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Aus meinem Text für den Tumult-Blog. Vollständig ist er hier nachzulesen.

… Letztlich wurde der Druck so stark, dass der Verein, leider auf unkluge Weise, kapitulierte. Am 31. Mai schloss der Vorstand erst Krause von der Teilnahme aus, weil seine öffentlichen Äußerungen „den ethischen Grundsätzen unseres Vereins“ widersprächen: „Wir können an dieser Stelle nicht mehr die Kunst vom Künstler trennen. Die Ereignisse der letzten Tage haben uns die politischen Dimensionen der Auswahl der Bilder Axel Krauses vor Augen geführt.“

Zugleich trat der Vorstand zurück und sagte am 1. Juni die 26. Leipziger Jahresausstellung vollständig ab, die vor dem Ersten Weltkrieg ursprünglich von Max Klinger und anderen Leipziger Künstlern gegründet und 1992 wiederbelebt worden war. Die Begründung dafür: „Die Ereignisse der letzten Tage haben zu dieser Entscheidung geführt. Der komplett ehrenamtlich arbeitende Verein sieht sich nicht in der Lage, einen Veranstaltungsablauf wie in den vergangenen 25 Jahren zu gewährleisten. Zudem ist Vereinsmitgliedern, ausstellenden Künstlern, Förderern und Besuchern die insbesondere in den letzten beiden Tagen stark politisierte und aufgeheizte Situation nicht zuzumuten“, heißt es in einer Pressemitteilung. „Politische Neutralität erweist sich in diesen Zeiten als unmöglich.“

Schade und sein Vorstand haben damit einen Kotau vor dem jakobinischen Kunstwächterrat der Messestadt vollzogen. Wer Axel Krause ausschließt, dann aus Feigheit vor den Konsequenzen dieses Ausschlusses zurücktritt und die Ausstellung absagt, beschädigt das Ansehen der Jahresausstellung, der Stadt Leipzig, der Kunstszene Sachsens und nicht zuletzt der Demokratie. Das ist unwürdig und bestätigt einmal mehr nicht allein die AfD, sondern alle, die vor linken Einschränkungen der Kunst- und Wissenschaftsfreiheit warnen. Krause selbst hatte bereits 2018 gegenüber anbruch zu bedenken gegeben, dass der Künstler unfreier werde.

„Volle Solidarität!“

Mit diesem Vorgang setzt sich eine missliche Reihe fort, die nicht erst mit der Tilgung des Gomringer-Gedichts „avenidas“ von der Fassade der Alice-Salomon-Hochschule in Berlin begann und in die aktuell auch die parallele Besetzung der Bibliothek der Dresdner Hochschule für Bildende Künste HfbK fällt, deren Leiterin Barbara Lenk für die AfD Meißen zum Kreistag kandidierte. Wenn gesinnungseifrige Kunststudenten fordern, dass Lenk umgehend ihre Arbeitsstelle an der HfBK oder ihre Aktivitäten im Zusammenhang mit der AfD aufzugeben habe, dann finden auch in diesem Fall Methoden Anwendung, die man seit 70, spätestens aber seit 30 Jahren für historisch ausrangiert gehalten hätte. Dass hier eine ihrerseits Parteilose betroffen ist, die bisher noch nicht einmal gewählt wurde, macht den Vorgang umso unbegreiflicher.

Quelle: Tumult-Blog

Die SPD änderte für das inzwischen parteilose Ex-CDU-Mitglied Frank Richter sogar die Parteisatzung, um ihn auf einen aussichtsreichen Landtags-Listenplatz zu hieven – diese Partei denkt über Enteignungen nach und hat kein Problem mit Antifa-Kooperationen. Andererseits wird das politische Engagement einer unbescholtenen Bürgerin für eine demokratische Partei, die in der Wählergunst inzwischen an der SPD mit Schwung vorbeigezogen ist, zu einer existenzbedrohenden Angelegenheit. Dass sich Rektor, Kanzler und Bibliothekskommissarin hinter Lenk stellten, tröstet dabei wenig. All diese Vorgänge lassen deutlich werden, wie sehr linksgrüne Umerziehung und neosozialistisches Moraldiktat in diesem Land inzwischen die Freiheit der Kunst, der Kultur und auch der Wissenschaft beeinträchtigen. …

„Es ist gewiss viel Schönes dran
am Element, dem nassen,
weil man das Wasser trinken kann!
Mann kann’s aber auch lassen“

Es sind genau diese semantischen Doppelbödigkeiten, für die ihn seine Fans jeden Alters bis heute feiern. Seine Ankündigung „noch’n Gedicht“ wurde ebenso zum geflügelten Wort wie sein Ausruf „Was bin heute wieder für ein Schelm“, sein Brillengestell aus braunem Celluloseacetat wird bis heute von einem Hamburger Optiker vertrieben, und ohne ihn sind weder Otto Waalkes noch die heutige „Comedy“-Szene denkbar: Heinz Ehrhardt. Am 5. Juni vor 40 Jahren starb der Schauspieler, Kabarettist, Komponist und Filmproduzent in Hamburg – nur vier Tage nach seiner Ehrung mit dem Bundesverdienstkreuz für sein Lebenswerk.

Er hatte noch viel mehr Witze, Gedichte und sogar Chansons und Klavierkompositionen geschrieben als angenommen. Im Nachlass fanden sich zunächst zahlreiche Klavierstücke aus der Zeit zwischen 1925 und 1931. 23 dieser Stücke wurden 1994 erstmals auf Tonträger veröffentlicht, die Noten dazu dann zu seinem 100. Geburtstag 2009. Seine Enkelin Nicola Tsyzkiewicz wurde im Sommer letzten Jahres erneut fündig und ließ ausgewählte, teils recht sentimentale Stücke von deutschen Prominenten – unter anderem von den „Tatort“-Kommissaren Axel Prahl und Wotan Wilke Möhring – einsingen und vorlesen. Die CD erschien im Herbst 2018.

Heinz Ehrhardt. Quelle: https://www.welt.de/img/regionales/hamburg/mobile100215943/7342504257-ci102l-w1024/hheinz02-DW-Hamburg-Hamburg-jpg.jpg

Heinz Ehrhardt. Quelle: https://www.welt.de/img/regionales/hamburg/mobile100215943/7342504257-ci102l-w1024/hheinz02-DW-Hamburg-Hamburg-jpg.jpg

Dabei begann seine erfolgreiche Karriere mit einer Geschichte, die ihm ein Schriftsteller nicht besser hätte auf den Leib schreiben können: Im Mai 1938 – Heinz Erhardt war 29 Jahre alt – ergatterte er in Berlin einen Termin bei Sperlichs Künstleragentur, die den Kabarettisten Peter Igelhoff an die Kaiserkrone in Breslau vermittelt hatte. Doch Igelhoff war erkrankt, so dass der Agentur eine Vertragsstrafe drohte, wenn nicht kurzfristig ein Ersatz beschafft würde. Dieser Ausfall Igelhoffs bescherte Erhardt einen Vertrag für mehrere Vorstellungen an der renommierten Kaiserkrone.

Die erste Vorstellung Erhardts war ein Desaster. Das Publikum buhte ihn aus und protestierte lauthals, denn sie wollten den bekannten Igelhoff sehen. Erhardt war sehr enttäuscht und blieb am Abend der zweiten Vorstellung – vielleicht aus Kummer – im Bett und verschlief beinahe. „Man fand mich schnarchend, rüttelte mich wach und scheuchte mich in die Kaiserkrone. Mir war alles egal. Und so schlich ich mich verschlafen, mit tieftraurigem Gesicht auf die Bühne und spulte mein Programm ab. Die Leute schrien vor Lachen.“ Erhardt hatte seinen Stil gefunden. Sein trotteliges Gesicht, der Schlafzimmerblick, seine scheinbar spontanen Einfälle waren von nun an seine Markenzeichen.

„also machte ich, dass ich fortkam“

„Es war an einem 20. Februar. Das Thermometer zeigte 11 Grad minus und die Uhr 11 Uhr vormittags, als vor unserem Haus das Hauptwasserrohr platzte. Im Nu war die Straße überschwemmt und im gleichen Nu gefroren. Die umliegenden Kinder kamen zuhauf, um auf ihren Schuhen schlittzulaufen. Ich selbst konnte mich an diesem fröhlichen Treiben nicht beteiligen, weil ich noch nicht geboren war. Dieses Ereignis fand erst gegen Abend statt.“ Genauer gesagt, 1909 in der lettischen Hauptstadt Riga, als Sohn des deutsch-baltischen Kapellmeisters Gustl Erhardt, muss man seine unvollendete Autobiographie ergänzen.

Seine Eltern trennten sich kurz nach der Geburt, so dass Heinz bei seinen Großeltern in Riga aufwuchs. Sein Großvater Paul führte eine Musikalienhandlung und ihn ans Klavierspiel heran. Außerdem leitete er eine Gastspieldirektion und holte viele berühmte Künstler in die Stadt, so dass der kleine Heinz auch dem berühmten Tenor Enrico Caruso die Hand schütteln konnte. Kurz bevor er eingeschult wurde, besann sich seine Mutter ihrer elterlichen Pflichten und „entführte“ ihren Sohn – wie er es später selbst formulierte – nach Sankt Petersburg. Heinz Erhardt konnte sich jedoch nicht eingewöhnen und litt so sehr unter Heimweh, dass er schließlich zu den Großeltern nach Riga zurückkehren durfte. „Sie waren so gut zu mir, dass es schon wieder schlecht war“, sagt er später.

Der junge Ehrhardt. Quelle: https://www.schauspielhannover.de/bilder/seiten/normal/1431504923_heinzerhardt5cerbengemeinschaftheinzerhardt.jpg

Der junge Ehrhardt. Quelle: https://www.schauspielhannover.de/bilder/seiten/normal/1431504923_heinzerhardt5cerbengemeinschaftheinzerhardt.jpg

Vier Jahre später musste er Riga erneut verlassen. Sein Vater war inzwischen ein angesehener Dirigent, der in ganz Deutschland Auftritte hatte, und nahm seinen Sohn bei sich auf. Heinz Erhardt bekam eine seriöse Musikausbildung, komponierte und dirigierte bereits als 13-Jähriger ein Freiluftkonzert von Haydns Kindersinfonie. Zwei Jahre später kehrte er schließlich wieder zu seinen Großeltern nach Riga zurück. Zu diesem Zeitpunkt hatte er sage und schreibe 15-mal die Schule gewechselt. „In der Schule war kein Fortkommen – also machte ich, dass ich fortkam.“ Er verließ das Rigaer Gymnasium ohne Abschluss und wollte professioneller Pianist werden.

Sein Großvater jedoch sah in ihm seinen Geschäftsnachfolger und schickte ihn in ein Leipziger Musikgeschäft, wo er eine kaufmännische Lehre begann. Statt Klaviere zu verkaufen, spielte er lieber selbst darauf und sang eigene Lieder dazu. Nebenbei studierte Erhardt am Konservatorium Klavier und Komposition. Nach dem Tod des Großvaters im Jahre 1929 übernahm sein Stiefvater das Geschäft, in dem Heinz Erhardt weiterhin für einen bescheidenen Lohn angestellt war. „Dann fing ich plötzlich an, Gedichte zu machen, und dann wurde ich eingeladen zu Onkeln und Tanten, zu Vereinen und da musste ich immer eins zum Besten geben. Dann hieß es immer: Heinz, nun noch mal was, und so schlitterte ich in diesen Beruf hinein“, beschreibt er seinen Karrierestart später, der ihn mit selbst komponierten und komischen Texten und Liedern auch in die Kaffeehäuser der Stadt und später in Programme der Reichssender Königsberg und Danzig führte.

1934 lernt er die Tochter des ehemaligen italienischen Konsuls in Sankt Petersburg Gilda Zanetti in einem Aufzug kennen und heiratet sie im Jahr darauf. Sie war die Liebe seines Lebens, die ihn 45 Jahre lang auf nahezu allen Wegen begleitete und ihn ermutigte, 1938 nach Berlin zu gehen und sein Glück als Schauspieler zu versuchen. Willi Schaeffers engagierte ihn am legendären Kabarett der Komiker, wo er seinen Durchbruch schaffte. 1941 wurde Erhardt zur Wehrmacht einberufen. Bei zwei Musterungen war er durchgefallen, bei der dritten kam er – als Nichtschwimmer und Brillenträger – nach Stralsund zur Kriegsmarine, die für das Marine-Musikkorps einen Klavierspieler suchte. So blieb ihm die Front erspart.

„Lampenfieber quälte ihn immer“

Seine Frau und die Kinder, insgesamt sollten es ein Sohn und drei Töchter werden, flohen über Polen und Schleswig-Holstein nach Hamburg, wo sich die Familie 1945 in Wellingsbüttel niederließ. Ehrhardt arbeitete zunächst als erfolgreicher Radiomoderator bspw. für die Sendung „So was Dummes“ beim NWDR, der ihn 1948 auch als Komponist mit seiner „10-Pfennig-Oper“ ins Programm nahm. Selbst die Engländer, deren Zensurbehörden jede seiner Sendungen im Voraus absegnen mussten, waren begeistert: „Sie sind der einzige Deutsche, über den wir lachen können, ohne dass wir ein einziges Wort verstehen!“ 1947 begann er, seine berühmten Erinnerungsalben zu führen: Dicke ledergebundene Wälzer mit Zeitungsartikeln, Fotos und privaten Notizen. Insgesamt hat er auf diese Weise 19 dicke Alben gefüllt.

Ehrhardt als "Wittwer". Quelle: https://www.cinema.de/sites/default/files/styles/cin_landscape_510/public/sync/cms3.cinema.de/imgdb/import/dreams2/1000/682/7/1000682799.jpg?itok=sQbHMD8E

Ehrhardt als "Wittwer". Quelle: https://www.cinema.de/sites/default/files/styles/cin_landscape_510/public/sync/cms3.cinema.de/imgdb/import/dreams2/1000/682/7/1000682799.jpg?itok=sQbHMD8E

Seine größten Erfolge feierte er ab Ende der 50er Jahre im Kino als Hauptfigur in Filmkomödien, darunter „Witwer mit fünf Töchtern“ (1957), „Der Haustyrann“ (1959) oder „Drei Mann in einem Boot“ (1961) gemeinsam mit Walter Giller und Hans-Joachim Kulenkampff. 39 Filme sind es am Ende. Parallel dazu beginnt Ehrhardts Theater-, Tournee- und Fernsehkarriere, für die er auch Paarnummern mit Peter Alexander, Rudi Carrell oder Udo Jürgens schrieb. Kaum eine große Abendshow kam damals ohne Ehrhardt aus. Das Multitalent begeistert mit Doppelsinnigkeiten, Wortverdrehung und -neuschöpfungen, mit Musik, Gestik und Mimik – ein Allroundtalent. Der beleibte Erhardt, schon rein optisch ein würdiger Exponent der damaligen „Fresswelle“, gilt als Humorist des Wirtschaftswunders.

Abseits der Scheinwerfer ist der „liebenswert-tapsige Underdog“, so Michael Wenk in der NZZ, eher schüchtern. Sein Sohn Gero berichtet im MDR: „Privat war er mehr still, sehr in sich gekehrt, introvertiert. Mein Elternhaus war ein Frauenhaushalt, Mutter, Großmutter, drei Schwestern. Davon zog sich dann mein Vater in seinen Wohnwagen im Garten zurück, arbeitete dort, bienenfleißig.“ Und er sagte auch:

„Leicht fiel ihm nichts, Lampenfieber quälte ihn immer. Jeder Bühnenauftritt war ein Kraftakt, an dessen Ende er völlig ausgelaugt, leer gepumpt war. Ein zutiefst einsamer Mann mit wenigen Freunden.“

Das Publikum liebte diesen ganz normalen, etwas spießigen und verklemmten Musterbürger, den pseudo-autoritären Typ, den er darstellte und zugleich bis aufs Bodenloseste lächerlich machte. Erhardts Dauer-Rolle: Der halb hilflose, halb durchgeknallte Dicke mit der Brille. Denn um sich die Angst vor dem Publikum zu nehmen, trug Heinz Erhardt auf der Bühne eine Hornbrille mit dickem Fensterglas, die seine Kurzsichtigkeit nicht korrigierte. Dadurch nahm er das Publikum nur verschwommen wahr und konnte damit sein Lampenfieber mildern. 1963 startete er im Fackelträger Verlag mit „Noch´n Gedicht“ auch eine Karriere als Buchautor.

Er war immer unterwegs. Seine Familie, allen voran die Kinder, sahen ihren Vater nur noch selten und erinnern sich in der ARD: „Im Grunde hat er eigentlich nur gearbeitet. Zum Beispiel, wenn wir zusammensaßen oder wenn wir Besuch hatten, dann war er plötzlich mal eine Weile verschwunden, dann saß er am Schreibtisch und hat irgendwas notiert (…). Er war immer mit den Gedanken bei seinem Beruf – immer.“ Ab Ende der 1960er Jahre verschlechterte sich sein Gesundheitszustand.

