Der einzige, der diese Narrative in Frage stellte, war Jasper von Altenbockum in der FAZ. „Weit und breit ist niemand, weder in der Union noch in der SPD, der es wagte, sich ‚rechts‘ zu nennen, oder akzeptierte, als solcher wahrgenommen zu werden“, kommentierte er. „Er müsste nämlich zugeben, weite Teile der AfD-Wahlprogramme unterschreiben zu können, ohne rechtsradikale Hetze mitmachen oder auch nur dulden zu wollen. Dennoch träfe ihn das Verdikt, ein ‚Nazi‘ oder ein ‚Rassist‘ zu sein.“ Wenn das kein Eingeständnis von Gesinnungskorridoren ist – was dann?
Es kann also nur darum gehen, entweder die Narrative zu durchbrechen (das werden die Medien nicht tun) oder aber einen Weg der Vernunft zu beschreiten. Und hier pirschen sich wenige nach der Wahl vor.
Meine Anmerkungen zur Causa Binder sind hier nachzulesen.
Es waren die kaum überbrückbaren Ambivalenzen, die sein
Leben zerrissen. Er schrieb mit „Bambi“ einen Klassiker der Kinderliteratur und
mit „Josefine Mutzenbacher“ einen der Pornographie, wurde von Arthur Schnitzler
geliebt und von Karl Kraus gehasst, musste 1934 als österreichischer
PEN-Präsident wegen seiner Freundlichkeit gegen Nazi-Deutschland zurücktreten,
das seine Bücher 1935 trotzdem verbot, und lebte als Exiljude in der neutralen
Schweiz, die ihm dennoch zu publizieren untersagte: Felix Salten. Am 6.
September vor 150 Jahren wurde Siegmund (oder Zsiga) Salzmann als Sohn eines
jüdischen Ingenieurs und Rabbi-Nachfahren in Pest geboren.
Seine Familie übersiedelte mit ihm als Baby in die
Hauptstadt der neu gegründeten österreich-ungarischen Doppelmonarchie: in Wien galt
ein Gesetz, das allen Juden eine volle Staatsbürgerschaft ermöglichte.
Allerdings hielt die erwartete bessere Zukunft, die Salzmanns Familie sich
erhofft hatte, nicht lange: hohe Schulden machten es dem jungen Siegmund
unmöglich, sein Abitur abzuschließen. Um die Familie finanziell zu
unterstützen, musste er eine Arbeit bei der „Phönix-Versicherung“ annehmen, die
ihn aber langweilte, so dass er nebenher Gedichte und Kurzgeschichten schrieb.
Salten am Schreibtisch. Quelle: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/c/c0/Felix_Salten_at_his_desk.jpg
Die erste nachweisliche Veröffentlichung war bereits als
„Felix Salten“ ein Gedicht 1889 in der Literaturzeitschrift An der Schönen Blauen Donau. Im Übrigen bleiben seine ersten Jahre schemenhaft, nur
wenige Fakten sind bestätigt. 1890 lernte er die Vertreter der
Autorengruppe des Jung-Wien kennen, darunter Hugo von Hofmannsthal und Hermann
Bahr, die die Entwicklung vom Naturalismus zum Ästhetizismus und damit zur
Moderne vollzogen und in Bahrs Die Zeit
das wichtigste Organ hatten. Als einziger stammte Salten nicht aus
großbürgerlichem Milieu und musste vom Schreiben leben. Seine frühen,
impressionistischen Novellen schildern den Erfahrungsraum Großstadt.
Affären,
Prostituierte und Skandälchen
Mit Arthur Schnitzler freundete er sich an, unternahm mit
ihm ausgedehnte Fahrradtouren und unterstützte ihn in seinem Liebesleben: So
bandelte er etwa mit der Schauspielerin Adele Sandrock an, um Schnitzler eine
Gelegenheit zu geben, seine Beziehung mit ihr zu beenden. Eine Geliebte Saltens
wiederum war Lotte Glas, die Schnitzler als Vorbild für die Figur der Therese
Golowski in „Der Weg ins Freie“ diente und die er über Karl Kraus kennenlernte.
1895 gebar sie eine Tochter, mutmaßlich seine, die zu einer „Kostfrau“ nach
Niederösterreich gegeben wurde, aber kurz darauf starb.
Inzwischen Redakteur der Wiener
Allgemeinen Zeitung WAZ,
schrieb er als zuständiger Berichterstatter für Kunst
und Kultur förderliche Kritiken über ihm verbundene Schriftsteller und machte
auch die Bekanntschaft des österreichischen Erzherzogs Leopold Ferdinand. Sein 1901
gegründetes erstes Wiener Kabarett blieb erfolglos. Nach einem Eklat – Salten
ohrfeigte Kraus, nachdem dieser seine Beziehung zur Schauspielerin Ottilie
Metzl öffentlich gemacht hatte, obwohl er noch mit Glas liiert war – heiratete er Metzl 1902 und bekam mit ihr zwei Kinder. Im
Hochzeitsjahr wechselte er zu Bahrs Die
Zeit und wurde durch seinen exklusiven Zugang zum Hof der Habsburger
landesweit bekannt.
Affären, Prostituierte und
Skandälchen waren seine Spezialität. Er berichtete über den Austritt Erzherzog
Leopolds aus dem Kaiserhaus wegen einer Prostituierten und über die Affäre von
Leopolds Schwester Luise von Österreich-Toskana mit dem Sprachlehrer André Giron.
Daneben schrieb Salten unter dem Pseudonym „Sascha“ Berichte
über verschiedene Mitglieder europäischer Königshäuser. Den deutschen Kaiser
Wilhelm II. schilderte er folgendermaßen: „Die Geschichte wird ihm Eines unbedingt
zugestehen, und daran werden auch die Nörgler der Nachwelt nicht zu rütteln
vermögen: dass nämlich unter seiner Regierung die Schnurrbärte einen
fabelhaften Aufschwung genommen haben.“
Salten pflegte trotz hoher Schulden einen aufwendigen
Lebensstil, unternahm 1904 eine Ägyptenreise, urlaubte regelmäßig an der Ostsee
und in Venedig. 1906 erschienen dann in einer – um der Zensur zu entgehen:
subskribierten – 1000er Auflage beim ungenannten Erotika-Verleger Fritz Freund
unter dem Titel „Josefine Mutzenbacher oder Die Geschichte einer Wienerischen
Dirne von ihr selbst erzählt“ die vermutlich fiktiven erotischen Lebenserinnerungen
der gleichnamigen Wiener Prostituierten, die 1852–1904 gelebt haben soll. Das
Buch wird Salten zugeschrieben: Je nach Lesart waren es die zeitgenössischen
Autoren Karl Kraus oder Egon Friedell, die ihn als Urheber nannten.
Pornographie kann
Kunst sein
Salten selbst hat sich in dieser Frage nie festgelegt, weder
bestätigt noch dementiert. Von Stefan Zweig befragt, habe er nur vielsagend
gelächelt: Wenn er sie verleugne, werde Zweig ihm nicht glauben; wenn er das
Geheimnis lüfte, werde man meinen, er scherze. Das verrufene Werk soll auf
einer Kaffeehaus-Wette gründen. Weder Autor noch Verleger wagten, Ansprüche auf
Urheberrecht geltend zu machen. Der Roman gilt laut Oswald Wiener als „der wohl
einzige deutsche pornographische Roman von Weltrang“, fand aber erst in den
1970er Jahren nach seiner Verfilmung durch den Regisseur Kurt Nachmann im
deutschsprachigen Raum größere Verbreitung.
Viele Ausgaben führen ihn als Autor. Quelle: eigene Darstellung.
Viktoria Klimpfinger meint in
der Wiener Zeitung, der „heutige Skandal-Wälzer“ ließe „‚50 Shades of
Grey‘ wie biedermeierliches Geturtel aussehen. Die Lebensgeschichte der Wiener
Prostituierten spart nicht an Bildern, die die Kraft hätten, ganze Generationen
zu verstören.“ Die Käufer der Ausgabe, die 1969 bei Rogner & Bernhard
erschien, mussten in einem beiliegenden Verpflichtungsschein versichern, das
Buch verschlossen aufzubewahren und „Jugendlichen unter 21 Jahren nicht zugänglich
zu machen“. In Deutschland wurde es vor allem wegen inzestuöser und/oder
pädophiler Aussagen von der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften
1982 in die Liste der jugendgefährdenden Schriften aufgenommen und 2017 nach 25
Jahren wieder gestrichen. Von Anbeginn wurde gegen die Indexierung prozessiert.
Als das Bundesverfassungsgericht 1990 die Frage, ob der
Roman die Jugend gefährde, abschlägig beantwortete, stellte es seinem Urteil
die Feststellung voran: „Ein pornographischer Roman kann Kunst im Sinne von
Art. 5 Abs. 3 Satz 1 GG sein.“ Magnus Klaue erklärt in der FAZ: „Die kritiklose Darstellung sexueller Beziehungen zwischen
Kindern und Erwachsenen bedeutete in der Epoche, in welcher der Roman
entstanden ist, nicht den Tabubruch, als der sie dem auf Kinder- und
Jugendschutz ausgerichteten Sexualstrafrecht der achtziger Jahre erschien.“ Die
Passagen seien „nicht einfach eine Darstellung des Zusammenhangs von Armut,
Vernachlässigung und Amoralität“, sondern griffen auf, was etwa Freud oder
Wedekind ins Bewusstsein rückten: „die Erfahrung eines ins Fließen geratenen
Übergangs zwischen Kindheit und Erwachsensein und der Erosion überkommener
Rollenmuster.“
Die zwischenzeitliche Chefredaktion der Berliner Morgenpost 1906 gab Salten im Jahr darauf wieder ab, war
für den Pester Lloyd tätig, für das Berliner Tageblatt sowie für die Neue Freie Presse. Biographen
beschrieben ihn als „gefragt, berühmt, ungeheuerlich produktiv“. Salten schrieb
Erzählungen und Novellen („Die kleine Veronika“, „Olga Frohgemuth“), Romane
(„Die klingende Schelle“, „Martin Overbeck“), Reiseberichte („Fünf Minuten
Amerika“), Porträts („Das österreichische Antlitz“), Theaterstücke („Der
Gemeine“, „Schöne Seelen“), Operettenlibretti für Johann Strauß (Sohn) und Filmdrehbücher:
Am 16. Oktober 1913 hatte sein erster Film „Der Shylock von Krakau“ in Berlin
Premiere. Vieles davon findet sich in der bei Zsolnay erschienenen Werkausgabe
in sechs Bänden (1928−1932). Bekannt waren auch seine Monografie über Gustav
Klimt sowie sein Buch über das Burgtheater.
Salten mit seinen Kindern 1911. Quelle: https://tvportal.orf.at/highlights/orf3/felix_salten100~v-body__16__9-8356d68febb302a69d0d38655ca9b89002ae9eee.jpg
Kurz vor dem Krieg wurde er Blattmacher beim Fremdenblatt, der
propagandistischen Zeitung des Außenministeriums. Auf seine patriotische
Begeisterung folgte bald die Ernüchterung: ab 1918 schwankte Salten nach Angabe
seiner Biographen „zwischen einer konservativen taktisch zögernden und einer
kämpferischen Haltung mit großen Sympathien für die radikalen politischen
Bewegungen“, darunter Marx und Trotzki.
„die Mutzenbacher
wirft ein Licht auf Bambi“
1923 veröffentlichte Salten, der als Jäger in Stockerau
zwischen den Auwäldern der Donau ein eigenes Jagdrevier hatte, die beiden
Tiergeschichten „Der Hund von Florenz“ und „Bambi. Eine Lebensgeschichte aus
dem Walde“. Auf den ersten Blick mag das Original dieser Lebensgeschichte eines
Rehs kindlich und verträumt wirken, doch auf den zweiten Blick erkennt man,
dass sie nur jemand verfassen konnte, der die Natur genau und über Jahre
studiert hatte, der weiß, was es für ein Tier bedeutet, im Wald zu leben und zu
überleben, und wie nahe Freud und Leid beieinander liegen können. Salten
berichtet im Detail, was er selbst auf der Jagd alles erlebte, wie die Vögel
von den Ästen zwitschern oder der Hase nach dem Schuss über die Wiese rouliert,
und lässt seine Erlebnisse geschickt in die Geschichte einfließen. „Bambi wäre
niemals entstanden, hätte ich nicht meine Kugel auf das Haupt eines Rehbocks
oder Elches gefeuert“, räumte er offen ein.
Dabei kann man Bambi auch religiös lesen: „Bambi erglühte
und sprach bebend: ‚Ein anderer ist über uns allen … über uns und über Ihm‘.“
Und man kann Bambi auch und erst recht lesen „als Kontrafaktur der Biographie
der ‚Wienerischen Dirne‘ …, die sich als Mädchen in armen Verhältnissen von ihren
Liebhabern ‚abrichten‘ lässt, um den Bann ihres Milieus zu brechen, und später
junge Frauen ähnlicher Herkunft zum selben Abweg überredet“, findet Klaue. Und
er merkt an, „wie wenig hilfreich Unterscheidungen von Kinder- und
Erwachsenenliteratur, Kinder- und Jugendgemäßheit sind, sobald es nicht nur um
juristische, sondern um ästhetische Qualifizierungen geht.“
In eine ähnliche Kerbe schlug Michael Maar in der Zeit und führt fast genüsslich Karl
Kraus‘ Verdikt des „Reh-Sodomiten“ an: Bambiwerfe „kein Licht auf die Mutzenbacher.
Aber die Mutzenbacher wirft ein Licht auf Bambi. Alle dort genüsslich
ausgeführten Spielarten der fleischlichen Liebe werden hier im Subtext
angedeutet.“ Sodann zitiert er „Die ganze Nacht war er mit Faline glücklich
gewesen, hatte sich bis in den hellen Morgen mit ihr getummelt“ und später „Im
Gegenteil ist er erleichtert, als er Faline, der Mutter seiner beiden Kinder,
den Laufpass gibt. ‚Bambi atmete tief. Ihm wurde auf einmal frei zu Gemüt, wie
seit langem nicht‘.“
Salten schrieb die Geschichte während eines Sommerurlaubes
im Salzkammergut und verfolgte damit durchaus auch pädagogische Absichten: „Ich
wollte meine Leser von dem Irrtum befreien, die Natur sei ein sonniges
Paradies“. Der Tod von Bambis Mutter rührt noch heute Kindergenerationen zu
Tränen. Für wie wirkmächtig die Geschichte noch immer angesehen wird, zeigte im
Dezember 2018 ein Gerichtsurteil in den USA: Der Wilderer David Berry, der mit
seiner Familie über einen Zeitraum von drei Jahren illegal hunderte Hirsche
getötet haben wurde soll, wurde in Missouri dazu verurteilt, im Gefängnis jeden
Monat einmal die klassische Verfilmung von Walt Disney anzuschauen.
Zur Disney-Adaption von 1942 existiert die Version, Salten hätte
die Rechte 1933 für gerade 1.000 Dollar an den Produzenten Sidney Franklin abgetreten.
Franklin schlug Walt Disney einen Animationsfilm auf der Basis des Buchs vor –
der Rest ist Geschichte. Mehr als sechs Jahre arbeiteten Disney und sein Team
überaus akribisch an den Zeichnungen. Für die dreidimensionalen und damals
authentisch wirkenden Hintergründe wurde eigens ein neues Zeichenverfahren
entwickelt. Im Film werden weniger als 1.000 Worte gesprochen, dafür gibt es in
Dauerschleife passend zu jeder Sequenz säuselnd romantische Chöre.
Das Problem: Aus Informationsmangel oder Übersetzungsfehlern
nahmen die Zeichner kein Reh, sondern einen Weißwedelhirsch als Vorlage, aus
dem bei der Rücksynchronisation ins Deutsche wieder ein Rehkitz wurde. Dazu
kommt, dass Bambi im Film von seinem Vater, einem stattlichen Hirsch, beschützt
wird, auch zu einem majestätischen Hirsch heranwächst und am Ende des Films
selbst Vater wird. An dieser Stelle tritt ein zusätzlicher Filmfehler zu Tage,
nämlich, dass Reh und Hirsch miteinander verwandt sind. Einerlei: Bambi ist
immer noch einer der weltweit erfolgreichsten Filme.
profilierter Redner
und engagierter Zionist
Sein Verleger drängte Salten, sich beim Schreiben vollkommen
auf das profitversprechende Genre „Tiergeschichte“ zu konzentrieren, prompt
entstanden „Florian, das Pferd des Kaisers“, die Fortsetzung „Bambis Kinder“, „Renni,
der Retter. Das Leben eines Kriegshundes“, „Die Jugend des Eichhörnchens Perri“
oder auch „Djibi das Kätzchen“. Salten schreibt aber auch für die von seinem
Freund Theodor Herzl gegründete Welt,
sein Palästina-Reisebericht „Neue Menschen auf alter Erde“ ist ein glühendes,
wenn auch nicht unkritisches Plädoyer für den politischen Zionismus.
Disney prägt das Bambi-Bild bis heute. Quelle: https://data.puzzle.de/.5/mon-ami-bambi-disney-sonstige-2×24-teile–puzzle.44259-3.fs.jpg
Sein Schwanken zwischen öffentlichem Engagement und einem
Rückzug in die Salonkultur entschied er 1927 zugunsten des ersteren: er übernahm
von Arthur Schnitzler die Präsidentschaft des österreichischen P.E.N.-Clubs. Als
er sich aus nicht nachvollziehbaren Gründen dem Protest gegen die Bücherverbrennungen
der Deutschen verweigerte und angefeindet wurde, trat er 1934 aus dem
P.E.N.-Club aus und emigrierte 1939 nach Zürich, wo er von seinen spärlichen
Tantiemen lebte. Nacheinander verlor er seinen Sohn bei einem Unfall, später
auch seine Frau und starb am 8. Oktober 1945.
Seine Würdigung bleibt so ambivalent wie sein Leben. Einerseits
war er einer der profiliertesten Journalisten seiner Zeit, trug zur Etablierung
der modernen Literaturkritik bei und lieferte neben 20 Romanen auch zehn
Novellensammlungen, 13 Theaterstücke und 17 Filmdrehbücher. Andererseits ist der
einst auflagenmächtige feuilletonistische Vielschreiber heute vergessen. Als
Emporkömmling eckte er wegen der Freizügigkeit und der liberalen Ideen seiner
Werke an, erkennt Andre Schwarz auf dem Portal literaturkritik. Und als profilierter Redner und engagierter
Zionist in teilweise herausragender beruflicher Position in einem zunehmend
antisemitischen Klima war er vielen unbequem.
Rökk mit Trophäe. Quelle: https://dp8ozi4aflkte.cloudfront.net/wp-content/uploads/bambi_1948.jpg
Wer den bedeutendsten deutschen Medienpreis als anfangs namenloses Rehkitz aus weißer Keramik erfand, gilt heute immer noch als unklar – nicht jedoch seine Benennung. Nach Aussagen von Gabriele Jacoby, der Tochter der ersten Preisträgerin Marika Rökk, verdanke ihr die Figur den Namen: Sie habe 1948 ihrer Mutter gesagt „Oh, das sieht ja aus wie ein Bambi!“ Seit 1949 wird er dann unter diesem Namen verliehen – an „Menschen mit Visionen und Kreativität, deren herausragende Erfolge und Leistungen sich im ablaufenden Jahr in den Medien widerspiegelten“. Und eine erfolgreiche Medienlaufbahn kann man dem Bambi-Erfinder Felix Salten als Namenspaten nicht absprechen.
