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Archiv für die 'Spezielles' Kategorie

ASA-Editorial 27-2017

Wir sollten über die Kulturgeschichte der Toilette nachdenken. Auf den Gemeinschaftsklos im alten Rom hat man im doppelten Wortsinn große Geschäfte gemacht: es wurde nicht nur gekotet, sondern auch gehandelt. Auf Kaiser Vespasians Latrinensteuer geht die Redewendung „Pecunia non olet“ (Geld stinkt nicht) zurück. Sicher nahm Sachsens Grünen-Fraktion diese Tradition zum Anlass, im August in einem Schreiben an die Landtagsverwaltung ihre Wünsche hinsichtlich des steuerzahlerfinanzierten Umbaus des Plenargebäudes 2018 zu äußern. Sie wünscht sich in den Toiletten: Aktenablagen.

Wir sollten nochmal über Hamburg und den G 20 Gipfel nachdenken. Waren es nun 5.000 oder mehr militante autonome Linke, die durch die zweitgrößte Stadt Deutschland zogen? Die genaue Zahl ist einerlei, taten sie doch exakt das, was die Polizei befürchtet hat: sie steckten Autos in Brand, auch von normalen Familien und alten Frauen, zertrümmerten Scheiben und griffen gezielt Polizisten an. 476 Beamte waren verletzt worden bei diesem dreitägigen Chaos-Event, das den Steuerzahler laut „FR“ mindestens 130 Millionen Euro kostete.

Wir sollten über Kunst nachdenken. Oder besser: das, was uns die „Dokumenta 14“ in Athen und Kassel als solche verkaufen will. Ich habe zwei Tage meines Urlaubs dafür geopfert und übertreibe nicht, wenn ich schreibe: selbst die Kunstausstellungen der DDR waren unpolitischer. Ich übergehe die Ursachen, warum das so werden konnte, wie es ist, und nehme eine Bestandsaufnahme vor. Die wird auch noch schlimm genug.

„Wir hoffen, dass die Documenta 14 einer von vielen Schritten sein wird auf dem Weg in eine Welt, in die wir leben wollen“, schreibt der Kurator Adam Szymczyk über die in Athen und Kassel stattfindende Schau. Diese Kunsterfahrung solle „der Versuch einer ganz neuen Existenzweise“ werden. Cathrin Lorch meint prompt eine sanfte Utopie zu erkennen, einen exterritorialen Ort, „an dem die Künste und die Künstler miteinander arbeiten, ausstellen und feiern“ und an dem „weder Kunststile noch Gattungen von Belang“ seien. Das sehe ich komplett anders: es ist allein die gutmenschliche Aussage, die zählt – richtige Inhalte statt stimmige Formen. Eine persönliche Rückschau auf 2 Tage Kunst.

Wir sollten über das Netzwerkdurchsetzungsgesetz NetzDG nachdenken. Heiko Maas hat es tatsächlich auf der letzten Sitzung der Legislaturperiode durch den Bundestag gepeitscht. Eine Zählung per TV-Bildschirm zeigte gerade 32 Abgeordnete von Union und SPD, plus sechs von den Grünen und rund ebenso vielen Linke-Abgeordneten. Das heißt: Nicht einmal zehn Prozent aller Bundestagsabgeordneten fanden es nötig, zur Abstimmung zu bleiben – während die „Ehe für alle“ gerade eine Stunde vorher noch 339 Ja-Stimmen fand.

Wir sollten mal über Namenskunde nachdenken. Warum? Der Psychoanalytiker Karl Abraham hat schon vor 100 Jahren behauptet, dass der Name oft zum Schicksal seiner Patienten passt. Da könnte was dran sein.

Wir sollten mal wieder über Meinungsfreiheit nachdenken. Anlass ist ein in der bundesrepublikanischen Geschichte nahezu einmaliger Vorgang: das Votum einer seit 15 Jahren tätigen unabhängigen Jury im Dienste des NDR-Labels „Sachbücher des Monats“ wird von taz bis FAZ als Votum für einen rechtsextremen Autor kritisiert. Um wen geht es? Um Rolf-Peter Sieferle, der bis dato als Professor an der Eidgenössischen Hochschule St. Gallen nur einem interessierten Kreis bekannt war und sich im vergangenen Herbst das Leben genommen hatte, und sein in Götz Kubitscheks Verlag erschienenes Buch „Finis Germania“.

Wir kommen nicht umhin, nach gerade mal sechs Wochen – Stichwort Xavier Naidoo – erneut über die Rolle von Musikern in der aktuellen Politik nachzudenken. Ich meine nicht den Oberprinzen Sebastian Krumbiegel, der vor ein paar Tagen mit „Courage zeigen – Warum ein Leben mit Haltung gut tut“ seine Autobiographie veröffentlicht hat und bei Lesungen rundheraus sagt, dass er sich schäme, die Montagsdemo am 9. Oktober 1989 aus Angst nicht besucht zu haben, andererseits heute gegen Pediga und deren Ableger auf die Straße auf die Straße gehe, weil es wichtig sei, weiterhin Haltung zu zeigen. Hm. Solche Vögel kenne ich zur Genüge, und die machen alle keine Musik. Jynx torquilla heißen sie übrigens. Nein, ich meine Campino, den Sänger der „Toten Hosen“.

Wir müssen mal wieder über Gender nachdenken. Eine der Unsäglichkeiten, die im Namen dieser totalitären gleichmacherischen Ideologie veranstaltet wurden und werden, kostet Sachsen nämlich richtig Geld. Und daran ist vor allem Beate Schücking schuld, Rektorin der Leipziger Uni, die seit 2011 im Amt ist und im vergangenen Februar nach langem Streit wiedergewählt worden war. Und unter deren Regentschaft die Grundordnung dergestalt geändert wurde, dass das Generische Femininum universitätsweit als Anredeform genutzt werden muss: „Guten Tag, Herr Professorin…“

Wir müssen über Rassismus nachdenken. Rassismus sei heute „das innere Prinzip der Selbsterhaltung durch Ausschluss des Anderen, ohne es mehr nötig zu haben, Vorurteile über dieses Andere zu erfinden. Oder anders formuliert: Der Rassismus heute ist ein Rassismus ohne Rassen“ heißt es auf den Seiten der Bundeszentrale für politische Bildung, die neben diesem sozialpsychologischen kaum noch den biologistischen Rassismus-Begriff aufführt. Aha. Es gäbe zwar keine Rassen, aber Ausgrenzung, weswegen es Rassismus gäbe.

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