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Manchmal entwickeln Begriffe ein Eigenleben und trennen sich aus vielerlei Gründen von den Personen, mit denen sie eine kausale Einheit bilden. So beruhte der „Sputnikschock“ von 1957, der die erst entsetzten emotionalen, später emsigen wirtschaftlichen Reaktionen vor allem der USA auf den Start des ersten künstlichen Satelliten beschreibt, auf dem Rüstungsprogramm des sowjetischen Staatschefs Nikita Chruschtschow, der heute kaum noch präsent ist.

Ähnliches gilt für das „Abendland“. Folgt man dem Berliner Historiker Wolfgang Benz, der den Begriff in der Welt als Wertegemeinschaft definiert, die „die griechisch-römische Philosophie mit christlichem Denken verbindet und den Eindruck erweckt, als habe sich die Antike im Christentum vollendet“, dann ist er untrennbar mit Kaiser Theodosius I., genannt „der Große“, verbunden: er erließ am 27. Februar 380 das Dekret „Cunctos populos“, in dem sich „die jüdisch-christlichen Wurzeln mit der griechisch-römischen Antike verbanden und eine bis heute wirkende Symbiose eingingen“, wie Matthias von Hellfeld auf DW online schreibt. Der außerhalb von Fachkreisen heute kaum noch bekannte letzte Kaiser des römischen Gesamtreichs starb vor nunmehr 1625 Jahren.

Theodosius. Quelle: https://www.heiligenlexikon.de/BiographienT/Theodosius_I_der_Grosse.html

Seine Regierungszeit war für das Imperium Romanum mit entscheidenden Veränderungen verbunden. Der „Gotenfreund“ siedelte erstmals eine Gruppe von Barbaren – die Goten unter Alarich – als autonomen Verband auf dem Boden des Reiches an, erhob das Christentum zur Staatsreligion, erließ Gesetze gegen das Heidentum und die christliche Häresie und verwirklichte nach einem Bürgerkrieg ein letztes Mal die auch faktisch gegebene Einheit des Imperiums. Nach seinem Tod am 7. Januar 395 in Mailand führte die Aufteilung des Reiches unter seine beiden Söhne zur endgültigen Trennung in ein Weströmisches und ein Oströmisches Reich, die von den Zeitgenossen allerdings nie als solche wahrgenommen wurde.

Militärische Laufbahn unter Einfluss des Vaters

Geboren wurde er am 11. Januar 347 im spanischen Cauca, einer unbedeutenden kleinen Stadt in der nordwestlichen spanischen Provinz Galaecia, wo sein Vater, der ebenfalls Flavius Theodosius hieß und ein erfolgreicher Militär unter Kaiser Valentinian I. war, größere Besitzungen hatte. Seine Großeltern väterlicherseits waren ebenso nicaenisch-orthodoxe Christen wie sein Vater und er selbst. Er hatte einen Bruder, Honorius, dessen Tochter Serena er später adoptierte. Seine Kindheit verbrachte er in der spanischen Heimat. Obwohl er aufgrund seiner gehobenen Herkunft eine standesgemäße Erziehung erhalten haben dürfte, ist über seinen Bildungsweg kaum etwas bekannt. Er soll allerdings Interesse an geschichtlichen Studien gezeigt haben und auch sonst sehr aufgeschlossen, wenn auch etwas unstet – manche vermuten gar manisch-depressiv – gewesen sein.

Er schlug er eine militärische Laufbahn ein, ist ab 368 im Gefolge seines Vaters zu finden und nahm mit ihm an den Feldzügen in Britannien 368/369 teil, an dem Feldzug gegen die Alemannen 370 am Rhein, wo sein Vater der Reiterei der Hofarmee kommandierte, und 372/373 im Donauraum an dem gegen die iranischen Reiterstämme der Sarmaten, die mit der beginnenden Völkerwanderung aus dem Osten eindrangen und bereits in den Historien des Herodot erwähnt wurden. Parallel dazu wurde er vermutlich durch den Einfluss des Vaters zum dux Moesiae superioris befördert – eine Art Grenztruppenkommandeur, womit ihm eine eigene Militärprovinz auf dem Balkan unterstand, die im Wesentlichen deckungsgleich mit Serbien südlich der Donau und dem Kosovo war, ergänzt um einen schmalen Streifen im Norden Mazedoniens. 373 wurde der Vater nach Afrika abberufen, er selbst schlug im Jahr darauf die Sarmaten in Pannonien und bewies damit seine Befehlshaber-Qualitäten.

Das Jahr 376 bildete eine Zäsur. Sein Vater, der in Afrika den Usurpator Firmus unterwerfen sollte, wurde trotz Selbstmords desselben in einer Palastintrige – wohl zu Unrecht – des Hochverrats angeklagt und hingerichtet. Theodosius, inzwischen eine stattliche Erscheinung mit blondem Haar und Hakennase, zog sich auf seine heimatlichen Besitzungen zurück, heiratete Aelia Flacilla, eine Frau aus dem spanischen Provinzadel, die seine Söhne Arcadius und Honorius zur Welt brachte, widmete sich der Verwaltung seiner Güter und konnte kaum mehr damit rechnen, je wieder im Militärdienst aktiv zu werden. Doch er hatte die Rechnung ohne die Schlacht von Adrianopel, dem heutigen türkischen Edirne, am 9. August 378 gemacht.

Kaiser Valens. Quelle: https://www.welt.de/geschichte/article147308311/Roms-entscheidende-Niederlage-gegen-die-Germanen.html#cs-lazy-picture-placeholder-01c4eedaca.png

In dieser Schlacht fiel der oströmische Kaiser Valens gegen die so genannte Dreivölker-Konföderation mit den Goten an der Spitze. Angeblich standen sich 30.000 Römer und 25.000 Goten gegenüber; geschätzt zwei Drittel der Römer fielen. Gratian, der Kaiser des römischen Westreiches, fürchtet um seine Herrschaft, holt Theodosius aus Spanien zurück und unterstellt ihm das Heer – sein Mitkaiser Valentinian II. war noch ein Kind. Anfangs nur Heermeister über Illyrien, wird Theodosius am 19. November 379 von Gratian zum Mitkaiser erhoben, erhält Dakien und Makedonien in Südosteuropa sowie die orientalische Provinz.

Cuius regio eius religio

Was Theodosius von seinen Vorgängern unterschied, war weniger sein christlicher Glaube als vielmehr seine dezidierte Hervorhebung der Katholizität: Die meisten christlichen Kaiser vor ihm hatten mit dem Arianismus sympathisiert, der die Wesensgleichheit von Gott/Gott-Vater und Sohn bestritt. Theodosius hingegen unterzeichnete in Thessaloniki in Gegenwart von Valentinian II. und Gratian das Dekret Cunctos populos, mit dem das Christentum zur Staatsreligion erklärt und die Ausübung heidnischer Kulte unter Strafe gestellt wurden. Das nicänische Christentum wurde für maßgeblich erklärt: als wahrer, katholischer Christ könne nur gelten, wer die Religion bekenne, die der Apostel Petrus den Römern überliefert habe.

Titelblatt des Dekrets. Quelle: https://historybytez.com/2016/02/27/380-edict-of-thessalonica/

Daher gelte, „dass wir also an die eine Gottheit des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes bei gleicher Majestät und heiliger Dreifaltigkeit glauben“. Alle anderen sollten als Häretiker gelten. Zusätzlich berief Theodosius, um den seit 325 andauernden Streit und die drohende Glaubensspaltung zwischen Trinitariern und Arianern zu beenden, 381 das 1. Konzil von Konstantinopel (das 2. ökumenische Konzil) ein – dazwischen hatten bereits achtzehn Konzile stattgefunden, die sich alle der Aufgabe verschrieben hatten, ein drohendes Schisma zu verhindern. In Konstantinopel verwarfen 150 Bischöfe nochmals den Arianismus und formulierten die endgültige, bis heute bestehende Fassung des Nicäischen Glaubensbekenntnisses.

Theodosius‘ Dekret wird bis heute ambivalent interpretiert. Zum einen kann es tatsächlich als erste staatlich reglementierte Verbindung von Antike und Christentum gelten, die schließlich in den Jahrhunderte später etablierten Begriff des „Abendlands“ münden sollte. Zum anderen aber begann damit der „Siegeszug eines zwangsweise geeinten Christentums“, erklärt der Althistoriker Rolf Bergmeier im Humanistischen Pressedienst. Denn mit rund sechzig weiteren Edikten baut Theodosius in rascher Folge „Cunctos populos“ zu einem mächtigen „Werkzeugkasten“ aus, mit dessen Hilfe jede religiöse Konkurrenz ausgeschaltet wurde: „Dreiundzwanzig Edikte sind direkt gegen die abweichenden christlichen Konfessionen gerichtet, dreizehn gegen die Heiden und sechs gegen die Juden.“

„Von nun an hieß Christ sein katholisch glauben“, bilanziert Bergmeier. „Das heutige Christentum wurde par ordre de mufti in das heidnische, jüdische und häretische Volk hineingeprügelt und die Allianz aus Kirche und Herrscher wurde zur Staatskirche erklärt. ‚Cuius regio eius religio – wem das Land gehört, der bestimmt die Religion‘ betritt die Weltbühne.“ Freilich wird von der Forschung inzwischen bezweifelt, ob die entsprechenden Erlasse des „Werkzeugkastens“ wirklich wörtlich zu nehmen sind.

Im Gegenteil: Offenbar wurden sie weder wahrgenommen noch durchgesetzt, da erst Kaiser Justinian 150 Jahre nach Theodosius wirklich entschlossen und tatkräftig gegen die letzten Altgläubigen vorging und die letzten offiziell geduldeten Tempel schließen ließ. Allerdings verbot Theodosius am Ende seiner Amtszeit tatsächlich alle heidnischen Kulte und ihre Ausübung, im Jahr vor seinem Tod gar die Olympischen Spiele, und schloss auch die Platonische Akademie in Athen. „In den kommenden Jahrhunderten wurden unter dem Kreuz der Christen nicht nur die Armen gespeist, sondern auch die Kritiker und Abweichler im Namen des Herrn ermordet“, lautet Hellfelds Bilanz.

Aufschwung Konstantinopels

Energisch kümmert sich Theodosius um die Sicherung seines Herrschaftsbereichs, reorganisiert zunächst aus Thessaloniki die Armee und nimmt deren Barbarisierung in Kauf. Er geht zunächst zwar erfolgreich ab 380 gegen die Goten auf dem Balkan vor, erlitt jedoch schließlich eine Niederlage und bekommt von Gratian zwei seiner erfahrensten Generäle überlassen, darunter Arbogast, der sich als Danaergeschenk entpuppen sollte. Gegen Jahresende erkrankte Theodosius so schwer, dass er sich daraufhin taufen ließ – schon als Kind getauft zu werden war in der damaligen Zeit nicht üblich.

Solidus mit Theodosius‘ Bildnis. Quelle: https://www.ma-shops.de/vossen/item.php?id=910

382 brachte er die Goten dazu, mit ihm einen Vertrag zu schließen, durch den sie zu so genannten „Foederati“ wurden: Sie durften zwar südlich der unteren Donau siedeln, mussten aber Rom Waffenhilfe leisten. Dieser Gotenvertrag war ein Wendepunkt in der römischen Geschichte. Bisher waren besiegte Germanen zwar als „Dediticii“ aufgenommen worden, hatten aber keine Rechte. Das foedus sorgte jedoch dafür, dass die angesiedelten Goten frei und autonom waren. Sie dienten demnach zwar in Kriegszeiten, allerdings unter eigenen Führern, und wurden zusätzlich hoch besoldet. Trotz hoher Kosten stärkt dieser Vertrag die Wehrkraft Roms. 383 machte er seinen Sohn Arcadius zum Augustus Ostroms, Honorius 10 Jahre später zu dem Westroms.

383 aber wurde auch General Magnus Maximus in Britannien zum Augustus erhoben: von seinen eigenen Truppen, die unzufrieden waren, weil sich Gratian lieber mit Alanen als mit römischen Offizieren umgab. Gratians Truppen liefen bei Paris zu Maximus über; Gratian selbst wurde ermordet. Theodosius ließ den Rivalen vorerst gewähren: In einer Reichsteilung erhielt Valentinian II. Italia und Africa, den Rest Maximus. So hatte er Zeit, sich der Verwaltung des Ostens zu widmen. Obwohl man ihm keine Versäumnisse vorwerfen kann, gelang ihm keine durchschlagende Reform des Steuerwesens, auch die Korruption vermochte er kaum einzudämmen. Allerdings erlebte Konstantinopel einen lebhaften Aufschwung und wurde endgültig zum Zentrum des Ostreichs: die Bevölkerung stieg auf ca. 250.000 Menschen an.

Nach dem Tod von Aelia Flacilla heiratete Theodosius 387 Galla, die Schwester von Valentinian II., die ihm noch eine Tochter gebar und wenige Monate vor ihm starb. Im selben Jahr schloss er nach jahrelangen Verhandlungen einen Vertrag mit dem Sassanidenreich über das stets umstrittene Armenien: etwa 1/5 des Landes erhielt Rom, den Rest Persien. Damit gab Theodosius zwar den jahrhundertealten römischen Anspruch auf Armenien auf, sorgte aber für Ruhe an der sonst immer bedrohten Ostgrenze. Dafür wurde es im Innern wieder turbulent: als Maximus 388 doch in Italien einfällt und Valentinian II. zu Theodosius flieht, schlägt der ihn in zwei Schlachten und richtet ihn wenig später hin. Er setzt den jungen Valentinian II. wieder im Westen ein und stellt ihm Arbogast zur Seite.

389 hielt Theodosius dann triumphalen Einzug in Rom und war auf einen Ausgleich mit jenen stadtrömisch-senatorischen Kreisen bedacht, die immer noch mehrheitlich heidnisch gesinnt waren. Zuvor begann seine Auseinandersetzung mit Ambrosius, dem mächtigen Bischof von Mailand, die die machtpolitische Kehrseite des Christentums als Staatsreligion zutage treten ließ: Nachdem 388 eine Synagoge in Callinicum von Christen niedergebrannt worden war, wollte Theodosius sie bestrafen und den Wideraufbau des jüdischen Gotteshauses anordnen. Doch Ambrosius bestand darauf, es handle sich um einen Konflikt zwischen dem christlichen Glauben und dem Judentum; falls der Kaiser die christlichen Gewalttäter bestrafe, würde er sich damit gegen die einzig wahre Religion wenden. Er verweigerte ihm die Eucharistie, bis er nachgab, die Schuldigen ungestraft ließ und seinen Befehl zum Wiederaufbau durch die Christen widerrief.

Ambrosius und Theodosius. Gemälde von va Dyck aus dem 17. Jahrhundert. Quelle: Von Anthonis van Dyck – http://www.nationalgallery.org.uk/paintings/anthony-van-dyck-st-ambrose-barring-theodosius-from-milan-cathedral, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=150526

Dasselbe „Spiel“ wiederholte Ambrosius 390 nach dem „Massaker von Thessaloniki“, in dem angeblich 7.000 Bürger aufgrund eines nicht mehr rechtzeitig zurückgenommenen kaiserlichen Befehls massakriert wurden. Theodosius wurde von Ambrosius nicht zur Messe zugelassen und zu einem Bußakt genötigt. Folgerichtig legte er auch 391 den Titel „Pontifex maximus“ ab, also seine priesterliche Funktion. Damit war klar, dass nun die weltliche Autorität des Kaisers unter der geistlichen der Kirche stand und erstere sanktionieren kann.

eigenständig, umsichtig und mildtätig

Im Mai 392 wurde Valentinian II. erhängt in seinem Palast aufgefunden – es ist unklar, ob er von Arbogast ermordet wurde oder aufgrund seiner faktischen Machtlosigkeit durch Suizid starb. Arbogast rief den Beamten Eugenius zum Kaiser aus, der fränkische Unterstützung erhielt. Theodosius bereitete sorgfältig seinen Feldzug gegen Eugenius vor und rückte mit etwa 100.000 Mann, darunter auch gotischen Hilfstruppen unter Alarich, in den Westen ein. Am 5./6. September 394 kam es zur blutigen Entscheidungsschlacht im Vipava-Tal im heutigen Grenzgebiet zwischen Italien und Slowenien. Theodosius verbrachte den Vorabend der Schlacht angeblich wachend und betend: im Traum erschienen ihm demnach Johannes der Täufer und Philippus der Apostel und befahlen, dass er seine zahlenmäßig unterlegenen Truppen zur Schlacht ordne.

