Goethe war in manchen Briefen wahrlich nicht zimperlich:
„Zillbach ist ein böses Nest“ beschrieb er 1780 seinen Eindruck vom kleinen
Flecken in der Vorderrhön nahe Wasungen, und: „Zillbacher sind wie Katzen,
vorne lecken, hinten kratzen“. Aus diesem Nest nun stammt ein Mann, der aus
Sachsens Naturgeschichte nicht wegzudenken ist und als Begründer der
Forstwissenschaft in Deutschland gilt: Heinrich Cotta. Am 25. Oktober vor 175
Jahren starb er hochgeachtet in Tharandt.
Seine Studenten hatten ihm zum 80. Geburtstag 80 Eichen auf
der Burghöhe „Heinrichseck“ im Tharandter Wald gepflanzt, seinem „grünen
Hörsaal“, in dem er nun Monate später begraben wurde. Seine schon in der
Kindheit angelegte mineralogisch-geologische „Versteinerungssammlung“ war eine
der bedeutendsten ihrer Zeit und zog auch andere Naturwissenschaftler wie 1830
Alexander von Humboldt in das Städtchen zwischen Dresden und Freiberg. Er war
es auch, der nach Cottas Tod den Ankauf dieser rund 5.000 pflanzlichen und
tierischen Fossilien für 3000 Taler für das „Berliner Kabinett“ durchsetzte. Die
Sammlung ist heute zwischen Freiberg und London verstreut.
Ansichtskarte aus Anlass des 110. Jahrestags der Forstlichen Hochschule Tharandt 1926. Quelle: oldthing.de
Dabei gilt Cottas Geschichte auch Genealogen für
interessant: Kaiser Sigismund hatte der Familie 1420 einen Adelsbrief ausgestellt,
dessen Original 1752 bei einem Brand vernichtet wurde. Die Cottas waren da
längst in einen süddeutschen und einen sächsisch-thüringischen Stamm ohne
verwandtschaftliche Beziehungen geteilt und führten den Titel nicht mehr.
Goethes Verleger Johann Friedrich Cotta hatte 1817 Heinrich Cotta aufgefordert,
gemeinschaftliche Schritte zur Erneuerung des Adels zu unternehmen – was dieser
aufgrund seiner demokratischen und ganz bewusst bürgerlichen Einstellung ablehnte.
So wurde nur ein Teil des süddeutschen Familienstammes 1817 in den Adels- und
1822 in den Freiherrnstand erhoben. Doch nach Heinrich Cottas Tod bekamen auch
seine drei Söhne auf Antrag 1858 den Adelstitel neu verliehen.
„die Ausführung macht
hierbei den Meister“
Das Forsthandwerk war dem am 30. Oktober 1763 geborenen
Heinrich in die Wiege gelegt: Sein Vater Nicolaus Heinrich war der erste
bürgerliche Fürstlich-Weimarische Förster, bildete ihn selbst aus und sprach
ihn später als Jägerbursche frei. 1784/1785 studierte Heinrich in Jena
Mathematik und Kameralwissenschaften, war danach als Vermesser im nahen Fischbach
tätig und begann gemeinsam mit seinem Vater, forstlichen Unterricht zu
erteilen. 1789 wurde er Herzoglich-Weimarischer Forstläufer mit einem
Jahresgehalt von 12 Talern. Fünf Jahre später legte er, inzwischen
Unterförster, dem Großherzog von Sachsen-Weimar-Eisenach, Carl August, den Plan
einer Forstlehranstalt vor. Dazu hatte er bereits die „Cotta-Plantage“ am Rande
von Zillbach mit über 400 Baumarten angelegt.
Jagdschloss und Kirche Zillbach. Quelle: wikipedia.
1795 heiratete er seine langjährige Freundin Christel
Ortmann, mit der er sechs Kinder hatte, von denen vier das Erwachsenenalter
erreichten, erhielt als Forstmeister die Stelle seines Vaters in Zillbach und bekam
vom Großherzog nicht nur grünes Licht für seinen Plan, sondern auch die
Erlaubnis, Jagdschloss und Garten für seinen Unterricht zu nutzen. Er berief
u.a. seinen Jenaer Studienfreund Friedrich Mosengeil als Lehrer für deutsche
Sprache und Mathematik, der als Begründer der Stenografie gilt und 1796 in
Eisenach sein Schriftsystem veröffentlichte.
1801 wurde Cotta zum Forstmeister in Eisenach und zugleich
zum Mitglied des dort neu errichteten Forstcollegiums ernannt. Der Ruf der
Lehranstalt verbreitete sich rasch und ließ Cotta als hervorragenden Lehrer
bekannt werden. Ab 1809 stand er dann mit der königlich-sächsischen Verwaltung
unter Friedrich August I. in Kontakt, die einen neuen Leiter ihrer
Forstvermessungsanstalt suchte. Am 12. Dezember 1810 kam Cotta als Direktor der
Forstvermessung und Forstrat nach Dresden. 1811 verlegte er die Einrichtung
nach Tharandt, wo er am 24. Mai sein privates Forstlehrinstitut eröffnete.
„Der Beruf des Forstmanns ist halb Kunst, halb Wissenschaft,
und nur die Ausführung macht hierbei den Meister“, schrieb er im selben Jahr. Sein
Vorlesungsmanuskript „Grundriss zu einem System der Forstwissenschaft“ von 1813
galt jahrzehntelang als Standardwerk, das der Disziplin feste, schulgerechte
Regeln gab, sie von der Jagd löste, den forstmännischen Beruf vom
Berufsjägertum und die waldwirtschaftlichen Interessen von den Jagdinteressen
trennte.
Christel Cotta. Quelle: Wikipedia
Nachdem das Institut als Kriegsfolge in finanzielle
Schwierigkeiten geraten war, bemühte sich Cotta erfolgreich um eine staatliche
Trägerschaft. Die Einrichtung wurde am 12. März eine staatliche Anstalt und am
17. Juni 1816 als Königlich-Sächsische Forstakademie im Range einer
Fachhochschule eröffnet, die jährlich rund 50 Studenten besuchten. Im Jahr
darauf legte er mit der „Anweisung zum Waldbau“ das nächste Standardwerk vor,
in dem sich der bemerkenswerte Satz fand „Wenn die Menschen Deutschland
verließen, so würde dieses nach 100 Jahren ganz mit Holz bewachsen sein.“ In seiner Anweisung unterschied Cotta erstmals
zwischen Nieder-, Mittel- und Hochwald und trat für Bestandspflege ein, so für „Durchforstungen“:
Gezielte Entnahmen alter, kleiner und toter Bäume.
Hintergrund war, dass gerade in Sachsen die Notwendigkeit
eines effizienten Waldbaus bestand: Mehrere Kriege im 18. Jahrhundert und der
Holzbedarf im Erzbergbau und in der sächsischen Industrie hatten einen Raubbau
an den heimischen Wäldern bewirkt. Friedrich August I. erkannte die Bedeutung
einer systematischen und von wissenschaftlichen Gesichtspunkten geleiteten
Aufforstung. Der Holzmangel wurde so zum „Geburtshelfer“ einer
Wissenschaftsdisziplin, die gerade in Sachsen zur Blüte kam: Die Dresdner Heide
legt noch heute Zeugnis ab, wie Cotta die Wälder mit einem Schneisensystem
systematisch umgestaltete, um sie wirtschaftlich besser nutzen zu können. Er
ist aber auch der Begründer einer nachhaltigen Bewirtschaftung des Waldes und
war sich stets der Verantwortung für nachkommende Generationen bewusst.
„nicht reich an
aufregenden Momenten“
1819 stirbt Cottas geliebte Christel, und Heinrich geht
danach ganz in seiner Lehre auf. Von den 1.030 Studenten bis 1844 waren knapp
die Hälfte Nichtsachsen. Vor allem russische Studenten kamen gern an die
Forstakademie – Zar Nikolaus I. verlieh ihm zur Anerkennung seiner Bemühungen
um diese 1841 den St.-Wladimir-Orden. „Sein Leben war im allgemeinen nicht
reich an aufregenden Momenten. Die Grundzüge des Charakters dieses
ausgezeichneten Mannes: Humanität, vollendete Herzensgüte, Friedfertigkeit,
Milde im Urtheil über Andere, große Liebenswürdigkeit ließen ja kaum einen
Feind erstehen“, meinte Biograph Richard Heß 1876.
Cotta-Biographie. Quelle: Amazon
Unter Cotta erlangte die sächsische Forstwissenschaft Weltgeltung und wurde zum Vorbild für viele Staaten. Er leitete die Akademie über 30 Jahre und prägte sie entscheidend. Unter seiner Leitung hatte sie eine Direktorialverfassung erhalten, die bis 1904 gültig blieb: In diesem Jahr wurde sie mit der Erhebung in den Rang einer Hochschule gewürdigt; seit 1929 ist sie Bestandteil der Dresdner Universität – heute als eigene Fachrichtung.
Cottas Bücher erzielten im 19. Jahrhundert viele Auflagen. Neben dem Waldbau war die Forsteinrichtung einer seiner Schwerpunkte: er hatte in kurzer Zeit die ausgedehnten Waldungen Sachsens vermessen und Forsteinrichtungswerke aufgestellt. Seine Hilfstafeln für Forstwirte und Forsttaxatoren, aber auch die Tafeln zur Bestimmung des Inhalts und Wertes unverarbeiteter Hölzer wurden wichtige Arbeitsinstrumente der gesamten Forstwirtschaft und auch immer wieder neu aufgelegt. Zudem war er der erste forstliche Klassiker, der sich, wenn auch noch sehr vorsichtig, für die Begründung von Mischbeständen aussprach. Zu seiner Zeit waren, wenn überhaupt, bestenfalls gemischte Bestände aus Buchen und Eichen oder Buchen und Edellaubholz geduldet.
Cotta-Medaille. Quelle: ebay
Innerhalb von nur zwei Jahrzehnten gelang es Cotta, der neben Humboldt auch von Goethe und vielen anderen Geistesgrößen besucht und gewürdigt wurde, die stark herabgewirtschafteten sächsischen Wälder einer geordneten Forstwirtschaft zuzuführen. Die Zahl seiner Denkmäler und ihm gewidmeten Straßen zumal in Sachsen übersteigt ein Dutzend. Er war der erste namhafte deutsche Forstmann, über den eine eigenständige Biographie in Buchform verfasst wurde: die Habilitationsschrift „Heinrich Cotta. Leben und Werk eines deutschen Forstmannes“ von Albert Richter von 1950. Für herausragende Leistungen auf dem Gebiet der Forstwissenschaft verleiht die TU Dresden bis heute die Heinrich-Cotta-Medaille.
Doris Lessing bekam 2007 mit fast 88 Jahren als ältester
Mensch und elfte Frau nach 93 Männern den Nobelpreis für Literatur. Begründet
wurde die Entscheidung mit ihrem Wirken als „Epikerin weiblicher Erfahrung, die
sich mit Skepsis, Leidenschaft und visionärer Kraft eine zersplitterte
Zivilisation zur Prüfung vorgenommen hat.” In diese „zersplitterte
Zivilisation“ wurde Doris geb. Tayler kurz nach dem ersten Weltkrieg, am 22.
Oktober 1919, in Persien hineingeboren, wo ihr verbitterter Vater, der im Krieg
ein Bein verloren hatte und es in England nicht mehr aushielt, Filialleiter
einer Bank war.
Doris’ Mutter war Krankenschwester; sie hatte den
traumatisierten Soldaten in einem Lazarett gepflegt und ihn aus Mitleid und
Verzweiflung geheiratet, weil ihre große Liebe im Krieg gefallen war: „Die Wut
meines Vaters auf den Grabenkrieg griff auf mich über und hat mich nie
verlassen. Hier sitze ich und versuche noch immer, von der Last dieser
grauenvollen Hinterlassenschaft freizukommen“, erklärte Lessing zu ihrem
autobiographischen Buch „Alfred and Emily“ (2008). Als Doris fünf war, brach
die Familie auf nach Südrhodesien (heute Zimbabwe), wo der Vater ein Stück Land
gekauft hatte und sein Glück als Maisfarmer zu machen hoffte. Er scheiterte
kläglich.
Lessing besuchte eine katholische Klosterschule und die Girls High School in der Hauptstadt Salisbury, dem heutigen Harare. Die isolierte Farm ihrer Eltern machten der Tochter neben Fluchten in Bücher lange, einsame Wanderungen zur Gewohnheit und bestärkten sie in ihrer Unabhängigkeit. Die Familie laborierte immer verzweifelter am Rande des Ruins. Doris’ Mutter war verbittert, sie vermisste ihre Heimat und ein bürgerliches Leben. Ihre rebellische Tochter Doris ließ sie für ihre Enttäuschung büßen, während der jüngere Bruder Harry geliebt und verhätschelt wurde. Diese frühen Verletzungen und das Kriegstrauma der Eltern haben Lessings Leben und Werk geprägt – zentrale Themen sind einerseits ihre Suche nach Liebe und Geborgenheit und andererseits die nicht leicht gelingende Liebe zwischen Mutter und Kindern, aber auch einerseits das inhaltsleere, schwere Dasein der britischen Siedler wie auch andererseits die trostlose Lage der einheimischen Bevölkerung.
Die junge Lessing. Quelle: https://www.newstatesman.com/sites/default/files/styles/lead_image/public/new_image_6.jpg?itok=_d705LQf
Mit vierzehn Jahren brach Lessing die Schule ab und
arbeitete erst als Nanny und Schwesternhelferin und dann als Telefonistin. Sie
konnte auch kleine Texte bei Zeitungen unterbringen und schrieb später zwei
Romane, die sie vernichtete. Mit 19 Jahren heiratete sie den Kolonialoffizier Frank
Wisdom und gebar einen Sohn und eine Tochter. Schon 1943 wurde die Ehe
geschieden, die Kinder blieben beim Vater: „Lange habe ich das für eine gute
Sache gehalten. Nichts ist langweiliger für eine intelligente Frau als endlose
Zeit mit kleinen Kindern zu verbringen. Ich merkte, dass ich nicht die erste
Wahl für Kindererziehung war…“, sagte sie 2010 Newsweek. Sie verabschiedete sich von ihnen mit den Worten, sie
werde nun am Aufbau einer besseren Welt arbeiten. Im Scheidungsjahr begann ihre
20 Jahre währende Überwachung durch den britischen Security Service.
„Ehen haben nicht
zwangsläufig etwas mit Liebe zu tun, oder?“
In zweiter Ehe heiratete sie 1945 den deutschen Emigranten
Gottfried Lessing, den sie als Mitglied der „Südrhodesischen Arbeiterpartei“
kennen lernte und der als jüdischer Kommunist den Nationalsozialisten entkommen
war. Mit ihm bekam sie 1947 einen weiteren Sohn namens Peter. Er sollte sein
ganzes Leben lang bei ihr bleiben; in ihren letzten Jahren sorgte sie während
seiner schweren Diabetes für ihn; er starb drei Wochen vor ihr. Auch die Ehe
zerbrach, zumal an der Politik: „Ehen haben nicht zwangsläufig etwas mit Liebe
zu tun, oder“, meinte sie später. Gottfried, ein politischer
Fanatiker, ging in die DDR und machte dort Karriere u.a. als Botschafter in
Uganda, wo er 1979 erschossen wurde.
Seine Frau aber blieb mit ihrem Sohn in England, wo sie inzwischen lebte, sich als alleinerziehende Mutter durchschlug und 1950 ihren Erstling „Afrikanische Tragödie“ publizierte. Das Buch ist sowohl ein Schicksalsdrama vor dem Hintergrund einer tödlich scheiternden Liebe zwischen einer weißen Farmersfrau und ihrem schwarzen Diener als auch eine Studie über unüberbrückbare Rassengegensätze. Für viele begründet der Roman den sogenannten „Postkolonialismus“. Wegen ihrer Kritik an der Rassentrennung durfte sie jahrzehntelang nicht nach Rhodesien und Südafrika reisen. Von 1952 bis zum sowjetischen Einmarsch in Ungarn 1956 war sie auch Mitglied der britischen Kommunisten („die neurotischste Handlung meines Lebens“), weil das damals „fast die einzigen Intellektuellen waren“, begründete sie das im SPIEGEL. Später kritisierte sie die Kommunisten als bigott, als „entmenschlicht im Dienste der Menschheit“.
Nach der Bekanntgabe des Nobelpreises. Quelle: https://www.dw.com/image/17233243_401.jpg
Ihr Interesse an Ideologien verlor sie, die nie eine
stromlinienförmige Zeitgeistlinke war, in gleichem Maße, wie sie sich zur unberechenbaren,
unbequemen und scharfzüngigen Individualistin mit gnostisch-mystischen
Interessen entwickelte. Der „Tragödie“ folgte der von Lessings afrikanischen
Jahren inspirierte Romanzyklus „Kinder der Gewalt“, eine Art weiblicher
Bildungsroman, und „Rückzug in die Unschuld“, der mit kommunistischen
Illusionen abrechnete. Sie sollte fast jedes Jahr ein neues Buch vorlegen –
über 50 werden es am Ende sein: Romane, Prosabände, später auch Sachliteratur
und Lyrik. „Ich schreibe nun mal gern“, erklärte sie 2004 lapidar.
