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Von der Philosophie über die Mathematik und die Psychologie bis hin zum Bergsport: so kann man die Karriere allein einer seiner vielen Flunkergeschichten zusammenfassen: die des wundersamen am Schopf aus dem Sumpf Ziehens, samt Pferd. In ersterer wurde daraus in Anlehnung an Nietzsches „Münchhausenscher Verwegenheit, sich selbst aus dem Sumpf des Nichts an den Haaren ins Dasein zu ziehn“, das Münchhausen-Trilemma des wissenschaftlichen Beweises eines „Urgrunds“. Von einer Münchhausenzahl spricht man, wenn die Summe ihrer einzelnen mit sich selbst potenzierten Ziffern wieder diese Zahl ergeben, sich also im übertragenen Sinne jede Ziffer selbst „hochzieht“, etwa 3435: 33 + 44 +33 + 55 = 27 + 256 + 27 + 3125.

Das Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom ist das Erfinden, Übersteigern oder tatsächliche Verursachen von Krankheiten oder deren Symptomen bei Dritten, mehrheitlich Kindern, meist um anschließend eine medizinische Behandlung zu verlangen und/oder um selbst die Rolle eines scheinbar liebe- und aufopferungsvoll Pflegenden zu übernehmen. Und als Münchhausen-Methode bezeichnet man im Bergsport eine Rettungstechnik, sich selbst mittels diverser Seiltechniken aus einer Gletscherspalte zu befreien, das engl. Bootstrapping ist eng damit verwandt. Immer jedoch geht es darum, sich ohne die im Grunde erforderliche Hilfe von außen durch eigene Kraft aus einer Notlage zu befreien.

Münchhausen zieht sich am Schopf aus dem Sumpf. Postkartenserie der Firma UVACHROM (Verlag Farbenphotographische Gesellschaft m.b.H., Stuttgart) von Oscar Herrfurth in zwei Folgen von je sechs Postkarten (vor 1934). Quelle: http://www.goethezeitportal.de/wissen/illustrationen/gottfried-august-buerger/die-abenteuer-des-freiherrn-von-muenchhausen/muenchhausens-abenteuer-in-bildern-von-oskar-herrfurth-folge-2.html

Wie bei einem Großteil der Geschichten liegt der eigentliche Witz auch hier darin, dass physikalische oder biologische Bedingtheiten wie selbstverständlich ad absurdum geführt werden: der achtbeinige Hase, der sich einfach umdreht, wenn der eine Satz seiner Läufe müde geworden ist; der kranke Überrock, der durch den Biss eines tollwütigen Hundes infiziert wurde; und natürlich der Ritt auf der Kanonenkugel. Der Urheber all dieser prahlerischen Lügengeschichten, die als Münchhaus(en)iade mit einer eigenen literarischen Gattungsbezeichnung belegt sind, Hieronymus Carl Friedrich Freiherr von Münchhausen, feierte am 11. Mai seinen 300. Geburtstag.

Vom russischen Soldaten zum Landadligen

Der Spross eines 1183 erstmals erwähnten niedersächsischen Adelsgeschlechts wächst mit sechs, nach anderen Quellen sieben Geschwistern im Herrenhaus eines Gutshofs in Bodenwerder bei Holzminden auf. Sein Vater, ein Kavallerie-Oberstleutnant, starb, als er vier Jahre alt war, die Mutter erzieht die Kinderschar. Im Alter von 12 Jahren wurde Hieronymus Page im Schloss Bevern, mit 15 Jahren am Braunschweiger Hof in Wolfenbüttel. 1737 wurde er Page von Herzog Anton Ulrich von Braunschweig-Wolfenbüttel, dem künftigen Gemahl der designierten russischen Zarin Anna Leopoldowna. Der Herzog lebte bereits in Sankt Petersburg und sollte sich in der russischen Aristokratie bewähren, was natürlich den Militärdienst einschließt.

Nach dreimonatiger Reise kommt Münchhausen im Februar 1738 in Russland an und folgte offenbar noch im selben Monat seinem Herrn in den Russisch-Österreichischen Türkenkrieg, der ihm als Folie für die ersten der ihm zugeschriebenen Lügengeschichten diente. Der „Ritt auf der Kanonenkugel“ könnte die Belagerung der osmanischen Krim-Festung Otschakow durch den russischen Oberbefehlshaber zum Hintergrund haben – auch wenn heute die Festung Bender in Transnistrien für sich in Anspruch nimmt, Ausgangs- und Rückkehrort des Kanonenkugelritts gewesen zu sein. Nach Kriegsende 1739 wurde Münchhausen zum Fähnrich, ein Jahr später zum Leutnant der von Anton Ulrich befehligten russischen „Braunschweig-Kürassiere“ ernannt, die in Riga in Garnison lagen und wohl auch am Russisch-Schwedischen Krieg teilnahmen.

Baron Münchhausen. Quelle: Von G. Bruckner – http://www.kinder.niedersachsen.de/index.php?id=676, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=7581227

Doch seine Karriere geriet ins Stocken, als sich Elisabeth, Tochter Peters des Großen, 1741 auf den Zarenthron putschte und Anton Ulrichs Familie für lange Jahre in Gefangenschaft nahm. Zwar überstand Münchhausen den Umsturz heil, weil er zu dieser Zeit in Finnland kämpfte, aber seine weitere Beförderung zum Rittmeister ließ ein ganzes Jahrzehnt auf sich warten. Die Garnisonsstadt Riga wurde in diesen Jahren sein hauptsächlicher Aufenthaltsort, die baltischen Jahre ein Quell seiner Erzählungen.

Denn der befreundete Landadlige Georg Gustav von Dunten lud ihn wiederholt auf sein Landgut nahe dem einst livländischen, jetzt lettischen Ort Ruthern (Dunte) ein, wo beide der Entenjagd nachgingen und er sich in Duntens junge Tochter Jacobine verliebte. Beide heirateten 1744 in der Kirche zu Pernigel (heute: Liepupe) unweit von Dunte. Die Einheimischen behaupten heute noch, dass es eben die Kirche zu Pernigel war, an deren Turmspitze das Pferd Münchhausens im Winter angebunden gewesen sein soll. In einer Rutherner Schenke soll er sich erstmals als Geschichtenerzähler betätigt haben. Sowohl die Schenke als auch das Landgut sind heute Museum – wie ihn Lettland überhaupt bis heute hoch schätzt.

Münchhausens Pferd am Kirchturm. Postkartenserie der Firma UVACHROM (Verlag Farbenphotographische Gesellschaft m.b.H., Stuttgart) von Oscar Herrfurth in zwei Folgen von je sechs Postkarten (vor 1934). Quelle: http://www.goethezeitportal.de/wissen/illustrationen/gottfried-august-buerger/die-abenteuer-des-freiherrn-von-muenchhausen/muenchhausens-abenteuer-in-bildern-von-oskar-herrfurth-folge-2.html

1750 nahm Münchhausen seinen Abschied, kehrte mit seiner Frau nach Bodenwerder zurück und lebte 47 Jahre das Leben eines Landedelmanns, der sein Gut bestellt, geselligen Verkehr mit seinen Gutsnachbarn pflegt und dessen liebster Zeitvertrieb die Jagd ist. 1763 ließ er die berühmte „Münchhausen-Grotte“ in seinen Berggarten bauen, in der er im Kreise seiner Freunde und Jagdgäste seine abenteuerlichen Erzählungen zum Besten gab. Sein Erzähltalent begann auch über seinen Freundeskreis hinaus allmählich berühmt zu werden. Gäste kamen nach Bodenwerder, auch von weit her, um die fabelhaften und humorvollen Geschichten zu hören.

Verwitwet und verbittert

Die ersten drei dieser Erzählungen publizierte schon 1761 Graf Rochus Friedrich zu Lynar, ein gemeinsamer Bekannter aus Petersburg, unter dem Titel „Der Sonderling“ zur moralischen Erziehung seiner Bediensteten. Zwanzig Jahre später erschienen in einem anonym veröffentlichten „Vademecum für lustige Leute“ sechzehn Anekdoten, die einem Herrn „M-h-s-n“ in den Mund gelegt wurden. Der für seine öffentlichkeitsscheue Zurückgezogenheit bekannte Münchhausen selbst war von der Veröffentlichung keineswegs begeistert, denn dieses Büchlein, erst recht die nachfolgenden, machte ihn zwar berühmt, ruinierte aber seinen Ruf: nun galt er als der „Lügenbaron“ und war – in seinen Augen – der Lächerlichkeit preisgegeben.

Erster Nachfolger war „Baron Munchhausens Narrative of His Marvellous Travels und Campaigns in Russia” des verschuldeten Universalgelehrten und Kustos Rudolf Erich Raspe, gelegentlicher Gast in Bodenwerder. Er war nach einem entdeckten Diebstahl nach England geflohen und veröffentlichte, um an Geld zu kommen, 1785 in London eine Reihe von Anekdoten und Reiseabenteuern unter Münchhausens Namen. Raspes Buch wurde ein ungeheurer Erfolg und zog vier stets erweiterte Neuauflagen nach sich, darunter mit Seeabenteuern, Geschichten von Lukian, dem antiken Erfinder der Lügengeschichte, und englischen Kriegsberichten.

Zweiter Nachfolger war „Wunderbare Reisen zu Wasser und zu Lande – Feldzüge und lustige Abenteuer des Freiherrn von Münchhausen, wie er dieselben bei der Flasche im Zirkel seiner Freunde selbst zu erzählen pflegt“, die im September 1786 Gottfried August Bürger in Göttingen veröffentlichte. Sie gelten heute als bekannteste Fassung der Abenteuer des Lügenbarons und stellen teilweise eine Übersetzung von Raspes Vorlage, teilweise Bürgers eigene Schöpfung dar. Seither wurden auch Vorwürfe der Blasphemie laut, die mit der Lüge offensichtlich zusammengehört – nach der Offenbarung des Johannes sind ja Prahlen, Lästern, Lügen und Gott verleugnen dasselbe: Sünde und Teufelswerk. 1788 veröffentlicht Bürger einen zweiten Band.

Münchhausens Ritt auf der Kanonenkugel. Postkartenserie der Firma UVACHROM (Verlag Farbenphotographische Gesellschaft m.b.H., Stuttgart) von Oscar Herrfurth in zwei Folgen von je sechs Postkarten (vor 1934). Quelle: http://www.goethezeitportal.de/wissen/illustrationen/gottfried-august-buerger/die-abenteuer-des-freiherrn-von-muenchhausen/muenchhausens-abenteuer-in-bildern-von-oskar-herrfurth-folge-2.html

Hart traf Münchhausen 1790 der Tod seiner Ehefrau, mit der er eine glückliche, aber kinderlose Ehe hatte. Er warb dann um sein Patenkind Bernhardine, die erst 17-jährige Tochter des Majors von Brunn aus Polle. Die Ehe scheiterte schon nach kurzer Zeit wegen erwiesener Untreue seiner jungen Frau. Ein von Münchhausen angestrengter Scheidungsprozess wurde von Advokaten in die Länge gezogen – nicht zuletzt mit einem Münchhausenbuch, das auf dem Richtertisch landete und ihn als unglaubwürdigen Lügenbaron erscheinen lassen sollte. Der Freiherr verlor im Prozess fast sein ganzes Vermögen und musste 1794 das Gut Bodenwerder formell an seinen Neffen Wilhelm abtreten, blieb jedoch dort wohnen. Sein Ruf, sein Ruin und seine Scheidung ließen ihn zunehmend verbittern.

„Verbeugung vor der Fantasie“

Der Scheidungsprozess war noch nicht beendet, als Münchhausen am 22. Februar 1797 verstarb und in der nahen Klosterkirche Kemnade beigesetzt wurde. Seine Heimatstadt trägt seit 2013 offiziell den Titel Münchhausenstadt, das Herrenhaus dient heute als Rathaus. Beim jährlichen Münchhausen-Musical können Besucher die fantasievollen Geschichten des Barons als Freilichtspiel verfolgen. Die große Bedeutung des Adligen für Bodenwerder zeigt sich auch in der jährlichen Verleihung des Münchhausen-Preises, mit dem die Stadt seit 1997 Menschen mit „besonderer Begabung in Darstellungs- und Redekunst, Fantasie und Satire“ ehrt. Zu den Preisträgern gehörten etwa Ephraim Kishon, Rudi Carell und Dieter Nuhr. Einige deutsche und lettische Münzen und Briefmarken sind ihm gewidmet, ein Asteroid ist nach ihm benannt.

Insgesamt sind allein für die deutschen Ausgaben über 100 Lügengeschichten überliefert und von verschiedenen Autoren –zigfach adaptiert worden, so 1839 von Karl Leberecht Immermann, 1906 von Paul Scheerbart und 1934, als Schauspiel, von Walter Hasenclever. Seit Georges Méliès Stummfilm 1911 wurden Münchhausen-Geschichten auch mehrfach sowohl als Real- wie auch Zeichentrickfilm verfilmt. Zu den bekanntesten gehört der UFA-Film „Münchhausen“ von 1943 mit Hans Albers in der Titelrolle, für den Erich Kästner unter Pseudonym das Drehbuch schrieb und der mit rund 6,5 Millionen Reichsmark Produktionskosten nach „Kolberg“ die zweitteuerste Filmproduktion der NS-Zeit war. In einem französischen Trickfilm 1979 lieh Harald Juhnke Münchhausen seine Stimme. 1988 drehte Ex-Monty-Python Terry Gilliam eine aufwändige Produktion unter anderem mit Oliver Reed, Robin Williams und Sting.

Für ein paar Bier erzählt der heruntergekommene Münchhausen (Jan Josef Liefers) seine Abenteuer. Quelle: https://cdn.prod.www.spiegel.de/images/c16162dc-0001-0004-0000-000000440752_w1528_r1.4900234741784038_fpx49.63_fpy50.jpg

Die letzte große Verfilmung lieferte unter dem Titel „Baron Münchhausen“ die ARD zu den Weihnachtsfeiertagen 2012: einen zweiteiligen 180-minütigen Streifen mit Jan Josef Liefers in der Titelrolle. Münchhausen wird gezeigt als mittelloser Baron, wortgewandter Tausendsassa und weltreisender Charmeur mit einem Händchen für glaubhafte Ausreden und spektakuläre Heldentaten – und das weibliche Geschlecht – der sich dank seines Talents ein ums andere Mal aus brenzligen Situationen rettet. „Unser Münchhausen ist eine Verbeugung vor der unbändigen Fantasie, vor dem Kind in uns allen“, sagte Liefers über die Rolle. „Und er ist ein Dankeschön an alle Spinner und weltfremden Außenseiter, die vielleicht nicht mit der Realität klar kommen, aber trotzdem nicht an ihr scheitern, weil sie Träume für bare Münze nehmen und uns an das erinnern, was wir irgendwann in unserem Leben auch mal gerne sein wollten.“

Die Adelsspezialisten rätseln bis heute über einen genealogischen Fauxpas, der wohl kaum jemals aufgeklärt werden dürfte: die potentielle Verwandtschaft zwischen Camilla Parker Bowles, der heutigen Kronprinzessin und Herzogin von Cornwall, und ihrem Mann, dem britischen Kronprinzen Charles. Die Erklärung: Alice Keppel, die letzte und innigste Mätresse von Kronprinz Albert Edward, schenkte 1900 einer Tochter das Leben, Camillas Großmutter Sonia, von der bis heute unklar ist, ob dem Kronprinz oder Keppels Mann die Vaterschaft gebührt. Wie durch eine merkwürdige Fügung des Schicksals wurden beide Frauen, blutsverwandt und im Abstand von vier Generationen, zu Mätressen eines Prince of Wales.

Die Freimaurer dagegen feiern ihn noch heute als Protektor der britischen Freimaurerei und, bis zu seiner Krönung, Großmeister der Vereinigten Großloge von England. Die Zahl der aktiven Logen stieg in der Zeit seiner Großmeisterschaft von 1200 auf über 3000. Zwei seiner Brüder und seinen ältesten Sohn, den Herzog von Clarence, nahm er persönlich in den Bund auf. Bis heute kündet ein Denkmal in Marienbad (Mariánské Lázně), einem der drei berühmten Bäder in Westböhmen, in dem er jährlich kurte, vom ungleichen Treffen zweier Monarchen: Am 16. August 1904 begegneten sich hier Franz Joseph I., Kaiser von Österreich, in dem die Freimaurerei schon mehr als hundert Jahre verboten war, und Edward. Eine Heilquelle vor dem Marienbader Hotel Cristal Palace heißt nach ihm, sie soll Magen- und Darmbeschwerden lindern.

Treffen in Marienbad. Quelle: https://www.lokalkompass.de/oberhausen/c-kultur/urlaub-in-marienbad-tschechien_a573682#gallery=default&pid=7328772

Edward, der erste britische Herrscher aus dem Haus Sachsen-Coburg-Gotha, das in Großbritannien seit 1917 Haus Windsor genannt wird, starb am 6. Mai 1910. Die neun Majestäten, die wenige Tage darauf hoch zu Roß seinem Sarge folgten, sollen ein so überwältigendes Bild geboten haben, dass die schwarzgekleidete Menge ehrfurchtsvoll schwieg. Scharlachfarben, blau, grün und purpurrot ritten die Herrscher jeweils zu dreien nebeneinander, mit nickenden Helmbüschen, goldenen Tressen, karmesinroten Schärpen und juwelenbesetzten Orden, die in der Sonne aufblitzten. Ihnen folgten fünf Thronerben, dann weitere vierzig kaiserliche oder königliche Hoheiten, sieben Königinnen – davon drei Regierende und vier Königinwitwen – und eine Schar von Sondergesandten aus Ländern, deren Herren keine Krone trugen.

Man hatte Eduard oft den „Onkel Europas“ genannt, und diesen Titel konnte man, soweit es sich um die regierenden Häuser Europas handelte, ganz wörtlich nehmen. Er war der Onkel nicht nur Kaiser Wilhelms, sondern durch die Schwester seiner Frau, die Kaiserinwitwe Marie von Rußland, auch des Zaren Nikolaus II. Seine Nichte Alix war die Zarin, seine Tochter Maud Königin von Norwegen; eine andere Nichte, Ena, war Königin von Spanien, eine dritte, Marie, sollte bald Königin von Rumänien werden. Insgesamt waren siebzig Nationen vertreten in dieser größten Versammlung von Königen und Würdenträgern, die sich je an einer Stelle zusammengefunden hat und die in ihrer Art die letzte sein sollte.

„Sein Intellekt ist schwach“

Prinz Albert Edward wurde am 9. November 1841 als ältester Sohn und zweites von neun Kindern von Königin Victoria und ihres Prinzgemahls Albert von Sachsen-Coburg-Gotha im Londoner Buckingham Palace geboren. Bereits vier Wochen nach seiner Geburt wurde ihm der Titel eines Prince of Wales verliehen. Das Königspaar war entschlossen, „Bertie“, wie er im engeren Familienkreis genannt wurde, eine Ausbildung zukommen zu lassen, die ihn zu einem vorbildlichen konstitutionellen Monarchen machen sollte. „Ich hoffe und bete, dass er wie sein liebster Papa werden möchte“, schrieb die Königin in einem Brief an ihren Onkel Leopold I. von Belgien. Sein überaus strenger Vater bestellte Privatlehrer und Erzieher und übergab ihnen den siebenjährigen Prinzen, der jedoch von unstetem Wesen war und sich nicht als Musterschüler erwies.