Beim Kirchenhistoriker Theodoret liest sich der folgende Schlachttag so: „Kaum aber hatte man auf beiden Seiten begonnen, die Geschosse zu schleudern, als die Beschützer ihre Versprechungen als wahr erwiesen. Denn ein gewaltiger Sturmwind, der seine Richtung gegen den Feind nahm, warf ihre Pfeile, Lanzen und Speere zurück, so dass jegliches Geschoß für sie nutzlos war und weder Schwerbewaffnete noch Bogenschützen noch Leichtbewaffnete dem Heere des Kaisers Schaden zufügen konnten. Außerdem wurden ihnen ganze Wolken von Staub in das Gesicht getrieben, die sie zwangen, ihre Augenlider zu schließen, um so ihre gefährdeten Augen zu schützen. Die Soldaten des Kaisers dagegen erfuhren von jenem Sturm nicht den geringsten Nachteil, sondern machten die Feinde unerschrocken nieder.“

Es war eine der größten Schlachten der römischen Geschichte und galt den Christen im Nachhinein als ein Gottesurteil: das Christentum habe demnach über die alten Götter triumphiert – obwohl die „Heidentruppen“ der Vandalen hohen Blutzoll entrichteten. Eugenius wurde gefangen genommen und hingerichtet, Arbogast starb kurz darauf durch Suizid. Damit war Theodosius noch einmal kurzzeitig uneingeschränkter Herrscher über beide Reichsteile. Er verständigte sich sowohl mit den überlebenden gegnerischen Truppen als auch den stadtrömischen Kreisen, die er in seine Herrschaft einbinden wollte, doch starb dann überraschend, wahrscheinlich an Wassersucht. Zuvor hatte er angeordnet, das Reich auf seine beiden Söhne zu verteilen. Ambrosius, mit dem er sich so manchen Streit geliefert hatte, hielt eine bewegende Totenrede, in der er die Person des Theodosius zum Vorbild eines christlichen Kaisers stilisierte.

Von Shepherd, William R. Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=395874

Schon bald nach seinem Tod wurde Theodosius wegen seiner Bemühungen um die Einigung der Kirche „der Große“ genannt, unter ihm gelang der wirkliche Durchbruch zum „Imperium Romanum Christianum“. Der Schriftsteller Zosimos sah in der Zwangschristianisierung aber den eigentlichen Grund für den späteren Untergang Westroms – im Gegensatz zum Westen erkannten die Bischöfe des Ostens den Kaiser als oberste Autorität in Glaubensfragen an. Theodosius war der bedeutendste Herrscher in der Zeit zwischen Konstantin „dem Großen” und Justinian I., eigenständig, umsichtig und mildtätig regierend; militärisch erfolgreich, besonders gegen die andrängenden Goten, und doch integrativ. Den wirtschaftlichen Niedergang und die soziale Spaltung der Bevölkerung konnte er wenigstens einbremsen und Literatur und Kunst zu einer gewissen – aber auch letzten – Blüte führen. Derzeit wird er vor allem in der Numismatik hochgehandelt: ein Original-Solidus aus Gold mit seinem Porträt bringt bis zu 4.600 Euro.

Zwischen 1589 und 1922 beherbergte die Georgenburg als Staatsgefängnis auf der Festung Königstein genau 993 Gefangene, darunter den später geköpften kurfürstlichen Kanzler Nikolaus Krell, den Porzellanerfinder Johann Friedrich Böttger und den Sozialdemokraten August Bebel – allesamt auf Staatskosten. Doch in den 1960er Jahren gab es einen Mann, der dort freiwillig mietete – samt Frau Ingeburg und ein paar Puppen, mit denen er sogar ein kleines Fernsehatelier einrichtete. Das Studio kostete im Monat, heute unvorstellbar, gerade 80 Mark der DDR. Der Mann hieß: Heinz Fülfe.

Fülfe war mit dem Festungsdirektor Dieter Weber befreundet und fand hier ideale Bedingungen vor, seinem Beruf – und seiner Berufung – nachzugehen. Der Maler, Bühnenbildner und Schauspieler schrieb und produzierte rund 900 Skripte für das DDR-Kinderfernsehen, davon 200 Abendgrüße des „Sandmännchen“. Er war nicht nur der Schnellzeichner Taddeus Punkt, sondern sprach als Bauchredner auch dessen Hund Struppi und lieh seine Stimme im Märchenwald der Frau Elster.

Fülfes „Arbeitsplatz“. Quelle: https://i.pinimg.com/originals/b8/55/3f/b8553f0740d3359278bbead957ef724f.jpg

Nebenbei erfand er auch noch die Geschwister „Flax und Krümel“ – die erste Serie im deutschsprachigen Fernsehen, die ausschließlich für Kinder gedacht war. „Ich erinnere mich noch genau daran, wie mein Mann sagte: Wir machen eine Sendung … Ich flaxe gerne, Du bist klein wie Krümel und dann nehmen wir den Hund dazu, den Struppi“, erzählte Ingeburg 2005. Die Sendung würde am 22. Januar 65 Jahre. Ihr Ideengeber Heinz Fülfe, der mit seinem Gesicht und seiner Stimme das Kinderfernsehen über Jahrzehnte maßgeblich prägte, feierte am 5. Januar seinen 100. Geburtstag.

„vitale Stimmungen“

Geboren in Freiberg als Sohn eines Militärmusikers und einer Hausfrau, verbrachte er seine Oberschulzeit in Elsterwerda, wo er auch seine erste künstlerische Ausbildung beim Naturmaler Hans Nadler erhielt. Sein Abitur legte Fülfe in Pirna ab, wo er seine künstlerische Ausbildung bei Horst Lorenz fortführte. Danach begann er eine Lehre als Bühnenbildner am Staatstheater Dresden, wo er bei Adolf Mahnke lernte.

Im Zweiten Weltkrieg diente Fülfe als Soldat, geriet in Gefangenschaft, wandte sich nach der Rückkehr in die Heimat erneut dem Theater zu und wirkte seitdem als freischaffender Maler, Grafiker und Puppenspieler. Bereits 1946 hatte er seine erste Ausstellung. Gemeinschafts- und Personalausstellungen in Dresden, Freiberg, Pirna, Elsterwerda und Bad Liebenwerda folgten. Eine lange Freundschaft pflegte er mit dem Rottwerndorfer Maler Johannes Kotte, der als Szenenbildner beim Fernsehfunk und als Filmbildner im DEFA-Trickfilmstudio in Dresden arbeitete.

Fülfe schuf Temperablätter, Aquarelle und Ölbilder, bevorzugte einfache Sujets – Motive fand er in Landschaften im weitesten Sinne. „Seine Darstellungen sind nicht spektakulär, doch die vitalen Stimmungen, die leuchtenden Farben und das Spiel von Licht und Schatten ziehen den Betrachter in seinen Bann“, erkennt Tom Pfefferkorn im Onlinemagazin Erlpeter. Dabei ließe sich in seinen frühen Aquarellen und Tuschzeichnungen noch ein fester bildnerischer, streng nach Formgesetzen komponierter Aufbau konstatieren, meint seine Biographin Konstanze Krüger: „Nach zum Teil recht avantgardistischen Versuchen entwickelte Fülfe eine mehr den Lichtstimmungen unterworfene Malerei, in der auch Einflüsse des Impressionismus spürbar werden.“

Erste deutsche Kinderserie im TV. Quelle: https://www.ddr-postkarten-museum.de/i.php?/galleries/Upload/Kinderfernsehen/Flax_Kruemel_Struppi/FLAX-005-me.jpg

Anfang der 1950er Jahre kam er als Bühnenbildner, Sänger und Schauspieler ans Volkstheater Pirna und später, als Gründungsmitglied der Pirnaer Puppenspiele, zum Puppentheater. Das hat in der Sächsischen Schweiz, vor allem durch die Figur des „Hohnsteiner Kasper“, der seine Probleme und Schwierigkeiten nicht mehr nur mit der Bratpfanne löst, sondern mit Humor und Einfallsreichtum, eine reiche Tradition; die Puppenspielfeste in Hohnstein und Bärenfels künden bis heute davon. Seiner Ausbildung gemäß war Fülfe für die Bühnenbildgestaltung und für die Darstellung der weiblichen (!) Rollen eingesetzt – sein modulationsfähiger Bariton, der sowohl ins Falsett kippen als auch ins Bauchreden wechseln konnte, half ihm dabei. Als Puppenspieler bediente er sich Figuren des Schnitzers Theo Eggink sowie des Bärenfelser Holzbildhauers Hellmuth Lange.

Die Sendungen lebten vom Universalgenie

Seit Anfang der 1950er Jahre trat er im Fernsehen der DDR in einer Vielzahl von Kindersendungen auf und lernt in Berlin auch seine zweite Frau Ingeburg kennen, die er 1955 heiratet und mit der er „Flax und Krümel“ aus der Taufe hebt – zwei Geschwister, die gemeinsam mit „Omi“ und „Struppi“ aufregende Erlebnisse im Alltag haben, von Fülfes auf Königstein gedreht und auch selbst gesprochen wurden und eine Weiterführung der Tradition der Hohnsteiner und Pirnaer Puppenspieler bedeuteten. Schon 1937 von Friedel Koster für die Puppenspiel-Truppe „Die Hohnsteiner“ entworfen, ließ Fülfe den Struppi wieder aufleben und machte ihn mit seiner Gestik und Stimme zu einer unverwechselbaren Figur.

Hohensteiner Puppen heute, Struppi ist dabei. Quelle: https://www.svz.de/img/parchimer-zeitung/origs8703476/026510494-w640-h960-o/23-67525637-23-67525638-1421410625.jpg

Die sollte nicht nur zeitweise bei Pittiplatsch und Schnatterinchen, sondern vor allem bei Taddeus Punkt wohnen: Braune Kappe, weißer Kittel, blaue Hemdschleife – diese Figur eines Schnellzeichners und Geschichtenerzähler mit Malkohle und Zauberbleistift im Künstlergewand hat Heinz Fülfe gemeinsam mit dem Kinderbuchautor Günther Feustel erfunden. Sie feierte am 11. Juni 1959 im Abendgruß ihre Premiere und zählte zu den Identifikationsfiguren des DDR-Kinderfernsehens. Etwa 400 Mal erzählte Fülfe seine Geschichten voller Poesie und Phantasie und führte seine kleinen Zuschauer an diverse Orte der DDR. Dabei zeichnete er rasend schnell und oft ohne hinzusehen, während er in die Kamera sprach. Bis 1961 wurden die Abendgrüße sogar live gesendet, erst in Schwarzweiß, später in Farbe, und von der DEFA in Kooperation mit dem Fernsehen der DDR gedreht.

In den folgenden Jahren wurden die Arbeit für die Kinder und das Kinderfernsehen immer mehr zum Hauptinhalt seines Lebens – und dem seiner Frau. Die Sendungen lebten vom Universalgenie Fülfes, meint Pfefferkorn: „er schrieb Texte, entwarf die Szenenbilder, Requisiten wurden meist selbst ausgesucht, und auch Geräusche hat er selbst gemacht: Wohl jeder der damaligen Kindergeneration im Osten dieses Landes wird noch das unnachahmliche, sich ständig verändernde Quietschen und Knarren der Fuchsbautür im Ohr haben!“

Zum Alltag der „Macher“ befragt, erinnert sich Ingeburg Fülfe, dass weitere „Leute von der Pädagogik“ Mitspracherecht hatten: Manuskripte mussten vorgelegt werden, Themen wurden vorgegeben, zu denen Heinz Fülfe und eine ganze Anzahl weiterer Autoren wieder die Texte lieferten. „Dies lief im Großen und Ganzen recht groß zügig, es wurde nicht viel reglementiert – eine ‚Moral‘, die mit dem Holzhammer verabreicht wurde, stand nicht im Vordergrund… Es waren keine Moralstücke, sie kamen mit spielerischer Pädagogik daher, bestenfalls mit einem kleinen Zeigefinger und ein paar Lebensweisheiten.“ Günstig für das einigermaßen unbehelligte Arbeiten wirkte sich wohl auch aus, dass SED-Fernsehchef Heinz Adameck dem Kinderfernsehen sehr zugetan war.

mehrfacher Ehrenbürger

Zur Frage, ob die SED eine große Rolle spielte, meint sie rückblickend: „Wir waren keine Genossen, haben unsere Arbeit gemacht.“ Hieß es zu Beginn der 1970er Jahre offiziell noch, dass das Kinderfernsehen dazu beizutragen habe, dass sich die Mädchen und Jungen „für die allseitige Stärkung der DDR einzusetzen und ein von Optimismus, Freude und Frohsinn erfülltes Leben zu führen“ hätte, sprach man 1981 von „wirklichkeitsbezogener Romantik, die das Alltagsleben wirkungsvoll über eine platte ‚Alltäglichkeit’ hinaushebt“, meint Dieter Wiedemann in TELEVIZION. Es gehe darum. „das bereichernde Gefühl für die Schönheit der Kunst, für menschliche Beziehungen hervorzubringen und ideologisch-ästhetische Immunität gegen alles Banale und Fortschrittsfeindliche zu erzeugen“.

Pitti, Mauz, Schnattchen und die „Urelster“ mit Ingeburg Fülfe, Heinz Schröder, Friedgard Kurze und Heinz Fülfe (v.l.). Quelle: http://www.erlpeter.net/downloads/20/88/Erlpeter_43_Jan_05.pdf

Diesen Leitsätzen fielen paradoxerweise Fülfes Kreationen zum Opfer. 1970 wurde „Flax und Krümel“, nach denen sogar Kindergärten benannt wurden, eingestellt; 1977 kam auch das Ende für Taddeus Punkt. „Das Bestärken von Wohlbefinden, Geborgenheit und Zukunftsgewißheit in der Gesellschaftsordnung einerseits und die Herausforderung andererseits, Einflüsse des ‚Westfernsehens‘ abzuwehren, indem man die Zuschauer an das eigene Programm binden wollte, ergaben einen auf die Dauer nicht lösbaren Widerspruch. Der Druck auf immer größere Attraktivität führte unaufhaltsam zu Prinzipienverlusten, Zugeständnissen und Unverbindlichkeit“, versuchte die Produzentin Ingelore König eine Erklärung.

Fülfes Studio wurde in den 70er Jahren durch das Trickfilmstudio Dresden übernommen; das Ehepaar zog endgültig nach Berlin. Gemeinsam mit zwei weiteren stimmlichen Universalgenies, den Puppenspielern Heinz Schröder (Pittiplatsch, Herr Fuchs, Frau Igel und Onkel Uhu) sowie Friedgard Kurze (Schnatterinchen, Hoppel, Borstel) gestaltet Fülfe jahrzehntelang das Grundinventar des „Märchenwalds“. Daneben ist er als Hörspielautor und -sprecher tätig und konnte einige Schallplatten mit Geschichten seiner Figuren veröffentlichen.

Der Märchenwald von einst lebt fort. Quelle: eigene Collage

Für sein Wirken wurde er vielfach ausgezeichnet, darunter schon 1961 mit dem Nationalpreis der DDR. Bereits vier Jahre später erhielt er die Ehrenbürgerwürde der Stadt Pirna, 1989 auch die seiner Schulstadt Elsterwerda. Nach der Wende wurde er, wie das Fernsehen der DDR, „abgewickelt“. Eigentlich wollte er bis zu seinem 75. Lebensjahr für Kinder spielen, schreiben und zeichnen, und sich danach wieder der Malerei widmen. Aber dazu sollte es nicht mehr kommen, der Tod hatte etwas dagegen. Der dreifache Vater starb am 5. Dezember 1994. Seinen Zauberbleistift gibt es nicht mehr – den hat ihm Ingeburg mit ins Grab gegeben.

Der Tübinger Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen fiel schon öfter durch eigenwillig-normative Interpretationen publizistischer Wirklichkeit auf. Schon im November 2012 ärgerte er sich über „die Empörungsdemokratie des digitalen Zeitalters“. In der Zeit 44/2014 konstatierte er auf Journalisten wie Medien gleichermaßen eine milieuunabhängige „Bewegung des bösen Blicks“, die „großformatige Verfalls- und Verwahrlosungsthesen“ formuliere, „in ihrer Wucht gefährlich, weil sie das Vertrauen in den Journalismus untergraben und den bösen Blick seltsam starr werden lassen.“ „Wir brauchen ein Überwachungsbewusstsein“, dekretierte er im November 2016 und konstatiert ein Jahr später einen „Stimmungswandel in Richtung des großen Verdachts“, durch den die Mainstream-Kritik selbst zum neuen Mainstream werde. Theorien der Entmündigung und der Manipulation ruinierten „das Vertrauensklima, das guter Journalismus bräuchte, gerade jetzt und gerade heute“. Und vor einem Jahr bejahte er die These, dass Transparenz „die neue Objektivität“ sei.

Ende November nun redete Pörksen in einem Interview mit dem Reutlinger General-Anzeiger einer Subventionierung von Zustellungskosten und einer Zeitungsfinanzierung durch politikferne Stiftungen das Wort. Denn er sieht neben Journalisten mit „in der Verantwortung“ auch die Politik, die Verlage, die Zivilgesellschaft und die akademische Welt. Diese Akteure hätten bisher „das Schicksal der Zeitungen mit einem Höchstmaß an dümmlicher Ignoranz begleitet, ganz so, als könnte man irgendwann mit den eigenen Themen zu RTL 2 umziehen.” Es fällt schwer, diese Aussagen nicht als bestellte Expertenmeinung zur Flankierung des Koalitionsentwurfs zur Unterstützung der Zustellung von Abonnementzeitungen und Anzeigenblättern in Höhe von 40 Millionen Euro für das Jahr 2020 anzusehen. Denn der Reutlinger Verlagsleiter Valdo Lehari jr. ist Vizepräsident des Bundesverbands Deutscher Zeitungsverleger (BDZV), sein Blatt büßte 26,9 Prozent Auflage seit 1998 ein. Der Haushaltsausschuss des Bundestags hatte kurz zuvor einen entsprechenden Antrag der Koalitionsfraktionen beschlossen. Allerdings sollen die Ausgaben bis zur Vorlage eines Gesamtkonzepts durch das Sozialministerium gesperrt bleiben. Der Haushalt wurde Ende November beschlossen.

