Als sich der Landwirt Johann Philipp Kreißler mit seiner Familie aus dem leiningischen Guntersblum am Rhein der ersten Massenauswanderung der Pfälzer in die Vereinigten Staaten anschloss, in der britischen Provinz New York niederließ und nach einem unspektakulären Leben nach 1744 als vierfacher Vater starb, ahnte er sicher nicht, dass er dereinst eine eigene Straße in seinem deutschen Heimatdorf bekommen sollte. Sein Verdienst: er wurde zum Ahnherrn eines Mannes, den das Time Magazine 1928 zum Man of the Year wählen sollte: Walter Percy Chrysler, wie sich die Familie inzwischen nannte. Der Automobil-Pionier und Begründer des internationalen Automobilunternehmens Chrysler Corporation starb am 18. August 1940 in Long Island.
Walter P. Chrysler wurde 2. April 1875 als Sohn des Lokomotivingenieurs
Henry Chrysler und dessen Frau Mary in Wamego im US-Bundesstaat Kansas geboren.
Nach Abschluss der High School begann Chrysler 1892 eine Lehre bei der Union
Pacific in Ellis im US-Bundesstaat Kansas. Anschließend arbeitete er bei der
American Locomotive Co. (ALCo) wo er es bis zum Stützpunktleiter in Pittsburgh
brachte. Am 4. Juni 1900 heiratete Chrysler seine Frau Della, mit der er drei
Kinder hatte. Bereits mit 33 Jahren wurde er Manager der Chicago Great Western
Railway. Ein weißer Locomobile Phaeton mit roter Innenausstattung für 5.000,- US-Dollar
wurde Chryslers erstes eigenes Fahrzeug. Als großer Technikinteressierter soll
er das Fahrzeug auseinandergenommen und anschließend wieder zusammengebaut
haben.
1910 wurde er Werksleiter bei Buick, einer Tochtergesellschaft von
General Motors GM in Flint, Michigan, und brachte seine Leute in Schwung, indem
er die Tagesproduktion von 20 auf 550 Fahrzeuge steigerte. Prompt wurde er 1912
Produktionschef. Fünf Jahre später, 1917, avancierte Chrysler zum Präsidenten
von Buick und machte die Marke zur erfolgreichsten im GM-Konzern. 1919 wurde er
zum Vize-Präsidenten von GM ernannt, gab jedoch wegen Differenzen mit seinem
Vorgesetzten William C. Durant diese Position wieder auf. Chrysler fand einen
Führungsposten bei Willys-Overland, dem bekannten Jeep-Hersteller, der in
Schieflage geraten war. Sein Ruf als erfolgreicher Manager bescherte ihm dort
nicht nur große Wirkungsfreiheiten, sondern auch ein damals sagenhaftes Gehalt
von einer Million US-Dollar im Jahr.
Drittgrößter amerikanischer Autobauer
1921 betrachtete er seine Arbeit als erledigt und wandte sich dem nächsten Sanierungsfall zu, der Maxwell Motor Company, deren Präsident er ein Jahr später wurde. Zu seinem Sanierungskonzept zählte die Einstellung von Ingenieuren zur Entwicklung eines neuen Autos, das 1924 fertig gestellt war und die Bezeichnung seines Initiators erhielt – „Chrysler Six“. Es ging als Legende in die Automobilgeschichte ein. Aus 3,3 Litern Hubraum entwickelten sich 68 PS, die den Wagen auf eine Höchstgeschwindigkeit von 110 Stundenkilometer brachten. Hydraulische Bremsen an allen Rädern und Stossdämpfer gehörten gleichfalls zur Ausstattung. Allein 32.000 Stück wurden davon im ersten Produktionsjahr verkauft. 1925 wurde die Firma zur Chrysler Corporation.
Ein Jahr später wurde die Maxwell Motor Company von der Chrysler
Corporation übernommen, das Händlernetz in den USA stieg auf rund 3.800. Mit
technischen Neuheiten und Modellvariationen erlebte Chrysler eine hohe
Wachstumsdynamik und landete 1926 auf Platz fünf der US-Hersteller. 1928 wurde
das Modell „Plymouth“ für die untere Preisklasse gebaut. Der Typ „DeSoto“ sorgte
im mittleren Preissektor für Furore und verkaufte sich nach gut einem Jahr
100.000 Mal. Im gleichen Jahr übernahm Chrysler die große Autofirma Dodge
Brothers, Inc. Damit zählte der Autokonzern zusammen mit Henry Ford und General
Motors zu den drei größten amerikanischen Autobauern.
Walter Chrysler war auch der Bauherr des Chrysler Building in New York, das mit 77 Etagen bei 319 Metern Höhe für 11 Monate das höchste Gebäude der Welt war, bis ihm das Empire State Building den Rang ablief, und das mit seiner Art-Deco-Fassade bis heute als einer der schönsten Wolkenkratzer der Welt gilt. Zu Chrysler gehörten in dieser Zeit Chrysler, Dodge, Imperial, DeSoto und Plymouth. 1932 und 1933 führte der Autokonzern technische Neuerungen bei der Triebwerksaufhängung und der Bremskraftverstärkung sowie das Sicherheitsglas ein. In Zeiten der weltweiten Wirtschaftskrise konnte der Autobauer seine Verkaufszahlen halten.
1934 wurden erstmals die stromlinienförmigen Modelle Chrysler Airflow, DeSoto Airflow und Imperial Airflow hergestellt. Das Modell „Imperial“ ist das erste amerikanische Auto mit gewölbter Frontscheibe. 1935 zog sich Walter Chrysler aus dem Geschäftsleben zurück und war noch für fünf Jahre Privatier. Er gilt als letzter Automobilpionier, der aus eigener Kraft einen Automobilkonzern aufbaute und am Leben erhielt. Dass sein Unternehmen zweimal mit Milliardenbürgschaften amerikanischer Präsidenten – erst Carter 1979, dann Bush 2008 – vor dem Konkurs gerettet werden musste und seit 2014 namenloser Teil des Fiat-Konzerns ist, hätte ihn kaum erfreut.
„Für die einen ist es ein kasuistischer Zufall: am selben Tag, da Tilo Sarrazin endgültig aus der SPD ausgeschlossen wurde, löschte die Deutsche Forschungsgemeinschaft DFG eine Audio-Botschaft des Kabarettisten Dieter Nuhr aus dem Netz. Für die anderen indizieren beide Tilgungen dagegen eine Methode, die sich eine fürchterliche Zukunft zu bauen anschickt: Macht und Moral ersetzen inzwischen nicht nur die Diskussion, sondern die Erkenntnis als solche.“
Mein neuer Tumult-Text, der sich dem Zusammenhang von gesinnungsethischen Anti-Wissenschaftlern mit den Erkenntnis-Ersatzwährungen Macht und Geld widmet.
Als BILD nach der Wahl Benedikts XVI. am 20. April
2005 titelte: „Wir sind Papst!“, stellte der Publizist Robert Leicht fest, dass
das Blatt damit, sicher unbewusst, aus einer Schrift Luthers zitierte, verfasst
in frühneuhochdeutscher Sprache. Darin brach er eindeutig mit der
römisch-katholischen Kirche und bezeichnete den Papst – Leo X. aus dem Hause
Medici – als Antichrist, der die Kirche in eine erbärmliche Gefangenschaft
geführt hat. Die Missstände, die unter seiner Herrschaft eingerissen sind,
hätten das gesamte Kirchenwesen verdorben. Stattdessen formulierte er den
Grundsatz des Priestertums aller Getauften: „denn was aus der Taufe gekrochen
ist, das kann sich rühmen, dass es schon zum Priester, Bischof oder Papst
geweihet sei…“ Damit wurde die Zweiteilung der Christenheit in Klerus und Laien
faktisch aufgegeben.
Die Schrift war nur eine von vieren Luthers aus dem Jahr
1520, die große Bedeutung erlangten. Doch „An den christlichen Adel deutscher
Nation von des christlichen Standes Besserung“ war die erste, in der er seine
theologischen Erkenntnisse in praktische Reformvorschläge umsetzte. Der
evangelische Kirchenhistoriker Thomas Kaufmann bezeichnet die „Adelsschrift“
als „Manifest der Reformation“: nicht schon mit dem Thesenanschlag von 1517, sondern
erst hier sei von Luther ein Entwurf zur Neugestaltung von Kirche und
Gesellschaft vorgelegt worden.
Der provokante Ton schockierte; der Mitreformator Johannes Lang nannte das Buch eine „Kriegstrompete“. Luther gab zu, dass er die Schrift in prophetischer Radikalität verfasst habe, ohne Rücksichten zu nehmen. Dabei bietet sie in ihrer Offenheit und Unbestimmtheit Anknüpfungspunkte für unterschiedliche Reformationstypen, wie Kaufmann feststellt: „städtische oder bäuerliche Gemeindereformationen; Ratsreformationen; ritterschaftliche Reformationen; territorialfürstliche und Königsreformationen“. Der Grundsatz vom Priestertum aller Getauften hat im Spektrum der evangelischen Kirchen immer wieder Neuaufbrüche angeregt, ist er doch vieldeutig: besitzen Priester einen allgemeinen Anspruch oder partizipiert die Allgemeinheit in Form aller Menschen oder fließen beide Varianten zusammen?
Titelblatt. Quelle: Von Martin Luther – Hanns Lilje: Martin Luther. En bildmonografi. Stockholm 1966., Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=48793665
Auch der Titel gibt zahlreiche Fragen auf: Wie sieht die
Besserung des christlichen Standes aus? Um welche Art von Besserung geht es,
welche Schritte sind dafür notwendig, wer soll diese Schritte vollziehen (tatsächlich
der Adelsstand?) und warum? Dessen ungeachtet war die innerhalb weniger Wochen
verfasste und am 5. August 1520 in der relativ hohen Auflage von 4000
Exemplaren erschiene Schrift nach drei Tagen vergriffen. In kurzer Folge
schlossen sich 14 Nachdrucke an, die Gesamtauflage soll bei 68.000 Exemplaren
gelegen haben – der erste Bestseller vor der Lutherbibel.
„wie er sich kirchlichen Neubau vorstellt“
Luthers Beweggründe, diese Schrift im Jahr 1520 zu
verfassen, verortet Karlheinz Blaschke schlüssig in drei Bereichen: Erstens war
Luthers innerer Reifeprozess, der ihn zu neuen Erkenntnissen über den
christlichen Glauben und einer kritischen Haltung gegenüber der römischen
Kirche brachte, weit vorangeschritten. Zweitens erfuhr Luther von Reichsrittern
und Humanisten, mit denen er sich in der Reflexion von weltlichen und
national-patriotischen Problemstellungen verbunden fühlen durfte, Zustimmung
und Ermutigung zur offenen Stellungnahme. Drittens dürften die damals aktuellen
Bestrebungen, den Prozess gegen Luther als Ketzer weiter voranzutreiben, eine
bedeutende Rolle gespielt haben. Ein konkreter Schreibanlass kann allerdings bis
heute nicht eindeutig benannt werden, im Gegensatz zur Zueignung: Er widmete
das Werk einem Kollegen an der Wittenberger Universität, Nikolaus von Amsdorf,
der 22 Jahre später als Bischof von Naumburg der erste lutherische Bischof im
deutschsprachigen Raum war.
Luthers Adelsschrift gliedert sich in drei größere Sinnabschnitte: Am Bild von drei Mauern, die das Papsttum (die Romanisten) errichtet habe, erläutert Luther zunächst das Ausbleiben von notwendigen Reformen: die erste Mauer bildet der Anspruch des Papstes auf die Oberherrschaft über die weltlichen Obrigkeiten, dem Luther energisch widerspricht. Das Monopol normativer Schriftauslegung und die Überordnung des Papstes über ein allgemeines Konzil bilden Mauer zwei und drei. Theologischer Kern der Schrift ist die Lehre vom allgemeinen Priestertum aller Getauften. Dass Päpste irren können, lässt Luther ihre Schlüsselgewalt bestreiten.
Daran schließt sich eine Darstellung dreier Bereiche an, die
im Rahmen eines Konzils behandelt werden müssten: die Selbstherrlichkeit des
Papstes, die große Zahl der Kardinäle und der enorme Umfang des päpstlichen
Hofes, dem Luther dann noch einen Exkurs über den römischen Rechtsmissbrauch
folgen lässt. Beide Teile fügen sich zu einem zweiten Sinnabschnitt der Schrift
zusammen. Im dritten Abschnitt bringt Luther vor, „was wol geschehen mocht und
solt von weltlicher gewalt odder gemeinen Concilio.“ Er führt dabei 26
Verbesserungsvorschläge an, von denen sich zwölf auf genuin römische Missstände
beziehen und die folgenden die Christenheit im Allgemeinen betreffen. Der 27.
Punkt kritisiert zahlreiche weltliche Übel. In seinen Forderungen und seiner
Kritik am Luxus wird er sehr konkret: Er fordert die Einschränkung des
ausuferndes Klosterwesens, die Abschaffung des Zölibats, eine Neuordnung des
kirchlichen Sozialwesens und eine stärkere Schriftorientierung im
Theologiestudium. „Der erste volkssprachliche Text Luthers, der zu erkennen
gibt, wie er sich kirchlichen Neubau und den Aufbau einer deutschen
Nationalkirche vorstellt“, befand Thomas Kaufmann in der FAZ.
„notwendiger Quell der Verunsicherung“
Luthers Adelsschrift und sein Verständnis vom Allgemeinen Priestertum berührten, ja symbolisierten zentrale Fragen und Probleme der damaligen Zeit. Sie bewegten sich im Spannungsfeld von Freiheit und Begrenztheit, Recht und Pflicht, Macht, oder besser Vollmacht, und Ohnmacht, weltlichem und geistlichem Handeln, Ordnung und Anarchie, Mittel- und Unmittelbarkeit – und nicht zuletzt von Hierarchie und Egalität, Gleichheit und Ungleichheit. So formulieren der Memminger Kürschnergeselle Sebastian Lotzer und der Prädikant Christoph Schappeler 1525 das zentrale Dokument des Bauernkrieges, die „12 Artikel der Bauernschaft in Schwaben“. War es in den meisten regionalen Vorläufern noch allein das „alte Recht“, auf das man Bezug nahm, so bemühen die 12 Artikel nun das „göttliche Recht“.
