Feeds
Artikel
Kommentare

In einem von Rankings und Quoten befeuerten „kulturellen Kapitalismus“ habe die Gesellschaft ihre Bindungskraft verloren – im Gegenteil gehe es jedem Individuum um die narzisstische Anhäufung von – überdies versatzstückhaftem – „Singularitätskapital“. Gewandelt zu einer globalisierten und digitalisierten „Superstar-Ökonomie“, die ihr Geld mit der Bewirtschaftung von Images und Narrativen macht, gehört in diesem Kapitalismus zu den Verlierern, wer oder was nicht als etwas Besonderes wahrgenommen wird. Im gnadenlosen Profilierungswettbewerb auf Märkten, die sich also weniger nach Leistungs- denn nach Attraktivitätskriterien definieren, leben die Gewinner, die eine hochqualifizierte, jedoch nicht klassisch vermögende neue Mittelklasse bilden, das eigene Leben nicht mehr, sondern legen aus Statusgründen mehr Wert darauf, ihr Leben zu „kuratieren“.

Die Märkte, Marktakteure und Marktmechanismen eines so entworfenen zeitgenössischen Vergesellschaftungssystems zu beschreiben ist das Anliegen von Andreas Reckwitz‘ Pamphlet „Die Gesellschaft der Singularitäten“. Dabei ist „Pamphlet“ bewusst gewählt, exerziert das Buch doch beispielhaft, was passiert, wenn ein Text auf einer falschen, aber politisch korrekt ausbeutbaren  Annahme gründet, die der Autor für wahr befindet und selbst bei deren Mehrfachversagen nicht revidiert, sondern blindlings zu Ende schreibt: hier in die Falschheit eines dekretierten Radikal-Individualismus hinein, der die psychische Gesundheit des Individuums unterminiert und damit letztendlich dessen Da-Sein als Mensch-Sein negiert.

Diese falsche Annahme ist die Unterstellung, dass seit ca. den 70er Jahren das quantitative Selektionsprinzip medialer Informationspräsentation zum qualitativen Existenzprinzip sozialer Informationsrepräsentation mutiert sei. Das Selektionsprinzip brachte ein Lokalredakteur der amerikanischen „Sun“, John B. Bogart, schon 1880 so auf den Punkt: „When a dog bites a man, that’s not news, but when a man bites a dog, that’s news.“ Oder, ebenfalls in Bogarts Worten: „News is what’s different“. Das Existenzprinzip wiederum formuliert Reckwitz bereits im ersten Satz seines Buchs: „Wohin wir schauen in der Gesellschaft der Gegenwart: Was immer mehr erwartet wird, ist nicht das Allgemeine, sondern das Besondere.“ Ist die Realität zum Massenmedium verkommen, sind wir alle zu (schlechten) Journalisten, im BILD-Sprech „Leserreportern“ degeneriert?

Es scheint in Reckwitz‘ Logik formal zu passen, diesen Mutationsprozess zunächst simpel als verabsolutierte Medialisierung zu begreifen: gerade Massenmedien transportieren inzwischen weniger Informationen denn Affekte. Das Buch offenbart da auch (ungewollt?)  kommunikationswissenschaftliche Gedankengänge, zumal man mit Bezug auf Novalis‘ Theorie des „Prozeß der Geschichte“, den jener gleichsam als Verbrennungsprozess interpretiert, auch elegant das Burn-out-Potential seines „Aktivismus-Diktats“ und der damit einhergehenden „Verzichtaversion“ mit seinen vielen Krisensymptomen (Depression als neue Volkskrankheit, Verlust von Gerechtigkeits- und anderen Maßstäben, Orientierungslosigkeit, Überforderung, ja Verabschiedung aus dem anstrengenden Dauerwettbewerb…) erklärt hätte, das der Autor seitenlang ausbreitet und dabei eine interessante psychologische These entwirft. Denn während gemeinhin gilt, dass eine Enttäuschung durch ein nicht erfülltes Erdachtes zur Depression führt, postuliert Reckwitz spezifischer ein „Enttäuschungsrisiko, wenn man den hohen Anforderungen an sich selbst nicht genügt.“

Allerdings nimmt Reckwitz keine der gängigen Prozessdifferenzierungen vor (bspw. nach kausalen, deterministischen und zufälligen, stochastischen) noch erklärt er die Instanz des „was“, die das Besondere erwartet. Dieses Weglassen alles Essentiellen, das die Gedankengänge und damit auch die Richtung des Textes beeinflussen könnte, ist ein leider immer wiederkehrender Aspekt des Buchs, das sich darin gefällt, die eine Oberflächlichkeit mit der anderen zu ersetzen: wir treffen viele außensichtige Schilderungen, die fast krampfhaft innensichtige Reflexionen zu vermeiden trachten.

Natürlich kommen dem Bewanderten sofort die dialektischen Gesetze in den Kopf, insbesondere das vom Umschlagen von Quantitäten in eine neue Qualität. Dass aber viele „Besonderheiten“ zu einem neuen Speziellen aufsteigen, hatte Engels damit nicht gemeint. Mit andern Worten: Reckwitz hört immer dann auf zu schreiben, wenn es wehtun könnte. „Insgesamt herrscht der Eindruck vor: Reckwitz bleibt erstaunlich gelassen angesichts seiner Diagnosen“, findet auch Andreas Richartz auf dem artblogcologne.

Ein Beispiel. Eine „digitale Bewirtschaftung“ der Gesellschaft konstatierend, fragt der Autor, was und wie im Internet bewertet würde, welche Bücher, Filme, Musikstücke als besonders und welche als bloße Massenware gälten. Da tobten Valorisierungs- und also Bewertungskonflikte, bei denen die Bedeutung der Gefühle nicht zu unterschätzen sei: Das Besondere zeichne sich dadurch aus, dass es uns anziehe und berühre. In diesem Sinne könne man von einem „affective turn“, einem starken Bedeutungsgewinn der Affekte in der Spätmoderne sprechen. Zu verstehen sei der auch als Reaktion auf einen Affektmangel in der Massengesellschaft der klassischen Moderne. Ermöglicht worden sei dieser Strukturwandel hin zur Gesellschaft der Singularitäten vor allem durch eine starke Kulturalisierung und Globalisierung der Ökonomie und einen Innovationsschub bei der digitalen Technologie.

Cover. Quelle: https://www.suhrkamp.de/cover/640/58706.jpg

Cover. Quelle: https://www.suhrkamp.de/cover/640/58706.jpg

All das ist zunächst einleuchtend und folgerichtig dargestellt. Entscheidend ist aber nicht dass, sondern wie und warum Bücher, Filme, Musikstücke… so positiv oder so negativ bewertet werden und von wem (Stichwort Fake-Accounts). Wer nur eine „Wertzuweisung“ konstatiert, ohne Werte, Wertende und Wertmaßstäbe in den Blick zu nehmen, kann notgedrungen nicht zu Tiefenbefunden gelangen. Man stelle sich vor, dass man bei einer halbstündigen Fahrt durch eine vormittägliche, studentisch geprägte Großstadt 20 Ampelkreuzungen passiert, und bei 15 davon erlebt man junge männliche Radfahrer, die rote Ampeln missachten. Am Nachmittag darauf sind es 3 an 13 Kreuzungen. Und zwei Tage später mittags wieder 7 an 16, und so geht das vielleicht ein paar Wochen fort. Natürlich kann man dann ein verkehrspsychologisches Buch über die Aggressivität junger männlicher Großstadt-Radler schreiben und darin behaupten, dass heute als normaler Verkehrsteilnehmer gilt, wer Rot für das neue Grün hält. Aber diese Behauptung ändert halt nichts an der Bedeutung der Farben oder setzt gar die StVO außer Kraft. Genau dieser Ansatz aber scheint der „Gesellschaft der Singularitäten“ zugrunde zu liegen. „In seiner Theorie der Spätmoderne verknüpft Reckwitz so ziemlich alle ärgerlichen und verwirrenden Auswüchse der Gegenwart zu einem logischen System“, tadelt Meredith Haaf in der SüZ. Mir fällt kein Buch ein, während und nach dessen Lektüre ich in den letzten Jahren so ratlos, verärgert, teilweise auch wütend war und dem Autor gedanklich mehrfach „Kehr um“ zugerufen habe.

Singularität als logischer Endpunkt der Standardisierung

„Was heute als exzeptionell gilt, kann morgen schon entwertet und als konformistisch oder gewöhnlich eingestuft werden“, lautet ein eher selbstverständlicher Befund in der Einleitung, dem sich bereits auf Seite 11 Reckwitz’ leitende These anschließt:

„In der Spätmoderne findet ein gesellschaftlicher Strukturwandel statt, der darin besteht, dass die soziale Logik des Allgemeinen ihre Vorherrschaft verliert an die soziale Logik des Besonderen. Dieses Besondere, das Einzigartige, also das, was als nicht austauschbar und nichtvergleichbar erscheint, will ich mit dem Begriff der Singularität umschreiben.“

In der Folge überträgt Reckwitz Phänomene singularistischer Lebensführung auf Lebensstile, Klassen sowie Subjekt- und Politikformen. Die Themenkreise, die jeweils einzelnen Kapiteln entsprechen, scheinen zunächst keiner logischen Selektion oder Reihung zu folgen: soziale Moderne, postindustrielle Ökonomie, singularisierte Arbeitswelt, digitalisierte Kulturmaschine, singularistische Lebensführung und „differenzieller Liberalismus“ als Ausdruck des neuen „Politischen“.

Der Autor erläutert zunächst das Entstehen und die Ursachen der von ihm so bezeichneten Singularitäten und stellt die Inhalte der einzelnen Kapitel vor. Auch im weiteren Verlauf des Buches werden den neuen Abschnitten kurze Zusammenfassungen des Vorhergesagten voran- sowie wichtige Kennwörter und Formulierungen kursiv dargestellt. Den formalen Leseerleichterungen stehen allerdings manche Wortungetüme („Authentizitätsperformanz“, S. 137, „apertistisch-differenzieller Liberalismus“, S. 373; oder „vernakuläre Kulturalisierung“, S. 385), ja ganze Schwurbelsätze gegenüber: „Kultur im starken Sinne hat in ihrer Valorisierungs- und Affizierungsstruktur immer die Form eines Nichtrationalen beziehungsweise eines Mehr-als-Rationalen jenseits der produktiven oder intersubjektiven Nützlichkeit.“ Nun ja.

„Prozesse der Singularisierung, Valorisierung und Kulturalisieriung“ würden in der Spätmoderne „leitend und strukturbildend“: Sie lösen eine „Logik des Allgemeinen“ ab, die noch für die alte, industrielle Moderne kennzeichnend war. Fließbandfertigung, Massenkonsum und Sozialstaat, so Reckwitz, hemmten und eliminierten in der industriellen Moderne das Außergewöhnliche zugunsten des Funktionellen, begünstigten das Kollektive zulasten des Individuellen – es herrsche der Geist einer normierten Normalität, in der „außengeleitete Charaktere“, „sozial angepasste Persönlichkeiten“ (Riesman)  ein regelhaftes Leben führten und an ihrer „Einpassung“ in die „nivellierte Mittelstandsgesellschaft“ (Helmut Schelsky) arbeiteten. Das kann man so sehen.

Die Orientierung am Besonderen könne allerdings für die Einzelnen auch zum Zwang werden. Durch die Abwertung des Mittelmäßigen und Konformen sei ein großer Profilierungsdruck entstanden, der nicht nur alle Lebensbereiche erfassen, sondern auch die Schere zwischen erfolgreichen und erfolglosen Menschen immer größer werden lassen könne. Ein Grund dafür sei, dass erbrachte Leistungen heute Erfolg nicht mehr garantierten. Auch das ist zunächst nicht falsch.

Für Reckwitz ist der Wandel vom Allgemeinen zum Besonderen, vom „Standardisierten“ zum „Einzigartigen“ der Kulturalisierung des Sozialen aber die einzige Ursache, die zur Entstehung der von ihm bezeichneten Singularitäten von Individuen, Dingen und Ereignissen führt. Diese Monokausalität negiert eine Vielzahl historischer Entwicklungen, die der Autor mit Ausnahme der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung (warum gerade der?) so gut wie nicht anspricht: das Verschwinden von Adel und Großbürgertum als richtungsweisender, kulturell-normativer Kraft;  der Siegeszug der Populärkultur, die sich mit Beginn der fünfziger Jahre sintflutartig ausbreitete; die Nachkriegsgeneration, die Entbehrungen nur vom Hörensagen kannte und für die Werte wie Pflichterfüllung und Aufopferungsbereitschaft keine Bedeutung mehr hatten; ein daraus resultierendes Hedonistentum, das einen Mangel an Lebensnotwendigem nicht kennt, da alles im Überfluss vorhanden war und ist – all das findet auf den über 400 Seiten nicht statt, leider nicht statt.

Denn wir haben es nicht nur mit einer Welt zu tun, in der zum Zwecke der Optimierung, Berechenbarkeit und Effizienzsteigerung normiert, typisiert, standardisiert und generalisiert wurde. Nein, systemische Abstraktion und Generalisierung ist zunächst das Grundprinzip von Wissenschaft. Das wiederum wirft sofort die Frage auf, ob eine Gesellschaft wünschenswert ist, die – überdies künstlich – erzeugte individuelle Gefühle dem objektivierten, wissenschaftlichen Verstand unterordnet, ja die eine „Klickökonomie der Wahrnehmung“ einer „Relevanzökonomie der Verarbeitung“ vorzieht. Diese Frage, wie viele andere auch, stellt Reckwitz gar nicht geschweige beantwortet er sie.

Generalisierung ist aber auch ein kognitiver Wahrnehmungsmodus: erworbene Erfahrungen geben der Informationsaufnahme und –verarbeitung eine Richtung vor, um diese Informationen ins System einzuordnen und handhabbar zu machen, d.h. adäquat zu handeln. Zu einer Systemänderung kommt es erst, wenn zu viele neue Informationen mit der alten Regel nicht mehr handelbar sind und eine neue aufgestellt werden muss. Jedes Curriculum verallgemeinert Bildungsfähigkeiten, jede Krankenkasse Erkrankungen, jeder Versicherer Versicherungsfälle, das ist ein völlig normaler Vorgang – der in Reckwitz‘ Kosmos aber denormalisiert, oder neudeutsch: dekonstruiert wird.

Der Autor spannt in der Einleitung auch ein kompliziertes Koordinatensystem auf, das den sechs Kapiteln eine nachvollziehbare Ordnung geben soll. So könnten zunächst fünf Einheiten des Sozialen zum Gegenstand von Prozessen der Singularisierung werden: Objekt und Dinge, menschliche Subjekte, Kollektive, Räumlichkeiten und Zeitlichkeiten – man kann durchaus von kompositorischer Singularität sprechen. Diese Prozesse ließen sich in – auch mehrfach auftretende – Praktiken der Beobachtung, der Bewertung, der Hervorbringung und der Aneignung differenzieren, die die Praxis des bloßen „Lebensstandards“ als Ziel in der alten Industriegesellschaft deutlich übersteige.

Die Einheiten des Sozialen wiederum ließen sich mit fünf – nicht trennscharfen – Qualitäten unterscheiden und qualifizieren: der ästhetischen, narrativ-hermeneutischen, ethischen, gestalterischen und ludischen (spielerischen). In jedem Kapitel werden dann pro Einheit, Praxis und Qualität die Phänomene aufgegriffen, die der Autor jeweils für relevant hält. Diese wiederholen sich nicht nur oft, es liegt auch in der Logik von Reckwitz‘ Kosmos, dass er alles mit allem verbindet, beschreibt, im Raum stehen lässt, 2 oder 20 Seiten später wieder aufgreift… daher ist die Besprechung nach Kapiteln auch nur eine hilfsweise, die die Stofffülle bändigen und zu viel Redundanz verhindern mag.

1 Der Themenkreis „soziale Moderne“

Die Industrie-Moderne war nach Reckwitz eine „Standardisierungsmaschine“, die Lebensläufe einander anglich – heute sei der Durchschnittsangestellte mit Durchschnittsfamilie eine „konformistisch erscheinende Negativfolie“. Dass ausgerechnet dieses traditionelle, fast schon als überkommen geltende Familienmodell aus wissenschaftlicher Sicht das Glück der Familie zu mehren scheint, wie die ZEIT jetzt, wissenschaftlich bestätigt, zugeben musste, ist da sicher eine lässliche Sünde. Der kulturelle Kapitalismus hingegen verlange von seinen Mitspielern, dass sich jeder als Besonderheit, als Singularität, als Individuum mit Alleinstellungsmerkmal vermarkte – man könnte auch „seriell eingeforderte Einzigartigkeit“ sagen, der Autor nennt das „Singularitätsprestige“. Allerdings: da nur dann in der Welt etwas gelte, wenn es interessant und wertvoll ist, herrsche in der von den sozialen Medien unterfütterten Überflussgesellschaft nicht mehr ein Mangel an Gütern und Informationen, sondern an Aufmerksamkeit und Wertschätzung.

Der fundamentale Strukturwandel unserer Zeit liege also in der Verschiebung der sozialen Logik: Das Singuläre – das Einzelne, Besondere, Hyperindividuelle – dominiere das Allgemeine. Während also die Moderne mit all ihrer Normativität, ihren Standardisierungen von Abläufen, ihren Ideal-Typen, ihrer Formatierung und ihren sozialen Begrenzungsmechanismen eine einzige „Generalisierungsmaschine“ war (Reckwitz‘ Hang zu Maschinenmetaphorik fällt durchaus auf), würden seit etwa den Achtzigerjahren die Global Player von Wirtschaft und Kultur daran arbeiten, Güter, Leistungen und Subjekte in den gegenteiligen Zustand zu bringen. Dazu könnte man fast „ökonomischer Machiavellismus“ sagen. Reckwitz spricht von der Kulturalisierung der Ungleichheit.

Insofern fände in unseren zeitgenössischen Arbeits-, Konsum- und Kommunikationsstrukturen nur gut Platz, wer ein Einzelner sein kann – mit bestmöglich ausgebildeten Kapazitäten und Kompetenzen. Gesellschaft ist in dieser Logik nicht mehr vorrangig dazu da, um Teil von ihr zu sein, sondern um vor ihr zu glänzen: man könnte das Zeitalter des Hyper-Individuums ausrufen. Reckwitz versteigt sich zu der These, dass wir das nicht der Selbstoptimierung wegen machen, sondern weil wir es auch so wollten. Wer uns umgibt, tut das nicht in erster Linie als potentieller Partner, Verbündeter oder Kontrahent, es gehe gar nicht so sehr darum, sich in ein Verhältnis zum anderen zu setzen. Wer uns umgibt, dient eher dem eigenen Wertabgleich. Da kann man auch gleich das Ende jeder Beziehung ausrufen bzw., um in Reckwitz‘ Diktion zu bleiben, von Entzweiungsmaschine reden. Ein fürchterliches Szenario: Schon Fortpflanzung ist auf eine (Zweier)Gemeinschaft gegründet, bei einer Familie sind es mindestens drei, die ein Verhältnis, auch ein Wertverhältnis, eingehen und leben, nicht aber sich in dasselbe „setzen“. Ein neues Entfremdungsbuch also? Ja, aber noch weit mehr.

„Das spätmoderne Subjekt“, schreibt Reckwitz, strebe „für sich und sein Leben nach Befriedigung im Besonderen“. Wertschätzung ist dann eine Erfahrung, die – in beruflichen, politischen, aber auch privaten Kontexten – aber immer seltener etwas mit Zugehörigkeitsgefühlen oder Sicherheiten zu tun hat, sondern immer häufiger mit eher flüchtigen Zuwendungen von Aufmerksamkeit. Auf dem Arbeitsmarkt ist das vor allem für diejenigen spürbar, die mit befristeten Verträgen oder als Sub-Unternehmer oder freie Mitarbeiter beschäftigt sind.

Denn: „Als singulär können dabei sämtliche Eigenschaften und Aktivitäten des Subjekts erscheinen: seine Handlungen und kulturellen Produkte, seine Charakterzüge, sein Aussehen und andere körperliche Eigenschaften, auch seine Biografie. Sie müssen jedoch in irgendeiner Weise performt werden, um nicht bloße Idiosynkrasie zu sein, sondern als Einzigartigkeit anerkannt zu werden” (S. 80). Die entstandene neue Mittelklasse sei stark geprägt von einem doppelgesichtigen Liberalismus. Zum einen habe der Wirtschaftsliberalismus zu einer Öffnung und Deregulierung der Märkte geführt. Zum anderen habe die Neue Mittelklasse sich aber auch kulturell und politisch geöffnet, einem linksliberal geprägten Kulturkosmopolitismus zugewandt. Im Gegenzug werde das Provinzielle stark abgewertet.

Auf diese doppelte Öffnung gebe es nun verstärkte Gegentendenzen. Reckwitz sieht hier ein Erstarken des „Kulturessenzialismus“. Rechtspopulistische, nationalistische, religiös-fundamentalistische, teilweise auch ethnische Gruppen würden kollektive Identitäten wieder stark machen. Sie setzten auf das Eigene, das Heimische und eine in sich homogene wie abgeschlossene Gemeinschaft. Diese Reaktionen würden vor allem getragen von der Neuen Unterklasse und der alten Mittelschicht.

Das liest sich wie eine soziologische Erklärung der Heimatbesinnung: den Phänomenen der Singularisierung wollen die singularisierungsunwilligen Neu- und Alt-Armen also eine erneute soziale, aber auch räumliche „Kollektivierung“ entgegensetzen. Indirekt bestätigt das Reckwitz durch seine Feststellung, dass sich auch andere „Kollektive“ formierten, die unter den Begriff der „Neogemeinschaften“ gebracht werden könnten. Was postmigrantische, regionale, aber auch nationalistische Kollektive verbinde, sei die starke Profilierung einer eigenen, besonderen Identität. Deutschland ist aber keine Neogemeinschaft!

Teile der Gesellschaft aber erwarten und verlangen Regulierung. Zum einen wirtschaftspolitisch, das gilt als „links“ und heißt „Obergrenze für Managergehälter“. Zum anderen gesellschaftspolitisch, das gilt als „rechts“ und heißt „Obergrenze für Einwanderung“. Nun zeigen aber die populistischen Wählerwanderungen in Frankreich und Italien, aber erst recht die von der Linkspartei oder der SPD zur AfD, dass diese Regulierungsbedürfnisse nicht klar in gut/links und böse/rechts zu trennen sind, sondern sich überschneiden: Reckwitz spricht von „Kommunitariern“. Es geht nicht nur um soziales Abgehängtsein, sondern auch um das Gefühl kultureller Herabsetzung im Sinne von Verächtlichmachung alles Tradierten.

2 Der Themenkreis „postindustrielle Ökonomie“

Dieses Kapitel kommt wie auch das nächste ohne die Fundierung bedeutsamer wirtschaftspolitischer Machtakte wie zum Beispiel die Deregulierung des Finanzsektors aus, wirkt teilweise harmlos und bleibt insgesamt eher bei einer Analyse des Verhaltens von Konsumenten und Arbeitnehmern. Reckwitz betont zunächst, dass „Singularisierung“ unter ökonomischer Perspektive ein funktionales Standardprodukt in ein Einzigartigkeitsgut verwandelt, indem sie dieses ästhetisch, affektiv und narrativ auflädt.

Andreas Reckwitz. Quelle: http://www.thomasius-club.de/wp-content/gallery/2016-05-andreas-reckwitz/Reckwitz_2.jpg

Andreas Reckwitz. Quelle: http://www.thomasius-club.de/wp-content/gallery/2016-05-andreas-reckwitz/Reckwitz_2.jpg

Er konstatiert einen systemischen Wandel der Ökonomie, einen Wandel von der Industriewirtschaft hin zu einem kulturellen Kapitalismus, der immer mehr zu einem Kapitalismus der Zeichen und Erlebnisse sowie der kreativen Objekte wird. Da dieser Wandel neue Konsumentenschichten und Absatzmärkte erschließe, habe die Ökonomie selbst ein Interesse an ihm. Gegründet sei er zum einen auf der medientechnologischen Entwicklung der Digitalisierung: Das Internet sei eine Plattform zur Profilierung von Singularitäten, denn nur diese zögen Aufmerksamkeit auf sich. Gegründet sei er zum anderen auf der Trägergruppe der neuen Mittelklasse als Produkt von Bildungsexpansion und postmaterialistischem Wertewandel, die die Singularisierung als zentralen Antrieb ihres Lebensstils begreife. Das deutet zwei Problemkreise an: die mediale Aufmerksamkeitsschlacht und den personalen Wertewandel.

„Noch bevor sich die Frage der Kommerzialisierung und des finanziellen Profits stellt“, bringt Reckwitz die Funktionsweise des „Kulturkapitalismus“ auf den Punkt, „wird die Einzigartigkeit selbst kapitalisierbar, das heißt, sie kann zum akkumulierbaren Kapital werden, das Erträge ganz ohne zusätzliche Arbeit abwirft.“ Man könnte das auch „soziale Fabrikation des Einzigartigen“ nennen. Denn Güter finden ihre Bewertung eher über die Art, wie sie sich präsentieren, weniger über die Frage ihrer tatsächlichen Nützlichkeit. Im alten Industriekapitalismus gab es Standardmärkte und Güter, die leicht über den Preis oder den Nutzen vergleichbar waren. Der kulturelle Kapitalismus lebt dagegen von Gütern, die den Anspruch haben, einzigartig zu sein.

Dieser Anspruch hänge jedoch von teilweise unberechenbaren Formen des Erlebens und Bewertens ab. Das beginnt bei den traditionsreichen Märkten für kulturelle Güter wie Kunstwerke, Literatur oder Musik: Hier herrscht, was Ökonomen als „the winner takes it all“-Märkte bezeichnen. Es gibt also Güter, die viel Aufmerksamkeit auf sich ziehen und als einzigartig valorisiert werden – wie bekannte große Musikstücke oder vielgelesene Romane. Und es gibt andere, denen die „Vermarktlichung“ ihrer Güter nicht gelingt, was dann eine Polarisierung nach sich zieht.

Wenn das Publikum als Zertifizierungsinstanz auftritt, verhält es sich widersprüchlich und unberechenbar. Die Unberechenbarkeit der Anerkennung, auf der der Erfolg von Singularitätsgütern als ungewisse Güter auf Nobody-knows-Märkten beruht, bedingt eine „Überraschungsökonomie“, da niemand vorhersagen kann, welcher neue Roman zum Bestseller oder welches Computerspiel zum Hit des Weihnachtsgeschäfts wird. Herausragende kreative Leistungen werden nicht immer erkannt und mit Wert bemessen, oft führen sie nicht zum Erfolg. Wenn Kreativität gesellschaftliche Anerkennung ermöglicht, kann ein Nachlassen der Fähigkeit die soziale Herabstufung oder den Ausschluss mit sich bringen.

Fast ist man an das Bonmot des legendären Bundestrainers Sepp Herberger erinnert: „Die Leute gehen ins Stadion, weil sie nicht wissen, wie es ausgeht“. Nicht mehr der Kampf um knappe Güter ist für die Spätmoderne konstitutiv, sondern der Kampf um die Aufmerksamkeit des Publikums und dessen Mobilisierung. Aufmerksamkeit muss gelenkt, intensiviert und gefiltert werden, ein höchst dynamischer Prozess. In diesem Sinne ist die Singularitätskultur im Unterschied zum auf Standardisierung und Marktförmigkeit ausgerichteten Spätkapitalismus eine höchst riskante Kultur.

So hat Klaus-Dieter Felsmann im Blättchen richtig erkannt, dass einen höheren Status erlangt, wer kulturelle Singularitätsgüter verfertigt, als jene, die sich um das Profane, Nichtsinguläre kümmern. Divergierende Lebensstile führen dann aber auch zur Polarisierung sozialer Räume. Die Orientierung am Wertvollen versuche die neue Mittelklasse in alle Bereiche ihres Alltags, weit über die klassische Kunst hinaus, einzubauen. Aber diese Wertzuschreibung ist mitunter hochgradig umstritten. Was ist denn wertvoll? Vegane Ernährung, eine Netflix-Serie, ein Reiseziel? Die Dynamik der Valorisierung des Wertvollen und Singulären prägt das soziale Leben aber in großen Bereichen, wovon bspw. Bewertungsportale im Internet künden. Dass man Bewertungen aber auch kaufen kann, lässt Reckwitz ebenso außer acht auch wie Andersons Theorie vom „long tail“, wonach Anbieter virtualisierbarer Produkte den Großteil ihrer Umsätze mit Nischenprodukten machen.

Wenn also Einzigartiges von Aufmerksamkeit und Bewertungsdiskursen abhängt, sind das soziale Prozesse, die ein bestimmtes Zufallselement aufweisen, das zu ergründen ebenso spannend wie nötig ist. Worauf richtet sich die Aufmerksamkeit, wem gelingt ihr Signalement, wie wird valorisiert? Mit industriegesellschaftlichen Kriterien der Leistungsgerechtigkeit sind diese Prozesse kaum mehr vereinbar. Das gilt für viele Bereiche der Ökonomie, ja der Gesellschaft insgesamt. Allerdings vermeidet Reckwitz sowohl die Frage, ob „Leistungsgerechtigkeit“ ein natürlich empfundener oder ein imaginierter, erdachter Zustand ist, als auch die Ergründung an sich.

Die Folgen allerdings thematisiert er sehr wohl: da im Unterschied zur organisierten Moderne, die Standardprodukte und (wachsenden) Lebensstandard zum Ziel hatte, die Ökonomie der Spätmoderne auf Singularität und Lebensqualität ausgerichtet sei, ist sie nicht leistungs-, sondern erfolgsorientiert und bringt für viele die frustrierende Erfahrung mit sich, dass sich Arbeitseinsatz und -erfolg entkoppelt haben. Es reiche nun nicht mehr, sein Arbeitspensum zu erfüllen – der „Selbstverwirklichungsimperativ“ verpflichte zu einem interessanten und erfüllenden Beruf, andernfalls man als Langeweiler aus den Aufmerksamkeitsmärkten aussortiert wird. Kein Wunder also, dass die Erschöpfungsdepression zum „emblematischen Krankheitsbild“ der Spätmoderne geworden ist. Es ist dies freilich ein Bessergestelltenleiden, quasi die Pathologie der Gewinner.

Der Kult des Singulären, Abweichenden, Besonderen erweist sich als eine der erfolgreichsten Strategien im Kampf um eine Aufmerksamkeit, die auch ökonomisch messbar ist: ein und dasselbe Tattoo etwa ziert nicht nur „viele“, sondern auch Fußballspieler oder Rockstar, emblematischen Figuren des Wilden und Ungezähmten, bei denen sich inszenierte Dissidenz und ökonomischer Erfolg verbinden. Gerade solche Stars aus Sport und Pop könnte man als Speerspitze jener Ökonomie der Singularisierung begreifen, die sämtliche Bereiche spätmoderner Gesellschaften durchziehen. Aber die Identifikation von Frustrierten mit Etablierten ist ebenso kurzfristig wie fraglich, und: Aufmerksamkeit setzt Reckwitz als Wert per se, vermeidet aber jede Diskussion darüber, wofür oder besser worin man diese investiert.

Vor allem aber: Laut Reckwitz ist das spätmoderne Subjekt zur Performanz in Permanenz angehalten. Es muss sich als einzigartig und attraktiv inszenieren, und das auch noch glaubhaft. Das Einzigartige aber existiert nur, indem es aufgeführt wird. Danach ist die Aufführung ebenso wie die damit verbundene Einzigartigkeit vorbei, die Existenz Geschichte, der Mensch geschichtslos. Wie könnte er da noch „Existenz“ beanspruchen? „Das Rating ist die narzisstische Introspektion eines Systems, das sich nicht mehr entwickeln kann. So wie jemand, dem nichts mehr einfällt, außer das Angesammelte immer wieder neu zu sortieren.“ (Metz/Seeßlen 2012)

3 Der Themenkreis „singularisierte Arbeitswelt“

Der eben angedeutete personale Wertewandel wird in diesem Kapitel unter arbeitsweltlichen Aspekten vertieft. Die Krise der Entkopplung meint auch eine Abwertung von Arbeitsweisen, die nicht der Idee des Besonderen entsprechen: Sie würden nicht mehr ernst genommen und auf diese Weise der Anerkennung beraubt. Auch so verhärten sich neue Grenzen zwischen Gruppen von Menschen. Auf der einen Seite stehen diejenigen, die an der kreativen – und doch gar nicht so kreativen – Industrie mitwirken, eigene Vorstellungen guten Lebens produzieren, die soziomedial zur Norm erhoben werden. Auf der anderen Seite stehen weit abgeschlagen diejenigen, die nicht an dieser Form der Produktion mitwirken können.

