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„Ja, Realität scheint zerfasert, Reflexion mühsam, Probleme sind komplex, Sachverhalte vieldeutig. Boulevard bedient die Sehnsucht nach Einfachheit und Einheit, und die ist mit personalisierten Emotionen sehr leicht herstellbar. Die Unterschiede zwischen „Fluthelfer-Plakat sorgt für Ärger” (SZ-Online) oder „Panne beim Flut-Plakat“ (BILD) halte ich für marginal.“ Ein Interview mit mir von PR-Frau Sylvie Weidlich über Medien und Medienmachen:

http://www.blog.fukaiko.de/dresden-kommuniziert-reloaded-medienmenschen-plaudern-munter/

Nach einiger Abstinenz haben mich mehrere Publikate (wohlbemerkt: das ist immer noch mein privater Blog) zu einem Kommentar herausgefordert – wen wundert‘s: zur Bildungspolitik. Aber die Schere zwischen antinationaler, realitätsverleugnender Ignoranz und angeblich internationaler Anbiederung ist zu einem leider nicht mehr wahrnehmbaren politischen Skandal verkommen, den man anprangern muss.

Worum geht es? Die „Akademischen Monatsblätter“ vom Mai haben unter dem Top-Thema „Die deutsche Bildungswüste“ den Erfahrungsbericht des Geschäftsführers eines der weltweit führenden Hersteller von Wärmebehandlungsanlagen publiziert. Jener Dieter Schäufler, selbst Dipl.-Ing., beschreibt – bezeichnenderweise in fünf „Jeremiaden“ – die Modi, wie er zu Firmennachwuchs kommt. Und vergleich sich dabei mit Oliver Hardy: „In typischen Szenen versucht Olli Stan etwas zu erklären, die Reaktion von Stan besteht aus absolutem Unverständnis, und das wiederum treibt Olli in den Wahnsinn. In den Bewerbungsgesprächen versuche ich, die Eskalationsstufe des Wahnsinns zu vermeiden, aber ich fühle mich oft, als wäre ich Olli.“

Sein Wahnsinn beginnt bereits beim Lesen der Bewerbungsunterlagen: „Ist die Adresse richtig geschrieben, hat das Anschreiben Sinn, sind die Rechtschreibfehler vernachlässigbar? Dabei fielen vor noch fünf Jahren fast 70 Prozent durch. Heute lassen wir die Kriterien sein und konzentrieren uns nur noch auf die richtige Adresse, um festzustellen, ob wir auch wirklich Ziel der Bewerbung sind. Ansonsten hätten wir überhaupt keine Kandidaten mehr.“ Und bereits an dieser Stelle kann und muss abstrahiert werden, wie es um die Deutsch-Kenntnisse nicht nur von Absolventen technischer Studiengänge bestellt ist, sondern offenbar der meisten Berufsanfänger dieses Jahrzehnts. So ergab die Umfrage „Kommunikationsbranche 2010 – Fakten, Erwartungen und Trends“, für die die Wirtschaftspsychologische Gesellschaft München 477 Unternehmen befragte, dass auf einer Liste mit 17 Indikatoren für „Mitarbeiter-Auswahlkriterien“ die Kriterien „Studium“ und „Abschlussnoten“ gerade noch auf den Plätzen 12 und 13 landeten. „Deutschkenntnisse“ dagegen rangieren nach „Leidenschaft“ an zweiter Stelle, gefolgt u.a. von Sozialkompetenz und Kreativität. „Deutschkenntnisse der Bewerber sind von herausragender Bedeutung für die Entscheider. Das deckt sich mit den Meldungen aus anderen Branchen, die ebenfalls desaströse Deutschmängel bei Bewerbern beklagen“ (ebd.) Im Oktober 2012 dann schreckte ein „SPIEGEL“-Interview mit dem Bayreuther Altphilologen Gerhard Wolf die Republik auf. Wolf hatte andere Professoren zur Studierfähigkeit ihrer Studenten befragt – und von 70 Kollegen vernichtende Urteile wie die folgenden erhalten:

– „Die mangelnde Studierfähigkeit zeigt sich vor allem in der stark unterentwickelten Fähigkeit, kompetent und souverän mit der (deutschen) Sprache umzugehen.“

– „Konjunktive schwinden aus den schriftlichen Arbeiten ebenso wie zunehmend alle Zeitformen jenseits des Präsens.“

– „Der aktive Wortschatz schrumpft auf wenige hundert Ausdrücke, die penetrant wiederholt werden.“

Für Schäufler ist ein wesentlicher Grund dieses Versagens der Institution „Schule“ das Gesamtschulkonzept: „Wenn ich das richtig verstanden habe, besteht das Konzept aus der Hoffnung, dass die Besseren die Schlechteren nach vorne ziehen. Ich selbst kenne keine Kolonne, die schneller fährt als ihr langsamstes Mitglied.“

Aber selbst wenn die Hürde „Anschreiben“ gemeistert ist und der Kandidat dann eingeladen – die eigentlichen Nachwuchsprobleme fangen jetzt erst an: „Meine typische Eingangsaufgabe an den taufrischen Maschinenbauingenieur mit gerade erhaltenem Diplom (oder ist es neuerdings ein Masterbrief?) besteht in der Aufforderung, eine Welle mit zwei Lagern zu konstruieren. Dafür erhält der Kandidat ein weißes Blatt und einen Bleistift. Für die Nicht-Maschinenbauer: Die Aufgabe ist Erstsemesteraufgabe Mechanik und Zweitsemesterübung Konstruktion. Sie erzwingt eigentlich die Frage nach der Art der Lagerung. Das ist absolutes Basiswissen. Von vier Bewerbern fragt höchstens einer (!), ob er eine Fest-Los-Lagerung konstruieren soll. Einer ist absolut überfordert und versteht die Aufgabenstellung nicht. Die beiden anderen beginnen sofort mit der Zeichnung. Der Frager bekommt in der Regel eine Zeichnung hin, auf der man erkennt, was es sein soll. Die anderen beschäftigen sich als frei schaffende Künstler. Verschärfe ich das Ganze noch mit der Frage, wie eine Schraubenverbindung berechnet wird, sind die Grenzen jeglichen Wissens überschritten. Ich hatte in den letzten sieben Jahren einen einzigen Kandidaten (von schätzungsweise über hundert), der mir eine saubere Konstruktionszeichnung erstellte … Nochmals zur Verdeutlichung: Bei meinen damaligen Consemestern (sogar bei den Wirtschaftsingenieuren Maschinenbau) konnte das jeder nach dem Vordiplom und auch noch nach dem Hauptdiplom im Schlaf. Heute kann es anscheinend nur noch einer von Hundert. Das Ganze lässt sich noch unendlich fortsetzen, aber eines noch als Sahnehäubchen: Auf meine Frage, was man denn im Studium heutzutage so lernt, höre ich die Begriffe Projektmanagement, Management, 3DKonstruktion, etc. Ingenieursinhalte sind dagegen rar.“

Die andere Seite der Medaille: Ingenieure aus China und Osteuropa sind inzwischen ebenso gut, ja teilweise besser ausgebildet. Für Schäufler „liegt dies nicht überwiegend an der immer besser werdenden Ausbildung in den genannten Staaten, sondern fast ausschließlich an unseren hausinternen Entwicklungen.“ Und genau darum muss es gehen! Die Mär vom Fachkräftemangel ist nichts anderes als die Angst der Regierenden, zum einen in Bildung investieren und zum anderen die so Gebildeten gut bezahlen zu müssen! Da lässt man Deutschland lieber brach liegen und setzt auf billige, willige, weil in ihren Heimatländern perspektivlose Ausländer. Und das ist der eigentliche Skandal.

„Ich war viel und lange im Ausland und habe erlebt, wie hochgeachtet der deutsche Ingenieur und der deutsche Meister sind. Aber ich sehe, wie das zerstört wird: von der Politik, von den Medien, von den Lobbyisten, von den fortschrittlichen Eltern, von Lehrern der antiautoritären oder antikonservativen oder antitraditionellen oder sonst irgendwelchen Anti-Richtungen. Oder aber auch von Eltern und Lehrern, die es nie besser erlebt und erlernt haben. Ich sehe keine Bemühung, irgendetwas zu ändern. Ich sehe noch nicht einmal, dass andere es ebenfalls sehen“ erklärt Schäufler fast resignativ. Und sein Credo ist wenig ermutigend: „Hört Ihr im Hintergrund nicht auch die Ouvertüre der „Götterdämmerung“?“

PS: Auch Hersteller diverser Produkte scheinen der Institution „Schule“ die Kompetenz zur Wissensvermittlung abzusprechen. Anders kann ich mir nicht erklären, dass in einer hessischen Pension dem Toilettenpapier diese Aufgabe übertragen wird 🙂 ; Screenshots dieser Art „Lernen in der Freizeit“ haben das Posting hoffentlich angenehm aufgelockert…

Ich habe mich nun nach einiger Überlegung entschlossen, mich nochmals politisch zu engagieren. Seit Sonntagvormittag bin ich stellv. Landesvorsitzender der AfD und ihr Pressesprecher, seit Sonntagabend Listenkandidat. Über die Gründe schreibe ich hier nicht (das würde zu lang). Mit einer Ausnahme: ich finde das Adjektiv „alternativlos“ eins der erbärmlichsten und semantisch missbräuchlichsten der deutschen Sprache. Eine von „marktkonformer Demokratie“ schwafelnde Kanzlerin, die es verwendet, signalisiert dadurch: „Ich bin visionslos“. Was wir benötigen, sind aber „demokratiekonforme Märkte“. Und da die sich nicht selbst herzustellen scheinen, muss der menschliche Geist nachhelfen. Dazu aber braucht man nicht nur denselben, sondern muss ihn auch gebrauchen wollen. Und das setzt voraus, Alternativen zu suchen und sich mit ihnen auseinanderzusetzen, ja diese Auseinandersetzung zu befördern und zu den Menschen zu tragen.

Nur wenige Beispiele: Was mit Banken möglich ist, haben die Isländer bewiesen, was mit Managergehältern, versuchen gerade die Schweizer zu beweisen. Wie „Flexicurity“-Arbeitsmarktpolitik gehen kann, lebt uns Dänemark vor. Wie praktikable und funktionable Bildungspolitik aussehen kann, zeigt uns Finnland. Und in Bhutan wird Wohlstand nicht durch Wirtschaftswachstum definiert, sondern Glück als Staatsziel in der Verfassung verankert. Für Deutschland stellen sich all diese Fragen nicht???

Wer die Realität ausblendet, indem er den Armutsbericht schönt, wer keinen Blick mehr hat für Rentenunsicherheit, Altersarmut und soziale Zerbröselung aufgrund zunehmender Ungerechtigkeit (oder letzteres als „Neiddebatte“ diskreditiert), hat sich selbst ad absurdum geführt. Der formale Akt dazu muss am 22. September folgen. Gerade mal 3,4 Millionen Menschen in Deutschland sind direkte Aktienbesitzer. Es ist unnötig, den überwältigenden Rest der Republik tagtäglich mit den „Märkten“ zu konfrontieren, die nichts weiter sind als die Sorgenkurven der Gierigen. Wie kämen 78 Millionen dazu, sich für das Wohlergehen von 4 Millionen dumm und dusslig zu schuften? Menschen statt Banken, Punkt.

Der am 28.04.2013 in Leipzig gewählte AfD-Vorstand. Foto: Jens Herold

Der am 28.04.2013 in Leipzig gewählte AfD-Vorstand. Foto: Jens Herold

Da Schul- und vor allem Hochschulbildung in der AfD bisher noch wenig vertieft wurden, werde ich mich vor allem darum kümmern. Wir müssen in unseren Hochschulen den statusbegründenden quantitativen „Immer-Mehrismus“ (mehr Publikationen, mehr Drittmittel…) abschaffen zugunsten qualitativer Maßstäbe, denn: das Meiste ist nicht das Beste. Die Forschungsförderung muss verändert und transparenter gemacht werden: nicht die schönste Antragslyrik darf entscheiden. Und vor allem muss Forschung mit jenen Wissenschaftlern betrieben werden, die ihre Befähigung dazu nachgewiesen haben – es kann nicht sein, -zig Qualifikationsarbeiten zu „betreuen“ und dann die jungen Doctores auf der Straße stehen zu lassen – das betrifft auch und erst recht die Betreuungsstandards: Plagiate müssen wirksam unterbunden werden, Hochschulen dürfen nicht für besonders viele Doktoranden mehr Geld aus der leistungsorientierten Mittelvergabe bekommen.

Das setzt allerdings ein striktes Leistungsprinzip voraus: wer promovieren darf, muss nicht nur zu den Besten, sondern zu den Allerbesten gehören, aus denen sich dann auch der wissenschaftliche Nachwuchs rekrutiert. Wieso brauchen wir zehnmal so viele mäßige Doktoranden als später Professuren zu besetzen sind? Daneben muss das Gießkannenprinzip der Titelvergabe unterbunden und stattdessen der Titel wieder zu dem aufgewertet werden, wofür er stand: kein BA- oder FH-Professor mehr ohne abgeschlossene Promotion, das muss auch für private Hochschulen gelten.

Für einen gesunden Mittelbau mit – wie in Westeuropa üblich – höchstens einem Drittel unbefristete Stellen –  und mit Mindesthonoraren: es kann nicht sein, dass eine sächsische Hochschule eine befristete Dozentur mit einer TVöD 11 ausschreiben darf, d.h. die Übernahme professoraler Aufgaben um zwei Stufen schlechter bezahlt wird als die Tätigkeit eines wissenschaftlichen Mitarbeiters, ja sogar schlechter als jeder Lehrer. Und wir müssen den Hochschulen das Recht einräumen, selbständig ein Diplom für jene Studiengänge (wieder) einzuführen, bei denen sich ein nur sechssemestriges Bachelorstudium einerlei aus welchen Gründen nicht bewährt hat.

Außerdem brauchen wir bundesweit einheitliche Bildungsstandards, orientiert an den besten Schulsystemen Deutschlands. Wer aus Hamburg nach Sachsen zieht oder aus Sachsen nach Hessen, muss in seiner Klassenstufe ohne Probleme den Anschluss schaffen können. Wir brauchen eine finanzielle Aufwertung des Lehrerberufs, um die Bedarfslücke zu decken, verbunden mit praxisnäherer Ausbildung. Es kann nicht sein, dass es in Sachsen wichtiger ist, sonntags Auto zu waschen, aber wochentags zu wenige Lehrer zu haben und 10 Prozent des Unterrichts ausfallen zu lassen. Und wir wollen ein Familiensplitting, damit die Familien auch die Mittel behalten, ihre Kinder optimal zu betreuen und auszubilden. Um zu vermeiden, dass einkommensschwache Familien durch ein Splitting nominal weniger entlastet werden als einkommensstärkere, muss die Progressionsformel geändert und der Steuersatz mit steigendem Einkommen stärker angehoben werden.

