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Nach diversen Artikeln und Debatten – im Gefolge von Guttenberg, Fukushima, FDP & Co. – hat jetzt Matthias Matussek auf SPON einen Artikel publiziert, dessen Überschrift fast der Science Fiction entnommen sein kann: „Der neue Mensch“; zusammengeschrieben aus Äußerungen von Dahrendorf, Weimer und Sloterdijk. Quintessenz: „Vielleicht sind einschneidende Ereignisse nötig, um zukunftsfähiges Handeln zu befördern. … Es geht um Werte wie Bedürfnisaufschub, Disziplin, Dienst, Pflicht.“ Hm.

All das kann und will ich jetzt (Montag) nicht kommentieren, sonst verpasse ich Mittwoch meine Vorlesung… Aber „neuer Mensch“ – das heißt mindestens Mentalitätswandel und ist ein spannendes Feld, denn gerade jetzt reicht das publizistische Spektrum vom „Lob des Mittelmaßes“ über den „neuen Liberalisten“ oder den „homo credens der neuen Bescheidenheit“ bis zum „großen Einzelgänger… Nichtmitmacher … neuen Menschen in der Tradition Nietzsches“. Starker Tobak. Welcher verspricht „Weltgesundung“? Ich beschränke mich auf die Extreme.

Der Mittelmäßige ist es sicher nicht. Dass jener, dessen Ehrgeiz größer ist als seine Fähigkeiten, schon immer der schlimmste Feind ist, wusste schon Goethe. Das Problem scheint heute zu sein, dass die breite Masse des Mittelmaßes immer „besonderer“, Superstar, Topmodell oder was auch immer werden will – und dies nicht leisten kann. Es gibt Bessere und im Gegensatz dazu viele Gute, mit ein bisschen Gelassenheit sollten wir es schaffen, jedem das Seine zu gönnen. Das ist das eine. Das andere ist komplizierter: wie gut muss man sein, um nicht nur als intelligent zu gelten, sondern sich mit dieser Intelligenz auch als Machtfaktor und damit gesellschaftsleitend, eben „zukunftsfähig“ zu positionieren? Hier kommt sie wieder durch, die ewige Metapher ohne realitere Entsprechung: den Zusammenhang zwischen „Eliten“ und „Intelligenz“ gibt es nicht. Eliten sind soziale Konstrukte, die sich über Macht und Herrschaft herstellen, nicht über Intelligenz – mitunter reicht dafür ja sogar die kreatürliche Bauernschläue völlig aus (leider, bin ich oft versucht zu ergänzen). Weil die Intelligenteren nicht automatisch „Elite“ sind und weil innerhalb von Eliten nicht automatisch die „intelligenteste“ Idee handlungsleitend ist, wird immer Nivellierung stattfinden. Und zum zweiten Male: leider. Soll also der fröhliche Dilettantismus hochleben? Heißt das  für das „Mittelmaß“, dass mittelmäßige Anstrengung, mittelmäßiger Einsatz, Feigheit oder „lass andere mal“ doch sehr ehrenwert sind? Ich glaube nicht, dass wir uns auf Dauer in einer Gesellschaft einrichten wollen, die unsere schlechtesten Eigenschaften kultiviert – das will ich ausdrücklich auch in den sog. „Liberalen“ verstanden wissen.

Quelle: http://de.toonpool.com/cartoons/Elite_89512#img9

Was ist dann also mit dem „über sich Hinausgreifenden“, der die Egoismen von Nationen und Unternehmen ablehnt? Sloterdijk führt an Athleten, Künstlern und Mönchen vor, was er „Anthropotechnik“ nennt: der Mensch wird zum Übenden, und als Übender ist er ein Spezialist der Askese. Wir lebten in einer Situation, so Sloterdijk, in der die Siege des Eigenen nur mit der Niederlage des Fremden zu bezahlen waren. Doch nun habe die Weltgesellschaft den „Limes“ erreicht. Statt Kommunismus empfiehlt Sloterdijk: „Ko-immunismus“. Ein gemeinsames Abwehrsystem gegen das Abkippen in die Barbarei, die durchaus in Sichtweite liegt. Ko-Immunismus: „Eine solche Struktur heißt Zivilisation. Ihre Ordensregeln sind jetzt oder nie zu verfassen. Unter ihnen leben zu wollen würde den Entschluss bedeuten: in täglichen Übungen die guten Gewohnheiten gemeinsamen Überlebens anzunehmen.“

Hehre Worte. Das Problem dieser Übenden: sie sollen üben, was das Mittelmaß sich längst anmaßt zu können. Einzelgänger, Nichtmitmacher… eben alle mit jenem Schuss Genie sind ungesellig und unkommunikativ, haben oft wenig Freunde, selbst wenn sie gute Kumpels sind. Denn es kann kaum einer mit ihnen mithalten, und ihre herausragende Stellung erregt Neid. Unkommunikativ sind sie oft auch, weil sie von den meisten einfach nicht verstanden werden – im Gegensatz zum äußerst geselligen Mittelmaß, das eine Art Vogelschwarmprinzip beinhaltet: der Mittelmäßige schafft es stets, im Schwarm mitzuhalten, mit dem Schwarm zu kommunizieren. Wahre Exzellenz langweilt sich in der täglichen Routine bspw. eines Angestelltendaseins schnell zu Tode. Das gesunde Mittelmaß hingegen freut sich an seinen täglichen kleinen Triumphen über die Tücken des Alltags. (Nebenbei: entsprechend werden auch nicht die „besten Köpfe“ in der Wissenschaft gefördert, sondern nur jene, die in ihrem Mittelmaß immerhin gelernt haben, Antragsprosa so zu verfassen, dass sie den Wünschen des Förderers zu entsprechen scheint – immerhin, auch das eine fast genialische Leistung.)

