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Alles begann im Wasser, stimmt, in diesem Falle aber mit Wasser, besser gesagt, Wasserflaschen, die von Studenten im Verlaufe von Lehrveranstaltungen mehr nuckelnd denn durstlöschend-trinkend geleert werden. Eine politikwissenschaftlich Dozierende nun, die Redaktionsleiterin „Christ und Welt“ in der „Zeit“, Christiane Florin, übersetzte dies nach mehrsemestrigem Nachdenken als Desinteresse und sprach (richtiger: schrieb) vor zwei Wochen ihren Zöglingen prompt ein konstruktives Misstrauensvotum mit kulturpessimistischem Unterton aus. Diese Woche nun geschahen zwei Reaktionen: in derselben Zeitung giftete ein solcher Zögling zurück, und im Magazin dieser Zeitung solidarisierte sich Harald Martenstein indirekt mit seiner (übrigens promovierten) Kollegin, indem er seine Erfahrungen als germanistisch Dozierender behauptet kulturoptimistisch, aber wie ein Anarchomelanchozyniker reflektierte. Die Reaktionen darauf wiederum, sowohl in den Onlineauftritten der Medien als auch deren Social-Web-Ablegern, fordern mich zum Bloggen förmlich heraus: Bildungsmisere und Politikverdrossenheit lassen nicht nur grüßen, sondern fallen hier faktisch in eins.

Zunächst: die Wasserflasche, die ich vor allem aus meinen Magdeburger Vorlesungen und Seminaren ebenfalls unangenehm in Erinnerung habe – auch weil sich diese Unsitte zu meinen Studienzeiten in derselben Stadt niemand getraut hätte -, ist Metapher für viel mehr als nur Unhöflichkeit und Desinteresse. Florin beutet sie entsprechend aus: der von keinem Bildungsinhalt gestillte Durst, das 3-Liter-am-Tag-Diktatürchen, der Wissenspegel, die Süffigkeit von Politik… Aber, und das zeigen manche Kommentare, das Wassertrinken legt weit bedenklichere Dimensionen frei: Nuckeln als Zeichen von Infantilität, Ich-Bezogenheit, die Nuckelflaschen als Synonym für Gedankenlosigkeit und Gleichrichtung, damit intellektuelle Bedürfnislosigkeit indizierend… All diese Aspekte bekräftigt letztlich der Autorenzögling in seiner hanebüchenen Pseudoargumentation selbst.

Dieser Autor heißt übrigens Julian Kirchherr, FDP (oh Gott, was für Promotion inkludiere ich hier :-(, ein gewesener Münsteraner und gegenwärtiger Londoner Politik-Masterstudent, der laut „Soester Anzeiger“ in Werl zuletzt vor allem für Wirbel durch seine mehrfache Abwesenheit im Rat gesorgt hat, da er – obwohl oft nicht zugegen – die Ratsmitgliedern zustehende Pauschale kassierte. Das habe für Unmut und Gesprächsstoff auch bei den Liberalen selbst gesorgt, wobei das Doppelmandat als Kreistagsmitglied dabei nicht förderlich gewesen sei. Dass die Anti-Politikwissenschafts-Argumentation einem pseudoliberal verbildeten kommunalpolitischen Nachwuchshirn entsprang, erklärt schon manches. Wer regieren und nicht soviel nachdenken will, ist dem gegenwärtigen Politikbetrieb im Großen und seiner Partei im Winzigen schon sehr nahe. Ein Kommentator mutmaßte gar, „dass Julian Kirchherr ein Kunstprojekt ist und das Erbe von Heinz Becker, äh Gerd Dudenhöffer, antreten will, in dem er seine Generation überzeichnet.“

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Es lohnt aber trotzdem zu entdecken, was die eine Seite der anderen vorwirft. Florins Kritik an der studentischen Motivation im Allgemeinen und dem Interesse am Fach Politikwissenschaft im speziellen drückt schon die Überschrift aus: „Ihr wollt nicht hören, sondern fühlen“. Nach einigen Seitenhieben gegen „Studieren nach Vorschrift“ (Referate nur für Scheine; nur lesen, was man soll, keine Zeile mehr – ich lasse mal das quantitative Zeitproblem vieler Bachelorstudenten beiseite) oder den Bologna-Prozess, durch den aus ihrem Fach ein „Optionalmodul“ wurde, kommt sie zum Kern. „Politik ist das, was ihr dazu macht, weil es euch persönlich angeht. Ihr seid der Star, nicht der Minister, der EU-Kommissar, nicht einmal die Kanzlerin“ schreibt sie, und „Ihr wollt nicht die Macht verstehen, ihr wollt euch verstanden wissen. Damit seid ihr rebellischer als all die Jugendstudien behaupten, die euch zur unpolitischen Generation erklären.“ Und sie untersetzt ihre Vermutung, dass sich unter der Oberfläche etwas Substanzielles verschoben habe, u.a. mit Sätzen wie „Über Misstrauensvoten, Rücktritte, Skandale und Untersuchungsausschüsse habt ihr mit einer Leidenschaft referiert, als ginge es um den 32. Änderungsantrag der Abwasserverordnung für die ländlichen Gebiete Sachsen-Anhalts.“ Ein Kommentator meinte, dass es von mehr als nur Egozentrik zeugt, „wenn man es gerade noch schafft, sich um die eigene Homöostase zu kümmern und ansonsten das Leben eines Wiederkäuers lebt.“

Ein anderer, und da wurde ich sehr hellhörig, erklärt:

„Was die Frau Florin vermutlich sagen wollte, ist, dass der Politikstudent von heute im Großen und Ganzen ein Weichei ist. Die Dynamik von Macht und Verantwortung und die Chance, damit für die Menschheit einen positiven Beitrag zu leisten, interessiert ihn weniger als die Befriedigung seiner kleinen körperlichen und emotionalen Bedürfnisse. Und es ist noch nicht mal Kritik, sondern einfach nur eine Wiederspiegelung dessen, was die Professorin so erleben muss in ihrem Alltag. Und schaut man heutzutage die Politiker an, was findet man? Weicheier, deren emotionale und körperliche Bedürfnisse an oberster Stelle stehen und die die Politik vorherrschend als Mittel sehen, ihren Lebensunterhalt zu verdienen und soziale Anerkennung zu erfahren.“

Meine Hellhörigkeit rührt daher, dass genau dieses Verantwortungsgefühl, dieses persönliche Verzichtleisten zugunsten von sozialer Verantwortung und Veränderung vor rund 20 Jahren manche DDR-Autoren im neuen Gesamtdeutschland vermissten – H.E. Wenzel etwa hatte damals DDR-rückblickend formuliert „Das Elend einer Proletarierfamilie aus dem 19. Jahrhundert stand ihm näher als die Klagen der Großmutter über fehlende Mandeln für die Weihnachtsstolle“. Und nun (erst) wird genau diese Verantwortung vom deutschen Volk eingefordert! Darüber kann man nun auch lange nachdenken…

Also: starker Tobak. Aber noch stärker ist die Entgegnung, deren Titel „Politikwissenschaft ist Mist“ aus der Feder des Kommunalpolitikers schon Bände spricht. Kirchherr weiß schon zu Beginn, „warum wir nicht leidenschaftlich über die Barschel-Affäre diskutieren und warum uns Endlosgespräche zu Themen wie Macht kalt lassen: Wir wollen in unseren Seminaren endlich etwas Nützliches lernen“ und erklärt sogleich, was er für nützlich hält: „Als ich ein Praktikum beim Umweltprogramm der Vereinten Nationen in Brüssel absolviert habe, sollte ich Förderanträge schreiben, um Mittel des Europäischen Sozialfonds anzuzapfen. Mein Studium hat mich darauf nicht vorbereitet.“ Also geißelt er, der sich nach „Relevanz sehnt“, prompt die Inhalte: „Wir Studenten wollen einen Kurs in Ökonometrie oder Spieltheorie, aber unsere Dozenten bieten uns nur das nächste Seminar zu Adorno. Wir wollen nicht Bundeskanzler in die richtige Reihenfolge bringen, denn die Politikwissenschaft ist kein Geschichtsunterricht. Wir interessieren uns für Mechanismen und Wirkungszusammenhänge: Mit welchen Instrumenten steuere ich den demografischen Wandel?…“ Die Argumentation des Studenten, der das Studium der Politikwissenschaft mindestens mit der Vorbereitung auf eine Politikerkarriere verwechselt und Florin natürlich den universitären „Elfenbeinturm“ vorwirft, gipfelt in der Aussage: „Während Sie beschreiben und beschreiben, wollen wir Studenten erklären und analysieren, um dann Empfehlungen zu erarbeiten und umzusetzen.“ Das muss man erstmal sacken lassen.

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Was hier aufscheint, ist weit mehr als eine Illustration des vor allem pädagogischen Kognitivismus-Konstruktivismus-Streits, in den manche Kommentatoren implizit durch die Entgegensetzung „Universität – Fachhochschule“ eingriffen. Es ist eine mehrfache Kapitulation: die des Denkens vor dem Handeln, die der Bildung vor der Karriere, die des Realismus vor dem Formalismus… Ein Kommentator resigniert bereits: „Das geschilderte Desinteresse ist daher ein unglaubliches Kompliment an alle, die geholfen haben, dieses Deutschland zu einer Normalität werden zu lassen.“ Es sind, denke ich, zwei primäre Problemkreise, die hier zu verhandeln sind. Der erste muss danach fragen, wozu und zu welchem Zwecke man eigentlich studiert. Der zweite, in welchem Verhältnis zueinander Studien- (vielleicht allgemeiner Denk-) und Lebenswelt stehen.

