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Archiv für die 'Literarisches' Kategorie

Wenn ich drei aufeinanderfolgende Bücher eines Autors nicht nur mehr oder weniger lobend rezensiere, sondern auch noch in ununterbrochener Reihenfolge für ihre Aufnahme in die Literaturlehrpläne plädiere, muss es etwas Besonderes haben: um den Autor, seine Erzählweise, seinen Stoff – oder alles zusammen. Gemeint ist „Trutz“, das (erste?) Alterswerk von Christoph Hein.

Der Literatur der beiden deutschen Staaten war oft eine politische Dimension eigenen, manche Texte ohne sie kaum verständlich, das betraf etwa die frühe DDR-Science Fiction (del Antonio, Weise…) ebenso wie die Agit-Prop-Szene der BRD (Kittner, Süverkrüp…). Von Anbeginn steht dabei der Begriff „Tendenzdichtung“ im Raum: solche Texte seien nicht mit den Ansprüchen autonomer Kunst zu vereinbaren, denn die affirmative Rhetorik von „Parteilichkeit“ lässt immer die Instrumentalisierung unterschiedlicher Macht- und Interessengruppen durchblicken. So sei Dichtung kein angemessenes Medium für Politik, Politik kein angemessener Inhalt für Dichtung. Die Tage kurz vor der Bundestagswahl zeigen anhand zweier Jugendbücher, dass diese Vorwürfe durchaus gerechtfertigt sind, befassen sie sich doch mehr oder weniger explizit mit der AfD und verfolgen ganz eindeutig eine politische Mission: vor dieser Partei zu warnen.

Wir sollten mal wieder über Literatur, genauer: über „Konkrete Poesie“ nachdenken. Das ist eine lyrische Form, bei der es weniger um den Inhalt von Sprache geht und mehr darum, Wörter anschaulich aneinanderzureihen. Der Dichter Eugen Gomringer, einer der bedeutendsten Autoren der deutschen Gegenwartsliteratur seit den Fünfzigerjahren, gilt als ihr Initiator und gewann u.a. 2011 den Poetik-Preis der Berliner Alice Salomon Hochschule in Berlin-Hellersdorf, an der mehr als 2500 Studenten Bachelor- sowie Masterstudiengänge für Soziale Arbeit, den Gesundheitsbereich sowie Erziehung und Bildung belegen. Der heute 92jährige gab eines seiner berühmtesten (vor rund 70 Jahren in Spanisch geschriebenen) Gedichte für die Südfassade der Hochschule her, in schwarzen Lettern ragt es dort in den Himmel. Der Inhalt: Alleen und Blumen und Frauen und ein Bewunderer. Dieses Gedicht soll jetzt, nennen wir es: modifiziert werden – wegen Sexismus-Vorwürfen.

Heiner Müllers Prognose heraufziehender Verteilungskämpfe wurde im Taumel der Wende ebenso oft belächelt wie zurückgewiesen. Mit dem Ausbrechen barbarisch geführter Terrorkriege und den daraus resultierenden Flüchtlingsströmen ist sie allerdings Realität geworden. Ein Vierteljahrhundert danach könnte es also durchaus an der Zeit sein, Heiner Müllers Texte neu zu lesen, da sie an Relevanz und Aktualität nichts verloren haben. „Zu entdecken sind prophetische Analysen, die Elend und Schrecken des triumphierenden Kapitalismus im Voraus zur Sprache bringen“ verheißt der Suhrkamp-Verlag. Ich habe den Band gelesen.

Wie kann man leben, wenn einen mehrfach der Tod verfolgt? Der Tod nicht nur der Frau, des Kindes, die ja als Fremde ins eigene Leben traten; der Tod fremder Arbeiter, fremder Soldaten…; sondern der Tod des Vaters – der ja das eigene Leben verschuldete? Schuld – ein Wort, dessen familiale Semantik gerade in politisch-ideologischen Zusammenhängen eine völlig neue Bedeutung erhält. Eine Bedeutung, die weit über das hinausweist, was als „Last vergangener Generationen“ schon in vielen Väterromanen bewältigt wurde. Christoph Hein hat keinen Väterroman wie Härtling oder Meckel geschrieben – glücklicherweise. Er schrieb stattdessen den Roman des Sohnes.

Der folgende ebenso kleine wie wichtige literaturtheoretische Exkurs soll dem viel zu ernsten deutschen Publikum aus naheliegenden Gründen die Grob- und Feinheiten teutonischen Humors etwas näher bringen. „Sarkasmus ist die niedrigste Form des Witzes, aber die höchste Form der Intelligenz“, meinte Val McDermid in „Ein Ort für die Ewigkeit“. Na, das kann ja heiter werden… ;-)

Natürlich ist es, wieder mal, ein Tod, der mich nachdenken lässt. Der Tod von einem, den ich einfach vergessen hatte. Klar, dass er das nicht wollte. Klar, es ist ihm gelungen. Ich habe Heinz Kahlau nie persönlich getroffen. Sein Leben vor allem bis Mitte der sechziger Jahre gab dazu auch nicht unbedingt Anlass: Stasi-IM, Mauerbau bejaht… Aber: der Mann war ein Dichter im „Disneyland der Paranoia“ (Chris Lunch). Außerdem war er: Texter. Und das war in der DDR etwas Besonderes.

Es waren keine guten Tage, die letzten; Vaclav Havels Gehen beendet sie jetzt hoffentlich. “Wie sind wir so geworden, wie wir heute sind? Eine der Antworten wäre eine Liste mit Buchtiteln”, fragt und antwortet die Autorin der „Kindheitsmuster“ in denselben. Stimmt. Eine andere wäre eine Liste mit Filmen. Mir ist, als hätte ohne Ablösung in Sichtweite eine gleich zweifache Schildwacht für mich und meine Generation den Posten verlassen. Denn zwei, die meine Listen maßgeblich prägten, sind nicht mehr.

Christoph Hein war immer unbequem. Man denke an die Novelle „Der fremde Freund“ (1982) und deren gefühlskalte Ärztin Claudia: Seismograph für ein Land, das an Gleichförmigkeit litt, an einer Perspektive des Wartens, die nur noch wenige Erwartungen in sich trug. Und man denke erst recht an seine „Zensur“-Rede auf dem X. Schriftstellerkongress der DDR 1987. Und jetzt also wieder: ein unbequemes Buch. Ein Roman, der schon fast als zeitgeschichtliches Dokument gelten kann. Und den ich für sehr dringend, und sehr nötig halte.

Schon das zweite Posting hintereinander anlässlich eines Todesfalls – die Abschiede werden mehr und überwiegen die Ankünfte… Aber anders als mit Amy Winehouse‘ Musik verbinde ich mit Michael Cacoyannis viel mehr: einen der besten Filme aller Zeiten, nämlich „Alexis Sorbas“, mit einigen der besten Schauspieler aller Zeiten, eine kongeniale literarische Vorlage, eine grandiose Musik, dazu Reisen, Landschaften – und nicht zuletzt Lehrveranstaltungen. Das klingt chaotisch und will enträtselt sein.

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