Quelle: http://de.toonpool.com/user/43/files/elite_895129.jpg

Und weiter, schon Lukács erkannte: „Bürgerlicher Beruf als Form des Lebens bedeutet in erster Linie das Primat der Ethik im Leben, dass das Leben durch das beherrscht wird, was sich systematisch, regelmäßig wiederholt, durch das, was pflichtgemäß wiederkehrt, durch das, was getan werden muss ohne Rücksicht auf Lust oder Unlust. Mit anderen Worten: die Herrschaft der Ordnung über die Stimmung, der Dauernden über das Momentane, der ruhigen Arbeit über die Genialität, die von den Sensationen gespeist wird.“

Sensationen – soso. Aber ist die Welt derzeit nicht voll davon? Wie also könnte ein Kompromiss aussehen? Ich weiß es nicht. Ich finde, es gibt eine Art soziales Koordinatensystem: x ist die Erotik-, y die Machtachse. Der Mittelmäßige kann sich hochdienen oder hochschlafen. Der Geniale kann sich hochdenken oder hochkaufen. Aber – zum dritten Male „leider“ – während das Denken in der Renaissance noch funktionierte, ist es heute kaputt. Allenfalls bekommt man so – wenn überhaupt – ein wenig Einfluss. Wer Geld hat, hat meistens Macht. Wer Macht hat, ist Elite. Wer Elite ist, bestimmt. Und bestimmt damit auch die Zukunftsfähigkeit. Aber gilt heute wirklich noch Hölderlins „Hyperion“, wonach diejenigen die Erde zur Hölle gemacht haben, die vorgaben, aus ihr ein Paradies machen zu wollen – kippt dieses Verdikt nicht in sein Gegenteil? Denn in diesem Mechanismus kommt seit ca. einem Jahrzehnt mehr und mehr Mittelmaß in Positionen, die es nicht ausfüllen kann. Und damit schließt sich der Kreis zu Dahrendorfs Forderung der „einschneidenden Ereignisse“. Wir lernen offenbar wirklich nur durch Versuch-Irrtum. Leider.

Das wollte ich doch immer schon mal hören. Ok, manchmal schon gemunkelt wurde es, aber jetzt scheint es statistisch bewiesen: in einer Studie des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung (WZB) im Auftrag der Bertelsmann Stiftung. „Jährlich gingen 150.000 junge Menschen ohne abgeschlossene Ausbildung ins Berufsleben“, heißt es da. „Wenn es nicht gelingt, diese Zahl zu halbieren, entstehen für die öffentlichen Haushalte Belastungen in Höhe von 1,5 Milliarden Euro pro Altersjahrgang“.

Vor allem die Einnahmeverluste aufgrund geringerer Lohnsteuer-Zahlungen kommen den Staat teuer zu stehen, zeigt die Studie. Sie haben einen Anteil von 70 Prozent an den Gesamtkosten. Weitere Kosten entstünden durch entgangene Beiträge zur Arbeitslosenversicherung sowie Ausgaben für Arbeitslosengeld und notwendige Sozialtransfers.

Es bleiben drei Möglichkeiten.

  1. Die vorhandenen jungen Menschen besser zu bilden. Das sehe ich angesichts der jungen Menschen einerseits und der sie Bildenden andererseits nicht.
  2. „Bildung“ umzudefinieren. So nehme man etwa an privaten FH irgendwelche Praktiker einerseits und werfe sie in irgendwelche von Nichtakademikern geleitete Bachelor-Studiengänge andererseits, die man sich aber von den Bachelorkandidaten bestens bezahlen lässt, und blase so bundesweit jährlich zehntausende viertel-, ja achtelgebildete „Absolventen“ in diese Republik.
  3. Die vorhandenen Menschen und Potentiale zu ignorieren und stattdessen aus Osteuropa ebenso williges wie billiges humanes Material zu importieren.

Alle drei Wege führen in Sackgassen. Aber bewusst gegen diese zu steuern, erfordert eine Unbequemlichkeit, die heute offenbar niemand denken geschweige leisten will.

Es ist schon seltsam: da lasse ich mich gelegentlich Guttenberg über die Generation der Bübchenkultur aus, gelegentlich Fukushima über Halbwertszeiten, gelegentlich Texthonorare über Ethik… und plötzlich geht die „Welt“ in die Offensive und fragt: „Ist die Welt nicht völlig durchgedreht?“

1. Beispiel FDP: 49jährige werden Frührentner, ein 38jähriger soll den Generationenwechsel vollziehen und hat angekündigt, das selbst nur bis 45 zu machen… in einem Land, das die Rente ab 67 diskutiert. Wo, wie und warum ist die Zwischengeneration der Vierziger abhanden gekommen? Jene Zwischengeneration, die sich während und nach der Wiedervereinigung mit den Erfahrungen zweier Systeme mit Stärken und Schwächen daranmachen wollte, das Land zu verändern – und dann, chancenlos, aufgesogen wurde? Wenn ich jetzt mit 49 in Rente ginge, könnte ich gerade mal meine Warmmiete nebst Handy und Internet bezahlen.  Prompt passiert, was seit Jahren diese halbwegs normalen und vor allem anständigen Denker anmahnten, was aber bis letzte Woche nicht gehört wurde – jetzt heißt das ganze „Lebenswirklichkeit“, die mehr in den Blick genommen werden müsse. Ja gehts noch? Wenn laut Silvana Koch-Mehrin die Partei stärker auf die Verbindung zwischen ihrer Politik und der Lebenswirklichkeit setzen müsse, weil beides nicht auseinanderklaffen dürfe, frage ich mich, was für eine irreale Politik in diesem Land bis dato gemacht wurde! Das fängt an bei der Forderung, mehr Netto vom Brutto zu wollen, aber gleichzeitig die Kindergartengebühren zu erhöhen, und hört nicht auf beim Mindestlohn, hier schicken sich ja seit gestern die Liberalen an, sogar die Linken zu überholen… Hier fehlt ein Stück Geschichte, hier wurde übersprungen, was uns irgendwann einholt – mit bösem Erwachen.

