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Dr. Thomas Hartung

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Zwischen Geschichtsklitterung und Wahrnehmungsstörung

27. November 2011 von Thomas Hartung

Nach einigen stressigen Tagen und Erlebnissen, die (noch) nicht nach Entäußerung drängten, las ich diese Woche einen Artikel, der zu vielerlei Reaktion provoziert. Mich bspw. wieder einmal zum Reflektieren.

Vorab – schon die Formalia der Publikation sind einigermaßen dubios. Ich konstatiere sie hier nur, recherchieren und werten können sie andere: Bürgerrechtlerin Freya Klier – mit der ich, ehrlich gesagt, bis heute wenig anfangen kann – hat auf Welt online einen kruden Artikel publiziert, der in 2 Fassungen vorliegt: einer stark und polarisierend kommentierten vom 21.11. und einer wenig kommentierten, dafür verlinkten vom 22.11. Für beide ist die Kommentarfunktion geschlossen.

Die Quintessenz des Artikels lautet: „Die DDR-Bürger misstrauten Normabweichungen. Und die SED bereitete den Nährboden für Rassismus und Ausländerfeindlichkeit.“ Das ist nun weder eine nobelpreiswürdige Erkenntnis noch in dieser Pauschalisierung gerechtfertigt, aber abgesehen von der Unschärfe des Nomens „Norm“ kann (soll / muss?) man das mal als Diskussionsgrundlage nehmen – die braune Schmäh aus Sachsen drängt nach Erklärung, nach Hintergrund.  Das nichtsächsische Problem dabei: Klier mischt verschiedene soziale, ideologische und ökonomische Sachverhalte so holzhämmernd persuasiv, dass die Wahrheit auf der Strecke bleibt und ich mich nach der Lektüre zunächst fragte, ob ich in demselben Land groß wurde wie sie oder ob sie in einer Parallelwelt lebte.

An den Kommentaren unter der ersten Essayfassung wird deutlich, dass viele ihrer faktischen Aussagen (Absonderung, Sprachlernverbot, Abtreibungszwang…) schlicht gelogen sind. Und perspektivenabhängig könnte man auch meinen, dass Vietnamesen und Mosambikaner hier lernen konnten und sollten, um später die fachliche und intellektuelle Basis ihrer Heimatländer zu stärken. Aber darum soll es mir gar nicht gehen. Ich störe mich vor allem an dem konstruierten Zusammenhang, wonach „den Linken“ Menschenleben nur dann wichtig seien, „wenn sie sich politisch instrumentalisieren lassen“; und der Behauptung, dass das ausländerfeindliche Klima in den neuen Ländern dem „jahrzehntelangen Aderlass glaubwürdiger und bitter notwendiger Autoritäten“ geschuldet sei, da sich „unter den drei Millionen (in die BRD, TH) vergraulten DDR-Bürgern fast unsere gesamte kritische Intelligenz befand. Hier sind Generationen abgetragen worden.“

Ja, Freya Klier, es sind Generationen abgetragen worden. Aber weit mehr als die 3 Millionen mehr oder weniger autoritärer Anti-Autoritäten sind es die DDR-Generationen, die mit jenem Gedanken aufwuchsen, der auch heute wieder Mode ist: Leistung bestimmt über den Platz in der Gesellschaft. Und genau das hat sich seit der Deutschen Einheit ins Gegenteil verkehrt, denn: Leistungen zu erbringen, in einem und für ein Gemeinwesen tätig zu sein setzt voraus, dass man sie erbringen kann; dass Leistung gewollt und entsprechend honoriert wird. Beides ist seitdem nicht mehr der Fall.

Uwe Hassbecker hat das in die erschreckend-bezeichnende Metapher gebracht „…so richtig wollen sie uns nicht an ihrem Tisch Platz nehmen lassen…“ In meinem Post dazu hatte ich das ergänzt: sie wollen Platz nehmen, aber dürfen es nicht. Sie wollen gut sein und brauchen es nicht. Sie wollen wirken und werden abgewürgt. Und hier liegt das Problem, das der Begriff „strukturelle Gewalt“ auf den Punkt bringt. Seit Kafka ahnen wir, wie sich das anfühlt. Aber seit der Einheit erleben wir es: der Ossi ist Ausländer in Deutschland.

Ein simples Beispiel: Wenn ein studierter Volkswirt mit griechischen Wurzeln wie Apostolos Tsalastras mit dem entsprechenden Parteibuch Finanzdezernent wird, kann man 2011 darüber parteipolitisch lamentieren oder euromüde lästern – keinesfalls aber sich an der Unkenntnis des Kandidaten stören. Aber wenn jemand wie ich – 46, zwei akademische Grade, 15 Jahre Berufserfahrung in –zig Funktionen, über 20 Semester Lehrerfahrung an Hochschulen…- im Sommer 2008 in der Dresdner Arbeitsagentur vorstellig werden muss und von einem blonden, wolgadeutschen Herzchen von Ende 20 „fallgemanaged“werden sollte, das die Sprache, in der ich promoviert habe, noch mal nicht fehlerfrei beherrschte, vom Beherrschen des ihr zur Verfügung stehenden Instrumentariums gleich ganz zu schweigen… dann ist das Leistungsprinzip pervertiert, dann liegt ein prinzipieller Systemfehler vor, den Klier zu erkennen offenbar ebenso unfähig wie unwillig ist.  

Die Kehrseite dieses Systemfehlers ist die Instrumentalisierung – nein, nicht durch die Linken, sondern die dilettierende Berliner Koalition. Neben den Zumutungen für Ein-Euro-Jobber denke ich vor allem an die „Bufdis“.

Werbeplakat der Bundesregierung 2011

Unter dem bezeichnenden Slogan „Nichts erfüllt mehr, als gebraucht zu werden“ wirbt Kristina Schröders Ministerium um Freiwillige jeden (!) Alters, die für höchstens 330,- Euro Taschengeld Leistungen erbringen sollen wie „mit Kindern spielen, Biotope pflegen, Seniorinnen und Senioren aus der Zeitung vorlesen, Bioäpfel verkaufen oder Schülerinnen und Schüler durchs Theater führen…“ – Leistungen also, die normalerweise von Erziehern, Gärtnern, Altenpflegern, Verkäufern oder Theaterpädagogen geleistet werden. Was für ein Hohn! Man stelle sich vor: eine DDR-Facharbeiterin mittleren Alters, die nach der Einheit ihre Leistung weiter bringen wollte, aber nicht mehr durfte, weil sie weder von Staat noch Privatwirtwirtschaft mehr gebraucht wurde, die sich dann mühsam von Monat zu Monat hangelte, hat jetzt als Seniorin „Zeit, das Richtige zu tun“ (wie der zweite Werbeslogan suggeriert) , darf jetzt, ohne Aussicht auf eine halbwegs reichende Rente, von dem Gefühl gebraucht zu werden wieder erfüllt sein? Am Ende ihrer Berufskarriere einen neuen Vollberuf ausfüllen, den der Staat nicht finanzieren will, und dafür mit lächerlichem Entgelt abgespeist werden? Denn alles, was sie vorher geleistet hatte und weiter leisten wollte, war ja keine Leistung, sondern falsch?

Dieses Land hat ein Transmissionsproblem. Leistung – was ist das? Und wenn –  ja, aber bitte umsonst. Hier sind sämtliche Relationen außer Kraft gesetzt.

Geschrieben in Allgemeines | 0 Kommentare