So wird das Besondere, was kreative und wissensproduzierende Berufe antreibt, zum Distinktionsmerkmal. Diejenigen, die nicht kreativ, besonders, innovativ sind, sondern „nur“ ihrer Arbeit nachgehen, verdienen in der Gesellschaft der Singularisierung keine Anerkennung:

„Grundlegend  ist nun ein Dualismus zwischen den hochqualifizierten Tätigkeiten in der Wissens- und Kulturökonomie einerseits und den einfachen Dienstleistungen sowie sonstigen standardisierten Tätigkeiten andererseits. Die qualifizierten Wissensberufe, die kulturelle Singularitätsgüter verfertigen, können in der Spätmoderne Legitimität, Status und Ressourcen beanspruchen, während die funktionalen, ‚profanen‘ Arbeiten an Legitimität, Status und Ressourcen verlieren.“

Das muss man erstmal sacken lassen.

In den fünfziger und sechziger Jahren dominierten sogenannte Pflicht- und Akzeptanzwerte: Es ging darum, so zu sein wie die anderen. Seit den siebziger Jahren werden Selbsterfüllung und Selbstverwirklichung immer wichtiger. Da spielt 68 eine Rolle, aber auch die lange historische Tradition der Romantik. Digitalisierung fördert die Singularisierung. Data-Tracking ermöglicht, den einzelnen Konsumenten zu adressieren. Vor allem aber ist das Internet ein Sichtbarkeitsmarkt in einer Radikalität, wie sie vorher nie da war. Man könnte sagen: Das Internet trainiert einen auf das Singuläre hin.

„Kein Arbeitnehmer mehr, nirgends“, erschrickt Berthold Vogel auf soziopolis. „Nur noch kulturalisierte Einzelkämpfer, die ihre singularisierte Marke zu Markte tragen und zuvorderst an sich selbst zu denken haben“, setzt er fort und zitiert – Schröders „Ich-AG’s“ lassen grüßen – das „unternehmerische Selbst“ ebenso wie den „Arbeitskraftunternehmer“ oder das „Kreativsubjekt“ bis hin zum projektgebeutelten „Netzwerker“.

Arbeit werde also nur noch nach dem Gelingen ihrer Performance und damit der Valorisierung durch das Publikum bewertet, nicht mehr unter dem Aspekt sachlicher Korrektheit. Indiz dafür seien z.B. die neuen Instanzen des Casting und des Assessment, die klassische Prüfungen nach formellen Korrektheits-Indizes abgelöst haben. Nicht das Können, sondern der Erfolg ist das letztlich entscheidende Kriterium sowohl in der Arbeits- als auch in der Produktionswelt. Aber da er unberechenbar, unvorhersehbar, unprognostizierbar sei, sind Arbeit und Produktion um ein vielfaches risikobehafteter als in der traditionellen Industriewelt. Ob diese Risiken andere, schwerwiegendere sind als zu nicht-singularistischen Zeiten, diskutiert Reckwitz – wir ahnen es – nicht.

Die Risiken seien gar unvermeidbar: Anders als im fordistischen Kapitalismus verlangt die neue junge Klasse des arrivierten Mittelstandes in ihrer Berufswelt mehr als das bloße routinemäßige Anfertigen und Abliefern von standardisierten Produkten. Andererseits sei die Herstellung von Gütern, die publikumswirksam sein wollen und damit in der Aufmerksamkeit mit vielen anderen Singularitäts-Gütern konkurrieren, ein hohes Wagnis. Gerade Individuen mit gesteigertem Selbstverwirklichungsanspruch bewegen sich in einer Spirale ständiger Auf- und Abwertung, in der sie sich nicht selten erschöpfen, weil der schnelldrehende Plattformkapitalismus nur wenige Stars und Unternehmen prämiert.

Man übersetze das mal in die Logik von „DSDS“ (RTL): vorgeblich Singende wetteifern vor vorgeblich Sangeskundigen, um nicht in ihren (profanen?) Berufen, sondern in der von ihnen gefühlten bis gewollten Berufung jene auch materielle Anerkennung zu finden, die andererseits nur ein kulturkapitalistisches Unterhaltungssystem gewähren kann, das sich der vorgenommenen Wertzuschreibung durch „Fremde“ sicher sein muss. Einem Glücksgriff stehen dann Unmengen von Misserfolgen gegenüber; und da die Länge dieses Erfolgs kaum planbar ist, muss nach einem Jahr der nächste „Glücksgriff“ her.

So gewann 2011 eben diese Casting-Show mit „Call My Name“ der damals 18jährige Pietro Lombardi, ein Schulabbrecher mit italienischen Wurzeln, der im Rahmen eines Minijobs auf 400-Euro-Basis als Swarovski-Steinleger in der Werkstatt eines Schmuckgeschäfts arbeitete. Seitdem macht er weniger Schlagzeilen mit vier teilweise verrissenen, eher erfolglosen Alben, sondern vor allem als Teilnehmer von Reality-Shows und Doku-Soaps sowie mit der multimedialen digitalen Vermarktung seiner Beziehung, Hochzeit, Vaterschaft und Scheidung (u.a. als Buchautor „Heldenpapa im Krümelchaos: Mein neues Leben“).

Noch in den 70er Jahren wäre ein berufsloser Mittzwanziger wie er von der Gesellschaft als geschiedener und gescheiterter Hallodri wahrgenommen worden. Nach einer wenige Wochen dauernden mediengestützten, singularisierenden Performance gilt er heute als deutscher TV-Star. Während man früher in seinem Leben ein Ziel verfolgte und so dem Leben einen Sinn gab, ist man heute der Kurator der permanenten Ausstellung seiner eigenen Biografie und erhebt deren Perfektionierung zum eigentlichen Lebenssinn. Es ist eine sehr stark nach außen gerichtete Lebensweise, die den Menschen in der Spätmoderne und durch ihre Faszination für das Singuläre gefangen hält. Sollten es tatsächlich solche Narrative wie die Lombardis sein, die der Autor unwidersprochen als kultur-, ja inzwischen gesellschaftsdeterminierend ansieht?

Pietro & Sarah Lombardi. Quelle: https://image.gala.de/20236164/uncropped-0-0/a8edbc88ed5abe6e005825c7d7f48716/ut/engels-ge--8970314-.jpg

Pietro & Sarah Lombardi. Quelle: https://image.gala.de/20236164/uncropped-0-0/a8edbc88ed5abe6e005825c7d7f48716/ut/engels-ge--8970314-.jpg

Die „neue Unterklasse“ nun entwirft Reckwitz so, als sei sie erst durch den singularistisch-kulturalen Strukturwandel besonders beleidigt, befindet Richartz, und nicht etwa durch die Tatsache, dass sie durch die Demütigungen z.B. des Hartz-IV-Systems permanent an ihre Minderwertigkeit erinnert wird. Interessanterweise räumt der Wissenschaftler der Beschreibung eben dieser „Abgehängten“ mit ihrem Hang zu populistischen Kultur-Essentialismen und neo-gemeinschaftlichen Identitäts-Bünden den geringsten Raum ein, obwohl es einem Soziologen innerhalb seines Entwurfs doch insbesondere um die Verantwortung einer Befriedung eben jener Gruppen als Vielheiten gehen sollte.

Doch Reckwitz beschreibt die neue singularistische Mittelklasse so repetitiv, bis der Leser ahnt, dass sich der Autor mit ihr am besten auskennt, weil er ihr entstammt: Bei ihm erscheinen alle akademisierten Subjekte mit wie auch immer gearteten kulturellen Berufshintergrund als Gewinner der Stunde. Das blendet nicht nur die Massen arbeitsloser Künstler, Musiker, Schauspieler und anderer Wettbewerber im Kreativ-Feld unserer Gesellschaft aus, sondern auch das Bildungs-Prekariat an sich. So absolut, wie Reckwitz den Einfluss der heutigen Akademikerklasse für den von ihm ausgemachten Strukturwandel der Moderne setzt, ist er faktisch wohl nicht. Ob da ein wenig private Rechtfertigung, gar Selbstgefälligkeit dahinter steckt? Dass die Bildungsexpansion Akademisierung bedeutet, was umgekehrt die mittlere Ausbildung entwertet, bleibt ebenso unreflektiert wie die Tatsache, dass durch das Überangebot von Akademikern und das Fehlen angemessener Arbeitsplätze die Unzufriedenheit innerhalb dieser Akademikerschicht zunimmt.

Das Primat des singularistischen Strukturwandels fußt für Reckwitz also auf drei Faktoren:

  • Die sozio-kulturelle Authentizitätsrevolution („Die Spätmoderne erweist sich so als eine Kultur des Authentischen, die zugleich eine Kultur des Attraktiven ist“ – auch diese interessante Gleichsetzung wird leider nicht diskutiert),
  • die Transformation zu einer postindustriellen Ökonomie der Singularitäten, die nicht nur die Sphäre der Güterproduktion umfasst, sondern auch „events“ wie etwa globale Sportereignisse, Konzerte, Filmfestivals mit ihrem mondialen Publikum (singuläre Ereignisse gestalten sich immer im Hinblick auf ein Publikum und ein Gesehenwerden – sie werden performt) und
  • die technische Revolution der Digitalisierung, die einerseits die Performance erst sichtbar macht und zur Geltung bringt, andererseits den (deutschen?) Arbeitsmarkt in Jobs für Hoch- und Niedrigqualifizierte spaltet.

Dabei sind Singularitäten keine statischen Faktoren in der Kultur, sie müssen immer wieder aufs Neue kreiert werden – durch die Praktiken Beobachten, Bewerten, Hervorbringen und Aneignen. Dadurch lösen sie in ihrer Prominenz die traditionelle Güterproduktion ab: Nicht mehr die Warenwelt ist jetzt begrenzt, sondern die Aufmerksamkeit und Anerkennung des Publikums. Güter – im umfassenden Sinne – sind in der gegenwärtigen Kultur nicht mehr knapp, sondern im Überfluss vorhanden. An ihnen herrscht kein Mangel, sondern eher Verschwendung, wie jüngst Berichte zeigen, wonach Amazon Ladenhüter und Rückläufer einfach vernichtet.

Dieser kulturelle Paradigmenwechsel bringt viele neue Probleme mit sich, die Reckwitz im Vortrag „Die Analyse des Kreativitätsdispositivs“ auf Vimeo genauer beschrieb: Sobald Kreativität gesellschaftlich eingefordert wird, gehen damit Leistungszwang und dauerhafte Konkurrenz einher. Bei einer Überproduktion kultureller Güter kann davon nur ein kleiner Teil vom Publikum wahrgenommen werden, vieles bleibt unsichtbar. Wer regelmäßig ästhetische Leistungen konsumiert und darin Genuss und Befriedigung findet, verliert bei Reizüberflutung seine Aufmerksamkeit und Konzentrationsfähigkeit. Es entsteht ein Gefühl, das Reckwitz eine „widersprüchliche Unbefriedigtheit“ nennt: man leidet darunter, dass es gleichzeitig zu viel und zu wenig Neues gibt, dass im Meer des vermeintlich Neuartigen nichts wirklich Neues mehr nachkommt. Letztendlich hat es das Kreativitätsdispositiv bisher nicht geschafft, tatsächlich neue Gesellschaftsmodelle zu entwickeln und durchzusetzen.

4 Der Themenkreis „digitalisierte Kulturmaschine“

Ein Schlüsselbegriff von Reckwitz, den er schon in seinem Buch „Gesellschaft und Ästhetik“ einführte, lautet „Kulturkapitalismus“ – der Prozess, an dessen Ende bestimmte Dienstleistungen oder Waren, Erfahrungen oder Räume kulturalisiert worden sind: Eine Bar mit den richtigen Gästen, ein neues Hotel in einem besonderen Space, eine bestimmte Handtasche – Aufenthaltsräume und Gebrauchsgegenstände erhalten im Kulturkapitalismus eine sakrale Qualität, eine Art „Aura“ (Walter Benjamin). Ihnen wird Einzigartigkeit zugeschrieben, sie werden als optimaler Ausdruck des Besonderen aufgefasst – und hochwertiger als einzigartig geht nicht. In Zeiten der technischen Reproduzierbarkeit wird nicht nur das Kunstwerk zur Ware. Nein, die Ware wird, wenn sie geschickt genug mit Bedeutung angereichert und im aktuellen Attraktivitätsdiskurs platziert wurde, zur Kunst.

Gesellschaft und Ästhetik. Quelle: https://www.suhrkamp.de/cover/640/29718.jpg

Gesellschaft und Ästhetik. Quelle: https://www.suhrkamp.de/cover/640/29718.jpg

„Die Gesellschaft der Singularitäten betreibt eine tiefgreifende Kulturalisierung des Sozialen. Sie spielt ein großes soziales Spiel von Valorisierung und Singularisierung einerseits, von Entwertung und Entsingularisierung andererseits und lädt Objekte und Praktiken mit einem Wert jenseits von Funktionalität auf“, schreibt Reckwitz und beschreibt damit, dass auch Kunstwerke zu einmaligen und wertvollen werden können. Aber wie genau das vor sich geht, erklärt der Autor eben nicht. Sein Modell bleibt ein deskriptives. Dafür überträgt er es vom Kunstmarkt auf andere Bereiche: kreative Arbeit, temporäre Projekte, persönliche Performance.

Die „creative economy“ sei das Vorbild, die „alte Mittelklasse“ der Angestellten und die Unterklasse der Dienstleister und Arbeiter gälten nichts mehr. Auch wenn man die Bedeutung der Kulturökonomie nicht ganz so hoch veranschlagt, lässt sich die mentalitätsprägende und gesellschaftlich polarisierende Kraft der beschriebenen Phänomene nicht abstreiten. Die creative economy ist nach Auffassung des Autors „von jenem Künstlerdilemma geprägt, das sich im 19. Jahrhundert ausgebildet hat“: Ihre Arbeit soll ihr, wie dem Künstler sein Werk, Sinn und Befriedigung geben. Gleichzeitig aber funktioniert dies nur, wenn sie den Bedürfnissen des Marktes und der Konsumenten entspricht. In der Arbeitswelt erwirtschaftet die Kreativbranche wesentlich weniger als die Automobilbranche.

Sozialer Träger dieses kreativen Wandels ist bei Reckwitz die „Creative Class“, die er aber nur vage definiert. Kreativ ist hier alles: das kulinarische Gewerbe, die IT-Unternehmen, die Wissenschaft. Wie sehr Reckwitz ein spezielles Segment im Auge hat, wird deutlich, wenn er das Spitzenrestaurant als Beispiel der Kreativbranche nennt. Allerdings spricht er bei der Beschreibung dieser kulturtragenden Schicht die Sprache von Trendbüros und Eventmanagern: Man liest von einzigartigen Kompetenzbündeln, einmaligen, gleichwohl seriellen Events, Kreativindividuen, die mühelos zwischen Schubert und Sneakers wechseln, und von Projektarbeitern, die ihre ganze Persönlichkeit in ihre Tätigkeit setzten. Die durchaus stupide Arbeit in diesen Branchen fällt unter den Tisch, denn Reckwitz‘ Kulturbegriff zielt auf das, was von den Akteuren oder ihren Arbeitgebern selbst als besonders gewertet wird – ob auch originell, sei dahingestellt.

Reckwitz hält daran fest, dass Wirtschaft und Gesellschaft flächendeckend dem ästhetischen Imperativ der Kulturökonomie unterstehen. Warum fortbestehende Routinen als bloßer Hintergrund der Singularisierung zu betrachten sind, begründet er nicht. Ebenso wenig, dass es eigentlich um eine Doppelbewegung von Standardisierung und Singularisierung geht, wie sie sich beispielhaft in den Rasterbildungen des Big-Data-Sektors ausdrückt. Stattdessen führt er aus, dass die Selbstdarstellung als Mittel zum Zweck der Vermehrung des eigenen kulturellen und sozialen Kapitals das Zentrum dieses neuen Gesellschaftsspiels bildet. Wer nicht dabei sein will oder kann, muss sich letztlich auch politisch artikulieren. Reckwitz sieht in diesem schleichenden Prozess der Ausgrenzung der prekären oder eher konservativ eingestellten Bevölkerungsanteile auch einen wichtigen Grund für das Erstarken neuer Parteien am rechten Rand des politischen Spektrums.

Ein interessanter Gedankengang, denn auch Gemeinschaften bewegen sich zu großen Teilen auf kulturellen Märkten: Identitätspolitik, Kulturnationalismen, selbst religiöse Fundamentalismen sind alles andere als ausschließlich mit sich selbst beschäftigte Subkulturen, sondern konkurrieren mit Gütern, Waren und anderen politischen Instanzen auf einem Sichtbarkeitsmarkt der Identitäten um Attraktivität und Anhänger. Da sind nun allerdings die Grenzen zur Gleichmacherei von allem und jedem fließend; das ist weder kulturspezifisch noch politisch hilfreich.

Außerdem berge dieser Trend zur Selbstverwirklichung und permanenten Selbstdarstellung jede Menge Enttäuschungspotenzial: Wer den Sinn seines Lebens nicht in sich selbst, sondern in seinem Erscheinungsbild und dem schwankenden Urteil der Anderen sucht, muss sich auf Rückschläge gefasst machen. Die Welt der Spätmoderne ist aber eine Welt im Getriebensein durch einen Zwang zu Selbstvergewisserung und Bewertung, eine Welt der permanenten Sucht nach Anerkennung: durch Selfies, Kommentare und Facebook-Einträge, Instagram-Feeds, Votes und Likes. Ohne diese permanenten Bestätigungs-Rituale fehle der Existenz die quantifizierbare Rückversicherung und der Selbstbestätigung der Nachweis von außen. Lieber Kinderbilder liken als selbst Kinder haben, ist man versucht zu behaupten.

Indem man dem Zwang zu bewerten nachgäbe, nähme man teil an dem großen Spiel der gegenseitigen Bestätigungen, und indem man sich möglichst schillernd, aufregend und singulär präsentiert, sublimiere man den Verlust allgemeiner und gemeinschaftlicher Merkmale, die früher tragfähig und Identität stiftend waren, heute jedoch nicht mehr ausreichen, um einen entsprechend hohen Preis für eine (imaginierte) Attraktivität zu erzielen. Daneben ist dieser neue urbane, kosmopolitische und auf neuen kulturellen Praktiken basierende Lebensstil nicht in allen Gesellschaftsschichten angekommen. Der Trend zum Besonderen wird bei Reckwitz von der Digitalisierung und der Kultur jener neuen Mittelklasse vorangetrieben, die ganz auf Selbstentfaltung setzt und im „authentischen“ Konsum zu sich selbst findet.

Den Widerspruch zur Kuratierung sieht er nicht, wohl aber Thomas Steiner, der in der Badischen Zeitung völlig zu Recht darauf verweist, dass es bspw. im Kino nicht darum geht, den neuesten Umweltfilm eines Ex-US-Vizepräsidenten zu sehen, sondern vielleicht nur darum, sich einen schönen Abend zu machen: Thriller oder Komödie ist keine Frage der Singularität, sondern des bevorzugten Genre. In allen diesen Fällen geht es nicht um das Besondere, sondern um das Gleiche, das Gemeinsame, das Gewohnte. Konformität statt Singularisierung.

Im Kampf um Sichtbarkeit vor allem in den sozialen Medien wird zur Gretchenfrage, was die Menschen antreibt – oder ob sie vielmehr Getriebene sind. Eine interessante Ferienreise kann man machen, weil man selbst für sich neue Impulse und Erlebnisse sucht; andererseits kann man die Fotos davon auf Instagram verbreiten. Und nur wenn diese unvergleichlich sind, haben sie eine Chance auf Sichtbarkeit. Beide Motivationen können sich gegenseitig verstärken, aber auch in einen Widerspruch münden. Denn in der gegenwärtigen Hyperkultur gehe es nur um Versatzstücke, die man sich von außen nimmt und dann anzueignen versucht, so Reckwitz in einem Interview. Die Singularisierung sei kein Spiel mit Etiketten, sondern eine Praxis, die einen die Dinge anders betrachten, in ihrer Komplexität wahrnehmen lässt.

Der Kampf um Absatz und Aufmerksamkeit in der globalen Konkurrenz und die Vermarktlichung des staatlichen Sektors machten dennoch den „Performer“ zum Leitbild, der, um seinen Markenwert zu halten, auf sich aufmerksam machen muss. Statt „nur“ eine bestimmte Qualifikation zu haben, sollte es ihm vielmehr darum gehen, „unvergleichliche Profile und außergewöhnliche Leistungen zu erbringen“. Der Laufsteg der Besonderheiten ist das personalisierte Internet, das eine narzisstische Subjektbildung fördert und über den digitalen Plattformkapitalismus eine Spirale ständiger Auf- und Abwertung am Laufen hält. Im Grau versinken darüber die Tugenden der industriellen Moderne: Konstanz, Pflichtbewusstsein, Gewohnheitsethos.

5 Der Themenkreis „singularistische Lebensführung“

In diesem Kapitel, das durchaus als Verlängerung des Kulturkapitels und dramaturgischer Höhepunkt in einem Buch zu lesen ist, in dem insgesamt kaum ein Spannungsbogen angelegt scheint, kulminieren die Thesen von Reckwitz. Aus meiner Sicht stehen drei im wissenschaftlichen Fokus, die auch andere Rezensenten mehr oder minder ähnlich gewichtet wiederspiegelten:

  • 1) die auch demokratietheoretisch bedeutsame Begründung der Um- und Neu-Schichtung von Klassen mit Gewinnern und Verlierern,
  • 2) der Diskurs um das „Kuratieren“ des eigenen Lebens, oft unter Einbezug der Touristik,
  • 3) die Argumentation zur Um- und Abwertung tradierter Vorstellungen u.a. im Bildungssektor.

Zu 1) Während bis etwa Mitte der 1970er Jahre die gesellschaftlichen Unterschiede so gering waren, dass  Helmut Schelsky den Ausdruck der „nivellierten Mittelstandsgesellschaft“ prägen konnte, hätten wir es heute mit einer diversifizierten, durch den Prozess der Digitalisierung befeuerten kulturellen Klassengesellschaft zu tun, in der eine singularistische, medial narzisstische Lebensführung ebenso ermöglicht wie erwartet wird, um einen Attraktivitätsmarkt zu bedienen. Es entstehe eine kulturelle Klassengesellschaft, in der es Gewinner und Verlierer gibt.

Gab es einst in der nivellierten Mittelstandsgesellschaft eine Art Fahrstuhleffekt, bei dem alle in gewisser Weise vom wirtschaftlichen Aufschwung profitierten und die Lebensstile eher konformistisch ausgerichtet waren, dominiert in der kulturellen Klassengesellschaft ein „Paternostereffekt“, d. h. es kommt zur Vergrößerung der Abstände zwischen einer neuen Mittelklasse mit hohen Bildungsabschlüssen als diffuse Summe von Einzelkämpfern und einer neuen Unterklasse mit niedrigen formalen Abschlüssen, wie Reckwitz schon zuvor formuliert: „Diese Polarisierung auf der Ebene von Bildung und kulturellem Kapital ist das zentrale Merkmal, welches die Sozialstruktur der spätmodernen Gesellschaft prägt“ (S. 280). Dabei bediene sich die neue Mittelklasse ungeniert im gesamten kulturellen Ressourcenhaushalt, inklusive der Vergangenheit, so Reckwitz in einem Zeit-Interview:

„Man wohnt in Altbauwohnungen, hat ein Tattoo und macht Tai-Chi – historische Tradition, geografische Fremdheit und fremde Klasse werden sich angeeignet, alles drei übrigens ein sehr guter Fundus für das Singularisierungsspiel.“

Neben diesen beiden Klassen unterscheidet Reckwitz noch eine sehr kleine Oberklasse und die „alte“, d. h. nicht-akademische Mittelklasse. Superreichtum ist zwar unter Gerechtigkeitsaspekten skandalös, aber nicht das prägende Element für die Sozialstruktur der westlichen Gesellschaften. Mit einer Oberschicht müsste allerdings über eine Viertelgesellschaft gesprochen werden, was wiederum die wohlgeordneten Koordinaten im vorliegenden Theoriegebäude leicht durcheinander bringen würden, konstatiert Felsmann. Die Mittelklasse ist gekennzeichnet durch ein mittleres kulturelles und ökonomisches Kapital und bildet ca. ein (tendenziell schrumpfendes) Drittel der Bevölkerung.

Eingezwängt zwischen ca. je einem Drittel Unter- und einem Drittel neuer Akademikerklasse versucht die alte Mittelklasse wie ein soziales Auslaufmodell noch einen „normalen“ Lebensstil zu führen, der allerdings immer weniger „allgemeingültig ist, er ist nicht mehr Mitte und Maß, sondern lediglich Mittelmaß“ (S. 282). Einst etwas Positives, Allumfassendes, würde „Mitte“ heute eher mit dem Durchschnittlichen assoziiert. Diese Defensive der alten Mittelklasse greift er in seinen politischen Betrachtungen erneut auf, um damit Wahlerfolge populistischer Parteien zu erklären.

Gesellschaftlich wirkt sich das Gebot des attraktiven Lebensstils als Kulturalisierung der Ungleichheit  aus. Weniger Vermögensverhältnisse als die soziale Norm der Auffälligkeit führen dazu, dass sich eine in der alten Pflichtethik gefangene Unterschicht mühsam durch ein als wertlos empfundenes Leben kämpft. Der Lebensstil der „Kulturalisierungsverlierer“ ist defizitär, ohne Perspektive auf Lebensqualität und Anerkennung. Sie leben ein Leben mit zerstückelten kurzen Einzel-Zeithorizonten, bei dem es nur darum geht, Störfälle zu vermeiden bzw. zu überwinden. Ein besonderer krasser Fall sind Attentäter, die den gesteigerten Wert des Besonderen usurpieren und ins Makabre verkehren. Reckwitz versteht sie als Rache der Deklassierten an einer als erdrückend empfundenen Meritokratie.

Der Autor konzentriert sich – worauf er ausdrücklich hinweist – auf jene neue akademische Mittelschicht und deren Versuch, gegenüber den neuen Anforderungen an die individuelle Persönlichkeit (Identität, Authentizität), Performance im gesellschaftlichen Umfeld und in der Arbeitswelt zu bestehen. Gleichzeitig wird auf das sich ändernde Verhältnis bzw. auf die wachsende Kluft der sozialen Schichten zueinander und deren Ursachen hingewiesen: Ein Drittel Akademiker – das gab es zuvor nicht. In den fünfziger Jahren war das noch eine winzige Elite von fünf Prozent der deutschen Gesellschaft. Diese große neue Gruppe forciere einen Wertewandel, weg von Normen und Pflichten hin zu Selbstentfaltung und Liberalisierung.

An dieser Stelle bereits kommen mindestens drei Schlüsse in den Sinn – dem Leser intensiver als Reckwitz. Zum ersten bedingt das Verschwinden der Mitte eine politische Krise: Eine Gesellschaft, die einer sozialen Logik der Besonderheit folgt, die permanent damit beschäftigt ist, Eigenschaften zu bewerten, verliert die Dynamik der Gemeinsamkeit. Und ganz ohne die ist demokratische Handlungsfähigkeit nicht denkbar. Was hält da ein Gemeinwesen noch zusammen? Distinktion statt Solidarität – sollte das wirklich die Verhaltensmaxime der spätmodernen Gesellschaft sein, stehen wir am Anfang neuer Klassenkämpfe. Zwar wurde in der Folge der emanzipatorischen Revolte von 1968 normierter gesellschaftlicher Pflicht- und Verbotskanon hinweggefegt, dabei aber auch das Allgemeine dereguliert und durch einen radikalen Selbstverwirklichungs- und Besonderheitsanspruch des Einzelnen ersetzt, der jetzt bittere Früchte trägt.

Die extremen Unterschiede zwischen Arm und Reich verschärfen die Entwicklung drastisch und lassen, was verbindet, immer mehr in den Hintergrund treten. Das ist Gift für eine soziale und politische Landschaft und eine reale Gefahr für die Demokratie – zumal Reckwitz an keiner Stelle die Grenze zwischen Individualismus und Egoismus thematisiert: aus dem Text lässt sich eine solche ebenso wenig herausfiltern wie die negativ konnotierte Charaktereigenschaft. In der DDR lebte die Mehrheit der Bevölkerung ein „gesamtgesellschaftliches Verantwortungsgefühl“, das sich zunehmend als völliger Gegenentwurf zum Egoismus entpuppt und seine populistisch-patriotische Anverwandlung nicht leugnen kann: wer asozial unverantwortlich handelt und nicht an die Zukunft der Kinder und des Landes denkt, gilt als End-Gegner.

Die Kehrseite solcher Entwicklung ist das Risiko, dass die neue Mittelklasse, die alte Mittelklasse und die neue Unterklasse selbst wie Parallelgesellschaften nebeneinander existieren, weil es wenig gemeinsamen Erfahrungs- und Diskursraum mehr gibt, gesteht Reckwitz selbst ein. Aber ist die Idee wirklich ein „populistischer Mythos“, das Rad zurückzudrehen „in die kulturell homogenen, staatlich regulierten Gesellschaften der industriellen Moderne“? Der Autor relativiert selbst, dass in der Gesellschaft der Singularitäten zwar immer mehr Besonderheiten, Außergewöhnlichkeiten, kulturelle Partikularismen florieren, aber die Politik hier stärker regulierend eingreifen sollte mittels einer Reform des Liberalismus: von einer auf Differenzen und Öffnung setzenden Variante zu einer stärkeren Regulierung des Sozialen und Kulturellen, da  es letztlich darum gehe, „das Allgemeine gegenüber dem Besonderen neu auszutarieren“. Wie diese Regulierung aber vonstattengehen kann, ohne zugleich historisierend zu sein… An dieser Stelle drängt sich dem Leser, wieder mal, der Begriff „Wunschbild“ auf.

Zum zweiten die unausgesprochene Synonymität von „besonders“ und „erfolgreich“, deren abstruse Auswüchse oben schon bei Lombardi gezeigt wurden. Ist der, der heraussticht, auch gut? Dass er der bessere Selbstdarsteller und -vermarkter und damit Aufmerksamkeitsfänger ist – klar. Aber ist er auch der bessere Arbeiter, Angestellte, Künstler, ja Politiker – oder ist es nicht eher so, dass Fristigkeit im Effekt auch Fristigkeit im Erfolg nach sich zieht? Denn das Singuläre wendet sich gegen Verallgemeinerungs- und Angleichungsbestrebungen einer routinisierten Arbeiter- und Angestelltentätigkeit, wie sie in der fordistischen Moderne vorangetrieben wurden: Effizienz, Rationalität, Sachlichkeit, Standardisierung, Routine, Normativität und Affektarmut; ja kippt sie ins Gegenteil.

Das zeitgenössische Subjekt, welches laut Reckwitz das Neue gegenüber dem Alten, das Abweichende gegenüber dem Standard, das Andere gegenüber dem Gleichen bevorzugt, bezieht aus der Arbeit an der Besonderheit das Gefühl einer Souveränität, die es nicht nötig hat, sich an überkommene Regeln zu halten. Doch die neuen Sieger sollten nicht allzu früh frohlocken, da sie der Paternoster-Effekt ganz schnell wieder nach unten führen kann, wenn sie im großen Präsentationsspiel der Einzigartigen nicht dauernd am Ball bleiben.