Natürlich werde ich mich bei entsprechenden Themen auch in der Medien- und Kulturpolitik engagieren, bspw. beim unsäglichen Geschwafel der Drosselkom. Und natürlich verweigert sich die Alternative auch keiner Idee anderer Gruppierungen, die ja immer mit der Keule des Machtkalküls drohen, selbst wenn diese Idee Mehrheiten fände. Wichtig ist nicht, wer etwas sagt, sondern dass es gesagt wird.

Ich danke allen Unterstützern und freue mich auf neue Herausforderungen.

Direktor Uwe Kammann hat auf der Internetpräsenz seines Instituts die Nominierung des DC versucht zu verteidigen. Halbherzig, wie ich finde, mit teilweise hanebüchenen Argumenten. Aus diesem Grund habe ich ihm geantwortet – in Form eines offenen Briefs.

Sehr geehrter Herr Kammann,

auf der Internetpräsenz des Grimme-Instituts haben Sie eine Rechtfertigung publiziert, mit der Sie die Nominierung des Formats „Dschungelcamp“ (DC, ich nenne es der Kürze halber so) für den Grimme-Preis 2013 in der Kategorie „Unterhaltung“ verteidigten. Als Direktor des Grimme-Instituts sollen Sie das auch, ja müssen es vielleicht sogar. Ich kenne Sie außer von vielerlei klugen Äußerungen vor allem beim Leipziger „Medientreffpunkt Mitteldeutschland“ nicht persönlich. Umso mehr empört mich Ihre Argumentation: teilweise hanebüchen, teilweise die von der Medienkritik vor allem im Netz aufgeworfenen Probleme ignorierend, teilweise auch schlicht falsch. Daher diese Entgegnung in Form eines Offenen Briefs. Ich publiziere ihn auch auf meiner Internetseite und den angeschlossenen sozialen Netzwerken; denen sowie vielen weiteren Internetquellen ich Argumente und Inspirationen verdanke, ohne diese im Folgenden explizit nachzuweisen.

Zunächst: wenn sich der Grimme-Preis um „ernsthafte Auseinandersetzung“ abseits des „Herrschaftsanspruchs der Quote“ zu bemühen vorgibt, ja um den „Diskurs über Qualität“, ist das hochlöblich. Aber: ist es da angemessen, ein qualitätsstrittiges Format zu nominieren und zu warten, was passiert? Wäre es nicht wirkungsvoller, die Auseinandersetzung dadurch zu befördern, indem man es nicht nominiert – und begründet, warum es trotz „Kandidatur“ für eine Institution wie den Grimme-Preis – Stichworte „vorbildlich“ und „modellhaft“ – nicht infrage kommen kann? „Jedes Ding hat drei Seiten: eine gute, eine schlechte und eine komische“ wusste schon Karl Valentin. Sie haben sich leider für die schlechte entschieden, die gleichzeitig für viele anfangs ironisch, bei tieferem Nachsinnen allerdings nur noch zynisch wirkte. Dieselbe Wirkung übrigens, die die beiden nominierten Moderatoren eher bewusst (man denke an jene denkwürdige, Dirk Bach zugeschriebene Aussage, wonach das „Dschungelcamp das Gorleben der Medienlandschaft“ sei) denn unbewusst verwechseln: Unzulänglichkeiten der Kandidaten bloßzustellen bei kalkulierter Überschreitung ethischer und moralischer Grenzen war auch Kalkül bei den Inszenierungen eines Dieter Bohlen. Mit dem Unterschied, dass dessen Format (noch?) nicht nominiert ist, sondern Bohlen im Gegenteil 2007 von der Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen wegen „Verletzung der Menschenwürde“ ebenso scharf kritisiert wurde wie vom Vorsitzenden des Rats der evangelischen Kirche, Bischof Wolfgang Huber. Von den Kirchen übrigens war 2012/13 zum Dschungelcamp noch gar nichts zu hören…
Es mutet also seltsam an, dass Sie sich von der „Quote“ abgrenzen wollen und zugleich die um die „acht Millionen pendelnde“ Zuschauerzahl ins Feld führen. Das ist bei 82 Millionen Einwohnern – richtig – eine „große Anzahl“ von Menschen. Nicht weniger, aber eben auch nicht mehr. Eine – überdies hochgerechnete – Zahl, die daneben – und das ist auch Ihnen bewusst – nur den Fakt „eingeschaltet“ misst. Über das rezeptive „Wie“ (etwa Fernsehen als Hintergrundkulisse bei diversen anderen Primärtätigkeiten…) und erst recht das „Warum“ (Wetter, mangelnde konkurrierende Freizeitangebote, für unattraktiv erachtete Konkurrenzprogramme, individuelle Prädispositionen wie Krankheit, Einsamkeit, Kulturfaulheit…) trifft diese gemessene Zahl keinerlei Aussagen. Oder sollte damit das Klischee bedient werden, dass öffentlich-rechtliche Sender quotenschwaches Intelligenz-TV machen, dessen qualitative Intention sowieso gewürdigt werden muss, und private quotenstarkes Proll-TV, dessen quantitativen Erfolg man nicht (mehr) umhin kommt zu würdigen? Auf die Gefahren der Verwechslung von Demokratie und Demoskopie verwies u.a. Christoph Stölzl bereits zum Tutzinger Mediendialog 2004.

Qualität also – ein Schlüsselbegriff. Der deutsche Normwille definierte in der DIN EN ISO 8402 diesen Begriff als „Gesamtheit von Merkmalen einer Einheit bezüglich ihrer Eignung, festgelegte und vorausgesetzte Erfordernisse zu erfüllen“. Im Eignungsfall des Produkts DC reduzieren sich getreu der Logik privatwirtschaftlichen Fernsehens, dessen Oberziel die Gewinnmaximierung ist, diese Erfordernisse auf zwei: als primäres Leistungsziel die Produktion mindestens zielgruppen-, besser massenattraktiver Programme, um als primäres Sachziel der Werbewirtschaft ebenso maximale wie zielgenaue Rezipientenkontakte zur Verfügung zu stellen. Da bislang der Grimme-Preis m.E. nicht die Erfüllung von Sach-, sondern von Leistungszielen gewürdigt hat, geht es also um die Eignung des Formats, zugleich massenattraktiv und preiswürdig in der Grimme-Kategorie „Unterhaltung“ zu sein. Genauer: um die Eigenschaften, „die für viele Menschen den Unterhaltungsreiz ausmachen“. Richtig ist, dass diese Eigenschaften „nicht aus einer Tabelle abgelesen werden“ können. Und gut ist der Vorsatz, „Kerneigenschaften“ einzukreisen. Aber solche interindividuell abstrahierbaren Kerneigenschaften von Medienprodukten und deren Nutzung werden schon seit langem in der Scientific Community gebraucht, bspw. in Form „respektiver Gratifikationen“ (McQuail 1983, um nur eine und eine der nachhaltigsten Publikationen zu nennen). Danach ist das Unterhaltungsbedürfnis nur eins in einem Bedürfnisensemble, das daneben auch noch Information, Integration und Identität umfasst. Wenn die Grimme-Kategorie „Unterhaltung“ nun schon jenes Bedürfnis verabsolutiert, ist u.a. zu fragen,  in welchem Maße Kerneigenschaften ausgeprägt sind wie „Wirklichkeitsflucht“, „Ablenkung von Problemen“, „Entspannung“, „kulturelle oder ästhetische Erbauung“, „Zeit füllen“, „emotionale Entlastung“ oder „sexuelle Stimulation“ (McQuail ebd.). Kerneigenschaften, die bspw. Schenk 2002 noch ergänzte um u.a. „Geselligkeit“, „Gewohnheit“ oder „Eskapismus“ (dessen Spektrum auch von Wirklichkeitsentpflichtung bis paralleler Wirklichkeitsherstellung reicht). Kerneigenschaften, deren Gewichtung im einzelnen Format zu ermitteln ist, um unterhaltende Qualität aus Rezipientensicht zu extrahieren. Leider fand ich bislang keinerlei Diskurs, der diese Aspekte auch nur ansatzweise thematisiert. Ich fand aber auch keinerlei andere Kerneigenschaften expliziert, die die Nominierung rechtfertigten. Insofern ist dieses Verfahren nicht nur intransparent, sondern indiziert auch eine offenbar zu umfänglich eingeflossene Subjektivität, die nicht allein mit dem Prinzip des „authentischen, freien Urteils“ erklärt werden kann und mich am Sachverstand der Jury mindestens zweifeln lässt.

Die neue Qualitätsnorm DIN EN ISO 9000 nun geht einen Schritt weiter und beschreibt Qualität als „Vermögen einer Gesamtheit inhärenter Merkmale eines Produkts, eines Systems oder eines Prozesses zur Erfüllung von Forderungen von Kunden und anderen interessierten Parteien.“ Wäre dem so, verböte sich die o.g. Vereinseitigung; dann müsste auch aus der Perspektive mindestens der Werbewirtschaft diskutiert werden – vom Einbezug der Politik, der Pädagogik, der Philosophie… ganz zu schweigen. Das lässt nun mehrere Schlüsse zu. Unter anderem den, dass der diesjährigen Nominierung ein vermutetes Raster politischer Erwünschtheit unterlegt wurde bei gleichzeitigem Ausblenden jeglicher philosophischer, pädagogischer… Aspekte. Oder anders: unter kritikloser Übernahme von „Tabubrüchen“ oder konstatiertem Wertewandel. Chance verpasst zur Wertsetzung, zum (Um)denkanstoß, zum Sprung über Teppichkantenniveau, ja zu neuem Benchmarking – im Gegenteil. Und hier, Herr Kammann, wird es kreuzgefährlich.

Worum geht es? Um eine betrauernswerte Minderheit, deren Wertlosigkeit akzeptiert wird, ja deren gruppendynamische Prozesse sich kaum von einer Reality-Show mit Laiendarstellern auf RTL 2 unterscheiden, wie Daniel Martienssen im „Freitag“ erkannte. Das kann auch nicht anders sein, denn von Dramaturgie immerhin verstehen die Formatmacher etwas; Aristoteles‘ Figurenlehre wird blendend umgesetzt: neben der Êthê, der Charakterisierung einer Figur durch Physis, Status… umfasst sie ja auch die Diánoia, die autorgewollte Intention der Figuren innerhalb der Handlungsanordnung in Form bestimmter „Rollen“: als Haupt-/Nebenfiguren, als Charaktere oder Typen… Wir haben den abgehalfterten Fußballstar ebenso wie die abgehalfterte Schauspielerin, den Ex-Kinderstar und die Ex-Sängerin, das Erotik-Model und das Lipgloss-Model… Als ob Shirley MacLaine dieses Format antizipierte, als sie erklärte: „Das Fernsehen sorgt dafür, dass man in seinem Wohnzimmer von Leuten unterhalten wird, die man nie einladen würde.“
Aber wer ins DC geht, hat Probleme: finanzieller, karrieristischer, exhibitionistischer, sozialer…  Art. Problembehafteten Mitmenschen mit eher minder denn mehr Promistatus zu unterstellen, sie wüssten, worauf sie sich (gegen Entgelt) einließen; und im Gegenzug „Normalsterblichen“ diese Entscheidungsfähigkeit abzusprechen, zeugt von einem gelinde geschrieben dubiosen Menschenbild. Den kalkulierten Gaffereffekt jener Normalsterblichen als „Unterhaltung“ nun gegen die „Eigenschaften“ hochzurechnen, die den „Unterhaltungsreiz“ der Vorgeführten ausmachen, ist perfide. Schon Sloterdijk wusste, dass sich die Gesellschaft selbst an der Produktion von Verlierern beteiligt. Genau das trifft auf die Telefonabstimmung bei RTL zu, mit teuren Servicenummern übrigens, was vor Jahren auch noch als mindestens unseriös galt. Ich halte es für absolut unstatthaft, die subjektive Sportunterrichts-Erfahrung des aus einem Fußballteam herausgewählt Werdens (die höchstens eine Schulklasse betrifft) mit dem medial millionenfach vorgeführten und – illusionär – selbst beeinflussbaren Wahlakt zu vergleichen, dem sich Personen freiwillig aussetzen. Damit haben Sie die Nominierung nicht ansatzweise erklärt.

Wofür aber sollen diese Vorgeführten Vorbilder sein? Für darwinistische Rollensozialisation, bislang unerlebte Realitätsbewältigung, ekelbehaftete Verpflegungsextreme…  Nein, vor allem für zelebrierte und damit als erstrebenswert dargestellte Dummheit: ein paar „Promis“, die keiner kennt, veranstalten in einer Gegend, in die niemand hin will, Dinge, die keinen Sinn haben, reden über Themen, die keinerlei Niveau aufweisen, und werden dafür auch noch bezahlt. Mit honoriertem Ruhigstellen erkaufte geistige Erosion in Reinkultur, die im Gegenzug die Abwertung sinnvollen, dabei oft unhonorierten Tuns intendiert. Die bewundernswerte Katrin Sass hat genau diese Ambivalenz zu ihrem Ausbruch vor laufender Kamera getrieben, der zwar den nicht unbedingt Richtigen traf – aber der falscheste war Kusmagk („Das ist eine Grimme-Preis-nominierte Sendung!“) auch nicht. Erst-, zweit-, selbst drittklassige Schauspieler haben keinen Job oder spielen für wenig Gage an Theatern, für die kein Interesse und vor allem kein Geld da ist und die ständig vom Damoklesschwert der Schließung bedroht sind. Andererseits produziert RTL mit viert-, fünft- und sechstklassigen madenfressenden Unbekannten, die selbst „Darsteller“ zu nennen sich meine Tastatur sträubt, sowie viel Aufwand eine sinnentleerte Show, die Millionenreichweite und Millionenbeträge generiert. Das ist das eine.