Für Kirchherr ist Studium „ein Mittel zum Zweck. Wir erwarten, dass die Dozenten uns die Werkzeuge an die Hand geben, die wir brauchen…“ und zählt dann als möglichen Wirkungskreis des Gebrauchtwerdens u.a. auch McKinsey auf. Vor allem dies sowie die oben schon erwähnte Werkzeugforderung sorgten für Empörung und Häme. „Das Gejammer des Autors jedenfalls klingt in etwa wie ein Bauingenieur, der sich beschwert, dass man an der Uni nicht mauern lernt“, meint einer, ein anderer „Das ist genau das ingenieurswissenschaftlich-technokratische Politikverständnis: Gebt mir ein Werkzeug und ich richte das schon!“ Vielleicht sollte man adäquat zum Sozialarbeiter- ein Politarbeiterstudium einführen, dann entfällt wenigstens der Grund, das System anzufeinden, weil es sich nicht seinen Vorstellungen beugen will. Aber eigentlich passt Kirchherr perfekt ins Bild einer Generation, die nur noch darauf erpicht ist, möglichst verwertbar für den Markt zu sein. Denken ist verpönt, Zusammenhänge herzustellen ebenfalls, Kritik zu üben erst recht. „Lauter kleine, perfekt ins System passende Lemminge werden da rangezogen“ resümiert ein Kommentator. Ein anderer betont vor allem diesen Aspekt von „Kleinheit“ im, nun ja, sagen wir mal wörtlichen Sinne: „Der Unterschied im (Wunsch-) denken des Autors zu den Denkmustern vieler meiner pubertierenden Hauptschüler ist hier allenfalls graduell. Ganz oben auf der Wunschliste steht auch dort der Spitzenjob, sich im Unterricht für seine Ziele anzustrengen ist oft weniger gefragt.“

Die andere Seite desselben Aspekts ist Kirchherrs Kritik, dass er keine „Formularausfüllvorlesungen“ angeboten bekam. Noch schlimmer: die bisher besuchten Lehrveranstaltungen gaben dem Kommunalpolitiker Kirchherr keine Begründung an die Hand, „wann eine Schule geschlossen, die Sportförderung gestrichen oder die Preise im Schwimmbad erhöht werden müssen“. Abgesehen von Antisozialität der zitierten Sachverhalte (dass er gerade solch regressive herzählt statt progressive, wirft auch ein bezeichnendes Licht auf die liberalen Denkstrukturen des Herrn Stadtrat) – Verantwortungslosigkeit kann deutlicher kaum zu Tage treten: „Was nützt einem das Heranschaffen von Drittmitteln, Förderungen etc., wenn man dann nur das ausführende Organ ist ohne den Einblick in die politischen, gesellschaftlichen Zusammenhänge. Wenn man nicht in der Lage ist, sich eine Meinung zu verschaffen, wo man sich positioniert“ ist als Reaktion zu lesen, oder „Ich tue heute im Beruf ganz viele Dinge, die ich im Studium weder gehört noch gelesen habe. Aber ich habe im Studium gelernt, Probleme zu analysieren und selbständig Lösungen zu finden. Und das ist die wesentliche Erkenntnis aus einem Studium. Und das ging an Ihnen offensichtlich komplett vorbei…“ Seine Meinung zum „Rebellischen“ dieser Studentengeneration packt ein Kommentator in den Satz „Das ist nicht rebellisch… es ist einfach nur pure Egozentrik, die mangelnde Bereitschaft, sich für mehr als nur die Effekte auf das eigene direkte Lebensumfeld zu interessieren.“ Meine Beobachtungen sind nahezu vollständig kongruent. Zum einen muss man in bestimmten Bereichen, die „nur“ bestimmte Spezialisten (drastisch: funktionierende Humanwerkzeuge)  suchen, bereits nachweisen, dass ein Studium tatsächlich dazu befähigt, Arbeitstechniken anzuwenden, sich in Neues einzuarbeiten und für Abseitiges offen und bereit zu sein. Zum andern aber, das halte ich für problematischer, bezeugt Kirchherrs Kritik das Problem heutiger Politik: man mag vielleicht wissen, wie ein Förderantrag so ausgefüllt wird, dass er bewilligt werden muss; wie politische Rituale vonstatten gehen und deren Potentiale für sich genutzt werden können; zugespitzt: dass man weiß, wie man an die Macht kommt. Aber was man dann damit anstellt, wie Anträge und Rituale und Macht genutzt werden, um das Gemeinwesen zu verbessern, voranzubringen…, kurz wie Politik inhaltlich gestaltet wird, davon hat niemand mehr Ahnung und will auch niemand mehr welche haben.

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Bei solcherart Absolventen ist für die Berufspraxis, die politische zumal, Schlimmes zu befürchten. „Es ist der verquere Anwendungs-Fanatismus, der nicht versteht, dass ohne solide theoretische Grundlage Praxis-Fanatiker letztendlich mehr schaden als nützen, weil ihr Aktionismus eben wenig durchdacht ist – sie haben nie gelernt, mal einen Schritt zurück zu machen und sich zu überlegen, ob man wirklich versteht, was man da gerade tut“, so ein wütender Kommentar. Ein anderer insistiert ebenfalls auf die Aktionismus-Vokabel: „Wie oft wurde denn in den letzten Jahren querbeet durch alle Medien und Fachbeiträge kritisiert, dass es zu viel ‚Aktionismus‘ in der Politik gibt? Dass die ‚Macher‘ sich zu selten hinsetzen und sich mal eine Stunde Zeit nehmen, ein Problem grundlegend zu hinterfragen, um aus einer neuen Perspektive vielleicht auf einen ungewöhnlichen Lösungsweg abseits der Lehrbuchbackrezepte zu kommen?“ Und ein dritter schlussfolgert fast zynisch: „Die Verhältnisse werden von ihnen derart hypostasiert und ontologisiert, dass nur noch bleibt, sich innerhalb dieser Verhältnisse zurechtzufinden und erfolgreich zu sein.“

Vor allem der von Florin positiv und von Kirchherr negativ konnotierte Adorno hat es den Kommentatoren angetan: „Später ist doch, wenn der Herr es in verantwortliche Positionen schaffen sollte, noch genug Zeitdruck, jetzt wäre die Zeit zum Reflektieren, zum Diskutieren und – ja, für Theorie, denn ohne Theorie keine Kritik, ohne Kritik keine vernunftgeleitete Praxis, das könnte man bei Adorno lernen. Das dumpfe ‚hab ich kein Bock‘ drauf, das dieser Artikel rhetorisch kaum verbrämt, ist eine universitäre Katastrophe…“ empört sich einer, ein anderer bittet inständig „davon abzulassen, in Ihren Kommentaren hier auf Zeit-Online und auch anderswo noch einmal den Namen Adornos in den Mund zu nehmen. Ich bin mir nämlich ziemlich sicher, dass die Erde auf seinem Grab jetzt schon ganz aufgewühlt ist, weil dieser kluge Mann ob ihrer peinlichen Selbstentlarvung höchstwahrscheinlich bereits rotiert!!!“

Und genau da sind wir exakt beim Verhältnis von Studieren, ja Denken, und (Berufs)Leben angekommen.  Dass ein Studium keine Berufsausbildung, sondern eine Lebenseinstellung ist, ist zwar abgedroschen, aber ebenso richtig wie die Tatsache, dass man nicht Neues aus dem Nichts erschaffen kann, sondern Grundlagen braucht: wer ein Problem nicht versteht, kann es nicht lösen. Kirchherr offenbar schon, weswegen er hier am hitzigsten angegriffen wird: „Alles Sperrige, alles, was zum Denken zwingt, scheint ärgerlich, überflüssig, Zeitverschwendung. Was für eine Verarmung des akademischen Milieus!“ empört sich einer, ein anderer staunt „Seit wann ist Nachdenken ‚Mist‘? Nachdenken, Infrage stellen, Selbstreflexion – all das sind ebenso Grundmotoren von Veränderung und aller Ehren wert.“ Und ein dritter bringt‘s sicher auf den Punkt: „Ich möchte mir nicht ausmalen in welchem Zustand sich unsere Welt befände, wenn sich Marx und Weber mehr für das Ausfüllen von Formularen und die Gründe für Schwimmbadschliessungen interessiert hätten.“ Das scheint im Übrigen eine Universalerfahrung zu sein, denn schon Wilhelm von Humboldt erklärte: „Bildung ist kein Sein, sondern ein Trieb, und zwar nicht im Sinne eines Strebens nach einem vorgegebenen Ziel, sondern im Sinne einer Sehnsucht nach einem unbekannten Ziel.“ Insofern muss Kirchherr trotz seines Abschlusses als ungebildet gelten.

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Martenstein passt in genau diesen Diskurs, aber aus anderer Perspektive:  ihm scheint bei Germanistik-Studenten jedes Grundlagenwissen verschwunden. Er zitiert und kommentiert folgenden Satz einer Seminararbeit des Jahres 2012: „‘Ich glaube das viele menschen gahr nicht Wissen wie schlimm es, um Die Germanistik, Steht und das bei uns Germaitn Vieles verbessert werden, könnte??‘ Am Schlimmsten steht es um die Kommas, um Satzzeichen sowie Groß- und Kleinschreibung. Der Fortbestand der freilebenden sibirischen Tiger ist weniger bedroht als der Fortbestand des korrekt gesetzten deutschen Kommas.“ Entsprechend seine Conclusio:

„Was aber richtig lustig werden wird, hoffentlich erlebe ich das noch: Wenn die heute ausgebildeten Germanisten als Deutschlehrer und Germanistikprofessoren an den Start gehen, Hauptseminar ‚der aufstieg, der Piratenpartei Und die literatur‘. Aber vielleicht sind ja die Unis bis dahin abgeschafft, mit der gleichen Begründung wie die Hauptschulen, der Abschluss bringt bei der Jobsuche irgendwie nichts.“

Was für ein Szenario. Ich möchte es gern steigern. Man stelle sich vor: Florian Kirchherr als Bildungsminister, der ein Fach „Fragebogenkunde“ einführt. Oder noch besser als Professor für  Politikwissenschaft, der in seinen Vorlesungen das Ausfüllen von Fragebögen erklärt… Zu weit hergeholt? Ein Kommentator ätzt: „Es ist nicht schlimm, dass man nichts weiß, aber nichts wissen zu wollen, das schon. Ein Banause und auch noch stolz drauf. Er wird’s vermutlich weit bringen.“

Dem ist nichts hinzuzufügen.

Angesichts der allgegenwärtigen Spargelzeit beschränke ich mich heute mal wieder auf ein rein kulinarisches Highlight und gebe im Folgenden meine Salatkreation mit diesem Gemüse zum Ausprobieren gern weiter. Ich muss gestehen, dass ich mit den weißen Stangen lange nichts anzufangen wusste. Zum einen, da in der DDR weithin unbekannt, nutzte ich sie bis vor ca. fünf Jahren höchst sporadisch und in Konservenform nur für Geflügelragouts, zum anderen habe ich bis heute den Geschmack der Thüringer Rahmschwarzwurzeln im Mund, die meine Oma zauberte und die das Bonmot als „Spargel des kleinen Mannes“ ad absurdum führten: was so gut schmeckt, kann nur eines Königs würdig sein…

Spargel oder Schwarzwurzel...