Es trägt teils profane Namen wie Kommissbrot, teils
klangvolle wie Pumpernickel, gilt als gesund, sättigend und ursprünglich:
Vollkornbrot. Dennoch betrug 1936 sein Anteil am deutschen Gesamtbrotaufkommen
gerade sechs Prozent. Zu wenig, befand Reichsgesundheitsführer Leonardo Conti:
„Der Kampf um das Vollkornbrot ist ein Kampf um die Volksgesundheit“. Um diesen
Anteil auf 30 % zu erhöhen, wurde am 1. September vor 80 Jahren in Berlin der Reichsvollkornbrotausschuss
RVBA gebildet.
Untergebracht in der Charité, waren darin Vertreter von über
40 Institutionen versammelt, darunter der Reichsnährstand und das
Reichsministerium für Ernährung, aber auch die Vierjahresplanbehörde und das
Oberkommando der Wehrmacht. Organisatorisch dem Hauptamt für Volksgesundheit
der NSDAP und somit auch dem Nationalsozialistischen Deutschen Ärztebund
unterstellt, war der Mediziner Franz Wirz erster und bis zum Ende einziger Vorsitzender.
Der Hintergedanke war zunächst ein wirtschaftlicher: Der
Devisenmangel und das Streben nach wirtschaftlicher Autarkie führten dazu, dass
der Verbrauch importierter Fette, vor allem pflanzlicher Öle, planmäßig
zurückgedrängt werden sollte, womit notwendigerweise eine Änderung der
Ernährungsgewohnheiten verbunden war. Setzte man bei der Ernährung auf
Vollkorn, war man unabhängig von ausländischen Importen und bekam die
Bevölkerung satt.
Daneben sollte der Konsum von Rindfleisch, Speck, Butter und Schmalz verringert werden, um die gesamtwirtschaftliche „Fettlücke“ zu schließen, was andererseits die Förderung des Verzehrs von (Vollkorn-)Brot, Kartoffeln und Haferflocken bedeutete. Der Ertrag konnte zudem durch die Nutzung der Kleie vergrößert werden, denn im Gegensatz zum Vollkorn, bei dem nach der Ernte nur Grannen und Spelzen entfernt werden und Ballast- sowie Mineralstoffe, Vitamine und Öle in der Schale (der Kleie) und dem Keimling erhalten bleiben, wird bei Weißbrot nur ein Teil des Getreides verwendet.
Lebensmittelkarte für die Mark Brandenburg 1941. Quelle: Bundesarchiv_Bild_183-H26799_Lebensmittelkarte_Mark_Brandenburg_Niederbarnim.jpg
Aber auch handfeste gesundheitspolitische Interessen standen
hinter dem Vollkorn-Hype: Neben großangelegten Kampagnen gegen Alkoholismus,
Tabak-Konsum und Süßwarenverzehr wurden ebensolche für Bewegung und Sport auf
allen Ebenen gefördert. Dahinter stand die nationalsozialistische Vorstellung,
der „Volkskörper“ müsse gestärkt werden, um größere Arbeitsleistung, höhere
Fruchtbarkeit (auch im Sinne der Eugenik) und eine höhere Kampfkraft im Krieg
zu erzielen. Und genau dazu sollte das gesunde Lebensmittel beitragen.
„Hebung des
Vollkornbrotverzehrs“
Dabei standen sich historisch „Gesundheit“ und „soziale
Lage“ konträr gegenüber: Eine „On-Off-Beziehung“ des Menschen mit Vollkorn erkennen
Tanja Fieber und Christiane Streckfuß auf planet-wissen.
Brot aus Weißmehl wurde im 17. Jahrhundert ein Statussymbol der Oberschicht,
während grobes Vollkornbrot als ländlich und rückständig galt. So herrschte bis
ins frühe 19. Jahrhundert in deutschen Krankenhäusern eine kulinarische
Zweiklassengesellschaft: Patienten der Oberschicht bekamen feines Brot aus
Weißmehl, da auch ihr Verdauungsapparat verfeinert sei, die anderen Patienten
mussten sich mit Schwarzbrot zufrieden geben.
Der Gegentrend begann mit Jean-Jacques Rousseaus Schlachtruf „Zurück zur Natur“ im 18. Jahrhundert: Das Landleben wurde als gesünder bewertet als das Leben in der Stadt, das zu „Zivilisationsschäden“ führe. In Folge galt dunkles, unbehandeltes Mehl als natürlich und gesund im Gegensatz zum menschengemachten Weißmehl. Verstärkt wurde der Trend durch die Lebensreform-Bewegungen seit Mitte des 19. Jahrhunderts, die natürliche Lebensmittel, alternative Lebensweisen, körperliche Ertüchtigung und Abhärtung bevorzugten: Maximilian Bircher-Brenner als Müsli-Erfinder zählt ebenso dazu wie der Vollwertkost-„Papst“ Werner Kollath.
Die Lebensreformer hatten einen starken Einfluss auf den
Nationalsozialismus, der in den 1930er Jahren eine umfangreiche
Gesundheitspropaganda zu betreiben begann: Verkauft wurde das über das Bild des
„gesunden Volkskörpers“, der gestärkt werden muss. Zudem waren einige führende
Nationalsozialisten auch Anhänger von völkisch-romantischen Vorstellungen eines
einfachen bäuerlichen Lebens und wollten die „undeutsche“ städtische Lebens-
und Ernährungsweise durch eine „arteigene“ Nahrung ersetzen.
Der Chefideologe des Reichsnährstands ist Richard Walther
Darré, Reichsbauernführer und Landwirtschaftsminister zugleich, der Deutschland
zu einem Bauernvolk machen will. Die Historikerin Anna Bramwell von der
Universität Oxford nennt ihn später den ersten „grünen Nazi“. In Darrés Welt
ist der deutsche Bauer, mythisch überhöht, dessen Wurzel und „Blutsquell“. Die
Idee vom neuheidnischen Bauernvolk ist ihm der Gegenentwurf zur „Entartung“ der
Städte. Die phantasierte Vergangenheit und Darrés Blut-und-Boden-Okkultismus
passen zu Hitlers Kriegspropaganda – auch, weil es im Deutschen Reich, das
„überbevölkert“ (Hitler) scheint, für ein remittelalterisiertes Bauerntum unbestreitbar
zu wenige Äcker gibt.
Die Historikerin Ulrike Thoms hält fest, „dass die
Ernährungsforscher politische Wissenschaft betrieben, indem sie einen Beitrag
zur Ernährung des ‚Volks ohne Raum‘ leisteten“. Diesem Zweck dienten auch
andere Institutionen wie die Reichsarbeitsgemeinschaft für Volksernährung, aber
eben erst recht der Reichsvollkornbrotausschuss mit mehreren hundert
Mitarbeitern. Laut Reichsgesundheitsführer Conti passe Vollkornbrot gut zur
arischen Ideologie, weil dieses natürlich und gesund sei, gegen Karies helfe
und somit den deutschen Volkscharakter in besonderem Maße unterstreiche. Getreu
diesem Credo initiierte der RVBA im ganzen Land die „Reichsaktion für die
Hebung des Vollkornbrotverzehrs“.
„Das Brot ist ein
heiliger Begriff“
Die Propagandamaschinerie hatte mehrere Komponenten. Zum ersten eine administrative: Im gesamten Reich wurden Gausachbearbeiter für die Vollkornbrotaktion ernannt, in Franken etwa übernahm der prominente Naturheilkundler Karl Kötschau diese Funktion. „Das Brot ist ein heiliger Begriff, in ihm lebt der Geist vom Urquell der Kultur und der Urkraft unserer Rasse“, ist in einer der RVBA-Schriften zu lesen.
Zum zweiten eine werbliche: Pressetexte unterstrichen
insbesondere die gesundheitsfördernde Wirkung des überdies kostengünstigen Vollkornbrots,
stellten Weißbrot als unnatürliches, „chemisches“ Produkt dar und brachten den
übermäßigen Verzehr von Fleisch und Fett mit Adipositas und Krebserkrankungen
in Zusammenhang. Auch mit Briefmarken, Plakaten, Kurzfilmen in Kinos und Rezeptbüchern
wurde für Vollkornbrot geworben. So erschien 1941 der Band „Getreidegerichte
aus vollem Korn – gesund, kräftig, billig! Mit 150 Rezepten. Auf Veranlassung
des Reichsvollkornbrotausschusses herausgegeben“ von Prof. Sigwald Bommer, dem
Leiter des Instituts für Ernährungslehre Berlin, und seiner Frau Lisa. Er ist
heute noch antiquarisch erhältlich.
Und zum dritten eine lebensmitteltechnologische: So wurden
einheitliche Richtlinien für Vollkornbrot erarbeitet und im gesamten Reich
Vollkornbrot-Schulungen abgehalten. Bäcker, deren Produkte einer Überprüfung
durch den RVBA genügten, durften sich als „Vollkornbrotbäcker“ bezeichnen und
ihr Vollkornbrot mit dem offiziellen Gütezeichen in Form einer Lebensrune
kennzeichnen. 1941 existierten schon 22.903 Vollkornbrot-Bäckereien, 1943 waren
bereits 23 % aller Bäckereien anerkannte Vollkornbrotbetriebe.
Im April 1945 stellt der RVBA wie viele andere Organe seine
Aktivitäten ein. Manche seiner Aktivisten dagegen fassten nach dem Krieg problemlos
Fuß. Etwa Kollath, einst bekennender Freund von Zwangssterilisierungen als „edle
Form der Humanität“, der nach 1945 populäre Ratgeber von der „Lebensgemeinschaft“
von Volk und Getreide schrieb, aus seinen Lehrbüchern das Wort „Rassenhygiene“ strich
und den Namen Goebbels einfach durch Goethe ersetzte, wie der Historiker Jörg
Melzer zürnt. Bis heute fördert die Kollath-Stiftung die Erforschung von
Vollwertkost, Ökolandbau und Ganzheitsmedizin.
Oder gar Franz Wirz, der 1948 im Entnazifizierungsverfahren
in die Kategorie III als „Minderbelasteter“ eingestuft wurde, sich als Facharzt
für Haut- und Geschlechtskrankheiten in München niederließ und in der 1953
gegründeten Deutschen Gesellschaft für Ernährung DGE engagierte, wo er zum ersten
Vorstand gehörte. In ihren Broschüren warb die DGE für das Vollkornbrot
aufgrund des hohen Vitamingehalts und seiner günstigeren Herstellungskosten und
pries es besonders im Hinblick auf die Ernährung Heranwachsender an.
Vollkornbrot bleibt
das beliebteste Brot
Allerdings kam es in den 50er Jahren zur sogenannten „Fresswelle“,
und das schnöde Vollkornbrot verlor zunehmend an Attraktivität: 1958 war der
Verbrauch gegenüber 1938 um ein Sechstel zurückgegangen. Wie sehr der
Leistungsgedanke noch 1970 mit dem Verzehr von Vollkornbrot assoziiert wurde,
zeigt die Forderung des Münchner Schulpsychologen Robert Burger: Ein deutscher
Gymnasiast brauche neben „Mutters Zärtlichkeit“ vor allem viel Vollkornbrot.
Doch das erlebte erst im Rahmen der Öko- und Umweltbewegung der 80er Jahre ein
Comeback.
Mit 300 verschiedenen Brotsorten und einem jährlichen Verzehr von ca. 80 Kilo pro Person verweist Deutschland heute gerne auf seinen weltweiten Spitzenplatz. Vollkornbrot bleibt dabei unangefochten das beliebteste Brot und besetzt mit 28 % den größten Marktanteil. 2011 bezeichnete der Spiegel Brot als eines der letzten großen deutschen Heiligtümer: „Wenn man den Deutschen ernährungstechnisch beschreiben müsste, wäre die Kartoffel sein Leib und Bier der Geist. Das Vollkornbrot mit seiner dunklen, kräftigen Schwere aber wäre seine Seele.“
„Er verrenkt seinen Körper mit der Kontrolle eines Fakirs –
in eine Gestalt, die nicht menschlich ist. Sein Skelett scheint wie aus Gummi
zu sein, unzerbrechlich; verblüffend. Die kleinen Hände, die dünnen länglichen
Finger mit langen, rechteckig abgefeilten Nägeln, quetschen sich plötzlich
ineinander. Die Augäpfel sehen aus wie nach innen gesaugt, und genau da sind
auch die sehr eindringlichen Konturen seines Schädels. Man ist schockiert. Er
ist ein Monster.“
Das gerade 1,57 Meter kleine „Monster“, das John Gilmore und
Ron Kenner 1995 so beschrieben, hieß Charles Manson und wurde am 12. Oktober
1969 verhaftet, dem Geburtstag von Aleister Crowley, zu dessen Wiedergeburt er
sich erklärt hatte. Acht Wochen zuvor hatten Mitglieder seiner Hippie-Kommune sieben
Menschen bestialisch getötet und Amerika in Aufruhr versetzt. Im Laufe der
Ermittlungen wurden zwei weitere Morde bekannt; bei bis zu sechs noch
heute ungeklärten Morden gelten die Hippie-Killer weiter als verdächtig.
Der 34jährige, der damals schon fast ebenso lange im Gefängnis gesessen wie er in Freiheit verbracht hatte, wird sein Leben lang jede Tatbeteiligung oder auch nur Mitschuld leugnen und keinerlei Reue für die grausamen Morde seiner Anhänger zeigen. Drei junge Frauen, entlaufen aus bürgerlichen Familien, hatten sich, neben einem Mann, bei den Tötungen nach Folterungen durch Schüsse und Messerstiche hervorgetan, sie wohnten selig und arrogant lächelnd ihrem Prozess bei. Eine starb im Gefängnis, die anderen sitzen bis heute.
Der verhaftete Manson. Quelle: https://bloximages.chicago2.vip.townnews.com/napavalleyregister.com/content/tncms/assets/v3/editorial/9/ec/9ec36d3c-00ce-51eb-8e3b-b30cc6e6b6a3/5d49a83e1e336.image.jpg?resize=1200%2C1219
Geboren als uneheliches Kind in Cincinnati, Ohio, wächst
Manson bei seiner Mutter auf, die bei seiner Geburt sechzehn Jahre alt war.
Sein Vater war ihm nie bekannt, seine Mutter vermutlich Alkoholikerin. Auch sie
verlässt ihren Sohn im Alter von fünf Jahren, weil sie für fünf Jahre ins Gefängnis
muss, und versucht ihn danach – er verbrachte diese Jahre bei seinem Onkel und
seiner Tante – vergeblich in Pflegefamilien abzuschieben.
Letztendlich landete der Junge auf Gerichtsanordnung in
einem Internat, doch nach nur wenigen Wochen floh er und beginnt eine Karriere
als Kleinkrimineller: mit Überfällen auf Tankstellen und Gemüseläden,
Autodiebstählen und Scheckfälschungen, später als Zuhälter eines 16-jährigen Mädchens.
Da war jemand am Werk, „der dem Leben mehr abtrotzen wollte, als es ihm zu
geben bereit war. Und, dass es ihm egal war, ob andere dabei zu Schaden kamen“,
meint Benjamin Maack im SPIEGEL.
die perfekte Ordnung
errichten
Im März 1967 wurde Manson mit 35 Dollar Handgeld auf Bewährung entlassen und gründete in der Hippie-Hochburg San Francisco seine eigene Kommune „The Family“ mit einem Kern von rund 20 meist sehr jungen, schlanken, oft rothaarigen Mädchen, viele davon mit problematischem familiären Hintergrund. Etwa Linda Kasabian, 21, verheiratet, Mutter von zwei Kindern, von denen das zweite im Gefängnis zur Welt kam. Auch zur Family gehörte Nachwuchs, darunter Mansons 1968 geborener eigener Sohn Charles Jr. Der änderte seinen Namen zu Charley Jay White und nahm sich später das Leben. Dessen Sohn Jason Freeman wird 2018 zum Alleinerben seines Großvaters erklärt.
Die Mitglieder seiner „Familie“ sollten ausschließlich weiß
sein, durften keine Brillen tragen und Manson in einer Mischung aus Gott, Vater
und Liebhaber akzeptieren. Mit Hilfe von Drogen und Sex machte er sich seine Anhänger
gefügig. Dianne Lake etwa berichtet in ihrer Autobiographie, dass sie sich als
14jährige bei Manson „wie eine echte Frau“ fühlen konnte und er dafür sorgte,
wie Lake es in eigenen Worten beschreibt, dass sie „schnurrte“ wie ein
Kätzchen. Aber Manson propagierte in langen Predigten auch, dass Frauen
lediglich die Dienerinnen des Mannes seien.
Außerdem verkündete er, dass die „schwarze Rasse“ die „weiße“
auslöschen wolle, wodurch er von dem Beatles-Song „Helter Skelter“ („Holterdipolter“,
„Tohuwabohu“) inspiriert worden sein soll. Die vier Pilzköpfe hielt er
wahlweise für die Apokalyptischen Reiter – oder für Engel. Da aber nach dem
Rassenkrieg die Schwarzen unfähig wären, eine funktionierende Gesellschaft
aufzubauen, käme die Reihe an seine Familie: Sie sollte die perfekte Ordnung
errichten – an der Spitze Charles Manson.
Manson soll aber nicht nur Charisma, sondern auch den Willen
gehabt haben, eine musikalische Berühmtheit zu werden: Ein Mitinsasse hatte ihm
im Gefängnis das Gitarrespielen beigebracht. Anfangs als Straßenmusiker und zur
zweifelhaften Erbauung seiner Kommune aktiv, machte er die Bekanntschaft von
„Beach Boy“ Dennis Wilson, schrieb mit ihm Songs und wohnte zeitweise samt
Family auf dessen Anwesen. Das Lied „Cease to Exist“ schaffte es 1969 stark
bearbeitet als „Never Learn Not to Love“ als B-Seite auf eine
Beach-Boys-Single.
Neil Young soll begeistert von ihm gewesen sein: Diese „wirklich grandiose, zugleich völlig irre Figur“ mache „Musik, wie ich sie noch niemals gehört hatte“. Produzent Terry Melcher wollte außer der B-Seite aber nichts weiter veröffentlichen. Freunde berichten von Sexorgien und geklauten Kreditkarten. Nach wenigen Wochen wurde die Kommune bei Wilson rausgeschmissen und bezog Quartier auf der Spahn Movie Ranch, auf der „Bonanza“ gedreht worden war, später auf der Barker Ranch im Death-Valley-Nationalpark.
Manson-Family auf der Movie-Ranch. Quelle: https://allthatsinteresting.com/wordpress/wp-content/uploads/2019/06/Manson-Family-At-Spahn-Ranch.jpg
Als weder seine Kriegsprophezeiung wahr noch er selbst ein
berühmter Rockstar wird, sandte Manson seine Anhänger aus, um „zu zeigen, wie
man Weiße tötet“, und dem Rassenkrieg nachzuhelfen. Der Plan: einige Morde an
reichen Weißen in Los Angeles, die die Gesellschaft den Schwarzen anlasten
würde. Am Abend des 9. August 1969 schickte er mit Linda Kasabian als Fahrerin
Susan Atkins, die bei einem Beach-Boy Babysitterin war, Patricia Krenwinkel und
den jungen Texaner Charles Watson in Richtung Los Angeles zum Haus von Musikproduzent
Melcher.
