafat, König Hussein, Präsident Mubarak und Bill Clinton erneut zusammen, um das zweite Osloer Abkommen zu unterzeichnen, mit dem die palästinensische Autonomie auf den größeren Bevölkerungsteil der Araber im Westjordanland ausgedehnt wurde. In seiner Rede sagte Rabin: „Was Sie hier vor sich sehen, war noch vor zwei oder drei Jahren unmöglich, ja phantastisch. Nur Dichter haben davon geträumt, und zu unserem großen Schmerz sind Soldaten und Zivilisten in den Tod gegangen, um diesen Augenblick möglich zu machen. Hier stehen wir vor Ihnen, Männer, die vom Schicksal und der Geschichte auf eine Friedensmission geschickt wurden: einhundert Jahre Blutvergießen für alle Zeiten zu beenden. Unser Traum ist auch Ihr Traum. Wir alle lieben dieselben Kinder, weinen dieselben Tränen, hassen dieselbe Feindschaft und beten um Versöhnung. Der Frieden hat keine Grenzen.“

Doch innenpolitisch war Rabin zunehmend angeschlagen: Er stand nur noch einer Minderheitsregierung vor, die in der Knesset von den Stimmen der Kommunisten und der nationalistischen Araber abhängig war. Die Durchführung der Politik der „Tauben“ um Schimon Peres führte zu einer Radikalisierung in Israel, die Nichtintegration von Mitte-rechts-Positionen vor allem der Siedler wird oft als sein schwerster Fehler betrachtet. Leah Rabin berichtet in ihrer Autobiographie über zahlreiche Anfeindungen: „‚Nach den nächsten Wahlen wirst du mit deinem Mann auf dem Marktplatz hängen. Mit den Füßen nach oben. Wie Mussolini und seine Mätresse‘, brüllte jemand aus der Menge. … Einige der Demonstranten vor unserem Mietshaus verglichen uns sogar mit Nicolae und Elena Ceaușescu, dem vielleicht meist geschmähten Despotenpaar der Neuzeit … Schon Monate zuvor waren in der Öffentlichkeit die ersten Poster aufgetaucht, die Jitzchak als Verräter und Mörder brandmarkten.“ Flugblätter kursierten, die den Ministerpräsidenten in SS-Uniform zeigen – im Staat der Holocaust-Überlebenden war das die ultimative Schmähung.

„ein Verräter an Israel“

Am 4. November 1995 hatten sich auf dem Platz der Könige in Tel Aviv rund 150.000 Menschen eingefunden, um für Frieden im Nahen Osten einzutreten und Zugeständnisse an die Palästinenser zu fordern. Rabin hatte befürchtet, es könnten zu wenig Menschen kommen – dann wäre die erhoffte Stärkung der Friedensfraktion in Israels zerrissener Gesellschaft eine Schwächung geworden. Doch der ehemalige Generalstabschef und Kriegsheld irrte sich: Die Menschen strömten in ungeahnter Zahl zu der Kundgebung. Gerüchte über geplante Terroranschläge palästinensischer Extremisten konnten sie ebenso wenig abhalten wie die hasserfüllten Botschaften oppositioneller Gruppen vor allem in Gestalt des konservativen Likudblocks um Benjamin Netanjahu. Von einem „überwältigenden Sieg des Realismus“ schrieb Sven Felix Kellerhoff in der Welt.

Mörder Yigal Amir vor Gericht. Quelle: https://www.spiegel.de/geschichte/jizchak-rabin-moerder-jigal-amir-schuesse-gegen-den-frieden-a-1060942.html#fotostrecke-efb3ace2-0001-0002-0000-000000131553

Nach der Kundgebung – Rabin wollte gerade seinen Wagen besteigen – schaffte es der 25-Jährige Yigal Amir, ihm trotz mehrerer Leibwächter zweimal in den Rücken zu schießen. Eine dritte Kugel traf einen Leibwächter am Handgelenk, dann wurde der Schütze überwältigt. Obwohl die Ärzte alles unternahmen, 50 Minuten lang um sein Leben kämpften, starb Yitzhak Rabin gegen 23 Uhr: Zwei selbst gebastelte Dumdum-Geschosse hatten ihm beide Lungenflügel und die Milz zerfetzt. Der Mörder war erstaunlich kaltblütig und vor allem arrogant: „Tun Sie Ihre Arbeit. Ich habe meine getan.“ In allen Verhören blieb der Fanatisierte bei derselben Darstellung: Er allein habe das Attentat vorbereitet und ausgeführt. Rabin sei ein Verräter an Israel gewesen, weil er die Aussöhnung mit den Palästinensern gesucht habe und dafür auch laut Bibel zu „Eretz Israel“ gehörende Gebiete habe aufgeben wollen. Nach dem jüdischen Gesetz sei der Ministerpräsident ein „Verräter“ gewesen, der getötet werden dürfe, um schlimmeres Unheil von der Judenheit abzuwenden.

Amir wurde zu lebenslanger Haft verurteilt. Trotzdem durfte er telefonisch eine Freundin heiraten und sie seit 2006 einmal monatlich ohne Bewachung empfangen: 2007 gebar die aus Russland stammende Frau seinen Sohn. Dessen Beschneidung, im jüdischen Zyklus ein Freudenfest, fand auf den Tag genau zwölf Jahre nach dem Attentat statt. Die perfide Planung hatte bei der Zeugung neun Monaten zuvor begonnen: Da das Kind mit Kaiserschnitt auf die Welt kommen sollte, schrieb sich die studierte Philosophin exakt acht Tage vor dem Jahrestag im Operationssaal ein. Nach jüdischem Ritual wird der Junge am achten Tag nach der Geburt beschnitten.

Rabins Frau Leah beim Begräbnis. Quelle: https://www.spiegel.de/geschichte/jizchak-rabin-moerder-jigal-amir-schuesse-gegen-den-frieden-a-1060942.html#fotostrecke-efb3ace2-0001-0002-0000-000000131553

Die Wellen schlugen hoch – obwohl mehr als ein Drittel der religiösen Bürger Israels Amirs Begnadigung befürworten. Reue hat der Attentäter bis heute nicht gezeigt: Er fühlt sich nach wie vor im göttlichen Recht. Doch der Mord an Rabin zerstörte die größte Chance auf Frieden im Nahen Osten, den es wohl je gegeben hatte. Der Sieger im Sechstage-Krieg von 1967 hätte glaubwürdig wie kein anderer die Politik nach dem Prinzip „Land gegen Frieden“ durchsetzen können. Nach seinem gewaltsamen Tod übernahm zwar Peres die Regierungsgeschäfte, wurde aber bald von Netanjahu abgelöst. Seither ist kein Ende der Eskalation im Konflikt zwischen Palästinensern und Israelis absehbar.

„Sehen Sie sich doch bitte mal die Weltkarte an: Passt nicht die Ostküste Südamerikas genau an die Westküste Afrikas, als ob sie früher zusammengehangen hätten? Diesen Gedanken muss ich verfolgen!“, schreibt er 1911 an seine spätere Frau. Er ist sicher, dass die Ozeane und Kontinente dadurch entstanden sind, dass sich die Erdkruste eines Urkontinents verschoben hat. Einer gegen alle, hieß es dann am 6. Januar 1912 auf der Hauptversammlung der Geologischen Vereinigung im Frankfurter Senckenberg-Museum. An jenem Tag hielt der damals 31-jährige Meteorologe seinen Vortrag mit den Sätzen „Die Kontinente haben im Laufe der Erdgeschichte ihre Lage verändert… Denn ein Kontinent ist leichter als das, worauf er schwimmt.“ Damit brachte er die althergebrachten Vorstellungen ins Wanken. Doch erst nach dem Zweiten Weltkrieg wird die Theorie, angereichert durch neue Erkenntnisse, als Modell der Plattentektonik anerkannt. Ihr Urheber war der Polar- und Geowissenschaftler Alfred Lothar Wegener, der am 1. November 1880 in Berlin zur Welt kam.

