Da ist es wieder passiert. Ein Totschlag, scheinbar wegen nichts. Ja, es war an einem bierseligen Feiertag, die Schlagenden konnten noch Stunden danach wegen Trunkenheit nicht vernommen werden. Aber Alkohol enthemmt nur, lässt Hemmschwellen verschwinden… die Aggression selbst ruft er nicht hervor. Was muss in diesen Menschen brodeln, dass sie aus derart nichtigem Anlass überhaupt gewalttätig werden? Ist in dieser Republik ein halbwegs stressfreier Umgang überhaupt noch möglich?
Meine These: diese Art Gewaltbereitschaft spiegelt im „Kleinen“ jene Art von Politik im Großen wieder, die da im schlechtesten Sinne „neoliberal“ genannt wird – die Laissez-faire-Politik der Chicagoer Schule, die dem Staat nur eng begrenzte Aufgaben wie den Schutz des Privateigentums zuweist und den Sozialstaat als teures Monster sieht.
Marion Gräfin Dönhoff, die große Konservative, meinte schon vor 11 Jahren („Macht und Moral“, Köln 2000), dass jede Gesellschaft ohne einen ethischen Minimalkonsens zerbröseln muss. Ohne dieses Mindestmaß an Bindungen, Spielregeln, Tradition und ethischen Normen werde „unser Gemeinwesen genauso zusammenbrechen wie das sozialistische System“. Wenn der Markt aber kritiklos idealisiert werde und keine ethischen Grenzen mehr kenne, entarte das Ganze zum catch-as-catch-can. Der Egoismus mache dann vor nichts mehr halt, unterminiere durch zunehmende Brutalität und Korruption die sittliche Grundlage der Gemeinschaft und münde letzten Endes in den „Ruf nach dem starken Mann“ bzw. in den Totalitarismus.
Also: wenn sich der Stärkere und Rücksichtslosere durchsetzt, dann ist das eben so? Zurück zum Sozialdarwinismus? Dahin gebracht hat uns das entsolidarisierende, ökonomistische Menschenbild jener Berliner Koalition, die offenbar ebenso unwillig wie unfähig ist, Grenzen zu setzen und dafür zu sorgen, dass sie eingehalten werden. Jene Grenzen, die sich im politischen Nirvana einer visionslosen Klientel-Regierung verflüchtigt haben. Eine andere Perspektive desselben Problems beschreibt übrigens die sperrige Vokabel der „Dienstleistungsmentalität“: ja nicht selbst Grenzen setzen, sondern sich die der anderen zu Eigen machen – wie zweifelhaft selbige auch immer empfunden werden.
Die Sozialpsychologie spricht im Rückgriff auf Skinners Theorie des „operanten Konditionierens“ vom Mechanismus der „negativen Verstärkung“: ein Verhalten, das sozial als aversiv, „schlecht“ gilt und entsprechend sanktioniert ist, aber individuell als gratifizierend erlebt wird, etwa als affektiver Kick, angenehme Emotion, rationaler Erfolg… usf.; ein solches Verhalten also wird solange wiederholt, wie die Sanktionen nicht greifen. Ein Promovend wird solange plagiieren, wie ihm kein Plagiat nachgewiesen und sein Titel aberkannt wird. Auch ein Raser wird auf einer Bundesstraße solange schneller als Tempo 100 fahren, wie er nicht geblitzt und dann um einiges Geld erleichtert und mit Fahrverbot nebst einigen Flensburger Punkten belastet wird. Danach hoffentlich schon. Erst recht Schläger, jugendliche zumal, werden Personen, die ihnen – wie in München bspw. – Grenzen setzen wollen (nicht Kleinere überfallen, nicht auf dem Bahnhof rauchen), weiter prügeln, vielleicht totprügeln.
Aber an ihrer postmodernen Sanktionslosigkeit muss diese Republik verzweifeln: was und wie will man auch sanktionieren, wenn mangels sozialer und / oder politischer Visionen keinerlei Standards, gar Normen mehr gesetzt werden, die diese Visionen umreißen? Ich prophezeie, dass Merkel als „Kanzlerin der Beliebigkeit“ in die deutsche Geschichte zunächst eingeht und dann noch schneller wieder daraus verschwindet. An den Folgen jedoch haben wir lange zu tragen.