Was Manson nicht wusste: darin lebten inzwischen die junge
Schauspielerin Sharon Tate und ihr Ehemann, der polnische Regisseur Roman
Polanski, der mit seinem Spielfilm „Tanz der Vampire“ kurz zuvor
Weltberühmtheit erlangt hatte. Sharon spielte darin die weibliche Hauptrolle
und war nun hochschwanger, Polanski weilte zu Dreharbeiten in London. Außerdem
im Haus: Tates Ex-Verlobter Jay Sebring, Hollywood-Stylist und Friseur von
Steve McQueen, Abigail Folger, Erbin eines Kaffee-Imperiums, und deren Partner
Voitek Frykowski, ein Freund Polanskis, sowie ein unbeteiligter Fahrer, der
sofort erschossen wurde.
Was in den folgenden Minuten geschah, konnte nie eindeutig geklärt werden. Sicher ist jedoch, dass Sebring, Frykowski, Folger und Sharon Tate durch insgesamt über hundert Messerstiche starben – Atkins bezichtigte sich Jahrzehnte danach, 19 mal auf die Schwangere eingestochen und mit ihrem Blut „Pig“, Schwein, auf die weiße Eingangstür geschrieben zu haben.
Susan Atkins, Patricia Krenwinkel und Leslie Van Houten beim Prozess. Quelle: https://s.hdnux.com/photos/01/04/62/53/18033351/21/920×920.jpg
Am Abend darauf fuhr Manson selbst mit Krenwinkel, Watson
und der blutjungen Leslie Van Houten zum Anwesen des italienischen
Supermarktbesitzers Leno LaBianca und dessen Frau, fesselte beide, ging dann
nach draußen und überließ das schmutzige Geschäft den anderen, die wiederum mit
Blut „Death to pigs“ und weitere Black Panther-Kraftausdrücke an die Wände
schrieben. Die Reichen und Schönen
verließen fluchtartig und in Scharen ihre Anwesen, die Polizei stand vor
einem Rätsel.
Zwei Anschläge
überlebt
Die ersten Festnahmen von Manson und mehreren Family-Mitgliedern
wegen des Verdachts auf Autodiebstahl und, später, Brandstiftung im Herbst passierten
eher zufällig. Erst als sich Atkins im Gefängnis verplapperte, merkten die
Beamten, wer ihnen da ins Netz gegangen war. Am 24. Juli 1970 begann der
Tate-LaBianca-Mordprozess gegen Manson, Atkins, Krenwinkel und Van Houten in
Los Angeles. Kasabian war als Kronzeugin immun, Watson erhielt einen separaten
Prozess. Es wurde das bis dahin längste und teuerste sowie medial am stärksten beachtete
Strafverfahren der US-Geschichte, die Geschworenen mussten 225 Tage isoliert verbringen.
Der Prozess glich zum Teil einem bizarren Schauspiel: Die
Frauen flirteten laut dem Gerichtsreporter des SPIEGEL mit „allem im Gerichtssaal, was nach Mann aussieht“ und befolgten
daneben alle Anweisungen Mansons. Auf seinen Augenaufschlag hin standen sie
während der Verhandlung auf, um wie im Wahn zu kreischen; als Manson sich den
Schädel rasierte, taten sie es ihm gleich, und nachdem er sich ein Kreuz auf
die Stirn geritzt hatte, fanden sich kurz darauf auch bei den Frauen gekreuzte
Narben auf der Stirn. Manson erweiterte sein Kreuz wenig später zu einem
Hakenkreuz. Gegen Ende des Verfahrens hatten die Richter keine Zweifel mehr
daran, dass Charles Manson der Urheber der grausamen Mordtaten war, obwohl er daran
nachweislich nicht teilgenommen hatte. Er wurde ebenso wie die jungen Frauen
und Charles Watson zum Tode in der Gaskammer verurteilt.
Doch die Verurteilten hatten Glück: Im Februar 1972 erklärte der Oberste Gerichtshof der Vereinigten Staaten die Todesstrafe für verfassungswidrig, entsprechende Urteile wurden in lebenslange Haftstrafen umgewandelt. Gnadengesuche wurden unzählige Male abgelehnt. In der Haft wandten sich sämtliche Anhänger Mansons von ihrem einstigen Guru ab, den Hans Schmid auf Telepolis „Elvis des Massenmords“ nannte. Atkins und Watson wurden so genannte Wiedergeborene Christen und widmeten ihr Leben dem Gottesdienst.
Susan Atkins damals und heute. Quelle: https://www.trbimg.com/img-570fba6e/turbine/la-1460648596-snap-photo/2000
Auf Manson wurde 1973 mit Strychnin ein Giftanschlag verübt
und 1984 ein Brandanschlag; er überlebte beide. Bis zuletzt erhielt er bis zu 60.000
Briefe, E-Mails und Autogrammanfragen jährlich und durfte zudem nach draußen
telefonieren, was er weidlich nutzte, um seinen zahlreichen Anhängern zu
predigen. 2014 erhielt er eine Heiratsgenehmigung für eine 26-jährige, die er
verfallen ließ: seine Verlobte sei nur darauf aus, nach seinem Tod in den
Besitz seines Leichnams zu kommen, um diesen auszustellen und damit Geld zu
verdienen. Manson selbst starb 83jährig als Strafgefangener B-33920 im November 2017 nach 48 Jahren Haft im kalifornischen
Corcoran State Prison an Darmkrebs.
„wie krank ist die
Welt da draußen“
Seine Verklärung begann bereits Anfang 1970, als Teile der
Underground-Presse in Manson allen Ernstes eine Jesusfigur erkannten: Die
Zeitung Tuesday’s Child wählte den
Kultführer zum „Man of the Year“. „Allein durch die Beatles-Referenz schreibt
sich Manson gewissermaßen als Pop-Figur in eine Tradition ein“, sagte der
Literaturwissenschaftler Niels Penke im DLF.
Immerhin drei Alben hatte Manson bei Indie-Labeln selbst veröffentlicht,
darunter Jam-Sessions mit seinen Anhängern.
Seitdem wollen Künstler am Mythos Manson verdienen. Der Schockrocker und ehemalige Musikjournalist Brian Hugh Warner trieb die Ehrerbietung auf die Spitze, als er sich nach dem Mörder und einer anderen, liebenswürdigeren Ikone benannte: Marilyn Manson, was die Unzertrennlichkeit von Gut und Böse symbolisieren soll. Er veröffentlichte Mansons „My Monkey“ auf seinem Album „Portrait of an American Family“.
Auch „System of a Down“ zeigten sich von Manson
inspiriert, etwa mit dem Song „ATWA“ auf dem Album „Toxicity“. Ihr
Gitarrist Daron Malakian zeigte sich auf Facebook „sehr traurig“ über den Tod
Mansons, von dem er stark beeinflusst worden sei, und rechtfertigte sich
zugleich: „Mein Interesse galt der Art und Weise, wie er seine Gedanken und
Ansichten über die Gesellschaft artikulierte, nicht den Morden.“ Auch Guns N’
Roses kassierten mit dem Manson-Mythos ab: Die Rocker veröffentlichten 1993 auf
ihrem Album „The Spaghetti Incident?“ den Manson-Song „Look at Your Game
Girl“. Lead-Sänger Axl Rose trug schon 1991/92 auf der
Guns-N’-Roses-Welttournee ein Shirt mit dem Porträt von Charles.
Die Lemonheads und Devendra Banhart coverten Songs von ihm,
und auf andere Art gar U2: Sie coverten „Helter Skelter“ auf „Rattle and hum“; was
Sänger Bono so kommentierte: „Diesen Song hat Charles Manson von den Beatles
geklaut. Wir klauen ihn zurück.“ Zurückgeklaut hat ihn jüngst gar Quentin
Tarantino: Im Los Angeles der 1960er Jahre versuchen ein abgehalfterter
TV-Westernstar und dessen Stuntdouble in der Filmbranche Fuß zu fassen, während
die Morde der Anhänger von Sektenführer Charles Manson die Stadt erschüttern,
so die Story von „Once Upon a Time in Hollywood“ (engl. „Es war einmal in Hollywood“).
In ihrer Kritik bei Spiegel Online
sieht Hannah Pilarczyk in dem Film einen „großen, sinnentleerten Spaß“, da sie
meint, dass der Film so pointenarm sei, merke man aber die längste Zeit nicht,
weil er so pointenreich daherkäme.
„Wir töten die Schweine, die uns im Fernsehen das Töten beigebracht haben.“ In dieser Kulturkritik eines Manson-Mädchens, als sie bereits vor dem Polanski-Anwesen am Cielo Drive stehen, sei „die Saat für Tarantinos jüngsten Revisionismus gelegt“, meint Andreas Busch im Tagesspiegel. Er meint , dass der Film Sharon Tate ein Denkmal setzt „Es geht vielmehr um die symbolische Ermordung jenes Kinos, mit dem Quentin Tarantino aufgewachsen ist.“
Quentin Tarantino, Tilda Swinton und Marilyn Manson. Quelle: http://www3.pictures.zimbio.com/gi/Marilyn+Manson+Quentin+Tarantino+Magnolia+cLQtgIrheLdl.jpg
Mansons Konterfei ist daneben auf diversen Merchandising-Artikeln wie T-Shirts, Tassen und Poster zu sehen, deren Verkauf allein im Zeitraum von 1970 bis 1986 Einnahmen von mehreren Millionen US-Dollar erzeugte, an denen er mit verdiente. Über 30 Bücher und diverse Filme entstanden, daneben Musicals und Zeichentrickadaptionen. „Es kommen Mädchen zu mir in den Knast“, sagte er 1988, „die haben ihr Baby auf dem Arm und sagen: ‚Charlie, ich würde alles für dich tun! Ich erziehe mein Baby in deinem Namen!‘ Solche Besuche machen mir Spaß, und ich weiß, dass das krank ist; ich weiß, dass ich krank bin. Aber wie krank ist die Welt da draußen?“
Gesegnet mit einem reichen genetischen Erbe kam er zur Welt:
sein Großvater Thomas Henry Huxley, genannt „Bulldogge Darwins“, hatte seinen
Landsleuten die revolutionären Theorien seines scheuen Freundes Charles über
die „Entstehung der Arten durch natürliche Zuchtwahl“ so lange eingepaukt, bis
auch der erste Herzog und der letzte Fabrikarbeiter im Affen ihren Urvater
erkannten. Sein Bruder Julian, ein bedeutender Zoologe, sollte erster
Generaldirektor der Unesco werden. Und sein Halbbruder Andrew, ein Physiologe,
holte sich 1963 den Nobelpreis.
Und gesegnet mit einem bewusstseinserweiternden Trip verließ
er die Welt wieder: seine Frau verabreichte dem Krebskranken im Endstadium auf
seinen Wunsch hin LSD. Dazwischen publizierte er „im Glanz seines Witzes,
seines eleganten Stils, seiner enzyklopädischen Gelehrsamkeit“ (SPIEGEL) ein Dutzend Romane, dazu
Erzählungen, Reiseimpressionen, Biographien, Theaterstücke und Drehbücher sowie
ein enormes essayistisches Werk von kunterbunter Thematik kreuz und quer durch
die abendländische Kulturgeschichte. Am 26. Juli würde Aldous Huxley 125 Jahre
alt.
„wie ein Dummkopf
sich einen Klugen vorstellt“
Geboren als Sohn des Schriftstellers Leonard Huxley und dessen erster Frau Julia, soll sein Baby-Kopf so groß und gewichtig gewesen sein, dass er erst im Alter von zwei Jahren laufen konnte. Er besuchte die Hillside School in Malvern (Worcestershire), wurde aber auch von seiner eigenen Mutter unterrichtet, bis sie schwer erkrankte und 1908 starb. Er wechselte ans noble Eton College. 1911 litt er an einer Augenkrankheit und war danach drei Jahre lang fast blind. „Ogie“, das „Ungeheuer“, nannten seine Freunde den 1,93 Meter dürren Schüler mit der dicken Brille und dem beißenden Witz.
Huxley als Kind. Quelle: https://triviahappy.com/images/articles/05222014kidhuxleyfull.jpg
Von 1913 bis 1916 studierte er Literatur in Oxford, schloss
mit der Bestnote ab und machte das Schreiben zu seinem Beruf: Sein erstes Buch
„The Burning Wheel“ erschien bereits 1916. Ein Jahr lang unterrichtete er auch
Französisch am Eton College, wo George Orwell zu seinen Schülern zählte. Als
Lehrer sei er zwar unfähig gewesen, für Ordnung im Unterricht zu sorgen, aber
wegen seiner brillanten sprachlichen Fähigkeiten bewundert worden.
1919 heiratete er die Belgierin Maria Nys, wurde 1920 Vater
eines Sohnes und arbeitete als Journalist und Kunstkritiker. In den 1920er
Jahren hielt er sich mit Frau und Sohn öfter in Südeuropa, zumal in Italien auf
und besuchte dort seinen Freund D. H. Lawrence, für den Maria die zweite Hälfte
der „Lady Chatterley“ ins Reine tippte. Währenddessen verhöhnte ihr Ehemann die
Liebe als puren Sex, den wiederum als der Menschheit ekligste Seuche und
karikierte seine Zeitgenossen als hässliche Parasiten, so in den Romanen
„Crome“ (1921), „Parallelen der Liebe“ (1925) und „Kontrapunkt des Lebens“
(1928). Der „große Mahatma aller Misanthropen“ in einer gottverlassenen Nachkriegsgesellschaft
wurde er genannt, heimgesucht von den Kollektivpsychosen der modernen
Zivilisation.
Für den hemdsärmeligen Vollbluterzähler Ernest Hemingway war
das bloß „intellektuelles Gegrübel“, „künstlich konstruierten Charakteren in
den Mund gelegt“. Romangestalten, erklärte Huxley dagegen, seien für ihn „nichts
als Marionetten mit Stimmen, um Ideen und die Parodie von Ideen zu äußern“. Was
er erstrebe, sei die „vollkommene Verschmelzung von Roman und Essay“, so der
lange, dünne Ästhet und pure Intellektuelle, der zwar eine „wandelnde
Enzyklopädie“ (Bertrand Russel), in allen praktischen Dingen jedoch hoffnungslos
unbeholfen gewesen sei. Huxley, bemerkte ein boshafter Kollege, sei „dieser
Pedant, der lüstern der Paarung von Krebsen zusieht, ohne je fähig zu sein,
einen zu fangen oder gar zu kochen“. Aldous, lobte die Literatin Elizabeth
Bowen bissig, war genau so, „wie ein Dummkopf sich einen Klugen vorstellt“.
1932 folgte dann der Roman, der ihn berühmt machte, zu den
einflussreichsten Romanen des 20. Jahrhunderts zählt und neben Orwells „1984“
als Musterbeispiel einer totalitären Diktatur in der Literatur gilt: „Schöne
Neue Welt“, deren Menschenkinder genormt aus Retorten schlüpfen und ihr Dasein
in glücklichem Schwachsinn verbringen, drogenselig kopulierend bis zum milden
Ende durch Euthanasie. Der Text inspirierte Autoren aller Generationen zu
eigenen Zukunftsvisionen und ist in einigen deutschen Ländern im Fach Englisch
bis heute eine abiturrelevante Lektüre. 1998 wählte ihn die Modern Library auf Rang 5 der 100 besten
englischsprachigen Romane des 20. Jahrhunderts, in ähnlichen Listen der BBC und des Observer taucht er auch weit vorn auf.
„Klassiker der
neuzeitlichen Zivilisationsmiesepeterei“
Die Geschichte ist in der Zukunft des Jahres 2540
angesiedelt, das nach der Zeitrechnung in der neuen Welt 632 nach Ford heißt.
Statt Christi Geburt ist 1908 das Maß der Zeit, als mit Einführung der
Fließbandarbeit der erste Ford T in Detroit vom Band rollte – und so ersetzt
auch in der Symbolik des totalitären Staates der schönen neuen Welt ein T das
christliche Kreuz. Dieser Weltstaat mit dem Wahlspruch „Gemeinschaftlichkeit,
Einheitlichkeit, Beständigkeit“ wird von zehn Controllern gelenkt. Nach einem
neunjährigen Krieg wurden Kunst, Wissenschaft und Religion abgeschafft. Kinder
werden nicht mehr von Eltern gezeugt, sondern – planwirtschaftlich organisiert
– künstlich hergestellt.
Szenenbild der Verfilmung 1980. Quelle: https://flickfeast.co.uk/wp-content/uploads/2011/11/BraveNewWorld.jpg
So entsteht eine Kasten-Gesellschaft, in der Menschen als
Alpha- (in der obersten Schicht) bis Epsilon-Wesen (in der untersten Schicht)
kategorisiert und im Labor mit mehr oder weniger Fähigkeiten ausgestattet
werden: Zuerst als Embryonen manipuliert, als Babys konditioniert und je nach
Kaste dann in ihren Bedürfnissen befriedigt, sodass Unzufriedenheit nicht
aufkommen kann und sie so auch ihre Situation nicht infrage stellen. Grenzenloser
Konsum und Geschlechtsverkehr mit häufig wechselnden Partnern ohne tiefe
Beziehungen sollen für Ruhe und Stabilität im System sorgen. Dabei hilft auch
die Droge Soma, die, sobald jemand von Situationen, die von der Norm abweichen,
irritiert wird, beruhigt, ausgleicht und glücklich macht. Ein konsumistischer
Kommunismus ist entstanden: Bildung wird auf pragmatische, für die Gemeinschaft
nützliche Wissensvermittlung reduziert, „Geschichte ist Mumpitz“ (Henry Ford)
und findet nicht mehr statt, Kulthandlungen ersetzen Religion.
Die eigentlich als Satire gedachte Utopie vom allmächtigen
Wohlfahrtsstaat, dem ein Shakespeare-Zitat aus dem „Sturm“ den Titel gab („O
schöne neue Welt, die solche Bürger trägt!“) lässt jedes Lachen im Halse
steckenbleiben. Nach Ansicht der FAZ handele sich dagegen „bei diesem Klassiker
der neuzeitlichen Zivilisationsmiesepeterei um eine Sorte Satire, wie sie
schwerfälliger auch der Arbeitskreis Weihnachts-Laientheater der katholischen
Landjugend von Nieder-Dossenbach nicht zuwege gebracht hätte.“ Der Roman wurde
bis heute nicht als Kinofilm realisiert, liegt aber in mehreren Hörspieladaptionen
und Dramatisierungen vor, die gern in Sachsen aufgeführt werden (!), und war
Titelsong des 12. Albums der britischen Heavy-Metal-Band Iron Maiden.
Während sich Europas Himmel verdüsterte und in Spanien der
Bürgerkrieg losbrach, träumte der Pazifist Huxley vom „Einssein der Menschheit“
und hielt auf Versammlungen Plädoyers für den Weltfrieden: der Mensch sei „kein
kämpfendes Tier“. 1937 emigrierte dieser „kühle, leicht antiseptisch wirkende,
aber humane und sanfte Mann“ (Virginia Woolf) mit Frau und Sohn nach Amerika
und suchte in Kalifornien sein Heil auf den Wegen der Erleuchtung. Er versenkte
sich in die Mystik des Ostens, fand geistigen Zuspruch in den
Meditationszirkeln der Ramakrischna-Jünger von Hollywood und lebte dann fünf
Jahre lang auf seiner Ranch am Rand der Mojave-Wüste im Angesicht der Unendlichkeit.