Das jüngste von fünf Kindern einer märkischen Pastorenfamilie wächst im Direktorenhaus der alten Glashütte in Zechlinerhütte bei Rheinsberg auf und absolviert das Köllnische Gymnasium an der Berliner Wallstraße, das er als Klassenbester abschloss. Danach studierte er von 1899 bis 1904 Physik, Meteorologie und Astronomie in Berlin, Heidelberg und Innsbruck und arbeitete während des Studiums als Assistent an der Volkssternwarte Urania in Berlin. Seine Doktorarbeit schrieb er 1905 an der Berliner Universität zwar in Astronomie, wandte sich danach aber mehr der Meteorologie und Physik zu. Seiner Meinung nach gab es in der Astronomie nicht mehr viel zu erforschen, zudem störte ihn, dass ein Astronom stark an seinen Beobachtungsort gebunden ist. Seine erste Anstellung fand er im selben Jahr als Assistent am Aeronautischen Observatorium Lindenberg bei Beeskow, wo auch sein zwei Jahre älterer Bruder Kurt arbeitete.

Alfred Wegener. Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Alfred_Wegener#/media/Datei:Alfred_Wegener_ca.1924-30.jpg

Mit ihm stellte er 1906 bei einem Ballonaufstieg zu meteorologischen Beobachtungen 1906 mit 52,5 Stunden einen neuen Dauer-Rekord auf. Er wurde zu einem Pionier der sich damals entwickelnden Aerologie, der Physik der hohen Atmosphäre. Er erforschte die Eisphasen des Wasserdampfes in der Atmosphäre und schrieb über die Entstehung spezieller Wolkenarten. Als einer der Ersten befasste er sich mit Turbulenzen in der Erdatmosphäre und verfasste wissenschaftliche Arbeiten über Staubwirbel, Wind- und Wasserhosen. Für den beginnenden Flugverkehr von besonderer Bedeutung waren seine Höhenwindmessungen, für die er den Ballontheodolit entwickelte. Auch optische Phänomene in der Atmosphäre Polarlichter und Luftspiegelungen (Fata Morgana) erweckten seinen Forschergeist. Im selben Jahr nahm Alfred Wegener an der ersten von insgesamt vier Grönland-Expeditionen teil – eine Entscheidung, die er für einen der bedeutendsten Wendepunkte in seinem Leben hielt.

erste Bekanntschaft mit dem Tod im Eis

Der Auftrag der Expedition unter Leitung des Dänen Ludvig Mylius-Erichsen war es, das letzte unbekannte Stück der grönländischen Nordostküste zu erforschen. Wegener baute die erste meteorologische Station in Grönland bei Danmarkshavn, wo er Drachen und Fesselballons für meteorologische Messungen im arktischen Klima aufsteigen ließ. Unter 28 Teilnehmern war er der einzige Deutsche, nahm an Schlittenreisen teil und machte auch die erste Bekanntschaft mit dem Tod im Eis: Bei einer Erkundungsfahrt an die NO-Küste Grönlands mit Hundeschlitten kam der Expeditionsleiter zusammen mit zwei Gefährten ums Leben. Während dieser Reise beobachtet Wegener das Treibeis auf dem Meer, das zerbricht, auseinanderdriftet und gegeneinanderstößt und ihn später auf seine Theorie bringt.

Nach seiner Rückkehr wurde er Privatdozent für Meteorologie, praktische Astronomie und kosmische Physik an der Philips-Universität Marburg. 1909/10 arbeitete er an seinem Buch „Thermodynamik der Atmosphäre“, in dem er auch zahlreiche Ergebnisse der Grönland-Expedition verwertete – auf insgesamt 170 Veröffentlichungen wird er es bringen. Wegeners Studenten und Mitarbeiter in Marburg schätzten besonders sein Talent, auch komplizierte Fragen und aktuelle Forschungsergebnisse klar und verständlich zu vermitteln, ohne dabei auf Exaktheit zu verzichten. Diese Jahre gehören zu den wichtigsten Schaffensperioden Wegeners. 1911 verlobte er sich mit Else Köppen, die Tochter seines Mentors Wladimir Köppen, und schickte sich nach der öffentlichen Vorstellung seiner Theorie der Kontinentalverschiebung an, seine zweite Expedition vorzubereiten.

Die Mannschaft der Danmark-Expedition, Wegener in der hinteren Reihe der 2. von rechts. Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Alfred_Wegener#/media/Datei:Danmarksekspeditionen_1906_by_Knudstrup_01.jpg

Bis 1913 war er als wissenschaftlicher Leiter mit dem dänischen Hauptmann Johann Peter Koch und zwei weiteren Mitarbeitern unterwegs und führte unter anderem die ersten Eisbohrungen auf einem bewegten Gletscher in der Arktis durch. Kochs Idee war, statt Hundeschlitten 16 isländische Pferde mit zu nehmen. Die Durchquerung Grönlands, bei der die vier Expeditionsteilnehmer eine doppelt so lange Strecke zurücklegten wie einst Fridtjof Nansen bei seiner Durchquerung Südgrönlands 1888, hat allerdings keines der Tiere überlebt. Auch die Expeditionsteilnehmer verdanken ihre Ankunft am Ziel nur einem Zufall: Nur wenige Kilometer von der westgrönländischen Siedlung Kangersuatsiaq entfernt gingen der kleinen Gruppe in den unwegsamen Gletscherabbrüchen die Nahrungsmittel aus, selbst der geliebte Hund wurde verspeist. Im letzten Moment wurden sie aber an einem Fjord vom Pastor von Upernavik aufgelesen, der gerade eine entlegene Gemeinde besuchte. Wegeners Buch „Durch die weiße Wüste“ erscheint erst 1919, nach dem Ersten Weltkrieg.

Vorbereitung der Großen Expedition

Zurück in Marburg heiratete er seine Verlobte, die ihm drei Töchter zur Welt bringen und ihn um 62 Jahre überleben sollte. Zu Beginn des Ersten Weltkriegs wurde Wegener als Reserveoffizier sofort eingezogen, kämpfte an der Westfront in Belgien und wurde nach zweimaliger Verwundung für felddienstuntauglich befunden. Er wurde dem Heereswetterdienst zugeteilt und unterrichtete als Meteorologe u. a. Offiziere, die Luftschiffe führen sollten. Diese Tätigkeit erforderte ständiges Umherreisen zwischen den verschiedenen Wetterwarten in Deutschland, auf dem Balkan, an der Westfront und im Baltikum. In dieser Zeit arbeitete er auch an seinem Hauptwerk „Die Entstehung der Kontinente und Ozeane“, das 1915 erstmalig als Buch erschien. Darin legte er zur Begründung bspw. dar, dass bestimmte Regenwurm- und Schneckenarten sowohl in Westafrika als auch in Südamerika leben, denen es beim besten Willen nicht zuzutrauen sei, dass sie Tausende Kilometer über eine Landbrücke von einem Kontinent zum anderen gekrochen sind. Stattdessen müssten sich einfach die Landmassen bewegt haben.

Als am 3. April 1916 ein Meteorit in Kurhessen zur Erde fiel, bestimmte Wegener aus der Analyse zahlreicher Einzelbeobachtungen die Aufschlagstelle. Dort wurde der „Meteorit von Treysa“ im Frühjahr 1917 tatsächlich gefunden. Wegener beschäftigte sich mit der Form der Aufsturzkrater und machte Experimente dazu mit Zementpulver. 1921 schrieb er eine Monografie über „Die Entstehung der Mondkrater“ und meinte darin, dass die meisten Krater durch den Einsturz von Meteoriten entstanden sein müssen. Das fanden zu jener Zeit nur wenige Außenseiter, heute aber ist diese Ansicht allgemein akzeptiert.

Alfred Wegener (links) und Rasmus Villumsen vor der Abfahrt von Eismitte. Letztes Foto. Quelle: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/4/48/Wegener_Expedition-1930_026_%28retuschiert%29.jpg

Zu dieser Zeit war er mit seiner Familie bereits nach Hamburg gezogen, wo er anfangs als Leiter der Abteilung Meteorologische Forschung der Deutschen Seewarte arbeitete und dann zum außerordentlichen Professor an der neu gegründeten Universität berufen wurde. 1923 versuchte er in „Die Klimate der geologischen Vorzeit“, das er gemeinsam mit seinem Schwiegervater veröffentlichte, den neuen Wissenschaftszweig der Paläoklimatologie im Rahmen seiner Kontinentalverschiebungstheorie zu systematisieren. Im Jahr darauf erhielt Wegener den Ruf auf den ordentlichen Lehrstuhl für Meteorologie und Geophysik an der Karl-Franzens-Universität im österreichischen Graz und wandte sich zunächst der Physik und der Optik der Atmosphäre zu. Im Rahmen der Professur in Graz nahm er auch die österreichische Staatsbürgerschaft an.

