Feeds
Artikel
Kommentare

Herzlich willkommen!

Als Dozent informiere ich Sie auf meiner Webpräsenz über meine Aktivitäten rings um die hochschulische Ausbildung angehender Medienmacher.

Als Mensch lasse ich Sie gern an meinen freizeitlichen Aktivitäten teilhaben, zu denen nicht zuletzt Kochen gehört ;-)

Als Bildungsbürger kommentiere/rezensiere ich außerdem vielerlei kulturelle Phänomene – vom Roman über den Musikergeburtstag bis zum Regisseurstod.

Und als (Ex-)Journalist blogge ich daneben unregelmäßig Betrachtungen zu Interessantem und Wissenswertem nicht nur aus der Welt der Medien.

Warum gerade Betrachtungen?

Ich empfinde dieses Genre – eine Meinungsdarstellungsform übrigens – als eins der zeitgemäßen schlechthin.

Eine Betrachtung soll durch Beschreibungen und Schilderungen, Vergleiche und Annäherungen bis hin zur Analyse einem Ereignis, einer Situation, einem Gegenstand oder auch einem (gesellschafts-) politischen Problem Individualität verleihen: Recherche darf in gewissem Maße substitutiert werden durch Subjektivität.

Die Betrachtung ist durchaus mit derselben eines Kunstwerks in einer Ausstellung vergleichbar: man wählt zunächst die Gesamtschau und wechselt dann zu einzelnen Aspekten.

Dabei ist dem Genre eigen, dass die Prioritäten dieser Aspekte oft im Vagen bleiben: aus der Betrachtung erwächst ein Gedanke, der das formale Ziel darstellt.

Der Gegenstand darf dabei Randerscheinung eines größeren Zusammenhangs bleiben: “die Bedeutung des Unbeachteten birgt den Kern ihrer Aussage” (Degen 2004).

Viel Spass beim Lesen – und natürlich beim Kommentieren!

Was hat Heino mit dem aus Ghana gebürtigen Ex-Fußballnationalspieler Gerald Asamoah und dem türkischstämmigen, ersten muslimisch-deutschen Schützenkönig Mithat Gedik gemeinsam? Alle drei wurden von Nordrhein-Westfalens neuer Heimatministerin Ina Scharrenbach (CDU) im Dezember 2017 zu „Heimatbotschaftern“ berufen. Auf dem ersten NRW-„Heimatkongress“ im März 2018 strebte die stets sehr korrekt und etwas streng auftretende Unions-Politikerin an, den Heimatbegriff und seine „unsichtbaren Wurzeln“ individuell zu beleuchten. Ohne Asamoah und Gedik, aber mit Heino.

Der Barde wollte einige Wurzeln in einem individuellen Geschenk an Scharrenbach sichtbar machen: seinem Doppelalbum „Die schönsten deutschen Heimat- und Vaterlandslieder“ von 1981. Hätte er das mal lieber gelassen. Auf dem Cover der Schallplatte ist zwar der Vermerk enthalten, Kinder könnten damit im Schulunterricht bestens „mit dem deutschen Liedgut vertraut gemacht werden“. Aber manche der 24 Lieder wurden zu Hitlers Zeiten auch ins „Liederbuch der SS“ aufgenommen.

Nein, es geht nicht um „Wann wir schreiten Seit’ an Seit’“ von Hermann Claudius von 1914, das bis heute Schlusslied von SPD-Parteitagen ist und sich nicht auf der Platte, wohl aber auf S. 45 des Liederbuchs findet. Es geht um ein Lied aus der Zeit der Befreiungskriege gegen Napoleon Anfang des 19. Jahrhunderts: das von Max von Schenkendorf 1814 (!) verfasste Stück „Wenn alle untreu werden“, das später von der SS als „Treuelied“ instrumentalisiert wurde und auf S. 13 abgedruckt ist.

Auszug SS-Liederbuch. Quelle: https://ia801202.us.archive.org/BookReader/BookReaderImages.php?zip=/32/items/RasseUndSiedlungshauptamtSSSSLiederbuch180S.ScanFraktur/Rasse-%20und%20Siedlungshauptamt%20SS%20-%20SS-Liederbuch%20(180%20S.%2C%20Scan%2C%20Fraktur)_jp2.zip&file=Rasse-%20und%20Siedlungshauptamt%20SS%20-%20SS-Liederbuch%20(180%20S.%2C%20Scan%2C%20Fraktur)_jp2/Rasse-%20und%20Siedlungshauptamt%20SS%20-%20SS-Liederbuch%20(180%20S.%2C%20Scan%2C%20Fraktur)_0046.jp2&scale=4&rotate=0

Auszug SS-Liederbuch. Quelle: https://ia801202.us.archive.org/BookReader/BookReaderImages.php?zip=/32/items/RasseUndSiedlungshauptamtSSSSLiederbuch180S.ScanFraktur/Rasse-%20und%20Siedlungshauptamt%20SS%20-%20SS-Liederbuch%20(180%20S.%2C%20Scan%2C%20Fraktur)_jp2.zip&file=Rasse-%20und%20Siedlungshauptamt%20SS%20-%20SS-Liederbuch%20(180%20S.%2C%20Scan%2C%20Fraktur)_jp2/Rasse-%20und%20Siedlungshauptamt%20SS%20-%20SS-Liederbuch%20(180%20S.%2C%20Scan%2C%20Fraktur)_0046.jp2&scale=4&rotate=0

Dass mit dem Lied in der NS-Zeit auch Widerstand gegen das Regime zum Ausdruck gebracht wurde, hat niemand interessiert. So berichtet Heinrich Böll in seinen Lebenserinnerungen, dass er es mit einem Freund aus Widerstand gegen das von der Hitlerjugend gesungene Horst-Wessel-Lied anstimmte – und dafür Schwierigkeiten bekam. Heino verwendete für seine Version sogar eine andere Melodie als sie in der SS üblich war – vergebens, der „Skandal“ wurde hochgeschrieben.