Erster Höhepunkt: „Das goldene Notizbuch“ von 1961. Die
brillante, mit avantgardistischen Mitteln und bisweilen hypnotisch fesselnd
erzählte Geschichte zweier Frauen, die sich in den Wirren machistisch
durchtränkter Machtspielchen der kommunistischen Bewegung auch sexuell zu
behaupten versuchen, gilt als „Bibel der Frauenbewegung“ zumindest im
angelsächsischen Sprachraum – wurde sie doch rezipiert als identitätsstiftender
weiblicher Selbsterfahrungstrip im gerade ausbrechenden Geschlechterkrieg. Das
hält die Autorin bis heute für ein Missverständnis. Als Feministin sah sie sich
nie, eher als „Botschafterin der Einsamkeit“, als eine, die „wie wenige andere
die atemberaubenden Freiheiten und seelischen Verstümmelungen des zwanzigsten
Jahrhunderts erkundet hat“, bilanziert Ingeborg Harms in der FAZ geschlechterübergreifend.
„Exposition einer
vitalen Schizophrenie“
Dieses Buch machte ihren Namen Ende der sechziger Jahre schließlich auch in Deutschland bekannt. Die Autorin verzichtet auf eine erzwungene Einheit, lässt Träume, Zitate, Zeitungsausschnitte einfließen und teilt den Stoff auf fünf Notizbücher ihrer Protagonistin auf. „Die klassischen weiblichen Rollen, an denen Doris Lessing sich in ihren ersten Büchern abarbeitete, weichen einem Multiperspektivismus und der Exposition einer vitalen Schizophrenie, die politische Interessen, philosophische Ideen und romantische Verwicklungen nicht länger auf einen Nenner zu bringen versucht“, resümiert Harms.
Canopus in Argos. Quelle: http://kipple.dk/wp-content/uploads/2012/04/LESSING1.jpg
Zweiter Höhepunkt: der 1979 begonnene Romanzyklus „Canopus
in Argos: Archive“, der sein Handlungszentrum im weit entfernten Planeten
Canopus hatte, der Herrschaftszentrale eines künftigen galaktischen Imperiums.
Das Schicksal der Erde ist da längst besiegelt, und es ist kein freundliches. Lessing
interpretiert vor allem im ersten Band Fakten und Mythen der Erd- und
Menschheitsgeschichte wie Sintflut und Eiszeit, Evolution und Religion von
einem sufistisch-analytischen Grundansatz, der auch noch stark buddhistisch
beeinflusst ist. Demnach sind sinkendes Mitgefühl und steigende Gier sowie der
Mangel an Bewusstsein, Teil eines größeren Ganzen zu sein, und die daraus
resultierende Beschränktheit des eigenen Standpunktes Ursachen des desaströsen
Zustands der Erde, die sich scheinbar unabwendbar auf den eigenen Untergang
zubewegt.
Als „Space Fiction“ bezeichnete sie die Pentalogie, die sie für ihr wichtigstes Werk hielt und die in England ein Super-Bestseller war: Auf die jeweils neuste Folge wartete die Lesegemeinde fast so begierig wie auf einen neuen Harry Potter. Sie halte nichts von der Unterscheidung zwischen „seriöser“ und Science-Fiction-Literatur, sagt sie selbstbewusst. „Space- und Science-Fiction bilden den frischesten Zweig der heutigen Literatur“. In der neuen Blüte dieses Genres sieht sie ein Zeichen dafür, dass der menschliche Verstand wieder einmal „zu expandieren gezwungen“ sei: „Diesmal sternenwärts, galaktisch, und wer weiß wohin das nächste Mal“, zitiert sie der SPIEGEL. Zwei Bücher des Zyklus wurden von Philip Glass als Oper adaptiert, wobei Lessing selbst die Bühnenfassungen schrieb.
Endzeitmotive griff Lessing noch häufiger auf. In den „Memoiren einer Überlebenden“ malt sie 1974 eine nahe Zukunft des zivilisatorischen Zerfalls an die Wand. Zeitgenössische Krisenphänomene wie Umweltverpestung und Jugendkriminalität werden in ein Katastrophen-Futur fortgeschrieben: Ende der „Epoche des Überflusses“. In dem Band „Der Mann, der auf und davon ging“ (1979) handelt eine Erzählung von Abgesandten eines anderen Planeten, die die Einwohner einer irdischen Großstadt vor einer kommenden Erdbebenkatastrophe zunächst vergebens zu warnen versuchen.
„Eine Tante als Nobelpreisträgerin“
Lessing ist eine globale Autorin. Die Liste ihrer Themen, die sie oft aus ihrer Biografie schöpfte – die Situation von Frauen, das Elend Afrikas, Kommunismus, Rassismus – lesen sich wie ein Stichwortverzeichnis der Konflikte, die das vergangene Jahrhundert bestimmten und auch teilweise heute nichts von ihrer Brisanz verloren haben. In ihrer ersten Pentalogie „Children of Violence“ (1952-69) schilderte sie die Lebensgeschichte ihres alter ego Martha Quest bis zur Abreise nach England. Zum Liebling der Feministen wurde sie nicht zuletzt durch „Der Sommer vor der Dunkelheit“ 1973, einen Roman, dessen nicht mehr junge Heldin ihre erotischen Wünsche auszuleben gelernt hat. Der Thriller „Das fünfte Kind“ (1988) wählt eine allegorische Form, um in einem Monsterkind die unterdrückten Aggressionen seiner bürgerlich gefesselten Mutter zu studieren.
Nach der Stationierung der amerikanischen Pershing-Raketen in der Bundesrepublik war sie davon überzeugt, nun komme es zum Atomkrieg, und Deutschland werde dabei vernichtet. Prompt fordert sie ihre deutschen Verwandten auf, die DDR zu verlassen – ihren Neffen Gregor Gysi, den sie selbst als „romantischen Sozialisten“ bezeichnete. Gottfried Lessing war der Bruder von Gysis Mutter Irene, doch die Beziehung der beiden ist eher lose, wie Gysi-Biograph Jens König in der WELT berichtet, gerade auch wegen der Sprachbarriere: „Sie spricht kein Deutsch und er so gut wie kein Englisch.“ Dennoch rief Gysi 2007 stolz in die Mikrofone:
„Eine Tante als Nobelpreisträgerin – mehr geht nicht“.
Oft bearbeitete die „Tante“, die aussah wie eine robuste
Farmersfrau, Themen, die erst Jahre danach aktuell wurden. Für ihren Anspruch
auf Ganzheitlichkeit, der aus ihren Werken einzeln und insgesamt spricht, ist
Doris Lessing oft kritisiert worden: Ihre Literatur verströme einen Humanismus,
der etwas altfränkisch Lavendelparfümiertes habe. Mit intellektueller Schärfe
und nötigem Sarkasmus schuf sie eine reiche Parallelwelt zum Aktualitätenwahn
der Gegenwart.
Ihre Bücher bleiben im Gespräch mit einer literarischen
Tradition, die für Jahrhunderte Maßstab des geistigen Lebens war. In den 1990er
Jahren zog sie mit den zwei Autobiografie-Bänden „Unter der Haut“ und „Schritte
im Schatten“ eine selbstkritische Bilanz ihres Lebens und legte zugleich eine
kritische Geschichte des intellektuellen England nach dem Zweiten Weltkrieg vor.
In ihrem Reportageband „Rückkehr nach Afrika“ (1992) beschreibt sie diese
Rückkehr dann vor allem als Enttäuschung.
„noch kurz vor ihrem
Tod erwischen“
Sie hatte viele meist zermürbende Liebschaften, u.a. Ende der 50er Jahre mit dem Schriftsteller Nelson Algren („Der Mann mit dem Goldenen Arm“), dem 10 Jahre zuvor bereits die andere Ikone des Feminismus, Simone de Beauvoir, verfallen war. Das Credo vieler später Texte von Doris Lessing lautet, dass Veränderung beim Individuum beginnt. Das wiederum war eine Lehre, die sie verallgemeinert sehen wollte. Doch nicht alle dieser Bücher sind von literarisch hoher Qualität. Sie hat sich zeitlebens als eine politische Schriftstellerin verstanden, der die Message wichtiger war als der Stil und die aus den Versäumnissen Gleichgesinnter Konsequenzen zog, die sie auch von anderen erwartete.
Lessing im Alter. Quelle: https://images03.oe24.at/lessing_apa_96515a.jpg/bigStory/169.569
Dass sie den Nobelpreis erhielt, hat sie selbst als eine Art späten Witz verstanden, war sie doch als Kandidatin dafür vor allem in den siebziger Jahren gehandelt worden. Sie wusste um die zwiespältige Tradition der höchsten Auszeichnung in ihrem Fach, als sie spottete, man habe sie mit dem Nobelpreis wohl noch kurz vor ihrem Tod erwischen wollen. Ihre Dankensrede war ein Plädoyer für Literatur als Lebens- und Herzensbildung – und eine Verdammung des Internets. Immerhin wurde sofort danach mit der Publikation einer deutschen Werkausgabe begonnen. Die Auszeichnung als „Dame of the British Empire“ lehnte sie ab und starb am 17. November 2013 in London.
Seine rhetorischen Entgleisungen waren legendär, vor allem
die beim 44. Liebesmahl des Ostasiatischen Vereins im Hamburger Atlantic-Hotel
am 13. März 1964. „Herr Schah, Sie verstehen nichts von Wirtschaft“,
verlautbarte er da in Richtung Iran, oder „Indonesien besteht aus Inseln, die
liegen teils nördlich, teils südlich vom Äquator, und dazwischen ist eine Menge
Wasser“, erteilte er Geographie-Unterricht. Seine legendärste, die Anrede „Sehr
geehrte Damen und Herren, liebe Neger!“ bei einem Staatsbesuch in Liberia, war
dagegen eine Erfindung des SPIEGEL.
Die Rede ist von Bundespräsident Heinrich Lübke, der 14. Oktober 1894 im
sauerländischen Enkhausen geboren wurde.
Belegt ist, dass Lübke in Tananarive, der Hauptstadt Madagaskars, den Präsidenten Philibert Tsiranana und seine Frau Justine mit den Worten „Sehr geehrter Herr Präsident, sehr geehrte Frau Tananarive“ grüßte. Die echten und vermeintlichen Fehlleistungen begeisterten die deutsche Kabarett-Szene. Aufgrund des dem Bundespräsidenten entgegenschlagenden Spotts entschied der Bayerische Rundfunk, die Vorstellungen der Münchner Lach- und Schießgesellschaft nicht weiterhin live zu übertragen. Ausschnitte von Lübke-Reden wurden von der Zeitschrift „pardon“ auf der erfolgreichen Langspielplatte „Heinrich Lübke redet für Deutschland“ verarbeitet.
Lübke im Arbeitszimmer. Quelle: http://www.bundespraesident.de/DE/Die-Bundespraesidenten/Heinrich-Luebke/heinrich-luebke-node.html#-gallery
Dass er gern von den für ihn vorbereiteten Manuskripten
abwich und improvisierte, war sowohl bekannt als auch Kündigungsgrund für
manche Redenschreiber. An die Presse verteilt wurden immer nur die
Textentwürfe, nie die tatsächlich gehaltenen Reden. Als weiterer Grund aber ist
heute auch seine Krankheit anerkannt: Lübke litt schon seit den frühen 1960er
Jahren an schweren Durchblutungsstörungen des Gehirns, die auf
Arterienverkalkung beruhten und immer unerbittlicher voran schritten. Am Ende
seiner Präsidentschaft war Heinrich Lübke ein schwer kranker Mann.
„Verantwortung für
andere tragen“
Der Sohn eines Schumachers, der sich nebenberuflich
landwirtschaftlich betätigte, war das zweitjüngste von acht Geschwistern –
„kleine Verhältnisse“, auf die Lübke zeitlebens rekurrierte. In der Schule half
ihm der katholische Ortsgeistliche. Sein Abitur 1913 am Gymnasium Petrinum in
Brilon ließ keine sonderlichen Begabungen erkennen – „genügend“ hieß es in den
meisten Fächern. Er begann ein Studium der Geodäsie, Landwirtschaft und
Kulturbautechnik an der Landwirtschaftlichen Akademie in Bonn und meldete sich
im August 1914 als Kriegsfreiwilliger.
Überliefert ist, dass er keiner Gefahr aus dem Weg ging, was
seine Kameraden beeindruckte, und mit einer Gasvergiftung im Lazarett lag. Ausgezeichnet
mit dem EK I und II, war sein letzter Dienstgrad 1918 Leutnant der Reserve. Er
war Zeuge des Sterbens bei Langemarck und sagte später, er habe gelernt,
„Verantwortung für Leben und Gesundheit anderer zu tragen“. Seine Treffen mit
den alten Kameraden schilderte er als fröhliche Veranstaltungen.
Nach Kriegsende nahm er sein Studium wieder auf, beendete es 1921 als Vermessungs- und Kulturingenieur und begann im selben Jahr Nationalökonomie in Münster und Berlin zu studieren. Seit 1923 war Lübke in Berlin im kleinbäuerlichen Organisations- und Siedlungswesen tätig und 1925 an der Gründung des Reichsverbandes landwirtschaftlicher Klein- und Mittelbetriebe beteiligt, den er als Geschäftsführer betreute. Daraus entstand, durch Zusammenschluss mit einer Reihe anderer mittelbäuerlicher Verbände, 1927 die Deutsche Bauernschaft. Neben deren Geschäftsführung leitete Lübke die im selben Jahr gegründete Siedlungsgesellschaft Bauernland. Durch weitere Mitgliedschaften in Vorständen und Aufsichtsräten landwirtschaftlicher Organisationen und Kreditinstitute wurde der vielbeschäftigte Verbandspolitiker zu einem erfolgreichen Agrar- und Siedlungsexperten. Die großbäuerlichen Interessenvertreter bekämpften ihn als „Bodenreformer“ und „roten Lübke“.
1929 heiratete er die Lehrerin Wilhelmine Keuthen, die Ehe
blieb kinderlos. Im April 1932 in den Preußischen Landtag gewählt (Zentrum),
und am 5. März 1933 wiedergewählt, verlor Lübke nach Hitlers Machtübernahme alle
Ämter und wurde 1934 unter dem Vorwand der „Korruption“ verhaftet. Nach 20 Monaten
kommt er frei und erholt sich, zunächst arbeitslos, bei Flensburg auf dem Bauernhof
seines älteren Bruders Friedrich Wilhelm Lübke, des späteren
Ministerpräsidenten Schleswig-Holsteins. Nach Wehrübungen zum Hauptmann d.R. befördert,
wurde er nicht zum Kriegsdienst einberufen, sondern dienstverpflichtet und als
Vermessungsingenieur dem Ingenieurbüro Walter Schlempp in Berlin zugewiesen.
Das unterstand als Baugruppe der Verfügung des
Generalbauinspektors für die Reichshauptstadt Albert Speer, war mit dem Bau von
zivilen und militärischen Anlagen in Peenemünde, später in Sachsen-Anhalt beschäftigt
und errichtete auch Unterkünfte für ausländische Zwangsarbeiter und
KZ-Häftlinge. Lübkes Unterschrift findet sich nicht nur unter Papieren, die ihn
als Leiter der Baugruppe Schlempp ausweisen, der in eigener Regie ein
KZ-Häftlings-Kommando dirigierte, sondern auch unter Bauzeichnungen eines
Lagers – ein weiterer Grund für die vorzeitige Aufgabe seines Amts. Heute weiß
man, dass die entsprechenden Pausen für jede Art von Baracke geeignet gewesen
wären.
„Sie sind ganz
einfach kleinkariert“
Seit 1945 CDU-Mitglied und bis 1946 mit einem eigenen
Baubüro in Höxter selbständig, gehörte er von Anbeginn dem Landtag von
Nordrhein-Westfalen an und amtierte als Minister für Ernährung, Landwirtschaft
und Forsten. Von 1949 bis 1959 war er mit einer Unterbrechung
CDU-Bundestagsabgeordneter und wurde am 20. Oktober 1953 als Bundesminister für
Ernährung, Landwirtschaft und Forsten in die Adenauer-Regierung berufen.