Bernhard Pörksen. Quelle: Von re:publica from Germany – re:publica 18 – Day 1, CC BY-SA 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=73006999

Pörksen meint nun, Blattgattung hin oder her, dass kritischer, unabhängig recherchierender Journalismus unbedingt erhalten werden müsse, da er in einer Demokratie „systemrelevant“ sei – das Wort kennen wir seit der Bankenkrise. Wo er den unabhängigen Journalismus heute noch findet und welche Demokratie er meint, verschweigt er dezent. Vor allem Untersuchungen seines Kollegen Michael Haller haben ergeben, dass Journalismus gerade beim Flüchtlingsthema staatshörig agierte (zuerst berichtete). Und dass Pörksen angesichts der monarchischen Kanzlerschaft von Angela Merkel mit der ebenso grundgesetzwidrigen wie demokratiefernen Grenzöffnung an der Spitze, angesichts der Ausgrenzungen einer demokratisch gewählten Partei und angesichts der Verrassifizierung und Vernazifizierung aller konservativ-kritischen Stimmen von Alexander Gauland über Tilo Sarrazin bis Dieter Nuhr diesem deutschen Staat den Charakter einer Demokratie zusprechen will, muss mindestens als fragwürdig gelten.

zwei getrennte Kassen?

Hinzu kommt, dass nahezu alle Zeitungen in Größenordnungen Leser verlieren. Das hat auch, aber nicht nur mit der Staatshörigkeit sowie Journalisten wie Relotius, Restle oder Reschke zu tun, sondern vor allem mit der Glaubwürdigkeitskrise eines Berufsstands, der weder seine Blase verlassen noch seinen volkpädagogisch-linken Impetus ablegen will. Subventionen fördern nicht die journalistische Unabhängigkeit, sondern führen zur Huldigung der Subventionierenden. Es ist ein Zeichen demokratischer Reife, wenn Leser aufwachen und sich dem gesteuerten Zugriff auf die eigene Urteilsfähigkeit entziehen. Und wenn sich ein Produkt nicht mehr verkauft, hat es am Markt nichts mehr verloren. Durch den niedrigen Mehrwert-Steuersatz werden die Zeitungen sowieso schon subventioniert.

Unbestritten ist auch, dass die SPD indirekt einer der Hauptnutznießer sein wird, denn diese Partei verfügt über ein wahres Medienimperium, das ihr eigener Sozialminister Hubertus Heil mit den Subventionen päppeln will. Die SPD ist über ihre 100-Prozent-Tochter Deutsche Druck- und Verlagsgesellschaft mbH (ddvg) mit Sitz in Berlin und Zweigniederlassung in Hamburg an diversen Verlagen und Medienkonzernen beteiligt. Zum Beispiel an der DDV Mediengruppe (u.a. Sächsische Zeitung) oder am Madsack-Konzern (u.a. Leipziger Volkszeitung). Dass die CDU damit die SPD-Parteipresse fördert, ist eine Anekdote am Rande.

Auszug aus dem ddvg-Geschäftsbericht. Quelle: https://www.epochtimes.de/politik/deutschland/spd-bilanz-217-millionen-euro-reinvermoegen-0-euro-aus-gewerblicher-taetigkeit-a2450524.html

Außerdem zahlt der Staat drauf, was er anderen Branchen verweigert: Höhere Mindestlöhne. Die Zeitungsausträger hatten bis zum 31. Dezember 2017 nur einen reduzierten Mindestlohn von zunächst 75 Prozent und später von 8,50 Euro bekommen, anstelle des damals zu zahlenden Lohns von mindestens 8,84 Euro. Tatsächlich hat die Mindestlohnregelung dazu geführt, dass viele Zeitungsverlage im ländlichen Raum ihren Vertrieb wegen der gestiegenen Kosten reduzieren mussten. Mit dem neuen Vorhaben werden also die Kosten des Mindestlohns sozialisiert – allerdings nur für Zeitungsverlage. Andere Branchen erhalten keine „Aufstockung“ aus der Staatskasse.

Die sollte übrigens noch viel höher ausfallen: die Verbände forderten, dass Verlage je nach Region idealerweise einen Betrag zwischen 5 und 7 Cent (gerundet) pro Anzeigenblattexemplar erhalten sollten. Dies würde hochgerechnet auf die Anzeigenblattbranche einen Betrag von 200 bis 300 Mio. bedeuten. „Bei den Zeitungen müssten dementsprechend 14 Cent pro Exemplar, in der Summe 400 Mio. Euro, für die Zielerreichung angesetzt werden“, hieß es. Der BDZV rechtfertigt seine dennoch erfolgreiche Lobbyarbeit in einer Mitteilung „Hier geht es vielmehr um die Unterstützung der Zustellung, also eines nachgelagerten, technischen Bereichs. Der BDZV wird die Staatsferne privatwirtschaftlich geführter Zeitungsunternehmen immer verteidigen.“

Dass selbst Anzeigenblätter, die zwischen Aldi-Anzeigen und Kaufland-Prospekten gelegentlich Pressemitteilungen abdrucken, auch zur Meinungsbildung beitrügen und dafür gefördert werden, zeigt die wahre Absicht, den Einstieg in eine Art staatliche Gebührenfinanzierung der Verlage zu vollziehen, die sich viele nach dem Vorbild von ARD und ZDF schon lange wünschen. Der Bundesverband der Anzeigenblätter lobt seine Produkte prompt als wichtigen „Treiber der Anerkennungskultur, die den regelmäßigen, freiwilligen Einsatz vieler Menschen in Deutschland würdigt.“ Da es ihnen mit ihrer „ausgeprägten Pushwirkung“ gelinge, „Termine und Veranstaltungen bekanntzumachen und noch nicht Engagierte zum Mitmachen zu inspirieren“, erzeugten sie „ein so genanntes Public Good“ und leisteten „einen wichtigen Beitrag zum gesellschaftlichen Zusammenhalt. Eine Infrastrukturförderung der Zustellung ist daher die Basis dafür, dass dieser wichtige Beitrag auch künftig geleistet werden kann.“ „Offensichtlich haben die Verleger zwei getrennte Kassen: Eine für den Gewinn und eine für die Vertriebskosten“, kommentiert Roland Tichy süffisant.

„Abschreckungstheorie“, „Weltverbesserungsleidenschaft“ oder „Zärtlichkeitsallüren“ – was sich wie der Jargon postmoderner Journalisten liest, die lange nicht mehr von Sprachpapst Wolf Schneider geohrfeigt wurden, sind eigentlich altertümliche Wortschöpfungen eines Mannes, der Hamlet-Übersetzer, Dichter, Biograf, Dramatiker, Reporter, Kritiker und Journalist zugleich war, Briefe und Tagebücher schrieb – und daneben als poetisch-realistischer Romancier par excellence in die deutsche Literaturgeschichte einging: Theodor Fontane. Am 30. Dezember feierte er seinen 200. Geburtstag.

Der Sohn eines hugenottischen Apothekers aus Neuruppin, der Teile seiner Kindheit in Polen verbrachte, besuchte das örtliche Friedrich-Wilhelms-Gymnasium, trat anschließend in die Gewerbeschule von Karl Friedrich Klöden in Berlin ein und hatte 1835 seine erste Begegnung mit seiner künftigen Frau Emilie Rouanet-Kummer. Im Jahr darauf brach er die Ausbildung an der Gewerbeschule ab, fing eine Ausbildung zum Apotheker an und veröffentlichte 1839 seine erste Novelle „Geschwisterliebe“. Nach dem Abschluss seiner Lehre begann Fontane als Apothekergehilfe in Burg bei Magdeburg und schrieb erste Gedichte.

Nach überstandenem Typhus arbeitete er als Apothekergehilfe in Leipzig, Dresden und schließlich in der Apotheke des Vaters in Letschin. Trotz des kurzen Aufenthalts wird Dresden eine bedeutende Rolle in seinem Leben spielen. Günter Grass‘ Anekdote aus „Ein weites Feld“, wonach der 23jährige mit einer 18jährigen Dresdner Gärtnerstochter angebändelt, eine Tochter mit ihr gezeugt, die Verbindung deshalb aufrechterhalten, 1849 eine zweite Tochter gehabt und erst mit seiner Heirat 1850 das Verhältnis beendet habe, ist zwar vorzüglich erfunden, hat aber mehr als einen wahren Kern.

Fontane mit 23, Gemälde von G.F. Kersting. Quelle: https://de.m.wikipedia.org/wiki/Datei:Georg_Friedrich_Kersting_Fontane_23_Jahe.jpg

nur um ihretwillen geschrieben

„Zum zweiten Male unglückseliger Vater eines illegitimen Sprösslings“, heißt es in einem lange unterdrückten Brief Fontanes vom 1. März 1849 an seinen Freund Bernhard von Lepel. „Meine Kinder fressen mir die Haare vom Kopf, eh die Welt weiß, dass ich überhaupt welche habe.“ Der Literaturhistoriker Bernd W. Seiler fand 1998 heraus, dass es sich bei der Mutter um Augusta Emilia Adelheid Freygang handelte, Tochter eines Dresdner Schankwirts, zweimal verheiratet und schon mit 36 Jahren zum zweiten Mal Witwe. Nach den Einträgen der Kreuzkirche bekam sie im Ganzen zehn Kinder, davon nachgewiesen fünf uneheliche von fünf verschiedenen Männern. „Denn die Zuneigung ist etwas Rätselvolles, die mit der Gutheißung dessen, was der andere tut, in keinem notwendigen Zusammenhang steht“, wird Fontane später sagen.

Nach dem ersten während seiner Apothekerzeit, übrigens eine Tochter, zeugte er das zweite Kind auf einem Osterausflug zu einem Dresdner Freund 1848. „Wozu gibt es auch zwei Feiertage?“ lässt er Botho in „Irrungen Wirrungen“ gegenüber Lene seufzen, „es wär uns beiden besser gewesen, der Ostermontag wäre diesmal ausgefallen“. In „Stine“ hat er seiner Liebschaft mit der Figur der Witwe Pauline Pittelkow, mit 30 Jahren verwitwet, von Männerbekanntschaften lebend und Mutter von zwei unehelichen Töchtern, ein Denkmal gesetzt. Nur so sei erklärbar, warum er sie so außerordentlich geschätzt hat, meint Seiler in der ZEIT: „Wieder und wieder betont er, dass sie, obwohl nur Nebenfigur, ihm die bei weitem wichtigste Gestalt des Romans sei, ja dass er diesen überhaupt nur um ihretwillen geschrieben habe.“

1844/45 leistete Fontane beim Kaiser Franz Garde-Grenadier-Regiment Nr. 2 seinen Militärdienst als Einjährig-Freiwilliger, ging an die Polnische Apotheke von Julius Schacht in Berlin und verlobte sich Ende 1845 mit Emilie. Zwei Jahre später erhielt er seine Approbation als „Apotheker erster Klasse“, kämpfte 1848 als Revolutionär auf der Straße, wurde als Wahlmann für die preußischen Landtagswahlen aufgestellt und publizierte radikale Texte in der Berliner Zeitungs-Halle. 1849 gibt er den Apothekerberuf zugunsten der Arbeit als Publizist auf, verfasst politische Texte in der Dresdner Zeitung und veröffentlicht sein erstes Buch „Männer und Helden: Acht Preußenlieder“.

Fontane, gereift, in seinem Arbeitszimmer. Quelle: https://www.stadtmuseum.de/objekte-und-geschichten/theodor-fontane-manuskripte

1850 heiratet Fontane seine Emilie, die ihm im Jahr darauf den ersten gemeinsamen Sohn George schenkt – das Paar wird neben einer Tochter insgesamt sechs Söhne bekommen, von denen drei kurz nach der Geburt sterben. Im Jahr darauf tritt er in die Redaktion der konservativ-pietistischen Neue Preußische Zeitung ein, für die er 1864 über den Deutsch-Dänischen Krieg berichtet und bis 1870 tätig ist. Parallel lässt er sich bei der „Centralstelle für Preßangelegenheiten und Reisen nach London“ anstellen und arbeitet 1855 – 1859 als deutsch-englischer Korrespondent in London. Nach einem Intermezzo als Theaterkritiker für die Vossische Zeitung reiste er zur Berichterstattung über den Deutsch-Französischen Krieg nach Paris, wurde unter falschem Verdacht als Spion verhaftet und erst nach einer Intervention Bismarcks wieder freigelassen.

1861 veröffentlichte Fontane das Buch „Grafschaft Ruppin“. Es erhielt als zweite Auflage bereits ein Jahr später den Obertitel „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“. Bis wenige Jahre vor seinem Tode überarbeitete Fontane diesen ersten Band, der insgesamt fünf Auflagen erlebte, änderte und ergänzte ihn und legte damit die Grundlage für sein späteres episches Schaffen. Nachdem er bis 1876 trotz kränklicher Konstitution mit seiner Frau diverse Reisen nach Österreich, Italien und in die Schweiz unternommen hatte, entschloss er sich, als freier Schriftsteller zu leben: „Ich fange erst an. Nichts liegt hinter mir, alles vor mir, ein Glück und ein Pech zugleich“, schreibt er seinem Verleger.

reale Vorbilder für Frauengestalten

Rasch findet er zu seinem eigenen auktorialen Erzählstil, den er nach Kleist oder E.T.A. Hoffmann zu weiterer Blüte führt: er gehört selbst nicht zur Geschichte, die er erzählt, sondern tritt deutlich als ihr Urheber und Vermittler in Erscheinung. Er ist also selbst nicht Teil der dargestellten Welt, sondern schildert sie „allwissend“ von außen, kann Zusammenhänge mit künftigen und vergangenen Ereignissen herstellen, diese kommentieren und Wertungen abgeben sowie Handlungen verschiedener Charaktere zur gleichen Zeit an unterschiedlichen Orten schildern – aus einer kritisch-liebevollen, oft auch ironischen Distanz, die manchmal durchaus in Gesellschaftskritik umschlägt.

Elisabeth von Plotho. Quelle: https://cdn1.spiegel.de/images/image-631175-galleryV9-phkk-631175.jpg

Wie schon im Falle Freygang/Pittelkow nutzte Fontane für seine bis heute beeindruckenden literarischen Frauengestalten reale Vorbilder. Die eigene Tochter Martha taucht als Corinna Schmidt im Roman „Frau Jenny Treibel“ auf, Margarete von Minden als „Grete Minde“ in der gleichnamigen Novelle, Karoline de La Roche-Aymon tritt als Gräfin Amelie von Pudagla im Roman „Vor dem Sturm“ und als Prinzessin Goldhaar im ersten Band der „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ auf. Und die wilde, dreifach geschiedene „Krautentochter“, die Fontane im Sonderband „Fünf Schlösser“ verewigt hat, orientiert sich am Leben der Charlotte von Arnstedt.

Am bekanntesten wurde Elisabeth Baronin von Ardenne, geborene von Plotho, deren Leben als Vorbild für „Effi Briest“ diente. Sie war die Großmutter des wohl berühmtesten DDR-Atomphysikers Manfred von Ardenne, der sich in den 1950er Jahren in Dresden niederließ. Anders als Effi, die seelisch gebrochen mit nur 30 Jahren stirbt, wurde Elisabeth 98 Jahre alt, erlernte den bürgerlichen Beruf einer Krankenpflegerin und agierte trotz ihrer Lebenskrise – auch ihr Mann erschoss ihren Liebhaber, ließ sich scheiden und erhielt das Sorgerecht für die Kinder – unabhängig und selbstbestimmt. Der erst drei Jahre vor Fontanes Tod erschienene Roman war so erfolgreich, dass er gleich im Erscheinungsjahr fünfmal aufgelegt wird. Der Stoff wurde allein in Deutschland Ost und West sechsmal verfilmt, darunter mit Angelica Domröse, Hanna Schygulla und Anna Maria Mühe in der Titelrolle.

Neben „Effi Briest“ (1895) zählen „Irrungen, Wirrungen“ (1888) und der erst posthum im Verlag seines Sohnes Friedrich erschienene „Stechlin“ (1899) zu Fontanes großen Romanen. Im ersten erzählt Fontane von der Liebe zwischen einem Baron und einer Schneidermamsell, die nach Jahren doch standesgemäß heiraten: „Die Sitte gilt und muss gelten, aber dass sie’s muss, ist mitunter hart“, lässt er Lene sagen. Die Handlung des zweiten beschreibt er selbstironisch so: „Zum Schluss stirbt ein Alter und zwei Junge heiraten sich; – das ist so ziemlich alles, was auf 500 Seiten geschieht.“ Damit bereitete er letztlich den Boden für Gesellschaftspanoramen wie Thomas Manns „Buddenbrooks“.