Das andere – hier ist eine klare Richtung erkennbar: weniger Empathie, mehr Gnadenlosigkeit. Logisch, Ekel, Erniedrigung, Zurschaustellung… ertragen bereits die meisten Zuschauer brav in Betrieben, Büros, Ämtern… Nicht mehr „Empört Euch“, sondern „Erniedrigt Euch“. Und erfreut euch, ja gewöhnt euch daran. Ist eh alternativlos. Und gesundheitsschonend. Wutbürger war gestern, Dumpfbürger ist heute. In Agambens „Homo sacer“ (2002) ist von „Orten“ zu lesen (vom Asylbewerberheim bis Guantanamo), an und in denen Personen für vogelfrei erklärt werden: Exklusion und Inklusion von Menschen wirken gesellschaftsstabilisierend. Es sind die emergenten Wechselwirkungen zwischen sozial Gelebtem, medial Gezeigtem und politisch Gewünschtem, die hier in erschreckender Weise instrumentalisiert sind. Damit wird einem in der Tendenz mehrfach menschenverachtenden Format jene gesellschaftliche Relevanz verliehen, die die gegenwärtige Neoliberalität, die uns vorregiert wird, perfekt televisionär ergänzt und bestätigt. Und nicht nur Menschenwürde, auch Tierschutz, Ehrlichkeit, Bildung, ja sogar Intelligenz sind nichts mehr als nur noch Worthülsen. Was zählt: sich immer und überall mit allen Mitteln durchzusetzen. Struktur statt Inhalt. Wer Dschungelkönig wird, hat sicher das Potenzial zum Bundeskanzler. Ich gebe mein Abi, mein Diplom und meine Promotion zurück, braucht man ja in der Welt von heute nicht mehr… Ganz abgesehen davon, dass man mit einer regulären Promotion gerade zu zeigen scheint, dass man sogar zum Abschreiben zu dumm war…
Ein Kommentator auf „Stern.de“ attestierte dieser Nominierung prompt Passgenauigkeit „im Land des niveaulosen Herumpöbelns, fehlenden Anstands und Respekts, im Land der Analphabeten und des Mittelmaßes, in einem Land, wo man Dieter Bohlen und Heidi Klum für nachahmenswert erachtet und bewundert, in einem Land, wo Jugendliche kaum wissen, wer sie regiert…“ Eine Relevanz in Form eines Ritterschlags, von der es bis zu Suzanne Collins „Hunger Games“ nicht mehr weit ist, wie auch Daniel Martienssen (ebd.) beschrieb: „Ein solches Fernsehformat hat nun alle Möglichkeiten zu expandieren, sich zu verselbstständigen und fortzuentwickeln. Wer nicht erkennt, dass sich menschenfeindliche Strukturen nicht über Nacht bilden, wer nicht erkennt, dass sich Ekel und Faszination immer steigern müssen und bei der Genitalverspeisung von irgendwelchen Tieren keinen Halt machen, der darf sich auch nicht wundern, wenn am Ende dieser Entwicklung  die Tribute von Panem mit ihren Hunger Games die bittere Normalität widerspiegeln. Die Gesellschaft verfällt immer schleichend.“ Noch drastischer Tomasz Konicz (heise.de): „Der Erfolg des Dschungelcamps verweist somit auf ein sich immer stärker aufstauendes autoritäres Potenzial in der Bevölkerung.“

Hinzu kommt, dass dieser Ritterschlag im Handstreich alle medienethischen Debatten der letzten Jahre ad absurdum führt. Was habe ich Anfang der 2000er in meinen Magdeburger Seminaren „Deutsche Fernsehgeschichte unter soziologischen Aspekten“ mit den Studenten noch über „Big Brother“ und dessen Grenzwertigkeit diskutiert – Stichworte „Zurschaustellung privaten Lebens in der medialen Öffentlichkeit“  oder „Eingriff eines Fernsehsenders in das Privatleben der Kandidaten“! Das innerhalb eines Jahrzehnts (!) als Moralverschiebung nicht nur distanzlos und unkritisch zu akzeptieren, sondern mit artifiziellen Phänomenen wie Koons (Pop Art), de Sade (Literatur; sowohl „Justine“ als auch „Juliette“ erschienen, wenn auch  anonym, 1797 in 10 Bänden) oder gar einer Händel‘schen „Xerxes“-Adaption (Oper!) zu erklären, übersteigt die Konnotationen von Zynismus. Blasphemie einzig ist erklärungsgeeignet – Herr Kammann, ich dachte, es geht Ihnen um ein Showformat eines Privatsenders? Wen wundert’s also noch, dass die „NYT“ jüngst fragte, warum Deutschland mit seinen großartigen Traditionen in Literatur, Theater und Film kein „herausforderndes, komplexes Fernsehen“ mehr zustande bringt? Jedem guten Film, Buch, Theaterstück… wohnt – selbst wenn das Schrecklichste gezeigt wird – stets eine Aussage inne, eine Moral, die den Rezipienten aus der miterlebten Realität des Geschehens wieder zurückholt und ihn, Sinnfragen stellend, über das Warum des Gezeigten aufklärt, ja erhebt. Doch Unterhaltung heißt so, weil sie nichts mit Ober- oder gar Überhaltung zu tun hat. Denn solchen Sinnfragen ist dieses wie auch alle anderen „Reality“-Formate völlig enthoben; im Gegenteil: die Verhältnisse werden umgekehrt. Konnte man sonst bei Shows vielleicht mal einen Blick hinter die Kulissen werfen, so präsentiert uns dieses Format nur den Blick hinter die Kulissen. Ein Nachdenken darüber, was noch authentisch ist und was schon gespielt, erweist sich dabei als sinnlos, setzte es doch voraus, es gäbe ein Sein hinter dem Schein. Micaela Schäfers ständige Nacktheit in der für preiswürdig erachteten Staffel lässt es offenbar werden: ich bin Oberfläche, nicht mehr.

Und – nur erwähnt, aber in Semantik und Semiotik nicht gewürdigt haben Sie in Ihrem artifiziellen Argumentationsversuch die Rolle der medialen Allgegenwart. Zur originären Rezeption von Koons, de Sade, „Xerxes“ & Co., ja zum „Erleben von Welt“, muss der Rezipient einen bewussten Akt des Aufbruchs nach Außen tätigen, etwa in Form eines Buchkaufs, Opernbesuchs etc. Für massenmediale Formate dagegen braucht er solche Exploration nicht mehr, er betätigt einen Schalter, und die Welt kommt zu ihm ins Haus. „Aber wenn der Mensch nicht mehr aufbrechen muss, liegt eine soziale Pathologie vor“ (Barloewen 1995). Und dieser Pathologisierung leistet das Format gleich doppelt Vorschub: aufgebrochen sind andere, Stellvertreter quasi, die dafür bestraft werden – und vor dem Fernsehapparat ergötzt sich der passive Rezipient über die Stellvertreter und die Strafen, womit der Kreis zum Dumpfbürger geschlossen ist. Diese medialen und sozialen Modalitäten der Akzeptanz von Pathologisierung von 8 auf 82 Millionen hochzurechnen halte ich für ebenso anmaßend wie hilflos. Denn dann hätte das Format sein Ziel erreicht. Die einen schauen es, die anderen analysieren es, die dritten kritisieren das Analysieren… und alle sind beschäftigt. Euro, Energiewende, BER…? Man sieht vor lauter Dschungel den Wald nicht mehr. Wenn es noch eines Beweises für Seeßlens Theorie der „Blödmaschinen“ bedurft hätte – deutlicher könnte er nicht sein. Im Kontext der „10 Strategien der Manipulation“ von Noam Chomsky indiziert das gleich die erste, die da lautet „Kehre die Aufmerksamkeit um“. Entsprechend lesen wir: „Das Schlüsselelement zur Kontrolle der Gesellschaft ist es, die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf Ereignisse umzulenken, damit man von wichtigen Informationen über tatsächliche Änderungen durch die politischen und wirtschaftlichen Führungsorgane auf unwesentliche Nachrichten ablenkt… Jene Strategie ist der Grundstein, der das Basisinteresse aus den Bereichen Bildung, Wirtschaft, Psychologie, Neurobiologie und Kybernetik verhindert. Somit kehrt die öffentliche Meinung den wirklichen gesellschaftlichen Problemen den Rücken zu, berieselt und abgelenkt durch unwichtige Angelegenheiten…“
Wer so kurzschrittig denkt, im Hodengenuss außer „Show-Wert“ nichts weiter zu entdecken, hat die Hoden perfekt verdaut und damit den Fleischern (um nicht Schlächtern zu schreiben) ein breites Grinsen beschert. Und das halte ich für das eigentlich Bedenkliche. Und mit mir eine Reihe von Kommentatoren, von denen es einer auf „Spiegel online“ auf den Punkt bringt: „Wer am Abend Schaben und Anderes vorgesetzt bekommt, wem in Folge der “Nährwert“ durch begleitende Magazinsendungen eingeimpft wird, wer dann die eigentliche Inhaltslosigkeit der meisten Sendungen auf allen Privatkanälen nicht mehr erfassen kann, bei dem hat die Medizin volle Früchte getragen. Realitätsverweigerung wird durch traumhafte Wunschwelten kompensiert, selbst die letzte Hohlnuss hat die Chance etwas zu werden – reich, nicht intelligent. Klappt es im Dschungel nicht, geht man eben zu Dieter und wird Superstar, oder versucht es als Topmodel bzw. hüpfender Gröhleimer mit bisher unentdeckten Talenten. Wer braucht da noch Schulbildung, chillen und konsumieren ist das Lebensmotto. Sollte es auf diesem Wege einmal klemmen, “Mitten im Leben“, so steht jederzeit Rat und Tat zur Seite: “Verklag mich doch“ einfach, wirst schon sehen!”… – Fernsehen als „Realitätspräservativ zur Verhinderung von Lebenszwischenfällen“ (Bernd Guggenberger).

Bei all dem wird fast marginal, dass Ihr verlinktes Gutachten am Ende Ihrer Rechtfertigung den Titel trägt „Zur Qualitätsdiskussion öffentlich-rechtlicher Fernsehprogramme“. Mehr Ehre kann RTL wohl kaum zuteil werden… Und da Sie mit Kafka schließen: man kann sich auch seine Kino-Interpretationen anschauen (Fernsehen als Massenmedium gab es damals noch nicht, andernfalls hätte er sich sicher auch dazu Gedanken gemacht). Und stößt dabei auf den nach einem Kinoabend hingeworfenen Satz „Bin ganz leer und sinnlos, die vorüberfahrende Elektrische hat mehr lebendigen Sinn.“

Was bleibt, ist Unbehagen. Gewaltiges Unbehagen. Zunächst ein Unbehagen ob des Textes des Direktors einer renommierten Einrichtung. Eines Direktors, der mit vielerlei schwammiger und bemühter Rhetorik eine Entscheidung seiner Einrichtung halbherzig zu positivieren sucht. Dann ein Unbehagen ob potentieller Prognosen privater TV-Formatentwicklung – von Antarktis- oder Weltraumshows (mit Red Bull-gesponserter Rückkunft der Herausgewählten) unter räumlicher Perspektive bis hin zu Kampfspielen unter inhaltlicher, wegen späteren Promimangels geführt von jobcenterfinanzierten Umschülern zum Berufsbild „Gladiator“ – wer sich weigert, bekommt Harz 4 gestrichen. Die Einschaltquoten solcherart Deintellektualisierungs-Programme, prophezeie ich, sind sicher höher als die eines bundesdeutschen Kanzlers Neujahrsansprache. Und da auch aller schlechten Dinge drei sind: ein Unbehagen über Wert und Unwert von Preisen, Medienpreisen zumal. Vielleicht wird bald „Grimme“ mit „Bambi“ und „Goldener Kamera“ zusammengelegt: Zwegat erhält das Tier, Katzenberger das Gerät, und in 10 Jahren freuen sich über den Büchnerpreis die Scriptschreiber von „Frauentausch“…

Ich glaube nicht, dass man sich in einem solchen Land noch wohlfühlen geschweige das genießen mag, was in diesem Land unter Kultur firmiert.

„Damit wir sehen, was wir hören,
Erfand Herr Braun die Braunschen Röhren.
Wir wär’n Herrn Braun noch mehr verbunden,
Hätt‘ er was anderes erfunden.“ (Heinz Erhardt)

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Thomas Hartung

Vielleicht ist es nur ein Dresdner Phänomen, aber irgendwie häufen sich derzeit die Sonderangebote für diverses Geflügelfleisch. Also zugeschlagen und einen lecker Salat gezaubert mit diesen Zutaten:

  1. 500 gr. Hähnchenschenkel
  2. 1 gek. Ei
  3. 1 Kiwi
  4. 1 kl. Dose Champis
  5. 1 kl. Dose Ananas
  6. 1 Zwiebel
  7. 1 Knoblauchzehe
  8. 1 Chili (scharf)
  9. 250 ml Mayonnaise
  10. Salz, Pfeffer, Curry, Paprika, Muskat, Nelke
  11. Olivenöl
  12. Zitronensaft

Die Schenkel mit Paprika ordentlich einreiben, mit Olivenöl bepinseln und für 45 min in den auf 175 Grad vorgeheizten Backofen.

In der Zwischenzeit Ei, Kiwi, Chili, Zwiebel und Knoblauch kleinschneiden, mit den Ananas und Champignons vermischen, mit Zitronensaft abschmecken.

Die gebackenen Schenkel so heiß wie möglich häuten und entbeinen, die Fleischteile klein schneiden und noch warm mit Salz, Pfeffer und Curry würzen. Abkühlen lassen, mit den anderen Zutaten vermischen und alles mit Muskat/Nelke abschmecken.

Ca. eine Stunde vor Servieren dann die Mayonnaise dazugeben, gut mischen und ziehen lassen. Bei Bedarf nachwürzen. Wohl bekomms!

Das Dschungelcamp (wenn auch die Folge des letzten Jahres, mit Dirk Bach) ist tatsächlich für den Grimmepreis nominiert. Ein Preis, mit dem Fernsehsendungen und -leistungen ausgezeichnet werden, die für die Programmpraxis nach Inhalt und Methode vorbildlich und modellhaft sind und der als institutionalisierte Fernsehkritik gilt. Gehts noch?

Für mich hat sich damit dieser Preis ad absurdum geführt; vielleicht wiederholt ein Preisträger zur Verleihung, was Reich-Ranitzki zur Fernsehpreisverleihung 2008 tat, und lehnt ab. Aber welche weiteren Grausamkeiten offenbart diese Vergabepraxis?

Das ist zum einen ein Schlag ins Gesicht für alle Preisträger der Vergangenheit, die jetzt hoffentlich ebenfalls eine Rückgabe erwägen (denn Dirk Bach – wenns denn um ihn ginge – hätte man auch mit anderen Sendungen ehren können). Falls Adolf Grimme, der jetzt sicher im Grab rotiert, noch lebende Angehörige hat, könnten die – wie bei Facebook vorgeschlagen wurde – durchaus erwägen, nach §189 StGB wegen Verunglimpfung des Andenkens Verstorbener zu klagen…

Damit wird zum zweiten ein Format geadelt (und ergo als Benchmark für künftige Formate gesetzt), in dem Dummheit zelebriert und damit als erstrebenswert dargestellt wird: ein paar Promis, die keiner kennt, in einer Gegend, wo keiner hin will, machen Dinge, die keinen Sinn haben, und reden über Themen, die kein Niveau haben. Geistige Erosion in Reinkultur.