„gewissenloser
ästhetischer Selbstgenuss“
In dieser Zeit lassen sich in seiner Publizistik zwei
Themenkreise feststellen. Der eine überspitzt seinen Wandel vom philosophierenden
Humanisten zum spirituellen Mystiker: Huxley spürte einem höheren, transzendentalen
Bewusstseinszustand nach, den er im Meskalin- und LSD-Rausch zu erlangen
suchte. Denn: „Nur durch die Verwandlung des individuellen Charakters kann
Gottes Natur und Wille wirklich begriffen werden, kann es eine dauerhafte
Verwandlung der Zivilisation oder Menschheit geben.“ Resultat war 1954 „Die
Pforten der Wahrnehmung“, oft zusammen veröffentlicht mit dem Nachfolgeband „Himmel
und Hölle“ 1956 – dem Jahr, in dem seine Frau Maria starb.
Huxley mit Maria und Sohn Matthew. Quelle: https://www.telegraph.co.uk/content/dam/books/2018/10/19/TELEMMGLPICT000002042183_trans_NvBQzQNjv4BqqVzuuqpFlyLIwiB6NTmJwXwRjMFsEP0HSgpvSawxCy8.jpeg?imwidth=480
Darin beschreibt er nachgerade enthusiastisch die nach
Selbstversuchen wahrgenommenen Auswirkungen des Psychedelikums Meskalin, das völlig
unschädlich sei, keinerlei Katzenjammer hinterlasse und keine gefährlichen,
enthemmenden Auswirkungen wie etwa Alkohol habe. „Christentum und Alkohol
passen nicht zueinander und können es auch nicht. Christentum und Mescalin
scheinen sich besser zu vertragen“, lautet sein verblüffendes Fazit. Das
Mescalin-Erlebnis dürfte zu dem gehören, was katholische Theologen eine „wirksame
Gnade“ nennen. Huxley definiert sie – im Widerspruch zu theologischer Lehre –
als „nicht erforderlich für die Erlangung des Seelenheils, aber möglicherweise
eine wertvolle Hilfe und dankbar anzunehmen, wenn sie geboten wird.“
Die Eloge auf die bewusstseinserweiternde Wirkung des im
Übrigen „völlig unschädlichen“ Stoffes, von den Blumenkindern der späten
sechziger Jahre zum Evangelium erhoben, trug ihm wilde Proteste ein. Für Thomas
Mann, der einst die Kunst des Kollegen als „eine feinste Blüte westeuropäischen
Geistes“ bewundert hatte, zeugte sie einzig und allein von „gewissenlosem
ästhetischem Selbstgenuss“. Das Buch inspirierte den Harvard-Psychologen
Timothy Leary und den „Doors“-Chef Jim
Morrison. 1957 heiratete er seine zweite Frau Laura, eine italienische Geigerin
und Psychotherapeutin.
Der andere Themenkreis gab seinem Skeptizismus, Existentialismus
und Moralismus Ausdruck, so 1956 in der Novelle „Das Genie und die Göttin“ über
einen Physik-Nobelpreisträger mit infantilem Gemüt und phänomenalem Superhirn
und dessen Frau, einer gewaltigen, blonde Schönheit vom Typ einer germanischen
Heroine. Der puritanisch erzogene, ahnungslose Assistent des Physikers, der die
Geschichte im Alter erzählt, kommt in die paradoxe Lage, dass er das Leben des
Professors nur retten kann, indem er ihn mit seiner Frau betrügt. Huxley, mit
dem Vokabular und den interessantesten Ergebnissen der modernen
Naturwissenschaften wohl vertraut, berichtet den erstaunlichen Vorfall mit
beträchtlichem psychologischem Witz und vielen beiläufigen, bissig-zutreffenden
Bemerkungen über den Zeitgeist.
Heroen des Geistes: Von links nach rechts Gerald Heard, Christopher Isherwood, Julian Huxley, Aldous Huxley, Linus Pauling. Quelle: https://juttagruber.de/media/story_section_text/580/attachment-1519052820.pdf
In „Dreißig Jahre danach“ beleuchtet Huxley 1958 die
Fortschritte seit „Brave New World“ in Richtung dieses Szenarios und erläutert
die Bedingungen, die der Entstehung einer wissenschaftlichen Diktatur
förderlich seien, darunter Überbevölkerung, Überorganisierung sowie Propaganda
und Gehirnwäsche. Daneben kritisiert er die Tendenz zur Verflachung der
politischen Meinungsbildung in den USA und warnt er vor einer Gesellschaft, in
der die Wahrheit in einem Meer von Belanglosigkeit untergeht, ja warnt vor
jenen, die uns täglich mit einem Wust von Einzelinformationen vollstopfen. Die
Folgen solcher Völlereien seien gravierend, sie beseitigen die Demokratie und
ließen eine Scheinwelt entstehen, weil die Menschen Informationen nur als
Bruchstücke wahrnehmen.
„durch unseren
Wunsch, glücklich zu sein“
1960 diagnostizierten die Ärzte bei ihm einen Zungentumor.
Von einer Operation, die sein Sprechvermögen lädiert hätte, wollte Huxley
nichts wissen, entschied sich für eine Strahlenbehandlung und nahm, unablässig
schreibend, seine Arbeit wieder auf. So setzte er sich mehrfach mit Charles
Percy Snows Klage über die Existenz zweier Kulturen auseinander, die sich nicht
nur verständnislos, sondern sogar feindlich gegenüberstehen, zwischen denen es
so gut wie keine Kommunikationsmöglichkeiten mehr gibt: die traditionelle
humanistische Kultur – und die neue naturwissenschaftliche.
Huxley deutet die These um in das Phänomen zweier Sprachen:
Die normale, für ihn unbrauchbare Alltagssprache wolle der Dichter zu einem
Ausdrucksmittel von möglichst großer Vieldeutigkeit und Beschwörungskraft
läutern – während der Wissenschaftler aus der für ihn nicht weniger unbrauchbaren
Normalsprache sich ein Instrument der größtmöglichen Eindeutigkeit und
Präzision zu schaffen sucht. Die Verfeinerung in beiden Richtungen sei nun so
weit fortgeschritten, dass sozusagen Übersetzungen aus der einen Sprache in die
andere nicht mehr möglich schienen.
1961 brannte sein Haus in Kalifornien mit seiner Bibliothek
und allen Manuskripten nieder. „Für mich“, sagte Huxley, „war es ein Zeichen,
dass der grimmige Schnitter mich ins Auge fasste.“ Doch der Stoff seines Lebens
ließ den Sozial-Utopisten bis zum Ende seines Lebens nicht los: in seinem
letzten Buch „Eiland“ (1962) lieferte er ein philanthropisches Gegenstück zur
zynisch-pessimistischen Dystopie von 1932. Das Gemeinwesen Pala ist das
Ergebnis eines Experiments, begonnen vor mehr als hundert Jahren von zwei
Männern: Dem erst kalvinistischen, später atheistischen schottischen Arzt
MacPhail und dem Inselfürsten Murugan. Diese Auslese – vom Westen wurden
Elektrizität, Medizin und Biologie übernommen, der Osten steuerte buddhistische
Religiosität und erotische Tradition bei – erwies sich nicht zuletzt wiederum
durch eine Droge namens „Moksha“ als segensreich, berichtet ein zeitreisender
Journalist.
Huxley im Alter. Quelle: https://p5.focus.de/img/fotos/origs3421271/7028516231-w630-h472-o-q75-p5/urn-newsml-dpa-com-20090101-131121-99-02335-large-4-3.jpg
Volkes Stimme gibt er so wieder: „Wir haben kein Bedürfnis nach euren Rennbooten oder eurem Fernsehen. Noch weniger nach euren Kriegen und Revolutionen, euren Renaissancen, euren politischen Schlagworten, eurem metaphysischen Unsinn aus Rom und Moskau“. Und: „Wir produzieren und importieren nur das, was wir uns leisten können. Und dieses Leistungsvermögen wird nicht nur begrenzt durch unseren Vorrat an Pfunden und Mark und Dollars, sondern auch … durch unseren Wunsch, glücklich zu sein, unseren Ehrgeiz, ganz und gar menschlich zu werden.“ Entstanden ist weniger ein Roman als eine Folge dramatisierter, oft langweiliger Essays über Gesetzesreformen, künstliche Befruchtung und Promiskuität wie auch über Erziehungs- und Industrialisierungsprobleme.
Im Folgejahr hatte sich der Krebs überall in seinem Organismus eingenistet. Am 22. November 1963 schob er, unfähig zu sprechen, seiner Frau einen Zettel zu: „Versuch es mit 100 Mikrogramm LSD intramuskulär.“ Von dem Trip kehrte er nicht mehr zurück. Es war derselbe Tag, an dem John F. Kennedy den Schüssen von Dallas zum Opfer fiel. Die Welt nahm die Nachricht vom Tod des Schriftstellers daher kaum zur Kenntnis. Bleiben werden nicht nur seine Romane und Essays, sondern auch seine kurzen Spitzen: „Wer so tut, als bringe er die Menschen zum Nachdenken, den lieben sie. Wer sie wirklich zum Nachdenken bringt, den hassen sie“, lautet eine, die nach wie vor sehr wahr ist.
Zugegeben: das Reiseziel war nicht unbedingt attraktiv.
Keine Atmosphäre, kein Sauerstoff, dafür viele Krater, noch mehr Staub, dazu
Temperaturschwankungen zwischen + 130 °C tags und −160 °C nachts. Unüblich war
dazu, dass die Ankunft der gerade drei Reisenden von fast 600 Millionen Menschen
live bestaunt und bejubelt wurde. Und zu allem Überfluss mussten sich die Astrotouristen
nach ihrer Rückkunft aus Furcht vor unbekannten Mikroorganismen in eine
Quarantäne von siebzehn Tagen begeben – doppelt so lang, wie die Reise dauerte.
Doch das war allen Beteiligten egal: vor 50 Jahren, am 20. Juli 1969, glückten mit
dem Raumschiff Apollo 11 die erste Landung von Menschen auf dem Mond und ihr erster
Spaziergang auf dem Erdtrabanten.
Die Mission erfüllte die Aufgabe, die Präsident John F.
Kennedy 1961 der Nation erteilt hatte: Noch vor Ende des Jahrzehnts einen
Menschen zum Mond und wieder sicher zurück zur Erde zu bringen. Das war nicht
nur eine ingenieurtechnische Meisterleistung, die den Menschen aus seinem
bisherigen Lebensraum heraus in völlig neue Dimensionen brachte, sondern auch
ein politischer Erfolg – in der heißen Phase des Kalten Krieges war die
Beherrschung des Weltraums Teil des Wettrüstens und im Kampf der Systeme ein
wichtiger Eintrag ins kollektive Gedächtnis der Menschheit: Für kurze Zeit wehte
auf dem Mond das amerikanische Banner, gehisst vor weltweitem Publikum.
Die Planungen dazu hatten vier Jahre zuvor begonnen. Im
Januar 1969 wurde die Besatzung vorgestellt: Kommandant Neil Armstrong und
Pilot Edwin „Buzz“ Aldrin im Landemodul „Eagle“, komplettiert von Michael
Collins, der im Kommandomodul zurückbleiben sollte. Armstrong war ein Kampf-
und späterer Testpilot der Navy, der seinen Flugschein vor der Fahrerlaubnis
machte, Aldrin und Collins Kampfpiloten der Air Force. Alle waren 39 Jahre alt
und bereits einmal mit Gemini-Schiffen im Weltraum gewesen. Zum Zeitpunkt ihrer
Auswahl war die Mannschaft noch nicht davon überzeugt, die erste bemannte
Mondlandung zu absolvieren: Die Mondlandefähre war bis dahin noch nicht bemannt
im Weltraum getestet worden. Als Trägerrakete sollte eine 2940 Tonnen schwere,
110 Meter hohe Saturn V fungieren; entworfen unter der Leitung der beiden
deutschen Ingenieure Wernher von Braun und Arthur Rudolph. Die Vorbereitungen
verliefen ohne jeden Zwischenfall.
Die Crew der Apollo 11: Neil Armstrong, Michael Collins und Edwin E. Aldrin. Quelle: https://img.zeit.de/wissen/2012-08/bg-mondlandung-bilder/33534144-540×304.jpg
Apollo 11 startete am 16. Juli 1969 um 13.32 Uhr Weltzeit von
Cape Canaveral in Florida und erreichte zwölf Minuten später planmäßig die
Erdumlaufbahn. Nach anderthalb Erdumkreisungen wurde die dritte Raketenstufe für
sechs Minuten erneut gezündet und das Raumschiff damit auf Mondkurs gebracht. Anschließend
wurde das Schiff am 19. Juli 1969 um 17:22 Uhr durch ein Bremsmanöver über der
Rückseite des Mondes in eine Mondumlaufbahn eingeschwenkt. Der gesamte Hinflug
zum rund 384.403 Kilometer entfernten Mond dauerte 76 Stunden und verlief
ebenfalls reibungslos.
„ein großer Sprung
für die Menschheit“
Wegen geringer unbeabsichtigter Abweichungen beim Abkoppeln der
Landefähre zielte der Bordcomputer auf eine Stelle knapp fünf Kilometer hinter einem geplanten Landegebiet
im Meer der Ruhe. Die Monate zuvor erfolgte Auswahl des Landeplatzes war eine
Wissenschaft für sich, die Sicherheit der Astronauten dabei oberstes Gebot. So
mussten Landung und Rückstart bei direkter Sonneneinstrahlung und optimalen
Sichtverhältnissen erfolgen. Um Treibstoff zu sparen, war der Landeplatz zudem
auf Gebiete in der Nähe des Mondäquators beschränkt und sollte weder von
Kratern noch größeren Gesteinsbrocken behindert werden. Am Ende blieben fünf
Landegebiete übrig.
Als der Autopilot beim Endanflug die Fähre auf ein
Geröllfeld neben einem Krater zuführte, schaltete Armstrong auf Handsteuerung,
überflog den Krater und landete auf einer ebenen Stelle ca. 500 m weiter
westlich. Die zusätzlichen Manöver sollen das ohnehin knapp kalkulierte
Treibstoffbudget so strapaziert haben, dass die Astronauten nur noch etwa 20
Sekunden Zeit gehabt hätten, entweder zu landen oder den Anflug abzubrechen.
Spätere Analysen zeigten aber, dass der Treibstoff in den Tanks hin und her
schwappte, was zu ungenauen Anzeigen geführt hatte: Die Reserve war höher. 20.17
Uhr vermeldete Armstrong: „The Eagle has landed!“ („Der Adler ist gelandet!“).
Die BBC unterlegte die Live-Bilder der Landung übrigens mit David Bowies „Space
Oddity“, obwohl der Song von einem hilflosen Astronauten handelt.
Sofort danach trafen die Astronauten Vorbereitungen für den
Rückflug, der alle zwei Stunden erfolgen konnte, fotografierten die
Mondoberfläche aus ihren Fenstern – und hatten mit minütlich steigender
Aufregung zu tun. Sie schlugen prompt vor, die ursprünglich geplante Ruhepause
von knapp sechs Stunden auf 45 Minuten zu verkürzen und den Ausstieg
vorzuziehen. Houston hatte nichts dagegen. Die Vorbereitungen hierzu dauerten
etwa drei Stunden. Am 21. Juli 1969 um 02.56 Uhr betrat dann Armstrong, von je
einer Außen- und Innenkamera gefilmt, als erster Mensch den Mond und sprach die
berühmten Worte: „That’s one small step for ‹a› man, one giant leap for mankind!“ („Das ist ein kleiner
Schritt für einen Menschen,
aber ein großer Sprung für die Menschheit!“).
Armstrong auf dem Mond. Quelle: https://www.fr.de/bilder/2019/04/03/12102680/1209885679-21472310108_300c01d139_k-MpMeSMwH9a7.jpg
Um den kleinen Satz mit großer intellektueller Tragweite, der
zu den weltweit berühmtesten Worten gehört, die je ein Mensch gesprochen hat,
ranken sich bis heute zwei Gerüchte. Zum einen rätselte die Welt, noch bevor
Armstrong wieder gelandet war, wer diese Worte wohl wann getextet habe. Dean
Armstrong erzählte nach dem Tod seines Bruders, Neil habe ihm Monate vor dem
Start bei einem Spieleabend einen Zettel rübergeschoben, auf dem die Worte
standen, und gefragt, was er davon halte, wenn er dies bei seinem Abstieg zum
Mond der Welt mitteilen würde. „Fantastisch“, habe er geantwortet.
Biografen bezweifeln das, lautete doch Neils öffentlich
geäußerte Lesart stets, er habe sich die Worte in den Stunden zwischen Landung
und Ausstieg ausgedacht. Andere gingen davon aus, dass der Spruch aus dem Brain
Trust der Nasa stammt, wieder andere meinten, auch die Nasa habe sich so etwas
nicht zugetraut und deshalb den Schriftsteller Arthur Miller mit der
Komposition der passenden Worte beauftragt. Miller hat allerdings nie das
Copyright für den Satz beansprucht.
Zum anderen geht es darum, ob Armstrong in seinem Satz das
„a“ wirklich hörbar gesprochen oder aus Aufregung verschluckt habe, denn dann
wäre die Aussage unsinnig. Er selbst gestand in einem Interview 1999: „Ich
wollte ‚a‘ sagen. Ich dachte, ich hatte es gesagt. Ich kann es nicht hören,
wenn ich mir die Funkübertragung hier auf der Erde anhöre. Ich bin zufrieden,
wenn Sie es einfach in Klammern setzen.“ Ein Wissenschaftler gab Armstrong
schließlich Recht: Der australische Computerprogrammierer Peter Shann Ford ließ
2006 eine Software über das Zitat laufen, das Schallwellen untersucht und
ebendort eine Erhöhung registrierte, wo das verlorene „a“ sein sollte. Es
dauerte 35 Millisekunden – zu kurz, um vom menschlichen Ohr gehört zu werden,
aber es war da.
„Empfehlungen für
Raumfahrttreibende“
20 Minuten später betrat auch Aldrin den Mond und
absolvierte gemeinsam mit Armstrong ein zweieinhalbstündiges straffes
wissenschaftliches Programm. Sie maßen die Zusammensetzung des Sonnenwindes auf
dem Mond, bauten mehrere Forschungsgeräte auf, darunter ein Seismometer, das
die erste Mondnacht jedoch nicht überstand, und einen Laser-Entfernungsmesser.
Außerdem nahmen sie Bodenproben und sammelten 21,6 kg Gestein – ein in den Proben
festgestelltes unbekanntes Mineral wurde nach den ersten Buchstaben der
Nachnamen der Astronauten später „Armalcolit“ getauft. Wieder an Bord, begannen
sie, den Rückflug einzuleiten.
Apollo 11 nach der Wasserung. Quelle: https://cdn1.spiegel.de/images/image-120587-galleryV9-leli-120587.jpg
Nach problemlosem Start schwenkte die Fähre in eine
Mondumlaufbahn ein, koppelte knapp vier Stunden später wieder an die
Kommandokapsel an und wurde nach dem Umstieg von Armstrong und Aldrin
abgestoßen. Einen aus unklaren Gründen abgebrochenen Schalter soll Aldrin beim
Mondstart einfach mit einem Filzstift bedient haben. Erfolgreich auf Erdkurs
gebracht, wasserte die Apollo-Kapsel am 24. Juli 1969 um 16.50 Uhr im Pazifik
und wurde von der USS Hornet, inzwischen Museumsschiff in Alameda, an Bord
genommen. Dort mussten sich die Astronauten in ein Quarantänemodul begeben, das
heute noch zu besichtigen ist. Das Kommandomodul ist in Washington ausgestellt.