Auf der Grundlage jährlich entwickelter „Grüner Pläne“ gelang es ihm seit 1955, die Landwirtschaft zu modernisieren und ihren strukturellen Anpassungsprozess ohne soziale Erschütterungen vorzunehmen. Sein Mitarbeiterstab beschrieb ihn als tüchtigen Experten, gründlich, gewissenhaft, korrekt, allerdings ohne jegliches rhetorisches Talent. Wo andere unterhielten, da wollte Lübke belehren, was eine Datenflut nach sich zog, die kein Zuhörer nachvollziehen konnte.
Lübke mit Queen Elisabeth II. Quelle: http://www.bundespraesident.de/DE/Die-Bundespraesidenten/Heinrich-Luebke/heinrich-luebke-node.html#-gallery
Nach dem überraschenden Rückzug Adenauers von der Kandidatur
für das Amt des Bundespräsidenten Anfang Juni 1959 wurde Lübke am 15. Juni in
Bonn als „Ersatzmann“ der Unionsparteien nominiert und am 1. Juli 1959 als
Nachfolger von Theodor Heuss gewählt. Er setzte sich im zweiten Wahlgang gegen
Carlo Schmid von der SPD und Max Becker von der FDP durch.
Die Presse verfuhr ungnädig mit ihm, lobte allerdings seine
Frau Wilhelmine dafür, dass sie sechs Fremdsprachen beherrschte, und ein
Staatssekretär namens Sonnemann gab zu Protokoll, Lübke sei doch eine gute Wahl
für Frauen, „weil er in einer unauffälligen Eleganz immer wie aus dem Ei gepellt“
daherkomme. Er war bis zur Wahl von Christian Wulff 2010 der einzige
römisch-katholische Bundespräsident.
„Viel intellektuell Neues präsentierte er nicht, er war
stramm antikommunistisch, als alter Reserveoffizier nah bei der Bundeswehr und
mochte die Oder-Neiße-Grenze nicht anerkennen“, bilanzierte Philip Cassier in
der WELT. Lübke glaubte unbeirrbar an
die Wiedervereinigung des getrennten Deutschland. 1963 proklamierte er den 17.
Juni, den „Tag der deutschen Einheit“, zum „Nationalen Gedenktag des deutschen
Volkes“.
Zudem verstand er sich in der Rolle des „nationalen Hüters
historischer Bildung“. Er gehörte zu den Bundespräsidenten, die nicht alle
Gesetze des Bundestags unterzeichneten, so das Gesetz gegen den Betriebs- und
Belegschaftshandel, da es seiner Ansicht nach gegen die im Grundgesetz
garantierte Freiheit der Berufswahl und der Berufsausbildung verstoße.
Lübke machte von Anfang an die Entwicklungshilfe zu einem
Hauptanliegen seiner Präsidentschaft. Schon in seiner Antrittsrede von 1959
konstatierte er die dringende Notwendigkeit internationaler Hilfe und
Verantwortlichkeit in Anbetracht weltweiten Hungers. 1962 initiierte er die
Gründung der Welthungerhilfe als erster deutscher konfessionell nicht
gebundener Entwicklungshilfeorganisation.
Den Kampf gegen „Hunger, Krankheit und Unwissenheit“ sah er als größte Herausforderung überhaupt an. So bereiste er 37-mal das Ausland, Afrika zumal, war da aber gezwungen, Englisch zu sprechen, was furchtbar schiefging, und wurde den Habitus des weißen Mannes, der armen Schwarzen milde Gaben zukommen ließ, nie ganz los. In Niamey, der Hauptstadt des Niger, ist eine Hauptstraße nach ihm benannt.
Lübke mit de Gaulle und Adenauer. Quelle: Quelle: http://www.bundespraesident.de/DE/Die-Bundespraesidenten/Heinrich-Luebke/heinrich-luebke-node.html#-gallery
Seine Wiederwahl war wegen seines Gesundheitszustands, der
inzwischen auffällig und selbst in der CDU diskutiert wurde, umstritten. 1968
begann seine Demontage. Schon 1964 und
1966 hatte der oberste SED-Propagandist Albert Norden versucht, eine
öffentliche Kampagne gegen Lübke vom Zaun zu brechen mit Vorwürfen, der
Bundespräsident sei im Zweiten Weltkrieg ein Günstling der Gestapo gewesen und
habe an der Errichtung von KZ mitgewirkt. Die Lage änderte sich erst, als die
auflagenstärkste Illustrierte Europas Stern
Anfang 1968 ein „Gutachten“ eines US-Schriftexperten veröffentlichte, der
einige stasiverfälschte Dokumente für echt erklärte.
Stern-Chef Henri
Nannen ließ nun eine Reihe von Artikeln und selbst verfasste Editorials folgen,
in denen er die Tonlage verschärfte, und bemitleidete den Bundespräsidenten
schließlich für die „bedauernswerte Figur, die Sie in Ihrem Amt bieten. Sie
sind ganz einfach kleinkariert.“ Die Süddeutsche
diagnostizierte der Bundesrepublik ein „Leiden an Lübke“, die Neue Rhein-Zeitung legte ihm den
Rücktritt nahe. Der SPIEGEL
attackierte Lübke nicht ganz so scharf, doch auch Rudolf Augstein konstatierte auf
seiner Titelseite die „Präsidenten-Krise“ und zeigte bitter-böse
Lübke-Karikaturen.
Schließlich entschied sich Lübke für eine Fernsehansprache –
und tat sich damit als ungelenker Redner keinen Gefallen, so dass seine
Argumentation in der Öffentlichkeit als teilweises Schuldeingeständnis ankam.
Ende März 1968 versetzte ein SPD-Bundestagsabgeordneter dem Präsidenten den finalen
Schlag: Franz Marx weigerte sich, das ihm verliehene Bundesverdienstkreuz
anzunehmen. Er hatte im Dritten Reich im KZ Dachau gelitten und gab als
Begründung für das Ausschlagen des Ordens an, Lübkes „Beteiligung an KZ-Bauten“
sei nicht geklärt.
„redlich und
gewissenhaft“
Mit der Begründung, das Amt aus dem bevorstehenden Bundestagswahlkampf herauszuhalten, kündigte Lübke am 14. Oktober 1968 seinen Amtsverzicht zum 30. Juni 1969 an, sodass die Wahl eines Nachfolgers zweieinhalb Monate früher als turnusmäßig erforderlich bereits im März 1969 stattfinden konnte. Er wich dem Sozialdemokraten Gustav Heinemann, die Große Koalition unter Kanzler Kurt-Georg Kiesinger wich dann dem sozialliberalen Bündnis unter Willy Brandt.
Lübke mit Brandt und Wehner. Quelle: http://www.bundespraesident.de/DE/Die-Bundespraesidenten/Heinrich-Luebke/heinrich-luebke-node.html#-gallery
Heinrich Lübke hat zweimal eine Genehmigung zur
Strafverfolgung wegen Verunglimpfung des Bundespräsidenten erteilt. Ein
45jähriger Redner der „Deutschen Reichspartei“ hatte 1960 vor fünfzig Zuhörern
erklärt, der Bundespräsident sei gewählt worden „wie der Vorsitzende eines
Kaninchenzucht-Vereins“, und die rhetorische Frage angeschlossen, welcher
Charakter dazu gehöre, ein derart entwertetes Amt anzunehmen. Die Strafkammer
Dortmund sprach den Angeklagten frei. Der Bundesgerichtshof hat das Urteil
aufgehoben, weil Kritik zwar hart sein dürfe, aber vor herabsetzenden
Äußerungen über den Bundespräsidenten haltzumachen habe. Im zweiten Fall, gegen
den Simplicissimus wegen einer
Lübke-Karikatur mit Ulbricht-Spitzbart, lehnte das zuständige Landgericht München
die Eröffnung des Verfahrens ab.
Ihm verblieb keine Aufgabe, und neue Pflichten konnte er aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr übernehmen. Seine Parteifreunde ignorierten ihn, wenn sie ihn nicht gar mieden; Heinemann hielt jedoch Kontakt zu ihm. Neben der fortschreitenden Zerebralsklerose wurde 1972 auch ein weit fortgeschrittener Magenkrebs festgestellt. Am 6. April 1972 starb Lübke im Alter von 77 Jahren in Bonn und wurde in seinem Heimatdorf begraben. Seine Frau überlebte ihn um neun Jahre.
Lübke habe andere Bevölkerungskreise als sein Amtsvorgänger Heuss angesprochen und das Amt des Staatsoberhaupts „redlich und gewissenhaft, aber ohne Glanz und Ausstrahlung“ geführt, meint sein Biograph Rudolf Morsey, der den Begriff des „vergessenen Präsidenten“ prägte. Die „Modernität“ des mehrfachen Ehrenbürgers und Ehrendoktors sei erst im Nachhinein deutlich geworden. Dazu gehörten seine hohe Einschätzung der Wissenschaft und sein frühes Eintreten zugunsten von Umweltschutz und Entwicklungshilfe, aber auch sein Bekenntnis zum „einfachen Leben“ in überschaubaren Verhältnissen. Das Gerücht, Lübke sei ein „KZ-Baumeister“ gewesen, hält sich dank der einst massiven SED-Propaganda zum Teil bis heute.
Einst war die Universität als akademischer Ort ein Raum, in dem es nicht nur darum geht, was gedacht wird, sondern auch wie, kritisch nämlich; ein Raum, in dem grundsätzlich jede Position verhandelt werden kann. Dazu gehört auch, eigene Überzeugungen immer wieder herauszufordern, zu hinterfragen, Reibungen und Dissens zuzulassen. Das ist offenkundig vorbei.
Wie die meisten wissen, habe ich bei „Tumult“ inzwischen eine eigene Kolumne, in der ich mich aktuell über die immer weiter fortschreitende akademische Einengung der Lehr- und Redefreiheit ausgelassen habe. Darf gern weiter verbreitet werden.
Kein anderes Land in Europa hat im 17. Jahrhundert eine so
lang andauernde wirtschaftliche und kulturelle Blütezeit durchlebt wie die
Niederlande. In rund einhundert Jahren arbeiteten hier mehr als 700 Maler, die
– inspiriert vom Alltag und von Seemännern mitgebrachten Exotika aus aller Welt
– mehr Gemälde fertigstellten als im Italien der Renaissance und in Frankreich
zur Zeit des Impressionismus. Rembrandt Harmenszoon van Rjin ist der wohl
bedeutendste Vertreter dieses „Goldenen Zeitalters“. Am 4. Oktober vor 350
Jahren starb er in Amsterdam – das Land hat 2019 aus diesem Anlass kurzerhand
zum Rembrandt-Jahr erklärt.
Geboren am 15. Juli 1606 in Leiden als achtes von neun Kindern eines Müllers und einer Bäckerstochter, besuchte er erst vier Jahre die Grundschule und dann weitere vier die calvinistische Lateinschule, wo er u.a. in Biblischer Geschichte unterrichtet wurde. Für das Studium der Philosophie in seiner Heimatstadt hat er sich vermutlich nur eingeschrieben, um wie alle Studenten steuerfrei Bier verköstigen zu dürfen, vermuten manche Biographen. Denn seine wahre Leidenschaft gilt schon damals der Malerei. Von 1620 bis 1624 war er Schüler von Swanenburgh, im Anschluss volontierte er bei dem Historienmaler Pieter Lastman. 1625 eröffnete er mit seinem Freund Jan Lievens in Leiden eine eigene Werkstatt und begann drei Jahre später, Schüler aufzunehmen. Erste Erfolge stellen sich auf Vermittlung des Diplomaten Constantijn Huygens ein: Er kann zwei Bilder nach England verkaufen.
Selbstbildnis mit 63. Quelle: artinwords.de
1631 verlässt er seine Heimat und kauft sich beim Amsterdamer Kunsthändler Hendrik Uylenburgh ein. Amsterdam ist im 17.Jahrhundert die Handels- und Finanzmetropole Europas: Uylenburgh kennt den Markt und besorgt ihm Aufträge. Die wohlhabenden Kaufleute der Stadt lassen sich ein Porträt aus der Hand Rembrandts einiges kosten, erzählt die Amsterdamer Kunsthistorikerin Bregtje Viergever im DLF. „Da haben die Leute bis zu 500 Gulden pro Stück für bezahlt. Das war sehr viel. Gute Handwerker verdienten damals 200 Gulden im Jahr. Und eigentlich hatte Rembrandt gar keinen Spaß daran, das zu machen. Das war nicht das, was er wollte.“ 1632 wird sein bislang erfolgreichstes Jahr: Er stellte 30 Gemälde fertig, darunter „Die Anatomie des Dr. Tulp“.
Nach seiner Heirat mit Uylenburghs Nichte Saskia 1634 kauft
Rembrandt 1639 in der Breestraat ein repräsentatives Stadthaus, das bis heute
als Rembrandthuis zu besichtigen ist. Fortan hat er es nicht mehr nötig,
vermögende Amsterdamer zu porträtieren. Er widmet sich endlich den Motiven, die
er malen möchte: das sind dramatische Historienbilder, Bibelszenen und
Alltagsdarstellungen. Doch das Schicksal meint es keinesfalls nur gut mit ihm.
Drei der vier Kinder, die Saskia zur Welt bringt, sterben schon als Säuglinge.
Nur Sohn Titus überlebt. Nach dem plötzlichen Tod Saskias 1642 kümmert sich die
Haushälterin Geertje Dircx um Titus und um den jungen Witwer.
„die vernünftige
Ausbildung in den Akademien bekämpft“
Seine Produktivität lässt nach dem Tod seiner geliebten Frau
deutlich nach, er identifizierte sich stark mit seiner Vaterrolle, kümmerte sich
in besonderem Maße um seinen Sohn und griff seine familiäre Situation auch in
Kunstwerken auf. Trotz der guten Auftragslage, den Erlösen aus dem Verkauf von
Radierungen und den Honoraren aus seiner Lehrtätigkeit konnte er seine Schulden
nicht abtragen und musste sich weiterhin Geld leihen. Zwar hatte er in dem
Dienstmädchen Hendrikje Stoffels eine neue Liebe und Muse gefunden, doch die
wurde 1654 vor den Amsterdamer Kirchenrat geladen, der sie wegen unzüchtigen
Zusammenlebens mit Rembrandt rügte. Sie gebar die Tochter Cornelia.
Bildnis von Mutter und Tochter. Quelle: twitter
Da ihm Geertje bei der Beziehung zu Hendrickje im Weg stand,
lässt er sie auf juristisch fragwürdige Weise in eine Besserungsanstalt in
Gouda stecken. Er wird mitunter als unangenehmer Mensch empfunden, als Egoist,
Streithammel, ja richtiger Stinkstiefel: beleidigend, verletzend, unnachgiebig.
25 Rechtsstreitigkeiten hat er in seinem Leben geführt, von vielen Amsterdamern
wurde er für seine Starrköpfigkeit und Unverschämtheit verachtet. Der so
einfühlsame Bilder malen konnte, war auch ein skrupelloser Mensch, der nur für
seine Kunst lebte und mit der Bewältigung des Alltags oft überfordert war, so
sein Biograph Christoph Driessen.
Kurz bevor er 1656 für zahlungsunfähig erklärt wurde,
überschrieb Rembrandt sein Haus auf seinen Sohn Titus. Als mit dem Erlös aus
der Versteigerung seines Hauses und seiner Sammlung die Schulden nicht
vollständig beglichen werden konnten, musste der Meister in ein sozial
schwaches Viertel umziehen und führte dort ein abgeschiedenes Leben. Vier Jahre
später stellten ihn Titus und Hendrickje in ihrer Kunsthandlung an, wodurch er
Geschäftskontakte aufrecht halten, Aufträge annehmen und Schüler unterrichteten
konnte. 1663 verstarb Hendrickje, 1668 Titus, kurz nachdem er geheiratet hatte.
Rembrandt zog zu seiner schwangeren Schwiegertochter. Sie gebar ihm seinen
Enkel, dem er im März 1669 Pate wurde.
Ein halbes Jahr später stirbt er krank und mittellos. Da war seine Kunst schon aus der inzwischen klassizistisch geprägten Mode: Zu dunkel, zu realistisch, zu hässlich. Doch Kompromisse hätte der eigensinnige und rebellische Meister nie gemacht. In der 1675 erschienen „Teutschen Akademie“ warf ihm der deutsche Maler Joachim von Sandrart vor, „die Regeln der Kunst – Anatomie, Proportion, Perspektive, die Norm der Antike und die Zeichenkunst Raffaels – nicht beachtet und die vernünftige Ausbildung in den Akademien bekämpft“ zu haben.
Das berühmteste Bild der Niederlande: „Die Nachtwache“ (1642). Quelle: dw.com
Der Kunstschriftsteller Arnold Houbraken ging in „Groote
Schouburgh“ 1718 noch weiter, indem er angebliche Zitate Rembrandts und unzutreffende
biographische Informationen erfand sowie Legenden verbreitete. Zu diesem
Zeitpunkt waren die Fakten über Rembrandts Leben zu großen Teilen in
Vergessenheit geraten. Deshalb schloss man aus seinen Bildern auf einen
niedrigen sozialen Stand und einen schlechten Charakter. Dies wurde auf seine
künstlerische Auffassung übertragen.
