„Schwarzfahren“ sei eine rassistische Metapher, ein sichtbarer Sarotti-Mohr bereits „Alltagsrassismus.“ Linksgrüne Umerziehungsversuche ideologisieren inzwischen selbst die Farbenlehre. Meine aktuelle „Tumult“-Kolumne.
Selbst sein Sterben könnte eine Szene aus einem seiner Filme sein. Nur
wenige Minuten vor seinem Tod erzählte er der Krankenschwester, dass er gerade
gerne Skifahren würde. Sie entgegnete, sie habe nicht gewusst, dass er
Skifahrer sei. Er antwortete daraufhin: „Bin ich nicht – aber ich würde es
lieber tun als das hier.“ Wenige Minuten später kam die Schwester zu ihm zurück
und entdeckte, dass er friedlich im Sessel eingeschlafen war. So geschehen am 23.
Februar 1965 nach einem Herzinfarkt im Alter von 74 Jahren im kalifornischen Santa
Monica. Der Name des verhinderten Skifahrers: Arthur Stanley Jefferson. Als
„Stan Laurel“ wurde der Komiker, Drehbuchautor, Regisseur und Produzent
weltberühmt und gilt bis heute hinter Charlie Chaplin als weltweite Nr. 2 aller
Filmclowns.
Wenigstens die Karriere war ihm in die Wiege gelegt: Seine Eltern arbeiteten beide am Theater – der Vater als Regisseur und Manager, die Mutter als Schauspielerin. Stan wird am 16. Juni 1890 im englischen Ulverston geboren und lebt, weil seine Eltern vielbeschäftigt waren, häufig bei seiner Großmutter. Bereits als Knirps konnte er gemeinsam mit einigen Schulkameraden die gesamte Nachbarschaft mit seiner Hobby-Theater-Truppe „Stanley Jefferson Amateur Dramatic Society“ begeistern. Im Alter von elf Jahren zog Stan mit seiner Familie nach Glasgow, wo er auf der Rutherglen Academy seinen Schulabschluss machte.
Stan Laurel. Quelle: https://www1.wdr.de/stichtag/stichtagjunisechszehn-100~_v-gseapremiumxl.jpg
Sein Vater riet ihm aus Erfahrung zwar dazu, eine kaufmännische
Ausbildung zu machen und einen Beruf in diesem Bereich zu ergreifen, doch
Laurel zog es auf die Bretter, die auch für ihn die Welt bedeuteten. Als
15-Jähriger stellte Stan erneut ein kleines Bühnenprogramm zusammen. Als er es
in der Music Hall vorstellte, war zufällig auch sein Vater anwesend, der immer
noch die Hoffnung hatte, dass Stan in seine Fußstapfen treten würde. Nachdem er
merkte, welche Talente in seinem Sohn schlummerten und welche enorme Wirkung
das Programm auf das begeisterte Publikum hatte, wollte er Stan den Weg zur
Schauspielerei nicht mehr verstellen. Sein Bühnendebüt gab Stan 16-jährig am „Pickard‘s
Museum“ in Glasgow. Weitere professionelle Auftritte hatte er dann zwei
Spielzeiten lang als Alleinunterhalter bei der Pantomimen-Truppe „Levy and
Cardwell‘s Juvenile Pantomimes“, wo er zeitweise auch unter seinem Vater
arbeitete.
Zwischen
Slapstick und Pathos
Mit seinem Solo-Programm wurde er von dem berühmten Theaterproduzenten und
Tourneeveranstalter Fred Karno entdeckt, der schon mit Charlie Chaplin gutes
Geld verdient hatte. Eines Tages lehnte Chaplin eine Hauptrolle ab, die dann
Stan Laurel übernahm. Ein Zwischenfall, der in der Zukunft noch weitere Male
eintreffen sollte: Stan Laurel als Ersatzmann für den großen Chaplin. Die
beiden teilten sich häufig sogar ein Hotelzimmer. Nachdem die Karno-Truppe 1910
erstmals durch die USA tourte, führte der Weg 1912 wieder nach Amerika und
erwies sich für beide als zukunftsweisend: Chaplin wurde von Hollywood wegengagiert,
Karno geriet wegen platzender Verträge und Flops durch schnell
zusammengeschusterte Shows in große Schwierigkeiten, und plötzlich stand auch
Stan auf der Straße.
Er blieb in den USA und gründete mit dem Ehepaar Alice und Baldwin Cooke – letzterer übernahm später kleine Rollen in 25 Laurel-und-Hardy-Filmen – zwischen 1916 und 1918 das „Stan Jefferson Trio“, mit dem er immerhin Achtungserfolge erzielte. Das leichte Leben fand ein jähes Ende, als die australische Schauspielerin Mae Charlotte Dahlberg 1918 den Weg des ausgelassenen Trios kreuzte. Stan verliebte sich Hals über Kopf, konnte Mae aber nicht heiraten, da diese bereits in Australien einen Mann hatte, der in eine Scheidung nicht einwilligte. Sie war es, die den Künstlernamen „Stan Laurel“ (= Lorbeer) auswählte, und so war der Weg zum Film eigentlich nur noch eine Frage der Zeit.
Laurel mit Mae. Quelle: https://de.findagrave.com/memorial/29443759/mae-dahlberg#view-photo=154231198
In dem mäßigen Debüt „Nuts In May“ spielt er einen Irren und wurde bei
der Premiere von Carl Laemmle, dem „Universal“-Boss, vom Fleck weg für ein Jahr
engagiert. Doch schon nach wenigen Filmen hatte Universal Probleme, kündigte
Stans Vertrag und verpflichtete ihn nur ab und zu für einzelne Kurzkomödien.
Das Glück wollte es, dass er bei einem solchen Engagement auf den Produzenten Hal
Roach traf, mit dem er 1918 fünf Filme drehte, darunter auch an der Seite des
Komikers Larry Semon, dessen Starallüren eine weitere Kooperation verhinderten.
Einer dieser Streifen war „The Lucky Dog“, in dem er erstmals mit dem
ehemaligen Filmvorführer Oliver Hardy vor der Kamera stand. Erwähnenswert ist
noch die Persiflage „Schlamm und Sand“, die es auf den Rudolf-Valentino-Erfolg „Blut und Sand“ abgesehen hatte. Der von Stan
verkörperte Haupt-Charakter trägt den Namen Rhubarb Vaselino; solche Parodien
liebte er.
Nach dem er 1923 wieder mit Hal Roach arbeitete, folgte 1924 und 1925 ein
Dutzend Kurzfilme für den Produzenten und Regisseur Joe Rock, darunter „Dr.
Pyckle and Mr. Pryde“. In diesen Jahren nagte Stan beinahe am Hungertuch und trug
viele Streitigkeiten mit Mae aus – fand aber in „Get ‘Em Young“ und „On the
Front Page“ endgültig zu seinem eigenen Stil, nachdem er vorher unschlüssig
zwischen dem hektischen Slapstick eines Larry Semon und dem langsamen Pathos
eines Harry Langdon hin- und hergependelt war.
Mae Laurel, die bis dahin mehrere Filmauftritte an Stans Seite absolviert
hatte, tauchte in diesen Werken nicht mehr auf. Die dominante und charakterlich
schwierige Künstlerin bestand darauf, in allen Filmen ihres Lebensgefährten
mitzuwirken, obwohl sie beim Publikum nicht beliebt war. Stattdessen erhielt
sie von Rock eine Abfindung unter der Bedingung, sich wieder nach Australien
zurückzuziehen – was sie 1925 tat. 1926 dann traf Stan wieder auf Oliver Hardy,
als er zum dritten Mal mit Roach kooperierte.
tiefe
menschliche Tragik
Im selben Jahr heiratete er seine erste Frau; die Ehe hielt neun Jahre. In sozialer Hinsicht war ihm aber von Anbeginn kein Glück beschieden. Er hatte drei Brüder und eine Schwester, die eine gebrochene Familie bleiben sollten. Sein jüngster Bruder starb, kein Jahr alt, am plötzlichen Kindstod, sein ältester Bruder nahm sich später das Leben, der dritte kam an einer Überdosis Lachgas um, als er sich einer Zahnbehandlung unterzog. Zu allem Übel starb auch noch sein Sohn aus seiner ersten Ehe kurz nach der Geburt; Laurel ertränkte seinen Schmerz im Alkohol und wurde zum Trinker.
„Wie es häufig der Fall ist, lag hinter den Auftritten des Komikers eine
tiefe, menschliche Tragik. So war der Tod ein ständiger Begleiter und das
machte ihm schwer zu schaffen“, meint der Blogger Michael Bürklin. Stan wird
noch viermal heiraten, darunter zweimal dieselbe Frau. Außerdem hat er eine
außereheliche Affäre mit der französischen Schauspielerin Alice Ardell, die
drei Ehen überdauerte. Eine Tochter, wie der Sohn aus seiner ersten Ehe, wird
sein einziges Kind bleiben.
Stan hat sich nie über sein Innenleben geäußert, er war geprägt vom Viktorianischen
Zeitalter, also jemand, der seine Gefühle nicht ausstellt: „Es gibt da diese
Aura von Einsamkeit, der immer um ihn liegt, auch von Unsicherheit. Er hat also
lieber die falsche Frau geheiratet als alleine zu sein, er brauchte einfach
eine Frau in seinem Leben“, erklärt der irische Biograph John Connolly. In
künstlerischer Hinsicht dagegen zieht er mit dem zwei Jahre jüngeren Amerikaner
Oliver Hardy das große Los. Dabei scheint es auch im Leben so gewesen zu sein,
dass ihre Unterschiedlichkeit sie verbunden hat.
Oliver Hardy war der bessere Filmschauspieler, trotz seines Gewichts der
bessere Tänzer zumal. Ein Heben der Augenbraue sagt bei ihm manchmal alles.
Stan hingegen kam aus dem Vaudeville-Theater, er beherrschte die großen Gesten
für die letzte Reihe. Aber er verstand die Mechanik der Komödie. Er schrieb
tausende von Gags für ihre Filme, war der Kopf, der Denker, der Kreative, und
zeichnete, im Abspann nie genannt, oftmals für Co-Regie, Drehbuch, Schnitt und
Gags verantwortlich, während „Babe“ Hardy, im Wortsinne ganz Bauchmensch, der
auch jähzornig sein konnte, sich ausschließlich als Schauspieler begriff. Dem
Alkohol wiederum standen sie beide nahe.
„Stan und Ollie haben sich nie wegen des Geldes in die Haare gekriegt.
Stan Laurel hat mehr Geld bekommen, weil er sich mit der Produktion und den
Skripten und der Regie befasst hat. Oliver Hardy war in der Zeit lieber auf dem
Golfplatz oder in Spielhallen unterwegs, er hat seinem Partner das Geld
gegönnt. Stan Laurel wiederum ist sehr großzügig, wenn es um den Auftritt geht,
er gönnt seinem Partner die besten Momente. Es gab da keinen Neid zwischen
ihnen, sie haben sich vorbildlich verhalten“, meint Connolly. Ihre Zusammenarbeit
währte nahezu drei Jahrzehnte und umspannte insgesamt 106 Filme, davon 79 Kurz-
und 27 Langfilme. Eine unterstellte homosexuelle Neigung wird von allen Experten
schon aufgrund der diversen Eheschließungen verneint. Ihre Freundschaft, die
erst im Laufe der Jahre enger und vertrauter wurde, sei von tiefem Respekt
füreinander geprägt, darin sind sich alle Anhänger und Experten einig.
Auch der Film selbst machte während ihrer Karriere enorme Entwicklungen durch. Üblicherweise wurden zu dieser Zeit die Filme auf 35mm-Material gedreht. Die Spulen enthielten jeweils ein Filmsegment für ca. 10 Minuten, daher kommt auch die Unterscheidung in Ein-, Zwei- oder Dreiakter, was einem 20- bzw. 30- Minuten Film entspricht. Gedreht wurde auf „Nitratfilm“ (Nitrocelluose, Celluloid), einem sehr feuergefährlichen Produkt. Aus dieser Sicht ist es sicher ein kleines Wunder, dass nur zwei Laurel & Hardy-Filme bis heute verschollen sind. Zu den erhaltenen Klassikern gehören u.a. „Die Sache mit der Hose“ (1929), „Unterschlagene Noten“ (1930), „Jene fernen Berge“ (1934) und „Wie du mir, so ich dir“ (1935). Viele Nebendarsteller wie Jean Harlow, Peter Cushing oder Robert Mitchum wurden später selbst Stars.
Der junge Mitchum mit Hardy. Quelle: https://conradbrunstrom.files.wordpress.com/2018/12/Mitchum.jpg
In Deutschland kennt man Laurel & Hardy unter dem abwertenden Namen „Dick
& Doof“. Ihre Filme liefen bereits in den 1930er Jahren in den Kinos, selbst
in der Zeit des Nationalsozialismus waren sie in den Kinos zu sehen, bis die
Nationalsozialisten 1938 ein allgemeines Importverbot amerikanischer Filme
verhängten. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden ihre Filme wieder gezeigt und
Laurel & Hardy nicht zuletzt dank der stetig zunehmenden Verbreitung des
Fernsehens immer populärer.
Bald wurde der Kurz- vom Langspielfilm und zudem vom Tonfilm abgelöst.
Roach passte sich der Zeit an, drehte mit Laurel und Hardy abendfüllende
Kinoversionen, die aber wesentlich kostenaufwändiger waren, gleichzeitig den
kreativen Freiraum einschränkten. Mit „Die Wüstensöhne“ (1933), „Die
Sittenstrolche“ (1933), „Die Doppelgänger“ (1936), „Zwei ritten nach Texas“
(1937) und „Die Klotzköpfe“ (1938) lieferte das Duo Höhepunkte der klassischen
US-amerikanischen Filmkomödie – bis sich Laurel aus künstlerischen Gründen mit
dem Regisseur überwarf.
John McCabe, ein Laurel-und-Hardy-Biograph, gründete Anfang der
1960er-Jahre einen Fan-Club, der sich in Anlehnung an den gleichnamigen Film „Die
Wüstensöhne“ nannte. Die Idee gefiel Stan so gut, dass er sogar das Statut schrieb
und darin festlegte, dass die „Wüstensöhne“ sich nicht in Klubs versammeln,
sondern in Zelten. Deshalb werden die lokalen Klubzentralen – mittlerweile rund
250 weltweit – als „Tent“ bezeichnet. Sitz des deutschen „Two Tars Tent“ ist
das Laurel und Hardy Museum Solingen – eins von dreien weltweit und zugleich der
einzige Ort, an dem noch Original-Kinofilme der Klamaukklassiker aufgeführt
werden.
„Jeder
ist einzigartig“
Ohne Roach litt ab 1940 die Qualität der Komik, die bei beiden sowieso ein Kapitel für sich war: schlicht, aber nicht einfältig: „Timing, Wiederholung, das Spiel mit Gegensätzen – all das haben die beiden perfekt beherrscht. Dass sie sich von zeitgenössischen und regionalen Anspielungen fernhielten, war dem Erfolg auch nur zuträglich. Wenn zwei Männer sich vergeblich darum bemühen, ein Klavier eine Treppe hochzubekommen, kann man darüber in Kairo oder Buenos Aires genauso lachen wie in Amerika“, sagt John C. Reilly, der 2018 den behäbigen Oliver Hardy in einem Biopic spielte, der FAZ. Naturalismus, Realismus und emotionale Wahrhaftigkeit, fasste er die Tugenden des Duos zusammen, das sich in den meisten Filmen vor Aufgaben gestellt sieht, deren Lösung dank der chaotischen Herangehensweise im Desaster endet und oft in die Zerstörung von Inventar mündet.
Die Hauptdarsteller Coogan und Reilly im Biopic. Quelle: https://www.theguardian.com/film/2016/jan/18/steve-coogan-john-c-reilly-laurel-and-hardy-biopic#img-1
Ein vertauschter Hut, eine wackelige Leiter reichten aus, um Alltag in
Anarchie umschlagen zu lassen. So folgt in ihrem legendären Kurzfilm „The
Battle of the Century“ auf eine sorglos weggeworfene Bananenschale ein
exzessives Handgemenge, bei dem über 3000 Sahnetorten durch die Luft fliegen. Jedes
Mal kristallisiert sich heraus, dass der den grinsenden dünnen Mann so gern
herumkommandierende Dicke in Wahrheit gar nicht der Dominierende ist – sondern
im Gegenteil der Dünne den Dicken ein ums andere Mal provoziert und ihm an Ende
ins Auge sticht. „Für mich war die Botschaft ihrer Sketche immer: Egal, wie
chaotisch, nervig oder anstrengend Menschen auch sein mögen, sind sie doch
stets liebenswert. Jeder ist einzigartig und verdient Liebe und Würde“, beschreibt
das Conolly.