Vier Jahre später unterbreitet er der deutschen „Notgemeinschaft der Wissenschaft“ – es ist die Zeit der Weltwirtschaftskrise – einen Plan für weitere Forschungen auf der größten Insel der Welt. Wegener möchte die Eisdicke mit verbesserten Methoden messen und zwei feste Stationen einrichten, auf denen ein Jahr lang meteorologische Beobachtungen aufgezeichnet werden sollen. Die Wissenschaftsgemeinschaft stimmt zu, Wegener fährt 1929 mit einer Vorexpedition an die grönländische Westküste, um die günstigste Stelle für den Aufstieg der im Folgejahr geplanten Hauptexpedition ins grönländische Inlandeis zu finden. Auf dieser Expedition sollte von drei festen Stationen aus die Mächtigkeit des Festlandeises und das ganzjährige Wetter gemessen werden.

Tod im Eis

Die Hauptexpedition startet mit 20 Teilnehmern am 1. April 1930 von Kopenhagen. 32 Grönländer, 143 Hunde und 20 Packpferde schleppen über Wochen, wenn nicht Monate, die tonnenschwere Ausrüstung vom Kamarujuk-Fjord aufs Inlandeis hinauf. Ein Teil der Truppe fährt 400 Kilometer ins Landesinnere und errichtet dort die Station „Eismitte“, die mit zwei Männern besetzt wird. Im September setzt starker Schneefall ein. Doch ein Transport mit Petroleum muss noch nach „Eismitte“, sonst kommen die beiden Männer dort nicht über den Winter. Wegener bricht mit seinem Gefährten Fritz Loewe und zwölf Grönländern am 22. September ins Herz des Eisschilds auf. „Schon die Reise hierher war sehr hart, und was uns bevorsteht, ist jedenfalls keine Vergnügungsfahrt“, schreibt er in einem Brief, den er bei Kilometer 62 den umkehrenden Eskimos mitgibt.

Wegeners Vorstellungen über den von ihm angenommenen Urkontinent Pangaea und das Auseinanderdriften der Kontinente. Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Alfred_Wegener#/media/Datei:De_Wegener_Kontinente_018.jpg

Zum Schluss sind sie nur noch zu dritt: die beiden Deutschen und der Grönländer Rasmus Willemsen. Es ist bis zu minus 54 Grad kalt, der Wind weht von vorn. Am 30. Oktober erreichen sie die Inlandstation. Loewe sind mehrere Zehen erfroren, er kann die Rückreise zur Küste nicht antreten. Wegener und Rasmus brechen am 1. November 1930 auf – sie kommen nie an. Die Männer im Basislager vermuten, dass sie alle in „Eismitte“ überwintern. Die Männer in „Eismitte“ denken, Wegener und Rasmus seien heil am Basislager angekommen. Alfred Wegener wird erst am 12. Mai 1931 entdeckt – einen Meter unter dem Schnee. Zwei Skier stecken neben ihm. Er hat keine Erfrierungen, vermutlich ist er am 16. November 1930 vor Erschöpfung an einem Herzschlag gestorben. Die Männer begraben ihn im ewigen Eis. Rasmus Willemsen hat seinen Weg zur Küste alleine fortgesetzt. Sein Leichnam wurde ebenso wie Wegeners Tagebuch nie gefunden.

Bereits 1934 erwähnte H. P. Lovecraft im siebenten Kapitel seiner Horror-Erzählung „Berge des Wahnsinns“ Wegeners damals noch allgemein abgelehnte Drifthypothese. 1935, zum 5. Todestag von Wegener, organisierte der Kameramann Walter Riml eine eigene Expedition nach Grönland, wiederholte die gesamte Wegener-Expedition von 1930 und nahm diese filmisch auf. In Zusammenschnitten von noch vorhandenem Negativmaterial der letzten Wegener-Grönlandfahrt entstand der Film „Das große Eis – Alfred Wegeners letzte Fahrt“. Erst seit den 1970er Jahren ist die Plattentektonik in Wissenschaftskreisen allgemein anerkannt, der schon von Wegener geforderte direkte Nachweis der Kontinentalverschiebung konnte mittlerweile durch satellitengeodätische Messungen erbracht werden.

AWI Bremerhaven. Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Alfred_Wegener#/media/Datei:Awi_brhv.JPG

Drei Schulen bundesweit und eine Straße in Hamburg wurden nach ihm benannt. Das 1980 gegründete Alfred-Wegener-Institut Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung in Bremerhaven forscht in seiner Tradition weiter, es unterhält unter anderem die Forschungsstation „Neumayer III“ in der Antarktis. Hier und in der Arktis sind acht geographische Areale nach ihm benannt, dazu ein Asteroid sowie ein Mond- und ein Marskrater. Die European Geosciences Union vergibt seit 1983 für herausragende Leistungen in Meteorologie, Ozeanographie oder Hydrologie die Alfred Wegener Medal.

Gemeint war Alice Schwarzer: Er kenne das Fräulein nicht, wisse aber, dass sie „nicht sehr hübsch“ aussehe, zitiert der Spiegel den Starfotografen, der 1994 auf ihren Geheiß tatsächlich bestreiten sollte, dass seine Bilder faschistoid seien. Er tat es nicht: „So, wie die Mädels dastehen, die ganze Auffassung – da könnte man sagen, faschistisch. Sie müssen sehen, den Begriff faschistisch verstehe ich ästhetisch“, antwortete er der EMMA-Herausgeberin und Vorzeigefeministin. So viel Selbstbezichtigung überraschte sogar die gescholtene Kontrahentin, die staunte: „Ich frage mich, ob er tatsächlich so naiv ist oder nur so tut. Mein Vorwurf bezieht sich ausschließlich auf seine Arbeit, seine Ästhetik. Dies ist eine Bilderanalyse. Ich erlaube mir kein Urteil über den Menschen“. Der Künstler heißt Helmut Newton, galt als einer der bedeutendsten Fotografen der Gegenwart, ja mit einem Tageshonorar von rund 5.000 Dollar als einst teuerster Fotograf der Welt.

Anlass der Kontroverse war eine Werkschau in Hamburg, deren Fotos laut Schwarzer nicht nur „sexistisch und rassistisch [sind] – sie sind auch faschistisch. Denn seine Bilder transportieren und propagieren die Ideologie vom Herrenmenschen und seinen Untermenschen. Bis zur letzten Konsequenz.“ Für diese Äußerungen, die keine wissenschaftliche Bildanalyse, sondern „eine kritisch-polemische Auseinandersetzung“ seien, illustriert mit neunzehn Newton-Photos, musste sich die Herausgeberin vor dem Münchner Landgericht verantworten.

Verklagt hat sie Newtons Verlag Schirmer/Mosel, weil die Redaktion vor Drucklegung weder die Genehmigung für den Abdruck der Fotos eingeholt noch das fällige Honorar von 38.000 Mark gezahlt hat. Schwarzer verlor, zum Glück, wie Silvia Bovenschen im Spiegel befand: „Wenn das, wofür der Name Newton steht, auf der verbotenen Seite der Korrektheitsgrenze landet, wenn es dem korrekten Blick nicht länger zugemutet werden dürfte, dann wird es offen um die Zumutung gehen, einen Teil der Bildbestände unserer Museen und Archive unter Verschluss zu bringen.“

Helmut Newton 1987 in Monte Carlo. Quelle: https://www.wienerzeitung.at/nachrichten/kultur/film/2068630-Zum-100.-Geburtstag-von-Helmut-Newton-Fuehrer-Frauen-und-freche-Fotos.html#images-1

Der Sohn einer wohlhabenden jüdischen Knopffabrikantenfamilie kam am 31. Oktober 1920 in Berlin als Helmut Neustädter zu Welt und besuchte bis 1936 das Gymnasium. Er brach es ab, nachdem er mehr dem Schwimmen und den Mädchen zugetan war – und dem Fotografieren: „Eines Tages im Jahr 1932, als ich zwölf Jahre alt war, ging ich in eine Art Tante-Emma-Laden in Berlin und kaufte mir von meinem Taschengeld eine Kamera. Es war eine Zeiss Box Tengor für 3,50 Mark, inklusive einer Filmrolle.“ Da half auch nichts mehr, dass seine Mutter die Kamera wegschloss und Nachhilfestunden ansetzte, als seine schulischen Leistungen zu wünschen übrig ließen.