Leider bekomme ich diesen Kindheitsgeschmack nicht mehr hin. Als Erwachsener gebe ich natürlich dem Edelgemüse den Vorzug: es hat gerade 150 Kalorien pro Kilogramm und enthält dabei Mineralstoffe wie das blutdrucksenkende Kalium, das knochen- und zähneaufbauende Kalzium sowie das energieoptimierende Phosphor. Außerdem regt der verhältnismäßig hohe Stickstoffgehalt die Nierentätigkeit an und führt zur bekannten harntreibenden Wirkung. Im Spargel stecken aber auch  viele lebensnotwendige Vitamine: Vitamin A unterstützt unsere Sehfähigkeit und inaktiviert Sauerstoffradikale, Vitamin E beeinflusst unser Nervensystem und wirkt gegen Radikale bildende Schwermetalle, und Vitamin K ist wichtig fürs Blut und schützt den Organismus vor Pilzkrankheiten. Dass der Puringehalt bei empfindlichen Charakteren zu einem Gichtschub führen kann – bei mir ist diese Nebenwirkung glücklicherweise bislang ausgeblieben.

beide sind wohlschmeckend...

Spargel also: ich fing an, ihn zu Kochschinken zu dünsten, und begann später, mit ihm als Salatgemüse zu experimentieren. Und da gibt er tatsächlich was Feines her!

Die Zutaten

500 gr. weißer Spargel
250 gr. grüner Spargel
7 Cocktailtomaten – alternativ: eine kleine rote Paprika
2 kl. Zwiebeln
1 Knoblauchzehe, eingelegt
1 Ei
2 Mandarinen – alternativ 150 gr. Erdbeeren
150 gr. Kochschinken
2 EL getrocknete Cranberries
1 EL Kapern
1 TL Zitronensaft
1 TL Honig – alternativ 1 TL Ahornsirup
(weißer) Pfeffer, Salz, Schnittlauch
Olivenöl
250 ml Mayonnaise – alternativ 250 ml French Dressing

Schinken schnippeln...

Die Zubereitung:

Den geschälten Spargel und die geschälte Zwiebel in Salzwasser bissfest kochen und dann in mundgerechte Stücke bzw. klein schneiden. Das Ei hart kochen und nach Erkalten klein schneiden; die zweite Zwiebel kleingeschnitten in Olivenöl bräunen. Die Mandarinen schälen, entkernen, filetieren und je nach Größe halbieren (oder die Erdbeeren vierteln). Den Kochschinken klein schneiden. Alle geschnippelten Zutaten in eine Schüssel geben, die gehackte Knoblauchzehe, die Kapern und die Cranberries unterheben und alles erstmals vermischen.

Jetzt (wenn nicht die klein geschnippelte Paprika verwendet) die Cocktailtomaten vierteln, über der Schnippelei verteilen und mit Salz und Pfeffer so tun, als ob die Tomaten gewürzt werden sollten. Wieder mischen.

Jetzt das Dressing entscheiden: im „French“-Fall entfallen Honig bzw. Sirup/im Mayo-Fall der Zitronensaft; aber beide Varianten haben etwas Eigenes. Nach dem Dressieren wieder mischen, mit dem Schnittlauch bestreuen und kalt stellen, am besten 24 Stunden. Aufgrund der Konsistenz vieler Zutaten wässert der Salat nach: entweder ignorieren oder abschöpfen.

ungekühltes Rohstadium

Dazu eine gebutterte Ciabatta, und die Welt ist in Ordnung 😉

Ich hätte es ahnen können… Natürlich ist es, wieder mal, ein Tod, der mich nachdenken lässt. Der Tod von einem, den ich einfach vergessen hatte. Klar, dass er das nicht wollte. Klar, es ist ihm gelungen.

Ich habe Heinz Kahlau nie persönlich getroffen. Sein Leben vor allem bis Mitte der sechziger Jahre gab dazu auch nicht unbedingt Anlass: Stasi-IM, Mauerbau bejaht… Aber: der Mann war ein Dichter im „Disneyland der Paranoia“  (Chris Lunch), oder eher „Neverland der Leichtigkeit“. Ein Dichter im besten Wortsinn, mit über 20 Bänden Lyrik.

Heinz Kahlau- Quelle: http://www.lesarten-weimar.de/uploads/tx_cal/pics/kahlau_heinz.jpg

Und: er war Texter. Wohl kaum gab es Dichter in der DDR, die nicht auch – gewollt oder ungewollt – für Rockgruppen schrieben. War es der Potenzierungswunsch von Wirkung? Viele davon sind heute unaufgearbeitet. Kurt Demmler († 2009) etwa, der ca. 10 000 Texte (manchmal drei täglich) für fast alles geliefert haben soll, was in der DDR ein Instrument in der Hand halten konnte; der mit den „Liedern des kleinen Prinzen“ eine der besten deutschsprachigen Platten aller Zeiten machte und – der mit unausgeräumter Pädophilen-Anklage im Gefängnis Selbstmord beging. Andere, ebenso unaufgearbeitete, teils noch lebende, sind auch noch, aber anders präsent: die leise Hildegard Maria Rauchfuß († 2000), die die Vorlage für „Am Fenster“ (City) lieferte, der intellektuelle Werner Karma, ohne den Silly einst und jetzt nicht denkbar ist, oder die geltungsstrebige Gisela Steineckert, die mit „Als ich fortging“ (Karussell/Dirk Michaelis) das Liebeslied in der DDR und zugleich das Wendelied der DDR schrieb.

Als ich fortging

Und Heinz Kahlau. Ich musste gestern, als Hans-Eckardt Wenzel bei FB die traurige Nachricht postete, sofort an Bayon denken. Nicht nur, dass diese deutsch-thailändische Gruppe aus Weimar so ziemlich das Exotischste bot, was sich der DDR-Rock leistete (und was als Musik letztlich auch im Oscar-prämierten „Das Leben der Anderen“ einfloss), nein, sie bot auch lyrische Lieder, die man einfach nur anhören und sich dabei wegträumen konnte. Und eins davon war ein „Kahlau“:

VERMISCHUNGEN (1977)

Da sind sie aufeinander zu gekommen,

wie Meer und Himmel, die der Sturmwind jagt.

In ihrer Brandung sind sie hingeschwommen

und haben nicht nach Ort und Zeit gefragt.

Sie waren ganz in ihrem Kuss vergangen,

so, dass der eine auch der andere war.

Sie war in ihm und er in ihr gefangen.

Sie wurden eine Haut, ein Herz, ein Haar.

Dort, wo sich Meer und Himmel immer finden,

ist die Vermischung laut und voll Gewalt.

Doch in den höchsten Höhen, tiefsten Gründen,

sind Meer und Himmel weiter still und kalt.

Schlicht. Romantisch. Berührend. Heute dagegen… wem fällt en passant der Name eines reflektierten deutschsprachigen – und wirkungsmächtigen Texters ein? Grönemeyer, ok, Judith Holofernes, ok, Maffay mit Abstrichen… und dann? Es ist Beliebigkeit für mich; einerlei, ob Zweiraumwohnung, Peter Fox, Fanta 4… es bleibt alles Ufer und wird nicht mehr.

Er textete nicht so viel weiter, der Heinz Kahlau, Bayon natürlich, Karat, Übersetzungen von Bergendy…  Aber es war ein Zauber um diese Texte, seine, und die der anderen. Sie waren echt. Tief. Authentisch. Sie waren manchmal auch herausfordernd, metapherndurchströmt, zensurantizipierend. Trotzdem: sie waren Verweigerungs-, Sehnsuchtsräume, die beim Suchen, Finden, Überstehen halfen. Die heute noch mein Herz umschmeicheln, trösten, von Heimat künden. Aber sie werden halt immer weniger, die Künder…

Weißt du?

Weißt du, dass Pfirsichblüten

innen traurig sind?

Sie haben nämlich in der Nacht

geweint,

weil sie so Sehnsucht hatten

nach dem Wind

und nach der Sonne,

die doch nachts nicht scheint.

Weißt du,

dass so auch deine Augen sind?

Ich hab dich sehr gern gelesen. Und gehört. Du hast mir geholfen. RIP.

Nach Urlaub und Ankunft im neuen Jahr besteht an diversen politischen Wirrnis-Themen kein Mangel. Das beginnt nicht erst bei bundespräsidialem Gefälligkeitsregieren und endet auch nicht bei verfassungszerschützendem Abgeordnetenwatch (Dschungelcamp, FDP-Postengeschacher oder Menschenrecht auf Rendite fallen da laut Nachrichtenwerttheorie schon durch). In mir hat sich seit dieser Woche aber etwas anderes als Ärgernis breitgemacht. Etwas, das zugegebenermaßen unter dem Aspekt von „political correctness“ nicht ganz einfach zu diskutieren ist. Vielleicht bin ich da besonders hellsichtig, was bestimmt Entwicklungen angeht – aber ich empfinde da einen gefährlichen Trend.

Was ist gemeint? Jenes Phänomen namens „Leichte Sprache“. Es geht zurück auf ein 2006 gegründetes Netzwerk, dem u.a. die Bundesvereinigung Lebenshilfe oder die AWO angehören. In ihrem Selbstverständnis ist Leichte Sprache eine „besonders leicht verständliche sprachliche Ausdrucksweise“, die „vor allem Menschen mit geringen sprachlichen Fähigkeiten das Verständnis von Texten erleichtern“ soll und „damit eine Form der Barrierefreiheit“ darstellt. Laut Internetpräsenz ist Leichte Sprache „besonders wichtig für Menschen mit Lernschwierigkeiten“, aber auch gut für alle anderen Menschen, etwa „Für Menschen, die nicht so gut lesen können. Für Menschen, die nicht so gut Deutsch können.“

So weit so gut. Oder so schlecht? Dass man dem Volk aufs Maul schauen solle (Luther), dass Sätze gut seien, wenn sie in der Bibel, bei Brecht und in der Bild stünden (Schneider), dass… derlei Verdikte gibt es viele. Das primäre Problem, für Menschen mit Lern-, Sprach- oder sonstigen kommunikativen Handicaps soziale Teilhabe zu bieten, und das sekundäre, Beamtendeutsch, Fachchinesisch oder Marketingdenglisch einzudämmen, finde ich durchaus zur Lösung anstehend.