Titelblatt der 12 Artikel. Quelle: Von Autor unbekannt – eingescannt aus: Otto Henne am Rhyn: Kulturgeschichte des deutschen Volkes, Zweiter Band, Berlin 1897, S.21, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=3926052
Damit knüpfen sie ausdrücklich an das reformatorische
Verständnis an: Göttliches Recht ist biblisches Recht, also das Recht des
Evangeliums. Explizit benennt der erste Artikel des Memminger Programms das
protestantische Gemeindeprinzip und fordert die Wiederherstellung des Rechts
der freien Pfarrerwahl durch die Gemeinde. Der selbst gewählte Pfarrer soll das
Wort der Bibel „lauter und klar predigen, ohne allen menschlichen Zusatz“. Aber
auch die ausschließlich den wirtschaftlichen und sozialen Problemen gewidmeten
Artikel zeigen die Präsenz des reformatorischen Gemeindegedankens in seiner
ganzen politischen Dynamik. So soll die Verwaltung des Kirchenzehnten der
Gemeinde übergeben werden, ebenso wie die Allmenderechte sowie die
Nutzungsrechte am Fischfang, an der Jagd und am Wald, die künftig „der ganzen
Gemeinde anheimfallen“ sollen, wie es Artikel 12 sagt.
Was bedeutet es für das Verständnis von Kirche, Gemeinde und
Gemeinschaft der Gläubigen, wenn Luthers Verständnis vom Allgemeinen
Priestertum konsequent, ja radikal zu Ende gedacht wird? Der Zugang von Frauen
zur Priester- beziehungsweise Bischofsweihe, wie jüngst selbst die
Synodalversammlung der katholischen Kirche diskutierte? Kardinal Walter
Brandmüller kritisierte in Die Tagespost prompt den „synodalen Weg“ als
offenkundigen Versuch, „der Kirche säkulare, demokratische Strukturen“
aufzuzwingen, der „sich im Grunde gegen das Wesen der Kirche“ richte. Es sei
„ebenso bezeichnend wie befremdend zu sehen, wie wenig die Verfasser unseres
Textes verstanden haben, dass die Kirche Jesu Christi weder Monarchie noch
Demokratie oder etwas ähnliches ist. Sie ist ein mit menschlichen Kategorien
nicht adäquat zu fassendes Mysterium des Glaubens, über das selbst die Heilige
Schrift nur in Bildern zu sprechen vermag.“
Das recht unscharfe Bild der „neuen“ Kirche, das Luther in der Adelsschrift zeichnete, changiere zwischen Momenten einer zentralistischen landesherrlichen oder gar kaiserlichen, einer synodal verfassten und einer ganz an den Erfordernissen und Realitäten der Ortsgemeinde orientierten kongregationalistischen Verfassungsstruktur, weiß dagegen Kaufmann. In der Geschichte des Protestantismus habe das allgemeine Priestertum tiefgreifende Wirkungen hinterlassen. In den Gemeinden wachten Aufseher aus dem „Laienstand“ über die Verwendung der Gelder aus dem „gemeinen Kasten“ und wirkten als Organisatoren des Schulwesens und der Armenversorgung. An der Wahl der Pfarrer beziehungsweise der Amtseinsetzung waren „Laien“ kraft des allgemeinen Priestertums beteiligt. „Laien“ aus dem Fürsten-, Adels- oder Ratsherrenstand leiteten die Kirche. Auf den Kirchentagen noch unserer Tage melden sich, wenn irgendwo, evangelische Nichtkleriker zu Wort.
Gebäude der Kramerzunft in Memmingen. Quelle: Von –Martin Egg (talk) – Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=4885110
Im Priestertum aller Gläubigen hat der Protestantismus das Prinzip seiner permanenten Selbstkritik bei sich – ein notwendiger Quell der Verunsicherung, erklärt Kaufmann. „Das Priestertum aller Gläubigen steht für eine egalitäre und partizipatorische Religion, die allen Menschen beiderlei Geschlechts gleiche Rechte eröffnet und den ‚Professionellen’ Grenzen steckt, den Popen, Pfaffen, Mullahs, Oberkirchenräten, den Theologieprofessoren und Berufsreligionsdeutern, den Klerikalfunktionären dieses Äons“. In Luthers „Adelsschrift“ bräche dies erstmals auf. Mit diesem Text begann ein Projekt der Umformung des bestehenden Kirchen- und Gesellschaftswesens, das nach und nach das Gesicht Europas verändern sollte.
Kann man einen Menschen mit einem Affen kreuzen? Allein die Frage jagt
den meisten einen kalten Schauer über den Rücken. Wenige wissenschaftliche
Themen wecken ähnlich schwere ethische Bedenken und entfachen hitzigere
Diskussionen zwischen Darwinisten und Kreationisten. Doch auch dieses heikle
Thema ist dem ehernen Gesetz der Wissenschaft unterworfen: Was erforscht werden
kann, wird früher oder später erforscht. Stets taucht zu dem Thema derselbe
Name als Erstes auf: Ilja Iwanowitsch Iwanow, Professor an der Universität
Charkiw (Ukraine) und hochrangiger Wissenschaftler am Zoologischen Institut in
Moskau. Am 20. Juli vor 150 Jahren wurde er in Schtschigry bei Kursk geboren.
Seine Familie sowie seine Kindheit und Jugend liegen, nicht zuletzt seinem Lebens- und Karriereende geschuldet, im Dunkeln. Verbürgt ist, dass er in Charkow studierte und bereits 1910 einen Vortrag auf dem Internationalen Zoologenkongress in Graz zur Kreuzung von Menschen und Affen hielt. Von 1917 bis 1921 und von 1924 bis 1930 war er am Staatlichen Institut für experimentelles Veterinärwesen tätig und arbeitete in den Jahren dazwischen in einer Forschungsstation, die sich mit der Züchtung und Fortpflanzung von Haustieren befasste. Seine ersten praktischen Erfolge erzielte er bei Pferden. Iwanow befruchtete edle Stuten mit dem Sperma von ebenso sorgfältig ausgewählten Hengsten, um ein Superpferd zu kreieren. Ein bedeutsames Unterfangen in einer Zeit, da die Streitkraft der Kavallerie noch nicht von Panzerdivisionen abgelöst worden war, und zugleich wegbereitend für die künstliche Befruchtung, die damals noch in den Kinderschuhen steckte. Die von ihm dazu entwickelten Methoden bei landwirtschaftlichen Nutztieren waren in der Sowjetunion weit verbreitet.
Iwanow ging aber über die ursprüngliche Forschungsfrage hinaus und
kreuzte unterschiedliche Tierarten miteinander. Die Ergebnisse blieben zwar
hinter den Erwartungen zurück, allerdings erwiesen sich Iwanows Methoden der
Befruchtung durchaus als erfolgreich und breit einsetzbar. Es gelang ihm, ein
Zebra und einen Esel zu etwas zu kreuzen, das er „Zebroid“ nannte. Und einen
Wisent und eine Kuh vermählte er zu einem „Zubron“. Nach und nach setzte Iwanow
seine Arbeit mit anderen Tieren fort, die zoologisch gesehen etwas weiter
auseinanderlagen. Er kreuzte Antilope und Kuh, Maus und Ratte, Maus und
Meerschweinchen. Das Tor zum ultimativen Experiment stand nun weit offen.
„sehr
unerfreuliche Folgen“
Das war gedacht als Test auf Darwins Hypothese, dass die Schimpansen die
nächsten Verwandten des Menschen seien. Pläne, zum Experiment bereite Frauen
mit Schimpansensperma zu befruchten, scheiterten mangels männlicher
Schimpansen. Um diese zu beschaffen, nahm er 1926 Kontakt zu Rosalía Abreu auf,
die seit mehr als 20 Jahren auf Kuba eine Gruppe von Schimpansen hielt. Sie war
die Tochter eines wohlhabenden kubanischen Plantagenbesitzers und weltweit die
erste Tierhalterin, der es gelang, Schimpansen über deren gesamte Lebenszeit in
Gefangenschaft zu halten und zu züchten. Ihre Erkenntnisse bildeten die
Grundlage für die erfolgreiche Haltung von Großen Menschenaffen in den Zoologischen
Gärten weltweit. Doch sie zog sich aus dem Vorhaben zurück nach einem an sie gerichteten
Drohbrief des Ku-Klux-Klans, der die „Verunreinigung reinrassiger weißer Frauen“
fürchtete.
Dann lud das renommierte französische Institut Pasteur Iwanow nach Westafrika ein und stellte ihm frisch gefangene Affen zur Verfügung: Das Institut unterhielt im damaligen Französisch-Guinea eine Forschungseinrichtung, die sich auf Menschenaffen spezialisiert hatte. Iwanow erhielt die Erlaubnis, seine Forschung dort durchzuführen, und warb die finanziellen Mittel für die Reise im eigenen Land ein. Auch das menschliche Sperma organisierte Iwanow selbst. „Es wurde von einem Mann gewonnen, dessen Alter nicht genau bekannt ist. Auf jeden Fall nicht älter als 30“, schrieb er in sein Notizbuch, aus dem sich der Ablauf des Experiments rekonstruieren lässt. Spermien in die Vagina eines Schimpansenweibchens zu bekommen, erwies sich als schwierig: Schimpansen sind kräftiger als Menschen und schlagen um sich, wenn sie sich bedroht fühlen. Am 28. Februar 1927 im botanischen Garten von Conakry, einer Stadt im westafrikanischen Guinea, wollte er es mit der Unterstützung der russischen Akademie der Wissenschaften, des US-amerikanischen Vereins für den Fortschritt des Atheismus und des Instituts Pasteur dennoch wissen.
Wenn die örtliche Bevölkerung vom Experiment erfahre, könne das „sehr
unerfreuliche Folgen“ haben, notierte er. Nur sein 22-jähriger Sohn stand ihm
zur Seite, er hieß ebenfalls Ilja. Einmal sollte ihn ein Schimpanse so heftig
prügeln, dass er ins Krankenhaus musste. Irgendwie schafften die Iwanows es
offenbar, die Katheter mit den Spermien einzuführen. Nun mussten sie warten. Vermutlich
war ihnen die politische Sprengkraft ihres Experiments bewusst. Ein
Affenmenschenbaby würde die Lehre der Bibel widerlegen, dass dem Menschen eine
Sonderstellung in der göttlichen Schöpfung zustehe. So hoffte ein
Sowjetfunktionär, das Experiment könne Argumente im Kampf gegen die christliche
Schöpfungslehre liefern, ja die Arbeiterklasse von der „Macht der Kirche
befreien“ – knapp zehn Jahre nach der Oktoberrevolution waren in der
Sowjetunion viele Arbeiter und Bauern religiös. Außerdem wäre das
Affenmenschenbaby nicht nur der letzte Beweis für Charles Darwins
Evolutionstheorie, sondern zugleich ein Prestigeerfolg für die Wissenschaft der
Sowjetunion in Konkurrenz zu den Kollegen im Westen.
Das Experiment schlug fehl: Nach wenigen Wochen musste Iwanow einsehen,
dass die Schimpansenweibchen nicht trächtig waren – er weiß noch nicht, dass
diese Kreuzung durch die unterschiedliche Chromosomenanzahl von Menschen und
Affen genetisch unmöglich ist. Er gab jedoch nicht auf und versuchte, das
Experiment erneut zu spiegeln: mit menschlichen Frauen und Affensperma. Er
fragte den Gouverneur von Guinea – damals Teil einer französischen Kolonie -,
ob er in den örtlichen Krankenhäusern heimlich Versuche an Einwohnerinnen
durchführen dürfe. Der Franzose lehnte ab. Iwanow nahm einige Affen mit zurück
in die Sowjetunion, vielleicht mit dem Plan, seine Experimente mit
fortschrittsbejahenden Sowjetbürgerinnen fortzusetzen. Die meisten Primaten
starben jedoch bei der Überfahrt. So scheiterte ein renommierter Biologe mit
einem ethisch fragwürdigen Experiment.
Wissenschaftler
ohne Gewissen?
An dieser Stelle könnte die Geschichte von Iwanow und seinen Affenmenschen schon enden. Denn 1930 fiel Iwanow einer Säuberungswelle zum Opfer und wurde wegen „konterrevolutionärer Aktivitäten“ nach Kasachstan verbannt. Mit seinen Experimenten hatte das wohl nichts zu tun: Unter Stalins Herrschaft verhaftete die Geheimpolizei den Großteil der Eliten – oft völlig grundlos. Zwei Jahre später, am 20. März 1932, starb er in Alma-Ata. Er galt als Wissenschaftler ohne Gewissen, seine Arbeit als Verirrung – zwar zu Unrecht, wie Spezialisten auf dem Gebiet der Fruchtbarkeitsforschung wissen. Doch interpretiert wird er als Monster.
Denn das Experiment sollte der Ausgangspunkt für eine wilde
Verschwörungstheorie werden: Im Auftrag von Sowjetdiktator Stalin habe er
Affenmenschen als Arbeiter oder Krieger gezüchtet und dazu ein geheimes Labor
an der Schwarzmeerküste betrieben: Iwanow, der „Rote Frankenstein“. Stalin
hatte viel davon gesprochen, die Gesellschaft und jeden einzelnen Einwohner
umzubauen, umzugraben, umzukrempeln. Waren Iwanows Kreuzungen Teil von Stalins
Plan zur Schaffung des „neuen Menschen“? Tatsache ist, dass Iwanow den Segen
von Nikolai Petrowitsch Gorbunow hatte, damals Ranghöchster an der Russischen
Akademie der Wissenschaften. Tatsache ist auch, dass er am grundsätzlichen
Gelingen des Experiments festhielt. Ob er aber seine Forschung in die
sowjetische Stadt Sochumi am Schwarzen Meer verlagerte, wird bis heute
bestritten.
Als
gesichert gilt, dass Iwanow eine Gruppe Affen nach Sochumi brachte, Weibchen
und Männchen. Danach verschwimmt sein Treiben wieder im Nebel der Geschichte.
Ließ er tatsächlich menschliche Eierstöcke in ein Weibchen transplantieren? Und
stimmt es, dass er vergeblich versuchte, es künstlich zu befruchten? Bis heute sind
die Antworten unklar. Dies gilt auch für den nächsten Schritt: die künstliche
Befruchtung von Frauen mit Affensperma. Historische Dokumente belegen
anscheinend, dass Iwanow öffentlich nach Freiwilligen suchte. Laut historischen
Aufzeichnungen meldeten sich daraufhin tatsächlich fünf Frauen, und von diesen „Heldinnen
des Vaterlandes“ wurden sogar Fotos verbreitet.