Edward bei seiner Krönung. Quelle: Von W. & D. Downey – Weltrundschau zu Reclams Universum 1902, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=71143459

Bald macht die Mutter keinen Hehl daraus, dass sie ihren ältesten Sohn für einen vollkommen ungeeigneten Thronfolger, die ältere Schwester dagegen für begabt und intelligent hält. „Sein Intellekt – ach! – ist schwach“, schreibt sie über ihren Sohn. Zweisprachig erzogen, meisterte er die deutsche Sprache zuerst, während er sich mit dem Englischen zunächst schwer tat. Der Privatunterricht des Jungen an sechs Tagen die Woche gerät zum Desaster. Die Lehrer schaffen es kaum, seine Aufmerksamkeit zu fixieren. „Sie ließen seinen Kopf vermessen, um zu sehen, was mit ihm nicht stimmte“, sagt Historikerin Jane Ridley im WDR. Dabei hat der Junge durchaus Eigenschaften der königlichen Mutter geerbt. „Er war jähzornig, scharfsinnig, aber kein Akademiker“, so Ridley. Dennoch hätten die Eltern gerne einen Intellektuellen mit hohen moralischen Prinzipien aus ihrem ältesten Sohn gemacht.

Tatsächlich entwickelt sich Prinz Edward genau ins Gegenteil: Bücher sind ihm ein Leben lang ein Graus. Auch die Studienreisen durch Europa und Ägypten, die seine Eltern ihm als Teenager verordnen, wecken nicht das erhoffte Interesse an Kunst, Kultur und Geschichte. Mit einer Ausnahme 1855: Während eines Besuchs in Paris mit seinen Eltern entwickelt Eduard eine lebenslange Liebe zu Frankreich. Zu Napoleon III. sagte er: „Sie haben ein schönes Land. Ich wäre gern Ihr Sohn.“ Diese Vorliebe für alles Französische, die im Gegensatz oder vielleicht auch im Widerspruch zu den deutschen Neigungen seiner Mutter stand, hielt sein Leben lang an; er machte sie nach ihrem Tode nutzbar. Dennoch erhielt er ab 1859 die standesgemäße Ausbildung in Oxford und Cambridge. Seine erste diplomatische Erfahrung sammelte er 1860: Erstmals besuchte ein britischer Thronfolger Kanada und die Vereinigten Staaten. Eduard zeigte dabei großes diplomatisches Geschick, und der Besuch wurde als außenpolitischer Erfolg gefeiert.

Doch vorerst widmet er sich den leichten Dingen des Lebens: Jagd, Mode, Glücksspiel, Zigarren – und Damen. Im irischen Armeelager Curragh wollten Offizierskollegen dem Prinzen ein besonderes Geschenk bereiten und „schmuggelten“ die junge irische Schauspielerin Nellie Clifden in sein Bett. Als das Stelldichein der Königin zu Ohren kam, war die Panik groß, denn „Berties“ Hochzeit mit der jungen Prinzessin Alexandra von Dänemark war bereits ausgemachte Sache. Es galt, die Affäre möglichst unter Verschluss zu halten und einen Skandal für den zukünftigen König zu vermeiden – mit ungeahnt schweren Folgen.

Hochzeit mit Alexandra. Quelle: https://i.pinimg.com/originals/ff/b1/b3/ffb1b3b5ad1cf3ad59363800cbd1adc9.png

Der gesundheitlich schwer angeschlagene Albert ließ es sich wegen des Ernsts der Lage nicht nehmen, seinen Sohn selbst aufzusuchen und ihm eine persönliche Standpauke zu halten. Ein langer Spaziergang im Regen hatte fatale Folgen. Sein Gesundheitszustand verschlimmerte sich und er starb kurz nach seiner Rückkehr am 14. Dezember 1861. Es war ein prägendes Ereignis, das Victorias Beziehung zu ihrem Sohn für den Rest ihres Lebens belasten sollte. Für sie war „Bertie“ allein schuld am Tod seines Vaters. Ihrer Tochter Vicky schrieb sie in einem Brief: „Ich kann und werde ihn nie wieder ohne Schaudern anschauen.“

„übergewichtiger Ehebrecher“

Victoria wird jahrzehntelang zögern, ihn mit offiziellen Aufgaben zu betrauen, und trieb ihn damit indirekt in ein müßiges Leben zwischen Jagd, Banketts und Bettgeschichten. Daran ändert auch die Heirat mit Alexandra am 10. März 1863 nichts, die ihm in sieben Jahren sechs Kinder schenkt. „Alexandra ist meine Zuchtstute, die anderen sind meine Reitpferde“, pflegt er zu sagen. Äußerlich ist der britische Prinz alles andere als gut aussehend, aber er kann Menschen in seinen Bann ziehen. „Jeder, mit dem er sprach, fühlte sich wertgeschätzt“, so Biographin Ridley. Diesem Charme – und wohl auch dem königlichen Titel – erliegen zahlreiche Damen der feinen und weniger feinen Gesellschaft. Beachtliche 55 Affären sagt man ihm nach, darunter auch mit der Mutter von Winston Churchill. Eduard war insgesamt 59 Jahre lang Prince of Wales und galt als „ewiger Thronfolger.“

1875 wird er zum Feldmarschall ernannt, im selben Jahr stärkt seine Reise nach Indien die Verbindung zwischen beiden Ländern. 1878 setzt er sich als Präsident der britischen Sektion der Pariser Ausstellung für ein gutes Verhältnis zwischen Großbritannien und Frankreich ein. Als „Bertie“ 1901 schließlich den Thron besteigt er und er sich wohl kaum zufällig gegen den Namen Albert entschied, sind die Erwartungen an den fast 60-jährigen niedrig. „Viele sahen Edward VII. als übergewichtigen Ehebrecher“, so Ridley. Zur allgemeinen Überraschung arbeitet der Lebemann hart und wird ein beim Volk beliebter Monarch, der vor allem die bis dato miserablen Beziehungen zwischen Frankreich und Großbritannien verbessert. In den neun kurzen Jahren seiner Regierung hatte England notgedrungen seine splendid isolation aufgegeben. An ihrer Stelle war, da die englische Politik seit je weniger zu regelrechten Bündnissen neigte, eine Reihe von „Abkommen“ und Vereinbarungen mit zwei alten Feinden getreten, nämlich Frankreich und Russland, und mit einer vielversprechenden neuen Macht: Japan.

Auf dem Höhepunkt des Ruhms. Quelle: Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=1612595

1903 wird er zum Kaiser von Indien proklamiert. Während eines Besuchs in Paris bereitet Eduard VII. den Boden für ein britisch-französisches Bündnis vor, die „Entente cordiale“. Am 8. April 1904 wird sie offiziell besiegelt; durch die Einbeziehung Russlands entwickelt sich daraus 1907 die Tripelentente. Die daraus resultierende Veränderung des Gleichgewichts war in der ganzen Welt zu spüren und wirkte sich in den wechselseitigen Beziehungen aller Staaten aus. Obwohl Eduard den politischen Kurs seines Landes weder bestimmte noch beeinflusste, gab sein persönliches diplomatisches Geschick bei dieser Umstellung doch den Ausschlag. Nur das Verhältnis zu Deutschland, mit dem England seit geraumer Zeit im Marine-Wettrüsten verstrickt ist, verschlechtert sich zusehends. „Ich habe nicht mehr lang zu leben. Und dann wird mein Neffe in den Krieg ziehen“, prognostiziert er im März 1910. Für Wilhelm II. ist der Bruder seiner Mutter, dem er weder befehlen noch imponieren konnte, ein böser Geist, Anstifter der Einkreisung Deutschlands: „Er ist ein Satan! Man glaubt gar nicht, was für ein Satan er ist.“ Dieser Ausspruch des Kaisers fiel 1907 in Berlin bei einem Essen vor dreihundert Gästen.

In gesellschaftlichen Kreisen gefiel er durch sein ungezwungenes und einnehmendes Wesen. Aufsehen erregte sein Empfang einer indianischen Delegation aus dem Westen Kanadas im Jahr 1906. Innenpolitisch macht er die strikte Zurückhaltung des Monarchen gegenüber Regierungshandlungen zum Bestandteil des Verfassungslebens. Gleichzeitig nimmt er die unter Königin Viktoria in Verfall geratene Tradition glanzvoller Selbstdarstellung der Monarchie wieder auf. Er betätigte sich seit langem als Patron der Künste und Wissenschaften und war bei der Gründung des Royal College of Music beteiligt. Der exzessive Kettenraucher, der mit zunehmendem Alter an Bronchitis litt, brach im März 1910 während eines Aufenthalts in Biarritz zusammen, erlitt mehrere Herzinfarkte und verstarb schließlich, in Anwesenheit von Alice Keppel, am 6. Mai. Robert Scott benannte eine antarktische Halbinsel nach ihm, auch zwei Stadtparks im australischen Perth und in Lissabon tragen seinen Namen.

Bertie und Alice. Quelle: http://dianalegacy.com/wp-content/uploads/2019/08/King-Edward-VII-and-Alice-Keppel-Image-GETTY.jpg

Alice war 78, als sie 1947 in Florenz starb. Ihre Urenkelin Camilla hat sie nicht mehr kennen gelernt. Vermutlich hätte sie sich über deren Liaison mit Charles amüsiert. Ob sie allerdings die Ehe mit dem Prinzen gutgeheißen hätte, ist fraglich. Als Edward VIII. 1936 wegen der geschiedenen Wallis Simpson auf den Thron verzichtete, schüttelte sie sich und sagte: „Zu meiner Zeit wurden diese Dinge besser geregelt.“ Sie wusste eben noch, wo sie als Geliebte hingehörte, meint Stefanie Rosenkranz im Stern: „ins Bett und nicht auf den Thron.“

Sein größtes ästhetisches Geheimnis ist eigentlich winzig: „Mach den Zuschauer zum Vorwisser aller bedrohlichen Geschehnisse“. So schickte der Schurke des Streifens „Sabotage“ (1936) einen kleinen Jungen mit einem Paket los, in dem eine Zeitbombe tickt. Der Zuschauer weiß, wieviel Zeit dem Jungen bleibt, sich des gefährlichen Päckchens zu entledigen. Der Junge jedoch trödelt, er ist eben ein Kind. Und da er sich verspätet, fliegt er mitsamt einem Omnibus in die Luft. Diese Szene zerrte so an den Nerven der Zuschauer, dass nach der Premiere eine Kritikerin auf den Regisseur zustürzte, um ihn tätlich anzugreifen. Ihr Name ist vergessen, der des Regisseurs nicht: Alfred Hitchcock.

Seine Filme führen in die aberwitzigen Abgründe menschlicher Ängste hinein wie im Meisterwerk „Vertigo“, frönen schamlos voyeuristischen Gelüsten wie in „Das Fenster zum Hof“ oder lassen eine Hoteldusche zu Dantes Inferno geraten wie in „Psycho“. Er gilt als bislang unübertroffener Meister der „suggestiven Verführung“ und schuf „Dramen des intakten Gehorsams gegenüber einer verqueren Erziehung“, ja „eine Welt, in der Angst und Luxus die beiden Waagschalen auf der Waage der Verdrängungen sind und die Sexualität die heimliche Kraft“, befand Hellmuth Karasek einst im Spiegel.

Alfred Hitchcock. Quelle: https://time.com/3977310/alfred-hitchcock-quotations/

Zwischen 1925 und 1976 drehte er insgesamt 53 Filme, in denen vor allem Blondinen nirgendwo sicher waren. Mal stürzten sie von einem Kirchturm in die Tiefe, mal wurden sie unter der Dusche von einem Psychopathen oder unter freiem Himmel von Vögeln attackiert. Die Schauspielerin Tippi Hedren, die mit „Die Vögel“ und „Marnie“ zum Star wurde, behauptete, auch die Darstellerinnen der Blondinen hätten sich ihrer Haut erwehren müssen – gegenüber Hitchcock selbst. Der erst dickliche, im Alter dann kugelrunde Regisseur mit der unvermeidlichen Zigarre zwischen den fleischigen Fingern starb vor 40 Jahren, am Morgen des 29. April 1980 in seinem Haus in Los Angeles an Nierenversagen. Seine Leiche wurde eingeäschert, die Asche an einem unbekannten Ort verstreut.

Vom Zeichner zum Produktionsleiter

Der am 13. August 1899 geborene Sohn eines Londoner Gemüsehändlers erzählte immer wieder gerne ein Angst-Erlebnis aus seiner Kindheit. Als er eines Abends zu spät nach Hause kam, schickte ihn sein Vater mit einem Brief zu einem befreundeten Wachmann auf die Polizeistation. Der Wachmann las den Brief, warf den Jungen ins Gefängnis und brüllte ihn an, dass es so allen Kindern ergehe, die zu spät nach Hause kämen. Aufgrund des großen Altersunterschieds zu seinen älteren Geschwistern, seiner katholischen Erziehung zumal an einer strengen Jesuitenschule und nicht zuletzt aufgrund seines Äußeren – er war klein und schon als Kind korpulent – schreiben Biographen von einer einsamen Kindheit – ein Aspekt, der gerne banal-psychologisch zurechtgelegt wird: Weil der große Hitchcock Kindheitsängste verarbeiten musste, drehte er Filme, die Angst machen.

Hitchcock ging kurzzeitig auf eine Ingenieursschule, belegte Kurse an der Londoner Kunstakademie und flüchtete sich in die Kunst: er las, besuchte Theatervorstellungen und ging oft ins Kino, verfolgte aber auch Mordprozesse im Gerichtshof Old Bailey. Ab 1915 arbeitete bei einer Telegraphen-Gesellschaft, wo er wegen seines zeichnerischen Talents bald in die Werbeabteilung versetzt wurde. Unter seinem Spitznamen „Hitch“ veröffentlichte er in der Betriebszeitschrift erste gruselige Kurzgeschichten. 1920 wurde er als Zeichner von Zwischentiteln bei der Londoner Paramount angestellt, entwarf nebenbei Kostüme, Dekorationen und Szenenbilder und machte auch durch Überarbeitungen von Drehbüchern auf sich aufmerksam. Hitchcock wurde Regieassistent, Drehbuchautor, Szenenbildner – bei manchen Filmen nahm er als verkappter Produktionsleiter all diese Positionen ein. 1922 drehte er seinen ersten eigenen Film, der nie fertiggestellt wurde – unter tätiger Mithilfe von Alma Reville, einer Editorin, die er später heiratete und seine wichtigste Mitarbeiterin wurde. Beide sollen sich zeitlebens treu gewesen sein. 1928 wurde ihre gemeinsame Tochter Patricia geboren.

Die Drehbuchautorin Joan Harrison (2.v.l.) mit der Familie Hitchcock (1937). Quelle: Von New York World-Telegram and the Sun Newspaper Photograph Collection (Library of Congress); Acme Photographs – Dieses Bild ist unter der digitalen ID cph.3c38313 in der Abteilung für Drucke und Fotografien der US-amerikanischen Library of Congress abrufbar. Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=44147163

1924/25 kam Hitchcock als Assistent von Regisseur Graham Cutts nach Deutschland, lernte rasch die fremde Sprache und schaute Friedrich Wilhelm Murnau über die Schulter. Das Melodram „Irrgarten der Leidenschaft“, in Berlin und München gedreht, war schließlich der erste echte „Hitchcock“. Mit dem 1926 gedrehten Stummfilm „Der Mieter“ um einen einzelgängerischen Pensionsgast, der verdächtigt wird, ein Serienmörder zu sein, hatte Hitchcock sein Thema gefunden. Der Film brachte ihm den Durchbruch, wurde zum Kassenschlager und war sicher ein wichtiger Grund, danach immer wieder noch perfektere Thriller zu liefern, etwa „Der Mann, der zu viel wusste“ (1934) und „Die 39 Stufen“ (1935). Daneben drehte Hitchcock aber auch einen Operettenfilm über Johann Strauß (1933) – ziemlich lustlos, wie er später zugab: „Ich hasse dieses Zeug. Melodrama ist das einzige, was ich wirklich kann.“ Mit „Jung und unschuldig“ (1937), einer weiteren, unbeschwerten Variation der Geschichte vom unschuldig Verfolgten, und dem in einem fahrenden Zug spielenden Thriller „Eine Dame verschwindet“ (1938) festigte Hitchcock seine Ausnahmestellung innerhalb des britischen Kinos – und erlag 1939 prompt den Verlockungen von Hollywood-Tycoon David O. Selznick. 15 Jahre später nahm er die US-amerikanische Staatsbürgerschaft an.

„Spannung ist Kaugummi fürs Gehirn“

Sein Einstand war überaus erfolgreich: Das düstere, psychologisch dichte Melodram „Rebecca“ mit mehr Schauerromantik als Thrill war 1940 elfmal für den Oscar nominiert und gewann schließlich zwei Trophäen für Kamera und Produktion. In den nächsten sieben Jahren dreht er nicht nur propagandistische Kurzfilme zur Unterstützung der französischen Résistance, sondern verfeinerte auch seine Vorliebe für Kriminalstoffe im Verbund mit seinem eigenen, makabren und skurrilen Humor: „Spannung ist Kaugummi fürs Gehirn“, wird er sich später gern zitieren lassen. Es entstanden unter anderem „Verdacht“ (1941, mit Cary Grant), „Im Schatten des Zweifels“, „Das Rettungsboot“ (beide 1943) und „Ich kämpfe um dich“ (1945). Die damit begründete erfolgreiche Zusammenarbeit mit Ingrid Bergman in der Hauptrolle ging gleich in der folgenden Produktion „Berüchtigt“ (1946) weiter. Inzwischen kennt der Meister auch die Erwartungen seines Publikums: „Es heißt, dass, würde ich ‚Cinderella‘ verfilmen, das Publikum nur darauf warten würde, dass eine Leiche aus der Kürbiskutsche fällt. Das stimmt. Wenn ich die Leute mit einem meiner Filme nicht zum Erschauern bringe, sind sie enttäuscht“.

Mit seiner 1946 gegründeten Produktionsfirma „Transatlantic Pictures“ verfügte er dann über die nötige Unabhängigkeit, seine Filme künstlerisch so zu gestalten, wie er das für richtig hielt – wenn die Auftraggeber, vor allem Warner und Paramount, mitspielten. Ob Cary Grant in „Der unsichtbare Dritte“ (1959) als Werbefachmann, der durch eine Verwechslung zum Verfolgten wird, oder James Stewart als Tourist, der in „Der Mann, der zu viel wusste“ (1956) durch eine Zufallsbekanntschaft in eine internationale Verschwörung hineingezogen wurde: Unschuldig Verfolgte und der Kampf des Einzelnen gegen Kräfte, die er nicht zu fassen bekommt, gehörten zu Hitchcocks Lieblingsthemen. Doch seine Filme waren nicht nur spannend und manchmal schockierend, sondern vor allem auch so minutiös durchgeplant und choreographiert, dass sich der Meister manches Nickerchen am Set leistete (manche Biographen mutmaßten, er leide an Schlafsucht) – die Einstellungen standen ja fest.