Bis heute verwundern nicht nur die Professionalität und
Reibungslosigkeit der Mission, sondern auch die weitgehende Unaufgeregtheit in
den weiteren Lebensläufen der Astronauten. Nach verschiedenen Aufgaben bei der
NASA übernahm Armstrong eine Professur für Raumfahrt-Ingenieurwesen an der
Universität von Cincinnati, brachte es danach als Firmengründer zum mehrfachen
Millionär und starb am 25. August 2012 an den Folgen einer Bypass-Operation.
Damien Chazelle gelang in „Aufbruch zum Mond“ im Herbst 2018 mit Ryan Gosling
als Armstrong eine Erzählung über eben diesen amerikanischen Professionalismus.
Aldrin wurde Leiter des Astronautenausbildungszentrums und arbeitet, nach einer
Lebenskrise in den 70er Jahren, als Publizist und Berater, so beim
Computerspiel „Buzz Aldrin’s Race into Space“. Und Collins wurde erster
Direktor des National Air and Space Museum in Washington und leitet aktuell
eine eigene Firma.
Bis heute verstummen aber auch nicht die
Verschwörungstheoretiker, nach denen diese, ja alle Landungen zwischen 1969 bis
1972 nicht stattgefunden hätten, sondern von der NASA und der US-Regierung
vorgetäuscht worden seien. Hauptfigur ist William Charles Kaysing, der bei der NASA-Zulieferfirma
Rocketdyne, die Triebwerke für die Saturn-V-Raketen herstellte, die technische
Dokumentation leitete und 1976 in seinem Buch „We Never Went to the Moon“
Indizien aufzählte, weshalb die Landungen nicht erfolgt sein könnten. Ein
ähnlicher Plot liegt dem Film „Unternehmen Capricorn“ von Peter Hyams 1978
zugrunde, der von einer inszenierten Marsreise handelt. Der Astrophysiker
Philip Plait und viele andere Autoren haben genüsslich jedes dieser Argumente
zerpflückt.
Die Nasa betrieb ihr 1961 gestartetes Apollo-Programm bis
1972 und ließ es sich 23,9 Milliarden Dollar kosten. Es gab bis zu 400.000
Menschen Arbeit. Nach der letzten Mission, Apollo 17, hatten insgesamt 12
Erdenbürger, allesamt US-Amerikaner, den Mond betreten. Seitdem niemand mehr.
Das soll sich ändern: im Dezember 2017 stellte Donald Trump die „Space Policy
Directive 1“ vor: Erst zum Mond, dann zum Mars, lässt sie sich zusammenfassen.
Natürlich war Buzz Aldrin bei der Präsentation dabei, aber auch Jack Schmitt
aus der Crew von „Apollo 17“.
Inzwischen hat die US-Raumfahrtbehörde gar das 93seitige Verhaltens-Regelwerk „Empfehlungen für Raumfahrttreibende“ aufgelegt, um die „Apollo“-Relikte und Landestellen auf dem Mond zu bewahren. Dahinter steckt die Angst, dass die Fahnen, Messinstrumente oder Schuhabdrücke unter den chinesischen, indischen und auch privaten Raumschiffen etwa von „Bigelow Aerospace“ oder „United Launch Alliance“ leiden, die in den nächsten Jahren zum Mond reisen wollen. Deshalb spricht sie sich auch dafür aus, den Mond als historische Stätte zu schützen: Am besten als „Naturpark“.
Den hochgewachsenen meterdicken
Baum mit brauner, riffeliger Rinde unterscheidet von anderen nur ein
zweisprachiges Schild: „Gegen diesen Baum haben Henker Kinder geschlagen“. Er
steht bei Choeung Ek nahe der kambodschanischen Hauptstadt Phnom Penh auf dem
„Killing Field“ des berüchtigten Gefängnis S-21 – einer ehemaligen Schule, die
heute das Tuol-Sleng-Genozid-Museum beherbergt. Damals mussten die Täter
lachen, wenn sie die Kinder gegen den Stamm totschlugen, um sich nicht selbst
verdächtig zu machen. Heute fotografieren sich Touristen davor mit ihren
Smartphones – die Gräueltaten der kommunistischen Schreckensherrschaft sind
Folklore geworden.
Fast 200 solcher Gefängnisse und
rund 300 solcher Killing Fields gab es in der Zeit des „Demokratischen
Kampuchea“, wie die Roten Khmer unter Pol Pot („Bruder Nr. 1“) ihr Regime
nannten. In den drei Jahren, acht Monaten und 21 Tagen seiner Existenz kamen zwischen
1,7 und 2,2 Millionen Menschen um – mindestens 800.000 durch Gewalt, die
anderen verhungerten, starben an Entkräftung oder Krankheiten. Vor 40 Jahren
beendete die Vietnamesische Armee den Genozid, der als eins der schlimmsten
Verbrechen nach 1945 in die Weltgeschichte einging; vor 10 Jahren, im Juli
2009, wurde Tuol Sleng zum UNESCO-Weltdokumentenerbe erklärt.
Das Museum archiviert unter
anderem 4.186 schriftliche Geständnisse und 6.147 Fotografien. Insgesamt
belegen die Dokumente, dass Folter und Ermordung systematisch erfolgten. Schon
beim Betreten des Schulhofes schockiert eine Tafel mit der Lagerordnung. So
steht beispielsweise unter Punkt 6: „Es ist verboten, während Auspeitschungen
oder Elektroschocks zu weinen.“ Kaing Guek Eav, Kommandeur von S-21, gab später
während seines Prozesses zu Protokoll: „Ich und alle anderen, die an diesem Ort
arbeiteten, wussten, dass jeder, der dorthin kam, psychologisch zerstört und
durch ständige Arbeit eliminiert werden musste und keinen Ausweg bekommen
durfte. Keine Antwort konnte den Tod verhindern. Niemand, der zu uns kam, hatte
eine Chance, sich zu retten.“
„bedürfnislose Gleichheit“
Die Geschichte der Roten Khmer
reicht bis in das Paris der 1950er Jahre zurück: kambodschanische Studenten,
darunter Pol Pot, Ieng Sary und Khieu Samphan, die späteren Anführer, gründeten
eine marxistische Studentenvereinigung und traten später der Kommunistischen
Partei Kambodschas bei. Das Land war seit 1953 von Frankreich unabhängig und
wurde seitdem von Prinz Norodom Sihanouk regiert. Während der Studentenrevolte
1963 flohen Pol Pot und mehrere seiner Gefährten in den Untergrund und
begannen, unter dem Namen „Rote Khmer“ eine Guerillatruppe aufzubauen.
1965 schwappte der Vietnam-Krieg
nach Kambodscha über. Mit militärischer Hilfe der kommunistischen
Nordvietnamesen gelingt es der Guerillatruppe, große Teile Kambodschas unter
ihre Kontrolle zu bringen. In Abwesenheit Sihanouks putschte aber 1970 der USA-unterstützte
Marshall Lon Nol. Zugleich beenden die Nordvietnamesen die Zusammenarbeit, als
sie merken, dass ihnen die Roten Khmer bei der Vertreibung der Amerikaner aus
Kambodscha zur Last fallen und ihre politischen Anschauungen zu extrem wurden. In
dem Chaos stürzten die Roten Khmer Lon Nol, nahmen am 17. April 1975 Phnom Penh
ein und errichteten die Volksrepublik Demokratisches Kampuchea.
Pol Pots „Vision“ war eine
kollektivistische Ordnungsphantasie. Er wollte ein radikal-kommunisti-sches
System etablieren, eine ursprüngliche, agrarisch geprägte Gesellschaft schaffen.
Dafür teilten die Khmer die Bevölkerung in ein „altes“ und ein „neues“ Volk
ein: Die städtische Bevölkerung, das „neue Volk“, war der Klassenfeind, der
sich an den Erträgen der „alten“ ländlichen Bevölkerung bereichere. Daher
sollten alle Städte evakuiert und die Menschen zur Landarbeit gezwungen werden.
So mussten zum Beispiel die mehr als zwei Millionen Einwohner Phnom Penhs die
Stadt innerhalb weniger Tage räumen. Schon damals starben Zehntausende bei
diesen Gewaltmärschen aufs Land und dann bei der ungewohnten Zwangsarbeit von
mindestens 15 Stunden täglich.
Vertreibung aus Phnom Penh. Quelle: http://www.faszination-fernost.com/wp-content/uploads/2015/04/150417_Evakuierung_Phnom_Penh.jpg
Die Roten Khmer schafften
jegliche religiöse Praktiken, Geld und Privatbesitz ab; Sprachen und Bräuche
von Minderheitengruppen verboten sie. Kulturelle und religiöse Einrichtungen,
Schulen und Betriebe wurden zerstört. Als verdächtig galt schon, wer eine
Fremdsprache sprach, Bücher besaß oder eine Brille trug. Aber auch Angehörige
der Armee, der Polizei und Beamte mussten die neuen Machthaber fürchten. Zwar wurde
zunächst die gesamte Gefolgschaft des gestürzten Lon Nol ausgeschaltet. Doch
als sich trotz aller Säuberungen und Massenhinrichtungen der erwartete „Sprung
nach vorne“ nicht einstellen wollte und stattdessen die wirtschaftliche und
soziale Ordnung kollabierte, entdeckten die Genossen mit den niedrigsten
Nummern in der KP-Hierarchie die eigenen Parteigenossen und Kader als Feinde. Schon
Missgunst und Denunziation von Nachbarn führten zum Tod.
„Ich demütige mich“
Die Roten Khmer setzten ihre
Ideen der „bedürfnislosen Gleichheit“ mit unnachsichtiger Härte durch. Weil das
Gebot der „einheitlichen Kost“ herrschte, galt zum Beispiel der illegale Besitz
selbst kleiner Mengen Reis als schweres Vergehen. Auch Streit in der Familie
und das Bestrafen von Kindern waren verboten. Bei den regelmäßigen politischen
Versammlungen musste man öffentlich Selbstkritik üben, die häufig mit den
Worten endete: „Ich demütige mich, damit ich mich noch besser fügen kann.“ Wer
einer Anordnung widersprach, wurde vielfach kurzerhand wegen „Individualismus“
erschlagen.
Daniel Bultmann hat in Kambodscha unter den Roten Khmer
analysiert, wie dieser „professionell betriebene Verwaltungsmassenmord“ im
„bürokratisch organisierten Gefängnissystem“ von den lokalen Gemeinden, die man
noch überstehen konnte, über die Umerziehungszentren der Distrikte bis hin zu
Tuol Sleng funktionierte: Es sei um nichts weniger gegangen als den „perfekten
Sozialisten“ mit modernen Mitteln zu realisieren. Dabei war die Chance, S-21 zu
überleben, gleich null: Die Vietnamesen befreiten ganze 14 Häftlinge aus ihren
Zellen, von denen noch sieben starben.
Selbst bei den Hinrichtungen auf
den Killing Fields herrschte bürokratische Effizienz. Bultmann: „Um Kugeln und
Ressourcen zu sparen, wurden die Kader angewiesen, die Opfer lediglich mit
einem Axt-, Schaufel- oder Stockschlag in den Nacken zu töten. Kleinkinder
wurden stellenweise einfach gegen einen Baum geschleudert … Die Opfer fielen
dann kopfüber in ein Massengrab, über das noch in regelmäßigen Abständen eine
Säure geschüttet wurde, um den Geruch zu übertünchen. An vielen Orten spielten
die Kader auch laute Musik, um die Schreie zu übertönen.“ Auch heute noch sind
viele Massengräber nicht ausgehoben und die Toten nicht angemessen bestattet.
Opfer der Roten Khmer. Quelle:
http://www.hpgrumpe.de/kambodscha/texte/der_spiegel_16-1980-Dateien/image006.jpg
Immer noch spült der Regen
Kleidungsfetzen und Knochen aus dem Boden der Killing Fields, alle paar Monate
werden sie eingesammelt. „Don’t step on bone – Treten Sie nicht auf Knochen“
steht zweisprachig auf Schildern am Rande der Wege von Choeung Ek. Der
Erinnerungsort wurde von der Regierung für 15 000 Dollar pro Jahr an ein
japanisch-kambodschanisches Unternehmen verpachtet – für manche Kambodschaner ist
schwer nachvollziehbar, dass ein ausländisches Unternehmen Geschäfte mit ihren
Toten macht. In Siam Reap, nahe der Tempelstadt Angkor, steht auf dem einstigen
Gefängnisgelände dagegen ein Luxushotel.
Übertriebener Nationalismus bringt
die Roten Khmer dazu, 1978 einen Krieg mit Vietnam um das Mekong-Delta zu
beginnen. Das war keine gute Idee: Da Pol Pots Truppen schwach und ausgemergelt
sind, begegnen die vietnamesischen Truppen kaum Widerstand, erobern schon am 7.
Januar 1979 die Hauptstadt, installieren eine aus geflohenen Intellektuellen
und ehemaligen Rote Khmer-Mitgliedern bestehende Regierung – darunter auch den
bis heute amtierenden Regierungschef Hun Sen – und zogen erst 1989 wieder ab.
Danach blieb es kompliziert,
denn trotz der Pariser Friedensverträge 1991 blieben die Roten Khmer widerspenstig.
Nach ihrer Ächtung 1994 nutzten 7.000 Khmer-Soldaten die Möglichkeit einer Amnestie.
1998 wurde Pol Pot zu lebenslangem Hausarrest verurteilt und starb kurz darauf
– ob er von seinen eigenen Leuten vergiftet wurde, ist bis heute unklar. Nach
seinem Tod kapitulierten die letzten Kampfverbände. Die kambodschanische
Regierung sprach weitere Amnestien aus und gliederte Rote Khmer-Kämpfer in die
Nationalarmee ein – wo sie bis heute teilweise führende Posten bekleiden.
Prozess mit 4000 Nebenklägern
Zur Aufarbeitung der
Terrorherrschaft beschloss das kambodschanische Parlament 2001, einen internationalen
Sondergerichtshof für Verbrechen der Roten Khmer (ECCC) unter Beteiligung der
Vereinten Nationen einzusetzen, der im Juli 2006 seine Arbeit aufnahm und
dessen verschiedene Kammern mit kambodschanischen und internationalen Richtern
besetzt sind. Am 17. Februar 2009 wurde der Leiter von Tuol Sleng, Kaing Guek
Eav, genannt „Duch“, angeklagt und 2010 schuldig gesprochen – „lebenslänglich“
lautete das Urteil am Ende. Ohne die Prozesse wären die Geldgeber des Internationalen
Währungsfonds abgesprungen, die wenigstens die demokratische Fassade erhalten
möchten.
Prozess gegen „Duch“. Quelle: https://www.welt.de/img/politik/mobile100304215/8712503077-ci102l-w1024/rotekhmer-Duch-vor-gericht-DW-Politik-Phnom-Penh-jpg.jpg
2011 im zweiten Prozess mit 4000
Nebenklägern (!) waren wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit,
Kriegsverbrechen und Völkermord angeklagt der Chefideologe Nuon Chea („Bruder
Nr. 2“), Khieu Samphan, ehemaliger Staatschef der Roten Khmer, Ieng Sary, Ex-
Außenminister, und seine Frau, die frühere Sozialministerin Ieng Thirith.
Thirith wurde kurz darauf für verhandlungsunfähig erklärt; Sary verstarb
während des Prozesses. Die beiden anderen Angeklagten wurden am 7. August 2014
jeweils zu lebenslanger Haft verurteilt. Die Prozesse kosteten bislang 300
Millionen Dollar.
Die Regierung will weitere
Verfahren verhindern, wie Dauer-Ministerpräsident Hun Sen, kettenrauchender
Premier mit Glasauge und einst weltweit jüngster Regierungschef, wiederholt
öffentlich erklärte. Sein Auge verlor er als Offizier der Roten Khmer. 1977
lief er zu den Vietnamesen über, die ihn nach ihrem Sieg als Vertrauten
installierten. Seine eigenen Verfehlungen könnten ebenso ruchbar werden wie die
Prozesse weiteres Spaltungspotential haben: die Khmer sind nun mal immer noch
da, und ihre Opfer müssen sich mit ihren Peinigern arrangieren, so schwer das
auch ist. Der ECCC betont mehrfach, dass niedrige und mittlere Funktionäre der
Khmer nichts zu befürchten hätten – auch dann nicht, wenn sie Verbrechen
begangen hätten. Nur die Hauptschuldigen fielen unter die Zuständigkeit des
Gerichts, die Politik der nationalen Versöhnung sei unverändert in Kraft.
Ungesühnt bleibt damit auch das
System der Zwangsheiraten, von denen eine halbe Million Einwohner betroffen
gewesen sein dürfte. Der Befehl lautete: Vermehrt euch. So wurde die 20jährige
In Thy mit einem völlig Fremden vermählt. „Weil klar war, dass wir nicht
miteinander klarkamen, gerieten wir unter Verdacht. Mein Mann kam ins Umerziehungslager,
ich wurde verwarnt“, berichtet sie in der Welt.
„Wir haben dann beschlossen, doch zusammen zu schlafen, um unser Leben zu
retten.“ Endlich wurde sie schwanger. Trotz des traumatischen Starts blieb In
Thy bei ihrem Mann, wie viele andere auch. Scham spielt in der bis heute sehr
konservativen Gesellschaft eine Rolle, und Verantwortungsbewusstsein. „Wir
haben uns zusammengerauft, wegen der Kinder. Als Mutter muss ich als Erstes an
die Zukunft meiner Kinder denken. Deshalb kam Scheidung für mich nicht
infrage.“
Erfolgreicher als bei der
Bestrafung der Täter ist das Gericht bei der Aufklärung der Bevölkerung. Aus
dem ganzen Land hat es bislang mehr als 100 000 Menschen kostenlos mit Bussen
abgeholt, damit sie an einer Verhandlung teilnehmen können. Dabei hat für einen
Großteil der Bevölkerung die Aufarbeitung keine Priorität mehr, ergab eine
Studie der Universität Berkeley: Mehr als die Hälfte der 15 Millionen Einwohner
kamen erst nach Pol Pot auf die Welt und wollen das internationale Geld nicht
mehr in Gerichtskosten investieren.
Opfer in einem Killing-Field-Museum. Quelle:
https://2.bp.blogspot.com/-qcO0PxZuPpM/WDKxJjVTVjI/AAAAAAAAs8Y/iTBESuCxyGMBV72YMniGfz2Pm1EiPvJHgCEw/s1600/DSC01779.JPG
Zur Fortführung der Arbeit des
ECCC steht das Documentation Center of Cambodia (DC-Cam) bereit. Das noch private
Archiv trug systematisch 50 000 Interviews und 1,2 Millionen Seiten Dokumente
zusammen, veröffentlichte rund eine Million Namen von Opfern im Internet und betreibt
„Genoziderziehung“: Maßgeblich finanziert durch die Deutsche Botschaft, hat es
rund 500 000 Geschichtsbücher an kambodschanische Oberschüler verteilt; 3000
Pädagogen, 300 Polizeioffiziere und 100 Universitätsdozenten fachlich
weitergebildet.
Blutrünstige Monster oder irregeleitete Utopisten?
Die Bilanz ist dennoch bitter:
Die Roten Khmer haben Kambodscha um seine Zukunft gebracht. Dem Land, das noch
in den 1960ern als Riviera Südostasiens galt, fehlt heute fast eine gesamte
Generation. Einer Studie zufolge sind 20 Prozent der über 30jährigen so
traumatisiert, dass sie eigentlich arbeitsunfähig sind. Nahezu jeder hat persönliche
Erfahrungen mit dem Terrorsystem machen müssen. Übrig bleibt ein Land mit
jungen Menschen, denen die Eltern und deren Werte fehlen.
