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Rund 800 Millionen Stück gehen hierzulande pro Jahr über die Theke, und so viele wie noch nie waren im Februar auch beim Neuwieder Currywurst-Festival am Start: mehr als 150 Wurstsorten und gut 300 Soßen – darunter gar eine asiatische Variante mit Erdnusssoße – wurden von den 44 Imbiss-Ständen offeriert. Den Fastfood-Klassiker selbst gab es auch in ungewöhnlichen Variationen, etwa als Lamm-, Wildschwein- und Heckrindwurst – oder vegan. Vor 70 Jahren, am 9. September 1949 wurde die Ur-Currywurst in Berlin erfunden.

Currywurstfestival Neuwied. Quelle: https://cdn1.spiegel.de/images/image-951031-galleryV9-sdwe-951031.jpg

Wenn andere Quellen auch vom 4. oder 7. September sprechen, ist das meteorologisch aber eher unwahrscheinlich: So lachte am 4. die Sonne über Berlin. Denn glaubt man Hertha Heuwer, hat es am Nachmittag des Erfindungstags junge Hunde geregnet. Sprich: die resolute Imbissbudenbesitzerin konnte nach dem Reinemachen von ihrem Stand an der Ecke Kant-/Kaiser-Friedrich-Straße in Berlin-Charlottenburg in Ermangelung eines Schirms nicht unbeschadet weg.

Also nutzte sie die Zeit, mit den wenigen Zutaten zu experimentieren, die sie ihren Kunden als Beilage zu ihren Würsten anbieten konnte, da ihr der Senf ausgegangen war: Tomatenmark, Worcestershiresoße, Currypulver und andere, strengstens geheim gehaltene Gewürze. Heraus kam eine Soße, die Heuwer zehn Jahre später unter dem Namen „Chillup“, ein Kofferwort aus Chilli und Ketchup, beim Patentamt in München anmeldete (Nr. 721319) und deren Rezept sie 1999 leider mit ins Grab nahm.

Heuwer in ihrem Imbiss: https://www.bz-berlin.de/data/uploads/2014/09/106919220_f68a8613ee-e1471721322794-768×432.jpeg

Einen Tag später begann sie ihre Kreation über gebratene, kleingeschnittene Brühwürste zu gießen. Auf die Idee kam sie durch ihren Mann, der damals für die Amerikaner arbeitete. Die pflegten auf ihre riesigen T-Bone Steaks, aber auch ihre kleinen Hot Dogs Unmengen von Ketchup zu gießen, was offensichtlich gut schmeckte. Da T-Bone Steaks für die Nachkriegsberliner schlichtweg zu teuer waren, machte sie aus der Not eine Tugend, badete ihre Würste in der selbstgemachten Soße, und fertig war das „Steak des kleinen Mannes“, das sie mit Holzspießchen anbot.

„Currywurst“ oder „Bratwurst mit Curry“

Das zieht sofort die Frage nach sich, welche Wurst es denn sein musste. Beantwortet wird sie durch den Erfindungsreichtum eines Sachsen. Der Fleischer Max Brückner aus Johanngeorgenstadt experimentierte an einer Wurst ohne Darm, da Naturdarm damals knapp und teuer war. Normalerweise wird die Fleisch-Fettmasse, das Brät, in den Darm gespritzt und dann fest. Brückner nun fand eine Methode, das Brät direkt ins 80 Grad heiße Wasser aus einer Wurstbrätspritze zu geben und dabei in Form zu halten. Dieses Geheimnis brachte er mit nach Berlin, wo er sich 1949 unter dem Namen „Maximilian“ selbstständig machte, die Herstellung mit seinem ebenfalls sächsischen Partner Frank Friedrich perfektionierte und den Verkauf dieser Wurst als „Spandauer ohne Pelle“ startete. Heuwer zählte als enge Familienfreundin von Frank Friedrich zu den ersten Kunden von „Maximilian“.

Später wurde die Darmfrage ein Politikum: die Westberliner Currywurst wie überhaupt alle westdeutschen war überwiegend eine mit Pelle, die Ostberliner aus Mangel an Naturdärmen eine ohne – Scherzbolde deuten das als Hinweis auf die hüllenlose FKK-Kultur der DDR. Dem Kultimbiss „Konnopke“  auf der Schönhauser Allee, der 1960 die Ost-Wurst eingeführt hatte, widmete die Kultband „Silly“ um Tamara Danz 1983 den sexuell doppelbödigen Song „Heiße Würstchen“.

1967 wurden dann die schon 16 Jahre zuvor zwischen Behörden und Fleischerinnung abgesprochenen Anforderungen zur Beschaffenheit der Berliner Currywurst festgeschrieben: eine feine, nicht gepökelte und nicht geräucherte Bratwurst mittlerer Qualität mit einem maximalen Fremdwasserzusatz von fünf Prozent. Einfache Qualitäten oder andere Würste dürfen daher nicht als „Currywurst“ angeboten werden, sondern beispielsweise als „Bratwurst mit Curry“ oder „Dampfwurst mit Curry“.

Konopkes Imbiss. Quelle: https://cdn2.site-media.eu/images/1680,1298×710%2B118%2B60/1424327/DSCF9960_CE_16x9.jpg

Der Erfolg der Wurst ließ nicht so lange auf sich warten: Hertha Heuwers Imbiss zog in ein Ladenlokal mit Garküche in der Kaiser-Friedrich-Straße 59 in der Nähe des Busbahnhofs im Rotlichtviertel des Stuttgarter Platzes „Stutti“ um und entwickelte sich dort zu einer Institution: Sie hatte Tag und Nacht geöffnet und beschäftigte in ihren besten Zeiten bis zu 19 Verkäuferinnen. Die Firma Kraft bemühte sich um das Rezept und das Markenrecht, was Heuwer allerdings ablehnte. Seit 2003 befindet sich am ehemaligen Standort (heute: Kantstraße 101) eine Gedenktafel. Auf Anregung der Nichte Hertha Heuwers mixte Frank Friedrich aus diesem Anlass die Soße nach und produziert und vertreibt sie unter dem Namen „Chil-MAX“ bis heute.

„aus meiner Schlossküche“

Allerdings ist diese historische Version, der auch das nicht mehr existente Berliner Currywurstmuseum folgte, nicht die einzige. So beharrt der Erzähler Uwe Timm felsenfest darauf, seine erste Currywurst bereits 1947 in Hamburg gegessen zu haben. In seiner Novelle „Die Entdeckung der Currywurst“ erzählt er 1993, wie die Hamburgerin Lena Brücker zwei Jahre nach Kriegsende zufällig die herzhafte Würzwurst schuf. Als sie – in der einen Hand Curry, in der anderen Ketchup – auf einer Treppe stolperte, geschah das Wunder: Beide Zutaten vermengten sich zu jener Soße, die die Currywurst erst zur Currywurst macht. Von da an verkaufte die Romanheldin das Zufallsprodukt auf dem Hamburger Großneumarkt, und von dort aus begann dann die Brutzelspezialität ihren Siegeszug: mindestens zehn Minuten in 150 Grad heißem Öl im Ganzen gebraten und jede Minute gewendet.

Diese Version wurde auch als Comic, Hörspiel und 2008 als Film bekannt gemacht, von Gert Rüdiger in seinem Buch „Currywurst. Ein anderer Führer durch Berlin“ allerdings rundweg abgelehnt, nicht zuletzt mit Berufung auf Heuwers Zitat: „Ich hab‘ das Patent – und damit basta!“ Trotzdem hängt auch in Hamburg mittlerweile eine Gedenktafel für die Erfinderin. Der Streit flammte im November 2009 neu auf, als die „Curry Queen“ in der Erikastraße in Hamburg-Eppendorf von der Restaurantbibel Gault Millau zur besten Currywurst-Destination Deutschlands erklärt wurde. Berlin war sauer.

Curry Queen mit Ehrung. Quelle: https://media1.faz.net/ppmedia/aktuell/reise/485402694/1.903113/format_top1_breit/den-olymp-der-haute-cuisine.jpg

Eine dritte Version kam im Herbst 2018 auf. Danach könnte die Currywurst bereits 1946 im niedersächsischen Bückeburger Schloss an der Grenze zur Nordrhein-Westfalen NRW kreiert worden sein. Alexander Fürst zu Schaumburg-Lippe behauptete in BILD: „Die Currywurst kommt aus meiner Schlossküche.“ Der bereits verstorbene Sauerländer Küchenmeister Ludwig Dinslage soll die Currywurst im September 1946 erstmals im Speisesaal des Schlosses serviert haben – und zwar britischen Offizieren. Der Sohn des Küchenmeisters führt als Beleg auch einen Zeitungsbericht vom 12. September 1984 an, in dem Ludwig Dinslage rückblickend über seine neue Kreation von 1946 berichtet.

Diese Version wiederum könnte die Verbreitung der Wurst im niedersächsischen Wolfsburg erklären – sowohl im VW-Werk als auch dem VfL-Stadion. 6,3 Millionen Curry-Würste produzierten die Mitarbeiter der Werksfleischerei 2015 – übrigens nur mit Schweinebacke, -speck und -bauch von deutschen Bauern – und übertrafen damit die Autoproduktion bei weitem. Das Besondere: Die Wurst hat gerade 20 Prozent Fettanteil, enthält weder Phosphate, Glutamat oder Milcheiweiß, was sie schön bissfest macht, und wird bereits während der Herstellung mit Curry gewürzt. Die Normalversion ist 22 Zentimeter lang, die kürzere, die bei Heimspielen des VfL Wolfsburg und bei VW als Lady-Version offeriert wird, 12,5. Auch der Handel (Edeka) und Drittkunden wie Porsche in Leipzig bieten sie an.

„Curry mit Pommes Schranke“

Und diese Version könnte erst recht die Verbreitung im benachbarten NRW erklären, von der keine eigene überliefert ist. Im Ruhrpott gilt sie inzwischen als heimisches Produkt, besungen von Herbert Grönemeyer nach einem Text von Diether Krebs, -zigfach verspeist in den „Tatort“-Folgen mit Götz „Schimanski“ George und geadelt mit Wortschöpfungen wie „Schimanski-Teller“, „Mantaplatte“ oder „Assischale“. Bestellt wird mit der Ansage: Curry mit Pommes Schranke. Was so viel heißt wie Currywurst mit Pommes frites, Ketchup und Mayonnaise. Inzwischen spießen sie auch die neuen Kölner Kommissare Ballauf (Klaus J. Behrendt) und Schenk (Dietmar Bär) regelmäßig an der Deutzer Rheinbrücke auf die Plastikgabel.

Currywurst Schranke im Tatort. Quelle: https://www.goethe.de/resources/files/jpg824/artikelbild3-formatkey-jpg-w983.jpg

Die Landes-SPD war übrigens in den Landtagswahlkampf 2012 mit dem Slogan „Currywurst ist NRW“ gestartet – gerade im Ruhrpott ein Symbol für besondere Volksnähe. Der Slogan ging als Sieger aus einem Wettbewerb hervor, zu dem die Partei im Internet aufgerufen hatte. In der Parteizentrale gab es damals Currywurst für alle. Gratis, versteht sich. Resultat: Hannelore Kraft gewann, und zwar haushoch. Auf dem politischen Parkett outete sich auch Alt-Kanzler Gerhard Schröder (SPD) gern als Currywurst-Liebhaber: Beim Staatsbesuch des US-Präsidenten George W. Bush im Mai 2002 standen Eintopf aus Flusskrebsen, Apfelstrudel und Currywurst auf dem Speiseplan.

Weiter südlich hat der Snack bis heute kaum Chancen. Nach den Frankfurter Würstchen im Rhein-Main-Gebiet als erstem Bollwerk wirkt der Weißwurst-Äquator als natürliche Grenze. Der Osten setzt die echten Thüringer Rostbratwürste und die Halberstädter Würstchen dagegen. Noch weiter südlich ist man aufgeschlossener: Inzwischen wird die Wurst sogar in Kundus, Afghanistan, serviert, zubereitet von einem ehemaligen Bundeswehr-Koch.

Chili statt Curry

Doch in Berlin genießt sie nach wie vor Kultstatus. Sogar im Luxushotel Adlon steht sie manchmal auf der Speisekarte – mit Champagner. In der Probierstube des Currywurstmuseums nahe dem Checkpoint Charlie wurde sie gar mit Blattgold kredenzt. Bei Berlinale-Partys gilt sie als „hippes“ Fingerfood, und beim Bundespresseball ist sie ein Nachmitternachtsritus.

Letzter Schrei der Wurstkultur: Chili statt Curry. Imbissbuden in Berlin, aber auch Hamburg, Frankfurt und im Ruhrpott haben es durch höllische Soßen zu deutschlandweiter Prominenz gebracht und werben damit, die schärfste Currywurst der Welt zu kredenzen. So auch Gerd Herzogs Imbiss „Die Currywurst“ in Wanne-Eickel, der zehn Schärfegrade anbietet, gemessen in der chemischen Einheit „Scoville“.

Altkanzler mit „Kanzlerteller“. Quelle: https://www.tz.de/bilder/2014/11/21/4469686/841199137-urn-newsml-dpa-com-20090101-141121-99-07242_large_4_3.jpg

Während Tabasco mit 3000 Scoville zu Buche schlägt, brennt Herzogs Stufe neun mit 20.000 Scoville. Stufe zehn mit 310.000 Scoville oder gar zehn plus isst der Kunde auf eigenes Risiko – gegen Unterschrift. Bei den „German-Scoville-Masters“, die Herzog jährlich ausrichtet, verdrückte der Gewinner 2011 ein Stückchen Wurst, das in einem Esslöffel purer Höllensoße schwamm: 7,1 Millionen Scoville. Das taten zwar noch zwei andere Wagemutige, allein: Beim späteren Sieger wurde nach dem Verzehr der niedrigste Blutdruck gemessen.

Der einzige, der diese Narrative in Frage stellte, war Jasper von Altenbockum in der FAZ. „Weit und breit ist niemand, weder in der Union noch in der SPD, der es wagte, sich ‚rechts‘ zu nennen, oder akzeptierte, als solcher wahrgenommen zu werden“, kommentierte er. „Er müsste nämlich zugeben, weite Teile der AfD-Wahlprogramme unterschreiben zu können, ohne rechtsradikale Hetze mitmachen oder auch nur dulden zu wollen. Dennoch träfe ihn das Verdikt, ein ‚Nazi‘ oder ein ‚Rassist‘ zu sein.“ Wenn das kein Eingeständnis von Gesinnungskorridoren ist – was dann?

Es kann also nur darum gehen, entweder die Narrative zu durchbrechen (das werden die Medien nicht tun) oder aber einen Weg der Vernunft zu beschreiten. Und hier pirschen sich wenige nach der Wahl vor.

Meine Anmerkungen zur Causa Binder sind hier nachzulesen.

Es waren die kaum überbrückbaren Ambivalenzen, die sein Leben zerrissen. Er schrieb mit „Bambi“ einen Klassiker der Kinderliteratur und mit „Josefine Mutzenbacher“ einen der Pornographie, wurde von Arthur Schnitzler geliebt und von Karl Kraus gehasst, musste 1934 als österreichischer PEN-Präsident wegen seiner Freundlichkeit gegen Nazi-Deutschland zurücktreten, das seine Bücher 1935 trotzdem verbot, und lebte als Exiljude in der neutralen Schweiz, die ihm dennoch zu publizieren untersagte: Felix Salten. Am 6. September vor 150 Jahren wurde Siegmund (oder Zsiga) Salzmann als Sohn eines jüdischen Ingenieurs und Rabbi-Nachfahren in Pest geboren.

Seine Familie übersiedelte mit ihm als Baby in die Hauptstadt der neu gegründeten österreich-ungarischen Doppelmonarchie: in Wien galt ein Gesetz, das allen Juden eine volle Staatsbürgerschaft ermöglichte. Allerdings hielt die erwartete bessere Zukunft, die Salzmanns Familie sich erhofft hatte, nicht lange: hohe Schulden machten es dem jungen Siegmund unmöglich, sein Abitur abzuschließen. Um die Familie finanziell zu unterstützen, musste er eine Arbeit bei der „Phönix-Versicherung“ annehmen, die ihn aber langweilte, so dass er nebenher Gedichte und Kurzgeschichten schrieb.

Salten am Schreibtisch. Quelle: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/c/c0/Felix_Salten_at_his_desk.jpg

Die erste nachweisliche Veröffentlichung war bereits als „Felix Salten“ ein Gedicht 1889 in der Literaturzeitschrift An der Schönen Blauen Donau. Im Übrigen bleiben seine ersten Jahre schemenhaft, nur wenige Fakten sind bestätigt. 1890 lernte er die Vertreter der Autorengruppe des Jung-Wien kennen, darunter Hugo von Hofmannsthal und Hermann Bahr, die die Entwicklung vom Naturalismus zum Ästhetizismus und damit zur Moderne vollzogen und in Bahrs Die Zeit das wichtigste Organ hatten. Als einziger stammte Salten nicht aus großbürgerlichem Milieu und musste vom Schreiben leben. Seine frühen, impressionistischen Novellen schildern den Erfahrungsraum Großstadt.

Affären, Prostituierte und Skandälchen

Mit Arthur Schnitzler freundete er sich an, unternahm mit ihm ausgedehnte Fahrradtouren und unterstützte ihn in seinem Liebesleben: So bandelte er etwa mit der Schauspielerin Adele Sandrock an, um Schnitzler eine Gelegenheit zu geben, seine Beziehung mit ihr zu beenden. Eine Geliebte Saltens wiederum war Lotte Glas, die Schnitzler als Vorbild für die Figur der Therese Golowski in „Der Weg ins Freie“ diente und die er über Karl Kraus kennenlernte. 1895 gebar sie eine Tochter, mutmaßlich seine, die zu einer „Kostfrau“ nach Niederösterreich gegeben wurde, aber kurz darauf starb.

Inzwischen Redakteur der Wiener Allgemeinen Zeitung WAZ, schrieb er als zuständiger Berichterstatter für Kunst und Kultur förderliche Kritiken über ihm verbundene Schriftsteller und machte auch die Bekanntschaft des österreichischen Erzherzogs Leopold Ferdinand. Sein 1901 gegründetes erstes Wiener Kabarett blieb erfolglos. Nach einem Eklat – Salten ohrfeigte Kraus, nachdem dieser seine Beziehung zur Schauspielerin Ottilie Metzl öffentlich gemacht hatte, obwohl er noch mit Glas liiert war – heiratete er Metzl 1902 und bekam mit ihr zwei Kinder. Im Hochzeitsjahr wechselte er zu Bahrs Die Zeit und wurde durch seinen exklusiven Zugang zum Hof der Habsburger landesweit bekannt.