Cary Grant in „Der unsichtbare Dritte“. Quelle: https://www.lichtspiele-kalk.de/filme/der-unsichtbare-dritte/

Denn Hitchcock verachtete Filme, in denen alle Informationen über den Dialog vermittelt werden. Er führte das Auge seines Zuschauers, erzählte seine Geschichten mit Bildern, mit Kameraperspektiven, die erklären oder falsche Fährten legen konnten. Dafür experimentierte er mit den Möglichkeiten des Films und schuf Innovationen, die heute noch ebenso Bewunderung hervorrufen wie sie inzwischen zum festen ästhetischen Inventar gehörten. So wagte er einen Film, der ohne sichtbare Schnitte einen Echtzeiteffekt zur Folge hatte („Cocktail für eine Leiche“, 1948), filmte durch Glasböden („Der Mieter“, 1926), versenkte eine Lampe in einem Glas Milch, um den Zuschauer das Gift ahnen zu lassen („Verdacht“, 1941) oder kreierte den legendären „Vertigo“-Shot (1948), bei dem er eine echte Kamerafahrt mit einer gegenläufigen Anpassung der Brennweite kombinierte. Da das Motiv während der Fahrt in unveränderter Größe im Bild bleibt, wird der Bildausschnitt des Hintergrunds entweder größer oder kleiner, wodurch ein unnatürlicher, sogartiger Effekt entsteht.

Das brachte Hitchcock die Bewunderung junger europäischer Regisseure wie Francois Truffaut ein, dem er 1962 ein fünfzigstündiges (!) Interview gab. Es erschien 1966 als „Mr. Hitchcock, wie haben Sie das gemacht?“ in Buchform und gilt als Standardwerk der Filmliteratur. Hitchcock wurde sechsmal für den Oscar nominiert: fünfmal für die Beste Regie, einmal für den Besten Film (als Produzent). Alle sechs Mal ging er leer aus, was ihn zu dem Kommentar veranlasste: „Immer nur Brautjungfer, nie die Braut“. Seine kurzen „Cameo“-Auftritte in seinen eigenen Filmen und die von ihm ab 1955 moderierte Fernsehsendung „Alfred Hitchcock präsentiert“ prägten das öffentliche Bild Hitchcocks als selbstironischer, überlegener Manipulator, der sich gern als Snob, Entertainer und Gourmet inszenierte. Sein oft mit Schadenfreude gepaarter Witz trieb manchmal bizarre Blüten: So ließ er bei einem Empfang in New York erlesene Delikatessen als (laut Karte) „gebrochene Rippen und blutiges Gulasch“ von Kellnern in Chirurgen-Montur servieren.

Schokoladensoße statt Filmblut

Zwar dreht Hitchcock mit „Immer Ärger mit Harry“ (1955) auch eine klassische Komödie, doch in nahezu allen seiner amerikanischen Filme geht es psychologisch zu. Hitchcock hatte sogar den Ehrgeiz, mit „Ich kämpfe um dich“ den ersten Film über Psychoanalyse zu drehen: Es geht um das Kindheitstrauma eines Arztes, der ein Mörder zu sein glaubt. Viel später drehte Hitchock „Marnie“ (1964), einen Film über eine Kleptomanin und ihr Trauma: Sie hatte in ihrer Kindheit wirklich einen Menschen getötet. In die Reihe von Hitchcocks psychologischen Filmen passt sein wohl berühmtestes Werk „Psycho“ eigentlich nicht, obwohl es um einen Psychopathen mit gestörter Mutterbeziehung geht. Denn das ist nur ein Auslöser, Thema des Films hingegen ist die brutale Gewalt eines Mörders, eine heftige Mischung aus Horror und Thrill. Die in einer Woche Dreharbeit entstandene zweiminütige „Duschszene“, bei der Janet Leigh gedoubelt wurde, zählt heute mit ihren 78 Kameraeinstellungen und 52 Schnitten zu seinen meistanalysierten Filmszenen. Disney war durch diese Szene, in der übrigens Schokoladensoße statt Filmblut fließt, so vor den Kopf gestoßen, dass er Hitchcock untersagte, in seinen Disneyland-Studios zu drehen. Dieser und der nächste Film „Die Vögel“ (1962) haben getreu seiner Devise „Das Drama ist ein Leben, aus dem man die langweiligen Momente herausgeschnitten hat“ das Kino nachhaltig verändert. Hitchcock ließ dabei Vögel mit Nylonfäden an Tippi Hedren festbinden, sie hätte durch einen Schnabelhieb fast ein Auge verloren.

Szenenbild mit T. Hedren. Quelle: https://www.welt.de/vermischtes/article159190122/Es-war-sexuell-es-war-pervers-und-es-war-haesslich.html

Obwohl er anfangs meinte „Je erfolgreicher der Schurke, desto erfolgreicher der Film“, gewinnen über die Jahre ambivalente oder gar negativ gezeichnete Hauptfiguren immer stärker an Gewicht. Diese Antihelden weisen physische oder psychische Probleme auf, sind Verlierertypen oder unsympathisch. Da in den USA zwischen 1934 und 1967 der „Hays Code“ (auch Production Code) galt, eine Sammlung von Richtlinien über die Einhaltung der gängigen Moralvorstellungen im Film, musste Hitchcock einen Teil seiner Kreativität auch darauf verwenden, die Beschränkungen der Zensur kreativ zu umgehen. Da die Länge von Küssen im Film damals auf drei Sekunden begrenzt war, inszenierte Hitchcock den Kuss zwischen Ingrid Bergman und Cary Grant in „Berüchtigt“ als Folge einzelner, durch kurze Dialogsätze unterbrochener Küsse. Hitchcocks größter Sieg gegen die Zensur war die Schlussszene von „Der unsichtbare Dritte“: Cary Grant zieht Eva Marie Saint im Schlafwagen zu sich nach oben ins Bett, küsst sie – und im folgenden Umschnitt donnert ein Zug in einen Tunnel. Expliziter wurde der Sexualakt nie mehr angedeutet.

1965 erhielt Hitchcock für seinen „historischen Beitrag zum amerikanischen Kino“ den Milestone Award der Producers Guild Of America – die erste von vielen Ehrungen für sein Lebenswerk, darunter auch den Ehrendoktortitel für Literaturwissenschaft von der kalifornischen Universität Santa Clara. In dieser Zeit begann er körperlich abzubauen, litt unter schwerer Arthritis, hatte mit mehreren Schlaganfällen seiner Frau umzugehen und wurde alkoholabhängig – zwischen Bad und Schreibtisch habe er in seinem Büro listenreich Verstecke für Brandy- und Wodkaflaschen angelegt, berichtet Biograph Donald Spoto. Für seine letzten Filme „Frenzy“ (1972) und „Familiengrab“ (1976) kehrte er nach England zurück. In „Frenzy“ realisierte er eine der detailverliebtesten Vergewaltigungs- und Mordszenen der Filmgeschichte: ein impotenter Mörder kommt zum Orgasmus nur dadurch, dass er sein Opfer erwürgt. Hitchcock wollte die beim Strangulieren herausquellende Zunge des Opfers mit tropfendem Speichel in einem Zwischenschnitt zeigen, was ihm erst mühsam ausgeredet werden musste. Seine Tochter hat ihren Kindern nicht gestattet, sich diesen Film anzusehen. 1979 schloss er sein Büro auf dem Gelände der Universal-Studios und wurde kurz vor seinem Tod noch im Januar 1980 in den britischen Adelsstand erhoben.

Szene aus Frenzy. Quelle: https://www.imdb.com/title/tt0068611/mediaviewer/rm3655944448

Im Scherz soll er sich einmal als Grabinschrift gewünscht haben: „Da siehst du, was einem passieren kann, wenn man als Kind nicht artig war.“ Bis heute fasziniert, wie er seine Zuschauer in einen Strudel von Lust und schlechtem Gewissen, von Begierde und Schuld, Vertrauen und Misstrauen reißt: Die Welt als schön tapezierte Mördergrube, ja Alptraumfabrik – das bleibt haften. Hitchcock ist wohl heute noch der einzige Regisseur, dessen Name sich quer durch alle Bevölkerungsschichten mit dem Kino verbindet. Man geht nicht in diesen oder jenen Film, man geht in einen „Hitchcock“. „Der Regisseur als Superstar“, befindet Robert A. Harris im BR. „Die Amerikaner haben den Thriller, den Krimi, den Suspense-Film, die schwarze Komödie immer für ein bisschen vulgär gehalten. Hitchcock hat diesen Genres Würde und den Rang einer Kunstform verliehen“.

Gäbe es den Stil „Expressiorealismus“, wäre sie seine bedeutendste Vertreterin: Käthe Kollwitz. Ihre teilweise erschreckend realistischen Lithografien, Radierungen, Kupferstiche, Holzschnitte und Plastiken beruhen häufig auf persönlichen Lebensumständen und Erfahrungen. Allein das 1985 von der Kreissparkasse Köln als erstes Kollwitz-Museum überhaupt gegründete Haus vereint mit mehr als 300 Zeichnungen, über 550 Druckgraphiken, sämtlichen Plakaten und dem gesamten plastischen Werk die weltweit größte Sammlung. Aber auch das Kupferstichkabinett Dresden beherbergt über 200 Werke der Künstlerin, die am 22. April 1945 vor den Toren der Sachsen-Metropole starb.

„Noch heute dient die Figur der Käthe Kollwitz als Projektionsfläche für -ismen aller Art: Pazifismus, Kommunismus, Feminismus“, befindet Berit Hempel im DLF. „Ihre Kunst ist völlig eigenwüchsig und trägt alle Merkmale des Genialen“, pries sie Hans Pels-Leusden vom Berliner Kollwitz-Museum, das er auf Privatinitiative einrichtete. Bis auf wenige zeitgebundene Aufträge sei ihr Werk von zeitlosem Rang, eben „für die Zeiten“, wie Nolde sagen würde. Selbst das Werk der für den Frühexpressionismus so bedeutungsvollen Paula Modersohn-Becker reiche – auch in der internationalen Ausstrahlung – nicht an die Bedeutung der Kollwitz heran.

Käthe Kollwitz, um 1940. Quelle: https://www.kollwitz.de/biografie

Am 8. Juli 1867 wird Käthe in Königsberg als Tochter des Maurermeisters und Predigers Carl Schmidt und dessen Frau Katharina geboren. Sie galt als sensibles, leicht zu deprimierendes Mädchen, das ab 1881 Zeichenunterricht bei einem Kupferstecher in Königsberg erhielt. Früh lernt sie ihren künftigen Gatten Karl Kollwitz kennen, einen jungen Mann, der mit ihrem Bruder Konrad in eine Klasse ging und den seine verwitwete Mutter mit neun Jahren ins Waisenhaus gebracht hatte.

„sei das, was du gewählt hast, ganz“

1885 bis 1889 studierte sie Malerei bei Karl Stauffer-Bern in Berlin und bei Ludwig Herterich in München. Fernab des Elternhauses blüht das Mädchen aus Ostpreußen in Bayern auf, unternimmt mit ihren Kommilitoninnen Reisen nach Italien und geht gerne auf Maskenbälle: „Wie sie als bayrisches Mädel mit dem Bierseidel in der Hand ihre Rolle, die ganze Nacht hindurch spielte, ohne auch nur einen Moment aus ihrer Rolle zu fallen. Auf einem solchen Ball trat sie zum Erstaunen und zur Begeisterung aller Anwesenden als Bacchantin auf, wo sie mit einem Kranz im Haar mit unglaublicher Leidenschaft sang und tanzte“, erinnert sich ihre Freundin Helene Bloch.

Zurück in Königsberg liest Käthe Schmidt den Roman „Germinal“ von Emile Zola über die Bergarbeiter Frankreichs und ihre unmenschlichen Arbeitsbedingungen. Die Künstlerin will die Motive von „Germinal“ auf die Leinwand bringen und besucht zu Studienzwecken Matrosenkneipen. Ein weiteres Schlüsselerlebnis war die Uraufführung der Hauptmannschen „Weber“, der sie eine Folge von Radierungen beginnen ließ. Daneben bereitete sie ihre Hochzeit vor: „Die lange Verlobungszeit hat sie auch manchmal durchaus als Last empfunden, doch je älter sie wurde, wirklich auch als Rückenstärkung. Weil, Karl hat ihr eben nicht reingeredet, Karl hat sie nicht bedrängt, Karl hat die finanzielle Sicherheit erwirtschaftet und durch Karl hat sie Einblicke in soziale Verhältnisse gewonnen“, so Iris Berndt im DLF.

K. Kollwitz mit Mann zur Kur in Bad Reichenhall. Fotografie von Walter Plew, 1935 Privatbesitz. Quelle: http://postkarten.lukasverlag.com/produkt/kaethe-und-karl-kollwitz-in-karlstein-bei-bad-reichenhall/

1891 heiratet sie Kollwitz, der sich als Kassenarzt in Berlins Stadtteil Prenzlauer Berg (am heutigen Kollwitzplatz) niederlässt, und bekommt zwei Söhne. Ihr Vater, der viel rascher den Studienabschluss, Ausstellungen und Erfolge erwartet hatte, war „sehr skeptisch gegen die Tatsache eingestellt, dass ich zwei Berufe vereinigen wollte, den künstlerischen und das bürgerliche Leben in der Ehe. Mein Vater sagte mir kurz vor der Eheschließung: ‚Du hast nun gewählt. Beides wirst du schwerlich vereinigen können. So sei das, was du gewählt hast, ganz!‘“

Nachdem sie 1895 erstmals an der „Freien Kunstausstellung“ in Berlin mit drei Werken teilnahm, folgt 1898 dann der Zyklus „Ein Weberaufstand“, der zu ihrem künstlerischen Durchbruch führte. Max Liebermann war davon so beeindruckt, dass er die junge Künstlerin noch im selben Jahr zur kleinen goldenen Medaille vorschlug. Kaiser Wilhelm II., der die moderne Kunst als „Rinnsteinkunst“ bezeichnete, lehnte ab; im Folgejahr dagegen bekam sie die Medaille. Von 1898 bis 1903 war Kollwitz Lehrerin an der Damenakademie des Vereins der Berliner Künstlerinnen und wurde neben Liebermann, Slevogt, Corinth oder Zille Mitglied der „Berliner Secession“, die gegen das historisierende Kunstverständnis Wilhelms II. opponierte.

1902 begann Kollwitz ihre zweite Radierfolge „Bauernkrieg“, für die sie sechs Jahre brauchen sollte und die ihr den Villa-Romana-Preis einbrachte. Dazwischen liegen mit Paris (1904), wo sie August Rodin traf, und Florenz (1907) zwei Auslandsjahre: „Mutter zweier Kinder, lässt die Kinder zurück, bei Mann und Betreuung, ein Kindermädchen, um sich diesen Aufbruch zu gönnen. Da steckt viel Kraft, viel Lebensfreude, aber auch viel künstlerisches Wollen dahinter“, meint Berndt. Ihr Plakat für die Deutsche Heimarbeit-Ausstellung 1906 wird auf Wunsch der Kaiserin von allen Anschlagsäulen entfernt, da Auguste Viktoria die Darstellung einer abgearbeiteten Frau missfällt. 1908 bis 1910 gestaltete sie die satirische Zeitschrift „Simplicissimus“ mit. In diese Zeit fällt eine erotische Romanze mit Hugo Heller, einem verheirateten Autor, Buchhändler und Verleger mit engem Kontakt zu Sigmund Freund. Jahre später wird sich Karl in seine Sprechstundenhilfe Else verlieben. Die Ehe übersteht beide Affären.

indirektes Ausstellungsverbot

Ein Trauma dagegen wird der Weltkriegstod ihres jüngsten Sohns Peter hinterlassen. In ihrem Tagebuch notierte sie zunächst am Montag, dem 10. August 1914, dass Peter ihren Mann bittet, ihn vor Aufgebot des Landsturms mitgehen zu lassen: „Karl spricht mit allem dagegen was er kann. Ich habe das Gefühl des Dankes, dass er so um ihn kämpft, aber ich weiß es ändert nichts mehr. Karl: Das Vaterland braucht dich noch nicht, sonst hätte es dich schon gerufen. Peter leiser, aber fest: Das Vaterland braucht meinen Jahrgang noch nicht, aber mich braucht es.“ Peter Kollwitz stirbt am 22. Oktober 1914 bei Dixmuiden in Flandern.

Alt Sankt Alban mit der Kollwitz-Skulptur. Quelle: https://www.kuladig.de/Objektansicht/O-16622-20110924-3

Der Tod des Sohnes macht Käthe Kollwitz zur Pazifistin, ließ sie mit Sozialisten zusammentreffen und brachte ihre künstlerische Arbeit nahezu zum Erliegen. Ein Denkmal will sie schaffen zu Ehren der vielen toten Freiwilligen. Erst rund zwei Jahrzehnte später wird daraus das Denkmal „Trauernde Eltern“, das dem gefallenen Sohn gewidmet ist und heute auf der Kriegsgräberstätte Vladslo steht, wohin Peter 1956 umgebettet wurde. Eine um 10 Prozent vergrößerte Kopie steht seit 1959 in der Erinnerungsruine der St.-Alban-Kirche in Köln.

Nach Karl Liebknechts Tod widmete sie ihm 1919 einen Holzschnitt. Ihrer Meinung nach hat Kunst die Aufgabe, die sozialen Bedingungen darzustellen. Einer Partei gehörte sie nie an, empfand sich aber als Sozialistin und unterstützte einen Aufruf des Internationalen Sozialistischen Kampfbundes (ISK) zu einer Zusammenarbeit von KPD und SPD. Im selben Jahr wurde sie, inzwischen auch Mitglied im Deutschen Künstlerbund, zur Professorin der Preußischen Akademie der Künste ernannt.

In den folgenden Jahren wird sie vierfache Großmutter und erfreut sich an der Entwicklung ihrer Enkel. Sie arbeitete für die Internationale Arbeiter-Hilfe (IAH), der viele linke Intellektuelle angehören, und gestaltet sozialpolitische Plakate wie „Nie wieder Krieg“ für den Mitteldeutschen Jugendtag in Leipzig , das sie 1922/1923 zur von Ernst Barlach inspirierten Holzschnittfolge „Krieg“ erweitert, und „Nieder mit den Abtreibungs-Paragraphen!“. 1927 reist sie mit Karl nach Moskau, sieht auch die Kehrseite der russischen Revolution und unterschreibt eine Petition für Inhaftierte und Proteste gegen die Verbannung russischer Wissenschaftler. Ab 1928 leitet sie das Meisteratelier für Grafik an der Akademie der Künste.