Schloss Ribbeck. Quelle: https://visity.de/fileadmin/processed/c/5/csm_schloss-ribbeck_70b8d4be8f.jpg

Daneben macht sich Fontane als Dichter von Balladen einen Namen, die auch oft reale Ereignisse bzw. Personen nachgestalten, darunter „John Maynard“ (1886) oder „Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland“ (1889). Das 1887 entstandene Novellenfragment „Oceane von Parceval“ ist sein Versuch, in der Adaption einer„Melusine“-Gestalt die Mischung aus den Gefühlen von Bedrohung und Faszination zu fassen, der sich eine männlich dominierte bürgerliche Gesellschaft angesichts der Verbindung von Weiblichkeit mit archaischer, erotisch freizügiger Natürlichkeit gegenübersah.

„eine versunkene Welt“

Als Fontane 1892 eine Gehirnischämie überlebte, riet ihm sein Arzt, sich mit seinen Kindheitserinnerungen gesund zu schreiben. 1893 schließt er das Manuskript von „Meine Kinderjahre“ ab, bekommt die Ehrendoktorwürde der Philosophischen Fakultät der Berliner Uni verliehen und erhält vom preußischen Kultusministerium eine lebenslange Ehrenpension. Kurz nach der Verlobung seiner Tochter Martha schläft Fontane am 20. September 1898 abends in seiner Berliner Wohnung friedlich ein und wird auf dem Friedhof der Französischen Reformierten Gemeinde an der Liesenstrasse beigesetzt.

Fontane mit Tochter Martha. Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Martha_Fontane#/media/Datei:Marthafontane.jpg

Sowohl die Theodor-Fontane-Gesellschaft als auch das Theodor-Fontane-Archiv sowie eine Theodor- Fontane-Arbeitsstelle widmen sich heute seinem Leben und Werk, darunter der Edition seiner 76 Notizbücher. Nach ihm sind mehrere deutsche Literaturpreise benannt. Anlässlich seines 150. Geburtstages 1969 gaben die Deutsche Post der DDR eine Briefmarke und die Deutsche Bundesbank eine 5-DM-Gedenkmünze heraus. Zu seinen Ehren erhielt die nur im Großen Stechlinsee vorkommende Stechlin-Maräne den wissenschaftlichen Namen Coregonus fontanae. Und Fontane diente als Namenspatron für die Sendung „Theodor – Das Magazin aus Brandenburg“, die der rbb bis 2017 produzierte. Zwei unvollendeten Essays unterstellte Antisemitismus-Vorwürfe lösten sich 2000 auf.

Das Land Brandenburg hat unter dem Motto „fontane.200“ seit dem Frühjahr eine große Eventkampagne mit Ausstellungen, Konzerten, Lesungen, 100 Kilometer-Wanderungen und gar einer eigenen Lego-Figur gefahren, um eine „neue Sicht“ auf den Klassiker aus dem bürgerlichen Zeitalter zu gewähren. Denn: „Der ganze, so überaus raffiniert ausgebreitete, dabei immer fein abschattierte und ironisch aufgeraute Anspielungshorizont seiner Werke bezieht sich auf eine versunkene Welt“, meint Tilman Krause in der Welt. „Wer nur in der Blase des Heute lebt, ohne historisches Bewusstsein und historische Kenntnisse, dem werden sich die unerhörten Reize dieser Bücher nicht erschließen.“

Fontane-Denkmal in Neuruppin. Quelle: https://cdn.mdr.de/kultur/theodor-fontane-denkmal-100-resimage_v-variantBig24x9_w-10
24.jpg?version=43886

In der Voradventswoche hatte das von der Bewegung „Fridays for Future“ initiierte Netzwerk #week4CLIMATE zu einer deutschlandweiten Aktionswoche aufgerufen, die am 29. November mit dem 4. Globalen Klimastreik endete. Allein in Dresden liefen 6.000 jugendliche Teilnehmer sinnigen Sprüchen hinterher wie „Blaukraut bleibt Blaukraut und Braunkohle bleibt Scheiße.“ Die TU Dresden, Exzellenz-Uni und aktiv im Kampf gegen alles Nicht-Linke, freute sich mitzuteilen, dass sie zur Aktionswoche einer „Public Climate School“, organisiert von Students for Future und der TU-Umweltinitiative tuuwi, Möglichkeiten für Workshops, Vorträge und Aktionen anbiete. Denn „für die TU Dresden steht es außer Frage, dass der Klimawandel mit seinen weitreichenden Konsequenzen für Mensch und Umwelt die größte gesellschaftliche Herausforderung unserer Zeit ist und künftig sein wird“, protzt sie auf der Seite ihrer Pressestelle. Das Angebot umfasste auch die kostenlose Nutzung eines Hörsaalfoyers sowie des zugehörigen Gebäudevorplatzes durch die Gruppe HSZfürsKlima.

Reicht nicht, befanden die Klimaschützer und verlangten für die gesamte Woche das Audimax im Hörsaalzentrum mit rund 1000 Plätzen. Geht nicht, begründete die Universitätsleitung mit Kurzfristigkeit und Raumnot ihre Absage: Dafür hätten sämtliche Vorlesungen im Audimax ausfallen müssen, da es keine Ausweichorte gibt. Egal, befanden die Klimaschützer und besetzten am Auftaktmontag das Audimax mit ca. 50 Personen trotzdem. Hausfriedensbruch, zetert die TU und holt die Polizei. Stunden später ziehen die Beamten ab und knickt die Universitätsleitung ein, indem sie bis auf weiteres auf die Durchsetzung des Hausrechts mit Polizeigewalt verzichtet: sie handele „im Interesse ihrer Studierenden und auch der zwischenzeitlich im Raum befindlichen Kinder, die anscheinend von der Besetzergruppe mitgebracht wurden“.

Dresdner Demo-Transparente nach eine SäZ-Bildergalerie. Collage: eigene Darstellung

Das ist kein Witz. Selbsternannte Klimaschützer erpressen sich durch eine Straftat eine befristete Duldung zur Durchsetzung ihrer Interessen, weil die TU eventuell unangenehme Bilder fürchtet. Dass sie damit wie selbstverständlich einen Rechtsbruch normalisiert und den Rechtsstaat ad absurdum führt, interessiert die Unileitung offenbar nicht, was ein bezeichnendes Licht auf ihr Rechtsverständnis wirft. Dieser Vorgang beschreibt nicht nur treffend das Dilemma Deutschlands seit der Grenzöffnung 2015, sondern beweist auch, das heute im Namen des Hehren, Guten und Schönen jede Minderheit einer Mehrheit im Namen der „richtigen Moral“ vorschreiben darf, was sie zu tun und zu lassen hat.

Denn mehrere Hundert Studenten wollten gern eine ungestörte Vorlesung besuchen – und mussten dann erleben, dass die paar Aktivisten nicht nur die Mikrofonnutzung ihres Dozenten unterbanden, sondern selbst für ihre Inhalte beanspruchten. Doch „ohne Mikrofon ist trotz aller Bemühung von Dozenten, den Audimax nur mit ihrer normalen Stimme zu füllen, kein gesicherter Vorlesungsbetrieb möglich und die Chancengleichheit der teilnehmenden Studierenden nicht gewährleistet“, begründete die Uni ihre Entscheidung: Die hinteren Reihen seien benachteiligt. Aber mit Mikrofon sei für alle Gruppen im Raum eine „chancengleiche Wissensvermittlung ebenfalls nicht möglich, da ein Stimmwirrwarr dem Lernerfolg nicht förderlich ist“, belehrt sie den staunenden Leser weiter. Damit hat die Gruppe wie ursprünglich geplant den verlangten „Ort des Austauschs und der Vernetzung“ zum Diskurs darüber erhalten, wie „eine selbstorganisierte Uni für alle mit dem Ziel der Klimagerechtigkeit“ zu schaffen ist.

„Klimakrise und Rechtsruck“

Der Vorgang ist ein Musterbeispiel pazifizierter Behörden, die einerseits Rechtstreue einfordern, aber andererseits weder willens noch imstande sind, sie selbst durchzusetzen. „Wir empfinden die Aktion der Besetzer als Vertreibung, als einen demokratiefeindlichen und unfriedlichen Akt und unsolidarisch gegenüber anderen Interessengruppen“, offenbart die Unileitung ihre Gefühle. Doch weil die Gruppe HSZfürsKlima mit ihrer Besetzung das klare Statement setzte, „dass sie ihre Aktion durchzieht, da sie nach eigenen Aussagen eine maximale Störung des Vorlesungsbetriebs erzielen möchte“, hat sich die TU Dresden „entschieden, auf Druck nicht mit Gegendruck zu reagieren.“

Hörsaalbesetzung. Quelle: https://www.tag24.de/nachrichten/hoersaal-in-dresden-lahmgelegt-klimastreik-erreicht-die-technische-universitaet-1299507

Mit anderen Worten: Der Klügere gibt nicht nur nach, sondern ist auch der ideelle Sieger, selbst wenn er der reelle Verlierer ist. Generös teilt die Uni mit, der Gruppe anderntags, „auch wenn das Rektorat dies ausdrücklich nicht billigt“, wieder Zutritt zu gewähren, „wenn sie sich friedlich verhält und keine Schäden verursacht werden. Eine Übernachtung in Gebäuden der Universität ist grundsätzlich nicht gestattet.“ Dass durch die Besetzung Lehrveranstaltungen in Größenordnungen ausfallen, ist lässlich. Statt dankbar zu sein, kostenlos studieren zu dürfen, nimmt eine kleine Revoluzzer-Truppe ihre Kommilitonen in Geiselhaft.

Pikant: in einem Schreiben hat TU-Rektor Hans Müller-Steinhagen tags zuvor dem Netzwerk mitgeteilt, dass er die Verhinderung von Lehrveranstaltungen für mehrere tausend Studierende „als Rektor, der auch für einen ordnungsgemäßen Lehrbetrieb an der TUD verantwortlich ist, nicht dulden“ könne und werde. Und wörtlich: „Auch lenken Sie durch Ihre offenbar mehr auf eine Besetzung um der Besetzung willen zielende Haltung und Aktivität von der Beschäftigung mit der eigentlichen Fragestellung, dem Klimaschutz, ab.“ Dann versucht Steinhagen tatsächlich seine Autorität in die Waagschale zu werfen: „Die Besetzung von Hörsälen und Seminarräumen und die dadurch verursachte Störung des Lehrbetriebs und damit der Kernaufgabe der Universität untersage ich hiermit ausdrücklich.“

Zugleich bittet er zu bedenken, „dass auch ein ziviler Ungehorsam die Rechte anderer wahren muss, nicht nur das Hausrecht, sondern auch die Rechte der anderen Studierenden, die an Lehrveranstaltungen teilnehmen wollen“, und verweist auf die Rechtslage: „Hausfriedensbruch ist eine Straftat und wer entsprechend verurteilt ist, ist vorbestraft.“ Abschließend appelliert er noch: „Miteinander. Nicht gegeneinander. Es ist Raum für alle Aktivitäten.“ Warum er sich bei der tatsächlich erfolgten Besetzung derart vorführen ließ und seine eigene Argumentation ad absurdum führte, versucht die AfD-Fraktion Sachsen gerade in Kleinen Anfragen herauszufinden – zumal die Behauptung, dass Kinder anwesend gewesen seien, offenbar nicht den Tatsachen entsprach: der Vorwurf des Vorwands, eine Unterwerfungsgeste zu bemänteln, steht im Raum.

TU-Rektor Müller-Steinhagen. Quelle: Von Paulae – Eigenes Werk, CC BY 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=11784509

Politisch aber offenbart die Aktion noch viel mehr: unwissenschaftliche Behauptungen dürfen an einer Einrichtung der Wissenschaftsproduktion zu einer tagelang praktizierten Gehirnwäsche unter unserer Leistungselite von morgen führen. Denn das im Internet publizierte Wochenprogramm der Gruppe offenbart nicht nur ein vulgärkommunistisches Ökonomieverständnis („Gemeinsame Ökonomie – GemÖk“) und ein fragwürdiges Demokratieverständnis („Wie können wir als Kleingruppe eine wirksame Aktion auf die Beine stellen – Beispiel: Hausbesetzung“), sondern vor allem einen bezeichnenden Blick in die ideologischen Abgründe linksverqueren Denkens. Nicht nur, dass Zusammenhänge wie „Klimakrise und Rechtsruck“ konstruiert oder mit „Grünem Syndikalismus“ anarchorevolutionäre Szenarien diskutiert werden – die „Aktivisten“ rufen allen Ernstes zu einem „Planspiel: wir organisieren die Stadt neu“ auf.

Dahinter steht die Fiktion, dass während einer „Revolution“ 2024 eine Regierung „‚zum Schutze der Republik‘ Giftgasanschläge auf Dresden“ ausführt, „einer der anarchistischen Hochburgen“. Geprobt werden soll, wie „aus einem der größeren Flüchtlingslager im Gebiet der AZS (Autonome Zone Sachsen)“ von „ersten mutigen Pionieren“ die menschenleere Stadt neu organisiert werden kann. Damit wird aus einem grünen Hirngespinst nun die erste Trockenübung. Das ist keine Öko-Dystopie mehr, sondern eine spinnerte Dummheit aus Köpfen, deren Hirne zu infantilen Sandkästen mutiert sind. Dass daneben auch noch ein Workshop über eine Selbstverpflichtungserklärung der Uni-Angehörigen abgehalten wird, auf dem Forderungen nach dem Ende des motorisierten Individualverkehrs oder einem Verbot tierischer Lebensmittel bei Konferenzen diskutiert und auf einem anderen „motivierte cis-Männer“ zur Beteiligung bei „Ende Gelände“-Aktionen geworben werden sollen, rundet das Bild ab.

„schlichtweg dumm“

Der Dresdner Ring Christlich-Demokratischer Studenten RCDS erboste sich noch am selben Abend: „Das Verhalten des Rektors ist kontraproduktiv und zerstört seine eigene Autorität als Hausherr. … Wir fordern den Rektor daher auf, das Audimax noch heute räumen zu lassen!“ Und legte tags darauf in einem deftigen Facebook-Post nach: „Unser Campus ist ein Ort für schlaue Köpfe, innovative Nachwuchshoffnungen und auch für leidenschaftliche Weltverbesserer. Leider seid ihr nichts von alledem. Anders als uns geht es euch nicht um echten Klimaschutz, um den fairen Wettstreit der Argumente und um konkrete Maßnahmen an unserer Uni. … Wer nur um des Protestierens willen protestiert, Lehrveranstaltungen stört, illegal Gebäude besetzt und Menschen mit anderen Meinungen bepöbelt, ist nicht besonders ‚engagiert‘, ‚tolerant‘ oder ‚offen‘. Er ist schlichtweg dumm.“

Bändesprechenderweise auf dem linksextremen Portal indymedia, versuchten das die Aktivisten natürlich zu kontern. Zunächst stellten sie studierwillige Studenten als Weicheier dar: „Als die Information die Runde machte, dass in dieser Woche wohl keine weiteren Vorlesungen im Audimax stattfinden würden, brachen einige Maschinenbau Studis tatsächlich in Tränen aus. Viel deutlicher kann mensch die eigene Unfreiheit kaum demonstrieren.“ Und entlarvten sich dann selbst: „Der wahre Skandal ist nicht, dass der Saal besetzt ist und die Vorlesungen ausfallen, der Skandal ist der enorme Leistungsdruck und dass das Bildungswesen der kapitalistischen Verwertungslogik unterworfen ist. Der Logik, die so sehr wie nichts anderes für Klimawandel steht. Was bringt dir die Vorlesung Konstruktionslogik I, wenn die Klimakatastrophe kommt?“

Ende der Besetzung. Quelle: https://www.saechsische.de/plus/dresdner-kritisieren-tu-besetzung-aktivisten-hoersaal-ende-gelaende-5145491.html

Es grenze an einen Witz, im Zusammenhang mit Universitäten im Jahr 2019 von Leistungsdruck angesichts von Fächern wie Gender Studies, Queer Studies und anderem Unfug zu schreiben, befindet der Blog sciencefiles und mutmaßt: „Der Kern des meisten Aktivismus ist der Versuch, sich ein Auskommen außerhalb des gesellschaftlichen Wettbewerbs zu verschaffen, konkurrenzlos und über Steuerzahler finanziert“. Unterzeichnet war der indymedia-Eintrag von „Prof. Dr. Antideutsch“ mit dem Slogan „Unter den Talaren – Muff von Patzelts Jahren“: Werner Patzelt, als „Pegida-Versteher“ verunglimpft, hatte jahrzehntelang einen Lehrstuhl für Politikwissenschaft in Dresden inne und schrieb federführend am CDU-Landtagswahlprogramm 2019 mit. Dass der Unterzeichner damit den Straftatbestand des Missbrauchs von Titeln und Bezeichnungen erfüllt, wurde bislang nirgends thematisiert.

450 Studenten hatten dann eine Petition an Müller-Steinhagen gestartet und darin gefordert, dass der „planmäßige Lehrbetrieb im HSZ störungsfrei aufrechterhalten“ wird. Erst am vierten Tag machte die TU Dresden von ihrem Hausrecht Gebrauch: Die Türen des Audimax blieben für die Aktivisten verschlossen, Polizisten trugen einzelne Personen hinaus, die das Gebäude nicht verlassen wollten. Als Grund für die Räumung gab die Universität auf Twitter an, die Aktivisten hätten den Hörsaal im Internet als Schlafplatz für unabsehbare Zeit angeboten. Das widerspreche allen Absprachen zwischen der Universitätsleitung und der Gruppe. Welche Aktivisten tatsächlich Dresdner Studenten waren, ist gegenwärtig noch unklar – inzwischen steht fest, dass zwei Personen mit Hausverbot aus Niedersachsen kamen.