Saltens „Presseausweis“. Quelle: https://www.geschichtewiki.wien.gv.at/images/0/00/Felixsalten-ausweis.jpg

Affären, Prostituierte und Skandälchen waren seine Spezialität. Er berichtete über den Austritt Erzherzog Leopolds aus dem Kaiserhaus wegen einer Prostituierten und über die Affäre von Leopolds Schwester Luise von Österreich-Toskana mit dem Sprachlehrer André ­Giron. Daneben schrieb Salten unter dem Pseudonym „Sascha“ Berichte über verschiedene Mitglieder europäischer Königshäuser. Den deutschen Kaiser Wilhelm II. schilderte er folgendermaßen: „Die Geschichte wird ihm Eines unbedingt zugestehen, und daran werden auch die Nörgler der Nachwelt nicht zu rütteln vermögen: dass nämlich unter seiner Regierung die Schnurrbärte einen fabelhaften Aufschwung genommen haben.“

Salten pflegte trotz hoher Schulden einen aufwendigen Lebensstil, unternahm 1904 eine Ägyptenreise, urlaubte regelmäßig an der Ostsee und in Venedig. 1906 erschienen dann in einer – um der Zensur zu entgehen: subskribierten – 1000er Auflage beim ungenannten Erotika-Verleger Fritz Freund unter dem Titel „Josefine Mutzenbacher oder Die Geschichte einer Wienerischen Dirne von ihr selbst erzählt“ die vermutlich fiktiven erotischen Lebenserinnerungen der gleichnamigen Wiener Prostituierten, die 1852–1904 gelebt haben soll. Das Buch wird Salten zugeschrieben: Je nach Lesart waren es die zeitgenössischen Autoren Karl Kraus oder Egon Friedell, die ihn als Urheber nannten.

Pornographie kann Kunst sein

Salten selbst hat sich in dieser Frage nie festgelegt, weder bestätigt noch dementiert. Von Stefan Zweig befragt, habe er nur vielsagend gelächelt: Wenn er sie verleugne, werde Zweig ihm nicht glauben; wenn er das Geheimnis lüfte, werde man meinen, er scherze. Das verrufene Werk soll auf einer Kaffeehaus-Wette gründen. Weder Autor noch Verleger wagten, Ansprüche auf Urheberrecht geltend zu machen. Der Roman gilt laut Oswald Wiener als „der wohl einzige deutsche pornographische Roman von Weltrang“, fand aber erst in den 1970er Jahren nach seiner Verfilmung durch den Regisseur Kurt Nachmann im deutschsprachigen Raum größere Verbreitung.

Viele Ausgaben führen ihn als Autor. Quelle: eigene Darstellung.

Viktoria Klimpfinger meint in der Wiener Zeitung, der „heutige Skandal-Wälzer“ ließe „‚50 Shades of Grey‘ wie biedermeierliches Geturtel aussehen. Die Lebensgeschichte der Wiener Prostituierten spart nicht an Bildern, die die Kraft hätten, ganze Generationen zu verstören.“ Die Käufer der Ausgabe, die 1969 bei Rogner & Bernhard erschien, mussten in einem beiliegenden Verpflichtungsschein versichern, das Buch verschlossen aufzubewahren und „Jugendlichen unter 21 Jahren nicht zugänglich zu machen“. In Deutschland wurde es vor allem wegen inzestuöser und/oder pädophiler Aussagen von der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften 1982 in die Liste der jugendgefährdenden Schriften aufgenommen und 2017 nach 25 Jahren wieder gestrichen. Von Anbeginn wurde gegen die Indexierung prozessiert.

Als das Bundesverfassungsgericht 1990 die Frage, ob der Roman die Jugend gefährde, abschlägig beantwortete, stellte es seinem Urteil die Feststellung voran: „Ein pornographischer Roman kann Kunst im Sinne von Art. 5 Abs. 3 Satz 1 GG sein.“ Magnus Klaue erklärt in der FAZ: „Die kritiklose Darstellung sexueller Beziehungen zwischen Kindern und Erwachsenen bedeutete in der Epoche, in welcher der Roman entstanden ist, nicht den Tabubruch, als der sie dem auf Kinder- und Jugendschutz ausgerichteten Sexualstrafrecht der achtziger Jahre erschien.“ Die Passagen seien „nicht einfach eine Darstellung des Zusammenhangs von Armut, Vernachlässigung und Amoralität“, sondern griffen auf, was etwa Freud oder Wedekind ins Bewusstsein rückten: „die Erfahrung eines ins Fließen geratenen Übergangs zwischen Kindheit und Erwachsensein und der Erosion überkommener Rollenmuster.“

Die zwischenzeitliche Chefredaktion der Berliner Morgenpost 1906 gab Salten im Jahr darauf wieder ab, war für den Pester Lloyd tätig, für das Berliner Tageblatt sowie für die Neue Freie Presse. Biographen beschrieben ihn als „gefragt, berühmt, ungeheuerlich produktiv“. Salten schrieb Erzählungen und Novellen („Die kleine Veronika“, „Olga Frohgemuth“), Romane („Die klingende Schelle“, „Martin Overbeck“), Reiseberichte („Fünf Minuten Amerika“), Porträts („Das österreichische Antlitz“), Theaterstücke („Der Gemeine“, „Schöne Seelen“), Operettenlibretti für Johann Strauß (Sohn) und Filmdrehbücher: Am 16. Oktober 1913 hatte sein erster Film „Der Shylock von Krakau“ in Berlin Premiere. Vieles davon findet sich in der bei Zsolnay erschienenen Werkausgabe in sechs Bänden (1928−1932). Bekannt waren auch seine Monografie über Gustav Klimt sowie sein Buch über das Burgtheater.

Salten mit seinen Kindern 1911. Quelle: https://tvportal.orf.at/highlights/orf3/felix_salten100~v-body__16__9-8356d68febb302a69d0d38655ca9b89002ae9eee.jpg

Kurz vor dem Krieg wurde er Blattmacher beim Fremdenblatt, der propagandistischen Zeitung des Außen­minis­te­riums. Auf seine patriotische Begeisterung folgte bald die Ernüchterung: ab 1918 schwankte Salten nach Angabe seiner Biographen „zwischen einer konservativen taktisch zögernden und einer kämpferischen Haltung mit großen Sympathien für die radikalen politischen Bewegungen“, darunter  Marx und Trotzki.

„die Mutzenbacher wirft ein Licht auf Bambi“

1923 veröffentlichte Salten, der als Jäger in Stockerau zwischen den Auwäldern der Donau ein eigenes Jagdrevier hatte, die beiden Tiergeschichten „Der Hund von Florenz“ und „Bambi. Eine Lebensgeschichte aus dem Walde“. Auf den ersten Blick mag das Original dieser Lebensgeschichte eines Rehs kindlich und verträumt wirken, doch auf den zweiten Blick erkennt man, dass sie nur jemand verfassen konnte, der die Natur genau und über Jahre studiert hatte, der weiß, was es für ein Tier bedeutet, im Wald zu leben und zu überleben, und wie nahe Freud und Leid beieinander liegen können. Salten berichtet im Detail, was er selbst auf der Jagd alles erlebte, wie die Vögel von den Ästen zwitschern oder der Hase nach dem Schuss über die Wiese rouliert, und lässt seine Erlebnisse geschickt in die Geschichte einfließen. „Bambi wäre niemals entstanden, hätte ich nicht meine Kugel auf das Haupt eines Rehbocks oder Elches gefeuert“, räumte er offen ein.

Dabei kann man Bambi auch religiös lesen: „Bambi erglühte und sprach bebend: ‚Ein anderer ist über uns allen … über uns und über Ihm‘.“ Und man kann Bambi auch und erst recht lesen „als Kontrafaktur der Biographie der ‚Wienerischen Dirne‘ …, die sich als Mädchen in armen Verhältnissen von ihren Liebhabern ‚abrichten‘ lässt, um den Bann ihres Milieus zu brechen, und später junge Frauen ähnlicher Herkunft zum selben Abweg überredet“, findet Klaue. Und er merkt an, „wie wenig hilfreich Unterscheidungen von Kinder- und Erwachsenenliteratur, Kinder- und Jugendgemäßheit sind, sobald es nicht nur um juristische, sondern um ästhetische Qualifizierungen geht.“

In eine ähnliche Kerbe schlug Michael Maar in der Zeit und führt fast genüsslich Karl Kraus‘ Verdikt des „Reh-Sodomiten“ an: Bambiwerfe „kein Licht auf die Mutzenbacher. Aber die Mutzenbacher wirft ein Licht auf Bambi. Alle dort genüsslich ausgeführten Spielarten der fleischlichen Liebe werden hier im Subtext angedeutet.“ Sodann zitiert er „Die ganze Nacht war er mit Faline glücklich gewesen, hatte sich bis in den hellen Morgen mit ihr getummelt“ und später „Im Gegenteil ist er erleichtert, als er Faline, der Mutter seiner beiden Kinder, den Laufpass gibt. ‚Bambi atmete tief. Ihm wurde auf einmal frei zu Gemüt, wie seit langem nicht‘.“

Saltens zweiter Klassiker. Quelle: https://media1.jpc.de/image/w600/front/0/9783957280312.jpg

Salten schrieb die Geschichte während eines Sommerurlaubes im Salzkammergut und verfolgte damit durchaus auch pädagogische Absichten: „Ich wollte meine Leser von dem Irrtum befreien, die Natur sei ein sonniges Paradies“. Der Tod von Bambis Mutter rührt noch heute Kindergenerationen zu Tränen. Für wie wirkmächtig die Geschichte noch immer angesehen wird, zeigte im Dezember 2018 ein Gerichtsurteil in den USA: Der Wilderer David Berry, der mit seiner Familie über einen Zeitraum von drei Jahren illegal hunderte Hirsche getötet haben wurde soll, wurde in Missouri dazu verurteilt, im Gefängnis jeden Monat einmal die klassische Verfilmung von Walt Disney anzuschauen.

Zur Disney-Adaption von 1942 existiert die Version, Salten hätte die Rechte 1933 für gerade 1.000 Dollar an den Produzenten Sidney Franklin abgetreten. Franklin schlug Walt Disney einen Animationsfilm auf der Basis des Buchs vor – der Rest ist Geschichte. Mehr als sechs Jahre arbeiteten Disney und sein Team überaus akribisch an den Zeichnungen. Für die dreidimensionalen und damals authentisch wirkenden Hintergründe wurde eigens ein neues Zeichenverfahren entwickelt. Im Film werden weniger als 1.000 Worte gesprochen, dafür gibt es in Dauerschleife passend zu jeder Sequenz säuselnd romantische Chöre.

Das Problem: Aus Informationsmangel oder Übersetzungsfehlern nahmen die Zeichner kein Reh, sondern einen Weißwedelhirsch als Vorlage, aus dem bei der Rücksynchronisation ins Deutsche wieder ein Rehkitz wurde. Dazu kommt, dass Bambi im Film von seinem Vater, einem stattlichen Hirsch, beschützt wird, auch zu einem majestätischen Hirsch heranwächst und am Ende des Films selbst Vater wird. An dieser Stelle tritt ein zusätzlicher Filmfehler zu Tage, nämlich, dass Reh und Hirsch miteinander verwandt sind. Einerlei: Bambi ist immer noch einer der weltweit erfolgreichsten Filme.

profilierter Redner und engagierter Zionist

Sein Verleger drängte Salten, sich beim Schreiben vollkommen auf das profitversprechende Genre „Tiergeschichte“ zu konzentrieren, prompt entstanden „Florian, das Pferd des Kaisers“, die Fortsetzung „Bambis Kinder“, „Renni, der Retter. Das Leben eines Kriegshundes“, „Die Jugend des Eichhörnchens Perri“ oder auch „Djibi das Kätzchen“. Salten schreibt aber auch für die von seinem Freund Theodor Herzl gegründete Welt, sein Palästina-Reisebericht „Neue Menschen auf alter Erde“ ist ein glühendes, wenn auch nicht unkritisches Plädoyer für den politischen Zionismus.

Disney prägt das Bambi-Bild bis heute. Quelle: https://data.puzzle.de/.5/mon-ami-bambi-disney-sonstige-2×24-teile–puzzle.44259-3.fs.jpg

Sein Schwanken zwischen öffentlichem Engagement und einem Rückzug in die Salonkultur entschied er 1927 zugunsten des ersteren: er übernahm von Arthur Schnitzler die Präsidentschaft des österreichischen P.E.N.-Clubs. Als er sich aus nicht nachvollziehbaren Gründen dem Protest gegen die Bücherverbrennungen der Deutschen verweigerte und angefeindet wurde, trat er 1934 aus dem P.E.N.-Club aus und emigrierte 1939 nach Zürich, wo er von seinen spärlichen Tantiemen lebte. Nacheinander verlor er seinen Sohn bei einem Unfall, später auch seine Frau und starb am 8. Oktober 1945.

Seine Würdigung bleibt so ambivalent wie sein Leben. Einerseits war er einer der profiliertesten Journalisten seiner Zeit, trug zur Etablierung der modernen Literaturkritik bei und lieferte neben 20 Romanen auch zehn Novellensammlungen, 13 Theaterstücke und 17 Filmdrehbücher. Andererseits ist der einst auflagenmächtige feuilletonistische Vielschreiber heute vergessen. Als Emporkömmling eckte er wegen der Freizügigkeit und der liberalen Ideen seiner Werke an, erkennt Andre Schwarz auf dem Portal literaturkritik. Und als profilierter Redner und engagierter Zionist in teilweise herausragender beruflicher Position in einem zunehmend antisemitischen Klima war er vielen unbequem.

Rökk mit Trophäe. Quelle: https://dp8ozi4aflkte.cloudfront.net/wp-content/uploads/bambi_1948.jpg

Wer den bedeutendsten deutschen Medienpreis als anfangs namenloses Rehkitz aus weißer Keramik erfand, gilt heute immer noch als unklar – nicht jedoch seine Benennung. Nach Aussagen von Gabriele Jacoby, der Tochter der ersten Preisträgerin Marika Rökk, verdanke ihr die Figur den Namen: Sie habe 1948 ihrer Mutter gesagt „Oh, das sieht ja aus wie ein Bambi!“ Seit 1949 wird er dann unter diesem Namen verliehen – an „Menschen mit Visionen und Kreativität, deren herausragende Erfolge und Leistungen sich im ablaufenden Jahr in den Medien widerspiegelten“. Und eine erfolgreiche Medienlaufbahn kann man dem Bambi-Erfinder Felix Salten als Namenspaten nicht absprechen.

Es trägt teils profane Namen wie Kommissbrot, teils klangvolle wie Pumpernickel, gilt als gesund, sättigend und ursprünglich: Vollkornbrot. Dennoch betrug 1936 sein Anteil am deutschen Gesamtbrotaufkommen gerade sechs Prozent. Zu wenig, befand Reichsgesundheitsführer Leonardo Conti: „Der Kampf um das Vollkornbrot ist ein Kampf um die Volksgesundheit“. Um diesen Anteil auf 30 % zu erhöhen, wurde am 1. September vor 80 Jahren in Berlin der Reichsvollkornbrotausschuss RVBA gebildet.

Untergebracht in der Charité, waren darin Vertreter von über 40 Institutionen versammelt, darunter der Reichsnährstand und das Reichsministerium für Ernährung, aber auch die Vierjahresplanbehörde und das Oberkommando der Wehrmacht. Organisatorisch dem Hauptamt für Volksgesundheit der NSDAP und somit auch dem Nationalsozialistischen Deutschen Ärztebund unterstellt, war der Mediziner Franz Wirz erster und bis zum Ende einziger Vorsitzender.

Der Hintergedanke war zunächst ein wirtschaftlicher: Der Devisenmangel und das Streben nach wirtschaftlicher Autarkie führten dazu, dass der Verbrauch importierter Fette, vor allem pflanzlicher Öle, planmäßig zurückgedrängt werden sollte, womit notwendigerweise eine Änderung der Ernährungsgewohnheiten verbunden war. Setzte man bei der Ernährung auf Vollkorn, war man unabhängig von ausländischen Importen und bekam die Bevölkerung satt.

Daneben sollte der Konsum von Rindfleisch, Speck, Butter und Schmalz verringert werden, um die gesamtwirtschaftliche „Fettlücke“ zu schließen, was andererseits die Förderung des Verzehrs von (Vollkorn-)Brot, Kartoffeln und Haferflocken bedeutete. Der Ertrag konnte zudem durch die Nutzung der Kleie vergrößert werden, denn im Gegensatz zum Vollkorn, bei dem nach der Ernte nur Grannen und Spelzen entfernt werden und Ballast- sowie Mineralstoffe, Vitamine und Öle in der Schale (der Kleie) und dem Keimling erhalten bleiben, wird bei Weißbrot nur ein Teil des Getreides verwendet.

Lebensmittelkarte für die Mark Brandenburg 1941. Quelle: Bundesarchiv_Bild_183-H26799_Lebensmittelkarte_Mark_Brandenburg_Niederbarnim.jpg

Aber auch handfeste gesundheitspolitische Interessen standen hinter dem Vollkorn-Hype: Neben großangelegten Kampagnen gegen Alkoholismus, Tabak-Konsum und Süßwarenverzehr wurden ebensolche für Bewegung und Sport auf allen Ebenen gefördert. Dahinter stand die nationalsozialistische Vorstellung, der „Volkskörper“ müsse gestärkt werden, um größere Arbeitsleistung, höhere Fruchtbarkeit (auch im Sinne der Eugenik) und eine höhere Kampfkraft im Krieg zu erzielen. Und genau dazu sollte das gesunde Lebensmittel beitragen.

„Hebung des Vollkornbrotverzehrs“

Dabei standen sich historisch „Gesundheit“ und „soziale Lage“ konträr gegenüber: Eine „On-Off-Beziehung“ des Menschen mit Vollkorn erkennen Tanja Fieber und Christiane Streckfuß auf planet-wissen. Brot aus Weißmehl wurde im 17. Jahrhundert ein Statussymbol der Oberschicht, während grobes Vollkornbrot als ländlich und rückständig galt. So herrschte bis ins frühe 19. Jahrhundert in deutschen Krankenhäusern eine kulinarische Zweiklassengesellschaft: Patienten der Oberschicht bekamen feines Brot aus Weißmehl, da auch ihr Verdauungsapparat verfeinert sei, die anderen Patienten mussten sich mit Schwarzbrot zufrieden geben.

Der Gegentrend begann mit Jean-Jacques Rousseaus Schlachtruf „Zurück zur Natur“ im 18. Jahrhundert: Das Landleben wurde als gesünder bewertet als das Leben in der Stadt, das zu „Zivilisationsschäden“ führe. In Folge galt dunkles, unbehandeltes Mehl als natürlich und gesund im Gegensatz zum menschengemachten Weißmehl. Verstärkt wurde der Trend durch die Lebensreform-Bewegungen seit Mitte des 19. Jahrhunderts, die natürliche Lebensmittel, alternative Lebensweisen, körperliche Ertüchtigung und Abhärtung bevorzugten: Maximilian Bircher-Brenner als Müsli-Erfinder zählt ebenso dazu wie der Vollwertkost-„Papst“ Werner Kollath.

