Importierte Unschuld?
1. September 2026 von Thomas Hartung
Omar Kamils Buch „Muslimischer Antisemitismus. Woher er kommt, wie er wirkt und was wir tun können“ (C.H. Beck, 2026) tritt mit einer These an, die im deutschen Diskurs nach dem 7. Oktober 2023 willkommen klingen mag: Der Judenhass unter Muslimen sei kein Wesensmerkmal des Islams, sondern ein giftiger Import aus dem Europa des 19. und 20. Jahrhunderts. Erst im Zuge des Nahostkonflikts, der Nakba und des Scheiterns des arabischen Nationalismus habe sich dieser Import mit islamischer Überlieferung verbunden und sei zur breiten Erscheinung geworden.
Die „Protokolle der Weisen von Zion“, Ritualmordlegenden und christlich-arabische Übersetzer europäischer Traktate figurieren als entscheidende Übertragungswege. Die Dhimmi-Status der Juden unter islamischer Herrschaft wird relativ milde gezeichnet, die lange Geschichte geistigen Austauschs – Maimonides als Kronzeuge – hervorgehoben. Antisemitismus sei „keine historische Abweichung“, die sich korrigieren lasse, kein Teil des „Wesens“ von Religion oder Kultur.
Diese Erzählung ist politisch nicht neutral. Sie ist eine Entlastungsstrategie, die die Verantwortung primär nach Europa verlagert, die theologischen Quellen relativiert und den Konflikt mit Israel zum eigentlichen Katalysator erklärt. Dementsprechend genüsslich breitete Christoph Schmidt in der linken Frankfurter Rundschau diese Entlastungserzählung aus.

Aus rechtsintellektueller Perspektive – also aus einer Haltung, die historische Kontinuität, kulturelle Realitäten und die Interessen westlicher Gesellschaften priorisiert – verdient diese These keine Zustimmung, sondern eine nüchterne Prüfung. Sie unterschätzt die Eigenständigkeit islamischer Traditionen, verwischt die Differenz zwischen klassischem Antijudaismus und modernem Antisemitismus und produziert eine Politik der Schonung, die in Europa bereits fatale Folgen hat.
Prinzip der islamischen Superiorität
Beginnen wir mit dem historischen Befund. Es ist unbestritten, dass europäische Verschwörungsmythen im 19. und 20. Jahrhundert in die arabische Welt gelangten und dort begeistert aufgenommen wurden. Die „Protokolle“ wurden Bestseller, Nationalsozialisten und Islamisten fanden zeitweise gemeinsame Sprache. Doch die Behauptung, muslimischen Gesellschaften seien solche Stereotype „zunächst fremd“ gewesen, ist eine Verkürzung.
Der Koran und die Hadith-Literatur enthalten eine Reihe von Stellen, die Juden als Treulose, Fälscher der Schrift, Gottesmörder im weiteren Sinne und als Verfluchte darstellen – etwa die Vergleiche mit Affen und Schweinen oder die Berichte über die Vernichtung der Banu Qurayza in Medina. Diese Texte sind nicht bloß „historische Kontextualisierungen“, die man modernistisch weginterpretieren kann; sie gehören zum kanonischen Fundus und werden in der islamistischen Exegese – von Sayyid Qutb bis zur Hamas-Charta – systematisch aktualisiert. Die Idee, der Prophet habe mit den jüdischen Stämmen Medinas einen „blutigen Konflikt“ gehabt, der die Wahrnehmung der „Leute der Schrift“ dauerhaft prägte, ist keine europäische Erfindung. Sie ist in der sira und den klassischen Kommentaren verankert.
Die vormoderne Praxis bestätigt die Diskriminierung. Juden und Christen lebten als Dhimmis unter Schutz, aber unter klarer rechtlicher Minderwertigkeit: Sondersteuern, Kleidungsvorschriften, Einschränkungen beim Hausbau, Zeugenrecht und öffentlicher Kultausübung. Periodische Gewalt – unter den Almohaden, den Mamluken, in Fez, Marrakesch oder im Jemen – war keine Ausnahme, sondern Teil eines Musters, das auf dem Prinzip der islamischen Superiorität beruhte.
Die romantische Vorstellung einer langen „Nähe“ und „Inspiration“ übersieht, dass diese Nähe stets hierarchisch war. Wo Juden kulturell blühten, geschah das unter den Bedingungen einer Schutzherrschaft, die jederzeit widerrufen werden konnte. Die Vertreibung und Flucht von Hunderttausenden Juden aus arabischen Ländern nach 1948 war nicht allein eine Reaktion auf den Zionismus; sie setzte ältere Ressentiments und die Logik des Dhimmi-Status unter modernen Bedingungen fort. Die europäische Moderne lieferte neue ideologische Waffen, aber das Feindbild war bereits vorhanden.
optimistisch bis zur Naivität
Politisch brisant wird Kamils These durch die Gleichsetzungstendenz von Schoah und Nakba. Er bestreitet die Einzigartigkeit des Judenmords nicht ausdrücklich, plädiert aber für eine stärkere Bezugnahme der Erinnerungsgeschichten. Das ist keine bloße akademische Nuance. In der Praxis öffnet es der Opferkonkurrenz Tür und Tor und relativiert die moralische Sonderstellung der Shoah in der deutschen und westlichen Erinnerungskultur.