Es ist jedoch nicht das erste Mal, dass der zu politischer Neutralität verpflichtete Müller-Steinhagen eine eigenwillige Interpretation von Recht und Gesetz an den Tag legt: er schämte sich öffentlich für den „Pegida“-Protest, sprach auf einer „Herz statt Hetze“-Kundgebung gemeinsam mit der Antifa und ließ gar linksradikale Gruppen in Räumen der Universität ein Blockade-Training für Demonstrationen üben. Während selbst SPD- und Grünen-Stadträte die Besetzung nicht für den geeigneten Weg halten, findet sie Anne Holowenko von den Linken gut: „Aus unserer Sicht ist die Besetzung eines der zentralen Räume der TU ein angemessenes Signal, um auf die Dringlichkeit der Klimafrage hinzuweisen“, sagte sie der Sächsischen Zeitung.

Was bleibt? Quelle: https://www.addn.me/news/hszfuersklima-die-hoersaalbesetzung-an-der-tu-dresden/

Der Dresdner Stadtrat übrigens wollte, wie durch 61 deutsche Kommunen bereits geschehen, im Dezember nach dem Nazi- nun auch einen Klimanotstand ausrufen. Aber sogar die Sächsische Zeitung musste zugeben, dass es sich damit um reine Symbolpolitik handeln würde: Klimanotstand ist kein Rechtsbegriff und gesetzlich mit keinen Konsequenzen verbunden. Es gehe nicht mehr um Wissensvermittlung geschweige denn Wissenschaft, „sondern nur noch um die Selbstreferentialität einer selbstgewissen Moral mit absolutem Wahrheits- und aktionistischem Durchsetzungsanspruch“, bilanziert der bildungspolitische Sprecher der AfD-Fraktion Sachsen, Rolf Weigand. Das sei verheerend und lasse für die Zukunft des Bildungs- und Wissenschaftsstandorts Sachsen das Schlimmste befürchten.

„Neger“, „Zigeuner“, jetzt „Mohr“ – in Bayern geht es „rassistischen Unworten“ verstärkt an den Kragen: Aktivisten wollen das Augsburger Hotel „Drei Mohren“ umtaufen – in „Drei Möhren.“ Trotz Schweigespirale beginnt jedoch selbst die öffentliche und veröffentlichte Meinung, wie Thomas Hartung in seiner aktuellen Kolumne referiert, unter dem Eindruck deutlicher Umfrage-Ergebnisse zu kippen: in Richtung eines unbefangenen Sprachgebrauchs und seiner Verteidigung oder Rückgewinnung.

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„Wenn die Welt heute nur noch zu zwei Fünfteln aus Schurken und zu drei Achteln aus Idioten besteht, so ist das zu einem guten Teil Voltaire zu verdanken“, notierte Egon Friedell in seiner „Kulturgeschichte der Neuzeit“. Wie kein zweiter verkörpert der Franzose die Epoche der Aufklärung: ihre Eleganz, ihren Erkenntnishunger, ihren republikanischen Mut und nicht zuletzt die enge Verbindung von naturwissenschaftlich-philosophischer Erkenntnis und dem praktischen Interesse an einer Förderung der menschlichen Wohlfahrt. Bis heute bezeichnen die Franzosen das 18. Jahrhundert voller Respekt als das „Zeitalter Voltaires“, ganz so wie sie die Epoche zuvor als das „Zeitalter Ludwig XIV.“ charakterisieren. Er war einer der wichtigsten Wegbereiter der Französischen Revolution.

Sollte man Voltaire, wenn er, wie Goethe meinte, tatsächlich alle Merkmale seiner Zeit in seiner Person vereinte, einen Vorwurf daraus machen, dass sich in seiner Biographie auch Schönheitsfehler finden? Der bürgerliche Schriftsteller, der mit gekrönten Häuptern korrespondierte, verkörperte nicht nur die Vernunftidee einer neuen und freieren Welt, sondern auch die Mängel und Irrtümer, Untugenden und Widersprüche der alten: Jener Welt des Rokoko, der er entstammte, in der er lebte und als Höfling Karriere machte. Und die er schließlich zu stürzen half, indem er die Figur des Intellektuellen entwarf, der sich im Namen universeller Werte mit den Mächtigen anlegt. Eine Mischung aus Hans Magnus Enzensberger und Arno Schmidt, erkennt Denis Scheck in der WELT.

Voltaire. Porträt von Nicolas de Largillière. Quelle: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/4/40/Atelier_de_Nicolas_de_Largilli%C3%A8re%2C_portrait_de_Voltaire%2C_d%C3%A9tail_%28mus%C3%A9e_Carnavalet%29_-001.jpg

Zwar ist er Philosoph, Dramatiker, Lyriker, Historiker, Skeptiker, dreimaliger Gefangener der Bastille, reichster Schriftsteller seiner Zeit und ungekröntes Haupt der europäischen Aufklärung. Er ist aber auch geldversessen, eitel, schnell verletzbar, intrigant. Kritiker haben ihm einen zweideutigen, sogar tückischen Charakter vorgeworfen. Er ist zugleich ein großer Vorkämpfer der Freiheit, riskiert Sätze, für die man nach geltendem Recht immer noch gefoltert, gerädert und verbrannt werden konnte. Er ist ein glänzender Stilist und ein hochgebildeter Gelehrter, im Privaten überdies ein ebenso treuer wie großzügiger Freund. Und durchdrungen von einem unbeugsamen Gerechtigkeitssinn.

„Latein und dummes Zeug“

Am 21. November 1694 wird er in Paris als Sohn des Notars Arouet geboren und François Marie getauft. Die Mutter, der er später zwei Liebhaber unterstellte, die seine Väter sein könnten, starb, als er sechs Jahre war. Schon auf dem Jesuitenkolleg, wo er mit den Kindern der ersten Adelsfamilien zusammen saß und „Latein und dummes Zeug“ (Voltaire) lernte, zeigte er lyrisches und dramatisches Talent und gewann mehrere Schulpreise. Dabei gilt er als schwächlich, später als Hypochonder mit zahllosen Fläschchen und Döschen mit Tinkturen und Pillen, die er oft wahllos konsumiert.

„Der Wunsch, berühmt zu sein, verzehrt dieses Kind“, erkannte bereits ein Jesuit. Auch sein Biograph Carl Busse bemerkte: „…man hat mit Recht gesagt, dass die schiefe Stellung, in die Voltaire sich früh begab, indem er sich aus Eitelkeit und Hang zum Wohlleben in sozial höhere Kreise drängte, seinen Charakter verdorben hat.“ 1711 ging er zur juristischen Hochschule Paris, verkehrte aber mehr in vornehmen Gesellschaften wie dem „Cercle du Temple“ und machte sich als Verfasser geistreicher, eleganter Verse einen Namen – sowie als Abstinenzler: Kaffee ist zeitlebens das Getränk seiner Wahl.

Eingang zur Juristischen Fkultät heute. Quelle: https://www.allemagne.campusfrance.org/sites/pays/files/allemagne/styles/mobile_visuel_principal_page/public/fac%20droit%20assas.jpeg?itok=Pf9q-nTS

1713 nötigte ihn sein zunehmend unzufriedener Vater, eine Stelle als Notariatsangestellter in Caen anzutreten. Als er auch hier mehr in schöngeistigen und freidenkerischen Kreisen verkehrte, zwang ihn der Vater als Sekretär nach Den Haag, wo er eine Affäre mit einer siebzehnjährigen Hugenottin begann. Auf Drängen ihrer entsetzten Mutter wurde der Neunzehnjährige zu seinem empörten Vater nach Paris zurückgeschickt, der ihm mit Enterbung und Deportation nach Amerika drohte.

Ab 1714 akzeptierte der Vater schließlich, dass sein Sohn zunehmend literarisch tätig ist und wie zuvor in intellektuellen Zirkeln verkehrte, wo er sich aufgrund seiner bissigen Texte erste Feinde macht. Adelige schätzten ihn als vielseitigen Lyriker und Autor witziger, häufig spöttischer Gedichte nur dann, wenn sie von seinem Spott nicht betroffen waren. Von den Betroffenen dagegen wurde er aus Paris verbannt und 1717 gar ein knappes Jahr in der Bastille inhaftiert. Hier stellte er seine erste Tragödie „Œdipe“ fertig und begann er unter dem Titel „La Ligue“ ein Nationalepos über die Hugenottenkriege und ihre Beendigung durch Heinrich IV., das ihm später den Ruf als größten französischen Epiker seiner Zeit bescherte.

Nach seiner Entlassung trat er 1718 unter dem neuen Namen „Voltaire“ auf, ein unsauberes Anagramm aus „Arouet le jeune“ („Arout der Jüngere“), und begann nicht nur wieder in literarischen Salons zu verkehren, sondern auch in den Landschlössern des Hochadels rund um Paris. Weitere Stücke entstehen. Durch das Erbe seines Vaters und eine Pension des Regenten Philipp war er 1722 finanziell gut gestellt, besuchte die Niederlande und begann ein Verhältnis mit einer adeligen Richtersgattin. 1723 machte er erstmals mit der Zensur Bekanntschaft, als ihm die Druckerlaubnis für „La Ligue“ verweigert wurde. 1725 wurde er Theatermanager für Ludwig XV.

Ludwig XV. Quelle: https://www.akg-images.de/Docs/AKG/Media/TR3_WATERMARKED/0/0/3/8/AKG326261.jpg

1726 hatte er ein offenbar traumatisierendes Erlebnis mit dem Chevalier de Rohan Chabot, der ihn nach einer bissigen Antwort durch Lakaien verprügeln ließ, dem Unebenbürtigen trotz seines eigens genommenen Fechtunterrichts nachher jede Genugtuung verweigerte und dafür sorgte, dass er erneut in die Bastille gesperrt und dann nach England ins Exil abgeschoben wurde. Er lernte Englisch, begeisterte sich an der intellektuellen und wirtschaftlichen Aufbruchstimmung vor der industriellen Revolution sowie am parlamentarischen System, dichtete und kehrte 1728 nach Frankreich zurück.

„komplett weißes Buch“

Hier gelang ihm mit einem Bekannten der Coup seines Lebens: Durch den Aufkauf aller Lose der Pariser Lotterie machte er einen Reingewinn von 500.000 livres und konnte fortan sorgenfrei leben. Nach erneuten literarischen Querelen zog sich Voltaire 1733 auf das Schloss des Ehemanns seiner neuen Geliebten Émilie du Châtelet zurück, von dem aus er zehn Jahre lang ein unstetes Wanderleben mit einigen Auslandsreisen führen sollte, darunter erstmals nach Preußen. In diesem Jahrzehnt entstehen viele erfolgreiche Stücke, darunter die historische Tragödie „Mérope“. Nach der Erstaufführung wurde der anwesende Voltaire vom Publikum vor den Vorhang gerufen, ein Novum in der französischen Theatergeschichte. Mit 29 Aufführungen in Folge überstiegen ihre Einnahmen die aller vorherigen Aufführungen seiner Stücke.

1745 wurde er zum Landeschronisten sowie zum Königlichen Kammerherrn ernannt, im Jahr darauf zum Mitglied der Académie française gewählt. Nach dem Tod seiner Geliebten, ein wiederum traumatisierendes Ereignis, ging er 1750 als Kammerherr zu Friedrich dem Großen nach Sanssouci, mit dem er schon seit 1736 korrespondiert – und bei dem er nach dummen Finanzgeschäften in Ungnade fällt. 1751 konnte er in Berlin dennoch sein „Siècle de Louis XIV.“ herausbringen, eine Darstellung der französischen Geschichte des 17. Jahrhunderts. Darin wies er der Kulturgeschichte eine zentrale Rolle zu und setzte so der Geschichtsschreibung neue Maßstäbe. Vier Jahre später wird er mit dem „Versuch über die Sitten und den Geist der Nationen“ zum Begründer der Universalgeschichte.

Micromégas. Ausgabe von 1923. Quelle: https://www.ebay.fr/itm/VOLTAIRE-VOX-Maximilien-MICROMEGAS-1923-/311020856745

1752 erscheint die philosophische Erzählung „Micromégas“, die manche als Ursprung der Gattung Science Fiction ansehen. Die Erzählung beschreibt den Besuch eines 24 Meilen großen Wesens vom Stern Sirius und seines Begleiters, das sich zu einem pazifistischen Manifest weitet. Am Ende verspricht Micromégas den Menschen, ein Philosophiebuch für sie zu schreiben, das in der Akademie der Wissenschaften geöffnet wird und sich als komplett weißes Buch entpuppt.

Obwohl sich Voltaires Familienverständnis in dieser Zeit durch familiäre Schicksalsschläge und das katastrophale Erdbeben von Lissabon 1755 wandelte, blieb er zunächst ein unsteter Reisender, der sich an Diderots „Encyclopédie“ beteiligte und den heute als sein bestes Werk geltenden philosophischen Kurzroman „Candide“ unter anderem auf Schloss Schwetzingen schrieb.

Der Protagonist – sein Name bedeutet „der Reine“ oder „der Treuherzige“ – prüft als Weltreisender die Lehre seines Meisters Pangloss, dass die Welt gut und alles Geschehen unausweichlich zum besten Ende bestimmt ist. Doch er lernt Machtgier, Grausamkeit, Feigheit und Undank kennen, die Rohheit der Menschen im Urzustand, die Galeerenstrafe, die Profitgier und Mordlust der Goldsucher in Amerika, er muss Krankheit und Schiffbruch erdulden und fällt Piraten in die Hände, kurz, er erleidet auf seinen Irrfahrten durch die Welt so viel Missgeschick, dass sein fester Glaube an die gut eingerichtete Welt ins Wanken gerät.

Eins von Voltaires Gütern. Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Voltaire#/media/Datei:Institut_Musee_Voltaire_Geneve.JPG

1758/59 kaufte Voltaire nahe Genf zwei Landgüter, die er bis zu seinem Tod erfolgreich sowie zum Vorteil seiner Pächter und Landarbeiter bewirtschaftete, für die er im Winter einträgliche Heimarbeit organisierte und ihnen als Wohltäter galt. Endlich sesshaft, erreichte sein Schaffen den Zenit und äußerte sich unter anderem  in seinem „Philosophischen Wörterbuch“ 1764, einer „messerscharfen Anleitung zum Selberdenken in 118 Stichworten“, meint Scheck. Erstaunlich hellsichtig erkennt Voltaire, dass alle Kriege früher oder später mit der Unterwerfung des Volkes enden, „weil die Mächtigen das Geld haben und das Geld in einem Staate alles entscheidet. Ich sage in einem Staate, denn im Verhältnis zwischen den einzelnen Nationen ist es nicht so. Die Nation, die den besten Gebrauch von Eisen macht, wird eine andere, die mehr Gold und weniger Mut hat, stets unterjochen.“

„das abscheulichste Volk der Erde“

Im Februar 1778 reiste Voltaire nach Paris, um der Uraufführung seines neuen Stücks „Irène“ beizuwohnen, wurde triumphal empfangen und konnte sich der Ehrungen und Einladungen kaum erwehren. Wenige Tage später starb er im Alter von 83 Jahren. Nur durch eine List seines Neffen erfuhr er ein kirchliches Begräbnis. 1791 wurden seine Gebeine ins Panthéon überführt, aber im Mai 1814 heimlich daraus entfernt; sie sind verschollen. Erst nach seinem Tod wurde nach und nach seine umfängliche Korrespondenz von 22.000 Briefen publiziert. Zu seinen Briefpartnern zählte auch die russische Zarin Katharina II., die nach seinem Tod seine Bibliothek erwarb, die sich heute in der Russischen Nationalbibliothek in Sankt Petersburg befindet.

Die Tafelrunde Friedrichs II. in Sanssouci mit Friedrich II., Voltaire und Casanova. Ölgemälde von Adolph von Menzel. Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Voltaire#/media/Datei:Adolph-von-Menzel-Tafelrunde2.jpg

In einem Brief erkannte Voltaire: „Die letzten Ursachen werden wir erst erkennen, wenn wir Götter sind“. Seine Wirkung war immens. Er kämpfte für die Gleichheit aller Bürger vor dem Gesetz, nicht aber für die Gleichheit von Status und Besitz: Arme und Reiche würde es immer geben. Als Staatsform favorisierte er die Monarchie, an deren Spitze er sich einen „guten König“ wie Friedrich II. wünschte. Er beteiligte sich am Sklavenhandel, schrieb aber auch dagegen an, war Kirchenkritiker und bezeichnete die Juden als „das abscheulichste Volk der Erde“. Er hinterließ mit weit über 700 Büchern, deren Urheberschaft er je nach Kalkül auch kurzfristig bis dauerhaft verleugnete, eins der umfangreichsten und umfassendsten Werke der Literatur- und Geistesgeschichte unseres Planeten.