Bei 20th Century Fox und MGM drehten sie dann bis 1945 insgesamt acht
Spielfilme. Allerdings bekamen sie dort nicht den künstlerischen Freiraum, den
sie von Roach gewohnt waren. Daher werden viele dieser Filme im Vergleich zu
den Roach-Produktionen als schwächer angesehen. Der schlechteste Film ihrer
Karriere war mit „Atoll K“ (1951, „Dick und Doof erben eine Insel“) in
italienisch-französischer Produktion gleichzeitig ihr letzter gemeinsamer
Leinwandauftritt. Andere Filmgesellschaften zeigten kein Interesse an den
beiden Komikern, was zu ersten gemeinsamen Bühnenauftritten führte. Zwischen
1947 und 1954 absolvierten Laurel und Hardy einige Tourneen durch Europa und
die USA.
Als sie 1955 vom Sohn ihres früheren Produzenten, Hal Roach jr., ein
Angebot erhielten, für das Fernsehen zu arbeiten, willigten Laurel und Hardy
begeistert ein. Geplant war eine Serie von ganzstündigen Sendungen mit dem
Titel „Laurel & Hardy’s Fabulous Fables“. Für die damalige Zeit
ungewöhnlich war, dass sie auf Farbfilm aufgezeichnet werden sollten. Wenige
Tage vor Drehbeginn der ersten Folge erlitt Laurel jedoch einen leichten
Schlaganfall, danach auch Hardy. Das Projekt wurde fallen gelassen.
„Als Oliver Hardy im Sterben lag, konnte er irgendwann nicht mehr sprechen“, erzählt Conolly. „Er war auch teilweise gelähmt. Und Stan Laurel hat verstanden, wie verzweifelt Oliver Hardy war. Wenn er ihn besucht hat, dann hat er selbst aufgehört, zu reden. Sie werden also plötzlich wieder zu den Stummfilmpersönlichkeiten, die sie einmal gewesen waren, sie kommunizieren mit ihren Augen und mit ihren Gesten, und das ist für mich ein außergewöhnlicher Akt der Zuneigung, sogar der Liebe, die dieser eine Mann dem anderen bewiesen hat.“ Hardy starb am 7. August 1957 und damit sicherlich auch ein Teil von Stan Laurel. Ihm wurde vom Arzt untersagt, an Ollies Beerdigung teilzunehmen. Später sagte Stan dazu: „Er war wie ein Bruder zu mir.“
Walk of Fame. Quelle: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/1/19/Stella_Stan_Laurel_-Hollywood_Walk_of_Fame-_Agosto_2011.jpg
In den folgenden Jahren führte er ein finanziell halbwegs sorgenfreies, dennoch depressives Leben mit seiner fünften Frau in einem Hotel am Strand von L.A. und beantwortet jeden einzelnen Brief, den er bekommt. Auf dem Walk of Fame in Los Angeles wurde er 1960 mit einem Stern geehrt, außerdem trägt ein Asteroid seinen Namen. Bei der Verleihung des Ehrenoscars 1961 erscheint er nicht persönlich, obwohl es nur eine halbe Stunde bis zum Kino wäre: Ohne Olli will er öffentlich nicht mehr auftreten. Dies beschreibt auch Connolly: „Die Adresse seines kleinen Apartments in Santa Monica stand im Telefonbuch. Man konnte ihn anrufen und besuchen. Er hat dir einen Tee gekocht und wenn er dich mochte, sogar einen billigen Hut geschenkt. Er schrieb weiterhin jeden Tag Sketche für sich und Olli – die niemals aufgeführt werden würden, denn er lehnte es ab, jemals wieder ohne ihn zu arbeiten.“ Sein Tod war unter dieser Perspektive eine Erlösung. „Sein Genius in der Kunst des Humors brachte Freude in die Welt, die er liebte“, steht auf seinem Grabstein. Der Filmkanon der Bundeszentrale für politische Bildung hat 2003 den Stummfilm „Der beleidigte Bläser“ aufgenommen.
Die Bewertungen der Erfurter Ministerpräsidentenwahl und ihrer Folgen schwanken zwischen „Demokratieabschaffung“, „rechtem Dammbruch“ und „politischer Posse“. Eine Sortierung in Form meiner aktuellen „Tumult“-Kolumne.
Elektrizität ist in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts zwar kein
neues Phänomen – aber ein ungelöstes Rätsel. Mit ihr befassen sich wissenschaftliche
Bücher und Abhandlungen, vor allem aber ist sie eine Attraktion für Salons und
Jahrmärkte: Elektrisiermaschinen sprühen Funken, Menschen lassen sich aufladen
und geben sich elektrische Küsse. Elektrizität ist ein Spektakel, das die
Phantasie des Publikums kitzelt. Ihre Kraft nutzen oder gar erklären, was
hinter ihr steckt, kann man nicht. Dass sich das änderte, ist einem Italiener zu
verdanken: Alessandro Volta.
Die bisher üblichen Elektrisier-Maschinen hatten zwar hohe Spannungen
erzeugt, die sich aber in Sekundenbruchteilen entluden. Die „Volta-Säule“
dagegen produziert erstmals einen kontinuierlich fließenden elektrischen Strom
über einen längeren Zeitraum. Erst damit werden Experimente möglich sein, die
die Welt entscheidend verändern werden. Elektromagnetismus und Elektrodynamik,
die Erfindung des Generators, des Elektromotors, der Glühbirne – das gesamte
elektrische Zeitalter gründet auf Voltas Erfindung der Batterie als erster
praktisch einsetzbarer Stromquelle. Am 18. Februar 1745 wurde er eines von
insgesamt neun Kindern einer wohlhabenden und religiös geprägten Familie in
Como geboren.
Die Karriere war dem Jesuitensohn nicht in die Wiege gelegt: Innerhalb zweier Generationen war er das einzige Familienmitglied, das kein kirchliches Amt bekleidete. Alle seine Onkel lebten im Dienst der katholischen Kirche, sechs Geschwister Voltas wurden ebenfalls Nonnen oder Priester. Auch sorgten sich seine Eltern um ihren Spross: selbst als Vierjähriger machte er noch keinerlei Anstalten zu reden. Doch die Sorgen waren letztlich unbegründet, zur Vorbereitung einer Juristenlaufbahn wurde er von 1758 bis 1760 auf eine strenge Jesuitenschule geschickt. Hier mauserte er sich wider Erwarten auch zum Sprachtalent: Schon bevor er die Schule verließ und sich weiter in die Wissenschaften vertiefte, hatte er Latein, Französisch, Englisch und Deutsch gemeistert.
Vor allem aber interessierten ihn keine Paragraphen, sondern naturwissenschaftliche
Phänomene wie etwa die Elektrizität. Er bildet sich autodidaktisch weiter und
las berühmte Naturwissenschaftler wie Giambatista Beccaria, einem der führenden
Physiker Italiens und Professor an der Universität von Turin, mit dem er auch
persönlichen Kontakt pflegte. Beccaria war es auch, der Volta ermunterte,
physikalische Experimente durchzuführen und seine Erkenntnisse zu publizieren. 1769
veröffentlichte Volta seine erste wichtige Schrift „Über die Anziehungskraft
des elektrischen Feuers und die Phänomene, die davon abhängen“, und kritisierte
darin auch durchaus selbstbewusst wissenschaftliche Autoritäten.
Streit um
den Galvanismus
Nachdem Volta 1774 Superintendent und Direktor staatlicher Schulen in Como geworden war, folgte dort 1775 seine Berufung zum Professor für Experimentalphysik. Im selben Jahr erfand er ein Elektrophor (später „Influenzmaschine“), mit dem man – mit Hilfe des Reibens von Katzenfell – eine elektrische Spannung aufbauen konnte. Das Prinzip wurde zur Grundlage aller Kondensatoren, bspw. des Kondensatormikrofons. Im Jahr darauf entdeckte Volta in Sümpfen aufsteigende Gasblasen mit dem brennbaren Methan und experimentierte damit. Er entwickelte die sogenannte Volta-Pistole, mit der es durch Entzündung von Methan möglich war, elektrische Funken zu erzeugen. Damit gilt dieses Gerät als der direkte Vorläufer des heutigen Gasfeuerzeugs. So gelang Volta die Konstruktion beständig brennender Lampen. Mit der Volta-Pistole war es zudem möglich, den Sauerstoffgehalt von Gas präzise zu messen: das Eudiometer war geboren.
Elektrophor. Quelle: Von Amédée Guillemin – Retrieved 2008-08-08 from Amédée Guillemin (1891) Electricity and Magnetism, revised by Sylvanus P. Thompson, MacMillan, New York, p.190, fig. 105 on Google Books, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=17622511
Weitere Studien und Versuche, die Volta während seiner Zeit in Padua
durchführte, hatten die Erfindung eines kleinen Elektroskops zur Folge, mit dem
er das Verhältnis von Spannung und Ladung messen konnte. 1777 bereiste er die
Schweiz und traf Voltaire. Im Jahr darauf wurde er zum Professor für Physik und
später als Lehrstuhlinhaber für Experimentalphysik an die Universität Pavia
berufen, wo er über 40 Jahre wirken sollte. Um dem Andrang der Studenten, die
Voltas Vorlesungen hören wollten, gerecht zu werden, musste ein neuer Hörsaal
angebaut werden. In Pavia erfand er ein („Strohhalm“-) Elektroskop zur Messung
kleinster Elektrizitätsmengen, quantifizierte die Messungen unter Einführung
eigener Spannungseinheiten (das Wort „Spannung“ stammt von ihm) und formulierte
die Proportionalität von aufgebrachter Ladung und Spannung im Kondensator.
Seine Entdeckungen führten dazu, dass er im Jahr 1791 zum Mitglied der
Royal Society, der berühmten Londoner Wissenschaftsgesellschaft ernannt und 1794
mit der renommierten Copley Medaille ausgezeichnet wurde, die heute als der
direkte Vorläufer des Nobelpreises angesehen wird. Auf weiteren ausgedehnten Reisen
1792 lernte er den Stand der Naturwissenschaften u.a. in Frankreich, Belgien, Holland
und Deutschland kennen und trifft Lavoisier und Lichtenberg. Danach wird er
auch sozial „sesshaft“: er beendet die jahrelange Beziehung zur Sängerin
Marianna Paris und heiratete 1794 Teresa Peregrini, die Tochter einer vermögenden
Adelsfamilie aus der Lombardei, mit der er eine glückliche Ehe führte und zwei (nach
anderen Quellen drei) gemeinsame Söhne aufzog, denen er ein liebevoller und
stolzer Vater gewesen sein soll.
1791 veröffentlichte sein Landsmann, der Anatom Luigi Galvani von der Universität Bologna die Ergebnisse seiner Untersuchungen zu einer neuen Elektrizität, die er erzeugt hatte, als er Froschschenkel mit zwei verschiedenen Metallen berührte. Galvani glaubte, dass diese Elektrizität vom Tiere (hier vom Frosch) erzeugt würde und nannte sie deshalb tierische („animalische“) Elektrizität. Viele Wissenschaftler waren – sehr zum Schaden der Frösche – fasziniert von dieser neuen Entdeckung und arbeiteten intensiv auf diesem neuen Gebiet. Die Rivalität zwischen den Universitäten mag eine Rolle gespielt haben, dass Alessandro Volta die Versuche wiederholte: „Wie kann man Ursachen finden, wenn man nicht sowohl Quantität als auch Qualität eines Phänomens untersucht?“ Dabei stellte er fest, dass der Froschschenkel lediglich die Rolle des Messfühlers spielt.
Seine Entdeckung: Zwischen zwei unterschiedlichen Metallen herrscht eine
elektrische Spannung, die zu einem Ladungsstrom führt, sobald man sie auf eine
elektrische Weise verbindet. Es entbrannte daraufhin ein Streit um den
sogenannten Galvanismus, der Wissenschaftler in ganz Europa beschäftigte. Um
seine Hypothese zu beweisen, stellt Volta Versuche an. Er ist sich nicht zu
schade, dafür seinen eigenen Körper zu benutzen. An seine Zunge hält er
unterschiedliche Metalle: Gold, Silber, Zinn. Immer, wenn die Metalle seine
Zunge berühren, bildet sich eine sauer schmeckende Flüssigkeit, es fließt
Strom. Volta experimentiert weiter. Er kombiniert unterschiedliche Metalle und
stellt fest: Bei Berührung der Metalle laden sich die Metalle unterschiedlich
auf – es entsteht eine elektrische Spannung, ganz ohne Froschschenkel. Dieser
Effekt wird als „Volta-Effekt“ in die Geschichte eingehen.
Streit
mit Galvani für sich entschieden
Volta stellt außerdem fest, dass sich die elektrische Wirkung verstärkt,
wenn er die Metallplatten statt durch Wasser zusätzlich durch eine Säure
befeuchtet, in seinem Fall stark verdünnte Schwefelsäure. Die Erklärung hierfür
konnte erst durch die modernen Theorien der elektrochemischen Korrosion gegeben
werden. Volta unterscheidet daher Leiter erster Klasse, die Metalle, von
Leitern zweiter Klasse: Flüssigkeiten, die elektrisch leitend sind –
Elektrolyte. Die Ladungsträger in ihnen sind nicht Elektronen, wie bei
Metallen, sondern Ionen: elektrisch geladene Teilchen. Ein frisch gehäuteter
Froschschenkel ist demnach nichts anderes als ein Leiter zweiter Klasse. Volta
hat den Wissenschafts-Streit mit Galvani für sich entschieden.
Diese Untersuchungen zur Kontaktelektrizität mündeten schließlich 1799/1800 in die geniale Erfindung eines Elektrizitätsspeichers, der „Volta-Säule“: zwischen Glasstäben schichtet er immer eine Zinkscheibe, eine in Säure getauchte Pappe und darauf eine Kupferscheibe. Diese „Galvanische Zelle“ produziert eine elektrische Spannung: Die Zinkscheibe gibt Elektronen ab – ein Elektronen-Überschuss entsteht und damit negative Ladung. Kupfer nimmt Elektronen von Zink auf, so dass Elektronenmangel und damit positive Ladung entsteht. Verbindet man Plus- und Minuspol durch ein Kabel, fließt Strom. Stapelt man viele dieser elektrischen Zellen aufeinander, addieren sich die Spannungen zu einer Gesamtspannung. Damit hat Volta das Prinzip der Batterie erfunden: der chemischen Erzeugung von elektrischem Strom. Man nimmt an, dass der Prototyp eine Spannung von etwa 100 Volt erreicht haben dürfte.
Volta bei Napoleon. Quelle: Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=2944964
Voltas Erfindung ist eine wissenschaftliche Sensation, die bereits 1802
in Massenproduktion geht. Ihr Erfinder wird mit Ruhm und Ehren überhäuft. 1801
reiste er nach Paris, wo er am 7. November Napoleon Bonaparte seine Batterie
vorführte. 1802 erhielt er vom Institut de France die Ehrenmedaille in Gold und
von Napoleon eine Pension. 1805 wurde er zum auswärtigen Mitglied der Göttinger
Akademie der Wissenschaften gewählt. Seit 1808 war er auswärtiges Mitglied der
Bayerischen Akademie der Wissenschaften.
Nachdem Napoleon Italien erobert hatte, ernannte er Volta 1809 zum
Senator und erhob ihn 1810 in den Grafenstand. Durch seine hervorragenden
Leistungen genoss er nicht nur bei Napoleon, sondern auch bei den Habsburgern
einen exzellenten Ruf, wodurch seine Karriere durch die politischen Wirren
jener Zeit keinen Schaden nahm. Nach der Erfindung der Batterie gab er
Forschung und Lehre langsam auf, wurde aber durch die Ernennung zum Dekan der
philosophischen Fakultät 1813 noch zum Bleiben bewogen bis zu seiner
endgültigen Emeritierung 1819. Nicht nur von seinen Zeitgenossen, auch von seinen
Studenten wurde er als freundlicher und kommunikativer Mensch beschrieben, der
als Lehrer äußerst beliebt war. Im Ruhestand zog er sich auf sein Landhaus in
Camnago nahe Como zurück, starb dort am 5. März 1827 und wurde auch ebenda begraben.