Quelle: http://www.friedenspaedagogik.de/var/corporate/storage/images/service/karikatur_der_woche/2006/die_schule_im_land_der_dichter_und_denker/1676-1-ger-DE/die_schule_im_land_der_dichter_und_denker.jpg

Aber wo heute Probleme zur Lösung anstehen, werden sie meist durch andere ersetzt: Emergenz ist ein wesentlicher Aspekt postmoderner Systemtheorie. Und eins dieser neuen Probleme tut sich für mich auf bei der Drucksache 17/8485 – einem SPD-Bundestagsantrag vom 24. 01. 2012.

Der Antrag selbst – es geht um „Kultur für alle – Für einen gleichberechtigten Zugang von Menschen mit Behinderung zu Kultur, Information und Kommunikation“ – soll hier nicht diskutiert werden. Wohl aber, dass nach den 5 Seiten sich 27 (!) weitere anschließen, in denen dieser Antrag in Leichter Sprache abgefasst ist. Dabei sind u.a. Sätze zu lesen sowie Bilder zu sehen wie diese:

Wo soll das nun hinführen? Was heute als gutgemeinte Erleichterung für die Teilhabe von Menschen mit kognitiven Handicaps gedacht ist – wird morgen zum Standard für die Teilhabenden an der Bildungsmisere, die für die Aufnahme anspruchsvoller, komplexer „Infos“ nicht mehr befähigt sind? Welche parallelen Sprach- und Bildungswelten werden hier zementiert? Wo liegt die Grenze zwischen Handicap und Faulheit bzw. Lernunwilligkeit? Was hier aufscheint, untersetzt einmal mehr jenen „Kulturkampf“, den schon Schiller in seiner „Schaubühnenschrift“ auf den Punkt brachte: begibt man sich auf die Ebene seiner Konsumenten herab, um deren Geschmack zu bedienen; oder versucht man umgekehrt, sie auf seine zu heben? Für mich ist dieser Antrag, so sehr er vielleicht von Behindertenverbänden gefeiert wird, ein weiterer gefährlicher Schritt hin zu einer Bildungsbequemlichkeit, die Wissens- und Kompetenzunterschiede nicht beseitigen will, sondern auf anderem Niveau nur befestigt.

Es waren keine guten Tage, die letzten; Vaclav Havels Gehen beendet sie jetzt hoffentlich. „Wie sind wir so geworden, wie wir heute sind? Eine der Antworten wäre eine Liste mit Buchtiteln“, fragt und antwortet die Autorin der „Kindheitsmuster“ in denselben. Stimmt. Eine andere wäre eine Liste mit Filmen. Mir ist, als hätte ohne Ablösung in Sichtweite eine gleich zweifache Schildwacht für mich und meine Generation den Posten verlassen. Denn zwei, die meine Listen maßgeblich prägten, sind nicht mehr.

Der eine prägte meine Kindheit: Zdenek Miler. Oder besser: sein Maulwurf (denn von wem er gezeichnet war, erfuhr ich viel später). Der erste Film – jene legendäre maulwürfische Hosenproduktion mit dem Krebs als Zuschneider – lief, wie die meisten anderen danach auch, Sonntagnachmittag als „Abenteuer im Märchenland“, mit Meister Nadelöhr, Pitti und Schnatterinchen. Drei Dinge waren es, die mich faszinierten: die großen Hosentaschen (Schatzkammern auch meiner Kindheit), die großen Augen samt dem O-Mund (so staune ich auch immer, noch jetzt) und die vielen Tierfreunde, denen er ebenso half wie sie ihm. Rakete, Schneemann, Großstadt… – der Maulwurf erinnert mich bis heute daran, dass unser Wissen mit unserer Sehnsucht nie übereinstimmt. Diese Projektion machte ihn so liebenswert – er erlebte jene Realität, aus der ich nie wegwollte.

Der Meister und seine Schöpfung. Quelle: http://www.welt.de/multimedia/archive/01518/ak_maulwurf_DW_Bay_1518281p.jpg

Die andere – eben Christa Wolf – prägte mich vor allem als Germanistik-Student, aber eigentlich bis heute… Ingeborg Harms hat in ihrem Nachruf – unbewusst – das Gespinst benannt, das für mich zwischen Wolf und Miller besteht: „Literatur war für sie der Passierschein in eine Möglichkeitswelt: Christa Wolf suchte zeitlebens den Anschluss an das, was sie für wahr hielt.“ Mit ihr verschwindet eine Welt: die, in der Bücher noch etwas galten. Die, in der Autoren ihren Lesern mehr waren als nur Verfasser von Texten. Und die, in der deren Figuren weniger durch ihr Aussehen, ihre Hobbys, ihren Tonfall bedeutsam wurden. Es war nicht wichtig, wie eine Figur etwas sagte, sondern was sie sagte, las ich jüngst. Es war nicht wichtig, wer es sagte, sondern dass es gesagt wurde.

Noch einmal blättern in ihren Büchern, die ich „verzierte“ mit vielen kleinen Eselsohren, Anmerkungen, Unterstreichungen; die Passagen abrufen, die ich auswendig wusste, weil sie einen Weg wiesen, wie – wenn auch mühsam – entfremdeten Verhältnissen Sinn abzuringen ist; die Bilder, mit denen ich mir und anderen Mut machte – selbst wenn wir von Sinn- und Mutlosigkeit sprachen. Es sind diese Fetzen, die Herkunft und Hoffnung des einen kriegsgeborenen Halbdeutschland erfahrbarer werden ließen als aller Unterricht. Weil, wie Arno Widmann treffend formulierte, die Wahrheit nicht etwas ist, was wir irgendwo abholen und vertreten können, sondern dass etwas durch uns hindurch gegangen sein muss, um wahr zu sein.

Der emotionalste und zugleich profundeste Nachruf stammt aus der Feder einer Kritikerin, von der ich ihn am wenigsten erwartete: Iris Radisch. „Aber im Grunde hat sie alles, die Politik, die DDR, das Leben, romantisch gesehen“, schrieb sie in der ZEIT. Ja, das war einer ihrer Grundzüge beim „Sich-Heranarbeiten an die innere Grenzlinie“, wie Wolf ihr Schreiben nannte. Eine romantisch erweiterte Politikauffassung, die das Persönliche öffentlich und das Öffentliche persönlich verstehen möchte. Die Aufklärerin Christa Wolf war eine deutsche Romantikerin in dem Sinn, dass sie im irreparablen Dissens zum Status quo der Welt wohnte. Ihr Hauptthema war das Leiden an einer Gesellschaft, die weit hinter den Entwürfen einer besseren Welt zurückbleibt.  „Freitag“-Herausgeberin Daniela Dahn (die mit ihrem „Coitus interruptus“ das für mich immer noch gültigste Bild der Wiedervereinigung entwarf) brachte es auf den Punkt: „Stellvertretend für viele in Ost und auch in West, die an der Utopie einer gerechten Gesellschaft festhielten, bleibt Christa Wolf auch im vereinten Land Dissidentin.“ „Ich habe dieses Land geliebt“, schrieb Wolf 1993 an Günter Grass. „Dass es am Ende war, wusste ich, weil es die besten Leute nicht mehr integrieren konnte, weil es Menschenopfer forderte.“ Das mag man sich heute öfter durch den Kopf gehen lassen…

Der zweite Grundzug, untrennbar mit dem ersten verwoben: ihre Sprache, die fast unisono von allen Porträtierenden und Erinnernden gewürdigt wird. Radisch spricht von einer unverwechselbaren Stimme, einem in die Magengrube fahrenden, immer ein bisschen wehen Moll-Ton. Und Christoph Dieckmann gar von einem Christa-Wolf-Sound: „…dieser grübelnde, rauschende Bewusstseinsstrom der Selbst- und Welterkundung…“ Ihr Schreiben war kein Behaupten, sondern ein Suchen, Fragen, Sichvorantasten im scheinbar Ungewissen. Oder zumindest die authentische Inszenierung einer solchen bedingungslosen Offenheit, wie Radisch mutmasst. Ein so dichtes, dabei rhythmisches Schreiben, das andere Prosa einfach nur platt wirken lässt, hat auch etwas Sperriges: der Leser wird gezwungen, genau zu lesen. Sich einzulassen auf den Gedanken- und Gefühlskosmos, in den er da eintaucht. Dieser Moll-Ton übrigens, dieser „keusche pfarrhäusliche Sehnsuchtston“ (Radisch) verweist auf einen sekundären Aspekt nicht nur ihres Schreibens. Das Bewusstsein, aus vielerlei Mangelerfahrung heraus sich zu artikulieren, kann Sperriges auch schmerzen lassen. „Preußisch dosiert und beherrscht, durchwaltet Christa Wolfs Werk ein schmerzlich sentimentalischer Zug. Ohne ihn ist keine Liebe, doch er muss erlitten werden, sonst würde er Kitsch“, meint Dieckmann. Wolf selbst spricht von einem „nie sich abnutzenden Schuldgefühl, das uns, die wir den Mangel kennen, einen jeden Genuss durchdringt und erhöht.“ Hans-Eckart Wenzel behauptet gar, sie akzeptiere „eine Unfreiheit im weitesten Sinne, weil sie ihre Verankerungen in die Welt nicht kappte. Um keiner Mode, um keiner Macht willen.“ Vielleicht sind es aber solche Mangel- und Unfreiheitserfahrungen, dieses Wissen um die Einmaligkeit jedweden Genusses, die in einer Welt, in der alles „gleichgültig, weil gleich gültig“ sei (Peter Turrini), jene Art von Reflexivität zeitigt, die heutigen kurzlebigen Erfolgsautoren, und nicht nur ihnen, völlig abgeht.