Ehrhardt mit Theo Lingen. Quelle: Ehrhardt mit Theo Lingen. Quelle: https://tackerfilm.de/wp-content/uploads/2017/11/heinz-erhardt-kabarett-klassiker-08.jpg

Ehrhardt mit Theo Lingen. Quelle: Ehrhardt mit Theo Lingen. Quelle: https://tackerfilm.de/wp-content/uploads/2017/11/heinz-erhardt-kabarett-klassiker-08.jpg

Jäh beendete dann ein Schlaganfall im Dezember 1971 seine Karriere. Die letzten siebeneinhalb Jahre seines Lebens war Heinz Erhardt halbseitig gelähmt. Ihm widerfuhr wohl mit das Schlimmste, was einem Sprachakrobaten wie ihm passieren kann: Er war nicht mehr fähig, auch nur ein einziges Wort zu sprechen – obwohl er jedes Wort verstand, das um ihn herum gesprochen wurde. Trotz Bühnenabstinenz bekommt der populäre Alleinunterhalter, der jetzt im Rollstuhl sitzt, noch immer tausende Briefe von seinen Fans. Von der 1972 veröffentlichten LP „Was bin ich wieder für ein Schelm“ wurden bis 1984 über 250.000 Exemplare verkauft; dafür gab‘s eine Goldene Schallplatte. Die LP erschien 1985 auch in der DDR und war dort ebenfalls ein großer Erfolg.

„steht er für Güte und Menschlichkeit“

Doch Ehrhardt kommt nochmal ins Fernsehen, für einen letzten großen Auftritt. Gemeinsam mit seinem Sohn Gero als Kameramann arbeitet er an der Fernsehfassung der komischen Oper „Noch ´ne Oper“, die Erhardt bereits in den 30er Jahren geschrieben hatte und die einen Tag nach seinem 70. Geburtstag im ZDF schließlich ausgestrahlt wurde. Viele berühmte Kollegen wie Paul Kuhn, Ilse Werner oder Helga Feddersen waren dabei. Seine Stimme wurde aus früheren Rundfunkaufnahmen hinzugemischt. In kurzen, eingeblendeten Szenen war er selbst als amüsierter Dichter in einem Park auf einer Bank sitzend zu sehen. Wochen darauf stirbt er und wird auf dem Hauptfriedhof Ohlsdorf in Hamburg beigesetzt.

Die Ehrhardt-Rezeption kommt danach erst richtig in Gang. Seit seinem Tod erschienen etwa im Zweijahresrhythmus neue LP/CD, darunter auch eine für Kinder. Vier Jahre nach seinem Tod zeigten die Kinos einen alten Erhardt-Film nach dem anderen: „Die Jugend rennt zu Erhardt“ titelten die Zeitungen und begründeten den Erfolg mit der zeitlosen Qualität seines Humors. Nach der Jahrtausendwende wurde die Grünanlage „Fasanenhain“ in Hamburg-Wandsbeck zum Heinz-Ehrhardt-Park, und die Kreuzung am Weender Tor in Göttingen, wo er als Verkehrspolizist Eberhard Dobermann in dem Film „Natürlich die Autofahrer“ (1959) den Verkehr regelte, zum Heinz-Ehrhardt-Platz.

Heinz-Ehrhardt-Platz. Quelle: Heinz-Ehrhardt-Platz. Quelle: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/9/9b/Heinz_Erhardt_Denkmal_G%C3%B6.jpg

Heinz-Ehrhardt-Platz. Quelle: Heinz-Ehrhardt-Platz. Quelle: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/9/9b/Heinz_Erhardt_Denkmal_G%C3%B6.jpg

2004 erhält Erhardt einen Stern im „Walk of Fame des Kabaretts“ in Mainz, 2007 kommt er bei der Wahl zum besten deutschsprachigen Komiker in der ZDF-Sendung „Unsere Besten – Komiker &Co.“ auf den zweiten Platz hinter Loriot. Der Kritiker Volker Bergmeister bestätigte diese Rangfolge 2010 in seiner Liste der zehn nachhaltigsten Comedians. Zeitlebens galt er als besser, aber nicht so arriviert und feinsinnig wie Loriot, der ihn überlebt: ein Komiker für die Kleinen statt ein Bajazzo für die Betuchten. John von Düffel schrieb das Theaterstück „Ich, Heinz Erhardt“ zum 100. Geburtstag des Komikers, aus demselben Anlass legte die Deutsche Post eine Sonderbriefmarke auf.

„Erhardts gemütvoll-sanfte Figuren sind der Gegenentwurf zum Klischee vom zackigen Deutschen. Selbst dort, wo er subalterne Repräsentanten der Obrigkeit darstellt, steht er für Güte und Menschlichkeit“, befindet Wenk und verweist gerade auf die Rolle des Finanzbeamten Willi Winzig, der in „Was ist denn bloß mit Willi los?“ (1970) ein großes Herz für kleine Steuersünder zeigt. Manche seiner Gedichte könne man auch dem Genre des schwarzen Humors zurechnen, so Kritiker, da sie auf subtile Weise um die Themen Vergeblichkeit, Vergänglichkeit und Tod kreisten. „Wer sich selbst auf den Arm nimmt, erspart anderen die Arbeit“, so ein Bonmot des Humoristen, der auch vor Kalauern nicht zurückschreckte, die bis heute Kult sind:

„Die alten Zähne wurden schlecht,
und man begann, sie auszureißen,
die neuen kamen grade recht,
um mit ihnen ins Gras zu beißen.“

Zum großen Triumph am 4. Juni 1989 war sie bereits ausgetreten: Anna Walentynowicz, Kranführerin auf der Danziger Lenin-Werft. Ihre fristlose Entlassung am 7. August 1980, wenige Monate vor ihrer Pensionierung, war eine Woche später der Anlass zu den Streiks, die zur Gründung der ersten freien Gewerkschaft führten. Neun Jahre später geht die „Unabhängige Selbstverwaltete Gewerkschaft Solidarität“, die „NSZZ Solidarność“, als Siegerin der ersten freien Parlamentswahlen Polens hervor.

Als Auslöser der großen Streikwelle galten die Preiserhöhungen für Fleisch vom 1. Juli 1980, verursacht durch eine Wirtschaftskrise, die schon seit Jahren die Lebensbedingungen der Polen stetig verschlimmert. Zuerst protestieren die Eisenbahnangestellten in Lublin, dann legen immer mehr Arbeiter im ganzen Land ihre Arbeit nieder. Am 14. August erreicht die Streikwelle auch die Lenin-Werft: die Arbeiter besetzen das Werftgelände, verschanzen sich hinter den Toren und gründen ein betriebliches Streikkomitee. Zu ihrem Anführer wird der junge Elektriker Lech Walesa. Bereits vier Jahre zuvor hatte er versucht, eine vom Staat unabhängige Gewerkschaft zu gründen, und wurde entlassen.

Anna Walentynowicz und Lech Walesa. Quelle: https://www.rp.pl/apps/pbcsi.dll/bilde?Avis=RP&Dato=20151030&Kategori=PLUSMINUS&Lopenr=310309988&Ref=AR&Profile=1089&MaxW=750&imageversion=MainTopic1

Anna Walentynowicz und Lech Walesa. Quelle: https://www.rp.pl/apps/pbcsi.dll/bilde?Avis=RP&Dato=20151030&Kategori=PLUSMINUS&Lopenr=310309988&Ref=AR&Profile=1089&MaxW=750&imageversion=MainTopic1

Die Arbeiter verlangen unter anderem die Wiedereinstellung von Anna Walentynowicz sowie ein Denkmal für die Streikenden, die 1970 vom Militär vor der Werft erschossen wurden. Als den Forderungen nachgegeben wird, scheint der Streik nach zwei Tagen zu Ende zu gehen. Doch die Arbeiter entscheiden sich dazu, weiterzumachen: Unter Walesas Führung wird ein „Überbetriebliches Streikkomitee“ gegründet, das mehr als 300 polnische Betriebe repräsentiert und 21 Forderungen an die Regierung ausarbeitet. Die beinhalten etwa Lohnerhöhungen, Abschaffung der Zensur und Redefreiheit, Streikrecht und vor allem das Recht auf unabhängige Gewerkschaften.

Nach langen Verhandlungen lenkt die Regierung ein. Am 31. August 1980 unterzeichnen Walesa und Vize-Ministerpräsident Mieczyslaw Jagielski das „Danziger Abkommen“. Polen ist damit das erste Land im Ostblock, in dem freie Gewerkschaften zugelassen werden. Jagielski kommentierte die Einigung mit den Worten „Es gibt weder Sieger noch Verlierer“ – und täuschte sich gewaltig. Die Sowjetunion fühlt sich durch die Geschehnisse bedroht und zieht sogar Truppen nahe der polnischen Grenze zusammen, doch zu einem Einmarsch kommt es nicht: Regierungschef Wojciech Jaruzelski fühlt sich noch als Herr der Lage und kann Moskau beruhigen.

als Freiheitsbewegung im Untergrund

Am 17. September gründen schließlich Vertreter von mehr als 30 örtlichen Streikkomitees in Danzig die Gewerkschaft Solidarność und wählen Lech Walesa zum Vorsitzenden. Die Gründung wird Anfang November durch den Obersten Gerichtshof anerkannt. Im folgenden Jahr hat die Gewerkschaft fast zehn Millionen Mitglieder – das waren mehr als die Hälfte der polnischen Arbeitnehmer. Auch viele Mitglieder der kommunistischen Partei PVAP wurden Mitglieder der freien Gewerkschaft, teilweise bis zu einer Million, was ca. 30 % der Parteimitglieder entsprach.

Rückendeckung bekommen sie von Anfang an von regimekritischen Intellektuellen vor allem des 1976 gegründeten „Komitees zur Verteidigung der Arbeiter“ KOR. Darunter waren Jacek Kuroń, der spätere Arbeits- und Sozialminister Polens und enge Mitarbeiter Lech Wałęsas, der spätere Verteidigungsminister Antoni Macierewicz sowie der Autor Jerzy Andrzejewski, aber auch der spätere Premier Tadeusz Mazowiecki sowie der spätere Außenminister Bronisław Geremek. Und Rückendeckung bekommen sie auch von ihrem polnischen Landsmann Papst Johannes Paul II., der sich bereits während der Besetzung der Leninwerft mit den Streikenden solidarisch zeigte und in einem offenen Brief an die polnischen Bischöfe dazu aufrief, die Arbeiter in ihrem Kampf um soziale Gerechtigkeit zu unterstützen. Walesa und andere Gewerkschaftsführer sind am 15. Januar 1981 zu einer Privataudienz ein beim Papst eingeladen. In den nächsten sechs Jahren reist der Pontifex zweimal in seine Heimat.

Papststatue in Tschenstochau. Quelle: https://mobil.ksta.de/image/3836242/2x1/940/470/e522b52ec3cac37b1b5c0aa666ff694a/Tu/mdf43955-jpg.jpg

Papststatue in Tschenstochau. Quelle: https://mobil.ksta.de/image/3836242/2x1/940/470/e522b52ec3cac37b1b5c0aa666ff694a/Tu/mdf43955-jpg.jpg

Auf ihrem ersten Nationalkongress im September und Oktober 1981 wird Lech Walesa knapp in seinem Amt als Gewerkschaftsführer bestätigt, denn inzwischen haben sich zwei Lager innerhalb der Solidarność gebildet. Auf der einen Seite steht Walesa, der sich für eine gemäßigte Auseinandersetzung mit der kommunistischen Regierung ausspricht, während eine eher national-konservative Gruppe um Andrzej Gwiazda und Jan Rulewski mehr in die Offensive gehen möchte.

Da sich die wirtschaftliche Lage des Landes nicht verbessert und durch weitere Streiks ein Engpass in der Lebensmittelversorgung entsteht, wird die Sowjetunion unruhig: KPdSU-Chef Leonid Breschnew fordert die polnische Staatsführung dazu auf, gegen die Gewerkschaft vorzugehen. Am 13. Dezember 1981 verhängt Jaruzelski für zwei Jahre das Kriegsrecht über sein eigenes Land, verbietet Solidarność und interniert Walesa mit anderen Gewerkschaftsführern vorübergehend. Die Gewerkschaft geht als Freiheitsbewegung in den Untergrund und gründet Büros im Ausland, darunter in Bremen. Zwei Jahre später wird Lech Walesa mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet.

1984 erreicht das köchelnde politische Klima in Polen einen neuen Siedepunkt: drei Offiziere des Staatssicherheitsdienstes ertränken am 19. Oktober den römisch-katholischen Priester Jerzy Popiełuszko, der als Seelsorger für Streikende tätig war und dessen St.-Stanisław-Kostka-Gemeinde in Warschau zum Sammelbecken für oppositionelle Bürgerrechtler wurde. An seiner Beerdigung nahmen bis zu 800.000 Menschen teil, das Grab wurde zu einer Pilgerstätte. 2010 wurde Popiełuszko selig gesprochen.

Beerdigung von Jerzy Popiełuszko. Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Jerzy_Popie%C5%82uszko#/media/File:Funeral_Popieluszko_Europeana_(31).jpg

Beerdigung von Jerzy Popiełuszko. Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Jerzy_Popie%C5%82uszko#/media/File:Funeral_Popieluszko_Europeana_(31).jpg

Die Unruhen in Polen nehmen in den Folgejahren nicht ab und erleben 1988 einen weiteren Höhepunkt. Auf Hilfe aus Moskau kann Jaruzelski nicht hoffen: Michail Gorbatschow ist seit 1985 neuer KPdSU-Chef. Jaruzelski sieht nur noch einen Ausweg: Er bittet Walesa um Hilfe. Der bittet die Arbeiter erfolgreich, ihren Streik zu beenden, und fordert als Gegenleistung die Einführung eines „runden Tisches“, der nach der Wiederzulassung von Solidarność im Januar 1989 am 6. Februar zu arbeiten beginnt.

Solidarność heute politisch einflusslos

Oppositionelle aus den Reihen der Gewerkschaft sitzen als Gleichberechtigte mit Abgesandten der polnischen Regierung acht Wochen lang an einem Tisch und versuchen, sich in politischen und ökonomischen Fragen anzunähern. Wichtigstes Resultat: Die Vereinbarung erster halbfreier Wahlen im kommunistischen Polen. Der Senat sowie 35 Prozent der Parlamentssitze werden am 4. Juni 1989 frei gewählt. Solidarnosc tritt als eigene Partei an und erhält 99 Prozent der Stimmen für den Senat sowie alle frei wählbaren Sitze im Parlament.

Mazowiecki mit Walesa und Wladyslaw Frasyniuk. Quelle: https://www.mdr.de/zeitreise-regio/lech-walesa106_v-variantBig16x9_wm-true_zc-ecbbafc6.jpg?version=18416

Mazowiecki mit Walesa und Wladyslaw Frasyniuk. Quelle: https://www.mdr.de/zeitreise-regio/lech-walesa106_v-variantBig16x9_wm-true_zc-ecbbafc6.jpg?version=18416

Am 24. August wird Tadeusz Mazowiecki schließlich erster nichtkommunistischer Regierungschef Polens nach dem Zweiten Weltkrieg. Ende des Jahres erklärt sich das Land nach einer Verfassungsänderung wieder zur Republik. Lech Walesa wird 1990 zum Staatspräsidenten gewählt, tritt als Gewerkschaftschef ab – und beruft einen gewissen Jarosław Kaczynski zum Kanzleichef. Während Walesas Amtszeit entwickelt sich Polen immer mehr zu einem marktwirtschaftlichen Land.

Doch mit dem größten Erfolg beginnen auch der Machtverfall und die Spaltung der Gewerkschaftsbewegung. Denn während die neue Regierung den radikal liberalen Umbau der polnischen Wirtschaft vorantreibt, bleiben viele der alten kommunistischen Kader der Verwaltung des neuen Staates erhalten. Radikalen Antikommunisten wie den Zwillingsbrüdern Kaczynski ist das ein Dorn im Auge, hatten sie doch jahrzehntelang gegen genau diese kommunistischen Seilschaften gekämpft. „Die alte und die neue Zeit, die Volksrepublik und das unabhängige Polen wurden nicht voneinander getrennt. Man weiß nicht, wo die Volksrepublik endet und wo das freie Polen beginnt“, zitiert der MDR Kaczynski aus einem Interviewbuch 1993.

Im gleichen Jahr verliert die Solidarnosc, bedingt durch die sozialen Verwerfungen aufgrund des radikalen Wirtschaftsumbaus – viele Polen machen sie für die negativen Auswirkungen der Wende verantwortlich – ihre Regierungsbeteiligung. Zwei Jahre später wird auch Präsident Walesa abgewählt. Als „Wahlaktion Solidarität“ (AWS) besteht der parteipolitische Arm der Solidarnosc noch bis 2001 und löst sich dann auf. Heute ist die Solidarność politisch einflusslos, besteht aber weiterhin als unabhängige Gewerkschaft. Aktuell sind in Polen nur noch rund 15 % der Arbeitnehmer überhaupt einer Gewerkschaft angeschlossen.

Als Walesa am 31. August 2005 aus der Solidarność austritt, da es nicht mehr dieselbe Gewerkschaft sei wie früher, geht eine Ära zu Ende: Viele Jahre wurde er mit der Solidarność gleichgesetzt. So verglich die Berliner Zeitung seinen Austritt mit dem Austritt des Papstes aus der katholischen Kirche. Aus der politischen Insolvenzmasse der Solidarnosc-Partei entstehen wiederum zwei neue Parteien, die die Politik Polens bis heute prägen: die liberal-konservative Bürgerplattform (PO) und die Nationalkonservative Recht und Gerechtigkeit (PiS).

