Von der Märchenstunde zur Diversity-Schulung
21. Januar 2026 von Thomas Hartung
Die Stadt Hannover liefert ihren 41 städtischen Kitas „queere Bücherkisten“: jeweils 14 Titel, die „Geschlechterrollen aufbrechen“ und „queere Lebensrealitäten sichtbar machen“ sollen, wie die Stadtverwaltung der NOZ sagte. Statt Max und Moritz oder Hase und Igel stehen nun Meerjungknaben, zwei Prinzen als Hochzeitspaar, Regenbogenfamilien und identitätssuchende Kuscheltiere im Regal. Kosten: 11.000 Euro. Ziel ist erklärtermaßen nicht bloß ein breiteres Lesespektrum, sondern eine pädagogische Intervention: Schon Vorschulkinder sollen lernen, dass Geschlecht und Familie primär kulturelle Optionen sind, aus denen man später frei wählen könne.
Damit wird die Kita – ein Raum, in dem Kinder elementare Sprache, Motorik, Vertrauen und erste soziale Regeln einüben – zum Vorfeld der Erwachsenen-Debatten über Gender, Queer und Identität umfunktioniert. Aus der klassischen Bilderbuchstunde wird in kleinen Dosen das, was in Broschüren wie „Queer in der Kita“ ausdrücklich empfohlen wird: eine „queer-inklusive“ frühkindliche Bildung, in der traditionelle Vorstellungen von Mutter, Vater, Kind ausdrücklich dekonstruiert werden sollen.

Man kann über Homosexualität, Transidentität und vielfältige Familienmodelle sachlich sprechen – aber die Frage ist: Mit wem, in welchem Alter, mit welchen Zielen? Wenn Drei- bis Fünfjährige mit transsexuellen Teddys und schwulen Kaninchen bekannt gemacht werden, geht es nicht um die Lösung realer Konflikte, sondern um Symbolpolitik an den Jüngsten. Die Kinder sind Projektionsfläche; die eigentliche Botschaft richtet sich an Eltern und Öffentlichkeit: Seht her, wir sind eine progressive, bunte Kommune.
Frühpädagogik als ideologisches Experimentierfeld
Der konservative Einwand zielt nicht auf das einzelne Buch, sondern auf den Paradigmenwechsel. Jahrzehntelang war der Konsens: Je jünger das Kind, desto behutsamer geht man mit Sexualität und Identität um. Heute dreht man das um: Gerade besonders junge Kinder sollen möglichst früh mit komplexen Identitätsdiskursen konfrontiert werden, damit spätere „Vorurteile“ gar nicht erst entstehen. Das Kind wird nicht länger als Wesen verstanden, das sich durch Nachahmung, Bindung und allmähliche Reifung in die Welt einlebt, sondern als frühpolitisches Subjekt, das man gegen die „heteronormative Mehrheitsgesellschaft“ wappnen müsse, wie es in den Buchempfehlungen des Deutschen Instituts für Sozialwirtschaft heißt.
Anthropologisch ist das höchst fragwürdig. Kleinkinder arbeiten in Symbolen, nicht in Kategorien; sie brauchen stabile Figuren, nicht permanent verschiebbare Rollen. Die klassische Kinderliteratur – von Grimm bis Lindgren – bot zwar auch gesellschaftliche Botschaften, aber nie in der direkten Sprache von Identitätspolitik. Sie arbeitete mit Archetypen: Vater, Mutter, König, Prinzessin, böser Wolf. Diese Figuren sind vereinfachend, aber sie bieten Orientierung. Wer sie gezielt dekonstruiert, ohne etwas ebenso Tragfähiges an ihre Stelle zu setzen, produziert kein freies Subjekt, sondern Verwirrung.
Hinzu kommt das Elternrecht. Viele Mütter und Väter haben kein Problem mit Respekt gegenüber Minderheiten, aber sehr wohl mit einer Schule und Kita, die ihre Kinder ohne klare Altersabstufung zum Teil eines gesellschaftlichen Umerziehungsprojekts macht. Wenn städtische Einrichtungen verpflichtend mit „queeren Bücherkisten“ ausgestattet werden, ist das kein unverbindliches Zusatzangebot, sondern ein normativer Eingriff: Die Kommune legt fest, welches Familienbild „modern“ und welches „überholt“ ist – und sie tut dies mit dem pädagogischen Gewaltmonopol gegenüber Kindern, die sich weder entziehen noch argumentieren können.