Denn dem Schlagersänger wird seit langem eine unkritische Haltung zu völkischem Liedgut vorgeworfen, weswegen er auch in der DDR verboten war. Zu Zeiten der Apartheid hatte er in Südafrika seinen Schlager „Schwarzbraun ist die Haselnuss“ zum Besten gegeben. Für den damaligen baden-württembergischen Ministerpräsidenten und einstigen NS-Marinerichter Hans Filbinger (CDU) sang er alle drei Strophen des Deutschlandlieds. Deswegen blieb das Bundesverdienstkreuz dem 79-Jährigen versagt, der die Aufregung nicht versteht: „Wenn man danach sucht, findet man immer ein Lied, das missbraucht worden ist. Die Lieder können doch nichts dafür, wenn sie instrumentalisiert worden sind“.

CDU-Politikerin Scharrenbach ließ zunächst mitteilen, das von Heino überbrachte Geschenk sei „bei der Übergabe nicht unter dem Aspekt der politischen Korrektheit überprüft worden“. Sie habe vor der Annahme des Geschenks auch „nicht die Titel der Schallplatte zur Kenntnis genommen“. Und aus einem beim Kongress entstandenen Foto mit ihr, Heino und der Schallplatte lasse sich keine inhaltliche Nähe zu den Titeln konstruieren. Sie verwahre sich strikt dagegen, „in irgendeiner Weise mit der nationalsozialistischen Ideologie in Verbindung gebracht zu werden“. Tage später relativierte sie: „Wenn es da ein Interesse gibt, irgendeine Person zu beschädigen, dann nehme ich das zur Kenntnis. Heino macht seit vielen Jahrzehnten Musik – und ist bei vielen Bürgern beliebt.“

Pressefoto Plattenübergabe. Quelle: https://www.welt.de/img/regionales/nrw/mobile174802999/6031627137-ci23x11-w1600/Heimatkongress-in-NRW.jpg

Pressefoto Plattenübergabe. Quelle: https://www.welt.de/img/regionales/nrw/mobile174802999/6031627137-ci23x11-w1600/Heimatkongress-in-NRW.jpg

Tonkunst als Staatskunst

Der Vorgang ist der jüngste Höhepunkt einer musikpolitischen Entwicklung, die Tonkunst immer mehr als Staatskunst in zwei Formen mit je drei Indizien erscheinen lässt. Einerseits wird der „Gesinnungskorridor“ (Uwe Tellkamp), in dem deutsches Musikgut unverdächtig erscheint, stetig schmaler. Erstes Indiz: die Reglementierung „belasteter“ Stücke, die nicht nur Heino betrifft. So kündigte Münchens Zweiter Bürgermeister Josef Schmid (CSU) für das Oktoberfest eine „Rote Liste“ einschlägiger Stücke an, die nicht gespielt und den teilnehmenden Kapellen übermittelt werden sollen.

Drei Mitglieder des Stadtrats der Fraktion Die Grünen/Rosa Liste hatten im Oktober 2017 sofort den Antrag gestellt, „Nazi-Märsche“ von der Wiesn zu verbannen, nachdem die Zillertaler Blaskapelle den „Standschützenmarsch“ gespielt hatte: Der Komponist des Liedes, Sepp Tanzer, dirigierte am Brenner einst sogar vor Hitler und Mussolini. Dass damit zugleich eingestanden wird, dass 70 Jahre lang in der BRD „Nazilieder“ gespielt worden sein müssen, fiel niemandem auf. Je weiter man sich zeitlich von den bewussten „12 Jahren“ entfernt, umso hysterischer fallen die Reaktionen aus.

Ein zweites Indiz des Gesinnungskorridors ist die Unterstellung von Musik als „rechtsextrem“, wie sie neben „FreiWild“ vor allem Xavier Naidoo traf. Der Tourauftakt der „Söhne Mannheims“ mit ihrem Leadsänger sorgte im Frühjahr 2017 für panische Reaktionen – vor allem das Lied „Marionetten“: „Wie lange wollt ihr noch Marionetten sein? Seht ihr nicht, ihr seid nur Steigbügelhalter. Merkt ihr nicht, ihr steht bald ganz allein. Für eure Puppenspieler seid ihr nur Sachverwalter.“ Oberbürgermeister Peter Kurz forderte „seine“ Söhne auf, diese „antistaatlichen Aussagen“ im Refrain zu erklären.

ein Sänger im „Wutbürger-Morast“

Xavier Naidoo. Quelle: https://saparena.de/media/bilder/2015-2016/2015-11-07_Soehne_Mannheims,_Xavier_Naidoo_%26_Friends

Xavier Naidoo. Quelle: https://saparena.de/media/bilder/2015-2016/2015-11-07_Soehne_Mannheims,_Xavier_Naidoo_%26_Friends

Laut der Brandenburgischen Landeszentrale für politische Bildung ist der Begriff „Marionetten“ ein Sprachbild aus dem Repertoire des klassischen Antisemitismus. Die FAZ verstieg sich zur Behauptung „Reichsbürger-Hymne“, die BZ textete „Er benutzt radiofreundliche Popmusik, um fundamentalistische und rechtsextremistische Positionen mitten im deutschen Mainstream zu verankern“. Für den Spiegel ist das „umstürzlerische, staatsfeindliche Rhetorik von Pegida und der AfD-Rechten“ eines Sängers im „Wutbürger-Morast“. Und in der ZEIT stand tatsächlich dieser Satz: „Für die Zukunft wünsche ich dir allen Boykott, den du bekommen kannst.“

Jan Böhmermann parodierte die „Hurensöhne Mannheims“, mit denen „jeden Tag Montagsdemo in deinem CD-Player“ sei, und schlug den neuen Naidoo-Song für den „Lutz-Bachmann-Preis für nicht-entartete Kunst“ vor. Der Gipfel: „Das ist plumper und gewaltverherrlichender Pegida-Sprech“, sagte die grüne Bundestagsvize Claudia Roth. Prompt verlangte in Rosenheim ein Bündnis namens „Kein Hass auf Rosenheims Bühnen“, die Söhne Mannheims aus dem örtlichen Sommerfestival im Mangfallpark 2017 wieder auszuladen. Naidoo sei ein „Hassprediger“, sagt Bündnissprecher Johannes Müller. Da kann man auch gleich die Spielerlaubnis der DDR wieder einführen.