Peter Sloterdijk hat das jetzt höchst zynisch unter der Überschrift „Liberalismus steht zur Stunde eher für Habsucht – und nicht für Generosität“ in der „Zeit“ kommentiert und zunächst befunden: „Ohne Zweifel haben die Freien Demokraten ihr ideologisches Eigenkapital im Rausch eines spekulativen Jahrzehnts verspielt. Sie haben den psychopolitischen Markt nicht mehr verstanden und sich in gefährliche Derivatgeschäfte mit den Enttäuschungen der anderen gestürzt, ohne sich ernsthaft auf die Aufgabe einzulassen, die eignen Werte zeitgerecht zu aktualisieren.“ Kernsätze sind für mich: „Sollte es je zu einer intellektuellen Regeneration des politischen Liberalismus kommen, sie müsste von der Erkenntnis ausgehen, dass Menschen nicht nur habenwollende, giergetriebene, süchtige und brauchende Wesen sind, die freie Bahn für ihre Mangelgefühle und ihren Machthunger fordern. Sie tragen ebenso das Potenzial zu gebenwollendem, großzügigem und souveränem Verhalten in sich.“

Das politische Amt aber ist zum Erfüllungsgehilfen des Wirtschaftsfeudalismus verkommen. Es werden die egomanen Bedürfnisse einer verschwindend kleinen Gruppe auf Bestellung politisch umgesetzt. Das Blochsche „Prinzip Hoffnung“ pervertiert: Wir machen das, was nötig wäre, uns aber weh täte, nicht und verschieben es auf morgen – in der Hoffnung, dass wir es dann (aus welchen Gründen auch immer) nicht mehr machen müssen…

Jürgen Habermas hatte das mit primär europapolitischem Blick schon in der „Süddeutschen“ bitterböse auf mehrere Punkte gebracht:

  • man könne nicht mehr erkennen, worum es geht, ob es überhaupt noch um mehr geht als den nächsten Wahlerfolg
  • eine demokratische Wahl soll ein naturwüchsiges Meinungsspektrum nicht bloß abbilden; vielmehr das Ergebnis eines öffentlichen Prozesses der Meinungsbildung wiedergeben
  • die politischen Eliten setzten unverfroren die Entmündigung der Bürger fort, auch die deutsche Politik folgt schamlos dem opportunistischen Drehbuch der Machtpragmatik
  • Politik befände sich heute allgemein in einem Aggregatzustand, der sich durch den Verzicht auf Perspektive und Gestaltungswillen auszeichnet, die wachsende Komplexität der regelungsbedürftigen Materien nötige zu kurzatmigen Reaktionen in schrumpfenden Handlungsspielräumen: als hätten sich die Politiker den entlarvenden Blick der Systemtheorie zu eigen gemacht, folgten sie schamlos dem opportunistischen Drehbuch einer demoskopiegeleiteten Machtpragmatik, die sich aller normativen Bindungen entledigt habe
  • Talkshows richteten mit ihrem immer gleichen Personal einen Meinungsbrei an, der dem letzten Zuschauer die Hoffnung nimmt, es könne bei politischen Themen noch Gründe geben, die zählen

2. Beispiel Atomkraft: aufgrund ihre Prinzipientreue gelten die Grünen inzwischen als konservativ, die Koalition sieht sich als „Manager der Energiewende“? Haben eben die Liberalen die Linken überholt, überholen jetzt die Christdemokraten die Grünen? Wer steht in dieser Republik eigentlich für was? Wer hält zu wem? Und vor allem: Wem will man noch glauben? „Alles ist gleich gültig und also gleichgültig“ klagte schon Peter Turrini. Hier wird Profillosigkeit als Profil verkauft. Wenn Politiker nachhaltig deutlich machen, wofür sie stehen, können die Wähler nach Inhalten entscheiden. Wenn alle Politiker dasselbe versprechen, entfällt dieses Entscheidungskriterium, und den Wählern bleibt nichts anderes übrig, als nach Glaubwürdigkeit zu wählen.

Quelle: http://www.sakurai-cartoons.de/images/g_echtkonservativesgefuehlbunt.gif

3. Beispiel Tourismus: das Volk muss, fordert die „Welt“, zu den abgebrannten Brennstäben ins Abklingbecken, um sich zu erholen. Da fühle ja selbst ich mich bei DeLillos Interpretation, dass Orte der nuklearen Endlagerung eines Tages zu wichtigen Gedenkstätten werden könnten, um Lichtjahre überholt. Sind wir wirklich alle „ein bisschen überfordert“?

Aber – glaubt man den Schlagzeilen – wer ist das heute nicht? Laut der jüngsten „Bitkom“-Studie überfordert die Informationsflut Deutschland, laut „Handelsblatt“ überfordert die FDP-Krise Guidos Erben, laut „Focus“ fühlen sich deutsche Richter überfordert, laut „Berufsverband Deutscher Psychologen“ sind Familien überfordert, laut „FTD.de“ überfordert der AKW-Stresstest die deutschen Altmeiler…

Hallo Erde? Was hier los ist, weiß ich auch nicht. Noch nicht. Lichtenberg fällt mir ein, eins seiner Sudelbüchlein – wie sehr sich doch die Ansichten wiederholen: „Ich kann freilich nicht sagen, ob es besser werden wird, wenn es anders wird; aber soviel kann ich sagen: es muss anders werden, wenn es gut werden soll.“ Aber selbst in Wendezeiten meinten sensible Köpfe, dass es damit nicht so weit her sein dürfte. „Alles wird besser, aber nichts wird gut“, sang „Silly“ nach KarmaText. Derzeit meine ich: „Alles wird anders, aber nichts wird besser“.

Schade eigentlich.

Es ist manchmal ebenso unglaublich wie empörend, wie zu bestimmten kalendarischen Ereignissen in dieser Landeshauptstadt behördlich agiert wird.

In dieser Woche beginnt das Sommersemester, was leicht an der Zunahme des Radverkehrs erkennbar ist. Zu dieser Vokabel fallen exzessiven Radlern wie mir sofort diverse Dinge ein, die in Dresden im Argen liegen: zuvörderst der Zustand der Nord-Süd-Route „Albertplatz – Carolabrücke – Pirnaischer Platz – Bahnhof/HTW – Uni“. Zwar ist die Verbindung auch im Netzplan der Stadt enthalten, „aber es sind keine baulichen Maßnahmen geplant“, bemängelte schon im Juli letzten Jahres der Dresdner Allgemeine Deutsche Fahrradclub ADFC: „Es soll zwar alles schön werden, aber nichts kosten.“ Gerade die Carolabrücke ist an der Synagoge ein Nadelöhr: aus dem kombinierten Rad-/Fußweg wird ein Fußweg.