Als sich aber die Flamen und Wallonen 1830 abgespaltet
hatten, zu einem eigenen Staat namens Belgien wurden und Rubens als
Nationalmaler behielten, besannen sich die Niederländer, entdeckten Rembrandt
wieder und enthüllten 1853 ein Denkmal für ihn in Amsterdam. Seither gilt er
als künstlerisches Nationalheiligtum.
„Ausgezeichnet fotografiert und gespielt“
Rembrandt wurde in mehreren Romanen und Filmen gewürdigt, unter anderem von Charles Laughton und Klaus Maria Brandauer verkörpert. 1942 filmt Hans Steinhoff für die „Terra“ in Anlehnung an den Roman „Zwischen Hell und Dunkel“ von Valerian Tornius „Ewiger Rembrandt“ mit Ewald Balser in der Titelrolle. Darin wurde die Entstehung des Gemäldes „Die Nachtwache“ erzählt, von Richard Angst („Die Geierwally“) gedreht und von Walter Röhrig ausgestattet, der schon für „Das Kabinett des Dr. Caligari“ verantwortlich zeichnete. Damals mit dem Prädikat „künstlerisch wertvoll“ versehen, erkennt das „Lexikon des internationalen Films“ 2017 zwar „Einflüsse der nationalsozialistischen Kulturlenkung“, muss aber selbst mit 75 Jahren Abstand zugeben: „Ausgezeichnet fotografiert und gespielt“.
Brandauer als Rembrandt. Quelle: imdb.com
„Rembrandts Motive des Alltags, der präzise Einsatz von
Licht und Schatten und die Vielfalt seiner Selbstporträts haben ihn zum
Geschichtenerzähler und Vermittler des Humanismus gemacht“, so Moritz Gauditz
im DLF. Er war auch ein Chronist
seiner Zeit, sagt der Amsterdamer Konservator Erik Hinterding RTL, „Schnappschüsse wie heute auf
Instagram“, lacht er und spricht gar von über 80 „Selfies“. Schönheit
interessierte den Maler nicht, sondern die Wirklichkeit. Gerade das
Unvollkommene faszinierte ihn, Spuren in Gesichtern und auf Körpern. Malte er
eine nackte junge Frau, dann zeigte er auch noch die Abdrücke ihrer Strümpfe an
den Waden.
Seit 1968 nimmt eine im Rembrandt Research Project zusammengefasste Expertengruppe die Bewertung der Bilder vor, die ihm zugeschrieben werden: Mit technische Hilfsmitteln wie Farbanalysen, Röntgenverfahren und einer dendrochronologische Datenbank mit allen Eichenholzbrettern, auf denen Rembrandt gemalt hat. Heute gilt er als Urheber von rund 350 Gemälden, 300 Radierungen und 1000 Zeichnungen; letztere waren vor allem Etüden für seine ca. 50 Schüler, von denen einige nach dem Ende ihrer Lehrzeit als Assistenten in Rembrandts Werkstatt blieben und viele Werke gestalteten, die eigentlich ihm zugeschrieben wurden. Gerard Douw als Begründer der Leidener Feinmalerei wurde von seinen Eleven am bedeutendsten.
Versteigerung in London. Quelle: Göttinger Tageblatt
Das bei Christie’s in London versteigerte Porträt „Ein Mann mit den Armen in der Hüfte“ von 1658 erzielte 2009 mit über 33 Millionen Dollar den bisher höchsten jemals für ein Werk Rembrandts gezahlten Preis. Im Juli diesen Jahres begann das Rijksmuseum Amsterdam in einem international bislang einmaligen Schritt die Weltöffentlichkeit live an der Restaurierung der „Nachtwache“ teilhaben zu lassen: In Echtzeit im Internet.
„Ich brech‘ die Herzen der stolzesten Frau‘n, weil ich so
stürmisch und so leidenschaftlich bin…“ So ironisch kann sich nur besingen,
wer seine Rolle gefunden hat. Seine Rolle war: er selbst. Ein kleiner Mann, der
seinem physiognomischen oder sozialen Schicksal mindestens einen Moment der
Würde abtrotzte und manchmal auch das Glück, selbst wenn es nur ein kleines war.
Als er am 3. Oktober 1994 starb, war er über 60 Jahre lang ein Liebling der
Deutschen geblieben: als Lausejunge, Mustergatte, Biedermann mit durchaus autoritären
Zügen, braver Sünder – und Clown.
Geboren am 7. März 1902 in Wanne, hatte er schon im Alter von ungefähr fünf Jahren seine ersten Auftritte, die er selbst als Urszenen seiner Karriere bezeichnete: Vater Hermann, Betreiber der Bahnhofsgaststätte, holte zum Amüsement seiner Stammgäste seinen Sohn regelmäßig abends aus dem Bett, um ihn auf der Theke Gedichte rezitieren zu lassen. Heinz spielte seine Rolle und genoss den Applaus seines Publikums. Auch die Küche der Mutter war legendär: „Es gehörte zum guten Ton der Wanner Bürger, Samstagabends oder Sonntagmittags zu den Rühmanns in die Gaststätte zu gehen und dort sein Essen einzunehmen“, erzählt Wanne-Eickels Stadtarchivar Jürgen Hagen im DLF.
Als „Pfeiffer mit 3 f“ in seiner Paraderolle. Quelle: rbb-online
Schließlich entdeckt er die Leidenschaft, die ihn 30 Jahre
später zum Publikumsliebling im Kino machte: Den Flugplatz Wanne-Herten, zu
Pfingsten 1912 eingeweiht. In seinen Erinnerungen meinte er: „Ich bin immer
glücklich gewesen, wenn ich bei Mechanikern und Piloten sein durfte, wenn sie
an etwas herumbastelten. Es roch so schön nach Öl und Benzin“. Später machte er
selbst den Flugschein und übernahm bei den Dreharbeiten zu „Quax der
Bruchpilot“ sogar die spektakulären Kunstflugszenen. Präzision wird zeitlebens
seine Arbeitsweise prägen: „Wer beim Fliegen einen Fehler macht, der stürzt ab.
Das hat er auf seine Rollen übertragen. Hoch fliegen darf nur, wer gut
vorbereitet ist“, meint Produzentin Katharina Trebitsch in der Hörzu.
Prototyp des
schüchtern-lausbübischen Kleinbürgers
Im Jahr darauf endete die Idylle. Familie Rühmann zog nach
Essen, weil der als großspurig beschriebene Vater Chef des mondänen „Hotel
Handelshof“ wurde. Doch er übernahm sich finanziell, musste Insolvenz anmelden und
beging, als darüber die Ehe zerbrach, 1915 in Berlin Selbstmord. Die Mutter
musste jetzt mit einer knappen Witwenrente auskommen und zog mit den drei
Kindern nach München. Rühmann verlässt nach der Mittleren Reife die
Luitpold-Oberrealschule, nimmt Schauspielunterricht bei Hofschauspieler
Friedrich Basil und wird anschließend von Richard Gortner für 80 Mark
Monatsgage nach Breslau verpflichtet, wo er 1920 in „Rose Bernd“ von Gerhart
Hauptmann und „Die Büchse der Pandora“ von Frank Wedekind zu sehen ist.
Nach einer Odyssee über Hannover, Bremen, Braunschweig, Düsseldorf und die Bayerische Landesbühne landete er bei den Münchner Kammerspielen. Er galt lange als zu klein, zu jungenhaft, um Heldenrollen zu übernehmen. Durch Zufall entdeckt er 1922 im Residenztheater Hannover sein komisches Talent: Weil er „nur“ einen Oberkellner spielt, latscht er schlecht gelaunt über die Bühne – und erhält dafür Szenenapplaus. In Bremen findet er im Schwank „Der Mustergatte“ eine der Rollen seines Lebens – über 2000-mal sollte er sie spielen. Und an der Bayrischen Landesbühne trifft er die erste Liebe seines Lebens: Maria Bernheim, über vier Jahre älter und gut zehn Zentimeter größer als Rühmann, wurde, wie er es selbst nannte, seine „Privatregisseurin“ und 1924 seine Frau.
Der Pilot als Bruchpilot. Quelle: ln-online.de
Parallel dazu bekam er sein erstes Filmangebot: Für den Stummfilm
„Das deutsche Mutterherz“. Obwohl anfangs nicht sehr begeistert von den
laufenden Bildern, überzeugten ihn die 500 Mark Gage für zehn Drehtage. 1927
geht er zu Max Reinhardt ans Deutsche Theater in Berlin und reift zum erfolgreichen
Bühnenschauspieler. Nachdem den Ufa-Produktionschef Erich Pommer ein erstes Vorsprechen
für einen Tonfilm noch nicht überzeugte, nutzte er seine zweite Chance und
wurde mit der Rolle des „Hans“ in der Filmoperette „Die drei von der Tankstelle“
besetzt. Mit einer Einspielsumme von 4,3 Millionen Reichsmark wurde der
Streifen zum erfolgreichsten Film des Jahres 1930.
Mit darauf folgenden Produktionen wie „Einbrecher“, „Bomben
auf Monte Carlo“ oder „Der Mann, der seinen Mörder sucht“ wird er trotz
modulationsarmer, abgehackter Sprechweise neben Hans Albers zum beliebtesten
und bestbezahlten deutschen Filmschauspieler. Als Prototyp des schüchtern-lausbübischen
Kleinbürgers, der es durch naive Pfiffigkeit und Frechheiten zu etwas bringt, spielt
er in zahlreichen Komödien und Tragikomödien jene leisen und selten wagemutigen
Figuren, mit denen sich die Mehrzahl der Zuschauer offenbar identifizieren
kann. Wirtschaftlich so abgesichert, erfüllte sich Rühmann seinen Jugendtraum
vom Pilotenschein, kaufte sich ein eigenes Flugzeug und wurde zum Fan von
Luftkampflegende Ernst Udet. 1932 schloss die Ufa einen Dauervertrag mit ihm.
„Ich wurde gebraucht“
Das Jahr 1933 sieht ihn in einer so gefestigten Position, dass er als „unersetzbar“ gilt: für Kriegsdienste u.k. (unabkömmlich) gestellt, steht er ab 1944 gar auf der legendären „Gottbegnadeten-Liste“ der Nazis. Während viele seiner Kollegen das Land verlassen, baut er, der sich als strikt neutral und unpolitisch versteht, seine Karriere aus. „Ich wurde gebraucht“, rechtfertigt Rühmann später sein Verhalten. „Man sah von hoher Stelle ein, dass ein gewisser Humor unter die Menschen getragen werden muss.“ „Er mogelte sich durch, er lavierte und war deshalb schwer einzuordnen“, betont Biograf Torsten Kröner. Rühmann kam wie viele Prominente des Dritten Reiches in den Genuss von teilweise jährlichen Sonderzahlungen aus einem Geheimfonds Hitlers in Höhe von bis zu 60.000 Reichsmark.
Rühmann mit seiner zweiten Frau Hertha Feiler
Als sich seine jüdische Frau als Karrierekiller zu entpuppen
droht und er vor der Wahl „Karriere oder Emigration“ steht, handelt er
pragmatisch, nachdem er vier Jahre die Entscheidung vor sich her schob, und
stimmt einer Scheidung zu. Gleichzeitig organisiert er die Wiederverheiratung
seiner Ex-Frau mit einem schwedischen Kollegen, der ihr so die Emigration nach
Schweden ermöglicht. Dabei besteht die Ehe längst nur noch auf dem Papier: Seit
1935 ist Rühmann mit einer Kollegin, der Schauspielerin Leny Marenbach, liiert.
Als „Freikauf“ sehen es viele bis heute, auch der jüdische Film-Produzent
Arthur Brauner, für den Rühmann ein „charakterlich schwacher Mann“ bleibt.
Im Scheidungsjahr 1938 lernte Rühmann bei Dreharbeiten die
Wiener Schauspielerin Hertha Feiler kennen, nach den Nürnberger Rassegesetzen eine
„Vierteljüdin“, die er 1939 heiratete. In diesem Jahr wurde er auch wieder in
die Reichsfilmkammer aufgenommen. 1942 kam als einziges Kind der Ehe der Sohn
Peter auf die Welt. Noch in den späten Kriegsjahren dreht er einen Film nach
dem anderen, zuletzt den unsterblichen Pennälerklamauk „Die Feuerzangenbowle“ –
eine einzige Heile-Welt-Gaukelei, aber ein filmischer Geniestreich.
Als Reichserziehungsminister Bernhard Rust die Freigabe des Streifens verhindern wollte, weil der Film die Autorität der Schule und der Lehrer geradezu gefährden würde, fährt Rühmann persönlich zu Reichsmarschall Hermann Göring ins Führerhauptquartier. Göring sah den Film im Kreise seines Stabes, ergötzte sich köstlich und bejahte die Frage Hitlers, ob der Film zum Lachen sei. „Dann ist dieser Film sofort für das deutsche Volk freizugeben“, dekretiert der prompt. Joseph Goebbels notiert am 25. Januar 1944 in sein Tagebuch: „Der neue Rühmann-Film ‚Feuerzangenbowle‘ soll unbedingt aufgeführt werden. Der Führer gibt mir den Auftrag, mich nicht durch Einsprüche von Lehrerseite oder von Seiten des Erziehungsministeriums einschüchtern zu lassen.“ Einige Oberprimaner-Statisten erlebten die Premiere des Films schon nicht mehr.
Rühmann als „Charleys Tante“. Quelle: cinema.de
„Sein Anteil am großen Nazi-Verbrechen war die Arbeit für
die Ufa-Unterhaltungsmaschine, die explizit das Politische gerade vermied“,
dekretiert Beatrix Novy im DLF.
Rühmann sei ein „durch und durch deutscher Schauspieler“ mit „vielen Masken“
gewesen, schreibt der Filmregisseur und Freund der Rühmann-Familie Michael
Verhoeven; ein unpolitischer Künstler, was ihm manchmal „den vernichtenden
Vorwurf des Opportunismus“ eingebracht habe. „Künstler, die das System nicht bekämpft
haben, haben das System bestärkt. Auch mit harmlosesten Komödien. Und auch,
wenn sie glaubten, mit Harmlosigkeiten dem System zu entgehen.“ In Rühmann
könne man sein Publikum wieder erkennen.
„Mit Rühmann oder gar
nicht“
Nach einigen Notumzügen im Kriegsberlin begibt sich Rühmann nach erfolgreicher „Entnazifizierung“ durch die russischen Behörden mit „Der Mustergatte“ auf Theatertournee durch die sowjetische Besatzungszone, bevor er nach München geht. Er lebt mit Hertha in einem Behelfsheim auf dem Gelände der Bavaria-Filmstudios. Die von Rühmann 1947 gegründete Produktionsfirma „Comedia“ geht Pleite und reißt das Paar fast in den Ruin. Sohn Peter muss für vier Jahre ins Internat, sieben Jahre zahlen Rühmanns ihre Millionenschulden ab. Auch als es später aufwärts geht, hat er mit Rückschlägen zu kämpfen: Ausgerechnet der Erfolg mit „Charleys Tante“ erweist sich als Falle, denn die Charakterrolle im „Hauptmann von Köpenick“ traut man ihm daraufhin nicht zu. Regisseur Helmut Käutner muss 1956 ein Machtwort sprechen: „Mit Rühmann oder gar nicht.“
Der Schuster als Hauptmann. Quelle: 3sat.de
Die Rolle des Schusters Voigt in der Verfilmung von Carl
Zuckmayers Stück begrenzt Rühmanns Fähigkeiten nicht, wie so oft, auf
harmlos-schmunzelnden Humor, sondern fordert ihn als den Charakterschauspieler,
zu dem er im Alter immer mehr wurde. Wie der zarte 1,65-Meter-Mann mit schnarrender
Stimme und klappernden Sporen die preußische Obrigkeitshörigkeit lächerlich
macht, gehört zu den Kabinettstücken der Filmgeschichte. Zuckmayer beschrieb
ihn fast ehrfürchtig: „Wenn er, nach gelungener ‚Köpenickiade‘, auf der Treppe
des Rathauses die Soldaten entlässt ‚Für jeden Mann ein Bier und eine Bockwurst‘
– geht eine so fundamentale Traurigkeit von ihm aus, dass man sich der
Vergeblichkeit aller Fluchtversuche des Menschen aus seinem Schicksal
schaudernd bewusst wird.“ Auch seine Adaption von „Der brave Soldat Schwejk“
lässt sich so einordnen.