Ein erster Biograph brauchte zu Lebzeiten des „anstrengendsten Narren, den es je gab“, schon 544, ein zweiter nach dem Tod desselben bereits 717 Seiten: Horst Janssen. Eine Legende nicht zuletzt, weil er die bürgerliche Vorstellung vom Künstler als Bohemien perfekt verkörperte – als Egomane und Provokateur, als Lebemann, Trinker und Exzentriker, der Sätze wie „Meine Hölle bin ich selber“ nicht nur sagte, sondern lebte. Der Zeichner, Grafiker, Autor, Plakatkünstler, Illustrator und Fotograf feierte am 14. November seinen 90. Geburtstag.

Der Venediger Biennale-Preisträger von 1968, dem in Oldenburg ein eigenes Museum gewidmet ist, gilt als einer der herausragendsten und produktivsten Zeichner und Grafiker des 20. Jahrhunderts, ja als Genie, „das einzige, das der Hansestadt Hamburg seit 1945 beschert worden war“, wie Rudolf Augstein im Spiegel befindet. Er stand sich aber häufig auch selbst im Wege, war unberechenbar, oft betrunken, euphorisch, aufbrausend, sogar brutal und brüskiert Menschen wie etwa den Baron Rothschild, dessen Auftrag zu einem Weinetikett er annimmt – um dann unter eingeladenen Zeugen bei einem verabredeten Telefongespräch mit Rothschild den Telefonhörer einfach nicht abzunehmen.

Schon die Zahl der Anekdoten über ihn ist Legion. Nach Erhalt des Darmstädter Kunstpreises, seiner ersten Ehrung, fährt Janssen so lange mit dem Taxi um die Außenalster, bis die Summe verbraucht ist: 5000 DM. Nach einem Autounfall verblüfft er die Polizei durch seine Fertigkeit, Splitter der Windschutzscheibe zu zerkauen. Er ist imstande, wenn er Geld verloren hat, seine Frau zu beschuldigen, sie habe die Taschen seines Anzugs nicht tief genug genäht. Und wenn er von einer Geliebten heimkehrt, kann es passieren, dass er die Zahnprothese dort vergessen hat. Am nächsten Morgen hängt das Ding, mit schönen Grüßen, an der Wohnungstür.

Der gealterte Künstler. Quelle: https://www.ndr.de/kultur/janssen128_v-contentgross.jpg

Manche meinen, diese Art rabaukische Existenz hinge mit seinen Kindheitsbeschädigungen zusammen. Geboren als nichtehelicher Sohn einer Schneiderin in Wandsbek, wächst er in Oldenburg bei seinen Großeltern auf – seinen Vater, einen schwäbischen Handelsreisenden, lernt er nie kennen. Sowohl der Großvater, der ihn an Kindes statt annahm, als auch die Mutter starben früh an Tuberkulose. In der Zeit erklärt Anna von Münchhausen: „Er zählt zu jenen armen Kerlen, die früh Zuwendung vermisst haben und dann ein Leben lang von jedem auf den Schoß genommen werden wollen.“ Zeitlebens bleibt er sozial unterentwickelt: verantwortungslos, unsicher, verängstigt, endlos verspielt, theatralisch, dabei auch wach und einfühlsam. Ein Egozentriker, ein klassischer Borderliner, der früh schon seine inneren Ängste mit Alkohol zu dämpfen versucht oder durch Aggressionen auslebt.

„ein hypersensibler, blitzschnell denkender Intellektueller“

1942 wurde er Schüler der Nationalpolitischen Erziehungsanstalt (Napola) in Haselünne, wo er durch einen abgestürzten und verbrannten Britenpiloten auf dem Kartoffelacker ein Trauma erlitt, das er in der Metapher des „Feuerreiters“ zeitlebens zu verarbeiten suchte. 1944 adoptierte ihn Anna Janssen, die jüngere Schwester seiner Mutter, die in Hamburg dann sein Kunststudium finanzierte und der er unter dem Kosenamen „Tantchen“ sprachlich und bildkünstlerisch immer wieder ein Denkmal setzte. Aber ambivalent bis zum Tod wird auch sein Verhältnis zu ihr bleiben: An ihr Krankenhausbett gerufen, hat er sich mit vier Flachmännern versorgt, und während die Sterbende seine rechte Hand umklammert, beschreibt er im ersten Band seiner Autobiographie  seine Gedanken: „Was mach ich bloß, wenn mein Tantchen noch nicht tot, mein Schnaps aber alle ist?“

„Als Melodie seiner Existenz kann gelten: von Geburt an zu wenig geliebt, in seinen ersten Jahren zu wenig beachtet und auch später viel zu oft nicht ernst genommen. Sein nicht zuletzt daraus resultierendes Ziel war es, als ‚epochale Ausnahme‘ unsterblich zu werden; nicht mehr, aber auch nicht weniger. Bescheidenheit war sicher nicht seine größte Tugend“, fasst sein Freund Manfred Bissinger in der Zeit seinen Charakter zusammen. Verbote reizten ihn nur dazu, sie zu übertreten, und das bürgerliche Streben nach Sicherheit verachtete er zutiefst. Er war „ein hypersensibler, blitzschnell denkender Intellektueller, der, hätte er nicht so früh zu seinen malerischen Höhenflügen angesetzt, vielleicht auch als Autor oder Uni-Professor die Karriereleiter hochgeklettert wäre“, so Bissinger.

Horst Janssen zeichnend (1968). Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Horst_Janssen#/media/Datei:HorstJanssen_cropped.jpg

Auf der Landeskunstschule am Lerchenfeld blüht er als Meisterschüler Alfred Mahlaus auf. In der Erinnerung einer Kommilitonin gewährte Mahlau seinem Ausnahmestudenten jegliche Freiheit und akzeptierte, dass Janssen nicht „werden“, sondern gleich „sein“ wollte. Sein Mitstudent war Vicco von Bülow alias Loriot, mit dem er gar nicht klarkam und den er in seiner distinguierten Haltung mit einem Hund von edler Rasse vergleicht, einer „Art Society-Züchtung, die zu fast nix taugt als eben dazusitzen“. 1947 wird in der Zeit eine erste Zeichnung publiziert, im Jahr darauf erscheint das Kasperle-Buch „Seid ihr alle da?“. Doch Direktor Gustav Hasenpflug, der ihn partout nicht leiden konnte, relegierte ihn 1951 ohne akademischen Abschluss. Auch das traf den „genial Überbegabten“ (Wolfgang Hildesheimer) tief, der von den ersten Strichen an hochaffektiv auf alles Zeitgenössische reagierte und für Kunst und Künstler um ihn herum nur Hohn und Spott parat hatte.

Rettung verspricht jetzt und immer wieder die Liebe, der Beziehung mit einer verheirateten Frau entspringt 1950 der erste Sohn. Drei Jahre später sitzt er wegen Mordverdachts aus Eifersucht in Untersuchungshaft und wird schließlich wegen Trunkenheit zu einer Bewährungsstrafe verurteilt. 1955 heiratet er Marie Knauer, mit der er ein Jahr später Tochter Lamme bekommt, die er erst als erwachsene Frau kennenlernen und die bis zu seinem Tod bei ihm bleiben wird. Nach der Scheidung 1959 heiratet er im selben Jahr Birgit Sandner, die Ehe hält nur wenige Wochen. 1960 versucht er es noch einmal mit Verena von Bethmann Hollweg, Enkelin des ehemaligen Reichskanzlers, dem einzigen, nach dem keine Straße benannt wurde. Ein Jahr später erblickt sein Sohn Philip das Licht der Welt. 1968 wird jedoch auch diese Ehe geschieden. Seine aufreibende Lebensführung hat Janssen nie an der Produktion gehindert, sondern ihn vielmehr beflügelt: Lüste wie Depressionen gingen ins Werk ein.

„Zeichnerei und Geschlecht untrennbar verzwirnt“

Im roten Faden, der sich durch Janssens Leben zieht, sind „meine Zeichnerei und das Geschlecht untrennbar verzwirnt“. Seine Affären sind kaum zu zählen, wobei die Beziehung zu Gesche Tietje heraussticht, die ihm 1973 einen weiteren Sohn, Adam, zur Welt bringt. Er sei „stinknormal und kein wahnwitzig grotesker Liebhaber“ gewesen, sagt sie, und seine oft pornografischen Frauenbilder seien „kraft seiner Fantasie und seiner ungeheuren knäbischen Einbildungskraft“ entstanden. Janssen kann nicht allein und muss immer Mittelpunkt sein, ohne Rücksicht auf Tabus. So bricht er mit Vorliebe in Ehen ein, macht Freunden und Vaterfiguren die Frau abspenstig, darunter Direktor Hasenpflug. Er ist grenzenlos, wenn er um eine neue Frau wirbt – Geschenke, Huldigungen, Einladungen, Anrufe, Heiratsanträge. Er hungert sich 20 Kilo herunter, um attraktiver zu wirken, entsagt sogar dem Alkohol (für eine Weile). Ihm ist es egal, ob er Ehen zerrüttet. Sowohl seine Beziehungen als auch seine Kinder schlugen sich in einer Vielzahl unterschiedlicher Porträts nieder.

„Hexenlust“. Quelle: http://www.galerie-keim.de/janssen/janssen_horst_hexenlust_42_g.jpg

Mit 23 Jahren erhält Janssen ein Lichtwark-Stipendium der Hansestadt Hamburg. Es folgen erste berufliche Erfolge und weitere Stipendien. So erhält er Aufträge des Aschaffenburger Buntpapierfabrikanten Guido Dessauer, in dessen Werkstatt er die Technik der Lithografie beherrschen lernte. Bei Paul Wunderlich übte er die Technik der Radierung. Spätestens seit Mitte der fünfziger Jahre ist Janssen in Hamburg als vielseitiger Grafiker etabliert. 1956 stellt er Farbholzschnitte in seiner Wohnung aus, später nutzt er die Treppe seines Wohnhauses als Verkaufsgalerie. An der Decke seines Arbeitszimmers höhnte er in Großbuchstaben: „Ich liebe Euch nicht – ich kaufe Euch“. Lob war für ihn so wichtig wie hochprozentiger Alkohol. Wenn vier oder fünf Gäste versammelt waren, zeigte Janssen gerne vor, was er in den stillen Morgenstunden geschaffen hatte. Er genoss die anerkennenden Worte, und manches Blatt verließ das Haus mit der Widmung: „Einem, der es just lobte“.

1965 findet seine erste öffentliche Ausstellung statt – als Werkschau der Kestner-Gesellschaft in Hannover, die dann in sieben weitere Städte wanderte: Als „der größte Zeichner außer Picasso“ würdigte ihn Wieland Schmied, Direktor der Gesellschaft. 1966 wird er an der Hamburger Hochschule für Bildende Künste Honorarprofessor. In den 70er-Jahren entdeckt der Lebemann, der seinen Ruf als Frauenheld, Rauf- und Saufbold nicht mehr loswird, die Landschaft. Hatte er zuvor überwiegend Karikaturen, Porträts und Blumen gezeichnet, widmet er sich nun zunehmend dem Zeichnen und Radieren der Natur. Die Stadt Mannheim verleiht ihm 1975 den Schillerpreis, im selben Jahr ist er auf der Documenta 6 vertreten.

Erst Anfang der 80er-Jahre gelingt dem Künstler der internationale Durchbruch. Ausstellungen seiner Kunstwerke finden in Wien, Tokio, Oslo und Paris, Nowosibirsk und Moskau statt. Große amerikanische Museen zeigen eine Wanderausstellung seiner Werke. Er fabriziert allein 30.000 sogenannte „Malbriefe“ und widmet sich zeitgleich mehr und mehr der Schriftstellerei. 1987 erscheint der erste Band seiner Autobiografie „Hinkepott“, zwei Jahre später der zweite Band „Johannes“, ein fiktiver Briefwechsel mit dem Journalisten Johannes Groß. Am 19. Mai 1990 stürzte er mit dem Balkon seines Hauses aus 3,40 m Höhe in die Tiefe, mitsamt den Gefäßen, in denen er die für seine Radierungen benötigten Säuren verwahrte. Die Folge: Nicht nur Schädelplatzwunde, Schienbeinfraktur und doppelter Beckenbruch, sondern beiderseitige „Hornhautverätzung“.

Horst-Janssen-Museum in Oldenburg. Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Horst_Janssen#/media/Datei:JanssenMuseumOldenburg.jpg

Er berappelt sich zwar wieder, doch trotz weiterer Ausstellungserfolge etwa in Dresden, Tokio und Oslo geht es körperlich bergab mit ihm. Von einem Facharzt lässt Janssen sich laut Biograph Stefan Blessin sagen, er sei „einer der tückischsten Alkoholiker“, ein medizinischer Sonderfall übrigens, weil er sogar in Entzugsperioden „zirkelgenaue Kreise aus freier Hand übers Papier“ zieht.  1992 wird er Ehrenbürger seiner Kindheitsstadt Oldenburg, die 1995 eine große Werkschau seines Könnens zeigt. Im selben Jahr erleidet er einen Schlaganfall und stirbt am 31. August.

„verlorene, leere Energie, die sich da verausgabt hat“

Dieses „gummistiefeltretende Urviech“, das mit den Jahren das Aussehen einer „in ihrem Fett blühenden Uraltpuffmutter“ angenommen hat (Blessin), habe in den letzten Jahren seine Tage nur noch mit Champagner und Austern begonnen. Wenn er den ausgetrunken hatte, stieg er um auf guten Weißwein, so Bissinger, für dessen Nachschub die Blankeneser Taxifahrer sorgten: „Janssen telefonierte, nannte seine Wünsche und lehnte die Tür an. Die Fahrer kamen die Treppe hoch, traten ein, ‚moin, moin‘, und holten sich aus dem rechts in der Ecke platzierten Sekretär aus den oberen beiden Schubladen Geld. Dann fuhren sie los und durften nach Rückkehr noch ein weiteres Mal zugreifen. Im oberen Fach lagen die Scheine ab 50 Mark, in dem unteren das ‚Gemüse‘, wie Horst das ‚Kleingeld‘ nannte. Es ist nicht bekannt, dass jemand das Privileg, den Sekretär ohne jede Kontrolle zu nutzen, missbraucht hätte. Keine Überraschung demnach, dass sich zu Janssens Beerdigung in Oldenburg im September 1995 auch ein unübersehbarer Treck von Blankeneser Taxen in Bewegung setzte.“

Viel hat die Kritik über Janssen gestritten. Bewundert werden seine altmeisterliche Beherrschung des Zeichnerischen, die technisch perfekten Radierungen; verachtet wird sein hartnäckiges Festhalten am Gegenständlichen, Figürlichen. Bis zum Ende seiner Laufbahn nimmt Janssen eine ästhetische Haltung ein, die er jenseits aller Ideologien und „-ismen“ auf den Aphorismus zuspitzt: „Baum-Anschauung statt Weltanschauung.“ Ihm habe, schreibt Albrecht, „der Geruch des Dekorativen“ angehaftet – damals ein Todesurteil. Es schadete ihm nicht. Zeichnen, so legte es sich Janssen zurecht, sei seine Art der Welt-Verdauung – wohin aber mit Unverdaulichem? Das kommt, wenn sich periodisch der „Schließmuskel der Seele“ öffnet, in den gefürchteten Wutausbrüchen des Künstlers zutage: „Holt schnell meine Feinde, wenn meine Seele zu Topfe eilt“, heißt es im „Hinkepott“.

Stock des Farbholzschnitts „Der Kaiser“ als Beton-Stele, U-Bahn-Eingang Farmsen, Hamburg 1960. Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Horst_Janssen#/media/Datei:U-Farmsen.Relief.Janssen.west.wmt.JPG

Sein Werk habe sich in seiner realistischen, zuweilen surreal versponnenen Art völlig desinteressiert an den aktuell verhandelten Kunstthemen gezeigt, meint Hans-Joachim Müller in der Welt: „Vor den rasch aufeinanderfolgenden Moden und saisonalen Kunstbehauptungen musste er wie aus der Zeit gefallen wirken: er, der in Erotikbagatellen à la Schiele brillierte, der im Dürer-Stil allerhand Kuriosa des Alltags aufs Papier brachte, der im Tübke-Manierismus karnevaleske Totentänze aufführte, mit ironischer Hingabe tote Fische zeichnete und sich selber unermüdlicher Gegenstand der zeichnerischen Betrachtung gewesen ist.“ Der auf Bürgerschreck eingewöhnte ausfällige Zweizentnermann, der sich gern in Schlosserdrillich und Gummistiefel mit Pudelmütze kleidete, gilt als Bindeglied zwischen klassischer Moderne und Gegenwartskunst, ist aber heute, fünfzwanzig Jahre nach seinem Tod, ein nahezu Unbekannter, der Ruhm verweht, der Gefeierte fast vergessen. Der Szene und der Kunsthistorie gilt er nichts.

