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Archiv für die 'Allgemeines' Kategorie

Muss man sich als promovierter Germanist, Journalist, Dozent, potentieller Wähler, Mensch und Ostdeutscher von einem westimportierten Lokalpolitiker der FDP als Versager, Dummschwätzer und Gossenjournalist verunglimpfen lassen? Ich meine nein. Dem „Nein“ folgt eine vom DJV Sachsen unterstützte Unterlassungsklage gegen Dresdens FDP-Chef Johannes Lohmeyer.

Der heutige Tag ist ein guter Tag – für Plagiatsjäger: über Ex-Dr. Guttenberg fällte die Uni Bayreuth ein vernichtendes Urteil; Noch-Dr. Silvana Koch-Mehrin (FDP) tritt von allen Ämtern zurück, die Stoiber-Tochter Veronika geht vorläufig ihres Dr.-Titels verlustig,  und der Waiblinger CDU-Landtagsabgeordnete Matthias Pröfrock hat gegenüber der Uni Tübingen bekundet, „derzeit“ seinen Doktortitel nicht mehr zu […]

Lausitz – das klingt irgendwie nach der Tristesse jener Mondlandschaften, die –zig Tagebaue hinterlassen haben. Während die Braunkohleförderung einerseits als Arbeitgeber und Energielieferant die Existenzgrundlage der Lusitzen darstellte, zerstörte sie andererseits auch ihre Lebensgrundlage: Heimat muss Rohstoffgewinnung weichen. Mit dem Ende des Tagebaubetriebs verbleibt nicht nur kilometerweite Leere in der Landschaft, sondern auch Leere in der Zukunft der betroffenen Region. Die Alternative – die Leere, genauer die Tagebaurestlöcher, mit Wasser füllen, wie als Kühlung für die Wunden, die der Mensch der Erde zufügte. Eine sinnvolle Lösung?

Nach diversen Artikeln und Debatten – im Gefolge von Guttenberg, Fukushima, FDP & Co. – hat jetzt Matthias Matussek auf SPON einen Artikel publiziert, dessen Überschrift fast der Science Fiction entnommen sein kann: „Der neue Mensch“; zusammengeschrieben aus Äußerungen von Dahrendorf, Weimer und Sloterdijk. Quintessenz: „Vielleicht sind einschneidende Ereignisse nötig, um zukunftsfähiges Handeln zu befördern. … Es geht um Werte wie Bedürfnisaufschub, Disziplin, Dienst, Pflicht.“ Einige Anmerkungen zwischen Mittelmaß und Genialität.

Das wollte ich doch immer schon mal hören. Ok, manchmal schon gemunkelt wurde es, aber jetzt scheint es statistisch bewiesen: in einer Studie des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung (WZB) im Auftrag der Bertelsmann Stiftung. „Jährlich gingen 150.000 junge Menschen ohne abgeschlossene Ausbildung ins Berufsleben“, heißt es da. „Wenn es nicht gelingt, diese Zahl zu halbieren, entstehen für die öffentlichen Haushalte Belastungen in Höhe von 1,5 Milliarden Euro pro Altersjahrgang“. Gibt es eine Lösung?

Es ist schon seltsam: da lasse ich mich gelegentlich Guttenberg über die Generation der Bübchenkultur aus, gelegentlich Fukushima über Halbwertszeiten, gelegentlich Texthonorare über Ethik… und plötzlich geht „welt.de“ die Offensive und fragt: „Ist die Welt nicht völlig durchgedreht?“ Die Liberalen überholen die Linken, die Christdemokraten die Grünen… alles tauscht mit allem die Plätze. Aber Platzhalter gibts nicht mehr…

In dieser Woche beginnt das Sommersemester, was leicht an der Zunahme des Radverkehrs erkennbar ist. Zu dieser Vokabel fallen exzessiven Radlern wie mir sofort diverse Dinge ein, die in Dresden im Argen liegen: zuvörderst der Zustand der Nord-Süd-Route „Albertplatz – Carolabrücke – Pirnaischer Platz – Bahnhof – Uni“. Gerade die Carolabrücke ist an der Synagoge ein Nadelöhr: aus dem kombinierten Rad-/Fußweg wird ein Fußweg. Das barsche Schild „Radfahrer absteigen“ kann eigentlich ignoriert werden – zumal das Verkehrsrisiko einer Fussgängerkollision minimal ist. Aber Polizisten streifen um die Synagoge und behandeln widerspenstige Ignorierer wie Staatsfeinde. Und das zum Semesterstart, und das dann, wenn viele Studenten und Dozenten unterwegs sind. Zufall?

Ja, die Frage ist abgedroschen. Ja, es gibt ebenso viele Antworten wie Antworter. Und erst recht: ja, vor allem aus publizistischer Perspektive gibt es als Wertmassstab die Qualität nicht. Aber die Frage muss gestellt werden angesichts der Zunahme sogenannter „Redaktions-„ oder „Textportale“, die vor allem ein Internet-Geschäftsmodell zur Aggregation von Print-, manchmal auch Online-Inhalten darstellen. Was hier an Geschäftsgebaren aufscheint, finde ich haarsträubend.

Fundstück

Ein Käufer von Kafkas 1915 als Buch erschienener Erzählung „Die Verwandlung“ gab dem Autor buchstäblich „Kredit“. Getreu dem lateinischen „credo“ glaubte er, mit dem Buch das Leben seiner Cousine zu bereichern. Was er indes mehrte, war lediglich der Vorrat an Ungewissheit bzw. Ratlosigkeit im Kreis der Familie, den er eigentlich mit Wortkunst mindern wollte. Promp forderte er – promovierter Journalist (!) den Autor auf, die Ungewissheit höchstselbst zu beseitigen. Ein „Leserbrief“ besonderer Art.

Eigentlich wollte ich mich nicht explizit zu Fukushima äußern. Die politischen Wirkungen in Deutschland liegen offen, über andere will ich derzeit nicht nachdenken. Aber da fielen mir während einer langen Bahnfahrt zwei dystopische Textes ein. Beide bewegten mich nicht so sehr bewegten wegen des Schreckens, sondern der Art des geradezu weihevollen Umgangs damit: Don deLillos warenfetischistischer Roman „Underworld“ (1997, dt. Köln 1998) und Gert Prokops „Muddies“, radioaktive Müllwüsten inmitten der „Nolands“, die in mehreren seiner grandiosen SF-Geschichten um den Privatdetektiv Timothy Truckle (1977, 1983) eine Rolle spielen. Das Weihevolle daran: beide gelten als Sehenswürdigkeit und erfreuen sich touristischen Zuspruchs. Wie ist das möglich?

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