Nun muss das Ende eines gemeinsamen Rad-/Fußwegs nicht besonders gekennzeichnet, der Sicherheitsabstand aber an den Bedürfnissen des Fußgängerverkehrs ausgerichtet werden – wenn es denn einen Sicherheitsabstand gäbe: das Straßen- und Tiefbauamt hat prophylaktisch das Schild „Zeichen 1012-32 ‚Radfahrer absteigen‘“ aufgestellt. Die sollen ihr Rad hier schieben, um jede potentielle Unfallgefahr im Keim zu ersticken.

http://de.academic.ru/pictures/dewiki/100/dresden_synagoge_01.jpg

Schon das Schild muss Widerspruch fordern. Abgesehen davon, dass sich ein Remscheider mit einer aktuellen Petition beim Deutschen Bundestag seit Juni letzten Jahres dafür einsetzt, das Verkehrszusatzzeichen wegen Dopplung abzuschaffen (mit dem Zeichen 254 „Verbot für Radfahrer“ existiert schon eins): laut ADFC kann „Radfahrer absteigen“ als Zusatzzeichen kein Ge- oder Verbot enthalten und darf auch nicht einzeln aufgestellt werden. Im Verkehrszeichenkatalog steht es unter „sonstige Hinweise durch verbale Angaben“, werde aber von Behörden und Straßenbauunternehmen oftmals als Verbotsschild missbraucht. Außerdem zeigt es nicht an, für welche Streckenlänge diese Anordnung gilt: es ist damit möglich abzusteigen, sofort wieder aufzusteigen und weiterzufahren. In der StVO wird es allerdings an keiner Stelle erwähnt. Wer die Aufforderung des Zeichens nicht befolgt, kann auch nicht per Verwarnungs- oder Bußgeld bestraft werden, da das Zeichen auch im Bußgeldkatalog nirgends erwähnt wird. Weil es keine verkehrsrechtliche Wirkung hat, bleibt nur die mögliche zivilrechtliche Bedeutung. Die zuständige Straßenverkehrsbehörde möchte insbesondere an bestimmten Gefahrenpunkten Radfahrern die Weiterfahrt untersagen, weil die Behörde die Gefahr nicht beseitigen kann oder will. Mit der Aufstellung des Schildes „Radfahrer absteigen“ besteht für die Behörde daher die Möglichkeit, sich der Amtshaftung zu entziehen und das Risiko der Weiterfahrt auf den Fahrradfahrer zu übertragen. Das einzige Risiko an dieser Stelle ist die Schmalheit des Wegs durch DVB-Wartehäuschen bzw. Synagogenecke. Aber wer das normale Personenaufkommen an normalen Wochentagen auf diesem Abschnitt kennt, weiß um die Promillezahl dieses Risikos.

Quelle: http://www.absperrtechnik24.de/Verkehrszeichen+StVO+ Radfahrer+absteigen +Nr-+1012-32.htm

Ergo: die wenigsten halten sich daran, vor allem aus Zeitgründen. Wer geradeaus schiebt, kann sich entweder in die Akademiestraße als Rechtsabbieger einordnen oder am Kurländer Palais die Schießgasse zum Pirnaischen Platz nehmen. Wer nach links den Straßenbahnsteig quert, muss zunächst die Brückenzufahrt zur Akademiestraße queren und sich dann wieder auf die Petersburger einordnen – beide Querungen haben unterschiedliche Ampelphasen.

Quelle: http://imgpe.trivago.com/uploadimages/50/91/5091944_l.jpeg

So weit, so schlecht. Aber was passiert just zum Semesterstart? Genau dieser Abschnitt wird von der Polizei „bestreift“; zu genau jenen Zeiten, da das Studenten- (und Dozentenaufkommen) Richtung Uni am größten ist. Und die Beamten wiederholen mit drastischen Paraphrasen das, was jenes ominöse Schild eh recht barsch ausdrückt – von Androhungen eines Bußgelds ganz zu schweigen: „Sind Sie 10 Jahre alt? Kinder bis zu diesem Alter dürfen auf Fußwegen fahren, Sie nicht mehr.“

Eine Zumutung. Aufgabe der Polizei ist auch nach dem sächsischen Polizeigesetz, „Gefahren für die öffentliche Sicherheit oder Ordnung abzuwehren (Gefahrenabwehr).“ Diese originäre Aufgabe aller deutschen Polizeien hat präventiven Charakter: es soll eine für ein Rechtsgut bestehende Gefahr abgewehrt werden; was durch „Bestreifen der Gebiete und Einrichtungen wahrgenommen“ wird.

Klingt gut. Aber wie wird aus dem Risiko eine Gefahr? Hier wird allen Radfahrern Augenmaß abgesprochen, sie werden unter Generalverdacht gestellt und damit kriminalisiert. Für mich liegt hier ein klassischer Ermessensmissbrauch vor. Da das Schild keine verkehrsrechtliche Wirkung hat und eben nicht per Verwarnungs- oder Bußgeld bestraft werden kann, erkennt die Behörde den Sinn und Zweck des Gesetzes nicht. Falls mich meine Rechtskenntnisse nicht ganz trügen, heißt das Ermessensdisproportionalität: Der Ausgleich zwischen den betroffenen öffentlichen und privaten Belangen wird in einer Weise vorgenommen, die zur objektiven Gewichtigkeit einzelner Belange außer Verhältnis steht (d. h. die Gewichtung ist zwar vom Ansatz her in Ordnung, aber das Rangverhältnis der Belange wird fehlerhaft in Beziehung zueinander gesetzt bzw. verkannt).

Vielleicht sollte die Stadt zunächst überlegen, wo Streifen sinnvoller eingesetzt werden können. Und dann mit dem ADFC das lange avisierte Wegekonzept umsetzen. Auch wenn das etwas kostet. Kleiner Tipp: die Milliardenklage gegen die Gagfah. Ein paar Millionen kommen am Ende sicher raus.

Ja, die Frage ist abgedroschen. Ja, es gibt ebenso viele Antworten wie Antworter. Und erst recht: ja, vor allem aus publizistischer Perspektive gibt es als Wertmassstab die Qualität nicht.