Rühmann überzeugt inzwischen in Stücken wie „Warten auf
Godot“ von Samuel Beckett oder Filmen wie „Es geschah am helllichten Tag“. Daneben
bemüht er auch seine Sangeskarriere wieder. Als 1955 „Wenn der Vater mit dem
Sohne“ in die Kinos kam, wurde sein Wiegenlied „La-Le-Lu“ berühmt und gelangte, neu arrangiert und mit
zeitgemäßem Rhythmus unterlegt, fast 30 Jahre später in die deutschen
Single-Charts. 1965 dreht er an der Seite von Vivien Leigh mit „Das
Narrenschiff“ seinen einzigen Film in Hollywood. Im Jahr darauf erhält er das
Große Bundesverdienstkreuz. 1968 beginnt Rühmann mit dem „Tod eines
Handlungsreisenden“ von Arthur Miller seine Arbeit fürs Fernsehen, in den 70ern
gastiert er als „Frosch“ in Strauß‘ „Fledermaus“ gar an der Wiener Staatsoper.
In seinen letzten Lebensjahren entdeckte Rühmann die Rezitation als neue
Leidenschaft, etwa bei den Weihnachtslesungen des ZDF. Die Lesungen im
Hamburger Michel sind Monate im Voraus ausverkauft.
1970 stirbt Hertha Feiler in München an Krebs. Da hatte er
bereits ein Auge auf seine letzte Liebe geworfen: die schöne Witwe des
Verlegers Willy Droemer, die auch Hertha heißt. 1971 lädt sie Rühmann zu einem
Alpenrundflug in seinem Sportflugzeug ein – und es funkt. Sie ist 48, er 61,
künftig sind sie unzertrennlich. Sie leben ein erfülltes Leben, mit Enkel und
Hund. Aus Liebe ändert sie sogar ihren Rhythmus, geht mit ihm jeden Abend
zeitig zwischen 21 und 22 Uhr ins Bett, weil er sie immer dabei haben will. „Ich
hab mir nie erlaubt, auch nur eine Tasse Kaffee irgendwo zu trinken, weil ich
wusste, dass er wartet und unglücklich ist und dass man so schnell wie möglich
heim muss“, erzählt sie später.
„Rühmann war nicht
komisch“
Nach dem Kinofilm „Gefundenes Fressen“ zieht sich Rühmann 1977 langsam ins Privatleben zurück. 1982 erscheint seine Autobiographie „Das war‘s“. Die frühere Hörzu-Chefreporterin Karin von Faber trifft ihn 1989 zu einem seiner raren Interviews. Ihre Analyse:
„Die permanente Unzufriedenheit mit sich selbst ist der Schlüssel zum Phänomen Rühmann. Seine Rollen glänzen wie Hochkaräter – da schleift einer so lange, bis es perfekt ist. Am Ende dieses Prozesses steht anrührende Einfachheit, durchsichtig wie ein Wassertropfen und ebenso verletzlich.“
Letzter Auftritt. Quelle: gala.de
1993 übernimmt er seine letzte Kinorolle in Wim Wenders „In
weiter Ferne, so nah“. Seinen letzten Auftritt hatte Rühmann am 15. Januar 1994
in Linz bei „Wetten, dass…?“ – das Publikum feierte den bereits zur lebenden
Legende gewordenen Schauspieler mit minutenlangem stürmischem Beifall und rührte
ihn zu Tränen. Er stirbt 92jährig als der Mann, den Wenders „das lebende
Denkmal des kleinen Mannes im deutschen Film“ nannte. Hertha hält seine Hand
und streichelt sie zärtlich. „Es war das Letzte, was ich für ihn tun konnte“,
schreibt sie später in ihrem Buch „Meine Jahre mit Heinz“. 1995 erhielt er posthum
die „Goldene Kamera“ als „Größter deutscher Schauspieler des Jahrhunderts“;
zuvor hatte er u.a. 13 Bambis gewonnen.
Bei den „Stars in der Manege“ 1980 war er im Circus Krone mit Oleg Popow aufgetreten: In einem Wettstreit zweier Clowns, die sich um einen Flecken Sonnenlicht balgen – bis sie erkennen, dass der Himmelsglanz für alle reicht. Was für die Clownskunst gilt, stimmt auch für ihn: Bereite dich minutiös vor. Nimm ernst, was du tust. Und: Verrate dein Spiel nie durch ironische Distanz. Diese Gratwanderung beim In-Eins-Fallen von Kunst und Leben – das war es, was das Publikum an ihm schätzte, wofür es ihn feierte; und was nichts so treffend auf den Punkt bringt wie sein vielzitiertes Chanson „Der Clown“:
„Er wollte alle Menschen immer lachen machen Und machte er selber auch ein trauriges Gesicht. Und er konnte die komischsten Sachen machen Aber selber gelacht hat er nicht.
Und hinter ihm liegt nun ein langes Leben Bald wird sie verstummt sein, die Zirkusmelodie Er hat Millionen das Lachen gegeben Aber selber gelacht hat er nie.“
Die Bandas sind eine der schönsten und faszinierendsten
Inselgruppen Indonesiens inmitten des Archipels der Molukken – und vor 500
Jahren der einzige Ort, wo Muskatbäume wuchsen, deren Nüsse damals eines der
wertvollsten Handelsgüter der Welt waren. Mit Muskat wurden Aphrodisiaka gemischt,
schale Biere aufgepeppt und natürlich Speisen gewürzt. Der Preis lag bei einer
halben Kuh – pro Nuss! Sie wurden auf den Schiffen und Kamelen vor allem
muslimischer Händler nach Europa gebracht, die gut daran verdienten. Kein
Wunder, dass die christlichen Herrscher Europas so begierig darauf waren, den
direkten Weg zu den sagenhaften „Gewürzinseln“ zu finden.
Allerdings hat einer der mächtigsten dieser Herrscher seit
1494 ein Problem. In diesem Jahr wurden, natürlich ohne die Einheimischen zu
fragen, die Einflussgebiete der beiden konkurrierenden Mächte Portugal und
Spanien durch einen Schiedsspruch von Papst Alexander VI. im Vertrag von
Tordesillas festgelegt: Alle neu entdeckten Gebiete westlich der
Demarkationslinie von 46 Grad westlicher Länge sollen Spanien gehören. Auf das
Land östlich davon können die Portugiesen Anspruch geltend machen. Die Molukken
lagen genau da.
Tordesillas-Verhandlungen, dargestellt durch einen unbekannten Künstler. Quelle: http://www.ulrich-menzel.de/odw/tordesillas_gross.jpg
Der portugiesische Seefahrer Fernando Magellan vermutet nun,
dass die Inselgruppe westlich der Tordesillaslinie liegt und daher Spanien, nicht
Portugal, ein Anrecht darauf hätte. Vielleicht seien die Inseln sogar leichter
von Osten nach Westen zu erreichen. Man müsse dazu vom Atlantik in das große
Meer auf der anderen Seite segeln, das Vasco Nuñez de Balboa bereits 1513
entdeckt hat. Dass es eine Verbindung zwischen den beiden Ozeanen gibt, ist
bisher bloße Spekulation. Magellan will sie für Spanien entdecken und macht
König Karl I., als Karl V. später auch deutscher Kaiser, ein Angebot.
geheime Karte
gefunden?
Die Geschichte bis zu diesem Angebot ist vor allem eine
gekränkter Eitelkeit. Der am 3. Februar 1480 in Sabrosa (Portugal) als Fernão
de Magalhães geborene Bürgermeistersohn wurde mit zehn Jahren Waise und erhielt
als Page am Hof von König João (Johann) II. eine umfassende Ausbildung. Daran soll
auch Martin Behaim als Lehrer beteiligt gewesen sein, ein Nürnberger
Tuchhändler und portugiesischer Ritter, der als Anreger des ältesten erhaltenen
Globus gilt.
1505 absolvierte er, inzwischen zum Knappen befördert, in
Indien seine militärische Ausbildung, nahm an verschiedenen Feldzügen teil und wurde
1510 auf einer Expedition zu den Gewürzinseln zum Kapitän ernannt. Da sich
Magellan allerdings mit seinem Schiff heimlich von der Flotte entfernte, um
weiter nach Osten zu segeln, wurde ihm das Kapitänspatent wieder abgenommen.
Ein Jahr später kehrte er nach Portugal zurück und kämpfte 1513 in Marokko in
der Schlacht von Azamor, wo er am Knie verwundet wurde.
Danach fiel Magellan bei König Manuel I. in Ungnade: Er hatte
sich beim illegalen Handeln mit den Mauren erwischen lassen. Statt für seine
treuen Verdienste für Portugal in Indien und Marokko in den Adelsstand erhoben
zu werden, wird er am 15. Mai 1514 aus dem portugiesischen Staatsdienst
entlassen. Zutiefst verletzt verlässt er, ebenso wie zuvor Christoph Kolumbus, Portugal
und bietet seine Dienste der spanischen Krone an.
Biographen vermuten, dass Magellan im portugiesischen
Seefahrtsarchiv eine geheime Karte mit einer Durchfahrt in Südamerika, einem
Paso zum Pazifik, gefunden habe. Er schlug also König Karl 1517 eine
Entdeckungsfahrt in Richtung Gewürzinseln vor, ohne das Land oder das Meer des
portugiesischen Königs zu berühren. Unterstützung fand Magellan beim Astronomen
Ruy Faleiro sowie beim Kardinal von Burgos. Im selben Jahr heiratet er eine spanische
Beamtentochter und zeugt mir ihr den Sohn Rodrigo, wodurch sein gesellschaftliches
Ansehen in Spanien steigt.
Am 22. März 1518 schloss Magellan in Valladolid mit Karl I.
einen Vertrag, der die Bereitstellung und Finanzierung von fünf Schiffen vorsah.
Ihm als Generalkapitän und Faleiro wurde ein Fünftel der Reichtümer versprochen,
die die Reise zu den Gewürzinseln bringen sollte, sowie die Gouverneursposten
für sie und ihre Erben in allen von ihnen entdeckten Ländern. Dazu kam die
Zusicherung, dass kein anderer außer ihnen in den nächsten zehn Jahren für
Spanien eine solche Expedition unternehmen dürfe. Finanziert wurde die Reise
durch die spanische Krone, den Reeder Cristobal de Haro und teilweise auch das
Bankhaus der Augsburger Fugger.
Nach Patagonien und
Feuerland
Zentnerweise Zwieback, getrockneter Fisch, Käse, Öl und
sogar ein paar lebende Kühe hatte Magellan an Bord der Karavellen bringen
lassen, mit denen er am 20. September 1519 von Sanlucar in See stach. Auch 253
Fässer Wein landeten in den Schiffsbäuchen, dazu 50 Kugelgewehre, 1000 Lanzen
und 200 Piken. Für die kostbaren Gewürze wurde Tauschware geladen, billiger
Tand wie Schellen und Glöckchen, kleine Spiegel, Messingschmuck und 40 Säcke mit
Glasperlen.
Flaggschiff war die 120 Tonnen schwere „Trinidad“, die
Mannschaft bildeten über 230 Seeleute, darunter Magellans malaiischer Sklave
Enrique Melaka, den er 1511 mitgebracht und dem er beim Erfolg der Expedition
die Freiheit versprochen hatte. Mit an Bord ist auch der Italiener Antonio
Pigafetta, der eine Chronik der Reise schreibt. Die Vorbereitungen waren Manuel
I. nicht verborgen geblieben, weshalb er Geschwader nach Brasilien und ans
südliche Afrika schickte, um der spanischen Flotte den Weg zu versperren, was
jedoch nicht gelang.
Im Dezember ankert Magellan in der Bucht von Rio de Janeiro
und erreicht im Januar 1520 die Mündung des Río de la Plata. Fluss oder die
gesuchte Durchfahrt – systematisch erkunden die Seeleute das Gewässer, bis Magellan
verkündet, dass es sich um einen Fluss handele. Nicht alle Offiziere teilen
diese Meinung. Südlich des Río de la Plata fahren sie auf unerforschtes Meer.
Niemand weiß, wie lange die Reise dauern wird. Niemand weiß, ob die Suche nach
der Passage überhaupt einen Sinn hat. Zwischen den spanischen Kapitänen nebst
Besatzung und ihrem portugiesischen Befehlshaber kommt es immer wieder zu
Spannungen.
Am 31. März 1520 lässt Magellan die Anker vor der Bucht von
San Julián werfen, wo die Expedition den Winter verbringen soll, und macht den
Fehler, die Essens- und auch die Weinration zu kürzen. Das führte innerhalb von
nur zwei Tagen unter den von Ungewissheit und Kälte zermürbten Männern zur
Meuterei: Sie fordern die Rückkehr. Magellan reagiert mit eiserner Faust, lässt
zwei Kapitäne köpfen, weitere Meuterer aussetzen und seinen Vertrauten Juan
Rodriguez Serrano die weitere Küste mit seinem Schiff „Santiago“ erforschen. Das
verliert Serrano und kämpft sich mit seiner Besatzung wochenlang an Land zurück
zum Lager: Magellan tauft es Patagonien, Land der Großfüßer (spanisch patagón),
denn die Einheimischen kamen den Europäern wie Riesen vor. Zwei von ihnen
lockte man mit Geschenken an Bord, um sie später in Spanien vorzuführen. Sie
überlebten die Reise nicht.
Im Oktober bricht Magellan wieder gen Süden auf und erreicht
einen Küstenvorsprung – er nennt ihn Kap der 11000 Jungfrauen – von dem aus es
nach Westen geht. Nach dreitägiger Erkundung die erlösende Nachricht: das
Wasser bleibt salzig, es muss eine Meeresstraße sein. Stürmische See, Nebel, Meerengen und Einschnitte,
dazu hohe Gezeiten – die Navigation erfordert alle Seemannskunst. Wieder
schickt Magellan zwei Schiffe auf Erkundungsfahrt – eins nutzt die Gelegenheit
zur Desertation und segelt nach Spanien zurück.
Magellan-Denkmal in Punta Arenas/Feuerland. Quelle: https://i2.wp.com/magazin.ctour.de/wp-content/uploads/2016/01/Feuerland-2-Denkmal-P1170846.jpg?resize=672%2C372&ssl=1
Die verbliebenen drei aber durchfahren die knapp 600
Kilometer lange Meeresstraße, die später nach dem großen Seefahrer benannt
werden wird. Da das Fest in die Zeit der Durchfahrt fiel, nennt er sie selbst Allerheiligenstraße.
Am linken Ufer sehen die Matrosen nachts den Schein von Lagerfeuern – das
Gebiet heißt seither Feuerland. Am 28. November 1520 ist es soweit, Magellan
erreicht das Südmeer, das zunächst so ruhig ist, dass es der Generalkapitän „Mar
Pacífico“ nennt – das Friedliche. Als sich nach 38 Tagen Fahrt durch die
stürmische Meerenge endlich die Weite des Ozeans öffnete, soll er weinend
zusammengebrochen sein.
Reingewinn von etwa
500 Golddukaten
Doch noch steht der schlimmste Teil bevor: Tausende
Kilometer durch den Pazifik – erst nach 98 Tagen wird die noch für viele
Jahrzehnte längste bekannte Seereise ohne Unterbrechung nach einer Distanz von
1300 Kilometern zu Ende gehen. Magellan hatte mit gerade einem Monat gerechnet.
Die Fahrt wird zur Tortur: Kein Frischwasser kann an Bord geholt werden, die
Vorräte schwinden, Skorbut macht sich breit. Zu Essen gibt es nur noch
Zwieback, doch der ist von Würmern und Maden befallen und mit Rattenkot
verschmutzt. Die Seeleute beginnen Leder zu rösten oder in Salzwasser zu
dünsten und kochen Suppe aus Sägespannen. Wer so geschickt war, eine Ratte zu fangen,
konnte sie selbst essen oder gewinnbringend verkaufen: Für einen halben Dukaten!
Mindestens 19 Menschen starben, und um keinen Kannibalismus zu riskieren, lässt
Magellan die Leichen sofort ins Meer werfen.
Wie sich später herausstellte, muss die Expedition an
hunderten fruchtbaren Inseln vorbeigesegelt sein, ohne eine zu sichten. Am 6.
März 1521 erreicht sie schließlich Guam. Von der Besatzung sind zu jenem
Zeitpunkt noch 150 am Leben. Die Inselgruppe, die heutigen Marianen, bekam von
Magellan den wenig schmeichelhaften Namen „Diebesinseln“: Die Bewohner
begannen, sich freimütig am Hab und Gut der Eroberer zu bedienen, und stahlen
gar ein Beiboot. Deswegen lässt Magellan einige Ureinwohner hinrichten. 10 Tage
später entdeckt er die erste Insel der Philippinen, Homonhon, nimmt sie für die
Krone Spaniens in Besitz und beginnt, die Einwohner zum christlichen Glauben zu
bekehren.