In Sochumi lernten die Wissenschaftler bald, die Affen im Schwarzmeerklima und in Gefangenschaft am Leben zu halten. Sie testeten an den Primaten Antibiotika sowie Impfstoffe gegen Tetanus und Diphtherie. Gemeinsam mit ihren Kollegen vom Raumfahrtprogramm erforschten sie, wie Primaten Schwerelosigkeit verkraften. Iwanow arbeitete dort allerdings nie. Bei seinem einzigen Besuch im Sommer 1928 waren nicht einmal Primaten vor Ort. Ein weiteres Fragezeichen. Doch noch immer tuschelten die Einwohner der Sowjetunion über Stalins Geheimlabor.
Als 1989 die
Sowjetunion zusammenbrach und sich ehemals geheime Archive öffneten, wühlte
sich der Science-Fiction-Autor Jeremei Parnow durch die Akten und fand
angeblich belastendes Material. „Ein Blick in die geheimen Dokumente würde
selbst die Herzen der härtesten Kerle in Angst versetzen“, schrieb er in einem
Text, der in einer russischen Zeitschrift namens Medizinische Mysterien erschien. Er galt rasch als Experte für das
Sochumi-Institut und raunte in Fernsehsendungen über das geheime
Forschungsprogramm, dessen Ziel darin bestehe, „dumme, gehorsame Sklaven
hervorzubringen, die schwere Arbeit verrichten.“ Die angeblich erstrebte
Kreatur nannte er „Yahoo Sovieticus“, in Anspielung auf Jonathan Swifts
Romanklassiker „Gullivers Reisen“, in dem „Yahoos“, menschenähnliche Wesen, die
Sklaven von pferdeähnlichen Wesen sind.
Vermutlich setzte Parnow auch das Gerücht in die Welt, dass Stalin höchstpersönlich in einem Brief ans Politbüro Affenmenschenkrieger bestellt habe. Das russische Staatsfernsehen drehte die Dokumentation „Roter Frankenstein“, die auf einem gleichnamigen Buch des Journalisten Oleg Schischkin basiert. Die Doku kam zu dem Schluss, dass Iwanow keine Affenmenschen gezüchtet hatte. Und doch machte sie die Verschwörungstheorie eher bekannt, als sie einzudämmen. Die meisten Biologen bezweifelten zwar, dass Affen und Menschen überhaupt überlebensfähige Nachkommen zeugen können – über Versuche nach Iwanows Experiment in Afrika ist nichts bekannt. Aber den Boulevardblättern aus den USA, Großbritannien, Italien und Deutschland war das egal. Aus Iwanows Notizen, den Briefen der freiwilligen Probandinnen und Parnows Science-Fiction schufen sie steile Schlagzeilen. Bild etwa titelte: „Irrer Geheimplan enthüllt: Stalin züchtete Affen-Menschen für den Krieg“. So wurde Ilja Iwanow Jahrzehnte nach seinem Tod noch einmal weltberühmt. Nicht wegen seiner zweifellos vorhandenen Verdienste für die Biologie, sondern als Stalins „roter Frankenstein“.
Doch inzwischen ist klar, dass sich derartige Experimente meist nicht nur einem dubiosen Wissenschaftler, einem zweifelhaften Regime zuschreiben und in der fernen Vergangenheit verorten lassen. Bereits 1717 riet Jean Zimmermann in Paris zur Produktion einer Arbeiterschaft ein „leichtes Mädchen“ von einem Orang-Utan bzw. ein Menschenaffenweibchen von Männern schwängern zu lassen. 1889 schlug der Rassismustheoretiker Georges Vacher de Lapouge in Montpellier vor, durch solche Kreuzungen „gelehrige Arbeiter – Halbmenschen – herzustellen“. Er hielt dies für möglich, denn „der Unterschied zwischen Menschenaffen und Menschen ist geringer als z. B. der zwischen Makaken und Langschwanzaffen. Und diese Affen aus unterschiedlichen Familien haben schon mehrfach erfolgreiche Kreuzungen hervorgebracht.“
Der
niederländische Autor und Historiker Piet de Rooy schildert 2015 in seinem Buch
„De Nederlandse Darwin“ die Geschichte von Herman Marie Bernelot Moens (1875 –
1938). Der Anthropologe und Biologielehrer hatte in Deutschland studiert und
war den Theorien von Ernst Haeckel zugetan, einem renommierten deutschen
Zoologen, der zu Zeiten Bismarcks für den Darwinismus und gegen den
Kreationismus der Kirche kämpfte. Laut dem „Biografisch Woordenboek van
Nederland“ wollte Moens Anfang des 20. Jahrhunderts einen gemeinsamen
Nachkommen von Mensch und Affe schaffen, und Haeckel hielt einen Erfolg
angeblich für möglich. Moens wollte damit der Evolutionstheorie handfeste
Argumente liefern und warb öffentlich für sein Anliegen, erntete aber viel
Empörung. In dieser Phase blieb sein Vorhaben 1908 anscheinend stecken.
„halb Mensch, halb Schimpanse“
Einen anderen Weg in dieselbe Richtung nahm ab 1930 Wladimir Petrowitsch Demichow. Der geniale russische Chirurg und Pionier der Transplantationschirurgie führte unter anderem die erste Herztransplantation bei einem Warmblüter, die erste Lungentransplantation und die erste Herz-Lungen-Transplantation in der Geschichte der Chirurgie durch. In der Öffentlichkeit wurde er vor allem durch Operationen bekannt, bei denen er Köpfe und Vorderkörper von und an Hunden verpflanzte. Seine Versuche wurden in der Sowjetunion als „Sputnik der Chirurgie“ bezeichnet. Der südafrikanische Herzchirurg Christiaan Barnard, der 1967 die erste erfolgreiche Herztransplantation bei einem Menschen durchführte, hat 1960 und 1963 Demichows Labor besucht und betrachtete ihn als seinen Lehrer.
Der
Science-Fiction-Autor Gert Prokop kreierte in der DDR der 70er Jahre den
Begriff „Demichont“: einem todgeweihten Senior, der damit den Erbschleichereien
verhasster Angehöriger ein Schnippchen schlagen will, wird der Oberkörper eines
gesunden jungen Mannes transplantiert. Überhaupt erfreuten sich Gedankenspiele
zur menschlichen Optimierung in der Science Fiction des Ostblocks großer
Beliebtheit. Als namhaftester Ahne in dieser literarischen Tradition muss
Alexander Beljajew gelten, der zu Lebzeiten Iwanows „Der Kopf des Prof. Dowell“
(1925) und „Der Amphibienmensch“ (1928) schrieb. In letzterem implantiert ein
Chirurg seinem Sohn Kiemen, da der an einer unheilbaren Lungenkrankheit litt. So
kann er nun an Land und im Ozean leben.
Unklar ist bis heute die Rolle von Erich Traub (1906 – 1985), einem deutschen Veterinärmediziner, der ab 1942 Laborchef in einem NS-Geheimlabor auf der Ostseeinsel Riems war und dessen Forschungen für die biologische Kriegsführung von Bedeutung waren. Er arbeitete von 1949 bis 1955 in Fort Detrick, wo die US-Army ihr Hauptquartier für biologische Kriegsführung hatte, sowie auf Plum Island, wo er mit mehr als 40 tödlichen Keimen arbeitete. Unter anderem wird seinen Aktivitäten auf Plum Island die Verbreitung der Lyme-Borreliose angelastet, er soll aber auch an der Züchtung von Mensch-Schwein-Hybriden im geheimen Labor der Insel beteiligt gewesen sein.
2018 offenbarte der Evolutionspsychologe Gordon Gallup von der New York State University, er wisse von einem „Affenmenschen“, der in den 1920er Jahren im Primatenforschungszentrum Orange Park in Florida geboren wurde: „Sie befruchteten ein Schimpansenweibchen mit menschlichem Sperma und behaupteten, die vollendete Schwangerschaft habe zu einer Geburt geführt“, wird der Forscher zitiert. Nach ein paar Tagen oder Wochen, so heißt es weiter, hätten sie das Neugeborene wegen moralischer und ethischer Bedenken getötet. Auch für den Evolutionsbiologen David P. Barash, Professor für Psychologie an der University of Washington, soll der Mensch der Zukunft halb Mensch, halb Schimpanse sein: „Die Schaffung eines Affenmenschen mittels Genmanipulation ist nicht nur denkbar, sondern könnte eine hervorragende Idee sein. Der Mensch wäre so gezwungen zu erkennen, dass er sich im Grunde nicht von Tieren unterscheidet. Das könnte helfen, dem grotesken Missbrauch von anderen Lebewesen auf der Erde ein Ende zu setzen.“ Mit anderen Worten: Zu einem der umstrittensten wissenschaftlichen Szenarien ist das letzte Wort noch lange nicht gesprochen.
Die Skulptur, die Gottfried Schadow von ihr und ihrer Schwester Friederike
anlässlich ihrer preußischen Doppelhochzeit am Weihnachtsabend 1793 schuf, habe
so viel Erotik ausgestrahlt, dass sie ihr Mann lange vor der Öffentlichkeit
versteckte. In Filmen wurde sie von Hansi Arnstädt, Henny Porten oder Ruth
Leuwerik gespielt. Wie viele Straßen, Plätze, Parks, Schiffe und Institutionen
wie Schulen, Krankenhäuser, Apotheken oder Bäder ihren Namen tragen, ist fast
unüberschaubar und daher strittig. Allein bis zum 1. Weltkrieg erschienen 391
Texte der Trivialliteratur, die ihr Leben würdigten, selbst heute noch
existieren Webseiten zu ihrem Gedenken – Königin Luise von Preußen, die am 19.
Juli vor 210 Jahren starb.
„Sie wär’ in Hütten Königin der Herzen / Sie ist der Anmut Göttin auf dem
Thron“ dichtet August Wilhelm Schlegel und beweist damit, dass lange vor Lady
Diana das geflügelte Wort verbreitet war – für die nach Friedrich dem Großen
meistpopuläre Persönlichkeit Preußens. Ihr früher Tod
sorgte dafür, dass sie in der Vorstellung auch nachfolgender Generationen als
jung und schön in Erinnerung blieb, doch schon zu Lebzeiten erfuhr sie eine
fast kultische Verehrung: als bürgerliche Frau, liebevolle Mutter und
preußische Patriotin, die sich dem Vaterland geopfert hat, als sie dem
legendären Treffen mit Napoleon zustimmte.
Geboren am 10. März 1776 in Hannover als vorletztes Kind von Herzog Karl zu Mecklenburg und Prinzessin Friederike von Hessen-Darmstadt, verlor sie bereits als Sechsjährige ihre Mutter und wurde mit zwei Schwestern 1786 ihrer Großmutter in Darmstadt zur weiteren Erziehung anvertraut. Mit Kosenamen wie „Jungfer Husch“ bedacht, war sie lange kindlich unbefangen, verspielt und bestach durch eine unbekümmerte Frische: Sie sagte, was sie dachte, war unpünktlich und naschte gern und viel – heute würde man sie sicher eine „wilde Hummel“ nennen. Im Unterricht galt sie als lebhaft, vorlaut und aufsässig, zeigte wenig Motivation und, bis auf den Religionsunterricht, eher mangelhafte Leistungen.
Königin Luise. Quelle: Von Josef Mathias Grassi – Stiftung Preußische Schlösser und Gärten, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=64422861
Zeit ihres Lebens konnte sie weder auf Deutsch noch Französisch
fehlerfrei schreiben. Ihr Interesse an geistiger Bildung erwachte erst später,
sie beeindruckte durch natürliche Intelligenz. In einem Brief an Heinrich von
Kleists Cousine Marie schrieb sie: „Möge Gott mich davor bewahren, meinen Geist
zu pflegen und mein Herz zu vernachlässigen“; sie würde eher „alle Bücher in
die Havel werfen“, als den Verstand über das Gefühl zu stellen. Sie reiste viel
und nächtigte 1792, anlässlich der Krönungsfeierlichkeiten für Franz II., den
letzten Kaiser des Heiligen Römischen Reiches, bei Goethes Mutter. Den Festball
in der Botschaft Österreichs eröffnete Luise gemeinsam mit dem jungen Klemens
von Metternich – zugleich ihre Einführung in die Gesellschaft.
„Ikone
einer neuen Bürgerlichkeit“
Monate
später wurde sie mit ihrer jüngeren Schwester dem preußischen König Friedrich
Wilhelm II. vorgestellt, der prompt schrieb: „Ich wünschte sehr, dass meine
Söhne sie sehen möchten und sich in sie verlieben“. Der Wunsch wurde wahr. Zum
ersten Mal traf Luise den 22-jährigen Kronprinzen Friedrich Wilhelm am 14. März
1793, schon am 19. März machte er seinen persönlichen Heiratsantrag. Es war
Liebe auf den ersten Blick. Luises Schwester Friederike verlobte sich
unterdessen mit Prinz Louis, der nach unglücklicher Ehe bereits drei Jahre
später an Diphterie starb.
Ganz anders Luise: noch in der Hochzeitsnacht bot sie ihrem Gemahl das „Du“ an, beide galten als immer verliebtes Traumpaar. Das war für den Hof in Preußen derart ungewöhnlich, dass es als Zeichen einer neuen Zeit gedeutet wird. Und nicht nur das: Luise mischt das nüchterne Berlin auf. „Sie bringt aus Darmstadt süddeutsches Temperament mit; setzt durch, dass zu ihrer Hochzeit der bei Hofe verpönte Walzer getanzt wird, umarmt als Braut ein Bürgermädchen am Wegesrand und treibt die Oberhofmeisterin Sophie Marie Gräfin von Voß, die ihr beibringen soll, wie man sich als preußische Prinzessin zu verhalten hat, zuverlässig an den Rand der Verzweiflung“, ergötzt sich Judith Scholter in der Zeit.
1797, da Kronprinz
Friedrich Wilhelm nach dem Tod seines Vaters zu König Friedrich Wilhelm III. wurde,
begleitet sie ihren Gatten auf seiner Antrittsreise zu den preußischen Ständen,
„um ohne Zwang die Liebe der Untertanen durch […] zuvorkommendes Wesen […]
zu gewinnen und zu verdienen, und so, glaube ich, werde ich mit Nutzen reisen“.
Ein Sekretär der britischen Gesandtschaft schrieb seinen Schwestern: „In der
Berliner Gesellschaft, besonders unter den jüngeren Leuten, herrscht ein Gefühl
ritterlicher Ergebenheit gegen die Königin […] Wenige Frauen sind mit so viel
Lieblichkeit begabt als sie.“ Spaziergänge ohne Gefolge Unter den Linden oder
Besuche von Volksbelustigungen wie dem Berliner Weihnachtsmarkt und dem
Stralauer Fischzug wurden von der Bevölkerung beifällig zur Kenntnis genommen.
