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Wolfgang Herrmann, Präsident der TU München, will bis 2020 alle Master-Studiengänge an der TU auf die Standard-Unterrichtssprache Englisch umstellen. Da muss ich wieder mal fragen: Geht’s noch?

Die Muttersprache, das Denken, Überlegen, Erwägen, Spekulieren, Nachsinnen, Grübeln, Reflektieren usf. – soll jetzt einfach durch eine fremde Sprache ersetzt werden? Wie identitätsvergessen gegenüber der eigenen Sprache und überheblich gegenüber der englischen ist das eigentlich? Wir wissen nicht erst seit der Kolonialzeit, dass es schon immer eine wirkungsvolle Methode war, Menschen zu unterdrücken und gleichzuschalten, indem man ihnen die Muttersprache, damit einen wesentlichen Teil ihrer Identität und auch die Möglichkeit nimmt, sich wirklich differenziert auszudrücken.

Als Christian Thomasius am Reformationstag 1687 eine deutschsprachige Vorlesung ankündigte, galt das als Beginn der Aufklärung. Latein wurde als Wissenschaftssprache abgeschafft. Der Vorteil: in der Muttersprache lässt sich präziser denken als in Fremdsprachen. Wird also nur noch Englisch gelehrt, wird wohl endgültig jede kritische Stimme zum Schweigen gebracht. Nach dem Studium, in der Arbeit … spricht man dann auch nur englisch? Wer wünscht, dass sich das Berufsleben in Zukunft nur noch auf englisch/amerikanisch abspielt?

Doch nicht nur das, in dem Artikel schreibt der Autor tatsächlich: „Noch ist die Angst vor dem Deutschen ein Punkt, der viele ausländische Studenten abhält, sich hierzulande zu bewerben.“ Und weiter zitiert er den Präsidenten: „Es kann dazu kommen, dass bestimmte Quoten gesetzt werden: für Studenten aus Deutschland und der EU einerseits und für Studenten aus aller Welt andererseits.“ Zum zweiten Mal: Geht’s noch? Nicht nur, dass unsere Universitäten aus unseren Steuergeldern bezahlt werden. Nein, so werden unsere Hochschulen mit hochwertigen und noch dazu kostenlosen Studienangeboten auf Englisch künftig wirklich das Schlaraffenland für angehende Ingenieure aus aller Welt. Da tröstet nicht, dass der Präsident dann die Kostenfreiheit der Studiengänge zur Debatte stellt – und damit klar macht, dass es ihm wohl eher um zahlende Studenten geht, die hoffentlich Grips mitbringen, denn um intelligente, die nicht unbedingt Geld mitbringen (können).

TU München. Quelle: https://www.tum.de/typo3temp/pics/f6a52cb60f.jpg

TU München. Quelle: https://www.tum.de/typo3temp/pics/f6a52cb60f.jpg

Immerhin: auch der bayerische Wissenschaftsminister Ludwig Spaenle merkt, dass das eine Entwicklung befördert, „die Deutsch trotz seiner Bedeutung im weltweiten Kontakt weiter zurückdrängt. Daran kann einer Kulturnation nicht gelegen sein.“ Erst recht, wenn der Bundestag tatsächlich mal macht, was er soll, und sich bei den Ländern dafür einsetzt, dass an Hochschulen in der akademischen Lehre ein ausgewogenes Verhältnis zwischen deutschsprachigen und fremdsprachigen Studienangeboten und Veranstaltungen gefunden wird. Und das umso mehr, als auch wir fordern, die Diskriminierung der deutschen Sprache in Brüssel zu verringern. Wenn nun eine Elite-Universität, die mit erheblichen Steuergeldern gefördert wird, ihrerseits der deutschen Sprache Zweitrangigkeit einräumt, erscheinen die europäischen Bemühungen wie ein Hohn. Dazu die wirtschaftliche Bedeutung: Unternehmen weisen auf den Zusammenhang zwischen der Kenntnis der deutschen Sprache und dem Kauf deutscher Produkte hin.

Die TU München sollte Respekt vor der Mehrsprachigkeit zeigen. Es gab mal eine Zeit, in der an deutschen Gymnasien drei Sprachen als die übliche Qualifikation, die man am Ende haben sollte, vorgesehen waren. Es ist nicht so leicht einzusehen, warum auf der höchsten akademischen Ebene nicht auch mehrere Sprachen benutzt werden sollen. Zumal wenn ein ausländischer Student in Deutschland studieren will, sollte es eher normal sein, dass er sich der Sprache des Gastlandes anpasst und diese lernt, statt umgekehrt zu erwarten, sich ins gemachte Studiennest zu legen.

Monoglossie bedingt Traditionsverlust, Werteverlust, geistige Verarmung. Deutsch Gedachtes englisch auszudrücken entstellt das Gedachte. „In alten Zeiten gingen die Leute nicht so leichtfertig mit der Sprache um, denn sie hatten Skrupel, daß sie hinter ihren eigenen Worten zurückbleiben könnten.“ (Konfuzius)

Lang lang ist’s her seit dem letzten kulinarischen Exkurs – aber angesichts der vielen Sonderangebote des unterschätzten Gemüses teile ich völlig unpolitisch vor der Europawahl diese leckere Eigenkreation eines vollwertigen Abendessens:

2 EL Olivenöl
2 EL Schinken
1 kleine Zwiebel
1 Knoblauchzehe
2 Chicorée (250 gr.)
Salz, weißer Pfeffer, Muskat, Zimt
2 x 2 Scheiben Toastbrot
Kräuterbutter
2 Scheiben Käse

gebratener Chicoree

gebratener Chicoree

Olivenöl und Schinken in einer Pfanne erhitzen. Zwiebel und Knoblauch kleinschneiden und im heißen Öl anbräunen. Die Chicorée vierteln, die bitteren Strünke entfernen (kleingeschnitten mit Agavensirup munden sie köstlich) , klein schneiden und dazu geben. Mit Salz, weißem Pfeffer, Muskat und Zimt abschmecken. Toastbrot mit Kräuterbutter bestreichen und Scheibenkäse darauf legen (Edamer, Gouda o.ä.). Den angebräunten Pfanneninhalt darüber geben, den Käse darunter kurz anschmelzen lassen und sofort servieren.

Wohl bekomm’s!

Da ist wieder mal eine Studie erschienen, deren publizistische Verwertung durch den SPIEGEL an manipulativer Scheinheiligkeit nicht zu überbieten ist. Der Fakt: Kienbaum hat unsere Ex-Bundestagsabgeordneten nach ihrer „Anschlussverwendung“ befragt, 47 antworteten. Wesentliches Ergebnis: Knapp 15 Prozent waren fünf Monate nach der Bundestagswahl 2013 noch arbeitslos. Leider wird dabei nicht nach den Ursprungsberufen und der Parteizugehörigkeit differenziert, was den wissenschaftlichen Aussagewert durchaus schmälert. Aber die Tendenz ist mehr als deutlich.

Schon ein Satz bei der Vorstellung der Studienergebnisse lässt aufhorchen: Thorsten Alsleben, der Hauptstadt-Repräsentant von Kienbaum, „forderte die Fraktionen und die Bundestagsverwaltung auf, sich besser um die Berufsperspektive von Ex-Abgeordneten zu kümmern.“ Aha. Endlich ist der Bundestag, wofür wir ihn schon immer halten sollten: eine Institution wie viele andere auch, mit Neueinstellungen, aber auch Entlassungen. Und um diese Entlassenen solle man sich doch bitte sorgen. Darauf haben alle, die in der freien Wirtschaft ihren Job verloren, in den Jobcentern schließlich ebenso Anspruch: auf Beratung, Trainingsmaßnahmen, Umschulungen, Bewerbungskontrolle…

Die Perfidie dieser Forderung liegt nicht nur darin, dass das Übergangsgeld für Abgeordnete über 7000 € monatlich beträgt und zu Rentenbeginn nach bspw. 7 Jahren Bundestag ein Betrag über 1600 € lockt. Die Perfidie liegt aktuell auch darin, dass sich die Abgeordneten kürzlich eine Diätenerhöhung von 10% mit der Begründung genehmigten, dies müsse sein, weil die Abgeordneten sonst in die freie Wirtschaft wechseln. Wie die Studie zeigt, ist das Gegenteil richtig: die freie Wirtschaft kann mit Abgeordneten gar nichts anfangen.

Grafik Karrierekiller

Quelle: http://www.welt.de/wirtschaft/karriere/article126401899/Job-im-Bundestag-ist-spaeter-oft-ein-Karrierekiller.html

Autor Alexander Neubacher nun nahm die Studie zum Anlass für eine Geschichte unter dem Titel „Karrierekiller Bundestag“. Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen. Wenn also Fachkräfte wie der ungelernte Hilfsarbeiter Jan Mücke (FDP) in den Bundestag gelangen und danach als vorgeblich selbständiger Immobilienverwalter arbeiten, dann ist der Bundestag ein Karrierekiller?