Cnrista Wolf auf der Leipziger Buchmesse 2004. Foto: Peter Endig. Quelle: http://www.lima.diplo.de/contentblob/2192878/Galeriebild_gross/356378/Christa_Wolf_2.jpg

Der dritte Grundzug ist kein textimmanenter, sondern hat etwas mit Christa Wolfs vor allem rechtselbischer Rezeption zu tun. Als „transzendierende Lebensmitschrift“ sah Radisch die Texte, die in diesem „Zustand zwischen Hoffnung und Hoffnungslosigkeit“ balancierten, ein Jahrhundertgefühl von transzendentaler Obdachlosigkeit trafen. Wer schon 1979 „Kein Ort. Nirgends“ titelte und darin Sätze schrieb wie „Wo du nicht bist, da ist das Glück“, konnte Unbehaustheit knapper nicht artikulieren. Woran noch glauben? Woraufhin leben? Viele DDR-Leser projizierten in Christa Wolfs Werk und ihre Persönlichkeit einen Mut, den sie sich erhofften und oft selbst nicht aufbrachten: die Erde bewohnbarer zu machen. Ich stimme Radisch völlig zu, die meint: „Moderne Literatur sorgt sich um den Einzelnen, mit dessen Einsamkeit sie sich abgefunden hat; die Literatur, für die Christa Wolf zu Recht berühmt ist, sehnt sich nach der Überwindung seiner Einsamkeit. Sie hat, ob es gefällt oder nicht, eine höhere Herzfrequenz und einen weiteren Horizont.“ Ähnlich Dieckmann: „Der verunfallte Staat wurde zum menschlichen Kontinent. Global war auch Christa Wolfs moralischer Horizont, ihr universales Fragen.“ Nebenbei: Dieckmann (der für die ZEIT schreibt) erklärte, und ich reihe mich da gern mit ein:

„Diese Unterscheidung von Historie und Einzelgeschick wurde mir zur goldenen Regel des Reporterberufs: Vermittle zwischen Großgeschichte und Biografie. Füge beiden das wechselseitig Fehlende hinzu. Lass die Spannungen gelten. In den Brüchen nisten die Geschichten.“

Aber genau diese ungebundenen Horizonte scheinen heute angesichts televisionärer Krawallformate, historischer Unbildung und realpolitischer Simplifizierungsdramaturgie ein Problem zu sein, anders sind dummdreiste Erbärmlichkeiten wie dieser Leserkommentar in der  „Welt“ kaum erklärbar: „Die Frau hat drei Jahre für die Stasi gearbeitet. Eine Stunde ist schon ein Verbrechen an seinen Mitbürgern. Die Bücher, welche grösstenteils von Ex-Stasileuten und Parteigenossen gekauft wurden, sind hohles Geschwurbel und man darf fragen, was darin intellektuell oder nur lesenswert ist.“ Dass Nobelpreisträger Günter Grass in einer leidenschaftlichen Rede inzwischen eine Entschuldigung von Wolfs westdeutschen Kritikern gefordert und führenden deutschen Zeitungen vorgeworfen hat, nach dem Fall der Mauer eine „öffentliche Hinrichtung“ an der Autorin zelebriert zu haben, nehmen solche Kleingeister offenbar gar nicht wahr. Und erinnern wir uns: als Ernst Jünger („In Stahlgewittern“) starb, waren neben dem damaligen MP Erwin Teufel auch Regierungsvertreter und fünf Bundeswehrgeneräle bei der Beisetzung dabei.  Hier waren es nur Ost-Politiker und gesamtdeutsche Kollegen. Vielleicht sollte man die Horizontfrage weiter fassen…

Trauerzug in Berlin. Quelle: http://www.bz-berlin.de/multimedia/archive/00334/christa-wolf3_3346516.jpg

„DDR-Literatur muss auch ohne DDR funktionieren, sonst ist sie keine Literatur“, postulierte Evelyn Finger, noch drastischer Egon Bahr: „Die Spaltung darf nicht über den Tod hinausreichen.“ Für mich gehören vor allem zwei Texte zum Besten, was deutsche Literatur (nicht DDR-Literatur) nach 1945 hervorbrachte. Neben der schon genannten romantischen Novelle „Kein Ort. Nirgends“ ist es ein Prosastück, das Wolf parallel dazu begann, aber erst „in der Windstille zwischen zwei Epochen“ 1989 freigab: „Sommerstück“ (Fritz J. Raddatz forderte damals in der ZEIT den Nobelpreis für die Autorin, den sie – nach Hertha Müllers Ehrung – absehbar nicht mehr erhalten würde).

Original der Erstausgabe, Aufbau-Verlag Berlin 1989

Eine faszinierende Endzeitnovelle, ein Abschiedsspiel mit autobiographischen Zügen, eine Midlife-Party der verlorenen Träume. Porträtiert werden anspruchsvolle Selbstverwirklicher, die einst dachten, ihnen stünde mehr Welt als je zuvor offen, und nun desillusioniert an ihren verbliebenen Sehnsüchten laborieren. Die entscheidenden Sätze sind bis heute:

„Ganz deutlich, bedrängend sogar, spürten sie doch bei aller Lebensfülle einen Vorrat in sich, der niemals angefordert wurde, ein Zuviel an Fähigkeiten und Eigenschaften, die sie für nützlich und brauchbar hielten, die eine Vergangenheit und, so hofften sie immer noch, eine Zukunft hatten, aber keine Gegenwart. Was eine Zeiterscheinung war, bezogen sie noch auf sich. Sie waren es, die nicht gebraucht wurden.“

Wir – ein gutes Dutzend Magdeburger Germanistikabsolventen mit Kind und Kegel –  lasen uns während des Augusts 1989 wechselseitig daraus vor. Das Diplom lag ein Jahr zurück; eigentlich hätten wir angekommen sein müssen, uns gebraucht fühlen (dass wir Monate danach nochmals aufbrechen sollten, nahmen wir in dieser Schärfe noch nicht wahr). Wir hatten unser Sommercamp in der tiefsten Thüringer Rhön bezogen, lebten wie eine insuläre Gemeinschaft und wollten gegen die ungelebten Träume anleben: indem wir Wolfs Idee vom „Malvenfest“ nachspielten. Es war alles da: Männer und Frauen, Brot und Wein, Grillen und Mond. Aber es steht bis heute aus, das Fest. Die Malven, nur die Malven, die haben wir nicht gefunden am Weg.

Malven. Quelle: http://img.fotocommunity.com/fc-Monatsthema/6-Juni-Blueten/Malven-Blueten-a21452672.jpg

Langsam schieße ich mich auf die „Welt“ ein. Aber das Blatt fährt gegenwärtig auch eine derart unglückliche Linie bei der Auswahl der Gastkommentatoren, dass außer erbostem Wundern nicht viel sonst zur Alternative steht. Diese Woche also meinte ein „Unternehmer und Kommunikationsberater“, dass Deutschland zur „Blockflötendemokratie“ mutiere, die von Wendehälsen dominiert würde, „egal, welche Partei federführend ist.“ Daraus ergäbe sich die Notwendigkeit, „ein klares Programm“ entgegenzusetzen. Ach ja, und die Kommentarfunktion ist natürlich wieder geschlossen.

Das gegenwärtige Bundestags-Parteienunwesen als „formal aufgespaltene Einheitspartei“ zu analysieren, halte ich mit Ausnahme der Linken sogar für zutreffend. Aber schon bei den nächsten Sätzen fühle ich mich düpiert. Dass die „Metastudie der amerikanischen Arbeitsmarktforscher David Neumark und William L. Wascher“ mitnichten zu dem Ergebnis kam, „dass ein Mindestlohn unqualifizierte Arbeitskräfte, die bisher noch Anstellung finden, rigoros vom Markt verdrängen würde“, wurde in den Kommentaren ausgiebig widerlegt. Dass Positionen, die bisher nur in der SPD denkbar waren, in der CDU über Nacht mehrheitsfähig werden, ist (einzig) der Logik der Macht geschuldet: allein scheint derzeit nichts als die Flucht nach links zu bleiben, wollen sie bei der nächsten Wahl nicht marginalisiert werden. Das erkennt der Autor übrigens selbst: „Man hört zu, welche Melodien auf der Straße gepfiffen werden, und spielt diese dann nach, so schief sie klingen mögen. Was von Politik bleibt ist der Wille zur Macht, oder präziser: Der Wille an der Macht zu bleiben.“ Genau. Aber: „Die Bevölkerung fühlt diffus links, und denkt diffus Grün.“  Hier liegt der Hase im Pfeffer (dass der Schreiber ein Liberaler ist – geschenkt)!!!

Links jedoch ist der Platz (noch) besetzt. Welche Alternativen bleiben? Keine. Die inzwischen machtversessenen, aber Wowereit zürnenden Grünen, mit denen es nach Berlin und Stuttgart 21 ähnlich abwärts geht wie seit langem mit den Liberalen, kuscheln mit der CDU, um wenigstens ansatzweise ihre Macht zu erhalten.  Andernfalls laufen ihnen die „Jungen“ davon und entern die Piraten. Und die? Ich wünsche mir, dass die Piraten professioneller werden, und fürchte mich zugleich davor. Wieviel Schizophrenie kann ein Deutscher ertragen? Mit dem bedingungslosen Grundeinkommen haben sie auf dem Bundesparteitag eine akzeptable, mit der Drogenfreigabe eine unsinnige Duftmarke gesetzt. Nebenbei: dass prompt schon Vokabeln wie „phantasielose Umverteilungspartei“ die Runde machen, zeugt von der Phantasielosigkeit der Urheber.

Weiter. „Um nominell für Gerechtigkeit zu einzustehen, nimmt man in Kauf, dass Arbeiten, die bisher in Deutschland von niedrig qualifizierten erledigt wurden, ganz ins Ausland abwandern.“ Aha. Ich transportiere also das Fenster, das ich geputzt haben möchte, nach Polen, wo ich keinen Fensterputzer mehr finde, da diese alle nach GB ausgewandert sind? Geht’s noch, „Welt“, das habt ihr selbst erst kürzlich ad absurdum geführt? Volksvertreter bewegen sich in relativer Autonomie vom spontanen Volkswillen, auch „einen Fraktionszwang gibt es nicht“. Wo lebt dieser Mensch?

„Eine Regierung, die sich stets dem populistischen Volkswillen beugt, öffnet einem Totalitarismus des herrschenden Meinens Tür und Tor.“ Ah, jetzt kommen wir dahin, wo wir hin müssen! „Der römische Philosoph Seneca sagte schon vor knapp 2000 Jahren: „Man sollte sein Streben danach ausrichten, was das beste Handlungsziel ist und nicht nach dem, was allgemein üblich ist. Die Masse war schon immer der schlechteste Übersetzer der Wahrheit“. Und damit hat er Recht.“ Natürlich hat er das! Aber an welchem Denkfehler liegt das? Masse (Populismus) und Wahrheit sind zwei unterschiedliche Dinge. Und genau hier liegt das derzeitige Problem aller westeuropäischen Demokratien. Warum sollte das Empfinden der Vielen über das Tun der Wenigen schlecht sein? Wie können sich die Wenigen anmaßen, ein Handlungsziel zu verfolgen, dass die Vielen benachteiligt? Oder treffender: was für ein Handlungsziel außer der Sicherung ihrer Pfründe haben diese Wenigen eigentlich? Was sollten sie aber auch für eins haben, da sie als Listenluschen nichts weiter können als verzweifelt den Status Quo zu sichern – denn „mehr“ können sie nicht! Die Blockflötendemokratie ist Ausdruck der geistigen Auszehrung unserer Gesellschaft. Weil wir eine zusehende Gesellschaft geworden sind, haben wir viel an kritischem, machendem Geist eingebüßt. Und gerade Funktionseliten wie  Parteimanager sehen in gebildeten Zeitgenossen eher eine Gefahr – die stromlinienförmige Politkarriere ist die Regel geworden.