Aber auch ausländische Künstler müssen für „rechte“ Sätze Kritik einstecken. Der schon mal mit einem Tischtuch als Kopftuch dekorierte Österreicher Andreas Gabalier ebenso wie Morrissey, der im „Spiegel“-Interview erklärte, dass Berlin wegen der von Angela Merkel offen gehaltenen Grenzen zur „Vergewaltigungshauptstadt“ geworden sei, und forderte: „Ich will, dass Deutschland deutsch ist.“ „Welt“-Journalist Alan Posener zeterte auf Twitter: „Wer gibt einen Scheiß drauf, was er denkt?“

Morissey. Quelle: http://cdn2.spiegel.de/images/image-1215285-860_poster_16x9-bigm-1215285.jpg

Morissey. Quelle: http://cdn2.spiegel.de/images/image-1215285-860_poster_16x9-bigm-1215285.jpg

Ein drittes Indiz des Gesinnungskorridors ist die Verurteilung vorgeblich „unpolitischer“ Musik – von „politischem Eskapismus“ spricht Ex-„Spex“-Chef Torsten Groß, von „Biedermeier-Stimmung in den Hitparaden“ Jens Balzer im DLF. Böhmermann attestierte den sogenannten neuen deutschen Pop-Poeten wie Max Giesinger, Tim Bendzko und Andreas Bourani eine „nur oberflächig camouflierte Rückkehr in die eskapistische Welt des Weitermach- und Verdrängungsschlagers der Nachkriegszeit“, kurz „Industriemusik“. Micky Beisenherz fügte Anfang März im „Stern“ auch noch Wincent Weiss, Adel Tawil und Lena Meyer-Landrut hinzu – in seiner Diktion „tumbe Gesellen“.

Vor allem Giesingers „Wenn sie tanzt“ stand in der Kritik: darin manifestiere sich der Vorzug kinderloser Selbstverwirklichung, die Mutterpflichten schlüge (!). Deswegen könne sie weder „auf ein Date gehen“ noch „eine Pause einlegen“. Als Mittel gegen die Frustration aus dieser Gemengelage empfiehlt Giesinger eine sparsam dosierte Realitätsflucht: „Wenn sie tanzt, ist sie woanders.“

Reimer Burstorff, Sänger und Bassist der explizit linken Band „Kettcar“, meinte dagegen im DLF: „Wir haben für uns erkannt, dass es für uns nicht reicht, was gerade in der deutschsprachigen Musik passiert. Dass es nur noch um Liebeslieder geht und Gesellschaftkritisches, Politisches nicht stattfindet. Wenn man schon ein Mikrofon in der Hand hat, sollte man sich gegen Rassismus aussprechen“. Clueso behauptete gar „Jeder Künstler sollte eine politische Meinung haben, diese auch vertreten und Gesicht zeigen.“

Tote Hosen-Sänger Campino ging noch einen Schritt weiter und warf der rußlanddeutschen Helene Fischer vor, sich nicht gegen rechts zu positionieren. Er sieht dahinter Taktik von Fischers Management, das womöglich keinen Ärger wolle und sie daher anhalte, zu politischen Themen den Mund zu halten. Für ihn keine Option: „Die Tatsache ist doch, dass man eher bereit sein muss, bei den Fans Verluste hinzunehmen, wenn man sich politisch positioniert.“

Reimer Burstorff. http://www.laut.de/Kettcar/Fotogalerien/Koeln,-Palladium,-2017-6366/kettcar-koeln-palladium-2017-reimer-bustorff-188534.jpg

Reimer Burstorff. http://www.laut.de/Kettcar/Fotogalerien/Koeln,-Palladium,-2017-6366/kettcar-koeln-palladium-2017-reimer-bustorff-188534.jpg

„Deutschland verrecke, das wäre wunderbar!“

Andererseits werden die Zuschreibungen politisch korrekter Musik immer häufiger und lauter. Erstes Indiz sind hier mehr Würdigungen dezidiert „linker“ Musik. Nun gelten Musik und Politik in Deutschland sowieso als vor allem linkslastig miteinander verbunden – man denke etwa an die Burg-Waldeck-Festivals oder gar Claudia Roth als einstige Managerin von Ton Steine Scherben, erst recht die DDR-Traditionen des „Festivals des Politischen Liedes“ oder „Rock für den Frieden“. In dieser Tradition steht heute immer noch der Punk. Etwa die Band „Feine Sahne Fischfilet“, die wegen „explizit anti-staatlicher Haltung“ im Verfassungsschutzbericht des Landes Mecklenburg-Vorpommern zwischen 2011 und 2014 erwähnt und 2016 von damaligen Bundesjustizminister Heiko Maas für ihr „Engagement gegen Rechts“ gelobt wurde.

In den Texten finden sich Verse wie: „Die nächste Bullenwache ist nur einen Steinwurf entfernt“ („Wut“), „Deutschland verrecke, das wäre wunderbar!“ („Gefällt mir“) oder auch „Eure Knüppel kriegt ihr in die Fresse rein und danach schicken wir euch nach Bayern, denn die Ostsee soll frei von Bullen sein“ („Staatsgewalt“). “ Die Combo durfte im Januar ihr fünftes Studioalbum „Sturm und Dreck“ in der ARD-Tagesschau umsonst bewerben. Prompt erreichte es Platz 3 der deutschen Charts. In Konzerten werden Songs wie „Solange es brennt“ all jenen „Leuten und Kids auf den Dörfern, die sich nicht diesem räudigen Rechtsruck hingeben“, gewidmet. Die „Donots“ mit ihrem ebenfalls im Januar veröffentlichten elften Studio-Album „Lauter als Bomben“ gehören ebenso in diese Reihe.