Jedes Jahr stoßen die Schulen
200.000 junge Leute aus, aber nur jeder Zehnte findet einen Job. In den
Schulbüchern wird die jüngere Geschichte noch kaum behandelt, eben weil sie
noch keine Geschichte ist. Zudem sind vier Millionen Kambodschaner
Analphabeten. Das durchschnittliche Pro-Kopf-Einkommen beträgt nicht einmal 280
US-Dollar im Jahr, im Schnitt rechnet man auf 1000 Kambodschaner 19 Telefonanschlüsse
und ein PC.
Dazu kommt, dass sich in der
nebeligen Hügellandschaft an der Grenze zu Thailand bis heute fast 40.000 Mann
eingeigelt haben: Reste jener Truppen, die einst Pol Pots mörderischer Vision
eines ultramaoistischen Bauernstaats folgten, dem tödlichen Gleichheitstraum
eines Landes ohne Intellektuelle, ohne Ärzte, Lehrer oder Beamte. Seine
Schergen halten heute Ruhe – als Gegenleistung für das Versprechen, sich für
ihr Morden nicht verantworten zu müssen. Zum Überleben reicht ihnen der
illegale Holzhandel, ein riesiges Casino direkt an der Grenze, in dem sich
reiche Thais mit bunten Spielchips und jungen Mädchen vergnügen, und das Wissen
um die gemeinsame Vergangenheit. Der Gouverneur der Gegend war noch bis vor
wenigen Jahren der ehemalige Leibwächter Pol Pots.
Opfer in der Stupa eines Killing-Field-Museums. Quelle: http://mardaninews.de/gallery3/data/media/1/22_21_856.jpg
Wer waren die Roten Khmer wirklich?
Blutrünstige Monster, die mindestens zwei Millionen Menschen auf dem Gewissen
haben? Irregeleitete Utopisten, die Kambodscha um jeden Preis in einen
kollektivistischen Agrarstaat umwandeln wollten? Oder kühl berechnende
Politiker, die sich Mao Tse-tungs skrupellose Gewaltherrschaft in der
Volksrepublik China zum Vorbild nahmen, um bei dieser Gelegenheit die
verhassten Vietnamesen zu bekämpfen und die Buddhisten auszurotten, weil sie
keine Vertreter einer Religion neben sich dulden wollten? Wohl von allem etwas,
meint Bultmann.
Doch erklärt die Ideologie nicht allein den Blutrausch der Khmer, sagt der Konfliktforscher Timothy Williams der Welt; ein wichtiges Motiv der Gewalt sei schierer Opportunismus gewesen. Von Williams interviewte Kader sagten: „Wenn man grausam war, konnte man Leiter einer Einheit werden.“ Anderen ging es um Vorteile wie bessere Wohnungen oder leichtere Arbeit als Lohn für Mord und Totschlag. Einige schlossen sich den Roten Khmer an, um persönliche Rechnungen zu begleichen. So gut wie keiner der Interviewten habe seine Taten bedauert, so Williams. Das lässt bei der Vielzahl von Sympathisanten linker Ideologie heute erschauern.
Er dürfte der einzige namhafte deutsche Politiker sein, der
je einen Bären erlegte: 1996 in den rumänischen Karpaten. „Mit einem einzigen
Schuss“, wie er der Deutschen Jagdzeitung
stolz erzählte. Überhaupt spielten bei dem passionierten Jäger Tiere eine
besondere Rolle: „Mein Hund ist als Hund eine Katastrophe, aber als Mensch
unersetzlich“, beschrieb er augenzwinkernd seinen Dackel „Mücke“ in der Süddeutschen Zeitung. Und anlässlich
seines Ägypten-Besuchs als Minister für Entwicklungshilfe textete der SPIEGEL bereits im April 1963 „Scheel
konnte nur mit Mühe von dem Kamel ‚Bismarck‘ absitzen, das ihn um die Pyramiden
von Gizeh getragen hatte, weil das Tier sich durch heftige Abwehrbewegungen dem
Abstieg des Bonner Kreditverteilers widersetzte.“ Walter Scheel, der vierte deutsche
Bundespräsident, würde am 8. Juli 100 Jahre alt.
Scheel mit dem Bären. Quelle: https://djz.de/wp-content/uploads/sites/3/old_images/6346_13_20120416135953.jpg
Er habe „die undefinierbare Eigenschaft, sympathisch zu
sein“, schrieb Walter Henkels 1974 in einer Anekdotensammlung: „Was Adenauer
konnte, das kann auch Scheel: spielen.“ Es sei sein eigentliches Erfolgsrezept
gewesen, „stets unterschätzt zu werden“, meinte Stefan Dietrich in der FAZ. „Erst im Rückblick entpuppte sich
das Spielerische in Scheels Wesen als die hohe Kunst des Spiels um die politische
Macht – und seine Bonhomie als perfekte Tarnung eines ans Draufgängerische
grenzenden Wagemuts.“ Er bleibe als „sanguinische Frohnatur in Erinnerung“, so
Dietrich weiter, als „singender Präsident, der sein Amt in schwieriger Zeit … mit
rhetorischem Glanz und staatsmännischer Würde versah, auf unverkrampfte Weise
volkstümlich sein konnte, im Ausland eine gute Figur und der Politik wenig
Scherereien machte.“
„Wie kommst du hier heil raus?“
Geboren in Solingen als Sohn eines Stellmachers, absolviert
er 1938/39 nach dem Abitur eine Ausbildung zum Bankkaufmann bei der örtlichen
Volksbank. Sofort bei Kriegsbeginn wurde der 20-Jährige zur Luftwaffe eingezogen:
Als einer der „Nachtjäger“, die über Berlin verlustreich gegen die alliierten
Bomberflotten kämpften. Die wesentliche Frage, die ihn in den Jahren an der
Front bewegt hat, war nach eigenem Bekunden: „Wie kommst du hier heil raus?“
Als frisch gebackener Leutnant hatte er 1942 seine Jugendfreundin Eva
Kronenberg geheiratet, mit der er einen Sohn bekam – und war der NSDAP
beigetreten, ein Schritt, den er niemals richtig erklärt und begründet hat.
Bereits 1946 war er der neu gegründeten FDP in
Nordrhein-Westfalen beigetreten, später Stadtrat in Solingen geworden. Schon
1950 wurde Scheel Landtagsabgeordneter in Düsseldorf, während er zugleich als
Geschäftsführer verschiedener Unternehmen, darunter der Stahlwarenfabrik seines
Schwiegervaters, und schließlich als selbständiger Wirtschaftsberater tätig
war. Erfolg und Aufstieg verdankte er seinem wachen Geist, seinem „behutsamen
Umgang mit Menschen“ und einer aufs persönliche Fortkommen gerichteten Härte. 1953
wurde er in den Bundestag gewählt. Von 1958 bis 1961 saß er außerdem im
Europaparlament.
In Nordrhein-Westfalen, wo Scheel seit 1954 Landesvorstand
der FDP war, gehörte er zusammen mit Hans-Dietrich Genscher zu den sogenannten „Jungtürken“,
wie jüngere und radikalere Parteimitglieder damals genannt wurden – heute würde
man politisch korrekt von „Jungen Wilden“ sprechen. Sie arbeiteten daran, ihre
Partei auch als Koalitionspartner für die SPD attraktiv zu machen, während die
Liberalen zuvor in NRW und auf Bundesebene als Juniorpartner der Konservativen
aufgetreten waren. Sie waren es 1956, die den Wechsel der FDP zur SPD betrieben,
so das Ende der Landesregierung unter der CDU herbeiführten und auch die
Unionsmehrheit im Bundesrat zu Fall brachten.
Scheel 1956 auf einem FDP-Bundesparteitag. Quelle: https://cdn1.spiegel.de/images/image-135730-galleryV9-qgtj-135730.jpg
Konrad Adenauer hinderte das nicht, Scheel 1961 in sein
Kabinett aufzunehmen. Für ihn wurde das Ministerium für wirtschaftliche
Zusammenarbeit geschaffen, das er auch noch im ersten und zweiten Kabinett
Erhard führte – ein neues Feld, das die Bundespolitik im zu Ende gehenden
Zeitalter des Kolonialismus entdeckt und beackert hat. Zugleich war er mit 42 der
Benjamin im Kabinett. Schon ein Jahr danach trat er mit den vier Ministern der
FDP vorübergehend zurück, um den von der „Spiegel“-Affäre belasteten
Verteidigungsminister Franz-Josef Strauß zum Rückzug zu zwingen. Das Manöver
war erfolgreich. 1966 – dem Jahr, in dem Scheels Frau an Krebs starb – traten
die FDP-Minister erneut zurück, da sie nicht einverstanden waren, das
Haushaltsdefizit und die wachsende Staatsverschuldung im Bundeshaushalt 1967
mit einer Steuererhöhung zu bekämpfen. Der neue Kanzlerkandidat Kurt Georg
Kiesinger konnte sich mit der FDP nicht einigen, wohl aber mit der SPD unter
Willy Brandt.
„Ohne ihn einen
anderen Weg gegangen“
In der folgenden Zeit der Großen Koalition war es wiederum
Scheel, der aus der Opposition heraus die Annäherung der FDP an die SPD in drei
Schritten vorbereitete. Der erste: er verdrängte Erich Mende, der auch
öffentlich sein Ritterkreuz aus dem Zweiten Weltkrieg trug, von der
Parteispitze und läutete den Wechsel vom National- zum Sozialliberalismus ein. Der
zweite: Am Vorabend der Bundesversammlung schwor er die Wahlmänner und -frauen
der FDP erfolgreich auf den SPD-Präsidentschaftskandidaten Gustav Heinemann ein;
und, als dritter, legte er im Jahr darauf seine Partei schließlich auf eine
Koalition mit der SPD fest.
Dass er die FDP und sich selbst als Vorsitzenden damit an
den Rand des Abgrunds brachte, war ihm wohl bewusst: „Aber wer nur fasziniert
der Wählermeinung nachläuft und nicht die Kraft zu einer politischen Entscheidung
aufbringt, der wird auf Dauer eben kein stabiler und respektabler Faktor in der
Politik sein“, sagte er eine Woche nach der Wahl Heinemanns. Eine
Austrittswelle dezimierte und schwächte die kleine Partei, bei der folgenden
Bundestagswahl kamen die Freien Demokraten nur knapp über die
Fünf-Prozent-Hürde. Aber es reichte, um den Grund zu legen für eine 29 Jahre währende
Regierungsbeteiligung seiner Partei.
Denn während Genscher noch bei Helmut Kohl die Bedingungen
für ein Regierungsbündnis mit der CDU/CSU sondierte, Bundeskanzler Kurt Georg
Kiesinger schon Glückwünsche von US-Präsident Nixon zur Wiederwahl bekam, hatte
sich Scheel mit Brandt sich trotz hauchdünner Mehrheit noch in der Wahlnacht
telefonisch auf ein SPD/FDP-Kabinett verständigt. Nicht nur, dass nach dieser
nächtlichen Grundsatzentscheidung zum ersten Mal seit Gründung der
Bundesrepublik die CDU/CSU nicht mehr den Kanzler stellte. Scheel war auch der
erste Freie Demokrat, der das Auswärtige Amt für sich beanspruchte, das dann 28
Jahre lang eine Domäne der FDP war.
Walter Scheel, Willy Brandt und Katharina Focke auf dem Haager Gipfel. Quelle: https://www.cvce.eu/content/publication/2007/8/3/259eeb30-2099-493f-9d01-cdbec5e4878f/publishable.jpg
Als weitgereister ehemaliger Entwicklungshilfeminister
brachte er dafür einige Erfahrungen mit. Ausschlaggebend für Brandt aber dürfte
gewesen sein, dass er in Scheel einen überzeugten Verfechter der „neuen
Ostpolitik“ an seiner Seite hatte, dem die Verständigung mit den Nachbarn ein
ebenso politisches wie persönliches Anliegen war. In den Regierungsjahren 1969
bis 1974 gestaltete Scheel die deutsche Entspannungspolitik mit und rang – zum
Beispiel – dem sowjetischen Außenminister Gromyko bei der Formulierung der
Ostverträge ab, dass statt der „Unveränderbarkeit“ der Grenzen in Europa nur
deren „Unverletzbarkeit“ festgeschrieben worden sei – das geschah, so Scheel, „am
vierzehnten Loch des Golfplatzes in Kronberg“. Und mit dem von ihm verfassten
„Brief zur deutschen Einheit“ erreichte er das Zugeständnis, dass die
gegenwärtige und alle künftigen Bonner Regierungen die friedliche und
freiwillige Vereinigung beider deutschen Staaten anstreben dürften, ohne damit
vertragsbrüchig zu werden.
Der Kalte Krieg zwischen Ostblock und den Westmächten hielt
die Menschen mit Wettrüsten und einem „Gleichgewicht des Schreckens“ gefangen.
Mit ihrer Entspannungspolitik stellten Brandt und Scheel die Weiche in die
Richtung, die letztlich zur Wiedervereinigung von West- und Ostdeutschland
führen würde. „Ohne ihn wäre unsere Republik vermutlich einen anderen und
schwereren Weg gegangen“, schrieb Klaus von Dohnanyi rückblickend im SPIEGEL. In dieser Zeit entwickelte
Scheel mit anderen Partei-Intellektuellen auch die „Freiburger Thesen“, auf
deren Grundlage die FDP 1971 die wirtschaftsliberale Ausrichtung ihres
Parteiprogramms änderte hin zu einem Liberalismus, der stärker für
Menschenwürde durch Selbstbestimmung und sogar eine Reform des Kapitalismus
eintrat.
Scheel war 1971 der erste deutsche Außenminister, der Israel
besuchte, und unterzeichnete 1972 den Grundlagenvertrag zwischen der BRD und
der DDR. Ein wichtiger Erfolg war auch seine Reise in die Volksrepublik China,
während der die Aufnahme diplomatischer Beziehungen beschlossen wurde, sowie
die Aufnahme der Bundesrepublik Deutschland in die UN 1973 – dem Jahr, in dem
er die Bevölkerung mit seiner Interpretation von „Hoch auf dem gelben Wagen“
beglückte. Die Platte zugunsten der „Aktion Sorgenkind“ mit dem Düsseldorfer
Männergesangverein wurde bis zum Frühjahr 1974 über 300.000 Mal verkauft. Daneben
publiziert er bis 2010 auch politische Bücher und Aufsätze.
Dass Bundespräsident Heinemann auf eine zweite Amtszeit
verzichten und die SPD gleichzeitig durch den Rücktritt Brandts in der
Guillaume-Affäre in eine schwere Führungskrise stürzen würde, hatte niemand
voraussehen können. Scheel aber ergriff die Gelegenheit, sich selbst 1974 um
das Amt des Bundespräsidenten zu bewerben. Nicht einmal sein eigener
Parteivorstand war auf Anhieb begeistert von dieser Kandidatur. Er gewann schließlich
gegen Richard von Weizsäcker und trat am 1. Juli 1974 sein Amt als vierter und
bis heute jüngster deutscher Bundespräsident an.
„Hitler war kein
Schicksal“
Noch als Außenminister hatte er seinen Witwer-Status geändert
und die alleinerziehende Mutter Mildred Wirtz geheiratet, eine Röntgenärztin,
die ihm nach einer Nierensteinoperation das Leben rettete. Somit hatte
Deutschland die erste Patchwork-Familie im Bundespräsidentendomizil: Beide
bekamen noch eine Tochter, Andrea, und adoptierten einen bolivianischen
Indianerjungen. Mildred war unabhängig, lachte und feierte gern und wurde drei
Mal zur Frau des Jahres gewählt, aber auch einmal zur schlechtangezogensten
Frau des Jahres, sehr zu ihrem Amüsement. Sie gründete 1974 die deutsche
Krebshilfe und starb 11 Jahre später, international hochgeschätzt, selbst an
Darmkrebs.
Die Bilanz von Scheels Amtszeit ist ambivalent. Als
oberflächlicher „Bruder Leichtfuß“ galt er, viele störten sich an seiner
chronisch guten Laune, seinem steten Frohsinn, seiner konstanten Heiterkeit.
Argwöhnisch beobachteten selbst viele Liberale, aber auch etliche Journalisten
Scheels Hang zum Genuss, seine Vorliebe für weite Reisen, die Jagd, das
Golfspiel, aber auch teure Zigarren, exquisite Küche, exklusive Mode: bereits
1969 wurde er als „Krawattenmann des Jahres“ ausgezeichnet, zum Dekorieren
eines Empfangs in Moskau ließ er eine eigene Floristin einfliegen. Unvergessen,
dass er als Bundespräsident bei einem Besuch in Mali statt mit der deutschen
Nationalhymne mit seiner Version von „Hoch auf dem gelben Wagen“ empfangen
wurde. 1976 weigerte er sich, die Wehrpflicht-Novelle zu unterzeichnen, mit der
die Gewissensprüfung abgeschafft werden sollte, weil bei der Verabschiedung der
Bundesrat übergangen worden war.
Vor allem aber gewann er als Redner Kontur. So wehrte er zum
30. Jahrestag des Kriegsendes 1975 mit dem Satz „Hitler war kein Schicksal, er
wurde gewählt“ Versuche ab, das deutsche Volk als Opfer der Nationalsozialisten
darzustellen. Und er gab den demokratischen Institutionen auf dem Höhepunkt des
linksextremistischen Terrors im „Deutschen Herbst“ 1977 Rückhalt. In seiner
bewegenden Rede auf der Trauerfeier für den ermordeten Arbeitgeberpräsident
Hanns Martin Schleyer bat er die Angehörigen „im Namen aller deutschen Bürger“
um Vergebung, plädierte aber auch dafür, die Feinde der Verfassung nicht rechtlos
zu stellen.
Der „Mister Bundesrepublik“ (Arnulf Baring) ging 1979 in den
Ruhestand. Der französische Politologe Alfred Grosser bilanzierte, Scheel habe
die „Legende vom bösen Deutschen“ widerlegt. Günter Grass, der politische Barde
der sozialliberalen Koalition, hatte, gar nicht angetan von der Personalie,
beim Amtsantritt noch gewettert: Die Bundesrepublik brauche „einen unbequemen
Präsidenten“, nicht einen, „der sich mit einer Schallplatte legitimiert und
volkstümelt“. Fünf Jahre später sah er sich gezwungen, Scheel als „liberale
Gegenkraft“ zu würdigen; ausersehen, „die Gesellschaft in eine neue
Entwicklungsphase“ zu leiten. Für eine Wiederwahl hätte er die Stimmen der Union
gebraucht, die ihm aber seinen Anteil am Machtwechsel 1969 nicht vergessen
hatte. So kandidierte er nicht erneut.
Scheel wurde Ehrenvorsitzender der FDP, übernahm etliche Ämter
vom Thyssen-Aufsichtsrat bis zum Kuratoriumsvorsitzenden der Friedrich-Naumann-Stiftung
und meldete sich immer wieder auch zu politischen Entwicklungen zu Wort. So nutzte
er 1986 seine Bundestags-Festrede zum 17. Juni nicht nur zu einem Verständnisplädoyer
für die Sowjetunion, sondern auch zu einem Realismusplädoyer wider die deutsche
Einheit. Auch als Fernseh-Talkmaster hat er sich versucht, fiel aber beim
Publikum durch. Ab 1995 entwickelte sich Scheel dann zu einem Kritiker der
Regierungskoalition seiner Partei mit der Union und empfahl, zur Not lieber in
die Opposition zu gehen. Nicht ohne Stolz meinte er „Es gibt überhaupt keinen
Draht in dieser Bundesrepublik, an dem ich nicht irgendwie gezupft hätte.“
Ende 2008 zog Scheel mit seiner dritten Frau Barbara – eine
Physiotherapeutin, die er 1988 geheiratet hatte – aus der Hauptstadt, wo er ein
eifriger Partygänger und gern gesehener Gast bei vielen kulturellen Events war,
ins badische Bad Krozingen nahe der Schweizer Grenze. Seit 2012 lebte er –
inzwischen an Demenz erkrankt – in einem Pflegeheim. Zuletzt sorgten Gerüchte
um einen unehelichen Sohn sowie ein veritabler Familienstreit für Schlagzeilen.