Humabon wird getauft. Quelle: https://i2.wp.com/magazin.ctour.de/wp-content/uploads/2016/01/Feuerland-2-Denkmal-P1170846.jpg?resize=672%2C372&ssl=1
Auf der Insel Cebu mit König Radscha Humabon gelingt das
zunächst, auf der Nachbarinsel Lappu-Lapu (Mactan) dagegen nicht. Als Magellan
am 27. April 1521 versucht, die Insel gewaltsam in spanischen Besitz zu bringen,
werden die zahlenmäßig unterlegenen Spanier von den Einheimischen noch am Ufer
zurückgedrängt. Mehrere Seeleute sterben, darunter auch Magellan. Pigafetta
berichtet, dass der Generalkapitän als einer der letzten, noch im Wasser
stehend, gekämpft habe, um den Rückzug seiner Leute zu decken. Ein vergifteter
Pfeil habe erst seinen Oberschenkel durchbohrt, danach sei er von zwei
Lanzenstößen niedergestreckt worden. Magellans Sklave Melaka kann fliehen.
Ein Grab erhält Ferdinand Magellan nicht. Zwar bemühen sich
die Spanier um die Herausgabe ihres Anführers. Die Einheimischen denken aber
nicht daran, die wertvolle Leiche herauszurücken. Der eben erst bekehrte König
von Cebu sagt sich wieder vom Glauben los und lässt die Spanier angreifen. 35
Seeleute kommen ums Leben. Die dezimierte Expedition versenkt das dritte
Schiff, macht sich mit den beiden übrigen auf die Weiterreise nach Borneo und
erreicht am 6. November die Molukkeninsel Tidore, wo sie mit dem Sultan handeln
konnte und endlich an die ersehnte Ware kam.
Da die „Trinidad“ noch überholt werden musste, segelt am 21.
Dezember die „Victoria“ allein los und erreichte mit ca. 26 Tonnen Gewürzen nach
zwei Jahren, elf Monaten und zwei Wochen sowie vielen Widrigkeiten am 6.
September 1522 Sanlúcar, den spanischen Ausgangshafen: Lediglich 18 Überlebende
waren noch übrig. Vom Schwesternschiff, das von den Portugiesen gekapert wurde,
kehrten erst im Sommer 1527 gerade weitere drei zurück. Nach Abzug aller
Kosten, darunter auch der Schiffsverluste, blieb ein Reingewinn von etwa 500
Golddukaten. Der „Victoria“-Kapitän Juan Sebastián Elcano, der als Steuermann die
Fahrt begonnen hatte, erhielt vom König ein Wappen mit der Inschrift: „Als
erster hast du mich umrundet“.
Die erste Weltumseglung hatte vielerlei Folgen. Die
Kugelgestalt der Erde war endgültig nachgewiesen. Dann wurde deutlich, dass der
Erdumfang viel zu gering geschätzt worden war. Pigafettas Reisebeschreibung
wies einen Tag zu wenig auf, was die Notwendigkeit einer Datumsgrenze
unterstrich. Spanien brach mit der Reise auch das Handelsmonopol der
Portugiesen; überhaupt stieß der Welthandel in völlig neue Dimensionen vor. Die
Magellanstraße hatte ihre größte Bedeutung vor dem Bau des Panamakanals: An
ihren Ufern konnten sich die Seefahrer bequem mit Proviant und Trinkwasser
versorgen und waren nicht den unberechenbaren Naturgewalten vor Kap Hoorn
ausgesetzt.
Der europäische Rat legte anlässlich des 500. Jubiläums im Sommer eine Zwei-Euro-Gedenkmünze auf, von der insgesamt 770.000 Stück ausgegeben wurden. Verblüffend ist, dass Magellan im Übrigen weniger in der Nautik, sondern eher der Astronomie gewürdigt wird: Er beschrieb als erster die zwei irregulären Zwerggalaxien außerhalb der Milchstraße, die am Südhimmel mit bloßem Auge sichtbar sind – und nach ihm Magellansche Wolken genannt wurden. Auch eine amerikanische Raumsonde, zwei Mond- und ein Marskrater tragen für immer seinen Namen.
Der Antje Kunstmann Verlag München hat mit „Käpt*in Rakete” jetzt einen realitätsfernen Indoktrinationshöhepunkt der Kinderliteratur verlegt. Wer eigene Kuschel- und Haustiere im Kinderzimmer gleichsetzt mit sogenannten „geflüchteten Menschen auf dem Mittelmeer“, wie es die Autoren tun, muss sich schon fragen lassen, ob er die richtige Pille eingeworfen hat. Aber ein Verlag, der diesem Unsinn auch noch ein Podium bietet, ist mindestens als verantwortungslos, ja infantil zu kritisieren.
So muss das – auch noch genderbesternte – Mädchen bei
Unwetter ihren Teddybären retten, der in der Regenrinne zu ertrinken beginnt,
sowie ihren Hund Bernhard, dem im Garten die Hütte wegzuwehen droht, anstatt in
der Küche duftende Pfannkuchen zu futtern. So heißt schüttelreimend:
„Kapuze auf und Stiefel an, so kämpft sie mutig sich voran. Der Bollerwagen, in der Not, wird so ganz schnell zum Rettungsboot.”
Im Buch heißt Salvini übrigens Saltini und ist ein miesepetriger Kater, der sich dem Rettungsbollerwagen in den Weg stellt. Die vorgebliche Botschaft, dass sich auch Kinder einbringen könnten, „wenn etwas schief läuft“, sich gegen „Missstände engagieren“ und „die Welt ein kleines bisschen besser machen“, wie Björn Trautwein in der BZ befindet, reduziert rationale Politik auf das Kinderzimmerniveau aktionistischer Handlungen im Namen einer universalistischen Hypermoral, für die man sogar gern seine Grundbedürfnisse vernachlässigt. Dass damit nicht nur Asylbewerber mit Wirtschaftsflüchtlingen und Terroristen in einen Topf geworfen werden, sondern auch das vorgebliche Retten mit dem Straftatbestand des Schleppens, ja das eigene Land das ferne Meer umfassen und Fluchtursachen von Klima bis Krieg ebenso ungewichtet wie unerwähnt bleiben sollen, wird in dieser sozialistisch-absurden Gleichmacherei völlig ausgeblendet.
Dass diese Gleichmacherei weithin akzeptiert ist, beweisen nicht nur die vielen hämischen Kommentare unter einem kritischen, aber verkaufsfördernd interpretierten Text der AM Sachsen, auf dem dieser Essay fußt, sondern auch, dass die Seite „Volksverpetzer“ unter allen „Fans“ der AM-Seite, die diesen Beitrag liken, teilen und mit dem Hinweis kommentieren, dass sie dabei mitmachen wollen, fünf Freiexemplare des Buchs verlost.
Aufruf der „Volksverpetzer“. Quelle: eigener Screenshot
Dabei ist bemerkenswert, dass die Buchautoren anonym bleiben wollen und nur maskiert an die Öffentlichkeit treten. Es handelt sich um die „Hooligans gegen Satzbau“ (das gekaperte „HoGeSa“), die zu feige sind, mit ihrem Gesicht für ihre totalitäre Zwangsbeglückung einzustehen, die sie „selbstverständlich“ nennen: „Ist jemand in Not, dann muss geholfen werden.“ Nun hat mit verdrehten Welten schon Monty Python in den 1970ern für Lacher gesorgt. Dieses Machwerk ist jedoch nicht von irgend einer Spaßguerilla als Volksbelustigung gedacht, sondern im Gegenteil von einer linken Propagandaguerilla als didaktisches Werkzeug zur realitätsblinden Emotionalisierung der Jüngsten – und ihrer Eltern, die ihnen das vorlesen sollen. Selbst Bundespräsident Gauck musste bereits im Oktober 2015 zugeben: „Unser Herz ist weit. Aber unsere Möglichkeiten sind endlich“.
„Geist der Solidarität“
Das Buch steht damit in der Tradition einer ganzen Reihe volkspädagogischer Medienprodukte, die den Bürgern, koste es was es wolle, nicht nur die vorgebliche Seenotrettung, sondern auch die Aufnahme hunderttausender minderqualifizierter Menschen mit anderem kulturellen Hintergrund als alternativlosen Humanismus schmackhaft machen und zugleich deren Gegner als rechtsextreme Menschenfeinde brandmarken wollen. Neben dem ARD-Degeto-Machwerk „Aufbruch ins Ungewisse“, angelehnt an Janne Tellers Jugendbuch „Krieg. Stell Dir vor, er wäre hier“, waren das etwa Martin Schäubles holzschnitthafte Soldatendystopie „Endland“ oder Christian Linkers NPD-Jugendkrimi „Der Schuss“, aber auch die KiKa-Reihe „Schau in meine Welt“.
Es verwundert nicht, dass jüngst gerade die in die Schlagzeilen geriet: war im Januar 2018 „Malvina, Diaa und die Liebe“ noch die Vorzeigebeziehung zwischen einer Deutschen und einem Ausländer, hat sich jetzt Malvina wieder gemeldet – mit einem verstörenden Poetry-Slam-Text, der mit den Worten „Danke, Vergewaltiger“ endet. Von Hilferuf über Traumaverarbeitung, Mädchenfantasie oder Exempel eines Stockholm-Syndroms bis bedauerliches Opfer der Willkommensideologie reichten die Mutmaßungen. Zwar habe Malvina laut HR versichert, dass das Gedicht Fiktion und der Inhalt erfunden sei. Doch nicht nur Alexander Wallasch meldet auf Tichys Einblick berechtigte Zweifel an: „So etwas erwartet man in Therapiesitzungen, wenn Vergewaltigungsopfer ihre Qualen in einem langwierigen Prozess verarbeiten.“
Malvina 2018/2019. Collage: eigene Darstellung
Andere zumal für Kinder gemittelte Texte waren unter dem Rubrum von „Einfühlung“, „Mitgefühl“ oder „Empathie“ – die Literaturwissenschaft spricht von „kognitiver Perspektivenübernahme“ – etwa Claude Dubois‘ „Akim rennt“ oder Francesca Sannas „Die Flucht“, in der die kindliche Protagonistin beim Anblick von Vögeln sagt:
„Sie sind unterwegs wie wir. Auch ihre Reise ist lang, doch für sie gibt es keine Grenzkontrollen. Ich hoffe, eines Tages anzukommen wie diese Vögel. In einer neuen Heimat, wo wir in Sicherheit sind und neu anfangen können.“
Lukas Ruegenberg und Christel Neudeck beschrieben mit „Khalil – Die Flucht aus Syrien“ gar nach einer wahren Geschichte die Odyssee eines Jungen über das Mittelmeer und die Balkanroute bis nach Deutschland. Nicht nur, dass Rainer Maria Kardinal Woelki ein Vorwort beisteuerte, zu allem Übel werden auf dem Titelbild ausschließlich schwache Kinder, Frauen und Familien auf der Flucht gezeigt, dafür aber keine starken, wehrhaften jungen Männer, die der Realität entsprächen. „Dieses Werk dient nicht zur Aufklärung, sondern soll auf plumpste Art eine ideologische Indoktrinierung der Kinder ermöglichen“, rezensiert auf Amazon ein Leser.
Da verwundert nicht mehr, dass vom Verkaufspreis von „Käpt*in Rakete” in Höhe von 10 Euro prompt ein Euro an die Organisation Sea Watch gehen soll – mit „Kapitänin Rackete“. Nach deren Festnahme riefen die ZDF-Komiker Jan Böhmermann und Klaas Heufer-Umlauf zu Spenden für Sea Watch auf. Die Sammelaktion der Moderatoren ging Anfang August zu Ende – mit einem siebenstelligen Betrag. An Bord des Kahns war nicht nur ein NDR-Team, das rein zufällig den inkriminierten Rettungseinsatz live begleitete, sondern auch noch Rapper „2Nasty“, der mit den „notleidenden Flüchtlingen“ ein Musikvideo drehte. Sea-Watch-Pressesprecher Chris Grodotzki rechtfertigte das Singen und Tanzen der teilnehmenden Personen
„als Ausdruck ihrer Selbst, auf dem Schiff aus freien Stücken und von sich aus eingebracht, … weil sie den Geist der Solidarität an Bord unseres Schiffes sichtbar machen und die Stärke und Würde der Menschen viel besser darstellen als ein einseitiger Foto-Stream von Traurigkeit und Verzweiflung“.
Buchtitel. Collage: eigene Darstellung
Der Politikwissenschaftler Peter Graf Kielmansegg sprach in der FAZ von einem unauflösbaren moralischen Dilemma, verursacht durch die permanente moralische Erpressung von kriminellen Schleuserbanden: „Wenn Rettung aus Seenot die Eintrittskarte nach Europa ist, dann werden Menschen sich ohne Ende in vorgeplante Seenot begeben.“ Doch wer auf diese erpresserische Unmoral mit organisierten „Rettungsmissionen“ reagiert, macht sich de facto zum Komplizen der Schleuserbanden, erkannte Björn Schumacher in der Jungen Freiheit. Denn niemand käme auf die Idee, „nachts am Berliner Kurfürstendamm vorsorglich Rettungshubschrauber und Krankenwagen zu stationieren, weil dort hin und wieder illegale Autorennen veranstaltet werden.“
„menschenrechtlicher
Imperativ“
23.000 seit 2013 im Mittelmeer ertrunkene Menschen haben einen furchtbaren Preis für ihren naiven Traum vom Leben im gelobten Land bezahlt. Die meisten Toten waren junge Männer, keine Flüchtlinge im Sinne des Art. 16a GG oder der Genfer Konvention, nicht einmal subsidiär schutzberechtigt und gewiss nicht die ärmsten Bürger ihrer Herkunftsländer. Mitte August plädierte Angela Merkel für die Wiederaufnahme staatlicher „Rettungsmissionen“. Doch der komplette „menschenrechtliche Imperativ“ (Kielmansegg) muss dann lauten: Seenotrettung ja! Weitertransport nach Europa nein! Das Buch blendet wie die anderen auch diese Feinheiten völlig aus, es ist ein ideologisches Produkt, das verordnete Gesinnungs- über selbstbestimmte Verantwortungsethik stellt. „Man könnte auch sagen: wer die Moral hat, hat das Recht. Das ist der Rückbau des Rechtsstaats zu einem Moralstaat der Mächtigen“, ärgert sich Ex-Verfassungsschützer Hans-Georg Maassen auf Twitter.
Böswillig könnte man sogar von einem „religiösen“ Produkt sprechen, denn für den EKD-Ratsvorsitzenden Heinrich Bedford-Strohm hat Not keine Nationalität, und „egal, aus welchen Gründen Menschen in Not sind, wir haben die Pflicht, sie zu unterstützen und ihnen zu helfen.“ Das sagte er diese Woche bei der Vorstellung des Plans, ein eigenes Schiff zur Seenotrettung von Flüchtlingen ins Mittelmeer zu schicken. Nach gründlicher Prüfung habe man beschlossen, eine entsprechende Resolution des Kirchentages umzusetzen: „Es ist mehr als Symbolik, es geht um exemplarisches Handeln.“
Damit hat sie den Konsens, „die Kirche wolle nicht selbst Politik machen, sondern Politik möglich machen“, verlassen, kritisiert Ulrich Körtner, Professor für Systematische Theologie aus Wien, auf dem evangelischen Portal Zeitzeichen. Auch er betont: „Zivile Seenotretter und ihre Unterstützer rechtfertigen ihr Handeln keineswegs nur mit dem Willen, Menschen aus unmittelbarer Lebensgefahr zu retten, sondern auch damit, dass jeder Mensch das Recht habe, in ein Land seiner Wahl zu flüchten oder zu migrieren. Da es ein solches Recht juristisch nicht gibt, begründen sie es moralisch. De facto wird Rettung aus Seenot zum Eintrittsticket nach Europa“.
In genau diese quasichristliche Kerbe schlug schon Ende August Florian Westphal, Geschäftsführer bei „Ärzte ohne Grenzen“, in einem DLF-Interview: „Man sollte sich mal vorstellen, Seenotrettung auf der Nordsee oder Ostsee liefe so. Es werden Menschen gerettet und dann wird erst mal verhandelt mit jedem Hafen, ob sie dann dahin in Sicherheit gebracht werden. Das darf nicht die neue Normalsituation werden.“ Hier werden Äpfel mit Birnen verglichen, ärgerte sich Roger Letsch auf achgut. Denn Menschen, die auf Nord- oder Ostsee in Seenot geraten (und sich nicht absichtsvoll in dieselbe begeben), wollen jeden Hafen, in den sie sich gerettet hätten, so schnell wie möglich wieder in Richtung Heimat verlassen, weswegen ihnen überall Gastfreundschaft sicher wäre, einerlei ob in Stralsund oder Stockholm.