Dabei hatten es die Eheleute schwer, übernahmen sie doch einen heruntergewirtschafteten Staat. Friedrich Wilhelm III. möchte im Stile Friedrichs des Großen regieren und setzte sich zum Ziel, den Schuldenberg abzutragen. Aus lauter Sparsamkeit blieb er mit seiner Familie im Kronprinzenpalais Unter den Linden in Berlin wohnen. Luise erhielt nicht den sonst üblichen eigenen Wohnsitz und musste mit einem Etat von 1000 Talern monatlich auskommen. Modisch ehrgeizig, machte sie bald Schulden. Im kleinen Dorf Paretz wurde ein ländliches Schlösschen gebaut, das von Freunden „Schloss Still-im-Land“ genannt wurde, eine ländliche Einsiedelei, in der sich die königliche Familie gern aufhielt, ein bürgerliches Leben führte und sich erholte. Dabei galt der Thronfolger als schüchtern in der Öffentlichkeit, sprachlich wenig ausdrucksfähig und nicht als Freund schneller Entscheidungen. Er soll äußerst unschlüssig gewesen sein und galt zudem als kaum vorbereitet, ein problembeladenes Königreich in schwierigen Zeiten zu regieren. Luise ist 21 Jahre alt, als sie Königin wird.
„Luise war
die Ikone einer neuen Bürgerlichkeit. Damals war es etwas Revolutionäres, heute
ist es der Versuch, in einem Haufen Asche noch einen Krümel Glut zu finden“,
befand Eckard Fuhr in der Welt. Der
König, der die mündliche Konversation gern auf militärische Formeln verknappte,
schrieb seiner Frau poetisch-zärtliche Briefe; beide waren sich treu. Aus dem
Hof verschwanden die Schwärme der Mätressen, neue Empfindsamkeit hielt Einzug. Das
befriedigende Eheleben führte zu fast ständigen Schwangerschaften und insgesamt
zehn Kindern, von denen sieben erwachsen wurden. Prinz Friedrich Wilhelm IV.,
der älteste, folgte seinem Vater als preußischer König nach. Prinz Wilhelm I.,
der Zweitgeborene, wurde 1861 preußischer König und ab 1871 der erste Kaiser
des Deutschen Kaiserreiches. Die älteste Tochter, Prinzessin Charlotte von
Preußen, bestieg als Alexandra Fjodorowna den russischen Zarenthron.
„über unsere Mittel getäuscht“
Für die Dichter, Maler und Bildhauer ist die Familie ein Fest: „Alle Herzen flogen ihr entgegen, und ihre Anmut und Herzensgüte ließen keinen unbeglückt“, schrieb Friedrich de la Motte Fouquè über Königin Luise. Besonders tat sich Novalis hervor mit seinem programmatischen Aufsatz „Glaube und Liebe oder Der König und die Königin“ vom Sommer 1798, dem er eine Reihe überschwänglicher Gedichte an das Königspaar vorangestellt hatte. Friedrich Wilhelm III. lehnte den Text ab, eine Monarchie auf parlamentarischer Grundlage entsprach nicht seinen Vorstellungen. Dennoch blieben Luise und er Hoffnungsträger für die Wunschvorstellungen der Bürger Preußens nach einem Volkskönigtum, in dem die Ideale der Französischen Revolution nach der Überwindung von Standesschranken ohne Terror und Blut Wirklichkeit würden. Zwischen 1798 und 1805 unternahm das Paar mehrere sogenannte Huldigungsreisen zwischen Pommern und Franken und bestieg 1800 die Schneekoppe in Schlesien.
1795 hatte
der alte König noch den Friedensschluss von Basel ausgehandelt, der für ein
Ende der Allianz Preußens mit den anderen Staaten im Ersten Koalitionskrieg
gegen Frankreich bedeutete. Die linksrheinischen Landesteile gingen verloren,
das nördliche Deutschland wurde für neutral erklärt. Preußen kann sich so
einige Jahre aus dem Krieg heraushalten. 1802 und 1805 kommt es zu Treffen
zwischen Friedrich Wilhelm III. und Königin Luise mit Zar Alexander I. von
Russland, den Luise sehr sympathisch findet. Nach der Dreikaiserschlacht 1805 bei
Austerlitz, da Napoleon gegen die Russen und Österreicher gewinnt, sind Preußens
stille Jahre Geschichte. Die Neutralität endete spätestens, als im Juli 1806 in
Paris der Vertrag über den Rheinbund geschlossen wird und Napoleon seinen
Einflussbereich im deutschen Gebiet erhöht. Da Friedrich Wilhelm III. wieder
zögert, dauert es, bis Preußen Frankreich am 9. Oktober den Krieg erklärt – wohl
auch auf Druck von Königin Luise hin: „Ich habe Könige geboren, ich muss
königlich denken: die Ehre der Nation fordert Krieg.“
Nur fünf
Tage später erlitten die schlecht geführten, getrennt kämpfenden preußischen
Truppen bei Jena und Auerstedt vernichtende Niederlagen, die Reservearmee wurde
bei Halle geschlagen, fast alle befestigten Städte ergaben sich kampflos. Keine
20 Tage später zog Napoleon als Sieger in Berlin ein und schmähte Luise noch in
seinen Bulletins. Die traurige, tiefverletzte Königin muss mit ihren Kindern in
mehreren Wochen unter abenteuerlichen Umständen bei widrigem Winterwetter über
Küstrin und Königsberg bis ins abgelegene Memel fliehen und übersteht dabei
einen Typhus. Die nächste Demütigung bereitet ihr der geschätzte Zar, der nach
der verlorenen Schlacht bei Friedland einen Separatfrieden mit Napoleon
aushandelte. Da Preußen drohte, völlig untergebuttert zu werden, schlug Graf
Kalckreuth dem König vor, „dass es von guter Wirkung sein würde, wenn Ihre
Majestät die Königin hier sein könnten, und zwar je eher, je lieber“. Der König
übermittelte den Wunsch, sie sagt zu, „wie eine Bittstellerin vor den Gebieter
der Welt [zu] treten, ohne von ihm eingeladen worden zu sein“, meint Gertrude
Aretz.
Das denkwürdige, rund einstündige Treffen fand am 6. Juli 1807 in Tilsit statt. Karl August von Hardenberg hatte ihr geraten, liebenswürdig zu sein, vor allem als Ehefrau und Mutter zu sprechen und keinesfalls ein betont politisches Gespräch zu führen. Der Zar sprach ihr beruhigend zu und sagte: „Nehmen Sie es auf sich und retten Sie den Staat!“ Als Napoleon eintraf, schien er „zum ersten Mal vielleicht in seinem Leben die Situation nicht zu beherrschen“, schreibt Aretz. Er selbst teilt seiner Josephine nach Paris brieflich mit: „Die Königin von Preußen ist wirklich bezaubernd, sie ist voller Koketterie zu mir. … Ich musste mich tüchtig wehren, da sie mich zwingen wollte, ihrem Mann noch einige Zugeständnisse zu machen. Aber ich war nur höflich und habe mich an meine Politik gehalten. Sie ist sehr reizvoll… Der König von Preussen ist zur rechten Zeit dazugekommen, denn eine Viertelstunde später hätte ich der Königin alles versprochen.“ Während der Unterredung gab sie auf Napoleons Frage, wie die Preußen so unvorsichtig sein konnten, ihn anzugreifen, die oft zitierte Antwort: „Der Ruhm Friedrichs des Großen hat uns über unsere Mittel getäuscht.“
In einem
ebenso bedrückenden wie politisch wachen Brief an ihren Vater vertiefte sie
1808 diesen Gedanken: „Wir sind eingeschlafen auf den Lorbeeren Friedrichs des
Großen, welcher, der Herr seines Jahrhunderts, eine neue Zeit schuf. Wir sind
mit derselben nicht fortgeschritten, deshalb überflügelt sie uns.“ Konkret
erreicht sie nur, dass Napoleon seine Sticheleien gegen sie beendet, politisch
erfolgreich war sie nicht. Zwar blieb Preußen als Staat erhalten, da sich wohl
auch Zar Alexander dafür eingesetzt hatte, um eine Art Puffer zwischen sich und
den Franzosen zu haben. Aber im Frieden von Tilsit vom 9. Juli 1807 verlor Preußen
rund die Hälfte seines Territoriums und seiner Bevölkerung – alle Gebiete
westlich der Elbe und die polnischen Besitzungen. Hinzu kamen die Versorgung
des französischen Besatzungsheeres und Zahlungsverpflichtungen von 400
Millionen Talern. „So arm war der König, dass er und Luise sich von manchem
wertvollen Familienstück, von manchem Schmuckgegenstand trennen mussten. Das
goldene Tafelservice Friedrichs des Grossen fiel in jenen Tagen der Entbehrung
der Münze zum Opfer“, weiß Aretz.
„Meine Gesundheit ist völlig
zerstört“
Die nächsten
Jahre verbringt das Paar in Königsberg. Luise bildet sich, liest viel, versammelte
Künstler und Gelehrte und hat immer wieder mit gesundheitlichen Problemen zu
kämpfen: „Das Klima Preußens ist … abscheulicher, als es sich ausdrücken lässt.
… Meine Gesundheit ist völlig zerstört“, klagt sie in einem Brief an den Bruder.
Einziger Lichtblick war eine Reise von acht Wochen im Winter 1808/09 an den
Zarenhof nach Sankt Petersburg. Über ihre Einflussnahme auf die von Hardenberg
und von Stein angestoßenen preußischen Reformen (Oktoberedikt 1807, Städteordnung
1808) sind die Historiker uneins: sie waltete wohl als wichtigste Beraterin
ihres Mannes, obwohl der ihren Einfluss nicht wahrhaben wollte und ihn ständig
herunterspielte, und setzte sich für den von ihr geschätzten Hardenberg ein, doch
galt sie als politisch eher unbeteiligt.
Erst zum 23. Dezember 1809 erlaubt Napoleon ihre Rückkunft nach Berlin. Sie wird in der festlich illuminierten Stadt triumphal empfangen. Im Sommer war ein Treffen mit ihrem Vater und ihrer Großmutter geplant, das dann ab 25. Juni auf Schloss Hohenzieritz bei Neustrelitz stattfand. Bei der fiebrigen Luise wird eine Lungenentzündung diagnostiziert, von der sie sich nicht mehr erholte. Ihr Mann und die beiden ältesten Söhne waren im Tod bei ihr. Bei der Obduktion fand sich neben einem völlig zerstörten Lungenflügel auch eine Geschwulst im Herzen, „eine Folge zu großen und anhaltenden Kummers“ notiert Gräfin Voß die Aussage der Ärzte in ihrem Tagebuch. Unter großer Anteilnahme der Bevölkerung wurde der Leichnam nach Berlin überführt, drei Tage im Berliner Stadtschloss aufgebahrt, am 30. Juli im Berliner Dom beigesetzt und am 23. Dezember 1810 – genau 17 Jahre, nachdem die damals 17-jährige nach Berlin gekommen war – zu ihrer letzten Ruhestätte überführt: einem Mausoleum, das inzwischen von Heinrich Gentz unter Mitarbeit von Karl Friedrich Schinkel im Park des Schlosses Charlottenburg gebaut worden war und bald zu einem Wallfahrtsort werden sollte, der erst 1947 mit der Auflösung Preußens durch die Alliierten an Anziehungskraft verlor.
Nach ihrem
frühen Tod wurde sie als Verkörperung weiblicher Tugenden und Vaterlandsliebe
geradezu mystifiziert. „Luise sei der Schutzgeist deutscher Sache / Luise sei
das Losungswort zur Rache!“ dichtet Theodor Körner schon 1813. Der König, seit
ihrem Tod ein untröstlicher, gebrochener Mann, stiftet im selben Jahr das
Eiserne Kreuz als Tapferkeits-Auszeichnung und datiert diesen Akt auf den 10.
März zurück, den Geburtstag seiner Frau. Wer immer nun für Preußen kämpft, tut
dies im Namen Luises. „Luise, du bist gerächt“, soll Marschall Blücher auf dem
Montmartre gesagt haben, als er 1814 in Paris einzieht. Preußens
Kriegserklärung gegen Frankreich erfolgt am 19. Juli 1870, also genau am 60.
Jahrestag ihres Todes. Als König kniete Wilhelm I., bevor er in den Krieg zog,
am Sarkophag seiner Mutter nieder; als Kaiser suchte er bei seiner Rückkehr am
17. März 1871 wiederum ihr Grab auf. Nach diesen symbolbeladenen historischen
Vorgängen gehörten Luises Leben und Wirken als „Preußische Madonna“ zu den
unverzichtbaren und systematisch verbreiteten Gründungsmythen des Kaiserreichs,
in der öffentlichen Darstellung führte eine direkte Linie von ihrem sogenannten
Opfertod zum Sieg über Napoleon und zur Reichsgründung.
Auf Anordnung der Schulbehörde fiel an ihrem 100. Geburtstag an allen Mädchenschulen der Unterricht aus. Als Leitbild wurde sie in der Weimarer Republik von politischen Gruppierungen wie der Deutschnationalen Volkspartei in Anspruch genommen, später aber nochmal nicht mehr bei der Werbung für den staatlich angestrebten Kinderreichtum: Das tradierte Bild der passiv leidenden Frau passte nicht in das ideologische Konzept von männlicher Kraft und Härte. Nach 1945 verloren links und rechts der Elbe sowohl der „Erbfeind“-Bezug als auch das Frauenideal – die Personalunion von treusorgender Ehefrau, vielfacher Mutter und unerschütterlich dem Vaterland dienender Dulderin – an Aktualität und Anziehungskraft. Auf einer Königin-Luise-Route kann man seit 2010 zehn Stationen ihres Lebens zwischen Hohenzieritz im Norden und Paretz im Süden besichtigen. Eine vor allem emotional interessante Figur der deutschen Geschichte bleibt sie allemal.
Manchen Menschen spielt das Schicksal unterschiedlich mit – einerlei, ob
mit oder ohne eigenes Zutun. Mal wirft es sie hin und her, lässt sie in einer
regelrechten Achterbahnfahrt in schwindelnde Höhen aufsteigen und mit
atemberaubender Geschwindigkeit wieder abstürzen. Einen der merkwürdigsten
solcher Lebensläufe hatte Johann August Sutter, der als Gründer von „Nueva
Helvetia“ den amerikanischen Pioniergeist wie kaum ein anderer lebte. Das von
ihm urbar gemachte Land bildete die Grundlage für den landwirtschaftlichen
Aufstieg Kaliforniens und gleicht heute noch einem paradiesischen Garten. Doch
was er erarbeitet hatte, verlor er im Zuge des kalifornischen Goldrauschs fast
vollständig und erlitt verarmt und verbittert am 18. Juli 1880 einen Herzinfarkt – auf der Treppe
des Kongreßhauses in Washington, wo er immer noch hoffte, seine Ansprüche
durchzusetzen: Als Mann, den sein Reichtum arm machte.