Es unterscheiden sich auf der ersten Ebene

  • Prozessqualität (Arbeitsprozesse bei der Zeitungsplanung, Erstellungsprozesse beim TV-Beitrag…) von
  • Produktqualität (ein Gesamtprodukt wie ein TV-Programm ist in horizontalen und vertikalen Aus- und Querschnitten zu analysieren) und diese wiederum von
  • personaler Qualität (ein guter Redakteur kann an schlechte Kameramänner oder Cutter geraten).

Es unterscheiden sich auf der zweiten Ebene

  • die Qualitätsbewertung durch die Rezipienten (Qualität als Resultat – was gesehen, gelesen… also „gekauft“ wird) von der durch
  • die Experten (Qualität als Norm – was „die“ Medienkritik lobt/ tadelt; manchmal auch Kollegen und/oder Vorgesetzte) und diese wiederum von der durch
  • indirekte Indikatoren wie die Zahl abonnierter Agenturen, die Zahl der Redakteure mit Diplom oder die Zahl der Überstunden (Qualität als Funktion).

Es unterscheiden sich auf der dritten Ebene

  • die Qualitätsbewertungen aufgrund  schwer vergleichbarer Strukturen (ein Lokalsender ist etwas anderes als die ARD),
  • Funktionen (eine Nachricht ist etwas anderes als eine Talkshow),
  • journalistischen Rollenzuweisungen (ein „Anwalt“ ist etwas anderes als ein „Entertainer“),
  • journalistischen Tätigkeiten (ein Redakteur ist etwas anderes als ein Auslandsreporter) und
  • publizistischen Eigenschaften wie Aktualität (eine stündliche Nachrichtensendung ist etwas anderes als eine Wochenzeitung) oder Genre (eine Glosse ist etwas anderes als ein Porträt).

Aber die Frage muss gestellt werden angesichts der Zunahme sogenannter „Redaktions-„ oder „Textportale“, die vor allem ein Internet-Geschäftsmodell zur Aggregation von Print-, manchmal auch Online-Inhalten darstellen. Was hier an Geschäftsgebaren aufscheint, finde ich haarsträubend; mit Qualität hat es nichts zu tun.

Beispiel: textbroker.de. Das ist laut Eigendarstellung eine „Plattform für Studenten, Hausfrauen, Rentner und Schüler, die sich in ihrer Freizeit etwas dazuverdienen möchten.“ Man meldet sich samt Angabe seiner Spezialgebiete an und sucht aus einer Liste mit Stichworten aus diesen Gebieten die Angebote heraus, zu denen man schreiben will. Die abgenommenen Texte werden vom Auftraggeber bewertet, diese Bewertungen bestimmen den Verdienst: ein 3-Sterne-Autor (Startlevel) erhält 0,6 Cent pro Wort; ein 5-Sterne-Autor (höchstes, aber kaum erreichbares Level) 4 Cent; das bedeutet pro 500 Wörter (ca. 1 DIN A4-Seite) zwischen 4,50 und 20 €. Der Verkaufspreis der Texte liegt zwischen 6 und 30 €.

Wer sind die angeblich 19 000 Autoren, die „Ihre Fachartikel, Rezensionen, Reiseberichte, Übersetzungen u.v.m. in beeindruckendem Umfang und zu günstigen Tarifen“ schreiben? Und was sind das für Unternehmen, die Texte zu diesem Preis beauftragen bzw. nur einen solchen zu zahlen bereit sind? Hinzu kommt die Unverfrorenheit des folgenden AGB-Passus: „Der Autor räumt Textbroker bereits hiermit an jedem übermittelten Text ein zeitlich, räumlich und inhaltlich unbeschränktes, umfassendes, unwiderrufliches, ausschließliches, übertragbares und unterlizenzierbares Recht ein, den jeweiligen Text auf sämtliche bekannte und unbekannte Nutzungsarten zu nutzen, zu bearbeiten und in bearbeiteter Form zu nutzen.“

Grafik: Ulrich Kieser. Quelle: "journalist" 4/2006.

Beispiel: spredder.de. Das ist laut Eigendarstellung „ein Online-Shop für Qualitätsjournalismus. Autoren schreiben, Redaktionen kaufen, um alles andere kümmern wir uns.“ Auch hier registriert man sich und stellt zugleich einen Artikel ein, der von einer Redaktion gelesen und zur Veröffentlichung freigegeben wird. Redaktionen zahlen für Spredder-Artikel 2 Cent pro Zeichen, also etwa 70 bis 80 Cent pro Zeile. 70 Prozent sind das Honorar für den Autoren, 30 Prozent die Provision für Spredder – bei einem durchschnittlichen Artikel von 3000 Zeichen erhält der Autor 42 Euro, plus Mehrwertsteuer.
Die Vermutung stimmt: noch fehlen die Autoren, die mitmachen. Und ob diese Festpreise hilfreich sind…

Beispiel: DieRedaktion.de. Diesen „Marktplatz für journalistische Inhalte“, auf dem Verlage Aufträge ausschreiben und Journalisten sich mit detailliertem Autorenprofil präsentieren können, startete kürzlich die Deutsche Post. Hierfür müssen sich die Autoren mit anerkanntem Presseausweis und über das Postident-Verfahren registrieren. Die Post übernehme für Beiträge, die über das Portal verkauft würden, das Management der Honorarforderungen, die der Autor einschließlich der gesetzten Rechte selbst festlegen kann. Wer Beiträge über die Plattform absetzt, muss die Post mit 30 Prozent am Umsatz beteiligen, zudem wird eine Jahres-Anmeldegebühr von 72 Euro fällig.

Was ist beobachtbar: eine einstellige Zahl von Aufträgen, eine knapp zweistellige Zahl angemeldeter Verlage, knapp 700 registrierte Journalisten. Ein belebter Basar sieht anders aus.

Fazit: Texte sind wirklich nichts mehr wert. Wer seine für wertvoll hält, erfährt Unverkäuflichkeit und also Wertlosigkeit. Und wer Texte erwirbt, scheint in der Mehrzahl kein Verständnis mehr für deren Wert zu haben. Ein Dilemma. Und eine Lösung sehe ich – leider – nicht.

