Das Waffenhafte von Wortkunst
28. März 2011 von Thomas Hartung
Ich muss gestehen: derzeit lese ich keinen Roman; mein letzter (den ich gattungstheoretisch gar nicht als solchen angesehen hätte) war Christa Wolfs „Stadt der Engel“. Aufgeschlagen liegt auf dem Nachttisch gerade Peter Hacks‘ „Die Maßgaben der Kunst“: seine gesammelten Ansichten zur Poetik, die Suhrkamp vor ein paar Wochen in einer zugegebenermaßen etwas unhandlichen Edition von 1200 Seiten (!) herausbrachte.
Hacks – der Erfolg seines Stücks „Ein Gespräch im Hause Stein über den abwesenden Herrn von Goethe“ ist auf den deutschen Bühnen des 20. Jahrhunderts beispiellos – war vor allem Dramatiker, außerdem auch Lyriker und Essayist. Die Meinungen über ihn gingen und gehen stark auseinander: vom „kunstsinnigen Aristokraten“ bis zum „Schlaukopf für Besserwisser“. Eins seiner – ästhetisch prägenden, aber seit meiner Studienzeit vergessenen – Bonmots fand ich nun wieder:
„Eingestandenermaßen ist die Kunst eine Waffe. Eingestandenermaßen ist ein Holzhammer eine Waffe. Nach Aristoteles folgt hieraus nicht, dass die Kunst ein Holzhammer sein müsse. Es folgt eher, dass die Kunst eine umso bessere Waffe sei, je bessere Kunst sie ist.“
Und an dieser Stelle wurde ich stutzig. Waffe… Roman… – da war doch was?

Grab von Peter Hacks, der vor wenigen Tagen Geburtstag gefeiert hätte und - welche Ironie - zu Goethes Geburtstag starb. Quelle: http://mymemorial24.de/memorial/Peter.Hacks.html
Die Assoziation kam schnell und wurde durch eine Facebook-Freundin befördert, die gerade jenen Text las (und ihre Befindlichkeit bei der Lektüre kundtat), der mir in den Sinn sprang: Elias Canetti schrieb mit „Die Blendung“ nicht nur seinen einzigen Roman (von dem er sich im Alter distanzierte), sondern damit zugleich auch den Nobelpreis herbei. Eine mehrhundertseitige Groteske um einen weltfremden Sonderling, der in seiner 25.000 Bände umfassenden Bibliothek haust und dessen Haushälterin sich aus Habgier die Ehe mit ihm erschleicht (ihm wäre dieser Gedanke nie gekommen, denn wer könnte schon Geld dem Wissen und den Büchern vorziehen – schließlich arbeitet er selbst täglich stundenlang an wissenschaftlichen Abhandlungen, ohne sie zu Geld zu machen). Mit der Gemeinheit des Lebens konfrontiert, verfällt er dem Irrsinn und verbrennt sich samt seinen Büchern in einer Art Autodafé.
Und in diesem Roman nun fabuliert Canetti über die allgemeine Rolle von Romanen, die „den besten Charakter zersetzen“ würden, in dem man sich in die Figuren auflöst, die einem gefallen. Die Kernsätze sind:
„Romane sind Keile, die ein schreibender Schauspieler in die geschlossene Person seiner Leser treibt. Je besser er Keil und Widerstand berechnet, umso gespaltener lässt er die Person zurück. Romane müssten von Staats wegen verboten sein.“
Holzhammer, Keil… welch martialische Metaphern Wortkünstler verwenden, um sich ihrer Wirkung zu versichern. Worte jedoch finde ich allemal besser als jedes andere Ding – spitz, scharf, schwer… – das auch Wirkungen zeitigen kann: aber eher körperliche, eher endgültige. Ich plädiere dafür, lieber solche von Staats wegen zu reglementieren. Romane kann es gar nicht genug geben.