Geboren am 23. Februar 1803 in Kandern bei Lörrach als Sohn eines Papierfabrikanten, absolvierte er eine kaufmännische Lehre in Basel und kam 1824 nach Burgdorf im Kanton Bern, wo er seine künftige Frau Annette kennen lernte. Bei der Überreichung des Verlobungsgeschenks, einem Seidentuchs, kam ihm seine erste Geschäftsidee: Seidentüchlein bedrucken. Am 24. Oktober 1826 heiratete er Annette, am Tag darauf wird ihr erster Sohn geboren. Vier weitere Kinder, drei Jungen und ein Mädchen, folgten in kurzem Abstand. 1828 eröffnete er mit Mitteln der Schwiegermutter seine „Tuch- und Kurzwarenhandlung“, Anfang der 1830er Jahre wurde Sutter auch Unterlieutenant der Infanterie in der Berner Reserve.
Er wird als jovial, aber auch schlitzohrig beschrieben, der als Angeber
und Tagträumer an der Seite seiner manchmal als griesgrämig charakterisierten
Ehefrau ein biederes Familienleben geführt hat und die Abende oft im
„Kaltwasserleist“ verbrachte – einem Lese-und Diskussionszirkel, in dem nach 20
Uhr kein Alkohol mehr konsumiert werden durfte und der ihm die große weite Welt
näher bringt. Mangelnde kaufmännische Begabung, Betrug durch Geschäftspartner
und die Tatsache, dass er über seine Verhältnisse lebte, führten im Frühjahr
1834 zum Konkurs. Steckbrieflich gesucht, floh er im Mai 1834 über Le Havre in
die USA und ließ seine Familie sowie Schulden von über 50.000 Franken zurück.
„Mit Einverständnis seiner tapferen Frau verliess er Burgdorf bei Nacht und
Nebel“, weiß Roland Hübner, einer seiner Biographen; für andere ließ er sie im
Stich.
Aufbruch
nach Kalifornien
Im Juli 1834 angekommen, führte der umtriebige Sutter erst das unstete
Leben eines mittellosen Einwanderers, machte geschäftlich erfolgreiche und
kontaktbringende Abstecher über Hawaii und das russische Nowo-Archangelsk
(heute Sitka) und etablierte sich als Pelzhändler in Kansas City. Doch es zog
ihn in den „goldenen Westen“, das noch weitgehend unerschlossene Land
„Kalifornien“. Er holte beim Gouverneur die Erlaubnis ein, für zehn Jahre im
Sacramento-Tal zu siedeln, auf einem Gebiet von der Größe des Kantons
Baselland. Zugleich schreitet sein Angebertum voran: Er kleidet sich in
Phantasie-Uniformen, ist etwa „Captain John A. Sutter“, erlogener Hauptmann
a.D. einer königlich-französischen Schweizergarde.
1838 macht er ernst, verkauft, was er hat, begleicht seine Schulden in der Schweiz und rüstet mit dem Rest seines Vermögens einen Schiffstreck aus, der, nach der Landung, in der weiten kalifornischen Ebene zunächst von den Mokelumne-Indianern bedroht wird, die wegen ihrer Giftpfeile gefürchtet sind. Sutter verbietet zu schießen und geht allein den Indianern entgegen, verhandelt mit ihrem Häuptling und sichert einen „vorläufigen Frieden“, so dass die Expedition ungeschoren kalifornischen Boden betreten kann. 1839 hat sich Sutters Karawane auf über 400 Büffelwagen mit Zelten, Werkzeugen, Kleidern, Lebensmitteln, Waffen und Munition sowie Geschenken für die Wilden vergrößert. Hinzu kommen Hunderte von Pferden, Kühen, Büffeln und als Deckung ein langer Zug von Allround-Gesellen, die es ins kalifornische Abenteuer lockte.
Ohne Verzug ging es seit Juni 1839 ans Bauen: Sutter erweist sich als
Planer ersten Ranges, tatkräftig unterstützt von einigen vortrefflichen
Handwerkern und Bauern aus aller Welt, die er wie ein Magnet angezogen und um
sich versammelt hatte. Er berechnet und vermisst sogleich die erste Siedlung,
die er „Fort Sutter“ nennt, die Ortschaft ringsherum soll „Suttersville“
heißen. Lehm ist genügend vorhanden, so dass man außer Holz auch solide von der
Sonne getrocknete Ziegel verwenden kann: Wirtschaftsgebäude, Stallungen,
Kornkammern, Schulen, Kasernen, Werkstätten, Schmieden, Tischlereien, eine
Gerberei und vieles andere mehr entstehen.
Die Tiere bevölkern Weideflächen, die für die 30-fache Viehmenge reichen
würden. Wild gibt es ebenfalls reichlich. Auch monetär bewährt sich das
Geschick Sutters: Den anfänglichen Bargeldmangel behebt er durch Prägung von
„Suttergeld“, einfache Blechtaler, die er in seinen Schmieden anfertigen lässt,
und wofür man in den Läden von Sutterland alles kaufen kann. Der Handel
entfaltet sich in unglaublichem Tempo, Wege, Kanäle, neue Umschlagplätze werden
geschaffen, denn Sutter versorgt jetzt auch Hafenstädte von Sitka bis Lima mit
seinen Waren.
Er gründet den „San Francisco Reporter“ und ruft die „San Francisco Bankers Union“ ins Leben, bestellt Obst- und Weinreben aus Europa, die er neben ausgedehnten Orangen-, Zitronen-, Weizen-, Korn-, Spargel- und Tabakplantagen auf den Hügeln von Sacramento anzupflanzen beginnt. Sein „Reich“ wächst und wächst, die ersten ausgesetzten Sorten tragen bis zu fünfmal mehr als in Europa. Er hat Mühe, genügend Viehhalter für die inzwischen auf mehrere zehntausend Stück angewachsenen Rinder- und Pferdeherden zu finden. Zugleich vertrieb er die ortsansässigen Indianer und gründete die Stadt Sacramento als Verwaltungssitz.
Der Traum von einem „eigenen Reich“, von einer kleinen Schweiz im
kalifornischen Paradies, scheint Wirklichkeit zu werden:
„Neu-Helvetien-Sutterland“ ist in voller Blüte, ein gut ausgebildetes
Militärkorps sichert den Frieden. Man nannte ihn „Captain“, und er durfte sich
als der „Kaiser von Kalifornien“ fühlen: „Ich war alles: Patriarch, Priester, Vater,
Richter. Im Fort herrschte militärische Zucht“, erinnert er sich später. Nicht emigrierende Indianer rekrutiert er für seine Mannschaft
und schafft ihre „Vielweiberei“ ab: „Ich stellte Männer und Mädchen in je einer
Reihe einander gegenüber. Dann befahl ich den Mädchen, eines nach den andern
vorzutreten und aus der Reihe der Männer einen Gatten auszuwählen. Den
Häuptlingen erlaubte ich ebenfalls nur eine oder höchstens zwei Frauen.“
„Gold ist das einzige Gesetz“
1841 erhält Sutter vom mexikanischen Gouverneur Don Juan Alvarado „das
Land am Sacramento“ mit über 12 Leguas, etwa 6.000 Quadratkilometer, als „erbliches
Eigentum legal verschrieben“, mit dem „souveränen Recht, selbst Besitzrechte zu
verleihen, das oberste Richteramt auszuüben, Pässe auszustellen und oberster
Kriegsherr zu sein.“ Das Land rings um den Zusammenfluss von Sacramento und
American River wurde „Nueva Helvetia“ benannt und umfasste die gesamte
fruchtbare Landschaft zwischen dem Küstengebirge und der Sierra Nevada. Einige
Jahre später ziehen die Russen ab, die hier Pelzhandel betrieben, und verkaufen
ihm vorher Bodega und Fort Ross mit allen ihren reichen Besitzungen und
Ländereien. Sutter verfügt damit über den größten Privatbesitz im Süden
Nordamerikas.
Er baut die „Hockfarm“, einen vornehmen Landsitz, der für seine ihm nun nachziehende Familie aus der Schweiz und später als Alterssitz gedacht ist. Doch im Vertrag von Guadalupe Hidalgo, der den Mexikanisch-Amerikanischen Krieg beendete, fiel das Gebiet des heutigen Bundesstaats Kalifornien (damals Oberkalifornien) und damit auch Neu-Helvetien 1848 an die USA. Sutter wird Amerikaner und ist ein Mitunterzeichner der Verfassung Kaliforniens, das dann 1850 als 31. Bundesstaat in die Union aufgenommen wird.
Bei Coloma am Südarm des American River lässt Sutter ein Sägewerk durch
seinen Zimmermeister James W. Marshall errichten. Der steht am 28. Januar 1848 atemlos
vor seinem Chef: Er sei beim Graben des Abflusskanals für die Sägemühle auf
golden schimmerndes Gestein gestoßen. Er vermute, das sei Gold. Es war welches.
Sutter war sich der Brisanz dieser Entdeckung bewusst und versuchte, sie geheim
zu halten – vergeblich. Der berühmte Kalifornische Goldrausch begann und löste
eine unvergleichliche Zunahme der Bevölkerung aus, denn Hunderttausende
strömten nach dem „neuen El Dorado“. Zwischen 1848 und 1849 wuchs allein San
Francisco von 1.000 auf 25.000 Einwohner.
Die ohnehin fragile staatliche Ordnung im fernen Westen brach unter dem Ansturm zusammen, die Glücksritter ruinierten Sutters Imperium. Goldgräbersyndikate schießen aus dem Boden und betreiben ihre unsauberen Geschäfte, indem sie Parzellen im Goldgräbergebiet, ohne einen Rechtstitel zu besitzen, an die goldsüchtigen Digger verpachten. „Was wissen diese Horden schon von Sutters verbrieften Rechten? Was schert sie sein altmodisches Bauernparadies? Sie schlagen ihre Zelt- und Hüttensiedlungen auf seinen Feldern, in seinen Hainen auf. Rücksichtslos hacken sie die Fruchtbäume um, nehmen die Bretter der Sägewerke, schlachten sein Vieh und nisten sich in den verlassenen Farmen ein. Gold ist das einzige Gesetz, das die Menschen anerkennen“ entsetzt sich sein Biograph Siegfried Hagl.
Sutter liefen die Arbeiter davon; auch die Soldaten, die er anforderte. Bevor
sich der verzweifelte Patriarch umsieht, haben sich über 17000 kleine Siedler (sog.
„Squatter“) auf seinen Ländereien eingenistet, ganz zu schweigen von den
Leuten, die „seine Wassermühlen, Sägewerke, seine Schiffe, Hammerwerke und
Bauernhöfe fortgenommen haben. An allen Wasserläufen entstehen wilde
Ansammlungen von Goldgräberdörfern: künstliche Bretterkanäle, Waschbecken,
Schüttelwerke, Gruben und das dazugehörige Gewucher von ‚Saloons‘, Spielhöllen,
Hütten und Tanzlokalen“, beschreibt Otto Zierer die Situation. Doch Sutter strengt eine Monsterklage an und fordert vom Bundesstaat Kalifornien
Schadenersatz.
„Tod dem
Sutter“
1855 dann die Urteilsverkündung im Operntheater von San Francisco. Kurz
zuvor wurde Sutter von General Riley in Würdigung seiner Verdienste um
Kalifornien zum General befördert und ihm der goldene Säbel der kalifornischen
Miliz verliehen: „Bürger von San Francisco, Kalifornier, stimmt mit mir ein in
den Ruf: Es lebe General Sutter!“ Und die Menge brach in ein Freudengeschrei
aus, immer wieder tönt es: „General Sutter, General Sutter!“ Doch nach der
Urteilsverkündung schrie die gleiche Menge: „Tod dem Sutter“. Denn das Gericht
hat die Rechtmäßigkeit aller Ansprüche und Forderungen Sutters sowie die
Unversehrbarkeit aller seiner Ländereien bestätigt, was ihn als Eigentümer des
Bodens von San Francisco und des goldreichen Gebiets abermals zum reichsten
Mann der Erde machte. Doch jeder fühlte sich betroffen und an seiner Goldader
angezapft, es kam zum Aufruhr: Die Bevölkerung akzeptierte den Urteilsspruch
nicht und brannte den Justizpalast nieder. Seine Söhne wurden gelyncht, Sutter
konnte sich mit seiner Frau knapp retten.
Er beginnt, sich ins Elend zu trinken. Zwischendurch versucht er sich als Hotelier. Während die Zuwanderer früher bei ihm im Fort gratis übernachten durften, verlangt er nun 100 Dollar pro Nacht und Person. Als ein Landstreicher, dem Sutter aus Mitleid Unterkunft angeboten hat, ihn bestiehlt, lässt Sutter ihn auspeitschen. Der Landstreicher revanchiert sich, indem er die Hock-Farm anzündet. Mit dem Herrenhaus werden alle persönlichen Gegenstände Sutters zu Asche. Er sieht ein, dass er Kalifornien verlassen muss, zieht mit seiner Frau nach Pennsylvania, wo er auch begraben liegt, und reist oft ins nahe Washington, um sich mit seinen Anwälten zu besprechen, die vor dem amerikanischen Kongress Sutters Recht auf Entschädigung einfordern sollen.
Der Prozess zieht sich in die Länge, vor allem die Juristen verdienen jetzt. De iure hat er Recht, de facto wird er arm trotz seiner Rente als General. Er nahm zwar weiter Anteil an vielen Geschehnissen Kaliforniens und gilt auch als Mitinitiator des Bahnbaus zwischen dem Atlantik und dem Pazifischen Ozean. Doch bald war er nur noch von dem einen Gedanken besessen, sein Recht durchzusetzen. Als Relikt aus der inzwischen vergangenen Pionierzeit, das keiner mehr ernst nahm, schlägt er sich zwei Jahrzehnte um den Justizpalast herum und stirbt kurz vor der endgültigen Kongressentscheidung. Seine Frau folgt ihm nur Monate später ins Grab.