1927, bei der Auswahl der Werke für ihre Ausstellung in der Preußischen Akademie der Künste. Quelle: https://www.kollwitz.de/biografie

1933 wird Kollwitz zum Austritt aus der Preußischen Akademie der Künste gezwungen und des Amtes als Leiterin der Meisterklasse für Grafik enthoben: sie hatte den Dringenden Appell zum Aufbau einer einheitlichen Arbeiterfront gegen den Nationalsozialismus mit 32 Persönlichkeiten unterzeichnet, darunter auch Albert Einstein, Heinrich Mann und Arnold Zweig. Ab 1934 bezog sie den Atelierraum Nr. 210 in der Klosterstraße 75, wo in den nächsten sechs Jahren ihr Alterswerk entstand, etwa die Lithografie-Folge „Tod“, die Zementplastik „Mutter mit Zwillingen“ oder die Bronze „Die Klage“. 1936 ließ der Preußische Kulturminister Bernhard Rust die Exponate der Künstlerin aus der Akademieausstellung und dem Kronprinzenpalais entfernen, was einem indirekten Ausstellungsverbot gleichkam.

„sie hat nie etwas kalt gemacht“

Im Sommer 1940 stirbt ihr Mann. Sie zieht sich aus dem Atelier zurück und wird nur noch für düstere Werke Kraft finden. Die Trauer um ihren Mann, ja den Tod allgemein verarbeitet sie in der Kleinplastik „Abschied“ sowie weiteren grafischen Werken, so ihrer letzten Lithographie „Saatfrüchte sollen nicht vermahlen werden“, das Vermächtnis der Künstlerin gegen Soldatentod und Krieg. Denn im September 1942 fällt ihr ältester Enkel, der wie ihr gefallener Sohn auch Peter heißt, in Russland. 1943 verlässt sie Berlin wegen zunehmender Luftangriffe und kommt zunächst in Nordhausen bei der Bildhauerin Margret Böning unter. Am 25. November wird ihre Berliner Wohnung, in der sie 52 Jahre lang lebte, durch Bomben zerstört, viele Drucke und Platten werden vernichtet. „Da stehe ich und grabe mir mein eigenes Grab“ heißt eine ihrer letzten Zeichnungen.

Im Juli 1944 zog Käthe Kollwitz auf Einladung von Ernst Heinrich von Sachsen in den Moritzburger Rüdenhof wenige Kilometer vor Dresden um und bewohnte im ersten Stock zwei Zimmer mit Blick auf das Schloss. Von der Wohnungseinrichtung sind der Nachttisch, ihr Tagebuch und eine Büste von Johann Wolfgang von Goethe erhalten geblieben. Ihre Enkelin Jutta Bohnke-Kollwitz erinnert sich im DLF: „Am meisten genoss sie wohl die Abende, wenn wir in dem kleinen Kamin ein Feuer angezündet hatten und ich ihr aus ‚Dichtung und Wahrheit‘ vorlas. Denn Goethe war ihr unendlich lieb. Seine Maske hing über ihrem Bett; manchmal musste ich sie ihr herunterreichen, dann tastete sie mit geschlossenen Augen ab, ‚Zur Orientierung‘, wie sie sagte. Und sie erinnerte mich an die Aufforderung Goethes an Ottilie: ‚Komm, lass uns vom Sterben sprechen!‘“

Käthe Kollwitz Haus Moritzburg. Quelle: https://www.sachsens-museen-entdecken.de/museum/294-kaethe-kollwitz-haus-moritzburg/

Und in diesen Zimmern starb sie 77jährig wenige Tage vor Ende des Krieges; der Rüdenhof ist seit 1995 eine Gedenkstätte. Begraben ist sie, mit einigen Angehörigen, in der Künstlerabteilung auf dem Berliner Zentralfriedhof Friedrichsfelde, heute als Ehrengrab der Stadt Berlin gewidmet. Ihr „Denkmal der trauernden Eltern“ steht als Kopie inzwischen auch auf einer Kriegsgräberstätte für die deutschen Gefallenen des Zweiten Weltkrieges 200 Kilometer westlich von Moskau. Kollwitz lebt weiter nicht nur in der Pieta für die Neue Wache in Berlin als zentrale Gedenkstätte der Bundesrepublik für die Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft, sondern auch in Straßen, Plätzen und Schulen.

Ihre Person, die Ralf Kirsten 1987 für die DEFA mit Jutta Wachowiak verfilmte, vereint mehrere Superlative. Sie war die erste Frau, die je zur Mitgliedschaft der Preußischen Akademie der Künste aufgefordert wurde. Ebenfalls als erste Frau erhielt sie den preußischen Orden Pour le Mérite für Wissenschaften und Künste. Sowohl die Bundes- als auch die DDR-Post ehrte sie mit gleich zwei Briefmarken. Anlässlich ihres 150. Geburtstags taufte die Bahn einen ICE 4 nach ihr, selbst ein Asteroid trägt ihren Namen. Und als 13. Frau sowie erste Künstlerin wurde ihre Büste vor einem Jahr feierlich in der Walhalla enthüllt. „Am Ende bleibt die Intensität ihrer Kunst“, meint Iris Berndt. „Und wenn sie sagt, sie hat nie etwas kalt gemacht in ihrer Kunst, dann kann man das, wenn man sich nur ein bisschen Ruhe nimmt, sie zu betrachten, wenn man sich anschaut, wie sie Striche führt, wie sie Kompositionen baut, doch ja, nachempfinden.“

Vor 60 Jahren, am 21. März 1960, kam es bei einem Protestzug von 20.000 Menschen im südafrikanischen Sharpeville in der damaligen Provinz Transvaal nahe Johannesburg zu einem Massaker: Die Polizei erschoss 69 schwarze Demonstranten, mindestens 180 wurden verletzt. Der Protestgrund reichte lange zurück: Bereits 1923, lange vor der Apartheidperiode, war in Südafrika der Native Urban Areas Act (deutsch etwa: „Eingeborenenwohngebietsgesetz“) in Kraft getreten, der das Aufenthaltsrecht der schwarzen Landbevölkerung in städtischen Gebieten regelte. Die Anzahl derer, die sich in der Stadt aufhalten durften, wurde festgelegt und die Rechte der schwarzen Südafrikaner in den Städten dadurch stark eingeschränkt.

Für einen legalen Aufenthalt in den Städten musste jeder männliche schwarze Südafrikaner bei Ankunft in der Gemeinde sich in deren Verwaltung melden, seinen Arbeitsvertrag (contract of service) vorlegen und eine Gebühr für seinen Aufenthalt zahlen. Damit und den sog. „Passgesetzen“ sollte die Urbanisierung der schwarzen Bevölkerung begrenzt und auf diese Weise verhindert werden, dass die schwarze Bevölkerung die durch den Burenkrieg verarmten Buren auf dem Arbeitsmarkt verdrängte. Seit 1958 hatten schwarze Männer die Pflicht, ein reference book (Referenzbuch) als allgemeines Personaldokument ständigen mit zu führen – hatten sie dieses Dokument nicht dabei, konnten sie mit 50 Rand Geldstrafe oder bis zu drei Monaten Haft zur Verantwortung gezogen werden. Das führte seither zu ständigen Protesten – mit dem Massaker von Sharpeville als Höhepunkt.

50 Jahre Sharpeville: Mitglieder des »Pan African National Congress« demonstrierten am 21. März 2010 in Johannesburg. Quelle: https://www.jungewelt.de/img/950/135534.jpg

Sechs Jahre später rief die Generalversammlung der Vereinten Nationen in einer Resolution den 21. März zum Internationalen Tag für die Beseitigung der Rassendiskriminierung aus. 1979 wurde dieser Gedenktag durch die Einladung der Vereinten Nationen an ihre Mitgliedsstaaten ergänzt, eine alljährliche Aktionswoche der Solidarität mit den Gegnern und Opfern von Rassismus zu organisieren: Die sog. Antirassismuswochen waren geboren, die hierzulande seit 1994 vom Interkulturellen Rat in Deutschland e.V. und seit 2016 von Stiftung für die Internationalen Wochen gegen Rassismus geplant und koordiniert werden. Da die Jubiläumswochen in diesem Jahr aufgrund der Coronakrise real stark eingeschränkt waren, wichen die Organisatoren auf digitale Formate aus, mit medialer Begleitung, versteht sich.

„widerspricht dem Gleichheitsprinzip“

So boten die Badischen Neueste Nachrichten BNN dem politischen Soziologen Matthias Quent, der an den abgesagten Rassismuswochen in Karlsruhe teilnehmen sollte, ein Podium. Quent ist Gründungsdirektor des Instituts für Demokratie und Zivilgesellschaft (IDZ), einer in Trägerschaft der sattsam bekannten Amadeu Antonio Stiftung 2014 eingerichteten außeruniversitären Forschungseinrichtung, die nach einer Vereinbarung des Thüringer rot-rot-grünen Koalitionsvertrags 2016 ihre Arbeit aufnahm. Quents Berufung wurde damals von AfD und CDU kritisiert, weil er zuvor Mitarbeiter der LINKEN-Abgeordneten Katharina König-Preuss war und diese laut Medienberichten schon vor Gründung des Instituts verlautbaren ließ, dass Quent zum Direktor berufen werde.

Die Stelle wurde zudem nicht öffentlich ausgeschrieben. Der damalige CDU-Fraktionschef Mike Mohring kritisierte weiter, das IDZ sei darauf ausgelegt, Aufgaben des Verfassungsschutzes zu übernehmen; anders als dieser unterstehe es jedoch keiner parlamentarischen Kontrolle. Und genau dies bestätigte Quent, der in dem langen Interview wie schon oft zuvor seine Geldgeber nicht enttäuschte und nicht nur erschreckende Aussagen lieferte, wonach die AfD völlig selbstverständlich „rechtsextrem“ sei, sondern als ebenso selbstverständlich auch das linke Gleichheitsnarrativ normalisierte.

Matthias Quent. Quelle: CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=83825740

So entstünde Rassismus, wenn „Gruppen ihre Privilegien und ihren Anspruch auf kulturelle oder wirtschaftliche Überlegenheit“ verteidigten, was dem „Gleichheitsprinzip“ widerspreche. Dass Quent hier das naturrechtliche Gleichheitsprinzip, den allgemeinen verfassungsrechtlichen Gleichheitssatz neben diversen speziellen Gleichheitssätzen sowie „Gleichheit vor dem Gesetz“ mit der „Gleichheit vor dem Gesetzgeber“ in einen Topf wirft, war entweder abstrakt-naives Kalkül aus Nivellierungssehnsucht in der Tradition der französischen Revolution oder schlicht Unkenntnis. Unkenntnis des Redakteurs Alexei Makartsev, übrigens stellv. Ressortchef Politik des Blatts, war es in jedem Fall, denn sonst hätte der nachhaken müssen. Und dass die gesamte Menschheitsgeschichte auf der Verteidigung erlangter Errungenschaften beruht, wissen offenbar beide nicht oder wollen es nicht wissen.

„Unterscheidung zwischen wir und die Fremden aufgelöst“

Prompt fordert Quent nicht nur „Anti-Rassismus-Klauseln in den Landesverfassungen“, sondern „ein Selbstverständnis als Einwanderungsgesellschaft, in der die Unterscheidung zwischen ‚wir‘ und ‚die Fremden‘ aufgelöst wird“. Das ist kein Witz. Dass damit jede Differenzierung der Einwanderungsgründe unterbleibt und zugleich einer weiteren Begriffsmelange das Wort geredet wird, nämlich einer aus „Gewaltunterworfenen“, „Staatsbürgervolk“ (Demos), „Bevölkerung“ und „Volkszugehörigen“, bekommen beide wiederum nicht mit oder wollen es nicht. In dem Satz „Die Zivilgesellschaft kann zeigen, wie ein friedliches und solidarisches Zusammenleben durch die alltägliche Praxis von Gleichwertigkeit gelingen kann“, findet dieser Themenbereich einen vorläufigen Höhepunkt – ohne dass auch nur ansatzweise thematisiert wird, wie der gesellschaftliche Friede und erst recht der Sozialstaat mit solch einer aufgelösten Unterscheidung überhaupt noch haltbar ist.

Der zweite Themenbereich rankt sich um die Gleichsetzung „rechter“ und „rechtsextremer“ Anhänger und der Unterstellung, beide seien per se „rassistisch“. Das befördert diesmal aktiv der fragende Journalist: „Stehen wir der wachsenden rechten Gewalt ohnmächtig gegenüber?“ Darauf antwortet Quent prompt „Nein. Wir können ein soziales Klima schaffen, in dem die rassistische Gewalt unwahrscheinlicher wird.“ Damit hat Quent auf eine Frage geantwortet, die Makartsev gar nicht gestellt hatte – ohne dass der darauf einging. Auch hier wird weder auf saubere Begrifflichkeiten geachtet noch die Unterstellung, was denn rechte Gewalt sei, erklärt geschweige faktisch untersetzt – und von linker Gewalt natürlich geschwiegen.

Bernd Gögel. Quelle: https://www.stuttgarter-nachrichten.de/media.media.bf2b599b-c66c-48ed-88da-02dad6c49bc9.original1024.jpg

Aber es kommt noch besser: Die Beobachtung der AfD sei „überfällig“, befindet Quent. Und er begründet das so: „Solange der Verfassungsschutz eine Deutungsinstanz ist, die sagt, was demokratisch ist und was nicht, muss man zur Kenntnis nehmen, dass die AfD programmatisch und ideologisch nicht auf dem Boden des Grundgesetzes steht. In der Gesamtheit ist es eine rechtsextreme Partei…“. Wer jetzt meint, dass dieser Unsinn nicht mehr steigerbar ist, wird beim Weiterlesen eines Besseren belehrt, denn Quent bemüht nun auch die Kemmerich-Wahl von Erfurt, die die Demokratie destabilisiere: „Wir sehen die Erosion und Verletzlichkeit der parlamentarischen Demokratie durch rechte Aggressoren [sic!], die sich nicht an demokratische Gepflogenheiten halten und die Parlamente als Bühne nutzen, um die Demokratie vorzuführen.“

„Holzhammer-Propaganda“

„Mit solcher Holzhammer-Propaganda, dargeboten im Stil und mit dem Vokabular des Kalten Krieges, wird die faktenbefreite Spaltung der Bürger in Gut- und Schlechtmenschen weiter befördert“, erregt sich Baden-Württembergs AfD-Fraktionschef Bernd Gögel MdL. Er kritisiert neben dem moralisch verzerrten Demokratiebegriff des Interviews vor allem die Rassismus-Vorwürfe gegen seine Partei in einem Begriffsverständnis, das jüngst auch das ZDF etablierte: „Rassismus = Konstruktion von Gruppen + Zuschreibung von Attributen. Bei dieser Kindergarten-Definition aus der ‚poststrukturalistischen Quatsch-Soziologie‘, wie der Publizist Dimitrios Kisoudis erkennt, ist ein Konsens unmöglich. Denn erstens ist es demnach schon rassistisch, Aussagen über Gruppen zu treffen, weil Gruppen natürlich durch Attribute voneinander abgegrenzt werden. Zweitens darf man Unterschiede im Verhalten nicht benennen, die Gruppen regelmäßig kennzeichnen. Nach dieser irrsinnigen, linksradikalen Definition sind mehr Leute Rassisten, als es etwa potentielle AfD-Wähler gibt. Sich von Leuten zu distanzieren, die viel zahlreicher sind als man selbst, ist gleich doppelt sinnlos.“

Daneben ärgert Gögel, dass mit den BNN ausgerechnet ein Medium aus dem eigenen Bundesland diese Propaganda liefert. „Die Zeitung, die seit 1998 ein Auflagenminus von 32,5 Prozent zu verzeichnen hatte, gehört einer Stiftung, was eigentlich ihre Unabhängigkeit garantieren soll. Das Interview zeugt aber nicht von Unabhängigkeit, sondern von linker Einseitigkeit im Vorwahljahr. Wenn das ein Vorgeschmack auf die Publizistik des Wahlkampfs sein soll, dann wissen wir und die Bürger, welch bittere, ja ungenießbare Berichterstattung uns erwartet. Ich fordere die BNN auf, sowohl lexikalisch und stilistisch abzurüsten als auch sich ihrer Verantwortung bewusst zu sein, die sie in Bezug auf argumentative und faktenbasierte Berichterstattung haben. Journalisten sollen Texte produzieren, keine Ideologie.“

Georg Restle. Quelle: https://www.deutschlandfunk.de/morddrohung-gegen-georg-restle-ich-bin-einer-von-vielen.2907.de.html?dram:article_id=455019

Allerdings stehen die BNN damit längst nicht mehr allein, häufen sich in den letzten Wochen und Monaten doch vereinseitigende, tendenziöse Berichte. „Im wichtigsten deutschen Nachrichtenformat verhält sich die mediale Präsenz der beiden linken Oppositionsparteien DIE LINKE und Bündnis90/Die Grünen umgekehrt proportional zur Fraktionsstärke im Bundestag“, erkannte allein der Publizist Jerzy Röder nach einer gerade 4-Wochen-Inhaltsanalyse der Tagesschau auf achgut: „DIE LINKE 18 Statements, Bündnis90/Die Grünen 9 Statements, FDP 7 Statement, AfD 5 Statements“.

„Plädoyer für einen werteorientierten Journalismus“

Die Tendenzberichterstattung begann nicht erst bei den Hetzjagd-Fakenews von Chemnitz und endete noch nicht bei den WDR-Sendungen Monitor und Westpol, die im Januar nach Focus-Recherchen migrationsfreundliche und zugleich polizeikritische Berichterstattung gekauft hätten. Wir erinnern uns: Monitor-Chef Georg Restle hatte in einem „Plädoyer für einen werteorientierten Journalismus“ eine offengelegte Parteinahme nicht nur wahrhaftiger, sondern auch ehrlicher befunden – im Gegensatz zu einem von ihm konstatierten journalistischen „Neutralitätswahn“ (!). Allerdings ist auch der umgekehrte Fall beobachtbar: Als die MDR-Journalistin Wiebke Binder am Abend der sächsischen Landtagswahl von der AfD als „bürgerliche Partei“ sprach, erntete sie einen Shitstorm.

Und seit Februar diesen Jahres hat sich gar ein dritter, mittelbarer Kampfplatz eröffnet. Die Zeit und das NDR-Magazin Panorama hatten zehn Tage vor der Bürgerschaftswahl berichtet, dass Hamburgs Finanzbehörde 2016 eine Steuerschuld in Höhe von 47 Millionen Euro aus dem Jahr 2009 verjähren ließ. Außerdem wurde bekannt, dass es – entgegen Senatsangaben – ein Treffen zwischen Ex-Bürgermeister Olaf Scholz und Warburg-Chef Christian Olearius gegeben hatte. Dabei entstand der Eindruck, dass es eine verdächtige Nähe zwischen der Bank und der SPD geben würde – die prompt Stimmenverluste einfuhr. Fast ebenso prompt deuteten Abendblatt-Vize Matthias Iken sowie der langjährige Hamburg-1-Politikchef Herbert Schalthoff eine Art Wahlmanipulation an – die am Ende der AfD geholfen habe könnte.