Und auch personell tragen die beiden Parteien das Solidarnosc-Erbe weiter. Auf PO-Seite stehen der spätere Ministerpräsident Donald Tusk, heute Präsident des Europäischen Rates, und der 2015 abgewählte Staatspräsident Bronislaw Komorowski. Beide gehörten Anfang der 1980er Jahre ebenso zu den inhaftierten Solidarnosc-Mitgliedern wie die Kaczynskis auf der anderen, der PiS-Seite, die zwischen 2005 und 2007 als Präsident und Premierminister Polen regierten.

Szenenbild Strajk. Quelle: http://de.web.img3.acsta.net/r_1280_720/medias/nmedia/18/63/12/23/18673935.jpg

Szenenbild Strajk. Quelle: http://de.web.img3.acsta.net/r_1280_720/medias/nmedia/18/63/12/23/18673935.jpg

Anna Walentynowicz blieb ein eigenwilliger Charakter: sie lehnte 2000 sowohl die Ehrenbürgerschaft Danzigs als auch 2005 eine Ehrenpension des polnischen Ministerpräsidenten ab und blieb auch den Feierlichkeiten zum 25-jährigen Jubiläum der Solidarność fern. Dagegen nahm sie 2005 die amerikanische Medal of Freedom aus der Hand von Präsident George W. Bush an, 2006 auch den Orden vom Weißen Adler, die höchste Auszeichnung Polens aus der Hand von Präsident Lech Kaczyński.

Gegen ihren Widerstand verfilmte Volker Schlöndorff ihre Geschichte 2007 unter dem Titel „Strajk – Die Heldin“ mit Katharina Thalbach in der Hauptrolle. 2010 gehörte sie Lech Kaczyńskis  Delegation an, die anlässlich des siebzigsten Jahrestages des Massakers von Katyn zur Gedenkstätte nach Russland fliegen sollte, und kam wie alle anderen 96 Passagiere der Regierungsmaschine bei Smolensk ums Leben.

… Bundesinnen- und Bundesjustizministerium haben nun überraschend einen Gesetzesentwurf an die Verbände mit der Bitte um Stellungnahme verschickt, in dem die Änderung des Geschlechtseintrags geregelt und das TSG aufgehoben werden soll. Julia Monro von der Deutschen Gesellschaft für Transidentität und Intersexualität (dgti) kritisiert im Spiegel prompt, dass im neuen Gesetz zwischen trans- und intersexuellen Personen unterschieden werde. Während bei intersexuellen Personen beim Standesamt eine Bescheinigung vom Arzt ausreiche, müsse bei Transpersonen noch immer ein Gericht entscheiden. Begründet wird das in dem Gesetzesentwurf mit dem Verweis auf das „öffentliche Interesse an der Validität der Eintragungen“ in den Standesämtern.

Anders gesagt: Niemand soll auf die Idee kommen, sein Geschlecht nach Belieben mehrfach zu ändern. „Weshalb so viele der betroffenen Menschen durch Ärzte/Ärztinnen/divers angeblich traumatisiert seien, dass sie sich nun keine Bescheinigung holten, erschließt sich mir nicht“, meint Thomas Schätzler im Ärzteblatt. „Von einer ‚gefühlten‘ Intersexualität ohne jegliche körperlich verifizierbaren Zwischenstufen zwischen ‚männlicher‘ oder ‚weiblicher‘ Physiognomie war im Gegensatz zu Erklärungen von Selbsthilfegruppen bei der Entscheidung des BVerfG juristisch nicht die Rede“.

Auch für den Wissenschaftsphilosophen Michael Kämpfer ist das dritte Geschlecht kein Normalfall: „Intersexuelle Menschen haben sowohl männliche als auch weibliche Geschlechtsmerkmale. Wenn diese medizinische Störung in der öffentlichen Debatte und in den Medien als ein Ausdruck natürlicher sexueller Vielfalt hingestellt wird, widerspricht das wissenschaftlichen Fakten“, erklärt er im christlichen Medienmagazin Pro. Zudem würden unter dem Begriff medizinisch vielerlei Abweichungen von der biologisch normalen Geschlechtsentwicklung zusammengefasst, die ein recht komplexes hormonelles Störungsbild beschreiben, aber: „Der biologische Normalfall ist die heterosexuelle Zweigeschlechtlichkeit“. …

Meine Anmerkungen zur aktuellen Debatte „Intersexualität“. Den vollständigen Text gibts hier.

„In einem Text zu Sachsens SEK schreibe ich, ‚dass die primären Fragen dieses Landes wie Massenmigration, innere Sicherheit oder soziale Gerechtigkeit mit Diskussionen um das Aussehen von Polizeisitzlehnen beantwortet werden’“.

Mein Interview zum Buchstart im Mai-Heft der „zuerst“.

„Die Welt ist für mich zu Ende! Wenn ich doch weiterleben muss, so ist es um unserer vaterlosen Kinder Willen (…) Sein Edelmut war zu groß, sein Streben zu hoch für diese elende Welt! Sein Geist lebt nun in der Welt, die er verdient!“ Die so um ihren Mann trauernde Witwe hatte mit ihm neun Kinder und sollte für die restlichen 40 Jahre ihres Lebens traumatisiert und verborgen bleiben: Victoria, Königin von England. Am 24. Mai vor 200 Jahren wurde sie geboren. Auf dem Höhepunkt ihrer Macht herrschte sie über ein Fünftel der Erde und ein Drittel der Weltbevölkerung.

Der Nachwelt gilt die Königin als Symbol des Empire, und ihre fast 64-jährige Regentschaft, die erst ihre Ururenkelin  Elisabeth II. ab dem 9. September 2015 zeitlich übertreffen sollte, als eigene Epoche der englischen Geschichte, als Viktorianisches Zeitalter: Die Blütezeit des englischen Bürgertums in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Ihre Allgegenwart bis heute verdankt sich vielerlei Einflüssen. Zum einen ihrer Eigenschaft als „Großmutter Europas“, denn viele ihrer 40 Enkel und 88 Urenkel werden auf den Thronen des Kontinents Platz nehmen. Zum anderen werden ihr auch alle sozialen Erleichterungen für die Arbeiterschaft zugeschrieben, so das 1842 ausgesprochene Arbeitsverbot von Kindern unter 10 Jahren in Kohleminen oder der Bau erster Arbeitersiedlungen mit Spültoiletten und fließendem Wasser, obwohl die wesentlich von ihrem Gemahl initiiert wurden.

Queen Victoria mit Prince Albert. Quelle: http://victorian-era.org/images/Queen-Victoria-and-Prince-Albert.jpg

Queen Victoria mit Prince Albert. Quelle: http://victorian-era.org/images/Queen-Victoria-and-Prince-Albert.jpg

Zum weiteren der Unzahl an überlieferten privaten Ereignissen, ja Schnorren. So litt sie als Kind an einer krankhaften Phobie vor Bischöfen, überlebte sieben Attentate und ließ sich in einem weißen Kleid mit ihrem Brautschleier beerdigen. Und nicht zuletzt steht sie dem retrofuturistischen Kulturtrend „Steampunk“ Pate, der fiktionale technische Funktionen mit mechanischen Materialien des oft idealisierten viktorianischen Zeitalters verknüpft, das von der industriellen Revolution seit der ersten Dampfeisenbahn geprägt war und 1851 die erste Weltausstellung hervorbrachte, in der sich Großbritannien als größte industrielle, Handels-, Finanz- und Kolonialmacht präsentierte.

„fett wie ein Rebhuhn“

Victorias Geburt fiel in eine Krise der Erb- und Thronfolge. Hinter ihren drei kinderlosen Onkeln väterlicherseits sowie dem eigenen Vater stand sie zunächst an fünfter Position. Für damalige Verhältnisse ungewöhnlich, wurde die Prinzessin unmittelbar nach der Geburt gegen Pocken geimpft und von ihrer Mutter Victoria von Leiningen, geborene Prinzessin von Sachsen-Coburg, selbst gestillt. Der Vater Edward Augustus, Duke of Kent, schrieb an seine Schwiegermutter nach Coburg, das Mädchen sei „fett wie ein Rebhuhn“. Er starb acht Monate nach der Geburt.

Victoria, in Familienkreisen „Drina“ genannt, galt als willensstarkes, robustes Kind, das gelegentlich in Tobsuchtsanfälle ausbrach. 1824 wurde die deutsche Baronin Louise Lehzen Gouvernante in Kensington Palace und war fortan für die Erziehung Victorias verantwortlich; fünf Jahre später der Hauslehrer George Davys, der spätere Bischof von Peterborough. Ihr Programm umfasste täglich fünf Unterrichtsstunden an sechs Wochentagen mit den Schwerpunkten Bibelkunde, Geschichte, Geographie und Sprachen. Später kamen Tanzen, Malen, Reiten sowie Klavierunterricht dazu. Sie galt als lernfaul und wurde auf eine Rolle als Monarchin bewusst nicht vorbereitet. Einzig ihr Onkel, der belgische König Leopold I., beriet seine Nichte in Briefen, empfahl ihr Bücher und Manuskripte, die sie auf die Thronübernahme vorbereiten sollten, und wurde von ihr als „bester und gütigster Ratgeber“ bezeichnet.

Da einer der Hofbeamten, John Conroy, bei ihrer Thronbesteigung auf Einfluss spekulierte, redete er ihrer Mutter ein, dass das Leben der Tochter durch mögliche Mordanschläge gefährdet sein könnte. Victoria wuchs, abgeschirmt von der Außenwelt, daher weitgehend ohne Sozialkontakte auf. Es war ihr nicht einmal gestattet, eine Treppe ohne Begleitperson hinunterzugehen. Zeitlebens war sie überzeugt, eine unglückliche Kindheit erlebt zu haben: „Keinen Auslauf für meine starken Gefühle und Zuneigungen, keine Brüder und Schwestern, mit denen ich leben konnte“ schrieb sie später ihrer ältesten Tochter. 1832 begann sie Tagebuch zu führen. Als sich die 16-jährige trotz enormen Drucks sowie einer überstandenen schweren Erkrankung (vermutlich Typhus) weigerte, Conroy zum Privatsekretär zu ernennen, kam es zum vollständigen Bruch mit ihrer Mutter.

Victorias Krönung. Quelle: https://www1.wdr.de/stichtag/stichtagjunidreizehn132~_v-ARDFotogalerie.jpg

Gerade volljährig geworden, wurde sie am 28. Juni 1837 zur Königin von Großbritannien und Irland gekrönt – acht Tage zuvor war König Wilhelm IV., ihr Onkel, an einer Lungenentzündung gestorben.  Schon 1836 hatte sie ihren Cousin, den deutschen Prinzen Albert von Sachsen-Coburg-Gotha kennengelernt. In einem Brief an Leopold I., der das Kennenlernen hintersinnig organisiert hatte, schwärmte sie von dem zwei Jahre Älteren und schrieb, er besäße jede Eigenschaft, um sie vollkommen glücklich zu machen. 1839 verlobte sich die junge Königin mit Albert, heiratete ihn am 10. Februar 1840 und bekommt neun Monate später ihre erste Tochter, Kronprinzessin „Vicky“ (Victoria).

Bis heute wird kolportiert, dass Victoria ihrem Albert einen Antrag machen musste – andersherum wäre es aufgrund ihres Ranges unangemessen gewesen. Die Ehe war trotz nicht ausbleibenden Streits überaus glücklich, vor allem Victoria schien von ihrem angebeteten Mann nicht genug zu bekommen. Sie fand Babys jedoch hässlich, nannte sie „froschartige Wesen“ und hatte einen „unüberwindbaren Ekel“ vor dem Stillen, weshalb sie es auch ihren Töchtern verbieten wollte. Die hielten sich nicht dran und wurden von ihr prompt „Kühe“ tituliert. Victoria schien zu Alberts Lebzeiten nur wenig an ihren Kindern interessiert zu sein – höchstens daran, sie zu Ebenbildern ihres vergötterten Vaters zu formen. Prinz Albert dagegen nahm, ungewöhnlich für jene Zeit und Schicht, großen Anteil am Leben seiner Kinder und tollte mit ihnen durchs Kinderzimmer.

„Wie bereue ich es, dass ich kein Mann bin“

In Albert hatte Viktoria aber nicht nur einen Gatten, sondern auch einen politischen Berater, der sich trotz mancher Widerstände von außen – schließlich war er Deutscher – überaus aktiv an den Alltagsgeschäften der Königin beteiligte, ja als besserer Privatsekretär agierte. Innenpolitisch herrschte seit den frühen 1830er Jahren heftiger Dauerstreit, im Parlament lösten sich liberale und konservative Regierungen regelmäßig ab. Zankapfel waren die sozialen und politischen Reformen: Arbeitsrecht, Sozialfürsorge, Bildung, das Parlament selbst.

Als Hauptkontrahenten standen sich Robert Peel und Lord Palmerston gegenüber, später Benjamin Disraeli und William Gladstone. 1841 hatte Albert seine Gattin von der konservativen Politik Peels überzeugt, so dass sie die Seiten wechselte. Mit ihrem Gatten teilte Viktoria zudem die Ansicht, der Monarch sei nicht nur zum Repräsentieren da, und forderte das Mitspracherecht der Krone vor allem in außenpolitischen Angelegenheiten: Ein Anliegen, das der Liberale Palmerston, von 1846 bis 1851 Außenminister und später zweimal Premier, allerdings geflissentlich überhörte.

1843 besucht sie als erste britische Herrscherin seit Heinrich VIII. Frankreich, 1845 Deutschland. 1848 floh die Königin mit den Kindern vor den Chartisten-Unruhen auf die Insel Wright. Im verlustreichen Krimkrieg 1853 – 1856, durch den endgültig das auf dem Wiener Kongress 1815 geschaffene politische System zerfiel, entdeckte Victoria ihre landesmütterliche Fürsorgepflicht für die Armee, zeigte Mitleid und persönliche Anteilnahme für ihre Soldaten, indem sie den Anstoß zu einer Militärreform gab und die Erneuerung des Lazarettwesens unterstützte. Sie stiftete das Victoria-Kreuz, mit dem erstmals Nichtoffiziere ausgezeichnet werden konnten, zeigte aber eher naive Begeisterung: „Wie bereue ich es, dass ich kein Mann bin und im Krieg kämpfen darf. Es gibt für einen Mann keinen schöneren Tod als auf dem Schlachtfeld zu fallen.“ Weder die ersten beiden Anglo-Afghanischen Kriege noch die beiden Burenkriege konnten ihr Image beschädigen.

Königin Victoria, Prinz Albert und die fünf ältesten Kinder. https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/a/ae/Queen_Victoria%2C_Prince_Albert%2C_and_children_by_Franz_Xaver_Winterhalter.jpg

Nachdem das Parlament Alberts Ernennung zum Prinzgemahl (Prince Consort) mehrfach abgelehnt hatte, verlieh ihm Victoria am 25. Juni 1857 diesen bevorrechtigten Titel selbst. Im Spätherbst 1861 verschlechterte sich sein Gesundheitszustand, der königliche Leibarzt William Jenner diagnostizierte Typhus, ein heute umstrittener Befund. Albert verstarb in Anwesenheit Victorias sowie fünf der neun gemeinsamen Kinder am 14. Dezember 1861. Für den Tod machte Victoria ihren ältesten Sohn „Bertie“ verantwortlich. Der leichtlebige und ausschweifende Thronfolger war in eine unstandesgemäße Liebesaffäre mit einer Schauspielerin verwickelt, weshalb der kranke Albert Ende November zu einer langen Aussprache mit ihm reiste, die in strömendem Regen stattgefunden haben soll.

„Gestern oder vorgestern waren wir da und da“

Auf ausdrücklichen Wunsch der Königin wurde Albert im Royal Mausoleum von Frogmore im Park von Windsor beigesetzt, das Victoria eigens für sie beide in Auftrag gegeben hatte und in dem sie später selbst zur Ruhe gebettet wurde. Sein Tod traf sie tief. Sie zog sich fast vollständig aus dem öffentlichen Leben zurück, trug bis an ihr Lebensende Witwenkleidung und ließ die Gemächer Alberts täglich herrichten, als wäre er noch am Leben. Sie schlief mit seinem Schlafanzug neben sich ein und fragte sein Portrait um Rat, bevor sie wichtige Verträge unterzeichnete. In Form der Royal Albert Hall und dem Albert Memorial gab Victoria den Auftrag zur Errichtung einer nationalen Gedenkstätte.

Vor Alberts Tod war Viktoria eine lebenslustige Frau, die auch einem mitternächtlichen Kartenspiel nicht abgeneigt war. Sie lachte laut und herzlich. Doch mit Alberts Tod wich alle Freude aus ihrem Leben, was sich auch auf das Land übertrug, das buchstäblich mit seiner Monarchin mittrauerte. Victoria reagiert 1864 auf Vorwürfe aus der Bevölkerung und verspricht in einem offenen Brief in der Times, wieder in größerem Maße öffentlich tätig zu werden. Erst am 6. Februar 1866 trat sie zur Eröffnung des Parlaments, das sie „Staatstheater“ nannte, wieder öffentlich in Erscheinung.