Die höchste Auszeichnung erlebte Volta nicht mehr: 54 Jahre nach seinem Tod, im Jahr 1881, benennt man nach einem britischen Vorschlag auf dem ersten elektrischen Weltkongress in Paris die Einheit für elektrische Spannung in „Volt“. Ein Mondkrater und ein Asteroid tragen ebenfalls seinen Namen. Die Erzeugung von Strom gilt heute fast überall auf der Welt als selbstverständlich und alltäglich – damals jedoch nicht. Der visionäre Experimentalphysiker und exzellente Beobachter hat innerhalb weniger Jahrzehnte den Grundstein für ein modernes Verständnis von Elektrizität gelegt und für viele Wissenschaftler den Weg geebnet, im Laufe des 19. Jahrhunderts die moderne Welt durch bahnbrechende Entwicklungen auf diesem Gebiet zu revolutionieren: Jules Verne war der Ansicht, dass man mit Hilfe der Elektrizität einfach alles zu leisten imstande ist, was der Mensch nur auszudenken vermag. Allerdings konnte Volta kaum ahnen, dass nicht nur Lampen oder Motoren, sondern auch der Elektrische Stuhl erfunden werden sollte. Erst recht nicht, dass der Strom dazu von landschaftsverunstaltenden und vögel- wie insektenschreddernden Windparks geliefert werden kann.
Es war der linke Sprachwissenschaftler Anatol Stefanowitsch, der
ausgerechnet in der Jüdischen Rundschau
eine Parallele zwischen der Sprache der AfD und der des Nationalsozialismus
zog. Er berief sich dabei auf das „Notizbuch eines Philologen“ genannte
Bändchen „LTI“ (Lingua Tertii Imperii, „Die Sprache des
Dritten Reiches“), das der Dresdner Romanist Victor Klemperer kurz nach
Kriegsende veröffentlicht hatte. Darin beschrieb er in 36 Kapiteln unter
anderem, „wie die durch ständige Wiederholung erzeugte dauerhafte Präsenz
sprachlicher Brutalität schon in kleinen Dosen dafür sorgt, dass sich ihre
Muster in unseren Köpfen festsetzen“.
Stefanowitsch behauptete, dass man in der AfD gern „direkt an das Gedankengut oder wortwörtlich an die Sprache des deutschen Faschismus“ anknüpfe. „Die Präsenz solcher Formulierungen in der Öffentlichkeit sorgt aber jetzt schon dafür, dass uns jeder auch nur marginal weniger monströse Ausdruck als legitimer Teil des Meinungsspektrums erscheint – sei es die ‚Obergrenze‘, die ‚Angst vor Überfremdung‘ oder die ‚Grenzsicherung mit Schusswaffen‘.“ Abgesehen von der Normalität dieser Äußerungen – so musste der DLF schon am 30.01.2016 eingestehen: „Dass es ein Gesetz gibt, dass den Einsatz von Schusswaffen an der Grenze erlaubt, ist richtig.“ – blendet Stefanowitsch völlig aus, dass Klemperer in seinen Tagebüchern dieselbe Sprachverwendung auch dem „vierten Reich“ vorhält, dem Sozialismus der DDR.
Victor Klemperer. Quelle: Von Bundesarchiv, Bild 183-26707-0001 / Höhne, Erich; Pohl, Erich / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 de, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=5427305
Klemperer forderte etwa: „Man sollte ein antifaschistisches Sprachamt
einsetzen“ und sieht „Analogien der nazistischen und bolschewistischen
Sprache“. (4.7.45) Dabei bediene „man sich sämtlicher nazistischer Schlagworte,
die wie ‚Leichengift wirken‘.“ (19.7.45) Klemperers Text bediene sich überdies bei
der Charakterisierung der Sprache des bzw. im Faschismus durchgängig einer
Krankheits- und Giftmetaphorik und bezeichne sie als eine „Infektion durch fremde
Bakterien“, als „spezifisch deutsche Krankheit“ oder als „wuchernde Entartung
deutschen Fleisches“, behauptet Siegfried Jäger. Er benutze also dieselben
Kategorien zur Beschreibung einer Sprache, die er dieser Sprache anlaste. Der
Urheber dieser umstrittenen Metaphorik starb am 11. Februar 1960 in Dresden.
„flache
Dächer sind ‚undeutsch‘“
Victor wurde am 9. Oktober 1881 als neuntes und letztes Kind seiner
Eltern Wilhelm Klemperer und Henriette in Landsberg an der Warthe geboren. Als
Sohn eines Reformrabbiners kam er über Bromberg nach Berlin – sein Vater nahm eine
Stelle als 2. Prediger der Berliner Reformgemeinde an. Wie auch seine älteren
Brüder besucht er das Französische und später das Friedrichs-Werdersche
Gymnasium, verlässt es jedoch ohne Abschluss und beginnt 1896 eine
Kaufmannslehre bei einem jüdischen Kurzwarenhändler, die ihm von seinen Eltern
aufgenötigt wurde. Seine Jugend steht im Schatten seiner älteren Brüder, vor
allem des bedeutenden Mediziners Georg und des gefragten Rechtsanwalts
Berthold. Er beschreibt diese Jahre als demütigend und geprägt durch die
Ablehnung seiner Familie und beginnt Tagebuch zu führen: „Leben sammeln“ sagt
er dazu.
Auf eigenen Wunsch holte er 1900 das Abitur nach und begann anschließend 1902 das Studium der Philosophie und der romanischen und germanischen Philologie, das ihn bis 1905 nach Paris, Genf, München und Berlin führte. Den darauffolgenden Jahren als freier Publizist in Berlin verdankt er seinen geschliffenen Stil und die Liebe seines Lebens: 1906 heiratete er die Konzertpianistin und Malerin Eva Schlemmer, über die er in späteren Tagebuchaufzeichnungen notierte: „Immer war mir ganz wohl, wenn du bei mir warst.“
Nach dem Versuch, sich mit literarischen Arbeiten und Vorträgen in jüdischen literarischen Vereinen selbständig zu machen, nimmt er auf Drängen der Brüder, die sein Leben finanzieren, 1912 das Studium in München wieder auf und konvertiert zum Protestantismus. Der Übertritt wurde von den Nazis später nicht akzeptiert. Nach Studium, Promotion und zwei Jahren als Lektor in Neapel habilitiert er sich 1915 bei Karl Vossler mit einer aufsehenerregenden Arbeit über Montesquieu, die seinen Ruf als Wissenschaftler festigt. Im November 1915 meldete er sich als Kriegsfreiwilliger, wird bis März 1916 als Artillerist an der Westfront eingesetzt, später bei der Militärzensur in Kowno (Litauen) und Leipzig, und bekommt den Bayrischen Verdienstorden.
Klemperers Haus in Dresden. Quelle: https://www.das-neue-dresden.de/images/2005/klemperer-haus4.jpg
1920 wurde er als Professor für Romanistik an die Technische Hochschule
Dresden berufen. Bis 1935 veröffentlicht er wissenschaftliche Arbeiten zu
französischer Literatur und Philologie – die Dresdner Jahre werden zu einer
äußerst schöpferischen Zeit. Klemperer hatte sich im Spätsommer 1934 in wenigen
Wochen unter sehr beschränkten finanziellen Mitteln von Architekt Karl
Prätorius ein eigenes Wohnhaus im südlich gelegenen Vorort Dölzschen am
Kirschberg 19 bauen lassen. „Eine drollige Schwierigkeit ergab sich“, schreibt
er: „Die Bauvorschriften des Dritten Reiches verlangen ‚deutsche‘ Häuser, und
flache Dächer sind ‚undeutsch‘. Zum Glück fand Eva rasch Freude an einem
Giebel, und so wird das Haus also einen ‚deutschen‘ Giebel bekommen.“ Aber
auch: „…der hinzugeforderte ‚deutsche‘ Giebel vermehrt die Kosten um 2300 M …
verzweifeltes Hin-und Herrechnen“.
„Auspumpen
der Jauchengrube Deutschlands“
Obwohl jüdischer Herkunft, blieb Victor Klemperer während der Zeit des Nationalsozialismus in Deutschland: „Ich flüchtete, ich vergrub mich in meinen Beruf, ich hielt meine Vorlesungen und übersah krampfhaft das Immer-leerer-Werden der Bänke vor mir.“ Nach Inkrafttreten des Reichsbürgergesetzes wurde er unter Federführung des Gauleiters Martin Mutschmann aus seiner Professur in den vorzeitigen Ruhestand versetzt. Seine Zeit verbrachte er nun mit wissenschaftlichen Studien im Japanischen Palais in Dresden, bis ihm als „Geltungsjude“ auch der Zugang zu Bibliotheken und das Abonnieren von Zeitungen und Zeitschriften untersagt wurden. Die Arbeit zur Geschichte der französischen Literatur im 18. Jahrhundert musste ruhen; diese erschien in zwei Bänden erst lange nach dem Krieg. Umso intensiver widmete er sich seinen Tagebüchern – eine Loseblattsammlung, die er in regelmäßigen Abständen durch seine Frau bei einer befreundeten Ärztin in Pirna verstecken ließ und die die Grundlage für LTI bildete. „Ich muss daran festhalten: Ich bin deutsch, die anderen sind undeutsch; ich muss daran festhalten: Der Geist entscheidet, nicht das Blut“, notiert er. Die kommenden Jahre waren von Elend und Not gezeichnet.
Eva war mutig und ließ sich trotz großen Drucks nicht von ihm scheiden. Dies gab Victor Kraft und wurde für ihn zur Überlebenschance. In seinem Tagebuch schrieb er: „Evakuierung hiesiger Juden am kommenden Mittwoch, ausgenommen, wer über 65, wer das EK I besitzt, wer in Mischehen, auch Kinderloser, lebt. Punkt 3 schützt mich – wie lange?“ 1940 müssen Eva und Victor aufgrund der Nürnberger Rassengesetze ihr Haus verlassen und werden in ein „Judenhaus“ eingewiesen. Die Stimmung war angespannt, die Ernährungsversorgung schlecht, Victor zur Zwangsarbeit verpflichtet worden. Ständige gewaltsame Haussuchungen der Gestapo deprimierten beide zusätzlich. In der Zeit des Bangens setzt sich Klemperer intensiv mit dem Judentum auseinander und gibt auch die Hoffnung nicht auf: „Es fallen so viele rings um mich, und ich lebe noch. Vielleicht ist es mir doch vergönnt, zu überleben und Zeugnis abzulegen“.
Die Zerstörung Dresdens am 13. Februar 1945 bedeutete für ihn die Rettung
vor der bevorstehenden Deportation, denn das Judenhaus, in dem er lebte, stand
sofort in Flammen. Klemperer floh mit seiner Frau bis nach Bayern – ihren Namen
hatten sie mit einem Punkt und einem „Millimeterstrich“ zu „Kleinpeter“
gefälscht – und kehrten nach Ende des Krieges nach Dresden zurück. Die deutsche
Bürokratie verlangte auch von Klemperer das Ausfüllen eines
„Entnazifizierungs-Fragebogens“, der in seiner Personalakte im
Universitätsarchiv verwahrt wird. Dort lesen wir in den Fragen nach der
„Wohnung von Februar 1933 bis 7. Mai 1945“ und nach den Vermögensverhältnissen
eine Dresdner Adresse und die Angabe „dann in verschiedenen Judenhäusern der
Stadt Dresden“. Im Januar 1933 war er „o. Prof. u. 14000 Jahresgehalt“, im
Januar 1945 „in Zwangsarbeit, vermögenslos, Stundenlohn netto um 40 Pf“ –
Klemperer war Packer in einer Teefabrik und Hilfsarbeiter im Dresdner
Güterbahnhof. Und geradezu graphisch spürbar sind Distanzierung und Verachtung,
wenn er bei der Frage „Waren Sie jemals Mitglied der NSdAP?“ ein einziges 10
Zentimeter großes „NEIN“ schreibt.
„Sie lügen und stinken alle beide“
Sofort nimmt Victor Klemperer seine Tätigkeit als Professor an der Technischen Hochschule Dresden wieder auf. 1946 schrieb er alten Freunden: „Ich möchte gar zu gerne am Auspumpen der Jauchengrube Deutschlands mitarbeiten, dass wieder etwas Anständiges aus diesem Lande werde.“ Doch er meint auch: „Nie mehr werde ich ungezwungen sein.“ Zusammen mit Eva tritt er in die KPD ein: „Ich glaube, dass wir nur durch allerentscheidendste Linksrichtung aus dem gegenwärtigen Elend hinausgelangen und vor seiner Wiederkehr bewahrt werden können.“ 1947 veröffentlichte er „LTI“. „Für Klemperer war die Erforschung der Nazi-Sprache nicht nur eine wissenschaftliche Beschäftigungstherapie, bei der er die Wörter wie bizarre Käfer bestaunte, die aufgespießt in einer Glasvitrine gesammelt lagen. Nein, er hielt die Begriffe auch für Erreger, die geholfen hatten, ein ganzes Volk mit dem Geist der Nazis zu infizieren“, meint Matthias Heine. Nach der Volkskammerwahl 1950 zog er als Abgeordneter des Kulturbunds DDR in die Volkskammer ein.
DDR-Ausgabe von LTI. Quelle: http://1a-rezensionen.blogspot.com/2018/04/rezension-LTI-notizbuch-eines-philologen-victor-klemperer.html
Wie stark der Personalbedarf in der Ostzone war, zeigt sich daran, dass er zeitweise parallel an den Universitäten Halle, Greifswald und Berlin tätig war. Aus Halle und Berlin ist überliefert, dass sich Klemperer vor seinen Vorlesungen verbeugte und dann frei sprach, ausgestattet nur mit einem kleinen Zettel mit einigen Daten und Zahlen, den er seinen „Schnuller“ nannte. Am 8. Juli 1951 stirbt Eva Klemperer. Im Jahr darauf fand er in seiner Studentin Hadwig Kirchner, die 1952 seine zweite Frau und seine spätere Herausgeberin wurde, noch einmal ein spätes Glück. „Hadwig ist die Pragmatische, die psychisch Stärkere in dieser Beziehung. […] Nun, an seiner Seite, setzt sie seiner Atemlosigkeit, seinem Arbeitstempo und seinem bisweilen verzehrenden Drang nach später gesellschaftlicher Anerkennung ein ausgleichendes Moment entgegen“, befand Peter Jacobs in der Berliner Zeitung. Oft hat er das Gefühl, Eva mit Hadwig und Hadwig mit Eva zu betrügen. Dennoch gibt ihm die Beziehung neue Lebensenergie.
Als Mitglied der Akademie der Wissenschaften bemühte er sich seit 1953, der französischen Sprache eine angemessene Stellung in der DDR einzuräumen: „Er will die klassenkämpferischen Kurzschlüsse vulgärmarxistischer Interpretatoren von der DDR-Romanistik fernhalten und zugleich eine linguistischen Feldzug gegen die ‚amerikanische Zerreißprobe‘ führen“, behauptet Jacobs. „Wenn man einen Vortrag über Balzac, Rabelais, Zola oder Stendhal brauchte, schrieb man ihm, und dann kam er, auch in die kleinste Stadt“, erzählt Hadwig Klemperer. Er erhält den Nationalpreis und den Vaterländischen Verdienstorden und wird nach seinem Tod neben seiner Frau auf dem Friedhof Dölzschen begraben.
Seine Rezeption war und ist ambivalent. Zwar wird er in der DDR, die über
seine Sprachkritik hinweggeht, vereinnahmt: eine Straße in Dresden-Räcknitz und
ein Hörsaal an der TU Dresden sind nach Klemperer benannt. Doch er stand dem
Staatswesen zeitlebens kritisch gegenüber. „Die Präsidentenwahl, die Aufmärsche,
die Reden. Mir ist nicht wohl dabei. Ich weiß, wie alles gestellt und zu
Einstimmigkeit vorbereitet ist. Ich weiß, dass es nazistisch genauso geklungen
hat und zugegangen ist“, notiert er; später gar „Ich weiß, dass die demokrat.