Das ist zum dritten eine Kapitulation vor Inhalt/Anspruch und sein Abgleiten in den Begriff der Professionalität (denn den muss man der Show, leider, lassen). Damit reiht sich die Nominierung in eine ungute Folge ein: Nannen-Preis für BILD, Grimme-Preis für Trash, was kommt als nächstes? Goldene Kamera für Katzenberger? Bundesverdienstkreuz für RTL? Literaturnobelpreis für die Scriptschreiber von „Frauentausch“? „Bambi“ für Peter Zwegat? Ein „Spiegel“-Kommentar bringts auf den Punkt:

„Wer am Abend Schaben und Anderes vorgesetzt bekommt, wem in Folge der “Nährwert“ durch begleitende Magazinsendungen eingeimpft wird, wer dann die eigentliche Inhaltslosigkeit der meisten Sendungen auf allen Privatkanälen nicht mehr erfassen kann, bei dem hat die Medizin volle Früchte getragen. Realitätsverweigerung wird durch traumhafte Wunschwelten kompensiert, selbst die letzte Hohlnuss hat die Chance etwas zu werden – reich, nicht intelligent. Klappt es im Dschungel nicht, geht man eben zu Dieter und wird Superstar, oder versucht es als Topmodel bzw. hüpfender Gröhleimer mit bisher unentdeckten Talenten. Wer braucht da noch Schulbildung, chillen und konsumieren ist das Lebensmotto. Sollte es auf diesem Wege einmal klemmen, “Mitten im Leben “, so steht jederzeit Rat und Tat zur Seite : “Verklag mich doch“ einfach, wirst schon sehen!“

Das ist zum vierten eine Entwertung (fast) aller medienethischen Diskurse, die bis dato in der publizistischen Hochschulbildung gelehrt und geführt wurden. Wer erinnert sich noch an die Aufregung, als Big-Brother erstmals gesendet wurde – damals war man nicht sicher, ob eine Grenze überschritten ist. Und jetzt… War also die damalige Diskussion verlogen und scheinheilig, oder wird heute diskutiert, ohne dass dies noch gehört wird?

Und das ist zum fünften – und wichtigsten – die versteckte Propagierung genau jener Neoliberalität, die uns derzeit vorregiert wird. Menschenwürde, Tierschutz, Ehrlichkeit, Bildung, ja sogar Intelligenz sind einfach nur noch leere Worthülsen. Was zählt: sich immer und überall mit allen Mitteln durchzusetzen. Wer Dschungelkönig wird, hat wahrscheinlich sogar das Potenzial zum Bundeskanzler. Ich gebe mein Abi, mein Diplom und meine Promotion zurück, braucht man ja in der Welt von heute nicht mehr… Andererseits, und das fasst ein Kommentar im „Stern“ sehr schön zusammen:

„Im Land des niveaulosen Herumpöbelns, fehlenden Anstands und Respekts, im Land der Analphabeten und des Mittelmaßes, in einem Land, wo man Dieter Bohlen und Heidi Klum für nachahmenswert erachtet und bewundert, in einem Land, wo Jugendliche kaum wissen, wer sie regiert – da ist ein solcher Preis für diesen Dreck eine logische Konsequenz.“

Was kommt als nächstes? Wenn dieses Format wirklich für „modellhaft“ angesehen wird, vielleicht eine Antarktis-Show, oder eine Weltraum-Show – und die Rückkunft der Herausgewählten wird von Red Bull gesponsert, die ja damit und der medialen Ausschlachtung auch schon Erfahrung haben…

Deutschland, mir grauts gerade ein wenig vor dir…

Vielleicht geht das Jahr 2012 in die bundesdeutsche Geschichte ein als jenes, in dem sich die Bundes- als Bildungsrepublik selbst begrub. Meine Prognose ist geschuldet vor allem dem fortwährenden Diskurs aus Plagiatsverharmlosung, Doktorschwemme und Befristungswahn auf universitärer; Lehrermangel, sinkendem Notenniveau und Unterrichtsverweigerung auf schulischer sowie macht- wie marktgestörter Realitätssicht, nichtakademischem Ämterschacher und finanzieller Verteilungsarroganz auf politischer Seite. Schon beim Sachverhalt der marktgestörten Realitätssicht fällt es mir schwer, ruhigzubleiben: das blaugelbe Bübchenwesen um P. Rössler hat es tatsächlich geschafft, den vorläufigen Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung um entscheidende Passagen zu „glätten“: so sind aus dem Ursprungsdokument weder der Satz „Die Privatvermögen in Deutschland sind sehr ungleich verteilt“ noch der Satz „Allerdings arbeiteten im Jahr 2010 in Deutschland knapp über vier Mio. Menschen für einen Bruttostundenlohn von unter sieben Euro“ übernommen worden! Als ob Politik wie Produkte, Dienstleistungen… dadurch besser wird, dass man deren Fehler verharmlost/verschweigt…

Quelle: http://www.stuttmann-karikaturen.de/karikaturarchiv_4685.html

Ein Resultat ist das sogenannte Bildungsprekariat, das sich aus Wegwerfakademikern rekrutiert und vorletzte Oktoberwoche gleich mehrfach in den Focus geraten ist. Und da ich langsam Gefallen an der Form finde, meine Betrachtungen in Form einer subjektiven (geordnet schwarmintelligenten?) Collage diverser Kommentare aus dem Netz zu montieren (diesmal vor allem Facebook, Stern.de sowie zeit.de), soll diese Form auch mit folgendem Text bedient werden, für den ich mir – wie man am Publikationsdatum bemerkt – sehr viel Zeit gelassen habe (es ist auch mein bislang längster); aber es gab auch noch berufliche und weitere private Dinge zu erledigen.

Drei Auslöser waren es, die meine Wegwerfperspektive nahelegen: A) ein ernsthafter, B) ein ironischer und C) ein trauriger. Den ernsthaften lieferte der jüngst vorgelegte „Innovationsindikator“ der Deutschen Telekom Stiftung und des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI) zum Innovationsklima in 26 Industriestaaten. Trotz milliardenteurer Investitionen (welcher eigentlich? Stuttgart 21, Berlin International usf.?) leide die Zukunftsfähigkeit Deutschlands unter den Problemen an Schulen und Universitäten, heißt es da: „Die größte Schwäche im deutschen Innovationssystem ist weiterhin die Bildung“. Ein Grund: „Die Strukturen des Wissenschaftssystems stehen einer effizienteren Mittelverwendung im Wege und treiben viele junge Wissenschaftler ins Ausland, wo sich ihre Karrieren sicherer planen lassen.“ (Hervorhebung von mir) Resultat: Deutschland liegt im internationalen Vergleich mit seinem Anteil an Hochqualifizierten weit hinten – als Schlusslicht aller 36 OECD-Staaten. Die Bildungsausgaben liegen in Deutschland nach internationalen OECD-Kriterien immer noch deutlich unter dem Schnitt der anderen Industrienationen.

„Wissen an sich produziert keinen Mehrwert, aber es ist eine sachliche Notwendigkeit für das Kapital unter dem Diktat der Produktivkraftentwicklung. Da aber jeder Aufwand in der Form des Geldes erscheinen muss, handelt es sich beim gegenwärtigen Bildungssystem um ‚tote Kosten‘, also um einen Abzug vom gesellschaftlichen Mehrwert“, meinte Robert Kurz vor anderthalb Jahren. Deshalb werde überall im Namen der Standortkonkurrenz die Notwendigkeit von Bildungsinvestitionen beschworen, gleichzeitig aber die Produktion und Verteilung von Wissen unter enormen Kostendruck gesetzt. Der resultierende Teufelskreis zeitigt nach seiner Einschätzung zwei wesentliche Resultate:

  • zum einen dünne dieselbe Produktivkraftentwicklung, die jene Expansion von Wissen und Bildung erzwingt, den real Mehrwert produzierenden Sektor (insbesondere der industriellen Basis) aus, indem dort in wachsendem Ausmaß Arbeitskraft überflüssig gemacht werde. Also wüchsen die großenteils „unproduktiven“ neuen Mittelschichten des Bildungs- und Wissenssektors an.
  • zum anderen führe die Vermassung der höheren Qualifikationen (in der BRD macht heute etwa die Hälfte eines Jahrgangs Abitur) nach den Gesetzen des Arbeitsmarkts zu einer Entwertung der qualifizierten Arbeitskraft. In Verbindung mit dem Kostendruck auf das „unproduktive“ Bildungssystem habe sich daraus eine fortschreitende Prekarisierung auch der akademisch gebildeten Schichten entwickelt: das alte Bildungsbürgertum sei dem Untergang geweiht.

Als sekundären Aspekt dieser Entwicklung sieht Kurz die Diskrepanz zwischen Qualifizierung und konjunkturellen Anforderungen. Da der gesellschaftliche Zusammenhang keiner gemeinschaftlichen Planung unterläge, sondern der blinden Dynamik des „Marktes“, würden die einen Qualifikationen plötzlich überflüssig oder zum Überangebot, während andere fehlten. Ausbildung gehe aber nur langfristig, während die Anforderungsprofile in der globalen Konkurrenz sprunghaft wechselten.

Quelle: http://www.toonpool.com/cartoons/Sch%C3%BClerstreik_28786

B) Den ironischen lieferte ein vorgezogener Aprilscherz der VHS Osterode. Das publizierte Programm der niedersächsischen Bildungsschelme offerierte einen (am 1.4.2013 startenden) 320 Stunden umfassenden „De-Qualifizierungskurs“ des ansässigen Job-Centers: „Ein akademischer Abschluss oder gar eine Promotion kann beim Zugang zu bestimmten Berufen, beispielsweise als Bauhelfer, eine große Einstellungshürde sein. In diesem Kurs versuchen wir, durch Erlernen eines zielgruppenspezifischen Vokabulars, angepasste Kleidung und gezielte Verhaltensänderungen auch aus promovierten Geisteswissenschaftlern wieder echte Männer zu machen…“ Das Problem ist nicht der Aprilscherz, sondern dass viele sich dessen nicht sicher waren.

„Ich hab mich richtig erschrocken. Mit den Kommentaren kam dann Erleichterung. Hoffentlich zu Recht.“ war zu lesen, oder auch „Wer den Artikel gleich als Ironie erkannt hat, ist mit dem Jobcenter noch nicht in Berührung gekommen.“ Alarmierend. Aber wäre das heutzutage mit dem Maß an sozialer Apartheid und dem Grad der Menschenverachtung so unwahrscheinlich? Ein anderer Kommentator erklärte „Ich kenne manche Firmen, da muss man sich inzwischen sogar im Vorstellungsgespräch rechtfertigen, warum man seine wertvolle Lebenszeit ausgerechnet mit einer Promotion verplempert hat.“

Ganz schlimm lesen sich Erfahrungsberichte. So gab jemand die Geschichte eines nach 20 Jahren stellungslos gewordenen Bibliothekars wieder, der mit Ungelernten durch einen 3-monatigen Bewerberkurs gejagt werden sollte, in dem „der promovierte und arbeitslose Bibliothekar nach Auffassung der Arbeitsagentur hätte lernen sollen, wie Lebenslauf und Bewerbungen abzufassen sind. Erst die Einschaltung eines Rechtsanwalts und die Drohung, die Medien hierüber zu informieren, konnten die Agentur für Arbeit von ihrem schändlichen Treiben abbringen.“ Ein anderer resignierte: „…in NRW, wo sich ein ‚Ü-50er‘ über das 3. Bewerbungstraining in einem Interview beschwert hat und der Leiter des Jobcenters kühl reagiert hat, er habe ja immer noch keine Arbeit gefunden, das zeige doch, wie wichtig die Wiederholung der Maßnahme sei. Das alles führt zusammen mit Ignoranz und häufig stur weiterlaufenden Verstößen gegen bereits anderslautende Rechtsprechung zu einer ständigen Ohnmachts- und Abwertungserfahrung und nimmt selbst qualifizierten, motivierten und kreativen Arbeitslosen jede Gestaltungsmöglichkeit. … Die juristische, demokratische und menschenrechtliche Ebene wurde völlig ausgeblendet. Sie wurde sogar ersetzt durch eine neue Ethik, nach der es gegen die Menschenwürde verstoße, wenn jemand Geld ohne eine entsprechende Gegenleistung bekommt, was man aber aparterweise nur auf Arme und Erwerbslose beschränkte.“

Quelle: http://www.nnz-online.de/_daten/cache/464_96621_0124_51572141.jpg

C) Unsichere Karrieren, unfähige Jobcenter, Promotion als verplemperte Lebenszeit… der traurige Auslöser nun illustriert all diese Aspekte – und einige darüber hinaus. Ein verheirateter promovierter Mathematiker von 40 Jahren veröffentlichte auf „zeit.de“ eine subjektive Beschreibung, wie er sich mit Nachhilfe- und Gelegenheitsjobs als Lehrbeauftragter ohne akademische Perspektive fühlt: als Bildungsprekarier, der so gar nicht den Klischees „Arbeitsloser“ entspricht. Ursachen sieht er vor allem außerhalb seiner Person: fehlende öffentliche Aufmerksamkeit, weil man sich der zweckfreien Einsicht und Erkenntnis widme, weil die Forschungsgebiete nicht in Mode seien… „oder wir haben es versäumt, vor einflussreichen Professoren zu katzbuckeln.“ Das liefe auf Langzeitarbeitslosigkeit hinaus und viel freie Zeit, in der man seine humanistische Bildung vervollkommnen, auch publizieren könne… und doch als Empfänger staatlicher Transferleistungen ständig mit Armut und mangelnder Anerkennung kämpfen müsse. Er schließt: „In manchen Augenblicken hilft mir nur zu hoffen, … dass sich die gesellschaftlichen Werte endlich ändern. Die Hegemonie der Wirtschaft in Politik und Gesellschaft muss ein Ende finden.“ Nicht nur, dass ich diesen Satz sofort unterschreibe, ich finde auch manche Parallelen zu meiner „Karriere“ seit 2002.

Bis Dezember waren allein 66 Seiten mit über 520 mehr oder weniger langen Kommentaren aufgelaufen. Die Schwerpunkte lassen sich so zusammenfassen; ich werde sie dann in dieser Reihen- (nicht Rang)folge diskutieren (lassen) – auch wenn sie natürlich vielfach verwoben sind:

  • Inwieweit darf der Einzelne in einer Gesellschaft Neigung und Kreativität ausleben?
  • Inwieweit kann es sich eine Gesellschaft leisten, Ressourcen zu verschleudern, will sie das sogar, und wenn ja, warum?
  • Inwieweit sind Akademiker nichts als Fachidioten, ja (über)lebensunfähig in einem Wirtschaftssystem, verhalten sich beide Sphären antagonistisch?
  • Inwieweit sind Wissenschaftler „elitär“, und Eliten eine schützenswerte Art?