Durch die jahrelange öffentliche Abwesenheit wurde die „Witwe von Windsor“ zu einer etwas wunderlichen Einsiedlerin, einer entrückten Gestalt, ehrfurchtgebietend und über ein weltumspannendes Imperium herrschend, was den Befürwortern einer Republik zeitweise großen Zulauf verschaffte. Der Verfassungsrechtler Walter Bagehot schrieb: „Aus unschwer zu benennenden Gründen hat die Königin durch ihren langen Rückzug aus dem öffentlichen Leben der Popularität der Monarchie fast ebenso großen Schaden zugefügt, wie der unwürdigste ihrer Vorgänger es durch seine Lasterhaftigkeit und Leichtfertigkeit getan hat“. Dennoch hatte sie nun die Selbstsicherheit, als selbständige konstitutionelle Monarchin zu regieren und unverblümt mit ihrer Abdankung zu drohen, wann immer sie ihren politischen Willen gegen den jeweiligen Premierminister durchsetzen wollte.

Victoria ca. 1885. Quelle: https://www.welt.de/img/kultur/history/mobile105958233/3602502247-ci102l-w1024/Queen-Victoria-Foto-um-1885-Queen-Victoria-Photo-c-1885.jpg

Außenpolitisch wurde sie durch die beiden Opium-Kriege mit China, die Eröffnung des Suez-Kanals und die Krönung als Kaiserin von Indien gestärkt. Letztere Zeremonie warf erneut ein bezeichnendes Licht auf ihren Charakter: da 1871 der Schwiegervater ihrer ältesten Tochter deutscher Kaiser wurde, was bedeutete, dass Vicky eines Tages Kaiserin sein würde, Victoria aber im Rang nicht unter ihrer Tochter stehen wollte, musste Premier Disraeli ihre Ausrufung als Kaiserin von Indien vorantreiben.

Auch sonst blieb ihr Verhältnis zu vielen Kindern ambivalent: Prinzessin Louise etwa lehnte sich gegen die Mutter auf, indem sie sich der Bildhauerei widmete, die sie ab 1868 an der nationalen Kunstschule als eine der ersten Frauen studierte. Sie schloss das Studium erfolgreich ab und wurde die erste Bildhauerin, von der eine Statue öffentlich aufgestellt wurde: Das Bildnis von Königin Victoria, ihrer Mutter, steht noch heute vor dem Kensington Palace. Kanada, in dem Louise mit ihrem Ehemann einige Jahre gelebt hatte, benannte seine Provinz Alberta und den darin liegenden Lake Louise nach der eigensinnigen Prinzessin.

Daneben war Victoria die erste bekannte Überträgerin der Erbkrankheit Hämophilie (Bluterkrankheit), die sie an zahlreiche ihrer Nachkommen weiter vererbte, darunter an ihren Urenkel Alexei Nikolajewitsch Romanow, den letzten Zarewitsch, aber auch an ihren Sohn Prinz Leopold, der 30-jährig starb. Einige Lebensjahre fand sie Freude an ihrem sieben Jahre jüngeren Stallknecht und langjährigen Diener John Brown. Die Boulevardpresse machte ihn zum Ziel grausamer Scherze und streute Gerüchte, dass er Victorias Geliebter oder sogar heimlich mit ihr verheiratet gewesen sei. 1883 starb er; eine Locke von ihm begleitete sie später in ihren Sarg.

1871 Eröffnung der Londoner Royal Albert Hall. Quelle: https://www1.wdr.de/stichtag/stichtag-royal-albert-hall-100~_v-gseapremiumxl.jpg

1871 Eröffnung der Londoner Royal Albert Hall. Quelle: https://www1.wdr.de/stichtag/stichtag-royal-albert-hall-100~_v-gseapremiumxl.jpg

Zu ihrem Goldenen und Diamantenen Thronjubiläum 1887 und 1897 kommen zahlreiche europäische Fürsten. Zum Weihnachtsfest 1900 plagt die 81-Jährige Rheuma, sie ist vom Grauen Star fast blind und fühlt sich schwach und schwindlig. Am 22. Januar 1901 stirbt sie in den Armen ihres Lieblingsenkels Kaiser Wilhelm II. und ihres ältesten Sohnes Albert Eduard, der als Edward VII. ihr Nachfolger wird. Er gehört laut Erbrecht zum Geschlecht seines Vaters, Sachsen-Coburg und Gotha, das bis heute herrscht, seit dem Ersten Weltkrieg unter dem Namen Windsor.

Im Gegensatz zu ihren Vorgängern hatte Victoria ein von Moral und persönlichem Anstand geprägtes Leben geführt und Zurückhaltung in der Öffentlichkeit gezeigt. Ihre Ehe galt den Zeitgenossen als Vorbild familiärer Eintracht und Harmonie, für die wohlhabende Mittelschicht als moralisch gefestigtes Wunschbild des eigenen Lebens. Parallel dazu hatte Victoria die Monarchie rehabilitiert und die Königsfamilie wieder zur angesehenen, die Gesellschaft verbindenden Instanz erhoben und emotional im Volk verankert.

Sie galt allerdings auch als aufrichtig bis zur Taktlosigkeit. Mit zunehmendem Alter erhielt diese Ehrlichkeit und Offenheit einen Anstrich von Nonchalance und Unberechenbarkeit; anscheinend war es ihr nicht möglich, sich in die Gefühle anderer zu versetzen. Tochter Beatrice, die zuletzt die Korrespondenz ihrer Mutter geführt hatte, verbrannte nach deren Tod große Teile des Tagebuchs und des Briefwechsels – sie wollte, dass die Nachwelt sich nur an die guten Seiten ihrer Mutter erinnerte, nicht an die kontrollsüchtige Egoistin, die sie zuletzt geworden war.

Der schwedische Historiker Herbert Tingsten bilanziert treffend: „Vitalität, Aufrichtigkeit, Strebsamkeit und Impulsivität waren ihre starken Seiten. Victorias Intelligenz erweist sich außerdem in ihren blitzschnellen und lebhaften Meinungsäußerungen. Fast alles, was sie geschrieben hat, liest man mit großem Interesse. Man ist fasziniert von der Art sich auszudrücken. Aber scharfsinnige, logische und wohldurchdachte Gespräche zu führen, das vermochte sie nicht. Victorias Eigensinn, ihre Vorurteile trübten ihren Scharfblick. Sie wäre sicherlich eine geschätzte und geachtete Persönlichkeit gewesen, wo das Leben sie auch hingestellt hätte, aber sie hätte sicherlich keine geschichtlich bedeutende Rolle gespielt, wenn sie nicht als Königin von England zur Welt gekommen wäre.“

Nicht einmal die Simpsons wollen noch etwas mit ihm zu tun haben. Eine alte Folge der Zeichentrickserie, in der Michael Jackson einem Psychiatriepatienten die Stimme leiht, soll künftig nicht mehr ausgestrahlt werden. Die Modemarke Louis Vuitton hat Teile ihrer aktuellen Herrenkollektion zurückgezogen, die von Jacksons Stil inspiriert war. Und viele Radiosender auch in Deutschland boykottieren seine Songs, seit der Dokumentarfilm „Leaving Neverland“ am 6. April auf ProSieben lief und in dem zwei Männer erzählen, wie sie als Kind von Jackson sexuell missbraucht wurden. Lange schon standen solche Vorwürfe im Raum, doch erst jetzt, im Schwung der #MeToo-Bewegung, scheint sich ein kultureller Bann über den Beschuldigten auszubreiten.

Jacksons Fall ist vor allem darum perfide, weil sich der Betroffene nicht mehr wehren kann. Der Medienanwalt Sven Krüger bringt die Causa in der Zeit in Bezug auf einen namenlosen aktuellen deutschen Mandanten auf den Punkt:

„Stellt er sich den Vorwürfen, um sie zu entkräften, verschlechtert er seine Chancen, dass die Gerichte ihn vor Namensnennung und publizierter Häme schützen. Schweigt er aber, um diesen rechtlichen Schutz nicht zu gefährden, verspielt er die Chance, seine Sicht der Dinge deutlich zu machen – und manche, die ihn, auch ungenannt, erkannt haben, legen ihm nun sein Schweigen womöglich als Schuldeingeständnis aus.“

Michael Jackson & Die Simpsons. Quelle: https://consequenceofsound.net/wp-content/uploads/2018/09/screen-shot-2018-09-02-at-7-00-22-pm.png?w=807

Michael Jackson & Die Simpsons. Quelle: https://consequenceofsound.net/wp-content/uploads/2018/09/screen-shot-2018-09-02-at-7-00-22-pm.png?w=807

Nach Angaben der unabhängigen Antidiskriminierungsstelle des Bundes seien die Beratungsanfragen zu sexueller Belästigung am Arbeitsplatz zwischen 2016 und 2018 von 91 auf 193 Fälle gestiegen. Die Betroffenen sind größtenteils weiblich. „Durch #MeToo hat der alte Konflikt zwischen dem Informationsinteresse der Öffentlichkeit und dem Schutz des Verdächtigten eine neue Dimension gewonnen. Die Wucht dieser Debatte droht das mühsam austarierte System des Ausgleichs zwischen Persönlichkeitsrecht und Meinungsäußerungsfreiheit aus dem Lot zu bringen“, konstatiert Krüger zähneknirschend mit Blick auf die Unterhaltungsbranche.

Mindestens in Australien hat sich die Justiz jetzt sensibel gezeigt: Ein Gericht in Sydney sprach dem australischen Oscar-Preisträger Geoffrey Rush Mitte April umgerechnet 540 000 Euro Schadenersatz zu. Der zuständige Richter Michael Wigney urteilte, dass der Daily Telegraph 2017 nicht mit der erforderlichen Sorgfalt gearbeitet habe, und sprach von „rücksichtlosem und unverantwortlichem Sensationsjournalismus der übelsten Art“. Das Blatt hatte unter Berufung auf eine Schauspielerin behauptet, dass Rush die Frau während einer Theaterproduktion von „König Lear“ sexuell belästigt habe. Doch was in der deutschen Film- und Fernsehszene noch größtenteils als Einzelfall skandalisiert wird (Dieter Wedel, Gebhard Henke), wird in den USA als Normalfall gesehen – und prompt gegengesteuert: mit Berufsbildern wie „Intimitätstrainerin“ oder „Intimitätskoordinatorin“.

Berufsbilder wie Intimitätstrainerin

Claire Warden etwa, eine Britin mit Wohnsitz in New York, sieht als Intimitätstrainerin ihre Aufgabe darin, Schauspielern erniedrigende Erfahrungen wie in Bernardo Bertoluccis „Butterszene“ zu ersparen. Zur Erinnerung: in Bertoluccis Film „Der letzte Tango in Paris“ 1972 spielte Marlon Brando den Amerikaner Paul, der sich mit einer jungen Französin trifft – und sie vergewaltigt. Paul setzt Butter als Gleitmittel ein. Die Idee dazu kam dem Regisseur und seinem Hauptdarsteller am Tag der Dreharbeiten spontan beim Frühstück. Dass sie die Szene abwandeln wollten, sagten sie Brandos Filmpartnerin, der neunzehnjährigen Schauspielerin Maria Schneider, nicht. Bertolucci gab 2013 in einem Interview zu, sie bewusst im Dunkeln gelassen zu haben, damit sie ihr Entsetzen und ihren Abscheu nicht habe spielen müssen. Er habe ihre Reaktion „als Mädchen, nicht als Schauspielerin“ einfangen wollen – eine Form des method acting.

Brando und Schneider. Quelle: https://image.stern.de/7227974/16x9-940-529/92f3e5b41dbda1e76e8e1f7d0f3db44/wX/der-letzte-tango-in-paris.jpg

Brando und Schneider. Quelle: https://image.stern.de/7227974/16x9-940-529/92f3e5b41dbda1e76e8e1f7d0f3db44/wX/der-letzte-tango-in-paris.jpg

Schneider sagte, sie habe sich missbraucht gefühlt, selbst wenn es nicht zu Geschlechtsverkehr gekommen sei. „Bei der Schauspielerei, egal ob vor der Kamera oder auf der Bühne, sind die Akteure sehr verletzlich. Das gilt selbstverständlich besonders bei Sexszenen oder Parts mit Nacktheit“, meint Warden. Die Butterszene hätte es bei ihr nicht gegeben: „Auch nach fast 50 Jahren ist die Szene immer noch schwer zu ertragen. Sie zählt zu den schlimmsten Übergriffen vor der Kamera“. Wie hätte sie dann die Ratschläge von Günther Grass während der Dreharbeiten zur „Blechtrommel“ aufgenommen? So habe er zu einer heftigen Sexszene etwa erklärt: „Adorf, das ist keine Liebesszene. Das ist eine brutale Fast-Vergewaltigung, eine Rammelei.“

Ita O‘Brien wiederum ist Intimitätskoordinatorin für die Netflix-Serie „Sex Education“. Bei Nackt- und Sexszenen möchte sie sicherstellen, dass Dreharbeiten respektvoll und einvernehmlich, also ohne herabwürdigende Situationen verlaufen. An der Verpflichtung solcher Intimitätskoordinatoren zeigt sich der unmittelbare Einfluss der MeToo-Diskussion auf die Unterhaltungsproduktion in den USA. Es geht um wirksame Konzepte gegen Missbrauch und Sexismus, genauso wie um den Nachholbedarf einer Industrie, die öffentlichkeitswirksam ihre Bereitschaft zur Korrektur demonstriert.

HBO und der Streaming-Dienst Netflix unterhalten sogenannte Intimitätskoordinatorinnen inzwischen hauptberuflich. Sie fungieren in der Film- und Fernsehproduktion als Kollektiventscheidungen herbeiführende Vermittler, sind aber ganz dem Wohl der Schauspielerinnen und Schauspieler verpflichtet. Zu ihrer Arbeit gehören die Koordination von simuliertem Sex, die Sicherstellung eines möglichst angenehmen Arbeitsklimas und assistierende Aufgaben, etwa Hilfe bei der Bedeckung von Körperteilen. O’Brien versuche der Durchführung von Sexszenen demnach Struktur zu verleihen und Bloßstellungen zu vermeiden.

„Nudity Rider“

Der am Theater bereits länger etablierte, aber für die Film- und Serienherstellung erst 2018 vom Programmanbieter HBO salonfähig gemachte Job rief Skeptiker auf den Plan. Gollum-Darsteller Andy Serkis hält die Richtlinien der Intimitätskoordination auf dem Filmportal moviepilot für eine „Zensur der Kreativität“, stattdessen sollten Filmemacher und Schauspieler entsprechende Fragen unter sich klären. O‘Brien hingegen versichert, dass es nicht um Verbote gehe, vielmehr sei die Darstellung von Nacktheit und Sex durch ein besseres Arbeitsumfeld „glaubhafter, saftiger, leidenschaftlicher“, sagte sie moviepilot.

Serkis und seine Paraderollen. Quelle: https://www.austinchronicle.com/binary/0e6b/serkis.jpg

Serkis und seine Paraderollen. Quelle: https://www.austinchronicle.com/binary/0e6b/serkis.jpg

Bei den zahlreichen Wortmeldungen mutmaßlicher Missbrauchsopfer, so der häufigste Einwand, werde nicht unterschieden zwischen Fehlverhalten und Vergewaltigung – ein unangebrachter Kommentar dürfe nicht die gleichen Konsequenzen haben wie ein körperlicher Übergriff. Mitunter ging es dabei um Relativierungen und kulturellen Alarmismus. Hinter dem Missbrauch stecke eigentlich Prostitution. Und MeToo sei der Beginn einer neuen Prüderie. Wo sind Grenzen zu ziehen, und von wem?

Rajko Burchardt konstatiert auf moviepilot, „dass sich die Diskussion auf einem schmalen Grat zwischen Ideologiekritik und Hexenjagdvergleichen“ bewegt. So kamen Gegenstimmen nicht allein von Männern, wie Catherine Deneuve bewies, die neben 100 weiteren Frauen zu den Unterzeichnerinnen eines offenen Briefs gehörte, der vor den negativen Folgen der MeToo-Bewegung warnte. Die Debatte habe zu einer „Kampagne der Denunziation“ geführt und spiele „den Feinden der sexuellen Freiheit, religiösen Extremisten und schlimmsten Reaktionären“ in die Hände. Auch Rocklegende Suzie Quatro bestätigte jüngst im Weser-Kurier, dass die Debatte aus dem Ruder gelaufen sei:

„Wir sind politisch ‚zu korrekt‘ geworden und sollten zu einem natürlicheren Lebensstil zurückkehren. Wer belästigt wird, sollte das sofort sagen – und nicht 25 Jahre damit warten“.

Andererseits mag das Wort Intimitätskoordination einen furchtbaren Klang erzeugen, aber offensichtlich notwendige oder mindestens erwünschte Kontrollmechanismen beschreiben: Wenn ohnehin Zusatzklauseln in Schauspielverträgen über Details von Nacktheit und sexuellen Darstellungen entscheiden, sollte es bei Dreharbeiten auch eine Person geben, die auf ihre Einhaltung achtet. So beinhaltet der für die HBO-Serie „Game of Thrones“ ausgehandelte Vertag von Emilia Clarke ein Vetorecht gegenüber Nacktszenen, das entscheidet, ob eine als unangebracht empfundene Szene gedreht bzw. überhaupt geschrieben wird. Ebenso könne Elisabeth Moss, Hauptdarstellerin und Produzentin der Serie „The Handmaid‘s Tale“, über alle von ihr entstandenen Aufnahmen und deren Verwendung entscheiden.