Die besonderen Gäste von Shuttles wie der „Sea Watch“ werden aber vor allem deshalb zum Verhandlungsgegenstand, weil sie nach der Anlandung eben nicht wieder nach Hause wollen. „Lassen Sie sich nicht einreden, dass es sich um Seenotrettung handelt. Diese Migranten sind keine Schiffbrüchigen und keine Flüchtlinge. Sie haben als einwanderungswillige Ausländer die Schleuserboote bestiegen, um von einem Shuttle-Service nach Europa gebracht zu werden“, weiß Maassen.
TS-Bericht. Quelle: eigener Screenshot
Aber auch dies wird inzwischen kinderliterarisch normalisiert: in Titeln wie „Vielleicht dürfen wir bleiben“ (Ingeborg Kringeland Hald) oder „Zuhause kann überall sein“( Irena Kobald/Freya Blackwood) oder Texten, in denen es heißt „Freunde müssen nicht dieselbe Sprache sprechen, um einander verstehen zu können“ („Mein Freund Salim“, Uticha Marmon). Rafik Schami publizierte schon 2003 „Wie ich Papa die Angst vor Fremden nahm“. Lustig darf das Ganze manchmal auch noch sein: der Held aus „Nusret und die Kuh“ (Anja Tuckermann/Mehrdad Zaeri/Uli Krappen) nimmt das überdimensionierte Haustier mit nach Deutschland, damit es auch lesen und schreiben lernt… Von da ist es dann nur ein kleiner Schritt hin zu Büchern wie „Bestimmt wird alles gut“ (Kirsten Boie/Jan Birck) oder „Ramas Flucht“ (Margriet Ruurs/Ali Badr), die gleich zweisprachig deutsch und arabisch verlegt wurden.
„Das ist auch eine
Entwertung!“
Diese neue migrationsliterarische Strömung für Kinder ist aus mehreren Gründen zu problematisieren. Zum einen liegt natürlich der Schluss einer tagespolitisch konfektionierten Literatur nahe, die bestehende, überdies falsche Narrative legitimiert – statt kräftiger junger Männer etwa tauchen plötzlich Kinder und Familien auf. In der DDR-Forschung nannte man das „weltanschauliche Funktion“ von Literatur, vielleicht sollte man den Begriff reanimieren. Zum zweiten ist die völlig unkritische, mit Emotionalisierung gepaarte Heroifizierung ausländischer Gleichaltriger heikel, legt sie doch den Schluss nahe, dass es hierzulande solche Figuren nicht oder nicht mehr gibt. „Kinder lechzen nach Andersartigkeit, das ist Futter für ihre Fantasie“, sagt der Münchner Entwicklungspsychologe Hartmut Kasten der Zeit.
„Je weniger die Personen und Szenarien mit ihrem Alltag zu tun haben, umso intensiver setzen sie sich damit auseinander. Das liegt am Orientierungsreflex: Kinder richten ihre Aufmerksamkeit auf alles, was sie nicht kennen.“
Zum dritten werden mit solchen literarischen Handlungen einseitige Ordnungs- (bzw. Chaos-) vorstellungen transportiert: während bei Heimatthemen wie in Bauernhof-Büchern eine Rückkehr zum Ausgangszustand stattfindet, in der Menschen (und Tiere) ihren festen Platz haben, erklärt Hartmut Hombrecher von der Sammlung historischer Kinder- und Jugendliteratur der Uni Göttingen im Spiegel, führt hier oft ein neuer Zustand zu einem guten, aber eben fiktionalisierten, idealisierten Ende, dessen Realitätsgehalt unüberprüft bleiben muss. Damit hängt ein Rollenklischee sowohl auf Seiten der ausländischen Ankömmlinge als auch der inländischen Gastgeber zusammen, das der Kinderarzt und Buchautor Herbert Renz-Polster im DLF als Subjekt-Objekt-Zielverschiebung bezeichnete:
„Als ‚Ich muss dich fördern, ich muss dich schieben, ich muss dich ziehen, so wie du bist, nein, das reicht mir noch nicht, du musst der werden, der du sein sollst‘. Das ist auch eine Entwertung!“
Viele dieser Texte lassen überdies ästhetisch zu wünschen übrig: zeichnen sich Kinderbücher aus dem skandinavischen und englischen Raum oft dadurch aus, Unterhaltung ernst zu nehmen und Ernsthaftes unterhaltsam zu machen, kommt hier das Ernsthafte meist auch (zu) ernst daher. Damit verbunden ist die Eindimensionalität, ja platte Oberflächlichkeit von Welt und Charakteren: Verfremdet wird selten, zur Vorsicht gemahnt oder gar gewarnt kaum.
Die Literaturwissenschaft nennt das „unzuverlässiges Erzählverhalten“, damit wird die Potenz von Literatur, nicht nur schwarz-weiß, sondern alle Farben und Nuancen wahrzunehmen, ins Gegenteil verkehrt. In der DDR-Kinderliteratur waren die erfolgreichsten Bücher jene, in denen ebenso konservativ wie zuverlässig das dramaturgische Prinzip der Heldenreise mit erfolgreicher Rückkehr im Alltag gestaltet wurde, etwa Benno Pludras „Bootsmann auf der Scholle“, Gerhard Holtz-Baumerts „Alfons Zitterbacke“ oder Bernd Wolffs „Alwin auf der Landstraße“; die allesamt auch verfilmt wurden.
DDR-Kinderbücher. Collage: eigene Darstellung.
Und zum weiteren trägt diese Strömung zur Verstärkung
kognitiver Dissonanzen bei: den literarischen Erfahrungen vom armen,
traumatisierten Flüchtlingskind als Kümmerfaktor stehen die realen Erfahrungen
zunehmenden Mobbings, ja von Schulgewalt durch Flüchtlingskinder gegenüber. Allein
in Sachsen, wo es keine Mobbing-Definition gibt (ein entsprechender AfD-Antrag
wurde einstimmig abgelehnt) und darunter stattdessen Delikte wie Bedrohung (§
241 StGB), Beleidigung (§ 185 StGB), üble Nachrede (§ 186 StGB), Verleumdung(§
187 StGB) oder Körperverletzung (§ 223 StGB) subsummiert werden, gab es nur
2017 laut Antwort auf eine Grünen-Anfrage insgesamt 4 570 solcher Straftaten
mit Opfern unter 18 Jahren. Eine Einzelfallprüfung etwa nach Delikt und Täter,
mit der, selbst wenn sie auf 30 Minuten beschränkt bliebe, bei einer
40-Stunden-Woche ein Sachbearbeiter über 57 Wochen befasst wäre, lehnte die
Staatsregierung unter Verweis auf die Gewährleistung der Funktionsfähigkeit der
Polizeibehörden ab.
„Tendenz der
Wirklichkeitsflucht“
Die mediale Thematisierung bundesweiter Gewalttaten durch Flüchtlinge ist da noch gar nicht berücksichtigt. Allein 2018 wurden insgesamt 265.930 Straftaten registriert, bei denen Asylbewerber, Geduldete oder Personen, die sich unerlaubt in Deutschland aufhalten, als Tatverdächtige ermittelt wurden, ergab eine AfD-Bundestagsanfrage. Davon 98-mal Mord, 261-mal Totschlag, 1082-mal Vergewaltigungen und sexuelle Nötigung/Übergriffe, inklusive 153 Versuche, diese Straftaten auszuführen, 3477-mal räuberische Erpressung und räuberischer Angriff auf Kraftfahrer sowie 16.929-mal gefährliche und schwere Körperverletzung. Bei diesen Zahlen sind ausländerrechtliche Verstöße wie illegale Einreisen nicht berücksichtigt. Die Länderrangliste der Herkunft der Tatverdächtigen wird angeführt von Syrien (25.328), gefolgt von Afghanistan (16.687) und dem Irak (10.225). Die Morde an Maria, Mia oder Susanna waren die traurigen Höhepunkte.
„Die Gefahr der modernen Gesellschaften ist heute nicht die Entgleisung ins Bestialische, sondern die ins Humanitäre“, weiß Alexander Meschnig. „Sie gehorcht einer tiefgreifenden Tendenz der Wirklichkeitsflucht – der Verdrängung und Verleugnung menschlicher Wirklichkeit aus Angst und Unvermögen im Umgang mit der Negativität des Seins.“ Und er orakelt spenglerhaft:
„Aber dies ist nicht nur ein Missverständnis von ‚Humanität‘, sondern ihre Selbstpreisgabe. Eine Gemeinschaft, die ihre Selbstachtung verliert, hat auch den Grund ihrer geschichtlichen Existenz verwirkt“.
Wie jede Literatur bietet auch Kinderliteratur, die sich spätestens seit der Wiedervereinigung von einer Sozialisations- zu einer kindgemäßen Literatur wandelte, „einen Anlass über die Welt und sich selbst nachzudenken, die Welt als Entwurf zu verstehen. Auf Ideen zu kommen, wie man auch denken oder fühlen kann“, meint die Frankfurter Literaturdidaktikerin Helene Becker in der Welt. Die Vereinseitigung dieser Perspektive erzeugt aber Entwürfe, die zu gleichem Denken führen. Das kann nicht im Sinne von Demokratie sein. „Einige Bücher soll man kosten, andere verschlingen und nur wenige kauen und verdauen“, schrieb einst Francis Bacon. Flüchtlingsfreundliche Kinderliteratur in Deutschland gehört zu den schwerverdaulichen, von deren Verkostung man mindestens eine Magenverstimmung davontragen mag.
Seine Person spiegelt nicht nur die Spaltung der SPD,
sondern auch die politische Spaltung Deutschlands in Ost und West wider: sein
Vater war der erste sozialdemokratische Reichspräsident, der in der DDR als
Verräter der Arbeiterklasse gebrandmarkt wurde, sein Bruder Karl SPD-Landtagsabgeordneter
in Baden-Württemberg, der lange keinen Kontakt zu ihm hatte, und sein Sohn
Georg Ökonomieprofessor an der SED-Parteihochschule, der nach der Wende
arbeitslos wurde. Friedrich Ebert, genannt Fritz oder einfach Junior, würde am 12. September 125 Jahre alt.
Geboren in Bremen als ältestes von fünf
Kindern, absolvierte er von 1909 bis 1913 eine Lehre als Buchdrucker,
engagierte sich früh in der Sozialistischen Arbeiterjugend und seit 1913 in der
SPD. Von 1915 bis 1918 war er Infanterist im Ersten Weltkrieg, seine Brüder
Georg und Heinrich fielen 1917. 1920 heiratete er Johanna Elisabeth Vollmann
und bekam mit ihr zwei Söhne.
Friedrich Jr. mit Federballschläger. Quelle: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/a/a3/Friedrichebert1898.jpg/220px-Friedrichebert1898.jpg
Er war bis 1925 Redakteur des „Vorwärts“ sowie Mitarbeiter
des sozialdemokratischen Pressedienstes, bis 1933 Redakteur der „Brandenburger
Zeitung“. Zugleich begann er – wie sein Vater – eine pflichtbewusste und
erfolgreiche Karriere als sozialdemokratischer Parteiarbeiter: 1928 in den
Reichstag gewählt, wurde er 1930 Stadtverordnetenvorsteher in Brandenburg,
gehörte dem SPD-Bezirksvorstand Brandenburg-Grenzmark an und dem preußischen
Staatsrat.
Am 9. August 1933 vermeldete das „Berliner Tageblatt“, dass
„gestern der ehemalige sozialdemokratische Reichstagsabgeordnete und
Stadtverordnetenvorsteher von Brandenburg (Havel), Chefredakteur der
sozialdemokratischen Brandenburger Zeitung, Friedrich Ebert (Sohn des
ehemaligen Reichspräsidenten) … in das Konzentrationslager Oranienburg
eingeliefert“ wurde. Der Vorwurf: illegale politische Tätigkeit. Nach acht
Monaten kam er frei und stand bis 1945 unter Polizeiaufsicht. Mehrfach
arbeitslos, schlug er sich als Drucker und Tankwart durch. Seine
Frau Johanna beging 1938 unter bis heute unklaren Umständen Suizid. 1939
wurde er zur Wehrmacht eingezogen und war ab 1940 als Werber beim
Reichsverlagsamt tätig.
Zum Oberbürgermeister
ausersehen
Die Zeit nach dem 8. Mai 1945 erlebte Friedrich Ebert
bereits widersprüchlich. Sein Sohn erinnert sich 2011 in der Thüringer Allgemeinen: „Für meinen Vater
hatte der Streit zwischen Kommunisten und Sozialdemokraten wesentlich zum
Machtantritt der Nazis beigetragen. Durch die Vereinigung von KPD und SPD
sollte das künftig verhindert werden. Mit der West-SPD unter Kurt Schumacher
war das natürlich nicht zu machen.“ Sebastian Haffner hatte das ebenso gesehen.
Duplizität der Ereignisse: Wie Friedrich Senior nach der Niederschlagung der
Novemberrevolution wurde nun auch Friedrich Junior als Verräter an der Sache
der SPD und der Arbeiter verteufelt. Denn während Friedrichs Mutter bei ihrem
Sohn Karl in Heidelberg blieb, trieb er selbst in Brandenburg als
SPD-Landeschef die Vereinigung zwischen KPD und SPD voran.
„Sicher waren 1946 bei der SED-Gründung nicht alle Folgen
für ihn absehbar. Das Bestreben, demokratische Traditionen und demokratische
Traditionen der SPD in diese neue Partei einzubringen, kann man ihm schwer
absprechen“, meint Georg. Seit der Gründung einer der Landesvorsitzenden der
SED, wurde er Mitglied des Parteivorstands und später des Zentralkomitees sowie
bis zu seinem Tod des Politbüros. Nach den Landtagswahlen in der sowjetischen
Zone 1946 wurde er Präsident des Brandenburgischen Landtags. Bis heute
kursieren Gerüchte, dass er sich eigentlich zusammen mit seinem Freund, dem
ehemaligen SED-Politbüro-Mitglied Erich W. Gniffke, nach Westen absetzen wollte,
aber zu spät von Gniffkes plötzlichem Aufbruch benachrichtigt worden sei.
Wenige Tage später bekam Ebert Russenbesuch. Er rechnete fest damit, verhaftet
zu werden, doch die Sowjets überbrachten ihm den Bescheid, dass er zum Oberbürgermeister
von Ostberlin ausersehen sei.
Am 30. November 1948 wurde im Admiralspalast der noch von
der Gesamtberliner Stadtverordnetenversammlung 1946 repräsentativ gewählte
Magistrat durch einen „Volkskongress“ aus Delegierten von u. a. SED, FDGB, FDJ und
Betriebsräten für abgesetzt erklärt. Stattdessen wurde ein provisorischer „Demokratischer
Magistrat“ gewählt (im Westen als „Opern-Magistrat“ bezeichnet) und Ebert als
Oberbürgermeister vereidigt. Anschließend erklärte er, Berlin würde Teil der sowjetischen
Zone und in den Zweijahres-Plan der SED eingeschlossen. Prompt folgten
Währungsreform und Luftbrücke.
Der SPIEGEL
berichtete über einen internen Plans des Zentralkomitees der SED, in dem es
heiße: „Es muss jetzt alles versucht werden, Friedrich Ebert als rettende Hand
Gesamtberlins dem blassen und ausdruckslosen Westberliner Bürgermeister
Schreiber gegenüberzustellen. Reuter besaß zu viel obskure Popularität… Jetzt
aber ist die Stunde da, unseren Genossen Ebert als die führende Persönlichkeit
Gesamtberlins zu feiern.“ Prompt brachten Ostberliner Illustrierten
Ebert-Photos in Großformat, sein Name wird unter Verordnungen gesetzt, die zur
„Verbesserung der Lebenshaltung“ erlassen werden.
1954 eröffnet Ebert den Berliner Neujahrsmarkt. Quelle: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/4/49/Bundesarchiv_Bild_183-22899-0005%2C_Berlin%2C_Neujahrsmarkt%2C_Friedrich_Ebert_jr..jpg
Hintergrund sei, „den Sohn des Präsidenten der ersten Republik
für den Fall von gesamtdeutschen Ost-West-Gesprächen als relativ unbelasteten
Verhandlungspartner halbbürgerlicher Prägung hoffähig zu machen. Außerdem soll
der gemäßigte Ebert ‚im Sinne der Aktionseinheit‘ Verbindungen zu Westberliner
und westdeutschen Sozialdemokraten knoten.“ Ebert richtete handgeschriebene
Briefe an führende SPD-Mitglieder und lud Westberliner SPD-Funktionäre zu einer
Kaffeetafel ein. Die Verhandlungen blieben erfolglos, das Grundgesetz für die
Bundesrepublik von 1949 und die Verfassung von Berlin von 1950 sollten Gesamt-Berlin
bzw. ausdrücklich „Groß-Berlin“ von Anfang an als Land der Bundesrepublik
Deutschland ausweisen. Jedoch galt diese Bestimmung nicht, das Berlinabkommen
von 1971 stellte letztlich fest, dass die drei Westsektoren kein „konstitutiver
Teil“ der Bundesrepublik seien.