Er begann noch 1936 eine Lehre als Fotograf bei der damals bekannten Berliner Fotografin Yva (Else Neuländer-Simon), die nach dem Berufsverbot 1938 ihr Atelier schließen musste und später von den Nationalsozialisten ermordet wurde. Zu der Zeit, kurz nach seinem 18. Geburtstag, am 5. Dezember 1938, flüchtete die Familie vor den Nazis – die Eltern und der Bruder gehen nach Südamerika, Helmut dagegen nach Singapur, wo er zwei Wochen lang als Bildreporter bei der The Straits Times arbeitete, bevor er wegen „Unfähigkeit“ entlassen wurde. Es folgen unstete Jahre, viele Reisen, die Suche nach der eigenen Bild-Sprache. Um zu überleben, knipst er für eine Handvoll Dollar alles, was ihm vor die Linse kommt: Hochzeiten, Kindstaufen, Passfotos, Baby-Leibchen, Strickwaren: „Jahrelang übt er sich im Klinkenputzen, wohnt in düsteren Löchern, trinkt billigen Rotwein, raucht wie ein Schlot – und leistet sich einen weißen Porsche mit roten Ledersitzen“, schreibt Carola Güldner im Stern.

Zwischen Liebe und Hass

Die Kriegsjahre ab 1940 verbrachte er in Australien, wo er auch als LKW-Fahrer bei der Armee und beim Eisenbahnbau malochte. 1945 eröffnete er ein Fotostudio in Melbourne und nahm die australische Staatsangehörigkeit an. 1948 heiratete er die Schauspielerin June Browne, die unter dem Schauspielerpseudonym June Brunell arbeitete, da es schon eine Aktrice gleichen Namens gab. Die gebürtige Australierin ist für ihn nicht nur Ehefrau, sondern auch Managerin. Anfangs verbietet ihr Helmut, eine eigene Fotografenkarriere unter dem Namen Newton zu beginnen, aus Furcht, sie ruiniere den Namen. Doch er täuscht sich in ihren Fähigkeiten, denn unter dem Pseudonym Alice Springs macht seine Frau seit den 1970er Jahren eine beachtliche Karriere als Fotografin. Er wird mit ihr bis zu seinem Tod zusammenleben, sie gilt als sein „Schatten“. Die Ehe bleibt kinderlos.

Newton mit Frau. Quelle: https://www.derbund.ch/kultur/kunst/helmut-newtons-schatten/story/19442256

Ab 1956 arbeitete Helmut Newton für die australische Ausgabe der Vogue, die sein Hauptarbeitgeber wurde. Nach und nach verpflichteten ihn auch andere Länderausgaben wie die italienische, amerikanische und die deutsche sowie weitere Modezeitschriften wie Elle oder Marie-Claire. Aber auch der Playboy versicherte sich seiner Dienste. Als Newton sich mit Anfang vierzig in Paris niederlässt, beginnt seine wirkliche Karriere als Modefotograf. Die französische Vogue druckt Bilder, auf denen er sich in bis dato unbekannter Manier einer sexuellen Detailversessenheit und nackten Obsessionen widmet. Wenn Newton Porträts macht, interessieren ihn nur drei Kategorien Mensch: „solche, die ich liebe, solche, die ich verehre, und solche, die ich hasse.“

Mit seinen Fotografien, die Inszenierungen sind und „Sex wollen, nicht Erotik“, scheidet Newton die Geister. Die einen sehen ihn als Revolutionär, die anderen verachten seine Arbeiten, weil sie sie frauenfeindlich finden. Obwohl Newtons Akte an der Oberfläche bleiben, provozieren sie in ihrer Kälte. Bei einigen möchte man empört einschreiten, bei anderen schockiert wegsehen. Zu seinen umstrittensten Werken zählen die Schwarz-Weiß-Aufnahmen aus seiner Reihe „Big Nudes“: Ab den 80er Jahren lichtete Newton seine Models nackt und auf Stöckelschuhen in Städten wie Nizza oder Paris ab.

Für die Serie „Domestic Nudes“ verband er seine künstlerischen Fantasien mit Alltäglichem. So zeigt die Ausstellung auch Frauen, die ihren Körper in der „häuslichen“ Waschküche oder im „heimischen“ Wohnzimmer für den Künstler zur Schau stellten. Mit seinen „Dummies“ – unnahbar wirkende Schönheiten, die sich mit Schaufensterpuppen vergnügen – ging der Künstler noch einen Schritt weiter; Newton selbst bezeichnet diese Aufnahmen als „pornografisch“. Den Vorwurf der „Kulturpornographie“ erhoben neben Schwarzer auch andere Kritiker. Ein Grund ist Newtons Verknüpfung von Nacktheit mit Stöckelschuhen, dem klassischen Fetisch-Accessoire. „Für Akt-Photos“, erklärte er als 73jähriger im Stern, „sind hohe Absätze … sehr wichtig. Eine Frau hat ganz andere Muskeln, wenn sie auf Absätzen steht. Das spannt sich am Hintern, an den Waden und am Schenkel.“

Ausstellungs-Schnappschuss. Quelle: https://static.euronews.com/articles/stories/04/81/19/28/1440x810_cmsv2_3ad04088-64bc-54db-bece-211f720d3f6b-4811928.jpg

Ein anderer ist die mindestens angedeutete Gewalt bei einigen Motiven, die manchen als grundlegendes Kriterium von Pornographie gilt. So sei seine dominierende Perspektive die von Objekt und Begierde und damit weiblichen Opfern: Ein – bekleidetes – Mädchen, etwa sechs Jahre alt, gefesselt auf dem Todesstuhl in einer amerikanischen Gaskammer. Bleiche Frauen, erstarrt oder wie leblos mit geschlossenen Augen auf Bänken ausgestreckt. In Ketten gefesselt, an stählernem Gestänge gekreuzigt oder am Strick als Sklavenware vorgeführt, mit Pickelhaube und Nietenzubehör. Auf dem Rücken liegend, mit Lederbändern fixiert, von einer Riesendogge überwältigt. Die Rückenansicht einer Nackten, die, vor einem Eisengitter stehend, eine Peitsche über ihre Schultern biegt. Hinter Maschendraht eine uniformierte Aufseherin mit entblößtem Geschlecht. Solche Motive sorgen bis heute für Diskussionen.

„große Ehre für das Land“

Sein erster Bildband erschien erst 1976: „White Women“ wurde kurz nach der Veröffentlichung mit dem Kodak-Fotobuchpreis ausgezeichnet. Seit 1981 lebte Newton mit seiner Frau in Monaco und verbrachte die Wintermonate in Los Angeles. Für „Girls of Berlin“ kehrte er in seine Geburtsstadt zurück und bannte kurz vor dem Mauerfall mehrere junge Frauen vor dem Reichstag auf Fotopapier. 1992 bekam er das Bundesverdienstkreuz. Im April 2000 erregte Newtons sogenannter SUMO-Bildband Aufsehen, als das Exemplar Nummer eins – handsigniert von über 100 der in dem Buch abgebildeten berühmten Persönlichkeiten – auf einer Charity-Auktion 620.000 DM erzielte und damit den Rekord für das teuerste Buch des 20. Jahrhunderts brach.

2003 schrieb Newton in der kanadischen National Post, in seiner Fototechnik habe sich seit seiner Jugend nicht viel verändert: „In der 30er Jahren habe ich im Sommer mit Tageslicht gearbeitet und im Winter die Porträtaufnahmen meiner Freundinnen mit einem 200-Watt-Blitz ausgeleuchtet. Heute bin ich aufgestiegen und fotografiere mit einem 500-Watt-Blitz.“ Im selben Jahr vermachte er sein Archiv seiner Heimatstadt Berlin. „Ich bin sehr stolz, dass meine Fotos in die Stadt zurückkehren, wo ich geboren bin“, sagte er damals. „Ich habe Deutschland seit 1938 nicht vermisst, aber Berlin schon.“ Es sei seine Frau June gewesen, „die mich schon lange in Richtung Berlin geschubst hat, obwohl die Arme kein Wort Deutsch spricht“. Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD), den Newton 1998 als Kanzlerkandidaten porträtiert hatte, dankte ihm für seine „Geste der Versöhnung, die eine große Ehre für das Land ist“.