Mit keinem Wort wird hier thematisiert, dass im gegenwärtigen Politikzirkus das Leistungsprinzip ausgehebelt ist. Darum hüten sich ebenso gut ausgebildete wie intelligente Menschen in großer Mehrheit, sich diesen Zirkus freiwillig zu geben. Sie aber hätten die größten Chancen, nach einer politischen Auszeit wieder tätig zu werden. Wer dagegen von vornherein nur als schlecht oder gar nicht ausgebildeter „Parteisoldat“ in die Politik geht, muss natürlich damit rechnen, am Ende der Politik schlechte Voraussetzungen für einen neuen Anfang zu haben – aber genau diese Parteisoldaten sind es, die gegenwärtig an den Hebeln der Macht sitzen. Ein Bewerbungstraining für einen Jan Mücke hätte eben darum keinerlei Effekt, weil es keine Substanz gibt, die man trainieren könnte. Vor 12 Jahren sah das dasselbe Medium noch selbst ein: „Vielen Hinterbänklern mangelt es erschreckend an Fachkompetenz.“ Das Problem ist nur, dass Mücke parlamentarischer Staatssekretär war…

Die eigentliche Frage muss also lauten: wie können solche Personen überhaupt in den Bundestag gelangen, der sich dann zwar nicht als Karriereturbo, wohl aber als Geldvermehrungsturbo erweist? Und also muss die nächste Frage lauten, wie eine solche Überschrift zustande kommt, obwohl es in Wirklichkeit um die Betrachtung von Personen geht, die das verflossene Mandat dann als Geldvermehrungskiller ansehen? 70 Prozent der Befragten haben durch den Mandatsverlust Einbußen zu verkraften, so Kienbaum. Jeder Fünfte verdiene jetzt weniger als 30 000 Euro im Jahr – angeblich das deutsche Durchschnittsbrutto für Vollzeitbeschäftigte. Aber solche Fragen zu stellen ist ja verpönt, abgesehen davon, dass ich als promovierter Dozent auch gern mal 30 000 Euro im Jahr verdient hätte…

Da wundert allerdings auch nicht, dass die Mehrheit der Befragten auf den Politbetrieb nicht gut zu sprechen ist. Drastisch und medienwirksam hatte das seit 2006 die Ex-SPD-Abgeordnete Lilo Friedrich thematisiert, die nach rund 100 fehlgeschlagenen Bewerbungen in die Selbstständigkeit als „Putzfee“ ging:

„Ich habe Hartz IV mitentschieden. Aber wir müssen viel genauer hinsehen, wen es trifft und wie. Denn es ist ja keine Arbeit da, in die man die Leute bringen könnte.“

Eben. * Ein Diplom-Medizinpädagoge wie Jens Ackermann (FDP), immerhin im Gesundheitsausschuss des Bundestags, hat tatsächlich eine Stelle gefunden, die seiner Qualifikation entspricht: als Notfallsanitäter. * (Ironiemodus aus) Nicht in seiner eigenen Firma auf dem freien Markt, den die Liberallala ja nicht aufhört zu beschwören, dem auszusetzen sie sich aber wenn irgendmöglich verweigert. Nein, in der Firma seines Vaters. Soviel zum Fachkräftemangel in diesem Land. Aber immerhin: ein Taxifahrer ohne Schulabschluss konnte nach seiner Entlassung als Minister sogar Professor in Princeton werden – ganz ohne dass sich jemand um ihn kümmern musste…

Zugegeben: ich habe schon mehrere akademische Zumutungen rings um „Genderismus“ erlebt; die Leipziger „Professorinnen“ waren unrühmlicher Höhepunkt. Aber worauf ich am Wochenende aufmerksam gemacht wurde, übertrifft alles: es scheint sich an der Berliner Humboldt-Universität eine regelrechte Parallelwelt etabliert zu haben, die ihre „verqueeren“ Ideologismen nicht nur zum Maßstab allen hochschulischen Handelns erheben, sondern dieses Handeln auch noch gesinnungspolizeilich in der „unqueeren Realität“ durchsetzen will.

Die Geschichte ist schnell erzählt: in einer erziehungswissenschaftlichen Einführungsvorlesungsreihe hat der männliche Professor Autoren wie Rousseau, Kant, Bourdieu und sogar Humboldt (!) zitiert. Einigen Studenten stießen diese Autoren im pädagogischen Kontext als ahistorisch, rassistisch, ableistisch, adultistisch… auf; sie führten am 10. Februar, nachdem sie ihre Kritik inner- wie außerhalb der Vorlesung nicht angemessen gewürdigt fanden, eine „Klatsch-Intervention“ auf. Auf gut deutsch: sie protestierten mit Applaus, so dass die Vorlesung nicht gehalten werden konnte. Resultat: ein Kommilitone (!!!) verständigte die Polizei (!!!), unter deren schützender Anwesenheit die Vorlesung dann weiterging. Über die Aktion und die Beweggründe wurde universitätsin- und extern in „gendergerechter Stilistik“ hier berichtet.

Als ich das las, wähnte ich mich in mindestens drei falschen Filmen zugleich.

Der erste und wirkmächtigste: die Minderheit fordert die Mehrheit auf, ihr „falsches“ Verhalten gefälligst zu ändern und dem vermeintlich „richtigen“ anzupassen! So wird von den Gegnern schon zu Beginn als besonders schockierend empfunden, „dass auch viele Besuchxs der Vorlesung darin nichts Problematisches zu sehen schienen.“ Das setzt sich fort über negativ kommentierte Protest-Emails; hier „wurden contra_/antidiskriminierende, widerständige Handlungen negativ bewertet und durch das Innehaben der “Mehrheitsmeinung” legitimiert.“ Und es gipfelt in der Behauptung „Ferner sehen wir* in dem Verhalten der selbsternannten “Mehrheit der StudentInnen” ein beunruhigendes Beispiel für unhinterfragte Autoritätenhörigkeit und wie leicht diese zu Hass gegen Andersdenkxs gesteuert werden kann.“

Mit Verlaub: geht’s noch??? Eine echte Mehrheit als falsche dastehen zu lassen und jener Autoritätenhörigkeit zu unterstellen ist gelinde geschrieben undemokratisch. Ein Facebook-Kommentar der Gruppe „Da kotzt das Texterherz“, in der ich mich über die Causa empörte, gab sich mitleidig „Ich habe nur ein Drittel gelesen und der Professor hat mein Mitgefühl…“ Ein anderer war da undiplomatischer: „…Klatschintervention interpretiere ich so, dass die Spinner die Vorlesung so lange störten, bis jemand die Polizei rief. Und das, um ihre Meinung durchzusetzen. Das nenn ich nicht wissenschaftlichen Diskurs. Das sind klassische SA-Methoden…“

Sekundär geht es darum, dass sich diese Minderheit anmaßen darf, den Kenntnisstand des promovierten und um einiges älteren Dozenten derart abzuqualifizieren, ja ihm „männliches_dominantes Redeverhalten und somit genderistische Verletzungen“ zu unterstellen. Und nicht zuletzt geht es auch darum, dass seit Jahrzehnten, ja fast seit Jahrhunderten akzeptierte wissenschaftliche Kapazitäten wie Rousseau, Kant, Bourdieu… als rassistisch oder adultistisch herabgewürdigt und ersetzt werden sollen durch Kapazitäten wie bspw. „Maureen Maisha Eggers, Professorin für Kindheit und Differenz (Diversity Studies) an der Hochschule Magdeburg-Stendal im Studiengang Angewandte Kindheitswissenschaften…“, deren Beiträge zur disziplinären Weiterentwicklung der Pädagogik gen Null tendieren.

Der zweite: was wird hier im Namen eines übersteigert rationalen Egalitarismus für Schindluder mit der schönen deutschen Sprache getrieben? Wie die grusligen Formalia zustande kommen (die z.T. sogar die Kanaksprak beleihen), ist an folgender Grafik nachzuvollziehen (die Langfassung dazu gibt’s hier )

Gegenderte Sprache. In: http://feministisch-sprachhandeln.org/leitfaden/kapitel4/

Gegenderte Sprache. In: http://feministisch-sprachhandeln.org/leitfaden/kapitel4/

Viel schlimmer aber ist das mündlich kaum zu lautende Kunstsprech in Bezug auf die Semantik: im Namen einer strikten, allumfassenden Antidiskriminierung (u.a. in den Phänotypen Sexismus, Genderismus, Rassismus, Ableismus, Klassismus oder Migratismus) werden tradierte Wortformen erweitert, um sie zu „enthindern“. So entsteht aus dem finiten „dargestellt“ jetzt „dar_ge_stellt_setzt_legt“, das Substantiv „Standpunkt“ mutiert zu einem „Stand_Sitz_Liegepunkt“, oder wird aus einem simplen „widersprechen“ das Kunstverb „widersprechen_gebärden_schreiben“.

Zum zweiten Mal: geht’s noch? Manche Kommentatoren konnten diese Vertextung mit Humor gerade noch ertragen, bspw. „Die haben mit ihrem Liegepunkt ja wohl einen Knallxs“ oder „würde mich mit einer strafbefreienden Selbstanzeige wegen vorsätzlicher Sprachverhunzung zufriedengeben.“ Andere kamen rasch auf den Punkt: „Für mich sind Worte eher beschreibend, um Unterschiede klarzumachen. Ist das Wort Frau, als Abgrenzung zu den Männern, auch politisch inkorrekt? Irgendwann ist es kein Scherz mehr, wenn „Menschen mit Menstruationshintergrund“ gesagt wird.“

Und der dritte: wofür werden an dieser Universität staatliche und Drittmittel ausgegeben? Da gibt es zunächst eine „AG Feministisch Sprachhandeln“, die den oben verlinkten Leitfaden verbrach und dem „Referent_innenRat der HU“ sowie dem „Lehrstuhl für Gender Studies und Sprachanalyse am Zentrum für transdisziplinäre Geschlechterstudien der HU“ für die finanziellen Hilfen dankt. Dann gibt es eben dieses „Zentrum für transdisziplinäre Geschlechterstudien“, bestehend aus 3 Sprecherinnen mit einer Geschäftsstelle, in der der Geschäftsführerin 7 klassische und 9 studentische Mitarbeiterinnen zur Verfügung stehen. Da gibt es über 30 Lehrveranstaltungen beisteuernde Professoren, darunter jene Lehrstuhlinhaberin für Gender Studies und Sprachanalyse, die ihr mittleres vierstelliges Monatsgehalt im beendeten Semester mit sage und schreibe 3 (!!!) Lehrveranstaltungen a 90 Minuten „verdiente“: „schreiben einer abschlussarbeit“, „trans_x_ing feminismen“ und „wut als intervenierende handlung“. Der Wert der ersten – wenn die Regeln der Groß- und Kleinschreibung beachtet werden – steht nicht zur Debatte. Aber was ist mit den anderen beiden? In der Seminarbeschreibung zu letzterer lese ich [sic!]