Zugleich seien die Regelungen für betroffene Schauspielerinnen und Schauspieler nicht bindend. Einwände gegen Sexszenen oder die Art ihres Zustandekommens hätten auch dann keine Konsequenzen, wenn solche Szenen ausgemacht und daher vertraglich durchsetzbar sind. Diese als „Nudity Rider“ bezeichneten Zusatzklauseln regeln persönliche Bedürfnisse der an Nackt- oder Sexszenen beteiligten Personen, um eine Bildproduktion im kompletten Einvernehmen mit den Künstlern zu gewährleisten. Festgehalten werden sämtliche Einzelheiten der Inszenierung. Das Persönlichkeitsrecht und der Schutz einer Frau sind selbstredend wichtiger als Seriensex. Doch lässt sich immer zweifelsfrei sagen, wo Kunst endet und Befindlichkeit anfängt?

asexuelle Superhelden

Auch eine Sony-Sprecherin bestätigte Ende April gegenüber dem Wall Street Journal, dass das Unternehmen seine eigenen Richtlinien aufgestellt hätte, die dafür sorgen sollen, dass die Entwickler „ausgewogene Inhalte auf der PlayStation-Plattform anbieten“. Die Anpassung bzw. die Abschwächung vermeintlich anstößiger, sexueller Inhalte auf der PlayStation 4 basiert auf diesen neuen Richtlinien zur Regulierung von sexuell eindeutigen Spielinhalten. Zugleich soll das Spielen bzw. das Gaming sowohl „das gesunde Aufwachsen“ als auch die „Entwicklung junger Menschen“ nicht behindern. Laut Wall Street Journal sollen die Führungskräfte des Unternehmens befürchten, dass der Verkauf von bestimmten Spielen mit expliziten, sexuellen Inhalten den Ruf (weltweit) schädigen könnte. Diese Besorgnis soll vor allem von Spiele-Software geschürt werden, die auf dem japanischen Heimatmarkt des Unternehmens angeboten wird, „der traditionell eine größere Toleranz gegenüber fast nackter Haut und Darstellungen von jungen Frauen hat, die minderjährig sein könnten“.

Das bereinigte Spiel. Quelle: https://pisces.bbystatic.com/image2/BestBuy_US/images/products/6255/6255177_sd.jpg;maxHeight=640;maxWidth=550

Das bereinigte Spiel. Quelle: https://pisces.bbystatic.com/image2/BestBuy_US/images/products/6255/6255177_sd.jpg;maxHeight=640;maxWidth=550

Bereits im Oktober 2018 wurde der „Intimitätsmodus“ (Intimacy Mode) in „Senran Kagura Burst Re:Newal“ auf Wunsch von Sony aus der PlayStation-4-Version entfernt, in der PC-Version war dieser „Anfassen-Modus“ weiterhin verfügbar. Ähnliche Schwierigkeiten hatten wohl auch die Entwickler von „ToeJam & Earl: Back in the Groove!“ und „Omega Labyrinth Z“, auch in „Devil May Cry 5“ wurde ein weiblicher, nackter Hintern zensiert. Mark Kern, ehemaliger Produzent bei Blizzard Entertainment, warnt auf dem Spieleportal 4players vor einer „neuen Welle des Puritanismus bei Computer- und Videospielen“ und bezeichnet die aktuelle Situation als „lächerlich“. Die USA hätten ohnehin eine lange Geschichte rund um „moralische Panikmache“ hätte; er nannte die Prohibition (Alkoholverbot) als Beispiel:

„Ich finde es beunruhigend, dass die USA anderen Ländern und Kulturen sowie ausländischen Spieleentwicklern ihre derzeitige moralische Panik aufzwingen. Die USA als Weltpolizei für Moral bezeichne ich als ‚kulturellen Unterdrücker‘. Wir können genauso gut wieder rausgehen und kolonisieren.“

Burchardt traut dem Frieden nicht: „Ein von Problemlösung durch Repräsentation überzeugtes Engagement gegen Diskriminierung muss sich zwangsläufig in Opportunismus und Scheinheiligkeit verstricken. Besinnungslos werden Projektentscheidungen gewinnorientierter Unternehmen gefeiert… Die Konstruktion von Meilensteinen führt geradewegs zur Negation filmhistorischer Errungenschaften. Daher bleibt abzuwarten, ob die Richtlinien zur Darstellung von Nacktheit und Sex über reine Symbolpolitik hinausgehen.“

Dass „Nudity Rider“ ein Gewinn sein können, ließe sich mit Blick aufs „zugeknöpfte Unterhaltungsangebot“ schwer vermitteln, befindet er: „Während verschämte Erotik-Blockbuster wie ‚Fifty Shades of Grey‘ als gewagt und freizügig gelten, erhält die wilde Teenager-Fantasien versprechende Romanze ‚After Passion‘ eine FSK-Freigabe ab 0 Jahren.“ Die Kritikerin Catherine Shoard unterstreicht das im Guardian: „Wir leben in einer Zeit der filmischen Abstinenz“, im globalisierten Kino sei dafür kein Platz mehr vorgesehen, Sex fiel gewissermaßen einer Marktverengung zum Opfer.

Jedes große Hollywoodstudio möchte wie Disney sein, behauptet Burchardt: „Und wie Disney sein bedeutet, asexuelle Superhelden- und Sternenkriegsfilme am laufenden Band zu produzieren. Erzählwürdig ist, was sich beliebig ausdehnen und vor allem in Länder exportieren lässt, die es mit der Freiheit nicht so genau nehmen“. Da es beim Sex sehr wesentlich um Freiheit geht, muss Hollywood für seine Auslandsmärkte eben Abstriche machen. Da in China bereits die Erwähnung unliebsamer sexueller Orientierungen zum Aufführverbot führen kann, wurde „Bohemian Rhapsody“ dort um alle Hinweise auf Freddie Mercurys Liebesleben bereinigt. US-Studios führen solche Zensuren bereitwillig durch, zum Teil mildern sie Filme auch in vorauseilendem Gehorsam ab. Schon die unzensierte Fassung des Queen-Biopics zeichnet ein verklemmtes Bild von Sex im Allgemeinen und Homosexualität im Besonderen.

Rami Malek in Bohemian Rhapsody. Quelle: https://www.morefm.co.nz/home/goss/2018/11/10-things-you-probably-didn-t-know-about-the--bohemian-rhapsody-/_jcr_content/image.dynimg.1280.q75.jpg/v1542650864496/queen-bohemian-rhapsody-movie.jpg

Rami Malek in Bohemian Rhapsody. Quelle: https://www.morefm.co.nz/home/goss/2018/11/10-things-you-probably-didn-t-know-about-the--bohemian-rhapsody-/_jcr_content/image.dynimg.1280.q75.jpg/v1542650864496/queen-bohemian-rhapsody-movie.jpg

Fraglos haben solche und ähnliche Maßnahmen nicht nur – wie gedacht – Einfluss auf Produktionsabläufe, sondern führen Veränderungen der Inhalte selbst herbei. Burchardt befürchtet bereits, dass MeToo-Sensibilitäten eine Allianz mit einem Bedürfnis nach unanstößigen Geschichten eingehen könnten und zu oscartauglichen Biopics wie „Can You Ever Forgive Me?“ oder „Green Book“ führten: „Um Sex scheren die Filme sich wenig, auch sie sind familienfreundlich aufbereitet. Meist verwöhnen sie das liberale Zielpublikum mit Gesinnungen bestätigenden Dialogen, die sich demonstrativ zeitkritisch geben. Bescheinigt werden soll ihnen dadurch Relevanz – Geschichten über Unterdrückung als symbolische Stütze tatsächlich Benachteiligter. Der absurde Glaube an ein Kino, das erzieherisch sein könne oder gar sein müsse, geht in Hoffnungen auf Erlösung über.“ Das würde den Film in eine Rolle drängen, die er weder spielen kann noch will, und ihn ebenso überfordern wie eine Gesellschaft, die eben nicht erzogen werden, sondern einfach leben möchte.

Es war nur eine Frage der Zeit, bis so ein Satz fallen musste: „In der Afrikapolitik müssten Afrikaner das Sagen haben oder zumindest mitreden“. Gesagt hat ihn Mitte April im Tagesspiegel Clement-Amatevi Klutse (CDU), ein aus Togo gebürtiger Hamburger Betriebswirtschaftler. Anlass war die erneut anschwellende Kritik an Angela Merkels Afrika-Beauftragtem Günter Nooke (CDU). Es gebe genug kompetente Menschen mit afrikanischen Wurzeln, die es besser könnten, so Klutse. „Die Politik tut aber so, als würden wir nicht existieren. Wir werden nicht gefragt.“

Der Grünen-Abgeordnete Ottmar von Holtz wurde im selben Blatt noch deutlicher: „Dass dieser Posten trotz der offensichtlichen Überforderung des Amtsinhabers und seiner Fehltritte weiterhin mit Herrn Nooke besetzt ist, zeigt, welchen Stellenwert die Bundesregierung der Afrikapolitik in Wahrheit beimisst“. Der FDP-Bundestagsabgeordnete Christoph Hoffmann sah das ähnlich: Merkels Berater sollte eigentlich die „personifizierte Richtlinienkompetenz der Kanzlerin für eine kohärente Afrika-Politik darstellen“. Doch „wozu braucht es einen Afrika-Beauftragten, wenn er Günter Nooke heißt?“

Günter Nooke. Quelle: https://www.tagesspiegel.de/images/guenter-nooke-afrikabeauftragter/24197968/2-format43.jpg

Günter Nooke. Quelle: https://www.tagesspiegel.de/images/guenter-nooke-afrikabeauftragter/24197968/2-format43.jpg

Hintergrund der Tiraden ist die Antwort auf eine Kleine Anfrage der Grünen-Bundestagsfraktion. Die wollte wissen, ob sich Angela Merkel von Nooke „in Bezug auf den afrikanischen Kontinent sachkundig beraten“ fühle. Die Antwort der Bundesregierung lautet: „Ja.“ Die Anfrage wiederum war eine Reaktion auf die Berichterstattung über ein Treffen Nookes mit Afrikanisten im Februar, auf dem der Diplomphysiker die Rassismusvorwürfe und Rücktrittsforderungen der Wissenschaftler klären wollte. Der Vorgang erhellt ein weiteres Mal sowohl die ideologisch abstruse Entwertung tradierter Erkenntnisse als auch die machtpolitisch instrumentalisierte Interpretation von Geschichte.

„erschreckend paternalistisch“

Nookes Vergehen: In einem BZ-Interview hatte er im Oktober 2018 unter anderem erklärt, „Afrika ist anders“, die Gesellschaften seien von „Clanstrukturen“ und „Stammesführern“ geprägt. Die Kolonialzeit habe in Afrika dazu beigetragen, „den Kontinent aus archaischen Strukturen zu lösen. Experten, auch Afrikaner, sagen: Der Kalte Krieg hat Afrika mehr geschadet als die Kolonialzeit.“ Der Satz stammt vom britisch-sudanesischen Unternehmer Mo Ibrahim. Schließlich paraphrasierte Nooke Ideen des Wirtschaftsnobelpreisträgers Paul Romer: Vielleicht sei ein afrikanischer Regierungschef bereit, ein Teilterritorium zu verpachten. Dort könnten „in Wirtschaftssonderzonen Migranten angesiedelt werden, unterstützt von der Weltbank oder der EU oder einzelnen Staaten“.

Das politische Echo darauf war enorm. Im Tagesspiegel wütete der Bundestagsabgeordnete Niema Movassat (Linke): „Nooke äußert sich wie ein zu spät geborener Kolonialherr. Er gehört unverzüglich entlassen.“ „Zu sagen, der Kalte Krieg war schlimmer als die Kolonialzeit, ist absurd“, findet SPD-Vorstand Christoph Matschie (MdB), was Nooke sage, sei „erschreckend paternalistisch“. Für Tahir Della von der Initiative Schwarze Menschen in Deutschland verharmlost Nooke „nicht nur eins der größten Menschheitsverbrechen, sondern negiert auch die unmittelbaren Folgen von Kolonialismus, Versklavung und die anhaltende Ausbeutung Afrikas.“ Und für Moctar Kamara, Vorsitzender des Zentralrats der afrikanischen Gemeinden in Deutschland, bedient Nooke „rassistische Stereotypen“.

Tage später fuhr der Fachverband Afrikanistik e.V., ein Wissenschaftlerverein an deutschsprachigen Hochschulen, weitere mächtige Geschütze auf. Mit „kolonialen Stereotypen und rassistischen Untertönen“ sei Nooke in dem Interview „rechtspopulistischen und rassistischen Positionen“ entgegengekommen. „Wir fordern die Entlassung von Günter Nooke“, lautete die Schlussfolgerung eines offenen Briefs an Merkel und Entwicklungsminister Gerd Müller des besagten Fachverbands unter dem Vorsitz der Hamburger Juniorprofessorin Raija Kramer.

Das Problem: Merkel gibt sich seit Jahren überzeugt, dass Europas Schicksal an Afrika hängt, und will den Kontinent deshalb nach Kräften unterstützen. Zentral dafür sei die „partnerschaftliche Zusammenarbeit“, die „Augenhöhe“ mit den Menschen – um für Stabilität zu sorgen, die Wirtschaft anzukurbeln und vor allem die Migration einzudämmen. „Die wenigsten Migranten aus Afrika sind Flüchtlinge. Die meisten suchen ein besseres Leben“, hatte Nooke in dem Interview auch noch nachgelegt.

Günter Nooke und Angela Merkel. Quelle: https://www.imago-images.de/imagoextern/asp/default/bild.asp?c=x%B7%9Cl%8E%5F%82Zg%7D%5CZS%BC%C1k%B6T%AB%84o%C4%A8%B8%D1%BE%B0%9E%B2%C7%BCU%82%A0%B3%90%B2%A2L%7B%D3%B1%C0%BA%B4%B0%BF%BAk%A3x%B5r%8A%AA%8Dp%9D%CF%BB%8E%C2%B4%95%BF%D0%C8%9C%AC%C8%D4%B5%90%60%9DS%9A%9F%B3%C8k%8D%AD%C5%A3%AF%5E%A7%93%60G%AC%93%9FJf%B5%8B%B5%CA%C1m%88%9B%98%9F%9F%9CF%AB%94%BC%C4%AD%B6K%995%9E%A1%A6%CEm%95%C6%99%AB%BB%AE%5E%8A%5BkrwTa%82%60%97P%9D%A9%7C%CC%B5%9D%BF%C9

Günter Nooke und Angela Merkel. Quelle: https://www.imago-images.de/imagoextern/asp/default/bild.asp?c=x%B7%9Cl%8E%5F%82Zg%7D%5CZS%BC%C1k%B6T%AB%84o%C4%A8%B8%D1%BE%B0%9E%B2%C7%BCU%82%A0%B3%90%B2%A2L%7B%D3%B1%C0%BA%B4%B0%BF%BAk%A3x%B5r%8A%AA%8Dp%9D%CF%BB%8E%C2%B4%95%BF%D0%C8%9C%AC%C8%D4%B5%90%60%9DS%9A%9F%B3%C8k%8D%AD%C5%A3%AF%5E%A7%93%60G%AC%93%9FJf%B5%8B%B5%CA%C1m%88%9B%98%9F%9F%9CF%AB%94%BC%C4%AD%B6K%995%9E%A1%A6%CEm%95%C6%99%AB%BB%AE%5E%8A%5BkrwTa%82%60%97P%9D%A9%7C%CC%B5%9D%BF%C9

Dass ausgerechnet Merkels Afrikaberater, ein Ex-DDR-Bürgerrechtler, dem Kolonialzeitalter öffentlich positive Aspekte abgewinnt, ist für die Bundesregierung eine harte Nuss, steht sie bei dem Thema doch unter Beobachtung – und Zugzwang. Dass die im Koalitionsvertrag versprochene Aufarbeitung deutscher Kolonialverbrechen nicht vorankommt, löst ohnehin schon Wut aus bei den Nachfahren der Opfer, etwa in Namibia. Zu „Partnerschaft“ und „Augenhöhe“ gehöre eine Anerkennung der deutschen Schuld – und eine offizielle Entschuldigung, sagen sie. Während der deutschen Kolonialherrschaft im heutigen Namibia hatten deutsche Truppen ein Massaker unter den dortigen Herero und Nama angerichtet – das Verbrechen gilt als erster Völkermord des 20. Jahrhunderts.

„vielleicht auch ein anderer Faktenbegriff“

Dann passierte: fast nichts. Schon im Oktober hatte Nooke der SüZ erklärt, es liege ihm fern, „die Verbrechen der Kolonialzeit zu relativieren“. Auf eine parlamentarische Anfrage hin erklärte das Ministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ), wo Nooke als Unterabteilungsleiter arbeitet, ein Vergleich von Kolonialzeit und Kaltem Krieg sei unangemessen. Was er seinen Kritikern zubilligte, war das erwähnte, presseoffene Gespräch am 13. Februar im BMZ mit neun Wissenschaftlern, bei dem eine eisige Atmosphäre geherrscht und der von einem Anwalt flankierte Nooke „beleidigt“ gewirkt haben soll. Moderiert wurde das Gespräch vom Görlitzer Kulturwissenschaftler Matthias Vogt, einem persönlichen Freund Nookes.