Fundstück

Der gleich zitierte Käufer von Kafkas 1915 als Buch erschienener Erzählung „Die Verwandlung“ gab dem Autor buchstäblich „Kredit„. Getreu dem lateinischen „credo“ glaubte er, mit dem Buch das Leben seiner Cousine zu bereichern. Was er indes mehrte, war lediglich der Vorrat an Ungewissheit bzw. Ratlosigkeit im Kreis der Familie, den er eigentlich mit Wortkunst mindern wollte.

Das wiederum dürfte symptomatisch sein für eine auch literarische Entwicklung, die spätestens im 20. Jahrhundert auf Innovation und damit gezielt auf Verstöße gegen ästhetische Traditionen und Konventionen zu setzen begann und diese Innovation bis heute provokativ und öffentlichkeitswirksam inszeniert. Vorprogrammiert auf Rezipientenseite waren damit Irritationen, etwa in Form von Klagen über die Kompliziertheit des Literarischen, ja das Unkünstlerische von De-Realisierung.

Hier also der Brief des Käufers, zitiert nach: Franz Kafka, Kritische Ausgabe. Schriften, Tagebücher, Briefe, Bd. 3: Briefe April 1914-1917, hrsg. von Hans-Gerd Koch, Frankfurt/M. 2005, S.744.

Sandy Ermisch: Metamorphose. Quelle: http://www.grafikfrosch.de/Bilder_basic/metamorphose.jpg

„Sehr geehrter Herr, Sie haben mich unglücklich gemacht. Ich habe Ihre Verwandlung gekauft und meiner Kusine geschenkt. Die weiß sich die Geschichte aber nicht zu erklären. Meine Kusine hat es ihrer Mutter gegeben. Die weiß auch keine Erklärung. Die Mutter hat das Buch meiner anderen Kusine gegeben und die hat auch keine Erklärung. Nun haben sie an mich geschrieben. Ich soll Ihnen die Geschichte erklären. Weil ich der Doctor der Familie wäre. Aber ich bin ratlos. Herr! Ich habe Monate hindurch im Schützengraben mich mit dem Russen herumgehauen und nicht mit der Wimper gezuckt. Wenn aber mein Renommee bei meinen Kusinen zum Teufel ginge, das ertrüg ich nicht. Nur Sie können mir helfen. Sie müssen es; denn Sie haben mir die Suppe eingebrockt. Also bitte sagen Sie mir, was meine Kusine sich bei der Verwandlung zu denken hat.
Mit vorzüglicher Hochachtung ergebenst Dr. Siegfried Wolff.“

Siegfried Wolff wurde 1880 in Ilvesheim (Baden) geboren. Ab 1904 war er Wirtschaftsredakteur der „Frankfurter Zeitung“ (!), er promovierte 1912 in Tübingen und war später im Vorstand mehrerer Berliner Banken tätig. Im Frühjahr 1915 wurde er im Kriegseinsatz verwundet. Wolff starb 1952 in Haifa.


Eigentlich wollte ich mich nicht explizit zu Fukushima äußern. Die politischen Wirkungen in Deutschland liegen offen, über andere will ich derzeit nicht nachdenken. Aber da fiel mir gestern während einer langen Bahnfahrt die Reflexion über einen dystopischen Text in die Hände – und ließ mich meine Gedanken zugleich auf einen zweiten, ähnlichen, älteren richten. Beide bewegten mich nicht so sehr wegen des literarisierten Schreckens, sondern der Art des geradezu weihevollen Umgangs damit. Die Rede ist von Don deLillos warenfetischistischem Roman „Underworld“ (1997, dt. Köln 1998) und Gert Prokops „Muddies“, radioaktive Müllwüsten inmitten der „Nolands“, die in mehreren seiner grandiosen SF-Geschichten um den Privatdetektiv Timothy Truckle (1977, 1983) eine Rolle spielen und in denen es „mutierte Sperlinge gibt, so groß wie Gänse“.

Das Weihevolle daran: beide Schreckensgegenden gelten als Sehenswürdigkeit und erfreuen sich touristischen Zuspruchs. Wie ist das möglich?

Nach Günter Leypoldt geht auch von Abfall und Müll „ein auratischer Glanz aus“. Für ihn entwirft DeLillo als „author-as-waste-manager“ eine Art negative Theologie, nach der man sich Gott nur über das Prinzip des Unerkennbaren und Unergründbaren annähern kann. Die Arbeit an monumentalen Müllhalden  erscheint wie der „Bau der Großen Pyramide in Gizeh“, die verantwortlichen „Müllmanager“ als „Mitglieder eines esoterischen Ordens, […] Eingeweihte und Seher, die an der Zukunft bauten.“ Die Metapher der Resakralisierung als Müllveredelung?

Aura Rosenberg: "Bird of Paradise" (2002) Quelle: http://nymag.com/daily/entertainment/2008/09/artist_aura_rosenberg.html

Der mögliche Schrecken bei deLillo hat eine Form und Magie, die Endlagerung von Sondermüll „etwas Religiöses“, dem mit „einem Gefühl von Ehrerbietung und Furcht‘ nachgegangen wird. Das in unterirdischen Salzstollen vergrabenen Plutonium umgibt gar „eine Aura des Feierlichen“. Unrecyclebarer toxischer Müll bilde demnach ein erhabenes Äußeres zum Warenkreislauf, sei das mit sakralem Glanz erstrahlende ganz Andere der Gesellschaft. Von daher ist anzunehmen, „dass Orte der nuklearen Endlagerung eines Tages zu wichtigen Gedenkstätten werden könnten, ‚zu einer fernen Landschaft der Nostalgie‘. Je gefährlicher der Müll ist, desto heroischer wird er.“ Verstrahlter Boden, heilig im nächsten Jahrhundert: „Der Plutonium-Nationalpark. Die letzte Heimsuchung der weißen Götter. Touristen mit Atemmasken und Schutzanzügen“. Was für eine Vision…

Dabei ist DeLillo durchaus schwere Kost. Er versucht, das eigene Schreiben den Mühlen literarischer Warenkreisläufe durch Einsatz aufwändiger Wahrnehmungserschwerungsstrategien zu entziehen, den Text semantisch so schillern zu lassen, dass er sich erst bei mehrmaliger Lektüre erschließt und dadurch seine kulturelle Halbwertszeit erhöht.