Familiengrab auf dem Friedhof der Herrnhuter Brüdergemeine in Lititz. Quelle Von Bohemianroots – Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=2629783
Sutters
Persönlichkeit wird unterschiedlich beurteilt. Nicht alle Autoren sehen in ihm
das unschuldige Opfer des „Gold Rush“, das zwangsläufig scheitern musste. Sein
Verhalten war zwiespältig. Er hörte nicht auf den Rat ehrlicher Freunde, ließ
sich von Gaunern betrügen, vergraulte kompetente Mitarbeiter und verstand
nicht, seine Geschäfte ehrlich und anständig zu führen. „In entscheidenden
Situationen fehlten ihm menschliche Größe, Bescheidenheit und Zuverlässigkeit,
was aufgrund seines Lebenslaufes fast zu erwarten war“, befindet Bernard R. Bachmann
in der NZZ. So verstand er auch nicht, sich wenigstens als Händler an
dem Goldrausch zu beteiligen, wozu er eigentlich beste Voraussetzungen hatte.
„Fort Sutter“ wurde an gleicher Stelle eins zu eins wieder aufgebaut und ist heute Gedenkstätte für den „Gründer Kaliforniens“. Stefan Zweig hat ihm mit der Skizze „Die Entdeckung Eldorados“ in seinem Essayband „Sternstunden der Menschheit“ (1927) ein bleibendes literarisches Denkmal gesetzt. Ein filmisches Denkmal setzte ihm Luis Trenker 1936 mit seinem Film „Der Kaiser von Kalifornien“. „Sutter`s Gold“ nannte ein Züchter namens Swim seine Mitte des 20. Jahrhunderts in den USA gezüchtete gelb-orange Rose: überreich blühend, stark duftend und, da anspruchslos, für Anfänger geeignet.
Der Ex-Notenbankchef der USA, Alan Greenspan, fand es verblüffend, dass
unsere heutigen Vorstellungen von der Wirksamkeit des Marktes und des freien
Wettbewerbs im Wesentlichen schon in seinen Gedanken enthalten seien. Der indische Philosoph Amartya Sen bezeichnete seinen Beitrag für
unser Verständnis dessen, was später Kapitalismus genannt wurde, als monumental
und nannte seine Erkenntnisse bis zum heutigen Tag bedeutend. Ganz anders der
US-Ökonom Murray Rothbard, für den er den theoretischen Unterbau für den
Marxismus gebildet, die Fortschritte seiner Vorgänger negiert und die
Wirtschaftswissenschaften auf den falschen Weg gebracht habe. Der so
polarisiert, heißt Adam Smith und gilt als Begründer der klassischen
Nationalökonomie. Am 17. Juli vor 230 Jahren starb er in Edinburgh.
Zuvor hatte er im Beisein einiger Freunde alle Notizen und Manuskripte
verbrannt, um zu verhindern, dass er der Welt etwas Unfertiges überlässt. Sein
Freund, der Philosoph David Hume, beschrieb ihn in einem Brief: „Sie werden in
ihm einen wahrhaft verdienstvollen Mann finden, wenngleich seine sesshafte,
zurückgezogene Lebensweise sein Auftreten und Erscheinungsbild als Mann von
Welt getrübt hat.“ Er lebt nicht nur auf der 20-Pfund-Sterling-Note der Bank of
England sowie gleich zwei Adam-Smith-Preisen zweier Ökonomie-Institutionen weiter,
sondern vor allem in seinen Texten, die bis heute in vielen
Wirtschafts-Studiengängen Pflichtlektüre sind.
Geboren am 5. Juni 1723 in Kirkcaldy in der schottischen Grafschaft Fife, hatte er eine enge Bindung zu seiner Mutter Margaret, mit der er bis zu ihrem Tod 1784 lebte: Vater Adam sen., ein Rechtsanwalt und Zollkontrolleur, war vor der Geburt seines Sohnes gestorben. Im Alter von vier Jahren soll das schwächliche Einzelkind entführt, doch schon nach kurzer Zeit wieder nach Hause gebracht worden sein: Die Entführer hätten ihn bei der Verfolgungsjagd verloren. Er besucht die Burgh School in Kirkcaldy und studierte ab seinem 14. Lebensjahr Philosophie und Ökonomie – damals ein Teilgebiet der Moralphilosophie, das sich „Lehre vom richtigen Haushalten“ nannte. Zunächst blieb er drei Jahre an der Universität Glasgow, mit einem Stipendium weitere drei am Balliol College in Oxford. Die Atmosphäre im beschaulichen Oxford empfand er im Vergleich zu Glasgow als rückständig; unter seinen Kommilitonen hatte er kaum Freunde.
Adam Smith. Quelle: Von Autor unbekannt – author: مايكل هارتdate: 2012-06-11, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=19857903
Nachdem er 1746 nach Kirkcaldy zurückgekehrt war, aber keine Anstellung
fand, konnte er 1748/49 in Edinburgh eine Serie thematisch breit gefächerter öffentlicher
Vorlesungen halten – damals eine Voraussetzung für eine Tätigkeit als
Universitätsdozent. Zeitgenossen berichten über riesigen Andrang. Spätestens 1751
wurde er im Alter von nur 27 Jahren Professor für Logik an der Universität
Glasgow und folgte 1752 als Professor für Moralphilosophie seinem Lehrer Francis
Hutcheson nach. Das Fach deckte ein weites Spektrum von Theologie über
politische Ökonomie bis hin zu Ethik ab. Smith‘s Unterrichtsniveau galt als
hoch, er war einer der ersten, die statt Latein als Unterrichtssprache Englisch
nutzen. In dieser Zeit freundete er sich mit Hume an: Als er in Oxford beim
Lesen eines Buches von Hume erwischt wurde, hatte er dafür einen Tadel erhalten.
Professor
und Privatlehrer
1759 erschien sein erstes großes Werk, die „Theorie der ethischen Gefühle“
(„The Theory of Moral Sentiments“), das sich mit der menschlichen Natur und
ihrem Verhältnis zur Gesellschaft befasste und ihn rasch bekannt machte. Im
Mittelpunkt steht die „Sympathie“ des Menschen – sie sei die moralische
Begründung des Kapitalismus. Als Gefühl ermögliche sie erst die Bildung von
Gemeinschaften und sichere so das Überleben. „Wie selbstsüchtig der Mensch auch
immer eingeschätzt werden mag, so liegen doch offensichtlich bestimmte
Grundveranlagungen in seiner Natur, die ihn am Schicksal anderer Anteil nehmen
lassen“, schrieb er.
Damit entpuppte er sich als Aufklärer und stellte sich gegen das etwas rohe Weltbild, das sich z. B. in Thomas Hobbes’ „Leviathan“ manifestiert. Die Fähigkeit der Selbstkritik, glaubte Smith, hält die egoistischen Züge im Zaum. Da diese Fähigkeit als Kontrollinstanz nicht ausreiche, forderte er Gesetze, die ein Ausufern der Eigenliebe in hemmungslose Selbstsucht verhindern sollen. Die Gesellschaft sollte aber auf keinen Fall das Streben nach persönlichem Wohlstand unterdrücken. Die Eigenliebe, die uns von der Geburt bis zum Grab begleite und ohne die freie Marktwirtschaft undenkbar wäre, sei ein positiver Charakterzug, eine Eigenschaft, die Achtung verdiene. Diese Theorie machte Smith schlagartig bekannt.
Vier Jahre später legte er seine Professur nieder und begleitete den Sohn
des Duke of Buccleuch, Henry Scott, als Privatlehrer auf eine fast dreijährige
Bildungsreise durch Frankreich und die Schweiz – der Job war finanziell
lukrativer und brachte Smith eine lebenslange Rente von 300 Pfund Sterling
jährlich ein. Die Reise lieferte ihm viele neue Erkenntnisse und vor allem
Bekanntschaften, darunter mit Voltaire, Diderot und d’Alembert. Zugleich hatte
er Muße zum Lesen und Schreiben – die ersten Entwürfe seines Hauptwerks fallen
in diese Zeit. Die Reise musste 1766 abrupt abgebrochen werden, da der jüngere
Bruder des Herzogs, der an dieser Reise teilnahm, plötzlich erkrankte und kurz
darauf starb. Nach seiner Rückkehr nach Kircaldy schreibt er „Der Wohlstand der
Nationen“ („An Inquiry into the Nature and Causes of the Wealth of Nations“)
fertig, das Buch erscheint 1776.
Zwei Jahre später beruft ihn Premierminister Lord Frederick North zum
Zollkommissar von Schottland, das Amt übte er bis seinem Lebensende aus. Im
Kampf gegen militante Tee- und Branntweinschmuggler soll er rigoros agiert
haben: In Briefen ist überliefert, wie er das Militär zu Hilfe rief und
zusammen mit seinen Kollegen an der Küste alte Schiffsrümpfe als
Truppenstützpunkte einrichten ließ. Innerhalb von zwei Jahren gelang ihm die
Sanierung des schwer maroden schottischen Geldwesens. Smith machte mehreren Frauen
Heiratsanträge, die jedoch alle abgelehnt wurden, und so steckte er sein Geld
in karitative Projekte und baute eine ansehnliche Privatbibliothek auf. Anekdoten
berichten von einer vorwiegend geistigen Existenz: Er soll zeitlebens
Selbstgespräche geführt haben und auch einmal im Schlafanzug durch Edinburgh
gegangen sein. Drei Jahre vor seinem Tod wird er noch zum Lord Rector der
Universität Glasgow ernannt. Er liegt auf dem Canongate Kirkyard in Edinburgh
begraben, wo seit 2008 vor der St.-Giles-Kathedrale ein Denkmal an ihn
erinnert.
„durch
eine unsichtbare Hand geleitet“
Sein 900seitiges Hauptwerk „Wohlstand der Nationen“, das Greenspan als
eine der größten Errungenschaften der Geistesgeschichte pries, ist zunächst
eine Art eklektische Enzyklopädie des ökonomischen Wissens der Zeit. Darin
verhandelte Smith fünf Hauptthemen: neben den Rollen von Arbeitsteilung und
freiem Markt auch Fragen der Verteilung, des Außenhandels und der Rolle des
Staates. Mit seinen Ansichten vollzog er zunächst einen Paradigmenwechsel vom Merkantilismus,
der typischen Wirtschaftsform zu Zeiten des Absolutismus, hin zum Liberalismus.
War bis dahin vorrangiges Ziel, den Reichtum der herrschenden Fürsten vor allem
durch den Export von Fertigwaren zu maximieren, um die stehenden Heere, aber
auch den wachsenden Beamtenapparat und nicht zuletzt die Prunkbauten der
Herrscher zu finanzieren, setzt Smith auf die Bedeutung freier Produzenten sowie
die Rolle von Käufer und Preis.
Zunächst erklärt und rechtfertigt er den internationalen Handel. Mit der Theorie des absoluten Kostenvorteils beweist er, dass es sich für jedes Land lohnt, mit seinen Nachbarn Handel zu treiben, und wendet sich damit gegen die protektionistischen Wirtschaftsauffassungen seiner Zeit, die besagten, möglichst wenige Waren zu importieren, um die Produktion im eigenen Land nicht durch Konkurrenz aus dem Ausland zu gefährden. Für Smith bestimmt sich der Wert einer Ware durch die Arbeitsstunden, die zu seiner Produktion nötig waren. „Sie enthalten den Wert einer bestimmten Menge Arbeit, von der wir zum Zeitpunkt des Erwerbs annehmen, dass sie die gleiche Menge Arbeit enthält, wie das Gut, das wir erwerben.“ Durch den Wettbewerb des freien Marktes stimmt der Preis am Ende mit dem Wert der Ware überein – niemand kann mehr verlangen, als die Produktion der Ware ihn wirklich an Arbeit gekostet hat. Unterschiede im Preis einer Ware hängen also mit einer unterschiedlichen Produktivität der Länder zusammen.
Grundlegend war seine positive Beurteilung des menschlichen
Erwerbsstrebens. Smith forderte, die Regulierung der Produktion dem Markt
selbst zu überlassen. Aufgrund des Preises, das heißt durch die Verbraucher,
solle entschieden werden, was produziert wird. Um die Bedürfnisse der Käufer
optimal zu befriedigen, müsse ein Wettbewerb freier und rechtlich gleicher
Produzenten herrschen. Nicht dem Wohl der Produzenten, sondern dem der Käufer
sollte die neue Wirtschaftsordnung dienen, in die der Staat möglichst wenig
eingreifen dürfe. Smith forderte die Abschaffung von Preis- und Lohnordnungen,
von Zünften, Privilegien und Monopolen – also die Freiheit für alle
Produzenten, Art und Umfang der Produktion selbst zu bestimmen (Freie
Marktwirtschaft). Allerdings reicht die Liste der von Smith für gerechtfertigt
erachteten Staatseingriffe von der Regulierung des Bankgeschäfts und der
Kontrolle der Zinsen über Steuern zur Eindämmung des Alkoholkonsums bis hin zur
Förderung der Kunst.
Das Ziel war eine dynamische Wirtschaftsordnung, angetrieben durch das „natürliche“ Erwerbs- und Besitzstreben des Menschen und die Konkurrenz der Produzenten. Der Wettbewerb würde für reelle Preise sorgen und eine stete Innovation erzwingen, das heißt eine Verbesserung der Produkte und Produktionsmittel, die Fortentwicklung der Arbeitsteilung – und damit des „Wohlstands der Nationen“: Der einzelne habe „weder die Absicht, das öffentliche Interesse zu fordern noch weiß er, wie sehr er es fördert … Er beabsichtigt nur seinen eigenen Gewinn, und er wird dabei, wie in vielen anderen Fällen, durch eine unsichtbare Hand geleitet, die ein Ziel befördert, das nicht Teil seiner Absichten war.“ Diese berühmt-berüchtigte Metapher, die die vielen Einzelinteressen zum Gemeinnutzen zusammenfügt, ist nun in Tatsachen erfahrbar, „auch wenn ihr Wirken in der Realität durch Interventionen so sehr abgelenkt wird, dass es kaum noch auffindbar ist“, meinte Ralf Dahrendorf schon 1984 in der Zeit.
Das Buch erlebte bis zur Jahrhundertwende neun Auflagen und wurde auch rasch ins Deutsche übersetzt, doch blieb seine Wirkung hier begrenzt. Hardenberg berief sich zwar gerne auf Smith, doch sah die deutsche Schule der Nationalökonomie in ihm den britischen Individualisten, der die Aufgaben des Staates verkannte, dessen Interessen deutsche Ökonomen näherstanden als der unsichtbaren Hand. Für Marx und Engels war der „ökonomische Luther“ ein „Inbegriff kapitalistischer Ideologie; sie priesen ihn, um ihn in der Kritik umso tiefer zu stürzen“, so Dahrendorf. Der Knackpunkt: Smith verteufelt nicht den Unternehmergewinn, sondern verteidigt ihn als lebensnotwendig. Denn weil ein Unternehmer auch künftig Gewinne erwirtschaften will, investiert er in Arbeit nicht aus Nächstenliebe dem Arbeitsuchenden gegenüber, sondern wegen seiner Gewinnziele. Er schafft keine Arbeitsplätze aus Mitgefühl, sondern im Hinblick auf seinen Gewinn, er denkt bei der Investition nicht ans Gemeinwohl, sondern nur an sein eigenes Interesse (self-interest). Diese Kopplung von Eigennutz und Wohlfahrt ist der entscheidende Gedanke der liberalistischen Wirtschaftstheorie.