Spiegel-Berichterstattung. Screenshot: https://sven-giegold.de/wp-content/uploads/2020/02/warburg-zeit.png

Den Vogel jedoch schossen nach der bayrischen Kommunalwahl jüngst die Erlanger Nachrichten ab. Der Leiter ihrer Lokalredaktion, Markus Hörath, bewertete in einem Kommentar den Einzug der AfD in den Stadtrat – und damit das demokratisch erzielte Wahlergebnis! – als „nicht nur abstoßend, sondern auch ekelhaft“. Es verböte sich die Zusammenarbeit mit einer politischen Kraft, „die ihre ganze Energie aus der Hetze gegen Ausländer schöpft und völkisches, nationales Gedankengut wieder salonfähig machen will“. Gefragt sei „jetzt von den demokratischen Kräften im Stadtrat Souveränität und die Fähigkeit, die Saat der spalterischen AfD nicht noch weiter aufgehen zu lassen.“ Dass er damit selbst spaltet, weil er Menschen von vornherein von der Demokratie ausschließt, bekommt offenbar auch er nicht mehr mit.

Seine Wirkungsgeschichte war wie die kaum eines anderen Amerikaners himmlischen Höhen und höllischen Tiefen unterworfen. In einer Begräbnisrede hob William Smith, erster Kanzler der Universität von Pennsylvania, die philanthropischen und wissenschaftlichen Leistungen Benjamin Franklins hervor. Der Literaturkritiker Lord Jeffrey lobte Franklin für seinen „einfachen Witz“ und pries ihn als einen der großen Vertreter des Rationalismus. Der Romantiker John Keats schrieb in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts dagegen, Franklin sei „voller erbärmlicher und auf Sparsamkeit ausgerichteter Lebensregeln“ und „kein großartiger Mann“ gewesen.

Mit dem Anbruch des Gilded Age Ende des 19. Jahrhunderts, einer Blütezeit der Wirtschaft in den Vereinigten Staaten, wurde Franklin als Musterbeispiel eines sozialen Aufsteigers wieder in weitaus positiverem Licht gesehen. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts schlug die Stimmung erneut um: so zog der Soziologe Max Weber Franklin in seinem Werk „Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus“ ein ums andere Mal als Negativbeispiel für eine Gesinnung heran, die allein auf die Steigerung des eigenen finanziellen Wohlstandes gerichtet ist. In der Wirtschaftskrise nach 1929 stieg Franklins Ansehen erneut stark an – Werte wie Sparsamkeit und Gemeinsinn standen hoch im Kurs.

Franklin-Porträt von Joseph-Siffred Duplessis (Ölgemälde, um 1785). Das Bild diente 1995 als Vorlage zur Darstellung Franklins auf der neugestalteten 100-US-Dollar-Banknote. Quelle: http://www.npg.si.edu/exh/brush/ben.htm, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=52076

Heute füllt eine lange Reihe von Werken mit Benjamin Franklins Namen im Titel die amerikanischen Buchregale. Zu schreiben über ihn und sein langes Leben gab es genug: Er war Drucker, Verleger, Publizist, Naturwissenschaftler, Politiker, Diplomat – und Erfinder. Am Ende hat er neben dem Blitzableiter auch die Glasharmonika, den flexiblen Harnkatheter, eine frühe Form der Schwimmflossen, einen Holzofen mit verbesserter Brennleistung und die Bifokalbrille erfunden: es war ihm lästig, ständig seine Fernbrille gegen die Lesebrille auszutauschen. Sie blieb bis zur Erfindung der Gleitsichtbrille internationaler Standard. Seine große Liebe in der Freizeit galt dem Schach: „Die Sittlichkeit des Schachspiels“ („The morals of chess“) gilt als erster amerikanischer Beitrag zur Schachliteratur; seit 20 Jahren ist Franklin in der US Chess Hall of Fame aufgenommen. Der Selfmademan starb am 17. April 1790 in Philadelphia.

Ich, Drucker

Geboren am 17. Januar 1706 als 15. von 17 Kindern eines ausgewanderten englischen Seifen- und Kerzenmachers in Boston, lernte er ab dem achten Lebensjahr auf der Lateinschule, um sich für ein Studium in Harvard und eine spätere Laufbahn als Pastor vorzubereiten. Er war hochbegabt, übersprang eine Klasse und musste dennoch die Schule wechseln, um Schreiben und Arithmetik zu lernen. Während Franklin in seiner Autobiographie behauptete, dies sei allein dem geringen Einkommen seines Vaters geschuldet gewesen, gehen Biographen davon aus, dass dieser schon früh die rebellische Natur seines Sohnes erkannte und ihn deshalb als ungeeignet für eine geistliche Laufbahn hielt.

Nachdem er als 10-jähriger für zwei Jahre bei seinem Vater arbeitete, ging er anschließend zu seinem Halbbruder James und arbeitete in dessen Druckerei. In der Zeit bildete er sich autodidaktisch durch Lesen weiter. Franklin war ab 1721 bei der von seinem Bruder gegründeten Zeitung „New England Courant“ tätig und verfasste anonym als „Mrs. Silence Dogood“ liberale Beiträge, in denen er die Nähe zwischen Kirche und Staat attackierte. Schon in jungen Jahren wandte er sich vom Christentum ab und wurde Deist. Die Gedanken der Aufklärung und christliche Orthodoxie ließen sich für ihn nicht vereinbaren. Als er sich 1723 dem Bruder als Autor offenbarte, kam es zum Bruch. Nach einem Intermezzo in der Druckerei von Samuel Keimer in Philadelphia zog er nach London, um sich dort als Drucker ausbilden zu lassen. Noch sein Testament beginnt mit den Worten „Ich, Benjamin Franklin aus Philadelphia, Drucker“.

1726 kehrte Franklin als Geschäftsführer zu Keimer zurück und entwickelte einen Schriftschnitt, der als der erste auf dem nordamerikanischen Kontinent gilt. Zur Erinnerung daran erarbeitete der Typograph Morris Fuller Benton die Schriftfamilie „Franklin Gothic“. Zusammen mit einem von Keimers Angestellten machte er sich selbstständig und gründete 1728 eine eigene Druckerei. Ein Jahr später übernahm er von Keimer die bis 1777 erscheinende erfolgreiche Pennsylvania Gazette und wurde damit zum ebenso stolzen wie selbst schreibenden, finanziell unabhängigen Zeitungsverleger.

Schriftbeispiel für Franklin Gothic. Quelle: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/3/35/FranklinGothicSP.svg/800px-FranklinGothicSP.svg.png

Mit der freimaurerischen Idee in London bekannt geworden, vertrat er schon in dem 1727 von ihm gegründeten Selbsterziehungsklub „Junto“, der aber allgemein der „Lederschurzklub“ hieß, maurerische Grundsätze. 1734 brachte er als erstes freimaurerisches Buch jenseits des Ozeans eine Ausgabe der „Alten Pflichten“ heraus. Von den ersten Junto-Zusammenkünften an diskutierte Franklin praktische Vorschläge zur Verbesserung des alltäglichen Lebens. Als der Club eigene Räume bezog, wurden diese mit Büchern aus dem Besitz der Mitglieder eingerichtet und so die erste Leihbibliothek in Amerika etabliert. Sie gehört heute zu den ältesten kulturellen Institutionen in den USA und verfügt über einen Bestand von mehr als 500.000 Büchern und über 160.000 Handschriften.

Zugleich wird Franklin unter ungewöhnlichen Umständen sesshaft: in einer „Common-Law“-Ehe mit seiner ersten Liebe Deborah, die inzwischen geheiratet hatte, aber von ihrem Gatten mit Schulden zurückgelassen wurde. Franklin wiederum hatte einen Sohn aus einer seiner vielen „Liebschaften mit sozial niederen Frauen, die mir über den Weg liefen“. Das Paar bekam gemeinsam noch einen Sohn, der als Kind an den Pocken starb – seitdem gilt er als Vertreter einer Impfpflicht –, und eine Tochter. 1733 startete er sein erfolgreichstes literarisches Unternehmen: das Jahrbuch „Poor Richard´s Almanach“, das bis 1758 erschien. Es war in seiner Mischung aus häuslicher Philosophie und Ratschlägen für den Alltag nach der Bibel das bekannteste Werk in den Kolonien, eine daraus entstandene Spruchsammlung wurde in 145 Editionen nachgedruckt und ist bis heute in mehr als dreizehnhundert Auflagen verkauft worden. Darin finden sich Weisheiten wie „Wer die Freiheit aufgibt, um Sicherheit zu gewinnen, wird am Ende beides verlieren“.

„Funken aus dem Schlüssel ziehen“

1736 gründete er sowohl die erste Feuerversicherungsgesellschaft als auch mit der Union Fire Company die erste Freiwillige Feuerwehr. 1737 wird er Oberpostmeister, später als stellvertretender Postminister auch Angehöriger der Kolonialverwaltung und zieht sich aus dem Geschäftsleben weitgehend zurück. Den Betrieb seiner Druckerei überließ der Privatier und „gentleman philosopher“ seinem Vorarbeiter, der ihm die Hälfte der Einnahmen überlassen musste. Anfang der 1740er Jahre gehörte er zu den Mitgründern der sich an der britischen „Royal Society“ orientierenden Gelehrtengesellschaft „American Philosophical Society“ und begann sich mit Leidenschaft mit Fragen der Naturwissenschaft, vor allem der Elektrizität, zu beschäftigen. Die von den Gelehrten zu diskutierenden Themen waren – wie vieles, was Franklin vorschlug – mehr an der Nützlichkeit als an der Theorie ausgerichtet. So sollten etwa Entdeckungen auf dem Gebiet der Nutzpflanzen, des Handels, der Geländevermessung, der Herstellung von Gütern, der Tierzucht und anderer praktischen Themen untereinander bekannt gemacht werden. Die Gesellschaft existiert bis heute.

zeitgenössische Darstellung vom Franklin-Experiment am 15. Juni 1752 mit seinem Sohn. Quelle: http://www.brieselang.net/benjamin-franklin.php

Besonders auf dem Gebiet der Luft- und Reibeelektrizität machte sich Franklin einen Namen, der ihn über die USA auch in Europa und in Deutschland bekannt machte. Er erkannte das Gewitter als Elektrizität und wies diese Annahme mit seinem berühmten „Drachenversuch“ nach: Er baute einen Drachen aus Zedernholzleisten, klemmte einen Eisendraht an die Spitze und an den Schweif seinen Hausschlüssel, in dem sich die Elektrizität sammeln sollte. Am 15. Juni 1752 zog das erhoffte Gewitter auf, und Franklin ließ seine fliegende Versuchsanordnung in den Himmel von Neuengland aufsteigen. Die Rechnung ging auf für den Tüftler: Er habe mit den Fingern Funken aus dem Schlüssel ziehen können, schwärmte er in der „Pennsylvania Gazette“.

Daraus entstand der Blitzableiter, der zuerst von Pfarrern genutzt wurde, die sich beim Schutz ihrer Kirchtürme nicht mehr allein auf ihr Gottvertrauen verlassen wollten. Der erste deutsche Blitzableiter wurde 1769 auf dem Hamburger Jacobikirchturm errichtet. Georg Christoph Lichtenberg war nicht nur ein Bewunderer Franklins, sondern machte seine wissenschaftlichen Errungenschaften über die Elektrizität in Deutschland populär und weitete sie aus. Zusammen mit Lichtenberg führte Franklin die nach der unitarischen Lehre gültige Bezeichnung von positiv und negativ zur Erklärung der Elektrizität ein. Für den deutschen Professor Lichtenberg war Franklin das Paradebeispiel des genialen Kopfes und Wissenschaftlers auch ohne akademische Laufbahn. Zweifacher Ehrendoktor in England, erhielt er von der Royal Society 1753 die Copley-Medaille, den „Nobelpreis des 19. Jahrhunderts“.

Seit dieser Zeit engagierte er sich auch explizit politisch. Bereits 1747 rief er zur Bildung einer Bürgermiliz auf: Allein ein Bund der Mittelschicht, der Händler, Ladenbesitzer und Farmer, könne die Kolonie retten. Bald schrieben sich einige zehntausend Freiwillige in die Register der von Franklin sorgsam geplanten Freiwilligenkompanien ein. Thomas, Sohn des Pennsylvania-Gründers William Penn, bezeichnete Franklin in einem Brief als „Volkstribun“ und klagte: „Er ist ein gefährlicher Mann und ich wäre froh, wenn er in einem anderen Land lebte, denn ich glaube, dass er von überaus ruhelosem Geiste ist.“

Sprecher für die Rechte der Amerikaner

1754 repräsentierte er Pennsylvania im Albany Congress, lebte zwischen 1757-62 und 1764-75 wieder in England: Erst als Repräsentant für Pennsylvania, später für Georgia, New Jersey und Massachusetts. Während seiner letzten Repräsentanten-Periode, die zeitgleich mit den Unruhen in den Kolonien war, durchlief er eine politische Metamorphose und wurde zum Zeitpunkt der Stamp Act Krise vom Anführer einer zerbrochenen ländlichen Partei zum gefeierten Sprecher für die Rechte der Amerikaner in London. Dieses sog. Stempelgesetz bestimmte, dass alle offiziellen Schriftstücke und Dokumente, aber auch Zeitungen, Karten- und Würfelspiele in den nordamerikanischen Kolonien mit Stempelmarken versehen werden oder auf eigens in London hergestelltem Papier mit einer Stempelprägung ausgefertigt sein mussten. So sollten die Kolonien finanziell an der Stationierung britischer Truppen in Nordamerika beteiligt werden, da die Kolonisten als Nutznießer dieses militärischen Schutzes für einen Teil der entstehenden Kosten aufkommen sollten. 1766 wird das Gesetz zurückgezogen.

Seite aus seiner Autobiographie. Quelle:  http://www.librarycompany.org/BFWriter/images/large/8.1.jpg

Franklin wechselte endgültig aus dem Lager der Loyalisten in das Lager der Unabhängigkeitsbefürworter. Dieser Schritt brachte ihn in heftigen Gegensatz zu seinem im New Jersey als britischer Gouverneur residierenden Sohn William. In den Jahren des Unabhängigkeitskampfes gehörte Benjamin Franklin fortan zu den führenden Persönlichkeiten: Auslöser war die Affäre um die Hutchinson-Briefe, die Franklins Biograph Gordon S. Wood als das „außergewöhnlichste und aufschlussreichste Ereignis in Franklins politischem Leben“ bezeichnet. Thomas Hutchinson, Vizegouverneur von Massachusetts, hatte eine Reihe von Briefen an den britischen Außenminister geschrieben, sich darin für eine harte Haltung gegenüber den Kolonien ausgesprochen und insbesondere empfohlen, deren Freiheiten zu beschneiden, und sei es durch spezielle Steuern. Franklin sandte sie nach Massachusetts, um auf diese Weise zu belegen, dass das Verschulden für die Krise zwischen den Kolonien und dem Mutterland nicht etwa bei der britischen Regierung, sondern vielmehr bei Kolonialbeamten wie Hutchinson liege. Die Boston Tea Party 1773 ging unter anderem auf diese Indiskretion zurück.

1776 wurde er vom Kontinental-Kongress in den Ausschuss gewählt, der die Unabhängigkeitserklärung konzipierte. Außerdem wurde er zum Vorsitzenden des die entsprechende Pennsylvania-Verfassung ausarbeitenden Gremiums eingesetzt. Gesundheitlich angegriffen, beschränkte sich seine Rolle anfangs darauf, die Entwürfe Thomas Jeffersons durchzugehen und Verbesserungsvorschläge zu erarbeiten. Seine Änderungen sind in dem Dokument überliefert, das Jefferson als „Rohentwurf“ bezeichnete. Nach der Loslösung von Großbritannien machten sich die einzelnen Staaten an die Ausarbeitung von Verfassungen. In einer Zeit, als die englische Mischverfassung mit ihrer Balance zwischen Krone, Oberhaus und Unterhaus als das Ideal galt, sah die Pennsylvania Constitution lediglich ein Einkammersystem vor. Damit gilt sie heute als der demokratischste aller Verfassungsentwürfe jener Zeit. Insbesondere in Frankreich wurde die Idee mit großem Beifall aufgenommen und Jahre später in der Französischen Revolution umgesetzt.

einziges amerikanisches Universalgenie

Als Gesandter in Paris schmiedete er ab 1777 das Bündnis der USA mit Frankreich, erreichte die Gewährung eines Kredits von König Ludwig XVI und schloss mit Frankreich einen Handels- und Bündniskontrakt. Vor allem wünschten sich die bedrängten Amerikaner militärische Hilfe von Frankreich. Franklins Mission in Paris und Versailles zog sich bis 1785 hin. In Frankreich wurde er überaus wohlwollend aufgenommen und verband persönliches Wohlleben in der dekadenten Atmosphäre des Bourbonen-Hofes mit erfolgreicher diplomatischer Kleinarbeit für die Sache der Unabhängigkeit. Die Verpflichtung Steubens als amerikanischer Generalinspekteur ist ihm zu verdanken.

Nach der für die Amerikaner siegreichen Schlacht von Saratoga im Oktober 1777 gingen die Franzosen auf Franklins Vorschläge ein und schlossen im Februar 1778 einen Freundschaftsvertrag mit den Nordamerikanern. Das Eingreifen der Franzosen in den Unabhängigkeitskrieg trug wesentlich zum Zusammenbruch der britischen Position bei. Am 30. November 1782 unterschrieben britische Delegierte und die von Franklin angeführte amerikanische Delegation in Paris den Friedensvertrag, in dem Großbritannien die Unabhängigkeit seiner nordamerikanischen Kolonien anerkannte.

Unabhängigkeitserklärung mit Franklins Änderungen. Quelle: Von US_Declaration_of_Independence_draft_1.jpg: Thomas Jeffersonderivative work: Frank Schulenburg (talk) – US_Declaration_of_Independence_draft_1.jpg, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=12862942

In den nächsten drei Jahren wirkte Franklin weiter als Gesandter in Frankreich, wo er sehr gefragt war, notierte ein Tagebuchschreiber, „und dies nicht nur bei seinen gelehrten Kollegen, sondern bei jedermann, der Zugang zu ihm erlangen kann“. Wohin auch immer er in seiner Kutsche reiste, bildeten sich Menschengruppen, die ihn hochleben ließen und einen Blick auf ihn werfen wollten. 1785 kehrte er, mittlerweile 79-jährig, nach Philadelphia zurück und wurde mit großem Pomp gefeiert. Er bekleidete bis 1787 das Amt eines Präsidenten von Pennsylvania und beteiligte sich, schon schwerkrank durch Blasensteine und Gicht, an der „Philadelphia Convention“, die endlich den lediglich losen verbundenen 13 ehemaligen Kolonien eine gemeinsame Verfassung geben sollte. Am 17. September 1787 unterzeichneten 39 von 42 anwesenden Delegierten, darunter auch Franklin, die neue Bundes-Verfassung der USA. Auf seinen Vorschlag geht die Unterteilung der Legislative in Senat und Repräsentantenhaus zurück. Im selben Jahr wurde er, inzwischen Witwer, 1787 Präsident der Gesellschaft gegen Sklaverei.