So beantragte Tochter Cornelia 2014 vor Gericht, ihrem demenzkranken Vater
sollte ein Betreuer zur Seite gestellt werden. Sie befürchtete, dass ihre
Stiefmutter Barbara dem Vater erheblich schaden könnte. Das Gericht folgte dem
Antrag, es wurde ein zusätzlicher Betreuungskontrolleur verfügt. Auch sonst
sorgte Barbara Scheel immer mal wieder für Wirbel. So nannte sie Philipp Rösler,
einen von Scheels Nachfolgern als FDP-Chef, einen „grinsenden Chinesen“ und bezeichnete
ihn gar als „die Rache des Vietcong an der deutschen Innenpolitik“. Im Sommer
2014 wurden Scheels Büro in Bad Krozingen und der Leasingvertrag für den Dienst-Phaeton
aufgelöst, den Barbara eigentlich nicht ohne ihren Mann nutzen durfte.
Walter Scheel besucht als Bundespräsident die Zeche Erin in Castrop-Rauxel. Quelle: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/a/af/Bundesarchiv_B_145_Bild-F045175-0007%2C_Castrop-Rauxel%2C_Bundespr%C3%A4sident_besucht_Bergwerk.jpg
Der letzte Minister, der noch in den Kabinetten von Konrad Adenauer und Ludwig Erhard gedient hatte, und zugleich letzte Politiker aus der Gründergeneration der FDP starb im In- und Ausland hochgeehrt am 24. August 2016 im Alter von 97 Jahren und wurde nach einem Staatsakt auf dem Waldfriedhof Zehlendorf in Berlin beigesetzt. Sein Amtsnachfolger Joachim Gauck würdigte ihn als „lächelndes Gesicht der Entspannung“, als einen „Pfadfinder unserer Republik“, der es verstand, „in einem für unbegehbar gehaltenen Gelände Wege“ zu finden. So ein Pfadfinder täte der Republik heute gut.
Die Entscheidung am 25.Juni in Sevilla fiel mit 14 zu 5 bei 2 ungültigen Stimmen überaus eindeutig: Das Dresdner Elbtal verliert den UNESCO-Welterbestatus. „Das ist ein sehr trauriger Moment“, sagte die Präsidentin des Gremiums, María Jesús San Segundo, dem SPIEGEL. Es sei ein großer Verlust, wenn man das Welterbe aberkenne. Damit ist Dresden nach einem Naturschutzgebiet im arabischen Oman weltweit erst die zweite Stätte, die von der Liste gestrichen wurde.
Die Aberkennung hatte auch finanzielle Folgen: Dresden erhielt kein Geld mehr aus einem 150 Millionen Euro schweren Förderprogramm für deutsche Welterbestätten. Doch die Blamage gerade fünf Jahre nach der Verleihung des Titels war eine mit Ansage und hatte viel mit der teuersten Stadtbrücke Deutschlands zu tun: der Waldschlößchenbrücke, die den „Landschaftsraum des Elbbogens an seiner empfindlichsten Stelle irreversibel in zwei Hälften“ teilt, so die UNESCO.
Der Brückenstandort war seit dem 18. Jahrhundert umstritten. Denn immer wieder ist es dieselbe Perspektive von der alten Hirschtränke unterhalb der Villa „Waldschlösschen“, an der die Schwärmer für den Elbtalblick – neben Malern auch Dichter, Philosophen, Bildhauer, Architekten und Diplomaten – ihre Loblieder anstimmten und ihre Staffeleien aufstellten. Um eine Bebauung, ja auch nur die Aufstellung von Reklameschildern an diesem Ort zu verhindern, hatten die Dresdner Stadtverordneten noch 1908 die Waldschlößchenwiesen für 400.000 Goldmark aus Privathand angekauft – und zwar ausdrücklich mit der Zielsetzung, dass „der einzigartige, herrliche Aussichtspunkt auf die Stadt und ihre Umgebung für alle Zeiten in städtisches Eigentum gebracht und gesichert“ werde.
Alte Waldschlößchen-Terrasse. Quelle: https://www.ansichtskartenversand.com/shop/ak/79/7985305/Luna-AK-Dresden-Neustadt-Restaurant-Waldschloesschen-Terrasse.jpg
Erst den Nazis blieb es vorbehalten, mit diesem Grundsatz zu brechen: 1937 nahmen sie den Hang am Waldschlösschen als Brückenstandort in ihren Hauptverkehrsplan auf. Es waren diese Pläne, die in der DDR nach einer Schamfrist Wiederauferstehung feierten und zeitweise in Brückenprojekten mit acht Fahrspuren und dem Abriss ganzer Stadtquartiere mündeten. Noch kurz vor der Wiedervereinigung wurden dann die Planungen 1989 in einem Architektenwettbewerb konkretisiert. Danach sollte die Elbtalaue an ihrer breitesten Stelle von einer Schrägseilbrücke des Autobahnbaukombinats mit linkselbischem Pylon überspannt werden – ein ähnliches Bauwerk wurde 2011 elbabwärts in Nie-derwartha eingeweiht. Doch die neu gewählten Volksvertreter nahmen die zusätzliche Elbquerung nur in ihre Programme auf, verwarfen den Siegerentwurf aber als „anachronistisch“.
„nicht besonders hochwertiges Ingenieurbauwerk“
Von diesem Augenblick an datiert das endlose Ringen um eine Lösung für die Elbquerung, die der Landschaft keine Gewalt antut und den Verkehrsbelangen Rechnung trägt. Eine schicksalhafte Bedeutung kommt dabei der conditio sine qua non zu, die der sächsische Wirtschaftsminister Kajo Schommer (CDU) im November 1995 formuliert hatte: Die sächsische Landesregierung werde keine andere Flussquerung fördern als eine Brücke am Waldschlößchen. Damit waren Tunnellösungen und auch ein „Mehrbrückenkonzept“ für mehrere kleinere, aber weniger landschaftsbelastende und in der Summe billigere Brücken von vornherein ausgeschlossen. Artig beschloss der Dresdner Stadtrat im Sommer 1996 den Brückenbau am Waldschlößchen. Ein Wettbewerb wurde ausgelobt.
Ein Berliner Büro setzte sich unter den 27 eingereichten Entwürfen durch und gewann den 1. Preis samt 75.000 Mark. Sein Entwurf sah eine Stahlkonstruktion von 635 Metern Länge mit einem Bogen in der Spannweite von 145 Metern und einem sich anschließenden Landtunnel von 400 Metern Länge vor. Veranschlagt mit 156 Millionen Euro – 96 Millionen steuert der Freistaat Sachsen zu der Bausumme zu, 46 Millionen muss die Stadt Dresden aufbringen – sollten es schließlich 180 Millionen werden. Im jahrelangen Ringen um Korrekturen sind zuerst zusätzliche Lärmschutzmaßnahmen, dann eine Geschwindigkeitsbeschränkung sowie schließlich eine „Verschlankung“ der Konstruktion verordnet worden. An der optischen Wirkung des Bauwerks änderte sich nichts.
Parallel wurde das Projekt Welterbe in Angriff genommen und, weil Dresdens rekonstruierte Altstadt mangels Authentizität kaum Welterbe-Chancen hatte, der wohlbegründete Antrag seinerzeit auf die gesamte „sich entwickelnde Kulturlandschaft Elbtal“ von Schloss Übigau bis Schloss Pillnitz ausgeweitet: 20 Kilometer Flussufer. Im Juli 2004 war der Antrag erfolgreich. Am 27. Februar 2005 sprechen sich bei einem Bürgerentscheid knapp 68 Prozent der Dresdner für den Bau in der vorliegenden Form aus. Die UNESCO wird jetzt auf den Entwurf aufmerksam. Im Juli 2006 wurde Dresden ob des Brückenentwurfs bereits auf die Rote Liste der gefährdeten Weltkulturstätten gesetzt – prompt stimmte am 10. August der Stadtrat gegen den Bau. Das Land Sachsen dagegen beharrt auf dem Vorhaben.
Bei einer Abstimmungsbeteiligung von 50,8 %, d.h. marginal mehr als der Hälfte der Stimmberechtigten, hatten an diesem Tag aber weniger als 40 % aller Dresdner dafür gestimmt. Erst im Nachhinein erwiesen sich Spreng- und Rechtskraft dieses Bürgerentscheids. Im Juni 2007 scheitert Dresden vor dem Bundesverfassungsgericht mit einer Klage gegen den vom Freistaat angeordneten Bau: Die Richter bescheinigten dem Bürgerentscheid einen höheren Rang als den völkerrechtlichen Verpflichtungen der Bundesrepublik Deutschland aus der von ihr selbst mit entworfenen und 1972 unterzeichneten UNESCO-Konvention. Der Hamburger Architekt Volkwin Marg, damals Juryvorsitzender, spricht im Nachhinein in der WELT von einer „offensichtlichen Manipulation des Wunsches der Bürger nach besseren Verkehrsverbindungen zu einem Plebiszit für den Brückenbau“. Dankwart Guratzsch schrieb in der WELT gar von einem „Sieg der Autolobby“.
Marg galt später als vehementer Verfechter einer Tunnellösung. Neben ihm hatten sich auch die Stararchitekten Santiago Calatrava und Sir Norman Foster geweigert, Brückenentwürfe für die Waldschlößchenquerung vorzulegen. Unter Fachleuten hatte der Entwurf wenig Zustimmung gefunden. Marg spricht von einem „nicht besonders hochwertigen Ingenieurbauwerk“, die Landschafts- wie auch die Tiefbauarchitekten der Bundesarchitektenkammer nennen den Entwurf „dramatisch schlecht“.
„keine gute Nachricht“
Anknüpfend an den von Startrompeter Ludwig Güttler mit initiierten „Ruf aus Dresden“ zum Wiederaufbau für die Frauenkirche von 1990 hatten Bürgerinitiativen 2007 wiederum mit Güttler unter dem Titel „Erneuter Ruf aus Dresden“ eine Schrift gegen die Errichtung der Brücke veröffentlicht, um den Welterbestatus zu retten. Er verhallte ungehört, im November desselben Jahres starteten trotz Mahnungen der Welterbe-Hüter und diverser artenschutzrechtlicher Bedenken die Bauarbeiten.
Brückenprotest in Dresden. Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Dresdner_Br%C3%BCckenstreit#/media/File:Welterbedemo250307.jpg
Ein Bürgerbegehren gegen die Brücke und für einen Tunnel, für das bereits 50.000 Stimmen gesammelt worden waren, ließ die sächsische Regierung im April 2008 scheitern – einmalig in der 200-jährigen Geschichte des deutschen Denkmal- und Naturschutzes überhaupt, einmalig auch in der Geschichte der UNESCO und des von ihr erfassten Weltkulturerbes. „Der Verlust des Welterbetitels ist verkraftbar“, befand Ministerpräsident Georg Milbradt (CDU). Mit Blick auf die verfahrene Situation trat das Dresdner „Kuratorium Welterbe“ am 20. Juni 2008 zurück.
Die – erwartete – Entscheidung von Sevilla zog den Schlussstrich unter einen Streit, der weit über Sachsens Landeshauptstadt hinaus die deutsche Kulturszene und Gesellschaft aufgewühlt hatte. Nahezu 20 Berufsgruppen, Spitzenverbände des Kulturlebens, mehrere Bundesminister und Gerichtsinstanzen waren damit befasst, ja sind es teilweise bis heute: Erst im Sommer 2016 entschied das Bundesverwaltungsgericht, dass der Planfeststellungsbeschluss zum Brückenbau teilweise rechtswidrig war, und ordnete erneute Artenschutzprüfungen an, setzte dafür aber keine Fristen fest.
Noch vier Wochen vor der UNESCO-Entscheidung hatten acht namhafte Künstler, darunter Günter Grass, Martin Walser und Wim Wenders, Bundeskanzlerin Angela Merkel in einem offenen Brief zum schnellen Eingreifen aufgefordert. Für die acht steht nichts Geringeres als „der Ruf unseres Landes als Kulturnation“ auf dem Spiel. „Wir befürchten, dass der bisher nicht gestoppte Frevel an einem einzigartigen Kulturerbe wie dem des Dresdner Elbtals vieles von diesem Ansehen zunichtemacht“, schreiben sie.
Umsonst. Mit Blick auf die Kaufbegründung vor 100 Jahren hätten sich die Dresdner die aktuelle Begründung selbst geben können: „Die Elbwiesen bilden hier eine nahezu hindernisfreie Auenfläche mit nur wenigen eingestreuten Bäumen, wodurch sich inmitten der Großstadt Dresden ein einmaliger Eindruck landschaftlicher Weite ergibt, die nur dort zur Wirkung kommen kann, wo sie nicht unmittelbar an Grenzen stößt. Dieses eindrückliche Landschaftserlebnis wird durch die bogenförmige Krümmung des Talraums verstärkt, weil die baulichen Konturen der benachbarten Ortsteile in den Hintergrund treten und sich der Eindruck von unendlicher Landschaft ergibt.“ Genau dieses Erlebnis macht der Brückenklotz zunichte.
Die Reaktionen fielen entsprechend aus. Bundesbauminister Wolfgang Tiefensee (SPD) sprach im SPIEGEL von einem „schwarzen Tag für Dresden und die Kulturnation Deutschland.“ Er bedaure sehr, dass es dazu gekommen sei. Es sei mehr als genug Zeit für Sachsen und die Stadt Dresden gewesen, mit der UNESCO zu einem Kompromiss zu gelangen. Schon eine grundsätzlich andere Brückenlösung hätte genügt, kritisierte Tiefensee. Die Stadt Dresden müsse nun beweisen, „dass ihr Bekenntnis zu diesem Kulturdenkmal nicht nur ein Lippenbekenntnis war.“ Kulturstaatsminister Bernd Neumann (CDU) hob im selben Blatt ebenfalls den Zeigefinger:
„Ich kann daher nur an Länder und Kommunen appellieren, die UNESCO bei Bauvorhaben rechtzeitig zu informieren und zu beteiligen. Dann können bereits im Vorfeld Konflikte entschärft werden“.
Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier sagte der Sächsischen Zeitung: „Die Entscheidung des Welterbekomitees ist keine gute Nachricht.“ Auch die Deutsche UNESCO-Kommission hat die Streichung des Dresdner Elbtals von der Welterbeliste bedauert. „Die Entscheidung kommt leider nicht völlig überraschend. Ich hätte mir sehr viel mehr Offenheit auf beiden Seiten für eine Veränderung der Brückenpläne gewünscht“, erklärte Präsident Walter Hirche (FDP), im SPIEGEL. Der sächsische Staatssekretär im Bundeswirtschaftsministerium, Jan Mücke (FDP), entblödete sich dagegen nicht, den Beschluss mit dem Ausruf „Dresden ist Welterbe der Herzen“ zu feiern.
„Auszeichnung für ganz Schleswig-Holstein“
Ganz anders dagegen ging das Gremium auf derselben Sitzung mit dem deutsch-niederländischen Gemeinschaftsantrag um, das Wattenmeer zum Welterbe der Menschheit erklären zu lassen. Dazu gehören das niederländische Wattenmeer-Schutzgebiet sowie die deutschen Wattenmeer-Nationalparks in Niedersachsen und Schleswig-Holstein: mehr als 9500 Quadratkilometer. Das Komitee würdigte das Gebiet „als eines der größten küstennahen und gezeitenabhängigen Feuchtgebiete der Erde“. Es sei ein einzigartiges Ökosystem mit einer besonderen Artenvielfalt.
„Die Entscheidung des Komitees, den einzigartigen Wert des Wattenmeers als Welterbe anzuerkennen, verleiht den Bemühungen um die weltweite Vernetzung von Kultur- und Naturerbe neuen Auftrieb“, sagte nun Hirche. Der einzigartige Lebensraum stand nun auf einer Stufe mit Naturwundern wie dem Great Barrier Reef vor Australien, dem Grand Canyon in den USA, den Galapagos-Inseln vor Ecuador oder dem Serengeti-Nationalpark im afrikanischen Tansania.
„Das ist eine Auszeichnung für ganz Schleswig-Holstein“, sagte Ministerpräsident Peter Harry Carstensen (CDU) in Kiel. „Die Anerkennung ist eine große Ehre für die Länder an der deutschen Nordseeküste sowie ein Meilenstein und Ansporn für die gemeinsamen internationalen Bemühungen für den Schutz des Wattenmeeres.“ Für Niedersachsens Umweltminister Hans-Heinrich Sander (FDP) wurde mit der UNESCO-Entscheidung der Einsatz der Wattenmeeranrainer zum Schutz dieses einzigartigen und faszinierenden Lebensraumes honoriert.
„Naturschutz hat bei uns eine Tradition, die annähernd 100 Jahre zurückreicht. Mit der Anerkennung nehmen wir den Auftrag an, dieses Erbe auch für die folgenden Generationen zu erhalten.“
Dass der eine Ministerpräsident die Küste pars pro toto für das ganze Land sprechen lässt, während der andere seine Landeshauptstadt quasi separiert, lässt auf Unterschiede zwischen Ost und West schließen, die 20 Jahre nach der Einheit immer noch deutlich zutage traten. Und anders als die Sachsen brauchten die Nordländer immerhin 18 Jahre vom Bewerbungs- bis zum Anerkennungsbeschluss. Das lässt auf die Richtigkeit der Volksweisheit „Gut Ding will Weile haben“ schließen – in Dresden war es offenbar ein Schlecht Ding.
Das Beispiel Dresden zeige aber auch, dass man den Schutz dieses Welterbes nicht leichtfertig gefährden dürfe, sagte Sander weiter. Das lässt auf die Rolle von Demut sowie des Schutzgedankens schließen; eine Rolle, die Eigenschaften wie Selbstverliebtheit, ja Hochnäsigkeit in ihre Schranken wies – andernfalls hätte ja ein Dialog mit der UNESCO, ja ein wie auch immer gearteter Kompromiss zustande kommen können, wie Tiefensee und Naumann konsensual monierten. Vielleicht zeigt der parallele Vorgang aber auch einfach, dass die Dresdner ihre identifikative Sonderrolle schon damals etwas überstrapazierten. Daran hat sich bis heute, leider, wenig geändert.
Derzeit versuchen die Dresdner übrigens wieder, auf die deutsche Vorschlagsliste für neue UNESCO-Welterbestätten zu kommen: mit dem Gartenstadt-Ensemble Hellerau als „Laboratorium einer neuen Menschheit“. Das Unterfangen, als aussichtslos eingeschätzt, wurde schon 2014 von der Kultusministerkonferenz zurückgewiesen. Ganz anders dagegen der Antrag der Montanregion Erzgebirge/Krušnohoří, der zum Stichtag 1. Februar 2018 im Welterbezentrum in Paris vorlag, wie das Gremium mitteilte. Das Welterbekomitee wird voraussichtlich noch diesen Sommer über eine Aufnahme in die Welterbe-Liste entscheiden. Sollten die Dresdner nicht bleibende Imageschäden für Sachsen hinterlassen haben, könnte der Antrag sogar erfolgreich sein.