Was wäre also zu tun? Politiker und Parteien hätten sich darauf zu besinnen, dass sie die Repräsentanten, nicht die Verkörperung des Volkswillens sind. „Wer versucht, für alle zu sprechen, wird am Ende alle gängeln.“ Eben nicht. Wer versucht, für die Mehrheit zu sprechen, muss die Minderheit gängeln – das trifft es! Und diese Gängelung in Form von Mindestlohn sowie Reichen- und Erbschaftssteuer ist überfällig! Wenn im Mittelpunkt nicht mehr die Entfaltung jedes Einzelnen steht, so lange er der Freiheit niemandes anderem dabei Schaden zufügt, sondern die Entfaltung von Strukturen, die der Freiheit aller Schaden zufügen, dann muss eingegriffen werden. Wer nicht mehr arbeitet, sondern nur noch sein Geld arbeiten lässt, musst wieder lernen, wie er Geld erhält – von verdienen kann in diesem Land schon lange niemand mehr sprechen.

„Das allgemeine Wahlsystem in einem gleichgültigen Land läuft immer darauf hinaus, die Macht in die Hände deklassierter Schwätzer zu legen“, wusste schon Hippolyte Taine (französischer Historiker und Philosoph, 1828 – 1893). Musss man da noch mehr sagen?

Nach einigen stressigen Tagen und Erlebnissen, die (noch) nicht nach Entäußerung drängten, las ich diese Woche einen Artikel, der zu vielerlei Reaktion provoziert. Mich bspw. wieder einmal zum Reflektieren.

Vorab – schon die Formalia der Publikation sind einigermaßen dubios. Ich konstatiere sie hier nur, recherchieren und werten können sie andere: Bürgerrechtlerin Freya Klier – mit der ich, ehrlich gesagt, bis heute wenig anfangen kann – hat auf Welt online einen kruden Artikel publiziert, der in 2 Fassungen vorliegt: einer stark und polarisierend kommentierten vom 21.11. und einer wenig kommentierten, dafür verlinkten vom 22.11. Für beide ist die Kommentarfunktion geschlossen.

Die Quintessenz des Artikels lautet: „Die DDR-Bürger misstrauten Normabweichungen. Und die SED bereitete den Nährboden für Rassismus und Ausländerfeindlichkeit.“ Das ist nun weder eine nobelpreiswürdige Erkenntnis noch in dieser Pauschalisierung gerechtfertigt, aber abgesehen von der Unschärfe des Nomens „Norm“ kann (soll / muss?) man das mal als Diskussionsgrundlage nehmen – die braune Schmäh aus Sachsen drängt nach Erklärung, nach Hintergrund.  Das nichtsächsische Problem dabei: Klier mischt verschiedene soziale, ideologische und ökonomische Sachverhalte so holzhämmernd persuasiv, dass die Wahrheit auf der Strecke bleibt und ich mich nach der Lektüre zunächst fragte, ob ich in demselben Land groß wurde wie sie oder ob sie in einer Parallelwelt lebte.

An den Kommentaren unter der ersten Essayfassung wird deutlich, dass viele ihrer faktischen Aussagen (Absonderung, Sprachlernverbot, Abtreibungszwang…) schlicht gelogen sind. Und perspektivenabhängig könnte man auch meinen, dass Vietnamesen und Mosambikaner hier lernen konnten und sollten, um später die fachliche und intellektuelle Basis ihrer Heimatländer zu stärken. Aber darum soll es mir gar nicht gehen. Ich störe mich vor allem an dem konstruierten Zusammenhang, wonach „den Linken“ Menschenleben nur dann wichtig seien, „wenn sie sich politisch instrumentalisieren lassen“; und der Behauptung, dass das ausländerfeindliche Klima in den neuen Ländern dem „jahrzehntelangen Aderlass glaubwürdiger und bitter notwendiger Autoritäten“ geschuldet sei, da sich „unter den drei Millionen (in die BRD, TH) vergraulten DDR-Bürgern fast unsere gesamte kritische Intelligenz befand. Hier sind Generationen abgetragen worden.“

Ja, Freya Klier, es sind Generationen abgetragen worden. Aber weit mehr als die 3 Millionen mehr oder weniger autoritärer Anti-Autoritäten sind es die DDR-Generationen, die mit jenem Gedanken aufwuchsen, der auch heute wieder Mode ist: Leistung bestimmt über den Platz in der Gesellschaft. Und genau das hat sich seit der Deutschen Einheit ins Gegenteil verkehrt, denn: Leistungen zu erbringen, in einem und für ein Gemeinwesen tätig zu sein setzt voraus, dass man sie erbringen kann; dass Leistung gewollt und entsprechend honoriert wird. Beides ist seitdem nicht mehr der Fall.

Uwe Hassbecker hat das in die erschreckend-bezeichnende Metapher gebracht „…so richtig wollen sie uns nicht an ihrem Tisch Platz nehmen lassen…“ In meinem Post dazu hatte ich das ergänzt: sie wollen Platz nehmen, aber dürfen es nicht. Sie wollen gut sein und brauchen es nicht. Sie wollen wirken und werden abgewürgt. Und hier liegt das Problem, das der Begriff „strukturelle Gewalt“ auf den Punkt bringt. Seit Kafka ahnen wir, wie sich das anfühlt. Aber seit der Einheit erleben wir es: der Ossi ist Ausländer in Deutschland.

Ein simples Beispiel: Wenn ein studierter Volkswirt mit griechischen Wurzeln wie Apostolos Tsalastras mit dem entsprechenden Parteibuch Finanzdezernent wird, kann man 2011 darüber parteipolitisch lamentieren oder euromüde lästern – keinesfalls aber sich an der Unkenntnis des Kandidaten stören. Aber wenn jemand wie ich – 46, zwei akademische Grade, 15 Jahre Berufserfahrung in –zig Funktionen, über 20 Semester Lehrerfahrung an Hochschulen…- im Sommer 2008 in der Dresdner Arbeitsagentur vorstellig werden muss und von einem blonden, wolgadeutschen Herzchen von Ende 20 „fallgemanaged“werden sollte, das die Sprache, in der ich promoviert habe, noch mal nicht fehlerfrei beherrschte, vom Beherrschen des ihr zur Verfügung stehenden Instrumentariums gleich ganz zu schweigen… dann ist das Leistungsprinzip pervertiert, dann liegt ein prinzipieller Systemfehler vor, den Klier zu erkennen offenbar ebenso unfähig wie unwillig ist.  

Die Kehrseite dieses Systemfehlers ist die Instrumentalisierung – nein, nicht durch die Linken, sondern die dilettierende Berliner Koalition. Neben den Zumutungen für Ein-Euro-Jobber denke ich vor allem an die „Bufdis“.

Werbeplakat der Bundesregierung 2011

Unter dem bezeichnenden Slogan „Nichts erfüllt mehr, als gebraucht zu werden“ wirbt Kristina Schröders Ministerium um Freiwillige jeden (!) Alters, die für höchstens 330,- Euro Taschengeld Leistungen erbringen sollen wie „mit Kindern spielen, Biotope pflegen, Seniorinnen und Senioren aus der Zeitung vorlesen, Bioäpfel verkaufen oder Schülerinnen und Schüler durchs Theater führen…“ – Leistungen also, die normalerweise von Erziehern, Gärtnern, Altenpflegern, Verkäufern oder Theaterpädagogen geleistet werden. Was für ein Hohn! Man stelle sich vor: eine DDR-Facharbeiterin mittleren Alters, die nach der Einheit ihre Leistung weiter bringen wollte, aber nicht mehr durfte, weil sie weder von Staat noch Privatwirtwirtschaft mehr gebraucht wurde, die sich dann mühsam von Monat zu Monat hangelte, hat jetzt als Seniorin „Zeit, das Richtige zu tun“ (wie der zweite Werbeslogan suggeriert) , darf jetzt, ohne Aussicht auf eine halbwegs reichende Rente, von dem Gefühl gebraucht zu werden wieder erfüllt sein? Am Ende ihrer Berufskarriere einen neuen Vollberuf ausfüllen, den der Staat nicht finanzieren will, und dafür mit lächerlichem Entgelt abgespeist werden? Denn alles, was sie vorher geleistet hatte und weiter leisten wollte, war ja keine Leistung, sondern falsch?

Dieses Land hat ein Transmissionsproblem. Leistung – was ist das? Und wenn –  ja, aber bitte umsonst. Hier sind sämtliche Relationen außer Kraft gesetzt.

Die Unmengen an Hallimasch, die der Friedewalder Forst derzeit liefert, bringen mich dazu, mein Rezept eines Pilzgulaschs zu teilen, den ich vor Jahren hier in Sachsen  kreierte. Zu Hallimasch gibt’s ja wie immer im Leben verschiedene Meinungen; ich schätze ihn als würzigen und vor allem ergiebigen Vertreter seiner Familie (innerhalb der Ordnung der Blätterpilze) sehr und klage nie über Unverträglichkeit oder gar schlimmere Dinge. Da er vor der eigentlichen Zubereitung abgekocht werden sollte (woran ich mich auch immer hielt), ist er für Gulasch prädestiniert; ich finde, nur rohe Pilze sollten gebraten werden. Aber genau beim Abkochen greife ich zum ersten Trick, denn ich nehme kein normales, sondern Salzwasser.

Grundrezept

  • 1 kg                     Hallimasch
  • 50 g.                   Speck
  • 1 große              Zwiebel
  • 2                          Knoblauzehen
  • 1 Fl.                    Rotwein
  • 200 g.                Kräuterschmand
  • 200 g.                saure Sahne
  • 2 EL                    gekörnte Brühe
  • 1 EL                    Tomatenmark
  • 1 TL                    Senf, scharf
  • 1 TL                    Zitronensaft
  • 1 TL                    Worcestersoße
  • 1 TL                    Stärke
  • Gewürze           Pfeffer, Salz, Kümmel, Muskat, Nelke, Kurkuma
  • Kräuter             Dill, Schnittlauch, Petersilie, Estragon, Kerbel

Beute vom 29.10.2011

Die knapp zehn Minuten in Salzwasser gekochten Pilze auf einen Durchschlag abschütten. In einer großen Pfanne Zwiebel und Knoblauch in Speck anschwitzen und die gut abgetropften Pilze dazugeben, damit sie ein wenig Brataroma ziehen. Mit Pfeffer, Salz und Kümmel sowie Dill, Schnittlauch und Petersilie würzen. Dann den Rotwein mit der gekörnten Brühe zugeben und zehn Minuten köcheln lassen. Nun mit den übrigen Zutaten verheiraten, mit den restlichen Gewürzen abschmecken, kurz aufkochen und zuletzt die angerührte Stärke untermischen. Je nach gewünschtem Flüssigkeitsgrad kann mit Wasser und Brühe nachgearbeitet werden.

