Feeds
Artikel
Kommentare

Archiv für die 'Massenmediales' Kategorie

Ein angekündigter Roman wird nicht erscheinen, weil seine erzählerische Ausgangssituation öffentlich unter moralischen Verdacht geraten ist. Der kulturpolitische Sprecher der baden-württembergischen AfD-Landtagsfraktion, Uwe von Wangenheim, hat dazu treffende Worte gefunden, dieder über den konkreten Vorgang noch hinausweisen: „Die Freiheit der Kunst bewährt sich nicht an gefälligen Geschichten, sondern an denen, die Widerspruch hervorrufen.“

Ständig werden neue Begriffe aus dem gemeinsamen Sprachgebrauch herausgebrochen und einer besonderen Gruppe als moralisches Eigentum zugewiesen, und jedes Mal folgt die Forderung nach sofortigem Gehorsam.

Das Auto sei ein abgeschlossener Raum, in dem man sich vornehmlich mit Menschen bewege, die man bereits kenne. Wer sich darin zurückziehe, entziehe sich dem Kontakt mit Andersdenkenden. Diese Abschottung könne es rechten politischen Kräften erleichtern, Ängste vor Fremden zu schüren.

Nicht das Böse triumphiert, sondern menschliche Klugheit. Auf dem Rathausplatz aber steht nicht die Marktfrau, sondern der Teufel.

Damit steht plötzlich weit mehr zur Debatte als die Frage, weshalb Männer durchschnittlich anders essen als Frauen; es geht darum, wie weit die Politik in die alltäglichen Entscheidungen ihrer Bürger eingreifen soll, um wissenschaftlich definierte Nachhaltigkeitsziele zu erreichen.

Als der Darmstädter Politikwissenschaftler Christian Stecker bei Caren Miosga in der ARD über unterschiedliche gesellschaftliche Vorstellungen von Migration sprach und neben dem multikulturellen einen ethnopluralistischen Entwurf erwähnte, verwandelte sich eine politikwissenschaftliche Beschreibung beinahe augenblicklich in einen Gesinnungsverdacht. Nicht mehr die Frage, welche Vorstellungen von kultureller Zugehörigkeit in einer Demokratie miteinander konkurrieren dürfen, stand im Mittelpunkt, sondern ob der Wissenschaftler durch die Verwendung eines belasteten Begriffs bereits eine Grenze des demokratisch Sagbaren überschritten hatte.

Nicht mehr nur die Regierung muss sich rechtfertigen, sondern zunehmend auch der Bürger, der ihr misstraut, ja nicht mehr glaubt. Er soll erklären, warum er zweifelt, welche Medien er konsumiert, weshalb ihm die Auskunft einer Behörde nicht genügt und was ihn veranlasst, den Gewissheiten jener Wissenschaftler zu widersprechen, deren Expertise ihm als verbindliche Orientierung angeboten wird.

Während gewöhnliche Arbeitnehmer nach wiederholtem Misserfolg mit Konsequenzen rechnen müssen, können Politiker aus Niederlagen mitunter erstaunlichen beruflichen Gewinn ziehen. Der Wähler verweigert ihnen das Mandat, das sie anstreben, und wenige Monate später bekleiden sie ein Amt, das sie aus eigener Kraft womöglich niemals erreicht hätten. Aus dem Verlierer wird ein Minister, aus dem abgewählten Abgeordneten ein Regierungschef.

Goethe wird nicht undeutsch, weil er Hafis las. Das Bauhaus wird nicht ungarisch, weil László Moholy-Nagy dort lehrte. Der Kölner Dom verliert seinen Ort in deutscher Geschichte nicht, weil die Gotik ihren Ursprung in Frankreich hatte. Austausch und Eigenart sind keine Gegensätze. Austausch setzt Verschiedenheit voraus. Wo alles unterschiedslos dasselbe wäre, könnte nichts mehr ausgetauscht werden.

Wenn aber die Berater nicht mehr lediglich Sachverstand ergänzen, sondern jene politische Entschlusskraft, Verhandlungskompetenz und Durchsetzungsfähigkeit beisteuern sollen, die eigentlich zur Stellenbeschreibung der Regierung gehören, ist aus der Beratung eine Ersatzhandlung geworden.

« Zurück - Nächste »