„das seminar nähert sich der frage feministischer wissensproduktion von der ebene der gefühlsproduktionen und –konstruktionen her und betrachtet so das verhältnis von unterschiedlich positionierten subjekten zu wissenschaft und den entscheidungen, die in diesem prozess jeweils getroffen werden.“

Zum dritten Mal: geht’s noch? Der von mir hochgeschätzte Harald Martenstein schrieb vor einem Jahr „Die Paläontologie, die für die Klimaforschung und die Erdölindustrie recht nützlich ist, hat seit 1997 bei uns 21 Lehrstühle verloren. In der gleichen Zeit wurden 30 neue Genderprofessuren eingerichtet.“ Nicht nur, dass die Uni Leipzig darum ringt, dass Studiengänge wie „Pharmazie“ erhalten bleiben, nicht nur, dass an der Dresdner TU weit über 80 % aller Lehrkräfte, auch in den ingenieurstechnischen Fächern, befristet angestellt sind, damit wenigstens ein Grundstock an Lehre angeboten werden kann – hier dürfen fest angestellte, staatlich bezahlte Hochschullehrer ihre privaten Hobbys zum Fach machen! Wofür benötigt ein junger Mensch Universitätsseminare zum Umgang mit Wut? Ist uns Fach- und Sachkompetenz einerlei, stehen nur noch Sozial-, ja Lebenskompetenz im Mittelpunkt? Ein Kommentar brachte es sportlich auf den Punkt: „Ich würde den Spinnern einen Besxen oder eine Schauxel in die Hand gebxen und sie schuften lassxen, bis sie zu erschöpft für so ein blödsinniges Gesabbxel sind. Man bedenke bitte, diese Knalltüten dürfen studieren, und der Strassenreinigung gehen die fähigen Hilfskräfte aus.“

Ich versuche diplomatischer zu sein: Martenstein behauptet, dass Gender-Politik und Voodoo aufs Gleiche hinauslaufen. Ich würde Voodoo durch akademische Esoterik ersetzen. Wenn Genderismus/Feminismus „Wissenschaft“ sein wollten, wären sie einfach nur akademische Filialen der Soziologie und/oder Psychologie. Doch Sinn und Zweck ist doch offensichtlich, der feministischen Ideologie eine (pseudo-) wissenschaftliche Grundlage zu verschaffen mit dem Ziel, Probleme nicht zu lösen, sondern welche zu schaffen. Das dürfte bei den überwiegend weiblichen Studenten zu einer aus der Tunnelperspektive herzuleitenden Radikalisierung führen, aus der sich u.a. der missionarische Nachschub für viele Positionen bspw. als Gleichstellungsbeauftragte ergibt.

Es wäre viel gewonnen, wenn Forschung allgemein ergebnisoffen betrieben würde und jeder Forschungsbereich auf Erkenntnisse rekurrieren müsste, die dem aktuellen Erkenntnisstand entsprechen. Wo er die nicht befürwortet, müsste er akzeptierten wissenschaftlichen Standards genügen, um sie zu widerlegen, statt mit neuen sprachlichen Standards unbewiesene und also unwissenschaftliche Behauptungen zu verbreiten. Aber wenn es möglich ist, eine „Wissenschaft“ zu betreiben, die die Erkenntnisse der Medizin und Psychologie vernachlässigt und dennoch mit Etats in Größenordnungen ausgestattet wird, läuft etwas falsch. In Norwegen ist die Genderwissenschaft einer kritischen Prüfung unterzogen worden mit der Folge, dass die 56 Millionen Euro, die der Forschungsbereich jährlich erhielt, per Ende 2011 ersatzlos gestrichen wurden.

Da der Wahlkampf naht (oder eigentlich schon begonnen hat), muss ich jetzt doch mal ein privates Statement zu dem Blödsinn posten, mit dem sich diese Woche zwei rot-grüne Regierungen anschicken, Deutschlands Bildungspolitik zu ruinieren.

Schleswig-Holsteins Bildungsministerin Waltraud Wende kündigt an, dass Schüler erst in der 8. Klasse erstmals Notenzeugnisse erhalten sollen. Diese Verkürzung des Leistungsbegriffs ist dumm, kinderfeindlich und lebensfremd. Kinder lieben Leistung und Erfolg, denn beides stärkt das Selbstbewusstsein. Ohne Stolz auf die eigene Leistung entsteht keine feste Identität.

Die rot-grüne Regierung senkt das Niveau, um möglichst viele Kinder in die Oberstufe zu bringen. Dabei sind ihnen die Gymnasien im Weg. Das beweist, dass die Koalition jeglichen Leistungsgedanken aus den Schulen verbannen will. In Schulen aber muss gefördert, zugleich aber auch gefordert werden. Auch Alt-Bundespräsident Roman Herzog erklärte schon 1997, man müsse wieder Mut finden, gute Schüler gut und schlechte Schüler schlecht nennen zu können: wer Noten verbannt, schafft möglicherweise Kuschelecken.

Abschaffung des Biologieunterrichts „völlig falsches Signal“

Außerdem halte ich es für ein völlig falsches Signal, dass die grün-rote Regierung in Stuttgart unter dem ehemaligen Biologielehrer (!) Winfried Kretschmann den Biologieunterricht und weitere naturwissenschaftliche Fächer zugunsten eines Fachverbunds „Naturphänomene“ als selbständige Schulfächer abschaffen will.

Die methodischen und inhaltlichen Schnittmengen vieler Fächer sind viel zu gering. Es kommt doch auch niemand auf den Gedanken, die Fächer Englisch, Französisch und Spanisch zu einem Fächerverbund „Moderne Fremdsprachen“ zusammenzuschließen. Hinzu tritt die ebenso falsche Regelung, dass künftig auch fachfremd unterrichtet werden kann, sofern den Schulen nicht genügend geeignete Lehrer zur Verfügung stehen. Das erinnert fatal an Sachsens „Kompetenzentwicklungspläne“ in den Fachschulen. Außerdem muss sich gerade die Kretzschmann-Regierung fragen lassen, wie sich ihr Agieren mit den Prinzipien der Transparenz und des Gehörtwerdens verträgt: die Pädagogen sollen offiziell erst einbezogen werden sollen, wenn alles vorbei ist.

Gleich zwei rot-grüne Landesregierungen haben damit gezeigt, wie sie die Bildung in Deutschland ruinieren wollen: durch politisch motivierte Bildungsnivellierung. Hier besteht die massive Gefahr, dass das Niveau von Gymnasien auf das von Gemeinschaftsschulen heruntergeschraubt wird. Uns ist aber nicht mit mehr Abiturienten gedient, sondern mit weniger und vor allem besseren. Dieses Land braucht eine andere Politik. Dieses Land braucht uns.

Fack ju Schbrache

Ich bestreite es ja gar nicht. „Fack ju Göhte“ ist, nein, nicht der beste, wohl aber der erfolgreichste Film des Jahres. Ob oder wegen Aussagen wie diesen, sei zunächst dahin gestellt:

„Gib zwei Euro. Ich muss Guthaben kaufen.“
„Ey, red ma’ höflich, du Opfer.“
„Heb dir das Gelutsche für die Kundschaft auf. Wo ist die Kohle?“
„Halt Fresse und gib mir den Nagellack.“
„Geh putzen, und danach kannst du mir einen blasen.“

Die Handlung ist ein „routiniert gebauter Schwachsinn“ (v. Uslar), mit einem Kommentator: „Ein proletarisches Fusselhirn allererster Güte und eine an ihr pädagogischen Ethos gebundene Heulboje auf Liebesentzug schweißen eine Klasse asozialer Arschlochkinder zusammen und erkennen dabei, was wirklich zählt im Leben.“ Dafür können die Schauspieler nichts, allen voran Karoline Herfurth, mit der ich auch mal spielen würde…

Fack ju Göhte - Bilder - http://www.moviepilot.de/movies/f-you-gothe/images

Fack ju Göhte - Bilder - http://www.moviepilot.de/movies/f-you-gothe/images

Nun gut. Was ist das Problem? Für mich ist es der Umgang mit der Sprache, damit der Kultur – Sprachkultur, Schulkultur, Schülerkultur… – der hier in einer Weise ad absurdum geführt wird, die jedem halbwegs kulturvollen Zeitgenossen erst die Schames- und dann die Zornesröte ins Gesicht treiben muss. Und nicht nur mir, auch anderen Kommentatoren, die ich in gewohnter Weise einarbeite.

Nach Ansicht Moritz von Uslars in der ZEIT geht es den Autoren des Films darum, beim jugendlichen Zuschauer mit der denkbar brachialsten Sprache um Vertrauen zu werben: „Wir kennen dich. Wir wissen, wie du und deine Freunde miteinander reden, und wir sprechen dieselbe Sprache. Also lehn dich zurück, und genieß diesen Film.“ Das ist genau dieses sozialarbeiterische Dogma (oder Credo): „Wir holen dich dort ab, wo du bist; um Himmels beweg dich nicht, es könnte ja die falsche Richtung sein.“ Also am untersten Sprachniveau ansetzen, ein grammatisch sehr entspanntes Idiom sprechen und damit dem großen Trend der Vereinfachung folgen: Artikel werden weggelassen, Fallendungen abgeschliffen, der Konjunktiv wird gar nicht, Präpositionen beliebig verwendet.

