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Archiv für die 'Literarisches' Kategorie

„Der Boulevard ist eine perfekt entworfene und stets bestens gewartete Hysterie- und Trivialisierungsmaschinerie der Republik. Er ist die postmoderne Heldenschmiede einer heldensüchtigen Gesellschaft in ihrer ganzen unheroischen Gleichgültigkeit“, meinte Christian Schüle zu einem Mainzer Mediendisput. Anläßlich der Vorbereitung einer Sondervorlesung (u.a. über den Zusammenhang von Regierungs-PR und Boulevard) mache ich mir Gedanken über die soziale Trivialisierung, die auch Georg Seeßlens in seinem beeindruckenden Opus „Blödmaschine“ gnadenlos seziert.

Daniel H. Pink, Ex-Redenschreiber von US-Vize Al Gore, hat (schon im Herbst) ein Buch vorgelegt, das ich jetzt erst las – und es in sich hat. Quintessenz: nach der Befriedigung von Grundbedürfnissen (Essen, Schlafen, Sex – Motivation 1.0) und der Befriedigung materieller Bedürfnisse (extrinsische Anreize als Belohnung – Motivation 2.0) sollten wir bei Strafe des Untergangs unser Heil in der Motivation 3.0 suchen – Sinnmaximierung statt Gewinnmaximierung. Das klingt so visionär wie es geschrieben ist – und ist in Pinks Logik absolut nachvollziehbar. Worum geht es?

Fundstück

Ein Käufer von Kafkas 1915 als Buch erschienener Erzählung „Die Verwandlung“ gab dem Autor buchstäblich „Kredit“. Getreu dem lateinischen „credo“ glaubte er, mit dem Buch das Leben seiner Cousine zu bereichern. Was er indes mehrte, war lediglich der Vorrat an Ungewissheit bzw. Ratlosigkeit im Kreis der Familie, den er eigentlich mit Wortkunst mindern wollte. Promp forderte er – promovierter Journalist (!) den Autor auf, die Ungewissheit höchstselbst zu beseitigen. Ein „Leserbrief“ besonderer Art.

Eigentlich wollte ich mich nicht explizit zu Fukushima äußern. Die politischen Wirkungen in Deutschland liegen offen, über andere will ich derzeit nicht nachdenken. Aber da fielen mir während einer langen Bahnfahrt zwei dystopische Textes ein. Beide bewegten mich nicht so sehr bewegten wegen des Schreckens, sondern der Art des geradezu weihevollen Umgangs damit: Don deLillos warenfetischistischer Roman „Underworld“ (1997, dt. Köln 1998) und Gert Prokops „Muddies“, radioaktive Müllwüsten inmitten der „Nolands“, die in mehreren seiner grandiosen SF-Geschichten um den Privatdetektiv Timothy Truckle (1977, 1983) eine Rolle spielen. Das Weihevolle daran: beide gelten als Sehenswürdigkeit und erfreuen sich touristischen Zuspruchs. Wie ist das möglich?

Wo Welten walten…

Vor 100 Jahren (und ein paar Tagen mehr; 11.01.1911, „Der Demokrat“, Berlin) wurde Jacob van Hoddis‘ „Weltende“ erstmals publiziert – bis heute das „expressionistische Manifest“. Mich hat der Text seit meinem Studium nicht mehr losgelassen – und zu einer Neufassung inspiriert.

Ich muss gestehen: derzeit lese ich keinen Roman; mein letzter (den ich gattungstheoretisch gar nicht als solchen angesehen hätte) war Christa Wolfs „Stadt der Engel“. Aufgeschlagen liegt auf dem Nachttisch gerade Peter Hacks‘ „Die Maßgaben der Kunst“: seine gesammelten Ansichten zur Poetik, die Suhrkamp vor ein paar Wochen in einer zugegebenermaßen etwas unhandlichen Edition von […]

Ist die Zeit der großen Köpfe wirklich vorbei? Sind unsere Vordenker inzwischen wirklich Fernsehmoderatoren oder Comedians oder Personen, die sich dafür halten? Brauchen wir wirklich keine Erklärung, keine Metaphysik, keine Religion mehr, weil sich unser Leben von selbst erklärt? Stimmen die Befunde, muss jeder selbst potentielle Weise nur noch als einsamer Rufer in einer Wüste gelten, deren Leere aber als konsumistische Idylle wahrgenommen werden kann. Unterwegs in ein neues Wohlstands-Biedermeier.

Manchmal bedarf es eines Bildes, einer Impression – und plötzlich gelangen Assoziationen an die kognitive Oberfläche, ein Bedeutungskosmos, der längst vergessen schien. Genau das passierte mir, als ich heute Nachmittag an der liebevoll restaurierten Gohliser Windmühle vorbeiradelte. Ein paar kulturgeschichtliche und literarische Spurensuchen.

… „Element of Crime“- Mastermind Sven Regener. Die WDR/RB-Produktion nach seiner genialen Vorlage „Neue Vahr Süd“ (gesendet 1.12.2010) erhält einen Grimme-Preis in der Kategorie „Fiction“. Ich finde: klasse Entscheidung!

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