Helmut Newton Stiftung im ehemaligen Landwehrkasino. Quelle: https://www.wikiwand.com/de/Helmut_Newton

Kulturstaatsministerin Christina Weiss (SPD) sprach von einem „großen Tag für die Fotografie in Deutschland“ und einem „Glücksfall für die Hauptstadt“. Damit werde auch der Grundstein für ein national bedeutendes Zentrum für Fotografie gelegt. Nach den Worten des Regierenden Bürgermeisters Klaus Wowereit (SPD) habe Berlin das Gebäude in der Charlottenburger Jebensstraße neben dem Bahnhof Zoo gerne dafür zur Verfügung gestellt. Der Vertrag beinhaltete die unbefristete Dauerleihgabe für über 1000 Werke Newtons und Alice Springs’. Eine spätere Aufstockung des Bestandes ist beabsichtigt, betonten die Staatlichen Museen, die in dem Gebäude in der Jebensstraße auch ihre umfangreiche Fotosammlung konzentrieren. Newton trug die Kosten für den Kurator der Sammlung sowie für den Umbau des ehemaligen Landwehr-Casinos. Heute hat auch die im selben Jahr gegründete Helmut-Newton-Stiftung dort ihren Sitz.

Zum Verbleib der Negative sagte Newton dem Stern: „Solange wir beide leben, bleiben die Negative bei uns, wir brauchen sie zum arbeiten. Wenn wir abgekratzt sind, geht alles nach Berlin.“ Das klang ahnungsvoll: Nur wenige Monate später, am 23. Januar 2004, kam er bei einem Verkehrsunfall in Los Angeles ums Leben. Er hatte bei der Ausfahrt von einem Hotelparkplatz die Kontrolle über seinen Cadillac verloren und war in eine Mauer auf der anderen Straßenseite gefahren. Im Juni desselben Jahres wurde seine Urne in Berlin in einem Ehrengrab unmittelbar neben dem Grab von Marlene Dietrich auf dem Friedhof Stubenrauchstraße beigesetzt; seine Witwe legte einen Fotoapparat mit ins Grab. Zu den Trauergästen gehörten neben Gerhard Schröder und Klaus Wowereit auch die Schauspieler Roger Moore und Rupert Everett sowie Deutschlands erster Kosmonaut Sigmund Jähn.

Newtons Beerdigung. Quelle: https://media1.faz.net/ppmedia/aktuell/feuilleton/3955872336/1.157259/width610x580/kein-trauerzug-froehlich.jpg

Er suche die Sünde, hat Newton einmal gesagt. „Diese Spekulation auf die Effekte der Sündhaftigkeit ist, wo an Sünde und Scham längst nicht mehr geglaubt wird, schamlos“, meint Bovenschen. Seine Fotografie ziele nicht auf die Festlegung einer wahren Bedeutung des Körpers, sondern verdeutliche vielmehr dessen Verfügbarkeit für alle möglichen Bedeutungen: „Newtons erotische Träume kommen nicht aus der Hölle des Unbewussten, sie kommen … aus der Tiefkühltruhe der Routine; sie eröffnen nicht den Blick in tiefe Abgründe, sie sind rätselfrei das, was ihre Oberfläche zeigt: recycelte Erotik. Und gerade das macht sie interessant“. „Newton ist Nacktheit, ist Glanz, ist Perfektion, auch heute noch. Seine Bilder sind nicht frei von Vulgarität, aber im Vergleich zu heute erscheinen selbst diese schamvoll“, würdigte ihn später der Cicero. „Newton thront längst unangreifbar im Kreis der Unsterblichen im Olymp der schönen Künste. Sein Werk ist abgeschlossen, seine Tabubrüche sind entschärft. Was bleibt, ist die Kunst, die Ästhetik, die Eleganz.“

„Tutti fratelli“

„Die Sonne des 25. Juni [1859] beleuchtet eines der schrecklichsten Schauspiele, das sich erdenken lässt. Das Schlachtfeld ist allerorten bedeckt mit Leichen von Menschen und Pferden. In den Straßen, Gräben, Bächen, Gebüschen und Wiesen, überall liegen Tote, und die Umgebung von Solferino ist im wahren Sinne des Wortes mit Leichen übersät. Getreide und Mais sind niedergetreten, die Hecken zerstört, die Zäune niedergerissen, weithin trifft man überall auf Blutlachen.“ Der das schrieb, war eigentlich Geschäftsmann und nur zufällig am Ort des Geschehens vorbeigekommen. Der Tag sollte sein Erweckungserlebnis werden und zur Gründung des „Roten Kreuzes“ führen: Henry Dunant. Am 30. Oktober 1910 starb er.

Das Soziale war ihm in die Wiege gelegt: Der Vater, ein Kaufmann, ist einflussreich im Rat der Stadt Genf, spendet für die Armen, betreut Waisenkinder. Die Mutter nimmt den am 8. Mai 1828 als erstes von fünf Kindern geborenen Henry früh in die Arbeiterviertel mit, in denen sie sich um Bedürftige kümmert. Mitprägend war für ihn eine Reise mit seinem Vater nach Toulon, wo er die Qualen von Galeerenhäftlingen mitansehen musste. Der Junge macht den streng calvinistischen Eltern zunächst keine Ehre. Zweimal bleibt er sitzen, fliegt vom Collège de Genève und begann 1849 eine dreijährige Lehre bei den Geldwechslern Lullin und Sautter. Nach dem erfolgreichen Abschluss der Ausbildung blieb Dunant als Angestellter in der Bank tätig.

Die Erziehung zur Nächstenliebe erweist sich als fruchtbarer: Der Jugendliche bringt Strafgefangenen die Bibel nahe, gehört in der Evangelischen Allianz, die zur Entstehung der CVJM-Gruppen in verschiedenen Ländern beitrug, 1847 zu den fünfzehn Gründern des schweizerischen Ablegers und gründet 1852 den Genfer Christlichen Verein Junger Männer (CVJM) mit. Seine Bank vermittelt Dunant zu einer Kolonialgesellschaft, für die er nach Sizilien, Tunesien und Algerien reist. Er ist erfolgreich, auch mit waghalsigen Geschäften. Seine Reiseeindrücke schreibt er in einem Buch auf, das ihm Zugang zu wissenschaftlichen Gesellschaften eröffnet.

Dunant ca. 1860. Quelle: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/3/38/Henry_Dunant-young.jpg

1856 gründete er eine eigene Kolonialgesellschaft und, nachdem er im französisch besetzten Algerien eine Landkonzession erworben hatte, zwei Jahre später unter dem Namen „Finanz- und Industriegesellschaft der Mühlen von Mons-Djémila“ ein Mühlengeschäft. 1858 nahm Dunant neben seiner Schweizer auch die französische Staatsbürgerschaft an, um sich dadurch den Zugang zu Landkonzessionen der Kolonialmacht Frankreich in Algerien zu erleichtern. Doch die Land- und Wasserrechte waren nicht klar geregelt, die zuständigen Kolonialbehörden verhielten sich darüber hinaus nicht kooperativ. So beschloss er, sich direkt an Kaiser Napoléon III. zu wenden, als dieser sich während des Sardinischen Krieges mit seinem Heer in der Lombardei aufhielt, und begab sich auf die Reise nach Solferino, um den Kaiser in seinem Hauptquartier persönlich zu treffen.