Zudem sind nach Reckwitz‘ Rechnung zwei Drittel gegenüber einem avantgardistischen Drittel in die Defensive geraten, d.h. die mediale Präsenz dieses einen Drittels begründet deren kulturelle Dominanz – mit dem auch oben schon erwähnten Phänomen erfahrener kultureller Entwertung und Herabsetzung. Denn während die alte Mittelklasse sich zwar materiell behauptet, gerät sie kulturell ins Hintertreffen und empfindet dies in einem kulturalisierten Kapitalismus als Niederlage. Die „neue Unterschicht“, die weder durch Bildung noch durch Geschäft ihren Status festigen kann, ist es, die an allen Fronten verliert.

Und zum dritten mag man vielleicht statistisch eine akademisches Drittel konstatieren – das aber sagt nichts über das Niveau dieser Akademiker aus und erst recht nicht, dass damit oft die bestenfalls Mittelmäßigen zur Elite werden, die dazu nicht berufen sind. Die Klagen über die Studierfähigkeit von Abiturienten samt ihren desaströsen Deutschkenntnissen gehörten hier ebenso hin wie die Trennung von Leistungs- und Funktionseliten: letztere maßen sich als Verwalter die Rolle von Gestaltern an. Im Westen gibt es mehr Menschen mit akademischen Abschlüssen als je zuvor, und auch wenn sie nicht die materiell reichste Schicht bilden, so verfügen sie aber über Einfluss, Deutungshoheit und Geschmacksherrschaft. Es sind ihre Werte und Ideale, die in den Medien überrepräsentiert sind, ihre Interessen, die politisch geltend gemacht werden, ihre Ideen, die Diskurse prägen.

Zu 2) „Die neue Mittelklasse kann nicht nur auf berufliche Anerkennung zählen, sondern entfaltet eine kulturorientierte kuratierte Lebensführung, in der sie in allen Bereichen – von der Gesundheit bis zum Kosmopolitismus, von der Bildung und Erziehung bis zum Wohnumfeld – am hohen (ethischen und ästhetischen) Wert arbeitet und als Trägerin eines wertvollen ‚guten Lebens‘ erscheint“, lautet ein Diktum von Reckwitz. Ein anderes:

„Die geschmackliche Dichte des Essens, die Vielseitigkeit eines Reiseziels, die Besonderheit des Kindes mit all seinen Begabungen, die ästhetische Gestaltung der eigenen Wohnung – überall geht es um Originalität und Interessantheit, Vielseitigkeit und Andersheit“.

Das Gute wird zum guten Gewissen; das Schöne zum ethisch Korrekten, könnte man zusammenfassen. Diese Doppelhelix des ausgestellten Schönen und Guten, bspw. als gutes Gewissen in geschmackvollem Wohnumfeld, das Ineinssetzen des Satten und Selbstgerechten kann auch Abscheu hervorrufen. Den Sozialtypus identifizierte der amerikanische Essayist David Brooks schon vor über 20 Jahren, in den Jugendjahren des kulturellen Kapitalismus, mit ironisch gebrochener Zustimmung als „Bobo“: bourgeoise Bohemiens, deren anspruchsvoller (und preisintensiver) Lifestyle das ethisch Korrekte mit einschließt und nach einer originellen Synthese des zugleich Saturierten und Liberal-Offenen sucht.

Solche Originalität stellt sich allerdings nicht von selbst ein, sie muss „kuratiert“ werden, ob es nun um Essen, Reisen, die Wohnung oder auch die Partnerschaft geht. Wo früher die Querschnittspraxis das Konsumieren als „Verbrauchen“ war, ist heute die Querschnittspraxis das Kuratieren als „Gebrauchen“. Früher befand sich der Konsument in der Rolle des Wählenden, heute findet die Wahl nicht mehr nach zweckrationalen, sondern nach kulturellen Kriterien statt. Die Optionen sind nicht mehr vorgegeben oder normativ zwingend, sondern konkurrieren als Möglichkeiten zueinander, für die man sich nur unter bestimmten Umständen wirklich entscheiden muss.

Eine der entscheidenden Erklärungen von Reckwitz lautet: „Singularisierung meint aber mehr als Selbstständigkeit und Selbstoptimierung. Zentral ist ihr das kompliziertere Streben nach Einzigartigkeit und Außergewöhnlichkeit, die zu erreichen freilich nicht nur subjektiver Wunsch, sondern paradoxe gesellschaftliche Erwartung geworden ist. Markant ausgeprägt ist dies in der neuen, der hochqualifizierten Mittelklasse, also in jenem sozialen Produkt von Bildungsexpansion und Postindustrialisierung, das zum Leitmilieu der Spätmoderne geworden ist. An alles in der Lebensführung legt man hier den Maßstab der Besonderung an: Wie man wohnt, was man isst, wohin und wie man reist, wie man den eigenen Körper oder den Freundeskreis gestaltet. Im Modus der Singularisierung wird das Leben nicht einfach gelebt, es wird kuratiert.“ Auffällig ist erneut, dass bei der „paradoxen gesellschaftlichen Erwartung“ kein Agens präsentiert wird.

Hartmut Rosa hat zur Besonderung allerdings alles Wesentliche geschrieben: „Etwa wenn ich von den Büchern, die ich kaufe, ein paar auch wirklich lese; wenn ich das Teleskop, das ich mir geleistet habe, auch wirklich benutze, oder von den Opernhäusern, die ich in Reichweite habe, auch eines besuche. Die Illusion gründet darin, dass viele Menschen inzwischen ihr Glück allein daran bemessen, wie viele Optionen sie haben. Ihre ganze Libido hängt mittlerweile am Erschließen von Optionen. Das aber ist ein kultureller Irrtum, denn das Leben wird erst dann gut, wo man eine Möglichkeit auch tatsächlich umsetzt.“

Rosa's opus magnum. Quelle: https://images-na.ssl-images-amazon.com/images/I/41UrgrhT7wL._SX299_BO1,204,203,200_.jpg

Rosa's opus magnum. Quelle: https://images-na.ssl-images-amazon.com/images/I/41UrgrhT7wL._SX299_BO1,204,203,200_.jpg

Apropos Reisen: auffällig ist, wie oft Reckwitz – und auch seine Rezensenten – bei der Erklärung des Kuratierens Phänomene der Touristik in den Blick nehmen. „Verreisen“ kann zwar aus der Perspektive des Reisenden entweder als oberflächlicher Besuch oder tiefenstrukturelles Erkunden des Fremden gefasst werden – aus der des Publikums dagegen „nur“ als bebilderter und/oder kommentierter Aufenthalt im Fremden, den man so oder so wahrnimmt. Für primär muss Reckwitz‘ Feststellung gelten, dass der Massentourismus in die Defensive gerät. Menschen wollen immer mehr besondere Orte aufsuchen, die Reise zu einem besonderen Ereignis machen. Es geht nicht mehr um den Urlaub von der Stange, sondern um die einzigartige Erlebnistour.

„Menschen, Waren, Städte, Reiseziele, Konsumgüter und Karrieren – schlicht alles ist für Reckwitz heutzutage einzigartig, authentisch, außeralltäglich und exzeptionell, aufgeladen mit Ästhetik, Exklusivität und Eigensinn“, befindet Dieter Schnaas in der Wirtschaftswoche. „Entsprechend müssen in der Spätmoderne der Arbeitsplatz und die Abendgestaltung, der distinktive Einkauf und die allgemeine Lebensführung für Bewunderungen und Ergriffenheiten offen sein – müssen die Menschen jeweils selbst und ihre Mitmenschen affizieren, sei es nun ein Opernbesuch oder ein Eröffnungsspiel, ein Bungee-Sprung oder eine Städtereise, ein Sushi-Essen oder ein Facebook-Post.“

Im Kulturkapitalismus zähle nicht das meiste Geld, sondern, was man Besonderes damit anstellt, befand Peter Unfried in der taz. Ging es in der aufsteigenden Industriegesellschaft darum, dass sich jeder von der Schrankwand über den VW bis zum Adria-Urlaub Ähnliches leisten konnte, müsse heute alles singulär sein:

„Die Arbeit, der Bekanntenkreis mit Literaten und Schauspielern, der unvergessliche Iglu-Urlaub in Grönland, die Superschule der Kinder mit Bio-Catering, alles muss sorgsam kuratiert sein und einen hohen ästhetischen und ethischen Wert haben, bis hin zum einzigartigsten Kartoffelsalat, angemacht mit dem Öl einer griechischen Biobäuerin namens Danae.“

Es existiere also ein gewaltiger Unterschied zwischen „Urlaub machen“ und „Verreisen“, Reckwitz versteigt sich gar  zur Formulierung „Imperativ zur Herausstellung von Einzigartigkeit“. Denn während der Pauschalurlaub eine sichere Bank war, verlangt die Individualreise Eigeninitiative und Kraft, sie beansprucht schon im Voraus und kann doch leicht enttäuschen: Die außergewöhnlichen Momente stellen sich nicht ein, die außerordentlichen Orte lassen einen unbeeindruckt. Die Verheißung ist groß, die Möglichkeit des Scheiterns ebenso: Selbst das Reisen spiegelt eine Grunderfahrung des Individuums in der „Gesellschaft der Singularitäten“.

Zu 3) Dass unter solcher Perspektive die Diversifizierung der Gesellschaft in ungezählte Reise-, aber eben auch Geschlechter-, Ernährungs- und Mobilitätstypen als völlig normal gilt, verwundert fast angesichts der Reckwitz’schen Klassenstruktur, die sich weniger mit harten Grenzen wie Wohlstand und Einkommen messen lasse, sondern entlang der nur vermeintlich durchlässigen Bildungsmembran geschehe. Dabei macht für Reckwitz die Diversifizierung selbst vor den Bildungsstätten nicht Halt: Viele Schulen versuchen, ein einzigartiges Profil, eine besondere Schulkultur und ein ausgewiesenes Spektrum an Bildungsangeboten auszubauen statt nur den allgemeinen Bildungskanon zu vermitteln.

Dass der Autor als Trägerschicht des Wandels die neue „hochqualifizierte Mittelklasse“ als „soziales Produkt von Bildungsexpansion und Postindustrialisierung, das zum Leitmilieu der Spätmoderne geworden ist“, stilisiert, der er selbst angehört, wurde bereits angemerkt. Das zeitigt aber zwei interessante Konstellationen. Zum einen den auch verschiedentlich angemerkten Vorwurf, mit Sätzen wie „Was diese Gruppe zusammenhält, ist weniger die Höhe des Einkommens – die durchaus schwankt – als die Kultur ihres Lebensstils“ betreibe Reckwitz eine Homogenisierung dieser Akademikerschicht. Damit werden die sozioökonomisch Unzufriedenen unter den Akademikern und damit die Statusinkonsistenz einfach eliminiert. Oder anders formuliert: Dahinter steht die Vorstellung, dass das ökonomische Kapital durch das kulturelle Kapital kompensiert werden soll.

In der Zeit bekräftigte der Autor etwas plakativ, dass der sich prekär fühlende Doktorand mit Freunden in Kalifornien, Paris und Barcelona heute in Wahrheit zur herrschenden Klasse gehöre. Trivial: ich habe zwar kaum Geld, gebe es aber für dieselben Dinge aus wie mein Professor. Wenn das nicht affirmativ ist, was dann? Reckwitz begründet das mit einem „kosmopolitischen Gefühl kultureller Selbstermächtigung“ im Sinne einer „anspruchsvollen Haltung gegenüber dem Leben“: Man fühle sich nicht nur berechtigt, die Welt zu bereisen und sich Fremdes kulturell anzueignen.

„Man hat den Anspruch an das eigene Leben, es ästhetisch und ethisch durchzustrukturieren: das gesunde Essen, die Pflege des Körpers, vielseitige Freizeit und interessanter Beruf, die guten Schulen für die Kinder, von denen man mehr erwartet, ebenso vom Partner.“

Diese Sichtweise übertüncht aber völlig, dass der „Firnis der Kultur“ sofort zu bröckeln beginnt, wenn der Abstieg aus der „Kulturoberschicht“ droht, sich die eigene Lebensführung als Lüge entpuppt, weil man sich Erwartungen ausdenkt und das Leben ein ganz anderes ist. Der Selbstverwirklichung folgt ihre Krise auf dem Fuß. Denn wer dieses gesellschaftliche Spiel des Präsentierens und Optimierens nicht mitspielt, verliert schnell sein Restguthaben an sozialem Kapital und landet im Off (bzw. Offline) der digitalen Spiegelkabinette.

Das kann sich auch darum sehr rasch vollziehen, weil es nach der singulären „Performance“ als Highlight oft nur noch abwärts geht, wie Sebastian Engelmann auf literaturkritik.de diagnostiziert:

„Wer sein Leben stets performativ als besonders, spannend, herausragend gestalten und hervorbringen soll, stößt schnell an die Grenzen der Leistungsfähigkeit. Das Primat der Selbstverwirklichung durch Besonderheit verurteilt die Subjekte regelrecht zum Scheitern. Immer attraktiv und interessant zu sein, lässt alles, was vielleicht an der Langeweile positiv sein mag, verschwinden. Selbstverwirklichung wird somit zur stetigen Aufgabe, die zum Scheitern verurteilt ist, da die Ressourcen für den Umgang mit Enttäuschungen und dem Leiden an unglücklichen Erfahrungen nicht mehr vorhanden sind – sie wurden bereits zur Aufrechterhaltung des Besonderen verbraucht.“

Zum anderen ergibt sich, dass das neue Bildungsbürgertum ebenfalls enttäuscht werden wird, wenn es am Trugschluss festhält, mit universitären Abschlüssen bleibe es automatisch im vorderen Drittel. Die Akademiker forcieren zwar den Wertewandel, verantworten aber gleichzeitig den Kulturkapitalismus. Und der macht die „ungebildeten“ Dienstleister zur neuen Unterklasse, die sich durch ein als wertlos empfundenes Leben wursteln muss und mit Umverteilungen, Steuerreformen und Solidaritätsaufrufen nicht erreichen oder in ihrer Wut besänftigen lassen wird.

Insofern müsste man eigentlich von zwei Kulturalisierungen in der Spätmoderne sprechen. Die eine ist die Kulturalisierung der Lebensformen in Gestalt von „Lebensstilen“, die sich nach dem Muster eines Wettbewerbs kultureller Güter auf einem kulturellen Markt zueinander verhalten, also um die Gunst der nach individueller Selbstverwirklichung strebenden Subjekte wetteifern. Die andere richtet sich, wie eben angedeutet, auf Kollektive und baut sie als moralische Identitätsgemeinschaften auf, arbeitet mit einem strikten Innen-Außen-Dualismus und gehorcht dem Modell homogener Gemeinschaften, die durch bestimmte, teilweise gewollte Gemeinsamkeiten als einzigartig gekennzeichnet sind – und sei es durch ein bestimmtes Bildungs-, Gehalts- oder Lebensniveau, ja selbst durch Schuluniformen. Stefan Lüddemann spricht in der NOZ von einer Art Individualismus der Gemeinschaften, von denen jede anders sein will. Der Konflikt dieser beiden Kulturalisierungsregimes, die in einer widersprüchlichen Konstellation von Öffnung und Schließung münden, dürfte den künftigen „Kulturkampf“ maßgeblich beeinflussen, wenn nicht gar dominieren.

Mit einem extranationalen Blick differenziert Katrin Kruse in der NZZ auch die Kulturalisierung des Lebensstils als zweifachen Kulturkampf. Einerseits wolle man sich selbst entfalten, was sicherlich auch ein Freiheitsmodell bedeute. Hier sei es egal, was die anderen sagen. Andererseits müsse die Selbstverwirklichung nach außen dargestellt werden, dort kämen soziale Erwartungen dazu: Das Statusinteresse der neuen Mittelklasse ist ja nicht verschwunden. Idealerweise passten die zwei Ebenen der Selbstentfaltung und des Erfolghabenwollens zueinander.

„Sie können das Subjekt aber auch in zwei verschiedene Richtungen treiben. Das macht die Problematik, aber auch die Dynamik aus. Es hält das Subjekt am Laufen, weil es zwischen diesen zwei Richtungen pendelt.“

6 Der Themenkreis „‚differenzieller Liberalismus‘ als Ausdruck des neuen ‚Politischen‘“.

Die interessanteste Anmerkung zu diesem Komplex ist anonym auf Amazon zu finden: „Wie der neue Gesellschaftsvertrag im Kulturkapitalismus aussehen muss, steht nicht in diesem Buch. Aber wer die Analysen und Thesen von Andreas Reckwitz aufmerksam liest, weiß danach wenigstens, wo er mögliche Antworten suchen muss. Sicher nicht in den Parteiprogrammen der bisherigen Volksparteien … Ob es überhaupt möglich sein wird, das spätmoderne Subjekt für ein Zugehörigkeitsgefühl zu gewinnen, wird sich zeigen.“ Damit ist der wichtigste politische Diskussionspunkt angerissen: Gesellschaftsvertrag oder auch „Zugehörigkeitsgefühl“ (gleichwohl beides nicht identisch ist).

Denn der Staat sei immer weniger Garant für die Erhaltung des Gemeinwohls: „Angepasst an die Konsumbedürfnisse der Bürger, versteht sich der spätmoderne Staat als Einrichtung der Ermöglichung privaten Konsums und weniger der Verfolgung gesamtgesellschaftlicher Ziele. (S. 435) Die gesellschaftspolitische Herausforderung für die Zukunft sieht Reckwitz unter anderem darin, innerhalb einer Gesellschaft der Singularitäten wieder etwas zu rekonstituieren, das – zumindest provisorisch – allgemein anerkannt wird. Ebenso wichtig erscheint „angesichts der Parzellierung von medialen Teilöffentlichkeiten die Frage nach einer Rekonstitution allgemeiner Öffentlichkeit…, in denen Subjekte aus den unterschiedlichen Klassen und Milieus der Gesellschaft aufeinandertreffen“ (S. 440).

Für die Milieus, die diesen Prozess tragen, ergeben sich neue Freiheits- und Befriedigungsgewinne ebenso wie man angesichts der neuen Polarisierungen, des Spiels der Besonderheiten auf individueller und kollektiver Ebene eine Krise des Allgemeinen ausmachen muss: Das Strukturprinzip der Besonderung lässt eben dieses Allgemeine als das verbindende Element zwischen allen, auch das Gemeinwohl ins Hintertreffen geraten. Zu fragen ist also, ob es um die Freiheit von „Milieus“, von bestenfalls einem Drittel geht, oder um die Freiheit der vielen, der steuererwirtschaftenden Mehrheit?

Zwar weist Reckwitz explizit auf die gesamtgesellschaftlichen und gesamtstaatlichen Auswirkungen seiner Singularitäten und die dadurch hervorgerufenen Konflikte hin und erkennt Krisen der Anerkennung, der Selbstverwirklichung und des Politischen, wozu Kulturkonflikte, religiöser Fundamentalismus, ja insgesamt eine zunehmende Fragmentierung der Gesellschaft gehörten. Auf die verweist drastisch auch Götz Kubitschek mit einer Kritik am Bundesverfassungsgericht, das in seiner neueren Rechtsprechung ein atomistisches, die Existenz eines Volkes leugnendes Menschenbild entwickle. Damit würde sich Karlsruhe auf juristischer Ebene einer seit Jahrzehnten herrschenden Politik anpassen, deren wesentliches Kennzeichen es sei, die Rechte des einzelnen gegen die Rechte der Gemeinschaft künstlich in Stellung zu bringen, was am Ende zu einer Auflösung aller Strukturen und Institutionen führt, in denen der Mensch Halt finden konnte (Ehe, Familie, Stamm, Volk usw.).

Allerdings macht sich Reckwitz die Antwort – wie alle Idealisten – sehr leicht, viel zu leicht, wenn er sie in eine unbestimmte erdachte Zukunft verlagert und fragt, ob die Gesellschaft der Singularitäten überhaupt noch ein Teil der Moderne oder ob sie nicht vielmehr unterwegs zu etwas ganz anderem ist, nämlich einer „nachmodernen Formation“. Einen Gegenpol zu bspw. Fukuyama einnehmend, ist für ihn die Moderne keine Universalie, sondern selbst durch und durch geschichtlich; sie habe nicht nur eine Entstehungs- und Verlaufsgeschichte, sondern sie wird irgendwann auch eine Geschichte des Verschwindens und der Transformation in andere, ihr nachfolgende Gesellschaftsformationen haben.

Übrig bleiben der Eindruck, dass die einen die anderen nicht verstehen können, ja wollen; und die Negierung, dass „diversity“ – und die Toleranz dafür – nicht ohne Individualismus und Differenzierung zu haben ist, kurz dass man keine Pluralität predigen, aber Singularität leben kann. Das ist mehr als ein Ausdruck der Schizophrenie der westlichen Rationalität. Es ist der Ausdruck der Krise des Allgemeinen im Politischen, der Verlust des Vertrauens in die Volksparteien, der sich geringstenfalls als Kulturnationalismus und schlimmstenfalls als Fundamentalismus äußert, ja als Kritik am westlichen Universalismus, der die eigenen Werte als weltweit gültig und richtig unterstellt.

Reckwitz macht dafür einen Liberalismus verantwortlich, der in Wirtschaft und Politik auf Deregulierung setzt und in der Gesellschaftspolitik die Identitätsrechte sämtlicher Minderheiten stärkt, Kultur aber gleichzeitig als Ressource der globalen Wettbewerbsfähigkeit instrumentalisiert. Von allen geschlossenen Gemeinschaften, und das sind Minderheiten in der Regel, werden die Identitätsangebote dankbar aufgegriffen und dogmatisch interpretiert. Und wenn nun bestimmte Minderheiten aufgrund kultureller Ungleichheit zugleich auch Verlierer sind, fänden die sich mehr und mehr bei „Populisten“ wieder und vice versa.

Ergo breiteten sich Parteien an den Rändern aus, die jene ansprechen, die im knallharten Rennen um Aufmerksamkeit nicht mithalten können – und die sich in den etablierten Parteien nicht mehr zu Hause fühlen, weil diese sich ihrerseits mehr und mehr für Randgruppen interessieren. Sexuellen, konfessionellen, ethnischen Minderheiten ist die Aufmerksamkeit auch der etablierten Parteien sicher. Die Vielen, die sich ihnen bislang anvertrauten, finden sich und ihre Anliegen nicht mehr angemessen vertreten.

Wohin diese Krise des Allgemeinen oder auch der Repräsentanz führt, schreibt Reckwitz, ist alles andere als ausgemacht. Das stimmt und mag für die einen beängstigend, für die anderen hoffnungsfroh anmuten. Eine ganz besondere Illustration fügte dieser Krisendiskussion das Koalitionshickhack nach dem 24. September 2017 zu. Felsmann schreibt lapidar:

„Wer die hier vorliegende Charakterisierung einer neuen Mittelschicht, die deutlich wahrnehmbar den öffentlichen Diskurs hierzulande bestimmt, ernst nimmt, dem muss Jamaika geradezu als logische Konstellation erscheinen.“

Koalitionspoker 2017. Quelle: https://image.stern.de/7638230/16x9-940-529/1e39ffcb6e9ed80b17307c7566e549a7/mW/jamaika.jpg

Koalitionspoker 2017. Quelle: https://image.stern.de/7638230/16x9-940-529/1e39ffcb6e9ed80b17307c7566e549a7/mW/jamaika.jpg

Für Reckwitz setzt gerade ein Rechtspopulismus auch auf das Register des Besonderen, in dem er etwa das eigene Volk und die Zugehörigkeit zu einer Nation betont, kehre dabei aber gleichzeitig die Ideale des Liberalismus der neuen Mittelklasse um, indem er auf Schließung und Regulierung plädiere, zwischen innen und außen trenne, das Eigene gegenüber dem Fremden betone, wo sie für Globalisierung, Öffnung der Märkte und Identitäten stehe. Er erkennt das durchaus richtig als Reaktion auf Entwertungstendenzen: Durch die kulturelle Entwertung und Kränkungserfahrung gerate die alte Mittelklasse gegenüber der neuen gebildeten kosmopolitischen Schicht in die Defensive und befürchte, nicht mehr mithalten zu können, woraus durchaus politische Sprengkraft erwachsen könne.

Es sei eine Trauer um das Verlorene, das die Ideologie des Rechtspopulismus bediene, schließt der Autor. Das aber ist zu simpel. Denn die Ausbreitung der Singularitätskultur macht vor keiner Politik halt, allerdings weniger auf dem Markt konkurrierender Parteienangebote, sondern z.B. in Spannungsfeld zwischen urbanen und ländlichen Räumen (Metropolen und Provinz), auf dem Gebiet neuer gesellschaftlicher Phänomene wie dem religiösen Fundamentalismus oder gar der Gewalt-Fokussierung mittels gezielter Terrorakte.

Vogel verweist weiterhin darauf, dass die von Reckwitz beschriebene neue Mittelklasse der Kreativen und Akademiker, die nun den Takt in der Singularitätsgesellschaft angibt, doch offensichtlich durch und durch ein Staatsprodukt ist. Das staatliche Bildungssystem habe sie geprägt, sie leben von und in den Bildungsapparaten, sie ernähren sich von öffentlich finanzierten Projekten. Staatlich finanzierte Fördertöpfe treiben die „kulturellen Singularitätsmärkte“ an. Denn zum guten Leben, zum richtigen Wohnen und zum korrekten Essen gehört ja auch ein auskömmliches Einkommen. Die von Reckwitz unter der Überschrift „Die Politik des Besonderen“ verbuchten Schlagworte der „kulturorientierten Gouvernementalität“ sowie des „Singularitätsmanagements“ (S. 388ff.) klingen für ihn nach einigem Aufwand an Steuergeldern.

Zudem erkennt er, dass der Wohlfahrts- und Rechtsstaat heute immer stärker partikulare Bedürfnisse beachtet und bedient, ja dass Staatlichkeit heute sehr viel selektiver agiert als in der Vergangenheit. Das alles spräche dafür, dem Staat analytische Aufmerksamkeit zu schenken, wenn es um Prozesse der Singularisierung geht. Aber auch hier schätze Reckwitz die Schematisierung – der Staat erscheint als der Agent der Massenkultur, der Vereinheitlichung, des „doing generality“. Dabei gibt es gestern wie heute vermutlich keine erfolgreichere Institution der sozialen Logik des Besonderen und der Selektion als den modernen Staat und seine Institutionen und Behörden. Das zu erkennen, fiele aber der Soziologie insgesamt sehr schwer.

Differenzen begrenzen, sollte die Devise lauten, womit Reckwitz einen „regulativen Liberalismus“ meint. Ein Liberalismus, der die geschwächten staatlichen Institutionen als Stellvertreter des Allgemeinen wieder aufwertet und an den richtigen Stellen – etwa in der Plattformökonomie – Regeln setzt. Allgemein hält Reckwitz eine Arbeit an geteilten Normen und Gütern für notwendig, um dem irrationalen Sog der Singularisierung entgegenzuwirken. Die Beschreibungen dieses Liberalismus, zumal der Inhalte, die er leisten sollte, bleiben aber mehr als vage. Eine weitere von vielen verschenkten Potenzen des Textes, zumal Bernd Ulbrich in der Zeit inzwischen auch dieses ideologische System infrage stellt: „Ist der Liberalismus wirklich eine Lebensweise für alle oder doch bloß die Herrschaftsideologie einer globalisierten Klasse?“

Fazit

In seinem abschließenden Resümee kontrastiert Reckwitz das normative Ideal eines gesellschaftlichen Fortschritts, dass die klassische Moderne bis in die 70er Jahre geprägt hat, mit der neuen Gesellschaft der Singularitäten. Prägend seien nun die „kleinen Erzählungen“ des privaten Erfolges und guten Lebens, nicht mehr die „große Erzählung“ der alten (kapitalistischen) Fortschrittsgesellschaft. Maßgeblich ist nicht mehr die immer auf Zukunft rekurrierende Zeitperspektive der alten Fortschrittsgesellschaft, sondern in der Spätmoderne herrscht ein radikales Regime des Neuen, das „momentanistisch“ ist, also nicht an langfristigen Innovationen, gar Revolutionen orientiert, sondern an der Affektivität des Hier und Jetzt. Was in der Spätmoderne „Fortschritt“ ist, lässt sich weitaus weniger einfach beantworten als in früheren Zeiten: Fortschritt und Regression, Aufwertung und Entwertung verteilen sich ungleich zwischen konträren gesellschaftlichen Gruppen: zwischen Kreativen und Arbeitern, Einheimischen und Emigranten, Kosmopoliten und Sesshaften…

Kulturalisierung, Singularisierung und Affektivierung gehen in Reckwitz’ Ansatz Hand in Hand: Sie prägen eine soziale Logik des Besonderen aus, die im Kontrast zur rationalisierenden Logik des Allgemeinen steht. Beide zusammen bildeten die konstitutiven Strukturprinzipien einer Spätmoderne, in der sich das soziale Primat von der Logik des Allgemeinen zur Logik des Besonderen verschiebt. Wo Mittel zum Zweck stärker wertgeschätzt werden als die Zwecke selbst, herrscht nicht etwa keine, sondern eine andere Kultur, eben die Kultur des Technischen, Ingenieurhaften, Bürokratischen etc., zumal die (Un-)Kultur der Algorithmen.

Im Raum steht damit, ob diese Entwicklung tatsächlich so und vor allem unumkehrbar eintritt, inwieweit sie nicht nur akademisch, sondern vor allem in der Bevölkerung akzeptiert und willkommen geheißen wird und welche weiteren – vor allem sozialen – Auswirkungen sie zeitigt. Wenn Anerkennung nur noch diejenigen finden, die Einzigartiges produzieren, und Verlierer diejenigen sind, die langweilige Routinejobs haben; aber auch die Gewinner auf den Singularitätsmärkten sich in einer Krise der Selbstverwirklichung gefangen sehen, da die Selbstoptimierung ihre Kinder frisst, da Singualisierung alleine nicht glücklich macht. Schließlich die Krise des Politischen, das jede Steuerungsmächtigkeit, ja -fähigkeit eingebüßt hat und der Eigendynamik der Ökonomie, der Medientechnologie und die Kultur der Lebensstile Platz machen musste. Öffentlichkeit, Staat sowie Recht scheinen da nur noch etwas für notorische Melancholiker der Gesellschaftssteuerung zu sein.

Von Siegern im neuen „Klassenkampf der Mitte“ mag man da ebenso wenig sprechen wie vom Projekt Gesellschaftsgestaltung, das als gestrig daherkommt. Hierfür steht nach vielen hundert Seiten die Conclusio von Reckwitz:

„Die sozialen Asymmetrien und kulturellen Heterogenitäten, welche dieser Strukturwandel der Moderne potenziert, seine nichtplanbare Dynamik von Valorisierungen und Entwertungen, seine Freisetzung positiver und negativer Affekte lassen Vorstellungen einer rationalen Ordnung, einer egalitären Gesellschaft, einer homogenen Kultur und einer balancierten Persönlichkeitsstruktur, wie sie manche noch hegen mögen, damit als das erscheinen, was sie sind: pure Nostalgie.“ (S. 442)

„Das Allgemeine hat immer weniger einen Ort innerhalb der Spätmoderne, auch die Frage nach dem, was Menschen gemeinsam haben, die Frage nach dem Allgemeinwohl, die Frage nach dem Universalen ist in diesem ständigen Wettbewerb um Einzigartigkeit, oder auch in dieser ständigen Profilierung von Gruppen besonders in den Hintergrund geraten. Wir müssen uns fragen, wo wir wieder Orte des Allgemeinen, auch der Frage des Allgemeinen schaffen können“, meint Reckwitz in einem DLF-Interview und bringt damit das wesentliche Dilemma seines Buchs auf den Punkt, das viele Rezensenten auch sahen.

