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Archiv für die 'Massenmediales' Kategorie

Menschen sind verschieden. Sie haben unterschiedliche Talente, Interessen, Überzeugungen und Lebensentwürfe. Eine freie Gesellschaft versucht nicht, diese Unterschiede zu beseitigen. Sie organisiert lediglich Regeln, unter denen sie friedlich koexistieren können.

Der neue Index

Eine Gesellschaft, die ihre Literatur nach politischer Loyalität vorsortiert – egal ob von links oder von rechts, egal ob informell oder staatlich – verändert nicht nur ihren Buchmarkt. Sie verändert die Grundlagen ihrer geistigen Freiheit. Sie gibt das Prinzip auf, dass der Widerspruch, die Provokation, ja die Zumutung Teil des literarischen Raums sein dürfen.

Wer Jugendlichen Social Media verbieten will, sollte offen sagen, was er ihnen stattdessen zumuten will: eine pädagogisch gepflegte Echokammer unter staatlicher Aufsicht. Eine politische Rechte, die diesen Tausch akzeptiert, hätte ihren Namen nicht verdient.

Archäologie, Klassische Philologie, Alte Geschichte – das sind jene Disziplinen, die den langen Atem der Geschichte kennen, die Relativierung des Jetzt, die Erfahrung, dass Zivilisationen entstehen und vergehen. Wer diese Fächer streicht, ersetzt historisches Bewusstsein durch Gegenwartspädagogik.

Die Vergangenheit erscheint als Dämon, der gebannt werden muss. An die Stelle des historischen Urteils tritt eine esoterische Reinigung. Wer aber glaubt, sich durch Rituale von seiner Geschichte freikaufen zu können, wird am Ende nur eines erreichen: die Unfähigkeit, Verantwortung zu übernehmen.

Wer heute keine „Haltung“ zeigt, gilt als verdächtig. Doch hinter der neuen moralischen Pose verbirgt sich oft nur alter Gehorsam – mit politisierenden Parolen und digitalem Pranger.

Die Skandale von Buchenwald und Berlinale sind Symptome ein und derselben Geisteskrankheit – nämlich einer moralischen Hysterie, die Erinnerung nur noch als Munition im Gegenwartsstreit begreift. Wer sie heilen will, muss an eine simple, heute fast radikale Wahrheit erinnern: Gedenkstätten sind keine Bühnen, und die Shoah ist kein Argument in Talkshow-Debatten über Gaza.

„Der Wahl-O-Mat ist kein Orakel, sondern ein Korridor. Er reduziert politische Urteilskraft auf Klicklogik, ersetzt Konfliktanalyse durch Prozentwerte und macht aus dem Staatsbürger einen Nutzer. Wer die Fragen stellt, regiert bereits ein Stück weit die Antwort. Und wer das Instrument mit amtlicher Aura versieht, macht aus politischer Bildung schnell eine pädagogische Bevormundung.“

Moderne Subjektivität besteht ja gerade darin, sich nicht völlig durch soziobiologische Kategorien wie Geschlecht, Herkunft oder Klasse definieren zu lassen. Aber die neue Doktrin geht weiter: Sie verlangt nicht nur, dass wir die innere Erzählung respektieren; sie verlangt, dass wir die Realität selbst so behandeln, als wäre sie nur eine Sichtweise unter vielen.

Wie aus Kunstfreiheit Bewährungsauflage wird: Der Fall Xavier Naidoo zeigt, wie ein nervöses Land Künstler moralisch verwaltet, statt dem Recht und dem Publikum zu vertrauen.

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