„das gleiche Wohlwollen“

Mehr als 300.000 Soldaten hatten einander an einer 16 Kilometer langen Front gegenübergestanden, als er am Abend des Schlachttags eintrifft. Die Österreicher werden geschlagen, der Weg zur Einigung Italiens ist frei. Auf dem Schlachtfeld bleiben 38.000 Verletzte, Verstümmelte, Sterbende, Tote zurück. In Castiglione delle Stiviere, acht Kilometer von Solferino, erlebt Dunant, wie Soldaten ihre verwundeten Kameraden auf den Schultern in improvisierte Lazarette schleppen. Der Handlungsreisende vergisst das Geschäftliche und hilft, wo er kann. „Die Frauen von Castiglione erkennen bald, dass es für mich keinen Unterschied der Nationalität gibt, und so folgen sie meinem Beispiel und lassen allen Soldaten, die ihnen völlig fremd sind, das gleiche Wohlwollen zuteilwerden. ‚Tutti fratelli‘ wiederholen sie gerührt immer wieder“, schreibt Dunant. Tutti fratelli, alle sind Brüder – ein verwundeter Soldat, so sein Postulat, hat ein Recht auf Hilfe, ganz gleich, welche Uniform sein Blut befleckt.

Für sein Wirken in Solferino erhielt er im Januar 1860, zusammen mit dem Genfer Arzt Louis Appia, vom sardischen König Viktor Emanuel II. den Orden des Heiligen Mauritius und Lazarus, später die zweithöchste Auszeichnung des Königreichs Italien. Da er das Erlebte nicht vergessen konnte, begann er ein Buch mit dem Titel „Eine Erinnerung an Solferino“ zu schreiben, in dem er die Schlacht, das Leiden und die chaotischen Zustände in den Tagen danach darstellte. Darüber hinaus entwickelte er die Idee, wie künftig das Leid der Soldaten verringert werden könnte: Auf einer Basis von Neutralität und Freiwilligkeit sollten in allen Ländern Hilfsorganisationen gegründet werden, die sich im Fall einer Schlacht um die Verwundeten kümmern würden. Im September 1862 ließ er das Buch auf eigene Kosten in einer Auflage von 1.600 Exemplaren drucken und verteilte es anschließend in ganz Europa an Persönlichkeiten aus Politik und Militär. Rasch folgten zwei weitere Auflagen und Übersetzungen in elf Sprachen.

Schlacht von Solferino (zeitgenöss. Darstellung). Quelle: https://www.lto.de/fileadmin/processed/4/1/csm_solferino_schlacht_473_e931de423e.jpg

Der Präsident der Genfer Gemeinnützigen Gesellschaft, der Jurist Gustave Moynier, machte das Buch und Dunants Ideen zum Thema der Mitgliederversammlung der Gesellschaft am 9. Februar 1863. Dunants Vorschläge wurden von den Mitgliedern als sinnvoll und durchführbar bewertet, er selbst wurde zum Mitglied einer Kommission ernannt, der neben ihm und Moynier den General Dufour sowie die Ärzte Appia und Maunoir angehörten. Während der ersten Tagung am 17. Februar 1863 beschlossen die fünf Mitglieder, die Kommission in eine ständige Einrichtung umzuwandeln. Dieser Tag gilt damit als Gründungsdatum des Internationalen Komitees der Hilfsgesellschaften für die Verwundetenpflege, das seit 1876 den Namen Internationales Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) trägt. Dufour wurde zum ersten Präsidenten ernannt, Moynier Vizepräsident und Dunant Sekretär.

Doch zwischen Moynier und Dunant entwickelten sich rasch Meinungsverschiedenheiten. So hatte der Jurist wiederholt den Vorschlag Dunants, Verwundete, Pflege- und Hilfskräfte sowie Lazarette unter den Schutz der Neutralität zu stellen, als undurchführbar bezeichnet und Dunant aufgefordert, nicht auf dieser Idee zu beharren. Dunant setzte sich jedoch bei seinen nun folgenden umfangreichen Reisen durch Europa und seinen Gesprächen mit hochrangigen Politikern und Militärs mehrfach über die Meinung Moyniers hinweg. Auf seine Bitte um Unterstützung während einer Audienz antwortete König Johann von Sachsen mit einem Satz, den Dunant in der Folgezeit vielfach zitierte: „Ich werde tun, was in meinen Kräften steht, denn sicherlich würde ein Volk, das sich nicht an diesem menschenfreundlichen Werke beteiligte, von der öffentlichen Meinung Europas in die Acht erklärt werden.“ Dies verschärfte den Konflikt zwischen dem Pragmatiker Moynier und dem Idealisten Dunant weiter und führte zu Bestrebungen Moyniers, Dunants ideellen Führungsanspruch zu diskreditieren.

Originaldokument 1864. Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Genfer_Konventionen#/media/Datei:Original_Geneva_Conventions.jpg

Auf einer Konferenz auf Einladung des Schweizer Bundesrates unterzeichneten am 22. August 1864 zwölf Staaten die erste Genfer „Konvention, die Linderung des Loses der im Felddienste verwundeten Militärpersonen betreffend“. Hier einigte man sich auch auf ein einheitliches Symbol zum Schutz der Verwundeten und des Hilfspersonals: das leicht und weithin erkennbare Rote Kreuz auf weißem Grund, die Umkehrung der Schweizer Flagge. Dunant, auf dieser Konferenz nur mit sekundären Aufgabe betraut, stand in den folgenden zwei Jahren dennoch im Zentrum der öffentlichen Aufmerksamkeit und erhielt zahlreiche Ehrungen und Einladungen. Im Mai 1865 traf er in Algier persönlich mit Napoleon III. zusammen und erhielt die unverbindliche Zusage, dass seine Unternehmungen in Algerien unter dem Schutz der französischen Regierung stehen würden. 1866 erlebte er nach dem Ende des Preußisch-Österreichischen Krieges auf Einladung Augustas, der Frau des preußischen Königs, zu den Siegesfeierlichkeiten in Berlin, wie bei der Siegesparade der preußischen Armee Fahnen mit dem Roten Kreuz neben der Nationalflagge gezeigt wurden.

Krieg mit Moynier

Doch so rasch er gestiegen war, sank sein Stern auch. Mehr und mehr vernachlässigt Dunant seine eigentlichen Geschäfte. Sein Algerien-Projekt scheitert, damit sind die Investitionen seiner Verwandten und Freunde dahin. 1867 wird Dunant gar des betrügerischen Bankrotts für schuldig befunden, was zwingend den moralischen Ruin in der Genfer Gesellschaft nach sich zog. Das Rote Kreuz 1867 und der CVJM 1868 schließen ihren Mitgründer aus. Dunant, der seine Heimatstadt nie wiedersehen sollte, irrt durch Europa, ist zeitweise obdachlos. Moynier nutzte in der Folgezeit offenbar seine Beziehungen und seinen Einfluss, um zu verhindern, dass Dunant von Freunden und Unterstützern aus verschiedenen Ländern finanzielle Hilfe erhielt. So scheiterte ein Angebot Napoléon III., die Hälfte der Schulden Dunants zu übernehmen, wenn dessen Freunde für die andere Hälfte aufkämen, ebenfalls an Moynier. Beide werden sich zeitlebens nicht aussöhnen.

Dunant versuchte jedoch weiter, sich entsprechend seinen Vorstellungen und Idealen zu betätigen. Im Deutsch-Französischen Krieg 1870/1871 gründete er eine Allgemeine Fürsorgegesellschaft und kurz darauf eine Allgemeine Allianz für Ordnung und Zivilisation. Deren Ziele waren die Verminderung der Zahl bewaffneter Konflikte und des Ausmaßes von Gewalt und Unterdrückung, indem durch Bildung die moralischen und kulturellen Standards der einfachen Bürger der Gesellschaft verbessert werden sollten. Zusammen mit dem Italiener Max Gracia regte er die Gründung einer Weltbibliothek an – eine Idee, die etwa 100 Jahre später durch die UNESCO aufgegriffen wurde. Zu seinen weiteren, teils visionären Ideen gehörte die Gründung eines Staates Israel.

Dunants Grab. Quelle: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/f/f0/Grab_Henry_Dunant02.jpg

Mit seinem Engagement vernachlässigte er seine persönlichen Angelegenheiten, verschuldete sich weiter und wurde nur nicht von der Umgebung gemieden, sondern auch von der Rotkreuzbewegung nahezu vergessen, obwohl ihn mehrere nationale Gesellschaften zum Ehrenmitglied ernannten. Dunant zog sich noch weiter aus der Öffentlichkeit zurück und entwickelte eine ausgeprägte Menschenscheu, die sein Verhalten bis zu seinem Lebensende entscheidend prägte. Er führte eine einsame Existenz in materiellem Elend, zwischen 1874 und 1886 unter anderem in Stuttgart, Rom, Korfu, Basel und Karlsruhe. Nur wenige Details zu seinem Leben sind aus dieser Zeit bekannt.