Dieter Schnaas fragt sich etwa in der Wirtschaftswoche, „ob Reckwitz nicht zuweilen zum Opfer seinen eigenen Diagnose wird – und dem Zwang zur Überakzentuierung seiner originellen These erliegt. Sein soziologisches Raster ist für die Erschließung der mannigfaltigen Singularitäten etwa zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Kunst und Wissenschaft zu grob. Es schließt einen historischen Zugang zur Wirklichkeit der Moderne nicht auf. Sondern verstellt ihn.“ Dirk Hohnsträter ergänzt auf Soziopolis, „wie die Sozial- und/oder Kulturwissenschaft/en der Logik des Besonderen gerecht werden können und wie ein sozusagen singularitätenadäquater Wissenschaftsstil – bei der Wissenserzeugung ebenso wie beim wissenschaftlichen Sprechen – eigentlich aussähe.“

Eine „Begriffsarchitektur mit immer wieder denselben Thesen“, bemängelt Thomas Steiner in der Badischen Zeitung.

„Wer so abstrakt bleibt, kann auch aus einer Tendenz umstandslos eine umfassende Gesellschaftstheorie machen: ‚In der Spätmoderne wird die soziale Logik der Singularisierungen, die zugleich eine der Kulturalisierung und der Affektintensivierung ist, zu einer für die gesamte Gesellschaft strukturbildenden Form.‘ So einfach ist das. Wenn man die einmal justierte Begrifflichkeit über alles stülpt.“

Engelmann macht darauf aufmerksam, dass desto mehr der beunruhigende Eindruck entstand, dass die Beharrungs- und Absicherungskräfte des Verallgemeinernden an Boden gewännen, je schneller sich das Neue und Innovative in Allgemeines zurückverwandelte. Aber

„der Staat ist laut Reckwitz nicht mehr die Einrichtung, welche gesamtgesellschaftliche Ziele aushandelt, definiert und umsetzt. Stattdessen ermögliche der Staat einen Rahmen, in dem Konsum stattfinden und damit auch Singularisierung hervorgebracht werden kann. Die schützende Funktion des Sozialstaates tritt dabei immer weiter zurück – denn das besondere Leben braucht die Unterstützung des Staates nicht mehr. Alle Krisen laufen – so die These – auf eine Krise des Allgemeinen hinaus. Statt einer Bewältigung von Krisen steuert die Gesellschaft jedoch in eine Dauerkrise, die selbst wiederum aufgrund der neuen normativen Maßstäbe in Bewegung gehalten werden muss.“

Richartz geht mit dem Autor wohl am schärfsten ins Gericht:

„Das Konzept der ‚Authentizität‘, das kritisch betrachtet als ein weiterer Modus der Selbstdarstellung gewertet werden könnte, welches eben Verschleierung und nicht Aufrichtigkeit zum Ziel hat, wäre eine Steilvorlage für eine tendenziell kritische Haltung gewesen. Reckwitz schlägt allerdings jede kritische Autorendynamik aus, er will im Elfenbeinturm der Soziologie ankommen.“

Vereinzelung. Quelle: https://media-cdn.sueddeutsche.de/image/sz.1.968680/860x860?v=1528252767000&method=resize&cropRatios=0:0-Zoom-www

Vereinzelung. Quelle: https://media-cdn.sueddeutsche.de/image/sz.1.968680/860x860?v=1528252767000&method=resize&cropRatios=0:0-Zoom-www

Den letzten Satz würde ich sogar noch steigern: Reckwitz hat eine subjektivistische Theorie der Vereinzelung vorgelegt, die in letzter Konsequenz bedeutet, dass wir statt Soziologie künftig eine Individuologie haben werden, in der jeder alles sagen kann und damit gleich richtig oder falsch liegt. Dass so ein anmaßender Text just 130 Jahre nach Ferdinand Tönnies „Gemeinschaft und Gesellschaft“ erscheint, das als erstes sozialwissenschaftliches Grundlagenwerk Deutschlands gilt und untersuchte, wie aus den traditionellen Kleinst-Einheiten von Familie, Glaubensgemeinde oder Dorf der Zusammenhalt in dem entsteht, was man als „moderne Gesellschaft“ begreifen kann, ist da ein zufälliger Lapsus, der die Destruktivität der entworfenen Theorie noch unterstreicht.

Was unterschied zum Pfingstfest auf Facebook die österreichische von der Bundesregierung? Die erste wünschte in Gestalt von Kanzler Sebastian Kurz gesegnete Pfingsten, die andere beehrte die Bürger mit einer Grafik zum Insektensterben. Wenige Tage zuvor hatte sie stattdessen den muslimischen Mitbürgern in Deutschland „gesegneten und friedvollen Ramadan“ gewünscht. Fast 12.000 teils ziemlich unfeine Kommentare waren die Folge.

Kein Wunder. Im Neuen Testament wird in der Apostelgeschichte erzählt, dass am 50. Tag der Osterzeit der Heilige Geist auf die Apostel und Jünger herabkam. Die christliche Gemeinde trat zum ersten Mal öffentlich auf, die bis dahin verzagten Protagonisten des Christentums erweisen sich plötzlich als sprachmächtig und missionarisch überzeugend. Aus diesem Grund bezeichnet man Pfingsten auch gelegentlich als Gründung, ja „Geburtstag der Kirche“ und als Beginn der weltweiten Mission.

Anstatt dieses Ereignis zu würdigen, biederte sich die „christdemokratisch“ geführte Regierung lieber jenen ca. 5 Millionen Mitbürgern an, die die Herabsendung des Korans im neunten Monat des islamischen Mondkalenders, dem Ramadan, feiern: „Wer nun von euch während des Monats anwesend ist, soll in ihm fasten…“, heißt es in Sure 2, Vers 185. Auch Journalisten machen mit: für den „Deutschlandfunk Kultur“ ist der Ramadan „ein alter deutscher Brauch“.

Der Bayrische Rundfunk veröffentlichte im Internet gar einen „Fasten-Knigge“, in dem eine Redakteurin Ratschläge gibt, wie man seinen moslemischen Freunden im Ramadan „helfen“ könne. Und der Kurznachrichtendienst Twitter hat extra eigene Ramadan-Emojis freigeschaltet. Von „Gift für die Integration“ und „Rücksichtsappellen“ spricht Michael Paulwitz in der „Jungen Freiheit“, die keine höfliche Geste seien, „sondern ein weiterer Schritt zur selbstverständlich erwarteten Unterwerfung.“

So sorgte die Einladung zum Abiball der Kasseler Friedrich-List-Schule in der Baunataler Stadthalle am 9. Juni für Aufregung. Darin fand sich der Satz: „Auf Grund von Ramadan wird das Büfett erst nach Sonnenuntergang sein.“ Ulrich Schmidt, Schulleiter des Albert-Schweitzer-Gymnasiums Offenbach ordnet dagegen eher unter die Rubrik „skurril“ ein, dass es bei seinem Abi-Ball zweimal Abendessen geben wird: Das zweite mit einsetzender Abenddämmerung nach 21 Uhr, wenn die Muslime wieder essen dürfen.

Es gab aber auch andere Stimmen, die solche Rücksichtsappelle mindestens in Frage stellten: Ärzte, Gewerkschaften und Lehrerverbände kritisierten wieder einmal das zunehmend jüngere Alter der Fastenden und verwiesen auf die negativen Folgen für Gesundheit und schulische Leistungsfähigkeit. Denn am 18. Mai bspw. entspräche die Zeremonie bei strikter Beachtung der Zeitspanne zwischen Sonnenauf- (3.57 Uhr) und -untergang (20.59 Uhr) ca. 17 Stunden ohne Nahrung und ohne Wasser.

„Das geht nicht“

Ex-Lehrerverbandspräsident Josef Kraus spricht von „geduldeter Kindesmisshandlung“ und zählt in „Tichys Einblick“ unter anderem auf, dass die jungen Leute im Unterricht nicht mitarbeiten könnten, unkonzentriert und blass seien, unter Übelkeit litten. Viele hätten nicht ausgeschlafen, da sie wegen des „Iftar“, des späten Abendessens nach 21 Uhr, viel zu spät ins Bett kämen. Manche müssten am nächsten Schultag einem Arzt vorgestellt werden, weil sie zusammengeklappt sind oder starke Kopf- und Bauchschmerzen haben: „Dieses Ramadan-Problem nimmt von Jahr zu Jahr größere Ausmaße an“, so Kraus. Das bestätigt auch der Vorsitzende des Verbands Bildung und Erziehung, Udo Beckmann, der „Südwestpresse“: „Insbesondere bei warmem Wetter fällt es diesen Schülern schwer, sich zu konzentrieren. Es gibt immer wieder Fälle, in denen Kinder einen Schwächeanfall bekommen und ins Krankenhaus gefahren werden müssen.“

Beckmann appelliert an die Verantwortung der Eltern, ihren Kindern klarzumachen, dass für sie das strenge Fasten im Koran (noch) nicht vorgesehen ist, sondern erst nach der Pubertät. Doch er stellt auch fest, dass der Gruppendruck größer geworden ist: „Es gibt Fälle, in denen Kinder gehänselt werden, wenn sie nicht fasten. Manche jüngeren Kinder wiederum finden es cool, wenn sie versuchen, es ihren älteren Geschwistern gleichzutun.“ Auch der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte hat vor dem Fasten junger Leute gewarnt und sie und deren Eltern aufgefordert, tagsüber für genügend Flüssigkeitszufuhr zu sorgen. Schulen wenden sich in entsprechenden Briefen an die Eltern.

Der aktuelle Lehrerverbandspräsident Heinz-Peter Meidinger erklärte gegenüber „Welt Online“, dass es vor allem schwierig sei, wenn die religiösen Belange einzelner Schüler alle einschränken. Dies sei etwa der Fall, wenn Eltern Druck auf die Schulleitungen ausübten, während des Fastens keine Prüfungen oder Exkursionen anzusetzen und sich deshalb die Prüfungen für alle Schüler in einem bestimmten Zeitraum massierten. „Das geht nicht“, kritisierte Meidinger.

In diesem Jahr ist die Situation besonders kritisch, denn nach Pfingsten sahen sich Deutschlands Schüler mit einer letzten großen Prüfungswelle konfrontiert. Abiturienten hatten teilweise noch schriftliche, fast immer aber noch die mündlichen Prüfungen vor sich. Nun wochenlang generell auf Prüfungen zu verzichten ist schlicht nicht möglich. Für die fastenden Schüler ist das besonders hart – gerade für jene, die den Ramadan so ernst nehmen, dass sie tagsüber auch nichts trinken.

An der Wuppertaler Else-Lasker-Schüler Gesamtschule mit einem Ausländeranteil von 80 Prozent, darunter vielen Muslimen, gesteht Schulleiterin Dorothee Kleinherbers-Boden in der „Westdeutschen Zeitung“ bspw. Probleme beim Schwimmen ein: „Manche wollen dann nicht gerne schwimmen, weil sie dann aus Versehen Wasser schlucken könnten“. „Der Koran ist eindeutig, was die Pflichten und Rechte beim Fasten betrifft“, sagt der islamische Theologe Serdar Kurnaz von der Universität Hamburg. „Wenn man sich in einer Situation befindet, in der man nicht bequem fasten kann, fastet man nicht.“ Dies könne etwa für den Sportunterricht gelten – und gerade auch für die anstehenden Abschlussprüfungen.

Es kommt auf das Gespür der Lehrer an

Der Beauftragte für Kirchen und Religionsgemeinschaften der Unionsfraktion im Bundestag, Hermann Gröhe (CDU), forderte in der „Welt“ eine offensivere Diskussion des Themas gerade bei Grundschulkindern. Religiös begründeter Druck müsse ebenso vermieden werden wie die Verächtlichmachung religiöser Gebote. Er erwarte zu dem Thema klare Worte der muslimischen Verbände. Der Zentralrat der Muslime erklärte allerdings nur, in der Zeit des Verzichts bis 14. Juni solle man sich besonders für ein friedliches Miteinander einsetzen, gegen Rassismus, Ausgrenzung und Hass in der Gesellschaft eintreten. Und: „Kinder, die die Pubertät nicht erreicht haben, werden ermutigt, so viele Tage zu fasten wie sie können. So können sie sich nach und nach mit zunehmendem Alter an dieses Gebot gewöhnen“.

Dass Fasten irgendwie „cool“ erscheint und es Grundschulkinder tun, „weil sie den Eltern imponieren wollen“, berichtet Karin Jahn, die eine Grundschule im Berliner Ortsteil Wedding leitet, in der „Welt“. Zwar fasteten längst nicht alle muslimischen Kinder an der Schule – Jahn glaubt aber, dass der Gruppenzwang groß sei. „Wenn ich an einer Klasse zu Beginn drei Kinder habe, die fasten, sind es irgendwann fünf und dann zehn.“ Sie sieht ihren Handlungsspielraum aber begrenzt. „Es kommt auf das Gespür der Lehrer an, auf die einzelnen Kinder einzugehen.“

Für Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD) gehen zwar „Gesundheit und Schule“ vor, religiöses Fasten dürfe die Kinder nicht in beidem einschränken. Noch als Bezirksbürgermeisterin Neukölln hatte sie 2017 mit 20 Moscheevereinen einen Zwölf-Punkte-Plan erarbeitet, der als Richtschnur dienen und klarstellen solltet, was aus religiöser Sicht geboten ist und was nicht. Wesentlicher Punkt ist die Aussage, dass „Kinder und Jugendliche, die fasten wollen, trotzdem etwas zu essen und zu trinken mit in die Schule nehmen“ sollen. Begründung: „Sie sollen das Fasten unterbrechen, wenn gesundheitliche Probleme auftauchen.“ Unterschrieben haben den Verhaltenskodex aber nur 2 Imame. Und Karin Jahn stellt die entscheidende Frage: „Wie setze ich das durch?“

Der Skandal vom 20. April war das i-Tüpfelchen. An dem Tag wurde bekannt, dass die längst suspendierte Leiterin der Bremer Außenstelle des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge (BAMF) in rund 1200 Fällen missbräuchlich Asyl gewährt hatte. Auch drei Rechtsanwälte, ein Dolmetscher und ein weiterer Verdächtiger sollen beteiligt gewesen sein und gezielt Flüchtlinge aus anderen Bundesländern nach Bremen gebracht haben, obwohl das BAMF dort nicht zuständig war. Ermittelt wird unter anderem wegen Bestechung und Bestechlichkeit sowie „bandenmäßiger Verleitung zur missbräuchlichen Asylantragstellung“, sagte eine Sprecherin der Bremer Staatsanwaltschaft dem „Weser-Kurier“.

Die Anträge der Flüchtlinge hätten eigentlich in Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen behandelt werden müssen. Die Asylbewerber seien jedoch dazu gedrängt worden, direkt in Bremen ihre Anträge zu stellen. Neben diesem formellen soll es in den Asylverfahren „zahlreiche weitere Rechtsverstöße“ gegeben haben. Somit hätten die Flüchtlinge zu Unrecht einen positiven Asylbescheid bekommen. Anlass für die Ermittlungen seien Hinweise über Unregelmäßigkeiten direkt aus dem BAMF selbst gewesen, so die Sprecherin. AfD und FDP wollen jetzt einen Untersuchungsausschuss.

Aber die Nürnberger Behörde gestand ihre Überforderung schon im Herbst 2015. Seitdem steuerte sie nahezu ungebremst auf einen Kollaps zu, dessen Blackout vor allem die anhängigen 365.000 Asylklagen (Stand Januar 2018) bilden. So war im Januar 2016 absehbar, dass bis Jahresende 4000 zusätzliche Mitarbeiter benötigt würden. Die konnte auch der als „harter Hund“ gehandelte Frank-Jürgen Weise nicht aus dem Hut zaubern, als er für über ein Jahr die BAMF-Leitung neben der der Bundesagentur für Arbeit übernahm und zunächst Unternehmensberater zum Tagessatz von 2300 Euro ins Haus lud, für insgesamt 34,2 Millionen Euro. Die tatsächliche Berufsqualifikation (Hochschulabschluss, Berufserfahrung) spielte bei der Mitarbeitersuche eine immer geringere Rolle. Manche brauchten nicht mal zum Vorstellungsgespräch kommen, berichtet der „Stern“.

Aus der Not heraus mussten Praktikanten und ungeschultes Personal über wichtige Asylanträge entscheiden. Der Münchner Rechtsanwalt Hubert Heinhold beobachtet seitdem, dass die Qualität der Asylbescheide abnimmt. „Inzwischen sind die Entscheidungen in der Regel dünn begründet und bestehen zu 90 Prozent aus Textbausteinen“, sagte er dem „Merkur“. „Aber ein Asylverfahren ist eine komplexe Materie. Man bräuchte ohne Frage mehr gute und kompetente Leute im Bundesamt.“

Er führte das Beispiel eines 28jährigen aus Mali an, dessen Antrag „als offensichtlich unbegründet abgelehnt“ wurde. In der mehrseitigen Begründung fanden sich neben einer bestürzenden Rechtschreibung etliche Fehler und Ungenauigkeiten. So wurde der Mann auf der einen Seite als Viehhirte bezeichnet, auf der nächsten als Schlosser. Die Terrorgruppe Boko Haram, vor der er nach eigenen Angaben geflohen ist, tauchte in dem Bescheid namentlich gar nicht auf.

Widersprüche gar nicht mehr erhoben

Ein möglicher Grund: Unter Weise wurde der Ablauf der Asylentscheidung umgestellt. Seitdem befragte ein Mitarbeiter den Asylsuchenden in oft stundenlanden Anhörungen und fertigte dann ein Protokoll an. Auf Grundlage dieses Protokolls trifft ein ganz anderer Mitarbeiter, der den Asylsuchenden nie zu Gesicht bekommen hat, die Entscheidung. Begründung: Dieser Ablauf sei effizienter, das Vier-Augen-Prinzip verringere zudem das Risiko von fehlerhaften Entscheidungen. Inzwischen wird die Mehrzahl der Asylfälle wieder aus einer Hand entschieden.

In Weises Übergangszeit fiel auch die Vernachlässigung von Sicherheitskontrollen. So verzichtete das BAMF seit November 2015 darauf, Flüchtlinge aus Syrien ausnahmslos einzeln anzuhören. Stattdessen genügt es mitunter, lediglich einen Fragebogen auszufüllen. „Wenn Anhörungen wegfallen, bedeutet das, dass Personen, die unter Missbrauch des Asylrechts hier einreisen, überhaupt nicht mehr auffallen können, weil Widersprüche in ihrer Vita, in ihren Absichten und in ihrer Selbstdarstellung gar nicht mehr erhoben werden“, kritisierte Extremismusforscher Rudolf van Hüllen im „BR“.

Eine Anfrage der FDP im Bundestag ergab, dass die Zahl der Warnhinweise laut Sicherheitskreisen zwischen Juni 2015 und Dezember 2016 auf mehr als tausend pro Jahr stieg. Im gleichen Zeitraum stieg die Zahl der Mitarbeiter von zwei auf lediglich sieben. Um den Berg unbearbeiteter Hinweise abzubauen, stockte das BAMF die Mitarbeiterzahl erst 2017 auf 24 auf, was laut migrationspolitischer FDP-Sprecherin Linda Teuteberg von Organisationsversagen nach der Grenzöffnung zeugte.

Nach den Ereignissen der Kölner Silvesternacht trat Weise dem Eindruck entgegen, der Staat kapituliere vor aggressiven Migranten aus Nordafrika. „Mit sofortiger Wirkung sind Asylverfahren von tunesischen, marokkanischen und algerischen Staatsangehörigen prioritär zu bearbeiten“, zitiert der „Stern“ aus einer „Verfahrensinformation“.

Im Jahresverlauf hatte Weise einen weiteren Skandal zu verkraften: seine Nürnberger Behörde überprüfte im ersten Halbjahr 2016 insgesamt 217.465 Pässe, Geburtsurkunden oder Führerscheine von Asylsuchenden und stellte bei rund einem Prozent – 2.273 Fälle – schwere Manipulationen fest. Im Raum stand damit der Verdacht der Urkundenfälschung, die mit fünf Jahren Gefängnis bestraft werden kann – aber von den Angestellten nicht angezeigt wurde.

Der Bund Deutscher Kriminalbeamter (BDK) forderte die Behörde auf, künftig bei jedem gefälschten Pass Anzeige zu erstatten. „Es kann nicht die Aufgabe des BAMF sein, zu entscheiden, ob eine Anzeige angemessen ist oder nicht“, sagte der BDK-Vize Michael Böhl der „Welt am Sonntag“. Es müsse verhindert werden, dass sich jemand im Asylverfahren zu Unrecht Vorteile verschaffe. Mit solchen Pässen würden zudem Bankkonten eröffnet, um Terrororganisation wie den IS zu unterstützen.

Hoher Erledigungsdruck

Im Asylverfahrensgesetz heißt es: „Ein unbegründeter Asylantrag ist als offensichtlich unbegründet abzulehnen, wenn der Ausländer im Asylverfahren über seine Identität oder Staatsangehörigkeit täuscht oder diese Angaben verweigert.“ Dementgegen habe das BAMF gegenüber der „Welt am Sonntag“ erklärt: Nachweislich falsche Angaben zur Identität führten nicht automatisch zu einer Ablehnung. Sein angekündigtes Ziel, bis Ende 2016 alle der zeitweise 580.000 offenen Asylanträge zu erledigen, verfehlte Weise um sage und schreibe 434.000. Hinzu kam das Attentat von Anis Amri in Berlin. Der Reserveoberst übergab seine Amtsgeschäfte zum 1. Januar 2017 an Jutta Cordt.

Nach nur wenigen Monaten im Amt ergab eine „Ad-hoc-Prüfung“, dass allein 46 % aller afghanischen Fälle nicht plausibel entschieden wurden. Die Kontrolleure empfahlen „gezielte Qualifizierungsmaßnahmen“ der Kollegen, für das Herkunftsland Afghanistan auch „systematische Nachschulungen“. Grund für die Mängel seien die „verkürzte Schulung des Personals und der hohe Erledigungsdruck“, zitiert der „Stern“ aus dem Bericht: drei Anhörungen täglich waren Pflicht. Mängel listete auch eine vertrauliche interne „Auswertung der Qualifizierungsmaßnahmen“ im BAMF auf, die sich auf rund 3000 neue Mitarbeiter bezog, die zwischen August 2015 und März 2017 Asylverfahren durchführten. 15 Prozent dieser Mitarbeiter erhielten „keine Entscheider-relevante Qualifizierungsmaßnahme“.

Eine weitere Ursache sind interne Vorgaben wie etwa die „Leitsätze Afghanistan“ als Basis für Asylentscheidungen. Laut „Stern“ ignoriert das BAMF darin die deutlich verschlechterte Sicherheitslage in dem Land und schreibt von „internen Schutzmöglichkeiten“ in Städten wie Kabul, wo auch ohne familiäres Netzwerk junge Männer „das erforderliche Existenzminimum erlangen“ könnten.

Die Leitsätze ermöglichen scheinbar die Abschiebung, sind aber selten juristisch zu halten. Von „Schnellbescheiden, mit denen sich das BAMF oft nicht an Recht und Gesetz hält“ spricht der Kölner Asylanwalt Gunter Christ. Mittlerweile klagen rund 90 Prozent der abgelehnten Asylbewerber gegen ihren Entscheid. Rund 50 % dieser Klagen, bei Flüchtlingen aus Syrien und Afghanistan sogar 60 %, haben Erfolg. Die Entscheidungen des BAMF werden also oft von der Justiz korrigiert.

Einen weiteren Skandal hatte Cordt auszustehen, als bekannt wurde, dass 339.578 Menschen im Jahr 2017 erstmals einen Integrationskurs besuchten. Allerdings machten gerademal 289.751 später auch beim Sprachtest am Kursende mit. Von denjenigen, die überhaupt am Sprachtest teilnahmen, erreichte nicht einmal jeder Zweite (48,7 Prozent) das Kursziel B1.

Damit es in den vom BAMF finanzierten Integrationskursen besser läuft und alles mit rechten Dingen zugeht, hat sich die Behörde nun einen wahren Berg an Vorschriften einfallen lassen, vor allem an Nachweis- und Berichtspflichten. Wie häufig das BAMF tatsächlich kontrolliert und mit welchem Ergebnis, teilte die Behörde nicht mit. In jedem Fall wären viele Kontrollen nötig: Das System selbst lädt zum Betrug ein, da es für alle Seiten zu viele Anreize gibt, eine bessere Präsenz als tatsächlich zu melden, vor allem finanzielle Anreize. Allein 2017 hat die Bundesregierung für die Integrationskurse 610 Millionen Euro bereitgestellt, um die 1736 Institutionen konkurrieren.

„…für deutlich weniger Geld seriöses Wissen“

Nach dem 20. April ging es dann Schlag auf Schlag. Am 21. April wurde bekannt, dass sich das BAMF wegen Verletzung der Neutralitätspflicht von mehreren Dolmetschern getrennt und seit 2017 über 2.000 Dolmetscher im Zuge eines erweiterten Qualitätssicherungskonzepts von Einsätzen für das Bamf herausgenommen hatte – die Zahl beträgt derzeit gerade noch 5.200.

Am 4. Mai berichtete die „Wirtschaftswoche“, dass von den rund 47 Millionen Euro, die allein die Beratung McKinsey bis Ende 2020 für den Einsatz im BAMF erhält, 27,8 Millionen nie öffentlich ausgeschrieben wurden. Dem Blatt liegen mehrere Arbeiten McKinseys vor, darunter die Studie „Rückkehr – Prozesse und Optimierungspotentiale“ für 1,86 Millionen Euro und eine Auswertung der Integrationskurse, die McKinsey mit 1,18 Millionen Euro abrechnete. Die McKinsey-Werke sind ihr Geld nicht wert sind, findet Maximilian Pichl von der Zeitschrift „Forum Recht“.

„Ein Großteil dessen, was McKinsey schreibt, ist vollkommen banal. Da werden über Seiten Zahlen, Statistiken und Verfahrensabläufe ausgebreitet, die bereits bekannt sind – etwa das Dublin-Verfahren“, so Pichl. Konfrontiert mit dieser Kritik, antwortet ein McKinsey-Sprecher: „Es ist ein normales und angemessenes Vorgehen, für eine Problemlösung zunächst die Ausgangslage umfassend, verständlich und korrekt zu beschreiben.“ Allerdings stellt sich bei Tagessätzen von mehr als 2000 Euro pro Mitarbeiter die Frage, ob der Staat hier Steuergelder auf angemessene Weise investiert. „Universitäten erarbeiten für deutlich weniger Geld seriöses Wissen“, sagt Pichl.

„Zentrale selbst in die Angelegenheit verstrickt“

Vier Tage später wird ein interner Bericht der aktuellen Leiterin der Bremer BAMF-Außenstelle Josefa Schmid (FDP) mit schweren Vorwürfen gegen die Nürnberger Zentrale bekannt. Es bestehe der Verdacht, „dass die Zentrale selbst in die Angelegenheit verstrickt ist“, heißt es in der 99 Seiten langen Stellungnahme, und dass die Machenschaften in Bremen „langjährig“ gebilligt worden seien. Deshalb forderte sie von Innenminister Horst Seehofer (CSU) eine unabhängige Untersuchungskommission.

In dem Schreiben an Innenstaatssekretär Stephan Mayer (CSU) nennt die Bayerin alleine für die Jahre 2015 bis 2017 die Zahl von „mindestens 3332“ unzulässiger Weise in Bremen bearbeiteten Asylanträgen. Zusätzlich sei anzunehmen, dass es Verfehlungen auch schon zuvor gab. Der Bericht enthält zahlreiche Details zum Arbeitsstil der ehemaligen BAMF-Leiterin, die im Juli 2016 ihres Amts enthoben wurde, aber in der „Qualitätssicherung Asyl“ weiterbeschäftigt wurde. Der „Spiegel“ berichtete, dass der Leiter der Außenstellen Friedland und Oldenburg bereits seit 2014 auffällige Asylentscheidungen der Bremer Kollegin dokumentierte und mit Aktenzeichen nach Nürnberg sandte.

Seit Anfang Januar hat sie Haus- und Kontaktverbot, erteilt von Schmid. Ihre Vorgängerin habe, so steht es in dem Papier, Mitarbeiter, die sich ihr widersetzten, unter Druck gesetzt und versucht, ein System von Abhängigkeiten zu schaffen. Was die Asylanträge angeht, seien Identitäten nicht ermittelt worden, teils gab es keine Interviews mit den Antragstellern. Bremen galt als „Schlupfloch“, das kriminelle Clanstrukturen missbrauchten.

Nur einen Tag später ist Josefa Schmid in Bremen Geschichte: sie wird nach Deggendorf versetzt. Das bringt Innensenator Ulrich Mäurer (SPD) auf die Palme. Weil auch seine Behörde von der plötzlichen Abberufung Schmids an ihre alte Dienststelle aus den Medien erfuhr, hat er nicht nur einen umfassenden Bericht vom Bundesinnenministerium gefordert, sondern auch Horst Seehofer (CSU) gebeten, „so bald wie möglich nach Bremen zu kommen, um uns auf den aktuellsten Stand zu bringen und uns zu erläutern, wie er das Fehlverhalten seiner Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter abstellen will“.

Mäurer ärgert, dass sich Bremens Ausländerbehörden auf die Asylentscheide des BAMF verlassen mussten und nun mit vielen Fragen alleine gelassen würden: „Wir müssen wissen, in welchen Fällen keine hinreichende Identitätsprüfung stattgefunden hat  und wie diese zwingend notwendige Überprüfung nachgeholt werden kann. Das Chaos schadet nicht nur dem Ruf Bremens, sondern hat auch Auswirkungen auf unsere Ausländerbehörden und ihre Arbeit.“ „Wespennest“-Gerüchte folgten.

„aggressive Anti-Abschiebe-Industrie“

Laut BAMF-Sprecher Christoph Sander könne von einer „Strafversetzung“ aber keine Rede sein; nach dem Bekanntwerden des internen Berichts und der Berichterstattung darüber solle Schmid geschützt werden. Schmid hat gegen ihre Versetzung einen Eilantrag beim Bremer Verwaltungsgericht gestellt, scheiterte zwar, forderte aber hilfesuchend Seehofer in einem vierseitigen Schreiben auf, sie nach Bremen zurückzubeordern.

Festzuhalten ist, dass die jüngsten Skandale im BAMF eher von einer Bleibe- denn einer Prüfungs- oder gar Abschiebeorientierung künden. Neben den Integrationskursen zahlt der Steuerzahler übrigens auch die Anwaltskosten unabhängig vom Ausgang des Asylverfahrens, also auch dann, wenn die Gerichte gegen die Antragsteller entscheiden, was in der Mehrzahl der Fälle passiert. Abgesehen davon, dass in einem Rechtsstaat Gerichte das letzte Wort haben und nicht die Politik, scheint hinter der Wortschöpfung „aggressive Anti-Abschiebe-Industrie“ von CSU-Landesgruppenchef Alexander Dobrindt mehr zu stecken als nur angstgetriebene bayrische Landtags-Wahlkampfrhetorik.

Inzwischen prüft der Bundesrechnungshof auf Seehofers Anweisung das Bundesamt auf „systemische Mängel“. Erstes Resultat: Von Januar 2015 bis März 2018 wurden von 1,65 Millionen Entscheidungen nur 11.830 intern von der Qualitätskontrolle des BAMF überprüft – gerade einmal 0,7 Prozent. Nach Informationen der „Augsburger Allgemeinen“ hat es auch in den Außenstellen in Bingen, Karlsruhe und Gießen eine Häufung von Unregelmäßigkeiten gegeben. Weitere Überraschungen für die „BAMFnanenrepublik“ („Bild“) sind erwartbar und wurden personell von Seehofer schon avisiert. Die jüngste: der Bayer verbot inzwischen der Außenstelle Bremen, Asylentscheidungen zu treffen.

Aufgerufen kurz vor 20 Uhr, war es Punkt 14 auf der Tagesordnung – der letzte der 70. Sitzung des Sächsischen Landtags der laufenden Legislaturperiode. Gegenstand war die Petition eines Bürgers, der das Verhalten eines verbeamteten Professors unter dienstrechtlichen Aspekten überprüfen lassen wollte. Dieser Professor – seinen Klarnamen zu nennen hatte er nur der AfD gestattet – heißt Thomas Rauscher und ist seit 1993 Inhaber der C4-Professur für Internationales Privatrecht, Rechtsvergleichung sowie Bürgerliches Recht an der Universität Leipzig und dort zugleich Institutsdirektor.