Statistik als moralische Waffe
Am Ende der Berichtskette steht dann fast routinemäßig ein Satz wie jener, der in Hannover zitiert wird: Bei queerfeindlicher Gewalt nehme die Zahl jugendlicher Straftäter zu; das rechtfertige zusätzliche Bildungsangebote, lässt sich die Kita-Leiterin Yildiz Kilinc in der HAZ zitieren. Damit wird der Bogen geschlossen: Von der Gewaltstatistik zur Bilderbuchpädagogik. Doch gerade dieser letzte Schritt ist intellektuell unsauber.
Zunächst die Fakten: Ja, das BKA-Lagebild verzeichnet seit Jahren einen deutlichen Anstieg queerfeindlicher Straftaten; die Zahl der Delikte im Bereich „sexuelle Orientierung“ und „geschlechtsbezogene Diversität“ hat sich seit 2010 vervielfacht. Allerdings räumen Innenministerium und Beratungsverbände selbst ein, dass diese Zunahme auf veränderte Erfassung, höhere Sensibilität und mehr Anzeigebereitschaft zurückzuführen sein dürfte – und mehr Tätern aus muslimisch geprägten Milieus.
Die pauschale Aussage, die Zahl „jugendlicher Straftäter“ nehme zu, ist damit mehr Behauptung als belastbare Diagnose – zumal sie in der offiziellen Kommunikation oft ohne jede Konkretisierung daherkommt: keine Prozentangaben, keine Zeitreihen, kaum Fakten zu Alter, Motivlage und kulturellem Hintergrund. So wird aus einem komplexen Phänomen ein moralisches Druckmittel: Wer die queere Bücherkiste kritisiert, stellt sich implizit auf die Seite von „Queerfeinden“, ja bedrohlichen „Rechten“.
Und wenn die Zahl jugendlicher Täter tatsächlich steigt, folgt daraus logisch nicht, dass Vorschulkinder in städtischen Kitas mit sexualpolitischen Leitbildern beschult werden müssen. Gewaltprävention zielt auf reale Risikogruppen – meist männliche Jugendliche in bestimmten sozialen und kulturellen Kontexten –, nicht auf Drei- bis Fünfjährige, die von „Transidentität“ und „nicht-binärer Vielfalt“ noch nicht einmal einen Begriff haben. Wenn man die Statistik ernst nimmt, müsste man über Familienstrukturen, Schulumfelder, Männlichkeitsbilder und religiöse Milieus reden; stattdessen verlagert man die Debatte auf Kuscheltiere und Regenbogenmärchen. Das wirkt weniger wie Prävention als wie Symbolpolitik.
Kindheit verteidigen, ohne Hass zu predigen
Ein konservativer Ansatz muss zwei Dinge zugleich leisten: die Würde von Minderheiten achten und die Würde der Kindheit verteidigen. Niemand, der bei Verstand ist, will, dass Menschen wegen ihrer sexuellen Orientierung oder Identität beleidigt, geschlagen oder verfolgt werden. Aber ebenso wenig darf der legitime Schutz vor Gewalt zum Türöffner einer Pädagogik werden, die aus Kitas Ideologie-Labore macht.
Hannover steht stellvertretend für eine gesamte westliche Tendenz: Eine erwachsene Gesellschaft, die ihre eigenen Konflikte um Gender, Sexualität und Identität nicht mehr austragen kann, verlagert sie auf die frühesten Bildungsstufen. Man hofft, die nächste Generation so zu erziehen, dass die eigene Ideologie irgendwann nicht mehr umkämpft ist. Das ist kein Fortschritt, sondern der klassische Traum jeder Weltanschauung seit Platon: die Kinder der anderen zu erziehen. Konservativ zu sein heißt hier, an zwei einfachen Sätzen festzuhalten: Kinder haben ein Recht auf eine Kindheit ohne erwachsene Sexualdiskurse, und Eltern haben ein Recht darauf, dass der Staat ihre Kinder nicht gegen ihren Willen zum Objekt kulturpolitischer Experimente macht. Wer wirklich etwas gegen queerfeindliche Gewalt tun will, braucht klare Strafverfolgung, ehrliche Analyse der Tätergruppen und eine Erwachsenendebatte über Respekt – nicht transsexuelle Teddys im Bilderbuchregal der Kita.