Ab 1887 erhielt er, zu der Zeit in London lebend, von seinen Angehörigen eine kleine monatliche finanzielle Unterstützung, die ihm einen zwar bescheidenen, aber dennoch sicheren Lebensstil ohne Armut ermöglichte. Er ließ er sich im Juli des gleichen Jahres in Heiden im Gasthof „Paradies“ nieder, ab 1892 dann im Spital des Ortes: In Zimmer 12 verbrachte er völlig zurückgezogen seinen Lebensabend, der zunehmend von religiös-mystischen Gedanken und prophetischen Vorstellungen geprägt war. Erst als der St. Galler Journalist Georg Baumberger 1895 in einem vielfach nachgedruckten Artikel an Dunants Verdienste erinnert, erhält dieser Ehrungen, Orden, Sympathiebekundungen und Unterstützung aus der ganzen Welt – auch wenn das Internationale Komitee in Genf weiterhin jeden Kontakt zu ihm vermied. Dank einer jährlichen Rente der russischen Zarenwitwe und Kaiserinmutter Maria Feodorowna besserte sich seine finanzielle Lage. Er beginnt seine Lebenserinnerungen zu schreiben.

„begraben wie einen Hund“

1901 wird ihm gemeinsam mit dem Friedensaktivisten Frédéric Passy der erste aller Friedensnobelpreise verliehen – eine Rehabilitation nach 34 Jahren. Eine im Sinne von Nobels Testament unumstrittene Verleihung, erklärt die Heidener Museumsleiterin Elvira Steccanella im DLF: „Bertha von Suttner war nicht so glücklich, ich denke einerseits, dass sie nicht den Friedensnobelpreis gekriegt hat. Andererseits: sie war eine aktive Pazifistin und meinte eigentlich, dass Dunant mit seinem Friedenskonzept nicht zur Abschaffung des Krieges beitrage, wie es im Testament formuliert war, sondern nur zur Minderung des Krieges. Aber der Krieg wurde eigentlich mit seinem Handeln, mit dem Roten Kreuz nicht abgeschafft.“

Friedensnobelpreis (Mitte). Quelle: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/d/df/Friedensnobelpreis_Henry_Dunant_2010-07-01.jpg

Einem Freund gelang es, Dunants Anteil des Preisgeldes in Höhe von 104.000 Schweizer Franken bei einer norwegischen Bank zu verwahren und so vor dem Zugriff durch dessen Gläubiger zu schützen. Dunant selbst tastete das Geld zeit seines Lebens nicht an. 1903 erhielt er zusammen mit Moynier die Ehrendoktorwürde der Universität Heidelberg. Die letzten Jahre seines Lebens verbrachte er zunehmend in Depressionen sowie der Angst vor Verfolgung durch seine Gläubiger und seinen Widersacher Moynier. Er wurde in Zürich bestattet. In seinem Testament stiftete er ein Freibett im Spital in Heiden für die Kranken unter den armen Bürgern des Ortes und spendete an gemeinnützige Organisationen in Norwegen und der Schweiz. Dass ihm eine vollständige Begleichung seiner Schuldenlast nicht möglich war, hatte ihn bis an sein Lebensende belastet.

Bis heute ist Henry Dunant ein Mann, der polarisiert. Seine umfangreichen Schriften müssen größtenteils noch aufgearbeitet werden, um die vielfältigen Facetten seiner calvinistisch geprägten Persönlichkeit zu verstehen, meint der Theologe Andreas Ennulat im DLF: „Das, was er an Positivem hat erreichen können, seine vielen großartigen Ideen, die er gehabt hat, die von anderen wohlbemerkt umgesetzt wurden, das hat ihm einfach nie genügt. Und das hat mit seiner religiösen Grundauffassung zu tun, entweder gehöre ich dazu, zum Heil, oder ich gehöre nicht dazu und dann, dann sollen sie mich begraben, wie einen Hund.“ Vier Jahre nach seinem Tod beginnt ein Krieg, gegen den die Schlacht von Solferino nur ein Scharmützel war. 1949 wurde die „Genfer Konvention“ angepasst an moderne Formen der Kriegsführung, sie ist heute von fast allen Staaten anerkannt. Der Geburtstag des Weltverbesserers wird jährlich ihm zu Ehren als Weltrotkreuz- und Rothalbmond-Tag begangen. Die Zahl der weltweit nach ihm benannten Straßen, Plätze, Schulen und anderen Einrichtungen ist kaum zu zählen.

„Cancel Culture“ ist eine um sich greifende linksmoralistische Anmaßung, die zunehmend mehr Literaten trifft. Monika Maron wurde so von der DDR- zur BRD-Dissidentin.

Meine neue Tumult-Kolumne, die gern verbreitet werden darf.

Der falsche Pilger

Er beherrschte rund ein Dutzend Sprachen und Dialekte, darunter Arabisch, Hindi und Persisch. Als erster Engländer übersetzte er die Geschichtensammlungen „Tausendundeine Nacht“, den „Duftenden Garten“ und wohl auch das „Kama Sutra“. Er überlebte auf der Suche nach den Nilquellen eine Malaria und besuchte den Mormonen-Propheten Brigham Young im neu gegründeten Salt Lake City. Karl May besaß eine Zusammenfassung seiner Reisebeschreibungen; einen Band von 1861 benutzte er für die Gestaltung der Härrär-Episode des 2.600 seitigen Kolportageromans „Waldröschen oder die Rächerjagd rund um die Erde“: Sir Richard Francis Burton. Der Afrikaforscher, Offizier, Konsul, Übersetzer und Globetrotter starb am 20. Oktober 1890.

Unterwegssein prägte bereits seine Kindheit. Geboren am 19. März 1821 in Torquay in der Grafschaft Devon als ältestes von drei Kindern eines Generalleutnants im 36. Regiment der British Army, unternahm die Familie verschiedene Reisen, so 1825 ins französische Tours. Seine frühe Schulbildung erhielt Burton von verschiedenen Hauslehrern, 1829 trat er in die Grundschule in Richmond Green ein. Als bei dem blitzgescheiten Jungen seine Affinität für Sprachen zutage trat, unternahm die Familie weitere Reisen nach Frankreich und Italien, wo er rasch Französisch, Latein und Italienisch inklusive einiger Dialekte wie Neapolitanisch lernte. Von einer jungen Romni, offenbar eine Liebschaft, soll er auch Grundkenntnisse ihrer Sprache gelernt haben, was vielleicht erklären könnte, warum er in späteren Jahren überraschend schnell Hindi und andere indoarische Sprachen lernte.

R.F. Burton. Quelle: https://www.theguardian.com/travel/2020/may/03/richard-francis-burton-explorer-mecca-horn-africa-nile-victorian

Im Herbst 1840 wurde er ins Trinity College in Oxford aufgenommen. Seine Vorliebe für Sprachen motivierte ihn zum Studium der arabischen Sprache; seine freien Stunden verbrachte er mit Falknerei und Fechten. Trotz seiner Begabung wirft das Trinity ihn hinaus. Er hat ein Pferderennen besucht und danach von der Leitung des College gefordert, man möge den Studenten solche Freizeitaktivitäten generell erlauben. Darauf kennt die altehrwürdige Hochschule nur eine Antwort: Relegation. Burton verlässt Oxford – quer durchs Blumenbeet. Der geschasste Student lenkt sein Gespann mitten durch die akkurat gepflegte Botanik.

Sein Ziel ist nun das Militär: 1842 tritt er als Offizier in das 18. Regiment der Bombay Native Infantry der britischen Ostindienkompanie ein. Hier ist das Sprachgenie als Spion im Auftrag Ihrer Majestät tätig, lernt nicht nur, militärischen Drill und Entbehrungen zu ertragen, sondern auch weitere fremde Sprachen. 1849 ließ er sich beurlauben, kehrte nach Europa zurück und lebte dann längere Zeit in Ägypten, wo die Idee entstand, die Quellen des Nils zu suchen. Im Herbst 1852 bietet er der Royal Geographic Society seine Dienste an. Er will, wie er es ausdrückt, „den gewaltigen weißen Fleck, der in unseren Kartenwerken noch immer die östlichen und zentralen Regionen von Arabien ziert, austilgen“. Doch zuvor tut er etwas, das normalerweise seinen sicheren Tod als „Giaur“, als Ungläubiger bedeutet: er mischt sich unter die Wallfahrer nach Mekka.

