Interessanter Satz, auf den ich zufällig im Netz gestoßen war. Die Recherche ergab: der Urheber Leopold Kohr (1909-1994) ist ein, wie ich finde, hochinteressanter Mann, beruflicher und wissenschaftlicher Nomade, Träger des Alternativen Nobelpreises und in zweifacher Hinsicht bedeutsam.
Zum ersten, weil er den Anarchismus als politische Theorie vom Kopf auf die Füße gestellt hat:
„Frei von Ideologien! Das ist Anarchismus! Es ist die edelste der Philosophien. Aber eine Gesellschaft kann nur ohne Staat und ohne Regierung leben, wenn der Einzelmensch so ethisch erzogen ist, dass es niemandem einfallen würde, in den Bereich des anderen einzudringen. Ihm auf die Füße zu steigen.“
Natürlich global utopisch. Aber bedenkenswert.
Und zum zweiten, weil er Urheber der „Philosophie der Größe“ ist: „Wo immer etwas fehlerhaft ist, ist es zu groß“ – das finge bereits bei den Dinosauriern an und ende nicht bei den großen Gesellschaftsentwürfen („Das Ende der Großen. Zurück zum menschlichen Maß“, Salzburg 2002). Bedenkenswert: dieses Größenproblem überträgt er soziologisch auch auf das Verhältnis von Individuum und Masse – das Eine, „Kleine“ ist gut, vernünftig, kreativ; die andere, (zu) „Große“ zerstört die Freiheit und verhält sich nicht wie vernünftige Wesen, sondern wie leblose Teilchen, die statistischen Gesetzen gehorchen. Damit ergänzt Kohr die Analysen von Canetti („Masse und Macht“) und Mumford („Mythos der Maschine“).
Sein Fazit: “Nicht die Unterentwickelten sind das Problem, sondern die Überentwickelten, die am Rand des Abgrunds stehen, es aber noch nicht wahrhaben.“ Da kann man nun lange nachdenken.