I) Neigungs- vs. Geldberuf

Vorab: wer Mathe studiert, weiß, dass er später ein eingeschränktes Betätigungsfeld hat. Also ein Neigungsstudium, das dennoch (bspw. in der Versicherungswirtschaft) zu durchaus nichtuniversitären Berufsbildern führen kann. Dass er sich also ambivalent fühlt und folglich beide Perspektiven mehr oder weniger parallel und damit kräfteraubend verfolgt, ist für mich nachvollziehbar. Ich hatte für meine Traumberufe Journalist und Germanist in der DDR weder die fachlichen noch ideologischen Voraussetzungen – also blieb Germanistik im Lehramt. Und nach der Wende nutzte ich natürlich die Chance, doch noch meinen Traum zu leben (auch wenn er zehn Jahre später platzte und ich seitdem auch zweigleisig fahre). Der Tenor der Kommentare ist eindeutig. Abgesehen von der fehlenden Glaskugel bei jeder Generation („Verlangt wird, dass man als Abiturient die Irrungen und Wirrungen der Weltwirtschaft 5 bis 10 Jahre zu antizipieren hat, um die ‚richtige‘ Berufs- bzw. Studienwahl zu treffen. Solche paranormalen Fähigkeiten werden weder an den Gymnasien noch an den Universitäten vermittelt, im Gegenteil.“), fallen zunächst mitleidige Töne auf: „Es ist enttäuschend, nach einem schweren Studium von der Angestellten der Arbeitsagentur zu erfahren, dass man das ‚Falsche‘ studiert hätte, wobei sich mir die Frage stellt, ob man das Studienfach nach dem Kriterium der zukünftigen finanziellen Situation aussucht oder aus seiner Berufung heraus.“

Andere weisen das Primat der „künftigen finanziellen Situation“ energisch zurück: „Wenn wir unsere Kapazitäten und Möglichkeiten rein auf den Broterwerb ausrichten, dann werden wir wirklich eine sehr arme Gesellschaft werden!“ ist da zu lesen, oder auch „Was hat denn unsere Gesellschaft und Wirtschaft davon, wenn alle Leute nur das lernen, was gerade angesagt ist? Hat man etwas davon, wenn man einen gut ausgebildeten Ingenieur, der keine Lust auf Elektrotechnik hat, in einer Firma beschäftigt? Ich glaube nicht! Also warum sollte jemand, der gut in Mathe ist, Mediendesign studieren, weil Red Bull oder BASF Marketingexperten suchen?“ Die Schlüsse scheinen, zunächst, ermutigend – „Zum Glück gibt es noch Menschen, die sich ihr Studium nach ihren Interessen aussuchen und nicht nach dem Diktat von Unternehmen und Wirtschaft. Das letzte, was dieses Land braucht, sind noch mehr arschleckende BWLer und Juristen… Hier läuft was ganz gewaltig falsch in diesem Land…“ – bis visionär: „Jeder hat ein Recht auf eine (bezahlte) Arbeit, die seinen Neigungen und Begabungen entspricht. Dies in der Verfassung zu verankern würde ich für human halten.“

Quelle: http://www.toonpool.com/user/43/files/bildung_176195.jpg

II) gewollte? Ressourcenverschwendung

Studiert, promoviert, unnütz? Der Tenor bewegt sich zunächst in einem Spektrum von wiederum Bedauern/Mitleid bis zur sozialen Verlustrechnung. „Es ist doch nur noch eine Schande für ein Land, dass gut ausgebildete Menschen wie Sie sich mit irgendwelchen Aushilfsjobs über die Runden bringen müssen“ ist da zu lesen, oder: „Sicher hat man nicht studiert, um als Taxifahrer sein Dasein zu fristen. Das ist eine Verschwendung von Ressourcen.“ Andererseits wird zu Recht kritisiert, „dass die BRD (und damit der Steuerzahler) 10 Jahre in die Ausbildung eines promovierten Hochschulabsolventen gesteckt hat, sich hinterher aber nicht darum kümmert, aus der Investition Gewinn zu schöpfen.“

Und spätestens jetzt fällt auf, dass genau dieser Gewinnschöpfungswille sowohl dem Staat als auch erst recht der Wirtschaft in teilweise drastischen Worten abgesprochen wird. „Wer nicht auf nützlichen Idioten macht, wird aussortiert; egal auf welcher Bildungsstufe“ giftet einer, ein anderer meint: “Willkommen im Land der Dichter und Denker… bitte nicht dichten und denken, sondern katzbuckeln, das ist hier die Devise. Denken macht schlau, das macht Sie zu einer Gefahr für den Wohlstand der Gutbetuchten. Die brauchen Arbeitskraft, keine Innovation und Selbstbestimmung.“ Und ein nächster bekräftigt: “ Wir sind hier in Deutschland, hier werden keine (womöglich noch selbstdenkenden) Mitarbeiter gesucht und benötigt, sondern nur willenlose Lohnsklaven.“

Quelle: http://hp.spasszeichner.de/bilder/satire/Bildungsabruestung.jpg

Wenn man Foucault zugrundelegt, muss man „Nützlichkeit“ als Kategorie nach Herrschaftsinteressen definieren. Ein Kommentator trieb das auf die Spitze: „Van Gogh verkaufte zu Lebzeiten kein einziges Bild; Mozart endete im Armengrab … Beide waren also ‚unnütz‘.“ Die Hypothese – oder der erschreckende Schluss – liegt für mich nahe: Je dümmer der Arbeitnehmer, desto brauchbarer ist er; oder umgekehrt: je klüger, desto unbrauchbarer – selbst für das „Wissenschaftsbusiness“ hatte das jüngst Fischer-Lescano konstatiert. Viele Kommentare beschäftigen sich also mit dieser Ambivalenz, bspw. „Zumindest ist m.E. einem nicht unerheblichen Teil der Unternehmen genau daran gelegen. Daher versucht die ‚Wirtschaft‘ natürlich die Angebotsseite stets so groß wie möglich zu halten. Preisgünstige ‚Top-Performer‘ (O-Ton eines Ex-Chefs), die nicht aufmucken.“ Ein anderer wettert „Das absolute Reizwort für mich ist „Fachkräftemangel“ geworden, es gibt diesen nicht, das einzige woran ein Mangel herrscht sind Akademiker, die für 30.000p.a. 60 Stunden die Woche arbeiten.“ Und ein nächster geht noch weit darüber hinaus und bestätigt implizit Robert Kurz: „Menschen mit einer grundlegenden humanistischen und naturwissenschaftlichen Bildung sind in der Wirtschaft nicht mehr erwünscht. Dazu gehört auch die Diskriminierung älterer Menschen, wobei das ‚Alter‘ schon mit 40 beginnt. Es muss alles stromlinienförmig der Wirtschaft untergeordnet werden. Unsere neoliberal angehauchten Politiker und Wirtschaftsführer vergessen, dass sich Erfolg und Sinn von unabhängiger Forschung immer erst danach zeigen – sie sind nicht vorher planbar.“

Das muss ich inzwischen aus eigener Anschauung bestätigen: Pädagoge und Germanist mit Prädikatsdiplom/Promotion, jahrzehntlanger Radio- und TV-Journalist mit vier Fernsehpreisen und Erfahrungen aus dem Aufbau zweier Radio- und eines Fernsehsenders; daneben Erfahrungen als Pressesprecher sowie seit fast 30 Semestern gut- und bestevaluierter hochschulischer Mediendozent mit Modulverantwortung, fast 70 (überwiegend Diplom-)Betreuungen, einigen Publikationen, darunter vier Lehrheften, und Erfahrungen aus der Entwicklung von Medienstudiengängen bis zur Akkreditierung, nicht zu vergessen Medientrainer, Referent … und bundesweit umzugswillig – man sollte meinen, dass ein Generalist wie ich auf eine FH-Medienprofessur oder einen Job in PR, Wissenschaft, Bildung… gute Chancen hätte. Irrtum. Nach 224 Ablehnungen/Absagen/ Nichtberufungen (übrigens alle gesammelt) habe ich 2011 aufgehört zu zählen; es kamen noch mehr. Darum unterscheidet sich auch für mich ein Dasein als Lehrbeauftragter, der von Semester zu Semester denken muss, kaum von verdeckter Arbeitslosigkeit; so wurde ich nicht sozialisiert.

Und da schließt sich der Kreis zum o.e. „Innovationsindikator“, laut dem (junge) Wissenschaftler ins Ausland gehen, „wo sich ihre Karrieren sicherer planen lassen“. Aber woran liegt das? „Die Anzahl der Studienplätze muss sich nach dem Bedarf richten. Was soll der Staat denn machen? Planwirtschaft einführen, damit jeder Physiker, Chemiker und Mathematiker weiterhin seine Forschung betreiben kann? Oder einfach eine halbe Million Stellen für Geistes-, Kultur- und Betriebswirtschaftler schaffen, damit diese ihrem erlernten Beruf nachgehen können?“, so ein Kommentar – der übrigens verkennt, dass „geplante“ Forschung nicht automatisch „Beschäftigung“ bedeutet.

Aber wie kommt man zur Berechnung eines Bedarfs? Es kann ja wohl auch nicht Sinn und Zweck einer Marktwirtschaft sein, dass jeder Promovend, der nach drei Jahren keine Festanstellung inner- oder außerhalb des Wissenschaftsbetriebs gefunden hat, seine eigene Privathochschule gründet? „Das ist mehr ein Problem der Struktur unseres Bildungssystems. Es gibt wesentlich mehr Doktoranden als offene Stellen an den Universitäten für Promovierte, denn Doktoranden werden als billige Arbeitskräfte geschätzt.“ erkennt einer; ein anderer klagt prompt: „Aber niemand macht sich einen Kopf, was mit den Doktoranden nach Promotion passieren soll. Hauptsache man hat billige Lehrkräfte für die Unis. Das Problem lässt sich nur lösen, indem ein vernünftiger akademischer Mittelbau mit festen Stellen aufgebaut und die Anzahl an Doktorandenstellen erheblich reduziert wird. Wir müssen endlich damit aufhören, ‚Wegwerfakademiker‘ zu produzieren (Hervorhebung von mir).“ Das sehe ich exakt ebenso. Aber hier kommen die im Innovationsindikator kritisierten „Strukturen des Wissenschaftsbetriebs“ ins Spiel – mit und innerhalb dieser sind weder Wissenschaft noch Personal planbar.

Wie sich Deutschland einordnet... Quelle: http://www.fu-mittelbau.de/2011/04/lizenz-zum-befristen/

Leider aber scheint schon das Substantiv „Plan“ in Deutschland so inkriminiert zu sein, dass „Planwirtschaft“ niemand mehr ernsthaft in Erwägung zieht. Aber ohne ein Mindestmaß an Planung ist jedes Bildungskonzept, das über den Tag hinausgeht, zum Scheitern verurteilt. Ein Kommentator resigniert „Aber schon traurig, dass viele Denker hier kein Platz finden… wer weiß, wie viel dadurch verloren geht.“ Ein guter Bekannter, Ex-Mitarbeiter mehrerer sächsischer Ministerien in durchaus hoher Stellung, meinte schon vor Jahren zu mir, dass er mich auch nicht einstellen würde – mit meinem Wissen würde ich ja viele andere beschämen… Aha. Ob ich sie dadurch aber nicht auch voranbringe??? Allerdings ist auch dies sozial, wenn nicht gar politisch gewollt, wie eine weitere Kommentatorin bestätigt: „Ich habe mich in einer Firma beworben und erhielt eine Absage mit der Begründung ich sei ‚überqualifiziert‘. Auf die Nachfrage, warum das ein Nicht-Einstellungsgrund sei, wurde mir gesagt, ich sei zu intelligent und würde die anderen ‚aufmischen'“.

Ein anderer fasst die Probleme perfekt zusammen, seine Zustandsbeschreibung hat nichts Lichtes: „Akademikerarbeitslosigkeit trifft KEINESWEGS nur Orchideenfächler oder diejenigen, die außer Professor nichts anderes werden wollen oder diejenigen, die so vergeistigt sind, dass sie zwar die abstrusesten mathematischen Beweise aus dem Gedächtnis aufs Papier werfen, sich aber keine Mahlzeit selbst kochen können. Sie betrifft SEHR WOHL sehr viele Leute, die engagiert und flexibel wären (wenn man sie nur ließe), weiterbildungswillig und auch (ja, da staunt man!) sozial kompatibel. Nur kann es sich dieses Land eben leider anscheinend immer noch leisten, Kompetenz und Intelligenz auf dem gesellschaftlichen Abfallhaufen liegen zu lassen. Und die Bewerber, die schon ein paar Jahre auf dem Buckel haben, fasst erst recht keiner mehr an. Die sind nämlich nicht mehr so ‚formbar‘ wie die Jungen (authentischer O-Ton eines Personalers), sondern fragen nach dem Sinn der Aufgaben, die man ihnen gibt. Das ist natürlich vielen Unternehmen einfach zu subversiv. Armes Deutschland.“

III) akademische vs. Wirtschaftssphäre

Ein Einzelfall blieb die Meinung:  „Hätten Sie es geschafft und eine Anstellung an einer Uni bekommen, wäre ihr Gehalt gut und die Arbeit befriedigend, würden Sie diese Hegemonie auch sehen und anprangern?“ Weit in der Überzahl dagegen sind Kommentare wie dieser: „Es geht darum, dass wir mehr unabhängige Forschung brauchen, nicht wirtschaftsgetriebene. Hieraus speiste sich nämlich unser Standortvorteil. Da aber in Hochschulen und Universitäten immer mehr mit der neoliberalen Doktrin des ‚Marktes‘ überhäuft werden, fehlt die Forschung in den Bereichen, die die Wirtschaft als nicht wichtig erachtet. Ein Paradebeispiel dafür ist das Bachelorstudium, was nicht viel mehr als eine erweiterte Form der Schule ist. Vom Humboldtschen Bildungsideal ist nicht mehr viel zu sehen.“

An die Kehrseite gerade des Bachelors mahnt ein Kommentator, der es „schon sehr komisch [findet], wenn genau dieselbe Wirtschaft, die sich so für Bologna eingesetzt hat, inzwischen die Ergebnisse beklagt – durchgeschulte Absolventen, die prima Anweisungen durchführen können, aber kein eigenes Denken entwickeln (durften), weil die frühere Ausbildung ja viel zu ‚theorielastig‘ war.“ Dieses Verhältnis – wie sich die primären Probleme doch auf wenige und immer gleiche reduzieren lassen – diskutierte ich schon in meiner Collage zum verwässerten Studium: ein Politikwissenschaftsstudent hatte hier gegen eine Dozentin gewettert, weil sie nichts „Nützliches“ in ihren Lehrveranstaltungen vermittle

Quelle: http://brodnig.org/uploads/schievink-bologna.jpg

Schon 1942 forderte Robert K. Merton bspw., dass die Wissenschaften universalistisch und unparteilich, allgemein zugänglich und durch «organisierten Skeptizismus» geprägt sein müssen. Heute postuliert dagegen einer: „Wissenschaft ist immer dem Primat der Ökonomie untergeordnet gewesen, und wo es verschleiert wurde und wird, entstehen die ärgsten Ideologien.“ Ein anderer verweist darauf, dass „das doch sehr zwiespältige Verhältnis der ‚Wirtschaft‘ zur ‚intellektuellen Elite‘ – wobei zu hinterfragen wäre, ob Akademiker diesem Anspruch grundsätzlich genügen können – dort eine ethische Dimension bekommt, wo man junge Menschen zunächst auf einen bestimmten, differenzierten Bildungsweg lockt, der nicht zuletzt mit hohen Kosten (auch für das Allgemeinwesen) verbunden ist, sie aber dann als unbequem beiseite schiebt. Mit dem Begriff der ‚Überqualifikation‘ will die Wirtschaft doch eigentlich nur darüber hinwegtäuschen, dass gebildete Leute vielleicht unbequemere Arbeitnehmer sind und höhere Ansprüche stellen (in jeder Hinsicht, vor allem auch finanziell), als man von Seiten der Arbeitgeber einzulösen bereit ist.“  Und ein dritter ironisiert zynisch, dass man mit 20 zwei Master und 15 Jahre Berufserfahrung haben und ein Gehalt von 800 Netto für eine 60-Stunden-und-mehr/Woche in Ordnung finden soll. Wohl darum von der Leyens Werbekampagne um ausländische Fachkräfte: billig, willig, fremd?