FSF. Sreenshot: https://twitter.com/DoraGezwitscher/status/952949781013385217

FSF. Sreenshot: https://twitter.com/DoraGezwitscher/status/952949781013385217

Zweites Indiz sind wohlfeile Statements korrekter bis linker Musiker, was natürlich die Gefahr von Fan-Abkehr bedeuten mag, wie Campino richtig erkannte. So unterbrach jüngst Santiano-Frontmann Björn Both eine Zeitlang die Konzerte, um bedeutungsschwangere Worte zum Thema Freiheit anzukündigen, „aus gegebenem Anlass“. So gebe es in Europa bereits Länder, in denen die Völker freiwillig Despoten an die Macht gewählt hätten. Auch hierzulande sei die Freiheit in Gefahr: Es gebe im Parlament inzwischen eine Partei – die AfD – die die Freiheit gefährde und gegen diese Soße, diese Arschlöcher, gelte es, die Freiheit zu verteidigen. Nach einem Facebook-Shitstorm sah sich die Band dann keine zwei Tage später zum Zurückrudern genötigt und kündigte an, ab sofort bei Live-Konzerten auf politische Inhalte zu verzichten.

Schon als Roland Kaiser die Pegida-Bewegung kritisierte und dazu aufrief, sich „vorbehaltlos auf Menschen einzulassen“, erntete er dafür tausende „Buhs“. Darunter von Pegida-Mitgründerin Katrin Oertel, die Mitte Januar 2015 vor 25.000 Demonstranten beklagte: „Da hätten Sie etwas mehr Neutralität uns gegenüber zeigen können. Nie sind Sie auf uns zugekommen, um mit uns zu reden. Wir sind zu Ihnen gekommen. Was wollen Sie jetzt tun? Uns nicht mehr reinlassen?“

„wenn auch mal Populisten herumschreien“

Als Statement sind natürlich auch spezielle Events willkommen. So sangen Ende März am Zwickauer Kornmarkt rund 200 Besucher mit „Prinzen“-Sänger Sebastian Krumbiegel Lieder von Frühling und Frieden. Der Grund für Krumbiegels Singen: ein paar Meter weiter auf dem Markt hatte die Bürgeroffensive Deutschland die vierfache Besucherzahl unter dem Motto „Fehlpolitik Deutschland” versammelt – obwohl dort niemand für Krieg demonstrierte. Bei Lesungen aus seiner Autobiographie „Courage zeigen – Warum ein Leben mit Haltung gut tut“ gibt er zwar zu sich zu schämen, die Montagsdemo am 9. Oktober 1989 aus Angst nicht besucht zu haben, andererseits gehe er aber heute gegen Pediga und deren Ableger auf die Straße, weil es wichtig sei, weiterhin Haltung zu zeigen.

S. Krumbiegel. Quelle: https://pics.freiepresse.de/DYNGAL/43357/451737_M606x404.jpg

S. Krumbiegel. Quelle: https://pics.freiepresse.de/DYNGAL/43357/451737_M606x404.jpg

Aber schon zum AfD-Bundesparteiparteitag im April 2017 riefen viele einheimische Musiker und DJ’s zu Aktionen unter Slogans wie „Köln stellt sich quer“, „Köln gegen Rechts“ oder „Bunt statt Bla“ auf, darunter die „Bläck Fööss“, „Brings“, die „Höhner“ und die „Arsch huh Allstar Band“. Besonders aktiv zeigt sich Campino, der sich laut Interview mit dem Magazin „Rolling Stone“ bei Angela Merkel für deren Flüchtlingspolitik noch bedanken würde. Als er 1982 die „Toten Hosen“ mitgründete, stand die Band vor allem für eines: eine radikale Ablehnung des Establishments, der Bürgerlichkeit, ja eine fundamentale Opposition zu allem, was irgendwie nach Mainstream oder gar Regierung roch. 35 Jahre später spielten sie auf einer Anti-Pegida-Veranstaltung in Dresden.

„Mit diesem Auftritt lag die Band genau in der vorgegebenen Linie“, erklärte damals die Dresdner AfD. „Ablehnung der Bürgerlichkeit? Kaum, denn erstens sind die Bandmitglieder mittlerweile allesamt gutbürgerlich finanziell versorgt, und zweitens war dies eine Veranstaltung, die ganz explizit das ‚Bürgertum‘ zum Protest gegen die Pegidianer aufrief. Fundamentale Opposition gegen die Regierung? Mitnichten, sondern ganz auf deren Linie. Oder wenigstens gegen den Mainstream? Vergessen wir das, die Mugge, die vor wenigen hundert Demonstranten stattfand, wurde von den Mainstreammedien bejubelt wie ein achtes Weltwunder.“

Campino in Dresden. Quelle: https://www.tagesspiegel.de/images/campino-und-tote-hosen-in-dresden/19578596/1-format43.jpg

Campino in Dresden. Quelle: https://www.tagesspiegel.de/images/campino-und-tote-hosen-in-dresden/19578596/1-format43.jpg

Der Echo als „linker“ GAU

Die andere Seite der derselben Medaille ist die (wenigstens anfängliche) Verharmlosung problematischer Inhalte, die aber augenscheinlich nicht „rechts“ interpretierbar sind, sondern im Gegenteil links semantisiert und/oder gleich mit marktwirtschaftlicher Perspektive entschuldigt werden können. Das trifft vor allem auf den Hip-Hop und erst recht seine Spielart Rap zu – eine Musikrichtung mit Wurzeln in der afroamerikanischen Funk- und Soul-Musik, in die man damit Mythen von „Empanzipation“, „Protest“ oder gar „Befreiung“ hinein interpretieren kann.

Interpretationswürdig sind aber auch Zeilen wie „Mache wieder mal ‚nen Holocaust, komm‘ an mit dem Molotow“ der Rapper Kollegah und Farid Bang auf dem Album „Jung, brutal, gutaussehend 3“, für das das Duo den Echo 2018 in der Kategorie Hip-Hop/Urban National gewann. Die Antisemitismus-Debatte um diese und andere Zeilen nahm aber erst an Fahrt auf, nachdem viele Geehrte wie Sänger Marius Müller-Westernhagen, Bassist Klaus Voormann oder die Dirigenten Christian Thielemann und Daniel Barenboim ihre Preise zurückgaben oder explizit „linke Kollegen“ wie Campino oder Klaus-Voormann-Laudator Wolfgang Niedecken ihre Stimme erhoben. Mit letzterem rechnete Klaus Lelek unter der Schlagzeile „Echo der eigenen Verlogenheit“ anhand des „Kristallnach“-Textes scharf ab.