Was soll das? Deutsch ist zu vernachlässigen, wir verstehen uns schon irgendwie? Sprachlevels und Sprachkulturen benötigt man angesichts jenes Einheitsbreis, der politisch in Berlin schon lange angerührt wurde und jetzt offizialisiert wird, sowieso nicht mehr? Entweder bin ich Babo und fordere Geld, Sex oder sonstige Dienstleistungen (wenn ich sie mir nicht einfach nehme) oder ich bin Opfer und muss dieselben liefern? Was spiegelt dieser Film für einen Trend – und ich nehme mal nur „meine“ Branche?

Fack ju Göhte - Bilder - http://www.moviepilot.de/movies/f-you-gothe/images

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Vor 2 Jahren ergab die Umfrage „Kommunikationsbranche 2010 – Fakten, Erwartungen und Trends“, für die die Wirtschaftspsychologische Gesellschaft München 477 Unternehmen befragte, dass auf einer Liste mit 17 Indikatoren für „Mitarbeiter-Auswahlkriterien“ die Kriterien „Studium“ und „Abschlussnoten“ gerade noch auf den Plätzen 12 und 13 landeten (22.03.2013). „Deutschkenntnisse“ dagegen rangieren nach „Leidenschaft“ an zweiter Stelle, gefolgt u.a. von Sozialkompetenz und Kreativität. „Deutschkenntnisse der Bewerber sind von herausragender Bedeutung für die Entscheider. Das deckt sich mit den Meldungen aus anderen Branchen, die ebenfalls desaströse Deutschmängel bei Bewerbern beklagen“ (ebd.)

Im Oktober 2012 schreckte ein „SPIEGEL“-Interview mit dem Bayreuther Altphilologen Gerhard Wolf nicht nur die Kommunikationsabteilungen deutscher Unternehmen auf. Wolf hatte andere Professoren zur Studierfähigkeit ihrer Studenten befragt – und von 70 Kollegen vernichtende Urteile wie die folgenden erhalten:
– „Die mangelnde Studierfähigkeit zeigt sich vor allem in der stark unterentwickelten Fähigkeit, kompetent und souverän mit der (deutschen) Sprache umzugehen.“
– „Konjunktive schwinden aus den schriftlichen Arbeiten ebenso wie zunehmend alle Zeitformen jenseits des Präsens.“
– „Der aktive Wortschatz schrumpft auf wenige hundert Ausdrücke, die penetrant wiederholt werden.“ (18.03.2013)

Fack ju Göhte - Bilder - http://www.moviepilot.de/movies/f-you-gothe/images

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Zuletzt bekräftigte die „GWA-Studie zum Agenturnachwuchs“ im Januar 2013 einen Schwund an Textkompetenz: „Gerade in den Bereichen Strategie, Online und Text haben die Agenturen Schwierigkeiten, Nachwuchs mit gewünschtem Qualifikationsniveau zu rekrutieren.“ (22.03.2013)

Nach einer teilweise noch unveröffentlichten Studie der Universität Duisburg-Essen betrifft das inzwischen sogar Lehramtsstudenten „Deutsch“. Die Forscher haben Lehramtsstudenten dreier nordrhein-westfälischer Hochschulen jeweils zwei verschiedenen Tests unterzogen. Mit dem ersten wurden die allgemeinen Sprach- und Rechtschreibfähigkeiten von fast 2900 Studenten geprüft. Dabei erwies sich jeder fünfte angehende Lehrer als stark oder sehr stark förderbedürftig. Im zweiten Test, an dem fast 300 Studenten teilnahmen, sollte ein Zeitungsartikel mit eigenen Worten zusammengefasst werden. Jeder achte künftige Pädagoge gebrauchte dabei vielfach Wörter im falschen Sinnzusammenhang, mehr als jeder dritte machte häufig Grammatikfehler. Studierende mit Migrationshintergrund, die noch schlechter abschnitten, sind dabei nicht mitgerechnet. „Der Test war leichter als eine Abituraufgabe“, sagt Studienautor Dirk Scholten-Akoun (vgl. SPIEGEL, 49/2013).

Fack ju Göhte - Bilder - http://www.moviepilot.de/movies/f-you-gothe/images

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Uslar ficht das alles nicht an – ich behaupte, er kennt diese Befunde gar nicht. Entsprechend würdigt er die Autorität des Aushilfslehrers, der nur bis zur achten Klasse zur Schule ging („Das war meine Crackphase“), deswegen, weil er,

„wenn die Konflikte hart auf hart kommen, die härtere, bösere, asozialere, verbotenere Sprache spricht als die Schüler selbst. Die Maßregelung eines Krawallbruders lautet: „Achte auf deine Ausdrucksweise, du Wichser.“ Einer pubertären Schülerin empfiehlt er: „Friss nicht so viel. Oder willst du als Jungfrau sterben?“ Der Lehrer, der kein Lehrer ist, sagt seiner Schulklasse: „Ihr seid Abschaum. Und jetzt Fresse halten und sitzen bleiben, bis es vorbei ist.“

Vollends vorgeführt wird das Ideal zivilisierten pädagogischen Umgangs, wenn der Lehrer mit einer Paintball-Kanone auf seine Schüler schießt: „Durchsetzen kann sich in dieser Welt der deutschen Problemschule nur der, der über die schwerste sprachliche Schusswaffe verfügt und nicht zögert, sie einzusetzen.“

Fack ju Göhte - Bilder - http://www.moviepilot.de/movies/f-you-gothe/images

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EBEN NICHT!!! Mit der Paintball-Kanone ist eine Grenze überschritten, die ein Kommentator auf „moviepilot.de“ auf den Punkt bringt: „Es ist unlustig für einen aktiven Paintballer, wenn man mit ansehen muss, wie verharmlosend damit umgegangen wird. Es war sowieso sehr schwer, dass dieses Spiel in Deutschland anerkannt wird und ein Schuss direkt ins Gesicht ist alles Andere als lustig! Es gibt genug hirnlose Jugendliche, die so etwas dann nachmachen wollen und die Folgen bei einem Fehltreffer sind sehr schwerwiegend. Deshalb finde ich das sehr verantwortungslos – auch wenn ich jetzt dadurch als Nörgler angeschaut werde oder mit Dreck beworfen werde.“ Durchsetzen kann sich also nur der mit den besseren Waffen, die – wenn es halt Worte nicht mehr bringen – nur noch verletzende „Taten“ sein können?

Dazu kommt: das Lehrerbild, das ebenfalls ein moviepilot-Kommentator auf den Punkt bringt „… einer der undankbarsten Jobs überhaupt. Stress ohne Ende, täglich mit zu vielen Kindern pro Klasse einen viel zu vollen Lehrplan abarbeiten, dabei über Provokationen hinwegsehen, Probleme der Schüler erkennen, sie erziehen, bilden, individuell fördern. Und das alles, während in der Öffentlichkeit ein Bild gezeichnet wird von verklemmten, stur nach Schema F vorgehenden Korinthenkackern mit Stock im Arsch, die auch noch viel zu viel Freizeit haben (Stichwort: nur vormittags arbeiten und dann auch noch ständig Ferien), eher weltfremd sind und dafür zu viel verdienen.“

Fack ju Göhte - Bilder - http://www.moviepilot.de/movies/f-you-gothe/images

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Mag sein, dass der Film nicht den Anspruch hat, ein realistisches Bild eines Lehrers zu zeigen. Aber ich halte es für mehr als ärgerlich, wenn dadurch impliziert wird, jeder dahergelaufene Idiot könne Lehrer werden, wenn er nur cool genug ist oder Vorgaben missachtet – das ist die Bestätigung des neoliberalen Politikerbilds, bspw. ungelernte Hilfsarbeiter zu Staatssekretären mutieren zu lassen.

Natürlich ist ein Draht zu den Schülern wichtig – aber wie im Film gezeigt, nur noch traurig. Überhaupt gibt es keinen einzigen normalen Menschen in diesem Film. Zeki ist ein Betrüger, der – brutal, eklig – mit allem durchkommt. Die Schüler sind entweder die größten Assis aller Zeiten oder so süße kleine Engelchen, dass, wenn man sie aufschlagen würde, nur noch Schleim aus ihnen trieft. Alles ist so vollgepackt, so sehr übertrieben, bunt, laut, schrill und eklig, dass man sich irgendwann nur noch abwenden kann.

Fack ju Göhte - Bilder - http://www.moviepilot.de/movies/f-you-gothe/images

Fack ju Göhte - Bilder - http://www.moviepilot.de/movies/f-you-gothe/images

Der erfolgreichste deutsche Film…
„…die darüber lachen, besuchen vermutlich genau so eine Schule oder lachen, wie sie es auch tun, wenn sie eine Affenhorde im Zoo sehen, die Unfug macht.“

Nach diversen Zeitungsessays zu jenem pseudoreligiösen Event namens „Halloween“ und eigenen Erlebnissen am Donnerstag muss ich mal wieder Frustabbau betreiben. Der Frust richtet sich nur sekundär gegen die amerikanisierte Säkularisierung eines anfangs heidnischen, später theologisch eminent aufgeladenen Datums. Er richtet sich auch nur sekundär gegen das Konsumspektakel. Primär aber richtet er sich gegen die moralische Unsäglichkeit, mit der Kindern anlässlich dieses „Festes“ neoliberales Denken aufoktroyiert wird.