Mehlsorten. Quelle: https://backmittel-zusatzstoffe.de/Dinkelvollkornmehl-Baeckermehl-Dinkel-Mehl-Vollkorn

Die Lebensreformer hatten einen starken Einfluss auf den Nationalsozialismus, der in den 1930er Jahren eine umfangreiche Gesundheitspropaganda zu betreiben begann: Verkauft wurde das über das Bild des „gesunden Volkskörpers“, der gestärkt werden muss. Zudem waren einige führende Nationalsozialisten auch Anhänger von völkisch-romantischen Vorstellungen eines einfachen bäuerlichen Lebens und wollten die „undeutsche“ städtische Lebens- und Ernährungsweise durch eine „arteigene“ Nahrung ersetzen.

Der Chefideologe des Reichsnährstands ist Richard Walther Darré, Reichsbauernführer und Landwirtschaftsminister zugleich, der Deutschland zu einem Bauernvolk machen will. Die Historikerin Anna Bramwell von der Universität Oxford nennt ihn später den ersten „grünen Nazi“. In Darrés Welt ist der deutsche Bauer, mythisch überhöht, dessen Wurzel und „Blutsquell“. Die Idee vom neuheidnischen Bauernvolk ist ihm der Gegenentwurf zur „Entartung“ der Städte. Die phantasierte Vergangenheit und Darrés Blut-und-Boden-Okkultismus passen zu Hitlers Kriegspropaganda – auch, weil es im Deutschen Reich, das „überbevölkert“ (Hitler) scheint, für ein remittelalterisiertes Bauerntum unbestreitbar zu wenige Äcker gibt.

Die Historikerin Ulrike Thoms hält fest, „dass die Ernährungsforscher politische Wissenschaft betrieben, indem sie einen Beitrag zur Ernährung des ‚Volks ohne Raum‘ leisteten“. Diesem Zweck dienten auch andere Institutionen wie die Reichsarbeitsgemeinschaft für Volksernährung, aber eben erst recht der Reichsvollkornbrotausschuss mit mehreren hundert Mitarbeitern. Laut Reichsgesundheitsführer Conti passe Vollkornbrot gut zur arischen Ideologie, weil dieses natürlich und gesund sei, gegen Karies helfe und somit den deutschen Volkscharakter in besonderem Maße unterstreiche. Getreu diesem Credo initiierte der RVBA im ganzen Land die „Reichsaktion für die Hebung des Vollkornbrotverzehrs“.

„Das Brot ist ein heiliger Begriff“

Die Propagandamaschinerie hatte mehrere Komponenten. Zum ersten eine administrative: Im gesamten Reich wurden Gausachbearbeiter für die Vollkornbrotaktion ernannt, in Franken etwa übernahm der prominente Naturheilkundler Karl Kötschau diese Funktion. „Das Brot ist ein heiliger Begriff, in ihm lebt der Geist vom Urquell der Kultur und der Urkraft unserer Rasse“, ist in einer der RVBA-Schriften zu lesen.

Rezeptband. Quelle: https://www.booklooker.de/B%C3%BCcher/Lisa-Bommer-S-Lotzin-Bommer+Getreidegerichte-aus-vollem-Korn-gesund-kr%C3%A4ftig-billig-Mit-150-Rezepten/id/A02jZw4I01ZZf

Zum zweiten eine werbliche: Pressetexte unterstrichen insbesondere die gesundheitsfördernde Wirkung des überdies kostengünstigen Vollkornbrots, stellten Weißbrot als unnatürliches, „chemisches“ Produkt dar und brachten den übermäßigen Verzehr von Fleisch und Fett mit Adipositas und Krebserkrankungen in Zusammenhang. Auch mit Briefmarken, Plakaten, Kurzfilmen in Kinos und Rezeptbüchern wurde für Vollkornbrot geworben. So erschien 1941 der Band „Getreidegerichte aus vollem Korn – gesund, kräftig, billig! Mit 150 Rezepten. Auf Veranlassung des Reichsvollkornbrotausschusses herausgegeben“ von Prof. Sigwald Bommer, dem Leiter des Instituts für Ernährungslehre Berlin, und seiner Frau Lisa. Er ist heute noch antiquarisch erhältlich.

Und zum dritten eine lebensmitteltechnologische: So wurden einheitliche Richtlinien für Vollkornbrot erarbeitet und im gesamten Reich Vollkornbrot-Schulungen abgehalten. Bäcker, deren Produkte einer Überprüfung durch den RVBA genügten, durften sich als „Vollkornbrotbäcker“ bezeichnen und ihr Vollkornbrot mit dem offiziellen Gütezeichen in Form einer Lebensrune kennzeichnen. 1941 existierten schon 22.903 Vollkornbrot-Bäckereien, 1943 waren bereits 23 % aller Bäckereien anerkannte Vollkornbrotbetriebe.

Im April 1945 stellt der RVBA wie viele andere Organe seine Aktivitäten ein. Manche seiner Aktivisten dagegen fassten nach dem Krieg problemlos Fuß. Etwa Kollath, einst bekennender Freund von Zwangssterilisierungen als „edle Form der Humanität“, der nach 1945 populäre Ratgeber von der „Lebensgemeinschaft“ von Volk und Getreide schrieb, aus seinen Lehrbüchern das Wort „Rassenhygiene“ strich und den Namen Goebbels einfach durch Goethe ersetzte, wie der Historiker Jörg Melzer zürnt. Bis heute fördert die Kollath-Stiftung die Erforschung von Vollwertkost, Ökolandbau und Ganzheitsmedizin.

Vollkornbrotsiegel. Quelle: https://www.wikiwand.com/de/Elhaz

Oder gar Franz Wirz, der 1948 im Entnazifizierungsverfahren in die Kategorie III als „Minderbelasteter“ eingestuft wurde, sich als Facharzt für Haut- und Geschlechtskrankheiten in München niederließ und in der 1953 gegründeten Deutschen Gesellschaft für Ernährung DGE engagierte, wo er zum ersten Vorstand gehörte. In ihren Broschüren warb die DGE für das Vollkornbrot aufgrund des hohen Vitamingehalts und seiner günstigeren Herstellungskosten und pries es besonders im Hinblick auf die Ernährung Heranwachsender an.

Vollkornbrot bleibt das beliebteste Brot

Allerdings kam es in den 50er Jahren zur sogenannten „Fresswelle“, und das schnöde Vollkornbrot verlor zunehmend an Attraktivität: 1958 war der Verbrauch gegenüber 1938 um ein Sechstel zurückgegangen. Wie sehr der Leistungsgedanke noch 1970 mit dem Verzehr von Vollkornbrot assoziiert wurde, zeigt die Forderung des Münchner Schulpsychologen Robert Burger: Ein deutscher Gymnasiast brauche neben „Mutters Zärtlichkeit“ vor allem viel Vollkornbrot. Doch das erlebte erst im Rahmen der Öko- und Umweltbewegung der 80er Jahre ein Comeback.

Mit 300 verschiedenen Brotsorten und einem jährlichen Verzehr von ca. 80 Kilo pro Person verweist Deutschland heute gerne auf seinen weltweiten Spitzenplatz. Vollkornbrot bleibt dabei unangefochten das beliebteste Brot und besetzt mit 28 % den größten Marktanteil. 2011 bezeichnete der Spiegel Brot als eines der letzten großen deutschen Heiligtümer: „Wenn man den Deutschen ernährungstechnisch beschreiben müsste, wäre die Kartoffel sein Leib und Bier der Geist. Das Vollkornbrot mit seiner dunklen, kräftigen Schwere aber wäre seine Seele.“

„Er verrenkt seinen Körper mit der Kontrolle eines Fakirs – in eine Gestalt, die nicht menschlich ist. Sein Skelett scheint wie aus Gummi zu sein, unzerbrechlich; verblüffend. Die kleinen Hände, die dünnen länglichen Finger mit langen, rechteckig abgefeilten Nägeln, quetschen sich plötzlich ineinander. Die Augäpfel sehen aus wie nach innen gesaugt, und genau da sind auch die sehr eindringlichen Konturen seines Schädels. Man ist schockiert. Er ist ein Monster.“

Das gerade 1,57 Meter kleine „Monster“, das John Gilmore und Ron Kenner 1995 so beschrieben, hieß Charles Manson und wurde am 12. Oktober 1969 verhaftet, dem Geburtstag von Aleister Crowley, zu dessen Wiedergeburt er sich erklärt hatte. Acht Wochen zuvor hatten Mitglieder seiner Hippie-Kommune sieben Menschen bestialisch getötet und Amerika in Aufruhr versetzt. Im Laufe der Ermittlungen wurden zwei weitere Morde bekannt; bei bis zu sechs noch heute ungeklärten Morden gelten die Hippie-Killer weiter als verdächtig.

Der 34jährige, der damals schon fast ebenso lange im Gefängnis gesessen wie er in Freiheit verbracht hatte, wird sein Leben lang jede Tatbeteiligung oder auch nur Mitschuld leugnen und keinerlei Reue für die grausamen Morde seiner Anhänger zeigen. Drei junge Frauen, entlaufen aus bürgerlichen Familien, hatten sich, neben einem Mann, bei den Tötungen nach Folterungen durch Schüsse und Messerstiche hervorgetan, sie wohnten selig und arrogant lächelnd ihrem Prozess bei. Eine starb im Gefängnis, die anderen sitzen bis heute.

Der verhaftete Manson. Quelle: https://bloximages.chicago2.vip.townnews.com/napavalleyregister.com/content/tncms/assets/v3/editorial/9/ec/9ec36d3c-00ce-51eb-8e3b-b30cc6e6b6a3/5d49a83e1e336.image.jpg?resize=1200%2C1219

Geboren als uneheliches Kind in Cincinnati, Ohio, wächst Manson bei seiner Mutter auf, die bei seiner Geburt sechzehn Jahre alt war. Sein Vater war ihm nie bekannt, seine Mutter vermutlich Alkoholikerin. Auch sie verlässt ihren Sohn im Alter von fünf Jahren, weil sie für fünf Jahre ins Gefängnis muss, und versucht ihn danach – er verbrachte diese Jahre bei seinem Onkel und seiner Tante – vergeblich in Pflegefamilien abzuschieben.

Letztendlich landete der Junge auf Gerichtsanordnung in einem Internat, doch nach nur wenigen Wochen floh er und beginnt eine Karriere als Kleinkrimineller: mit Überfällen auf Tankstellen und Gemüseläden, Autodiebstählen und Scheckfälschungen, später als Zuhälter eines 16-jährigen Mädchens. Da war jemand am Werk, „der dem Leben mehr abtrotzen wollte, als es ihm zu geben bereit war. Und, dass es ihm egal war, ob andere dabei zu Schaden kamen“, meint Benjamin Maack im SPIEGEL.

die perfekte Ordnung errichten

Im März 1967 wurde Manson mit 35 Dollar Handgeld auf Bewährung entlassen und gründete in der Hippie-Hochburg San Francisco seine eigene Kommune „The Family“ mit einem Kern von rund 20 meist sehr jungen, schlanken, oft rothaarigen Mädchen, viele davon mit problematischem familiären Hintergrund. Etwa Linda Kasabian, 21, verheiratet, Mutter von zwei Kindern, von denen das zweite im Gefängnis zur Welt kam. Auch zur Family gehörte Nachwuchs, darunter Mansons 1968 geborener eigener Sohn Charles Jr. Der änderte seinen Namen zu Charley Jay White und nahm sich später das Leben. Dessen Sohn Jason Freeman wird 2018 zum Alleinerben seines Großvaters erklärt.

Manson-Family. Quelle: http://4.bp.blogspot.com/-BWEbUKpuBts/Tk5LHLKlTqI/AAAAAAAAAe8/IFv4JcjGCsE/s1600/spahn_mugs.jpg

Die Mitglieder seiner „Familie“ sollten ausschließlich weiß sein, durften keine Brillen tragen und Manson in einer Mischung aus Gott, Vater und Liebhaber akzeptieren. Mit Hilfe von Drogen und Sex machte er sich seine Anhänger gefügig. Dianne Lake etwa berichtet in ihrer Autobiographie, dass sie sich als 14jährige bei Manson „wie eine echte Frau“ fühlen konnte und er dafür sorgte, wie Lake es in eigenen Worten beschreibt, dass sie „schnurrte“ wie ein Kätzchen. Aber Manson propagierte in langen Predigten auch, dass Frauen lediglich die Dienerinnen des Mannes seien.

Außerdem verkündete er, dass die „schwarze Rasse“ die „weiße“ auslöschen wolle, wodurch er von dem Beatles-Song „Helter Skelter“ („Holterdipolter“, „Tohuwabohu“) inspiriert worden sein soll. Die vier Pilzköpfe hielt er wahlweise für die Apokalyptischen Reiter – oder für Engel. Da aber nach dem Rassenkrieg die Schwarzen unfähig wären, eine funktionierende Gesellschaft aufzubauen, käme die Reihe an seine Familie: Sie sollte die perfekte Ordnung errichten – an der Spitze Charles Manson.

Manson soll aber nicht nur Charisma, sondern auch den Willen gehabt haben, eine musikalische Berühmtheit zu werden: Ein Mitinsasse hatte ihm im Gefängnis das Gitarrespielen beigebracht. Anfangs als Straßenmusiker und zur zweifelhaften Erbauung seiner Kommune aktiv, machte er die Bekanntschaft von „Beach Boy“ Dennis Wilson, schrieb mit ihm Songs und wohnte zeitweise samt Family auf dessen Anwesen. Das Lied „Cease to Exist“ schaffte es 1969 stark bearbeitet als „Never Learn Not to Love“ als B-Seite auf eine Beach-Boys-Single.

Neil Young soll begeistert von ihm gewesen sein: Diese „wirklich grandiose, zugleich völlig irre Figur“ mache „Musik, wie ich sie noch niemals gehört hatte“. Produzent Terry Melcher wollte außer der B-Seite aber nichts weiter veröffentlichen. Freunde berichten von Sexorgien und geklauten Kreditkarten. Nach wenigen Wochen wurde die Kommune bei Wilson rausgeschmissen und bezog Quartier auf der Spahn Movie Ranch, auf der „Bonanza“ gedreht worden war, später auf der Barker Ranch im Death-Valley-Nationalpark.

Manson-Family auf der Movie-Ranch. Quelle: https://allthatsinteresting.com/wordpress/wp-content/uploads/2019/06/Manson-Family-At-Spahn-Ranch.jpg

Als weder seine Kriegsprophezeiung wahr noch er selbst ein berühmter Rockstar wird, sandte Manson seine Anhänger aus, um „zu zeigen, wie man Weiße tötet“, und dem Rassenkrieg nachzuhelfen. Der Plan: einige Morde an reichen Weißen in Los Angeles, die die Gesellschaft den Schwarzen anlasten würde. Am Abend des 9. August 1969 schickte er mit Linda Kasabian als Fahrerin Susan Atkins, die bei einem Beach-Boy Babysitterin war, Patricia Krenwinkel und den jungen Texaner Charles Watson in Richtung Los Angeles zum Haus von Musikproduzent Melcher.

Was Manson nicht wusste: darin lebten inzwischen die junge Schauspielerin Sharon Tate und ihr Ehemann, der polnische Regisseur Roman Polanski, der mit seinem Spielfilm „Tanz der Vampire“ kurz zuvor Weltberühmtheit erlangt hatte. Sharon spielte darin die weibliche Hauptrolle und war nun hochschwanger, Polanski weilte zu Dreharbeiten in London. Außerdem im Haus: Tates Ex-Verlobter Jay Sebring, Hollywood-Stylist und Friseur von Steve McQueen, Abigail Folger, Erbin eines Kaffee-Imperiums, und deren Partner Voitek Frykowski, ein Freund Polanskis, sowie ein unbeteiligter Fahrer, der sofort erschossen wurde.

Was in den folgenden Minuten geschah, konnte nie eindeutig geklärt werden. Sicher ist jedoch, dass Sebring, Frykowski, Folger und Sharon Tate durch insgesamt über hundert Messerstiche starben – Atkins bezichtigte sich Jahrzehnte danach, 19 mal auf die Schwangere eingestochen und mit ihrem Blut „Pig“, Schwein, auf die weiße Eingangstür geschrieben zu haben.

Susan Atkins, Patricia Krenwinkel und Leslie Van Houten beim Prozess. Quelle: https://s.hdnux.com/photos/01/04/62/53/18033351/21/920×920.jpg

Am Abend darauf fuhr Manson selbst mit Krenwinkel, Watson und der blutjungen Leslie Van Houten zum Anwesen des italienischen Supermarktbesitzers Leno LaBianca und dessen Frau, fesselte beide, ging dann nach draußen und überließ das schmutzige Geschäft den anderen, die wiederum mit Blut „Death to pigs“ und weitere Black Panther-Kraftausdrücke an die Wände schrieben. Die Reichen und Schönen  verließen fluchtartig und in Scharen ihre Anwesen, die Polizei stand vor einem Rätsel.

Zwei Anschläge überlebt

Die ersten Festnahmen von Manson und mehreren Family-Mitgliedern wegen des Verdachts auf Autodiebstahl und, später, Brandstiftung im Herbst passierten eher zufällig. Erst als sich Atkins im Gefängnis verplapperte, merkten die Beamten, wer ihnen da ins Netz gegangen war. Am 24. Juli 1970 begann der Tate-LaBianca-Mordprozess gegen Manson, Atkins, Krenwinkel und Van Houten in Los Angeles. Kasabian war als Kronzeugin immun, Watson erhielt einen separaten Prozess. Es wurde das bis dahin längste und teuerste sowie medial am stärksten beachtete Strafverfahren der US-Geschichte, die Geschworenen mussten 225 Tage isoliert verbringen.

Der Prozess glich zum Teil einem bizarren Schauspiel: Die Frauen flirteten laut dem Gerichtsreporter des SPIEGEL mit „allem im Gerichtssaal, was nach Mann aussieht“ und befolgten daneben alle Anweisungen Mansons. Auf seinen Augenaufschlag hin standen sie während der Verhandlung auf, um wie im Wahn zu kreischen; als Manson sich den Schädel rasierte, taten sie es ihm gleich, und nachdem er sich ein Kreuz auf die Stirn geritzt hatte, fanden sich kurz darauf auch bei den Frauen gekreuzte Narben auf der Stirn. Manson erweiterte sein Kreuz wenig später zu einem Hakenkreuz. Gegen Ende des Verfahrens hatten die Richter keine Zweifel mehr daran, dass Charles Manson der Urheber der grausamen Mordtaten war, obwohl er daran nachweislich nicht teilgenommen hatte. Er wurde ebenso wie die jungen Frauen und Charles Watson zum Tode in der Gaskammer verurteilt.