Der 62jährige gebürtige Bayer gilt als Koryphäe, seiner Feder entstammen u.a. das Lehr- und Handbuch Familienrecht, der 5-bändige Praxiskommentar zum Europäischen Zivilprozess- und Kollisionsrecht sowie das Lehrbuch Internationales Privatrecht. Daneben war er 23 Jahre lang ERASMUS-Beauftragter der Fakultät, d.h. zuständig für die Auslandsaufenthalte der Jurastudenten. Von dieser Position wurde er im Februar 2018 abberufen – aus denselben Gründen, die die Petition anführte. Gegen diese Abberufung hat er bereits Widerspruch eingelegt.

Die Petition selbst entpuppte sich als eine nicht als Plagiat gekennzeichnete wörtliche Wiedergabe eines Artikels von Bernhard Honnigfort vom 23.11.2017 aus der „Berliner Zeitung“ – wie dieser publizistische Text überhaupt unbemerkt als sächsische Petition durchgehen konnte, ist bis heute unklar. Aber anhand dieses Texts warf nun der Petent die Frage auf, inwieweit die Landesregierung dafür Sorge trägt, dass Universitätsbeschäftigte keine Äußerungen tätigen, die „gegen das Grundgesetz bzw. die Gesetze des Bundes verstoßen“.

Mit „Äußerungen“ sind im Wesentlichen Tweets gemeint, zwei davon vom November 2017. In dem einen twitterte Rauscher: „Es ist natürlich, sich zu wehren, wenn die eigene Kultur untergeht. Die ‚Angst des weißen Mannes‘ sollte wehrhaft werden!“. In dem anderen kommentierte der Jurist einen Aufmarsch polnischer Patrioten in Warschau, die ein Plakat mit der Aufschrift „Ein weißes Europa brüderlicher Nationen“ trugen, mit den Worten „Für mich ist das ein wunderbares Ziel.“ In einem dritten erklärte er: „Wir schulden den Afrikanern und Arabern nichts. Sie haben ihre Kontinente durch Korruption, Schlendrian, ungehemmte Vermehrung und Stammes- und Religionskriege zerstört und nehmen uns nun weg, was wir mit Fleiß aufgebaut haben.“

„Rauscher rausch ab!“

Daraufhin distanzierten sich Wissenschaftspolitiker; forderten Kollegen, darunter auch der Leipziger Dekan Tim Drygala, Sanktionen, Studenten gar seine Entlassung. Es gab eine Demo mit Hunderten Teilnehmern vor einem Plakat „Rauscher rausch ab!“. Rauscher sei ein Rassist, erklärten linke Studentenvertreter und störten eine Vorlesung des Professors, um persönlich vor ihm zu protestieren, aber nicht mit ihm zu diskutieren.

Außerdem wurde eine Online-Petition initiiert, die die Entlassung des Professors forderte und es auf 18.000 Unterschriften brachte. „Weil der Staat, auch wir als Gesellschaft, keine Menschen mit faschistischer Ideologie subventionieren dürfen“, so eine der Begründungen. Für die Leipziger Kanzlerin Birgit Dräger steht „die Meinungsfreiheit, insbesondere die Freiheit von Forschung und Lehre, gegen den Verdacht der Volksverhetzung und mangelnder Mäßigung im Amt.“

Der Petitionsausschuss unter der Federführung der CDU hatte die Petition der Staatsregierung zur Berücksichtigung überwiesen. Falls diese Verstöße nachweisen könnte, drohten Rauscher Sanktionen: von der Rüge über Kürzungen seiner Bezüge bis hin zur Entlassung. In der Person der Wissenschaftsministerin Eva-Maria Stange (SPD) kam die Staatsregierung dagegen zu dem Schluss, dass der Petition nicht abgeholfen werden könne.

Stange, die zuvor Rauscher öffentlich gerügt hatte, berief sich trotz ihrer Kritik auf die Meinungsfreiheit: der Jurist habe sich als Privatmann und nicht im Namen und als Mitarbeiter der Uni auf Twitter geäußert. Die Vorverurteilung der Ministerin aber wog schwer, denn selbst Dekan Drygala war gezwungen, seine eigenen Vorwürfe zu relativieren. In der ZEIT gab er zu: „In der Lehrtätigkeit von Thomas Rauscher, auch in seinem Umgang mit Erasmus-Studenten, ist nie etwas vorgefallen. Es gab in all den Jahren keine einzige Beschwerde. Und es gibt auch viele Studenten, die ihn sehr schätzen.“

Das roch also nach Zoff in der sächsischen GroKo, den die oppositionelle Linke zum Anlass nahm, diese Petition Ende April öffentlich im Plenum zu diskutieren. Da siele sich ein rechter Spießbürger im braunen Sumpf, keifte Fraktionsvize Luise Neuhaus-Wartenberg, und beklagte eine Verbreiterung des rechten Diskurses über den akademischen Betrieb „bis hinein in gewisse Regierungsbänke“. Außerdem stünden Äußerungen von Beamten nicht im luftleeren Raum, sondern in Beziehung zur gesellschaftlichen Stellung der sich Äußernden, erklärt sie ihre Sicht auf das „Zurückhaltungsgebot“.

Die bildungspolitische Sprecherin der AfD-Fraktion Karin Wilke fragte prompt, ob es zwei verschiedene Meinungsfreiheiten gäbe, eine normale und eine „light“ für Staatsdiener, oder gar eine private für alle Meinungen und eine öffentliche, in der nur eine Meinung zählt. Dann nahm sie in ihrer Begründung, der Petition auch nicht abzuhelfen, die interpretativen Unterstellungen auseinander, die Rauscher selbst in wenigen Interviews widerlegt hatte.

Das „weiße Europa“ als Chiffre

So steckt im dritten Tweet eben kein Rassismus, sondern schlicht Protest gegen die Ansicht, dass alle Fluchtursachen aus der Kolonialzeit stammten. Sie sei nicht schuld daran, dass sich „seit dem dritten Kalifen Schia und Sunna bekriegen und deshalb derzeit der arabische Subkontinent brennt. Sie ist auch nicht schuld daran, dass sich Robert Mugabe nach der Unabhängigkeit jahrzehntelang hemmungslos bereichert hat“, so Rauscher im MDR. Es ist also Unsinn, dass Europa die drohende Migrationswelle hier „entgegennehmen“ muss, weil es eine koloniale Schuld zu begleichen gäbe. Wenn laut WELT in den subsaharischen Ländern 110 Millionen Menschen zur Migration nach Europa bereit sind, ist es richtig und wichtig, nicht aber rassistisch, das zu thematisieren.

Zugleich wirft Rauscher den arabischen und afrikanischen Gesellschaften und Staaten Versagen in Staat und Verwaltung, Korruption, unterlassene Maßnahmen gegen Überbevölkerung, Stammes- und Religionskriege vor. Er ordnet also keine Eigenschaften zu, sondern beschreibt einen politischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Ist-Zustand, der die Grundlage der sogenannten Fluchtursachen ist. Das alles richtet sich nicht gegen Individuen, sondern gegen Staaten, die nun einmal in Arabien und Afrika liegen. Das ist genauso wenig rassistisch, wie wenn man Griechenland vorwirft, dass es sich in den Euro hineingeschwindelt hat. Hier werden Fakten durch den Rassismusvorwurf tabuisiert, weil man diese Fakten im deutschen Mainstream nicht hören will.

Auch die vorgebliche „Fremden-“ bzw. „Ausländerfeindlichkeit“ ist an den Haaren herbeigezogen. Nicht nur die Polen, auch andere gerade mitteleuropäische Völker wünschen sich ein Europa, das sich seiner kulturellen und christlichen gemeinsamen Wurzeln bewusst ist, hierfür sei „das ‚weiße Europa‘ eine Chiffre. Denn unbestreitbar ist die Geschichte und Kulturentwicklung der letzten Jahrtausende in Europa eine von weißen Menschen geprägte. So wie die afrikanische Geschichte eine von schwarzen Menschen geprägte ist…“, so Rauscher. Diese kulturelle Identität Europas stünde einem weltoffenen Dialog nicht entgegen.

Wohl aber stehe sie entgegen einer unkontrollierten Völkerwanderung: „Insofern liegt die Art und Weise, in der Frau Stange und die Universitätsspitze den Begriff der ‚Weltoffenheit‘ instrumentalisieren, völlig jenseits dessen, was Weltoffenheit im Sinne einer Universität ist. Wenn Weltoffenheit sein soll, dass man gegenüber einer ungesteuerten Migration die Tür offen und hier jeden reinkommen lässt, dann ist es dasselbe, als würde man Gastfreundschaft damit verwechseln, dass man die Haustüre nicht mehr absperrt“, klagt Rauscher.

Millionen wirtschaftlich motivierte Migranten sind für den Juristen keine Botschafter ihrer Kulturen, „sondern Menschen, die immerhin das Geld und die Kraft haben, ihre Länder zu verlassen – und damit auch im Stich zu lassen – und in Europa zu einer kulturell entwurzelten Schicht zu werden drohen. Die europäische Kultur verkraftet diese Masse nicht und hat deshalb nur die Wahl, sich selbst zu verleugnen oder die Zugewanderten zwanghaft zu assimilieren. Beides ist kulturfeindlich.“

Austausch, individuell beidseits gewollte Migration mit freier Entscheidung für Integration oder Rückkehr bejaht er, lehnt aber Völkerwanderung mit Majorisierung und Parallelgesellschaften ab. Ein Intellektueller, der aufgrund vieler akademischen Auslandskontakte fremde Kulturen nicht nur von der Dönerbude und vom Strandurlaub her kennt und dann gegen Multi-Kulti argumentiert, ist für die Gewissheit von der eigenen Unfehlbarkeit der Multi-Kulti-Fetischisten natürlich gefährlich.

„Es ist eine Herrschaft des Unrechts“

Und ebenso wenig, wie sie gegen die Meinungsfreiheit verstoßen, sind diese Äußerungen grundgesetzwidrig. Im Gegenteil erlebt Deutschland das Versagen des Rechtsstaats, den das Grundgesetz normiert, durch die willentliche Rechtsbrechung der Bundesregierung mit Angela Merkel an der Spitze.  Schon in der Sendung „Was nun?“ des ZDF am 13.November 2015 sagte die Kanzlerin auf dem Höhepunkt der illegalen Masseneinwanderung: „Ich kämpfe für den Weg, den ich mir vorstelle, für meinen Plan, den ich habe… aus Illegalität Legalität zu machen.“ Das ist keine Demokratie, das ist Monarchie. Auch zwei renommierte Staatsrechtler, die Ex-Bundesverfassungsrichter Hans-Jürgen Papier und Udo Di Fabio, fürchten um die verfassungsstaatliche Souveränität der Bundesrepublik und sehen den Rechtsstaat als Ganzes in Gefahr. Di Fabio wird in einem CSU-beauftragten Gutachten sehr deutlich.

Die Öffnung der Grenzen könne zwar mit dem Notstand der Menschenwürde gerechtfertigt werden, aber erstens nur punktuell und auf wenige Tage beschränkt; und zweitens nicht „ohne gesetzliche Grundlage“, womit die Rechtspositionen von Bundestag und Bundesrat missachtet wurden, so di Fabio. Die Verfassung sei nicht dafür da, den Schutz aller Menschen weltweit „durch faktische oder rechtliche Einreiseerlaubnis“ zu sichern. Der „Passauer Neuen Presse“ sagt CSU-Chef Horst Seehofer prompt zum Aschermittwoch 2016: „Wir haben im Moment keinen Zustand von Recht und Ordnung. Es ist eine Herrschaft des Unrechts.“

Im September 2017 bekam di Fabio Unterstützung durch ein Rechtsgutachten des Wissenschaftlichen Dienstes des Deutschen Bundestages. Für die Juristen ist „die pauschale und massenhafte Einreisegestattung nicht mehr vom  § 18 Abs. 4 Nr. 2 AsylG gedeckt“. Sie schlussfolgern, dass eine so weitgehende Anordnung „einer gesetzlichen Regelung oder einer parlamentarischen Zustimmung bedarf“.

Im Klartext: Die Regierung hat auf unklarer Rechtslage eigenmächtig in einer Angelegenheit entschieden, die gravierende soziale, wirtschaftliche und kulturelle Auswirkungen sowie einen signifikanten Sicherheitsverlust zur Folge hat. Auf die Entscheidung angesprochen, verstieg sich gar Kardinal Marx zu einem Lob Angela Merkels mit den Worten, sie habe „sich sogar über das Gesetz hinweggesetzt. Das gehört auch zur politischen Führung!“

Nicht Thomas Rauscher ist es also, der ein Gesetz gebrochen hat. Er weist „nur“ darauf hin und wird prompt als Demokratiefeind gemaßregelt. Für diese Argumentation wurde Karin Wilke im Plenum vom Parlamentarischen Grünen-Fraktionsgeschäftsführer Valentin Lippmann der „geistigen Unzurechnungsfähigkeit“ bezichtigt. Rauscher selbst wiederum dankte ausdrücklich den Abgeordneten der AfD dafür, dass sie „die Fahne der Meinungsfreiheit aufrechterhalten“.

von damals bekannte Unterdrückungsmuster

Diese Vorgänge um den „Pegidaprofessor“ (BZ) werfen ein bezeichnendes Licht auf den katastrophalen Zustand der Demokratie, des hohen Guts der Meinungsfreiheit und der politischen Korrektheit in unserer Republik. Mäßigungsgebot heißt nicht, dass sich ein Beamter in Kadavergehorsam die Meinung von Vorgesetzten vorschreiben lässt oder gar sich selbst zensiert. Das war in der DDR so, wie Rauscher anhand zahlreicher Zuschriften von Mitbürgern bestürzt feststellt, „die in dem Verhalten des Wissenschaftsministeriums, der Unileitung und des Senats die ihnen von damals bekannten Unterdrückungsmuster wiedererkennen.“ Mit der Diskreditierung, ja versuchten Entfernung seiner Person sollen offenbar unliebsame wissenschaftliche Erkenntnisse zur Demografie- und Konfliktforschung komplett und unwiederbringlich mit entsorgt werden, die nicht in das linksideologische und religiöse Weltbild passen.

Rauscher hat sich zu einer allgemeinen politischen, im Moment intensiv diskutierten Frage geäußert, klar gekennzeichnet als Privatperson und in keiner Weise die dienstlichen Belange berührend. Professoren haben sich nicht zurückzuziehen hinter irgendwelche vorgefertigten Meinungen, die vorgesetzten Stellen gerade opportun sind. Sie haben – wie übrigens alle Intellektuellen in diesem Lande – die Aufgabe, sich zu positionieren, „alle angenommenen Weisheiten in Zweifel zu ziehen … und jene Fragen zu formulieren, die sich sonst niemand zu stellen wagt“, wie Ralf Dahrendorf forderte. Das hat Rauscher getan, dafür gebührt ihm die Hochachtung aller Demokraten.

Was hat Heino mit dem aus Ghana gebürtigen Ex-Fußballnationalspieler Gerald Asamoah und dem türkischstämmigen, ersten muslimisch-deutschen Schützenkönig Mithat Gedik gemeinsam? Alle drei wurden von Nordrhein-Westfalens neuer Heimatministerin Ina Scharrenbach (CDU) im Dezember 2017 zu „Heimatbotschaftern“ berufen. Auf dem ersten NRW-„Heimatkongress“ im März 2018 strebte die stets sehr korrekt und etwas streng auftretende Unions-Politikerin an, den Heimatbegriff und seine „unsichtbaren Wurzeln“ individuell zu beleuchten. Ohne Asamoah und Gedik, aber mit Heino.

Der Barde wollte einige Wurzeln in einem individuellen Geschenk an Scharrenbach sichtbar machen: seinem Doppelalbum „Die schönsten deutschen Heimat- und Vaterlandslieder“ von 1981. Hätte er das mal lieber gelassen. Auf dem Cover der Schallplatte ist zwar der Vermerk enthalten, Kinder könnten damit im Schulunterricht bestens „mit dem deutschen Liedgut vertraut gemacht werden“. Aber manche der 24 Lieder wurden zu Hitlers Zeiten auch ins „Liederbuch der SS“ aufgenommen.

Nein, es geht nicht um „Wann wir schreiten Seit’ an Seit’“ von Hermann Claudius von 1914, das bis heute Schlusslied von SPD-Parteitagen ist und sich nicht auf der Platte, wohl aber auf S. 45 des Liederbuchs findet. Es geht um ein Lied aus der Zeit der Befreiungskriege gegen Napoleon Anfang des 19. Jahrhunderts: das von Max von Schenkendorf 1814 (!) verfasste Stück „Wenn alle untreu werden“, das später von der SS als „Treuelied“ instrumentalisiert wurde und auf S. 13 abgedruckt ist.

Auszug SS-Liederbuch. Quelle: https://ia801202.us.archive.org/BookReader/BookReaderImages.php?zip=/32/items/RasseUndSiedlungshauptamtSSSSLiederbuch180S.ScanFraktur/Rasse-%20und%20Siedlungshauptamt%20SS%20-%20SS-Liederbuch%20(180%20S.%2C%20Scan%2C%20Fraktur)_jp2.zip&file=Rasse-%20und%20Siedlungshauptamt%20SS%20-%20SS-Liederbuch%20(180%20S.%2C%20Scan%2C%20Fraktur)_jp2/Rasse-%20und%20Siedlungshauptamt%20SS%20-%20SS-Liederbuch%20(180%20S.%2C%20Scan%2C%20Fraktur)_0046.jp2&scale=4&rotate=0

Auszug SS-Liederbuch. Quelle: https://ia801202.us.archive.org/BookReader/BookReaderImages.php?zip=/32/items/RasseUndSiedlungshauptamtSSSSLiederbuch180S.ScanFraktur/Rasse-%20und%20Siedlungshauptamt%20SS%20-%20SS-Liederbuch%20(180%20S.%2C%20Scan%2C%20Fraktur)_jp2.zip&file=Rasse-%20und%20Siedlungshauptamt%20SS%20-%20SS-Liederbuch%20(180%20S.%2C%20Scan%2C%20Fraktur)_jp2/Rasse-%20und%20Siedlungshauptamt%20SS%20-%20SS-Liederbuch%20(180%20S.%2C%20Scan%2C%20Fraktur)_0046.jp2&scale=4&rotate=0

Dass mit dem Lied in der NS-Zeit auch Widerstand gegen das Regime zum Ausdruck gebracht wurde, hat niemand interessiert. So berichtet Heinrich Böll in seinen Lebenserinnerungen, dass er es mit einem Freund aus Widerstand gegen das von der Hitlerjugend gesungene Horst-Wessel-Lied anstimmte – und dafür Schwierigkeiten bekam. Heino verwendete für seine Version sogar eine andere Melodie als sie in der SS üblich war – vergebens, der „Skandal“ wurde hochgeschrieben.

Denn dem Schlagersänger wird seit langem eine unkritische Haltung zu völkischem Liedgut vorgeworfen, weswegen er auch in der DDR verboten war. Zu Zeiten der Apartheid hatte er in Südafrika seinen Schlager „Schwarzbraun ist die Haselnuss“ zum Besten gegeben. Für den damaligen baden-württembergischen Ministerpräsidenten und einstigen NS-Marinerichter Hans Filbinger (CDU) sang er alle drei Strophen des Deutschlandlieds. Deswegen blieb das Bundesverdienstkreuz dem 79-Jährigen versagt, der die Aufregung nicht versteht: „Wenn man danach sucht, findet man immer ein Lied, das missbraucht worden ist. Die Lieder können doch nichts dafür, wenn sie instrumentalisiert worden sind“.

CDU-Politikerin Scharrenbach ließ zunächst mitteilen, das von Heino überbrachte Geschenk sei „bei der Übergabe nicht unter dem Aspekt der politischen Korrektheit überprüft worden“. Sie habe vor der Annahme des Geschenks auch „nicht die Titel der Schallplatte zur Kenntnis genommen“. Und aus einem beim Kongress entstandenen Foto mit ihr, Heino und der Schallplatte lasse sich keine inhaltliche Nähe zu den Titeln konstruieren. Sie verwahre sich strikt dagegen, „in irgendeiner Weise mit der nationalsozialistischen Ideologie in Verbindung gebracht zu werden“. Tage später relativierte sie: „Wenn es da ein Interesse gibt, irgendeine Person zu beschädigen, dann nehme ich das zur Kenntnis. Heino macht seit vielen Jahrzehnten Musik – und ist bei vielen Bürgern beliebt.“

Pressefoto Plattenübergabe. Quelle: https://www.welt.de/img/regionales/nrw/mobile174802999/6031627137-ci23x11-w1600/Heimatkongress-in-NRW.jpg

Pressefoto Plattenübergabe. Quelle: https://www.welt.de/img/regionales/nrw/mobile174802999/6031627137-ci23x11-w1600/Heimatkongress-in-NRW.jpg

Tonkunst als Staatskunst

Der Vorgang ist der jüngste Höhepunkt einer musikpolitischen Entwicklung, die Tonkunst immer mehr als Staatskunst in zwei Formen mit je drei Indizien erscheinen lässt. Einerseits wird der „Gesinnungskorridor“ (Uwe Tellkamp), in dem deutsches Musikgut unverdächtig erscheint, stetig schmaler. Erstes Indiz: die Reglementierung „belasteter“ Stücke, die nicht nur Heino betrifft. So kündigte Münchens Zweiter Bürgermeister Josef Schmid (CSU) für das Oktoberfest eine „Rote Liste“ einschlägiger Stücke an, die nicht gespielt und den teilnehmenden Kapellen übermittelt werden sollen.

Drei Mitglieder des Stadtrats der Fraktion Die Grünen/Rosa Liste hatten im Oktober 2017 sofort den Antrag gestellt, „Nazi-Märsche“ von der Wiesn zu verbannen, nachdem die Zillertaler Blaskapelle den „Standschützenmarsch“ gespielt hatte: Der Komponist des Liedes, Sepp Tanzer, dirigierte am Brenner einst sogar vor Hitler und Mussolini. Dass damit zugleich eingestanden wird, dass 70 Jahre lang in der BRD „Nazilieder“ gespielt worden sein müssen, fiel niemandem auf. Je weiter man sich zeitlich von den bewussten „12 Jahren“ entfernt, umso hysterischer fallen die Reaktionen aus.

Ein zweites Indiz des Gesinnungskorridors ist die Unterstellung von Musik als „rechtsextrem“, wie sie neben „FreiWild“ vor allem Xavier Naidoo traf. Der Tourauftakt der „Söhne Mannheims“ mit ihrem Leadsänger sorgte im Frühjahr 2017 für panische Reaktionen – vor allem das Lied „Marionetten“: „Wie lange wollt ihr noch Marionetten sein? Seht ihr nicht, ihr seid nur Steigbügelhalter. Merkt ihr nicht, ihr steht bald ganz allein. Für eure Puppenspieler seid ihr nur Sachverwalter.“ Oberbürgermeister Peter Kurz forderte „seine“ Söhne auf, diese „antistaatlichen Aussagen“ im Refrain zu erklären.

ein Sänger im „Wutbürger-Morast“

Xavier Naidoo. Quelle: https://saparena.de/media/bilder/2015-2016/2015-11-07_Soehne_Mannheims,_Xavier_Naidoo_%26_Friends

Xavier Naidoo. Quelle: https://saparena.de/media/bilder/2015-2016/2015-11-07_Soehne_Mannheims,_Xavier_Naidoo_%26_Friends

Laut der Brandenburgischen Landeszentrale für politische Bildung ist der Begriff „Marionetten“ ein Sprachbild aus dem Repertoire des klassischen Antisemitismus. Die FAZ verstieg sich zur Behauptung „Reichsbürger-Hymne“, die BZ textete „Er benutzt radiofreundliche Popmusik, um fundamentalistische und rechtsextremistische Positionen mitten im deutschen Mainstream zu verankern“. Für den Spiegel ist das „umstürzlerische, staatsfeindliche Rhetorik von Pegida und der AfD-Rechten“ eines Sängers im „Wutbürger-Morast“. Und in der ZEIT stand tatsächlich dieser Satz: „Für die Zukunft wünsche ich dir allen Boykott, den du bekommen kannst.“

Jan Böhmermann parodierte die „Hurensöhne Mannheims“, mit denen „jeden Tag Montagsdemo in deinem CD-Player“ sei, und schlug den neuen Naidoo-Song für den „Lutz-Bachmann-Preis für nicht-entartete Kunst“ vor. Der Gipfel: „Das ist plumper und gewaltverherrlichender Pegida-Sprech“, sagte die grüne Bundestagsvize Claudia Roth. Prompt verlangte in Rosenheim ein Bündnis namens „Kein Hass auf Rosenheims Bühnen“, die Söhne Mannheims aus dem örtlichen Sommerfestival im Mangfallpark 2017 wieder auszuladen. Naidoo sei ein „Hassprediger“, sagt Bündnissprecher Johannes Müller. Da kann man auch gleich die Spielerlaubnis der DDR wieder einführen.

Aber auch ausländische Künstler müssen für „rechte“ Sätze Kritik einstecken. Der schon mal mit einem Tischtuch als Kopftuch dekorierte Österreicher Andreas Gabalier ebenso wie Morrissey, der im „Spiegel“-Interview erklärte, dass Berlin wegen der von Angela Merkel offen gehaltenen Grenzen zur „Vergewaltigungshauptstadt“ geworden sei, und forderte: „Ich will, dass Deutschland deutsch ist.“ „Welt“-Journalist Alan Posener zeterte auf Twitter: „Wer gibt einen Scheiß drauf, was er denkt?“

Morissey. Quelle: http://cdn2.spiegel.de/images/image-1215285-860_poster_16x9-bigm-1215285.jpg

Morissey. Quelle: http://cdn2.spiegel.de/images/image-1215285-860_poster_16x9-bigm-1215285.jpg

Ein drittes Indiz des Gesinnungskorridors ist die Verurteilung vorgeblich „unpolitischer“ Musik – von „politischem Eskapismus“ spricht Ex-„Spex“-Chef Torsten Groß, von „Biedermeier-Stimmung in den Hitparaden“ Jens Balzer im DLF. Böhmermann attestierte den sogenannten neuen deutschen Pop-Poeten wie Max Giesinger, Tim Bendzko und Andreas Bourani eine „nur oberflächig camouflierte Rückkehr in die eskapistische Welt des Weitermach- und Verdrängungsschlagers der Nachkriegszeit“, kurz „Industriemusik“. Micky Beisenherz fügte Anfang März im „Stern“ auch noch Wincent Weiss, Adel Tawil und Lena Meyer-Landrut hinzu – in seiner Diktion „tumbe Gesellen“.

Vor allem Giesingers „Wenn sie tanzt“ stand in der Kritik: darin manifestiere sich der Vorzug kinderloser Selbstverwirklichung, die Mutterpflichten schlüge (!). Deswegen könne sie weder „auf ein Date gehen“ noch „eine Pause einlegen“. Als Mittel gegen die Frustration aus dieser Gemengelage empfiehlt Giesinger eine sparsam dosierte Realitätsflucht: „Wenn sie tanzt, ist sie woanders.“

Reimer Burstorff, Sänger und Bassist der explizit linken Band „Kettcar“, meinte dagegen im DLF: „Wir haben für uns erkannt, dass es für uns nicht reicht, was gerade in der deutschsprachigen Musik passiert. Dass es nur noch um Liebeslieder geht und Gesellschaftkritisches, Politisches nicht stattfindet. Wenn man schon ein Mikrofon in der Hand hat, sollte man sich gegen Rassismus aussprechen“. Clueso behauptete gar „Jeder Künstler sollte eine politische Meinung haben, diese auch vertreten und Gesicht zeigen.“

Tote Hosen-Sänger Campino ging noch einen Schritt weiter und warf der rußlanddeutschen Helene Fischer vor, sich nicht gegen rechts zu positionieren. Er sieht dahinter Taktik von Fischers Management, das womöglich keinen Ärger wolle und sie daher anhalte, zu politischen Themen den Mund zu halten. Für ihn keine Option: „Die Tatsache ist doch, dass man eher bereit sein muss, bei den Fans Verluste hinzunehmen, wenn man sich politisch positioniert.“

Reimer Burstorff. http://www.laut.de/Kettcar/Fotogalerien/Koeln,-Palladium,-2017-6366/kettcar-koeln-palladium-2017-reimer-bustorff-188534.jpg

Reimer Burstorff. http://www.laut.de/Kettcar/Fotogalerien/Koeln,-Palladium,-2017-6366/kettcar-koeln-palladium-2017-reimer-bustorff-188534.jpg

„Deutschland verrecke, das wäre wunderbar!“

Andererseits werden die Zuschreibungen politisch korrekter Musik immer häufiger und lauter. Erstes Indiz sind hier mehr Würdigungen dezidiert „linker“ Musik. Nun gelten Musik und Politik in Deutschland sowieso als vor allem linkslastig miteinander verbunden – man denke etwa an die Burg-Waldeck-Festivals oder gar Claudia Roth als einstige Managerin von Ton Steine Scherben, erst recht die DDR-Traditionen des „Festivals des Politischen Liedes“ oder „Rock für den Frieden“. In dieser Tradition steht heute immer noch der Punk. Etwa die Band „Feine Sahne Fischfilet“, die wegen „explizit anti-staatlicher Haltung“ im Verfassungsschutzbericht des Landes Mecklenburg-Vorpommern zwischen 2011 und 2014 erwähnt und 2016 von damaligen Bundesjustizminister Heiko Maas für ihr „Engagement gegen Rechts“ gelobt wurde.

In den Texten finden sich Verse wie: „Die nächste Bullenwache ist nur einen Steinwurf entfernt“ („Wut“), „Deutschland verrecke, das wäre wunderbar!“ („Gefällt mir“) oder auch „Eure Knüppel kriegt ihr in die Fresse rein und danach schicken wir euch nach Bayern, denn die Ostsee soll frei von Bullen sein“ („Staatsgewalt“). “ Die Combo durfte im Januar ihr fünftes Studioalbum „Sturm und Dreck“ in der ARD-Tagesschau umsonst bewerben. Prompt erreichte es Platz 3 der deutschen Charts. In Konzerten werden Songs wie „Solange es brennt“ all jenen „Leuten und Kids auf den Dörfern, die sich nicht diesem räudigen Rechtsruck hingeben“, gewidmet. Die „Donots“ mit ihrem ebenfalls im Januar veröffentlichten elften Studio-Album „Lauter als Bomben“ gehören ebenso in diese Reihe.

FSF. Sreenshot: https://twitter.com/DoraGezwitscher/status/952949781013385217

FSF. Sreenshot: https://twitter.com/DoraGezwitscher/status/952949781013385217

Zweites Indiz sind wohlfeile Statements korrekter bis linker Musiker, was natürlich die Gefahr von Fan-Abkehr bedeuten mag, wie Campino richtig erkannte. So unterbrach jüngst Santiano-Frontmann Björn Both eine Zeitlang die Konzerte, um bedeutungsschwangere Worte zum Thema Freiheit anzukündigen, „aus gegebenem Anlass“. So gebe es in Europa bereits Länder, in denen die Völker freiwillig Despoten an die Macht gewählt hätten. Auch hierzulande sei die Freiheit in Gefahr: Es gebe im Parlament inzwischen eine Partei – die AfD – die die Freiheit gefährde und gegen diese Soße, diese Arschlöcher, gelte es, die Freiheit zu verteidigen. Nach einem Facebook-Shitstorm sah sich die Band dann keine zwei Tage später zum Zurückrudern genötigt und kündigte an, ab sofort bei Live-Konzerten auf politische Inhalte zu verzichten.