Nun gab man sich bei Bertelsmann reumütig. „Wir hatten den Vertrag über ein Album. Jetzt lassen wir die Aktivitäten ruhen, um die Haltung beider Parteien zu besprechen”, sagte Vorstandschef Hartwig Masuch der FAZ und entschuldigte sich bei „den Menschen, die sich verletzt fühlen. Meine Mitarbeiter und ich stehen mit den Künstlern in Kontakt, und die distanzieren sich klar von jeder Form von Antisemitismus. Das tun wir auch.“

Hans Hoff kommentiert auf „DWDL“ drastisch: „Ganz offensichtlich will hier jemand akut Schadensbegrenzung betreiben, weil die ganze Angelegenheit nun doch auf Bertelsmann zurückzustrahlen droht. Man kennt so ein Verhalten zur Genüge. Ein Unternehmen macht sich klein, lässt Gras über die Sache wachsen und macht dann weiter wie vorher. Da helfen auch nicht 100 000 Euro aus der Konzernschatulle, die Projekte zur Bekämpfung der Welle von Antisemitismus an deutschen Schulen fördern sollen.“

Für Andreas Schnadwinkel geht es im „Westfalen-Blatt“ um die Glaubwürdigkeit des Gesamtkonzerns: „Bertelsmann muss sich entscheiden: Soll die Musiksparte BMG weiter mit anti-jüdischen Songs muslimischer Rapper Geld verdienen? … Hier steht Reinhard Mohns Erbe auf dem Spiel. Der Bertelsmann-Gründer war ein ausgewiesener Freund des jüdischen Staates Israel und Träger des Teddy-Kollek-Preises, benannt nach dem legendären Bürgermeister Jerusalems.“ Den künstlerischen Wert der „musikalischen Primitivität“ dieser Rapper sucht Thomas Rietzschel auf der „Achse des Guten“ und kritisiert „die kulturelle und moralische Unterbelichtung einer Gesellschaft, der es unterdessen völlig egal ist, von wem sie sich aufheizen lässt.“

Echo 2018 - Kollegah & Farid Bang. Quelle: https://www.tz.de/bilder/2018/04/11/9774670/1059793470-echo-2018-kollegah-farid-bang-JLs9FVWiAee.jpg

Echo 2018 - Kollegah & Farid Bang. Quelle: https://www.tz.de/bilder/2018/04/11/9774670/1059793470-echo-2018-kollegah-farid-bang-JLs9FVWiAee.jpg

„Schlimm sind nicht in erster Linie die Reaktionen auf das Ergebnis, auf die Nominierung, den Auftritt“, haut Anabel Schunke in dieselbe Kerbe. „Schlimm ist, welchen Erfolg Rapper wie diese vor allem bei der jungen Generation haben, die sie mittlerweile zu großen Teilen prägen und dass die Diskussion ausgerechnet an dieser Generation vollkommen vorbeigeht. Es sind vornehmlich jene jungen Muslime, deren rassistische und antisemitische Ausbrüche wir mittlerweile auf den Schulhöfen und auf den Straßen dieses Landes erleben dürfen.”

Und so zeige sich einmal mehr, dass sich das Problem weder an Ausschlüssen oder Nicht-Ausschlüssen von Veranstaltungen, noch an den „Künstlern“ selbst manifestiert, sondern an den Fans, die ihre Musik, ihre Klamotten und Konzertkarten kaufen: “Der Erfolg eines Künstlers am Markt bemisst sich eben nicht nach einer vorgegebenen Moral oder Kriterien des „guten Geschmacks“, sondern nach der Nachfrage. Nichts könnte das besser verdeutlichen als ein Musikpreis, der vorrangig nach Verkaufszahlen vergeben wird.“

„wenn auch mal Populisten in ihr herumschreien“

Drittes Indiz ist die Verweigerung von Musik für unterstellt „falsche“ Gesinnung. So ging der der „bekennende Sozialdemokrat“ Paul van Dyk gegen die Verwendung seines Songs „Wir sind wir“ durch die AfD juristisch vor. Zwar war Dyk einst der Meinung, „eine starke Demokratie müsste es aushalten, wenn auch mal Populisten in ihr herumschreien“. Das gelte aber, lässt er sich im „Stern“ zitieren, nicht für sein geistiges Eigentum. Er erwirkte eine Abmahnung gegen die Partei ebenso wie Max Giesinger wegen der Nutzung seines Songs „80 Millionen“. Giesingers Begründung: „Es verärgert mich extrem, dass eine Partei, deren politische Einstellung ich in keinster Weise teile, meine Musik für ihren Wahlkampf instrumentalisiert und ohne mein Wissen benutzt.“

Nicht überliefert ist, worauf sich der interpretative Unmut beider Künstler eigentlich bezieht. In einem legendären Antrag für den Europaparteitag der Linken Mitte Februar 2015 in Hamburg erklärte der Detmolder Horst Schmitt, dass bei Liedern bzw. Text mit Musik der politische Anteil allein durch die Musik immer mindestens 50 Prozent betrage. Daher sei die „gesangliche musikalische Intonierung des Liedes ‚Die Internationale‘ zwar kämpferisch, aber auch militaristisch, gewalt- und kriegsverherrlichend“,  mithin ein Symbol des Kapitalismus und Militarismus und damit ein Element des rechten politischen Spektrums genauso wie die deutsche Nationalhymne sei.

Der Wanderklassiker „Hoch auf dem gelben Wagen“ wäre etwa vom ehemaligen Bundespräsidenten Scheel (FDP) gezielt eingesetzt worden, „da es mit einem unbedeutendem Text aber von der musikalischen Grundintention monoton rhythmisch, damit militaristisch, kriegsverherrlichend und Symbol der Nationalisten wie Rechten ist, um rechtspolitische Wählerschichten verdeckt anzuspielen und zu gewinnen“. In künftigen Verhandlungen könnten dann Aspekte wie „prozentualer Politikanteil“ oder „rhythmische Messbarkeit von Militarismus“ eine Rolle spielen.