Dazu passen Kartoffeln in vielerlei Variation (gekocht, gebraten, als Kloß…), aber auch ein ehrliche Scheibe Vollkornbrot macht die Hallimasch zu einem perfekten Abendessen. Und: je öfter er aufgewärmt wird, desto besser wird er… ich habe den letzten Rest noch nach fünf Tagen genossen und selten geschmacklich bessere Pilze erlebt.

Wer’s nachkocht: ich freue mich auf Kommentare!

Zugegeben: zuerst wollte ich vom Glauben abfallen, dann musste ich es (noch) nicht in anfangs befürchteter Fallhöhe – glücklicherweise. Glauben meint hier den Glauben an deutsches Qualitätsfernsehen. Oder besser: Qualitätsfernsehen aus Deutschland, denn die innovativen Eigenformate lassen sich, wenn überhaupt, gerade noch an zwei Händen herzählen.

Es geht – natürlich – um den eben verliehenen Deutschen Fernsehpreis (nicht um die peinliche dpa-Panne dazu, die oft genug gewürdigt wurde). Der wäre wohl gern das Pendant zu den amerikanischen Emmys. Mit der Nominierungsliste wird das dieses Jahr erstmal (oder wieder) nichts werden, denn das deutsche Fernsehen hat nach Meinung der Jury unter Christoph Keese nicht mehr zu bieten als die RTL-Shows „Ich bin ein Star – Holt mich hier raus“ oder „Let’s Dance?“! Die waren zusammen mit dem „Eurovision Song Contest 2011“ (ARD) in der Kategorie „Beste Show“ nominiert. Meine Fassungslosigkeit darüber wurde nur noch davon übertroffen, dass „Goodbye Deutschland – Die Auswanderer“ (VOX) in der Kategorie „Beste Unterhaltung Doku“ (!) um den Preis antreten darf. Konkurriert hat diese hochqualitative Perle der deutschen Fernsehlandschaft mit der K1-Show „Stellungswechsel – Job bekannt, fremdes Land“ (netter Endreim immerhin) und „Der Wettlauf zum Südpol: Deutschland gegen Österreich (ZDF)“.

Quelle: http://unterhaltung.t-online.de/dschungelcamp-fuer-den-fernsehpreis-nominiert/id_49963876/index

Jetzt könnte man denken, der Deutsche Fernsehpreis wolle einfach nur die Sendungen mit den höchsten Einschaltquoten auszeichnen. Aber nein, ich zitiere aus den Statuten: „DER DEUTSCHE FERNSEHPREIS wird von ARD, RTL, SAT.1 und ZDF in der gemeinsamen Verpflichtung zur Förderung der Qualität der Fernsehprogramme gestiftet.“ Das erklärt mir jetzt die Auswahl der Nominierten nicht wirklich, es sei denn, die hier angewandte Methode nennt sich paradoxe Intervention. Wenn das so weitergeht, konkurrieren nächstes Jahr noch die „Sexy Sport Clips“ um die Trophäe der besten Sportsendung (diese Kategorie gibt es noch nicht, kann aber noch kommen). Da ist nur wenig tröstlich, dass die ARD die meisten Nominierungen erhalten hat: 15 an der Zahl. Jetzt frage ich mich nur noch, ob Sendungen wie „Ich bin ein Star – holt mich hier raus“ tatsächlich eine realistische Chance hätten oder nur aufgestellt wurden, damit die ARD-Sendungen besser wegkommen. Beides ist nicht wirklich wünschenswert.

Quelle: http://www.schweizer-illustrierte.ch/tv-shows/ich-bin-ein-star-holt-mich-hier-raus-die-vertraege-wer-schweigt-kassiert

Kann man Dschungel liebhaben? Das Verb scheint falsch gewählt. Letztes Jahr wurden wichtige Kategorien wie „Beste Regie“ und „Bestes Drehbuch“ gestrichen und die neue Kategorie „Beste Unterhaltungssendung Doku“ eingeführt, um die billigen, reißerischen Doku-Soaps zu ehren. Dieses Jahr ward es noch „besser“, da im Bereich Information keine Sendungen mehr ausgezeichnet werden, sondern lediglich Personen. Hinzu kommt, dass Spartensender wie arte, 3sat und ZDFinfo etc. fast völlig unter den Tisch gekehrt wurden. Allgemeinplätze sind nicht unbedingt mein Ding, aber das Bonmot „…heute sinkt für sie… das Niveau!“ trifft den Sachverhalt durchaus.

Quelle: http://www.fun-24.de/images/gross/niveau.jpg

Man kann den Trash „Dschungelcamp“ als Sozialstudie sehen: wie funktioniert Gruppendynamik? Man kann den Trash auch als Progression der deutschen Sprache sehen – aber blöde Sprüche gibt‘s auch bei „DSDS“, da kann ja mal wer den Bohlen nominieren. Man kann den Trash aber auch – und das ist meine Perspektive – als bewussten Versuch sehen, pro Sendeminute den IQ des Zuschauers um ca. 1 Punkt (vorübergehend?) sinken zu lassen und ihm wenn nicht ins TV-Nirvana, so doch ins geistige Neandertal zu verhelfen. Die Verdummung besteht in der Ablenkung. Wer Trash verdauen soll, hat keine Kapazitäten mehr, über Fukushima, Bankenkrise, Hartz IV und ähnliche wirklich „wichtige“ (?) Dinge zu reflektieren – geschweige denn etwas dagegen zu tun. Genau das ist das Kalkül: ruhigstellen durch Emotion statt Information; Benjamin lässt ebenso grüßen wie die Frankfurter Schule. Da finde ich den Schluss „Nicht-Information gleich Verdummung“ absolut gerechtfertigt. Wichtige Dinge (Politik, Wirtschaft, Finanzen…) scheinen den gemeinen Deutschen nicht im Geringsten zu interessieren. Warum auch!? Davon hängt ja „nur“ die Zukunft eines jeden Einzelnen und dessen Kinder und Enkel ab!

Quelle: http://2.bp.blogspot.com/-U0Kg6JEqmNY/TdznRxJvaII/AAAAAAAAABo/BiMg-Ba2IE0/s1600/verbloeden.jpg

Einziger Lichtblick: der Dschungel flog, es landete Lena, das deutsche Fräuleinwunder des III. Jahrtausends. Ich kann mich darüber nicht wirklich freuen. Mir ist, also ob Beelzebub gewürdigt wurde, damit man den Teufel nicht salonfähig machen muss.

Christoph Hein war immer unbequem. Man denke an die Novelle „Der fremde Freund“ (1982) und deren gefühlskalte Ärztin Claudia: Seismograph für ein Land, das an Gleichförmigkeit litt, an einer Perspektive des Wartens, das nur noch wenige Erwartungen in sich trug. Und man denke erst recht an seine „Zensur“-Rede auf dem X. Schriftstellerkongress der DDR 1987. Und jetzt also wieder: ein unbequemes Buch. Ein Roman, der schon fast als zeitgeschichtliches Dokument gelten kann.

Die Hauptperson: ein Ost-Germanist an seinem 59. Geburtstag (und ein paar Herbstwochen danach), auf perspektivloser halber Stelle an der Ost-Uni, exotisches Forschungsgebiet natürlich (wer kennt den aus Sachsen gebürtigen Wiener Barockschriftsteller Friedrich Wilhelm Weiskern?); eine Figur also, deren Name „Rüdiger ‚Stolzenburg‘“ eine dreifache Karikatur ist: der Vorname (der sich aus germanisch hroth / hruod „Ruhm, Ehre“ und althochdeutsch ger „Ger, Speer“ zusammensetzt und so viel bedeutet wie ruhmvoller Speerkämpfer) führt den Charakter ad absurdum, und der Nachname verweist darauf, dass er stolz ist auf Werte, die nichts mehr gelten, und darum eine Burg um sich gebaut hat, von deren Turm er die nichtakademische Realität distanziert betrachtet, ohne sie zu verstehen geschweige denn zu durchschauen – vom Dazugehören gleich gar nicht zu reden. Ein Mann, der prompt das Pech magisch anzuziehen, ja sich im freien Fall zu befinden scheint, ein moderner Hiob.

Quelle: http://www.suhrkamp.de/buecher/weiskerns_nachlass-christoph_hein_42241.html

Dass er von seinem Gehalt mehr schlecht als recht am Rande des Existenzminimums siecht, sich mit Nebenjobs über Wasser halten und trotzdem mit dem Finanzamt streiten muss, das es sich offenkundig nicht vorstellen kann, wie ein Mann seines Bildungsniveaus derart bescheiden lebt – geschenkt. Dass seine Tochter nur anruft, wenn sie Geld braucht, und seine Eltern, um ihn mit den „üblichen Klagen“ zu überschütten – geschenkt. Dass er bindungsunwillig bis -unfähig ist und ab und zu neben ungeliebten Freundinnen, die er auf Distanz hält („gewöhnlich flüchtet er sich in eine unverbindlichere, allgemeine Anrede, meine Liebe zum Beispiel, oder Schatz oder Spätzchen, das erspart Ärger“), auch mit Studentinnen ins Bett steigt – ebenfalls geschenkt, selbst wenn dieses charakterliche Gewordensein biographisch vielfach interpretierbar ist. Und dass der Ex-Dramatiker Hein eine Kriminalhandlung mit einbaut, um zwischen den vielen unbequemen Aussagen ein paar Ablenkungen zu schaffen, braucht ebenso nur erwähnt zu werden wie die Einrahmung des Stoffs im ersten und letzten Kapitel mit dem wolkenversperrten, weltabgewandten Blick durch das Fenster eines ausgebuchten Billigfliegers – und dem Eindruck eines stehenden Propellers.