Man redete aneinander vorbei, resümierte Ansgar Graw in der Welt. So konterte Nooke den Vorwurf, er habe den Stereotyp verbreitet, dass Afrika „anders“ sei, damit, es sei nicht seine Auffassung, wenn aus der Feststellung von Unterschieden ein Rassismusvorwurf abgeleitet werde. Außerdem wollte er wissen, was denn nun an seinen Fakten falsch sei. Der Hamburger Professor Jürgen Zimmerer räsonierte, Nooke hätte ja auch positive Beispiele aus Afrika nennen können: Kenia etwa sei weltführend beim bargeldlosen Zahlungsverkehr. Dann wäre das Interview ausgewogener gewesen: „Wir als Geisteswissenschaftler haben vielleicht auch einen anderen Faktenbegriff als Sie“. Ein anderer Faktenbegriff, aha. Eine von Nooke vorbereitete Schlusserklärung  wurde prompt abgelehnt.

Allerdings erhielt Raija Kramer von Nooke ein 13seitiges Gutachten von Vogt. Das enthält eine Sammlung von Komma- und Tippfehlern des Briefs, begleitet von der Kritik, der Protestbrief gegen Nooke sei eine wissenschaftliche Arbeit Kramers mit Plagiaten, Falschangaben und verfälschten Daten, und der Empfehlung, Kramers „Dienstherrn“ zu informieren, den Präsidenten der Universität Hamburg. Das wurde als Drohgebärde gegen die Afrika-Expertin gewertet.  Die Bundesregierung distanzierte sich jetzt von Vogts Gutachten und will trotz der massiven Kritik an ihm festhalten. Aus ihrer Sicht ist er auch weiterhin ein geeigneter Gesprächspartner für afrikanische Regierungen und Organisationen sowie Forscher und wissenschaftliche Einrichtungen.

„beinahe historische Ankündigung“

Abgesehen von der Ungeschicklichkeit des „Lausitzer Granitschädels“, wie Vogt Nooke nennt, zeigt der Vorgang zunächst, wie in bester sozialistischer Tradition selektive Wahrnehmung betrieben wird und die mit einer Umwertung des Eigenen einhergeht. Europa stehe gegenüber Afrika in „tiefer Schuld“, mahnte Merkel im Januar 2016 in Davos. „Wir haben uns in der Kolonialzeit an Afrika versündigt“, verstärkte sie Anfang April 2017 ihre Appelle: „Wir müssen ein bisschen Leidenschaft für die Geschichte Afrikas entwickeln, ansonsten werden wir auch nicht zueinanderkommen.“ Zwei Jahre später ist sie noch deutlicher: „Der Kolonialismus hatte eine historisch anerkannte, massiv schädigende Wirkung auf die Entwicklung in Afrika. Das sollte man nicht relativieren.“ Die Bundesregierung bekämpfe „Rassismus in jeglicher Form“. Wer mit „wir“ gemeint ist und aus welchen Gründen zueinander kommen müsse, verschwieg sie ebenso wie die Quellen der schädigenden Wirkung.

Vogt und Nooke mit Kamerunern. Quelle: http://www.taz.de/picture/3266471/624/foto-nooke-vogt-kamerun.jpeg

Vogt und Nooke mit Kamerunern. Quelle: http://www.taz.de/picture/3266471/624/foto-nooke-vogt-kamerun.jpeg

Denn ungeachtet aller Feinheiten der – kurzen – deutschen  Kolonialgeschichte: Was heute als „Globalisierung“ gefeiert wird, war zuvor, obwohl dort Nationen fehlten (!), selbstredend falsch, ja schädlich – denn es gelte, nicht die aktuellen eigenen Interessen zu sehen, sondern von Anbeginn die aller von Kolonialismus Betroffenen, und damit ungeachtet aller Geschichte auf Interessensausgleich hinzuwirken. Jansen/Osterhammel stellen aber wie andere schon 2013 fest: „Es gibt keine direkte Korrelation zwischen kolonialer Lage, Dekolonisationsprozess und der heutigen Situation von Staaten“.

„Wenn jede Form der Ausplünderung und Unterdrückung eine Form des Kolonialismus darstellt, dann wird der Begriff historisch vollständig entleert – der Kolonialismus gewissermaßen enthistorisiert“, muss selbst die Zeit zugeben. Denn es endeten mitnichten Ausbeutung und Unterdrückung, brachte die formale Unabhängigkeit der neuen Staaten „häufig weder Freiheit noch Unabhängigkeit. Vor allem in Afrika hat sich die Situation in manchen Ländern sogar verschärft.“  Denn wann, wo und womit beginnt die Verantwortung der einst Kolonisierten?

Der Vorgang zeigt ebenso, dass selektive Wahrnehmung zugleich die selektierten Fakten funktionalisiert. Aus der Idee des Nobelpreisträgers Romer der „Charter-Citys“ als „Sonderverwaltungszentren“ wird in Nookes Adaption natürlich ein verdammenswerter Rückfall in Stereotype, die „die Mär von der Zivilisationsmission“ wieder aufwärmten: „als Vorteil für die Kolonisierten wird ausgegeben, was den Kolonisierern nutzt“, bringt Zimmerer in der taz ein hermeneutisches Kunststück fertig. Folglich müsse Nooke „Invasion und Massenraubmord der Vergangenheit vom Stigma“ befreien. Aber die Vergangenheit mit den Maßstäben der Gegenwart zu messen wird immer ahistorisch sein – diese Erkenntnis gehörte schon in der DDR zum selbstverständlichen  Schulwissen! Sind alle Ossis Rassisten?

Der Vorgang zeigt auch, dass der eigentliche Paternalismus der Bundesregierung zuzuschreiben ist: Merkel sagte nach dem Nooke-Interview eine Milliarde Euro für die Förderung privater Investitionen in Afrika zu. „Wir wollen hier heute gemeinsam ein deutliches Signal setzen, nämlich dass uns an einer guten und gewinnbringenden Nachbarschaft zwischen Afrika und Europa gelegen ist“, erklärte sie vor Top-Managern und afrikanischen Staatschefs. Bei den in Afrika tätigen deutschen Unternehmen stieß die Ankündigung auf große Zustimmung. Der Vorsitzende des Afrika-Vereins der deutschen Wirtschaft, Stefan Liebing, sprach von einer „beinahe historischen Ankündigung“.

„Afrika braucht keine Babysitter“

Der Vorgang zeigt weiter, dass an den eigentlichen Belangen der Betroffenen vorbeigefördert und damit vorbeiregiert wird. In den vergangenen 55 Jahren sind weltweit bereits eine Billion Dollar Hilfsgeld allein nach Afrika geflossen. Doch bis heute gibt es nicht genügend Projekte für das vorhandene Geld, erklärt der emeritierte Nürnberger Finanzexperte Klaus Stocker in der SüZ. Es gäbe

„stattdessen eine Reihe von Negativbeispielen in rohstoffreichen Ländern wie Nigeria, dem Kongo oder auch Angola, deren Einnahmen aus Rohstoffexporten das zigfache des Entwicklungsgeldes betragen und deren Entwicklung dennoch alles andere als positiv verlaufen ist.“

Bruttoinlandsprodukt pro Kopf in US-Dollar (Studie der Weltbank, 2002). Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Wirtschaft_Afrikas#/media/File:Africa_by_GDP,_2002.png

Bruttoinlandsprodukt pro Kopf in US-Dollar (Studie der Weltbank, 2002). Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Wirtschaft_Afrikas#/media/File:Africa_by_GDP,_2002.png

Beispielsweise betrugen 2014 Nigerias Öleinnahmen 85,6 Milliarden Dollar, Migranten überwiesen etwa 20 Milliarden Dollar an ihre Familien und Freunde in der Heimat. Dem stand Entwicklungshilfe in Höhe von 2,5 Milliarden Dollar gegenüber. Obwohl Nigeria damit eines der Länder ist, die am meisten Entwicklungsgeld erhalten, sind diese Mittel im Vergleich zu den Einnahmen aus dem Ölgeschäft unbedeutend. Trotzdem ist Nigeria noch ein armes Land. Ruandas Präsident Paul Kagame brachte es im Juni 2018 in einem Interview mit der Zeitschrift Jeune Afrique auf den Punkt:

„Afrika braucht keine Babysitter. Je weniger sich die Welt um Afrika kümmert, umso besser geht es Afrika.“

Der Verein „Aktion Tagwerk“ freut sich etwa, dass bundesweit am 18. Juni „wieder hunderttausende Schüler, statt die Schulbank zu drücken, einen Tag lang jobben“. Der Verdienst soll Bildungsprojekten in sieben afrikanischen Ländern, darunter Ruanda, zugutekommen. Den Schülern wird suggeriert, sich mit der Aktion während der Unterrichtszeit für etwas Edles und Gutes einzusetzen: die Geschäftsführende Vorsitzende der Aktion, Nora Weisbrod, möchte die Afrikaner „neue Wege lehren, ihre Felder zu bestellen“. Aber wer sich so verhält, weil er den Afrikanern nicht zutraut, dass sie selbst wissen, wie sie ihre Felder bestellen können, verhält sich – zumindest tendenziell – rassistisch.

„Die schwarze Haut ist armutsfotogen und wird intensiv von Hilfsorganisationen und der Entwicklungshilfeindustrie benutzt“, schreibt Lug Degla aus Benin in seinem Buch „Wenn Gäste bleiben“. Man muss den Afrikanern nicht helfen, weil sie ja ach so arm sind; es würde schon reichen, wenn man sie in Ruhe lässt, sagt dem Blog Tichys Einblick der Kameruner Filmemacher Jean-Marie Téno:

„Entwicklungshilfeorganisationen haben in vielen Fällen das freie Unternehmertum zerstört und Afrikaner zu Bettlern gemacht. Wer braucht schon 20-jährige Freiwillige, die beim Brunnengraben helfen? Haben die schon jemals einen Brunnen in ihrer Heimat gegraben? Die wissen nicht einmal, wie ein Brunnen ausschaut.“

Und der Vorgang zeigt schließlich auch, dass das Gutgemeinte noch schlimmer als das Schlechtgemachte sein kann. So verlangen SPD, Linke und Grüne im April, „dass Berlin seiner Verantwortung als ehemalige Hauptstadt des Deutschen Kolonialreiches endlich gerecht wird“. In einer gemeinsamen Erklärung fordern sie konkrete Maßnahmen. „Raubkunst“ müsse zurückgegeben werden, meint Frank Jahnke (SPD). Regina Kittler (Linke) plädiert für Reparationen, und Daniel Wesener (Grüne) schwebt gar „eine zentrale Gedenkstätte an die Opfer der deutschen Kolonialverbrechen“ vor.

„Es ist seltsam und fast unbegreiflich, mit welcher Inbrunst man jetzt versucht, diese Geschichte hervorzukramen und zu behaupten, man habe noch nicht ausreichend Verantwortung übernommen“, ärgert sich Gunnar Schupelius in der BZ. Warum sollten, wie 2018 Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) in der FAZ schrieb, Universitäten, Medien und Schulen die deutsche Schuld in der Kolonialzeit hervorheben? Geschichte muss erzählt werden, wie sie war. Ungeschönt. Aber nicht verbunden mit einem Schuldbekenntnis der heutigen Generation für eine ferne Zeit in Afrika vor 120 Jahren. Ein solches „Mahnmal der Schande“ wird dann leicht wieder zu einem von Schande-Interpretationen. Und die spalten uns weiter, obwohl wir das Gegenteil von Spaltung brauchen.

Als letzten Utopist, der es bis zum Schluss in der DDR ausgehalten und den „mit sprachlicher Brillanz“ unermüdlich die „Lust am Experiment“ vorangetrieben habe, sieht ihn Martin Krumbholz in der NZZ. Hans-Herbert Räkel bewundert in der SüZ seinen „Kampf um ein lyrisches Ich“ jenseits einer „Ideologie oder einer politischen Überzeugung“. Rolf-Bernhard Essig lobt in der Frankfurter Rundschau die Vielfalt seiner „Töne, Formen und Themen“, die die „Buntheit der Narrengesellschaft Menschheit“ treffend wiedergebe. Die artigen Komplimente gelten einem Sachsen, der sich bis heute als unartig versteht, zu den bedeutendsten Dramatikern, Lyrikern, Erzählern und Essayisten im deutschen Sprachraum gehört und nun seinen 80. Geburtstag feiern darf:  Volker Braun.

Dabei ist „darf“ durchaus wörtlich zu nehmen: zu seinen „besten Zeiten“ als „Außenseiter und Aushängeschild“ der DDR waren neun Stasi-Offiziere und zweiunddreißig IM auf ihn angesetzt, ein DDR-Funktionär hatte ihm gar angedroht, man müsse ihn erschießen. Er lebte ein exemplarisches Leben zwischen Anpassung und Abweichung: „SED-Mitgliedschaft und staatliche Observierung, Verteidigung der sozialistischen Idee und Austritt aus dem Schriftstellerverband, Publikationsbehinderung und Reisemöglichkeiten prägten seine Existenz, aus der ein tiefes Bedürfnis zur Häresie erwuchs“, erkannte Gregor Dotzauer im Tagesspiegel. Sein Problem: Die Ansprüche, die er an die DDR gerichtet hatte, stellte er auch an das wiedervereinigte Deutschland und seine „zusammengenagelte, erpresste Einheit, die Einheit der Uneinigen, Ungleichen, der Zerrissenen“.

Volker Braun, Quelle: https://www.deutschlandfunkkultur.de/media/thumbs/c/ca35cdedefd13dcf5436e920cc7f4696v1_max_635x382_b3535db83dc50e27c1bb1392364c95a2.jpg?key=0ca0ee

Volker Braun, Quelle: https://www.deutschlandfunkkultur.de/media/thumbs/c/ca35cdedefd13dcf5436e920cc7f4696v1_max_635x382_b3535db83dc50e27c1bb1392364c95a2.jpg?key=0ca0ee

Als Sohn des Buchprüfers Erich Braun, der zum Ausgleich zu seinem eher profanen Beruf Kunstliebhaber war, wurde Volker Braun am 7. Mai 1939 in Dresden geboren. Das Sonntagskind hatte vier Brüder. Sein Vater fiel am letzten Kampftag, sein sechster Geburtstag war der Tag der Befreiung und Beisetzung. Dresden war zerstört, seine ästhetische Schule waren die schönen Ruinen. Als noch junge Frau und Kriegerwitwe musste seine Mutter fünf kleine Kinder durch die Nachkriegszeit bringen – der Sohn wird ihr in der autobiographischen Erzählung „Das Mittagsmahl“ (2007) ein Denkmal setzen. Nach dem Abitur arbeitete er als Druckerei-, Tiefbau- und Tagebauarbeiter und als Maschinist, unter anderem im Gaskombinat Schwarze Pumpe. Rausch und Qual der Arbeit, dazu die Erfahrung der Ungleichheit schöpferischer und Drecksarbeit wurden ihm elementarer Stoff des Schreibens.

„Provokation für mich“

1960 begann er an der Universität Leipzig Philosophie zu studieren und schrieb erste Gedichte unter dem Titel „Provokation für mich“, die Stephan Hermlin 1962 in der Akademie der Künste vortrug und fast zu seiner Exmatrikulation führten. Braun verstand sich von Beginn an als dezidiert politischer Autor in der kritischen Nachfolge von Bertolt Brecht. Dreh- und Angelpunkt seines Werkes waren die Widersprüche zwischen der sozialistischen Utopie auf der einen und der Realität des Staatssozialismus auf der anderen Seite. Obwohl er seit Beginn des Studiums Mitglied der SED war, galt er gleichwohl als staatskritisch. 1964 bereiste er Sibirien, ein Jahr später heiratete er, wurde Vater einer Tochter – und von Helene Weigel eingeladen, als Dramaturg am Berliner Ensemble zu arbeiten.

Nach dem 11. SED-Plenum, dem „Kahlschlagsplenum“, wurden die Proben zu seinem ersten Stück abgebrochen. Erst 1972 wird „Kipper“ uraufgeführt – mit dem Satz, dass die DDR „das langweiligste Land der Welt“ sei. Da arbeitete Braun, inzwischen Wahlberliner, schon am Deutschen Theater und hatte nach der Niederschlagung des Prager Frühlings die Stücke „Trotzki“ und „Lenins Tod“ geschrieben. Letzteres versteckt in der Sympathiebekundung für den Revolutionär die Ablehnung des Stalinismus und kommt erst 1988 auf die Bühne.