W.Scheel. Quelle: https://images-na.ssl-images-amazon.com/images/I/51UHKX1FohL.jpg

W.Scheel. Quelle: https://images-na.ssl-images-amazon.com/images/I/51UHKX1FohL.jpg

Zu diesem Indiz kann einem aber auch eine Gegenthese einfallen, die im DLF Jens Balzer beschrieb: „Also der coole politische Zeitgeist ist eben nicht mehr auf der Seite der Linken, sondern auf der Seite der Rechten. Aber wenn es tatsächlich die neuen 68er sind, dann sind es die neuen 68er ohne Musik. Also die alten hatten immerhin Joan Baez und Neil Young und Grateful Dead und in Deutschland Ton Steine Scherben oder die Ärzte. Aber die angeblichen neuen 68er der deutschen Rechten, da gibt es gar nichts.“

Das wiederum wäre bedenklich, denkt man Johann Gottfried Seumes Gedicht „Die Gesänge“ konsequent zu Ende: „Wo man singet, laß dich ruhig nieder, / Ohne Furcht, was man im Lande glaubt; / Wo man singet, wird kein Mensch beraubt; / Bösewichter haben keine Lieder.“

Sehr geehrte Frau Gastmann,

nachdem ihr Text „Jugendliebe“ wenigstens bei Facebook nur begeisternde Kommentare hervorrief, geb ich hier gern mal den Spielverderber.

Ich finde es schon unverfroren, sich auf Jutta Resch-Treuwerth oder gar Tamara Danz – die armen können sich nicht wehren und rotieren im Grab!!! – zu beziehen, obwohl die nie von irgendeiner binationalen Beziehung gesungen bzw. geschrieben haben. Oder fanden Sie bei irgendeiner Junge Welt-Kolumne eine Beziehung zwischen einer ostdeutschen Frau und einem algerischen, vietnamesischen, mosambikanischen… Mann thematisiert? Und die erbärmliche Unterstellung, dass die AfD Tamara Danz nicht kenne, sagt zum Glück mehr über ihr Weltbild aus als über die AfD.

Ich finde es aber vor allem hanebüchen und volksverdummend, dass Sie als Lehrerin (auf den Job hatte ich in der DDR auch erfolgreich studiert und ein Jahr darin gearbeitet) die kulturellen Unterschiede der Nationen Syrien und Deutschland derart oberflächlich auf „Psychologie“ reduzieren! Diese „Doku“ gaukelt den Zuschauern eine heile Welt vor, und Sie verteidigen sie auch noch. Zu einer umfassenden Beschäftigung gehört neben dem Bericht über die Romanze aber auch, auf die damit zusammenhängenden Probleme hinzuweisen. Wer mit bestimmten Wertvorstellungen aufgewachsen ist und nicht bereit ist für ein Leben in Europa und dazu, die hiesigen Werte und Regeln anzunehmen und zu leben, für den sind früher oder später Probleme vorprogrammiert: Unterschiede in der Stellung der Frau in der Ehe, die Einschränkung ihrer persönlichen Freiheiten, die Abhängigkeit ihrer Bewegungsfreiheit von der Zustimmung des Mannes, das „Eigentum“ an den Kindern, all das ist mit Tatsachen belegt. Es gibt Insider-Autoren, die darüber berichtet haben. Eine öffentliche Debatte darüber wird nicht nur vermieden, sondern, wie hier bei Ihnen zu lesen, euphemisiert. Das ist ein Unding und erinnert mich an genau die Propaganda, die ich 1990 überwunden glaubte!

Dann: eine 16-jährige Deutsche ist mit einem syrischen Flüchtling zusammen, wobei zum Handlungszeitpunkt das Verhältnis der beiden laut Redaktion bereits länger als ein Jahr andauerte. Das Alter des Syrers wurde mit 17 angegeben und später in mehreren Schritten auf 19 und 20 nach oben korrigiert. Dabei gibt es nicht erst seit dem Tötungsdelikt im pfälzischen Kandel im Dezember berechtigte Diskussionen über Altersangaben minderjähriger Flüchtlinge. Das hätte dem Sender bewusst sein müssen. Nach dem mutmaßlichen Mord ging der Ärger über den Kika-Film los, Diskussionen über die ARD-Berichterstattung zur Kandeler Tat trugen dazu bei. Falls Sie das näher interessiert: eine ARD-kritische Position bietet Birgit Gärtners „Telepolis“-Beitrag. Aber dieser Fakt findet bei Ihnen gar nicht statt!

Screenshot "Malvina, Diaa und die Liebe"

Screenshot "Malvina, Diaa und die Liebe"

Der Erfurter Stadtrat Hans Pistner (CDU) übrigens sah durch die Produzenten der Sendung den Straftatbestand laut Paragraf 180 des Strafgesetzbuches erfüllt und mutmaßt in seiner entsprechenden Anzeige, dass der Mann deutlich älter sei. Darauf lasse zum Beispiel dessen Körperbau schließen. Auch der Fakt findet bei Ihnen nicht statt!

Dann: das „Like“ des Syrers auf der Seite des Salafistenpredigers Pierre Vogel. Wieso verzichtete der Hessische Rundfunk (HR) aus „Sicherheitsgründen“ auf die Ausstrahlung eines mit Diaa gemachten Interviews über die Umstände des Likes? Woher wusste der Syrer aus Aleppo vom deutschen Islamisten Pierre Vogel? Warum „bewarb“ er sich auf dessen Facebook-Seite für eine doch offensichtlich ernsthafte und nichttouristische Reise nach Mekka, wie sie Vogel seit Jahren anbietet? Dabei ist noch gar nicht der arabische Eintrag unter einem Foto erwähnt, das Diaa auf einer Kanone zeigt. Laut HR lautet die Übersetzung „Ich werde bewirken, dass alle Deutschen zum Islam konvertieren“ und sei „als Scherz gemeint“. Soso.

Und letztens: die These, den Einfluss des Fernsehens auf heutige Kinder zu überschätzen, da YouTube und andere Kanäle längst übernommen hätten. Was der Unterschied zwischen den Bewegtbildern der genannten Medien sein soll, wissen wahrscheinlich nur Sie allein. Und was die Wirkung nicht nur nonfikationaler Bewegtbild-Formate betrifft, empfehle ich Ihnen neben Manfred Spitzers Texten gern die in der folgenden Literaturliste.

