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Dr. Thomas Hartung

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Schlaf gut, Knut? Hoffentlich nicht!

20. März 2011 von Thomas Hartung

Bei oberflächlicher Strukturierung fallen mir diese Kategorien von Tieren in diesen Bereichen ein:

  • Kuschel- und Haustiere, die als Individuen mit und zwischen uns leben.
  • Schautiere, die, ebenfalls Individuum, im öffentlichen Interesse stehen.
  • Feld-, Wald-, Wiesen-, Luft- und Wassertiere, die als „Fauna“ unseren Lebensraum teilen.
  • Versuchs-, Pelz- und Speisetiere, die anonym in einer meist verborgenen Welt hausen.

Zwischen den einzelnen Tierkategorien sind, quasi als emotionales Preisschild, starke Gefühlsschranken errichtet:

  • Kuschel-, Haus- und Schautiere kennen wir mit Namen.
  • Versuchs- und Pelztiere bekommen wir nie zu Gesicht.
  • Speisetiere sehen wir, wenn wir sie sehen, eher nicht als Lebewesen, sondern nur als Essen.
  • Feld-, Wald-, Wiesen-, Luft- und Wassertieren stehen wir auf einer Skala zwischen positiv über indifferent bis negativ gegenüber.

Die größte emotionale Rolle spielen also unsere Kuschel-, Haus- und Schautiere, gerade ihr Glück nehmen wir wichtig. Aber eigentlich geht es den meisten von uns nicht um das Glück der Tiere, sondern darum, dass uns die Tiere glücklich machen. Vor allem Schautiere – einerlei ob real oder virtuell – sind kurios, bezaubernd, faszinierend, außergewöhnlich, witzig… die Liste der Attribute könnte beliebig verlängert werden; sie wurde gerade in den letzten Monaten mehr als ausgereizt. Leipzigs schielendes Opossum „Heidi“ brachte es auf die Titelseite der FAZ und bei Facebook zu doppelt so vielen Fans wie Angela Merkel. Das Oberhausener Okrakel Paul faszinierte und polarisierte gar ganze Nationen und hat nach seinem Ableben nicht nur eine Einäscherung erfahren, sondern auch ein überdimensionales Denkmal erhalten. Und wer denkt nicht an den störrischen Bundeswehresel namens Hermann, der in Kundus den Dienst verweigerte. Den blauen Storch von Biegen, der dem brandenburgischen Kaff zu einem touristischen Hype verhalf. Oder gar das virtuelle Krokodil Schnappi, dessen musikalisierter Lebenslauf mehrfach platinveredelt und als Klingelton auch noch im gut sechsstelligen Bereich abgesetzt wurde.

Für die einen bezeugt solcher Rummel einen Imagewechsel: Deutschland als freundliches, nicht (mehr) verbissenes Land. Für die anderen verrät er aber auch einiges über die Bedürfnisse und ergo Befindlichkeiten des Publikums. Promis vor allem zum Streicheln, Kraulen, ja Liebhaben sind gefragt. Es sind Bedürfnisse, mit deren Erfüllung sich Merkel, Westerwelle und Co. schwer tun. Heidi? Ihr Schielen signalisiert Hilfsbedürftigkeit, die ans Herz geht. Paul? Seine Kennerschaft in Fußballfragen nährte Bewunderung.

Und Knut? Der Eisbär-Junge aus Berlin bestach durch eine tragische Familiengeschichte und knuddelige Putzigkeit. Hier ist also die Liste von Attributen zu einem Gesamtpaket aus Niedlichkeitsbonus und berührender Story komplettiert. Warum aber bewegt sein Tod, der Tod eines Schautiers, diese Nation so, dass wegen bewusstloser Zoobesucherinnen der Notarzt gerufen werden muss; dass am Tag danach zig- rote Rosen mit schwarzem Trauerflor niedergelegt werden; von den Tränen der Menschen, den Plüschtieren und Kinderzeichnungen ganz abgesehen?

Quelle: http://www.ad-hoc-news.de/trauer-um-knut-tragisches-ende-eines-eisbaeren--/de/Fotostrecke/22006618/0

Solcherart parasoziale Interaktionen verweisen mir neben den emotionalen Fehlstellen bei Merkel, Westerwelle & Co. auf ein massives Sinndefizit. Deutschland: ein Land, das Tröstung braucht, weil es nahezu im Tagesrhythmus von üblen Nachrichten belästigt wird. Mal schafft es sich ab, mal wird es überfremdet, mal sinken die Renten, mal steigen die Preise, mal ist der Datenschutz in Gefahr, mal die Wiederwahl, mal kommt die bestreikte Bahn nicht, mal fällt der vulkanaschegestörte Flieger aus, mal ist der Atomwiedereinstieg das Problem, mal der Wiederausstieg… Nie war Leben schlimmer, nie war Gegenwart grausamer als heute. Wie ein Kind in seine Plüschtiere, so kuschelt sich die Nation in den schrecklichen Momenten, in denen „wir“ mit der Wirklichkeit konfrontiert werden, in den pädosexuell unverdächtigen Trost aus der Tierwelt. Stirbt dieser Trost, stirbt offenbar mehr als eine Hoffnung.

Vielleicht ist das weinerlich, vielleicht infantil. Vielleicht aber auch ein Indiz dafür, dass des Pudelnarren und frühgrünen Tierrechtlers Artur Schopenhauer vielzitiertes Bonmot heute noch so aktuell ist wie damals:

Seitdem ich die Menschen kenne, liebe ich die Tiere.

Geschrieben in Allgemeines | 0 Kommentare