Allein ihre Herkunft bietet genug Stoff, diese Frau mit
wilden, verbrecherischen und leidenschaftlichen Zügen zu malen. Im freizügigen
Rom der Renaissance war es zwar keine Seltenheit, dass kirchliche Würdenträger Kinder
zeugten. Man nannte sie beschönigend „nipoti“ (Neffen) – sie verkehrten im
Vatikan und bereicherten die Sprache durch den neuen Terminus „Nepotismus“
(Günstlingswirtschaft): Die Geistlichen vergaben an sie Pfründe oder
Kardinalstitel. Wie wild es aber Kardinal Rodrigo Borgia aus dem spanischen
Valencia trieb, dessen Familie mit seinem Onkel Calixtus III. bereits einen
Papst gestellt hatte, stellte alles in den Schatten, was der skandalträchtige
Vatikan bislang erlebte: Er zeugte mit mehreren Frauen zehn Kinder und führte
damit jedes Zölibat ad absurdum.
Seine Favoritin Vanozza de’ Cattanei, eine nicht mehr junge und durchaus vermögende Herbergswirtin, gebar ihm allein vier Nachkommen: Cesare, Juan, später noch Jofré – und am 18. April 1480 die Tochter Lucrezia. Anfangs von Nonnen eines dominikanischen Frauenklosters unterrichtet, verbrachte sie ihre frühe Kindheit vermutlich bei ihrer Mutter und wurde mit acht Jahren ins Haus von Adriana de Mila geschickt, einer Cousine ihres Vaters, um dort einen adligen Schliff zu bekommen. Sie wird von Privatlehrern in Latein, Griechisch, Malen, Musik, Tanz und im Schmieden von Versen unterrichtet und am Ende Italienisch, Spanisch und Französisch sprechen.
Rodrigo Borgia, der diese vier Kinder über alles liebte und
oft besuchte, war vernarrt in seine überaus hübsche Tochter, die sich später
als Erwachsene wie ihr Vater als charmant, hochintelligent, beredt und diplomatisch
geschickt erwies. Gleichwohl verstand er unter ihrem Glück nur das, was der Familie
nützte. Oder, wie Ferdinand Gregorovius, einer ihrer Biographen, schrieb: „Wenn
sie nicht seine Tochter und die Schwester Cesares gewesen wäre, so würde sie
kaum in der Geschichte ihrer Zeit bemerkt worden sein … Doch in den Händen
ihres Vaters und Bruders wurde sie das Werkzeug und auch das Opfer von
politischen Berechnungen, welchen sie Widerstand entgegenzusetzen kaum die
Kraft besaß.“
„ihr Hals ist schlank
und schön“
Denn bei aller Bildung lautet auch in der Renaissance die
Faustregel: Frauen sollen mit ihrem Wissen niemals die Männer überflügeln und
früh eine für ihre Familie politisch vorteilhafte Ehe eingehen. So wurde Lucrezia
bereits mit 10 Jahren mit dem Grafen von Oliva, Don Cherubin de Centelles,
verlobt. 1491 löste ihr Vater diese Verbindung jedoch, um seine Tochter im
selben Jahr per procurationem mit dem Grafen Gasparo von Procida und Aversa zu
verheiraten. Bevor diese Ehe aber körperlich vollzogen werden konnte, wurde sie
schon im selben Jahr mit päpstlichem Dispens wieder gelöst.
Denn am 10. August 1492 hatte das Kardinalskollegium Borgia
zum Papst gewählt – hohe Bestechungssummen sollen zuvor geflossen sein. Der
neue Pontifex nannte sich Alexander VI. und erklärte seine unehelichen Kinder
für legitim – ein Novum. Die blonde Lucrezia, schon halbwüchsig eine Schönheit,
diente dem Papst als Lockmittel für seine politischen Pläne, in Italien ein
Borgia-Reich zu errichten: Angeblich wird sie einem Kardinal als „Belohnung“
für seine Stimmabgabe überlassen. Bereits 1493 wird sie mit Giovanni Sforza aus
der mächtigen Mailänder Herzogsfamilie verheiratet, die Alexanders Papstwahl
unterstützt hatte. Der bei seinen Untertanen reichlich unbeliebte Sforza wollte
angeblich nichts von einer Aufnahme der ehelichen Beziehungen mit seiner erst
13-jährigen zweiten Frau wissen; die Ehe wurde 1497 für ungültig erklärt, weil
Sforza zeugungsunfähig sei.
Tatsächlich war er, der schon am Tod seiner ersten Frau durch Misshandlung nicht ganz unschuldig gewesen sein soll, in ein Mordkomplott gegen ihren zweiten Bruder Juan Borgia verwickelt. Gerüchte besagen, auch Lucrezia habe dabei mitgewirkt. Hintergrund war das äußerst innige Verhältnis zu ihrem Bruder Cesare, der Juan als Konkurrent um die Gunst des päpstlichen Vaters beseitigen ließ. Im Zuge der erzwungenen Scheidung erkennt Biograf Volker Reinhardt in Lucrezia eine ungewöhnliche Charakterstärke. Sie zog sich gegen den Willen ihres Clans in ein Kloster zurück: „Alle Indizien deuten darauf hin, dass ihr die stetig zunehmende Gewalt der Familie und die immer krasseren Normenübertretungen und Tabubrüche zuwider waren.“
Cesare Borgio. Porträt von Dosso Dossi, ca. 1518. Quelle: https://i.pinimg.com/474x/9f/27/89/9f27899c1d22ed7e093e83cd6e4d5d8e–the-borgias-self-portraits.jpg
Problematisch war allerdings Sforzas spätere Behauptung, seine
Ehe wäre nur unter Druck und nur aufgelöst worden, damit ihr päpstlicher Vater
und ihr Bruder Cesare ungestört Blutschande mit Lucrezia treiben könnten. Diese
Behauptung, aufgestellt von einem im Stolz verletzten Manne, sollte Lucrezia
bis zu ihrem Tode und weit darüber hinaus verfolgen. Nahrung erhielt sie noch
im selben Jahr: Lucrezia soll eine Affäre mit Perotto, einem Kämmerer ihres
Vaters, gehabt und im Geheimen ein Kind namens Giovanni zur Welt gebracht
haben.
Prompt sprießen Gerüchte, dass das Kind aus einer
Inzest-Verbindung mit ihrem Bruder Cesare oder gar ihrem Vater entstanden sei –
zwei päpstliche Bullen legen das nahe, nicht aber ihre Mutterschaft. Lucrezias
Biografin Maria Bellonci weist das zurück und erklärt das Geheimnis dieser
Liebe sowie diese Geburt zum einschneidendsten Ereignis in ihrem Leben: „Es hat
ihren Geist und Charakter wesentlich geformt“. Ihr Lieblingsbruder Cesare, den kein
geringerer als Niccolo Machiavelli zum Inbegriff des grausamen Renaissance-Fürsten
stilisiert hat, soll den Kindsvater erstochen haben.
Monatelang
zurückgezogen
Legendenumwittert ist auch ihre 1498 geschlossene nächste
Ehe mit dem 17-jährigen Don Alfonso, einem unehelichen Sohn von König Alfonso
II. von Neapel. Lucrezia, die sich nun Herzogin von Bisceglia nennen durfte,
war entzückt von ihrem mittlerweile dritten Gatten, der als einer der schönsten
Männer Italiens galt. Und auch Alfonso soll sich sofort in seine schöne und
charmante Gemahlin verliebt haben. Der Gesandte Niccolò Cagnolo aus Parma
beschrieb sie: „Sie ist von mittlerer Größe und anmutiger Gestalt, ihr Gesicht
ist eher lang, die Nase schön geschnitten, das Haar golden, die Augen haben
keine besondere Farbe, ihr Mund ist ziemlich groß, die Zähne sind strahlend
weiß, ihr Hals ist schlank und schön, ihr Busen bewundernswürdig geformt. Immer
ist sie fröhlich und lächelt.“
Am 1. November 1499 gebar Lucrezia in Rom einen Sohn, der den Namen Rodrigo erhielt und nur dreizehn Jahre alt wurde. Das Glück endete, als Alexander VI. sich mit dem französischen König Ludwig XII. verbündete, einem Feind seines Schwiegersohns: Am 15. Juli 1500 wurde Alfonso auf der Straße überfallen und schwer verletzt. Lucrezia und seine Schwester Sancia pflegten ihn gesund. Als er wieder aufstehen konnte, schoss er mit Pfeil und Bogen auf seinen Schwager Cesare, den er als Anstifter des Anschlags verdächtigte. Er verfehlte ihn, und der Angegriffene ließ ihn daraufhin erwürgen. Der Kurien-Zeremonienmeister Johannes Burckard notierte trocken: „Da Alfonso sich weigerte, seinen Wunden zu erliegen, wurde er um vier Uhr nachmittags erdrosselt.“
Die Botschafter verbreiten diesen ungeheuerlichen Skandal in ganz Europa. Nun ist auch der Papstpalast entweiht, der Vatikan zum blutbesudelten Tatort geworden. Nichts unterscheidet ihn mehr von einem weltlichen Fürstenhof. Lucrezia soll den Mord mehr oder weniger miterlebt haben. Völlig verzweifelt, da sie Vater und Bruder ebenso liebte wie ihren Mann, zog sie sich monatelang in den Palast von Nepi zurück. Vor Weihnachten kehrte sie jedoch wieder zu ihrer Familie zurück, die ihr über ihren Kummer hinweghelfen wollte, indem sie unzählige aufwendige Spiele und Tanzveranstaltungen arrangierte.
Cornelis van Haarlem: Vor der Sintflut (1615). So stellte sich ein Maler des 17. Jahrhunderts ein Bankett mit gleichzeitiger Orgie vor. Quelle: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/c/c4/Cornelis_van_Haarlem_Before_the_Deluge.jpg
Eine davon, das von Cesare veranstaltete „Kastanienbankett“
vom 31. Oktober 1501 im Apostolischen Palast, goss wiederum Wasser auf die
Mühlen der „femme fatale“-Verfechter. Nach Burckards Schilderung sollen „50
ehrbare Dirnen“ nach dem Mahl zuerst mit den Dienern und den anderen Anwesenden
nackt getanzt und dann auf den Boden gestreute Kastanien „auf Händen und Füßen
zwischen den Leuchtern durchkriechend“ aufgesammelt haben, wobei der Papst,
Cesare und seine Schwester anwesend waren. Schließlich seien Preise ausgesetzt
worden „für die, welche mit den Dirnen am öftesten den Akt vollziehen könnten“.
Von einer Beteiligung Lucrezias an der Orgie ist nirgends zu lesen, dennoch
steht diese Szene im Mittelpunkt vieler Pornoadaptionen ihres Lebens.
Die einundzwanzigjährige mehrfach geschiedene Witwe soll sich
nun ihren vierten Gatten angeblich selbst ausgesucht haben – ihr Vater, in
dessen Blick sie inzwischen ihren höchsten Marktwert erreicht hat, wollte ihr nach
der Ermordung Alfonsos jeden Wunsch erfüllen, und aus politischen Gründen
konnte das Geschlecht des Erwählten zur Sicherung der Romagna, einem
bedeutenden Kirchenlehen, das für Cesar in ein Herzogtum umgewandelt werden
sollte, sehr wichtig werden. Warum ihre Wahl auf den arroganten und
kaltherzigen, vier Jahre älteren Alfonso d’Este fiel, ist nicht bekannt.
Während alle Zeitgenossen von ihrer Schönheit, Klugheit und
ihren angenehmen Umgangsformen schwärmten, hielten sie Alfonso für
undurchsichtig, rachsüchtig und gefühlskalt. Er galt als sachverständiger
Kenner allen Militärwesens, zumal des ballistischen, besonders des Geschützgusses.
Vielleicht war Lucrezia von seiner großen, stattlichen Erscheinung beeindruckt.
Ihr Ruf war durch das Wüten des Cesare und die Ausschweifungen des Papstes aber
schon so geschädigt, dass der deutsche Kaiser Maximilian I. Einspruch gegen
diese Eheschließung erhob.
Als Unternehmerin
tüchtig
Nach einem monatelangen Kampf um den Ehekontrakt und der Heirat am 30. Dezember 1501 verabschiedete sich Lucrezia endlich am 6. Januar 1502 von ihrem vom Abschiedsschmerz gezeichneten Vater und ihrem erst 14 Monate alten Sohn Rodrigo, den sie nicht mit in ihre neue Ehe nehmen durfte und nie wieder sehen sollte. Ihr Zug nach Ferrara soll aus insgesamt 660 Pferden und Maultieren und 753 Personen bestanden haben, darunter Köche, Sattler, Kellermeister, Schneider und ein Goldschmied. Ihr Vater zwang alle Kardinäle zum Ehrengeleit bis ans Stadttor.
Lucrezia als Herzogin von Ferrara mit ihrem ältesten Sohn Ercole, Silberstich 1512. Quelle: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/0/0c/Lucrezia-Borgia-with-son-Ercole.jpg/640px-Lucrezia-Borgia-with-son-Ercole.jpg
Die Ehe erwies sich als Glücksfall. Der Herzog erlaubte ihr
weitgehende Freiheiten. Sie betätigte sich als Kunstmäzenin, förderte den
jungen Maler Tizian und den Gelehrten Aldus Manutius. Als erste europäische
Stadt erhielt Ferrara einen festen Theaterbau. Der Dichter Ludovico Ariosto („Orlando
furioso“) besang die neue Herrin Ferraras in schwelgerischen Versen: „Alle
anderen Frauen gleichen Lucrezia wie das Zinn dem Silber, das Kupfer dem Gold,
die Mohnblume der Rose, die bleiche Weide dem immergrünen Lorbeer“. Ihr dichtes
blondes Haar soll bis kurz vor ihrem Tod bis zu den Knien gereicht, ihre
haselnussbraunen Augen oft die Farbnuancen geändert haben.
Überdies war Lucrezia jetzt auch als Unternehmerin tüchtig,
erwarb in Norditalien scheinbar wertloses Sumpfland, das sie mithilfe von
Entwässerungsgräben und Kanälen trockenlegen ließ, um bis zu 20.000 Hektar kostbares
Weide- und Ackerland zu erlangen, mit dem große Gewinne erwirtschaftet wurden. Zudem
betraute sie ihr Vater mehrmals mit den Geschäften des Vatikans. Berthold
Seewald seufzt in der WELT: „Tiefer,
so wird es wohl den Kirchenfürsten erschienen sein, konnte der Vatikan nicht
mehr sinken. Eine strahlend schöne Frau und Mutter, von der es hieß, sie feiere
mit ihrer Familie Orgien, und deren Bruder eine einzige Blutspur hinterließ,
leitete das Konsistorium der Kardinäle. Aus frivolen Fantasien und
abgrundtiefem Hass wurden Gerüchte mit dem Segen der Kirche.“
Derweil begann der Stern der Borgias zu sinken: 1503 starb
Alexander VI., sein Nachfolger Julius II. war ein vehementer Gegner der
Familie. Lucrezia gebar nach siebenjähriger Ehe endlich den ersehnten
Stammhalter, den späteren Herzog Ercole II., ein Vorfahr von Marie Antoinette. Ihr
Verhältnis zu Männern blieb weiter tragisch. Als der Florentiner Humanist
Ercole Strozzi Lucrezia 1508 ein freizügiges Gedicht widmete, wurde er wenig
später ermordet aufgefunden. Wieder kursierten wilde Gerüchte über den
verderblichen Einfluss der Dame Borgia. 1513 nahm sie der neue Papst Leo X.
unter seinen persönlichen Schutz, quasi eine Ehrenerklärung. Auch Ehemann
Alfonso d’Este stellte sich hinter sie. Doch ihr schlechter Ruf blieb haften,
obwohl die nächsten Jahre ohne Skandal verstrichen.
Während ihrer Ehe mit Alfonso gebar sie insgesamt acht
Kinder, von denen vier das Erwachsenenalter erreichten. Der amerikanische
Bürgerkriegsgeneral P.G.T. Beauregard und die Schauspielerin Brooke Shields
verzeichnen sie in ihrer Ahnentafel. Lucrezia erlitt, zunehmend religiöser und
vergeistigter geworden, noch mehrere Fehlgeburten, bringt am 24. Juni 1519 als 39-Jährige
wieder eine nicht lebensfähige Siebenmonatstochter zur Welt und erkrankt am
Kindbettfieber. In der Nacht halten ihr die Ärzte ein letztes Mal eine Kerze
vor den Mund. Die Flamme bleibt still.
„Frau von
unergründlicher Schwermut“
Als Herzogin von Ferrara war Lucrezia von ihrem Volk sehr
geliebt worden. Auch das Herz ihres Gatten hatte sie im Laufe ihrer Ehe
erobert. So schrieb Alfonso seinem Neffen nach ihrem Tod „Und nicht ohne Tränen
kann ich dies schreiben, so schwer wird es mir, mich einer so lieben und süßen
Gefährtin beraubt zu sehen, denn das war sie mir durch ihre guten Sitten und
die zärtliche Liebe, die zwischen uns bestand.“
Weil Lucrezia aber ebenso schön wie mächtig war, blühten Fantasien von einer betörenden Hexe, einer Giftmischerin, Intrigantin und zügellosen Nymphomanin. Im Laufe der Jahrhunderte verzerrte sich ihr Bild zum Inbegriff der skrupellosen Femme fatale, die splitternackt vor ihrem Vater und dem vatikanischen Hof tanzt, stets einen vergifteten Ring am Finger trägt, um sich aller Feinde rasch entledigen zu können, und die an ihrem Hof wüste Orgien feiert. Es ist ein Ruf, der bis dato über sie verbreitet wird. Schon Victor Hugo widmete der Papsttochter 1833 ein Drama, das Gaetano Donizetti zu einer Oper verarbeitete, in der Lucrezia als lustvoll-tragische Giftmischerin bis heute die Bühnen der Welt beherrscht – in „Assassin’s Creed: Brotherhood“ selbst die virtuelle Bühne eines Computerspiels.
Grab der Eheleute. Quelle: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/a/a6/02_Corpus_Domini_Ferrara_-Sala_del_Coro_o_sala_delle_Clarisse–Tombe_estensi.jpg/800px-02_Corpus_Domini_Ferrara–Sala_del_Coro_o_sala_delle_Clarisse-_Tombe_estensi.jpg?1558777546307
Bellonci meint zwar 1939 nach Auswertung aller überlieferten Quellen, die wahre Persönlichkeit der Lucrezia Borgia herausgearbeitet zu haben – als eine Frau „von unergründlicher Schwermut, hineingestellt in düstere Tragödien ihrer eigenen Familie, aber von hoher Intelligenz und mit einer kraftvollen Natur versehen“. Umsonst. Hollywood hat ihr Schicksal zahlreich verfilmt – bis zu Francis Ford Coppolas „Pate“-Trilogie, die die Geschichte des Hauses Borgia zum Vorbild genommen hat, wie Mario Puzo sie aufschrieb. Und 2011 konkurrierten in Deutschland gleich zwei Fernsehserien um die Deutungshoheit in Sachen Borgia. Die zeitlich erste, eine ZDF-Produktion, die sich mit einem Etat von 25 Millionen Euro brüstete, brachte es auf sage und schreibe 157 Liter Filmblut.