Dabei bleibt unberücksichtigt, dass sich der Sender im Januar weitere Pikanterien leistete. So wurden unter dem Motto „Geht nicht gibt’s nicht“ ein Film gezeigt, in dem Jugendliche den Verschluss eines BHs an einer Schaufensterpuppe öffnen, von denen mindestens zwei nicht als Bio-Deutsche zu identifizieren waren; und auf der KiKa-Homepage ein Busen-Memory-Spiel „Brüste! Brüste! Brüste!“ sowie zwei „Fremdsprachen-Spickzettel“ zu den Themen: „Brüste und Vagina international“ sowie „Penis und Hoden international“ angeboten. Mit solcherart Kenntnissen ausgestattet, steht dann der Beziehung zwischen den schon länger hier lebenden Frauen und den schutzsuchenden Männern nichts mehr im Wege. Aber für Sie ja längst Normalität. Welche Parallelwelt lässt da grüßen.

Facebookbild Islamisierung. Screenshot Twitteraccount B.v.Storch

Facebookbild Islamisierung. Screenshot Twitteraccount B.v.Storch

Fazit: sie haben einen erbärmlich versimplifizierenden und dabei manipulierenden Text verfasst, der das Narrativ des „guten Flüchtlings“ bedienen und sämtliche negativen Aspekte ausblenden will. Eine kleine publizistische Inhaltsanalyse der letzten Monate ergab, dass sich Frauen von „rechten“ deutschen Männern trennen – und ihr Herz für Flüchtlinge entdecken sollen: der moderne Nanny-Journalismus nimmt absurde Züge an. Genau da ordnet sich ihr Pamphlet ein. Verstärkt wird dem uneinsichtigen Bürger mit Beginn der sogenannten Flüchtlingskrise, bei Strafe sozialer Ächtung, nicht mehr nur vorgeschrieben, wie und was er zu denken, sondern auch, wie und was er zu fühlen hat. Viele Medien sind dabei fast durchgehend zu einer Art von staatlich gelenktem Erziehungsprogramm geworden. In George Orwells „1984“ ist es bezeichnenderweise das „Ministerium für Liebe“, dessen Gedankenpolizei für Recht und Ordnung sorgt und Menschen auf Parteilinie „umdreht“.

In Deutschland sind es teilweise anonymisierte Erzählungen teilweise in der Tradition des „narrativen Journalismus“ über Beziehungen, die entweder an politischer Unvereinbarkeit scheitern sollen oder trotz kultureller Unterschiede gelingen und fruchtbar sein müssen: ich verweise nur auf den ZEIT-Text „Eine neue deutsche Kleinfamilie“, den Akif Pirincci einer vernichtenden Kritik unterzog. Einem entsprechenden Plakat der DAK wird im Netz gar institutionalisierte Kuppelei vorgeworfen. Die Kehrseite derselben Medaille ist, dass die Beschreibung von Gewalttätern gegen Frauen in vielen Medien, u.a. in der Stuttgarter Zeitung oder der WAZ, ohne „südländische“ Tätermerkmale auskommt, obwohl sie die Polizeiberichte eindeutig nennen.

Der große Leipziger Neorealist Neo Rauch bringt die irrationale Fehldrift Deutschlands in einem SPIEGEL‐Interview auf den Punkt: „Die, die rational sind, bilden eine Minderheit. Sie sind mit dem Wasser der Aufklärung gewaschen, und dieses Bad ist nicht jedem zuteilgeworden, und es ist auch in seiner Wirkung nicht bei allen nachhaltig. Wider besseres Wissen verneigen sich große Teile, vor allem der Linken, vor einer frauenverachtenden, todesverliebten Wüstenreligion. … Ich als Romantiker möchte jetzt wieder in das Lager der Aufklärung wechseln, da ich feststelle, dass dort offenbar ein Personalmangel herrscht.“

Ich auch.

Mit verhältnismäßig freundlichen Grüßen

Dr. Thomas Hartung

„Wer hat‘s erfunden“? – die Antwort auf die Frage am Ende der Ricola-Werbung ist offenbar auch richtig, wenn es darum geht, wer „Neger“ in diesem Jahrzehnt wieder ins deutschsprachige Kreuzworträtsel gebracht hat. Es war ein Flugblatt der Schweizer Demokraten (SD) im Wahlkampf 2011, das nach Befund der Oberstaatsanwaltschaft Zürich nicht gegen die Antirassismus-Strafnorm verstoße: nicht alles sei strafbar, was geschmacklos sei, sondern nur, was die Menschenwürde in grober Weise herabsetze, so die Sprecherin Corinne Bouvard. Die Aussage zum Lösungswort lautete: „Es ist auch für sie besser, auf ihrem Kontinent zu bleiben“.

Nachdem bereits 2015 die Kirchenzeitung „Kirche + Leben“ des Bistums Münster den als „N-Wort“ verpönten Begriff auf die Frage nach einer „Menschenrasse“ wissen wollte, wiederholte sich das Ereignis nun Mitte Januar 2018 in der Unternehmenszeitschrift „Klinoskop“ des Klinikums Chemnitz. Die Frage lautete diesmal: „Mensch mit schwarzer Hautfarbe“. „Das ist ein Fauxpas, der geht gar nicht“, erklärte ein Sprecher. Von der 12 500 Mal gedruckten Ausgabe wurden 8 500 Exemplare wieder eingesammelt. Das Heft werde komplett neu gedruckt und verteilt, sagte der Sprecher.

Das Kreuzworträtsel wurde den Angaben zufolge von der Chemnitzer Agentur „Cartell“ mittels eines IT-gestützten Generators erstellt. Gegen das Unternehmen, dessen Geschäftsführer pikanterweise der Grünen-Fraktionschef Thomas Lehmann ist, würden nun rechtliche Schritte geprüft. Rassismus in Sachsen, wieder mal? Natürlich war die Geschichte in allen Medien. Einige davon (bspw. der Kölner „Express“) schreckten nicht davor zurück, Substantive wie „Skandal“ zu verschlagzeilen – im Fall Kandel textete das Blatt zuerst „Streit in Drogeriemarkt“ und dann „Bluttat in Drogeriemarkt“.