Hier kristallisierten sich zwei Argumentationslinien heraus. Die eine zielt auf die Rolle wirtschaftlicher (De-)Regulierung durch die Politik ab, wobei, so Michael Sandel,  „die Marktgläubigkeit der letzten drei Jahrzehnte … eine moralische Leere der Politik geschaffen“ habe. Das sieht auch der folgende Kommentar: „Ein Heer von Lobbyisten regiert uns, merken Sie nicht die Auswirkungen? Bildung schadet da nur, den Titel kann man sich schenken bzw. kaufen. Das führt zur Degeneration und dann zur Barbarei… Wie lange dauert es, bis Kultur und Bildung tot gespart sind? Politiker sind der Meinung, BILDung ist besser, denn verdummtes Volk wählt seine Schlächter selber.“ Hat also Habermas Recht, wenn er sagt, dass Politik als Mittel der demokratischen Selbsteinwirkung ebenso unmöglich wie überflüssig geworden ist? Ein anderer fordert prompt: „Die Politik muss natürlich sinnvolle Rahmenbedingungen für die Menschen schaffen – erst an zweiter Stelle kann es um den Profit gehen. Allerdings wird es stets ein paar Unvermittelbare in jedem Teilbereich geben – es ist dabei unerheblich, wer daran ‚schuld‘ ist: Die Würde des Menschen bleibt in jedem Falle zu wahren.“

Das erscheint manchem unabhängig aller (wirtschaftlichen) Umstände geradezu selbstverständlich: „Aber ich finde, wenn ich schon geistiges Potenzial besitze, sollte ich es doch auch nutzen dürfen.“ Mancher aber erkennt eben auch: „Akademikerstellen sind falschbesetzt mit Nichtakademikern… Siehe Politik, aber auch die gutbezahlten Beamtenstellen (auch im Umweltamt o.ä.) oder Stellen in Versicherungen werden von Leuten besetzt, die an ihren Stellen kleben, gleiches gilt für viele andere Posten.“ Und es gilt auch für Sachsen, füge ich hinzu. Die Ursache dafür sieht die überwältigende Mehrheit der Kommentatoren in politischen und/oder sozialen Hierarchien: „Ich sage nur: Männerbünde. Die Herkunft ist wichtiger als der Abschluss. Wer nicht Mitglied der ‚Familie‘ ist, hat keine Chance“ oder: „Vitamin B, Netzwerke und eiserner Wille zur Macht, Ellenbogengebrauch gehören auch dazu. Ein Talent zur Schauspielerei, um soziale Kompetenz vorzutäuschen, ist unumgänglich. Die Stillen, Ruhigen, Fleißigen und Bescheidenen bleiben auf der Strecke.“

Ein Kommentator resigniert nach der Darstellung seiner persönlichen Leidensgeschichte: „Alter geht vor Qualifikation. Ein anderes Kriterium scheint das ‚Netzwerk‘ zu sein. Mehrmals habe ich erlebt, dass Personen, die sich die Mühe gegeben hatten (und die Gelegenheit dazu erhielten), statt viel zu arbeiten, fleißig am Aufbau eines firmenübergreifenden Netzwerks zu basteln, innerhalb kurzer Zeit eine ‚neue Herausforderung‘ fanden. Also, Beziehung geht vor Alter und erst recht vor Qualifikation. Etwas am ‚Menschenausleseprozess‘ dieser Gesellschaft kann nicht stimmen.“ Damit schließt sich einer von vielen Kreisen zu meinen beiden Plagiatseinträgen: es geht nicht mehr um (wissenschaftliche) Inhalte, sondern strukturelle. Ein Kommentar meint sarkastisch „Dieser und viele  andere Vorgänge zeigen, dass sich Deutschland vom Leistungsprinzip schon lange verabschiedet hat.“

Quelle: http://sds-solid-hgw.de/wp-content/uploads/2012/11/Eliteuni-schule.jpg

Die andere Argumentationslinie insistiert zum Teil drastisch darauf, dass Akademiker nicht nur hochgeeignet, sondern geradezu prädestiniert seien, wirtschaftliche Aufgaben zu lösen: „Für die Befähigung, Aufgaben zu erledigen, kann ‚theoretische‘ Bildung (nicht nur direkt aufgabenbezogen, sondern solche Sekundärfähigkeiten wie abstrakte Analyse, kritisches Denken usw.) weitaus wertvoller sein als die Frage, wie oft man schon einem Kunden die Hand geschüttelt hat. Ich denke, man macht es sich hier von Arbeitgeberseite zu einfach. Die wirkliche Qualifikation und Fähigkeiten zu prüfen wäre ja auch aufwändiger…“

Ein anderer meint: „Wer ein Hochschulstudium erfolgreich absolviert hat, der verfügt über nachgewiesene Fähigkeiten, sich Wissen anzueignen. Ein gutes Unternehmen weiß, dass es aus einem lernenden Prozess besteht. In vielen Personalabteilungen aber sitzen Menschen, die sich selbst nicht in diesem Prozess sehen, weil sie selbst nicht daran teilhaben. Unternehmensleitungen täten gut daran, sie regelmäßig in den Betrieb zu schicken und stattdessen diejenigen auswählen zu lassen, die an beständigem Fortschritt wirklich interessiert sind.“ In dasselbe Horn stoßen Formulierungen wie „Auch theoretische Arbeiten trainieren nämlich, ein Problem zu analysieren, sich Lösungsstrategien zu überlegen und systematisch der Sache auf den Grund zu gehen. Ganz im Gegenteil also – die Wirtschaft würde durchaus davon profitieren.“

Eine Zusammenfassung utopisiert dann dieses Verhältnis und dämonisiert es zugleich unter Gegenwartsperspektive: „Erst wenn ‚die Wirtschaft‘ resp. ‚wirtschaftlich‘ wieder nur noch eine von vielen Arten ist, die Menschen zu betrachten, erst wenn Wirtschaftler wieder nur noch gleichberechtigte Mitdiskutanten sein dürfen bei rein politischen Fragen nach Verteilung, Gesellschaftsstrukturen und Bildungsgrundlagen, erst wenn wir das derzeitige, teilweise durchaus faschistoide Diktat fiktiver ‚Wirtschaftlichkeit‘ noch der letzten Lebensbereiche überwunden haben werden, erst dann kann sich wieder eine breit und diversifiziert gebildete, meinetwegen auch bürgerliche Mittelschicht entwickeln wie die, welche der neofeudale Geldadel mit seinem ebenso zügellosen wie sichtlich für die Mehrheit grob nachteiligen Globalkapitalismus seit etwa 1990 blindwütig zerstört hat. Allerdings sieht’s derzeit leider nicht wirklich danach aus, als wären die politische Intelligenz und der gesellschaftliche Mut derart verteilt unter den Menschen, als dass das noch demokratisch vonstatten gehen könnte…“

IV) schützenswerte? Elite

Dieser Punkt hat quantitativ am meisten polarisiert. Die Extreme lesen sich einerseits so “‚Geistige Elite‘ – Wer sich so bezeichnet, dem fehlt es an Achtung vor Anderen, von denen er ausgerechnet Achtung einfordert. Dieser Satz zeigt, wie er denkt: Die Hegemonie der Wirtschaft in Politik und Gesellschaft muss ein Ende finden. Er will gar nicht in die Wirtschaft, sondern an der Uni weiter ausgehalten werden. Sorry, dann bitte auch Handwerker staatlich beschäftigen und verbeamten.“ Andererseits so: „Ich will nicht wissen, wie der Mann sich fühlen muss, wenn ihn auf dem Amt jemand mit niedrigerer Bildung zu unsinnigen Maßnahmen verdonnert.“

Elite heute? Quelle: http://www.uni-muenster.de/PeaCon/global-texte/g-a/psrring/image002.jpg

Hier schließt sich zunächst der Kreis zur Bildungsdiskussion. So wird an einer Stelle verwiesen „Einerseits werden öffentliche Mittel, die in die Hochschulen fließen, und andererseits wird qualifizierte Arbeitskraft verschwendet. Die Opportunitätskosten eines Studiums können schnell 80.000 Euro erreichen. Jahrelanger Lohnverzicht und geringere Rente sind die Ursachen. Diese Aufwendungen in Kauf zu nehmen, um später als Gärtner zu arbeiten ist ein Hohn. Bitte nicht falsch verstehen: Ich will keine wertenden Aussagen über Jobs treffen – wir brauchen schließlich alle – aber jeder sollte seine Qualifikation dementsprechend ausleben dürfen. Ein Bäckermeister, der bei LIDL den Backautomaten bedient, ist damit genauso bedauernswert.“

Das sehen viele Kommentatoren ähnlich. So meint einer „Man kann Gehalt und Arbeitsplatzsicherheit nicht komplett voneinander trennen. Das eine kann das andere teilweise ausgleichen… Manche Leute investieren viele Jahre und viel Geld in Bildung und wünschen sich, dass sich das danach mit einer besseren Arbeitsplatzsicherheit und/oder mehr Geld auszahlt.“ Ein weiterer „Zumindest wäre zu erwarten, dass es jemanden mit einer umfangreichen Ausbildung nicht schlechter ergeht, als jemanden mit einer Ausbildung, die einer Teilausbildung dessen entspricht, also dass der Elektroingenieur nicht schlechter dasteht als der Facharbeiter im Elektrogewerbe, der Diplom-Physiker nicht schlechter als der Physiklaborant usw., der promovierte Chemiker nicht schlechter als der Chemisch-Technische Assistent. Tatsächlich ist dies aber nicht selten so, da ein akademischer Abschluss als entwertet gilt, wenn man länger als 1, vielleicht 2 Jahre mehr als eine Stufe unterhalb seines Ausbildungsniveaus gearbeitet hat.“ oder auch „…es werden seit der 10. Klasse Menschen dazu erzogen, intellektuelle Leistungen zu erbringen, für die man sehr wohl viel arbeiten muss, das geht dann immer weiter so bis zur Promotion, wie in einem Selbstläufer. Dann jedoch soll Schluss damit sein, und ‚Draußen‘ werden dann einem Schuldgefühle gemacht, weil man diesen Weg eingeschlagen hat, keine feste Stelle bekommt…“

Gerade diese Diskussion hat sich jüngst sogar verschärft – nicht durch einen promovierten Mathematiker von 40 Jahren, sondern eine nach dreieinhalb Jahren arbeitslos gewordene  Absolventin: „Ich bin 27, habe einen Studienabschluss, meine Bachelor-Thesis mit 1,7 absolviert, Berufserfahrung, spreche neben Englisch auch noch Italienisch, Spanisch und Französisch, war im Ausland. Es geht mir nicht mehr darum, meine Träume zu verwirklichen. Eine ganz normale Arbeit würde reichen. Ich suche ein regelmäßiges Einkommen, um meine Studienschulden abbezahlen und etwas Geld zur Seite legen zu können. Mit einem Studium wollte ich die bestmöglichen Chancen – bekommen werde ich in drei Monaten Hartz IV.“ Auch die Filmwirtschaft fand es jüngst „fahrlässig, daß die Film- und Fernsehbranche den Absolventen der vielen Filmhochschulen keine Perspektive bietet, die dem Aufwand und den Kosten dieser Ausbildung angemessen ist.“

Zugleich aber spitzt dieser Punkt auch die Argumentationslinie auf einen (sozial)darwinistischen „Entweder-Oder“-Dualismus des bereits erwähnten „Menschenausleseprozesses“ zu. So war anfangs zu lesen: „Als Hochschul-Absolvent hat man das Recht auf einen Arbeitsplatz erworben. Dem ist eben nicht so, auch wenn über Jahrzehnte die Realität eine andere war. Wieso sollte ein Akademiker mehr Rechte haben auf soziale Absicherung als ein Arbeiter. Kann mir mal jemand erklären, welcher humanistische Grundgedanke das aussagt, dass der gebildete Mensch per se besser dazustehen hat?“ Da hat der Kommentator sicher ausgeblendet, dass die Formulierung und Fundierung „humanistischer Gedanken“ kaum von einem Arbeiter geleistet wird, sondern tatsächlich von gebildeten/gebildeteren Menschen – und dass diese handlungsleitende Formulierung/ Fundierung eben auch dem Tun von „Arbeitern“ mindestens ethische Richtung gibt: allein das sollte wohl doch bewahrenswert sein.