Dennoch betrachtete Smith Fabrikanten und Kaufleute mit großer Skepsis, sah in ihnen zuweilen „Verschwörer“, die die Preise hochtreiben und die Löhne niedrig halten. So forderte er Gewerkschaften, denn der einzelne Arbeiter hat gegen diese „Kaste“ keine Chance. Sein Traum war ein sittlich reifer, moralischer Kapitalismus. „Die altruistische Forderung der utilitaristischen Ethik, nach der eine Handlungsweise gut genannt wird, deren Folgen geeignet sind, das größtmögliche Glück für die größtmögliche Zahl zu erreichen, wird bei Smith nicht um den Preis des Egoismus erreicht, sondern vermittels des Egoismus“, bilanziert Josef Bordat 2007 auf dem Webportal philosophieren. Der Grazer Volkswirtschaftsprofessor Heinz D. Kurz verweist vor allem auf Smith‘ Erkenntnis, dass eine Gesellschaft „zwar ohne Wohlwollen auskommen kann, die Vorherrschaft von Ungerechtigkeit sie jedoch letztlich zerstören muss“. Das klingt hochaktuell.
Ein oft bemühter Vergleich im letzten Jahrhundert lautete: Was den
Deutschen ihr Maybach, ist den Briten ihr Rolls-Royce. Das mag auf die Marke
zutreffen, keinesfalls aber auf alle genannten Personen, denn wirklich
vergleichen konnte man nur die Techniker und Tüftler Carl Maybach und Henry
Royce. Charles Rolls dagegen war als Verkäufer und Kapitalgeber dafür
zuständig, die Ideen seines Kompagnons an den Mann zu bringen – „eindeutig der
schillerndste der beiden“, befindet Harald Huppertz auf dem Portal autogazette. Der Co-Gründer
einer der luxuriösesten Automarken der Welt starb am 12. Juli vor 110 Jahren
als erster Brite, der bei einem Flugzeugabsturz ums Leben kam.
Geboren wurde er am 27. August 1877 bei London nach zwei Brüdern und
einer Schwester als Nesthäkchen von John Allan Rolls und seiner Frau Georgiana.
Seine ältere Schwester Eleanor soll sich als eine der Gründerinnen der Women‘s
Engineering Society und als begeisterte Heißluftballonfahrerin einen Namen
machen. Sein Vater, ein konservativer Landwirt und örtlicher Mäzen, wurde 1892
als Baron Llangattock in den Adelsstand erhoben und stieg 1894 zum
Provinzgroßmeister der Freimaurer auf. Seine Loge stand unter dem Motto:
Celerias et Veritas (Geschwindigkeit und Wahrheit) – das sollte auch seinem
Sohn wegweisend werden.
Über Charles Kindheit und Jugend ist wenig bekannt außer, dass er sich für Motoren begeisterte. Laut Huppertz war er so geizig, dass er sich von Freunden bei Reisen mit dem Zug den Zuschlag erster Klasse bezahlen lässt. Als 19jähriger kauft er sich 1894 einen Peugeot Phaeton – in Wales gab es damals nur noch zwei weitere Fahrzeuge mit Verbrennungsmotor. Rolls wird zum Mitbegründer des Automobile Club of Great Britain, der versucht, die enormen Beschränkungen des unseligen Red Flag Act loszuwerden. Das Gesetz schrieb vor, dass ein Gefährt ohne Pferde oder ein Automobil mit einer Geschwindigkeit von maximal 4 Meilen (ca. 6,4 km/h) in der Stunde fahren durfte. Innerhalb der Ortschaften betrug das Limit gar nur 2 Meilen pro Stunde. Bei jedem Automobil mussten zwei Personen zum Führen des Fahrzeugs anwesend sein, und ein Fußgänger hatte voraus zu laufen, der zur Warnung der Bevölkerung eine rote Flagge (red flag) tragen musste. 1896 wurde das Gesetz gekippt.
Charles Rolls. Quelle: Von Unbekannter Fotograf – National Motor Museum via Heritage Image, PD-alt-100, https://de.wikipedia.org/w/index.php?curid=3232373
Charles, der als charmanter Typ mit nicht geringer Wirkung bei den Frauen
gilt, aber unverheiratet bleiben wird, schließt ein Studium am Trinity College
in Cambridge als Ingenieur ab und gründet nach einem Intermezzo auf einem
Dampfschiff im Januar 1903 eine Werkstatt und einen Laden in London. Sein Vater
borgte ihm das Startkapital von 6.600 Pfund. Schon abseits der Universität trug
er am liebsten einen ölverschmierten Blaumann: Unter seinen Kommilitonen und
Professoren handelt er sich deshalb den Spitznahmen „Dirty Rolls“ – „Schmutziger
Rolls“ ein. Die Firma heißt „C. S. Rolls“ und erhält bald einen „Co“, weil dem
Firmengründer der Handel mit französischen („Panhard“) und belgischen („Minerva“)
Automobilen und deren Reparatur über den Kopf wächst. Denn er ist als einer der
ersten Rennfahrer Englands auch auf dem Kontinent erfolgreich. 1903 stellt er
einen Geschwindigkeitsrekord auf: 152 Stundenkilometer. Zugleich war er der
zweite Brite, der vom 1901 gegründeten Royal Aero Club eine Fluglizenz bekam.
„mach es
noch besser“
Seit der Unternehmensgründung auf der Suche nach einer britischen
Automarke, die er in sein Programm aufnehmen wollte, genügten die Fahrzeuge der
damaligen Zeit Charles‘ hohen Qualitätsansprüchen nicht. Da kommt ein Zufall zu
Hilfe. Geschäftspartner Claude Johnson, sein „Co“, kennt den Konstrukteur Henry
Royce, der bislang mit Elektromotoren experimentierte und jetzt sein erstes
Auto entwickelte. Drei Prototypen „Royce 10 hp“ sind bereits gebaut, als
Johnson am 4. Mai 1904 ein Treffen von Royce und Rolls im Midland Hotel in
Manchester arrangiert. Bei diesem Treffen machte Rolls auch eine Probefahrt mit
dem brandneuen Wagen und war von der Qualität des Fahrzeugs überzeugt. Die
Gentlemen besiegelten ihre Kooperation sofort per Handschlag.
Ohne feste Verträge begann die Serienproduktion des Royce 10 hp, der nun mit wenigen Modifizierungen als Rolls-Royce 10 hp vermarktet wurde: Der Kühler erhielt die typische „Tempel-Form“, die seit 1974 offiziell als Warenzeichen eingetragen ist und ausschließlich durch Rolls-Royce verwendet werden darf; auch die Namensplakette wurde geändert. 1904/1905 wurden 17 Fahrzeuge dieses Modells gebaut. Auch der 20 hp wurde in dieser vertragslosen Zeit entwickelt und als Rolls-Royce in Serie gebaut und verkauft (1904–1906: 37 Stück). Erst am 23. Dezember 1904 wurde vertraglich fixiert, was schon monatelang praktiziert wurde: C.S. Rolls & Co. bekam die Alleinverkaufsrechte für alle Fahrzeuge, die Royce Ltd. baute. Verkauft werden sollten die Fahrzeuge unter dem Namen Rolls-Royce, obwohl C.S. Rolls & Co. und Royce Ltd. zur Firma Rolls-Royce Ltd. mit Sitz in Manchester erst am 15. März 1906 fusionierten. Das inoffizielle Motto der Firmengründer lautete: „Nimm das Beste, was es gibt, und mach es noch besser.“
Auf der Autoshow in Paris, die zur Zeit der Vertragsunterzeichnung stattfand,
wurden erstmals die neuen Autos präsentiert – angetrieben von Zwei-, Drei- und
Vierzylinder-Motoren. Die schwachbrüstigen Antriebe blieben freilich Episode,
schnell wurde ein – allerdings wenig erfolgreicher – V8 konstruiert, danach
erschien bereits 1906 der 40/50 HP, ein Sechszylinder mit deutlich verlängertem
Chassis. Schon bei diesem Modell war klar zu erkennen, was die Kernwerte der
Marke Rolls-Royce werden sollten: Gediegenheit, Laufruhe und, vor allem,
Zuverlässigkeit. Aus einem dieser 40/50-Modelle entstand ein Jahr darauf der
berühmte Silver Ghost, ein Auto, das dem weit verbreiteten traurigen Schwarz im
zeitgenössischen Automobilbau leuchtendes Silber entgegenhielt. Nicht von
ungefähr hießen spätere Modelle Silver Cloud, Silver Shadow oder Silver Spur.
Zwischen 1906 bis 1928 wurden vom Ghost 6.173 Stück zum Preis von 305
englischen Pfund verkauft. Das luxuriöse Fahrzeug verschaffte dem Unternehmen
den Ruf, das schnellste, leiseste und teuerste Automobil der Welt zu bauen: „Mochten
manche Marken aus Deutschland, Frankreich und USA … mehr Zylinder und
ausladender designte Karosserien mit Art-Deco-Elementen bieten, stilvolleres
und zuverlässigeres Fahren als mit einem Rolls-Royce fand sich nirgendwo“, befand
die Welt. Der als „Lawrence von
Arabien“ berühmt gewordene Lt. Col. T.E. Lawrence schrieb in seinem Buch „Die
sieben Säulen der Weisheit“: „Ein Rolls-Royce in der Wüste ist mehr wert als
Rubine“. Derweil geht Charles mit den Fahrzeugen der eigenen Firma auf die
Rennstrecke. Seine hierbei gewonnenen Erkenntnisse fließen in die Produkte
seiner Mechaniker ein. 1906 gewinnt er mit einem der ersten Ghosts die „Tourist
Trophy“ auf der Isle of Man. Er hat 27 Minuten Vorsprung vor seinem nächsten
Verfolger. Nachdem Claude Johnson es 50.000 Meilen gefahren ist, nennt er es „das
beste Auto der Welt“.
Erster
über dem Ärmelkanal
Aber Rolls will noch höher hinaus und widmet sich verstärkt der Fliegerei. Am 26. Dezember 1908 demonstrierte Charles die Möglichkeiten der Ballonfahrt: Er startete mit dem Ballon „Mercury“ mit weiteren vier Personen, darunter auch seine Mutter, in Monmouth, landete auf dem Rasen vor seinem Elternhaus und stieg nach dem Essen wieder auf. Nach dem Überqueren eines Gebirgszugs landete er in Blaenavon. Bei der Landung waren sämtliche Taue am Ballon gefroren. Er regt seinen Partner an, auch Flugzeugmotoren zu konstruieren, doch erst 1914 stieg Rolls-Royce mit dem Hawk in den Flugmotorenbau ein, der später mit Typen wie dem Rolls-Royce-Merlin bald den größten Teil der Geschäftstätigkeit ausmachte. Während des Zweiten Weltkriegs waren ca. 50 Prozent der alliierten Flugzeuge mit Motoren von Rolls-Royce und seinen Lizenznehmern ausgestattet.
Parallel zu seiner Ballonfahrt entwickelt Rolls für die Gebrüder Wright
einen Flugzeug-Stabilisator. Am 2. Juni 1910 überquert er mit einem
Wright-Doppeldecker den Ärmelkanal und fliegt nonstop auch wieder zurück – als
erster Mensch der Welt. Nur Tage später nimmt Rolls, wieder mit seiner
Wright-Maschine, die inzwischen ein neues Heck hat, an einem
Präzisionsflugwettbewerb im englischen Bournemouth teil. Er war bereits am
Morgen seines Todestags mit seinem Doppeldecker eine Wettbewerbsrunde geflogen,
landete dabei aber mit 24 Meter Abstand deutlich weiter vom Ziel als ein
Konkurrent mit 13 Metern. Obwohl die Gebrüder Wright das neue Heck des
Flugzeugs noch nicht geprüft und abgenommen haben, startet er mittags bei
schlechtem Wetter erneut. Das Heck bricht, Rolls stürzt aus ca. 30 Fuß Höhe ab,
und beim Aufprall explodiert der Motor. Charles stirbt noch am Unfallort an
inneren Quetschungen.
Den Einstand der legendären Kühlergrillfigur „Spirit of Ecstasy“ nur Monate später erlebte er nicht mehr. 1931 übernahm Rolls-Royce den Konkurrenten Bentley und meldete 40 Jahre später selbst Insolvenz an, die durch die britische Regierung abgewendet wurde. In einem Bieterstreit setzte sich zunächst VW durch und kaufte das Unternehmen für 1,44 Milliarden Mark, ehe kurze Zeit später BMW den Luxus-Hersteller übernahm, in dessen Besitz sich Rolls-Royce noch heute befindet. 2019 wurden weltweit 5.152 Fahrzeuge ausgeliefert, 25 Prozent mehr als im Vorjahr. Wichtigster Einzelmarkt für Rolls-Royce sind heute die USA, die für rund ein Drittel des weltweiten Absatzes stehen. Erst dahinter folgen China und Europa. Insgesamt verkauft Rolls-Royce seine Fahrzeuge mit 135 Händlern in über 50 Ländern. Darüber hätte sich Charles Rolls heute sicher gefreut.
Er galt als einer der wichtigsten Vorkämpfer der modernen Architektur in
Deutschland, als „Baumeister der deutschen Demokratie“, Verfechter eines Bauens
ohne jede Status- und Machtsymbolik, allen Herrschaftsstrukturen gegenüber
skeptisch. „Die erstrebenswerte Ordnung unserer Gesellschaft möchte ich nicht
in geometrische Klein- und Großraster, sondern eher in ihrer möglichen Vielfalt
gespiegelt sehen“, sagte er einmal. Als er vor 10 Jahren, am 12. Juli 2010, in
Stuttgart starb, erschien eine Fülle bewegender Würdigungen zu seinem Schaffen.
Der Spiegel titelte „Der Mann, der Deutschland ein junges Gesicht gab“.
Wie kein anderer habe er „Demokratie und Freiheit in eindrucksvolle Bauten
übersetzt“. Seine Arbeit prägt bis heute den Stil jüngerer Generationen: Günter
Behnisch.