Doch die Verurteilten hatten Glück: Im Februar 1972 erklärte der Oberste Gerichtshof der Vereinigten Staaten die Todesstrafe für verfassungswidrig, entsprechende Urteile wurden in lebenslange Haftstrafen umgewandelt. Gnadengesuche wurden unzählige Male abgelehnt. In der Haft wandten sich sämtliche Anhänger Mansons von ihrem einstigen Guru ab, den Hans Schmid auf Telepolis „Elvis des Massenmords“ nannte. Atkins und Watson wurden so genannte Wiedergeborene Christen und widmeten ihr Leben dem Gottesdienst.

Susan Atkins damals und heute. Quelle: https://www.trbimg.com/img-570fba6e/turbine/la-1460648596-snap-photo/2000

Auf Manson wurde 1973 mit Strychnin ein Giftanschlag verübt und 1984 ein Brandanschlag; er überlebte beide. Bis zuletzt erhielt er bis zu 60.000 Briefe, E-Mails und Autogrammanfragen jährlich und durfte zudem nach draußen telefonieren, was er weidlich nutzte, um seinen zahlreichen Anhängern zu predigen. 2014 erhielt er eine Heiratsgenehmigung für eine 26-jährige, die er verfallen ließ: seine Verlobte sei nur darauf aus, nach seinem Tod in den Besitz seines Leichnams zu kommen, um diesen auszustellen und damit Geld zu verdienen. Manson selbst starb 83jährig als Strafgefangener B-33920  im November 2017 nach 48 Jahren Haft im kalifornischen Corcoran State Prison an Darmkrebs.

„wie krank ist die Welt da draußen“

Seine Verklärung begann bereits Anfang 1970, als Teile der Underground-Presse in Manson allen Ernstes eine Jesusfigur erkannten: Die Zeitung Tuesday’s Child wählte den Kultführer zum „Man of the Year“. „Allein durch die Beatles-Referenz schreibt sich Manson gewissermaßen als Pop-Figur in eine Tradition ein“, sagte der Literaturwissenschaftler Niels Penke im DLF. Immerhin drei Alben hatte Manson bei Indie-Labeln selbst veröffentlicht, darunter Jam-Sessions mit seinen Anhängern.

Seitdem wollen Künstler am Mythos Manson verdienen. Der Schockrocker und ehemalige Musikjournalist Brian Hugh Warner trieb die Ehrerbietung auf die Spitze, als er sich nach dem Mörder und einer anderen, liebenswürdigeren Ikone benannte: Marilyn Manson, was die Unzertrennlichkeit von Gut und Böse symbolisieren soll. Er veröffentlichte Mansons „My Monkey“ auf seinem Album „Portrait of an American Family“.

Manson-Cover. Quelle: https://direct.rhapsody.com/imageserver/images/alb.49987562/500×500.jpg

Auch „System of a Down“ zeigten sich von Manson inspiriert, etwa mit dem Song „ATWA“ auf dem Album „Toxicity“. Ihr Gitarrist Daron Malakian zeigte sich auf Facebook „sehr traurig“ über den Tod Mansons, von dem er stark beeinflusst worden sei, und rechtfertigte sich zugleich: „Mein Interesse galt der Art und Weise, wie er seine Gedanken und Ansichten über die Gesellschaft artikulierte, nicht den Morden.“ Auch Guns N’ Roses kassierten mit dem Manson-Mythos ab: Die Rocker veröffentlichten 1993 auf ihrem Album „The Spaghetti Incident?“ den Manson-Song „Look at Your Game Girl“. Lead-Sänger Axl Rose trug schon 1991/92 auf der Guns-N’-Roses-Welttournee ein Shirt mit dem Porträt von Charles.

Die Lemonheads und Devendra Banhart coverten Songs von ihm, und auf andere Art gar U2: Sie coverten „Helter Skelter“ auf „Rattle and hum“; was Sänger Bono so kommentierte: „Diesen Song hat Charles Manson von den Beatles geklaut. Wir klauen ihn zurück.“ Zurückgeklaut hat ihn jüngst gar Quentin Tarantino: Im Los Angeles der 1960er Jahre versuchen ein abgehalfterter TV-Westernstar und dessen Stuntdouble in der Filmbranche Fuß zu fassen, während die Morde der Anhänger von Sektenführer Charles Manson die Stadt erschüttern, so die Story von „Once Upon a Time in Hollywood“ (engl. „Es war einmal in Hollywood“). In ihrer Kritik bei Spiegel Online sieht Hannah Pilarczyk in dem Film einen „großen, sinnentleerten Spaß“, da sie meint, dass der Film so pointenarm sei, merke man aber die längste Zeit nicht, weil er so pointenreich daherkäme.

„Wir töten die Schweine, die uns im Fernsehen das Töten beigebracht haben.“ In dieser Kulturkritik eines Manson-Mädchens, als sie bereits vor dem Polanski-Anwesen am Cielo Drive stehen, sei „die Saat für Tarantinos jüngsten Revisionismus gelegt“, meint Andreas Busch im Tagesspiegel. Er meint , dass der Film Sharon Tate ein Denkmal setzt „Es geht vielmehr um die symbolische Ermordung jenes Kinos, mit dem Quentin Tarantino aufgewachsen ist.“

Quentin Tarantino, Tilda Swinton und Marilyn Manson. Quelle: http://www3.pictures.zimbio.com/gi/Marilyn+Manson+Quentin+Tarantino+Magnolia+cLQtgIrheLdl.jpg

Mansons Konterfei ist daneben auf diversen Merchandising-Artikeln wie T-Shirts, Tassen und Poster zu sehen, deren Verkauf allein im Zeitraum von 1970 bis 1986 Einnahmen von mehreren Millionen US-Dollar erzeugte, an denen er mit verdiente. Über 30 Bücher und diverse Filme entstanden, daneben Musicals und Zeichentrickadaptionen. „Es kommen Mädchen zu mir in den Knast“, sagte er 1988, „die haben ihr Baby auf dem Arm und sagen: ‚Charlie, ich würde alles für dich tun! Ich erziehe mein Baby in deinem Namen!‘ Solche Besuche machen mir Spaß, und ich weiß, dass das krank ist; ich weiß, dass ich krank bin. Aber wie krank ist die Welt da draußen?“

Gesegnet mit einem reichen genetischen Erbe kam er zur Welt: sein Großvater Thomas Henry Huxley, genannt „Bulldogge Darwins“, hatte seinen Landsleuten die revolutionären Theorien seines scheuen Freundes Charles über die „Entstehung der Arten durch natürliche Zuchtwahl“ so lange eingepaukt, bis auch der erste Herzog und der letzte Fabrikarbeiter im Affen ihren Urvater erkannten. Sein Bruder Julian, ein bedeutender Zoologe, sollte erster Generaldirektor der Unesco werden. Und sein Halbbruder Andrew, ein Physiologe, holte sich 1963 den Nobelpreis.

Und gesegnet mit einem bewusstseinserweiternden Trip verließ er die Welt wieder: seine Frau verabreichte dem Krebskranken im Endstadium auf seinen Wunsch hin LSD. Dazwischen publizierte er „im Glanz seines Witzes, seines eleganten Stils, seiner enzyklopädischen Gelehrsamkeit“ (SPIEGEL) ein Dutzend Romane, dazu Erzählungen, Reiseimpressionen, Biographien, Theaterstücke und Drehbücher sowie ein enormes essayistisches Werk von kunterbunter Thematik kreuz und quer durch die abendländische Kulturgeschichte. Am 26. Juli würde Aldous Huxley 125 Jahre alt.

„wie ein Dummkopf sich einen Klugen vorstellt“

Geboren als Sohn des Schriftstellers Leonard Huxley und dessen erster Frau Julia, soll sein Baby-Kopf so groß und gewichtig gewesen sein, dass er erst im Alter von zwei Jahren laufen konnte. Er besuchte die Hillside School in Malvern (Worcestershire), wurde aber auch von seiner eigenen Mutter unterrichtet, bis sie schwer erkrankte und 1908 starb. Er wechselte ans noble Eton College. 1911 litt er an einer Augenkrankheit und war danach drei Jahre lang fast blind. „Ogie“, das „Ungeheuer“, nannten seine Freunde den 1,93 Meter dürren Schüler mit der dicken Brille und dem beißenden Witz.

Huxley als Kind. Quelle: https://triviahappy.com/images/articles/05222014kidhuxleyfull.jpg

Von 1913 bis 1916 studierte er Literatur in Oxford, schloss mit der Bestnote ab und machte das Schreiben zu seinem Beruf: Sein erstes Buch „The Burning Wheel“ erschien bereits 1916. Ein Jahr lang unterrichtete er auch Französisch am Eton College, wo George Orwell zu seinen Schülern zählte. Als Lehrer sei er zwar unfähig gewesen, für Ordnung im Unterricht zu sorgen, aber wegen seiner brillanten sprachlichen Fähigkeiten bewundert worden.

1919 heiratete er die Belgierin Maria Nys, wurde 1920 Vater eines Sohnes und arbeitete als Journalist und Kunstkritiker. In den 1920er Jahren hielt er sich mit Frau und Sohn öfter in Südeuropa, zumal in Italien auf und besuchte dort seinen Freund D. H. Lawrence, für den Maria die zweite Hälfte der „Lady Chatterley“ ins Reine tippte. Währenddessen verhöhnte ihr Ehemann die Liebe als puren Sex, den wiederum als der Menschheit ekligste Seuche und karikierte seine Zeitgenossen als hässliche Parasiten, so in den Romanen „Crome“ (1921), „Parallelen der Liebe“ (1925) und „Kontrapunkt des Lebens“ (1928). Der „große Mahatma aller Misanthropen“ in einer gottverlassenen Nachkriegsgesellschaft wurde er genannt, heimgesucht von den Kollektivpsychosen der modernen Zivilisation.

Für den hemdsärmeligen Vollbluterzähler Ernest Hemingway war das bloß „intellektuelles Gegrübel“, „künstlich konstruierten Charakteren in den Mund gelegt“. Romangestalten, erklärte Huxley dagegen, seien für ihn „nichts als Marionetten mit Stimmen, um Ideen und die Parodie von Ideen zu äußern“. Was er erstrebe, sei die „vollkommene Verschmelzung von Roman und Essay“, so der lange, dünne Ästhet und pure Intellektuelle, der zwar eine „wandelnde Enzyklopädie“ (Bertrand Russel), in allen praktischen Dingen jedoch hoffnungslos unbeholfen gewesen sei. Huxley, bemerkte ein boshafter Kollege, sei „dieser Pedant, der lüstern der Paarung von Krebsen zusieht, ohne je fähig zu sein, einen zu fangen oder gar zu kochen“. Aldous, lobte die Literatin Elizabeth Bowen bissig, war genau so, „wie ein Dummkopf sich einen Klugen vorstellt“.

1932 folgte dann der Roman, der ihn berühmt machte, zu den einflussreichsten Romanen des 20. Jahrhunderts zählt und neben Orwells „1984“ als Musterbeispiel einer totalitären Diktatur in der Literatur gilt: „Schöne Neue Welt“, deren Menschenkinder genormt aus Retorten schlüpfen und ihr Dasein in glücklichem Schwachsinn verbringen, drogenselig kopulierend bis zum milden Ende durch Euthanasie. Der Text inspirierte Autoren aller Generationen zu eigenen Zukunftsvisionen und ist in einigen deutschen Ländern im Fach Englisch bis heute eine abiturrelevante Lektüre. 1998 wählte ihn die Modern Library auf Rang 5 der 100 besten englischsprachigen Romane des 20. Jahrhunderts, in ähnlichen Listen der BBC und des Observer taucht er auch weit vorn auf.

„Klassiker der neuzeitlichen Zivilisationsmiesepeterei“

Die Geschichte ist in der Zukunft des Jahres 2540 angesiedelt, das nach der Zeitrechnung in der neuen Welt 632 nach Ford heißt. Statt Christi Geburt ist 1908 das Maß der Zeit, als mit Einführung der Fließbandarbeit der erste Ford T in Detroit vom Band rollte – und so ersetzt auch in der Symbolik des totalitären Staates der schönen neuen Welt ein T das christliche Kreuz. Dieser Weltstaat mit dem Wahlspruch „Gemeinschaftlichkeit, Einheitlichkeit, Beständigkeit“ wird von zehn Controllern gelenkt. Nach einem neunjährigen Krieg wurden Kunst, Wissenschaft und Religion abgeschafft. Kinder werden nicht mehr von Eltern gezeugt, sondern – planwirtschaftlich organisiert – künstlich hergestellt.

Szenenbild der Verfilmung 1980. Quelle: https://flickfeast.co.uk/wp-content/uploads/2011/11/BraveNewWorld.jpg

So entsteht eine Kasten-Gesellschaft, in der Menschen als Alpha- (in der obersten Schicht) bis Epsilon-Wesen (in der untersten Schicht) kategorisiert und im Labor mit mehr oder weniger Fähigkeiten ausgestattet werden: Zuerst als Embryonen manipuliert, als Babys konditioniert und je nach Kaste dann in ihren Bedürfnissen befriedigt, sodass Unzufriedenheit nicht aufkommen kann und sie so auch ihre Situation nicht infrage stellen. Grenzenloser Konsum und Geschlechtsverkehr mit häufig wechselnden Partnern ohne tiefe Beziehungen sollen für Ruhe und Stabilität im System sorgen. Dabei hilft auch die Droge Soma, die, sobald jemand von Situationen, die von der Norm abweichen, irritiert wird, beruhigt, ausgleicht und glücklich macht. Ein konsumistischer Kommunismus ist entstanden: Bildung wird auf pragmatische, für die Gemeinschaft nützliche Wissensvermittlung reduziert, „Geschichte ist Mumpitz“ (Henry Ford) und findet nicht mehr statt, Kulthandlungen ersetzen Religion.

Die eigentlich als Satire gedachte Utopie vom allmächtigen Wohlfahrtsstaat, dem ein Shakespeare-Zitat aus dem „Sturm“ den Titel gab („O schöne neue Welt, die solche Bürger trägt!“) lässt jedes Lachen im Halse steckenbleiben. Nach Ansicht der FAZ handele sich dagegen „bei diesem Klassiker der neuzeitlichen Zivilisationsmiesepeterei um eine Sorte Satire, wie sie schwerfälliger auch der Arbeitskreis Weihnachts-Laientheater der katholischen Landjugend von Nieder-Dossenbach nicht zuwege gebracht hätte.“ Der Roman wurde bis heute nicht als Kinofilm realisiert, liegt aber in mehreren Hörspieladaptionen und Dramatisierungen vor, die gern in Sachsen aufgeführt werden (!), und war Titelsong des 12. Albums der britischen Heavy-Metal-Band Iron Maiden.

Während sich Europas Himmel verdüsterte und in Spanien der Bürgerkrieg losbrach, träumte der Pazifist Huxley vom „Einssein der Menschheit“ und hielt auf Versammlungen Plädoyers für den Weltfrieden: der Mensch sei „kein kämpfendes Tier“. 1937 emigrierte dieser „kühle, leicht antiseptisch wirkende, aber humane und sanfte Mann“ (Virginia Woolf) mit Frau und Sohn nach Amerika und suchte in Kalifornien sein Heil auf den Wegen der Erleuchtung. Er versenkte sich in die Mystik des Ostens, fand geistigen Zuspruch in den Meditationszirkeln der Ramakrischna-Jünger von Hollywood und lebte dann fünf Jahre lang auf seiner Ranch am Rand der Mojave-Wüste im Angesicht der Unendlichkeit.

„gewissenloser ästhetischer Selbstgenuss“

In dieser Zeit lassen sich in seiner Publizistik zwei Themenkreise feststellen. Der eine überspitzt seinen Wandel vom philosophierenden Humanisten zum spirituellen Mystiker: Huxley spürte einem höheren, transzendentalen Bewusstseinszustand nach, den er im Meskalin- und LSD-Rausch zu erlangen suchte. Denn: „Nur durch die Verwandlung des individuellen Charakters kann Gottes Natur und Wille wirklich begriffen werden, kann es eine dauerhafte Verwandlung der Zivilisation oder Menschheit geben.“ Resultat war 1954 „Die Pforten der Wahrnehmung“, oft zusammen veröffentlicht mit dem Nachfolgeband „Himmel und Hölle“ 1956 – dem Jahr, in dem seine Frau Maria starb.

Huxley mit Maria und Sohn Matthew. Quelle: https://www.telegraph.co.uk/content/dam/books/2018/10/19/TELEMMGLPICT000002042183_trans_NvBQzQNjv4BqqVzuuqpFlyLIwiB6NTmJwXwRjMFsEP0HSgpvSawxCy8.jpeg?imwidth=480

Darin beschreibt er nachgerade enthusiastisch die nach Selbstversuchen wahrgenommenen Auswirkungen des Psychedelikums Meskalin, das völlig unschädlich sei, keinerlei Katzenjammer hinterlasse und keine gefährlichen, enthemmenden Auswirkungen wie etwa Alkohol habe. „Christentum und Alkohol passen nicht zueinander und können es auch nicht. Christentum und Mescalin scheinen sich besser zu vertragen“, lautet sein verblüffendes Fazit. Das Mescalin-Erlebnis dürfte zu dem gehören, was katholische Theologen eine „wirksame Gnade“ nennen. Huxley definiert sie – im Widerspruch zu theologischer Lehre – als „nicht erforderlich für die Erlangung des Seelenheils, aber möglicherweise eine wertvolle Hilfe und dankbar anzunehmen, wenn sie geboten wird.“

Die Eloge auf die bewusstseinserweiternde Wirkung des im Übrigen „völlig unschädlichen“ Stoffes, von den Blumenkindern der späten sechziger Jahre zum Evangelium erhoben, trug ihm wilde Proteste ein. Für Thomas Mann, der einst die Kunst des Kollegen als „eine feinste Blüte westeuropäischen Geistes“ bewundert hatte, zeugte sie einzig und allein von „gewissenlosem ästhetischem Selbstgenuss“. Das Buch inspirierte den Harvard-Psychologen Timothy Leary und den „Doors“-Chef  Jim Morrison. 1957 heiratete er seine zweite Frau Laura, eine italienische Geigerin und Psychotherapeutin.

Der andere Themenkreis gab seinem Skeptizismus, Existentialismus und Moralismus Ausdruck, so 1956 in der Novelle „Das Genie und die Göttin“ über einen Physik-Nobelpreisträger mit infantilem Gemüt und phänomenalem Superhirn und dessen Frau, einer gewaltigen, blonde Schönheit vom Typ einer germanischen Heroine. Der puritanisch erzogene, ahnungslose Assistent des Physikers, der die Geschichte im Alter erzählt, kommt in die paradoxe Lage, dass er das Leben des Professors nur retten kann, indem er ihn mit seiner Frau betrügt. Huxley, mit dem Vokabular und den interessantesten Ergebnissen der modernen Naturwissenschaften wohl vertraut, berichtet den erstaunlichen Vorfall mit beträchtlichem psychologischem Witz und vielen beiläufigen, bissig-zutreffenden Bemerkungen über den Zeitgeist.