Schon als Roland Kaiser die Pegida-Bewegung kritisierte und dazu aufrief, sich „vorbehaltlos auf Menschen einzulassen“, erntete er dafür tausende „Buhs“. Darunter von Pegida-Mitgründerin Katrin Oertel, die Mitte Januar 2015 vor 25.000 Demonstranten beklagte: „Da hätten Sie etwas mehr Neutralität uns gegenüber zeigen können. Nie sind Sie auf uns zugekommen, um mit uns zu reden. Wir sind zu Ihnen gekommen. Was wollen Sie jetzt tun? Uns nicht mehr reinlassen?“

„wenn auch mal Populisten herumschreien“

Als Statement sind natürlich auch spezielle Events willkommen. So sangen Ende März am Zwickauer Kornmarkt rund 200 Besucher mit „Prinzen“-Sänger Sebastian Krumbiegel Lieder von Frühling und Frieden. Der Grund für Krumbiegels Singen: ein paar Meter weiter auf dem Markt hatte die Bürgeroffensive Deutschland die vierfache Besucherzahl unter dem Motto „Fehlpolitik Deutschland“ versammelt – obwohl dort niemand für Krieg demonstrierte. Bei Lesungen aus seiner Autobiographie „Courage zeigen – Warum ein Leben mit Haltung gut tut“ gibt er zwar zu sich zu schämen, die Montagsdemo am 9. Oktober 1989 aus Angst nicht besucht zu haben, andererseits gehe er aber heute gegen Pediga und deren Ableger auf die Straße, weil es wichtig sei, weiterhin Haltung zu zeigen.

S. Krumbiegel. Quelle: https://pics.freiepresse.de/DYNGAL/43357/451737_M606x404.jpg

S. Krumbiegel. Quelle: https://pics.freiepresse.de/DYNGAL/43357/451737_M606x404.jpg

Aber schon zum AfD-Bundesparteiparteitag im April 2017 riefen viele einheimische Musiker und DJ’s zu Aktionen unter Slogans wie „Köln stellt sich quer“, „Köln gegen Rechts“ oder „Bunt statt Bla“ auf, darunter die „Bläck Fööss“, „Brings“, die „Höhner“ und die „Arsch huh Allstar Band“. Besonders aktiv zeigt sich Campino, der sich laut Interview mit dem Magazin „Rolling Stone“ bei Angela Merkel für deren Flüchtlingspolitik noch bedanken würde. Als er 1982 die „Toten Hosen“ mitgründete, stand die Band vor allem für eines: eine radikale Ablehnung des Establishments, der Bürgerlichkeit, ja eine fundamentale Opposition zu allem, was irgendwie nach Mainstream oder gar Regierung roch. 35 Jahre später spielten sie auf einer Anti-Pegida-Veranstaltung in Dresden.

„Mit diesem Auftritt lag die Band genau in der vorgegebenen Linie“, erklärte damals die Dresdner AfD. „Ablehnung der Bürgerlichkeit? Kaum, denn erstens sind die Bandmitglieder mittlerweile allesamt gutbürgerlich finanziell versorgt, und zweitens war dies eine Veranstaltung, die ganz explizit das ‚Bürgertum‘ zum Protest gegen die Pegidianer aufrief. Fundamentale Opposition gegen die Regierung? Mitnichten, sondern ganz auf deren Linie. Oder wenigstens gegen den Mainstream? Vergessen wir das, die Mugge, die vor wenigen hundert Demonstranten stattfand, wurde von den Mainstreammedien bejubelt wie ein achtes Weltwunder.“

Campino in Dresden. Quelle: https://www.tagesspiegel.de/images/campino-und-tote-hosen-in-dresden/19578596/1-format43.jpg

Campino in Dresden. Quelle: https://www.tagesspiegel.de/images/campino-und-tote-hosen-in-dresden/19578596/1-format43.jpg

Der Echo als „linker“ GAU

Die andere Seite der derselben Medaille ist die (wenigstens anfängliche) Verharmlosung problematischer Inhalte, die aber augenscheinlich nicht „rechts“ interpretierbar sind, sondern im Gegenteil links semantisiert und/oder gleich mit marktwirtschaftlicher Perspektive entschuldigt werden können. Das trifft vor allem auf den Hip-Hop und erst recht seine Spielart Rap zu – eine Musikrichtung mit Wurzeln in der afroamerikanischen Funk- und Soul-Musik, in die man damit Mythen von „Empanzipation“, „Protest“ oder gar „Befreiung“ hinein interpretieren kann.

Interpretationswürdig sind aber auch Zeilen wie „Mache wieder mal ‚nen Holocaust, komm‘ an mit dem Molotow“ der Rapper Kollegah und Farid Bang auf dem Album „Jung, brutal, gutaussehend 3“, für das das Duo den Echo 2018 in der Kategorie Hip-Hop/Urban National gewann. Die Antisemitismus-Debatte um diese und andere Zeilen nahm aber erst an Fahrt auf, nachdem viele Geehrte wie Sänger Marius Müller-Westernhagen, Bassist Klaus Voormann oder die Dirigenten Christian Thielemann und Daniel Barenboim ihre Preise zurückgaben oder explizit „linke Kollegen“ wie Campino oder Klaus-Voormann-Laudator Wolfgang Niedecken ihre Stimme erhoben. Mit letzterem rechnete Klaus Lelek unter der Schlagzeile „Echo der eigenen Verlogenheit“ anhand des „Kristallnach“-Textes scharf ab.

Nun gab man sich bei Bertelsmann reumütig. „Wir hatten den Vertrag über ein Album. Jetzt lassen wir die Aktivitäten ruhen, um die Haltung beider Parteien zu besprechen“, sagte Vorstandschef Hartwig Masuch der FAZ und entschuldigte sich bei „den Menschen, die sich verletzt fühlen. Meine Mitarbeiter und ich stehen mit den Künstlern in Kontakt, und die distanzieren sich klar von jeder Form von Antisemitismus. Das tun wir auch.“

Hans Hoff kommentiert auf „DWDL“ drastisch: „Ganz offensichtlich will hier jemand akut Schadensbegrenzung betreiben, weil die ganze Angelegenheit nun doch auf Bertelsmann zurückzustrahlen droht. Man kennt so ein Verhalten zur Genüge. Ein Unternehmen macht sich klein, lässt Gras über die Sache wachsen und macht dann weiter wie vorher. Da helfen auch nicht 100 000 Euro aus der Konzernschatulle, die Projekte zur Bekämpfung der Welle von Antisemitismus an deutschen Schulen fördern sollen.“

Für Andreas Schnadwinkel geht es im „Westfalen-Blatt“ um die Glaubwürdigkeit des Gesamtkonzerns: „Bertelsmann muss sich entscheiden: Soll die Musiksparte BMG weiter mit anti-jüdischen Songs muslimischer Rapper Geld verdienen? … Hier steht Reinhard Mohns Erbe auf dem Spiel. Der Bertelsmann-Gründer war ein ausgewiesener Freund des jüdischen Staates Israel und Träger des Teddy-Kollek-Preises, benannt nach dem legendären Bürgermeister Jerusalems.“ Den künstlerischen Wert der „musikalischen Primitivität“ dieser Rapper sucht Thomas Rietzschel auf der „Achse des Guten“ und kritisiert „die kulturelle und moralische Unterbelichtung einer Gesellschaft, der es unterdessen völlig egal ist, von wem sie sich aufheizen lässt.“

Echo 2018 - Kollegah & Farid Bang. Quelle: https://www.tz.de/bilder/2018/04/11/9774670/1059793470-echo-2018-kollegah-farid-bang-JLs9FVWiAee.jpg

Echo 2018 - Kollegah & Farid Bang. Quelle: https://www.tz.de/bilder/2018/04/11/9774670/1059793470-echo-2018-kollegah-farid-bang-JLs9FVWiAee.jpg

„Schlimm sind nicht in erster Linie die Reaktionen auf das Ergebnis, auf die Nominierung, den Auftritt“, haut Anabel Schunke in dieselbe Kerbe. „Schlimm ist, welchen Erfolg Rapper wie diese vor allem bei der jungen Generation haben, die sie mittlerweile zu großen Teilen prägen und dass die Diskussion ausgerechnet an dieser Generation vollkommen vorbeigeht. Es sind vornehmlich jene jungen Muslime, deren rassistische und antisemitische Ausbrüche wir mittlerweile auf den Schulhöfen und auf den Straßen dieses Landes erleben dürfen.“

Und so zeige sich einmal mehr, dass sich das Problem weder an Ausschlüssen oder Nicht-Ausschlüssen von Veranstaltungen, noch an den „Künstlern“ selbst manifestiert, sondern an den Fans, die ihre Musik, ihre Klamotten und Konzertkarten kaufen: „Der Erfolg eines Künstlers am Markt bemisst sich eben nicht nach einer vorgegebenen Moral oder Kriterien des „guten Geschmacks“, sondern nach der Nachfrage. Nichts könnte das besser verdeutlichen als ein Musikpreis, der vorrangig nach Verkaufszahlen vergeben wird.“

„wenn auch mal Populisten in ihr herumschreien“

Drittes Indiz ist die Verweigerung von Musik für unterstellt „falsche“ Gesinnung. So ging der der „bekennende Sozialdemokrat“ Paul van Dyk gegen die Verwendung seines Songs „Wir sind wir“ durch die AfD juristisch vor. Zwar war Dyk einst der Meinung, „eine starke Demokratie müsste es aushalten, wenn auch mal Populisten in ihr herumschreien“. Das gelte aber, lässt er sich im „Stern“ zitieren, nicht für sein geistiges Eigentum. Er erwirkte eine Abmahnung gegen die Partei ebenso wie Max Giesinger wegen der Nutzung seines Songs „80 Millionen“. Giesingers Begründung: „Es verärgert mich extrem, dass eine Partei, deren politische Einstellung ich in keinster Weise teile, meine Musik für ihren Wahlkampf instrumentalisiert und ohne mein Wissen benutzt.“

Nicht überliefert ist, worauf sich der interpretative Unmut beider Künstler eigentlich bezieht. In einem legendären Antrag für den Europaparteitag der Linken Mitte Februar 2015 in Hamburg erklärte der Detmolder Horst Schmitt, dass bei Liedern bzw. Text mit Musik der politische Anteil allein durch die Musik immer mindestens 50 Prozent betrage. Daher sei die „gesangliche musikalische Intonierung des Liedes ‚Die Internationale‘ zwar kämpferisch, aber auch militaristisch, gewalt- und kriegsverherrlichend“,  mithin ein Symbol des Kapitalismus und Militarismus und damit ein Element des rechten politischen Spektrums genauso wie die deutsche Nationalhymne sei.

Der Wanderklassiker „Hoch auf dem gelben Wagen“ wäre etwa vom ehemaligen Bundespräsidenten Scheel (FDP) gezielt eingesetzt worden, „da es mit einem unbedeutendem Text aber von der musikalischen Grundintention monoton rhythmisch, damit militaristisch, kriegsverherrlichend und Symbol der Nationalisten wie Rechten ist, um rechtspolitische Wählerschichten verdeckt anzuspielen und zu gewinnen“. In künftigen Verhandlungen könnten dann Aspekte wie „prozentualer Politikanteil“ oder „rhythmische Messbarkeit von Militarismus“ eine Rolle spielen.

W.Scheel. Quelle: https://images-na.ssl-images-amazon.com/images/I/51UHKX1FohL.jpg

W.Scheel. Quelle: https://images-na.ssl-images-amazon.com/images/I/51UHKX1FohL.jpg

Zu diesem Indiz kann einem aber auch eine Gegenthese einfallen, die im DLF Jens Balzer beschrieb: „Also der coole politische Zeitgeist ist eben nicht mehr auf der Seite der Linken, sondern auf der Seite der Rechten. Aber wenn es tatsächlich die neuen 68er sind, dann sind es die neuen 68er ohne Musik. Also die alten hatten immerhin Joan Baez und Neil Young und Grateful Dead und in Deutschland Ton Steine Scherben oder die Ärzte. Aber die angeblichen neuen 68er der deutschen Rechten, da gibt es gar nichts.“

Das wiederum wäre bedenklich, denkt man Johann Gottfried Seumes Gedicht „Die Gesänge“ konsequent zu Ende: „Wo man singet, laß dich ruhig nieder, / Ohne Furcht, was man im Lande glaubt; / Wo man singet, wird kein Mensch beraubt; / Bösewichter haben keine Lieder.“

P.S.: Am 25.04. wurde vom Bundesverband Musikindustrie mitgeteilt, dass der „Echo“ so stark beschädigt worden seit, dass es einen völligen Neuanfang geben müsse. Der Preis existiert damit nicht mehr.

Manipulation (latein. Zusammensetzung aus manus „Hand“ und plere „füllen“) ist ein legitimes Machtmittel, wenn die Manipulierten respektvoll behandelt werden. So lautet das Credo von Alexander Fischers jetzt bei Suhrkamp publiziertem Text, mit dem er in Bamberg promovierte. Unter Respekt versteht Fischer, dass dem Betroffenen eine „grundlegende Wahlfreiheit“ zugeschrieben und zugestanden wird. Die basale Annahme des Autors: Manipulation sei nicht wie Täuschung, Lüge oder Gewalt grundsätzlich moralisch verwerflich, sondern werde oft auf verwerfliche Weise benutzt.

Als positives Beispiel führt Fischer die Einführung der Kartoffel in Preußen unter Friedrich II. an. Nachdem Verordnungen nicht gewirkt hatten, wurden bewachte Kartoffelfelder eingerichtet, um den Wert des Gemüses zu erhöhen und die Bauern zum Stehlen der vermeintlich wertvollen Pflanzen für den eigenen Anbau zu verleiten. „Eine Elite bewahrt ihre Vorherrschaft, indem sie Symbole manipuliert, die Versorgung kontrolliert und Gewalt einsetzt“, zitiert er negativ Harold D. Lasswell.

„Man kann nicht einfach Ja oder Nein in ethischer Hinsicht sagen, sondern: Es kommt drauf an… Oft weiß der Manipulierte, dass er der Manipulation unterliegt. Zudem versuchen Mitmenschen häufig sogar, uns auch mit manipulativen Methoden vor Irrationalität zu bewahren. So ist das Phänomen der Manipulation eben ein zweischneidiges, das situativ bewertet werden muss, nicht grundsätzlich“, so Fischer in einem Interview.

Seine zunächst zweckfreie Einschätzung als „Machtmittel“ steht jener der Kritischen Theorie entgegen, die den von Behavioristen neutral angelegten mechanistischen Begriff „Manipulation“ in der neomarxistischen Auseinandersetzung mit politischen Machstrukturen ins Negative, ja Normative hin vereinnahmt: „Manipulation wird zum bösen Kern des Konzepts der Macht“, so Fischer. Was für Pflicht- und Tugendethiker die Rationalität unterläuft und also nichts Gutes sein kann, wird aber von Utilitaristen gar nicht als Problem wahrgenommen: Solange das größte Glück für die größte Zahl an Empfängern sichergestellt ist, wäre es auch in Ordnung zu manipulieren.

Diese Einschätzung breitet der Autor in vier Abschnitten aus. Nachdem er im ersten Kapitel eine Definition der Manipulation herausarbeitet, befasst sich Fischer im zweiten mit dem historischen und anthropologischen Hintergrund des Phänomens und versucht, Manipulation im Koordinatensystem zwischen Affekt und Rationalität einzuordnen. Darauf aufbauend geht es im dritten Teil um die ethische Bewertung von Manipulation. Im vierten Kapitel schließlich wird an Hand von Fallbeispielen vor allem aus der Literatur (Shakespeare, Orwell) aufgezeigt, wie Manipulation wirkt und wie sie unter welchen Umständen ethisch beurteilt wird. Die Handelspsychologie bleibt dabei ausgeklammert.

Ein G‘schmäckle entfaltet der Text auf S. 221: „Eine Regierung muss die Beeinflussungsmöglichkeiten und psychologischen Ansatzpunkte kennen, mittels derer die Bevölkerung effizient angesprochen werden kann“. Merkels „Nudging“-Pläne erscheinen da leicht als Anwendung des Diktums von Herbert Marcuse, wonach in der Manipulation der Einzelne mit der Lebensform ausgesöhnt werden solle, die ihm von der Gesellschaft aufgezwungen wird, und diese Aussöhnung insbesondere durch staatlichen Autoritäten erfolge, die soziale und politische Bedürfnisse in individuelle und libidinös angetriebene umwandeln, damit Klassenkampf ausbleibt.

Diese Gefahr, dass Manipulatoren die Menschen schlimmstenfalls in eine allgemeine Infantilisierung, einen quasi vor-tugendhaften Zustand stürzen können, so dass sie niemals der eigentlichen Wesenheit des Menschseins, der „Ausübung des logos“ (Aristoteles), angemessen nachkommen können, lässt Fischer leider völlig außer Acht – das große Manko des Bandes, der das Lesen trotzdem lohnt.

Alexander Fischer. Manipulation – Zur Theorie und Ethik einer Form der Beeinflussung. Pb., 256 S., € 18.00, Suhrkamp-Verlag. Frankfurt 2017

Sehr geehrte Frau Gastmann,

nachdem ihr Text „Jugendliebe“ wenigstens bei Facebook nur begeisternde Kommentare hervorrief, geb ich hier gern mal den Spielverderber.

Ich finde es schon unverfroren, sich auf Jutta Resch-Treuwerth oder gar Tamara Danz – die armen können sich nicht wehren und rotieren im Grab!!! – zu beziehen, obwohl die nie von irgendeiner binationalen Beziehung gesungen bzw. geschrieben haben. Oder fanden Sie bei irgendeiner Junge Welt-Kolumne eine Beziehung zwischen einer ostdeutschen Frau und einem algerischen, vietnamesischen, mosambikanischen… Mann thematisiert? Und die erbärmliche Unterstellung, dass die AfD Tamara Danz nicht kenne, sagt zum Glück mehr über ihr Weltbild aus als über die AfD.

Ich finde es aber vor allem hanebüchen und volksverdummend, dass Sie als Lehrerin (auf den Job hatte ich in der DDR auch erfolgreich studiert und ein Jahr darin gearbeitet) die kulturellen Unterschiede der Nationen Syrien und Deutschland derart oberflächlich auf „Psychologie“ reduzieren! Diese „Doku“ gaukelt den Zuschauern eine heile Welt vor, und Sie verteidigen sie auch noch. Zu einer umfassenden Beschäftigung gehört neben dem Bericht über die Romanze aber auch, auf die damit zusammenhängenden Probleme hinzuweisen. Wer mit bestimmten Wertvorstellungen aufgewachsen ist und nicht bereit ist für ein Leben in Europa und dazu, die hiesigen Werte und Regeln anzunehmen und zu leben, für den sind früher oder später Probleme vorprogrammiert: Unterschiede in der Stellung der Frau in der Ehe, die Einschränkung ihrer persönlichen Freiheiten, die Abhängigkeit ihrer Bewegungsfreiheit von der Zustimmung des Mannes, das „Eigentum“ an den Kindern, all das ist mit Tatsachen belegt. Es gibt Insider-Autoren, die darüber berichtet haben. Eine öffentliche Debatte darüber wird nicht nur vermieden, sondern, wie hier bei Ihnen zu lesen, euphemisiert. Das ist ein Unding und erinnert mich an genau die Propaganda, die ich 1990 überwunden glaubte!

Dann: eine 16-jährige Deutsche ist mit einem syrischen Flüchtling zusammen, wobei zum Handlungszeitpunkt das Verhältnis der beiden laut Redaktion bereits länger als ein Jahr andauerte. Das Alter des Syrers wurde mit 17 angegeben und später in mehreren Schritten auf 19 und 20 nach oben korrigiert. Dabei gibt es nicht erst seit dem Tötungsdelikt im pfälzischen Kandel im Dezember berechtigte Diskussionen über Altersangaben minderjähriger Flüchtlinge. Das hätte dem Sender bewusst sein müssen. Nach dem mutmaßlichen Mord ging der Ärger über den Kika-Film los, Diskussionen über die ARD-Berichterstattung zur Kandeler Tat trugen dazu bei. Falls Sie das näher interessiert: eine ARD-kritische Position bietet Birgit Gärtners „Telepolis“-Beitrag. Aber dieser Fakt findet bei Ihnen gar nicht statt!

Screenshot "Malvina, Diaa und die Liebe"

Screenshot "Malvina, Diaa und die Liebe"

Der Erfurter Stadtrat Hans Pistner (CDU) übrigens sah durch die Produzenten der Sendung den Straftatbestand laut Paragraf 180 des Strafgesetzbuches erfüllt und mutmaßt in seiner entsprechenden Anzeige, dass der Mann deutlich älter sei. Darauf lasse zum Beispiel dessen Körperbau schließen. Auch der Fakt findet bei Ihnen nicht statt!

Dann: das „Like“ des Syrers auf der Seite des Salafistenpredigers Pierre Vogel. Wieso verzichtete der Hessische Rundfunk (HR) aus „Sicherheitsgründen“ auf die Ausstrahlung eines mit Diaa gemachten Interviews über die Umstände des Likes? Woher wusste der Syrer aus Aleppo vom deutschen Islamisten Pierre Vogel? Warum „bewarb“ er sich auf dessen Facebook-Seite für eine doch offensichtlich ernsthafte und nichttouristische Reise nach Mekka, wie sie Vogel seit Jahren anbietet? Dabei ist noch gar nicht der arabische Eintrag unter einem Foto erwähnt, das Diaa auf einer Kanone zeigt. Laut HR lautet die Übersetzung „Ich werde bewirken, dass alle Deutschen zum Islam konvertieren“ und sei „als Scherz gemeint“. Soso.

Und letztens: die These, den Einfluss des Fernsehens auf heutige Kinder zu überschätzen, da YouTube und andere Kanäle längst übernommen hätten. Was der Unterschied zwischen den Bewegtbildern der genannten Medien sein soll, wissen wahrscheinlich nur Sie allein. Und was die Wirkung nicht nur nonfikationaler Bewegtbild-Formate betrifft, empfehle ich Ihnen neben Manfred Spitzers Texten gern die in der folgenden Literaturliste.

Dabei bleibt unberücksichtigt, dass sich der Sender im Januar weitere Pikanterien leistete. So wurden unter dem Motto „Geht nicht gibt’s nicht“ ein Film gezeigt, in dem Jugendliche den Verschluss eines BHs an einer Schaufensterpuppe öffnen, von denen mindestens zwei nicht als Bio-Deutsche zu identifizieren waren; und auf der KiKa-Homepage ein Busen-Memory-Spiel „Brüste! Brüste! Brüste!“ sowie zwei „Fremdsprachen-Spickzettel“ zu den Themen: „Brüste und Vagina international“ sowie „Penis und Hoden international“ angeboten. Mit solcherart Kenntnissen ausgestattet, steht dann der Beziehung zwischen den schon länger hier lebenden Frauen und den schutzsuchenden Männern nichts mehr im Wege. Aber für Sie ja längst Normalität. Welche Parallelwelt lässt da grüßen.

Facebookbild Islamisierung. Screenshot Twitteraccount B.v.Storch

Facebookbild Islamisierung. Screenshot Twitteraccount B.v.Storch

Fazit: sie haben einen erbärmlich versimplifizierenden und dabei manipulierenden Text verfasst, der das Narrativ des „guten Flüchtlings“ bedienen und sämtliche negativen Aspekte ausblenden will. Eine kleine publizistische Inhaltsanalyse der letzten Monate ergab, dass sich Frauen von „rechten“ deutschen Männern trennen – und ihr Herz für Flüchtlinge entdecken sollen: der moderne Nanny-Journalismus nimmt absurde Züge an. Genau da ordnet sich ihr Pamphlet ein. Verstärkt wird dem uneinsichtigen Bürger mit Beginn der sogenannten Flüchtlingskrise, bei Strafe sozialer Ächtung, nicht mehr nur vorgeschrieben, wie und was er zu denken, sondern auch, wie und was er zu fühlen hat. Viele Medien sind dabei fast durchgehend zu einer Art von staatlich gelenktem Erziehungsprogramm geworden. In George Orwells „1984“ ist es bezeichnenderweise das „Ministerium für Liebe“, dessen Gedankenpolizei für Recht und Ordnung sorgt und Menschen auf Parteilinie „umdreht“.

In Deutschland sind es teilweise anonymisierte Erzählungen teilweise in der Tradition des „narrativen Journalismus“ über Beziehungen, die entweder an politischer Unvereinbarkeit scheitern sollen oder trotz kultureller Unterschiede gelingen und fruchtbar sein müssen: ich verweise nur auf den ZEIT-Text „Eine neue deutsche Kleinfamilie“, den Akif Pirincci einer vernichtenden Kritik unterzog. Einem entsprechenden Plakat der DAK wird im Netz gar institutionalisierte Kuppelei vorgeworfen. Die Kehrseite derselben Medaille ist, dass die Beschreibung von Gewalttätern gegen Frauen in vielen Medien, u.a. in der Stuttgarter Zeitung oder der WAZ, ohne „südländische“ Tätermerkmale auskommt, obwohl sie die Polizeiberichte eindeutig nennen.

Der große Leipziger Neorealist Neo Rauch bringt die irrationale Fehldrift Deutschlands in einem SPIEGEL‐Interview auf den Punkt: „Die, die rational sind, bilden eine Minderheit. Sie sind mit dem Wasser der Aufklärung gewaschen, und dieses Bad ist nicht jedem zuteilgeworden, und es ist auch in seiner Wirkung nicht bei allen nachhaltig. Wider besseres Wissen verneigen sich große Teile, vor allem der Linken, vor einer frauenverachtenden, todesverliebten Wüstenreligion. … Ich als Romantiker möchte jetzt wieder in das Lager der Aufklärung wechseln, da ich feststelle, dass dort offenbar ein Personalmangel herrscht.“

Ich auch.

Mit verhältnismäßig freundlichen Grüßen

Dr. Thomas Hartung

„Wer hat‘s erfunden“? – die Antwort auf die Frage am Ende der Ricola-Werbung ist offenbar auch richtig, wenn es darum geht, wer „Neger“ in diesem Jahrzehnt wieder ins deutschsprachige Kreuzworträtsel gebracht hat. Es war ein Flugblatt der Schweizer Demokraten (SD) im Wahlkampf 2011, das nach Befund der Oberstaatsanwaltschaft Zürich nicht gegen die Antirassismus-Strafnorm verstoße: nicht alles sei strafbar, was geschmacklos sei, sondern nur, was die Menschenwürde in grober Weise herabsetze, so die Sprecherin Corinne Bouvard. Die Aussage zum Lösungswort lautete: „Es ist auch für sie besser, auf ihrem Kontinent zu bleiben“.

Nachdem bereits 2015 die Kirchenzeitung „Kirche + Leben“ des Bistums Münster den als „N-Wort“ verpönten Begriff auf die Frage nach einer „Menschenrasse“ wissen wollte, wiederholte sich das Ereignis nun Mitte Januar 2018 in der Unternehmenszeitschrift „Klinoskop“ des Klinikums Chemnitz. Die Frage lautete diesmal: „Mensch mit schwarzer Hautfarbe“. „Das ist ein Fauxpas, der geht gar nicht“, erklärte ein Sprecher. Von der 12 500 Mal gedruckten Ausgabe wurden 8 500 Exemplare wieder eingesammelt. Das Heft werde komplett neu gedruckt und verteilt, sagte der Sprecher.

Das Kreuzworträtsel wurde den Angaben zufolge von der Chemnitzer Agentur „Cartell“ mittels eines IT-gestützten Generators erstellt. Gegen das Unternehmen, dessen Geschäftsführer pikanterweise der Grünen-Fraktionschef Thomas Lehmann ist, würden nun rechtliche Schritte geprüft. Rassismus in Sachsen, wieder mal? Natürlich war die Geschichte in allen Medien. Einige davon (bspw. der Kölner „Express“) schreckten nicht davor zurück, Substantive wie „Skandal“ zu verschlagzeilen – im Fall Kandel textete das Blatt zuerst „Streit in Drogeriemarkt“ und dann „Bluttat in Drogeriemarkt“.

Stephan Remmler beim Kölner Konzert. Quelle: Youtube

Stephan Remmler beim Kölner Konzert. Quelle: Youtube

Um die Absurdität nochmals zu betonen: 1992 hat Stephan Remmler in Köln auf einem von der Initiative „Arsch huh, Zäng ussenander“ veranstalteten Konzert noch gesungen „Mein Freund ist Neger“, um zur Verbundenheit mit Menschen anderer Hautfarbe aufzurufen. Heute ist das Wort Grund für die Einleitung rechtlicher Schritte und das Einstampfen/Neudrucken einer fünfstelligen Zeitungsauflage ungeachtet aller Bekenntnisse zum Umweltschutz. Das ganze Problem hätte sich nicht gestellt, hätte man gefragt nach einem verstorbenen Mainzer Karnevalisten, einem Nebenfluss der Ruhr, einem Stadtteil von Olpe, einem Ein-Mann-Torpedo der deutschen Kriegsmarine oder einem Biermischgetränk. Was ist da nur schiefgelaufen?

Als Schwarz und Weiß noch Hautfarben waren

Werfen wir einen Blick in unsere Sprachgeschichte. Das alt- und mittelhochdeutsche Lehnwort „Mohr“ aus dem lateinischen „maurus“ für die Bewohner Mauretaniens stand bereits seit dem Mittelalter verallgemeinert für „Menschen mit dunkler Hautfarbe“; hier spielte wiederum das griechische ἀμαυρός (amauros, „im Ganzen dunkel“) mit hinein. Es wird heute vor allem im historischen oder literarischen Zusammenhang oder als Teil von Bezeichnungen (z. B. als Wappenfigur) gebraucht.

Andere Quellen sprechen von St. Mauritius, dem Anführer der Thebanischen Legion in Ägypten zur Römerzeit, der sich weigerte, Christen nur um ihres Glaubens willen zu töten, lieber selbst unschuldig sterben wollte und so zum Märtyrer wurde. In ottonischer Zeit stieg er zum Schutzpatron des neuen Erzbistums Magdeburg auf. Im Magdeburger Dom findet man seine Plastik als Vollblut-Afrikaner. Auch ein Teil seiner Reliquien wird dort aufbewahrt, ein weiterer Teil im Dom zu Vienne in Burgund und weitere Überreste in einem Kloster bei Genf. Nach der eingedeutschten Namensform sind die St. Moritz-Kirchen nach ihm benannt, ebenso die Moritzburg bei Dresden, in Halle/Saale und in Zeitz. Auch der Ski-Ort St. Moritz und die Insel Mauritius sind wohl (zumindest indiekt) nach ihm benannt.

Spätestens seit dem 18. Jahrhundert wurde Mohr auf deutschem Gebiet von „Neger“ abgelöst. Dieses Wort nun stand für „Schwarzer“ in Ableitung aus dem französischen Wort für „schwarz“ (nègre), das vom spanischen „negro“ stammt, das wiederum auf das lateinische Wort „niger“ für die Farbe Schwarz zurückgeht. In den deutschen Wortschatz aufgenommen wurde es laut der Gebr. Grimm vom Lexikografen Johann Christoph Adelung, der als Oberbibliothekar der Kurfürstlichen Bibliothek in Dresden arbeitete. Es ist also unumstritten, dass sowohl Mohr als auch Neger auf die dunkle Hautfarbe abstellten.

Aber schon im Mittelalter zeichnete sich ab, dass mit der Hautfarbe neben der Oberflächendifferenz auch tiefensemantische Bezüge herstellbar sind. So erweiterte Wolfram von Eschenbach die Gralsgeschichte des Chrétien de Troyes um die Begegnung von Parzivals Vater Gahmuret mit der schwarzen Königin Belacane, für die er kämpft und mit der er den Sohn Feirefiz zeugt, der später seinem Halbbruder Parzival hilft, den Gral zu finden. Das könne man einerseits als Strategie in der Auseinandersetzung zwischen Christentum und Islam lesen, die andererseits aber nicht in der hegemonialen Konfrontationsrhetorik der Kreuzzüge, sondern als Utopie eines kulturübergreifenden, Differenz akzeptierenden Rittertums erzählt werde, so Hinrichsen/Hund in ihrem Aufsatz „Rassismus Macht Sprache“. Wolfram reagiere damit auf aggressive Erzählungen wie das Rolandslied des Pfaffen Konrad, in dem sich heidnische Könige mit ihren Kriegern „swarz unt übel getan“ auf die Christenheit stürzen.