Das Datum: schon vor über 2000 Jahren feierten die „heidnischen“ Kelten neben dem Frühlingsfest „Beltane“ ein zweites großes Fest. Der 31. Oktober war bei ihnen der letzte Tag des Jahres: der Sommer wurde mit großen Feuern verabschiedet (und ihm dabei für die Ernte gedankt) und gleichzeitig der Winter begrüßt. Sie gedachten an diesem Tag auch der Seelen der Verstorbenen, da der Sonnengott nun, zu Beginn der dunklen Winterzeit, vom keltischen Totengott „Samhain“ abgelöst wurde (keltisch samos, gälisch samhuinn für „Sommer“). Die Kelten glaubten fest daran, dass die Seelen der Verstorbenen in der Nacht vom 31. Oktober als Geister auf die Erde zurückkommen, um in ihre Häuser zurückzukehren. Einige Jahrhunderte später ernannte Papst Gregor IV. den 1. November, also den Tag nach dem 31. Oktober, zum Feiertag „Allerheiligen“, an dem der christlichen Märtyrer gedacht wurde. Aus dem Samhain-Fest wurde im Laufe der Zeit „das Fest am Vorabend zu Allerheiligen“, engl. „All Hallows’ Eve(ning)“, abgekürzt Halloween.

Moderne Samhain-Feier. Quelle: http://bilder.vfrr.org/main.php%3Fg2_view%3Dcore.DownloadItem%26g2_itemId%3D674%26g2_serialNumber%3D2

Moderne Samhain-Feier. Quelle: http://bilder.vfrr.org/main.php%3Fg2_view%3Dcore.DownloadItem%26g2_itemId%3D674%26g2_serialNumber%3D2

Seine theologische Aufladung erhält das Datum dadurch, dass laut der Überlieferung Martin Luther am Tag vor Allerheiligen 1517 an die Tür der Schlosskirche zu Wittenberg 95 Thesen in lateinischer Sprache zu Ablass und Buße angeschlagen haben soll, um eine akademische Disputation über Recht und Unrecht des Sündenerlasses gegen Geld herbeizuführen. Damit leitete er die Reformation ein, die jene gewaltigen Veränderungen der Kirche herbeiführte, die der Menschheit mehr als dienlich waren und sind. Durch seine „reformierende“ Bibelübersetzung gelang es ihm, eine einheitliche deutsche Sprache zu etablieren. Damit schuf er den Grundstein für die Einheit der deutschen Länder und also unseres Volkes. Kurfürst Johann Georg II. von Sachsen setzte 1667 den 31. Oktober als Reformationstag fest, der sich dann in den meisten Ländern durchsetzte.

Ralph Fiennes als Luther. Quelle: http://www.aref.de/Highlights/2003/pics/luther_95-thesen.jpg

Ralph Fiennes als Luther. Quelle: http://www.aref.de/Highlights/2003/pics/luther_95-thesen.jpg

Quintessenz: einmal im Jahr soll nicht die lautstark um die eigene leere Mitte kreisende Gegenwart im Mittelpunkt stehen, sondern die sowohl sepulkral als auch national und damit doppelt semantisierte Vergangenheit. Das aber will sich eine auf eben diese Leere so stolze Jetztzeit nicht bieten lassen: dass ein einziges Mal nicht sie das letzte Wort hat, sondern die ganz unverwechselbare Seele der Verstorbenen. Also macht die Gegenwart Radau und färbt sich ganz besonders grell. Abgerechnet aber wird zum Schluss: tot bleibt tot, da helfen weder Bonbons noch Schminke.

Das Konsumspektakel: der eigentlich bedeutsame Reformationstag als Gedenktag an die Toten und an ein wichtiges Agens der gesellschaftlichen Entwicklung nun wurde ausgehend von den USA gnadenlos verkommerzialisiert – allein in Deutschland wird mit 200 Millionen Euro Umsatz gerechnet. Da vermischen sich faschingshafte Haus- und Menschmaskierung mit karnevalistischem Rudeltrinken sowie sättigungsentkoppelten Nahrungsmittelorgien: das reicht von Gruselgummis und Pechkeksen über Bluttee und Monstersuppen bis hin zum Kürbis, der nicht verspeist, sondern verschnitzt wird. Die sog. „Kürbistradition“ geht zunächst auf die irischen Kelten zurück. Am „All Hallows’ Eve“ gedachten sie ihrer Toten. Dabei etablierte es sich, den durch das Dorf Ziehenden Essen ans Fenster zu stellen. Heute dagegen zeigt Halloween die vorauseilende Bereitschaft des Einzelnen, sich in eine konsumierende Masse zu verwandeln. Das Fest für willenlose Endverbraucher ist die perfekte Einübung in eine konformistische, phantasielose Angestelltenexistenz, die sich ihre Ekstasen von der Industrie vorsagen lässt. Zuverlässig bringt der Halloween-Blödsinn die hässlichen Seiten eines Menschen zutage: seine Verschwendungssucht, seine Schadenfreude, seine Plumpheit, seine Indezenz, seinen Grobianismus, seinen wachsweichen Opportunismus.

Produktpalette. Quelle: http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/c/c9/Halloween-Artikel_Deutschland_2000s.jpg

Produktpalette. Quelle: http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/c/c9/Halloween-Artikel_Deutschland_2000s.jpg

Vor allem aber: die Moral. Der heute gefrönte Süßigkeitenbrauch mit der dümmsten aller Drohungen („Trick or Treat“ – „Süßes oder Saures!“) stammt aus längst vergangenen Zeiten (9. Jh.) Damals wanderten Christen am 2. November, dem Seelenfest, von Dorf zu Dorf und erbettelten sogenannte Seelenkuchen. Zum Dank versprachen sie, intensiv für die Spender zu beten. Damals wie heute galt also: keine Leistung ohne Gegenleistung. Eigentlich.

Denn was geschieht? Ein Dreijähriger, verkleidet als Zauberer und in Begleitung seiner Eltern, ist noch süß. Ein Briefkasten, der in Schlagsahne ertrinkt, nicht mehr. Dabei droht genau diese Strafe, denn die plärrend, schreiend, nervend von Haus zu Haus ziehenden Racker werden bei Misserfolg zum Rächer im Stile junger Drückerkolonnen, die von Tür zu Tür karawanieren und dann – mit Ketchup, Eiern, Kaugummi, Klebstoff… – Klinken und Fassaden friedlicher Bürger attackieren: wer sich ziert, wird sanktioniert. Der Grat zwischen Streich und Sachbeschädigung oder Hausfriedensbruch ist aber laut Polizei ein ganz schmaler. Ein zugeklebtes Schloss beispielsweise erfülle bereits den Straftatbestand. Längst hat das Fest seine Unschuld verloren.

Kinder mit Beute. Quelle: http://bilder.t-online.de/b/66/24/38/50/id_66243850/450/tid_da/halloween-ist-ein-harmloser-spass-so-lange-kinder-nur-suessigkeiten-sammeln-aber-viele-streiche-gehen-zu-weit-so-sind-aufsichtsplicht-und-haftungsrecht-geregelt-.jpg

Kinder mit Beute. Quelle: http://bilder.t-online.de/b/66/24/38/50/id_66243850/450/tid_da/halloween-ist-ein-harmloser-spass-so-lange-kinder-nur-suessigkeiten-sammeln-aber-viele-streiche-gehen-zu-weit-so-sind-aufsichtsplicht-und-haftungsrecht-geregelt-.jpg

Kinder werden so zu Erpressern erzogen, die auch vor Sachbeschädigung nicht zurückschrecken. Aber es geht noch schlimmer, lautet der Spruch doch heute schon oft: „Bares oder Saures“. So könnte auch das erfolgreiche Geschäftsmodell der Mafia umschrieben werden. Wahrscheinlich ist das die Einübung dieser Geschäftsmodelle auf Kleinkindebene. Es muss ja klein anfangen, denn was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr. Erpressung und Drohung mit Schadensfolge. Diese Kapitalistenwerdung per pseudomafiös verbrämter Schutzgelderpressung passt zwar nicht zum Alter der Klingelnden, zu Halloween aber schon; und zum Reformationstag erst recht; aus Tetzel, dem Mönch, werden Thorsten, Toni und Thusnelda…

Bei diesen Bräuchen, die wir kritiklos übernehmen, geht es um das Eindringen in die private Kommunikation, ja in Privaträume. Das halte ich für eine bedenkliche Verengung des deutschen USA-Bildes auf Ausspähen und Übergriffigkeit – als ob NSA-Gebaren salonfähig wird. Die Kleinen sollen an Halloween lernen, wie es um dieses Land bestellt ist: Untote sehen dich an. Mach Schluss mit deiner Individualität. Werde wie alle.