Für mich legt dieser lapidare, tiefpessimistische Roman, dessen unbarmherzige Gesellschaftskritik so allumfassend ist, dass die FAZ schon ein neues Ausloten der Formen realistischen Erzählens in einer Welt des halbvollen Glases konstatiert, seine Schwerpunkte auf die Bildungsmisere dieses Landes. Den ersten, für mich wichtigsten, aus hochschulischer Perspektive. So wundert sich die „Märkische Allgemeine“ über die „gnadenlose Schärfe, mit der Christoph Hein die Zustände im deutschen Universitätsmilieu entlarvt“, über den „Ungestüm, den mentalen und physischen Verschleiß anzuprangern, dem Lehrkräfte momentan hierzulande im akademischen Mittelbau unterliegen“.

Stolzenburg dient „dem Gegenglück, dem Geist“ (G. Benn), und tut sich damit in der illiteraten kapitalistischen Gegenwart schwer. Denn für Geisteswissenschaften ist kein Geld mehr da. Wo Lehre und Forschung, Kunst und Bildung waren, herrscht Marketing: das Diktat von Nachfrage und Gewinn. Man fragt nach den Kosten, nicht mehr nach dem Sinn einer Aktion. Das sticht mitten hinein in die neudeutsche Gegenwart, in eine Gesellschaft, die ihr Gelingen nach marktwirtschaftlichen Kriterien beurteilt. Die mit ihrem Geist arbeiten, werden zwangsläufig zynisch und deprimiert. Da mutet der Einwand der FAZ „Man wundert sich, was er davor gemacht hat. Hätte es nicht einen anderen als den universitären Weg gegeben?“ eher weltfremd an: selbst wer andere Wege ging, bleibt in seiner Herkunft gefangen – zum ersten Durchstarten kam es in der DDR nicht mehr, jedes zweite und weitere dagegen wird der Logik einer materialistisch orientierten Gesellschaft geopfert, die selbst von profilierten Intellektuellen erwartet, dass sie sich über abrechenbare Leistungen definieren. Sinnfragen sind unerwünscht, Nachfragen sowieso. Als Gradmesser gesellschaftlicher Anerkennung gilt allein der finanzielle Erfolg. Das hatte vor wenigen Tagen schon Frank Schirrmacher in der FAZ konstatiert: „Eine Ära bürgerlicher Politik sah die Deklassierung geistiger Arbeit, die schleichende Zerstörung der deutschen Universität, die ökonomische Unterhöhlung der Lehrberufe“ – man kann das fast als journalistische Zugabe zum Roman lesen.

Quelle: http://www.fwf.ac.at/de/public_relations/printprodukte/info/info67-08-04.pdf

„Zu meinem Helden gehört, dass er bestens ausgebildet ist und schlecht bezahlt wird“, erklärte Hein in einem Interview für den österreichischen Rundfunk. Und bemerkt gallig weiter: „Die Alma Mater ist auf dem Markt gelandet… Ein Mathematikprofessor vor fünfzig Jahren stand in einem Verhältnis von fünf zu seinen Studenten. Jetzt können Sie bei der Zahl der Studenten eine Null anhängen. Bei den Medizinern können Sie zwei Nullen anhängen … Ich kenne Dozenten, die davon ausgehen, dass 80 Prozent der Hausarbeiten zusammenkopiert sind.“

Entsprechend hat Stolzenburg Motivation und Elan aufgebraucht. Im Seminar „taucht kein einziger Gedanke auf, der, wie unausgegoren auch immer, es wert wäre, entfaltet zu werden…“.  Die Illusionen sind verraucht, inzwischen glimmt die Routine: „Er riss seine Stunden herunter, er arbeitete mit uralten, vor Jahren erstellten Manuskripten, er lebte von der Wiederholung und scheute sich auch nicht, wie ein Stadttheaterbuffo die erfolgreichsten Stücke seines Repertoires immer wieder anzusetzen und, am Pult stehend, einen unendlich oft durchgekauten Gedanken auf eine Art zu präsentieren, als würde ihm dieser Geistesblitz gerade in jenem Moment einfallen.“

Vielleicht gab es zu Beginn seiner Hochschullaufbahn noch Studenten, die seinen Vorlesungen interessiert folgten, doch die Maßstäbe haben sich geändert, in der Gesellschaft und an der Universität. Waren es in Vorzeiten Bildung und Geist, die den Platz eines Menschen oder auch eines Lehrfachs zumindest mitbestimmten, ist der einzig gültige, verbliebene Maßstab das finanzielle Vermögen. Hollert, einer seiner Studenten, die er in der Mehrzahl für lustlos, verwöhnt, faul und dumm hält, ja als Vertreter der Generation „willig und billig“ als leidenschafts- und ideenlos verachtet, verfügt, da von Beruf Sohn, über viel mehr Geld als er. Und bei Stolzenburg, der ihn hasst, blitzt wenigstens sporadisch die Wahrnehmung sozialer Wirklichkeit auf, wenn er anmerkt: „Es wäre vernünftiger, das Verhältnis umzudrehen, sein Schüler zu werden statt seinen Lehrer zu spielen.“

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Aber Hollert muss sein Studium unbedingt erfolgreich abschließen, um die Firma seines Vaters erben zu können. Stolzenburgs „Hilfe“ würde er sich 25.000 Euro kosten lassen. Diesem moralischen Haken, der in seinem Leben bisher ein Garant für Halt war, kann er nicht entkommen. Denn wie immer er sich entscheidet, für das geschrumpfte Sein der letzten Jahre oder für ein kleines Abenteuer mit fremdem Geld, er wird verlieren: Entweder sein Selbstbild oder sich selbst im traurigen Niedergang der Wissenschaften. Das bunte, neue Deutschland hält, so Heins Buch, weniger Alternativen bereit, als viele ihm zu Wendezeiten zugetraut hatten.

Gleichzeitig blühen die auf, die ihr vieles Geld beispielsweise an den Börsen verdienen und mit Werten jonglieren, „von denen Sie nicht wissen, wie sie entstehen, wer sie festlegt und verändert oder manipuliert, was sie in der wirklichen Welt darstellen“. Jener fast sympathisch gezeichnete Steuerberater etwa, der als Studienabbrecher sein Geld in den frühen Morgenstunden mit Börsentransaktionen in Asien verdient und sich wundert, dass ein gebildeter Mensch wie Stolzenburg ein so bescheidenes Salär erhält. Auch Stolzenburg steht früh auf, er bereitet seine Seminare vor, unterrichtet, betreut Abschlussarbeiten, korrigiert Klausuren… und erklärt dem Aktienjongleur ungerührt: „Die Bewegungen der Börsennotierungen zu verfolgen, auf Anzeigetafeln mit Zahlen zu starren, mit Rohstoffen und fiktiven Werten zu spekulieren, das würde mich in Depressionen stürzen.“

Als zweiten Schwerpunkt identifiziere ich für mich die charakterliche Perspektive auf die Bildungsmisere. Eine Perspektive, die sich aus einem bestimmten Maß oder eben Nicht-Maß an Bildung ergibt, oder besser, ihrem (stetig fallenden) Wert, den ihr verschiedene Figuren beimessen. Dass Studienabbrecher Börsenfüchse werden, rhetorisch, historisch und grafisch Begabte einen offenbar europaweiten Fälscherring aufziehen und mit gefälschtem Wissen Geschäfte machen, kann Stolzenburg noch in seinen Kosmos einfügen – zumal er als Kurzzeitverdächtiger zur punktuellen Aufklärung des Fälscherrings wenn auch gezwungenermaßen beiträgt. Jene Gang dreizehnjähriger Mädchen, die Stolzenburg mit einer Schlagkette zu Leibe rücken, überschreitet diesen Kosmos dagegen komplett. Er, der Kulturvolle, Gebildete, der die Halbwüchsigen als Kinder ansieht, deren Gefährlichkeit er bis zuletzt nicht wahrnimmt, reflektiert selbst grün und blau geschlagen sein pädagogisches Bemühen, „gegen die aggressiven Mädchen nicht Gewalt anwenden zu müssen“, und die Ursachen für dieses „Leben mit geballten Fäusten“. Das mag das Klischee der verwahrlosten, gewaltbereiten Jugend bedienen (der Roman nutzt in Maßen noch weitere), aber es spiegelt vor allem Stolzenburgs zwischen Amüsement und Fassungslosigkeit pendelnde Gemütsverfassung, als er spürt, wie Freiheit in neoliberale Grenzenlosigkeit umschlägt. Die Konsequenz wird bereits am Ende des ersten Romandrittels präsentiert und liest sich wie eine Synopse seines Lebens: „Er bleibt liegen und wartet. Wartet, was passiert, unfähig, sich zu wehren, aufzustehen, zu flüchten.“

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Welche Überlebensstrategien, Machtstrukturen, Denkweisen und Phantasien ein desillusionierter Mensch entwickelt, um die täglichen Verbitterungen, Erniedrigungen zu ertragen, um Würde und Lebensform zu wahren, das interessiert Hein. Und spiegelt in diesem Einzelschicksal aus dem „geisteswissenschaftlichen Prekariat“ präzise den Zustand der Gesellschaft. Stolzenburg steckt in einer Welt fest, die nur noch den unmittelbaren Gebrauchswert einer Leistung anerkennt. Alles muss zu Geld werden. Oder zu einer „geldwerten“ Leistung. Hein macht vom Besonderen aus das Allgemeine sichtbar, denn die Irritation wirkt flächendeckend: an mehreren Stellen könnte dieser Roman eine Wendung zum Albtraum oder Thriller nehmen – er lässt es. Hein erzählt geheimnislos, gnadenlos, sehr gegenwärtig, sehr schlicht, lakonisch, ja karg.

Ich habe mit Hein anläßlich der „Dresdner Taschenbergespräche“ Ende der 90er ein wunderbares Interview (er las sein „Napoleonspiel“) führen dürfen. Einen Kernsatz vermittle ich meinen Studenten bis heute weiter: „Abends schreibt man mehr, aber man muss morgens auch mehr wegschmeißen. Das etwas unfreundliche Licht der Frühe hilft bei der Konzentration auf das Nötige.“

Er hat ein dringendes, ein nötiges Buch geschrieben. Sehr dringend, und sehr nötig. Ich würde ihm gern danken. Aber ich kann es gerade nicht. Vielleicht bin ich selbst so ein Phantast, so ein Lebensreformer, Irritierter, Besonderer. So einer, der sich dem Nötigen nicht konzentriert widmen mag.

Christoph Hein, Weiskerns Nachlass. Suhrkamp Verlag Frankfurt 2011. 319 Seiten, 24,90.

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