Republik innerlich verlogen ist, die SED als ihr Träger will die soz. Republik,
sie traut nicht den Bürgerlichen, und die Bürgerlichen misstrauen ihr. Irgendwann
gibt es Bürgerkrieg“. Dennoch zieh ihn 1949 die bayrische Presse nach einem
Vortrag in Schwabing einer „verkalkten Senilität, die sich zu Propagandazwecken
missbrauchen lässt“, nannte ihn „Salonbolschewist“. Am 18. Oktober 1957 zeigt er sich zutiefst resigniert: „Im
Übrigen wird mir die Politik immer widerlicher. Sie lügen und stinken alle
beide, Osten und Westen, gar zu sehr“.
Gefahren
beider Diktaturen unterschätzt
Im einigen Deutschland wird er wieder von links vereinnahmt: so wurde 2000
ein Jugendwettbewerb für Demokratie und Toleranz des gleichnamigen Bündnisses
nach ihm benannt. Beim ersten Wettbewerb war Hadwig Klemperer in der Jury noch
mit dabei und plädierte gemeinsam mit Hildegard Hamm-Brücher für eine schöne
kleine Schülernovelle. Aber der Text schien den Juroren zu betulich, „sie
schauten mehr auf Plakate oder Spiele, was mehr Publicity macht“, ärgerte sie
sich in der Berliner Zeitung. Beim
nächsten Mal lud man die beiden altmodischen Damen gar nicht mehr ein.
Seine Tagebuch-Editionen tragen Zitat-Titel wie „Und so ist alles schwankend“ oder „So sitze ich denn zwischen allen Stühlen“. Sie wurden nach einer verlegerischen Posse ab Mitte der 90er Jahre vom Ostberliner Aufbau-Verlag publiziert, in den ersten Jahren in mehr als 150 000 Exemplaren verlauft und die Übersetzungs- und Nachdruckrechte für Verlage aus 13 Ländern lizensiert: allein Random House zahlte für die USA-Rechte eine halbe Million Dollar. Die Posse: Hadwig hatte mit dem Dresdner Journalisten Uwe Nösner bereits eine 80teilige Zeitungsserie editiert, die ab Mai 1987 in der Union (später DNN) unter dem Titel „Alltag einer Diktatur“ erschien und viele Menschen als Sensation empfanden. Ein Herausgebervertrag mit dem Verlag der Kunst Dresden, datiert vom September 1990, führte zu einem fertigen Manuskript mit einem Nachwort des Schriftstellers Peter Gehrisch. Doch die Edition kam nie zustande, die Gründe sind bis heute unklar.
Als Victor Klemperer 1996 postum den Geschwister-Scholl-Preis für seine
Tagebücher verliehen bekam, erwähnte Laudator Martin Walser ausdrücklich
Nösners Leistung, der allerdings erst Tage später davon erfuhr und 2018
vergessen starb. Aufbau-Herausgeber
Walter Nowojski hingegen, der die Vorarbeit des Journalisten nicht mal in einer
Fußnote erwähnte, was die FAZ „eine
editorische Todsünde“ nannte, saß in München im Festsaal und nahm mit der Witwe
den Preis entgegen. Der US-Kulturhistoriker Peter Gay pries den Dresdner
Chronisten als den „vielleicht größten Tagebuchschreiber deutscher Sprache“;
von „einem lebendigen Dokument geistiger Souveränität gegenüber Demütigungen
und Terror“ weiß Ulrich Baron im Spiegel.
Der „vollkommene Idealist“ habe „die Gefahren beider Diktaturen unterschätzt“,
bilanzierte Martin Doerry im selben Blatt.
Seit Jahren, schrieb Klemperer kurz vor seinem Tod einem Neffen, habe er „nichts anderes getan“, als „ständig und ergebnislos zu opponieren“. Die Dresdner kürten ihn in den DNN zu einem der „100 Dresdner des 20. Jahrhunderts“. 1999 zeigte die ARD „Klemperer – Ein Leben in Deutschland“ als zwölfteilige Fernsehserie nach einer um erfundene Episoden erweiterten Bearbeitung von Klemperers Tagebüchern. Doch Hadwig schaltete die Serie, die voller historischer Unrichtigkeiten steckte, in der das Milieu nicht stimmte und die die Charaktere Victors und Evas Hollywood-like zurecht fälschte, schon im zweiten Teil ab: „Der Film hat mich schwer beleidigt“. Sie starb nach 50jährigem Witwenleben 2010 kinderlos in Dresden und wurde auf dem Alten Katholischen Friedhof beigesetzt.
Von Sir Arthur Conan Doyles „Doktor Watson“ bis zu „Doktor Pascal“ in
Emile Zolas gleichnamigem Roman – Ärzte sind in der Literatur zahlreich
vertreten. Doch kaum einer berührt so tief wie „Doktor Schiwago“ – der Name
bedeutet im Russischen so viel wie „der Vitale“, „der Vollblütige“. Sein
Schöpfer Boris Leonidowitsch Pasternak, für den prominenten Kritiker Dmitri Mirski
einst der „größte lebende Dichter Rußlands“, der laut Ilja Ehrenburg „die
Fundamente einer wirklich neuen Literatur gelegt“ hat, würde am 10. Februar
seinen 130. Geburtstag feiern.
Dabei schien von Anfang an festzustehen, dass der Sohn jüdischer Eltern eine kompromisslos ästhetische Existenz führen würde – nicht aber, auf welchem Gebiet. Sein Künstlervater Leonid arbeitete als Professor an der Moskauer Schule für Malerei und illustrierte u.a. Bücher von Tolstoj. Seine Mutter war die bekannte Pianistin Rosalija Kaufmann. Seine Kindheit war sorgenfrei – mit einer Ausnahme: Beim Sturz von einem Pferd brach sich Pasternak 1903 den rechten Oberschenkelknochen und wurde weder im Ersten noch im Zweiten Weltkrieg als Soldat eingezogen. Im Elternhaus traf er Größen des Kulturlebens wie Alexander Blok, Rainer Maria Rilke und Alexander Skrjabin.
Durch dessen Bekanntschaft träumte er zunächst davon, Pianist und
Komponist zu werden, und komponierte 1909 eine Klaviersonate in h-Moll. Er gab
diesen Plan allerdings auf, weil er nicht über das absolute Gehör verfügte, und
wandte sich nach Abschluss des Moskauer deutschen Gymnasiums 1908 der
Philosophie zu. Im Sommersemester 1912 ging er für ein Auslandssemester nach Marburg,
schlug dort eine akademische Karriere aus und entschloss sich nicht zuletzt nach
Reisen durch die Schweiz und Italien für die Poesie: „Meiner Meinung nach
sollte Philosophie dem Leben und der Kunst als Gewürz beigegeben werden. Wer
sich ausschließlich mit Philosophie beschäftigt, kommt mir vor wie ein Mensch,
der nur Meerrettich isst.“
„das
Zeitalter ist wichtig“
Interessanterweise schreibt er zunächst in der Tradition von Symbolismus und
linkem Futurismus: der begreift den Dichter als Arbeiter mit sozialem Auftrag,
nicht als Künstler. Pasternak bewundert Majakowski und dessen gewagte Reime, lehnte
sie aber wegen ihrer Effekthascherei ab und verordnete sich selber eine „straffere“
Schreibweise. 1913 bis 1917 erschienen erste Gedichtbände. Als Sekretär in
einer Chemiefabrik im Ural unterstützte er die Oktoberrevolution, obwohl er von
der Brutalität der neuen Regierung schockiert ist. Über die Gründe wurde viel
gemutmaßt – russischer Patriotismus spielt ebenso hinein wie realitätsverengtes
Wunschdenken oder Visionen eines „Sieges des Geistes“, wie er selbst schrieb. Seine
Eltern und Geschwister wanderten 1921 nach Deutschland aus – er blieb.
Nach dem Krieg arbeitete Pasternak als Bibliothekar in Moskau und schrieb
weiter, darunter die „Briefe aus Tula“. Seine Landschaftsbeschreibungen geben nicht
die Natur, sondern den Geisteszustand des beobachtenden Menschen wieder: Das
Leben ist erst wirklich und erfahrbar, wenn es auch sagbar wird. Genau diese
Verbindung bildet den tieferen Sinn seines Gedichtbands „Meine Schwester – das
Leben“. Im selben Jahr heiratete er seine erste Frau Jewgenija, hat mit ihr einen
Sohn und wird 1931 wieder geschieden.
In den 1930er Jahren, spätestens seit dem Versroman „Spektorskij“,
entwickeln sich seine Gedichte weg vom Symbolismus hin zur Politik. Tragisch,
dass er für die politische Realität von Stalins Terror blind blieb. Auf dem
Ersten Schriftstellerkongress 1934, auf dem die russische Literatur
gleichgeschaltet wurde, trat Pasternak mit der Erklärung auf, sein Schaffen
werde von der „fruchtbaren Liebe zur Heimat und zu den heutigen allergrößten
Menschen“ getrieben. 1936 schrieb er für die Regierungszeitung „Iswestija“ gar zwei
Stalin-Oden und meint 1936 zu einem Kollegen: „Glauben Sie der Revolution im
Ganzen, dem Schicksal, den neuen Regungen des Herzens, dem Schauspiel des
Lebens und nicht den Konstruktionen des Schriftstellerverbandes. Das Zeitalter
ist wichtig, nicht die Formalisten.“
„badet
ein Ekstatiker in Tränen“
1934 war er eine zweite Ehe eingegangen mit Sinaida, die um seinetwillen ihre Ehe mit dem Pianisten Heinrich Neubaus gelöst hatte, der als Lehrer einer ganzen russischen Pianisten-Generation von Gilels bis Richter bekannt geworden ist, und die ihm einen weiteren Sohn zur Welt bringt. Die Familie zog 1936 in die Künstlerkolonie Peredelkino bei Moskau. Seinen Lebensunterhalt verdient er auf sicherem Feld als Übersetzer aus dem Französischen, Englischen und Deutschen. Gerühmt sind seine russischen Ausgaben von Goethes „Faust“ und Shakespeares Tragödien, außerdem übersetzt er Kleist und Rilke und verfasst viele Briefe. „Hier schreibt jemand, der nicht an die Nachwelt denkt; der seine Sätze nicht feilt und trimmt; der nicht auf Nachruhm spekuliert. Hier badet vielmehr ein Ekstatiker in Tränen und Wortumarmungen; ein Liebender bringt sich dar und teilt sich mit“, feiert ihn Helen von Ssachno im Spiegel.
Mit Sinaida und Sohn. Quelle: https://img.broadwayblogspot.com/img/dile-2019/pasternak-ili-tuda-i-obratno.png
Bei Ausbruch des Zweiten Weltkriegs meldet sich Pasternak freiwillig,
wird jedoch erst 1943 mit einer „Schriftstellerbrigade“ in den Propagandakrieg
geschickt. Seine Kriegserlebnisse verarbeitet er in den Gedichten des
Sammelbands „In den Frühzügen“ und „Irdische Weite“; nach 1945 verfällt er
zunächst in Schweigen. Als er 1946 bei einer literarischen Veranstaltung wieder
einmal öffentlich auftreten durfte, forderten die Zuhörer stürmisch, er möge
einige seiner Gedichte vortragen. Und an Stellen, wo er selbst den Text nicht
mehr genau im Kopf hatte, fielen die Zuhörer im Chor ein. Er lernt Pasternak Olga
Iwinskaja kennen, eine alleinerziehende, literarisch versierte und tüchtige
Redakteurin bei Nowyi Mir, der er
verfällt, später die Verhandlungs- und Verfügungsrechte über seine Arbeiten
überträgt und der er als „Lara“ im „Schiwago“ ein literarisches Denkmal setzen
wird. Allerdings schafft er es nicht, sich von Sinaida und seinem Sohn Leonid
zu trennen, und pendelte er zwischen beiden Familien hin und her.
Überhaupt: Schiwago. Sofort nach dem Krieg beginnt Pasternak an seinem
ersten und einzigen Roman zu arbeiten: Eine Verschmelzung von Poesie und Prosa
sowie der öffentlichen Geschichte mit seinem eigenen Leben – „ohne Hass, mit
Trauer wohl, aber frei von Bitterkeit“, schreibt Gert Ruge in der Zeit. Der vielfach verschachtelte Roman beschreibt
die Konflikte, in die ein Intellektueller (Schiwago) und seine geistigen und
religiösen Überzeugungen geraten, wenn sie auf die revolutionäre Bewegung treffen,
die sozialistischen Realität – und eine selbstzerstörerische Liebe: „Sie
liebten einander, weil alles ringsum es wollte: die Erde unter ihren Füßen, der
Himmel über ihren Köpfen, die Wolken und die Bäume.“ Die Handlung erstreckt
sich über fast drei Jahrzehnte und endet mit Schiwagos frühem Tod 1929, im Epilog
1943.
Der Arzt wächst bei einer Pflegefamilie auf und studiert Medizin trotz großer Neigung zu Kunst und Geschichte: Bereits als Gymnasiast träumt er davon, ein „Buch des Lebens“ zu schreiben. Bezüge zum Christentum fallen auf: Im Zentrum steht der schwierige Lebensweg des Arztes als Passion Christi in den Wirren der Revolution. Zunächst lässt Pasternak sein Alter Ego 25 Gedichte schreiben, die er als Anhang in den Roman aufnahm. „Das Wunder“, „Schlechte Tage“, „Der Garten von Gethsemane“ u.a. verweisen auf Parallelen zu Christus bzw. seinen Aposteln. Auch sein Name – Juri = Sankt Georg, der Drachentöter – unterstreicht, dass er als christliche Figur zu sehen ist; zur Einsamkeit bestimmt und dazu, in der Welt zu scheitern; erst am Ende wird er siegreich sein. Auch Lara stellt Pasternak in einen christlichen Symbolzusammenhang.
Eine bundesdeutsche Druckausgabe. Quelle: https://www.booklooker.de/B%C3%BCcher/Boris-Pasternak+DOKTOR-SCHIWAGO/id/A02nj4Ft01ZZh
Angesichts des Blutvergießens nach der Oktoberrevolution 1917 verliert
der Arzt Schiwago jegliche Hoffnung in den Kommunismus und seine Revolutionäre.
Die mörderische Zwangskollektivierung der Bauern verurteilte er als „falsche
Reform“, formuliert seine Kritik an absurden Verkennungen der Realität und
gewalttätigen Auswüchsen der jungen Revolution. Schwerer noch wiegen seine sarkastische
Ablehnung jeder Form von Propaganda und seine Kritik am Marxismus, den er für
unwissenschaftlich hält: „Der Krieg, die Revolution, die Könige, die
Robbespierres dienen der Geschichte nur als organische Reizmittel, als
Sauerteig. Die Menschen, die Revolutionen machen, sind fanatische Sektierer. In
wenigen Stunden, in wenigen Tagen stürzen sie die alte Ordnung um. Der Geist,
in dem sie dies tun, wird noch nach Generationen wie eine Reliquie verehrt.
Aber die Freiheit, die wahre Freiheit – nicht die in Worten proklamierte
Freiheit – fällt vom Himmel, unbemerkt, durch einen Zufall, durch einen
Irrtum.“ Das Buch, so urteilte die NZZ,
„ist der große russische Roman der Freiheit. Es ist der einzige innerlich
völlig freie und äußerlich nicht zensurierte Ausdruck eines russischen Bewusstseins
dieser Epoche, und es ist daher … der einzige Inhalt der ganzen Sowjet-Literatur
dieser Jahre.“
„Sieg
durch Verzicht“
1955 fertiggestellt, legte Pasternak das Manuskript nach Stalins Tod im
Jahr darauf dem sowjetischen Schriftstellerverband und dem Moskauer
Staatsverlag zur Begutachtung vor. Man gab ihm den Rat, wesentliche Teile des
Romans umzuschreiben, weil er der Bedeutung der Oktoberrevolution und der
kommunistischen Gesellschaftsordnung nicht genügend Aufmerksamkeit geschenkt
oder sie abwertend dargestellt habe. Der Dichter widersetzte sich der ihm
vorgeschlagenen Buchverstümmelung, erklärte sich jedoch mit der Herausgabe
einer gekürzten Fassung des Romans einverstanden – offenbar hegte er noch die
Zuversicht, es werde sich alles zum Guten wenden: „Wenn auch“, so heißt es an
einer anderen Stelle des Romans, „die Läuterung und die Freiheit, die man nach
dem Krieg erwartete, nicht zusammen mit dem Sieg kamen, so war das nicht
entscheidend: Die Freiheit lag in der Luft und war das einzige bedeutsame historische
Faktum der Nachkriegsjahre.“
Auf die Kürzung erhielt er keine Antwort. Eine Kopie des Skripts hatte er dem Vertreter des Mailänder Verlegers Feltrinelli übergeben und ihm die Rechte für die Buchausgaben in westlichen Ländern übertragen. Nach diversen, 2014 offiziell bestätigten Einmischungen der CIA, die Manuskript und Autor ohne dessen Wissen funktionalisierte, erschien der Roman 1957 in Mailand in einer italienischen Übersetzung, eine russische Version kam erstmals 1958 im Mouton Verlag in den Haag heraus und wurde bei der Brüsseler Weltausstellung im Pavillon des Vatikans gratis an die Besucher verteilt. Die Vorlage des Romans in der Originalsprache beim Komitee war Voraussetzung für die Verleihung des Nobelpreises. Als der Pasternak im selben Jahr „für seine bedeutende Leistung sowohl in der zeitgenössischen Lyrik als auch auf dem Gebiet der großen russischen Erzähltradition“ verliehen werden sollte, nahm er zunächst an. Prompt wurde er aus dem Schriftstellerverband der UdSSR ausgeschlossen, ja medial vernichtet.