Nichtsdestotrotz wurde dann diskutiert, ob folglich die reziproke Perspektive anzustreben sei – einerlei, wie gebildet oder erfahren jemand ist, es zählt einzig das „Recht des Stärkeren“. Der zwar unbeholfen formulierte, dennoch kritischste Kommentar dazu: „Ich gehe nicht davon aus, dass Sie ‚das Recht des Stärkeren‘ meinen, weil in dessen Konsequenz ein x-beliebiger, starker Arbeitsloser einem schwächeren Angestellten kurzerhand dessen Job ‚entführt‘. Also was habe ich unter ‚funktionierender Natur‘ zu verstehen, wenn nicht, aus menschlicher Sicht, die Verständigung auf ein friedliches Zusammenleben?“

Quelle: http://www.politopia.de/wissenschaft/6962-sozialdarwinismus-rassentheorien-8.html

Liegt da der Hase im Pfeffer? Ja, Demokratie begünstigt Mittelmaß und erzeugt es zugleich. Ja, der Gute ist des Besseren Feind. Aber ist es wirklich unerheblich geworden, wie qualifiziert jemand ist, wie erfahren, fleißig, bescheiden, wie geachtet aufgrund seiner Leistungen/seines Leistungswillens, seines Charakters … wer nicht biologistisch denkt, sich nicht den Starken, „Mächtigen“ anschließt – wes Geistes Kind die auch immer sein mögen, obwohl dieser „Geist“ ja offenbar doch Erfolge zeitigt-, weil er selbst nicht über die Mittel verfügt, es zu sein; wer nicht bewusst täuscht, nicht wieder besseren Wissens handelt, in sozialen statt ökonomischen Kategorien denkt…, ist der Dumme?

Da der „Markt“ genau jenem darwinistischen Gesetz des „Survival of the fittest“ folge und also zum Fetisch erhoben werden müsse, dem sich alles unterzuordnen habe, ist jede andere vernunftgeleitete und damit veränderungswillige Perspektive von vornherein falsch, das Bestreiten des Marktprimats im etwa Staats- oder Bildungsbereich bald strafbar? Eine „alternativlose“ homöostatische Gesellschaft, in der man sich nur noch zurechtfinden muss, die aber keineswegs aus anderen Perspektiven betrachtet geschweige denn als änderungsbedürftig angesehen werden darf; in der Freiheit mehr gilt als Verantwortung, soziale Verantwortung zumal?

Selbst der Geschäftsführer des Dresdner Studentenwerks, Martin Richter, hat anlässlich der Diskussion um den § 24 des umstrittenen sächsischen Hochschulgesetzes im jüngsten Einleger der „ad rem“ u.a. geschrieben „Vor dem … Freiheitsbegriff der völligen Bindungslosigkeit, der ohne Verantwortung für das Gemeinwohl auskommt, habe ich Angst – er ist das Ende eines gesellschaftlichen Zusammenhalts und setzt am Ende nur das Recht des Stärkeren zu Lasten des Schwachen durch“. Noch drastischer jüngst der Berliner Philosoph Dieter Thomä: „Heute müssen wir offenbar irgendwie alle Kapitalisten sein.“ Aber schon Marion Gräfin Dönhoff meinte in „Macht und Moral“, dass jede Gesellschaft ohne einen ethischen Minimalkonsens zerbröseln muss. Ohne dieses Mindestmaß an Bindungen, Spielregeln, Tradition und ethischen Normen werde “unser Gemeinwesen genauso zusammenbrechen wie das sozialistische System”. Wenn der Markt aber kritiklos idealisiert werde und keine ethischen Grenzen mehr kenne, entarte das Ganze zum catch-as-catch-can. Der Egoismus mache dann vor nichts mehr halt und unterminiere durch zunehmende Brutalität und Korruption die sittliche Grundlage der Gemeinschaft.

Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Darwinismus

Wenn das die gewünschten Resultate gegenwärtigen neoliberalen Diktierens (von vernunftgeleitetem Regieren kann man schon lange nicht mehr sprechen) sein sollen, dann hätte sich Deutschland nicht nur als Bildungsrepublik begraben, sondern insgesamt als demokratisch verfasstes Staatswesen. JeremyRifkin hat das bereits 1995 im  „Ende der Arbeit“ befürchtet und in einem Interview zehn Jahre später bekräftigt: „Was wir brauchen, ist eine Reglobalisierung, bei der die Bedürfnisse der Mehrheit im Vordergrund stehen, nicht die Gewinnspannen einer kleinen Minderheit. Ich sehe zwei Alternativen für unsere Zukunft. Die eine ist eine Welt mit Massenarmut und Chaos. Die andere ist eine Gesellschaft, in der sich die von der Arbeit befreiten Menschen individuell entfalten können.“ Das scheint das Grundübel: eine Mehrheit kann nicht mehr durchsetzen, was einer Mehrheit gut tut – nein, eine verschwindend geringe Minderheit setzt durch, was einer nur verschwindend größeren Minderheit auf Kosten der Mehrheit gut tut. Massenarmut, Chaos – das kann nicht die Zukunft sein.

Adventszeit ist Lebkuchenzeit, mindestens seit 1997, da ich ein Rezept der von mir vergötterten Elisen fand und zu meiner höchsten Zufriedenheit ausprobierte. Auch die 2012er, gestern gebacken, versprechen ein hervorragender Jahrgang zu werden… 1760 beklagte der Basler Gelehrte Johann Jakob Spreng übrigens, dass man aus „Missverstande“ das würzige Gebäck als Lebküchlein sehen würde. Vielmehr handele es sich um „Arzney-, Gesund- oder Heilküchlein“, die unter anderem gut gegen Magenbrennen seien. Wem also der Magen brennt, kann das Rezept gern ausprobieren:

6 Eier
400 gr Zucker
120 gr. Mehl /1/2 Tüte Backpulver
70 gr. Orangeat
70 gr. Zitronat
400 gr gem. Mandeln
100 gr. gem. Nüsse
50 gr. kleingehackte Marzipan-Rohmasse
50 gr. kleingehackte, in Rum eingelegte Rosinen
1 EL Honig
1 TL Ahornsirup
1 TL Zimt
Je ½ TL Kardamom, Nelken, Piment, Ingwer (alternativ 1 Btl. Lebkuchengewürz)
Geriebene Zitronen- und Orangenschale (alternativ Backaroma)
Oblaten

Die Eier mit dem Zucker und viel Liebe schaumig rühren. Mehl und Backpulver mit den Gewürzen vermischen und hinzufügen. Zitronat / Orangeat mit den Rosinen, der Marzipan-Rohmasse, dem Honig, den Aromen und dem Sirup gut vermischen und einarbeiten.

Anschließend sofort ca. 1 TL Teig auf die Oblaten geben und ca. 10 min. bei 180 Grad bräunen.

Guten Appetit!

Da hat es nun auch „mein“ Institut getroffen. Das Institut für Kommunikationswissenschaft der Dresdner TU, an dem ich seit dem Sommersemester 1998 fast ununterbrochen Fernseh- bzw. Videopublizistik lehre, muss sich mit einem Plagiatsskandal auseinandersetzen: dem der hoffnungsvollen Jun.-Prof. Nina Haferkamp, die in ihrer an der Uni Duisburg-Essen eingereichten Promotionsschrift ungekennzeichnet geklittert haben soll. Ich hatte mich, ironischer weise zum Start meines Blogs, bereits über Guttenberg empört. Ich will versuchen, die mit regionalem Touch versehene weibliche Variante ein wenig unaufgeregter zu betrachten. Nichtsdestotrotz habe ich dabei denselben schalen Geschmack im Mund, der für mich seitdem mit den Bereichen Forschung, Hochschule und Ämterbesetzung verbunden ist. Ähnlich wie in meinen Anmerkungen zum „verwässerten Studium“ tue ich das ebenfalls anhand diverser Kommentare vor allem zu den Berichten in „Zeit“ und “FAZ“ und verwebe sie zu einer subjektiven Collage.

Die Welt noch heil zum IfK-Praxisforum 2011 - neben mir Nina Haferkamp, eine Kollegin, die in dem Zusammenhang nicht genannt werden will, Lutz Hagen und Wolfgang Donsbach. Quelle: https://secure-redaktion.tu-dresden.de/die_tu_dresden/fakultaeten/philosophische_fakultaet/ikw/startseite/bilder/Bildergalerie_Praxisforum_110202_neu.pdf

Vorab: mir geht es, wie auch bei Guttenberg, um bestimmte Prinzipien, die für mich indizieren, dass im aktuellen deutschen Wissenschaftsbetrieb viel falsch läuft. Ich habe weder die Arbeit gelesen noch die zur Rede stehenden Textstellen überprüft. Abgesehen von diversen Re-Checks („Beim Vergleich der Dissertation mit ihren ungenannten Quellen treffen Webers Vorwürfe alle zu.“, FAZ), hat mich vor allem abgeschreckt, wie sowohl in den Amazon-Rezensionen als auch in den Kommentaren die Qualität der Promotionsschrift – gelinde geschrieben – bezweifelt wird. Allen voran die Zeit „Tatsächlich wirkt diese Dissertation selbst für Laien in weiten Teilen banal. Und Rechtschreibfehler ziehen sich durchs Werk; schon der erste Satz der Druckausgabe enthält den ersten Lapsus.“

Und weiter lese ich „Eine Lektüre der inkriminierten Studie zeigt doch vor allem, dass die Arbeit ein durch keinen Gedanken zusammengehaltener Wortsalat ist“, oder „Rechtschreibfehler im ersten Satz? Wikipedia? Wenn ich mich an die Regeln an meiner Uni und die entsprechenden Strafen für Studenten bei Seminararbeiten erinnere, dann muss ich einfach sagen, dass jemand, der solche Fehler macht, nicht das Recht hat, über Studenten und ihre Noten zu entscheiden.“, oder gar „Macht euch mal den Spaß, und leiht euch die Diss. aus der Bibliothek eures Vertrauens. Das ist alles so ohne jeglichen Anspruch – in keinem anderen Fach würde man damit davonkommen! Ganz große Peinlichkeit für diese Person UND für ihr Fach.“

Ein „branchenfremder“ Kollege staunte darob nicht nur, sondern forderte zugleich implizit die Branche heraus: „Das würde mich jetzt doch interessieren, ob diese Dissertation auch für Fachleute banal ist? Und wenn ja, wieso man für eine banale Doktorarbeit (mit oder ohne Plagiat) eine Professur erhält? Das ist vielleicht meine naive Sicht als Naturwissenschaftler, aber wenn jemand im „Material und Methoden“-Teil seiner Doktorarbeit seine Beschreibung, wie er pH-Werte gemessen hat, kopiert, statt sie in eigene Worte zu fassen, dann sehe ich das fast als eine lässliche Sünde. Wenn dagegen ein Teil des wissenschaftlichen Erkenntnisgewinns gestohlen wurde, ist das sehr schwerwiegend. Und wenn der Erkenntnisgewinn der Arbeit banal ist, sollte dies zumindest zu einer schwachen Note und einem Ende der akademischen Karriere führen.“

Die Herausforderung ist nach meinem Wissen bis heute nicht angenommen worden; ich habe bis dato keine wissenschaftliche Rezension der haferkampschen Arbeit entdeckt.

Quelle: nicht mehr zuzuordnender Netzfund, 14.09.2012

Die primären Aspekte meines ambivalenten Unbehagens sind diese:

1 Wieso kann man Plagiatsjäger ebenso verurteilen wie plagiierende Wissenschaftler?

2 Wieso sind Dresdner Plagiierende medial anders zu behandeln als andere Plagiierende?

3 Wieso spielen in der Wissenschaft nichtwissenschaftliche Kriterien eine offenbar zu große Rolle?

1) Was diesen Fall so besonders macht, ist in der „Zeit“ dargelegt worden. Aber sind es nun nur „niedere Motive“ ob des entgangenen Lehrstuhls, die S. Weber zu unterstellen sind? Das Spektrum beginnt bei Äußerungen wie „es mag niedere Beweggründe bei sowas geben, genau wie die höchstmöglichen: was kann man mehr im Leben erreichen als die Regierung/ das Land vor einem (bestenfalls) Blender wie Guttenberg zu bewahren, der auf dem besten Weg war, Kanzler zu werden“. Es setzt sich fort über „Und selbst wenn es genau so ist: Dann ist Weber kein besonders sympathischer Zeitgenosse, aber an den Fakten, und anscheinend existieren ja Belege für umfangreiche Abschreibereien, ändert das doch gar nichts. … Ich finde das richtig, dass wissenschaftlicher Betrug geahndet wird, wer das warum herausfindet, ist mir gleichgültig.“ Oder „Der akademische Markt ist hart umkämpft und es kann nicht angehen, dass Plagiate in dieser Arena zum Erfolg führen. Wissenschaftlicher Wettbewerb funktioniert nur, wenn alle bereit sind, nach den Regeln spielen.“ Oder auch „Seltsamerweise scheint es bei diesen Menschen kein wissenschaftliches Gewissen zu geben. Stattdessen werden diejenigen als „Denunzianten“ beschimpft, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, solcherlei Missstände aufzudecken und belegte Fakten zu präsentieren.“

Und das Spektrum endet letztlich mit einem Plädoyer für Redlichkeit „Und für die Gesellschaft spielen die persönlichen Motive, die Herrn Weber zur Nachforschung bringen, eine eher untergeordnete Rolle. Viel wichtiger ist, dass Betrüger entlarvt werden. Und falls Frau Haferkamp betrogen hat, ist es durchaus richtig, dass sie ihr Leben neu anfangen muss. So wie derjenige, der ehrlich war und nur aufgrund ihres Betruges ein anderes Leben führen muss. Es wird höchste Zeit, dass endlich die echten Opfer Mitleid erhalten, und nicht immer die Täter zu Opfern stilisiert werden. Herrn Weber kann man nur wünschen, dass er weiter nachforscht. Denn in den Unis wird ganz offensichtlich vieles nicht geprüft.“

Quelle. http://www.magdeburger-nachrichten.de/wp-content/uploads/2011/10/matrix.jpg

Da mutet es seltsam an, Verteidigungen zu lesen wie „Ich bin kein Wissenschaftler, deswegen kann ich das sagen: Bei mir hätte die Menschlichkeit Vorrang gehabt. Menschen, die die Wissenschaft über die Menschlichkeit stellen, sind mir unheimlich, genauer: zuwider.“ Genau dieses Problem kam bereits bei Guttenberg auf: offenbar kann die Wissenschaft dem Rest der Bevölkerung nicht mehr klarmachen, nach welchen Regeln sie eigentlich funktioniert und weshalb diese Regeln wichtig und einzufordern sind. Entsprechend ist zu lesen: “…weshalb so auf so bemitleidende Art darauf hingewiesen wird, dass Frau Haferkamp nun „ihr Leben neu beginnen müsse“. Als ob derjenige an ihrem, ja, Betrug schuld wäre, der ihn aufgedeckt hat. Sollte sie nicht abgeschrieben haben, reicht weder die Anklage von Herrn Weber, noch hätte er Stellen, die dies zu belegen imstande sind, zur Verfügung. Er hat aber ganz offensichtlich viele solcher Stellen gefunden, was auch dadurch unterstrichen wird, dass die UNI sich ernsthafte Gedanken über Frau Haferkamp macht.“