Bis zuletzt veröffentlichte Franklin Schriften zu diversen gesellschaftlichen und wissenschaftlichen Themen, korrespondierte mit vielen bekannten Zeitgenossen und schrieb seit 1771 an seiner letztlich unvollendeten Autobiographie. Er stirbt 84jährig in Philadelphia – als einziger Gründervater der USA, der neben der Verfassung auch die Unabhängigkeitserklärung und den Friedensvertrag mit dem Königreich Großbritannien unterzeichnete. Schon von der jungen Madame Tussaud wurde er als Wachsfigur portraitiert. Bis heute würdigen Ärzte seine Verbundenheit zur Medizin: Franklin gründete unter anderem das Pennsylvania Hospital und konstituierte aus Sorge um die Ausbildung nachfolgender Generationen ein College, aus dem die University of Pennsylvania hervorging. Er gilt vor Thomas Alva Edison als erstes amerikanisches Universalgenie.

Seine beiden Amtszeiten vereinten mehrere Premieren. Als ehemaliger Regierender Bürgermeister Berlins war er der erste Bundespräsident, der zuvor an der Spitze eines Landes stand. Seine Wiederwahl am 23. Mai 1989 war die erste – und einzige –, bei der es nur einen Bewerber gab. Er war der erste Bundespräsident des vereinten Deutschlands und 1993 das erste Verfassungsorgan, das von Bonn nach Berlin zog: ins Schloss Bellevue; die Villa Hammerschmidt ist seitdem „nur“ noch zweiter Amtssitz. Zugleich war er der erste Bundespräsident mit mehr als einem Dutzend Ehrendoktortiteln und auch der erste, der zuvor mehrfach Präsident des Evangelischen Kirchentags war.

Aber Richard von Weizsäcker blieb weniger durch diese Premieren als vielmehr durch seine Rede zur Bundestags-Gedenkstunde vom 8. Mai 1985 in Erinnerung, in der er das Datum als „Tag der Befreiung vom menschenverachtenden System der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft“ bezeichnete. Das war ein Paradigmenwechsel in Richtung der seit Jahrzehnten gängigen Deutung im Ostblock, die ihm viele Konservative nie verziehen. Die Rede fand allerdings überwältigende Zustimmung zumal im Ausland: Israel würdigte sie als „Sternstunde der deutschen Nachkriegsgeschichte“. Sie ebnete den Weg für den Staatsbesuch Weizsäckers in Israel im Oktober 1985, dem ersten eines deutschen Bundespräsidenten – eine weitere Premiere.

RvW kurz vor seinem Tod. Quelle: https://www.welt.de/img/politik/deutschland/mobile136987577/2222506367-ci102l-w1024/Richard-von-Weizsaecker-gestorben-19.jpg

Und Weizsäcker blieb als sechster deutscher Bundespräsident auch in Erinnerung durch seine praktizierte bürgerliche Unabhängigkeit, die ihn nicht nur mit seiner Partei, sondern vor allem mit Kanzler Helmut Kohl fremdeln ließ – der Macht- und der Geistmensch waren sich zuletzt in „herzlicher Feindschaft verbunden“, meint Thorsten Denkler in der Süddeutschen Zeitung. So ließ Weizsäcker mit der Annahme seiner Wahl zum Bundespräsidenten traditionsgemäß seine Mitgliedschaft in der CDU ruhen, nahm sie aber nach dem Ende seiner Amtszeit auch nicht wieder auf. Er definierte den Wirkungskreis des Bundespräsidenten neu, indem er etwa 1983 eigensinnig und eigenmächtig Kontakte zur DDR-Führung am Kanzleramt vorbei pflegte und von Honecker empfangen wurde. 1989 gibt er gar einen großen Empfang aus Anlass des 75. Geburtstags des ehemaligen Bundeskanzlers Willy Brandt (SPD).

1997, ein Jahr vor Kohls historischer Wahlniederlage, setzte er im Spiegel zum Frontalangriff auf den Kanzler an und kritisierte ein System, das den Machterhalt auf „eine bisher nie gekannte Höhe der Perfektion getrieben“ habe. Er könne „in den täglichen Leitartikeln der Herald Tribune mehr an konzeptionellen Gedanken finden als in den Äußerungen unserer parteipolitischen Machtzentren“ und machte in der politischen Führung eine „weitverbreitete intellektuelle Schläfrigkeit“ aus. Kohl dürfte getobt haben.

Bruder begraben und Vater verteidigt

Richard wird am 15. April 1920 in Stuttgart geboren. Sein Großvater war der geadelte und 1916 in den erblichen Freiherrnstand versetzte württembergische Ministerpräsident Karl Hugo von Weizsäcker, sein Vater Ernst Diplomat und später Staatssekretär unter Reichsaußenminister Joachim von Ribbentrop. Seine Mutter Marianne war die Tochter des königlichen Generaladjutanten Friedrich von Graevenitz. Von seinen drei Geschwistern wird sich Carl Friedrich als Philosoph und Physiker ebenfalls einen Namen machen. Kindheit und Jugend verbringt er in Kopenhagen, Bern und Berlin, wo er 1937 sein Abitur ablegt. Anschließend reist er nach Oxford und Grenoble, um dort Vorlesungen über Philosophie und Geschichte zu besuchen.

RvW mit seinem Vater in Nürnberg. Quelle: http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=14939

1938 tritt er nach kurzzeitigem Einsatz im Reichsarbeitsdienst in den Militärdienst ein und erhält seine Ausbildung im traditionsreichen Potsdamer Infanterieregiment 9, wo sein Bruder Heinrich als Leutnant dient. Am 1. September 1939 überschritt die Einheit der Weizsäcker-Brüder im Rahmen des Überfalls auf Polen die polnische Grenze bei Bromberg. Einen Tag später fiel Heinrich während der Schlacht in der Tucheler Heide unweit von Richard, der ihn dann beerdigte. Diese Erfahrung wird ihn ebenso prägen wie seine Assistenz bei der Verteidigung seines Vaters zu den Nürnberger Prozessen: als SS-Brigadeführer war der Staatssekretär aufgrund seiner aktiven Mitwirkung bei der Deportation französischer Juden nach Auschwitz wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu einer sieben-, später fünfjährigen Haftstrafe verurteilt worden. Richard bezeichnete das Urteil später immer als „historisch und moralisch ungerecht“.

Den Krieg übersteht er, zuletzt Hauptmann der Reserve, mit einer Verletzung im April 1945 in Ostpreußen. Über das, was er an der Ostfront erlebt hat, wollte er en Detail nicht reden und nicht schreiben. Wortreich entzieht er sich der Wiedergabe in seiner Biographie „Vier Zeiten“, um dann ein paar Seiten später von einem „Quasi-Mordbefehl“ an sein Regiment an der Ostfront zu berichten. Der Staatsmann Weizsäcker schrieb in seinen Erinnerungen, er sehe im Krieg „nichts als den grausamen Zerstörer des Lebens“.

Die nächsten fünf Jahre studiert er Jura und Geschichte in Göttingen. Nach dem Referendarexamen arbeitet Weizsäcker bis 1958 bei der Mannesmann AG in Gelsenkirchen, zuletzt als Leiter der wirtschaftspolitischen Abteilung. In diese Zeit fallen sein Assessorexamen, seine Promotion, sein CDU-Eintritt und die Heirat mit Marianne von Kretschmann, mit der er vier Kinder hat, darunter den Münchner Kunstprofessor Andreas von Weizsäcker, den er 2008 begraben musste – er starb an Krebs. Anschließend arbeitet er vier Jahre als Geschäftsleiter eines Bankhauses im Ruhrgebiet und weitere vier als Geschäftsführender Gesellschafter bei Böhringer in Ingelheim. Später zeigt er sich geschockt, dass das Unternehmen Substanzen an Dow Chemical lieferte, aus denen der im Vietnamkrieg eingesetzte Giftstoff Agent Orange hergestellt wurde. Als im November 2019 sein Sohn Fritz, ein Berliner Chefarzt, von einem 57jährigen Pfälzer ermordet wurde, gab der als Grund seine Verbundenheit mit dem vietnamesischen Volk an und die Tätigkeit von Weizsäckers in der Geschäftsführung von Boehringer Ingelheim – offenbar ein linker Apo-Veteran aus der Vietnambewegung.

Richard mit Fritz ca. 1987. Quelle: https://ais.rtl.de/masters/1291222/1024×0/ALK77SSN7E6SXUCAOQHAZXATJA.jpg

1962 wird Weizsäcker nicht nur Mitglied des Präsidiums des Deutschen Evangelischen Kirchentages, sondern nahm in einem Beitrag für die Zeit auch die Ostpolitik Willy Brandts vorweg. Seit 1964 Kirchentagspräsident, lehnt er ein Jahr später eine Bundestagskandidatur ab, für die ihn der rheinland-pfälzische CDU-Fraktionschef Helmut Kohl vorgeschlagen hatte: ein politisches Mandat lasse sich nicht mit seiner Funktion als Kirchentagspräsident vereinbaren. 1966 wird er, wiederum auf Kohls Vorschlag, Mitglied des CDU-Bundesvorstands, dem er bis 1984 angehört. Zwei Jahre später wurde Weizsäcker, erneut von Helmut Kohl, zum ersten Mal als CDU-Kandidat für das Amt des Bundespräsidenten vorgeschlagen, unterlag aber in der Kampfabstimmung im CDU-Auswahlausschuss deutlich mit 20 zu 65 Stimmen gegen den damaligen Verteidigungsminister Gerhard Schröder.

1969 zog er in den Bundestag ein, dem er bis 1981 angehörte. 1971 wurde Weizsäcker, nun von Rainer Barzel, zum Vorsitzenden der CDU-Grundsatzkommission berufen, doch erst sieben Jahre später konnte das neue Parteiprogramm nach vielen Diskussionen beschlossen werden. Während der Debatten über die Ostverträge hält Weizsäcker zwei viel beachtete Reden im Bundestag, die dazu beitragen, dass die CDU/CSU-Opposition durch Stimmenthaltung die Ratifizierung ermöglicht – Weizsäcker sprach später von einem „furchtbaren Kampf“. Und als seine Parteifreunde etwas später die KSZE-Schlussakte von Helsinki kippen wollten, sei ihm seine eigene Fraktion „wie von Sinnen“ vorgekommen. 1973 unterlag er Karl Carstens in einer Kampfabstimmung um den Vorsitz der Unionsfraktion und wurde Fraktionsvize. Im selben Jahr nimmt er für die CDU an der ersten Reise einer Parlamentarierdelegation in die Sowjetunion teil.

„Ende eines Irrwegs deutscher Geschichte“

Bei der Wahl des deutschen Bundespräsidenten 1974 war Weizsäcker Unionskandidat – im Bewusstsein, aufgrund der Mehrheitsverhältnisse in der Bundesversammlung nur „Zählkandidat“ zu sein; gewählt wurde Walter Scheel (FDP). 1976 gehörte er Kohls für die Bundestagswahl aufgestelltem Schattenkabinett an. 1979 war Weizsäcker CDU-Spitzenkandidat in Berlin und holte mit 44,4 % der Stimmen zwar den Wahlsieg, doch die Koalition aus SPD und FDP wurde fortgesetzt. Als es 1981 zu vorgezogenen Neuwahlen in Berlin kam, war Weizsäcker Vizepräsident des Deutschen Bundestages. Bei diesen Neuwahlen wurde er nach 48,0 % der Stimmen zum Regierenden Bürgermeister gewählt und stand bis 1984 einem Senat vor, der zunächst als Minderheitsregierung und erst ab März 1983 als Koalition mit der FDP fungierte. Zu seinen innenpolitischen Herausforderungen gehörten Hausbesetzungen wie in Kreuzberg – bei der praktischen Umsetzung von Räumungen profilierte sich Innensenator Heinrich Lummer.

Als Regierender Bürgermeister traf Weizsäcker US-Präsident Ronald Reagan (M.) bei dessen Berlin-Besuch im Juni 1982. Mit dabei war auch der damalige Kanzler Helmut Schmidt.
Quelle: https://www.welt.de/img/politik/deutschland/mobile136980091/8311624667-ci23x11-w780/Richard-von-Weizsaecker-wird-90-3.jpg

Zum zweiten Mal als Unionskandidat für das Bundespräsidentenamt benannt, gewann Weizsäcker am 23. Mai 1984 gegen die von den Grünen vorgeschlagene Schriftstellerin Luise Rinser. Weizsäcker sah nach eigenen Angaben seine Hauptaufgabe nicht in bloßen Repräsentationspflichten, sondern in der Begegnung mit Menschen; dazu gehören auch Jugendliche, Randgruppen oder Staatskritiker. Auf seinen vielen Reisen kümmert er sich besonders um die Probleme der Entwicklungsländer; so als Schirmherr der Welthungerhilfe. Zudem setzt er sich für eine Aussöhnung mit dem Ostblock ein, regt Gespräche mit der DDR an und plädiert dafür, die Reformprozesse in Gorbatschows Sowjetunion ernst zu nehmen.

Die Schonungslosigkeit und Offenheit, mit der von Weizsäcker dann zum 40. Jahrestag der Kapitulation die Ursachen analysierte, die zum Krieg, zum Holocaust, zur Vertreibung und zum geteilten Europa führten, und daraus Konsequenzen für die Gegenwart zog, war bis dahin für eine öffentliche Rede eines bundesdeutschen Staatsoberhauptes ohne Beispiel. Mit den Worten „Es gab keine ‚Stunde Null‘, aber wir hatten die Chance zu einem Neubeginn“ zog Weizsäcker die Summe aus vierzig Jahren westdeutscher Nachkriegsgeschichte. Der 8. Mai sei nicht vom 30. Januar 1933 zu trennen. „Wir alle, ob alt oder jung, müssen die Vergangenheit annehmen. Wir alle sind von ihren Folgen betroffen und für sie in Haftung genommen. Das Geheimnis der Erlösung heißt Erinnerung“, sagte Weizsäcker damals. Zu seinen auffälligen Auslassungen zählt die Verantwortung der alten Oberschichten, zu denen seine Vorfahren gehörten: Kein Wort verlor er über deren Anteil am Untergang der Weimarer Republik.

Die Rede erschien auch als LP. Quelle: https://www.discogs.com/de/Richard-Von-Weizs%C3%A4cker-Bundespr%C3%A4sident-Richard-Von-Weizs%C3%A4cker-Am-8-Mai-1985-Vor-Dem-Deutschen-Bun/release/9705802

Stattdessen sagte er: „Wir haben allen Grund, den 8. Mai 1945 als das Ende eines Irrwegs deutscher Geschichte zu erkennen.“ Der Text wurde in mehr als zwanzig Sprachen übersetzt, in einer Auflage von über zwei Millionen Exemplaren an interessierte Bürger verteilt und erschien auf Tonträgern, traf aber auch auf erheblichen Widerstand. Der CSU-Bundestagsabgeordnete Lorenz Niegel und 30 weitere Abgeordnete blieben der Rede fern. 1995 wurde der Appell „8. Mai 1945 – gegen das Vergessen“ in der FAZ veröffentlicht, dem sich mehr als 200 Unterzeichner anschlossen, darunter Alfred Dregger, Heinrich Lummer und Alexander von Stahl. Die Unterzeichner sprechen sich gegen ein Geschichtsbild aus, das nur auf „Befreiung“ fixiert sei, denn dies könne nicht „Grundlage für das Selbstverständnis einer selbstbewussten Nation sein“.

„teilen lernen“

Der Höhepunkt seiner zweiten Amtsperiode war die Wiedervereinigung. Im Gegensatz zu Kohl gehörte Weizsäcker zu den Warnern vor einem überstürzten Prozess: Deutschland müsse zusammenwachsen, nicht zusammenwuchern, sagte er. Seine mahnenden Worte sind in einer Phase der Macher jedoch missverstanden worden. Zwar sprach er sich, naheliegend, vehement für Berlin als Bundeshauptstadt aus, prägte am 3. Oktober auf dem Festakt zur Wiedervereinigung in Berlin aber auch die Worte „Sich zu vereinen, heißt teilen lernen“. Er mahnte zur Behutsamkeit im Umgang mit den Bürgern der ehemaligen DDR und einem wirklichen Lastenausgleich. In einer Rede vor dem Bundesverband der deutschen Industrie räumt Weizsäcker 1992 Fehler der Politik bei der Finanzierung der deutschen Einheit ein.

 Weizsäcker am 3. Oktober 1990 mit Kanzler Kohl (2. v. r.), dessen Frau Hannelore und Außenminister Hans-Dietrich Genscher. Quelle: https://www.welt.de/img/politik/deutschland/mobile136980096/5901628847-ci23x11-w780/30-Jahre-Wahl-Helmut-Kohls-zum-Kanzler.jpg

Im selben Jahr sorgt er bei Politikern aller Parteien für das, was man heute „Shitstorm“ nennen würde. Er kritisiert in einem Zeit-Interview den Zustand der Parteien und warf der „Politikerschicht“ vor, sie erliege einer „Machtversessenheit in Bezug auf Wahlkampferfolge“. Zugleich attackierte er seine Politikerkollegen als „Generalisten mit dem Spezialwissen, den politischen Gegner fertig zu machen.“ Prompt wurde ihm vorgeworfen, zur Politikverdrossenheit beizutragen. Doch er beharrte darauf, dass sich bestimmte Themen, darunter etwa Arbeitslosigkeit, nicht dazu eigneten, „parteipolitisch instrumentalisiert“ zu werden.

Noch lange beharrt er darauf, Kohls Koalition habe „auf Anhieb keine glückliche Hand mit der von ihr angekündigten geistig-moralischen Wende“ gehabt, weshalb er dieses Manko offenbar selbst zu kompensieren trachtete. Er begnadigte ehemalige RAF-Terroristen, warb in der Debatte über die Änderung des Grundrechts auf Asyl dafür, Quoten und Kontingente für Einwanderung zu schaffen, und rief zu mehr Sachlichkeit im Wahlkampf bei der Auseinandersetzung mit der PDS auf. Auch drang er darauf, dass Europa mit einer Stimme spricht. Dabei klang mitunter Kapitalismuskritik durch, wenn er mit Blick auf die EU forderte: „Es gilt, die Wall-Street-Abhängigkeit zu mildern.“

2011 bei der Verleihung des Internationalen Willy-Brandt-Preises mit Gerhard Schröder und dessen Ehefrau Doris Schröder-Köpf. Quelle: https://www.welt.de/politik/deutschland/gallery136980110/Das-Leben-Richard-von-Weizsaeckers-in-Bildern.html

Nicht zufällig ist er nach dem Ausscheiden aus dem Amt 1994 ein weltweit gesuchter Ansprech- und Interviewpartner geblieben. Der Uno-Generalsekretär berief ihn in die Kommission zur Reform der Weltorganisation, zwischen Tokio und Aspen bemühen sich Stiftungen und Kuratorien um seine Mitgliedschaft. Der geschliffen formulierende Staatsmann zählt mit seinem vornehmen Auftreten zu den herausragenden Repräsentanten der Zivilmacht Bundesrepublik. Von der französischen Deutschland-Kennerin Brigitte Sauzay stammt das Urteil, Weizsäcker sei unter den Politikern der Bundesrepublik „derjenige, der die Aura und das Charisma des Deutschland von ehedem am meisten bewahrt hat“.