Heroen des Geistes: Von links nach rechts Gerald Heard, Christopher Isherwood, Julian Huxley, Aldous Huxley, Linus Pauling. Quelle: https://juttagruber.de/media/story_section_text/580/attachment-1519052820.pdf

In „Dreißig Jahre danach“ beleuchtet Huxley 1958 die Fortschritte seit „Brave New World“ in Richtung dieses Szenarios und erläutert die Bedingungen, die der Entstehung einer wissenschaftlichen Diktatur förderlich seien, darunter Überbevölkerung, Überorganisierung sowie Propaganda und Gehirnwäsche. Daneben kritisiert er die Tendenz zur Verflachung der politischen Meinungsbildung in den USA und warnt er vor einer Gesellschaft, in der die Wahrheit in einem Meer von Belanglosigkeit untergeht, ja warnt vor jenen, die uns täglich mit einem Wust von Einzelinformationen vollstopfen. Die Folgen solcher Völlereien seien gravierend, sie beseitigen die Demokratie und ließen eine Scheinwelt entstehen, weil die Menschen Informationen nur als Bruchstücke wahrnehmen.

„durch unseren Wunsch, glücklich zu sein“

1960 diagnostizierten die Ärzte bei ihm einen Zungentumor. Von einer Operation, die sein Sprechvermögen lädiert hätte, wollte Huxley nichts wissen, entschied sich für eine Strahlenbehandlung und nahm, unablässig schreibend, seine Arbeit wieder auf. So setzte er sich mehrfach mit Charles Percy Snows Klage über die Existenz zweier Kulturen auseinander, die sich nicht nur verständnislos, sondern sogar feindlich gegenüberstehen, zwischen denen es so gut wie keine Kommunikationsmöglichkeiten mehr gibt: die traditionelle humanistische Kultur – und die neue naturwissenschaftliche.

Huxley deutet die These um in das Phänomen zweier Sprachen: Die normale, für ihn unbrauchbare Alltagssprache wolle der Dichter zu einem Ausdrucksmittel von möglichst großer Vieldeutigkeit und Beschwörungskraft läutern – während der Wissenschaftler aus der für ihn nicht weniger unbrauchbaren Normalsprache sich ein Instrument der größtmöglichen Eindeutigkeit und Präzision zu schaffen sucht. Die Verfeinerung in beiden Richtungen sei nun so weit fortgeschritten, dass sozusagen Übersetzungen aus der einen Sprache in die andere nicht mehr möglich schienen.

1961 brannte sein Haus in Kalifornien mit seiner Bibliothek und allen Manuskripten nieder. „Für mich“, sagte Huxley, „war es ein Zeichen, dass der grimmige Schnitter mich ins Auge fasste.“ Doch der Stoff seines Lebens ließ den Sozial-Utopisten bis zum Ende seines Lebens nicht los: in seinem letzten Buch „Eiland“ (1962) lieferte er ein philanthropisches Gegenstück zur zynisch-pessimistischen Dystopie von 1932. Das Gemeinwesen Pala ist das Ergebnis eines Experiments, begonnen vor mehr als hundert Jahren von zwei Männern: Dem erst kalvinistischen, später atheistischen schottischen Arzt MacPhail und dem Inselfürsten Murugan. Diese Auslese – vom Westen wurden Elektrizität, Medizin und Biologie übernommen, der Osten steuerte buddhistische Religiosität und erotische Tradition bei – erwies sich nicht zuletzt wiederum durch eine Droge namens „Moksha“ als segensreich, berichtet ein zeitreisender Journalist.

Huxley im Alter. Quelle: https://p5.focus.de/img/fotos/origs3421271/7028516231-w630-h472-o-q75-p5/urn-newsml-dpa-com-20090101-131121-99-02335-large-4-3.jpg

Volkes Stimme gibt er so wieder: „Wir haben kein Bedürfnis nach euren Rennbooten oder eurem Fernsehen. Noch weniger nach euren Kriegen und Revolutionen, euren Renaissancen, euren politischen Schlagworten, eurem metaphysischen Unsinn aus Rom und Moskau“. Und: „Wir produzieren und importieren nur das, was wir uns leisten können. Und dieses Leistungsvermögen wird nicht nur begrenzt durch unseren Vorrat an Pfunden und Mark und Dollars, sondern auch … durch unseren Wunsch, glücklich zu sein, unseren Ehrgeiz, ganz und gar menschlich zu werden.“ Entstanden ist weniger ein Roman als eine Folge dramatisierter, oft langweiliger Essays über Gesetzesreformen, künstliche Befruchtung und Promiskuität wie auch über Erziehungs- und Industrialisierungsprobleme.

Im Folgejahr hatte sich der Krebs überall in seinem Organismus eingenistet. Am 22. November 1963 schob er, unfähig zu sprechen, seiner Frau einen Zettel zu: „Versuch es mit 100 Mikrogramm LSD intramuskulär.“ Von dem Trip kehrte er nicht mehr zurück. Es war derselbe Tag, an dem John F. Kennedy den Schüssen von Dallas zum Opfer fiel. Die Welt nahm die Nachricht vom Tod des Schriftstellers daher kaum zur Kenntnis. Bleiben werden nicht nur seine Romane und Essays, sondern auch seine kurzen Spitzen: „Wer so tut, als bringe er die Menschen zum Nachdenken, den lieben sie. Wer sie wirklich zum Nachdenken bringt, den hassen sie“, lautet eine, die nach wie vor sehr wahr ist.

Zugegeben: das Reiseziel war nicht unbedingt attraktiv. Keine Atmosphäre, kein Sauerstoff, dafür viele Krater, noch mehr Staub, dazu Temperaturschwankungen zwischen + 130 °C tags und −160 °C nachts. Unüblich war dazu, dass die Ankunft der gerade drei Reisenden von fast 600 Millionen Menschen live bestaunt und bejubelt wurde. Und zu allem Überfluss mussten sich die Astrotouristen nach ihrer Rückkunft aus Furcht vor unbekannten Mikroorganismen in eine Quarantäne von siebzehn Tagen begeben – doppelt so lang, wie die Reise dauerte. Doch das war allen Beteiligten egal: vor 50 Jahren, am 20. Juli 1969, glückten mit dem Raumschiff Apollo 11 die erste Landung von Menschen auf dem Mond und ihr erster Spaziergang auf dem Erdtrabanten.

Die Mission erfüllte die Aufgabe, die Präsident John F. Kennedy 1961 der Nation erteilt hatte: Noch vor Ende des Jahrzehnts einen Menschen zum Mond und wieder sicher zurück zur Erde zu bringen. Das war nicht nur eine ingenieurtechnische Meisterleistung, die den Menschen aus seinem bisherigen Lebensraum heraus in völlig neue Dimensionen brachte, sondern auch ein politischer Erfolg – in der heißen Phase des Kalten Krieges war die Beherrschung des Weltraums Teil des Wettrüstens und im Kampf der Systeme ein wichtiger Eintrag ins kollektive Gedächtnis der Menschheit: Für kurze Zeit wehte auf dem Mond das amerikanische Banner, gehisst vor weltweitem Publikum.

Die Planungen dazu hatten vier Jahre zuvor begonnen. Im Januar 1969 wurde die Besatzung vorgestellt: Kommandant Neil Armstrong und Pilot Edwin „Buzz“ Aldrin im Landemodul „Eagle“, komplettiert von Michael Collins, der im Kommandomodul zurückbleiben sollte. Armstrong war ein Kampf- und späterer Testpilot der Navy, der seinen Flugschein vor der Fahrerlaubnis machte, Aldrin und Collins Kampfpiloten der Air Force. Alle waren 39 Jahre alt und bereits einmal mit Gemini-Schiffen im Weltraum gewesen. Zum Zeitpunkt ihrer Auswahl war die Mannschaft noch nicht davon überzeugt, die erste bemannte Mondlandung zu absolvieren: Die Mondlandefähre war bis dahin noch nicht bemannt im Weltraum getestet worden. Als Trägerrakete sollte eine 2940 Tonnen schwere, 110 Meter hohe Saturn V fungieren; entworfen unter der Leitung der beiden deutschen Ingenieure Wernher von Braun und Arthur Rudolph. Die Vorbereitungen verliefen ohne jeden Zwischenfall.

Die Crew der Apollo 11: Neil Armstrong, Michael Collins und Edwin E. Aldrin. Quelle: https://img.zeit.de/wissen/2012-08/bg-mondlandung-bilder/33534144-540×304.jpg

Apollo 11 startete am 16. Juli 1969 um 13.32 Uhr Weltzeit von Cape Canaveral in Florida und erreichte zwölf Minuten später planmäßig die Erdumlaufbahn. Nach anderthalb Erdumkreisungen wurde die dritte Raketenstufe für sechs Minuten erneut gezündet und das Raumschiff damit auf Mondkurs gebracht. Anschließend wurde das Schiff am 19. Juli 1969 um 17:22 Uhr durch ein Bremsmanöver über der Rückseite des Mondes in eine Mondumlaufbahn eingeschwenkt. Der gesamte Hinflug zum rund 384.403 Kilometer entfernten Mond dauerte 76 Stunden und verlief ebenfalls reibungslos.

„ein großer Sprung für die Menschheit“

Wegen geringer unbeabsichtigter Abweichungen beim Abkoppeln der Landefähre zielte der Bordcomputer auf eine Stelle knapp fünf  Kilometer hinter einem geplanten Landegebiet im Meer der Ruhe. Die Monate zuvor erfolgte Auswahl des Landeplatzes war eine Wissenschaft für sich, die Sicherheit der Astronauten dabei oberstes Gebot. So mussten Landung und Rückstart bei direkter Sonneneinstrahlung und optimalen Sichtverhältnissen erfolgen. Um Treibstoff zu sparen, war der Landeplatz zudem auf Gebiete in der Nähe des Mondäquators beschränkt und sollte weder von Kratern noch größeren Gesteinsbrocken behindert werden. Am Ende blieben fünf Landegebiete übrig.

Als der Autopilot beim Endanflug die Fähre auf ein Geröllfeld neben einem Krater zuführte, schaltete Armstrong auf Handsteuerung, überflog den Krater und landete auf einer ebenen Stelle ca. 500 m weiter westlich. Die zusätzlichen Manöver sollen das ohnehin knapp kalkulierte Treibstoffbudget so strapaziert haben, dass die Astronauten nur noch etwa 20 Sekunden Zeit gehabt hätten, entweder zu landen oder den Anflug abzubrechen. Spätere Analysen zeigten aber, dass der Treibstoff in den Tanks hin und her schwappte, was zu ungenauen Anzeigen geführt hatte: Die Reserve war höher. 20.17 Uhr vermeldete Armstrong: „The Eagle has landed!“ („Der Adler ist gelandet!“). Die BBC unterlegte die Live-Bilder der Landung übrigens mit David Bowies „Space Oddity“, obwohl der Song von einem hilflosen Astronauten handelt.

Sofort danach trafen die Astronauten Vorbereitungen für den Rückflug, der alle zwei Stunden erfolgen konnte, fotografierten die Mondoberfläche aus ihren Fenstern – und hatten mit minütlich steigender Aufregung zu tun. Sie schlugen prompt vor, die ursprünglich geplante Ruhepause von knapp sechs Stunden auf 45 Minuten zu verkürzen und den Ausstieg vorzuziehen. Houston hatte nichts dagegen. Die Vorbereitungen hierzu dauerten etwa drei Stunden. Am 21. Juli 1969 um 02.56 Uhr betrat dann Armstrong, von je einer Außen- und Innenkamera gefilmt, als erster Mensch den Mond und sprach die berühmten Worte: „That’s one small step for ‹a› man, one giant leap for mankind!“ („Das ist ein kleiner Schritt für einen Menschen, aber ein großer Sprung für die Menschheit!“).

Armstrong auf dem Mond. Quelle: https://www.fr.de/bilder/2019/04/03/12102680/1209885679-21472310108_300c01d139_k-MpMeSMwH9a7.jpg

Um den kleinen Satz mit großer intellektueller Tragweite, der zu den weltweit berühmtesten Worten gehört, die je ein Mensch gesprochen hat, ranken sich bis heute zwei Gerüchte. Zum einen rätselte die Welt, noch bevor Armstrong wieder gelandet war, wer diese Worte wohl wann getextet habe. Dean Armstrong erzählte nach dem Tod seines Bruders, Neil habe ihm Monate vor dem Start bei einem Spieleabend einen Zettel rübergeschoben, auf dem die Worte standen, und gefragt, was er davon halte, wenn er dies bei seinem Abstieg zum Mond der Welt mitteilen würde. „Fantastisch“, habe er geantwortet.

Biografen bezweifeln das, lautete doch Neils öffentlich geäußerte Lesart stets, er habe sich die Worte in den Stunden zwischen Landung und Ausstieg ausgedacht. Andere gingen davon aus, dass der Spruch aus dem Brain Trust der Nasa stammt, wieder andere meinten, auch die Nasa habe sich so etwas nicht zugetraut und deshalb den Schriftsteller Arthur Miller mit der Komposition der passenden Worte beauftragt. Miller hat allerdings nie das Copyright für den Satz beansprucht.

Zum anderen geht es darum, ob Armstrong in seinem Satz das „a“ wirklich hörbar gesprochen oder aus Aufregung verschluckt habe, denn dann wäre die Aussage unsinnig. Er selbst gestand in einem Interview 1999: „Ich wollte ‚a‘ sagen. Ich dachte, ich hatte es gesagt. Ich kann es nicht hören, wenn ich mir die Funkübertragung hier auf der Erde anhöre. Ich bin zufrieden, wenn Sie es einfach in Klammern setzen.“ Ein Wissenschaftler gab Armstrong schließlich Recht: Der australische Computerprogrammierer Peter Shann Ford ließ 2006 eine Software über das Zitat laufen, das Schallwellen untersucht und ebendort eine Erhöhung registrierte, wo das verlorene „a“ sein sollte. Es dauerte 35 Millisekunden – zu kurz, um vom menschlichen Ohr gehört zu werden, aber es war da.

„Empfehlungen für Raumfahrttreibende“

20 Minuten später betrat auch Aldrin den Mond und absolvierte gemeinsam mit Armstrong ein zweieinhalbstündiges straffes wissenschaftliches Programm. Sie maßen die Zusammensetzung des Sonnenwindes auf dem Mond, bauten mehrere Forschungsgeräte auf, darunter ein Seismometer, das die erste Mondnacht jedoch nicht überstand, und einen Laser-Entfernungsmesser. Außerdem nahmen sie Bodenproben und sammelten 21,6 kg Gestein – ein in den Proben festgestelltes unbekanntes Mineral wurde nach den ersten Buchstaben der Nachnamen der Astronauten später „Armalcolit“ getauft. Wieder an Bord, begannen sie, den Rückflug einzuleiten.

Apollo 11 nach der Wasserung. Quelle: https://cdn1.spiegel.de/images/image-120587-galleryV9-leli-120587.jpg

Nach problemlosem Start schwenkte die Fähre in eine Mondumlaufbahn ein, koppelte knapp vier Stunden später wieder an die Kommandokapsel an und wurde nach dem Umstieg von Armstrong und Aldrin abgestoßen. Einen aus unklaren Gründen abgebrochenen Schalter soll Aldrin beim Mondstart einfach mit einem Filzstift bedient haben. Erfolgreich auf Erdkurs gebracht, wasserte die Apollo-Kapsel am 24. Juli 1969 um 16.50 Uhr im Pazifik und wurde von der USS Hornet, inzwischen Museumsschiff in Alameda, an Bord genommen. Dort mussten sich die Astronauten in ein Quarantänemodul begeben, das heute noch zu besichtigen ist. Das Kommandomodul ist in Washington ausgestellt.

Bis heute verwundern nicht nur die Professionalität und Reibungslosigkeit der Mission, sondern auch die weitgehende Unaufgeregtheit in den weiteren Lebensläufen der Astronauten. Nach verschiedenen Aufgaben bei der NASA übernahm Armstrong eine Professur für Raumfahrt-Ingenieurwesen an der Universität von Cincinnati, brachte es danach als Firmengründer zum mehrfachen Millionär und starb am 25. August 2012 an den Folgen einer Bypass-Operation. Damien Chazelle gelang in „Aufbruch zum Mond“ im Herbst 2018 mit Ryan Gosling als Armstrong eine Erzählung über eben diesen amerikanischen Professionalismus. Aldrin wurde Leiter des Astronautenausbildungszentrums und arbeitet, nach einer Lebenskrise in den 70er Jahren, als Publizist und Berater, so beim Computerspiel „Buzz Aldrin’s Race into Space“. Und Collins wurde erster Direktor des National Air and Space Museum in Washington und leitet aktuell eine eigene Firma.

Bis heute verstummen aber auch nicht die Verschwörungstheoretiker, nach denen diese, ja alle Landungen zwischen 1969 bis 1972 nicht stattgefunden hätten, sondern von der NASA und der US-Regierung vorgetäuscht worden seien. Hauptfigur ist William Charles Kaysing, der bei der NASA-Zulieferfirma Rocketdyne, die Triebwerke für die Saturn-V-Raketen herstellte, die technische Dokumentation leitete und 1976 in seinem Buch „We Never Went to the Moon“ Indizien aufzählte, weshalb die Landungen nicht erfolgt sein könnten. Ein ähnlicher Plot liegt dem Film „Unternehmen Capricorn“ von Peter Hyams 1978 zugrunde, der von einer inszenierten Marsreise handelt. Der Astrophysiker Philip Plait und viele andere Autoren haben genüsslich jedes dieser Argumente zerpflückt.

Die Nasa betrieb ihr 1961 gestartetes Apollo-Programm bis 1972 und ließ es sich 23,9 Milliarden Dollar kosten. Es gab bis zu 400.000 Menschen Arbeit. Nach der letzten Mission, Apollo 17, hatten insgesamt 12 Erdenbürger, allesamt US-Amerikaner, den Mond betreten. Seitdem niemand mehr. Das soll sich ändern: im Dezember 2017 stellte Donald Trump die „Space Policy Directive 1“ vor: Erst zum Mond, dann zum Mars, lässt sie sich zusammenfassen. Natürlich war Buzz Aldrin bei der Präsentation dabei, aber auch Jack Schmitt aus der Crew von „Apollo 17“.

Trump unterzeichnet „Space Policy Directive 1“, rechts daneben Aldrin. Quelle: https://mynewsla.com/wp-content/uploads/2017/07/Trump-NASA.jpg

Inzwischen hat die US-Raumfahrtbehörde gar das 93seitige Verhaltens-Regelwerk „Empfehlungen für Raumfahrttreibende“ aufgelegt, um die „Apollo“-Relikte und Landestellen auf dem Mond zu bewahren. Dahinter steckt die Angst, dass die Fahnen, Messinstrumente oder Schuhabdrücke unter den chinesischen, indischen und auch privaten Raumschiffen etwa von „Bigelow Aerospace“ oder „United Launch Alliance“ leiden, die in den nächsten Jahren zum Mond reisen wollen. Deshalb spricht sie sich auch dafür aus, den Mond als historische Stätte zu schützen: Am besten als „Naturpark“.