Maskiertes Haus. Quelle: http://cdn.antenne.com/media/filer_thumbnails/2013/10/29/halloween-haus.jpg__500x500_q80.jpg

Maskiertes Haus. Quelle: http://cdn.antenne.com/media/filer_thumbnails/2013/10/29/halloween-haus.jpg__500x500_q80.jpg

Wie anders dagegen ging (und geht zum Glück wenigstens teilweise auch noch) das Martinsfest vonstatten? Richtig! Damals mussten wir uns noch anstrengen und komplette Lieder singen, haben für Freude und ästhetische Erbauung gesorgt und dafür Süßigkeiten erhalten! Was für ein Menschenbild dagegen vermittelt dieses „Trick or Treat“-Spektakel? In meinem Offenen Brief an Uwe Kammann drückte ich es so aus: „Weniger Empathie, mehr Gnadenlosigkeit. Nicht mehr ‚Empört Euch‘, sondern ‚Erniedrigt Euch‘. Und erfreut euch, ja gewöhnt euch daran. Ist eh alternativlos. Und gesundheitsschonend. Wutbürger war gestern, Dumpfbürger ist heute. … Ehrlichkeit, Bildung, ja sogar Intelligenz sind nichts mehr als nur noch Worthülsen. Struktur statt Inhalt. Was zählt: sich immer und überall mit allen Mitteln durchzusetzen.“

Martini in Erfurt. Quelle: http://www.dtoday.de/regionen/lokal-nachrichten_artikel,-So-schoen-war-Martini-in-Erfurt-_arid,108566.html

http://www.dtoday.de/regionen/lokal-nachrichten_artikel,-So-schoen-war-Martini-in-Erfurt-_arid,108566.html

Ich hoffe sehr, damit nur schwarz zu malen.

Vorab: das wird das erste Posting, in dem ich meine persönliche mit meiner politischen Überzeugung kombiniere. Aber die Umstände könnten besser zusammen nicht passen. Was ist passiert?

Da hat am 2. Oktober Horst Pöttker unter der Überschrift „Schluss mit der Selbstzensur“ in der „ZEIT“ gefordert, die Richtlinie 12.1 des Pressekodex zu ändern. Ihm geht es um folgenden Passus: „In der Berichterstattung über Straftaten wird die Zugehörigkeit der Verdächtigen oder Täter zu religiösen, ethnischen oder anderen Minderheiten nur dann erwähnt, wenn für das Verständnis des berichteten Vorgangs ein begründbarer Sachbezug besteht. Besonders ist zu beachten, dass die Erwähnung Vorurteile gegenüber Minderheiten schüren könnte.“ (Hervorhebung von mir)

Nun halte ich Pöttker, der jahrelang selbst Zeitschriftenredakteur war und seit ein paar Monaten Emeritus ist, für einen der letzten guten Journalistik-Professoren Deutschlands, bei dem tausende Studenten lernten, nicht nur hunderte wie bei mir. Was mag ihn umgetrieben haben? Für ihn sind es die drei Marokkaner, die im Dezember 2012 in Almere bei Amsterdam nach einem Regionalspiel brutal auf den 41-jährigen Linienrichter Richard Nieuwenhuizen eintraten, der am nächsten Tag an den Folgen stirbt und von deren Herkunft man – in Deutschland – nur durch vereinzelte Medien, aber vor allem aus „rechten Blogs“ erfuhr. Das mag als Anlass gelten, nicht aber als Ursache.

Die dürfte eher darin zu suchen sein, dass er seit Jahren im „Rat für Migration“ mitarbeitet, einem Gremium, das als bundesweiter Zusammenschluss von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern seine zentrale Aufgabe in einer öffentlich kritischen Begleitung der Politik in Fragen von Migration und Integration sieht. Prompt textet er, dass „das starre Formulierungsverbot Journalisten vom Nachdenken über mögliche Problemursachen, die mit der Gruppenzugehörigkeit eines Täters zu tun haben könnten“, entlaste. Und weiter „Wer möchte, dass Journalisten verantwortlich handeln, sollte ihnen die Freiheit zu eigenem Abwägen zugestehen, denn sonst können sie Verantwortung weder empfinden noch wahrnehmen. Hinzu kommt, dass die Richtlinie das Publikum für dümmer hält, als es ist. …“ Donnerwetter. „Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar“ wusste schon Ingeborg Bachmann. Pöttker verstärkt die Aussage noch: „Die bisherige Richtlinie geht also von einem Publikum aus, das Vorurteile hat und verführbar ist. Journalisten müssen aber für ein mündiges Publikum schreiben, dem sie auf Augenhöhe begegnen, sonst bringt ihre Arbeit die Gesellschaft nicht voran.“ Die Gesellschaft voranbringen??? Ist Pöttker über Nacht „eingreifender Wissenschaftler“ geworden?

Für mich ausschlaggebend, mich dieser Frage zu widmen, war eine ähnliche Attacke unter reziproker Perspektive (die auf Jonny K. in Berlin lasse ich mal weg). In der Nacht auf den 10. März 2013 geraten im niedersächsischen Kirchweyhe an einer Bushaltestelle auf der Heimfahrt von einem Discobesuch zwei Gruppen in einem Bus aneinander. Der 25-jährige Daniel S. will schlichtend eingreifen und wird nach dem Halt des Busses von Cihan A. so heftig gegen den Oberkörper getreten, dass er gegen einen der wartenden Busse geschleudert wird, mit dem Kopf ungebremst auf dem Asphalt der Straße aufprallt und regungslos liegen bleibt. Doch Cihan A. tritt weiter auf ihn ein. Daniel S. wird mit lebensgefährlichen Kopfverletzungen ins Krankenhaus eingeliefert und erliegt den Folgen des Angriffs. Zwei angeblich „rechtsextrem“ organisierte Mahnwachen wurden von der Gemeinde untersagt. Der Weyher Gemeinderat Andreas Bovenschulte erklärte gegenüber Radio Bremen u.a.: „Im Vorfeld der Veranstaltung hat es eine Welle des Hasses und des Aufrufes zu Straftaten im Internet gegeben. Uns ist das Risiko, dass es zu systematischen Straftaten im Zusammenhang mit der Durchführung der Veranstaltung kommt, zu groß.“ Stattdessen folgten 1.500 Bürgerinnen und Bürger von Weyhe dem Aufruf eines „Runden Tisches gegen Rechts und für Integration“ zu einer Mahnwache am Tatort. Und hier betonte Bürgermeister Frank Lemmermann (SPD), die Herkunft des Täters spiele keine Rolle: „Es trifft zu, dass der Haupttäter türkische Wurzeln hat, aber es hätten auch andere junge Männer sein können.“

Wie sehr haben uns die bevormundenden Deutungsmuster der 68er schon infiltriert? Wie blauäugig kann man eigentlich noch sein? Denn wenden wir uns nun der postjustitiablen Zusammenschau mit dem Fokus Berlin zu, habe sich das Verschweigen von Migrantengewalt bei der Berichterstattung „zu einem Verschleierungsinstrument verselbstständigt; zu einer Ansammlung von ,Du-darfst-nicht‘-Sätzen, die die Glaubwürdigkeit von Medien erschüttern, aber jede Erkenntnis verhindern. Antirassismus auf Knigge-Niveau.“ Und das war immerhin in der „taz“ zu lesen! 1.049 von Rohheits-Delikten hat die Berliner Polizei im vergangenen Jahr registriert. 32 Prozent der Tatverdächtigen waren ausländische Staatsbürger (ohne Illegale), weitere 41,5 Prozent deutsche Staatsbürger mit Migrationshintergrund. Macht zusammen 73,5 Prozent – bei einem Anteil von 43,1 Prozent an allen jugendlichen Einwohnern. In seinem Berliner Bezirk Neukölln haben laut Heinz Buschkowsky (SPD, Bezirksbürgermeister), von den 200 Intensivtätern 90 Prozent einen Migrationshintergrund. Die jungen arabischstämmigen Männer würden die größten Probleme bereiten: „Sie machen neun Prozent der Bevölkerung aus, aber jeder zweite Intensivtäter trägt einen arabischen Namen,“ lässt er sich im „Focus“ zitieren. Dass daraus Forderungen von ihm oder auch von der Polizeigewerkschaft erwachsen wie Strafmündigkeit herabsetzen oder Strafmaße erhöhen, liegt auf der Hand.

Denkt man nun das Unbehagen ob dieser Befunde mit der Pöttkerschen Forderung zusammen, ergibt sich zunächst, dass Denkverbote wie etwa das des Berliner Linken-Fraktionschefs Udo Wolf, mit derartigen Zuschreibungen eine „stigmatisierende Debatte“ anzuheizen, sofort gekontert werden müssen. Und das hat, lieber Stefan Niggemeier, nichts mit dem von Ihnen konstruierten pauschalen Zusammenhang zu tun „Ob diese Zugehörigkeit irgendetwas mit der Tat zu tun hat, spielt für ihn entweder keine Rolle oder er geht davon aus, dass das eh immer der Fall ist: Eine Tat erklärt sich durch die Herkunft des Täters.“ Viel mehr zu tun hat die Zuschreibung mit jenem Nachdenken, das einer Ihrer Kommentatoren trefflich auf den Punkt bringt:

Das Problem mit dem Migrationshintergrund ist womöglich auch, dass eben nicht explizit erwähnt wird, wenn ein Deutscher ohne Migrationshintergrund eine entsprechende Tat begeht. Die Leute lesen also ständig »Südländer erschlägt Linienrichter« und stellen sich dann bei der Schlagzeile »Linienrichter von drei jungen Männern erschlagen« gleich Südländer vor, weil sie von Richtlinie 12.1 gehört haben, wobei der fehlende Migrationshintergrund vermutlich einfach nicht erwähnenswert erschien. Einen fehlenden Migrationshintergrund zu erwähnen, ist aber auch keine Lösung, denn z.B. »Linienrichter von drei jungen Deutschen ohne Migrationshintergrund erschlagen« suggeriert durch die Erwähnung des fehlenden Migrationshintergrunds, dass man bei einer solchen Tat sofort von einem Migrationshintergrund ausgehen muss und daher der fehlende Migrationshintergrund plötzlich erwähnenswert erscheint.

Es ergibt sich aber vor allem, dass diese Forderung bereits am 10. Juli 2012 erhoben, aber „selbstverständlich“ nicht beachtet wurde: von der Kleinpartei „Die Freiheit“, die damals als rechtspopulistisch und antiislamistisch galt.