Das mag „Avantgardisierung“ sein. Aber auch der Versuch, den vielen sinkenden Halbwertszeiten – nicht nur des Plutoniums – etwas entgegen zu setzen. Irgendetwas, das etwas länger „bleibt“.

Wo Welten walten…

Vor 100 Jahren (und ein paar Tagen mehr; 11.01.1911, „Der Demokrat“, Berlin) wurde Jacob van Hoddis‚ „Weltende“ erstmals publiziert – bis heute das „expressionistische Manifest“. Mich hat der Text seit meinem Studium nicht mehr losgelassen.

Weltende

Dem Bürger fliegt vom spitzen Kopf der Hut,
In allen Lüften hallt es wie Geschrei.
Dachdecker stürzen ab und gehn entzwei
Und an den Küsten – liest man – steigt die Flut.

Der Sturm ist da, die wilden Meere hupfen
An Land, um dicke Dämme zu zerdrücken.
Die meisten Menschen haben einen Schnupfen.
Die Eisenbahnen fallen von den Brücken.

Ludwig Meidner, Apokalyptische Landschaft (1913) © Ludwig Meidner-Archiv, Jüdisches Museum der Stadt Frankfurt am Main. Quelle: http://lyrik.antikoerperchen.de/jakob-van-hoddis-weltende,textbearbeitung,67.html

Spätestens seit letztem Jahr muss ich angesichts der Realität fast täglich daran denken. Nicht nur, dass die Form noch absolut stimmig ist, der Inhalt ist es auch. Gut (oder besser: schlecht), Flut und Sturm gingen noch andere Katastrophen voraus bzw. folgten ihnen nach. Und gerade das ängstigt mich. Ich hätte heute – einerlei, ob ich in Dresden oder Fukushima lebte – so getextet:

Weltende Zwo

Dem Banker birst vor gelber Gier der Bauch,
Auf mancher Straße schwimmt schon mancher Hai.
Entführte Kinder schrein und gehn entzwei
Und die Minister – sieht man – gehen auch.

Der Brand ist da, die keuschen Künste steigen
Aufs Dach und brechen sich dabei die Beine.
Die kurze Asche trübt das lange Schweigen.
Die Vögel fallen röchelnd auf die Steine.

Klaus Gropper: Weltende (2000). Quelle: http://www.gerald.huehner.org/ptuj/welten.htm

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    Medial bestens präsent ist er ja schon seit Tagen und auch Nächten (vom Samstag zum Sonntag war „Niedecken-Nacht“ auf WDR 3), obwohl er erst heute 60 wird: Wolfgang Niedecken. Der Mann ist sozial engagiert, malerisch begabt, musikalischer Globetrotter (von Konzerten mit Bruce Springsteen bis zur Beteiligung am preisgekrönten „Rilke-Projekt“) – einfach ein guter Musiker; auch wenn man sich in seinen Regiolekt erst einhören muss… Ich verbinde mit ihm, oder besser ihm und BAP, zwei wesentliche Erinnerungen aus den Anfangsachtzigern, als ich gerade in Magdeburg zu studieren begann.

    Die erste ist die LP „Vun drinne noh drusse“, von der Niedecken gern kolportiert, dass mit AMIGA eine Auflage von 50 000 Platten vertraglich vereinbart gewesen sei, er aber „mindestens 800 000 signiert“ habe… Wer jemals in der DDR eine Lizenzplatte im wahrsten Wortsinn „erstanden“ hat, wird nie die Glückshormone vergessen, die sich nach erfolgreichem Erwerb im Körper einstellten. Ein Erwerb übrigens, der mich umgerechnet mehr als anderthalb Monatswarmmieten im Studentenwohnheim oder ca. 29 Mensa-Essen oder 322 Brötchen kostete – soviel nebenbei zur hanebüchenen Ökonomie dieses Staatswesens. Und auf dieser LP finden sich zwei Balladen, die ich bis heute zum Besten zähle, was deutsche Musiker je eingespielt haben: „Do kanns zaubere“ und „Eins für Carmen un en Insel“. Ich weiß heute, dass beide Lieder für Frauen entstanden waren: das erste reichlich promilleselig am Fenster träumend für eine Wahrsagerin, das zweite schwitzend am Strand der griechischen Insel Zakynthos, auf der Gitarre klimpernd, die Noch-Ehefrau im Blick:

    „…die ganze Insel unser Zimmer ist,
    der Strand das Bett im Himmel ist,
    wo Carmen dann der Engel ist,
    der sich und mich erlöst…“

    Ich habe gerade dieses Lied rauf und runter gespielt, was dem Zustand des Vinyls nicht unbedingt zuträglich war, wohl aber dem meiner liebesgeplagten Seele…

    Quelle: http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Datei:Wolfgang_Niedecken_HagenU.jpg&filetimestamp=20091216182708

    Die zweite ist das Magdeburger Mini-Konzert vom Dezember 1983, damals Ausgangspunkt einer kulturpolitischen Farce. Kurz davor war schon bekanntgeworden: BAP tourt durch 14 Städte!!! Aber bis ich davon erfahren hatte, waren die Konzertkarten längst „ausverkauft“ (will vor allem heißen „von Funktionären verteilt“). In diesem Dezember nun spielte BAP (Playback) drei Titel in der (einzigen) Jugendsendung des DDR-Fernsehens „Rund“, die in jenem Monat aus meiner Studienstadt gesendet wurde – ich hatte wieder keine Chance, live dabei zu sein, aber sah die Aufzeichnung. Ich weiß ebenfalls erst heute, dass die Band schon zu diesem Auftritt zu Aussagen etwa der Art genötigt werden sollte, dass die SS 20 der Sowjetunion Friedensraketen seien und die ganze DDR eine einzige große Friedensbewegung. Aus Frust darüber schrieb Niedecken seine Botschaft in einen neuen Song „Deshalv spill mer he“ („Deshalb spielen wir hier“), der die Solidarität aller Pazifisten thematisiert.