Den hochgewachsenen meterdicken Baum mit brauner, riffeliger Rinde unterscheidet von anderen nur ein zweisprachiges Schild: „Gegen diesen Baum haben Henker Kinder geschlagen“. Er steht bei Choeung Ek nahe der kambodschanischen Hauptstadt Phnom Penh auf dem „Killing Field“ des berüchtigten Gefängnis S-21 – einer ehemaligen Schule, die heute das Tuol-Sleng-Genozid-Museum beherbergt. Damals mussten die Täter lachen, wenn sie die Kinder gegen den Stamm totschlugen, um sich nicht selbst verdächtig zu machen. Heute fotografieren sich Touristen davor mit ihren Smartphones – die Gräueltaten der kommunistischen Schreckensherrschaft sind Folklore geworden.

Fast 200 solcher Gefängnisse und rund 300 solcher Killing Fields gab es in der Zeit des „Demokratischen Kampuchea“, wie die Roten Khmer unter Pol Pot („Bruder Nr. 1“) ihr Regime nannten. In den drei Jahren, acht Monaten und 21 Tagen seiner Existenz kamen zwischen 1,7 und 2,2 Millionen Menschen um – mindestens 800.000 durch Gewalt, die anderen verhungerten, starben an Entkräftung oder Krankheiten. Vor 40 Jahren beendete die Vietnamesische Armee den Genozid, der als eins der schlimmsten Verbrechen nach 1945 in die Weltgeschichte einging; vor 10 Jahren, im Juli 2009, wurde Tuol Sleng zum UNESCO-Weltdokumentenerbe erklärt.

Choeung Ek, „Killing Tree“. Quelle: https://fluchtplan.files.wordpress.com/2014/12/141208_kambodscha_phnompenh_khmerrouge_choeungek_killingfields_06_1000x750_soerenpeters.jpg

Das Museum archiviert unter anderem 4.186 schriftliche Geständnisse und 6.147 Fotografien. Insgesamt belegen die Dokumente, dass Folter und Ermordung systematisch erfolgten. Schon beim Betreten des Schulhofes schockiert eine Tafel mit der Lagerordnung. So steht beispielsweise unter Punkt 6: „Es ist verboten, während Auspeitschungen oder Elektroschocks zu weinen.“ Kaing Guek Eav, Kommandeur von S-21, gab später während seines Prozesses zu Protokoll: „Ich und alle anderen, die an diesem Ort arbeiteten, wussten, dass jeder, der dorthin kam, psychologisch zerstört und durch ständige Arbeit eliminiert werden musste und keinen Ausweg bekommen durfte. Keine Antwort konnte den Tod verhindern. Niemand, der zu uns kam, hatte eine Chance, sich zu retten.“

„bedürfnislose Gleichheit“

Die Geschichte der Roten Khmer reicht bis in das Paris der 1950er Jahre zurück: kambodschanische Studenten, darunter Pol Pot, Ieng Sary und Khieu Samphan, die späteren Anführer, gründeten eine marxistische Studentenvereinigung und traten später der Kommunistischen Partei Kambodschas bei. Das Land war seit 1953 von Frankreich unabhängig und wurde seitdem von Prinz Norodom Sihanouk regiert. Während der Studentenrevolte 1963 flohen Pol Pot und mehrere seiner Gefährten in den Untergrund und begannen, unter dem Namen „Rote Khmer“ eine Guerillatruppe aufzubauen.

1965 schwappte der Vietnam-Krieg nach Kambodscha über. Mit militärischer Hilfe der kommunistischen Nordvietnamesen gelingt es der Guerillatruppe, große Teile Kambodschas unter ihre Kontrolle zu bringen. In Abwesenheit Sihanouks putschte aber 1970 der USA-unterstützte Marshall Lon Nol. Zugleich beenden die Nordvietnamesen die Zusammenarbeit, als sie merken, dass ihnen die Roten Khmer bei der Vertreibung der Amerikaner aus Kambodscha zur Last fallen und ihre politischen Anschauungen zu extrem wurden. In dem Chaos stürzten die Roten Khmer Lon Nol, nahmen am 17. April 1975 Phnom Penh ein und errichteten die Volksrepublik Demokratisches Kampuchea.

Pol Pots „Vision“ war eine kollektivistische Ordnungsphantasie. Er wollte ein radikal-kommunisti-sches System etablieren, eine ursprüngliche, agrarisch geprägte Gesellschaft schaffen. Dafür teilten die Khmer die Bevölkerung in ein „altes“ und ein „neues“ Volk ein: Die städtische Bevölkerung, das „neue Volk“, war der Klassenfeind, der sich an den Erträgen der „alten“ ländlichen Bevölkerung bereichere. Daher sollten alle Städte evakuiert und die Menschen zur Landarbeit gezwungen werden. So mussten zum Beispiel die mehr als zwei Millionen Einwohner Phnom Penhs die Stadt innerhalb weniger Tage räumen. Schon damals starben Zehntausende bei diesen Gewaltmärschen aufs Land und dann bei der ungewohnten Zwangsarbeit von mindestens 15 Stunden täglich.

Vertreibung aus Phnom Penh. Quelle: http://www.faszination-fernost.com/wp-content/uploads/2015/04/150417_Evakuierung_Phnom_Penh.jpg

Die Roten Khmer schafften jegliche religiöse Praktiken, Geld und Privatbesitz ab; Sprachen und Bräuche von Minderheitengruppen verboten sie. Kulturelle und religiöse Einrichtungen, Schulen und Betriebe wurden zerstört. Als verdächtig galt schon, wer eine Fremdsprache sprach, Bücher besaß oder eine Brille trug. Aber auch Angehörige der Armee, der Polizei und Beamte mussten die neuen Machthaber fürchten. Zwar wurde zunächst die gesamte Gefolgschaft des gestürzten Lon Nol ausgeschaltet. Doch als sich trotz aller Säuberungen und Massenhinrichtungen der erwartete „Sprung nach vorne“ nicht einstellen wollte und stattdessen die wirtschaftliche und soziale Ordnung kollabierte, entdeckten die Genossen mit den niedrigsten Nummern in der KP-Hierarchie die eigenen Parteigenossen und Kader als Feinde. Schon Missgunst und Denunziation von Nachbarn führten zum Tod.

„Ich demütige mich“

Die Roten Khmer setzten ihre Ideen der „bedürfnislosen Gleichheit“ mit unnachsichtiger Härte durch. Weil das Gebot der „einheitlichen Kost“ herrschte, galt zum Beispiel der illegale Besitz selbst kleiner Mengen Reis als schweres Vergehen. Auch Streit in der Familie und das Bestrafen von Kindern waren verboten. Bei den regelmäßigen politischen Versammlungen musste man öffentlich Selbstkritik üben, die häufig mit den Worten endete: „Ich demütige mich, damit ich mich noch besser fügen kann.“ Wer einer Anordnung widersprach, wurde vielfach kurzerhand wegen „Individualismus“ erschlagen.

Daniel Bultmann hat in Kambodscha unter den Roten Khmer analysiert, wie dieser „professionell betriebene Verwaltungsmassenmord“ im „bürokratisch organisierten Gefängnissystem“ von den lokalen Gemeinden, die man noch überstehen konnte, über die Umerziehungszentren der Distrikte bis hin zu Tuol Sleng funktionierte: Es sei um nichts weniger gegangen als den „perfekten Sozialisten“ mit modernen Mitteln zu realisieren. Dabei war die Chance, S-21 zu überleben, gleich null: Die Vietnamesen befreiten ganze 14 Häftlinge aus ihren Zellen, von denen noch sieben starben.

Selbst bei den Hinrichtungen auf den Killing Fields herrschte bürokratische Effizienz. Bultmann: „Um Kugeln und Ressourcen zu sparen, wurden die Kader angewiesen, die Opfer lediglich mit einem Axt-, Schaufel- oder Stockschlag in den Nacken zu töten. Kleinkinder wurden stellenweise einfach gegen einen Baum geschleudert … Die Opfer fielen dann kopfüber in ein Massengrab, über das noch in regelmäßigen Abständen eine Säure geschüttet wurde, um den Geruch zu übertünchen. An vielen Orten spielten die Kader auch laute Musik, um die Schreie zu übertönen.“ Auch heute noch sind viele Massengräber nicht ausgehoben und die Toten nicht angemessen bestattet.

Opfer der Roten Khmer. Quelle: http://www.hpgrumpe.de/kambodscha/texte/der_spiegel_16-1980-Dateien/image006.jpg

Immer noch spült der Regen Kleidungsfetzen und Knochen aus dem Boden der Killing Fields, alle paar Monate werden sie eingesammelt. „Don’t step on bone – Treten Sie nicht auf Knochen“ steht zweisprachig auf Schildern am Rande der Wege von Choeung Ek. Der Erinnerungsort wurde von der Regierung für 15 000 Dollar pro Jahr an ein japanisch-kambodschanisches Unternehmen verpachtet – für manche Kambodschaner ist schwer nachvollziehbar, dass ein ausländisches Unternehmen Geschäfte mit ihren Toten macht. In Siam Reap, nahe der Tempelstadt Angkor, steht auf dem einstigen Gefängnisgelände dagegen ein Luxushotel.

Übertriebener Nationalismus bringt die Roten Khmer dazu, 1978 einen Krieg mit Vietnam um das Mekong-Delta zu beginnen. Das war keine gute Idee: Da Pol Pots Truppen schwach und ausgemergelt sind, begegnen die vietnamesischen Truppen kaum Widerstand, erobern schon am 7. Januar 1979 die Hauptstadt, installieren eine aus geflohenen Intellektuellen und ehemaligen Rote Khmer-Mitgliedern bestehende Regierung – darunter auch den bis heute amtierenden Regierungschef Hun Sen – und zogen erst 1989 wieder ab.

Danach blieb es kompliziert, denn trotz der Pariser Friedensverträge 1991 blieben die Roten Khmer widerspenstig. Nach ihrer Ächtung 1994 nutzten 7.000 Khmer-Soldaten die Möglichkeit einer Amnestie. 1998 wurde Pol Pot zu lebenslangem Hausarrest verurteilt und starb kurz darauf – ob er von seinen eigenen Leuten vergiftet wurde, ist bis heute unklar. Nach seinem Tod kapitulierten die letzten Kampfverbände. Die kambodschanische Regierung sprach weitere Amnestien aus und gliederte Rote Khmer-Kämpfer in die Nationalarmee ein – wo sie bis heute teilweise führende Posten bekleiden.

Prozess mit 4000 Nebenklägern

Zur Aufarbeitung der Terrorherrschaft beschloss das kambodschanische Parlament 2001, einen internationalen Sondergerichtshof für Verbrechen der Roten Khmer (ECCC) unter Beteiligung der Vereinten Nationen einzusetzen, der im Juli 2006 seine Arbeit aufnahm und dessen verschiedene Kammern mit kambodschanischen und internationalen Richtern besetzt sind. Am 17. Februar 2009 wurde der Leiter von Tuol Sleng, Kaing Guek Eav, genannt „Duch“, angeklagt und 2010 schuldig gesprochen – „lebenslänglich“ lautete das Urteil am Ende. Ohne die Prozesse wären die Geldgeber des Internationalen Währungsfonds abgesprungen, die wenigstens die demokratische Fassade erhalten möchten.

Prozess gegen „Duch“. Quelle: https://www.welt.de/img/politik/mobile100304215/8712503077-ci102l-w1024/rotekhmer-Duch-vor-gericht-DW-Politik-Phnom-Penh-jpg.jpg

2011 im zweiten Prozess mit 4000 Nebenklägern (!) waren wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit, Kriegsverbrechen und Völkermord angeklagt der Chefideologe Nuon Chea („Bruder Nr. 2“), Khieu Samphan, ehemaliger Staatschef der Roten Khmer, Ieng Sary, Ex- Außenminister, und seine Frau, die frühere Sozialministerin Ieng Thirith. Thirith wurde kurz darauf für verhandlungsunfähig erklärt; Sary verstarb während des Prozesses. Die beiden anderen Angeklagten wurden am 7. August 2014 jeweils zu lebenslanger Haft verurteilt. Die Prozesse kosteten bislang 300 Millionen Dollar.

Die Regierung will weitere Verfahren verhindern, wie Dauer-Ministerpräsident Hun Sen, kettenrauchender Premier mit Glasauge und einst weltweit jüngster Regierungschef, wiederholt öffentlich erklärte. Sein Auge verlor er als Offizier der Roten Khmer. 1977 lief er zu den Vietnamesen über, die ihn nach ihrem Sieg als Vertrauten installierten. Seine eigenen Verfehlungen könnten ebenso ruchbar werden wie die Prozesse weiteres Spaltungspotential haben: die Khmer sind nun mal immer noch da, und ihre Opfer müssen sich mit ihren Peinigern arrangieren, so schwer das auch ist. Der ECCC betont mehrfach, dass niedrige und mittlere Funktionäre der Khmer nichts zu befürchten hätten – auch dann nicht, wenn sie Verbrechen begangen hätten. Nur die Hauptschuldigen fielen unter die Zuständigkeit des Gerichts, die Politik der nationalen Versöhnung sei unverändert in Kraft.

Ungesühnt bleibt damit auch das System der Zwangsheiraten, von denen eine halbe Million Einwohner betroffen gewesen sein dürfte. Der Befehl lautete: Vermehrt euch. So wurde die 20jährige In Thy mit einem völlig Fremden vermählt. „Weil klar war, dass wir nicht miteinander klarkamen, gerieten wir unter Verdacht. Mein Mann kam ins Umerziehungslager, ich wurde verwarnt“, berichtet sie in der Welt. „Wir haben dann beschlossen, doch zusammen zu schlafen, um unser Leben zu retten.“ Endlich wurde sie schwanger. Trotz des traumatischen Starts blieb In Thy bei ihrem Mann, wie viele andere auch. Scham spielt in der bis heute sehr konservativen Gesellschaft eine Rolle, und Verantwortungsbewusstsein. „Wir haben uns zusammengerauft, wegen der Kinder. Als Mutter muss ich als Erstes an die Zukunft meiner Kinder denken. Deshalb kam Scheidung für mich nicht infrage.“

Erfolgreicher als bei der Bestrafung der Täter ist das Gericht bei der Aufklärung der Bevölkerung. Aus dem ganzen Land hat es bislang mehr als 100 000 Menschen kostenlos mit Bussen abgeholt, damit sie an einer Verhandlung teilnehmen können. Dabei hat für einen Großteil der Bevölkerung die Aufarbeitung keine Priorität mehr, ergab eine Studie der Universität Berkeley: Mehr als die Hälfte der 15 Millionen Einwohner kamen erst nach Pol Pot auf die Welt und wollen das internationale Geld nicht mehr in Gerichtskosten investieren.

Opfer in einem Killing-Field-Museum. Quelle: https://2.bp.blogspot.com/-qcO0PxZuPpM/WDKxJjVTVjI/AAAAAAAAs8Y/iTBESuCxyGMBV72YMniGfz2Pm1EiPvJHgCEw/s1600/DSC01779.JPG

Zur Fortführung der Arbeit des ECCC steht das Documentation Center of Cambodia (DC-Cam) bereit. Das noch private Archiv trug systematisch 50 000 Interviews und 1,2 Millionen Seiten Dokumente zusammen, veröffentlichte rund eine Million Namen von Opfern im Internet und betreibt „Genoziderziehung“: Maßgeblich finanziert durch die Deutsche Botschaft, hat es rund 500 000 Geschichtsbücher an kambodschanische Oberschüler verteilt; 3000 Pädagogen, 300 Polizeioffiziere und 100 Universitätsdozenten fachlich weitergebildet.

Blutrünstige Monster oder irregeleitete Utopisten?

Die Bilanz ist dennoch bitter: Die Roten Khmer haben Kambodscha um seine Zukunft gebracht. Dem Land, das noch in den 1960ern als Riviera Südostasiens galt, fehlt heute fast eine gesamte Generation. Einer Studie zufolge sind 20 Prozent der über 30jährigen so traumatisiert, dass sie eigentlich arbeitsunfähig sind. Nahezu jeder hat persönliche Erfahrungen mit dem Terrorsystem machen müssen. Übrig bleibt ein Land mit jungen Menschen, denen die Eltern und deren Werte fehlen.

Jedes Jahr stoßen die Schulen 200.000 junge Leute aus, aber nur jeder Zehnte findet einen Job. In den Schulbüchern wird die jüngere Geschichte noch kaum behandelt, eben weil sie noch keine Geschichte ist. Zudem sind vier Millionen Kambodschaner Analphabeten. Das durchschnittliche Pro-Kopf-Einkommen beträgt nicht einmal 280 US-Dollar im Jahr, im Schnitt rechnet man auf 1000 Kambodschaner 19 Telefonanschlüsse und ein PC.

Dazu kommt, dass sich in der nebeligen Hügellandschaft an der Grenze zu Thailand bis heute fast 40.000 Mann eingeigelt haben: Reste jener Truppen, die einst Pol Pots mörderischer Vision eines ultramaoistischen Bauernstaats folgten, dem tödlichen Gleichheitstraum eines Landes ohne Intellektuelle, ohne Ärzte, Lehrer oder Beamte. Seine Schergen halten heute Ruhe – als Gegenleistung für das Versprechen, sich für ihr Morden nicht verantworten zu müssen. Zum Überleben reicht ihnen der illegale Holzhandel, ein riesiges Casino direkt an der Grenze, in dem sich reiche Thais mit bunten Spielchips und jungen Mädchen vergnügen, und das Wissen um die gemeinsame Vergangenheit. Der Gouverneur der Gegend war noch bis vor wenigen Jahren der ehemalige Leibwächter Pol Pots.

Opfer in der Stupa eines Killing-Field-Museums. Quelle: http://mardaninews.de/gallery3/data/media/1/22_21_856.jpg

Wer waren die Roten Khmer wirklich? Blutrünstige Monster, die mindestens zwei Millionen Menschen auf dem Gewissen haben? Irregeleitete Utopisten, die Kambodscha um jeden Preis in einen kollektivistischen Agrarstaat umwandeln wollten? Oder kühl berechnende Politiker, die sich Mao Tse-tungs skrupellose Gewaltherrschaft in der Volksrepublik China zum Vorbild nahmen, um bei dieser Gelegenheit die verhassten Vietnamesen zu bekämpfen und die Buddhisten auszurotten, weil sie keine Vertreter einer Religion neben sich dulden wollten? Wohl von allem etwas, meint Bultmann.