„Er mag gehen, wohin er will. Kein sowjetischer Mann und keine Frau
wünschen, mit einem Verräter zusammenzuleben und die Luft zu atmen, die er
atmet“, heißt es bei Radio Moskau.
Das Buch sei „nichtiges, niederträchtiges Handwerk“, schrieb die Literaturnaja gaseta, eine „Verleumdung
der sowjetischen Partisanen und der Roten Armee, des ganzen gewaltigen Werkes,
das die Erbauer des neuen Lebens auf sowjetischem Boden vollbringen“. In der Prawda stand dann der Urteilsspruch,
gegen den es keine Berufung gibt: „Der ‚Dr. Schiwago‘ ist eine boshafte
Schmähschrift auf die sozialistische Revolution, das Sowjetvolk und die
sowjetische Intelligenz. Ein erboster Spießer hat seiner rachsüchtigen
Gereiztheit freien Lauf gelassen.“ Auf einer Massenveranstaltung im Moskauer
Sportpalast schrie vor Staatschef Chruschtschow und einem vieltausendköpfigen
Auditorium Wladimir Semitschastni, Chef des Jugendverbands „Komsomol“: „Ein Schwein
besudelt niemals den Ort, wo es frisst und schläft. Wenn man daher Pasternak
mit einem Schwein vergleicht, so ist festzustellen, dass ein Schwein nicht
getan hätte, was Pasternak getan hat.“ Das Protokoll verzeichnet an dieser
Stelle: „Brausender Jubel der Zuhörer.“ Der Verfasser des Textes der
sowjetischen Nationalhymne, Sergej Michailkow, schlug seine Ausweisung vor. Die
Hetzjagd der Kommunisten verarbeitet Pasternak lyrisch:
„Bin umstellt, verloren, Beute.
Weit - wo Freiheit, Menschen, Licht.
Hinter mir der Jagdlärm, Meute.
Einen Ausweg hab‘ ich nicht.“
Weltweit
organisierte sich Widerstand gegen die Behandlung Pasternaks. „Wir fordern Sie
auf im Namen der großen literarischen Tradition Russlands, für die Sie stehen,
diese nicht dadurch zu entehren, dass Sie einen Autoren bestrafen, den die
ganze zivilisierte Welt verehrt“, appellierten berühmte Schriftsteller wie
Aldous Huxley, T. S. Eliot oder Graham Greene an die Sowjetführung. Ernest
Hemingway bot Pasternak Unterkunft an, auch der indische Premierminister
Jawaharlal Nehru kritisierte die Sowjetunion heftig. Doch der Druck der sowjetischen Obrigkeit ist zu hoch,
Pasternak gibt nach und lehnt schließlich die Preisannahme ab. Während
Solschenizyn zürnt: „Ich krümmte mich vor Scham für ihn … wie konnte er nur
… vom ‚lichten Glauben an eine gemeinsame Zukunft‘ faseln…“, nennt die
Iwinskaja hingegen Pasternaks Widerruf: „Sieg durch Verzicht. Die Hauptsache,
das Buch, war erschienen, und es machte seinen Weg. Musste man sich, jedenfalls
ein Genie, nicht gelegentlich für das Werk korrumpieren?“ Aus einem
persönlichen Brief Pasternaks an Chruschtschow geht hervor, dass Pasternak
trotz aller Angriffe auf ihn und seine Arbeit auf keinen Fall die Sowjetunion
verlassen wollte. Er hegt Suizidgedanken. Nachdem er im Januar 1953 bereits einen
schweren Herzinfarkt erlitten hatte, starb Boris Pasternak am 30. Mai 1960 in
Peredelkino zermürbt an einem weiteren Infarkt und Magenblutungen. Seine
Ehefrau folgte ihm völlig verarmt 1966, die Geliebte und deren Tochter Irina
kamen in den Gulag.
„Häresie
der unerhörten Einfachheit“
Der Roman wird 1965 mit Omar Sharif prominent verfilmt und erhält fünf Oscars, darunter einen für die Musik von Maurice Jarre: „Lara’s Theme“ (dt.: „Weißt du wohin“) wird ein Welthit. Als Anekdote wird gern erzählt, wie die riesige Crew – wegen der billigen Arbeitskräfte und Statisten nach Spanien gezogen – den Hochsommer mit einem illusionären Kraftakt in den russischen Winter verwandelt: Ein ganzer Marmorsteinbruch wird gekauft, der Stein zu weißem Pulver gemahlen und auf einer verdorrten Ebene verteilt. Am 23. Februar 1987 erfährt Pasternak unter Gorbatschow eine vollständige Rehabilitation nebst postumer Wiederaufnahme in den Schriftstellerverband. 1988 erscheint „Schiwago“ erstmals in der UdSSR, in einer besonderen Zeremonie nahm sein Sohn den abgelehnten Nobelpreis 1989 in Stockholm stellvertretend für seinen Vater an. Das Opus wird in Deutschland auf absehbare Zeit nicht weiter geschrieben: Der Bertelsmann Verlag unterlag 1999 beim Bundesgerichtshof (BGH) dem Feltrinelli-Verlag mit der Begründung, dass die Fortsetzung „Laras Tochter“ eines englischen Ghostwriters sich so eng an Pasternaks Vorlage anlehnte, dass sie keine eigenschöpferische Leistung darstelle. Wer einen Roman oder einen Film fortschreiben will, muss vorher ein Fortsetzungsrecht erwerben – oder ein gänzlich neues Werk schaffen, gegenüber dem das Original „verblasst“.
Szenenbild mit Omar Sharif. Quelle: https://www.tagesspiegel.de/kultur/literatur/die-geschichte-des-romans-doktor-schiwago-du-hast-ganz-russland-verraten/13898324.html#!kalooga-20590/~pasternak%20~cia%5E0.75
Geblieben ist weniger die Erinnerung an einen facettenreichen, begabten, heute allerdings mehr und mehr vergessenen intellektuellen Poeten, sondern eher an ein in vieler Hinsicht irritierendes Buch, erinnert sich Ssachno ebenso irritiert: „Zwischen den ‚Schiwago‘-Gedichten, die, im Original zumindest, die von Pasternak am Lebensende erstrebte ‚Häresie der unerhörten Einfachheit‘ versinnbildlichen, und der epischen Unbeholfenheit des Romans, der trotz seiner konservativen Stilmittel wiederum nicht so einfach geschrieben ist, dass er seine innere Wahrheit ohne die Kenntnis geistesgeschichtlicher Zusammenhänge zu offenbaren vermag, klafft ein Abgrund, der bis zum heutigen Tag nicht geschlossen wurde.“ Das kann man so sehen, muss es aber nicht.
Drei „überwältigende Leidenschaften“, bekennt der intellektuelle Don Juan
mit der Liebe zur Geometrie im ersten Teil seiner Lebensbeichte, hätten sein
Leben beherrscht: „das Verlangen nach Liebe, das Streben nach Erkenntnis und
das Erbarmen mit der leidenden Menschheit“. Viermal verheiratet – drei Ehen
wurden geschieden, und im Alter von 80 Jahren heiratete er seine vierte Frau,
die amerikanische Schriftstellerin Edith Finch –, konzentriert sich Bertrand
Russel in seinen veröffentlichten Erinnerungen allerdings nur auf zwei
Leidenschaften: Liebeslust und Wissensdurst. Der Pazifist, Sozialist und
Literaturnobelpreisträger, der als Vater der Analytischen Philosophie und
Urheber vieler bis heute zitierter Bonmots gilt, starb vor 50 Jahren.
„Das Ärgerlichste in dieser Welt ist, dass die Dummen todsicher und die Intelligenten voller Zweifel sind“, gehört zu diesen Bonmots eines Freidenkers, der seine Kindheit und Jugend später als unglücklich beschreibt. Bertrand Arthur William Russell wird am 18. Mai 1872 als zweiter Sohn in einer einflussreichen britischen Adelsfamilie geboren; der Großvater John Russell, erster Earl Russell, war viele Jahre lang Regierungsmitglied, zeitweise Premierminister unter Queen Victoria. Die Atmosphäre seines Elternhauses muss grotesk bis skurril gewesen sein. So hatten zum Beispiel die Eltern dem ebenso atheistischen wie tuberkulösen Hauslehrer von Russells älterem Bruder verboten, zu heiraten. Sie wollten nicht, dass er Kinder zeuge und diesen die Krankheit vererbe. Gleichwohl empfanden sie das Verbot als unfair, und Russells Mutter milderte das Zölibat, indem sie dem Hauslehrer erlaubte, bei ihr zu schlafen.
Der alte Russell. Quelle: http://diepaideia.blogspot.com/2016/09/bertrand-russell-und-die-philosophie.html
Als innerhalb weniger Jahre beide Eltern und auch der Großvater sterben,
übernimmt die Großmutter die Erziehung der beiden Jungen. Von dem
viktorianischen Lebensstil seiner Großeltern, besonders den strengen
moralischen Ansichten der Großmutter, fühlte sich der Knabe angezogen und
zugleich abgestoßen. Um die zahlreichen Verbote zu umgehen, gewöhnte er sich
daran, seine Umgebung zu täuschen – ein Charakterzug, von dem er selbst
bekennt, er habe ihn bis zu seinem 21. Lebensjahr beherrscht. Gerade elf Jahre
alt, entdeckte Russell sein Interesse und seine Begabung für die Mathematik und
erlernt unter Anleitung seines Bruders Geometrie. Fast zur gleichen Zeit wurde
er von einem Freund sexuell aufgeklärt. Russell heute: „Was er erzählte, fand
ich sehr interessant, obgleich ich keinerlei Erregung dabei fühlte.“ Gleichwohl
beeindruckte ihn die kindliche Einweihung in das Liebesleben so sehr, dass er
in diese Zeit seine Erkenntnis datiert, freie Liebe sei das einzig Vernünftige
und die Ehe nichts anderes als ein Ausdruck christlichen Aberglaubens.
Mathe und
Sex
Fortan galt Russells Interesse laut eigenem Bekenntnis der Mathematik
gleichermaßen wie dem Sex. Seine bevorzugte Lektüre war ein medizinisches
Wörterbuch. Gemeinsam mit einem Freund baute er einen ganzen Winter lang an
einer Höhle, in der er sich dann mit einer Hausangestellten vergnügte. Erst als
sich das Mädchen weigerte, eine Nacht mit ihm zu verbringen, endete das
erotische Abenteuer. Seit 1890 studierte Russell in Cambridge Mathematik und
Philosophie. Dort lernte er den elf Jahre älteren Alfred North Whitehead
kennen, für den ebenso wie für Russell die Mathematik das Ideal der Philosophie
war. Acht Jahre lang, von 1902 bis 1910, arbeiteten Russell und Whitehead
gemeinsam an einem der bedeutendsten Werke des europäischen Geisteslebens, den „Principia
mathematica“ („Prinzipien der Mathematik“), die Russell den Ruf eines
Begründers der modernen Logik einbrachten und noch über fünfzig Jahre nach
ihrem Erscheinen als das Standard-Werk dieser Disziplin galten.
Angeregt durch seine Studien über Gottfried Wilhelm Leibniz und den heute vergessenen Jenaer Mathematiker Gottlob Frege, die eine Synthese von Mathematik und Logik postuliert hatten, versuchte Russell gemeinsam mit Whitehead die gesamte Mathematik aus einigen logischen Axiomen abzuleiten. Mitten in der Arbeit entdeckt er, dass die von Georg Cantor wenige Jahre zuvor eingeführte Definition einer Menge (als Zusammenfassung von Objekten unserer Anschauung oder unseres Denkens zu einem Ganzen) zu einer Unvereinbarkeit, einer Antinomie, führt, die seitdem den Namen Russellsche Antinomie trägt: Eine Menge, die alle Mengen enthält, die sich selbst nicht als Element enthalten, ist ein Widerspruch in sich. Später gibt Russell selbst folgende „populäre“ Einkleidung des Problems an: Man kann einen Barbier definieren als einen, der alle diejenigen rasiert, und nur diejenigen, die sich nicht selbst rasieren. Die Frage ist: Rasiert der Barbier sich selbst?
Im gleichen Jahre, in dem Russell sein Studium in Cambridge begann,
lernte er die anmutige Alys, Tochter eines amerikanischen Quäkers, kennen.
Fasziniert von ihrer natürlichen Selbständigkeit, die für ihn so ganz anders
war als die schüchternen englischen Mädchen, verliebte er sich und beschloss,
sie zu heiraten. Seine adlige Verwandtschaft versuchte mit ausgefallenen
Tricks, eine Ehe zwischen dem jungen Studenten und der, wie sie meinten, „gewöhnlichen
Abenteurerin und Kindsräuberin“ zu verhindern. So brachten sie den alten
Familienarzt dazu, dem liebestollen Mathematiker einzureden, in Russells
Familie seien zahlreiche Fälle von Geisteskrankheit aufgetreten. Würde er
heiraten und Kinder zeugen, müsste er damit rechnen, dass sie nicht normal sein
würden.
Als das Pärchen daraufhin beschloss, gleichwohl zu heiraten, aber keine
Kinder zu haben, wurde der alte Familiendoktor erneut in Marsch gesetzt. Der
Gebrauch von Verhütungsmitteln, drohte der Arzt nun, schade der Gesundheit, und
Russells Familie fügte dem ärztlichen Verdikt hinzu: Auch Vater Russell habe
Verhütungsmittel benutzt und sei deshalb an Epilepsie erkrankt. Schließlich
schickten sie den damals 22jährigen nach Paris, hoffend, er werde dort Alys
vergessen. Drei Monate später fand die Hochzeit statt.
„Asyl für
gemeingefährliche Geisteskranke“
Mit seiner Heirat begann eine Periode fruchtbaren Schaffens. Frei von „emotionellen
Hemmungen“ (Russell) konnte er sich ganz seiner wissenschaftlichen Arbeit
widmen. In ununterbrochener Folge veröffentlichte er philosophische und
mathematische Untersuchungen sowie, als Ergebnis eines Aufenthalts in Berlin,
eine Studie über die deutsche Sozialdemokratie, über die er damals schrieb, sie
sei eine der revolutionärsten sozialen Bewegungen Europas. In dem Artikel „The
teaching of Euclid“ zeigt er die Schwächen im logischen Aufbau der „Elemente“
auf – ein Kritiker bemerkt einige Jahre später: Euklids Hauptfehler war es,
dass er Russells Veröffentlichungen nicht gelesen hat. Russel arbeitet nun als
Dozent für Mathematik und Logik am Trinity College.