„Das Verhältnis war
kritisch“
Ebert widmete sich, nach dem Abriss des Berliner
Stadtschlosses 1950, vor allem dem Aufbau der zerstörten Stadt: die
Wiederherstellung des Brandenburger Tors, des Roten Rathauses, des Zeughauses
und der Staatsoper Unter den Linden fielen in seine Amtszeit. Seit der Gründung
der DDR 1949 war Ebert auch Abgeordneter der Volkskammer, zeitweise als
Stellvertreter des Präsidenten, später SED-Fraktionschef sowie stellvertretender
Vorsitzender des Staatsrates. Ab 1955 war das Rote Rathaus sein Amtssitz als
Oberbürgermeister. 1960 zog er in die Funktionärssiedlung nach Wandlitz. Den
Mauerbau 1961 unterstützte er selbstredend.
Als Peter Fechter im August 1962 bei einem Fluchtversuch
angeschossen wurde und verblutete, war Eberts Neffe, der Stern– und Quick-Reporter
Heinrich Jaenecke so empört, dass er einen „Offenen Brief “ an seinen Onkel
schrieb. Ein letzter Brief, in dem er alle weiteren Kontakte abbricht. Das habe
schließlich zu einem fast völligen Abbruch der Beziehungen zwischen den beiden
Familien geführt. „Das Verhältnis war kritisch und zum Teil feindlich“, gibt er
später zu. Erst im Ruhestand und über zehn Jahre nach der Einheit begann das
Eis zwischen den Ebert-Familien Ost und West zu schmelzen.
Ebert-Ehrung per Briefmarke. Quelle: https://deacademic.com/pictures/dewiki/83/Stamps_of_Germany_%28DDR%29_1984%2C_MiNr_2849.jpg
Friedrich Ebert trat nach erheblichen Differenzen mit SED-Chef Walter Ulbricht ein Jahr vor seinem zwanzigjährigen Amtsjubiläum zurück und wurde am 5. Juli 1967 zum Ehrenbürger Berlins ernannt. Ihm folgten Herbert Fechner und Erhard Krack, der 1990 zurücktrat und, weil er für die Fälschungen der Ost-Berliner Kommunalwahl im Jahr 1989 mit verantwortlich war, 1993 zu zehn Monaten Gefängnis auf Bewährung verurteilt wurde. Den 13 Regierenden Bürgermeistern im Westen Berlins standen seit 1948 also nur vier Oberbürgermeister im Osten der Stadt gegenüber.
Mit allen bedeutenden Auszeichnungen der DDR geehrt, starb Ebert am 4. Dezember vor 40 Jahren. An seinem Sarg hielt Staats- und Parteichef Honecker die Ehrenwache. Ebert wurde auf dem Zentralfriedhof Friedrichsfelde an der Ringmauer der Gedenkstätte der Sozialisten beigesetzt. 1992 wurde er ohne vorangegangene Debatte im Berliner Abgeordnetenhaus durch Senatsbeschluss neben anderen aus der Liste der Ehrenbürger der Stadt Berlin gestrichen: Den Bruch mit der Parteilinie seines Vaters verzieh man ihm nicht.
Rund 800 Millionen Stück gehen hierzulande pro Jahr über die Theke, und so viele wie noch nie waren im Februar auch beim Neuwieder Currywurst-Festival am Start: mehr als 150 Wurstsorten und gut 300 Soßen – darunter gar eine asiatische Variante mit Erdnusssoße – wurden von den 44 Imbiss-Ständen offeriert. Den Fastfood-Klassiker selbst gab es auch in ungewöhnlichen Variationen, etwa als Lamm-, Wildschwein- und Heckrindwurst – oder vegan. Vor 70 Jahren, am 9. September 1949 wurde die Ur-Currywurst in Berlin erfunden.
Wenn andere Quellen auch vom 4. oder 7. September sprechen,
ist das meteorologisch aber eher unwahrscheinlich: So lachte am 4. die Sonne
über Berlin. Denn glaubt man Hertha Heuwer, hat es am Nachmittag des Erfindungstags
junge Hunde geregnet. Sprich: die resolute Imbissbudenbesitzerin konnte nach
dem Reinemachen von ihrem Stand an der Ecke Kant-/Kaiser-Friedrich-Straße in
Berlin-Charlottenburg in Ermangelung eines Schirms nicht unbeschadet weg.
Also nutzte sie die Zeit, mit den wenigen Zutaten zu experimentieren, die sie ihren Kunden als Beilage zu ihren Würsten anbieten konnte, da ihr der Senf ausgegangen war: Tomatenmark, Worcestershiresoße, Currypulver und andere, strengstens geheim gehaltene Gewürze. Heraus kam eine Soße, die Heuwer zehn Jahre später unter dem Namen „Chillup“, ein Kofferwort aus Chilli und Ketchup, beim Patentamt in München anmeldete (Nr. 721319) und deren Rezept sie 1999 leider mit ins Grab nahm.
Heuwer in ihrem Imbiss: https://www.bz-berlin.de/data/uploads/2014/09/106919220_f68a8613ee-e1471721322794-768×432.jpeg
Einen Tag später begann sie ihre Kreation über gebratene,
kleingeschnittene Brühwürste zu gießen. Auf die Idee kam sie durch ihren Mann,
der damals für die Amerikaner arbeitete. Die pflegten auf ihre riesigen T-Bone
Steaks, aber auch ihre kleinen Hot Dogs Unmengen von Ketchup zu gießen, was
offensichtlich gut schmeckte. Da T-Bone Steaks für die Nachkriegsberliner schlichtweg
zu teuer waren, machte sie aus der Not eine Tugend, badete ihre Würste in der selbstgemachten
Soße, und fertig war das „Steak des kleinen Mannes“, das sie mit Holzspießchen
anbot.
„Currywurst“ oder
„Bratwurst mit Curry“
Das zieht sofort die Frage nach sich, welche Wurst es denn
sein musste. Beantwortet wird sie durch den Erfindungsreichtum eines Sachsen. Der
Fleischer Max Brückner aus Johanngeorgenstadt experimentierte an einer Wurst
ohne Darm, da Naturdarm damals knapp und teuer war. Normalerweise wird die
Fleisch-Fettmasse, das Brät, in den Darm gespritzt und dann fest. Brückner nun
fand eine Methode, das Brät direkt ins 80 Grad heiße Wasser aus einer
Wurstbrätspritze zu geben und dabei in Form zu halten. Dieses Geheimnis brachte
er mit nach Berlin, wo er sich 1949 unter dem Namen „Maximilian“ selbstständig
machte, die Herstellung mit seinem ebenfalls sächsischen Partner Frank
Friedrich perfektionierte und den Verkauf dieser Wurst als „Spandauer ohne
Pelle“ startete. Heuwer zählte als enge Familienfreundin von Frank Friedrich zu
den ersten Kunden von „Maximilian“.
Später wurde die Darmfrage ein Politikum: die Westberliner
Currywurst wie überhaupt alle westdeutschen war überwiegend eine mit Pelle, die
Ostberliner aus Mangel an Naturdärmen eine ohne – Scherzbolde deuten das als
Hinweis auf die hüllenlose FKK-Kultur der DDR. Dem Kultimbiss „Konnopke“ auf der Schönhauser Allee, der 1960 die
Ost-Wurst eingeführt hatte, widmete die Kultband „Silly“ um Tamara Danz 1983
den sexuell doppelbödigen Song „Heiße Würstchen“.
1967 wurden dann die schon 16 Jahre zuvor zwischen Behörden und Fleischerinnung abgesprochenen Anforderungen zur Beschaffenheit der Berliner Currywurst festgeschrieben: eine feine, nicht gepökelte und nicht geräucherte Bratwurst mittlerer Qualität mit einem maximalen Fremdwasserzusatz von fünf Prozent. Einfache Qualitäten oder andere Würste dürfen daher nicht als „Currywurst“ angeboten werden, sondern beispielsweise als „Bratwurst mit Curry“ oder „Dampfwurst mit Curry“.
Der Erfolg der Wurst ließ nicht so lange auf sich warten:
Hertha Heuwers Imbiss zog in ein Ladenlokal mit Garküche in der
Kaiser-Friedrich-Straße 59 in der Nähe des Busbahnhofs im Rotlichtviertel des
Stuttgarter Platzes „Stutti“ um und entwickelte sich dort zu einer Institution:
Sie hatte Tag und Nacht geöffnet und beschäftigte in ihren besten Zeiten bis zu
19 Verkäuferinnen. Die Firma Kraft bemühte sich um das Rezept und das
Markenrecht, was Heuwer allerdings ablehnte. Seit 2003 befindet sich am ehemaligen
Standort (heute: Kantstraße 101) eine Gedenktafel. Auf Anregung der Nichte
Hertha Heuwers mixte Frank Friedrich aus diesem Anlass die Soße nach und produziert
und vertreibt sie unter dem Namen „Chil-MAX“ bis heute.
„aus meiner
Schlossküche“
Allerdings ist diese historische Version, der auch das nicht
mehr existente Berliner Currywurstmuseum folgte, nicht die einzige. So beharrt
der Erzähler Uwe Timm felsenfest darauf, seine erste Currywurst bereits 1947 in
Hamburg gegessen zu haben. In seiner Novelle „Die Entdeckung der Currywurst“ erzählt
er 1993, wie die Hamburgerin Lena Brücker zwei Jahre nach Kriegsende zufällig
die herzhafte Würzwurst schuf. Als sie – in der einen Hand Curry, in der
anderen Ketchup – auf einer Treppe stolperte, geschah das Wunder: Beide Zutaten
vermengten sich zu jener Soße, die die Currywurst erst zur Currywurst macht.
Von da an verkaufte die Romanheldin das Zufallsprodukt auf dem Hamburger
Großneumarkt, und von dort aus begann dann die Brutzelspezialität ihren
Siegeszug: mindestens zehn Minuten in 150 Grad heißem Öl im Ganzen gebraten und
jede Minute gewendet.
Diese Version wurde auch als Comic, Hörspiel und 2008 als
Film bekannt gemacht, von Gert Rüdiger in seinem Buch „Currywurst. Ein anderer
Führer durch Berlin“ allerdings rundweg abgelehnt, nicht zuletzt mit Berufung
auf Heuwers Zitat: „Ich hab‘ das Patent – und damit basta!“ Trotzdem hängt auch
in Hamburg mittlerweile eine Gedenktafel für die Erfinderin. Der Streit flammte
im November 2009 neu auf, als die „Curry Queen“ in der Erikastraße in
Hamburg-Eppendorf von der Restaurantbibel Gault
Millau zur besten Currywurst-Destination Deutschlands erklärt wurde. Berlin
war sauer.
Curry Queen mit Ehrung. Quelle: https://media1.faz.net/ppmedia/aktuell/reise/485402694/1.903113/format_top1_breit/den-olymp-der-haute-cuisine.jpg
Eine dritte Version kam im Herbst 2018 auf. Danach könnte
die Currywurst bereits 1946 im niedersächsischen Bückeburger Schloss an der
Grenze zur Nordrhein-Westfalen NRW kreiert worden sein. Alexander Fürst zu
Schaumburg-Lippe behauptete in BILD:
„Die Currywurst kommt aus meiner Schlossküche.“ Der bereits verstorbene Sauerländer
Küchenmeister Ludwig Dinslage soll die Currywurst im September 1946 erstmals im
Speisesaal des Schlosses serviert haben – und zwar britischen Offizieren. Der
Sohn des Küchenmeisters führt als Beleg auch einen Zeitungsbericht vom 12.
September 1984 an, in dem Ludwig Dinslage rückblickend über seine neue Kreation
von 1946 berichtet.
Diese Version wiederum könnte die Verbreitung der Wurst im
niedersächsischen Wolfsburg erklären – sowohl im VW-Werk als auch dem
VfL-Stadion. 6,3 Millionen Curry-Würste produzierten die Mitarbeiter der
Werksfleischerei 2015 – übrigens nur mit Schweinebacke, -speck und -bauch von
deutschen Bauern – und übertrafen damit die Autoproduktion bei weitem. Das
Besondere: Die Wurst hat gerade 20 Prozent Fettanteil, enthält weder Phosphate,
Glutamat oder Milcheiweiß, was sie schön bissfest macht, und wird bereits während
der Herstellung mit Curry gewürzt. Die Normalversion ist 22 Zentimeter lang,
die kürzere, die bei Heimspielen des VfL Wolfsburg und bei VW als Lady-Version offeriert
wird, 12,5. Auch der Handel (Edeka) und Drittkunden wie Porsche in Leipzig
bieten sie an.
„Curry mit Pommes
Schranke“
Und diese Version könnte erst recht die Verbreitung im
benachbarten NRW erklären, von der keine eigene überliefert ist. Im Ruhrpott
gilt sie inzwischen als heimisches Produkt, besungen von Herbert Grönemeyer
nach einem Text von Diether Krebs, -zigfach verspeist in den „Tatort“-Folgen
mit Götz „Schimanski“ George und geadelt mit Wortschöpfungen wie
„Schimanski-Teller“, „Mantaplatte“ oder „Assischale“. Bestellt wird mit der
Ansage: Curry mit Pommes Schranke. Was so viel heißt wie Currywurst mit Pommes
frites, Ketchup und Mayonnaise. Inzwischen spießen sie auch die neuen Kölner
Kommissare Ballauf (Klaus J. Behrendt) und Schenk (Dietmar Bär) regelmäßig an
der Deutzer Rheinbrücke auf die Plastikgabel.
Currywurst Schranke im Tatort. Quelle: https://www.goethe.de/resources/files/jpg824/artikelbild3-formatkey-jpg-w983.jpg
Die Landes-SPD war übrigens in den Landtagswahlkampf 2012
mit dem Slogan „Currywurst ist NRW“ gestartet – gerade im Ruhrpott ein Symbol
für besondere Volksnähe. Der Slogan ging als Sieger aus einem Wettbewerb
hervor, zu dem die Partei im Internet aufgerufen hatte. In der Parteizentrale
gab es damals Currywurst für alle. Gratis, versteht sich. Resultat: Hannelore
Kraft gewann, und zwar haushoch. Auf dem politischen Parkett outete sich auch
Alt-Kanzler Gerhard Schröder (SPD) gern als Currywurst-Liebhaber: Beim Staatsbesuch
des US-Präsidenten George W. Bush im Mai 2002 standen Eintopf aus Flusskrebsen,
Apfelstrudel und Currywurst auf dem Speiseplan.
Weiter südlich hat der Snack bis heute kaum Chancen. Nach
den Frankfurter Würstchen im Rhein-Main-Gebiet als erstem Bollwerk wirkt der
Weißwurst-Äquator als natürliche Grenze. Der Osten setzt die echten Thüringer
Rostbratwürste und die Halberstädter Würstchen dagegen. Noch weiter südlich ist
man aufgeschlossener: Inzwischen wird die Wurst sogar in Kundus, Afghanistan,
serviert, zubereitet von einem ehemaligen Bundeswehr-Koch.
Chili statt Curry
Doch in Berlin genießt sie nach wie vor Kultstatus. Sogar im
Luxushotel Adlon steht sie manchmal auf der Speisekarte – mit Champagner. In
der Probierstube des Currywurstmuseums nahe dem Checkpoint Charlie wurde sie
gar mit Blattgold kredenzt. Bei Berlinale-Partys gilt sie als „hippes“ Fingerfood,
und beim Bundespresseball ist sie ein Nachmitternachtsritus.
Letzter Schrei der Wurstkultur: Chili statt Curry.
Imbissbuden in Berlin, aber auch Hamburg, Frankfurt und im Ruhrpott haben es
durch höllische Soßen zu deutschlandweiter Prominenz gebracht und werben damit,
die schärfste Currywurst der Welt zu kredenzen. So auch Gerd Herzogs Imbiss
„Die Currywurst“ in Wanne-Eickel, der zehn Schärfegrade anbietet, gemessen in
der chemischen Einheit „Scoville“.
Altkanzler mit „Kanzlerteller“. Quelle: https://www.tz.de/bilder/2014/11/21/4469686/841199137-urn-newsml-dpa-com-20090101-141121-99-07242_large_4_3.jpg
Während Tabasco mit 3000 Scoville zu Buche schlägt, brennt Herzogs Stufe neun mit 20.000 Scoville. Stufe zehn mit 310.000 Scoville oder gar zehn plus isst der Kunde auf eigenes Risiko – gegen Unterschrift. Bei den „German-Scoville-Masters“, die Herzog jährlich ausrichtet, verdrückte der Gewinner 2011 ein Stückchen Wurst, das in einem Esslöffel purer Höllensoße schwamm: 7,1 Millionen Scoville. Das taten zwar noch zwei andere Wagemutige, allein: Beim späteren Sieger wurde nach dem Verzehr der niedrigste Blutdruck gemessen.