„Wenn man das riesenhafte Werk überblickt, dann begegnet man Blatt für Blatt einer stupenden Begabung. Aber man könnte nicht wirklich sagen, wofür sie eingesetzt ist, wem sie dient“, bilanziert Müller. „Eine Haltung zur Welt, ein Reflex auf Zeit und Geschichte, ist diesem Zeichnen nicht zu entnehmen. Es herrscht auf der langen Strecke ein vergnüglicher Plauderton, dem da und dort eine Groteske, ein Witz gerät, der im nächsten Blatt schon wieder kassiert wird. Er fließt einfach dahin, der Janssen-Strich, unaufhaltsam, und ganz wird man das Gefühl nie los, dass es aufs Ende gesehen doch verlorene, leere Energie ist, die sich da verausgabt hat.“ Es bleibt ein „vielschichtiges, hochsensibles Wesen“, trauert Augstein, ein „großartiger Kerl, ein Monstrum, ein Mann“, mit einer „protzenden Selbstgefälligkeit, die ebenso wahr wie unecht daherkam“ und der alles Gesellschaftliche, alles Soziale um ihn herum für kunstfeindlich hielt. „Ob man sich in Jahrhunderten noch mit ihm befassen wird, mögen die Jahrhunderte unter sich ausmachen.“

Es dürfte nicht vielen Menschen gelungen sein, den Papst und Adolf Hitler gleichermaßen gegen sich aufzubringen – Hedy Lamarr gehört dazu. Mit 18 Jahren entstieg sie im Jugenddrama „Ekstase“ splitternackt einem See und wurde wegen der sieben Sekunden langen Sequenz über Nacht zur Skandalfigur. Zehn Jahre später wird der Schauspielerin das Frequenzsprung- (auch Bandspreiz-) verfahren patentiert, das eine störungssichere Funkfernsteuerung für Torpedos ermöglichte. Die ebenso vielseitige wie skandalträchtige Frau feierte nun ihren 105. Geburtstag.

Geboren wurde Hedwig „Hedy“ Eva Maria Kiesler am 9. November 1914 in Wien als Sohn eines Bankdirektors und einer Konzertpianistin. Beide Eltern waren Juden. Mit sechs Jahren soll sie ihre automatische Spieldose zerlegt haben, um die Mechanik zu verstehen. Sie besuchte eine Privatschule, erhielt Klavier-, Ballett- sowie Sprachunterricht und trainierte beim Wiener Ruderverein Austria. Schon 1930 schleicht sie sich heimlich von der Schule, um bei einer Filmfirma zu arbeiten, und spielte, nachdem sie die Schule abgebrochen hatte, erstmals eine kleine Rolle im Film „Geld auf der Straße“. Von Max Reinhardt entdeckt und ausgebildet, hat sie bereits in ihrem dritten Streifen „Man braucht kein Geld“ mit Heinz Rühmann und Hans Moser eine Hauptrolle.

Die inkriminierte Szene. Quelle: https://www.akg-images.com/Docs/AKG/Media/TR5/c/4/b/2/AKG449859.jpg

Am 20. Januar 1933 feierte in Prag das Ehedrama „Ekstase“ (in Deutschland „Symphonie der Liebe“) Premiere: ein tschechoslowakisch-österreichischer Spielfilm von Gustav Machatý, der nicht nur die Zensurbehörden auf den Plan rief, sondern Hedy Kiesler auch die Tore zu Hollywood öffnete. Der Film erregte großes Aufsehen ob der ersten Nacktszene der Filmgeschichte sowie einer Liebesszene, die Kieslers Gesicht beim Orgasmus in Nahaufnahme zeigt. Erst nach Kürzungen und zwei Jahre später wurde der Film unter Tumulten in wenigen deutschen Kinos gezeigt, versehen mit der Warnung: „Dieser Film ist jugendverderbend“. In den USA bleibt er lange verboten.

Stilikone und Sexsymbol

Kiesler heiratete im Sommer 1933 den 14 Jahre älteren „Patronenkönig“ Fritz Mandl, einer der größten Waffenproduzenten Europas, der auch Geschäfte mit Hitler und Mussolini machte. Der extrem herrsch- und eifersüchtige Mann verlangte von seiner Braut nicht nur, zum Katholizismus zu konvertieren, sondern verbat ihr auch, weitere Filme zu drehen, und versuchte alle „Ekstase“-Kopien aufzukaufen, um seine Verbreitung einzuschränken, kam jedoch nie an das Original heran. Am gemeinsamen Wohnsitz, Schloss Schwarzenau in Niederösterreich, verkehrt Prominenz wie Ödön von Horváth oder Franz und Alma Werfel. Bei Geschäftsbesprechungen über Waffen ist sie eine stumme, aber aufmerksame Zuhörerin. Sie spürt, dass sie mit dem Mann keine Zukunft hat.

In einer Nacht im Frühjahr 1937 zog sie die Kleider eines Dienstmädchens an, schlich aus der Villa, schaffte es unbemerkt zum Bahnhof und floh zuerst nach Paris, dann nach London. Hier wurde sie von Hollywood-Mogul Louis B. Mayer, dem Gründer von MGM, entdeckt, der auf dem Kontinent „jüdische Talente“ rekrutierte. Weil er Imageschäden aus „Ekstase“ befürchtete, gab er ihr gleichzeitig den Künstlernamen Hedy Lamarr (La Mar, die aus dem Wasser Geborene) in Anlehnung an den Stummfilmstar Barbara La Marr und vermarktete sie als „schönste Frau der Welt“.

Lamarr ca. 1942. Quelle: http://static-cms.legacy.com/sites/default/files/styles/hero_detail/public/hedy-lamarr-hero-getty.jpg?itok=6KV-T80R

Hollywood überschlug sich, allerdings nicht wegen ihrer schauspielerischen Fähigkeiten, sondern wegen ihres Charismas und Aussehens. 1938 schafft sie durch die Mitwirkung in dem Streifen „Algiers“ an der Seite von Charles Boyer eine Sensation. Praktisch über Nacht kopiert jede Schauspielerin ihre Mittelscheitel-Frisur, brünett avanciert zur Modefarbe der späten Dreißigerjahre. Das Tragen von Hüten und anderen Kopfbedeckungen von Turbanen über Schleier bis zu teils mehrstöckigen Pagoden wird zu ihrem Markenzeichen. Sie galt als Stilikone, Sexsymbol und Vorbild für viele Frauen weltweit – eine Art Marilyn Monroe der Weltkriegsjahre. Ihr Konterfei diente als Vorlage für das Zeichentrick-Schneewittchen ebenso wie für Catwoman und zierte Jahrzehnte später als vektorisiertes Porträt das Grafik-Programm Corel Draw.

Corel-Cover. Quelle: https://cbsnews3.cbsistatic.com/hub/i/r/2012/03/02/f9ffb2ca-a644-11e2-a3f0-029118418759/resize/620×465/32bff9dd1cc26de2a9ea61c2652b83d5/Lamarr_Corell.jpg

In dieser Zeit begann sie mit ihrem Komponistenfreund George Antheil – sein Vater war der erste Amerikaner, der im Kampf gegen die Nazis fiel – an ihrer Erfindung herumzutüfteln, die zunächst eher künstlerisch inspiriert war: Mehrere mechanische Klaviere untereinander und die Tonspur eines Films sollten synchronisiert werden. Lamarr, die sich als Gegnerin des Nationalsozialismus auf die Seite der Alliierten stellt, entwickelt daraus eine Funkfernsteuerung für Torpedos, in dem sie das Prinzip identischer Lochkarten, die bei automatischen Klavieren gleichzeitige Frequenzwechsel steuerten, auf die damals gebräuchliche Waffentechnik adaptierte.

War ein Torpedo über Funk gesteuert, konnte die Verbindung leicht gestört werden. Die Idee von Lamarr und Antheil: Wenn Torpedo und Steuerelement ständig und immer genau gleichzeitig die Frequenz wechseln, ist die Verbindung schwerer von außen zu verfolgen – und damit schwerer angreifbar. Damals nicht absehbar, hat das Frequenz-Hopping, das Springen zwischen den Frequenzen, die größte Bedeutung in der heutigen Digitaltechnik erhalten. Bluetooth und verschiedene WLAN-Standards setzen auf solche Sprünge nach einem Zufallsmuster, etwa um Sendeenergie von einem schmalen auf einen breiten Frequenzbereich zu streuen. So ist die Übertragung auch bei vielen Datenpaketen in einem Funkfrequenzbereich weniger störanfällig.

„Im Alter wurde sie bitter“

Mit Unterstützung eines Professors für Elektrotechnik am „California Institute of Technology“ bereiten sie das Patent zur Anmeldung vor. Am 11. August 1942 wird es vom Patentamt bewilligt – jedoch vom US-Militär aufgrund seiner Komplexität nicht umgesetzt: Lamarr solle lieber „Küsse gegen Kriegsanleihen“ verkaufen.  Erst 1962, nach Ablauf des Patents, verwendeten einige Navy-Schiffe in der Kuba-Krise eine weiterentwickelte Version der Technologie. Heute dient sie als Grundlage für sämtliche Mobilfunk-Technologien von WiFi bis GPS. Sie hat den abhörsicheren Mobilfunk, drahtlose Netzwerkverbindungen und mobiles Internet erst möglich gemacht. Nichtsdestotrotz verdiente Lamarr bis zu ihrem Tod keinen Cent an ihrer und Antheils Erfindung.

Lamarr als Delilah. Quelle: https://i.pinimg.com/originals/01/b4/18/01b418b2f7ece65e608a1c1edf01cd13.jpg

Im Studio galt Lamarr als träge, wenig ambitioniert und relativ schwierig. Sie spielte gelegentlich gute Rollen, bspw. in der Verfilmung von John Steinbecks „Tortilla Flat“, doch meistens war sie, angeblich wegen ihres starken Akzents, als dekoratives Beiwerk etwa neben James Stewart und Clark Gable zu sehen. Ihr größter kommerzieller Erfolg war Cecil B. DeMilles Monumentalfilm „Samson und Delilah“ (1949), obwohl Groucho Marx mäkelte, ihr Partner Victor Mature habe „größere Titten“ als sie. Lamarr behauptete in späteren Jahren oft, sie habe viele gute Rollen abgelehnt, darunter „Casablanca“, wo Ingrid Bergman einsprang. Seit Ende der 1950er Jahre bekam sie keine Angebote mehr und gründete ihre eigene Produktionsfirma, der kaum Erfolg beschieden war. 1960 wurde sie mit einem Stern auf dem Hollywood Walk of Fame geehrt: 27 Filme hatte sie insgesamt gedreht.

„Trotz ihrer Intelligenz hatte sie oft in ihrem Leben kein glückliches Händchen – ob bei Männern oder Filmrollen“, erklärt Alexandra Dean, Regisseurin der Filmbiographie „Geniale Göttin“ (2018), in der Vogue. „Für ihre Zeit lebte sie unfassbar unkonventionell, führte sechs Ehen, hatte Affären mit Männern und Frauen, und verheimlichte nie, dass sie Drogen wie Extasy nahm. Wenn sie sich etwas in den Kopf setzte, tat sie alles dafür.“ Aus ihren Beziehungen sind drei Kinder hervorgegangen. „Was immer ich gemacht habe, geschah aus Liebe“, bilanzierte sie einmal ihre amourösen Abenteuer, „andere haben es für Geld gemacht“.

Patentauszug. Quelle: http://www.rfcafe.com/miscellany/cool-videos/images/hedy-lamarr-spread-spectrum-patent-us2292387-p1.jpg

„Im Alter wurde sie bitter. Sie ließ eine Menge Schönheitsoperationen vornehmen, wurde bei Diebstählen erwischt und trank sehr viel. Sie haderte mit dem Leben, fand niemals die wahre Liebe. In gewisser Weise war ihr Vater der Mann ihres Lebens. Er erkannte, wer sie wirklich war und liebte sie dafür – so etwas erfuhr sie später nie wieder“, beschreibt Dean ihre letzten Jahre. Durch ihren freiwilligen Verzicht auf Verteidigung und die Einwilligung zu einem Jahr Bewährungszeit wurde auf eine Anklage wegen der Diebstähle verzichtet. Ihre Autobiographie „Ecstasy and Me“ erschien 1967 und führte zu einer Schadensersatzklage gegen den Ghostwriter, da er die Fakten verdreht habe. Die letzten Jahrzehnte ihres Lebens verbrachte sie zurückgezogen in Florida.

„was hinter der Fassade steckt“

1997, drei Jahre vor Lamarrs Tod, verlieh ihr die amerikanische Electronic Frontier Foundation (EFF) – eine gemeinnützige Gesellschaft, die sich den Bürgerrechten im Internet widmet – immerhin noch einen Pioneer Award für ihre Erfindung. Die 82-Jährige ließ per Sprachaufnahme wissen: „Danke. Ich hoffe, Sie fühlen sich so gut wie ich und es ist nicht vergebens gewesen.“ Am 19. Januar 2000 stirbt sie in Altamonte Springs, Florida. Ihr letzter Wille war eine Rückkehr. Hedy Lamarrs Urne wurde am Wiener Zentralfriedhof in einem Ehrengrab beigesetzt, ihre Familie verstreute einen Teil ihrer Asche – entsprechend Hedys Wunsch – im Wienerwald beim Erholungsgebiet „Am Himmel“.

Verglichen mit Stars wie Jean Harlow oder Joan Crawford ist ihr Name heute weitgehend aus dem öffentlichen Bewusstsein verschwunden, weiß aber immer noch zu faszinieren. 2017 erlebte das Stück „Sieben Sekunden Ewigkeit“ von Peter Turrini seine Premiere, angelegt als Bekenntnisgespräch der Hauptfigur gegenüber einem Polizisten. Auch der Dokumentarfilm von Dean hat mit den Arbeiten von Georg Misch (2004) und Fosco & Donatello Dubini (2006) zwei Vorläufer. „Dank ihrem Aussehen bekam Hedy viele Chancen, aber wurde nicht ernst genommen. Das war quasi das Dilemma ihres Lebens“, fasste Dean ihre Recherchen zusammen, die auch ein verschollenes, nie verwendetes Tonband-Interview Lamarrs mit der Forbes von 1990 zutage förderten. Sie sprach in diesen Aufnahmen sehr deutlich darüber, wie verärgert sie war, dass man sie immer unterschätzt hatte.

Lamarrs Grab. Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Grave_Hedy_Lamarr,_Vienna,_2016.jpg

Das sah auch die Informatikerin Anja Drephal von der Humboldt-Universität Berlin bei der Jahrestagung des Chaos Computer Clubs 2016 so: „Es ist für Frauen immer noch schwer, in der Technik anerkannt zu werden – gerade für eine Frau wie Hedy. Ihre Schönheit hat den Blick verstellt auf das, was hinter der Fassade steckt“. Lamarr hatte ihre Perspektive in ein legendäres Bonmot gekleidet: „Jedes Mädchen kann glamourös sein. Es muss nur still stehen und dumm dreinschauen.“ Seit 2005 wird in Deutschland, Österreich und der Schweiz an ihrem Geburtstag am 9. November der Tag der Erfinder gefeiert.

Georg Elser umgibt bis heute etwas Anarchisches, Einsames, ja Unwirkliches. Obwohl seine Verhörprotokolle seit 1964 bekannt sind und damit das misslungene Hitler-Attentat vom 8. November 1939 minutiös rekonstruiert werden konnte, dauerte es bis in die 1990er Jahre, bis sich die Geschichtsschreibung ernsthaft mit ihm zu befassen begann. Erst 1989 erschien die erste Elser-Biographie, erst in der zweiten zehn Jahre später wurden die Namen aller Beteiligten genannt. Und noch 2003 kam es gegen die Benennung der Schule seines langjährigen Wohnorts Königsbronn zu Einwänden, war der Ort im „Dritten Reich“ doch als „Attentatshausen“ verunglimpft worden.

Das liegt zum einen an Elsers Person: Ein freiheitsliebender Frauenheld aus schwierigen Familienverhältnissen, der zwar talentierter, dennoch einfacher Arbeiter war, als Katholik dem Kommunismus nahestand und Volksmusik pflegte. Er gehörte nicht zu den „Offizieren, Adeligen und Studenten aus gutem Hause, legitimiert durch Herkunft, Familie und gesellschaftliche Stellung“, meint der Theologe Hartwig Grubel im SPIEGEL. Daher konnte der Verfemte, der selbst in seiner Familie lange ein Tabu sein musste, von keiner Seite als „Widerstandskämpfer“ vereinnahmt werden.

Das liegt zum anderen aber auch an der – überdies ethisch fragwürdigen – Spiegelfunktion seiner Tat, die weder in Ost- und erst recht nicht in Westdeutschland auf Gefallen stieß. Denn er war der Beweis, dass auch der „kleine Mann“, wenn er denn wollte, schon früh das Unrecht des Nazi-Regimes durchschauen und auch als Einzelner etwas dagegen unternehmen konnte – die oft bemühte Floskel vom Nichts-gewusst-haben führte er ad absurdum: „Ich wollte den Krieg verhindern“, begründete Elser schlicht sein Tun. Er habe schon „1938 den Mut und die Weitsicht gehabt, die sich bei anderen erst eingestellt hatte, als der Krieg schon verloren“ war, erklärt Grubel.

Georg Elser. Quelle: https://www.dw.com/image/15506354_401.jpg

Dazu mussten Elsers Ansicht nach Hitler, Göring und Goebbels verschwinden, gab er im Verhör zu Protokoll: „Durch meine Überlegungen kam ich zu der Überzeugung, dass durch die Beseitigung dieser drei Männer andere Männer an die Regierung kommen, die an das Ausland keine untragbaren Forderungen stellen, die kein fremdes Land einbeziehen wollen und die für eine Verbesserung der sozialen Verhältnisse der Arbeiterschaft Sorge tragen werden.“ Eine selbstgebaute Bombe schien ihm das geeignete Mittel dazu.