„mit einem befriedigenden Grunzen“

Angetrieben von einem unstillbaren Erlebnishunger und extremem Wissensdurst bereitet der exzentrische Brite das waghalsige Unternehmen akribisch vor. Neben seinem phänomenalen Sprachtalent besitzt er die Gabe und den Willen, sich auf fremde Kulturen bis zur Selbstaufgabe einzulassen – obwohl er sich im viktorianischen England an starren Ordnungen stößt. Damit unterscheidet er sich fundamental von vielen anderen Entdeckungsreisenden des 19. Jahrhunderts, die den Einheimischen mit kulturellem Hochmut begegnen. Er arbeitet sich intensiv in die orientalischen Sitten ein und studiert selbst die Art und Weise eines Arabers, ein Glas Wasser zu trinken: „Er ergriff den Trinkbecher, als wäre es die Kehle eines Feindes, und beendete den Vorgang mit einem befriedigenden Grunzen“, beschreibt es Burton. Am Ende beschließt er, in die Rolle eines wandernden afghanischen Derwischs namens Abdallah Chan zu schlüpfen. Regelmäßiges Einreiben mit Nussbaumöl verleiht seiner Haut einen dunklen Teint. Um seine Metamorphose perfekt zu machen, lässt sich Burton auch noch beschneiden.

Aktuelles Hörbuch. Quelle: https://www.hugendubel.de/de/hoerbuch_download/richard_francis_burton-pilgerfahrt_nach_medina_und_mekka-6950969-produkt-details.html

Das Unternehmen glückt, am 26. September 1853 schifft er sich auf einem britischen Segler in Dschidda, erlebniserfüllt und bis hierhin unerkannt, wieder nach Sues ein. Sein wagemutiger Alleingang macht Burton in der englischen Heimat mit einem Schlag berühmt. Hat ihn sein Umfeld bis dahin vor allem als Exzentriker wahrgenommen, so wird er jetzt zum bewunderten Helden. Dass er in seinem Haus mit Affen zusammenlebt, von denen er einen als sein „Weib“ bezeichnet, steigert nur noch die Neugier auf den verwegenen Weltenbummler. Ende 1853 veröffentlicht Burton den Reisebericht „Meine Pilgerfahrt nach Medina und Mekka“ mit einer detaillierten Beschreibung der Stadt und des Haddsch. Nun kennt ihn ganz Europa. Die deutsche Übersetzung erschien allerdings erst 1930 bei Ullstein in Berlin.

Vom Welterkunden hat er noch lange nicht genug. Zunächst traf er 1854 in Aden mit John Hanning Speke zusammen, einem Bruder im Geiste und Urheber der Hamitentheorie, die allen kulturellen Fortschritt Afrikas dem Einfluss hellhäutiger, aus dem Norden kommender „Hamiten“ zuschrieb und die „negroide“ Bevölkerung Afrikas für kaum kulturfähig hielt. Gemeinsam reisten sie zunächst nach Somalia und starteten 1857 eine Expedition nach Ostafrika, um endlich die Quellen des Nils zu finden. In der Zeit der Vorbereitung infizierte sich Burton mit Malaria. Von Sansibar aus marschierten sie zuerst nach Tabora und entdeckten am 13. Februar 1858 den Tanganjikasee, den Burton für die Quelle des Nils hielt. Am 9. Juli trennten sie sich. Speke entdeckte zunächst am 3. August den Viktoriasee, den er wiederum als Quellsee des Nils ansah. Als Burton im Frühjahr 1859 wieder in London eintraf, hatte der eher angekommene Speke dort bereits seine Theorien veröffentlicht und war mit einer neuen Expedition beauftragt worden. Beide waren seitdem erbitterte Feinde.

1861 gelang Burton in einer neuen Expedition gemeinsam mit dem deutschen Botaniker Gustav Mann die Erstbesteigung des Kamerunbergs (4095 Meter). Er erforschte das Nigerdelta und Dahomey. Nach seiner Rückkehr im August 1864 kritisierte er erneut Spekes Theorien von der Nilquelle. Am 15. September 1864 sollte es deshalb eine Anhörung vor der British Association for the Advancement of Science in Bath geben. Allerdings starb Speke am Tag zuvor bei einem Jagdunfall. Bis heute ist nicht geklärt, ob er Selbstmord beging. Burton bereiste weiter die Welt, gründete die Anthropological Society of London, beschäftigte sich unter anderem mit Astrokartographie und verfasste eine Reihe von Büchern.

„Dem Starken ist jeder Ort Heimat“

Ebenfalls 1861 hatte Burton Isabel Arundel geheiratet, die aus einem sehr konservativen Haus der oberen Gesellschaft stammte und ihn gegen den Willen ihrer Eltern ehelichte. Mithilfe ihrer guten Kontakte vermittelte sie ihm immer wieder Anstellungen an britischen Konsulaten, so in Fernando Poo (1861–1865) und Santos (1865–1869). Anschließend übernahm sie heimlich, um ihrem Mann das Reisen zu ermöglichen, dessen Aufgaben. Sie redigierte seine Bücher und Texte und sorgte für deren Publikation. Neben ihrer Rolle als aufopfernde viktorianische Ehefrau reiste sie auch autonom und gemeinsam mit ihrem Mann. Unter anderem erkundete sie den brasilianischen Amazonas, Arabien und Indien.

Isabel Arundel. Quelle: https://www.npg.org.uk/collections/search/portrait/mw64041/Isabel-ne-Arundel-Lady-Burton

Von 1869 bis 1871 lebten beide, er wiederum als Konsul, in Damaskus, von wo aus Isabell oft wochenlang und in arabischer Männerkleidung in die Wüste ausritt. Als ihr bedeutendstes Werk wird die Biographie ihres Mannes gelten. Burtons letzte Station als Konsul war seit 1871 Triest, wo der 1886 von Queen Victoria zum Ritter geschlagene letztlich an den Folgen eines Herzinfarkts starb. Isabel überredete einen Priester, Burton die Sterbesakramente zu erteilen, obwohl er nicht der katholischen Kirche angehörte, was ihr später einige Freunde Burtons zum Vorwurf machten. Burton liegt unter einem marmornen, arabisch nachempfundenen Beduinenzelt mit Glasfenster an einer Seite auf dem katholischen Friedhof von Mortlake im südwestlichen Teil von London begraben, seine Frau folgte ihm sechs Jahre später nach.

Farmers Opus. Quelle: https://www.zvab.com/servlet/BookDetailsPL?bi=20691774590&searchurl=an%3Dfarmer%26hl%3Don%26sortby%3D20%26tn%3Ddie%2Bflusswelt%2Bder%2Bzeit&cm_sp=snippet--srp1--image2#&gid=1&pid=1

Seine Person und sein Leben sind vielfach adaptiert worden: In „Indiana Jones“ steckt ebenso ein Stück Burton wie im „Allan Quatermain“ von Henry Rider Haggard. In der fünfbändigen Science-Fiction-Romanreihe „Flusswelt der Zeit“ von Philip José Farmer spielt Burton eine Hauptrolle – er ist der auf der Suche nach den Quellen des größten Flusses aller Zeiten. Bob Rafelsons Film „Land der schwarzen Sonne“ (1990) beschreibt die Expedition Burtons mit Speke auf der Suche nach der Quelle des Nils. Sein größter Fan aber ist der bulgarischstämmige Autor Ilija Trojanow. Der Roman „Der Weltensammler“, immerhin Finalist für den deutschen Buchpreis 2006, zeichnet drei Stationen von Burtons Biographie – Indien, Arabien und Ostafrika – über 16 Jahre hinweg nach. Die Collage „Nomade auf vier Kontinenten“ (2007) fasst Trojanows Recherchen auf den Spuren des Weltensammlers mit Originaltexten von Burton zusammen, dem das Lebensmotto „Omne Solum Forte Patria“ (Dem Starken ist jeder Ort Heimat) nachgesagt wird. Er gilt noch heute als eine der schillerndsten Gestalten Englands des neunzehnten Jahrhunderts.

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