600 Jahre später dann das Gegenmodell. Heinrich von Kleists „Die Verlobung in St. Domingo“ thematisiert das Verhältnis von Schwarzen und Weißen nach dem Zusammenbruch der Sklavenhaltergesellschaft in Haiti zu Beginn des 19. Jahrhunderts anhand zweier Einzelschicksale: einem Weißen, der irrtümlich seine schwarze Geliebte erschießt. Anke Körner erklärt die romantische Novelle lapidar als „gescheiterte Utopie der Gewaltlosigkeit“. Ganz anders die schwarze Dozentin Marie Biloa Onana:

„Sie gibt den rassistischen Theorien Immanuel Kants literarische Form und nimmt dabei die allgegenwärtige Diskriminierung und Stereotypisierung Schwarzer in der deutschen Kolonialliteratur nach 1884 vorweg“.

zeitgenössisches Theaterplakat. Quelle: http://digital.lb-oldenburg.de/ihd/periodical/pageview/399071

zeitgenössisches Theaterplakat. Quelle: http://digital.lb-oldenburg.de/ihd/periodical/pageview/399071

Kleist schildere die Revolution in Haiti als die Zeit, „als die Schwarzen die Weißen ermordeten“, er ließ „eine Gruppe von Weißen auf der Flucht durch das ‚Mohrenland‘ ziehen, das er aber voller ‚Neger‘ sah und dabei dieses Wort derart penetrant häufig benutzte, dass man meinen könnte, er wäre zur Propagierung solch gewaltsamer Sprache durch einen königlich-preußischen Diskursbeauftragten veranlasst worden. Theodor Körner nutzte Kleists Erzählung als Vorlage für eine rassistische Theaterschnulze“, so Hinrichsen/Hund – gemeint war „Toni“ („…Gefährlich wird‘s, im Haus zu übernachten/ Die Negerbanden streifen rings umher/Wir sind nicht sicher vor den schwarzen Gästen…“, 1812).

Zwischen Sklave und Beruf

In diesen 600 Jahren also soll „Neger“ im deutschen Sprachraum eine Stereotypisierung erhalten haben, die nicht auf die Wahrnehmung natürlicher Unterschiede zurückginge, sondern als pejorative, abwertende Komponente sich bereits während des spanischen und portugiesischen Sklavenhandels entwickelt habe: die „Bezeichnung“ wäre mit dem „Wort“ Sklave konnotiert und im Weiteren mit anatomisch-ästhetischen (hässlich), sozialen (wild, ohne Kultur), sexuellen (abnorm) und psychologischen (kindlich) Vorstellungen verknüpft und nicht zuletzt durch die Debatten um den Rasse-Begriff von Linné, Kant, Meiners etc. befeuert worden. So lautet der Erklärungsversuch von Dakha Deme aus dem Jahr 1993, auf den heute mehrfach der wikipedia-Artikel „Neger“ rekurriert. Das Klischee der Kulturlosigkeit bedient etwa Johann G. Scheffners (1736-1820) Gedicht „Der Neger und die Bäuerin“.

Deme ist übrigens Inhaber des Lehrstuhls für Germanistische Linguistik an der Universität Dakar (Senegal). Damit scheint zunächst kanonisiert, dass unsere Germanistik die Etymologie eines neuzeitlichen deutschen Lehnworts unkommentiert von einem senegalesischen Nichtmuttersprachler interpretieren lässt. Anekdote am Rande: Leopold Senghor, der erste Staatschef des Senegal und Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels, erklärte seinerzeit das Wort sogar zum Adelsbegriff:

„Meine Négritude ist kein Schlaf der Rasse, sondern Sonne der Seele“.

Die Hermeneutik wird nicht einfacher, wenn man weiß, dass es schon lange einen Nachnamen „Neger“ im deutschsprachigen Raum gab, bevor sich das Wort als Synonym für einen Schwarzen im 17. Jahrhundert zu verbreiten begann – als eine der mundartlichen Varianten des Berufsnamens des Nähers. Das schon im Althochdeutschen belegte Tätigkeitswort „nähen“ erscheint ab mittelhochdeutscher Zeit in mehreren regionalen und mundartlichen Varianten, darunter neben „nêjen“, „nêwen“ oder „nêhen“ auch in den verhärteten Varianten „nêgen“, „nâgen“ und „neigen“. „Die Familiennamen Näger, Neger und Neiger sind klar als Berufsnamen des Nähers zu identifizieren“, so der Namensforscher Jürgen Udolph in der WELT.

Im Falle des Mainzer Dachdeckers Thomas Neger und seinem Firmenlogo, das einen Neger zeigt und das sich der Inhaber zu ändern weigert, führte diese Polysemie zu einem erbitterten, medial ausgetragenen Streit zwischen ihm und Namenskritikern. „Die Namensänderung würde einen fünfstelligen Betrag kosten, Fassadenlogos, Internet und, und, und. Wir sehen dazu keine Veranlassung. Fakt ist: Es ist nicht verboten“, so der Enkel der Mainzer Karnevallegende 2015 ebenfalls in der WELT.

Inhaber mit Logo. Quelle: http://www.thomas-neger.de/Startseite/index.php/

Inhaber mit Logo. Quelle: http://www.thomas-neger.de/Startseite/index.php/

Prompt tauchten in der Stadt Aufkleber auf, mit Negers Gesicht darauf und dem Satz: „Rassismus einen Namen geben“. Der Facebookseite „Ein Herz für Neger – Solidarität für Thomas Neger“ steht die Facebookseite „Das Logo muss weg“ gegenüber – sie hat übrigens weniger Anhänger. Im Raum steht gar der Begriff des „Warenrassismus“ für den Erwerb und Verzehr von (Konsum)Gütern a la „Negerkuss“. Der Vorwurf: Wer seine Ware ästhetisch aufpolieren möchte, bedient sich im rassistischen Bilderhaushalt.

Zwischen Diffamierung und Satire

Dieser Streit ist nur ein Puzzleteil von vielen, die seit der Jahrtausendwende die Entwicklung hin zu einem unguten Gesamtbild von sprachpolitischer Korrektheit deutlich werden lassen. Zwar durfte sich Harald Schmidt 2002 in einer Ausgabe seiner Late-Night-Show auf Sat.1 mit dem Begriff „Neger“ noch minutenlang sarkastisch auseinandersetzen. Aber bereits am 15. Juni 2000 urteilte das Amtsgericht Schwäbisch Hall: Wer einen Schwarzen öffentlich als „Neger“ bezeichnet, darf ungestraft „Rassist“ genannt werden. Für die Richterin sei es „schwer vorstellbar“ gewesen, dass dem Betroffenen „der diffamierende Charakter des Ausdrucks „Neger“ nicht bekannt gewesen sein soll.

15 Jahre später fällt eine Richterin am Amtsgericht Hamburg-Barmbek ein ähnlich hanebüchenes Urteil gegen eine 78-Jährige wegen Beleidigung. Sie muss eine Geldstrafe von 100 Euro zahlen, weil sie einen farbigen Jungen als „Neger“ bezeichnet hatte. Diese Beschimpfung wiege schwerer als der Ausdruck „Nutte“, mit dem der Elfjährige die Rentnerin zuvor belegt hatte. Staatsanwaltschaft und Verteidigung hatten auf Freispruch plädiert. Verteidiger Stefan Lanwer zeigte sich nach dem Urteil entsetzt: „Das ist politische Rechtsprechung“.

Manchmal treibt diese Hermeneutik auch absurde Blüten. So ziert das Cover des Buchs „Singen können die alle! Handbuch für Negerfreunde“ des schwarzen Kölner Comedians Marius Jung ein nackter Schwarzer mit einer großen Schleife vor dem Penis. Das Referat für Gleichstellung und Lebensweisenpolitik der Universität Leipzig verlieh ihm prompt einen Negativ-Preis für die „stereotype Darstellung eines nackten schwarzen Menschen, der durch eine rote Geschenkschleife objektiviert wird. Dies erinnerte uns an rassistische Motivik.“ Harald Martenstein wütete darob 2014 in der ZEIT:

„Die Vorstellung, dass vermutlich zumeist schwanenweiße Jungs und Mädels in Deutschland einen rabenschwarzen Künstler wegen Rassismus an den Pranger stellen, nur weil dieser schwarze Bengel sich die Frechheit erlaubt, so etwas ihren deutschen Quadratschädel Überforderndes wie Satire und Sarkasmus zum Einsatz zu bringen, hat etwas Gespenstisches, oder? Das Cover kann man missglückt finden, wer es rassistisch findet, hat vor allem ein Bildungsproblem.“

Die Publizistin Tina Uebel ärgert sich ebenfalls in der ZEIT:

„Wie sollen wir miteinander reden – und Rassismus diagnostizieren! –, wenn sich die Ansicht durchsetzt, nicht Kontext und Intention bestimmten die Bedeutung eines Wortes, sondern die schlichte Abfolge von Vokalen und Konsonanten? Ein Buch „Singen können die alle! Handbuch für Negerfreunde“ zu betiteln ist Satire. In der nächsten Umdrehung der N-Wort-Schraube kommt es zu Absurditäten wie beim Berliner Theatertreffen, wo dem Darsteller eines Neonazis verboten wurde, auf der Bühne „das N-Wort“ auszusprechen. In den Kulissen verabschiedet sich die narrative Darstellung von der Wirklichkeit.“

Jung-Cover. Quelle: https://books.google.de/books?id=BtgbAwAAQBAJ&printsec=frontcover&hl=de&source=gbs_ge_summary_r&cad=0#v=onepage&q&f=false

Jung-Cover. Quelle: https://books.google.de/books?id=BtgbAwAAQBAJ&printsec=frontcover&hl=de&source=gbs_ge_summary_r&cad=0#v=onepage&q&f=false

Anders in der Schweiz, wo Comedian Marco Rima („Samstagnacht“, RTL) seit Jahren entsprechende Witze machen kann: „Warum gebe ich einem Neger nur weiße Schokolade zum Essen? Damit er sich nicht in die Finger beißt.“ Für die grüne Berner Gemeinderätin Franziska Teuscher werden mit solchen Witzen laut „Tagesanzeiger“ definitiv Grenzen überschritten: „Falls Rima den Begriff ‚Neger‘ verwendet, schockiert mich das. Es ist allgemein bekannt, dass dieser Begriff stark diskriminierend ist. Auch Comedians müssen sich ans Recht halten und zum Beispiel die Antirassismus-Strafnorm beachten.“ René Tanner, Rimas Manager, meint in der „Aargauer Zeitung“ trocken, dass „die Ironie wohl nicht alle verstehen“. „Witze sind ein Katalysator für unsere Ängste und Sorgen, wir können uns ja nicht ständig politisch korrekt verkrampfen“, so Rima bereits 2003 in der „Weltwoche“.

Als der SVP-Nationalrat Erich Hess während einer Debatte im Berner Stadtrat 2017 sagte, dass man auf dem Vorplatz des Kulturzentrums Reithalle „hauptsächlich Neger am Dealen“ sehe, zeigten ihn die Jungen Grünen an. Die Berner Staatsanwaltschaft entschied, dass die Äußerungen nicht rassistisch seien. Der Beschluss empört die Jungen Grünen: „Erich Hess hat afrikanischstämmige Menschen pauschal als Drogendealer abgestempelt“, dass dies ohne Konsequenzen bleibe, sei „inakzeptabel“.

Signalwort oder rassistisches Schimpfwort?

Fast so verkrampft wie in Deutschland fühlt es sich dagegen in Österreich an – mit Ausnahme des Adjektivs „neger“: einem ostösterreichischen, alten Synonym für pleite, ja mittellos mit der Herkunft „im Dunklen, Verborgenen“ (ähnlich „schwarzfahren“), das – volksetymologisch abschätzig mit schwarzen Zuwanderern in Verbindung gebracht – Habenichtse und Schnorrer suggeriert. Der Österreichische Presserat bewertete 2014 die Verwendung des Begriffs „Negerkinder“ in einem Kommentar in der Zeitschrift „Meine Steirische“ als Verstoß gegen den Ehrenkodex und verneinte einen satirischen Kontext. Weiterhin führte er aus, dass der Begriff „Neger“, obwohl er in der Vergangenheit als unbedenklich gegolten haben mag, inzwischen eine diskriminierende Bedeutung besitze.

Als „Negerkonglomerat“ bezeichnete der ehemalige FPÖ-EU-Spitzenkandidat Andreas Mölzer in einer Europawahlkampfrede die Europäische Union und ein seiner Meinung nach zunehmendes Chaos in der EU. Die „auf diese Weise ausgedrückte rassistische und stark abwertende Bedeutung des Ausdrucks“ macht es zum Unwort des Jahres 2014. Das Oberlandesgericht Innsbruck erkannte 2017 einem in Österreich lebenden Brasilianer 1500 Euro samt acht Prozent Zinsen zu: Ein Kollege hatte ihn als „Neger“ beschimpft.

Aktuell neigt sich das Pendel eindeutig der negativen Hermeneutik zu. Eine Person, die das Wort „Neger“ verwendet, ist zwar nicht automatisch ein Rassist, so die Einschätzung von Albrecht Plewnia vom Mannheimer Institut für Deutsche Sprache. Der Germanist beklagt eine reflexhafte Reaktion in den sozialen Netzwerken auf bestimmte Begriffe: „Ein Signalwort reicht aus, um einen Shitstorm auszulösen.“ Konkret ging es um Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU), der 2015 in der Sendung „Hart, aber fair“ sagte: „Roberto Blanco war immer ein wunderbarer Neger, der den weißen Deutschen wunderbar gefallen hat.“ Blanco ist CSU-Ehrenmitglied, der Kontext nicht ehrenrührig. Bis heute darf auch die sächsische Rosenlöcher Heimtiernahrung GmbH ihr Vogelfutter „Negersaat“ anbieten.

Herrmann und Blanco. Quelle: https://www.welt.de/vermischtes/prominente/article146057574/Joachim-Herrmann-begegnet-wunderbarem-Menschen.html

Herrmann und Blanco. Quelle: https://www.welt.de/vermischtes/prominente/article146057574/Joachim-Herrmann-begegnet-wunderbarem-Menschen.html

Für den Mainzer Ethnologen Matthias Krings dagegen macht es einen Menschen zum Rassisten, wenn er Neger sagt, selbst wenn man es früher auch gesagt habe und doch gar nicht böse meine. Und für Oliver Marquart vom Portal rap.de ist es gar ein „rassistisches Schimpfwort. Es stellt schwarze Menschen als Weißen unterlegen, als zur Sklaverei geborene, minderwertige Wesen dar. … in diesem Wort stecken 500 Jahre Sklaverei, Kolonialismus, Völkermorde, schlimmste Verbrechen.“

Den theoretischen Subtext solcher Wertungen lieferte u.a. Hund 1999, für den „in einem langwierigen und keineswegs gradlinigen Prozess ein im Verlauf des 16. und 17. Jahrhunderts zusehends negativ gekennzeichnetes Mohrenbild mit der im 18. Jahrhundert entwickelten Ordnungskategorie Rasse zum Begriff des Negers verschmolzen“ wurde. Diese auf Wikipedia genüsslich zitierte These wird sonst nirgendwo akademisch aufgegriffen. Andere sehen in der Behauptung einer früheren nicht-diskriminierenden Verwendung des Wortes gar eine „Verkennung sprachgeschichtlicher Kontexte und kolonialistischer Begriffs- und Konventionalisierungsgeschichte“.

Signalwort oder rassistisches Schimpfwort? Der Düsseldorfer Sprachwissenschaftler Rudi Keller löste dieses Paradoxon in seinem Buch „Sprachwandel“ (2003) als „konnotative Leiter“ auf seine Weise: bei der Auswahl der Bezeichnung, mit der wir über Mitglieder einer Kategorie reden, wähle man sicherheitshalber immer einen Begriff, der positiver konnotiert ist als der neutrale. Bis in die 60er Jahre (und in der DDR bis 1989, im Bewusstsein ihrer Sprachträger aber bis heute) war Neger ein neutraler Begriff, der wie von Anbeginn als Benennung einer Differenz zu den hellhäutigen, „weißen“ Mitteleuropäern durch dieselben diente.

Vor allem im Zusammenhang mit dem zunehmenden Bewusstsein für die Ungleichbehandlung von Schwarzen in den USA griffen Politik und Medien sicherheitshalber zum nächsthöheren Begriff auf der konnotativen Leiter: Schwarzer oder auch Farbiger, und damit wurde der Begriff Neger nach unten gedrängt. Die Genese dieser konnotativen Leiter lässt sich gut am Beispiel des „Nicknegers“ nachvollziehen: eine Figur auf Spendensammelbehältern in Kirchen und anderen Einrichtungen in Form eines Negers, der dankend nickt, wenn eine Münze eingeworfen wird.

Nach der Aufforderung von Bistumsleitungen zur Entfernung der Missionsspardosen verschwanden diese nach 1960: Der Zeitgeist hatte sich so weit gewandelt, dass im Rahmen der kirchlichen Eine-Welt-Entwicklungspolitik die Bewohner ärmerer Länder nicht weiter als hilflose Bittsteller, sondern als gleichberechtigte Partner betrachtet wurden. Nach der Jahrtausendwende sind sie fast nur noch bei Sammlern oder in Museen zu finden. Ab 2004 warb die Christoffel-Blindenmission mit einem Plakat um Spenden, auf dem ein schwarzer Blinder abgebildet war, dessen Augen als Geldeinwurfschlitze dargestellt waren. Die Kampagne, für die die Agentur BBDO noch einen Preis des Gesamtverbands Kommunikationsagenturen gewonnen hatte, wurde nach Protesten 2006 eingestellt.

Nickneger. Quelle: http://www.lichtbild.org/index.php?rubrik_id=3&artikel_id=14&galerie_id=18&bild_id=406

Nickneger. Quelle: http://www.lichtbild.org/index.php?rubrik_id=3&artikel_id=14&galerie_id=18&bild_id=406

„Mentales Gift“

Der Mechanismus, warum überhaupt dieses Leiterprinzip „Subtext schlägt Text“ Fuß fassen kann, ist also kein neutraler, wissenschaftlicher, „objektiver“, sondern ein ideologisch-emotionaler. Diefenbach/Ullrich erklärten ihn in ihrem Buch „Es war doch gut gemeint“ mit der Unmöglichkeit, die Wirklichkeit in ihren Schattierungen mit der Sprache der politischen Korrektheit so zu beschreiben, dass er allen Kommunikationsteilnehmern gerecht wird. Man braucht sich nur vorzustellen, ob ein Gegenüber es begrüßt, als Schwarzer bezeichnet zu werden, nur weil man sich selbst einen Weißen nennt.

Denn: „immer taucht jemand auf, der im Namen einer Gruppe, der er nicht einmal zwingend angehören muss, Widerspruch anmeldet: So geht das nicht. Das darf nicht gesagt und schon gar nicht geschrieben werden“. Die Autoren nennen das „mentales Gift“, destruktiv und gesellschaftszerstörend, denn damit werden die Verhältnisse von Relevanz und Evidenz umgekehrt: Was anfangs der besten Absicht folgte, Minderheiten zu schützen, drohe inzwischen, die Gesellschaft zu beschädigen.

So schrieb 2007 der Verein „Schwarze Filmschaffende in Deutschland“ (SFD) dem WDR einen Brief (Betreff: Tatort „Ruhe Sanft“) und wetterte gegen den „diskriminierenden, kolonialrassistischen, semantischen Charakter“ des folgenden ironischen Trialogs:

Nadeshda: „Wie heißen noch mal die Leute, die immer schwarz rumlaufen?“

Boerne: „Neger. Also, ich wollte sagen … [sucht nach Worten] Mitbürger afro … amerikanischer … Also Thiel, wie nennt man die denn jetzt eigentlich korrekterweise?“

Thiel: „Nadeshda, fragen Sie doch mal bei den Grünen nach. Na, die kümmern sich doch um solche Dinge, Dosenpfand und so …“

Jüngstes Beispiel: Der Geschäftsführer der Kommunalen Ausländer- und Ausländerinnenvertretung (KAV) Frankfurt, Thomas Usleber, sagte der „Hessenschau“, Worte wie „Neger“ oder „Mohr“ seien zu Recht als rassistisch anerkannt. Er fordert, die Stadt solle sich dafür einsetzen, dass sich die Frankfurter „Mohren-Apotheke“ und die „Apotheke zum Mohren“ neue Namen suchen. In der Begründung für den Antrag heißt es, Frankfurt müsse „Flagge gegen die Verwendung rassistischer Bilder und Bezeichnungen zeigen“.

Zwar werden Frankfurter Stadtverordnete der Fraktionen „Die Frankfurter“, „Bürger für Frankfurt“ und der AfD mit Reaktionen zitiert wie „Bekloppt“, „Leute, die sonst nichts zu tun haben“ oder „Kann man nicht ernst nehmen“. Tahir Della, Sprecher der Initiative Schwarzer Menschen in Deutschland, kontert prompt:

„Der Begriff wird von schwarzen Menschen als rassistisch wahrgenommen“, und diese Wahrnehmung solle doch Grundlage des Handelns sein, unabhängig davon, ob man sie nachempfinden könne oder nicht.

Mohren-Apotheke. Quelle: http://static3.fnp.de/storage/image/8/0/8/8/2098808_cms2image-fixed-605x320_1qrDUn_PxiPSE.jpg

Mohren-Apotheke. Quelle: http://static3.fnp.de/storage/image/8/0/8/8/2098808_cms2image-fixed-605x320_1qrDUn_PxiPSE.jpg

Er wünsche sich, dass das „M-Wort“ aus dem deutschen Sprachgebrauch verschwindet. Und wer noch? Für den schwarzen Philosophen und Lyriker Achille Mbembe ist Schwarz keine Farbe, sondern eine Demütigung. Aber für wen noch? Wie viele gedemütigte „schwarze Menschen“ beträfe das im Verhältnis zu den Nicht-Gedemütigten in Deutschland? Dass man es nie jedermann recht machen kann, wusste bereits Platon. Und hier tritt das Problem zutage, das Neo Rauch 2017 in der ZEIT auf den Punkt brachte:

„Heute werden Minderheiten zu Mehrheiten stilisiert, an deren Bedürfnislagen wir uns auszurichten haben, sofern wir nicht mit der Brandmarke des Sexismus oder Chauvinismus ausgestattet werden wollen. Das ist ein Zustand, der nicht hinnehmbar ist auf Dauer“.

Vertreter von Minderheiten erheben also medial potenzierte Wünsche/Forderungen (oder andere Personen, bspw. Richter oder Studenten, ungesicherte und/oder emotionale, oft auch mit Meinung verwechselte Argumente, vielleicht gar in „Wir“-Form), deren Qualität, Gehalt und Provenienz nicht hinterfragt, sondern gesetzt werden und die damit per se als diskurswürdig und diskursfähig gelten, obwohl sie bestenfalls anmaßend sind und schlimmstenfalls hysterisch, in jedem Falle aber dem gesunden Menschenverstand tradierter Mehrheitsdiskurse konträr gegenüber stehen. Peter Graf Kielmansegg kritisiert in der FAZ bspw. den „kulturrevolutionären Akt“ der „Ehe für alle“ als „individuelle Entscheidung auf Kosten des Gemeinwohls“ wider jegliche Erfordernisse kultureller Kontinuität, eine Entscheidung „gegen stabile Mehrheitsanschauungen, die die eigene Lebenspraxis betreffen“. Vor allem nach dem Gesetz der Schweigespirale (und weiteren medienpsychologischen sowie -soziologischen und auch machtpolitischen Phänomenen) beanspruchen die neuen Aussagen plötzlich Diskurshoheit, obwohl sie nicht ansatzweise über die soziale und/oder wissenschaftliche Verankerung verfügen, die dieser Hoheit entspräche. Kurz: es geht um Deutungshoheit, mithin immer um Macht.

Die Folge ist laut Diefenbach/Ullrich eine gestörte Kommunikation zwischen Staat und Gesellschaft, verbunden mit Rückzügen in Nischen, in denen nur noch Gleichgesinnte warten. Für eine freie Gesellschaft – darauf angewiesen, ihre inneren Befindlichkeiten nach außen zu tragen und öffentlich zu verhandeln – sei das eine Katastrophe. Die Ideologie der politischen Korrektheit ähnele in ihrem Aufbau einer Religion, deren Anhänger trotz der inzwischen zu besichtigenden Schäden an der Meinungsfreiheit dogmatisch an ihrem Glauben festhielten.

Dieser Umdeutungsprozess ist „Neger“ bereits widerfahren. Man kann zwar meinen, damit kontextfrei die Differenz der Hautfarben zu bezeichnen. Vertreter gefühlter Mehrheiten werden jedoch sofort den Subtext betonen und behaupten, man bediene den rassistischen Stereotyp, will man nicht – bestenfalls – als ungebildet oder rückständig gelten. So herrsche 2015 für Stefan Kuzmany vom SPIEGEL „in zivilisierten Kreisen dieses Landes längst Einigkeit darüber, dass das N-Wort eine Beleidigung für Menschen dunkler Hautfarbe ist und deshalb nicht verwendet werden soll“. Sollte man das als überhebliche Pharisäerhäme abtun oder sich einfach als unzivilisiert bezeichnen? Oder sollte man endlich sagen: „Dann ist es halt beleidigend, Punkt?“ Dieter Nuhr und Peter Sloterdijk brachten das mit ihren Bonmots „Ich habe kein Verständnis dafür, dass die bei uns lange erkämpfte Meinungsfreiheit nicht mehr ernst genommen wird, wenn sich jemand beleidigt zeigt.“ sowie „Es gibt kein Recht, von Beleidigungen frei zu bleiben, erst recht keinen Anspruch auf Überempfindlichkeit.“ auf den Punkt.

Neger steht nämlich auch noch in der Literatur. Die Debatte, die in Deutschland spätestens 2002 mit den unsäglichen Hannoveraner Vorgängen um Agatha Christies Krimi „Zehn kleine Negerlein“ begann, erreichte 2013 ihren Höhepunkt anhand der Kinderbuchklassiker von Otfried Preußler und Erich Kästner sowie den deutschen Übersetzungen von Astrid Lindgren. Anlass war die Entscheidung des Thienemann-Verlags, neben anderen möglicherweise diskriminierenden Wörtern in Preußlers „Die kleine Hexe“ vorbeugend „Neger“ zu ersetzen – sinnigerweise durch „Messerwerfer“.

Christie-Metamorphose. Eigene Darstellung

Christie-Metamorphose. Eigene Darstellung

Der Jim in „Huckleberry Finn“ kann aber kein „Farbiger“ (o.ä.) sein, weil das ein umgekehrter lexikalischer Anachronismus wäre. Denn ein vielleicht politisch korrektes Ersatzwort ändert am (wie auch immer beschaffenen) Faktum selbst nichts. Das trifft auf die Nicht-Hörenden genauso zu wie auf die Nicht-Sehenden. Der Unterschied ist, dass „Taube“ und „Blinde“ von den Betroffenen nicht als Beleidigung angesehen werden, weil sie als Worte sozial nicht geächtet waren. Reinhard Mohr (!) beklagte in der Welt:

„…die ebenso blitzschnelle wie bedenkenlose Moralisierung aller Diskurse, die die Widersprüche der Realität unter sich begräbt. Es geht um Affekte statt um Argumente. Ein Reizwort reicht, und schon gerät die praktische Vernunft unter die Räder. Schande, Scham und der Aufschrei im Chor ersparen das Selberdenken. Nie war die Moral to go billiger zu haben. Beinahe alle Lebensäußerungen werden einem ausgeklügelten Filtersystem unterworfen: Darf man das sagen? Darf man das machen? Ist das korrekt?”

„Man wird schwarz geboren, aber zum Neger gemacht“, behauptet Jonas Hampl 2013 in der ZEIT: „Ich bin froh, dass ich meinen Kindern nicht vorlesen muss, dass Pippis Vater ein Negerkönig ist. Früher hatte das vielleicht etwas Spannendes, Exotisches. Aber wir leben im 21. Jahrhundert. Heute tut es weh…“ Einerlei, ob er damit subjektiv richtig liegt: Zeugt es nicht einerseits von Weltwissen, die Sub- und Kontexte von „Neger“ semantisch einordnen zu können, und andererseits gereiftem Selbstbewusstsein, mit sozialen Enttäuschungserfahrungen umzugehen – zumal der Autor selbst feststellt „Das Wort Neger zu vermeiden, wird den Rassismus nicht ausrotten.“

Fazit: Ein gelöstes Kreuzworträtsel führte 1981 nach dem weltweit größten Schriftprobenvergleich mit 551.198 untersuchten Proben zur Aufklärung eines der bekanntesten Kriminalfälle der DDR. Ein Junge war in Halle entführt, missbraucht, erschlagen und aus einem Zug geworfen worden – in einem Koffer mit einigen alten Zeitungen, deren Kreuzworträtsel teilweise gelöst waren: der so genannte Kreuzworträtselmord. Das Urteil: lebenslänglich für den Täter. 37 Jahre später wird in einem Kreuzworträtsel ein Lösungswort gesucht, das seinerseits Auslöser einer juristischen Auseinandersetzung mit Urteilsverkündung zu werden droht. Das Urteil: noch offen. Das Urteil gegen das Wort „Neger“ aber steht bereits fest: ewige Verbannung mit anschließender vollständiger Tilgung.

Vielleicht muss man ja angesichts vieler neuer nichtchristlicher Mitbürger den Begriff „Kreuzworträtsel“ in ein paar Jahren auch inkorrekt finden und „Kreuz“ umgehend durch einen neutralen Begriff ersetzen. Immerhin: bei „Zamba“ als Lösungswort war noch nirgends ein Aufschrei zu vernehmen. Einerlei ob die Frage „weiblicher afroindianischer Mischling“, „weiblicher Mischling aus Neger und Indianerin“ oder „weiblicher Nachkomme eines schwarzen und eines indianischen Elternteils“ lautet.

PS.: Die Inhaberin der Mohren-Apotheke in Frankfurt-Eschersheim hat am 30. Januar das Logo, das eine schwarze Frau zeigt, von ihrer Internetseite entfernt.

PPS.: Christian Tauchnitz erklärte Anfang Feburar in der FAZ, die Beziehung von Mohr, Moritz oder Mauritius zu Apotheken beruhe darauf, dass er als Heilkundiger galt und die Trennung der Berufe von Arzt und Apotheker erst durch Kaiser Friedrich II. von Hohenstaufen im Jahre 1237 verfügt wurde.

Einzelne Übergriffe ja, Massenvergewaltigungen nein: so lautet – glücklicherweise – die bundesweite Zusammenfassung der Silvesternacht 2018. In Berlin kam es nach Polizeiangaben zu zehn Fällen von sexueller Belästigung. Sieben Tatverdächtige konnte die Polizei noch in der Nacht festnehmen. Die Zahl der in Hamburg gemeldeten sexuellen Übergriffe bewege sich in einem „sehr geringen Maß“, sagte ein Polizeisprecher. In München sei „gar nichts“ Derartiges gemeldet worden.

Die Aufmerksamkeit der Medien war allerdings auf die Domstadt Köln gerichtet. Berichte von gedemütigten Frauen, überforderten Polizisten und aggressiven Jungmännercliquen gingen 2015/16 um die Welt. Selbst im US-Wahlkampf wurden sie Thema. Deutschlandweit einigte sich die Politik, so etwas dürfe „nie wieder“ geschehen. Ein Jahr später, zu Silvester 2016/17, geschah es um ein Haar erneut.