Seine Skepsis gegen autoritäre Systeme und hierarchische Mächte wurzelte für viele in seiner Biografie. Geboren am 12. Juni 1922 als zweites von drei Kindern eines SPD-nahen Volksschullehrers in Lockwitz bei Dresden, zog er 1934 mit seiner Familie nach Chemnitz um: sein aus politischen Gründen kurzzeitig verhafteter Vater wurde dorthin strafversetzt. Nach der Reifeprüfung meldete er sich mit 17 Jahren, drei Monate nach Kriegsbeginn, am 1. Dezember 1939 freiwillig zur Marine als Offiziersanwärter und wurde nach dem Ausbildungslager auf der Ostseeinsel Dänholm und dem Besuch der Marineschule in Flensburg zum Leutnant zur See ernannt. Zuerst als Wachoffizier auf einem U-Boot eingesetzt, wurde er 1944, mittlerweile zum Oberleutnant zur See befördert, mit 22 Jahren einer der jüngsten U-Boot-Kommandeure der deutschen Kriegsmarine.
Nach Übergabe und Überführung seines U-Bootes U 2237 an die Engländer
ging er bis November 1946 in Kriegsgefangenschaft. Sein Entschluss, eine
Architekturausbildung aufzunehmen, entsprang einem Zufall. Während des Krieges
habe er in einem Hotel im italienischen La Spezia ein Buch gefunden; es „handelte
davon, wie man Häuser konstruiert. Der Krieg war zu Ende, und irgendetwas
musste ich ja machen.“ Ende 1946 kehrte Behnisch nach Deutschland zurück und
kam zunächst bei einem ehemaligen Kriegskameraden in Osnabrück unter, wo er ein
viermonatiges Praktikum als Maurer bei der Baufirma Hagedorn absolvierte. Sein
Versuch, ein Architekturstudium an der Universität in Hannover aufzunehmen,
scheiterte jedoch. An der TH Stuttgart dann konnte er 1947 endlich „irgendetwas
machen“ und Architektur studieren. 1952 eröffnete er sein Büro in der
baden-württembergischen Landeshauptstadt, daneben heiratet er und wird mit
seiner Frau drei Kinder bekommen. Er bleibt ihr und der Stadt bis zu seinem Tod
treu.
„Durchsichtigkeit ihrer geistigen
Ordnung“
Renommee erwarb er schnell mit einer Vielzahl von (Hoch-)Schulbauten und
Sporthallen in dem Bundesland, darunter dem Schulensemble in Lorch, dem
inzwischen denkmalgeschützten Hohenstaufengymnasium in Göppingen und der
Fachhochschule in Aalen. Die am Hang über Terrassen gestaffelten Bauten der
1959 fertig gestellten Vogelsang-Schule mit ihrem sorgsam gefügten
Sichtmauerwerk sind noch Ausdruck der Stuttgarter Tradition – und weisen doch
schon weit darüber hinaus. Denn zu dieser Zeit experimentierte er bereits mit
Rasterfassaden und Fertigteilen. Die Fachhochschule Ulm wurde 1963 als erstes
größeres Bauprojekt aus vorgefertigten Elementen gebaut. Lastende Schwere und
übertrieben lange Achsen waren für Behnisch ebenso tabu wie extreme Symmetrie –
und deshalb war zum Beispiel der Berliner Reichstag für ihn lange ein „Monster“,
ein Ausbund „wilhelminischer Machtarchitektur“. Er wollte es anders machen.
Seine Architektur charakterisiert sich durch die Verwendung neuer Materialien
wie Stahlbeton, Stahl, Glas oder Acryl. Gegenüber älteren Bauweisen mit natürlichen
Materialien wie Holz und Stein zeichnen sich diese neuen Baustoffe durch hohe Leistungsfähigkeit,
Präzision und kurze Bauzeiten aus. Seine U-Boot-Zeit verleitete später viele
Architektur-Kritiker dazu, seinen Baustil – offene Gebäude, meist mit viel Glas
– als Kontrapunkt zur klaustrophobischen Kriegserfahrung unter Wasser zu
deuten. Unsinn, beschied der Meister und sagte der Zeit: „Meine Liebe
fürs Licht kommt von ‚Brüder, zur Sonne, zur Freiheit’“, dem berühmten
Arbeiterlied. Während lange Zeit die tragende Struktur identisch war mit der
Begrenzung des Raumes, führte Behnischs neue Bauart zur Einführung der
Skelettkonstruktion.
Der sorgsame Umgang mit der Landschaft, mit den Baustoffen und den Ressourcen der Natur war Behnisch Pflicht und selbstverständlich, schon Jahrzehnte bevor man vom „ökologischen Bauen“ sprach. In einem Text von 1965 beschwor er „den faszinierenden Ausblick und die Hoffnung auf eine Architektur, die im Gegensatz zur kalten Pracht der Architekturmonumente und im Gegensatz zur Geistlosigkeit der Architekturstile immer lebendig sein wird, die nie fertig sein wird, die anbaut, abreißt, ändert, erneuert, und die ihre Schönheit nicht von einem übergestülpten System sogenannter harmonischer Maße bezieht, sondern von der Durchsichtigkeit ihrer geistigen Ordnung“. In seinen Worten zeichnete sich schon jene Spaltung ab, die auf der einen Seite in die technische Perfektion industriell gefertigter Großprojekte führte, von denen sich Behnisch bald nachdrücklich distanzierte. Und sie waren bereits ein Hinweis auf seine späteren Experimente mit der Eigensinnigkeit, auch Gegenläufigkeit von Strukturen. Die Architektur sollte dem Menschen dienen, der Mensch in der Architektur leben, nicht von ihr beherrscht werden. Kompromisse lehnte Behnisch immer ab: „Ich will nicht mehr ins Mittelmäßige hineingezogen werden“, zitiert ihn der Spiegel.
1966 wurde die Architektengruppe Behnisch & Partner gegründet, die
Behnisch unter wechselnden Namen jeweils mit einem oder mehreren Partnern
führte und erst 2005 auflöste. 1967 übernahm er bis zu seiner Emeritierung die
Nachfolge Ernst Neuferts auf dem Lehrstuhl für Entwerfen, Baugestaltung und
Industriebaukunde an der TH Darmstadt. Gleichzeitig wurde er Direktor des
dortigen Instituts für Normgebung. Im Wettbewerb um die Bauten für die
Olympischen Spiele in München entschied er sich für das Abenteuer eines
Entwurfs, der im Preisgericht zunächst als „unbaubar“ galt: ein weiträumig
modelliertes Gelände wird mit einer scheinbar schwebenden Zeltlandschaft
überdacht, dabei höchst funktional allen Anforderungen der Wettkämpfe tauglich
und zudem für die Gäste aus aller Welt ein unvergesslicher Erlebnisraum der intendierten „Heiteren Spiele“, die dann ob
des PLO-Anschlags so heiter doch nicht wurden. Die virtuose Inszenierung der
Heterogenität von Materialien, Elementen und Strukturen machte die Qualität
dieses Projekts auf dem Münchner Oberwiesenfeld aus, das Behnisch schlagartig
weltbekannt machte.
„Werkhalle der Demokratie“
In rascher Folge realisierte er jetzt bis zur Wiedervereinigung weitere namhafte Projekte: das Studien- und Ausbildungszentrum sowie die Landesgeschäftsstelle der Evangelischen Landeskirche Württemberg in Stuttgart, die Zentralbibliothek der Katholischen Universität in Eichstätt, das Bundespostmuseum/ Museum für Kommunikation in Frankfurt, das Hysolar Forschungs- und Institutsgebäude der Universität in Stuttgart, den Marco-Polo-Tower sowie die Unilever-Zentrale in Hamburg und das Nationale Centrum für Tumorerkrankungen in Heidelberg. 1982 wurde Behnisch Mitglied der Akademie der Künste in Berlin in der Sektion Baukunst. 1984 wurde ihm von der Universität Stuttgart die Ehrendoktorwürde verliehen.
Sein zweites prestigeträchtiges Großprojekt nach München – den Wettbewerb dazu hatte er bereits 1973 gewonnen – war der Umbau des Zentralbereichs und des Plenarsaals des Deutschen Bundestages in Bonn – auch wenn der erst fertig wurde, als der Umzug nach Berlin bereits beschlossen und im Gang war. Die transparent gestaltete „Werkhalle der Demokratie“ (Behnisch) war damals das modernste Parlamentsgebäude der Welt. 1989 gründete sein Sohn Stefan Behnisch ein Zweigbüro in Stuttgart, das 1991 eigenständig wurde und inzwischen unter dem Namen Behnisch Architekten weltweit agiert.
1991 wurde er zum Ehrenprofessor an die Internationale Akademie der Architektur in Sofia berufen, ein Jahr darauf zum Ehrenmitglied der Königlichen Vereinigung der Architekten in Schottland. Im gleichen Jahr wurde er auch Ehrenmitglied des Bundes Deutscher Architekten (BDA). 1996, inzwischen mehrmals nach Dresden zu Besuchen und Architekturwettbewerben zurückgekehrt, wurde er Gründungsmitglied der Sächsischen Akademie der Künste, deren Klasse Baukunst er bis 2000 leitete. Zu seinen Dresdner Arbeiten gehörten der Bau des futuristisch anmutenden Katholischen St.Benno-Gymnasiums sowie das „Blumenhaus“, ein Wohn- und Geschäftskomplex im Rahmen des Wiederaufbaus des Neumarkts rings um die Frauenkirche. Seinen Dialekt legte er übrigens zeitlebens nicht ab.
Nach dem Entwurf zur Umgestaltung des Bayerischen Landtags von Günter Behnisch sollte das Maximilianeum in München eine gläserne Krone erhalten: ein Plenarsaal aus Glas. Der Entwurf wurde 2000 im Wettbewerb um die Neugestaltung des Sitzungssaales mit einem Sonderpreis bedacht. 2001 eröffnete das von ihm entworfene Museum der Phantasie – auch Buchheim-Museum genannt – am Starnberger See. Zwei Jahre zuvor ging sein Kontrollturm am Nürnberger Flughafen in Betrieb – seinerzeit der modernste Deutschlands. Sein drittes und zugleich letztes, und umstrittenstes, Großprojekt war der Neubau für die Akademie der Künste in Berlin, den er zusammen mit Werner Durth von 1999 bis 2005 für 56 Millionen Euro errichtete.
Er folgte auch hier seinem Prinzip des „transparenten Bauens“ – mit einer Glasfassade zum Pariser Platz und offenen Etagenübergängen im Inneren, was zu akustischen Problemen im Alltag führte und Kritik auslöste. Schon in der Entwurfsplanung gab es Konflikte mit den Berliner Stadtplanern, weil die Bausatzung an der historischen Stelle der Hauptstadt eigentlich keine durchgehende Hightech-Glasfassade erlaubte. Aber „ich bin gar nicht erst auf die Idee gekommen, da eine Steinfassade zu machen“, sagte Behnisch seinerzeit. „Wir wollten schon gar keine Assoziationen an die Großkotzigkeit der Hitler-Architektur und der wilhelminischen Architektur wecken.“ Die gigantomanischen Macht-Klötze der NS- und Kaiserzeit, so fürchtete er, feierten ein schleichendes Comeback in der neuen Hauptstadt. Er sei „traumatisiert von den ideologischen Architekturinszenierungen der Nazis“ und empfinde einen „heftigen Widerwillen gegen das Zurschaustellen steinerner, lastender Baumassen“, zitiert ihn das Portal baunetz.
Für Behnisch waren historisierende Bauten wie das Stadtschloss reine
Sicherheitsarchitektur, die eine spießig-konservative Sehnsucht nach
Gemütlichkeit bediente, wo doch eigentlich Wagnisse gefragt waren. Ein
Sentiment, das er nur mit lakonischer Bissigkeit kommentieren konnte: „Wenn es
jemand nach Gemütlichkeit verlangt, soll er sich eine Katze anschaffen.“ Berlins
Senatsbauverwaltung stellte fest, dass „Undichtigkeiten an der vertikalen
Fassade“ das Bauwerk schädigten. In den Archivräumen machte sich beizeiten
Schimmel breit, so dass die umfangreichen Bestände der Akademie seit Jahren in
einem Lager am Westhafen untergebracht sind. Eine andere Erklärung, bekannte
Behnisch freimütig, sei seine landsmannschaftlicher Tradition, die ihn mit
Berlin nie so recht warm werden lasse: „Ich bin ein Sachse, und wir haben immer
zusammen gegen die Preußen gekämpft – und haben immer verloren. Friedrich der
Große, das war ja ein Räuber. Die Österreicher waren mir immer sympathischer.
Die kennen das auch, das Laufenlassen und das Schauen-wir-mal-wie’s-Geht.“
„Heiter und ernst“
1999 war Behnisch Mitglied der Bayerischen Akademie der Schönen Künste in München und 2006 Ehrenmitglied der Architektenkammer Keyseri in der Türkei geworden. Er starb zu Hause, wo ihn seine Frau in den letzten Jahren gepflegt hat. Nach mehreren Schlaganfällen war er halbseitig gelähmt und auf Hilfe angewiesen, jedoch bis zum Schluss ansprechbar gewesen, sagte sein Sohn der FAZ: „Er hatte ein langes, erfülltes Leben.“ Eines ist den Gebäuden Günter Behnischs immer gemeinsam: Er entwickelte seine Grundrisse nie von außen, immer von innen mit einem offenen, der Kommunikation dienenden Mittelpunkt, um den die funktionalen Bereiche gruppiert wurden und so einen vielgliedrigen, von optischer Transparenz und Öffnung nach außen geprägten Baukörper bilden. Große Kubaturen werden aufgelöst in Linien und Flächen, geschlossene Mauern weichen filigran gegliederten Glasfassaden, das „große Ganze“ wird fragmentiert zugunsten der Vielfalt. Seine Entwürfe orientierten sich in erster Linie nicht an Formen und Fassaden (deshalb war für ihn die neuere Berliner Architektur überwiegend „Angeberei“), vielmehr strebte er Räume und Raumfolgen an, welche die Nutzer mit ihren Aktivitäten „besetzen“ können.
In bester moderner Tradition suchte er für lebendig interpretierte Bedürfnisse das richtige Maß zu finden, wie er es besonders für Schulen forderte: „Heiter und ernst, geordnet und neu geordnet, individuell und eingefügt ins Ganze.“ Behnisch kannte nach eigener Aussage weder die Zahl seiner Auszeichnungen noch die Zahl errungener Architekturpreise, darunter wiederholt der Deutsche Architekturpreis. „Die Preise sind wichtig für meine Mitarbeiter, die sich jahrelang mit einem Projekt beschäftigen, und für die Eigentümer“, sagte er einmal, „nicht für mich“. Schön sei es, als Architekt einiges mitbestimmen zu können. Und das hat er getan.