Prompt stellt sich seit Jahren die Frage, ob die deutsche Geschichte im Falle des Gelingens seines tödlichen Plans tatsächlich anders verlaufen wäre, und wenn ja, wie. „Deutschland wäre bei einem gelungenen Attentat vermutlich keine Demokratie geworden, sondern ein autoritärer Staat geblieben“, glaubt Johannes Tuchel, Elser-Biograph und Leiter der Gedenkstätte Deutscher Widerstand in Berlin. „Doch die Grundzüge der NS-Politik hätten sich mit Sicherheit verändert.“

„die Löhne niedriger und die Abzüge höher“

Der älteste Sohn einer Bauerstochter wird am 4. Januar 1903 in Hermaringen bei Heidenheim unehelich geboren. Im Jahr darauf zieht die Familie zum Vater, ebenfalls Bauer, nach Königsbronn um, wo Elser bis 1925 wohnt. Er hat noch 5 Geschwister, gilt als mittelmäßiger Schüler mit überdurchschnittlichen Leistungen in Rechnen, Zeichnen und Schönschreiben und beendet nach einem halben Jahr Landwirtschaftsgehilfe bei den Eltern und einer aus gesundheitlichen Gründen abgebrochenen Ausbildung zum Eisendreher 1922 eine Schreinerlehre.

Nach wechselnden Tätigkeiten in verschiedenen Schreinereien zieht Elser 1925 nach Konstanz, wo er vor allem in Uhrenfabriken beschäftigt ist. Er tritt in verschiedene Trachtenvereine ein, wird Mitglied im Zitherclub Konstanz sowie 1928/1929 auch des Roten Frontkämpferbundes sowie der Holzarbeitergewerkschaft. Seit dieser Zeit sind wechselnde Liebschaften nachgewiesen, zuerst mit der Zuschneiderin Hilde Lang, dann mit der Kellnerin Mathilde Niedermann, die 1930 den nichtehelichen (und nachgewiesenermaßen einzigen) Sohn Manfred zur Welt bringt. Bis Frühjahr 1932 bei der Uhrenfabrik Rothmund in Meersburg angestellt, erhält er bei deren Konkurs anstelle ausstehenden Lohns mehrere Uhrwerke. Zwei davon wird er für seine Zeitbombe im Bürgerbräukeller verwenden.

Elser auf einem Ausflug. Quelle: https://www.swr.de/swr2/leben-und-gesellschaft/Der-Hitler-Attentaeter-Georg-Elser-zweiter-von-rechts-auf-einem-Ausflug-mit-Freunden%2C1563003919538%2Cimage-swr-144098~v-16×9@2dM-ad6791ade5eb8b5c935dd377130b903c4b5781d8.jpg

Anschließend geht Elser zurück nach Königsbronn, wo er in den Zitherclub eintritt und ein Verhältnis mit der verheirateten Elsa Härlen unterhält, die ihm möglicherweise einen unehelichen Sohn, eventuell gar zwei Kinder geboren haben könnte. Von 1936 bis 1939 arbeitet er als Hilfsarbeiter in der Armaturenfabrik Waldenmaier und erhält Kenntnis von einer geheimen Sonderabteilung für Rüstungsproduktion. Nach dem Abschluss des Münchner Abkommens und einer ersten Reise 1938 nach München mit dem Besuch der Gedenkveranstaltung zum gescheiterten Hitler-Putsch von 1923 im Bürgerbräukeller reift in ihm der Entschluss, ein Jahr später dort ein Attentat auf Hitler zu begehen.

In den Verhörprotokollen wird er sich als früher Gegner des Nationalsozialismus bezeichnen, der nach 1933 den Hitlergruß verweigerte und nach Augenzeugenberichten den Raum verließ, wenn Hitler-Reden im Rundfunk übertragen wurden. Der Hauptgrund seiner Abneigung war zunächst die Verschlechterung der Lebensbedingungen: „So z. B. habe ich festgestellt, dass die Löhne niedriger und die Abzüge höher wurden. […] Der Stundenlohn eines Schreiners hat im Jahr 1929 eine Reichsmark betragen, heute wird nur noch ein Stundenlohn von 68 Pfennigen bezahlt. […] Der Arbeiter kann z. B. seinen Arbeitsplatz nicht mehr wechseln, wie er will; er ist heute durch die HJ nicht mehr Herr seiner Kinder, und auch in religiöser Hinsicht kann er sich nicht mehr so frei betätigen.“

Er entwendet bei Waldenmaier Pulver und Zünder, erwirbt im Frühjahr 1939 als Hilfsarbeiter in einem Steinbruch Kenntnisse in der Sprengtechnik und stiehlt hier 105 Dynamit-Sprengpatronen und 125 Sprengkapseln. Nach seinem Umzug nach München im August ging Elser 30 Abende in den Bürgerbräukeller, bestellte immer das einfachste Gericht für 60 Pfennige und wartete, bis er unbemerkt in der Besenkammer verschwinden konnte. Dort harrte er aus, bis das Lokal schloss, stieg auf die Empore und kniete sich vor die tragende Säule direkt hinter dem Rednerpult.

Minutengenau und doch zu spät explodiert

Die höhlte Elser Stück für Stück aus, um Platz für die Bombe zu schaffen. Um nicht durch Geräusche auf sich aufmerksam zu machen, musste er jeweils für zehn Minuten seine Arbeit unterbrechen, bis die automatische Toilettenspülung des Bürgerbräukellers einsetzte. Den anfallenden Schutt versteckte er in einem selbstgefertigten Sack, den er unter den Augen der Kellnerinnen tagsüber hinaustrug und in der Isar entleerte. Parallel arbeitete er tagsüber am Zeitzünder.

Elsers Sohn Manfred mit seiner Mutter Mathilde Bühl, geb. Niedermann, um 1939. Quelle: https://www.swr.de/swr2/wird-referenziert/00-redaktion/07-fernsehen/01-swr-fernsehen/geschichte-entdeckungen/Georg-Elser-mit-seiner-Mutter%2C1564057526947%2Cimage-swr-139624~v-16×9@2dM-ad6791ade5eb8b5c935dd377130b903c4b5781d8.jpg

Anfang November baute er mit inzwischen zerschundenen Knien seine „Höllenmaschine“ samt Dynamitpatronen, Sprengkapseln und Schwarzpulver ein. Am 6. November stellte er bei seiner Schwester Maria in Stuttgart seine Habe unter, am 7. prüfte er durch Horchen das Ticken des Uhrwerks. Danach fährt er über Friedrichshafen nach Konstanz und wird 20.45 Uhr durch eine Zollstreife wenige Meter vor der Grenze zur Schweiz gestoppt. Bei seiner Festnahme trug er unter anderem eine Ansichtskarte des Bürgerbräukellers sowie Teile des Zeitzünders bei sich. Der damals 26jährige deutsche Grenzschützer Waldemar Zipperer, der ihn festnahm, erhielt noch 1978 das Bundesverdienstkreuz.

Explodieren sollte die Bombe um 21.20 Uhr – während Hitlers Rede. Und minutengenau tat sie das auch. Doch der Zufall namens Wetter verhinderte, dass die NS-Führungsspitze an diesem Abend ausgelöscht wurde: wegen Nebels konnte Hitler nicht wie geplant mit dem Flugzeug zurück nach Berlin reisen, sondern musste den Zug nehmen. Deshalb sprach er viel kürzer als sonst und verließ die Veranstaltung schon um 21.07 Uhr. 13 Minuten später wären er und seine Gefolgsleute entweder direkt durch die Explosion oder durch die herabstürzende Decke getötet worden. Acht Menschen starben, darunter sieben Altnazis und eine Serviererin, 63 wurden verletzt. Elser wird derweil in der Konstanzer Gestapo-Zentrale bis in den frühen Morgen verhört und tags darauf nach München verlegt.

Aufräumarbeiten nach dem Bombenattentat. Quelle: https://www.swr.de/swr2/wird-referenziert/migration/bilder/abgelaufen/Aufraeumarbeiten-im-November-1939-nach-dem-Bombenattentat-auf-Adolf-Hitler-im-Muenchner-Buergerbraeukeller%2C1562973939491%2Cimage-swr-136576~v-16×9@2dM-ad6791ade5eb8b5c935dd377130b903c4b5781d8.jpg

Als „Vergeltungsmaßnahme“ ließ der Kommandant des KZ Buchenwald Karl Otto Koch bereits am Tag nach dem Attentat 21 jüdische Häftlinge erschießen. Am 11. November  drückte die sowjetische Regierung dem deutschen Botschafter Friedrich-Werner Graf von der Schulenburg „ihr Bedauern und ihre Entrüstung über den ruchlosen Anschlag von München, ihre Freude über die glückliche Errettung Adolf Hitlers aus der Lebensgefahr und ihr Beileid für die Opfer des Attentats“ aus.

„in absolut unauffälliger Weise zu liquidieren“

Nach tagelangen Verhören mit Misshandlungen legt Elser ein Geständnis ab und wird ab 22. November offiziell als Attentäter präsentiert. Als Sonderhäftling erst im KZ Sachsenhausen, dann unter dem Decknamen Eller im KZ Dachau wurde er vergleichsweise gut behandelt, hatte eine eigene Zelle, eine eigene Werkbank und eine Zither. Nach dem „Endsieg“ sollte er in einem Schauprozess abgeurteilt werden. Die Heimatgemeinde Königsbronn wurde nach dem Attentat durch die Gestapo durchforscht, Elsers Eltern wurden vier Monate lang inhaftiert, Neffe Franz Hirth kam ins Waisenhaus.

Am 5. April 1945 ordnete Hitler parallel die Hinrichtung von Admiral Canaris und des „besonderen Schutzhäftlings“ Georg Elser an. Gestapo-Chef Heinrich Müller ließ den Auftrag am selben Tag dem Dachauer Kommandanten Eduard Weiter übermitteln: „ Bei einem der nächsten Terrorangriffe auf München bzw. auf die Umgebung von Dachau ist angeblich ‚Eller‘ tötlich [sic!] verunglückt. Ich bitte, zu diesem Zweck ‚Eller‘ in absolut unauffälliger Weise nach Eintritt einer solchen Situation zu liquidieren. Ich bitte besorgt zu sein, dass darüber nur ganz wenige Personen, die ganz besonders zu verpflichten sind, Kenntnis erhalten“.

Am Abend des 9. April vollstreckte der SS-Oberscharführer Theodor Bongartz heimlich und ohne Gerichtsurteil den Tötungsbefehl gegen 23.00 Uhr am Hinrichtungsplatz beim Krematorium in Dachau mit einem Genickschuss. Elsers Leiche wurde anschließend im Krematorium verbrannt. Zwanzig Tage später wurde Dachau durch US-Truppen befreit. Bongartz starb am 15. Mai 1945 in amerikanischer Gefangenschaft. Über Elser wurde in seiner Familie 50 Jahre lang nicht gesprochen. Sein Schicksal blieb für die Familie unbekannt, ein Grab gab es nicht, 1950 wurde er für tot erklärt.

Erfolgsmeldung. Quelle: https://www.welt.de/img/kultur/mobile101495808/9032502057-ci102l-w1024/georg-elser-zeitung-DW-Vermischtes-Frankfurt-Main-Archiv-jpg.jpg

Niemand konnte sich vorstellen, dass ein Schreiner ganz allein dieses Attentat begangen haben sollte. Hitler selbst drängte darauf herauszufinden, wer dahinterstecke. Die NS-Propaganda machte den britischen Geheimdienst für den Anschlag verantwortlich. Regimegegner im In- und Ausland vermuteten hingegen, die Nationalsozialisten selbst hätten den Anschlag mit Elsner als Marionette inszeniert, um zu zeigen, dass die „Vorsehung“ den „Führer“ beschütze.

Dabei war Elser ein selbstbewusster Mensch mit klarem Blick und verschmitztem Lächeln. Etwas Unternehmungslustiges und Unabhängiges lag in seinen Zügen: Der Mut eines unsteten Alleingängers, der dennoch so fest war, dass er selbst die Nazis verwirrte. Niemandem hatte Elser von seinem Vorhaben erzählt. Allein Gott im Gebet vertraute sich der gläubige Katholik an, so steht es in seinen Verhörprotokollen, die keine Hinweise auf irgendwelche Hintermänner zutage förderten.  Vielmehr konnte Elser seinen Vernehmern bis ins kleinste Detail beschreiben, wie er seine „Höllenmaschine“, wie er sie fast liebevoll selbst nannte, konstruiert und im Bürgerbräukeller versteckt hatte. Auf deren Wunsch baute er die Bombe sogar nochmals nach. Die Gestapo-Beamten kamen zu dem Schluss, dass Elser tatsächlich ohne fremde Hilfe das Attentat geplant und durchgeführt haben musste.

Trotzdem gab es noch lange nach dem Krieg massive Zweifel an der Alleintäterschaft Elsers. Sie begannen erst allmählich zu verstummen, nachdem der Historiker Lothar Gruchmann die verschollenen Verhörprotokolle der Gestapo 1970 veröffentlicht hatte. Zuvor verbreiteten selbst der als Vertreter der Bekennenden Kirche im KZ Sachsenhausen inhaftierte Martin Niemöller und später auch der KZ-Aufseher Walter Usslepp das Gerücht, Elser sei SS-Unterscharführer gewesen und handelte auf Hitlers persönlichen Befehl. Viele weitere Gerüchte kamen in Umlauf und sind es zum Teil bis heute.

„einsame Entscheidung eines Menschen“

Ein eigenes Kapitel ist die Frage, ob Elsers Tat moralisch zu rechtfertigen ist. Das Dresdner Hannah-Arendt-Institut für Totalitarismusforschung HAIT ist 1999 darüber fast zerbrochen. Denn in einem Artikel zum 60. Jahrestag des Attentats in der Frankfurter Rundschau verurteilte Lothar Fritze, Mitarbeiter am HAIT, den versuchten Tyrannenmord aus einer paternalistischen Perspektive. Elser hätte im Raum bleiben müssen, um unschuldige Anwesende nach der Abfahrt des „Führers“ zu warnen, oder eine Anschlagsmethode wählen müssen, bei der nur Hitler getroffen worden wäre.

Ein Dogma auf dem Prüfstand. Quelle: https://encrypted-tbn0.gstatic.com/images?q=tbn:ANd9GcTnkEWLpi2QFPc3HBd7DtnmuXn6G–mXiL8_NCMbHNuxFL38uZt

Auch bemängelt er, Elser habe „seine politische Beurteilungskompetenz überschritten“, indem er ein solches Attentat unternahm. Fritzes Vorwurf des leichtfertigen Entfernens Elsers vom Tatort würde sich ebenso auf Stauffenberg und dessen Attentat von 1944 beziehen lassen, entgegneten Kritiker. Eine Reihe von Philosophen und Politikwissenschaftlern unterstützte Fritze. Der israelische Historiker Saul Friedländer hingegen verließ aus Protest den wissenschaftlichen Beirat des HAIT. Elser stehe „für die einsame Entscheidung eines Menschen, der sich in einer ethischen Notsituation befindet und einer Verantwortung folgt, die die eigene Existenz geringer achtet als Recht und Gerechtigkeit und das allgemeine Wohl“, meint auch Gruber. Aber ob das die getötete Kellnerin auch so gesehen hätte?

Dem bereits 1972 durch die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes VVN eher unbeachtet eingeweihten Denkmal in Schnaitheim schloss sich erst nach Elsers Erwähnung durch Bundeskanzler Helmut Kohl 1983 in seiner Rede zum 20. Juli ein Paradigmenwechsel in der Gedenkkultur an – der inzwischen allerdings ins Gegenteil zu kippen droht: 2017 waren schon 64 Straßen und Plätze in Deutschland nach Elser benannt. Büsten, Installationen und Denkmäler folgten, so 2011 in Berlin ein 17 Meter hoher Stahlmast. Seit 2001 wird alle zwei Jahre ein Georg-Elser-Preis für Zivilcourage verliehen. Anlässlich seines 100. Geburtstags gab die Deutsche Post eine Sondermarke heraus.

Brandauer-Version. Quelle: https://film-retro-shop.de/media/image/16/f3/cb/Georg-Elser-Einer-aus-Deutschland-Hartbox_600x600.jpg

Elsers Leben wurde in Hörspielen, Bühnenstücken und Filmen dramatisiert, darunter 1989 von Klaus Maria Brandauer, der auch die Titelrolle übernahm und mit „Mephisto“ sowie „Hanussen“ weitere Filmadaptionen der NS-Zeit lieferte. Zuletzt drehte Oliver Hirschbiegel „Elser – Er hätte die Welt verändert“, der 2015 den Bayerischen Filmpreis als „Bester Film“ erhielt. Pikant: Hirschbiegel hatte zehn Jahre zuvor „Der Untergang“ mit dem jüngst verstorbenen Bruno Ganz gedreht, der die letzten Tage jenes Mannes beschreibt, den Elser eigentlich töten wollte: Adolf Hitler.

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