Als er 1910 die „Principia“ beendete, war seine Leidenschaft für abstraktes Denken vorerst gestillt. Sein „Verlangen nach Liebe“ aber vermochte Ehefrau Alys nicht mehr zu befriedigen. Nach 16 Ehejahren entdeckte Russell: Sie ist eine Spießbürgerin, die nur „Nachthemden aus Flanell“ trägt. Dafür fand der liebeshungrige Denker bei Lady Ottoline Cavendish-Bentinck, der Frau eines liberalen Politikers, Erholung vom häuslichen Flanell. Fast sechs Jahre lang – die Ehe mit Alys wurde 1921 geschieden – bestand das Liebes-Dreieck Lady Ottoline, Ehemann Morrell und Herzensfreund Russell alle Fährnisse. Über den 28. Juli 1914 – mit diesem Jahr endet Russelis erster Memoiren-Band – notiert der Autor: „An diesem Tag erklärte Österreich Serbien den Krieg. Ottoline gab ihr Bestes.“ Das College entzieht ihm seine Stelle, als er sich – entsetzt über die allgemeine Kriegsbegeisterung und Barbarei des Ersten Weltkriegs – öffentlich für Kriegsdienstverweigerung einsetzt. 1918 wird er wegen seiner Aktivitäten zu einer sechsmonatigen Haftstrafe verurteilt, die er wiederum zum Schreiben nutzt.
Eine anfängliche Sympathie für das sozialistische Experiment in der
Sowjetunion endet, nachdem er 1920 die Sowjetunion besucht und mit Lenin
Gespräche geführt hat; „ein Asyl für gemeingefährliche Geisteskranke, wo die
Wärter die schlimmsten sind“, sagt er später. Im selben Jahr übernimmt er eine
Gastprofessur in Peking und beschäftigt sich eingehend mit der chinesischen
Kultur. Nach der Rückkehr bestreitet er seinen Lebensunterhalt als Autor
zahlreicher Bücher zu unterschiedlichen Themen, darunter auch
populärwissenschaftliche Bücher über Atomphysik und Relativitätstheorie, aber
auch über Politik und Erziehung. Zusammen mit seiner zweiten Frau gründet er
nach vergeblicher Suche einer geeigneten Schule für seine beiden Kinder die
antiautoritäre Privatschule in Beacon Hill – von der er später einräumt, dass
seine Vorstellungen nicht realisiert wurden. Erfolglos kandidiert er für die
Labour Party.
Aufsehen erregen vor allem zwei Bücher. In „Why I Am Not a Christian“
(1927) setzt sich der Atheist Russell kritisch mit der Religion auseinander,
die er im Allgemeinen, insbesondere aber das Christentum, für ein Übel hält,
eine „Krankheit, die aus Angst entstanden ist“. Besonders Islam, Judentum und
Christentum seien in ihrem Kern überdies „Sklavenreligionen“, die
bedingungslose Unterwerfung verlangten: „Die ganze Vorstellung vom herrschenden
Gott stammt aus den altorientalischen Gewaltherrschaften. Es ist eine
Vorstellung, die eines freien Menschen unwürdig ist.“ „Marriage and Morals“
(1929) ist ein Plädoyer für eine freie Sexualmoral: „Moralisten sind Leute, die
sich jedes Vergnügen versagen, außer jenem, sich in das Vergnügen anderer Leute
einzumischen“. Das Problem Ehekrise brachte er darin auf die lapidare Formel, „dass
die Menschen anscheinend, je zivilisierter sie werden, desto unfähiger sind,
mit einem einzelnen Partner glücklich zu sein“.
„Sokrates
unserer Zeit“
1936 heiratet er zum dritten Mal und übernimmt Lehraufträge an den
Universitäten in Chicago und Los Angeles. Seine Berufung an die Universität von
New York kommt nach dem Protest fundamentalistischer Christen nicht zustande;
diese sehen die Moral der Studenten gefährdet, weil er Ehebruch und
Homosexualität befürworte. Während des Zweiten Weltkriegs gibt er seinen
unbedingten Pazifismus auf, drängt sogar auf einen Präventivschlag gegen die
Sowjetunion. Nachdem auch diese über Atom- und Wasserstoffwaffen verfügt,
engagiert er sich für den Erhalt des Weltfriedens – ein dritter Weltkrieg würde
die Existenz der Menschheit bedrohen.
1948 überlebte er auf dem Weg zu einem Vortrag einen Flugzeugabsturz: Das Flugboot krachte in den Hafen von Oslo. Neunzehn Personen ertranken. Russell rettete sich durch Schwimmen, legte sich im Hotel ins Bett und erholte sich bei einem Detektivroman. Am nächsten Tag sprach er in der Universität. 1950 wird ihm der Nobelpreis für Literatur verliehen, „als eine Anerkennung für seine vielseitige und bedeutungsvolle Verfasserschaft, worin er als Vorkämpfer der Humanität und Gedankenfreiheit hervortritt“; „Ehe und Moral“ wird dabei gewürdigt und kann erst jetzt auf Deutsch erscheinen. Zusammen mit Albert Einstein verfasst er 1955 ein Manifest zu den Folgen des Einsatzes von Nuklearwaffen und begründet die seitdem regelmäßig tagende Pugwash-Konferenz zu Abrüstungsfragen und zur Verantwortung der Naturwissenschaftler; die Einrichtung erhielt 1995 den Friedens-Nobelpreis.
Manifest von 1955. Quelle: https://i2.wp.com/images.huffingtonpost.com/2015-07-13-1436799529-7559006-unnamed.png
1957 beginnt er die „Campaign for Nuclear Disarmament“ und wird deren
erster Präsident. Vier Jahre später wird der 89-Jährige wegen Teilnahme an
einem Sitzstreik in London zu einer zweimonatigen Haftstrafe verurteilt, die
nach einer Woche im Gefängnis-Krankenhaus aus Gesundheitsgründen erlassen wird.
In der Kuba-Krise 1962 wendet er sich mit eindringlichen persönlichen Botschaften
an Chruschtschow und Kennedy, um den drohenden Atomkrieg zu verhindern. 1963
gründet er die Bertrand Russell Peace Foundation, die sich für Frieden, soziale
Gerechtigkeit und Menschenrechte einsetzt. 1966 ruft diese zum „Vietnam War
Crimes Tribunal“ auf, die mit einem „Schuldspruch“ der USA endet wegen Verbrechen
gegen den Frieden sowie des Bruchs des internationalen Rechts und der Charta
der Vereinten Nationen. Unklar ist, welche Rolle Russels Privatsekretär Ralph
Benedict Schoenman spielte, ein ebenso intelligenter wie fanatischer
Princeton-Absolvent, dem Russel alle Freiheiten ließ.
Noch als 77jähriger klettert er mit Vorliebe in den Bergen von Nordwales herum, raucht ununterbrochen Pfeife und hält nichts auf seine Kleidung. Nur auf seine weiße Löwenmähne ist er stolz. Dabei bedeutet sein Name eigentlich „der kleine Rotkopf“. In seinen Lebenserinnerungen blickt er auf ein ereignisreiches Leben zurück – vielfach wurden ihm Ehrungen zuteil, selten verhielt er sich konform, aber stets getreu zu seinen zehn Geboten, wie er sie im Jahr 1951 formulierte, zum Beispiel: „Fühle dich keiner Sache völlig gewiss“ oder „Fürchte dich nicht davor, exzentrische Meinungen zu vertreten; jede heutige Meinung war einmal exzentrisch.“ In siebzig Jahren schrieb oder diktierte er etwa siebzig Bücher, mitunter eines in zwanzig Tagen. Als er, nach eigenem Bekenntnis, für die Mathematik zu dumm wurde, ging er über zur Philosophie; zur Geschichte und Politik, als er für die Philosophie zu dumm geworden war. „Was kein Kompliment für Geschichte und Politik ist“, befand Golo Mann. „Auch wenn alle einer Meinung sind, können alle Unrecht haben“ ist ebenso eine Russel’sche Weisheit wie „Das größte Risiko auf Erden laufen die Menschen, die nie das kleinste Risiko eingehen wollen“. „Englands Glamour-Greis“, wie ihn der Spiegel nannte, der „Sokrates unserer Zeit“, wie ihn sein Kollege A. L. Rowse hofierte, starb am 2. Februar 1970.
Einem bedeutenden Expressionisten wird Sexismus und Rassismus unterstellt. Das Kölner Ludwig-Museum ergänzt sein Bild um einen Jahrzehnte jüngeren Film. Das ist nachträgliche Zwangspolitisierung.
Meine neue Tumult-Kolumne, die gern verbreitet werden kann.
Die Frau mit dem Dutt und der langen Schürze sieht abgearbeitet aus.
Jeder ihrer Handgriffe wirkt mühselig. Sie zieht Schranktüren auf, reckt sich
nach Deckeldosen, holt etwas aus einer schwergängigen Tischschublade, schürt
Feuer… So beginnt 1927 ein Werbefilm für die „Frankfurter Küche“, die
schließlich im zweiten Teil präsentiert wird – mit einer entspannten Frau als
Protagonistin, die statt Schürze ein seidig schimmerndes Kleid und Bubikopf
trägt. Die Erfinderin dieser Küche, Margarete Schütte-Lihotzky, starb am 18.
Januar vor 20 Jahren in Wien. „Wenn ich gewusst hätte, dass alle immer nur
davon reden, hätte ich diese verdammte Küche nie gebaut“, sagte sie als
97jährige dem Standard.
Geboren am 23. Januar 1897 als Tochter einer bürgerlich-pazifistischen Beamtenfamilie,
nahm sie nach dem Besuch der Volks- und Bürgerschule in Wien ein Jahr lang Privatunterricht
bei einem Kunstmaler und besuchte anschließend für zwei Jahre die Graphische
Versuchs- und Lehranstalt. 1915 begann sie ein Studium an der Kunstgewerbeschule
und fasste, da sie im Bauen die Möglichkeit sah, die tägliche Umgebung des
Menschen zu verbessern, schon in der Vorbereitungsklasse den Entschluss,
Architektin zu werden: Gustav Klimt, ein Freund der Mutter, hatte einen
Empfehlungsbrief an die Kunstgewerbeschule
geschrieben. Sie studierte Entwurf bei Oskar Strnad und Baukonstruktion bei
Heinrich Tessenow, ist mit Béla Bártok und Max Reinhardt befreundet.
Gerade 20 Jahre alt, gewann sie im dritten Studienjahr den Max-Mauthner-Preis für ihren Entwurf einer Arbeiterwohnung. Vorher hatte sie sich auf Anraten von Strnad das Elend in den armseligen Arbeiterunterkünften mit eigenen Augen angesehen – sieben bis acht Personen lebten dort am Ende des Ersten Weltkriegs in einem Raum und unter unglaublichen sanitären Verhältnissen. Ihre aus diesen Eindrücken gewonnene soziale Berufseinstellung behielt sie ihr Leben lang bei. „Jeder hat mir das ausreden wollen, dass ich Architektin werde, mein Lehrer Strnad, mein Vater und mein Großvater. Nicht weil sie so reaktionär waren, sondern weil sie geglaubt haben, ich werde dabei verhungern“, lacht sie Jahrzehnte später.
Die Schöpferin und ihr „Werk“, Quelle: https://www.deutschlandfunkkultur.de/serie-frauen-im-bauhaus-margarete-schuette-lihotzky.1013.de.html?dram:article_id=437461
Mit 22 schloss sie als erste Frau in Österreich ihr Architekturstudium ab
und wurde sofort von Alfred Loos engagiert, dem Chefarchitekten des Städtischen
Siedlungsamtes. Sie entwarf den Prototyp der „Siedlerhütte“, einen ganz aus
Holz gefertigten Würfel mit 4,5 Metern Seitenlänge, in dem sie unter perfekter
Ausnutzung des Raumes alle notwendigen Einrichtungsstücke unterbrachte. Diese
Hütte diente als erste anständige Unterkunft für Tausende von
Flüchtlingsfamilien am Ende des Krieges und die vielen obdachlosen Arbeiter,
die seit Beginn des Jahrhunderts auf der Suche nach Arbeit vom Land in die
Stadt gezogen waren. Es folgen mehrere Aufträge für Wohnungsbauten,
Kleingartensiedlungen und Kindergärten: Sie beteiligte sich bei Ernst Egli an
Planungen für die „Siedlung Eden“ und war auch an der Planung des
„Winarskyhofes“ beteiligt, einem Gebäudekomplex des Wiener
Gemeindewohnungsbaus. Sie lernt den Frankfurter Hochbauamtsleiter Ernst May
kennen, der ihr mehrere Publikationen ermöglicht.
„Gestaltung
formt Gesellschaft“
Nach dem Tod ihrer Eltern holt May die Architektin nach Frankfurt, um in
der Abteilung T des Hochbauamtes mitzuarbeiten – T wie Typisierung. Unter seiner
Leitung ließ das Frankfurter Baudezernat zwischen 1925 und 1930 rund 20
Siedlungen mit 12 000 Wohnungen hochziehen – eine enorme Leistung. „Man wollte
eine sozialliberale Gesellschaft ermöglichen, in der sich die öffentliche Hand
um die Menschen kümmert“, erklärt der Offenburger Professor für Designtheorie
Klaus Klemp im Journal Frankfurt. Die
Vision des „Neuen Frankfurt“ war in erster Linie eine soziale: Wie konnte man erreichen,
dass so viele Menschen wie möglich anständig wohnen konnten? Wie konnte die
Stadt preiswert modernisiert werden?
Dabei waren zwei Aspekte prägend. Zum ersten eine „Ästhetik des
Gebrauchs“: Die Wohnung sollte ein Ort zum Wohnen und Ausruhen sein, kein
„Tummelplatz der Eitelkeiten“. Dem Neuen Frankfurt entsprechend, sollte die
Wohnung günstig in der Herstellung, praktisch und ästhetisch sein. May wusste,
was sich die Arbeiter leisten konnten – und was nicht. Der zweite Aspekt griff
auf lebens- und gesellschaftsreformerische Bemühungen zurück: „Gestaltung formt
Gesellschaft“. Dazu gehörte auch die Küche der Zukunft als neue Wohnform, damit
die Frau noch Zeit für andere Dinge außer dem Haushalt habe und sich damit ihre
Rolle in der Gesellschaft verändern könne: „Jede denkende Frau muss die
Rückständigkeit bisheriger Haushaltführung empfinden und darin schwerste
Hemmung eigener Entwicklung und somit auch der Entwicklung ihrer Familie
erkennen“, hieß es. Und dafür nun war Lihotzky zuständig.
Mit der Stoppuhr in der Hand machte sie sich ans Werk und versuchte, die Arbeitsvorgänge in der Küche effizienter zu gestalten, indem sie sie auf der Grundlage von Aufzeichnungen die Griff- und Schrittwege beim Kochen erstmals einer wissenschaftlichen Analyse unterwarf. Ausgangspunkt war die Küche eines Mitropa-Speisewagens. Bei der Hausarbeit muss genau wie bei der Arbeit im Fabrik- oder Bürobetrieb größte Leistung bei geringem Kraftaufwand das Ziel sein, lautet eine der Botschaften im Werbefilm: Auf einer kleinen Aktionsfläche vor den L-förmig angeordneten Schränken und Arbeitsgeräte sollte so viel wie möglich in Reichweite und so wenig wie möglich im Weg sein. Der Typ 1 umfasste eine Fläche von 1,9 m × 3,4 m.
Koch beim Vorbereiten einer Mahlzeit in der Küche eines Mitropa-Speisewagens. Quelle: https://www.europeana.eu/portal/de/record/2048410/item_NBTLYMMTSYGZCIN53YMSVGE34GFINANR.html?utm_source=api&utm_medium=api&utm_campaign=VWRhX8zNo
Zum einen sollten die Arbeitswege verkürzt und möglichst viele Dinge mit
einem Handgriff erreicht werden. Zum anderen sollten durch die serielle
Herstellung von Einzelelementen wie Metallgriffen oder Glas-Schiebetüren die
Kosten minimiert werden. So lagern Grieß, Reis und Linsen in ausziehbaren
Aluminiumschütten: Das geht schneller, als wenn man Gläser vom Regal nehmen und
aufschrauben muss. Die Optimierung erfolgte aber nicht nur unter funktionalen,
sondern auch unter hygienischen Gesichtspunkten. So stellte Lihotzky Holz-Unterschränke
auf verkleidete Betonsockel, damit sich darunter kein Schmutz sammeln und man
den Boden leichter reinigen konnte. Die Schränke wurden bis unter die Decke
gebaut, so dass sich die üblichen Ablagerungen nicht bilden konnten.
Ein Bügelbrett konnte von der Wand geklappt werden und brauchte daher
wenig Platz. Kochtöpfe und Deckel stellte man nach dem Spülen noch tropfnass in
einen belüfteten Schrank, dessen Boden eine flache emaillierte Wanne bildet. Töpfe,
Geschirr und Vorräte wurden platzsparend übereinander angeordnet. Auch
ästhetisch setzte die Frankfurter Küche neue Maßstäbe: Die Aluminium-Schütten,
Glastüren oder Metallgriffe kontrastierten mit stark farbigen Holzelementen.