Innerhalb eines Jahres eine solche Kehrtwendung? Wenn es noch eines Beweises bedarf, dass eine Partei wie die AfD wichtig ist und wie sie auch ohne im Bundestag zu sitzen die Politik bereits beeinflusst – hier ist er. In diesem Sinne arbeitet die AfD Sachsen auch weiter vertrauensvoll mit Ex-Freiheit-Mitgliedern zusammen, von denen ich inzwischen viele kennen- und schätzen lernen durfte.

„Wissen ist nicht dazu bestimmt, uns zu trösten. Es enttäuscht, beunruhigt, schneidet, verletzt.“  (Michel Foucault)

Da ich nach meinen Wahlkampfauftritten verschiedentlich angesprochen wurde, ob man „das“ nochmal irgendwo nachlesen kann, stelle ich hier meine Rede online. Was und wieviel sich davon im Landes- und  Bundesprogramm wiederfindet und vor allem umgesetzt wird, werden die nächsten Wochen, Monate, Jahre zeigen.

So geht Sprache

Dieser Tage ist die neue, von Ketchum Pleon kreierte Imagekampagne Sachsens unter dem Slogan „So geht sächsisch“ gestartet. Nicht zuletzt auch in sozialen Netzwerken hatte sich schon im Mai eine mehr oder weniger sachliche Diskussion mit negativem Grundtenor zum Teil um mehr als nur um Sinn und Unsinn des Slogans entsponnen. Der war sogar der „taz“ ein – nennen wir es mal – Themenfeature wert, in dem auch kritische Stimmen aus der Dresdner Koalition zitiert wurden. Die folgende linguistische Analyse prüft, worin diese Negativität begründet ist. Ich hatte sie bereits vor Wochen geschrieben und noch ein wenig ergänzt.

Schon syntaktisch scheint mit dem 3-Wort-Satz etwas nicht zu stimmen. Der Punkt am Ende deutet auf einen Aussagesatz. Aussagen nun werden im Deutschen mehrheitlich in der Bauform Subjekt – Prädikat – Objekt (SPO) getätigt: „Ich liebe dich“. Aus der Schulgrammatik wissen wir: Subjekt ist, was mit einer „Wer (oder was)“-Frage erfragt bzw. durch das Fragewort „Wer“ ersetzt werden kann (falls eine Person bezeichnet wird). Bei „wer/was geht sächsisch?“ trifft das auf „so“ nicht zu. Mit der grammatischen fast untrennbar verbunden ist die semantische Rolle als Agens, die einen bewusst handelnden „Verursacher“ in der vom Verb bezeichneten Situation, in der Regel eine Handlung, kennzeichnet. „So“ als Agens aber kann eine Handlung wie „gehen“ nicht verursachen. Hinzu kommt, dass das Verb im Präsens Aktiv etwas Andauerndes, Geschehendes („Gehendes“) ausdrückt, aber der Modus uneindeutig bleibt: der Punkt legt den Indikativ nahe – aber ein auch mögliches Ausrufezeichen führte zum Imperativ.

Motiv 1

Motiv 1, Screenshot www.so-geht-saechsisch.de

Damit korreliert das Prinzip des Satzgegenstands und der Satzaussage, die einen Kommentar über den Gegenstand und damit in der Regel die neue Information liefert. Dieser Zusammenhang, dass die neue Information typischerweise am Satzende steht, ist im Deutschen jedoch schwach ausgeprägt: es besitzt so viel Wortstellungsfreiheit, dass nahezu jedes Satzglied an den Satzanfang geholt werden kann. Das hat zunächst damit zu tun, dass deutsche Sätze verschiedene „Felder“ aufweisen, die unterschiedlich „bestellt“ (sprich besetzt) sein können und durch eine „Verbklammer“ eingerahmt werden: Vorfeld, linke Klammer (finites Verb, Hilfsverb), Mittelfeld, rechte Klammer (infinites Verb, Präfix), Nachfeld. Im Aussagesatz „Darum ׀ könnte ׀ das den Sachsen ׀ gelingen ׀ in dieser hektischen Zeit.“ sind alle Felder besetzt, die Stellung der finiten Verbform (an zweiter Stelle) deutet auf einen Kernsatz. Diese Deutung legt auch „So geht sächsisch“ nahe – mit einem entscheidenden Unterschied. Im Vorfeld kann fakultativ beliebiges Material platziert werden, das entweder als gegebene Information aus dem Kontext aufgenommen (ein sogenanntes Topik) oder als Kontrast hervorgehoben werden soll. Diese Voranstellung, die Besetzung des Vorfelds durch ein Satzteil wird (etwas ungenau) auch als „Topikalisierung“ dieses Satzteils bezeichnet. Außer dem finiten Verb können fast alle Arten von Satzteilen dafür verwendet werden, vor allem Lokal-, Temporal-, Modal- oder Kausal-Angaben. Es gibt aber auch Sätze, in denen sich im Vorfeld ein sogenanntes Expletivum befindet, das eine reine „Lückenbüßer-Funktion“ hat: „Gestern war Peter in Dresden. Es begegnete ihm niemand.“ Unser „so“ scheint irgendwie dazwischen zu liegen. Es ist zwar mehr als ein Lückenbüßer, aber auch weniger als eine Modalangabe, wie etwas zu tun sei; es ist eine wenig gebräuchliche Modifikativangabe, die daher umso mehr auffällt.

Die Topikalisierung nun beinhaltet neben ihrer (semantischen) Informations- auch eine syntaktische (Test)Funktion: die der Feststellung von innerhalb eines Satzes zusammenhängenden Wortgruppen. Man spricht von der Verschiebeprobe (Permutationstest). Wörter, die zusammen umgestellt werden können, ohne dass der Satz ungrammatisch wird, sind in der Regel Satzglieder. Unsere Permutationen lauten „Geht sächsisch so.“ bzw. „Geht so sächsisch.“. Auch das ist nichts Halbes und nichts Ganzes: jedes Wort ein Satzglied, nicht völlig ungrammatisch, aber die Permutationen changieren zwischen abstrakter Frage und vager Aussage, und vor allem scheinen sie ambivalent, ja negativ konnotiert (dazu gleich mehr).

Und spätestens an dieser Stelle drängen sich Überlegungen auf, wie denn nun „Sächsisch“ aufzufassen ist. Lexikalisch als Adjektiv – aber semantisch also als Eigenschaftswort? Sächsisch zu komparieren kommt sicher niemandem in den Sinn – ist Leipzig sächsischer als Dresden, und Chemnitz am sächsischsten? Was also bezeichnet eine Eigenschaft „sächsisch“? Die ersten Flutkampagnen-Plakate gaben die lapidare Auskunft „Zupacken ohne zögern“. Bayern, Bremer und Berliner machen das nicht?

Motiv 0, Screenshot www.so-geht-saechsisch.de

Motiv 0, Screenshot www.so-geht-saechsisch.de

Oder ist das Adjektiv syntaktisch als Objekt, als Satzergänzung anzusehen – aber als unflektiertes Objekt? Denn fragen wir jetzt ernsthaft „wer/was geht (so)?“, kann die Antwort nur lauten: Sächsisch. Damit würde das Adjektiv an letzter Stelle plötzlich zum Subjekt (im Nominativ)! Dann aber wäre „Sächsisch“ ein Abstraktum, ein „Ding“ und also substantivisch gebraucht, denn: Substantive sind Dinge, Verben dagegen die davon/damit gemachten Dinge. Nicht nur, dass es dann großgeschrieben werden muss (der Slogan wäre also orthographisch falsch). Nein, an dieser Stelle schließt sich nun der Kreis zum „so“: dieses Wörtchen konkurriert mit „sächsisch“ indirekt um die grammatische Rolle als Subjekt. Und dieser Streit wird im Slogan nicht entschieden.

Die Permutationen führen uns zum weiteren syntaktischen Aspekt der Vollständigkeit. Unser Slogan ist rasch als Ellipse zu identifizieren. Ellipsen bezeichnen das Auslassen von Satzteilen, aber auch Sätze mit Auslassungen, die sich mit Hilfe von sprachlichem oder situativem Kontext rekonstruieren lassen. Wir haben es hier mit einer situativen Ellipse zu tun, aber: während das Flutmotiv eine solche Situation wenigstens als komplementäres Bildmotiv anbietet, ist die spätestens in den Juli-Motiven (vier Landschaften, was dem Eigenschaftswort eine primär regionale Bedeutung unterstellt) nicht nur unrekonstruierbar (alle Motive sind frei von Menschen!), sondern auch beliebig. Wenn aber Rekonstruktionen zu keinem eindeutigen Ergebnis führen oder sie willkürlich oder gezwungen wirken, bleibt Unbehagen.

Die Uneindeutigkeit hat vor allem zu tun mit der Semantik des starken Verbs „gehen“ (im Gegensatz zu einem schwachen wie „bewegen“). Die primären, durchaus auch metaphorischen Bedeutungen kreisen um ein assoziatives Feld mit Konnotationen wie „sich schreitend, schrittweise fortbewegen“, „in eine veränderte Lebenssituation eintreten“, „einen Ort oder eine Zusammenkunft verlassen“, „einen anderen Ort aufsuchen, um dort eine mit einem anderen Verb beschriebene Handlung auszuführen“, „sich mit Ortsergänzung (durch eine Menge oder einen Körper) wellenartig fortpflanzen“ usw. usf. Linguistisch: „gehen“ ist primär ein Verb mit einer Direktiv-Ergänzung, und diese Verben geben eine Ortsveränderung von A nach B an (auch eilen, fliegen, laufen, springen…) Das Fragewort zu diesen Verben lautet gemeinhin „Wohin“.