Weizsäcker starb am 31. Januar 2015 im hohen Alter von 94 Jahren und wurde nach einem Staatsakt in Berlin-Dahlem begraben. Gewürdigt wurden seine Intelligenz, Lauterkeit und Souveränität, aber auch seine Besonnenheit, wenn es darum geht, Urteile zu fällen oder Entscheidungen zu treffen. „Aber was ihn wirklich zur Integrationsfigur macht, ist seine Glaubwürdigkeit“, weiß Dönhoff. Er war kein Volkstribun, wollte Menschenmassen nicht entflammen, sondern zum Nachdenken zu bringen. Dazu besaß er die seltene Gabe, ohne Leerformeln und Phrasen zu formulieren.

Grabstätte. Quelle: https://www.n-tv.de/panorama/Fritz-von-Weizsaecker-findet-seine-letzte-Ruhe-article21432580.html

Keiner der bisherigen Bundespräsidenten entsprach so genau dem Idealbild, das die Bürger von einem Staatsoberhaupt haben, wie Richard von Weizsäcker: Wenn man einen idealen Bundespräsidenten synthetisch herstellen könnte, würde dabei kein anderer als er herauskommen, schrieb Gräfin Dönhoff. „In den zehn Jahren seiner Amtszeit wusste er in diesem Amt ohne Macht wie kaum ein anderer die Macht der Rede zu nutzen und wurde allein dadurch zum wohl politischsten Präsidenten der Bundesrepublik“, meinte Margarethe Limberg im DLF und nannte ihn einen „Glücksfall für die Bundesrepublik“. Gar „Bundeskönig“ nannte ihn Oliver Das Gupta in der Süddeutschen Zeitung: „Er hat Deutschland gut getan“. Das kann man getrost unterschreiben.

Der schwarze Stuttgarter Innenminister ruft angesichts der Corona-Pandemie zur Denunziation auf. Sein grüner Ministerpräsident applaudiert. Die AfD warnt dagegen vor Blockwarten.
Meine neue Tumult-Kolumne zum Verbreiten.

Nicht nur die Geschichte des Films, sondern vor allem die seiner damals unerwähnten realen Protagonistin beleuchtet schlaglichtartig die Verhältnisse des zweiten deutschen Staates. Sanije Torka wurde 1944 in Brandenburg als Tochter ukrainischer Ostarbeiter geboren, die sie jedoch kurz nach der Geburt vor einem Jugendamt ablegten. Von diesem Zeitpunkt an spielte sich Sanijes Kindheit zwischen Pflegeeltern und Heimen ab: Ihre Eltern hat sie nicht kennen gelernt, ihren richtigen Namen erst spät erfahren. Sie begann eine Lehre als Schlosserin im Lokomotivbau Babelsberg, machte später eine Schauspielausbildung.

Sie trifft Hartmut, heiratet ihn, bekommt 1964 Sohn Maik. Ein Jahr später flieht Hartmut in den Westen. Sanije will hinterher: „Ich habe mein Kind zur Adoption freigegeben. Maik störte“, sagte sie Bild. Sie wird ihren Sohn nie wiedersehen – ihre „größte Schuld“, meinte sie 2007 rückblickend. Auf der Flucht in den Westen wird sie geschnappt, kommt in den Knast – und nach nur sechs Monaten wieder frei, weil sie sich für die Stasi als Inoffizielle Mitarbeiterin verpflichtete. Sie tingelt als Sängerin mit verschieden Show-Bands durch die Interhotels und Nachtbars der DDR, tritt im Fernsehen auf, bekommt sogar Filmrollen – und bespitzelte Kollegen.

Die Journalistin Jutta Voigt führt mit ihr 1976 ein Interview, das nie veröffentlicht wird: „Sanije war all das, „was man in der DDR nicht sein sollte: hemmungslos, wild, ungebärdig“, sagte sie dem Kinokalender. 1978 wird der Drehbuchautor Wolfgang Kohlhaase zufällig Kenntnis von dem Text erhalten und ihn drehbuchreif schreiben. Altmeister Konrad Wolf, der Bruder des DDR-Geheimdienstchefs Markus Wolf, fragte Kohlhaase, der ihm schon 1968 „Ich war neunzehn“ geschrieben hatte, nach einer Geschichte, die zum politischen Frühling passte, in der sich die Kulturszene nach Walter Ulbrichts Ablösung an der SED-Parteispitze durch Erich Honecker wähnte. Kohlhaase erinnert sich an die Außenseiterin aus dem Künstlermilieu, am Rand der Gesellschaft, und verfilmt den Stoff als Co-Regisseur unter dem Titel „Solo Sunny“ gemeinsam mit Wolf; Jutta Voigt ist im Vorspann als „Beraterin“ genannt.

Sanije Torka und Sunny. Quelle: eigene Collage

Möglich wurde der Film durch eine Weisung des neuen stellvertretenden Kulturminister Klaus Höpcke an die Filmbranche Mitte der siebziger Jahre, in ihren Werken mehr den Alltag der Bürger zu berücksichtigen – auch in seinen schwierigen Aspekten. Als der Streifen im Februar 1980 kurz nach dem ostdeutschen Kinostart an der Berlinale teilnahm, bekam er den Kritikerpreis und die unbekannte Renate Krößner in der Titelrolle vom Fleck weg den Silbernen Bären als beste Darstellerin. Sie habe sich ganz nach vorn gespielt, befand Renate Holland-Moritz damals im Eulenspiegel: „Wache Intelligenz, Aufrichtigkeit, Naivität, Verletzbarkeit und ein Hauch vom Kellerkind der Berliner Hinterhöfe machen ihre Sunny zu jener Persönlichkeit, von der die Filmheldin träumt“. Der Streifen wurde zu einem Kultfilm, wie es seit Heiner Carows „Legende von Paul und Paula“ (1973) keinen mehr gegeben hatte – und bis zum Ende der DDR auch keinen mehr geben sollte. Am 10. April vor 40 Jahren kam er in die bundesdeutschen Kinos.

„Ich schlafe mit jedem“

Erzählt wird die Geschichte von Schlosserin Ingrid „Sunny“ Sommer, die sich einen Traum erfüllt, indem sie von einer Kapelle als Sängerin engagiert wird und den ungeliebten Job kündigt. Der Name „Sunny“ kann als versteckte Hommage an den Vornamen des realen Vorbilds gelesen werden. Doch sie fühlt sich nicht wohl in dem Programm namens „Kunterbunt und immer rund“, das von einem schmierigen Conférencier in den Kulturhäusern der DDR-Provinz präsentiert wird. In der Truppe gibt es Reibereien und Frustration, die Avancen des Saxophonisten weist sie zurück, gegen die herablassenden Ansagen des Conférenciers protestiert sie. Sie ist nicht als Frau aus der Produktion ausgestiegen, um nun als Sängerin genau dieselbe Gängelung zu erleben. Aber mit einer solchen Einstellung macht sie sich keine Freunde – einen „schillernden, ambitionierten und verzweifelten Charakter“ erkennt Thorsten Funke auf critic.

Als eines Tages der Saxophonist kurzfristig ersetzt werden muss, springt ein Diplom-Philosoph für ihn ein, der seine Dissertation über den Tod mit Nebenjobs als Musiker finanziert. Er ist, mit seinem wenig lebensbejahenden Thema, genauso Außenseiter im zukunftsorientierten DDR-System wie die auf den Augenblick fixierte Sunny. Prompt kommen beide zusammen: Es werden die Lebensrollen von Krößner und Alexander Lang, denn beide Schauspieler verließen wenige Jahre später die DDR. Sunny wird aus der Gruppe geschmissen und geht wieder zurück in ihren alten Beruf, in dem sie, natürlich, nicht glücklich ist. Einen Mann wirft sie schon mal hochkant aus Bett und Wohnung hinaus, und zwar – die Pointe wurde zu einem geflügelten Wort – „ohne Frühstück und auch ohne Diskussion“: Kohlhaase hat neben Witz auch viel Trotz und Lakonie in die Dialoge gemixt.

Szenenbild. Quelle: https://bilder.fernsehserien.de/epg/5de/5de1f16fdc3d1a3dd12ae502db194c1ca28c9c3d_b-w-784.jpg.webp

Als ihr schließlich auch ein Soloauftritt in einer Bar nicht weiterhilft, ist Sunny am Ende und unternimmt mit Medikamenten einen Selbstmordversuch. Eine Krise, die ihr nochmal Kraft für einen neuen Anlauf gibt: Nach langem Suchen findet sie junge Gleichgesinnte, mit denen sie eine neue Band aufbauen will. Die letzten Worte des Films, mit denen sie sich bei den Musikern vorstellt, wurden legendär: „Ich komme auf die Annonce wegen der Sängerin. Ich würde es gern machen. Ich schlafe mit jedem, wenn es mir Spaß macht. Ich nenne einen Eckenpinkler einen Eckenpinkler. Ich bin die, die bei den ‚Tornados‘ rausgeflogen ist. Ich heiße Sunny.“ Matthias Dell erkennt im Freitag „ein Sittenbild der in die Jahre gekommenen DDR, in der das Warten kein Ende nimmt“.

Nicht nur Krößner und Lang glänzten, auch die Nebenrollen des Films waren zum Teil prominent besetzt. So spielten neben Krößner ihr Lebensgefährte Bernd Stegemann, der später auch in die BRD ging, der erste Solotänzer des Friedrichstadtpalastes Rolf Pfannenstein und sogar der Regisseur Lothar Warneke mit. Den bösen der beiden Saxophonisten gibt Klaus Brasch, der Bruder des Schriftstellers Thomas Brasch und Sohn des ehemaligen stellvertretenden DDR-Kulturministers Horst Brasch. Als Mitglied einer Nomenklatura-Familie hatte er sich wie sein Bruder zum Rebellen entwickelt, „und etwas von seinem Zorn spürt man der Vehemenz an, mit der er seine Figur zu einem Ekelpaket macht“, befand Andreas Platthaus in der FAZ. Brasch beging, kurz nach der Premiere und noch vor der Berlinale, am 3. Februar 1980 durch Medikamentenmissbrauch Selbstmord – was für eine Duplizität. „So ist ‚Solo Sunny‘ auch zu einem Requiem auf eine Schauspielergeneration in der DDR geworden, die an der sozialistischen Wirklichkeit verzweifelte“, meint Platthaus – obwohl am Schluss des Films das Individuum triumphierte. Gar von einem „Schicksalsfilm“ schreibt Tanja Stern auf ihrem Blog.

Bindung nur zum Anderssein

Wirklichkeitsnähe strahlten neben der Geschichte mit ihren Konflikten auch die Drehorte aus: „In der Malmöer Straße in Prenzlauer Berg fand das Drehteam Raum und Atmosphäre der Sängerin Sunny, die Gegend steht auf Abriß. Lange wird es diese Sorte Berlin nicht mehr geben“, schrieb Regine Sylvester im Magazin. Und natürlich trug die Musik zur starken Wirkung des Streifens bei: Komponiert von Günther Fischer, wurden alle Titel von Regine Dobberschütz („Modern Soul Band“) eingesungen. Das Titelthema, das laut Stern die „lakonische Poesie des Filmes aufzunehmen scheint und so zu einem Stück Zeitgeist wird“, können die meisten Ü 50er aus der DDR wenn nicht mitsingen, dann mindestens noch mitsummen oder -pfeifen. Der Film war Dobberschütz‘ größter Erfolg; auch sie verließ später die DDR und leitete bis 2013 gemeinsam mit Eugen Hahn den Jazzkeller Frankfurt.

Dobberschütz-Platte. Quelle: https://www.discogs.com/de/Regine-Dobbersch%C3%BCtz-Solo-Sunny-/release/6167388

Wahrscheinlich ist es Wolfs „Renommee als antifaschistisch-linientreuer Künstler zu verdanken, dass ‚Solo Sunny‘ überhaupt das Licht des DDR-Kinos erblickte“, vermutet Tanja Stern – es sollte Wolfs letzter Film werden, 1982 starb er. Nach der Wende wird Krößner für ihre Darstellung der Kneipenwirtin Uschi Klamm in Adolf Winkelmanns Fußballdrama „Nordkurve“ noch den Bundesfilmpreis und für ihre Theres Spitzer in der Fernsehserie „Bruder Esel“ auch den Adolf-Grimme-Preis erhalten. Einen direkten Nachfolger hatte der Film nicht – wohl aber einen indirekten. 2009 dokumentierte die Leipziger Regisseurin Alexandra Czok das Leben der inzwischen 62-jährigen, aber immer noch charismatischen Sängerin Sanije Torka in einer Justizvollzugsanstalt in Berlin.

Dort saß die laut Voigt „Film-Sunny hoch drei“ eine zweijährige Haftstrafe wegen Ladendiebstahls ab. Nach dem Mauerfall geriet sie in die Langzeitarbeitslosigkeit. Das plötzlich ungewohnte Leben ohne jegliche Herausforderungen ließ sie vereinsamen, doch durch die Leidenschaft zu klauen gewann sie ihre Lebensfreude wieder: Torka wurde zur passionierten, ja studierten Ladendiebin, wie sie selbst behauptet. „Sie ging jeden Tag in die Staatsbibliothek und las: Ladendiebstahl als Kind, Ladendiebstahl in der Schwangerschaft, Ladendiebstahl im Alter … Später überprüfte sie wie jeder gewissenhafte Meisterschüler die Theorie an der Praxis“, meint Kerstin Decker im Tagesspiegel.

Szenenbild. Quelle: https://www.theater-heilbronn.de/programm/extras/stueck-detail.php?SID=309

Eine echte Bindung hat sie nur zum Anderssein. Da Wein ihr Sodbrennen bereitete, stieg sie – wenn man so will aus gesundheitlichen Gründen – auf Wodka und Korn um; diese jedoch ergaben eine törichte Mischung in Kombination mit den Schlaftabletten, die sie nahm, und so ließen sich Depressionen und die dazugehörige Medikation nicht lange bitten. Bis 2012 schickt ihr Wolfgang Kohlhaase etwas Geld. „Heute habe ich kaum Geld, nur eine Freundin und keine Verwandten“, so Torka zu Bild. Sie lebt in einer Zwei-Zimmer-Wohnung im Prenzlauer Berg, die Miete muss das Amt zahlen. Und sie ist krank, ein Nachbar begleitet sie manchmal zum Arzt. „Zusammengefasst war mein Leben eine Tragödie“, bilanziert die wahre Solo Sunny: Eine Unvollendete, die nie ins normale Leben fand. Individualismus macht eben einsam. Die große Sehnsucht einer kleinen Frau hat sich nur im Film erfüllt.

Er war sogar Bundespräsident Theodor Heuss eigens eine Antwort an Zeit-Chef Richard Tüngel wert. Darin heißt es, die „geistreiche Intelligenz dieses wendigen Mannes“ wolle niemand bestreiten. Er selbst aber sei „spießig oder altmodisch genug, ihn für eine von der moralischen Seite her … verhängnisvolle Erscheinung zu halten“. Hintergrund: als am 29. Juli 1954 der Text „Im Vorraum der Macht“ des „wendigen Mannes“ erschien, räumte die Zeit-Politikchefin, Marion Gräfin Dönhoff, erst ihren Schreibtisch und versuchte dann von außen alles, um Tüngel vom Sessel zu beißen, was diesen zu einem Beschwerdebrief an Heuss animierte. Antwort hin oder her: 1955 war Dönhoff am Ziel und Tüngel weg – und das wegen eines beschäftigungslosen Juristen.

Sein Name: Carl Schmitt. Er sei „der Prototyp des gewissenlosen Wissenschaftlers, der jeder Regierung dient, wenn es der eigenen Karriere nutzt. Wann immer die Nationalsozialisten Menschen beiseite räumen wollten, der eitle Professor aus dem Sauerland lieferte ihnen die passende rechtliche Begründung“, gab Thomas Darnstädt im Spiegel eine der wohl vernichtendsten Beurteilungen ab. „Ein rechter Denker, gewiss“, befindet Alexander Cammann in der Zeit und ergänzt allerdings: „den man sinnvoll liberal rezipieren konnte, wenn man intellektuell eigenständig genug blieb.“ Herfried Münkler bringt in der Welt das verbreitete Angst-Lust-Faszinosum um den Mann auf den Punkt: „Man muss mit Schmitt nicht inhaltlich einverstanden sein, um von seiner Art des Denkens fasziniert zu werden. Nicht selten haben sich in der alten Bundesrepublik darum Linke wie Rechte gleichzeitig auf ihn berufen.“

Carl Schmitt am Kamin in seinem Haus am Brockhauser Weg 10 in Plettenberg. Quelle: http://www.plettenberg-lexikon.de/personen/schmittplett.htm

Als Jurist prägte Schmitt eine Reihe von Begriffen und Konzepten, die in den wissenschaftlichen, politischen und allgemeinen Sprachgebrauch eingegangen sind, neben der bis heute vielfach rezipierten „Freund-Feind-Unterscheidung“ etwa die „Verfassungswirklichkeit“. Als politischer Philosoph polarisiert die „verhängnisvolle Erscheinung“ heute mehr denn je, ja wird gar als Vordenker von Antiliberalismus, Präsidialismus und Autoritarismus gegeißelt: „Die Interpretationen von Schmitts Politischer Theologie nehmen in dem Maße zu, wie die von Adornos Negativer Dialektik abnehmen“, resümierte Thomas Assheuer in der Zeit. Der wohl bekannteste und zugleich umstrittenste deutsche Staats- und Völkerrechtler mindestens der ersten Hälfte, ja vielleicht des gesamten 20. Jahrhunderts starb geistig umnachtet am 7. April vor 35 Jahren.

Als Zensor in München

96 Jahre zuvor, am 11. Juli 1888, war er in Plettenberg als zweites von fünf Kindern eines Krankenkassenverwalters zur Welt gekommen. Der Junge wohnte im katholischen Konvikt in Attendorn und besuchte dort das staatliche Gymnasium. Nach dem Abitur studierte Schmitt auf dringendes Anraten eines Onkels Jura, obwohl er sich zunächst für Philologie entschieden hatte, und traf zum Sommersemester 1907 in Berlin ein. Es sei eine faszinierende Frage, „wie anders die Fachgeschichte der Germanistik, wie anders aber auch die deutsche Rechtsgeschichte des 20. Jahrhunderts verlaufen wäre, wenn es diesen Onkel nicht gegeben hätte“, mutmaßt Ernst Osterkamp in der FAZ. Kolportiert wird bis heute, dass Schmitt das Milieu der Hauptstadt körperliche Übelkeit bereitet habe. Schon ein Jahr später wechselte er an die Universität München und setzte dann sein Studium in Straßburg fort. 1910 promovierte er mit einer Arbeit über Schuld und Schuldarten, vier Jahre später habilitierte er sich.