Die Küche war oft in Blau gehalten – dieser Farbton sollte Fliegen abweisen.
Dieses
klar strukturierte und auf reine Funktionalität ohne Zierrat ausgelegte „Labor
der Hausfrau“ wurde mehr als zehntausendmal in den Frankfurter Siedlungen
eingebaut, die eine breite Bevölkerungsschicht mit günstigen und zweckmäßig
ausgestatteten Wohnungen versorgen sollten. Entsprechend einfach war das
Material für die Küche. Auf Ausstellungen präsentiert und in vielen
Veröffentlichungen publiziert, wurde sie zum Prototyp aller Einbauküchen. Der
Feminismus kritisiert damals bis heute, die Frankfurter Küche habe die Hausfrau
in einen engen Raum schier eingesperrt und somit zu ihrer Isolation beigetragen.
„ich wäre
seit Jahrzehnten tot“
Weitere Entwürfe für Gartenlauben und Wochenendhäuser, Schul- und Lehrküchen, Kindergärten und die „Wohnung für das Existenzminimum“ sowie der ausgefeilte Typenentwurf für „Die Wohnung der berufstätigen Frau“, präsentiert auf der Ausstellung „Heim und Technik“ 1928 in München, wurden weniger bekannt. Beispielhaft für ihr Bemühen um rationalen Funktionalismus waren schließlich zwei kleine Wohnhäuser, die 1930-32 in der Wiener Werkbundsiedlung entstanden: Unter den knapp drei Dutzend Architekten der Siedlung war sie die einzige Frau.
Wiener Werkbundsiedlung. Quelle: https://www.wmf.org/project/wiener-werkbundsiedlung
In Frankfurt lernte sie ihren Kollegen Wilhelm Schütte kennen, den sie
1927 heiratete. Als sich die politische Lage in Deutschland durch die
Weltwirtschaftskrise verschärfte und Ernst May ein Angebot aus der Sowjetunion
erhielt, ging er mit einer Gruppe von 17 Planern 1930 in den Osten. Sie war wieder
als einzige Frau dabei. Die Brigade May plante im Rahmen von Stalins erstem
Fünfjahresplan sozialistische Städte auf dem Reißbrett, als erstes die Stahlstadt
Magnitogorsk mitten im Nirgendwo des südlichen Urals. 1933 stellte
Schütte-Lihotzky auf der Weltausstellung in Chicago aus, 1934 unternahm sie
Studien- und Vortragsreisen nach Japan und China.
Als unter Stalin das politische Klima kippte und 1937 alle ausländischen
Architekten von Bauplanungen ausgeschlossen wurden, gingen beide nach einer
kurzen Zwischenphase in Paris in die Türkei, vermittelt durch den bekannten
deutschen Kollegen Bruno Taut. Hier arbeitete sie an der „Académie des Beaux
Arts“ an Schulbauentwürfen, wurde Mitglied der Kommunistischen Partei und
schloss sich dem österreichischen Widerstand an. Im Dezember 1940 fuhr sie in
geheimer Mission nach Wien. Verraten von einem Spitzel, wurde sie verhaftet, wochenlang
verhört und monatelang in Einzelhaft gehalten. Der Enthauptung, die ihren
Kollegen widerfahren ist, entkommt sie nur knapp, indem ihr Mann im türkischen
Unterrichtsministerium für sie einen Arbeitsvertrag mit Briefpapier und Stempel
fälscht. Nachdem Nazi-Deutschland damals um die Gunst der neutralen Türkei
buhlte, wird Schütte-Lihotzkys Todesurteil zu 15 Jahren Zuchthaus umgewandelt. „Eine
Lebensrettung aus lauter glücklichen Umständen und Zufällen. Wäre ein einziger
dieser Umstände ausgefallen … ich wäre seit Jahrzehnten tot“, sagte sie dem Standard. Als „Hochverräterin“ wird sie in
ein Frauengefängnis nach Bayern verlegt, aus dem sie erst 1945 von den
Amerikanern befreit wurde.
verschwand
für Jahrzehnte aus der Öffentlichkeit
Nach dem Krieg leitet sie zunächst in Bulgarien die Abteilung für Kinderanstalten der Baudirektion Sofia. 1947 kehrten sie und ihr Mann nach Wien zurück, wo sie jedoch wegen ihrer politischen Ansichten – sie blieb Kommunistin – kaum öffentliche Aufträge erhielt: Die Wiener Sozialdemokratie war damals strikt antikommunistisch eingestellt. Später klagte sie, dass „manch einer jener Architekten, die dem Naziregime treulich gedient hatten, große Aufträge der Gemeinde Wien erhielten und so der Nachwelt sichtbare Leistungen hinterlassen durften“. Ihr hingegen sei dies „als Verfolgte des Naziregimes und als Kommunistin verwehrt“ geblieben. Auch ihr Mann, von dem sie seit 1951 getrennt lebte, wurde ebenfalls „jahrelang wegen seiner Gesinnung von der Ausführung seiner Ideen ferngehalten“ und erhielt nur wenige Aufträge von der Gemeinde Wien: um 1950 durfte sie einige Gemeindebauten und einen heute denkmalgeschützten Kindergarten auf dem Kapaunplatz entwerfen.
Der Kindergarten am Kapaunplatz jeute. Quelle: https://kindergartenamkapaunplatz.files.wordpress.com/2017/06/20170614_125210-e1506090403274.jpg?w=736
Schütte-Lihotzky wurde nicht nur beruflich ausgegrenzt, sondern verschwand auch für Jahrzehnte aus der Öffentlichkeit. Ihr unbedingter Wille, den Kapitalismus mit all seinen Ungerechtigkeiten zu überwinden, ließ sie Ausbeutung, Leid und Unterdrückung im vermeintlichen Sozialismus übersehen, meint ihr Biograph Marcel Bois, was auch den Blick auf ihre architektonischen Verdienste versperren würde. Zwischen 1953 und 1985 nahm sie an keiner Ausstellung teil. Auch im österreichischen Rundfunk und Fernsehen war sie über einen Zeitraum von mehr als zwanzig Jahren nicht präsent.
Die KPÖ half dann in der Not: 1954–1956 plante sie mit anderen Kollegen das Globus-Verlagsgebäude mit Druckerei-, Redaktions- und Versorgungstrakt am Wiener Höchstädtplatz. Dort wurde bis 1990 die KPÖ-Tageszeitung Volksstimme redigiert und gedruckt. Ein weiteres von ihr entworfenes Gebäude ist das unter Denkmalschutz stehende Volkshaus in Klagenfurt. 1956 gab sie Vorlesungen an der Technischen Hochschule Peking, 1963 war sie drei Monate lang für das kubanische Erziehungsministerium in Havanna tätig, wo sie eine Entwurfslehre für Kinderanstalten für das Erziehungsministerium entwickelte, und schließlich 1966 für ein halbes Jahr an der Bauakademie in Ostberlin. Seitdem wird sie fälschlicherweise dem „Bauhaus“ zugeordnet.
Volkshaus heute. Quelle: Von Johann Jaritz – Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0 at, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=21650495
Ihre architektonische Tätigkeit beendete sie 1968 mit dem
„Baukastensystem für Kindertagesheime“ für Österreich. Erst in den 1980er
Jahren wurde sie auch wieder öffentlich gewürdigt, erhielt vier
Ehrendoktortitel, schließlich eine Ausstellung über ihr Lebenswerk im Museum
für angewandte Kunst in Wien, wo sie 1993 als Vertreterin einer sozialen
Architektur gefeiert wurde. Die Überreichung des ihr 1988 zugesprochenen
Ehrenzeichens für Wissenschaft und Kunst durch Bundespräsident Kurt Waldheim
lehnte sie wegen dessen zweifelhafter Nazivergangenheit ab und nahm die Auszeichnung
erst 1992, als 95-Jährige, von seinem Nachfolger Thomas Klestil entgegen.
1989 wird sie mit dem ersten Preis an der Rietveld-Akademie in Amsterdam
ausgezeichnet für ihren Beitrag, „der Mehrheit der Bevölkerung ein besseres
tägliches Leben ermöglicht zu haben“. 1991 entwickelt sie nochmal Wohnbauprojekte
für die EXPO 1995 in Wien. Dazu betätigt sie sich auch als Publizistin und
veröffentlicht 1958 „Millionenstädte Chinas“, 1970 „Lernbereich Wohnen“ und
1981/82 ihre Memoiren „Erinnerungen aus dem Widerstand 1938-45“. Posthum erschien
2004 „Warum ich Architektin wurde“. Sie feierte ihren 100. Geburtstag 1997 mit
einem kurzen Walzer mit dem Bürgermeister von Wien, Michael Häupl, und äußerte:
„Ich würde es genossen haben, ein Haus für einen reichen Mann zu entwerfen.“ Sie
starb in Wien fünf Tage vor ihrem 103. Geburtstag an den Komplikationen einer
Grippe.
„in
Zukunft ganz andere Wohnformen“
Die hitzigen Debatten im Frankfurter Römer wenige Monate nach ihrem Tod führten fast zu diplomatischen Verwicklungen. Als „Kalte Krieger“ bezeichneten die Grünen die CDU, die SPD setzte derweil die Haltung der Union mit der des US-amerikanischen Kommunistenjägers Joseph McCarthy gleich. Selbst Städtebaubeirat Hubertus von Allwörden distanzierte sich von den „Diffamierungen“ der Union. Grund für die Kontroverse war der Antrag der Sozialdemokraten, eine Straße nach Schütte-Lihotzky zu benennen, womit ihr Verdienst um den sozialen Wohnungsbau in der Stadt gewürdigt werden sollte. Die CDU lehnte die Initiative ab mit der Begründung, sie sei eine „bekennende Stalinistin“ gewesen. Doch die Wogen glätteten sich, die Initiative erhielt später eine Mehrheit und ein Viertel in Frankfurt-Praunheim einen neuen Straßennamen.
Frankfurter Küche im MAK. Quelle: https://mak.at/jart/prj3/mak-resp/main.jart?rel=de&reserve-mode=active&content-id=1343388632778&article_id=1339957568483&media_id=1342703972708&menu-id=1343388632778
Allein vier Frankfurter Museen besitzen heute Frankfurter Küchen, aber
auch das New Yorker Museum of Modern Art und das Londoner Victoria and Albert
Museum. Das Prinzip der „größten Leistung bei geringstem Arbeitsaufwand“,
mit dem die Küche damals emphatisch beworben wurde, hat für manche Kritiker im
Zuge der Rationalisierung der Arbeitswelt aber einen Beiklang des Inhumanen
bekommen. Heute ähneln am ehesten noch Gastronomieküchen ihrem Urtypus, seien aber
viele Küchen inzwischen Vorzeigeobjekte als Wohn- oder auch Showküche und offen
einsehbar als Ort für Events und Kommunikation geworden, bei dem die Kochinsel
eine Art modernes Lagerfeuer symbolisiere. Offene Küche gleich offene
Gesellschaft, könnte man deuten.
Doch Lihotzky war mehr als eine Küchenerfinderin. Sie war Akteurin in einer Zeit des sozialen und ästhetischen Aufbruchs, in der sie mit der Emphase des Fortschritts und einem gehörigen Stück Optimismus auftreten konnte. Allerdings verschränkte sie das Bauen mit dem Gestalten einer neuen Gesellschaft zu einer gleichmacherischen Utopie im Sinne der Vergesellschaftung von Hausarbeit. Sie ist überzeugt, „dass wir für einen Teil der Bevölkerung in Zukunft zu ganz anderen Wohnformen kommen werden, etwa zu Einküchenhäusern, Kommune- und Servicehäusern, oder wie man sie auch nennen mag.“ Zudem werde man „wieder mehr in großen Gruppen, Wohn- oder Hausgemeinschaften zusammenleben“. Ob das eine erstrebenswerte Vision ist, mag jeder selbst entscheiden.
Was ein „Düffeldoffel“ sein mag, wusste er wahrscheinlich selbst nicht,
als er Helmut Kohl im März 1980 im Bundestag so titulierte. Andere Abgeordnete
kamen nicht so glimpflich davon. Den CDU-Abgeordneten Möller forderte er auf
„Waschen Sie sich erst einmal! Sie sehen ungewaschen aus“; der CDU-Abgeordnete
Wohlrabe wurde beim ihm zur „Übelkrähe“. Mit 77 Ordnungsrufen hält er bis heute
einen einsamen Bundestagsrekord: Herbert Wehner. Die laut CDU-Generalsekretär
Heiner Geißler „größte parlamentarische Haubitze aller Zeiten“ starb am 19.
Januar 1990.
Doch nicht nur mit seinen Worten, auch mit seinem Verhalten polarisierte Wehner. So ist inzwischen bekannt, dass er im Mai 1974 Willy Brandt den Rücktritt als Bundeskanzler aufzwang – und danach Krokodilstränen vergoss. Brandt-Intimus Egon Bahr berichtet, wie Wehner beim Eintritt Brandts im Fraktionssaal aufsprang, einen Blumenstrauß in die Höhe hielt und rief: „Willy, du weißt, wir alle lieben dich!“ Eine Fernsehkamera nahm zufällig Bahr auf, wie ihm Tränen über das Gesicht liefen. 2013 erklärt er das in der ZEIT mit seiner Fassungslosigkeit über Wehners Hinterlist, ja den „Abgrund von Heuchelei“: „Ich habe nicht über den Rücktritt geweint – das ist Quatsch. Ich habe über Wehners Ruchlosigkeit geweint.“
Herbert Wehner. Quelle: https://www.welt.de/img/geschichte/mobile116403168/8202505047-ci102l-w1024/Herbert-Wehner-beim-SPD-Bundesparteitag-1975-3.jpg
Hinzu kamen seit 2002 die Erkenntnisse des Hamburger Historikers Reinhard
Müller, der ausführlich darlegte, wie der damals bedeutende KPD-Politiker im Moskauer
Exil der dreißiger Jahre deutsche Genossen denunzierte und damit Mitschuld an
vielen Exekutionen trug. Zu Wehnerts Opfern gehören unter anderem der KPD-Funktionär
Leo Flieg, der frühere Sekretär Ernst Thälmanns, Erich Birkenhauer, und die
Komintern-Funktionäre Grete Wilde und Georg Brückmann. „Ich weiß, dass Herbert
kein Schuft war“, behauptete seine Witwe Greta nach seinem Tod.
dienstbeflissener
Mitarbeiter
Wehner wurde als ältester von zwei Söhnen eines Schuhmachers und einer Schneiderin am 11. Juni 1906 im Dresdner Stadtteil Striesen geboren, wo er – mit einer etwa vierjährigen Unterbrechung, die die Familie ins Erzgebirge nach Schneeberg und Lößnitz führte – auch aufwuchs und die Volks- und die Realschule besuchte. Seine Eltern waren protestantische Christen und gleichzeitig aktive Sozialdemokraten. Als der Vater in den Krieg marschierte, brachte die kranke Mutter die Familie zunächst mit 42 Mark je Monat durch. Bald musste Herbert mitverdienen. Er kam mit neun Jahren als Laufbursche zu einem Tischlermeister: Zwei Mark Wochenlohn. Sein großer Wunsch war die Schriftsetzer-Lehre, der traditionelle Start so manches arrivierten Sozialisten. Daraus wurde nichts. Stattdessen bekam er 1921 ein Stipendium für einen dreijährigen Ausbildungslehrgang zum Verwaltungsdienst. Man gab ihm zwar das Reifezeugnis, aber die Verwaltungslaufbahn blieb ihm dennoch versperrt. Er absolvierte anschließend in der Maschinenfabrik Hille eine Ausbildung zum kaufmännischen Angestellten. Im Januar 1923 trat er der SPD-Jugendorganisation bei, die er jedoch im Herbst schon wieder verließ: die SPD habe den Einmarsch der Reichswehr in sein Heimatland Sachsen unterstützt und damit Verrat an der Einheitsfront begangen, so seine Begründung.