Doch erklärt die Ideologie nicht allein den Blutrausch der Khmer, sagt der Konfliktforscher Timothy Williams der Welt; ein wichtiges Motiv der Gewalt sei schierer Opportunismus gewesen. Von Williams interviewte Kader sagten: „Wenn man grausam war, konnte man Leiter einer Einheit werden.“ Anderen ging es um Vorteile wie bessere Wohnungen oder leichtere Arbeit als Lohn für Mord und Totschlag. Einige schlossen sich den Roten Khmer an, um persönliche Rechnungen zu begleichen. So gut wie keiner der Interviewten habe seine Taten bedauert, so Williams. Das lässt bei der Vielzahl von Sympathisanten linker Ideologie heute erschauern.

Er dürfte der einzige namhafte deutsche Politiker sein, der je einen Bären erlegte: 1996 in den rumänischen Karpaten. „Mit einem einzigen Schuss“, wie er der Deutschen Jagdzeitung stolz erzählte. Überhaupt spielten bei dem passionierten Jäger Tiere eine besondere Rolle: „Mein Hund ist als Hund eine Katastrophe, aber als Mensch unersetzlich“, beschrieb er augenzwinkernd seinen Dackel „Mücke“ in der Süddeutschen Zeitung. Und anlässlich seines Ägypten-Besuchs als Minister für Entwicklungshilfe textete der SPIEGEL bereits im April 1963 „Scheel konnte nur mit Mühe von dem Kamel ‚Bismarck‘ absitzen, das ihn um die Pyramiden von Gizeh getragen hatte, weil das Tier sich durch heftige Abwehrbewegungen dem Abstieg des Bonner Kreditverteilers widersetzte.“ Walter Scheel, der vierte deutsche Bundespräsident, würde am 8. Juli 100 Jahre alt.

Scheel mit dem Bären. Quelle: https://djz.de/wp-content/uploads/sites/3/old_images/6346_13_20120416135953.jpg

Er habe „die undefinierbare Eigenschaft, sympathisch zu sein“, schrieb Walter Henkels 1974 in einer Anekdotensammlung: „Was Adenauer konnte, das kann auch Scheel: spielen.“ Es sei sein eigentliches Erfolgsrezept gewesen, „stets unterschätzt zu werden“, meinte Stefan Dietrich in der FAZ. „Erst im Rückblick entpuppte sich das Spielerische in Scheels Wesen als die hohe Kunst des Spiels um die politische Macht – und seine Bonhomie als perfekte Tarnung eines ans Draufgängerische grenzenden Wagemuts.“ Er bleibe als „sanguinische Frohnatur in Erinnerung“, so Dietrich weiter, als „singender Präsident, der sein Amt in schwieriger Zeit … mit rhetorischem Glanz und staatsmännischer Würde versah, auf unverkrampfte Weise volkstümlich sein konnte, im Ausland eine gute Figur und der Politik wenig Scherereien machte.“

 „Wie kommst du hier heil raus?“

Geboren in Solingen als Sohn eines Stellmachers, absolviert er 1938/39 nach dem Abitur eine Ausbildung zum Bankkaufmann bei der örtlichen Volksbank. Sofort bei Kriegsbeginn wurde der 20-Jährige zur Luftwaffe eingezogen: Als einer der „Nachtjäger“, die über Berlin verlustreich gegen die alliierten Bomberflotten kämpften. Die wesentliche Frage, die ihn in den Jahren an der Front bewegt hat, war nach eigenem Bekunden: „Wie kommst du hier heil raus?“ Als frisch gebackener Leutnant hatte er 1942 seine Jugendfreundin Eva Kronenberg geheiratet, mit der er einen Sohn bekam – und war der NSDAP beigetreten, ein Schritt, den er niemals richtig erklärt und begründet hat.

Bereits 1946 war er der neu gegründeten FDP in Nordrhein-Westfalen beigetreten, später Stadtrat in Solingen geworden. Schon 1950 wurde Scheel Landtagsabgeordneter in Düsseldorf, während er zugleich als Geschäftsführer verschiedener Unternehmen, darunter der Stahlwarenfabrik seines Schwiegervaters, und schließlich als selbständiger Wirtschaftsberater tätig war. Erfolg und Aufstieg verdankte er seinem wachen Geist, seinem „behutsamen Umgang mit Menschen“ und einer aufs persönliche Fortkommen gerichteten Härte. 1953 wurde er in den Bundestag gewählt. Von 1958 bis 1961 saß er außerdem im Europaparlament.

In Nordrhein-Westfalen, wo Scheel seit 1954 Landesvorstand der FDP war, gehörte er zusammen mit Hans-Dietrich Genscher zu den sogenannten „Jungtürken“, wie jüngere und radikalere Parteimitglieder damals genannt wurden – heute würde man politisch korrekt von „Jungen Wilden“ sprechen. Sie arbeiteten daran, ihre Partei auch als Koalitionspartner für die SPD attraktiv zu machen, während die Liberalen zuvor in NRW und auf Bundesebene als Juniorpartner der Konservativen aufgetreten waren. Sie waren es 1956, die den Wechsel der FDP zur SPD betrieben, so das Ende der Landesregierung unter der CDU herbeiführten und auch die Unionsmehrheit im Bundesrat zu Fall brachten.

Scheel 1956 auf einem FDP-Bundesparteitag. Quelle: https://cdn1.spiegel.de/images/image-135730-galleryV9-qgtj-135730.jpg

Konrad Adenauer hinderte das nicht, Scheel 1961 in sein Kabinett aufzunehmen. Für ihn wurde das Ministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit geschaffen, das er auch noch im ersten und zweiten Kabinett Erhard führte – ein neues Feld, das die Bundespolitik im zu Ende gehenden Zeitalter des Kolonialismus entdeckt und beackert hat. Zugleich war er mit 42 der Benjamin im Kabinett. Schon ein Jahr danach trat er mit den vier Ministern der FDP vorübergehend zurück, um den von der „Spiegel“-Affäre belasteten Verteidigungsminister Franz-Josef Strauß zum Rückzug zu zwingen. Das Manöver war erfolgreich. 1966 – dem Jahr, in dem Scheels Frau an Krebs starb – traten die FDP-Minister erneut zurück, da sie nicht einverstanden waren, das Haushaltsdefizit und die wachsende Staatsverschuldung im Bundeshaushalt 1967 mit einer Steuererhöhung zu bekämpfen. Der neue Kanzlerkandidat Kurt Georg Kiesinger konnte sich mit der FDP nicht einigen, wohl aber mit der SPD unter Willy Brandt.

„Ohne ihn einen anderen Weg gegangen“

In der folgenden Zeit der Großen Koalition war es wiederum Scheel, der aus der Opposition heraus die Annäherung der FDP an die SPD in drei Schritten vorbereitete. Der erste: er verdrängte Erich Mende, der auch öffentlich sein Ritterkreuz aus dem Zweiten Weltkrieg trug, von der Parteispitze und läutete den Wechsel vom National- zum Sozialliberalismus ein. Der zweite: Am Vorabend der Bundesversammlung schwor er die Wahlmänner und -frauen der FDP erfolgreich auf den SPD-Präsidentschaftskandidaten Gustav Heinemann ein; und, als dritter, legte er im Jahr darauf seine Partei schließlich auf eine Koalition mit der SPD fest.

Dass er die FDP und sich selbst als Vorsitzenden damit an den Rand des Abgrunds brachte, war ihm wohl bewusst: „Aber wer nur fasziniert der Wählermeinung nachläuft und nicht die Kraft zu einer politischen Entscheidung aufbringt, der wird auf Dauer eben kein stabiler und respektabler Faktor in der Politik sein“, sagte er eine Woche nach der Wahl Heinemanns. Eine Austrittswelle dezimierte und schwächte die kleine Partei, bei der folgenden Bundestagswahl kamen die Freien Demokraten nur knapp über die Fünf-Prozent-Hürde. Aber es reichte, um den Grund zu legen für eine 29 Jahre währende Regierungsbeteiligung seiner Partei.

Denn während Genscher noch bei Helmut Kohl die Bedingungen für ein Regierungsbündnis mit der CDU/CSU sondierte, Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger schon Glückwünsche von US-Präsident Nixon zur Wiederwahl bekam, hatte sich Scheel mit Brandt sich trotz hauchdünner Mehrheit noch in der Wahlnacht telefonisch auf ein SPD/FDP-Kabinett verständigt. Nicht nur, dass nach dieser nächtlichen Grundsatzentscheidung zum ersten Mal seit Gründung der Bundesrepublik die CDU/CSU nicht mehr den Kanzler stellte. Scheel war auch der erste Freie Demokrat, der das Auswärtige Amt für sich beanspruchte, das dann 28 Jahre lang eine Domäne der FDP war.

Walter Scheel, Willy Brandt und Katharina Focke auf dem Haager Gipfel. Quelle: https://www.cvce.eu/content/publication/2007/8/3/259eeb30-2099-493f-9d01-cdbec5e4878f/publishable.jpg

Als weitgereister ehemaliger Entwicklungshilfeminister brachte er dafür einige Erfahrungen mit. Ausschlaggebend für Brandt aber dürfte gewesen sein, dass er in Scheel einen überzeugten Verfechter der „neuen Ostpolitik“ an seiner Seite hatte, dem die Verständigung mit den Nachbarn ein ebenso politisches wie persönliches Anliegen war. In den Regierungsjahren 1969 bis 1974 gestaltete Scheel die deutsche Entspannungspolitik mit und rang – zum Beispiel – dem sowjetischen Außenminister Gromyko bei der Formulierung der Ostverträge ab, dass statt der „Unveränderbarkeit“ der Grenzen in Europa nur deren „Unverletzbarkeit“ festgeschrieben worden sei – das geschah, so Scheel, „am vierzehnten Loch des Golfplatzes in Kronberg“. Und mit dem von ihm verfassten „Brief zur deutschen Einheit“ erreichte er das Zugeständnis, dass die gegenwärtige und alle künftigen Bonner Regierungen die friedliche und freiwillige Vereinigung beider deutschen Staaten anstreben dürften, ohne damit vertragsbrüchig zu werden.

Der Kalte Krieg zwischen Ostblock und den Westmächten hielt die Menschen mit Wettrüsten und einem „Gleichgewicht des Schreckens“ gefangen. Mit ihrer Entspannungspolitik stellten Brandt und Scheel die Weiche in die Richtung, die letztlich zur Wiedervereinigung von West- und Ostdeutschland führen würde. „Ohne ihn wäre unsere Republik vermutlich einen anderen und schwereren Weg gegangen“, schrieb Klaus von Dohnanyi rückblickend im SPIEGEL. In dieser Zeit entwickelte Scheel mit anderen Partei-Intellektuellen auch die „Freiburger Thesen“, auf deren Grundlage die FDP 1971 die wirtschaftsliberale Ausrichtung ihres Parteiprogramms änderte hin zu einem Liberalismus, der stärker für Menschenwürde durch Selbstbestimmung und sogar eine Reform des Kapitalismus eintrat.

Scheel war 1971 der erste deutsche Außenminister, der Israel besuchte, und unterzeichnete 1972 den Grundlagenvertrag zwischen der BRD und der DDR. Ein wichtiger Erfolg war auch seine Reise in die Volksrepublik China, während der die Aufnahme diplomatischer Beziehungen beschlossen wurde, sowie die Aufnahme der Bundesrepublik Deutschland in die UN 1973 – dem Jahr, in dem er die Bevölkerung mit seiner Interpretation von „Hoch auf dem gelben Wagen“ beglückte. Die Platte zugunsten der „Aktion Sorgenkind“ mit dem Düsseldorfer Männergesangverein wurde bis zum Frühjahr 1974 über 300.000 Mal verkauft. Daneben publiziert er bis 2010 auch politische Bücher und Aufsätze.

Plattencover. Quelle: https://streamd.hitparade.ch/cdimages/walter_scheel-hoch_auf_dem_gelben_wagen_s.jpg

Dass Bundespräsident Heinemann auf eine zweite Amtszeit verzichten und die SPD gleichzeitig durch den Rücktritt Brandts in der Guillaume-Affäre in eine schwere Führungskrise stürzen würde, hatte niemand voraussehen können. Scheel aber ergriff die Gelegenheit, sich selbst 1974 um das Amt des Bundespräsidenten zu bewerben. Nicht einmal sein eigener Parteivorstand war auf Anhieb begeistert von dieser Kandidatur. Er gewann schließlich gegen Richard von Weizsäcker und trat am 1. Juli 1974 sein Amt als vierter und bis heute jüngster deutscher Bundespräsident an.

„Hitler war kein Schicksal“

Noch als Außenminister hatte er seinen Witwer-Status geändert und die alleinerziehende Mutter Mildred Wirtz geheiratet, eine Röntgenärztin, die ihm nach einer Nierensteinoperation das Leben rettete. Somit hatte Deutschland die erste Patchwork-Familie im Bundespräsidentendomizil: Beide bekamen noch eine Tochter, Andrea, und adoptierten einen bolivianischen Indianerjungen. Mildred war unabhängig, lachte und feierte gern und wurde drei Mal zur Frau des Jahres gewählt, aber auch einmal zur schlechtangezogensten Frau des Jahres, sehr zu ihrem Amüsement. Sie gründete 1974 die deutsche Krebshilfe und starb 11 Jahre später, international hochgeschätzt, selbst an Darmkrebs.

Die Bilanz von Scheels Amtszeit ist ambivalent. Als oberflächlicher „Bruder Leichtfuß“ galt er, viele störten sich an seiner chronisch guten Laune, seinem steten Frohsinn, seiner konstanten Heiterkeit. Argwöhnisch beobachteten selbst viele Liberale, aber auch etliche Journalisten Scheels Hang zum Genuss, seine Vorliebe für weite Reisen, die Jagd, das Golfspiel, aber auch teure Zigarren, exquisite Küche, exklusive Mode: bereits 1969 wurde er als „Krawattenmann des Jahres“ ausgezeichnet, zum Dekorieren eines Empfangs in Moskau ließ er eine eigene Floristin einfliegen. Unvergessen, dass er als Bundespräsident bei einem Besuch in Mali statt mit der deutschen Nationalhymne mit seiner Version von „Hoch auf dem gelben Wagen“ empfangen wurde. 1976 weigerte er sich, die Wehrpflicht-Novelle zu unterzeichnen, mit der die Gewissensprüfung abgeschafft werden sollte, weil bei der Verabschiedung der Bundesrat übergangen worden war.

Patchwork-Familie Scheel. Quelle: https://www.welt.de/img/vermischtes/mobile148387609/6412507037-ci102l-w1024/Familie-Scheel.jpg

Vor allem aber gewann er als Redner Kontur. So wehrte er zum 30. Jahrestag des Kriegsendes 1975 mit dem Satz „Hitler war kein Schicksal, er wurde gewählt“ Versuche ab, das deutsche Volk als Opfer der Nationalsozialisten darzustellen. Und er gab den demokratischen Institutionen auf dem Höhepunkt des linksextremistischen Terrors im „Deutschen Herbst“ 1977 Rückhalt. In seiner bewegenden Rede auf der Trauerfeier für den ermordeten Arbeitgeberpräsident Hanns Martin Schleyer bat er die Angehörigen „im Namen aller deutschen Bürger“ um Vergebung, plädierte aber auch dafür, die Feinde der Verfassung nicht rechtlos zu stellen.

Der „Mister Bundesrepublik“ (Arnulf Baring) ging 1979 in den Ruhestand. Der französische Politologe Alfred Grosser bilanzierte, Scheel habe die „Legende vom bösen Deutschen“ widerlegt. Günter Grass, der politische Barde der sozialliberalen Koalition, hatte, gar nicht angetan von der Personalie, beim Amtsantritt noch gewettert: Die Bundesrepublik brauche „einen unbequemen Präsidenten“, nicht einen, „der sich mit einer Schallplatte legitimiert und volkstümelt“. Fünf Jahre später sah er sich gezwungen, Scheel als „liberale Gegenkraft“ zu würdigen; ausersehen, „die Gesellschaft in eine neue Entwicklungsphase“ zu leiten. Für eine Wiederwahl hätte er die Stimmen der Union gebraucht, die ihm aber seinen Anteil am Machtwechsel 1969 nicht vergessen hatte. So kandidierte er nicht erneut.

Scheel wurde Ehrenvorsitzender der FDP, übernahm etliche Ämter vom Thyssen-Aufsichtsrat bis zum Kuratoriumsvorsitzenden der Friedrich-Naumann-Stiftung und meldete sich immer wieder auch zu politischen Entwicklungen zu Wort. So nutzte er 1986 seine Bundestags-Festrede zum 17. Juni nicht nur zu einem Verständnisplädoyer für die Sowjetunion, sondern auch zu einem Realismusplädoyer wider die deutsche Einheit. Auch als Fernseh-Talkmaster hat er sich versucht, fiel aber beim Publikum durch. Ab 1995 entwickelte sich Scheel dann zu einem Kritiker der Regierungskoalition seiner Partei mit der Union und empfahl, zur Not lieber in die Opposition zu gehen. Nicht ohne Stolz meinte er „Es gibt überhaupt keinen Draht in dieser Bundesrepublik, an dem ich nicht irgendwie gezupft hätte.“

Ende 2008 zog Scheel mit seiner dritten Frau Barbara – eine Physiotherapeutin, die er 1988 geheiratet hatte – aus der Hauptstadt, wo er ein eifriger Partygänger und gern gesehener Gast bei vielen kulturellen Events war, ins badische Bad Krozingen nahe der Schweizer Grenze. Seit 2012 lebte er – inzwischen an Demenz erkrankt ­– in einem Pflegeheim. Zuletzt sorgten Gerüchte um einen unehelichen Sohn sowie ein veritabler Familienstreit für Schlagzeilen. So beantragte Tochter Cornelia 2014 vor Gericht, ihrem demenzkranken Vater sollte ein Betreuer zur Seite gestellt werden. Sie befürchtete, dass ihre Stiefmutter Barbara dem Vater erheblich schaden könnte. Das Gericht folgte dem Antrag, es wurde ein zusätzlicher Betreuungskontrolleur verfügt. Auch sonst sorgte Barbara Scheel immer mal wieder für Wirbel. So nannte sie Philipp Rösler, einen von Scheels Nachfolgern als FDP-Chef, einen „grinsenden Chinesen“ und bezeichnete ihn gar als „die Rache des Vietcong an der deutschen Innenpolitik“. Im Sommer 2014 wurden Scheels Büro in Bad Krozingen und der Leasingvertrag für den Dienst-Phaeton aufgelöst, den Barbara eigentlich nicht ohne ihren Mann nutzen durfte.