Haferkamp hat die Dresdner Exzellenz-Universität düpiert, die ihren wissenschaftlichen Rang ebenso verteidigen muss wie die Heim-Uni, die in vielen Kommentaren übrigens kleingeschrieben wurde, bspw. „Doch noch enttäuschender ist der Umstand, dass eine Kommunikationswissenschaftlerin – und die Frau Haferkamp hat das Fach ja einige Jahre „studiert“ – nicht fähig ist, ihre Gedanken ohne wiki-Beistand zu formulieren. Was, nebenbei gesagt, ein miserables Licht auf die Lehranstalt wirft, in der sie ausgebildet wurde.“

Daneben düpiert sie die plagiierten Autoren sowie die Hochschul- und auch die Gymnasiallehrer, die ihren Schülern korrektes Arbeiten beibringen wollen. Und natürlich alle, die ihre Titel redlich erworben haben; aber sich angesichts von „Promotionsagenturen“, Ghostwritern usw. für ihre Redlichkeit scheinbar schon rechtfertigen müssen. Bislang stand der Doktortitel für wissenschaftliche Gründlichkeit, akademische Reife und die Fähigkeit selbstständigen und akribischen Forschens. Und dafür, füge ich hinzu, der allgemeinen Nivellierung unserer Gesellschaft etwas entgegenzusetzen. Haferkamp erwies sich aber eben nicht als gründlich und selbständig, sondern als oberflächlich und letztlich als mindestens akademisch unreif. Das sah auch ein Kommentator so: „Moral ist relativ, aber Inkompetenz nicht. Erstens hat die Dame gezeigt, dass sie nicht die moralische Integrität besitzt, die eigentlich von einem Professor erwartet wird (wer bei so etwas plagiiert, der lässt auch schnell mal hier oder da für den entsprechenden Gegenwert eine Zahl auf einem Zeugnis etwas kleiner werden) und zweitens hat sie gezeigt, dass sie ganz einfach unfähig ist. Wäre das einem Naturwissenschaftler oder Mediziner passiert – schon schlimm genug, aber jemanden, dessen Job es ist(sein sollte), sich über Kommunikation Gedanken zu machen? Nein, versagt auf ganzer Linie. Da spielt es keine Rolle, ob sie nun vor dem Karriereaus steht oder nicht, so jemand gehört aus dem Lehr- und Forschungsbetrieb entfernt.“

Quelle: http://de.toonpool.com/cartoons/doktorarbeit_118466

2) Auf den Seiten des IfK ist auf einer Veranstaltungsankündigung zum Thema zu lesen: „Die Prüfung, ob die sicher nicht unerheblichen Regelverletzungen Frau Haferkamps den gesamten wissenschaftlichen Wert ihrer Dissertation zunichtemachen, also ein „Plagiat“ in dem Sinne darstellen, dass keine maßgebliche wissenschaftliche Eigenleistung mehr übrig bleibt, steht noch aus.  Das ist der Hintergrund, warum wir in unserer bisherigen Kommunikation vor einem nicht wieder rückholbaren öffentlichen Pranger gewarnt haben.“ (Hervorhebung von mir) Das mutet nun sehr dubios an. Abgesehen davon, dass sämtliche anderen Mitteilungen über ähnliche Verdachtsfälle von Guttenberg über Saß usw. bis Koch-Mehrin ebenfalls zuerst Verdachtsmeldungen waren – hier wurden sie durch für jedermann frei zugängliche Textvergleiche von Anbeginn über das Maß eines Gerüchts oder einer Anschuldigung gehoben. Damit (und mit zusätzlichem Rekurs auf den Nato-General Günter Kießling aus den 80ern) zu argumentieren, zeugt ebenso von wenig Zutrauen in die Causa wie die fehlende offensive Argumentation, wie ein Kommentator anmerkt „Mal ganz ehrlich: wenn jemand meine Doktorarbeit angehen würde, mir fehlende Quellenangaben, falsche Zitate etc. unterstellen würde, würde ich offensiv damit umgehen und Beweise fordern. Und zumindest in meinem Umfeld würden das alle so tun. Aus diesem Grund ist das Schweigen und die Hinhaltetaktik schon Beweis genug.“

Quelle: http://www.crowdsourcingblog.de/wp-content/uploads/2012/03/wikipedia_logo-300x272.png

Die Universität Duisburg-Essen prüft also den Fall, diese Prüfung kann noch dauern. Daraus eine Prangersituation zu konstruieren halte ich für genauso falsch wie die Trennung von Plagiat und wissenschaftlicher Eigenleistung, wie ebenfalls ein Kommentator anmerkt: „egal wie wichtig der aus Wikipedia übernommene Teil für die Dissertation von Frau Haferkamp ist – wörtlich abschreiben ist ein Plagiat, und das ist wissenschaftlich unsauber (und unredlich), und es ist vor allem: ausgesprochen dumm. Denn das Plagiat kann nun wirklich jeder nachprüfen. Wenigstens die Mühe, das bei Wikipedia vorgefundene in eigenen Worten zu schreiben, hätte sie sich machen können. Fazit: die Dame ist für eine wissenschaftliche Karriere ungeeignet, mindestens ethisch, eventuell auch intellektuell. Die restlichen Umstände sind für Journalisten zwar ein gefundenes Fressen, aber irrelevant.“ Ein anderer fragt „Es muss bereits jeder Studierende eine Eigenständigkeitserklärung zu dessen Hausarbeit beilegen, dass jede dem Wortlaut oder dem Sinne nach entnommene Stelle entsprechend gekennzeichnet wurde. Für Dissertationen gilt das nun nicht? Natürlich macht es Arbeit, den Stand der Forschung in eigenen Worten darzulegen. Aber dafür gibt es dann auch den höchsten akademischen Grad verliehen. Deswegen kann ich nicht verstehen, warum sich gewisse Leute darauf berufen, es sei „nur die Einleitung und der Überblick über den Forschungsstand“ abgeschrieben worden und „der Kern der Arbeit“ werde davon nicht berührt. Dann hätte man den Überblick auch gleich weglassen können, dieser sollte den Gutachtern ja bekannt sein.“

Quelle: http://politik-digital.de/wp-content/uploads/Pranger.png

Aber selbst damit noch nicht genug: Sprache als „endlich“ darzustellen, daraus zu folgern, es gäbe nur begrenzte Möglichkeiten, Sachverhalte auszudrücken – das ist armselig. Sprache ist unendlich, allein das Deutsche kennt mit Komposition, Derivation und Konversion drei Wortbildungstypen, von sich verschiebenden Semantiken ganz zu schweigen. Entsprechend harsch fallen die Kommentare dazu aus: „Unglaublich finde ich, wie die Uni Dresden die Arbeit auch noch zu rechtfertigen versucht. Anscheinend ist man dort der Ansicht, dass man mit einem wortwörtlich aus Wikipedia kopierten Theorieteil immer noch die wissenschaftlichen Anforderungen an eine Dissertation erfüllt. Mir schwant Übles für das Niveau von kommunikations“wissenschaftlichen“ Dissertationen in Dresden (bzw. Duisburg-Essen).“ ist da zu lesen, oder auch „Schön und gut, aber einen Textbeleg kann man IMMER angeben und zudem muss das Zitierte dann auch im Text entsprechend deutlich HERVORGEHOBEN werden, damit gleich klar erkenntlich ist, dass man hier zitiert und keine eigenen hochinnovative Konzepte/ Inhalte oder auch nur Worte benutzt. Ist doch nichts Schlimmes dabei und ich verstehe diese verlogene Eitelkeit nicht, sich stattdessen dreist mit fremden Federn zu schmücken und zu hoffen, dass es keiner merkt.“

Quelle: http://www.h-age.net/images/wenn-linguistik-evolution-trifft-wo-liegt-der-ursprung-der-menschlichen-sprache.jpg

3) Die Frage nach den Besetzungskriterien bringt ein Kommentar auf den Punkt: „Dass Herr Weber auch persönliche Motive hat, ist sehr gut nachvollziehbar. Wenn man sich auf eine Professorenstelle bewirbt und als zweiter dann auf eine Stelle nachrücken müsste, weil die erste Wahl abgesagt hat; und daraufhin die Stelle aber neu ausgeschrieben wird, dann stellt sich schon die Frage, was da nun eigentlich los ist. Um Qualifikation geht es dabei vermutlich nicht.“ Worum dann? Ein anderer Kommentar fragt prompt: „Warum muss aber jemand mit 30 Professor werden, sich in den Focus stellen, gibt es wirklich keine gleichgebildeten bewährten Älteren?“ Weber selbst steht ja wohl außerhalb jeder akademischen Diskussion, seine „Theorien der Medien“ sind seit Jahren eins meiner Standardwerke in den Vorlesungen, er wäre mit abgeschlossener Habil. akademisch höher qualifiziert. Vielleicht eine Benachteiligung wegen falschen Geschlechts – aber aus reziproker Perspektive?

http://www.dradio.de/images/48922/landscape/

In seiner klugen Bilanz „Guttenberg oder der „Sieg der Wissenschaft?“ hat  Andreas Fischer-Lescano ein Jahr nach Guttenberg ein bitteres Resüme gezogen: „08/15 wird zum akademischen Standardmaß. Auf der Ebene der Institution herrscht eine Orientierung an akademischen Großprojekten vor. Wissenschaftliche Reputation wird vorrangig durch die Integrationsfähigkeit in solche Verbünde bestimmt. Unorthodoxe Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler werden in diesem Wissenschaftsbusiness als Risiko wahrgenommen. Sie sind nicht gut in die Netzwerke reziproker Begutachtung eingebunden und bilden widerständige Störfaktoren im Exzellenzrad.“ Wegen erwiesenen Könnens vielleicht – „der Gute ist des Besseren Feind“?

Wegen atmosphärischer Befindlichkeiten – Männer eben nicht allein zu Haus?

Quelle: http://sleepy-cartoons.blogspot.de/2009/08/huhner-schlachten-nach-hackordnung.html

Wegen… ?

„Eine Geschichte ohne Gewinner“ resümierte die „Zeit“. Das sehe ich komplett anders, und mit mir eine Reihe von Kommentatoren. „Gewinnerin ist die Redlichkeit in der Wissenschaft und Gewinner sind die Leute, die sich ihre wissenschaftlichen Meriten tatsächlich durch hartes Arbeiten erworben haben. Sie werden regelmässig von den Politbetrügern und den gekauften habilitierten Durchwinkern überholt.“ ist da zu lesen, oder „Gewinner dieser Plagiatshetze sind jene Menschen, die ernsthaft und gewissenhaft ihre Wissenschaftlichen Arbeiten verfassen, auch wenn sie länger am Studium sitzen. Nicht um sich dann mit einem Titel zu schmücken, sondern um einen gesellschaftlichen Beitrag zu leisten. Menschen, die einen Großteil ihrer Arbeit einfach aus einem Katalog kopieren, sind Betrüger und sollten auch als solche bestraft werden. Es handelt sich hier nicht um ein Kavaliersdelikt, sondern um eine bewusst begangene Täuschung, die einem unlautere Vorteile verschaffen soll.“

Quelle: http://dehner-verdi.blogspot.de/2010/12/gerechtigkeit-ist-kein-geschenk.html

Ein anderer legt seinen Finger in eine Wunde, die ich ebenfalls schon bei Guttenberg diagnostizierte: „Wenn der Gerechtigkeit Genüge getan ist, empfinde ich das als enormen Gewinn. Allerdings ist es langsam an der Zeit, die Prüfer in die Pflicht zu nehmen. Schließlich haben diese die Dissertation ja angeblich geprüft und den Kandidaten promoviert! Da sollte dann nicht nur der Kandidat die Folgen alleine tragen. Vielleicht hätte das den weiteren Vorteil, dass es ein neues Klasse statt Masse-Denken gibt. Überhaupt muss ich sagen, dass solche Promotionsthemen kaum das Papier wert zu sein scheinen. Der höchste akademische Grad wird zu leichtfertig für Arbeiten vergeben, die der Wissenschaft nicht gerecht werden.“ Auf ein zu befürchtendes Resultat, das ich bei Guttenberg ebenso unterstellte – wie sich die Gedanken gleichen – verweist ein weiterer: „wir leben in einer Blender-Republik … Spätestens wenn in unserem Lande die Atomkraftwerke hochgehen oder die Flugzeuge abstürzen, weil das wissenschaftliche Personal sich durchs Studium/Promotion gemogelt hat und in der Praxis daher Fehler macht, wird man feststellen, dass in unserem Land/ Gesellschaft etwas nicht stimmt.“

Dem ist nichts hinzuzufügen außer dies:

„Im Leben stehen einem anständigen Charakter so und so viele Wege offen, um vorwärts zu kommen. Einem Schuft stehen bei gleicher Intelligenz und Tatkraft auf dem gleichem Platz diese Wege auch alle offen, daneben aber auch noch andere, die ein anständiger Kerl nicht geht. Er hat daher mehr Chancen, vorwärts zu kommen, und infolge dieser negativen charakterlichen Auslese findet eine Anreicherung der höheren Gesellschaftsschichten mit Schurken statt. Das ethische Durchschnittsniveau einer Gesellschaftsschicht wird umso schlechter, je besser und einflussreicher sie gestellt ist. […]“

Hermann Oberth (1894 – 1989, Begründer der Astronautik)

Ach was muss man oft von bösen
Textern hören oder lesen
Wie zum Beispiel von all jenen
Die sich ballbegeistert wähnen
Und zur jüngsten Meisterschaft
Testeten des Wortspiels Kraft.

Da fall’n erst Nudelworte auf:
Der Doppelpass zum Pastakauf.

Wem das zu dröge, schießt sogleich
Zum Supermarkt ins Sparer-Reich

Wie jetzt? Der Pass – er kommt nicht an?
Dann braucht man einen Masterplan!

Der Pläne sind genug gemacht
Nun braucht es den, der sie entfacht

Sodann: los geht’s. Was, Holland spielt?
Der deutsche Sturm ist gut geölt!

Die Dänen steh‘n uns nun bevor
Ob Präsens, Perfekt, Futur…: Tor!

Was nun? Ach so, die Griechen droh‘n!
Ganz ruhig, wir spiel‘n und schießen schon…

Wer will uns jetzt noch ernsthaft jagen?
Die Mafia… die ist zu ertragen…

Doch was ist das… Oh Gott
Tifosi meinen „Aufs Schafott…“

Und die Moral von der Geschicht‘:
Hast Durst du, spiele Fußball nicht…

Mit bestem Dank an all die vielen Kreativen in deutschen Redaktionen / Agenturen…

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