1915 absolvierte Schmitt das Assessor-Examen und trat als Kriegsfreiwilliger in das Bayerische Infanterie-Leibregiment in München ein. Er sah aber nur durch ein Fenster in der Münchner Maxburg statt auf die Front: als Unteroffizier im stellvertretenden Generalkommando des I. bayerischen Armeekorps leitete er bis 1919 ein Subreferat, das sich mit Genehmigung oder Verbot der Ein- und Ausfuhr politisch brisanter Schriften, der Beobachtung der Friedensbewegung und der Verbreitung feindlicher Propagandatexte befasste. Kurz gesagt: er war Zensor. Einen Antrag von Thomas Mann, Einsicht in ein verbotenes Buch nehmen zu dürfen, lehnt er ab, aus Sicherheitsgründen. Dann besorgt er sich das Buch selbst und liest es heimlich. Er galt als Vielleser.

Carl Schmitt (rechts) und Ernst Jünger auf dem Lac de Rambouillet (1941). Quelle: https://www.stopptdierechten.at/2018/07/20/demokratie-durch-ausscheidung-des-heterogenen-zur-freiheitlichen-rezeption-von-carl-schmitt-teil-1/

Im selben Jahr heiratete Schmitt die vermeintliche kroatische Adelstochter Pawla Dorotić, die er zunächst für eine spanische Tänzerin hielt. Parallel dazu unternimmt er lyrische und belletristische Versuche und gehört der sog. „Schwabinger Bohème“ an, war mit Hugo Ball, später Ernst Jünger befreundet. Es sei eine Tendenz seiner Zeit, „das Kleine hinauf, das Große hinab auf ein zulässiges Erreichbares zu ziehen“, schreibt er schon 1913 in den „Schattenrissen“. Schmitts Tagebuch kündet von Armut und Schulden auf der einen und von Ruhmesfantasien eines grenzenlos Ehrgeizigen auf der anderen Seite. Für Jens Hacke hat er „einen für seine Zeit nicht untypischen bürgerlichen Selbsthass verinnerlicht“.

Schon kurz nach der Habilitation veröffentlicht Schmitt in rascher Folge weitere Texte, etwa die „Politische Romantik“ (1919) oder „Die Diktatur“ (1921). Durch seine sprachmächtigen und schillernden Formulierungen – ein Resultat seiner Lese- und Schreibleidenschaft – wurde er auch unter Nichtjuristen schnell bekannt. Schmitt inszenierte seine Texte poetisch-dramatisch, versah sie häufig mit mythischen Bildern und Anspielungen und war überzeugt, dass „oft schon der erste Satz über das Schicksal einer Veröffentlichung entscheidet“ – das könnte so auch in einem Journalismus-Lehrbuch stehen. Viele dieser Eröffnungssätze, allen voran „Souverän ist, wer über den Ausnahmezustand entscheidet“, werden noch heute gerühmt. „Die Kühnheit der Formulierung lässt die Mühseligkeit kleinteiliger Problembearbeitung hinter sich, aber gerade darin haftet ihr etwas zutiefst Unpolitisches an“, weiß Münkler. Dabei sind seine Veröffentlichungen bis auf wenige Ausnahmen eher längere Essays denn theoretische Schriften.

Nach einer Lehrtätigkeit an der Handelshochschule München 1920 nahm Schmitt 1921 einen Ruf an die Universität Bonn an. Als sich Dorota, unter für ihn durchaus peinlichen Umständen, als Hochstaplerin entpuppt, wird die Ehe vom Landgericht Bonn 1924 zivilrechtlich annulliert, nicht aber kirchlich aufgehoben. Seit er, als Katholik, im Jahr darauf seine frühere Studentin Duška Todorović, eine Serbin, geheiratet hatte, blieb er bis zu deren Tode 1950 daher exkommuniziert. Aus dieser zweiten Ehe ging die Tochter Anima hervor, sein einziges Kind, das er noch um zwei Jahre überleben sollte.

„Vernichtung des Heterogenen“

In seine Bonner Zeit fällt zum ersten eine verstärkte Zuwendung zum Jungkatholizismus und zum Kirchenrecht („Politische Theologie“, 1922). Als Katholik war er von einem tiefen Pessimismus gegenüber Fortschrittsvorstellungen oder der Technisierung geprägt: „Schmitt beflügelt das tragische Lebensgefühl, wonach es ganz natürlich ist, dass in der Geschichte kein Rosenwasser versprüht, sondern Blut vergossen wird“, meint Assheuer. Schmitts unmittelbare zeitgenössische Erfahrung war nach 1918 geprägt von Kriegsniederlage, Ordnungsverlust, Untergang: Novemberrevolution, Münchner Republik, Kapp-Putsch, die Freikorps-Morde, die Ruhrbesetzung. Er dachte national, empfand Versailles und Völkerbund als Farce und betrachtete die junge Weimarer Republik als schwachen Staat, zerrieben von unterschiedlichen Interessengruppen und Weltanschauungsparteien. Aus dieser Haltung heraus artikulierte Schmitt früh und fast schon manisch die eigene Sehnsucht nach Ordnung.

Als Dozent. Quelle: https://www.welt.de/img/kultur/mobile167031781/9412507787-ci102l-w1024/Carl-Schmitt-Jurist-D.jpg

In die Bonner Zeit fallen aber auch seine erste explizit politische Schrift „Die geistesgeschichtliche Lage des heutigen Parlamentarismus“ (1924) sowie sein bedeutendstes wissenschaftliches Werk, die „Verfassungslehre“ (1928). Als Essenz seiner politischen Theorie kristallisiert sich der Begriff der Dezision heraus, der Entscheidung, die er der Deliberation vorzieht, der Beratschlagung. Für den Bereich des Politischen, das eine besondere Stellung im Verhältnis zur Gesellschaft habe, sei dies die Unterscheidung von Freund und Feind. Durch die Abgrenzung gegenüber, ja durch den Konflikt mit einem äußeren Feind gelinge die Festigung der Gruppe nach Innen. Sollte dennoch einmal der Frieden ausbrechen, so handele es sich um die trügerische Ausnahme vom Krieg, dieser „äußersten Realisierung der Feindschaft“. Ihn schlug die Erbsündenlehre in den Bann, die ihm den Ursprung von Gut und Böse offenbarte, das Entweder- Oder existenzieller Entscheidung und die Wahrheit über den „Menschen im Ganzen“. Das biblische Gebot der Feindesliebe, so behauptet Schmitt, beziehe sich einzig und allein auf die private Sphäre, nicht aber auf den politischen Widersacher.

Auch der Konflikt mit einem inneren Feind sei denkbar: „Zur Demokratie gehört (…) notwendig erstens Homogenität und zweitens nötigenfalls die Ausscheidung oder Vernichtung des Heterogenen.“ Gleichartigkeit wird bei ihm zum zentralen Kennzeichen von Demokratie; das machte ihn nach links anschlussfähig. „Die endlosen Aushandlungsprozesse und Kompromissbildungen zwischen den verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen und politischen Akteuren haben ihn auch ästhetisch abgestoßen“, so eine These Münklers zu Schmitts Liberalismuskritik. Die Weimarer Republik sah Schmitt als labiles politisches System, das den Deutschen von fremden Mächten übergestülpt worden sei. Wie für Spengler verkommt auch für ihn der Staat zur Beute der Parteien, die fern vom Volk hinter verschlossenen Türen ihre Geheimpolitik betrieben.

In der „Verfassungslehre“ unterzog er die Weimarer Verfassung einer systematischen juristischen Analyse und begründete eine neue wissenschaftliche Literaturgattung, die sich neben der klassischen Staatslehre als eigenständige Disziplin des Öffentlichen Rechts etablierte. Dem Pluralismus partikularer Interessen, der für ihn der Egoismus gesellschaftlicher Interessensgruppen war, setzte er die Einheit des Staates entgegen, die für ihn durch den vom Volk gewählten Reichspräsidenten repräsentiert wurde, und sieht die Homogenität von Repräsentant und Repräsentierten als Voraussetzung echter Demokratie, die für ihn eine Präsidialdemokratie sein muss. Der Staat hatte stark zu sein, um die Politik des Souveräns durchzusetzen.

Originalausgabe. Quelle: http://www.bard.edu/library/arendt/pdfs/Schmitt-Verfassungslehre.pdf

Denn im Parlament stünden sich die verschiedenen Weltanschauungsparteien unversöhnlich gegenüber, es gebe nur noch Meinungs- und Interessenfronten, aber keinen Platz für Argumente, keinen Willen zum wirklichen Gespräch, schon gar nicht zur Einigung. Die politischen und sozialen Gegensätze in der Massendemokratie können nicht mehr über den Parlamentarismus integriert werden, so der Analytiker, der über „organisierte Unentschiedenheit“ schimpft. Der Souverän sollte über dem Recht, ja über der Verfassung stehen; seine Entscheidung schafft die Norm, wie Gott dem Moses die Gesetzestafeln diktierte. Das kann nur missverstehen, wer autoritär und totalitär, „totalen Staat“ und „totalen Krieg“ verwechselt.

„Alle wollen dasselbe“

1928 wechselte Schmitt nach Berlin, zuerst an die Handelshochschule, von 1933 – 1945 an die Friedrich-Wilhelms- (heute Humboldt-)Universität, und entwirft hier die Denkgebäude, die ihn laut dem Frankfurter Staatsrechtshistoriker Michael Stolleis als „Mephisto des Staatsrechts“ erscheinen lassen. „Sicher zielte Schmitt nicht auf den völkischen Führerstaat“, ist sich Stolleis gewiss. Doch fast alles, was Schmitt dachte, glaubte, schrieb und redete, gab das perfekte wissenschaftliche Unterfutter für das nun folgende Kapitel Deutschlands her. „Alle wollen dasselbe, deshalb wird in Wirklichkeit keiner überstimmt, und wenn er überstimmt wird, so hat er sich eben über seinen wahren und besseren Willen getäuscht“ – diesen an Jean-Jacques Rousseau angelehnten Satz schrieb Schmitt schon in seinem ersten Berliner Jahr. Er hätte auch von Stalin gesagt werden können. So waren für Schmitt Bolschewismus und Faschismus zwar „wie jede Diktatur antiliberal, aber nicht notwendig antidemokratisch“.

Anfangs positionierte sich der Mussolini-Bewunderer, der im Kabinett Schleicher Minister ohne Geschäftsbereich geworden war, gegen Hitler, den er als dumm und lächerlich bezeichnete. Nach dem Ermächtigungsgesetz vom 24. März 1933 präsentierte sich der „Märzgefallene“ Schmitt dagegen als überzeugter Anhänger der neuen Machthaber – ob aus Opportunismus oder innerem Antrieb, ob als Problem der Theorie oder des Charakters, ist bis heute umstritten. Münkler betont den Charakter: „intellektueller Hochmut in Verbindung mit dem Karrierestreben eines ehrgeizigen Außenseiters haben Schmitt zeitweilig in engste Nähe zum Regime gebracht, und deren Ausdruck war seine Rechtfertigung der Morde an dem SA-Führer Röhm sowie dem ehemaligen Reichskanzler Schleicher“.

Am 11. Juli 1933 berief ihn Hermann Göring in den Preußischen Staatsrat – ein Titel, auf den er zeitlebens besonders stolz war. Noch 1972 soll er gesagt haben, er sei dankbar, Preußischer Staatsrat geworden zu sein und nicht Nobelpreisträger. Zudem wurde er Herausgeber der Deutschen Juristenzeitung und Mitglied der Akademie für deutsches Recht. Schmitt erhielt sowohl die Leitung der Gruppe der Universitätslehrer als auch die Fachgruppenleitung Hochschullehrer im NS-Rechtswahrerbund. Er entwickelte die Lehre vom konkreten Ordnungsdenken, der zufolge jede Ordnung ihre institutionelle Repräsentanz im Entscheidungsmonopol eines Amtes mit Unfehlbarkeitsanspruch findet. Diese „amtscharismatische Souveränitätslehre“ mündete in eine Propagierung des Führerprinzips und der These einer Identität von Wille und Gesetz („Der Wille des Führers ist Gesetz“), womit Schmitt seinen Ruf bei den Machthabern festigte.

Juristenzeitung 1934. Quelle: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/d/d9/Kopf_F%C3%BChrer_sch%C3%BCtzt_das_Recht.jpg

Mehr als 40 Aufsätze in diesem Ton hat der Parteigenosse Nummer 2098860 zwischen 1933 und 1936 veröffentlicht. Allein sie halfen ihm nichts – eine Intrige beendete 1936 seine politische Vita, in deren Folge er alle Ämter in den Parteiorganisationen verlor. Der Mann, der sich nur allzu gern als „Kronjurist des Dritten Reiches“ hofieren ließ, war für den Hitler-Staat nicht viel mehr als ein nützlicher Idiot. Niemand könne sagen, der Staatsrechtsprofessor habe die Nazis an die Macht gebracht, gesteht Darnstädt. „Nichts von dem, was das NS-Regime angerichtet hat, wäre ohne Schmitt anders gelaufen“, muss Kolleis zugeben. Doch auch als Hochschullehrer versuchte er weiter, zum Stichwortgeber des Regimes zu avancieren. Das zeigt etwa sein 1939 zu Beginn des Zweiten Weltkriegs entwickelter Begriff der „völkerrechtlichen Großraumordnung“, den er als deutsche Monroe-Doktrin verstand. Dies wurde später zumeist als Versuch gewertet, die Expansionspolitik Hitlers völkerrechtlich zu fundieren: als sei die Deutung wichtiger als die Bedeutung – ein Phänomen, das ihm -zigfach widerfuhr.

„keine Kriegsgefangenen getötet“

Am 26. September 1945 verhafteten ihn die Amerikaner und internierten ihn bis zum 10. Oktober 1946 in verschiedenen Lagern, teilweise in Einzelhaft. Anlässlich der Nürnberger Prozesse wurde er von Chef-Ankläger Robert M. W. Kempner als „potentieller Angeklagter“ verhört. Zu einer Anklage kam es jedoch nicht, weil er eine Straftat im juristischen Sinne nicht feststellen konnte: „Wegen was hätte ich den Mann anklagen können?“, begründete Kempner diesen Schritt später. „Er hat keine Verbrechen gegen die Menschlichkeit begangen, keine Kriegsgefangenen getötet und keine Angriffskriege vorbereitet“, zitiert ihn Darnstädt im Spiegel.

Schmitt gehörte zu den wenigen, die ihre Liaison mit dem Nationalsozialismus die akademische Karriere gekostet hat: Ende 1945 war er ohne alle Versorgungsbezüge aus dem Staatsdienst entlassen worden. Um eine Professur bewarb er sich nicht mehr, das wäre wohl auch aussichtslos gewesen. Stattdessen zog er sich in seine Heimatstadt Plettenberg zurück, wo er weitere Veröffentlichungen unter Pseudonymen vorbereitete und noch vierzig Jahre lebte. 1952 konnte er sich, schon verwitwet, eine Rente erstreiten, aus dem akademischen Leben aber blieb er ausgeschlossen: Eine Mitgliedschaft in der Vereinigung der Deutschen Staatsrechtslehrer wurde ihm verwehrt.

An die schriftstellerische Produktivität der Weimarer Jahre hat er nicht mehr anschließen können – die Republik war wohl zu sicher, um von ihm unsicher geschrieben zu werden. „Aber Schmitts Schweigen hat die von ihm ausgehende Faszination eher erhöht. Man kann darin eine neue Variante der zuvor bereits gepflegten Strategie der Selbstverrätselung sehen“, feixt Assheuer. In seinen letzten Jahren sieht Münkler „einen verbitterten, eifersüchtigen, gelegentlich bösartigen Mann, der mit der Fassung ringt“. Doch die Probleme, über die Schmitt nachgedacht hat, blieben und haben nach seinem Tode noch an Brisanz gewonnen – und er wieder an Attraktivität angesichts der zunehmenden Kritik an kosmopolitischen Weltentwürfen und der Frustration über die aufs Akademische beschränkte Wirkung deliberativer Politikkonzeptionen.

In Schmitts Tradition: Botho Strauss. Quelle: https://magazin.spiegel.de/EpubDelivery/spiegel/pdf/13681004

Zeitlebens lehnte Schmitt einen naiven Universalismus der Menschenrechte und die irrealen Träume vom Erfolg des Völkerbunds als illusorisch ab und hielt etwa „Weltfrieden“ für einen unpolitischen Begriff, der keine Feindschaft mehr zuließ: „Wer Menschheit sagt, will betrügen“. Das liberale Denken hatte aus Schmitts Sicht verlernt, sich mit den harten politischen Realitäten auseinanderzusetzen. Die teilweise kultisch gefeierte belgische Politologin und Postmarxistin Chantal Mouffe darf als prominenteste linke Schmitt-Adeptin gelten: die Verleugnung der antagonistischen Natur der Gesellschaft und die Delegitimierung von Konflikt wirkten zutiefst depolitisierend, schreibt sie. Aber Schmitt wärme auch „die Sehnsucht nach ‚Herrschaft und Heil‘ wie auch den literarischen Anti-Judaismus eines Martin Walser“, so Assheuer, die „Gespenster seines Raumdenkens“ spukten in Peter Handkes Hass auf die UN „ebenso wie im gespreizten Elitismus eines Botho Strauß“.

Schmitt war immer schneller als die Politik – egal, welche; vielleicht liegt seine Renaissance vor allem darin begründet. „Er hatte immer die passenden Ideen schon parat und immer eine griffige Formulierung drauf“, meint Darnstädt. Manche seiner Sätze lesen sich bis heute quälend: „Was war eigentlich unanständiger: 1933 für Hitler einzutreten oder 1945 auf ihn zu spucken?“ Gesinnungstreue Schüler betrachten Schmitts faschistische Jahre als lässliche Sünde: Wer groß denkt, dürfe auch groß irren. Sein Denkstil beeinflusste daneben zahlreiche namhafte Publizisten und Juristen, allen voran den Verfassungsrichter Ernst-Wolfgang Böckenförde, dem das an Schmitt angelehnte sogenannte „Böckenförde-Diktum“ zu verdanken ist, wonach der freiheitliche, säkularisierte Staat von Voraussetzungen lebe, die er selbst nicht garantieren könne.

Schmitts Grab. Quelle: http://www.plettenberg-lexikon.de/personen/schmittplett.htm

Ob er Antisemit war, wird bis heute kontrovers diskutiert. Abgesehen von seiner analytischen Brillanz, der schlagenden Verbindung von Bild und Begriff sowie seiner im Wortsinn ungeheuren Formulierungsgabe bleibt er präsent in der geheimnisumwitterten Rolle des Verfemten, die ihn „im ausgebombten Bewusstsein der jungen, nicht nur katholischen Intelligenz attraktiv“ machte, befand Assheuer: Schmitt sei der „fremde Gast“ in der Bundesrepublik, der „lebende Legitimitätsvorbehalt gegen das parlamentarische System“ gewesen. Und Schmitt bleibt präsent wegen Statements wie diesem: „Es gibt Verbrechen gegen und Verbrechen für die Menschlichkeit. Die Verbrechen gegen die Menschlichkeit werden von Deutschen begangen. Die Verbrechen für die Menschlichkeit werden an Deutschen begangen.“ Solche Sätze beißen. Jeden.

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