Danach aber funktioniert unser „geht“ weder mit „so“ noch mit „sächsisch“. Das hat vor allem zwei Gründe. Zum einen beruht es auf den sekundären, tertiären… Bedeutungen von „gehen“. Das Verb meint weiter – und das ist keine vollständige Auflistung – „funktionieren / funktionsfähig sein“, „viel gekauft werden“, „sich räumlich erstrecken“, „irgendwohin führen“, „im Gange sein, dauern“, „sich in der Ruhephase beim Gärprozess befinden, aufgehen, gären“, „akzeptabel sein, erlaubt sein, einen Rahmen einhalten“, „machbar sein“, „Aussage treffen über das Wohlbefinden oder den Gesundheitszustand“, „eine Beschäftigung oder Stelle aufgeben, kündigen“, „(planmäßig) abfahren, ablegen, abfliegen“, „eine partnerschaftliche Beziehung beenden“… Diese Vielheit wird im Slogan weder simplifiziert noch semantisiert – er bleibt unbestimmt. Bildsprachlich tritt hinzu, dass drei der vier Motive Wasser und Wasserfahrzeuge abbilden. Mit Dampfern und Booten aber „fährt“ man. Die Modifikativangabe legt mit dem Fragewort „wie“ sekundär eine modale Bedeutung nahe, bspw. langsam oder schnell. Auch hier gibt „so“ keine befriedigende Antwort.

Motiv 2, Screenshot www.so-geht-saechsisch.de

Motiv 2, Screenshot www.so-geht-saechsisch.de

Zum anderen beruht die Dysfunktionalität auf den verschiedenen Wortarten des Worts „so“. Es kann einerseits als Bindewort, Konjunktion identifiziert werden; aber andererseits auch als Adverb. Diese Nutzung ist hier favorisiert – semantisch allerdings wiederum nicht eindeutig:
– „So“ könnte eine durch Kontext oder Situation näher bestimmte Art, Weise eines Vorgangs, Zustands o.ä. kennzeichnen – aber diese Situation gibt es nicht. Es sei denn, der „Traumurlaub“ in vier verschiedenen Regionen rings um Dresden stellt ergänzend zum Slogan diese Situation her; aber das ist kaum die erste Assoziation, zumal zuvor „zupacken“ gelernt wurde.
– „So“ könnte ein durch Kontext oder Situation näher bestimmtes, verstärktes „Maß“ bezeichnen, in dem eine Eigenschaft, ein Zustand… vorhanden, gegeben ist. Aber „in welchem Maß“ geht sächsisch?
– „So“ könnte als Korrelat zu den Vergleichspartikeln „wie“ oder „als“ eine Entsprechung kennzeichnen. Aber womit ist „sächsisch“ vergleichbar?

In isolierter Stellung am Satzanfang (aber auch allein stehend) könnte „so“
– signalisieren, dass eine Handlung, Rede o. Ä. abgeschlossen ist oder als abgeschlossen erachtet wird, und den Auftakt zu einer resümierenden Feststellung oder zu einer Ankündigung bilden – die aber ausbleibt.
– Erklärung Erstaunen, Zweifel… als Antwort auf eine Ankündigung ausdrücken – diese Ankündigung aber ist ebenfalls ausgeblieben.

Zu diesen semantisch-lexikalischen Aspekten gesellen sich mindestens drei weitere. Zum ersten die publizistisch (vgl. den taz-Link) mitkommunizierten Negativabgrenzungen der Kampagne wie „Elbphilharmonie ohne Verstimmung“ (das auf Hamburg anspielte – immerhin Dresdens Partnerstadt!), aber auch „Madonna ohne Skandale“ oder „Baden ohne Württemberg“: der Slogan liefert keinen positiven Gegenentwurf. Diese „Disserei auf niedrigstem Niveau“ hart an der Grenze zur Arroganz ist zum Glück vom Tisch. Übrig geblieben ist online beim Motiv des Cospudener Sees das Wortspiel „Morgens shoppen, dann … mal Seen“. Nun ja.

Motiv 4, Screenshot www.so-geht-saechsisch.de

Motiv 4, Screenshot www.so-geht-saechsisch.de

Zum zweiten Assoziationen zu Unbestimmtheitssignalen wie „so so“, „so lala“, „sogenannt“… Und zum dritten, auf semiotischer Ebene, noch die Vielzahl weiterer, auch publizistischer Slogans nach diesem „Strickmuster“, die mal mehr, mal weniger bekannt sind und neben „gehen“ auch noch andere Verben wie in „So muss Technik“ (Media Markt) ausbeuten. Zu den bekannteren gehören sicher

„So geht Bank heute“ (Targobank 2013)
„So geht Frauenquote“ (Andrea Nahles 2012)
„So geht Energiewende“ (Fraktion Bündnis 90/Grüne 2013)

Auffallend häufig wird dieses Muster ökonomisch („So geht Geld“, „So geht Geldanlage“ und „So geht verkaufen“) und vor allem religiös anverwandelt:

„So geht entscheiden“ (Jesuiten, App 2010)
„So geht katholisch“ (Bistum Fulda 2008)
„So geht Glaube“ (katholisch.de 2013)
„So geht Segen“ (Predigt, ERF-Medien 2009)

Vor allem mit „Macher“-Erfolgskonnotationen wie „So geht schlank“ (privater Blog) wird das Muster unter Marketing- und publizistischen Aspekten oft genutzt:

So geht einfach (Kramp GmbH)
So geht schweißen (Lorch Schweißtechnik GmbH)
So geht Kuba (Arno Frank Eser, Buchtitel, Reiseführer)…
So geht Altersvorsorge (STERN)
So geht Frühling (Hamburger Abendblatt)
So geht Webvideo (WDR)…

Motiv 3, Screenshot www.so-geht-saechsisch.de

Motiv 3, Screenshot www.so-geht-saechsisch.de

Fazit: Desubjektivierung, Topikalisierung, modifikatives Expletivum, dekonstruktive Situationssellipse, fehlende Direktiv-Ergänzung, duale Wortart-Semantik, vage bis negative Multikonnotationen… und dazu die semiotische Sättigung mit Slogans dieses Bauprinzips, das vorgibt, eine einfache, konkrete Aussage entstehen zu lassen, in Wirklichkeit aber eine unscharfe Allerweltsfloskel produziert – all das führt zu multiplen Ambivalenzen und damit jenem Unbehagen, das der Slogan „So geht sächsisch“ sprachpsychologisch beim nach Klarheit und Eindeutigkeit strebenden Homo sapiens auslöst. Hinzu zu addieren ist das semiostilistische Faktum, dass Imagekampagnen speziell der ostdeutschen Länder in der Vergangenheit stets umstritten waren (vgl. „Wir stehen früher auf“/Sachsen-Anhalt) und für Spott sorgten. Das betraf Sachsen bereits vor sieben Jahren selbst, als die Kampagne „Sachsen. Ein Land von Welt“ (Agentur Lowe, Hamburg) ausgesetzt wurde wegen der Aussage „Man sagt, die Einwohner des Erzgebirges seien echte Holzköpfe“: gemeint waren erzgebirgische Nussknacker.

An dem Slogan „So geht sächsisch“ ist systemtheoretisch schlüssig nachzuweisen, dass das Ganze eben nicht nur die Summe seiner Teile ist, sondern auch die Summe der Attribute dieser Teile – und daher emergente Wirkungen entfaltet. Und zu viele sprachliche Gestaltungsmittel führen nicht nur zu semantischen Unschärfen, sondern schlagen irgendwann ins Gegenteil dessen um, was ihre Urheber intendierten. Insofern bin ich, einerseits, ganz bei den Kritikern dieses Slogans, die die 32 Millionen Euro, die die Kampagne kosten soll, in Kommunen oder beim Straßenbau besser angelegt sähen. Andererseits finde ich es ebenso bedenkenswert wie bedenklich, dass keine sächsische Agentur imstande war, ein tragfähiges kreatives Konzept vorzulegen, um „Sachsen“ gelungen zu kommunizieren. Obwohl gerüchteweise kolportiert wird, dass als Subauftragnehmer von Ketchum Pleon durchaus sächsische Agenturen tätig sind, denen nicht unbedingt Politikferne nachgesagt werden kann…

Nachtrag 07.09.: Das offensichtliche Scheitern der Kampagne wird kaschiert – womit auch sonst – mit „User Generated Content“. Ich bekam beim „Tag der Sachsen“ eine in ihrer Größe in keinem Verhältnis zu ihrem Inhalt stehende Tüte überreicht, in der sich eine Klappkarte befand. Darauf wurden die Adressaten zum Agieren animiert: „Wer wüsste besser, wie sächsisch geht, als Sie? Deshalb möchten wir gerne von Ihnen hören, wie sächsisch für Sie geht. Schreiben Sie hier in einem Satz (oder gern auch in zwei), was SO GEHT SÄCHSISCH für Sie bedeutet. Oder erzählen Sie uns eine kurze Geschichte, die zeigt, wie wir Sachsen sind. Wie wir Dinge angepackt und gemeistert haben. Und wer weiß, vielleicht ist Ihr Satz, ist Ihre Geschichte ja schon bald im Rahmen der Kampagne für Sachsen zu sehen.“ Die Bürger sollen dem Auftraggeber erklären, was er denn gemeint habe??? Das ist mehr als ein Armutszeugnis. Darüber kann auch die neue Unterzeile „Nicht lang reden. Machen“ nicht hinwegtäuschen.

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