Wieder versuchten rund 2000 meist junge arabische und mittelasiatische Männer, den Domplatz zu belagern. Wieder beobachtete die Polizei Konfliktbereitschaft und Aggressivität bei einem Großteil der Angereisten. Gut denkbar, dass sie an die Vorjahrs-Ereignisse anknüpfen wollten, so bilanzierte eine später eingesetzte Sonderkommission. Brachten sie damit nicht eine Tradition der Schande in Gang? So fragten und mutmaßten auch manche Kommentatoren erschüttert. Dass Schutzsuchende den Jahrestag tausendfacher Erniedrigung am Tatort feiern wollten, war nach all den schockierenden Opfer-Berichten schwer zu fassen.

Quelle: http://www.dw.com/pl/sylwester-2015-noc-kt%C3%B3ra-zmieni%C5%82a-niemcy/a-36958722

Quelle: http://www.dw.com/pl/sylwester-2015-noc-kt%C3%B3ra-zmieni%C5%82a-niemcy/a-36958722

2017/18 nun hatte die Polizei massive Präsenz angekündigt. Von den insgesamt 40.000 Polizisten im Bundesland Nordrhein-Westfalen sollten diesmal 5700 im Einsatz sein, davon allein 1400 in Köln. Dabei gehe es bei Weitem nicht nur darum, Straftaten zu unterbinden, sondern darum, der deutschen Öffentlichkeit eine drohende Zumutung zu ersparen: den Verdacht, da werde fast schon eine Art Wallfahrtsort des orientalisch getönten Sexismus’ errichtet. So viele Beamte können nicht mit Ihren Familien ins neue Jahr feiern, weil sie unsere neuen Mitbürger beim Silvesterausflug betreuen müssen. „Wie weit wollen wir uns denn noch verbiegen?“, lautet ein verbreiteter Kommentar.

Dieser Präsenz vor allem ist zunächst zu danken, dass 2018 gerade neun Frauen anhaben, unsittlich angefasst worden zu sein. Drei Tatverdächtige seien identifiziert, 175 Platzverweise erteilt worden. 2015/16 dagegen gab es insgesamt 1.276 mutmaßliche Opfer. Es lagen fünf Anzeigen wegen vollendeter und 16 wegen versuchter Vergewaltigung vor. Dazu kamen 1.182 Anzeigen, von denen sich 497 auf sexuelle Übergriffe beziehen, die 648 Opfer betreffen. 284 Personen wurden den Anzeigen zufolge zugleich Opfer eines sexuellen Übergriffs und eines Eigentumsdelikts.

Verzerrung durch Nichtanwesenheit statt Schutz

Allerdings: wie 2015 und 2016 zeichnete sich das wahre Bild der Ereignisse erst durch die Berichte im Netz ab. Inzwischen kann man nachlesen, dass unter der „friedlichen“ Oberfläche durchaus Orgien der Gewalt gefeiert wurden. In Leipzig beispielsweise war der linksradikale Angriff auf die Polizei so schlimm, dass der Vorsitzende der Deutschen Polizeigewerkschaft, Rainer Wendt, ihn „lebensbedrohend“ nannte. In Bonn beschossen Unbekannte Feiernde aus einem fahrenden Auto mit Silvesterraketen. In Salzgitter wurde ein zwölfjähriges Mädchen von einem Mann mit Migrationshintergrund mit einer illegalen Handfeuerwaffe angeschossen. In Berlin-Schöneberg ging ein Syrer mit einem Messer auf zufällige Passanten los. In München versuchte ein anderer Syrer, einem Mann die Augen mit den Daumen auszudrücken. In Düsseldorf raste ein Auto in eine Menschenmenge. Im Saarland wurden fünf Polizisten bei einer Schlägerei zwischen zwei Großfamilien, „einer mobilen ethnischen Volksgruppe“, wie es in der Pressemitteilung heißt, verletzt.

Und in Speyer kam es zu einer Vergewaltigung einer Spaziergängerin durch einen Sudanesen im Domgarten. Sexuelle Übergriffe seien jedoch viel seltener gewesen als 2015 und 2016, versichern uns die Medien. Der Grund dafür wird nicht erwähnt: es waren deutlich weniger Frauen in Köln oder in Hamburg unterwegs als in den Jahren zuvor. „Wo keine Frauen sind, kann es keine Übergriffe auf Frauen geben“, meint Vera Lengsfeld sarkastisch. „Welche Frau würde denn überhaupt noch dort Silvester feiern wollen? Ich gehe zum Feiern ja auch nicht in ein Löwengehege und hoffe darauf, dass die Zoowärter mich schon irgendwie beschützen“, so eine Kommentatorin.

Quelle: https://img.abendblatt.de/img/hamburg/crop212981815/2710932318-w820-cv3_2-q85/149842000332FD74.jpg

Quelle: https://img.abendblatt.de/img/hamburg/crop212981815/2710932318-w820-cv3_2-q85/149842000332FD74.jpg

„Der Dom hat eine hohe Symbolkraft, und wir wollen ihn und die Menschen beschützen“, hatte Kölns Oberbürgermeisterin Henriette Reker schon im Sommer angekündigt. Da waren Domsteine angekarrt worden, um die Durchfahrt von Lastwagen und anderen schweren Fahrzeugen zu verhindern. Der Dom schützt den Dom, das war das liebevolle Bild, was sich entfalten sollte. Die jüngste Investition wird in Bergheim-Glessen gefertigt. Hier baut die Firma „ Kings Innovation“ massive Metallstämme. Arbeiter hatten einen Poller-Ring um das Gotteshaus gebaut. Besonders eng steht er auf der Westseite, nur wenige Zentimeter vom Taubenbrunnen von Ewald Mataré entfernt.

Im Süden steht die stählerne Terrorabwehr sogar vor der Treppe zum Roncalliplatz. Aus Angst vor einem Angriff per Geländewagen. Knapp 100 Poller sind rund um den Dom versenkt. „Wenn wir unsere Städte in Festungen verwandeln, können wir gleich aufgeben“, sagt die frühere Dombaumeisterin Barbara Schock-Werner. Bereits seit zwei Jahren muss die Kathedrale im Straßenkarneval zum Schutz vor urinierenden Menschen eingezäunt werden. Die Kirche wird zur Burg. Eine Stadt geht in Abwehrhaltung, weil der gesellschaftliche Wertekodex bröckelt.

Das war aber noch längst nicht alles. Die Stadt verteilte schließlich 15 000 fluoreszierende Silikon-Armbändchen mit dem Aufdruck „Respect“ zu Silvester und beweist damit erneut glänzend Respektlosigkeit für die Opfer. Denn nicht die Täter, sondern die politische und gesellschaftliche Reaktion auf die Taten entscheidet, ob ein selbstbestimmtes Leben für Frauen in Deutschland selbstverständlich bleibt. Und die Freiheit von Frauen ist der Gradmesser für eine freie Gesellschaft. Auch in anderen Ländern gab es bereits Versuche, mit Armbändern Übergriffen vorzubeugen. Auf schwedischen Musikfestivals verteilte etwa die Polizei Armbänder mit der Aufschrift „nicht belästigen“ und warb mit dem Hashtag „tafsainte“ (nicht betatschen) in sozialen Medien.

Quelle: https://pbs.twimg.com/media/DMwkaJrX0AANBmC.jpg

Quelle: https://pbs.twimg.com/media/DMwkaJrX0AANBmC.jpg

Symbole statt Politik

Armbänder, in Form von Silberringen getragen, waren historisch betrachtet zeitweise Zahlungsmittel, dienten auch als Schutzschild am Handgelenk des Jägers und Kriegers und als Schutz vor Schwerthieben. Bei den Kelten trugen männliche Krieger silberne Armreife zum Zeichen ihres Adels und als Ausdruck ihrer Machtposition. Und Freundschaftsarmbänder sind meist selbstgemachte Armbänder, die in vielen Kulturen als Zeichen der gegenseitigen Freundschaft und Zuneigung (!!!) getragen werden, in westlichen Kulturen vor allem von Jugendlichen.

Das Echo in der Social-Media-Community ist ironisch bis fassungslos, dabei regelmäßig vernichtend. Von Infantilität ist die Rede. Es wird auf die Lesart verwiesen, dass das Armbändchen aufgrund seiner Spracharmut verrate, „wen unsere Häuptlinge als Vergewaltiger ansehen: die deutschen Männer“; oder darauf, dass man „da selber nur feste genug dran glauben“ müsse; und auch darauf, dass unklar bleibt, wie das Band unter Winterkleidung überhaupt sichtbar werde.

„Trägt man das stilvolle magische Bändchen am ausgestreckten Arm oder am anderen“, geht die Diskussion weiter; „Was genau können diese Armbänder? Können die Kugeln abfeuern oder entfaltet sich à la James Bond ein Käfig um den möglichen Angreifer?“, fragt ein anderer; „Respekt vor wem? Junge muslimische Männer vor Frauen ? Oder gar wir vor jungen muslimischen Männern?“, ein nächster.

Viele thematisieren den Begriff „Respekt“. Der sei selbstverständlich, und wer ihn nicht hat, den schrecken auch solche Bändchen nicht ab, erklärt einer; es könne nicht sein, dass Deutsche in ihrem eigenen Heimatland illegale Einwanderer und Straftäter um „Respekt“ anwinseln, ein anderer; und ein dritter verweist darauf, dass die Aktion nur funktionieren könne, „wenn alle dieselbe Definition für ‚Respekt‘ akzeptierten. Dann wäre sie allerdings auch nicht notwendig.“

Quelle: https://img.derwesten.de/img/incoming/crop212860251/0313839561-w960-cv16_9-q85/Armband-Koeln-Silvester-respekt.jpg

Quelle: https://img.derwesten.de/img/incoming/crop212860251/0313839561-w960-cv16_9-q85/Armband-Koeln-Silvester-respekt.jpg

Für Stephan Grünewald, angeblich Diplom-Psychologe vom Rheingold-Institut, sind die Armbändchen „eine charmante Alternative zur Fußfessel“, die „Verbindlichkeit im Umfeld“ schafften, für das Verhalten im öffentlichen Raum und damit seine Kultivierung Regeln setzten: „Das funktioniert über die Sprachgrenzen hinweg“.

Der Comedian Fatih Çevikkollu bezeichnet die Kampagne zwar als notwendig, besteht allerdings darauf, dass es hier nicht um Rassismus gehe, sondern Sexismus durch Männer. „Die Umsetzung jedoch, mit Armbändchen und Comic-Motiven, klingt für mich nach Aktionismus. Auf den Bändchen könnte genauso gut „Lebkuchen“ oder Sprüche aus Glückskeksen stehen.“

Den Vogel schießt der Pfarrer Franz Meurer ab. Respekt sei ein starker Begriff, den die Stadt sehr gut gewählt habe. „Denn die Übersetzung des lateinischen respicere, bedeutet einander wahrzunehmen und zu berücksichtigen. Genau das wollen wir doch.“ Wer aus der avisierten Zielgruppe des Lateinischen mächtig sein könnte, lässt Meurer ebenso unbeantwortet wie die Erklärung der Regeln, deren Einhaltung für ihn auch Respekt heißt. Und die Behauptung, dass Respekt ein gutes Schlagwort sei, weil es auch bei den Jugendlichen mit Migrationshintergrund ein viel verbreiteter Begriff ist, bleibt unbewiesen im Raum stehen.

Viele Kölner können dem symbolischen Akt der Stadt Köln jedoch nichts abgewinnen. So nannten 73 Prozent der EXPRESS-Leser die Comic-und Leuchtbändchen-Aktion „merkwürdig”. Der lauteste Aufschrei kommt vom betroffenen Geschlecht: „Wir Frauen brauchen keine Armbänder, damit man uns respektiert! Wir erwarten das! Immer! Egal wo, wann und wie! Im Umkehrschluss heißt doch diese dümmliche Aktion, ohne Band ist man wohl Freiwild? Diese Aktion ist eine Frechheit gegenüber Frauen!“, so eine Kommentatorin.

„Das ist keine Prävention, das ist eine Unverschämtheit“

„Ein Mob junger Männer macht Jagd auf Frauen, und Frauen bekommen daraufhin Verhaltenstipps? Das ist keine Prävention, das ist eine Unverschämtheit“, erregt sich Ursula Scheer in der FAZ. Abgesehen davon, dass es vollkommen unrealistisch sei, im Gedränge eines Bahnhofs und im Getümmel des Karnevals „eine Armlänge“ Abstand von jedem „Fremden“ zu wahren, habe diese wohlmeinende Empfehlung in schlechtester paternalistischer Tradition den unangenehmen Beigeschmack, den Opfern implizit einen Teil der Verantwortung zuzuschreiben: „Frauen in einer demokratischen Gesellschaft, die Gleichberechtigung in ihren Grundrechtskatalog geschrieben hat, brauchen keine Verhaltensempfehlungen. Sondern die Sicherheit, dass der öffentliche Raum ihnen genauso gehört wie Männern, woher immer diese auch kommen mögen.“

Die Liste der Demütigungen war damit allerdings noch nicht vorbei. In Köln hielt es der Polizeipräsident für eine gute Idee, den Domplattenbesuchern ein schönes Silvester zu wünschen – auf Arabisch! Ob das zu den Aufgaben der Polizei gehört, darüber kann man streiten. Ganz gewiss gehört es nicht zu den Aufgaben der Polizei, eine Straftat vorzutäuschen. Genau das geschah unter der Verantwortung des Polizeipräsidenten, als die Polizei Anzeige gegen die AfD-Bundestagsabgeordnete Beatrix von Storch wegen „Volksverhetzung“ erstattete – die genau diese arabischen Wünsche in scharfen Worten kritisierte.

Aber vor allem wollte „Köln gegen rechts“ dafür sorgen, dass … „die Übergriffe sexualisierter Gewalt gegen Frauen nicht wieder dafür missbraucht werden, das rassistisch aufgeheizte Klima weiter durch staatliches Handeln zu befeuern. In diesem Sinne haben wir im Kooperationsgespräch mit der Kölner Polizei am 13. 12. angekündigt, dass wir Silvester in Teams die Kontrollen der Polizei beobachten werden. Wir werden protokollieren, O-Töne aufnehmen und fotografieren. Hinterher werden wir diese Beobachtungen auswerten und ggf. Leute juristisch unterstützen, die Anzeigen wg. rassistischer Diskriminierung durch Racial Profiling erstatten wollen.“

Vor einem Kontrollpunkt am Hotel Excelsior entdeckten Mitglieder der Initiative prompt einen (!) Mitarbeiter einer privaten Security-Firma, die im Auftrag der Stadt arbeitet. Der Mann soll besonders Migranten kontrolliert haben. Später stellt sich heraus, dass er einen rechtsextremen Hintergrund hat, so „Köln gegen Rechts“. Die Stadt reagiert umgehend und zieht den Mann ab. Er sei bislang durch keine Vorstrafen aufgefallen, so eine Sprecherin. Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen.

Quelle: https://www.express.de/image/29291118/max/600/450/ea9e00120b29e5855b788630cabafa20/NR/comics-uebersicht-171213.jpg

Quelle: https://www.express.de/image/29291118/max/600/450/ea9e00120b29e5855b788630cabafa20/NR/comics-uebersicht-171213.jpg

Den Vogel des politischen Verhaltens-Nudging schoss allerdings Berlin ab. Auf der diesjährigen großen Silvesterparty in Berlin am Brandenburger Tor gab es eine spezielle „Schutzzone“ für belästigte oder gar sexuell missbrauchte Frauen. Um Vorfällen wie denen in der Silvesternacht 2015/2016 vor dem Kölner Dom entgegenzuwirken, richtete das DRK am Brandenburger Tor eine „Women´s Safety Area“ an. Wer jedoch Parallelgesellschaften einsickern lässt, Polizei und Staatsanwaltschaft nicht den Rücken stärkt, sondern sie behindert, personell schwächt und geradezu bekämpft, der braucht sich nicht zu wundern über Zustände, vor denen Kritiker jahrelang gewarnt haben. Hätte man frühzeitig auf Experten gehört wie etwa den ehemaligen Bürgermeister von Berlin-Neukölln, Heinz Buschkowsky, statt sie mundtot oder lächerlich zu machen, wäre es soweit nie gekommen. Von indirektem Terrorismus ist die Rede.

Keine Toleranz gegenüber Intoleranz

Viele wunderen sich bspw. über den ausgebliebenen feministischen Aufschrei. Die unbedingte Devise müsse lauten: Keine Toleranz gegenüber Intoleranz. „Niemand scheint daran Anstoß zu nehmen, innezuhalten und zu hinterfragen: Was sind das eigentlich für furchtbare Zustände in diesem Land? Realisiert keiner, dass diese aus Hilflosigkeit geborenen „Schutz“-Maßnahmen ein Signal der völligen Kapitulation sind?“, fragt Tobias Huch:

„Gewaltfreie Areale und männerfreie Gehege für Frauen sollen also die Antwort darauf sein, dass Behörden und Politik den primitiv-sexualisierten Mob nicht in den Griff bekommen oder bekommen wollen? Die strikte Trennung von Männern und Frauen kannten wir bisher nur von islamistischen Veranstaltungen und den Regimes des Mittleren Ostens, nicht in einem freiheitlich-demokratischen Staat in Mitteleuropa. Wenn dies die neue Normalität in Deutschland sein soll, warum dann nicht gleich Vollverschleierung für alle Frauen?“

Das Fazit sei Almut Meyer überlassen:

„Bisher setzt man hierzulande noch viel zu sehr auf das, was Frauen tun könnten, um Vergewaltigungen zu verhindern: Bestimmte Orte meiden, gemeinsam joggen oder spazieren gehen, keine fremden Männer anlächeln und am besten nicht zu später Stunde in zu enger oder freizügiger Bekleidung. Doch bei diesen Verhaltensanalysen überträgt man zum einen die Schuld auf das Opfer, und zum anderen nimmt man Frauen die Freiheit, sich nach Belieben im öffentlichen Raum zu bewegen. Wie weit sind wir dann noch von dem Schritt entfernt, Frauen als Freiwild zu erklären, wenn sie allein durch die Gegend laufen und möglicherweise sogar durch sogenannte verrufene Orten, die gegenwärtig aber auch nicht weniger werden? Es sind Politiker, Richter und (Staats-) Anwälte, aber auch Journalisten, die maßgeblich mitbestimmen, in welcher Gesellschaft wir eigentlich leben wollen.“

Edit 11.01.2018: Nein, nicht ganz. Roger Letsch hat ein „Gedicht“ verfasst, für das er bei Facebook gesperrt wurde und das ein trefflicher Abschluss der Geschehnisse ist:

Jungfer ich knet’ dir den Hackfleischkranz,
er wird dich beschützen vor Nafriantanz.
Zum Zwecke des Schutzes kommt auch wie bestellt,
auf Berlins Feier-Meile das Frauenzelt.
Und bist du in Köln auf des Domes Platt’,
geschützt ist dort gut, wer ein Armband hat.
Wie die Kanzlerin sagt in der Neuahrsansprache:
der Schutz ihrer Bürger ist Ehrensache!

„Als er das chinesische Sprichwort zitierte, die schlechteste Tinte sei besser als das beste Gedächtnis, lachte Maykl so laut, dass der Dozent ihn fragte, was daran so lächerlich sei. Maykl erwiderte, Tinte würde vergilben und verschwinden, Papiere würden verlegt, gerieten in Vergessenheit, könnten abhandenkommen, in einem gut trainierten Gedächtnis sei dagegen alles für alle Ewigkeit fixiert, festgehalten bis zum Tod.“

Wenn ich drei aufeinanderfolgende Bücher eines Autors nicht nur mehr oder weniger lobend rezensiere, sondern auch noch in ununterbrochener Reihenfolge für ihre Aufnahme in die Literaturlehrpläne plädiere, muss es etwas Besonderes haben: um den Autor, seine Erzählweise, seinen Stoff – oder alles zusammen. Gemeint ist „Trutz“, das (erste?) Alterswerk von Christoph Hein.

Alterswerk darum, weil er so viel und so grausam und so willkürlich sterben lässt wie in kaum einem Text zuvor, weil ihm nach dem Tod seiner (einen) Hauptfigur die Handlung teilweise zerfasert und weil eher der Stoff, den er unbedingt und eher unelegant erzählen muss und der ihm manchmal fast verschwörungstheoretisch entgleitet, der Held ist und nicht die ihn transportierende Personnage.

Aber das wars auch schon an Kritteleien meinerseits – eher muss man den Autor würdigen, weil er mit 72 Jahren zwar erfahren, aber doch völlig unverschlissen, wenn auch wie immer ziemlich nüchtern-lakonisch zwei Familien auf Kollisionskurs mit den Ideologien des letzten Jahrhunderts schickt und dabei zwei Motivpaare unerbittlich verfolgt: Zufall gegen Berechenbarkeit und Vergessen gegen Erinnerung. „In diesen Roman geriet ich aus Versehen …“, beginnt der erste, „Glücklich ist, wer vergisst, was doch nicht zu ändern ist“, lautet der letzte Satz.

Es geht um nicht mehr und nicht weniger als die Kunst, oder besser, die Macht und Ohnmacht des Erinnerns. Würde man das epische Werk in ein dramatisches Genre transformieren, dann kann ein Roman über Erinnerung im 20. Jahrhundert nur eine Tragödie sein: Ideologien organisierten und sanktionierten Gedächtnisleistung politisch – das jeweilige System bestimmte, wie Vergangenheit gespeichert, bewahrt – und verändert wurde. Wer seine eigene Erinnerung damit nicht in Einklang bringen wollte und/oder konnte, hatte ein gefährliches Problem.

Dieses Problem hatten die beiden Roman-Familien, deren Mitglieder zwischen Hitler-Faschismus, Stalin-Terror und SED-Arbeiter-und-Bauern-Zwangsbeglückung einen Erinnerungs- und damit Überlebensmodus für sich praktizieren wollten. Einen Modus, der ihnen idealerweise mehr als die Leben und überdies noch sozialen Einfluss sicherte. Aber Hein wäre nicht Hein, wenn er nicht genau dieses Intellektuellen-Ansinnen innerhalb einer Odyssee durch die Zeiten und Systeme, durch groß inszenierte Lügen und im Kleinen verborgene Wahrheiten aufs Bitterste über den Jordan schickt.

Die Geschichte beginnt mit Rainer Trutz, dem Vater von Maykl, einem Bauernsohn, der aus der Provinz und einem engen Elternhaus ins Berlin der 20-er Jahre flieht und durch einen Zufall auf die sehr sympathisch gezeichnete Lettin Lilija Simonaitis trifft, Mitarbeiterin der russischen Botschaft, die dem angehenden Schriftsteller nicht nur die Türen zur Berliner Gesellschaft öffnet, sondern auch später in der Sowjetunion lange zu einer Helferin und Unterstützerin der Familien Trutz wird, bis sie selbst in die grausamen Mühlen der Stalin`schen Säuberungen gerät.

Quelle: http://www.deutschlandfunk.de/media/thumbs/0/0ee9db7379a6cb8f2177e20329ed0701v1_max_755x425_b3535db83dc50e27c1bb1392364c95a2.png?key=ef0439

Quelle: http://www.deutschlandfunk.de/media/thumbs/0/0ee9db7379a6cb8f2177e20329ed0701v1_max_755x425_b3535db83dc50e27c1bb1392364c95a2.png?key=ef0439

Das frivole Erstlingswerk von Rainer Trutz (!!!) erregt einiges Aufsehen – ein elegant verschweinigelter Roman, der Beachtung im Kulturbetrieb und Verachtung bei den Nazis findet. Prompt gerät er mit seinem zweiten Buch ins Visier der Gestapo und flieht mit Hilfe von Lilija mit seiner Familie nach Moskau. Doch dort im als sicherer Ort phantasierten Exil warten herbe Enttäuschungen auf sie. Rainer Trutz begegnet dort Waldemar Geijm, einem Professor für Mathematik und Sprachwissenschaften an der Lomonossow- Universität, der ein neues Forschungsgebiet begründet, wobei er sich auf alte Vorgänger beruft: die Mnemotechnik, die Lehre von Ursprung und Funktion der Erinnerung.

Dieser Prof. Geijm, der bald in Ungnade fällt und später in einem sibirischen Arbeitslager stirbt, unterrichtet mehrere Jahre seinen eigenen Sohn und den Sohn von Rainer Trutz, den kleinen Maykl in dieser Technik, deren Kunst Christoph Hein dann über sechs Jahrzehnte in Berlin bestaunen sollte: die sogenannte Mnemotechnik, die auf Ideen fußt, die der griechischen Dichters Simonides von Keos schon rund 500 Jahre vor Christus entwickelt hat. Sind Parteikreise erst daran interessiert, Gejms Ergebnisse militärisch und medial zu nutzen, erkennen sie bald, wie kontraproduktiv eine perfekte Erinnerung für ihr politisches System sein kann: Wer nicht vergisst, lässt sich nicht indoktrinieren.

„Die Mnemonik zieht eine Blutspur hinter sich her, bis heute. Bereits zu Beginn war das so, diese Wissenschaft begann mit einem Massaker. Ein gutes Gedächtnis war in der Geschichte der Menschheit stets eine tödliche Gefahr. Das Vergessen wird belohnt, nicht das Gedächtnis. Wenn Sie schnell und rasch vergessen, werden Sie glücklich auf Erden und können in Ruhe alt werden. Doch wenn Sie sich an alles erinnern, bekommen Sie Schwierigkeiten, und die können tödlich sein. So geht es bis in unsere Zeit, bis zu mir.“

Ganz stark sind prompt die Szenen, in denen Hein im Stile Orwells die unentwegte Umwertung von Kunst, Kino und Literatur zum Zweck der Massenmanipulation beschreibt. Etwa als nach der Unterzeichnung des deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakts 1939 alle Bücher, Filme und Theaterstücke in der Sowjetunion freundlich für das Dritte Reich umformuliert, -geschnitten und -gebaut wurden, um dann 1941, nach dem Überfall durch die Deutschen, wieder in schönster antifaschistischer Pracht gezeigt werden zu dürfen.

Trutz macht sich Hoffnungen, für eine Emigrantenzeitung zu arbeiten. Es mangelt im Moskau von 1933 jedoch nicht an emigrierten deutschen Intellektuellen. Das Haupthindernis besteht allerdings darin, dass er kein Mitglied der kommunistischen Partei ist. Ein Redakteur wäscht ihm den Kopf:

„Wie willst du ein guter Journalist sein, wenn du nicht in der Partei bist? Zierliche Häkeleien verfassen, putzige Blümchenmuster, wie sie die bürgerliche Presse liebt? So etwas brauchen wir nicht. (…) Nein, Junge, in unserer Presse häkeln und stricken wir nicht, da machen wir Politik. (…) Hier herrscht Klassenkampf, verstehst du, jeden Tag, jede Stunde, in jedem Redaktionszimmer. Und nun mach, dass du verschwindest.“

Stattdessen landet Trutz als ungelernter Pionier beim U-Bahn-Bau in Moskau. Einigermaßen unbeschadet überlebt er, wird aber nach dem Krieg plötzlich denunziert. Eine alte Rezension, die er noch in Berlin für die „Weltbühne“ schrieb und in der er sich lustig machte über die Lobhudelei einiger berühmter Schriftsteller, die die Sowjetunion als Paradies darstellten, wird ihm zu Verhängnis. Links ist manchmal nicht links genug, je nachdem, von wo man schaut. Hitler, Stalin und der kleine Trutz: Die totalitären Systeme wechseln, aber der Möchtegernschriftsteller bleibt ein politisch Unbehauster. Er kommt in ein Besserungslager im Ural und wird dort von einem Wärter erschlagen – weil er keinen Schnaps dabei hatte.

Quelle: https://www.welt.de/img/politik/mobile102062198/9881627357-ci23x11-w960/gulag-ankunft-DW-Politik-Nuernberg-jpg.jpg

Quelle: https://www.welt.de/img/politik/mobile102062198/9881627357-ci23x11-w960/gulag-ankunft-DW-Politik-Nuernberg-jpg.jpg

Das letzte Drittel des Buches, der Vater ist da schon längst im eisigen Boden eines Gulags in Sibirien verscharrt, handelt davon, wie der Trutz-Sohn Maykl, inzwischen Vollwaise, nach dem Krieg nach Deutschland, in die alte Heimat seines Vaters, ausgewiesen wird. Auch dort  drangsaliert, versucht er als Archivar zu überleben. Die historischen Wahrheiten, die er in den Papieren zutage fördert, sind seiner Karriere im SED-Staat natürlich hinderlich.

„Eine westliche Hetzschrift muss als Feindpropaganda zurückgewiesen werden. Die Broschüre als Fälschung zu bezeichnen und gleichzeitig Großmann vor Gericht bringen, das geht nicht. Also hat man sich für Großmann entschieden.“

Nach der Wende wird er Gem, den Sohn von Professor Geijm, wiedertreffen. Beide stellen fest: sie haben fast dieselben Erfahrungen gemacht wie ihre Väter. Eine dieser Erfahrungen ist für mich eine der Schlüsselstellen des Romans: vor einer Kommission hochnotpeinlich befragt, warum er nicht FDJ-Mitglied werden und welche Lehren er denn aus „der Geschichte“ überhaupt ziehen wolle, entspinnt sich dieser Dialog:

„Meine Eltern waren deutsche Antifaschisten, die sich vor Hitler in Sicherheit bringen wollten und in der Sowjetunion umkamen… Ich kann meiner Eltern wegen nicht Mitglied der FDJ werden“ –

„Schuld daran trägt nicht die Sowjetunion und schon gar nicht unser Staat. … Nein, Herr Trutz, den Tod Ihrer Eltern verschuldete Hitler mit seinem Überfall auf die Sowjetunion … An Ihrer Stelle und mit Ihrem Schicksal würde ich, meinen toten Eltern zu Ehren, sofort den Antrag stellen, in die Partei aufgenommen zu werden, damit sich diese Verbrechen nicht wiederholen…“

Fast überflüssig zu erwähnen, dass er auch privat unter seinem Gedächtnis leidet:

„In der kurzen Verhandlung sagte Sandra, es sei nicht möglich mit einem Menschen zusammenzuleben, der nie etwas vergessen könne. Seine Fähigkeit sei nicht hilfreich, sondern eine Krankheit, mit der sich und andere vergifte und allen die Lebenslust raube. Die Scheidungsrichterin möge ihm ein Training des Vergessens empfehlen.“

Vor einem Jahr erst ging es Hein in „Glückskind mit Vater“ um den Sohn eines hingerichteten Kriegsverbrechers, der aus der gerade gegründeten DDR flieht, um ausgerechnet bei Mitgliedern der Resistance in Marseille „Wein, Weib und Wahrheit“ kennenzulernen. Natürlich war der Held dann doch gar nicht so ein Glückskind, weil er die Last der Geschichte im Verlauf seiner Reise in Richtung Westen und wieder zurück nicht abwerfen konnte. Hier nun ging es nach Osten und retour – mit demselben Resultat. Hillgruber spricht im Tagesspiegel von „deterministischer Wucht“ und fühlt sich phasenweise an Weiss‘ „Ästhetik des Widerstands“ erinnert. Für Wolfgang Schneider hätte „Trutz“ den Preis der Leipziger Buchmesse verdient. Beiden mag ich nicht widersprechen.

Quelle: https://www.mdr.de/kultur/themen/bild-80930-resimage_v-variantBig24x9_w-960.jpg?version=11378

Quelle: https://www.mdr.de/kultur/themen/bild-80930-resimage_v-variantBig24x9_w-960.jpg?version=11378

Hein hat wieder einen ernsten, tragischen, lapidar erzählten Text vorgelegt, der nicht zuletzt auch davon handelt, wie unbequeme „Intelligenzler“ in der Provinz verdämmern – ein Standardmotiv bei ihm. Bereits in „Horns Ende“ (1985) resümierte die Titelgestalt, Direktor eines Provinzmuseums im fiktiven Bad Guldenberg: „Welch ein entsetzlicher Gedanke, ohne Gedächtnis leben zu wollen. Wir würden ohne Erfahrungen leben müssen, ohne Wissen und ohne Werte. Löschen Sie das Gedächtnis eines Menschen, und Sie löschen die Menschheit.“ Dem ist nichts hinzuzufügen.

« Neuere Artikel - Ältere Artikel »