Diese Ambivalenz sollte ihn bis zur Wende begleiten: einerseits der Abbruch von Proben zu Stücken, die dann Jahre später aufgeführt wurden, oder gar die Einstellung aller Verlagsvorhaben, andererseits die Übernahme von kulturpolitischen Ämtern wie etwa im Vorstand des DDR-Schriftstellerverbands oder die Auszeichnung mit staatlichen Preisen wie dem Heinrich-Mann-Preis. In den siebziger Jahren bereist er Frankreich, Italien, Peru, Kuba und Polen. Ein in Leipzig 1972 erschienenes Schriftstellerlexikon bescheinigte dem Dreiunddreißigjährigen „hohes geistiges und ästhetisches Niveau“, tadelte jedoch das „jugendlich forcierte, oft übersteigerte“ Ungestüm seines Stils. Was subjektiv übersteigert schien, war aber eine Mischung aus dem Anarchischen des frühen Brecht (zumal seines „Baal“) und der revolutionären Dynamik von Versen des frühen Majakowski.

1974 findet seine Gedichtsammlung „Gegen die symmetrische Welt“ breite Aufmerksamkeit, in der er sich als Gesinnungsgenosse Hölderlins outet, der einst schrieb: „…die Besten unter den Deutschen meinen meist noch immer, wenn nur erst die Welt hübsch symmetrisch wäre, so wäre alles geschehen.“  Nicht in fundamentaler Opposition zum DDR-Staat stand Braun, aber er erwartete von ihm ein, wie er es nannte, „Hinüberarbeiten in die freie Gesellschaft“. Seit 1975 wird er wegen „politisch-ideologischer  Diversion“ unter dem Operativen Vorgang „Erbe“ von der Stasi beobachtet: „Es besteht der Verdacht, dass es sich bei Braun um einen personellen Stützpunkt des Gegners handelt, dass er bewusst und zielgerichtet revisionistisches und konterrevolutionäres Gedankengut vertritt…“, wird er später in seiner Akte lesen.

Volker Braun. Quelle: https://images.gr-assets.com/authors/1324048375p8/523898.jpg

Volker Braun. Quelle: https://images.gr-assets.com/authors/1324048375p8/523898.jpg

Der Grund der Beobachtung: Die „Unvollendete Geschichte“ um die 18jährige Funktionärstochter Karin, die sich von ihrem zu Unrecht politisch verdächtigten Freund Frank trennen muss und darüber den Glauben an den SED-Staat verliert. Der sensible Junge, Kind politisch „unzuverlässiger“ Eltern, unternimmt einen Selbstmordversuch und schwebt tagelang in Lebensgefahr. Karin, die ein Kind von ihm erwartet, bricht mit ihren Eltern und kehrt zu Frank zurück. Das Liebespaar steht am Ende der „Unvollendeten Geschichte“ mit „nicht druckbaren Stimmungen“ fast außerhalb einer Gesellschaft, die ständig „die Sorge um den Menschen“ plakatiert, aber damit „den Menschen umbrachte“, mit den Mitteln den Zweck vernichtete – „womöglich“.

„Das Ungeahnte tritt eisern ein“

In seinem Stück „Guevara oder Der Sonnenstaat“ zeigt sich im selben Jahr das Doppelgesicht seiner Revolutionsstücke: die historische Erstarrung von Revolutionen und die Faszination von Sozialutopien. Brauns eigenes Credo steht im Gedicht „Das Lehen“: „Die Bleibe, die ich suche, ist kein Staat.“ 1976 gehörte er zu den Mitunterzeichnern der Protestresolution gegen die Ausbürgerung Biermanns. Von 1977 bis 1990 arbeitet er wieder am Berliner Ensemble, als „Hausautor“. Die altchinesische Bauernrevolution wird im Stück „Großer Frieden“ eine Anspielung auf Bürokratisierung und Stillstand in der DDR. Und in „Simplex Deutsch. Szenen über die Unmündigkeit“ überwiegt der satirische Blick auf die deutsche Revolutionsgeschichte.

1979 landet er mit dem Gedichtband „Training des aufrechten Gangs“ erneut einen vielbeachteten Erfolg: „Womöglich war es mein Fehler // dass ich mich nicht entschloss // in Schwarz zu gehn oder ganz in Weiß // zu den vorgeschriebenen Stunden“ heißt es da. Ein weiterer wird der an Diderots „Jacques der Fatalist und sein Herr“ angelehnte „Hinze-Kunze-Roman“ 1985. Mittels einer eigenwilligen und enigmatischen Dialektik zwischen den beiden Hauptfiguren schildert der Autor ironisch bis sarkastisch die frappierende Ungleichbehandlung zwischen Parteifunktionären und einfachen Bürgern; und alles – wie Braun süffisant bemerkt – aus reinem „gesellschaftlichem Interesse“: Hinze ist der Fahrer, Kunze der Funktionär. Diese Oben-Unten-Dialektik wird ihn unter verschiedenen Perspektiven bis heute beschäftigen, da man „Pack“ und „Elite“ sagen würde. Der stellvertretende Kulturminister Klaus Höpcke (SED) erhielt damals übrigens ein Disziplinarverfahren, weil er die Druckerlaubnis erteilt hatte. Er nannte in der Weltbühne das Buch einen „Gewinn für alle“ und verstand es als Appell „zu verhüten, dass wir zerhinzen und verkunzen“. Das Buch erhielt den Bremer Literaturpreis.

Volker Braun, Ruth Berghaus, Wieland Förster bei der Berliner Begegnung zur Friedensförderung. Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Volker_Braun#/media/File:Bundesarchiv_Bild_183-1982-0104-301,_Volker_Braun,_Ruth_Berghaus,_Wieland_F%C3%B6rster.jpg

Volker Braun, Ruth Berghaus, Wieland Förster bei der Berliner Begegnung zur Friedensförderung. Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Volker_Braun#/media/File:Bundesarchiv_Bild_183-1982-0104-301,_Volker_Braun,_Ruth_Berghaus,_Wieland_F%C3%B6rster.jpg

Inzwischen gehörte Braun zu den lautesten und prominentesten DDR-Kritikern, hat ihn der realsozialistische Ernüchterungsprozess voll erfasst, zeichnen seine Werke zunehmend das Bild eines deprimierenden Lebens, bewegen sich die Akteure seiner Texte resigniert in einem unbeweglichen Umfeld. Im Gedichtband „Langsamer knirschender Morgen“ heißt es 1987: „Das Unverfängliche // Gibt uns kein Gleichnis;// Das Unzulängliche// Hier wirds  E r r e i c h n i s.// Das fein Geplante // Ist doch zum Schrein.// Das Ungeahnte // Tritt eisern ein.“ 1988, anderthalb Jahre vor dem Exitus der DDR, dann die beiden letzten großen Vorwendeerfolge: Die Tschechow-Adaption „Die Übergangsgesellschaft“ ist der eine. Der Altkommunist und damalige Intendant des Gorki-Theaters, Albert Hetterle, sprach auf seiner Bühne den Satz: „Die Revolution kann nicht als Diktatur zum Ziel kommen.“ Das Stück wusste „mehr vom Übergang vom Sozialismus in den Kapitalismus, als seinem Autor lieb und bewusst war“, meinte Nikolaus Merck in der Nachtkritik.

Die Notatesammlung „Verheerende Folgen mangelnden Anscheins innerbetrieblicher Demokratie“ ist der andere: „Aber wenn das, was ich schreibe, im ‚Widerspruch‘ zur Partei steht, wie kann ich dann Mitglied sein?“, reflektiert er darin, oder „Das Andersdenken entspricht dem Befund einer Allergie: die Individuen reagieren, in den angeschlagenen Betrieben und Ehen, überempfindlich auf bestimmte, für normale Organismen harmlose Reize…“ Er „stellt jene Zugehörigkeit in Frage, die ihm über Jahrzehnte die Kraft gab, seine Gesellschaft vom Gesichtspunkt ihres Fortschritts aus zu provozieren. Jene Zugehörigkeit, die seinem Schreiben den Sinn gab“, erkennt Martin Ahrends in der ZEIT. Von einem „konspirativen Realismus“ schreibt Braun selbst.

Er geht weiter auf umfangreiche Bildungsreisen, darunter nach Japan, China, Mexiko und Südafrika sowie, Christa Wolf gleich, sofort nach der Wende in die USA. Denn während der friedlichen Revolution 1989 gehörte er bei aller Skepsis doch zu den Befürwortern eines eigenständigen „dritten Weges“ für die DDR und war geladener Erstunterzeichner des Aufrufs „Für unser Land“ – weil er „den Sozialismus wollte und die DDR als dessen Zerrbild sah“, schreibt Fritz J. Raddatz in der ZEIT. Nach der Wiedervereinigung beschäftigt er sich bis heute kritisch mit den Gründen für das Scheitern der DDR, zuletzt in der Glossensammlung „Flickwerk“ und seiner „Kamenzer Rede“ 2014.

„Atemnot als Form“

Davor lieferte er unter anderem die Bauernkriegsadaption „Die hellen Haufen“, die den Kalistreik von Bischofferode 1993 thematisiert: 4000 streikende Arbeiter errichten einen Zaun mit der Aufschrift „Kein Kolonialgebiet“, ein Teil marschiert gen Berlin. Sie sammeln sich auf einem Schlackeberg, dem Schutt ihrer Existenz, die nicht zu verteidigen ist, eines Besitzes, den sie nicht besessen haben, eines Lebens, für das man das seine nicht (mehr?) in die Schanze schlägt: Die von der Erzählung gebotene „Geschichte“, so heißt es am Schluss mit Verweis auf die unaufhebbare Ambivalenz des Versuchs, den Willen zu Gesellschaftsveränderung in aufständische Aktionen zu überführen, hat sich ja nicht ereignet. „Sie ist nur, sehr verkürzt und unbeschönigt, aufgeschrieben. Es war hart zu denken, dass sie erfunden ist; nur etwas wäre ebenso schlimm gewesen: wenn sie stattgefunden hätte.“

Mit dem Nationalpreis der DDR und dem Büchnerpreis der BRD erhält er die höchsten Literaturpreise beider deutscher Staaten; als einziger neben Christa Wolf und Heiner Müller. In der Begründung zum Büchnerpreis heißt es, er habe „die Sprache und die Formen der philosophischen Epoche der deutschen Literatur erneuert und verwandelt“. 1999 übernimmt er die Brüder-Grimm-Professur an der Universität Kassel, wird Ehrendoktor in Tokio und hält 2006 die Festrede zur 800-Jahrfeier seiner Heimatstadt Dresden, die ihm später auch ihren Kunstpreis verleiht. Im selben Jahr wird er Direktor der Sektion Literatur der Akademie der Künste.

Braun als Dresdner Kunstpreisträger. Quelle: http://www.dnn.de/var/storage/images/dnn/kultur/kultur-news/truemmer-und-landschaften-portraet-des-kunstpreistraegers-volker-braun/268539442-3-ger-DE/Truemmer-und-Landschaften-Portraet-des-Kunstpreistraegers-Volker-Braun_reference_4_3.jpg

Braun als Dresdner Kunstpreisträger. Quelle: http://www.dnn.de/var/storage/images/dnn/kultur/kultur-news/truemmer-und-landschaften-portraet-des-kunstpreistraegers-volker-braun/268539442-3-ger-DE/Truemmer-und-Landschaften-Portraet-des-Kunstpreistraegers-Volker-Braun_reference_4_3.jpg

„Seine Sprache verändert sich, sein Duktus härtet sich, sein Metaphernhaushalt entleert sich jeglicher Eleganz. In seiner Lyrik kann eine Entwicklung von der Bedeutungslyrik zur Spruchdichtung beobachtet werden. Atemnot als Form“, konstatiert Raddatz 10 Jahre später, nennt ihn einen „melancholischen Optimisten“ und seine Gedichte „gebrochene Rufe“, in denen Bitterkeit Emphase ablöst. In seinem letzten Gedichtband „Handbibliothek der Unbehausten“ (2016) erkennt Beatrice von Matt in der NZZ „zornige und verzweifelte Psalmen der Aktualität“, in denen „wortmächtig und fassungslos zugleich … der Dichter seine Sprache der Welt entgegen“ hält. Er trägt bis heute schwer am Bruch in seinem politischen und persönlichen Leben, für den er 1990 Verse gefunden hatte, die inzwischen weithin Signal geworden sind: „Mein Land geht in den Westen. / KRIEG DEN HÜTTEN FRIEDE DEN PALÄSTEN. / Ich selber habe ihm den Tritt versetzt“, heißt es im Gedicht „Eigentum“.

„Es stimmt etwas im Ganzen nicht, und worüber wir uns den Mund zerreißen, das zerreißt die Gesellschaft“, sagt Braun selbst und versucht, das Unstimmige zu ergründen und mit der Heraufkunft des einen deutschen Staates zu verbinden. So schreibt er mit „Das unbesetzte Gebiet. Im schwarzen Berg“ eine weitere Fassung der „Freien Republik Schwarzenberg“, die bereits Stefan Heym fasziniert hatte, oder mit dem zeitkritischen Satyrspiel „Die Putzfrauen“ eine Persiflage auf die Griechenland-Rettung der EU – gemeinsam mit „Die Griechen“ bildet es die Dilogie „Demos“. Am ergiebigsten und kritischsten aber sind seine beiden „Werktage“-Bücher, eins vor 1990, eins danach, beide rund 1000 Seiten dick und eine literarische wie analytische Offenbarung.

Faksimile "Eigentum". Quelle: https://www.kulturstiftung.de/wp-content/uploads/2015/09/adk15_Braun_c_Braun.jpg

Faksimile "Eigentum". Quelle: https://www.kulturstiftung.de/wp-content/uploads/2015/09/adk15_Braun_c_Braun.jpg

„Das Volk hat seine Stimme abgegeben, die runden Tische werden abgeräumt, und die kalten Schüsseln der Demokratie geleert“, kommentiert er etwa die Volkskammerwahlen vom 18. März 1990. An einem anderen Tag schreibt er: „die bonzen bin ich los: banausen werd ich finden // die griffen nach der macht – die grapschen nach den pfründen“. Am 22.6.1990 dann der legendäre Eintrag „Wir sind das volk wir sind ein volk ich bin volker“, zwei Jahre später die Erkenntnis: „ich bin jetzt in der inneren emigration“. In der Auseinandersetzung mit dem führenden DDR-Wirtschaftshistoriker Jürgen Kuczynski, der im Gespräch mit seinem Urenkel gesagt habe, dass er das System bejaht, aber tausend kritische Anmerkungen zu ihm hätte, postuliert er: „er hätte seinem urenkel genau das gegenteil sagen müssen: ich verneine das system, aber finde tausend gute dinge in ihm.“

Er kämpfte schreibend für „die Wahrheit, welche auf beiden Seiten wohnet“. Und er wandelt auf Erkenntnispfaden, die heute den rechten Weg bedeuten – besser gesagt, die Abkehr von demselben. „Es gibt keinen multikulturellen Gewinn“, erklärt er schon 1992, und erkennt vier Jahre später: „das unabhängige denken wird wie immer vom verklemmten geist zensiert…“. Heiner Müller, Christa Wolf, Christoph Hein und er selbst: „das sind die rechten.“ Sein Freund Hein würdigte in einer Laudatio den lapidaren Braun-Ton, „das plötzliche und unvermutete Aufreißen einer alltäglichen Beobachtung in einen größeren, in einen weltumspannenden, philosophischen Zusammenhang“. Die Hersteller dieser Zusammenhänge, die Denker sterben aus. Sie fehlen. Gut, dass es Braun noch gibt.

Selten wurde ein Musical-Song so oft und von so unterschiedlichen Künstlern gecovert. Es gibt Instrumentalfassungen von Panflötist Gheorghe Zamfir wie Orchesterfassungen von Ray Conniff. Es gibt Rockfassungen von „The Shadows“, Popfassungen von den „Carpenters“ oder Punkfassungen von „Me First and the Gimme Gimmes“. Es gibt Fassungen von Popsängern wie Tom Jones und Popsängerinnen wie Shirley Bassey. Und es gibt selbst Fassungen von gefälligen Sternchen wie Olivia Newton-John ebenso wie von politischen Interpretinnen wie Milva oder Joan Baez oder gar klassischen Stars wie Anna Maria Kaufmann oder Sarah Brightman: „Don’t Cry for Me Argentina“ aus Andrew Lloyd Webbers Musical „Evita“ von 1977. Die Namensgeberin Evita Perón würde am 7. Mai ihren 100. Geburtstag feiern.

Die zweite Frau des argentinischen Präsidenten Juan Perón war 1952 unbestreitbar die zweitmächtigste Person in Argentinien, weltbekannte First Lady und von den Arbeiterinnen vergötterte „Evita“, obwohl sie in der Regierung ihres Mannes nicht einmal ein offizielles Amt innehatte. Als ihr Auto bei einem Staatsbesuch in der Schweiz 1947 erst von Tomaten und dann von Steinen getroffen wird, geworfen von angeblich psychisch kranken Tätern, macht sich die NZZ ernsthafte Sorgen um das Image des Landes und befürchtet, „dass da und dort im Auslande aus den Zwischenfällen in Bern und Luzern unrichtige Schlüsse auf den Geisteszustand unseres Volkes gezogen werden könnten“.