Herbert Wehner (rechts) mit seiner Mutter Antonie und Bruder Rudi. Quelle: https://wehnerwerk.de/workspace/dokumente/flyer-herbert-wehner-geburtstagsfuehrung-am-11.-juli_1.pdf
Wehner ging zur Syndikalistisch-Anarchistischen Jugend Deutschlands
(SAJD), mit der er schnell in Konflikt geriet, da er für den bewaffneten,
revolutionären Kampf warb. 1926 trat er aus, formierte eine „Anarchistische
Tatgemeinschaft“ und trat der bakunistischen Roten Hilfe, deren Zeitung
„Revolutionäre Tat“ zum überwiegenden Teil von Wehner geschrieben wurde.
Zugleich lernte er Erich Mühsam kennen, der, nach dem verunglückten Münchner
Räte-Experiment zu einer Festungshaft verurteilt, amnestiert, später im NS-KZ
umgebracht, damals als „Anarchist“ galt. Sein Bekanntenkreis reichte von Lenin
bis Ernst Jünger, sein Programm hieß paradoxerweise „Linke Sammlung“. Mühsam
brachte ab 1926 in Berlin die Zeitschrift „Fanal“ heraus, Herbert Wehner,
zwanzigjährig, zog in dessen Wohnung und half ihm dabei. 1927 überwarf er sich mit
Mühsam, wurde Mitglied der KPD und noch im selben Jahr hauptamtlicher Sekretär
der Roten Hilfe Deutschlands in Dresden. Im selben Jahr heiratete er die
Schauspielerin Lotte Loebinger, beide trennten sich nach 1933 wieder.
Es folgte ein schneller Aufstieg innerhalb der Parteiorganisation. Wehner wurde schon 1930 in den Sächsischen Landtag gewählt und sofort Fraktionsvize. Dieser rasche Aufstieg endete allerdings abrupt mit dem Antritt des neuen Bezirkschefs Fritz Selbmann, der 1931 nicht nur für Wehners Entfernung aus allen Parteifunktionen, sondern auch für dessen Abberufung aus Sachsen sorgte und später in DDR Karriere machte. Nach Monaten als einfacher Parteiarbeiter wurde er 1932 zum Technischen Sekretär des Politbüros ernannt und hatte häufig Ernst Thälmann zu begleiten. Nach dem Reichstagsbrand ging er in den Untergrund und wirkte im Kampf gegen das NS-Regime in Berlin, Saarbrücken, wo er mit Erich Honecker zu tun bekam, Paris und Prag. 1934 konnte er ein letztes Mal illegal seine Eltern in Dresden besuchen.
1935 in Prag verhaftet und in die Sowjetunion abgeschoben, wohnte er ab 1937
im Emigranten-Hotel „Lux“ und entging Stalins Großem Terror, dem sehr viele
deutsche Exil-Kommunisten zum Opfer fielen. Müller weist nach, dass Wehner ein
ehrgeiziger, ideologisch besessener Überzeugungstäter war und Parteigenossen
genau beobachtete und denunzierte, wenn sie seiner Karriere im Wege standen
oder von der Parteilinie abwichen. Müllers Buch machte klar: Erst
dienstbeflissene Mitarbeiter wie Herbert Wehner brachten die stalinistische
Überwachungs- und Verfolgungsmaschinerie auf Touren. 1941 reist Wehner im Parteiauftrag
nach Schweden, um von dort aus den Wiederaufbau der kommunistischen Partei in
Deutschland zu organisieren. Nach seiner Verhaftung 1942 wird er wegen „Gefährdung
der schwedischen Freiheit und Neutralität“ verurteilt und bis 1944 inhaftiert.
Das Politbüro der KPD unter Leitung Wilhelm Piecks geht davon aus, dass Wehner
die schwedische Strafverfolgung dazu genutzt hat, sich dem Parteiauftrag zu
entziehen, den kommunistischen Widerstand in Deutschland zu organisieren, und
schließt ihn aus der KPD aus.
Einmal
Kommunist, immer Kommunist?
Während der Haft entstanden die Schrift „Selbstbesinnung und
Selbstkritik“ (1942) sowie die „Notizen“ (1946), in denen er Rechenschaft
ablegte und deutlich machte, dass er mit dem Kommunismus gebrochen hat. Nach seiner Entlassung 1944 arbeitet er in Schweden zunächst in
einer Viskosefabrik, anschließend als wissenschaftlicher Archivmitarbeiter und lernt
Charlotte Burmester kennen. Die Witwe des in Hamburg ermordeten kommunistischen
Widerstandskämpfers Carl Burmester hatte selber zwei Jahre im Gefängnis
gesessen. Schwer herzkrank, war sie 1935 haftunfähig in Freiheit gesetzt worden
und 1937 nach Schweden entkommen. Lotte schickte Wehner Lebensmittel und Bücher
ins Lager. Nach der Internierungshaft heirateten sie. Seither hilft Frau Lotte
nicht nur beim täglichen Auswerten der Zeitungen. Sie ist der einzige Mensch,
der Herberts unverbindlichen Habitus – „Ich bin kein Mann, auf den, wie aufs
Licht, die Motten fliegen“ – auflockern und mildern kann, und brachte die
Tochter Greta mit in die Ehe.
1946 nach Deutschland zurückgekehrt, wurde er Mitglied der SPD in Hamburg und rasch enger Vertrauter von SPD-Chef Kurt Schumacher. Er arbeitete als Redakteur für das Hamburger Echo und zog bei der Wahl 1949 als Abgeordneter für den Wahlkreis Harburg in den Bundestag ein. Für diesen Wahlkreis war er bis 1983 direkt gewählter Bundestagsabgeordneter, wurde bis 1966 zweimal zum Fraktionsvize gewählt und war bis 1973 außerdem SPD-Bundesvize. Auf Wehners Idee geht der 17. Juni als Tag der deutschen Einheit zurück. Sein Wiedervereinigungsprogramm umfasste 1954 u.a. einen verbilligten Urlauberverkehr Ost-West und auch West-Ost über die Zonengrenze, Gesamtdeutsche Sportmeisterschaften und Nationalmannschaften sowie die Angleichung von DM-West und DM-Ost durch Westkredite. 1959 war er maßgeblich an der innerparteilichen Durchsetzung des Godesberger Programms beteiligt, durch das sich die SPD endgültig vom Marxismus abwandte und auch programmatisch zur Volkspartei entwickelte. Mit seiner Grundsatzrede vor dem Bundestag am 30. Juni 1960 läutete er weiter den außenpolitischen Kurswechsel der SPD hin zur Westbindung und der Anerkennung der NATO-Mitgliedschaft ein. Markant wurde seine überdimensionale Pfeife.
Wehner mit Pfeife. Quelle: https://www.welt.de/img/regionales/hamburg/mobile116707824/5012508447-ci102l-w1024/Politik-SPD-HERBERT-WEHNER.jpg
Schon seit Ende der 40er Jahren stand er unter aktiver Beobachtung der Kommunisten,
es gab Kampagnen und Anschläge gegen den „Verräter“. Der Mainzer KPD-Sekretär
Wilhelm Prinz versuchte es mit pornographisch aufgeputzten Pamphleten, der Ex-Soldat
Oberbichler wurde mit Pistole und Messer geschnappt, gestand und verpfiff seinen
Auftraggeber, die KPD. „Der Plan war klar. Hätte man mich irgendwo mit eingeschlagenem
Schädel gefunden und Oberbichler als Täter verhaftet, dann hätten die
Interessenten sehr rasch eine Erklärung parat gehabt: Zwei Gangster. Politische
Motive hätte kaum jemand vermutet. Die KPD wäre draußen geblieben“, meint er
später. Aber auch Ost-Berlin versuchte es mit Spezialagenten und
Diffamierungskampagnen bei Adenauer: „Einmal Kommunist, immer Kommunist“, so
das Kalkül.
Im Kabinett der ersten Großen Koalition unter Kiesinger wurde Wehner 1966
Bundesminister für gesamtdeutsche Fragen; in diesem Amt hatte er beträchtlichen
Anteil am Freikauf politischer Häftlinge aus der DDR. Als
deutschlandpolitischer Spitzenpolitiker der SPD bemühte er sich darum, die
Folgen der Teilung Deutschlands für die Menschen zu mildern und setzte sich auch
für die Rückkehr der deutschen Kriegsgefangenen sowie Familienzusammenführungen
ein. Obwohl er nach 1969 mit einer Fortsetzung der Großen Koalition liebäugelte,
folgte er loyal Brandts sozialliberalem Kurs, wechselte vom Kabinett an die
Spitze der SPD-Fraktion und blieb dort während der gesamten Dauer dieser
Koalition. Der liebevoll bis respektvoll-distanziert „Onkel Herbert“ genannte Wehner
sorgte im Zusammenspiel mit seinem ebenfalls aus Dresden stammenden
FDP-Kollegen Wolfgang Mischnick für Fraktionsdisziplin und erwarb sich schnell
den Ruf eines „Zuchtmeisters“, ja „Kärrners“, der die Abgeordneten an der Seite
der Brandt-geführten Regierung hielt.
Sein Kabinettstückchen: Das Misstrauensvotum vom April 1972. Als CDU-Chef Rainer Barzel versuchte, sich zum Kanzler wählen zu lassen, ordnete Wehner das Fernbleiben der Fraktion von der Abstimmung an, weil er einen Stimmenkauf der Opposition befürchtete. Mit einer Ausnahme stimmten von der SPD nur die Mitglieder der Regierung ab, und Barzel fehlten schließlich wider Erwarten zwei Stimmen zur notwendigen Mehrheit. 1973 initiierte er auch die Gründung der Arbeitsgemeinschaft für Arbeitnehmerfragen in der SPD. Im selben Jahr reiste er zu einem geheimen Treffen mit Honecker in die DDR, als die plötzlich die Ausreisen gestoppt hatte, und besprach mit ihm humanitäre Fragen der deutsch-deutschen Beziehungen. Viele meinen, er soll seine eigenen politischen Spielchen gespielt und mit Honecker gegen Brandt kooperiert haben, um dafür zu sorgen, dass die deutsche Teilung unbegrenzt erhalten blieb. Wehner notierte schon im Frühjahr 1960, es werde wohl keinen direkten Weg zur Wiedervereinigung mehr geben. „Menschliche Beziehungen“ sollten die beiden Teile Deutschlands verklammern.
Der „Kärrner“ mit Schmidt und Brandt. Quelle: https://img.zeit.de/bilder/2006/27/zeitlaeufte/wehner-schmidt-brandt-410.jpg/imagegroup/wide__820x461__desktop
Der DDR-Spionagechef Markus Wolf berichtet in seinen Erinnerungen gar über
geheime Kontakte Wehners zur SED-Führung und dem DDR-Auslandsnachrichtendienst
und meinte, dass er zu Erich Honecker eine private Freundschaft entwickelte. Das
stand im Gegensatz zu seiner nach außen hin vertretenen antikommunistischen
Rhetorik. Die Kontaktabwicklung mit Wehner lief größtenteils über den Anwalt
Wolfgang Vogel. Wehners Kritiker hatten dem einflussreichen SPD-Mann seine
Läuterung durch das eigene Erleben des buchstäblich lebensgefährlichen Exils im
Moskauer „Hotel Lux“ nie abgenommen. Sie hatten vielmehr den Verdacht, der
gebürtige Dresdner könnte ein Gewährsmann der SED-Führung in Bonn sein. So
missachtete er in den Koalitionsverhandlungen mit der FDP schon 1972 bewusst
die Wünsche des damals erkrankten Willy Brandt: Angeblich habe er dessen Brief
„in seiner Aktentasche vergessen“.
Intrigant
und Manipulator
Nicht nur die Koalition bröckelte, auch sein Verhältnis zu Brandt:
„Brandt
führt nicht. Der Herr badet lau. Der Regierung fehlt ein Kopf.“ Mit diesen
starken, zutiefst illoyalen Sätzen zitierten Nachrichtenagenturen Ende Oktober
1973 Wehner, der sich auf seiner ersten Moskaureise seit seinem Bruch mit dem
Kommunismus mit seinem Vorgesetzten aus KPD-Zeiten getroffen und offenbar noch
schärfer gegen den Bundeskanzler ausgeteilt hatte. Brandts knappes Urteil: „Das
ist ein Verräter.“ Er ordnete an, sofort ein Sonderflugzeug nach Moskau zu
schicken, das Wehner umgehend zurückbringen sollte. Auf dem Rückflug sollte er
sein Rücktrittsschreiben als Fraktionschef unterzeichnen. Egon Bahr hielt Brandt
davon ab – und bereute das bis zu seinem Tod.
Dann, 1974, kam die Guillaume-Affäre, und Wehner stellt die Regierungsbeteiligung der SPD über alle Personalien. Brandt trat zurück, blieb aber Parteivorsitzender, und Bundesminister Helmut Schmidt übernahm die Kanzlerschaft – beides soll von Wehner gewünscht gewesen sein. 1979 stirbt seine zweite Frau, Stieftochter Greta dient ihrem Stiefvater schon länger als Sekretärin und Betreuerin und hatte dafür ihren Beruf aufgegeben. 1980 wurde er als einer von zehn Abgeordneten, die seit der ersten Bundestagswahl ununterbrochen dem Parlament angehörten, erneut ins Parlament gewählt – als Alterspräsident. Mit dem Bruch der sozialliberalen Koalition und der Wahl von Helmut Kohl zum Bundeskanzler 1982 fungierte Wehner für einige Wochen als Oppositionsführer und entschloss sich, bei den Neuwahlen 1983 aus Alters- und Gesundheitsgründen nicht mehr zu kandidieren. Nach seinem Rückzug machte sich bald eine diabetesverursachte Demenzerkrankung bemerkbar. Als er 1985/86 mit Greta, die er inzwischen als dritte Frau geheiratet hatte, auf Vermittlung von Wolfgang Vogel privat letztmalig das Erzgebirge und seine Heimatstadt Dresden besuchte, gab es nur wenige lichte Momente der Erinnerung. Greta, die Herbert um gut 27 Jahre überleben sollte, zog nach seinem Tod nach Dresden und gründete im Mai 2003 die Herbert-und-Greta-Wehner-Stiftung: „Ich wollte etwas von Herbert zurückbringen, weil er selbst nicht mehr zurückkonnte“, sagte sie n-tv.
Wehner im Erzgebirge. Quelle: https://media.saechsische.de/2/6/4/64bec10a3de6e6ff415d7ad60dd9fd61.jpg
Auch noch nach seinem Tod war Wehner Angriffen von politischen Gegnern
und Sensationsjournalisten ausgesetzt: So förderte der Spiegel 2014 zutage, dass Honeckers Geschenk zu Wehners 75.
Geburtstag, die Erzgebirgsschnitzerei „Holzschlepper“, die Stasi aus dem
Schneeberger Heimatmuseum entwendet hatte, und wunderte sich: „Ausgerechnet der
DDR-Geheimdienst, der den abtrünnigen Ex-Kommunisten Wehner nach dem Zweiten
Weltkrieg bis in die späten Sechzigerjahre mit Diffamierungskampagnen überzogen
und sogar Mord- und Entführungspläne gegen ihn ausgeheckt hatte, war bei der
Beschaffung von Honeckers Geburtstagsgeschenk behilflich gewesen“. Greta gab
die Skulptur danach dem Museum zurück.
Wehner gehört neben Willy Brandt und Helmut Schmidt einerseits zu den bedeutendsten SPD-Politikern der Nachkriegszeit, der die Partei aus dem Gespinst des Marxismus löste und sie an die Westbindung der Bundesrepublik heranführte. Seine Leitziele waren die Demokratisierung von Staat und Gesellschaft sowie die Integration der Arbeitnehmerschaft in das demokratische Staatswesen. Nach ihm sind u.a. in Hamburg und Dresden Straßen und Plätze benannt. Er erfuhr zahlreiche Ehrungen und Auszeichnungen, neben dem Bundesverdienstkreuz die Ehrendoktorwürde der Hebräischen Universität Jerusalem und die Ehrenbürgerschaft Hamburgs. Im Jahr 2000 war Wehner einer der „100 Dresdner des 20. Jahrhunderts“ der Dresdner Neueste Nachrichten. Die fast fertige neue Parteizentrale der sächsischen SPD in Dresden heißt Herbert-Wehner-Haus. Andererseits war der einstige Kommunist und KPD-Funktionär ein hemmungs- und rücksichtsloser Machtmensch, ein Intrigant und Manipulator. Das haben ihm viele Weggefährten zeitlebens nie vergessen.