Walter Scheel besucht als Bundespräsident die Zeche Erin in Castrop-Rauxel. Quelle: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/a/af/Bundesarchiv_B_145_Bild-F045175-0007%2C_Castrop-Rauxel%2C_Bundespr%C3%A4sident_besucht_Bergwerk.jpg

Der letzte Minister, der noch in den Kabinetten von Konrad Adenauer und Ludwig Erhard gedient hatte, und zugleich letzte Politiker aus der Gründergeneration der FDP starb im In- und Ausland hochgeehrt am 24. August 2016 im Alter von 97 Jahren und wurde nach einem Staatsakt auf dem Waldfriedhof Zehlendorf in Berlin beigesetzt. Sein Amtsnachfolger Joachim Gauck würdigte ihn als „lächelndes Gesicht der Entspannung“, als einen „Pfadfinder unserer Republik“, der es verstand, „in einem für unbegehbar gehaltenen Gelände Wege“ zu finden. So ein Pfadfinder täte der Republik heute gut.

Die Entscheidung am 25.Juni in Sevilla fiel mit 14 zu 5 bei 2 ungültigen Stimmen überaus eindeutig: Das Dresdner Elbtal verliert den UNESCO-Welterbestatus. „Das ist ein sehr trauriger Moment“, sagte die Präsidentin des Gremiums, María Jesús San Segundo, dem SPIEGEL. Es sei ein großer Verlust, wenn man das Welterbe aberkenne. Damit ist Dresden nach einem Naturschutzgebiet im arabischen Oman weltweit erst die zweite Stätte, die von der Liste gestrichen wurde.

Die Aberkennung hatte auch finanzielle Folgen: Dresden erhielt kein Geld mehr aus einem 150 Millionen Euro schweren Förderprogramm für deutsche Welterbestätten. Doch die Blamage gerade fünf Jahre nach der Verleihung des Titels war eine mit Ansage und hatte viel mit der teuersten Stadtbrücke Deutschlands zu tun: der Waldschlößchenbrücke, die den „Landschaftsraum des Elbbogens an seiner empfindlichsten Stelle irreversibel in zwei Hälften“ teilt, so die UNESCO.

Der Brückenstandort war seit dem 18. Jahrhundert umstritten. Denn immer wieder ist es dieselbe Perspektive von der alten Hirschtränke unterhalb der Villa „Waldschlösschen“, an der die Schwärmer für den Elbtalblick – neben Malern auch Dichter, Philosophen, Bildhauer, Architekten und Diplomaten – ihre Loblieder anstimmten und ihre Staffeleien aufstellten. Um eine Bebauung, ja auch nur die Aufstellung von Reklameschildern an diesem Ort zu verhindern, hatten die Dresdner Stadtverordneten noch 1908 die Waldschlößchenwiesen für 400.000 Goldmark aus Privathand angekauft – und zwar ausdrücklich mit der Zielsetzung, dass „der einzigartige, herrliche Aussichtspunkt auf die Stadt und ihre Umgebung für alle Zeiten in städtisches Eigentum gebracht und gesichert“ werde.

Alte Waldschlößchen-Terrasse. Quelle: https://www.ansichtskartenversand.com/shop/ak/79/7985305/Luna-AK-Dresden-Neustadt-Restaurant-Waldschloesschen-Terrasse.jpg

Alte Waldschlößchen-Terrasse. Quelle: https://www.ansichtskartenversand.com/shop/ak/79/7985305/Luna-AK-Dresden-Neustadt-Restaurant-Waldschloesschen-Terrasse.jpg

Erst den Nazis blieb es vorbehalten, mit diesem Grundsatz zu brechen: 1937 nahmen sie den Hang am Waldschlösschen als Brückenstandort in ihren Hauptverkehrsplan auf. Es waren diese Pläne, die in der DDR nach einer Schamfrist Wiederauferstehung feierten und zeitweise in Brückenprojekten mit acht Fahrspuren und dem Abriss ganzer Stadtquartiere mündeten. Noch kurz vor der Wiedervereinigung wurden dann die Planungen 1989 in einem Architektenwettbewerb konkretisiert. Danach sollte die Elbtalaue an ihrer breitesten Stelle von einer Schrägseilbrücke des Autobahnbaukombinats mit linkselbischem Pylon überspannt werden – ein ähnliches Bauwerk wurde 2011 elbabwärts in Nie-derwartha eingeweiht. Doch die neu gewählten Volksvertreter nahmen die zusätzliche Elbquerung nur in ihre Programme auf, verwarfen den Siegerentwurf aber als „anachronistisch“.

„nicht besonders hochwertiges Ingenieurbauwerk“

Von diesem Augenblick an datiert das endlose Ringen um eine Lösung für die Elbquerung, die der Landschaft keine Gewalt antut und den Verkehrsbelangen Rechnung trägt. Eine schicksalhafte Bedeutung kommt dabei der conditio sine qua non zu, die der sächsische Wirtschaftsminister Kajo Schommer (CDU) im November 1995 formuliert hatte: Die sächsische Landesregierung werde keine andere Flussquerung fördern als eine Brücke am Waldschlößchen. Damit waren Tunnellösungen und auch ein „Mehrbrückenkonzept“ für mehrere kleinere, aber weniger landschaftsbelastende und in der Summe billigere Brücken von vornherein ausgeschlossen. Artig beschloss der Dresdner Stadtrat im Sommer 1996 den Brückenbau am Waldschlößchen. Ein Wettbewerb wurde ausgelobt.

Ein Berliner Büro setzte sich unter den 27 eingereichten Entwürfen durch und gewann den 1. Preis samt 75.000 Mark. Sein Entwurf sah eine Stahlkonstruktion von 635 Metern Länge mit einem Bogen in der Spannweite von 145 Metern und einem sich anschließenden Landtunnel von 400 Metern Länge vor. Veranschlagt mit 156 Millionen Euro – 96 Millionen steuert der Freistaat Sachsen zu der Bausumme zu, 46 Millionen muss die Stadt Dresden aufbringen – sollten es schließlich 180 Millionen werden. Im jahrelangen Ringen um Korrekturen sind zuerst zusätzliche Lärmschutzmaßnahmen, dann eine Geschwindigkeitsbeschränkung sowie schließlich eine „Verschlankung“ der Konstruktion verordnet worden. An der optischen Wirkung des Bauwerks änderte sich nichts.

Waldschlößchenbrücke. Quelle:https://media.tag24.de/0/8/4/840v1dfqt1n7yy1a.jpg

Waldschlößchenbrücke. Quelle: https://media.tag24.de/0/8/4/840v1dfqt1n7yy1a.jpg

Parallel wurde das Projekt Welterbe in Angriff genommen und, weil Dresdens rekonstruierte Altstadt mangels Authentizität kaum Welterbe-Chancen hatte, der wohlbegründete Antrag seinerzeit auf die gesamte „sich entwickelnde Kulturlandschaft Elbtal“ von Schloss Übigau bis Schloss Pillnitz ausgeweitet: 20 Kilometer Flussufer. Im Juli 2004 war der Antrag erfolgreich. Am 27. Februar 2005 sprechen sich bei einem Bürgerentscheid knapp 68 Prozent der Dresdner für den Bau in der vorliegenden Form aus. Die UNESCO wird jetzt auf den Entwurf aufmerksam. Im Juli 2006 wurde Dresden ob des Brückenentwurfs bereits auf die Rote Liste der gefährdeten Weltkulturstätten gesetzt – prompt stimmte am 10. August der Stadtrat gegen den Bau. Das Land Sachsen dagegen beharrt auf dem Vorhaben.

Bei einer Abstimmungsbeteiligung von 50,8 %, d.h. marginal mehr als der Hälfte der Stimmberechtigten, hatten an diesem Tag aber weniger als 40 % aller Dresdner dafür gestimmt. Erst im Nachhinein erwiesen sich Spreng- und Rechtskraft dieses Bürgerentscheids. Im Juni 2007 scheitert Dresden vor dem Bundesverfassungsgericht mit einer Klage gegen den vom Freistaat angeordneten Bau: Die Richter bescheinigten dem Bürgerentscheid einen höheren Rang als den völkerrechtlichen Verpflichtungen der Bundesrepublik Deutschland aus der von ihr selbst mit entworfenen und 1972 unterzeichneten UNESCO-Konvention. Der Hamburger Architekt Volkwin Marg, damals Juryvorsitzender, spricht im Nachhinein in der WELT von einer „offensichtlichen Manipulation des Wunsches der Bürger nach besseren Verkehrsverbindungen zu einem Plebiszit für den Brückenbau“. Dankwart Guratzsch schrieb in der WELT gar von einem „Sieg der Autolobby“.

Marg galt später als vehementer Verfechter einer Tunnellösung. Neben ihm hatten sich auch die Stararchitekten Santiago Calatrava und Sir Norman Foster geweigert, Brückenentwürfe für die Waldschlößchenquerung vorzulegen. Unter Fachleuten hatte der Entwurf wenig Zustimmung gefunden. Marg spricht von einem „nicht besonders hochwertigen Ingenieurbauwerk“, die Landschafts- wie auch die Tiefbauarchitekten der Bundesarchitektenkammer nennen den Entwurf „dramatisch schlecht“.

„keine gute Nachricht“

Anknüpfend an den von Startrompeter Ludwig Güttler mit initiierten „Ruf aus Dresden“ zum Wiederaufbau für die Frauenkirche von 1990 hatten Bürgerinitiativen 2007 wiederum mit Güttler unter dem Titel „Erneuter Ruf aus Dresden“ eine Schrift gegen die Errichtung der Brücke veröffentlicht, um den Welterbestatus zu retten. Er verhallte ungehört, im November desselben Jahres starteten trotz Mahnungen der Welterbe-Hüter und diverser artenschutzrechtlicher Bedenken die Bauarbeiten.

Brückenprotest in Dresden. Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Dresdner_Br%C3%BCckenstreit#/media/File:Welterbedemo250307.jpg

Brückenprotest in Dresden. Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Dresdner_Br%C3%BCckenstreit#/media/File:Welterbedemo250307.jpg

Ein Bürgerbegehren gegen die Brücke und für einen Tunnel, für das bereits 50.000 Stimmen gesammelt worden waren, ließ die sächsische Regierung im April 2008 scheitern – einmalig in der 200-jährigen Geschichte des deutschen Denkmal- und Naturschutzes überhaupt, einmalig auch in der Geschichte der UNESCO und des von ihr erfassten Weltkulturerbes. „Der Verlust des Welterbetitels ist verkraftbar“, befand Ministerpräsident Georg Milbradt (CDU). Mit Blick auf die verfahrene Situation trat das Dresdner „Kuratorium Welterbe“ am 20. Juni 2008 zurück.

Die – erwartete – Entscheidung von Sevilla zog den Schlussstrich unter einen Streit, der weit über Sachsens Landeshauptstadt hinaus die deutsche Kulturszene und Gesellschaft aufgewühlt hatte. Nahezu 20 Berufsgruppen, Spitzenverbände des Kulturlebens, mehrere Bundesminister und Gerichtsinstanzen waren damit befasst, ja sind es teilweise bis heute: Erst im Sommer 2016 entschied das Bundesverwaltungsgericht, dass der Planfeststellungsbeschluss zum Brückenbau teilweise rechtswidrig war, und ordnete erneute Artenschutzprüfungen an, setzte dafür aber keine Fristen fest.

Noch vier Wochen vor der UNESCO-Entscheidung hatten acht namhafte Künstler, darunter Günter Grass, Martin Walser und Wim Wenders, Bundeskanzlerin Angela Merkel in einem offenen Brief zum schnellen Eingreifen aufgefordert. Für die acht steht nichts Geringeres als „der Ruf unseres Landes als Kulturnation“ auf dem Spiel. „Wir befürchten, dass der bisher nicht gestoppte Frevel an einem einzigartigen Kulturerbe wie dem des Dresdner Elbtals vieles von diesem Ansehen zunichtemacht“, schreiben sie.

Umsonst. Mit Blick auf die Kaufbegründung vor 100 Jahren hätten sich die Dresdner die aktuelle Begründung selbst geben können: „Die Elbwiesen bilden hier eine nahezu hindernisfreie Auenfläche mit nur wenigen eingestreuten Bäumen, wodurch sich inmitten der Großstadt Dresden ein einmaliger Eindruck landschaftlicher Weite ergibt, die nur dort zur Wirkung kommen kann, wo sie nicht unmittelbar an Grenzen stößt. Dieses eindrückliche Landschaftserlebnis wird durch die bogenförmige Krümmung des Talraums verstärkt, weil die baulichen Konturen der benachbarten Ortsteile in den Hintergrund treten und sich der Eindruck von unendlicher Landschaft ergibt.“ Genau dieses Erlebnis macht der Brückenklotz zunichte.

Die Reaktionen fielen entsprechend aus. Bundesbauminister Wolfgang Tiefensee (SPD) sprach im SPIEGEL von einem „schwarzen Tag für Dresden und die Kulturnation Deutschland.“ Er bedaure sehr, dass es dazu gekommen sei. Es sei mehr als genug Zeit für Sachsen und die Stadt Dresden gewesen, mit der UNESCO zu einem Kompromiss zu gelangen. Schon eine grundsätzlich andere Brückenlösung hätte genügt, kritisierte Tiefensee. Die Stadt Dresden müsse nun beweisen, „dass ihr Bekenntnis zu diesem Kulturdenkmal nicht nur ein Lippenbekenntnis war.“ Kulturstaatsminister Bernd Neumann (CDU) hob im selben Blatt ebenfalls den Zeigefinger:

„Ich kann daher nur an Länder und Kommunen appellieren, die UNESCO bei Bauvorhaben rechtzeitig zu informieren und zu beteiligen. Dann können bereits im Vorfeld Konflikte entschärft werden“.

Waldschlößchenbrücke: Einweihung. Quelle: https://www.golocal.de/media/bdf63aec3198a44e042c566e6a6edcd4/700/5db961317e633da9.jpg

Waldschlößchenbrücke: Einweihung. Quelle: https://www.golocal.de/media/bdf63aec3198a44e042c566e6a6edcd4/700/5db961317e633da9.jpg

Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier sagte der Sächsischen Zeitung: „Die Entscheidung des Welterbekomitees ist keine gute Nachricht.“ Auch die Deutsche UNESCO-Kommission hat die Streichung des Dresdner Elbtals von der Welterbeliste bedauert. „Die Entscheidung kommt leider nicht völlig überraschend. Ich hätte mir sehr viel mehr Offenheit auf beiden Seiten für eine Veränderung der Brückenpläne gewünscht“, erklärte Präsident Walter Hirche (FDP), im SPIEGEL. Der sächsische Staatssekretär im Bundeswirtschaftsministerium, Jan Mücke (FDP), entblödete sich dagegen nicht, den Beschluss mit dem Ausruf „Dresden ist Welterbe der Herzen“ zu feiern.

„Auszeichnung für ganz Schleswig-Holstein“

Ganz anders dagegen ging das Gremium auf derselben Sitzung mit dem deutsch-niederländischen Gemeinschaftsantrag um, das Wattenmeer zum Welterbe der Menschheit erklären zu lassen. Dazu gehören das niederländische Wattenmeer-Schutzgebiet sowie die deutschen Wattenmeer-Nationalparks in Niedersachsen und Schleswig-Holstein: mehr als 9500 Quadratkilometer. Das Komitee würdigte das Gebiet „als eines der größten küstennahen und gezeitenabhängigen Feuchtgebiete der Erde“. Es sei ein einzigartiges Ökosystem mit einer besonderen Artenvielfalt.

„Die Entscheidung des Komitees, den einzigartigen Wert des Wattenmeers als Welterbe anzuerkennen, verleiht den Bemühungen um die weltweite Vernetzung von Kultur- und Naturerbe neuen Auftrieb“, sagte nun Hirche. Der einzigartige Lebensraum stand nun auf einer Stufe mit Naturwundern wie dem Great Barrier Reef vor Australien, dem Grand Canyon in den USA, den Galapagos-Inseln vor Ecuador oder dem Serengeti-Nationalpark im afrikanischen Tansania.

„Das ist eine Auszeichnung für ganz Schleswig-Holstein“, sagte Ministerpräsident Peter Harry Carstensen (CDU) in Kiel. „Die Anerkennung ist eine große Ehre für die Länder an der deutschen Nordseeküste sowie ein Meilenstein und Ansporn für die gemeinsamen internationalen Bemühungen für den Schutz des Wattenmeeres.“ Für Niedersachsens Umweltminister Hans-Heinrich Sander (FDP) wurde mit der UNESCO-Entscheidung der Einsatz der Wattenmeeranrainer zum Schutz dieses einzigartigen und faszinierenden Lebensraumes honoriert.

„Naturschutz hat bei uns eine Tradition, die annähernd 100 Jahre zurückreicht. Mit der Anerkennung nehmen wir den Auftrag an, dieses Erbe auch für die folgenden Generationen zu erhalten.“

Dass der eine Ministerpräsident die Küste pars pro toto für das ganze Land sprechen lässt, während der andere seine Landeshauptstadt quasi separiert, lässt auf Unterschiede zwischen Ost und West schließen, die 20 Jahre nach der Einheit immer noch deutlich zutage traten. Und anders als die Sachsen brauchten die Nordländer immerhin 18 Jahre vom Bewerbungs- bis zum Anerkennungsbeschluss. Das lässt auf die Richtigkeit der Volksweisheit „Gut Ding will Weile haben“ schließen – in Dresden war es offenbar ein Schlecht Ding.

Welterbe Wattenmeer. Quelle: https://www.wattenrat.de/wp-content/uploads/2010/12/Welterbe-Schild.jpg

Welterbe Wattenmeer. Quelle: https://www.wattenrat.de/wp-content/uploads/2010/12/Welterbe-Schild.jpg

Das Beispiel Dresden zeige aber auch, dass man den Schutz dieses Welterbes nicht leichtfertig gefährden dürfe, sagte Sander weiter. Das lässt auf die Rolle von Demut sowie des Schutzgedankens schließen; eine Rolle, die Eigenschaften wie Selbstverliebtheit, ja Hochnäsigkeit in ihre Schranken wies – andernfalls hätte ja ein Dialog mit der UNESCO, ja ein wie auch immer gearteter Kompromiss zustande kommen können, wie Tiefensee und Naumann konsensual monierten. Vielleicht zeigt der parallele Vorgang aber auch einfach, dass die Dresdner ihre identifikative Sonderrolle schon damals etwas überstrapazierten. Daran hat sich bis heute, leider, wenig geändert.

Derzeit versuchen die Dresdner übrigens wieder, auf die deutsche Vorschlagsliste für neue UNESCO-Welterbestätten zu kommen: mit dem Gartenstadt-Ensemble Hellerau als „Laboratorium einer neuen Menschheit“. Das Unterfangen, als aussichtslos eingeschätzt, wurde schon 2014 von der Kultusministerkonferenz zurückgewiesen. Ganz anders dagegen der Antrag der Montanregion Erzgebirge/Krušnohoří, der zum Stichtag 1. Februar 2018 im Welterbezentrum in Paris vorlag, wie das Gremium mitteilte. Das Welterbekomitee wird voraussichtlich noch diesen Sommer über eine Aufnahme in die Welterbe-Liste entscheiden. Sollten die Dresdner nicht bleibende Imageschäden für Sachsen hinterlassen haben, könnte der Antrag sogar erfolgreich sein.

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