Evita in der Schweiz. Quelle: https://img.nzz.ch/C=W1024,H537.6,X0,Y19.2/S=W1200M,H630M/O=75/C=AR1200x630/http://nzz-img.s3.amazonaws.com/2016/7/24/83858cf5-5750-49c3-bdf2-87b736e9f988.jpeg

Evita in der Schweiz. Quelle: https://img.nzz.ch/C=W1024,H537.6,X0,Y19.2/S=W1200M,H630M/O=75/C=AR1200x630/http://nzz-img.s3.amazonaws.com/2016/7/24/83858cf5-5750-49c3-bdf2-87b736e9f988.jpeg?wmark=nzz

Sie wurde gerade 33 – das Alter, in dem Jesus gekreuzigt wurde, wie ihre Anhänger immer noch betonen, die bis heute, vor allem am Muttertag, zu ihrem Grab pilgern. Allerdings: Im Halbdunkel der Familiengruft stehen zwei Särge, aber in keinem davon liegt sie. Man müsste Falltüren öffnen, Stahlplatten bewegen, in sechs Meter Tiefe hinabsteigen, da erst träfe man auf den einbalsamierten Leichnam von Evita Perón. Warum verwahrt man ihre sterblichen Überreste wie in einem Panzerschrank? Fürchtet man, sie könnten aus der Marmorgruft des Recolta-Friedhofs in Buenos Aires verschwinden? Oder, schlimmer noch, wieder auferstehen?

„ohne Fanatismus kann man nichts vollbringen“

María Eva Duarte de Perón wurde am 7. Mai 1919 in Los Toldos als eines von fünf unehelichen, aber anerkannten Kindern ihrer Mutter Juana und ihres verheirateten Liebhabers geboren, des wohlhabenden Großgrundbesitzers Juan Duarte. Der Vater stirbt, als sie sieben Jahre ist, ihre Mutter sollte Evita (kleine Eva) um 19 Jahre überleben. Sie wächst in erbärmlichen Verhältnissen auf, hat aber bereits als Kind einen unbändigen Ehrgeiz und das Ziel, berühmt zu werden. Mit 15 folgt das schlaksige, brünette Mädchen einem Tangosänger nach Buenos Aires, um dort eine Karriere als Schauspielerin zu starten – wie es das Klischee will, hatte sie in ihrer ersten Rolle nur „Es ist angerichtet!“ zu sagen.

Bis auf kleinere Engagements in mäßigen Stücken und noch schlechteren Filmen bleibt sie erfolglos: Wenn sie Kritiker loben, dann wegen ihrer „Unscheinbarkeit“ und, nach immerhin einem Jahr, wegen ihrer „Anmut“. Sie lebt promiskuitiv in heruntergekommenen Hotels und verdient ihr Geld hauptsächlich mit zweifelhaften Jobs in Nachtclubs. Und doch arbeitet sie systematisch an ihrer Zukunft, blondiert ihr Haar und sucht sich ihre Liebhaber nach deren Einfluss aus. Diese Affären bringen ihr tatsächlich Glück. „Die berühmte Schauspielerin Evita Duarte“, schreibt ein Klatschmagazin im September 1943, das sie zugleich zur Schönheit ernannte, werde die Hauptrolle einer Sendereihe von Radio Belgrano übernehmen und große Frauen der Weltgeschichte wie etwa Elisabeth von England oder Katharina die Große spielen. Einige Zeit später bekommt sie gar eine eigene Sendung.

Duarte als Elevin. Quelle: https://www.pinterest.de/pin/238972323951584601/

Duarte als Elevin. Quelle: https://www.pinterest.de/pin/238972323951584601/

Anfang 1944 lernt die inzwischen 24jährige auf einer Wohltätigkeitsveranstaltung den ehrgeizigen konservativen Kriegsminister Juan Perón kennen, einen Witwer, doppelt so alt wie sie. Sie ahnt ihre Chance. Fest entschlossen, unentbehrlich für den Politiker zu werden, spannt sie ihn noch am selben Abend seiner Begleiterin aus. Bald wirbt Evita in ihrer einstündigen täglichen Radio-Show leidenschaftlich für das politische Programm Peróns, der mehr soziale Gerechtigkeit und eine unabhängige, starke Wirtschaft fordert.

„Ich habe mich fanatisch Perón und seinen Idealen verschrieben“, sagt sie später oft, „ohne Fanatismus kann man nichts vollbringen.“ Ihre emotionsgeladene Sendung begeistert vor allem das einfache Volk, das Evita als „eine von uns“ anerkennt. Die Arbeiter erheben sie zum Idol, sie akzeptieren sie – und mit ihr auch die politischen Ziele Peróns, der beliebt ist, weil er Lohnerhöhungen gewährt, Arbeitsgerichte geschaffen und die Sozialhilfe verbessert hat. Die Großgrundbesitzer und Reichen des Landes sind ihm dagegen verhasst, weswegen er bei diesen als suspekt, als halber Kommunist gilt.

Peron und Duarte. Quelle: http://mentalfloss-ressh.cloudinary.com/image/upload/v1555912916/shape/mentalfloss/gettyimages-51424247.jpg

Peron und Duarte. Quelle: http://mentalfloss-ressh.cloudinary.com/image/upload/v1555912916/shape/mentalfloss/gettyimages-51424247.jpg

Wie mächtig Evita geworden ist, zeigt sich im Oktober 1945, als Perón bei einem Putsch verhaftet wird. Evita organisiert einen beispiellosen Protestmarsch, an dem mehr als 200.000 Menschen teilnehmen. Aus Angst vor einem Bürgerkrieg geben die Putschisten nach und lassen Perón frei. Am nächsten Tag heiratet er Evita und wird sechs Monate später zum Präsidenten gewählt. Sofort begann Evita ihr soziales Engagement für die Descamisados („Hemdlosen“) und wurde ihre Heldin. Von 1946 bis 1952 arbeitete Eva Perón mit unermüdlichem Enthusiasmus als „Eine-Frau-Propaganda-Ministerium“. Ihre Erfahrung als Schauspielerin, ihre einfache Herkunft aus der Klasse der Unterdrückten und vor allem die Tatsache, dass sie nicht nur eine Frau war, sondern seine Frau, „ein Teil von ihm“, erwiesen sich dabei als unschätzbare Vorteile.

Faktisch eine Arbeits- und Sozialministerin

Von der etablierten Oberschicht, den Militärs zumal, wird sie verachtet, ja gehasst: Frauen durften in Argentinien nochmal nicht wählen. Das änderte sich unter ihrem Einfluss: 1947 führte Argentinien das Frauenwahlrecht ein. Im selben Jahr unternahm sie ihre „Regenbogentour“ durch Europa und traf dabei unter anderen Papst Pius XII., den sie mit einem trägerlosen schwarzen Kleid schockte, dinierte mit dem Schweizer Bundespräsidenten Phillip Etter und besuchte den spanischen Diktator Franco. „Sie träumen von mir, und ich darf sie nicht enttäuschen“, erklärte sie ihm, als der sich darüber wundert, mit wie vielen Edelsteinen behängt sie zu einem Treffen erscheint. Wer aus dem Dreck der Hütten komme, schulde den Untertanen, fortan in Pelzen herumzulaufen und sich Perlen umzuhängen, sagt sie sich und ihren Schneidern, nichts anderes erwarteten die Armen schließlich von ihren Herrschern.

Grund der PR-Tour war das faschistische Image der Regierung: Perón war von Mussolini beeindruckt und sympathisierte während des Zweiten Weltkrieges mit dem nationalsozialistischen Deutschland. Er und Evita herrschen gleichsam wie Diktatoren, besetzen Schlüsselpositionen mit Vertrauensleuten, lassen politische und gesellschaftliche Gegner gnadenlos von einer Geheimpolizei bespitzeln und verfolgen, die Pressefreiheit aufheben. Eva Perón wurde von amerikanischen und englischen Geheimdiensten, selbst Regierungsmitgliedern unterstellt, bei der Flucht gesuchter Nationalsozialisten nach Südamerika mitgewirkt zu haben, was bis heute unbewiesen ist. Allerdings gebe es laut mancher Biographen Hinweise für die Behauptung, ihre gesamte Europareise habe eigentlich das Ziel gehabt, in der Schweiz das Vermögen von hohen deutschen Nazis in Sicherheit zu bringen, die sich und ihre Beute 1945 nach Buenos Aires gerettet hatten.

1948 ließ Evita eine Stiftung für Wohltätigkeit gründen und verteilte großzügig Geschenke an Arme und Bedürftige. Angeblich hat sie Kranke berührt und Aussätzige geküsst und wurde zu „Santa Evita“, der Heiligen. Sie war, obwohl durchaus glamourös lebend, die warmherzige, oft heißblütige Fürsprecherin der armen Arbeiter und Bauern, der schlecht behandelten Protagonisten der industriellen Revolution, die das agrarische Argentinien beutelte. Zu Evitas Zeiten florierte die Wirtschaft, der Staat hatte Geld für groß angelegte Sozialprogramme, die über die Stiftung verwaltet wurden. 1949 gründete sie die peronistische Frauenpartei, in der sich Frauen in Verbindung mit der Eva-Perón-Stiftung und unter der Leitung Evitas politisch und sozial beteiligen konnten. Faktisch agiert sie wie eine Arbeits- und Sozialministerin.

Peron auf dem Höhepunkt der Macht. Quelle: http://mentalfloss-ressh.cloudinary.com/image/upload/v1555912866/shape/mentalfloss/gettyimages-3092024.jpg

Der sogenannte „Peronismus“ als vielgestaltige, wandelbare und bis heute prägende populistische Bewegung integrierte eine Vielzahl politischer Ziele und Anschauungen, denen einzig die Berufung auf das Volk und auf Perón als Führer gemein war: Er war das Hirn, sie das Herz des Peronismus, heißt es bis heute. Manche Historiker betrachten diese Form der Herrschaft als „subtropische“ Form einer europäischen Arbeiterpartei; die Peronisten selbst sahen ihre Politik als dritten Weg zwischen Kommunismus und Kapitalismus: die Arbeiter erhielten mehr Rechte, ohne die Interessen der Mittel- und Oberschicht zu gefährden. Wegen Evitas sozialem Engagement stehen die Armen hinter ihr, während die Opposition gegen Juan Perón wächst.

Im September 1950 spekulierte die New York Times, Evita werde für die Vizepräsidentschaft kandidieren, wenn Perón noch einmal zum Präsidenten gewählt werde – ein kühner Bruch mit der argentinischen Tradition. Als sie 1951 versuchte, ihrer Macht durch diese Kandidatur eine reelle Grundlage zu geben, verärgerte das viele Militärs, die ihren zunehmenden Einfluss auf die Regierung ablehnten. Unter diesem starken Druck und angesichts ihrer Erkrankung zog Juan Perón dann ihre Nominierung zurück. Der „Mythos Evita“ aber hinterließ eine Veränderung der lateinamerikanischen Wahlkampfkultur: Kandidierende Präsidenten instrumentalisieren ihre Ehefrauen, eine Evita-Rolle zu kopieren, um den positiven Nachhall Evitas für ihre eigene Popularität zu benutzen.

„Sie war die letzte Gute“

Wann sie die Diagnose „Gebärmutterhalskrebs“ offiziell erhielt, ist unklar. Im Herbst 1951 wurde sie erstmals operiert, später kamen deutsche Gynäkologen als Experten hinzu. Hunderte Frauen weinen tagtäglich vor ihrem Palast. Am 4. Juni 1952 zeigte sich Eva Perón das letzte Mal in der Öffentlichkeit, am 26. Juli starb sie. Im Musical versteht Eva am Ende ihres Lebens, dass Perón sie um ihrer selbst willen liebt und nicht deswegen, was sie für ihn und seine Karriere tut, und bittet als Sterbende um Vergebung, dass sie den Ruhm einem langen Leben und dem Erziehen von Kindern vorgezogen hat. Über zwei Millionen Menschen nahmen am Trauerzug teil, die Staatstrauer dauerte 30 Tage, ihr vom spanischen Pathologen Pedro Ara balsamierter Leichnam wurde jahrelang in der Gewerkschaftszentrale aufgebahrt.

Perón mit dem spanischen Pathologen Pedro Ara, der ihren Leichnam konservierte. Quelle: https://www.wienerzeitung.at/_em_daten/_cache/image/1xCTUhjlVgVpGN9bjmhKcH-7Y8gTyEOaVXHzKu2LbwRi_Zk3inzj1uyFIuL4h81DPL5JHR82BRt178_Jl2c0dMIdXpmbRNtSSldttyArsu-z8/120719-1550-948-0008-289733-2107etote.jpg

Im Kongress schwangen sich die Nachrufe der Abgeordneten auf pathetische Höhen. So sagte ein Senator: „Evita vereinigte nicht nur die besten Tugenden einer Katharina der Großen von Russland, einer Elizabeth I. von England, einer Jungfrau von Orléans und einer Isabella von Kastilien in sich, sie hat diese Tugenden bis ins Unendliche gesteigert.“ Sei selbst gab in ihrem autobiographischen Selbstzeugnis „Der Sinn meines Lebens“ eine andere Einschätzung: „Ich war und bin nicht mehr als ein Sperling … und er (Perón) war und ist der gewaltige Adler, der hoch und sicher in der Nähe Gottes fliegt.“

Sie starb rechtzeitig, ohne dass die Erinnerung an sie befleckt worden wäre: Auf dem Höhepunkt ihrer Beliebtheit beim Volk, die einherging mit dem Hass der konservativen Elite. Drei Jahre später wird Präsident Perón gestürzt und flieht ins Exil. „Er hatte ihr diese Macht übertragen, die ihre aber war auf niemanden übertragbar, am wenigstens auf ihn. Ohne sie konnte er sich nicht länger als drei Jahre halten“, schreibt ihre Biografin Marysa Navarro. Juan Peron ging nach Spanien ins Exil, heiratete zum dritten Mal, kehrte 1973 in sein Heimatland zurück und gewann die Wahl zum Präsidentenamt im September 1973 erneut. Er starb wenige Monate danach, seine Frau Isabel, die bereits als Vizepräsidentin vereidigt war, wurde seine Nachfolgerin und gleichzeitig die erste Staatspräsidentin Südamerikas, deren Regierung 1976 erneut durch einen Militärputsch gestürzt wurde.

Die jahrelang unterdrückten Anti-Peronisten vernichten nahezu jede Erinnerung an Evita: Ihre Bilder, Bücher und persönlichen Papiere werden öffentlich verbrannt, die Denkmäler eingerissen. Sie versuchen zugleich, einen Mythos der Hure und der Domina zu prägen und das Bild einer kalten, machtgierigen Frau zu zeichnen, die Wohltätigkeit als Show betrieb. Ihr Leichnam erlebte eine 17jährige Odyssee über Mailand und Madrid, bevor er 1976 endgültig zur Ruhe gebettet werden konnte – der Bestseller „Santa Evita“ von Tomás Eloy Martínez zeichnet diese Odyssee kriminalistisch nach. Webbers Musical, das vor dieser Beisetzung endet, wurde später mit Madonna in der Hauptrolle verfilmt – unter Protesten vieler Argentinier. Bis 2015 kam die Lebensgeschichte von Evita über ein Dutzend Mal ins Kino. Die Hauptfigur wurde dabei unter anderem verkörpert von Faye Dunaway, Bette Midler, Meryl Streep, Liza Minnelli, Barbra Streisand und auch Michelle Pfeiffer.

Szene aus dem Film „Evita Peron“ (1980) von Marvin J. Chomsky mit Faye Dunaway und James Farentino. Quelle: https://www.welt.de/img/geschichte/mobile146381562/6781625177-ci23x11-w780/James-Farentino-mit-Faye-Dunaway.jpg

Szene aus dem Film „Evita Peron“ (1980) von Marvin J. Chomsky mit Faye Dunaway und James Farentino. Quelle: https://www.welt.de/img/geschichte/mobile146381562/6781625177-ci23x11-w780/James-Farentino-mit-Faye-Dunaway.jpg

Noch heute ist sie für viele Argentinier, Männer wie Frauen, eine der größten Wohltäterinnen der Nation. Auch die Wirrungen des Peronismus späterer Jahrzehnte berührten die Kanonisierung nicht: Evita wurde „cheguevarisieriert“, formuliert der Philosoph José Pablo Feinmann. Da könnte etwas dran sein, da alle großen Figuren Argentiniens bislang mit dem Tod verbunden sind: Che Guevara starb im Kampf, der Tango-Sänger Carlos Gardel bei einem Flugzeugunglück, und den Kult um Gauchito Gil, eine Art argentinischer Robin Hood, begann ausgerechnet sein reumütiger Henker.

„Sie war die letzte Gute, und sie steht für das letzte Gute, was sich hier in Argentinien zugetragen hat“, sagt Paula Lambertini von der Frauenabteilung des „Movimiento Evita“ der Berliner Zeitung. Sie habe den Armen Gerechtigkeit, Würde und Bildung gebracht und die Arbeiter aus der Sklaverei erlöst. In Buenos Aires ist ihr das „Museo Evita“ gewidmet, im Museumsshop kann man glamourösen Souvenirschmuck kaufen in der Art, wie sie ihn einst selbst trug. Es gibt Handpuppen, Comics und Videospiele, ja im Szeneviertel Palermo hatte 2011 die erste Perón-Kneipe eröffnet, wo zum Steak Perón-Wein kredenzt wird. Mitten im Gastraum steht ein Evita-Altar; die Eigentümer wachen darüber, dass die Weihrauchkerzen nicht erlöschen.

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