Wer den Holocaust und die Flucht der Palästinenser in einem Atemzug nennt, bereitet den Boden für jene Narrative, die Israel als „koloniales“ oder gar „genozidales“ Projekt brandmarken und damit den klassischen Antisemitismus in antiimperialistisches Gewand kleiden. Die Umfragen, die Kamil selbst erwähnt – deutlich höhere Zustimmungswerte zu antisemitischen Aussagen unter Muslimen als unter Christen oder Konfessionslosen –, werden so zu einem „historischen Produkt“ erklärt, das durch Aufklärung über gemeinsame Geschichte heilbar sei. Das ist optimistisch bis zur Naivität.
Die politische Realität in Europa nach dem 7. Oktober 2023 widerlegt diesen Optimismus. Die Welle antisemitischer Gewalt, die Demonstrationen mit „From the river to the sea“, die Angriffe auf Synagogen und jüdische Einrichtungen, die Verherrlichung der Hamas in Teilen der muslimischen Communities – all das lässt sich nicht allein mit „Import“ und „Nahostkonflikt“ erklären. Es handelt sich um die Aktivierung einer tradierte Feindschaft, die durch Migration und Parallelgesellschaften nach Europa übertragen wurde.
Wer die theologischen und kulturellen Wurzeln konsequent herunterspielt, macht sich unfähig, die Integrationsfrage ehrlich zu stellen. Die Solidarität der Umma, das in Koran und Sunna verankerte Gemeinschaftsgefühl, wirkt im Konfliktfall als Verstärker: Der Jude wird nicht primär als politischer Gegner Israels gesehen, sondern als Teil eines metaphysischen Feindes. Die islamistische Variante, die nach 1967 dominant wurde, ist keine bloße „Aufladung“ eines politischen Konflikts, sondern die Rückkehr zu einer älteren, religiös fundierten Ablehnung.
Antisemitismus ist nicht „korrigierbar“
Rechtsintellektuell muss man hier eine klare Grenze ziehen. Kulturen und Religionen sind keine leeren Gefäße, in die man beliebige Inhalte gießen kann. Sie tragen Prägungen, die über Jahrhunderte stabil bleiben und in Krisen reaktiviert werden. Der europäische Antisemitismus des 19. Jahrhunderts war eine moderne, rassistische Ideologie, die den religiösen Antijudaismus des Christentums transformierte und radikalisierte. Der muslimische Antijudaismus war und ist stärker theologisch-rechtlich strukturiert und weniger auf „Rasse“ als auf Glauben und Status bezogen.
Die Mischung beider Traditionen im 20. Jahrhundert hat etwas Neues und besonders Virulentes hervorgebracht. Aber die Vorstellung, man könne den muslimischen Anteil als „Abweichung“ von einem ansonsten friedfertigen Islam abspalten, ist eine westliche Projektion – eine Fortsetzung jener orientalischen Romantik, die den Islam immer schon besser verstand als die Muslime selbst. Die Konsequenzen für die deutsche und europäische Politik sind gravierend.
Wenn der Antisemitismus unter muslimischen Migranten primär als europäisches Erbe und als Reaktion auf Israel gilt, dann lautet die Therapie: mehr interreligiöser Dialog, mehr Erinnerung an die „goldenen Zeiten“ des Zusammenlebens, mehr Kritik an israelischer Politik und weniger Zumutung an die Herkunftskulturen. Das ist genau der Kurs, der seit Jahrzehnten gescheitert ist. Was nötig wäre, ist eine unsentimentale Konfrontation mit den kanonischen Texten, eine Reform des islamischen Religionsunterrichts, die die problematischen Stellen nicht wegredet, und eine Migrationspolitik, die kulturelle Kompatibilität ernst nimmt. Die Hoffnung, der Antisemitismus sei „korrigierbar“, weil er historisch entstanden sei, verkennt, dass historische Entstehung keine Garantie für leichte Beseitigung ist. Viele der stabilsten Vorurteile der Menschheit sind historisch entstanden.
Gesamtthese neigt zur Entlastung des Islams
Kamil leistet mit der Differenzierung zwischen vormoderner Praxis und moderner Radikalisierung einen Beitrag. Die Betonung christlich-arabischer Übertragungswege und der anfänglichen Skepsis mancher reformistischer Denker wie Raschid Rida ist historisch korrekt. Doch die Gesamtthese neigt zur Entlastung des Islams und zur Belastung Europas und Israels. In einer Zeit, in der jüdisches Leben in europäischen Städten wieder bedroht ist, ist das politisch riskant.
Ein rechtsintellektueller Blick besteht darauf, die Dinge beim Namen zu nennen: Der muslimische Antisemitismus hat tiefere Wurzeln als den europäischen Import. Er speist sich aus einer Tradition der Superiorität und der theologischen Ablehnung, die durch den modernen Konflikt und die Migration nach Europa eine neue, gefährliche Dynamik erhalten hat. Wer das leugnet oder relativiert, handelt nicht im Interesse der Aufklärung, sondern im Interesse einer ideologischen Schonung, die am Ende die Schwächsten trifft – die Juden in Europa und die realistischen Kräfte innerhalb der muslimischen Gemeinschaften, die eine echte Reform wollen.
Die Debatte braucht keine weiteren Beschwichtigungsnarrative. Sie braucht die Einsicht, dass Kulturen Verantwortung tragen und dass die westliche Gesellschaft das Recht und die Pflicht hat, ihre eigenen Grundlagen gegen importierte Feindseligkeiten zu verteidigen. Die Geschichte ist kein Baukasten, aus dem man die unbequemen Teile herausnimmt. Sie ist ein Kontinuum – und der Judenhass im islamischen Kontext gehört dazu.