    Es war ein „kölsches Lied“, das SED und FDJ so herausforderte. Am 12. Januar 1984, schon im „Hotel Unter den Linden“, versuchte der DDR-Machtapparat BAP den ganzen Tag lang zu überreden, darauf zu verzichten – vergebens. Die bereits ausverkaufte Tournee wurde dann verboten und abgesagt. Am Abend des 13. Januar – das erste Konzert im Rahmen der Reihe „Rock für den Frieden“ sollte live aus dem Palast der Republik übertragen werden – meinte der Ansager, dass BAP nicht bereit gewesen sei, „unter dem Logo der weißen Taube auf blauem Grund“ zu spielen. Als er stattdessen die „Puhdys“ ankündigte, erhob sich ein Pfeifkonzert. Wir saßen im Wohnheim vor dem Fernseher und verstanden die Welt nicht mehr…

    Alles war fertig – und wurde dann doch nicht gebraucht. Quelle: http://www.museumsmagazin.com/speicher/archiv/3-2002/titel/interview.php

    Niedecken machte später einen Song über den überstürzten Abgang: „Unger Linde, een Berlin“. Und er machte mit „Alles em Lot“ ein paar Wochen nach der Einheit auch noch eine schöne Ballade. Aber kein anderes Lied hat in mir wieder zum Klingen gebracht, was da 1983 klang.

    Alles Gute, Wolfgang!

    Heute jähren sich gleich drei Premieren bedeutender deutscher Filme, die trotz zeitlicher Nähe unterschiedlicher nicht sein können.

    Am 29. März 1933 verbot die Filmprüfstelle Berlin nach persönlicher Intervention von Joseph Goebbels wegen „Gefährdung der öffentlichen Ordnung und Sicherheit“ die Erstaufführung von „Das Testament des Dr. Mabuse“. Regisseur Fritz Lang drehte das Opus nach einem Roman von Norbert Jacques. Die Figur des Dr. Mabuse, die Lang zu einer ganzen Reihe von Filmen in verschiedenen Epochen inspirierte, ist der Prototyp des kriminellen Genies, das danach trachtet, die Welt in eine „Herrschaft des Verbrechens“, eine Art Terrorregime der Anarchie zu stürzen. In diesem Film schreibt die Titelfigur, während sie in einer psychiatrischen Anstalt einsitzt, ein Handbuch für Verbrecher und ergreift nach ihrem Tod Besitz von der Person des Anstaltsleiters. Politisch war der Film damals ohne weiteres als kritische Anspielung auf die Nationalsozialisten zu verstehen: Adolf Hitler hatte sein programmatisches „Mein Kampf“ ebenfalls in Gefangenschaft verfasst. Ganze Parolen und Glaubenssätze des heraufziehenden Dritten Reichs hatte Lang den nach Mabuses Anweisungen handelnden Verbrechern in den Mund gelegt. Neben „M“ gilt der Streifen als Glanzlicht nicht nur des frühen Tonfilms, sondern auch als handwerklicher Höhepunkt in Langs filmischem Schaffen.

    Die reale Premiere passiert schließlich drei Wochen später, am 21. April – in Budapest. In Deutschland wurde der Film erst nach dem Zweiten Weltkrieg, am 24. August 1951, zum ersten Mal aufgeführt.

    Oscar Beregi Sen als besessener Anstaltsleiter Prof. Baum. Quelle: http://www.cinema.de/kino/filmarchiv/film/das-testament-des-dr-mabuse,1318123,ApplicationMovie.html

    Am 29. März 1934 dagegen wurde er in Berlin gezeigt – einer der bedeutendsten deutschen Science-Fiction-Filme: „Gold“ in der Regie des Österreichers Karl Hartl. Hans Albers fabriziert darin mit Hilfe der elektrischen Atomzertrümmerung aus Blei Gold. Den alliierten Zensoren kam nach 1945 bei Ansicht des aufwändig inszenierten Films der Verdacht, dass die Deutschen schon damals einen Atomreaktor gebaut haben könnten, und verbaten ihn daraufhin. Alle Kopien wurden konfisziert und unter Verschluss gehalten; ein Exemplar soll zur Auswertung durch Atomphysiker in die USA geschafft worden sein. Vielleicht landete „Gold“ auch beim FBI, das gerade Alfred Hitchcock überwachte, weil die Nazis in „Notorious“ (1946) Uran schmuggeln. Er ist heute sogar online zu sehen.

    Er muss nicht immer Seemann sein: Hans Albers in "Gold". Quelle: http://www.cinema.de/kino/filmarchiv/film/gold,1309470,ApplicationMovie.html

    Am 29. März 1935 nun wird „Triumph des Willens“ von Leni Riefenstahl uraufgeführt, ebenfalls in Berlin. Der Film über den Reichsparteitag 1934 darf in Deutschland bis heute nur zu wissenschaftlichen Zwecken gezeigt werden; seine Vorführungen erfolgen als „Vorbehaltsfilm“ nur mit Kommentaren, da er als NS-Propaganda eingestuft wird. „Triumph des Willens“ gilt als eins der bedeutensten Werke der Regisseurin. Für die einen ästhetischer Dokumentarfilm, für die anderen reine Propaganda, ist er bis heute umstritten. Nichtsdestotrotz hat Riefenstahl neue und richtungsweisende Kamera- und Regietechniken genutzt, damit die Entwicklung der modernen Filmtechnik voran getrieben und viele Künstler und deren Filme stark beeinflusst: bereits fünf Jahre nach der Premiere Charlie Chaplin und seine Nazi-Parodie „Der große Diktator“ (1940). Einzelne Szenen des Filmes imitiert wurden unter anderem auch in „Star Wars: Episode IV – Eine neue Hoffnung“, „Citizen Kane“, „Clockwork Orange“, „Gladiator“ oder „Der Herr der Ringe“.

    Die Regisseurin bei den Dreharbeiten. Quelle: http://www.stanford.edu/class/ihum42/Riefenstahl1.gif

    Drei meisterhafte Filme, drei verschiedene Genres, und drei Rezeptionsweisen, die die Wirkungen bildbewegter Geschichte und Geschichten erfahrbar werden lassen.

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