Stephan Remmler beim Kölner Konzert. Quelle: Youtube

Stephan Remmler beim Kölner Konzert. Quelle: Youtube

Um die Absurdität nochmals zu betonen: 1992 hat Stephan Remmler in Köln auf einem von der Initiative „Arsch huh, Zäng ussenander“ veranstalteten Konzert noch gesungen „Mein Freund ist Neger“, um zur Verbundenheit mit Menschen anderer Hautfarbe aufzurufen. Heute ist das Wort Grund für die Einleitung rechtlicher Schritte und das Einstampfen/Neudrucken einer fünfstelligen Zeitungsauflage ungeachtet aller Bekenntnisse zum Umweltschutz. Das ganze Problem hätte sich nicht gestellt, hätte man gefragt nach einem verstorbenen Mainzer Karnevalisten, einem Nebenfluss der Ruhr, einem Stadtteil von Olpe, einem Ein-Mann-Torpedo der deutschen Kriegsmarine oder einem Biermischgetränk. Was ist da nur schiefgelaufen?

Als Schwarz und Weiß noch Hautfarben waren

Werfen wir einen Blick in unsere Sprachgeschichte. Das alt- und mittelhochdeutsche Lehnwort „Mohr“ aus dem lateinischen „maurus“ für die Bewohner Mauretaniens stand bereits seit dem Mittelalter verallgemeinert für „Menschen mit dunkler Hautfarbe“; hier spielte wiederum das griechische ἀμαυρός (amauros, „im Ganzen dunkel“) mit hinein. Es wird heute vor allem im historischen oder literarischen Zusammenhang oder als Teil von Bezeichnungen (z. B. als Wappenfigur) gebraucht.

Andere Quellen sprechen von St. Mauritius, dem Anführer der Thebanischen Legion in Ägypten zur Römerzeit, der sich weigerte, Christen nur um ihres Glaubens willen zu töten, lieber selbst unschuldig sterben wollte und so zum Märtyrer wurde. In ottonischer Zeit stieg er zum Schutzpatron des neuen Erzbistums Magdeburg auf. Im Magdeburger Dom findet man seine Plastik als Vollblut-Afrikaner. Auch ein Teil seiner Reliquien wird dort aufbewahrt, ein weiterer Teil im Dom zu Vienne in Burgund und weitere Überreste in einem Kloster bei Genf. Nach der eingedeutschten Namensform sind die St. Moritz-Kirchen nach ihm benannt, ebenso die Moritzburg bei Dresden, in Halle/Saale und in Zeitz. Auch der Ski-Ort St. Moritz und die Insel Mauritius sind wohl (zumindest indiekt) nach ihm benannt.

Spätestens seit dem 18. Jahrhundert wurde Mohr auf deutschem Gebiet von „Neger“ abgelöst. Dieses Wort nun stand für „Schwarzer“ in Ableitung aus dem französischen Wort für „schwarz“ (nègre), das vom spanischen „negro“ stammt, das wiederum auf das lateinische Wort „niger“ für die Farbe Schwarz zurückgeht. In den deutschen Wortschatz aufgenommen wurde es laut der Gebr. Grimm vom Lexikografen Johann Christoph Adelung, der als Oberbibliothekar der Kurfürstlichen Bibliothek in Dresden arbeitete. Es ist also unumstritten, dass sowohl Mohr als auch Neger auf die dunkle Hautfarbe abstellten.

Aber schon im Mittelalter zeichnete sich ab, dass mit der Hautfarbe neben der Oberflächendifferenz auch tiefensemantische Bezüge herstellbar sind. So erweiterte Wolfram von Eschenbach die Gralsgeschichte des Chrétien de Troyes um die Begegnung von Parzivals Vater Gahmuret mit der schwarzen Königin Belacane, für die er kämpft und mit der er den Sohn Feirefiz zeugt, der später seinem Halbbruder Parzival hilft, den Gral zu finden. Das könne man einerseits als Strategie in der Auseinandersetzung zwischen Christentum und Islam lesen, die andererseits aber nicht in der hegemonialen Konfrontationsrhetorik der Kreuzzüge, sondern als Utopie eines kulturübergreifenden, Differenz akzeptierenden Rittertums erzählt werde, so Hinrichsen/Hund in ihrem Aufsatz „Rassismus Macht Sprache“. Wolfram reagiere damit auf aggressive Erzählungen wie das Rolandslied des Pfaffen Konrad, in dem sich heidnische Könige mit ihren Kriegern „swarz unt übel getan“ auf die Christenheit stürzen.

600 Jahre später dann das Gegenmodell. Heinrich von Kleists „Die Verlobung in St. Domingo“ thematisiert das Verhältnis von Schwarzen und Weißen nach dem Zusammenbruch der Sklavenhaltergesellschaft in Haiti zu Beginn des 19. Jahrhunderts anhand zweier Einzelschicksale: einem Weißen, der irrtümlich seine schwarze Geliebte erschießt. Anke Körner erklärt die romantische Novelle lapidar als „gescheiterte Utopie der Gewaltlosigkeit“. Ganz anders die schwarze Dozentin Marie Biloa Onana:

„Sie gibt den rassistischen Theorien Immanuel Kants literarische Form und nimmt dabei die allgegenwärtige Diskriminierung und Stereotypisierung Schwarzer in der deutschen Kolonialliteratur nach 1884 vorweg“.

zeitgenössisches Theaterplakat. Quelle: http://digital.lb-oldenburg.de/ihd/periodical/pageview/399071

zeitgenössisches Theaterplakat. Quelle: http://digital.lb-oldenburg.de/ihd/periodical/pageview/399071

Kleist schildere die Revolution in Haiti als die Zeit, „als die Schwarzen die Weißen ermordeten“, er ließ „eine Gruppe von Weißen auf der Flucht durch das ‚Mohrenland‘ ziehen, das er aber voller ‚Neger‘ sah und dabei dieses Wort derart penetrant häufig benutzte, dass man meinen könnte, er wäre zur Propagierung solch gewaltsamer Sprache durch einen königlich-preußischen Diskursbeauftragten veranlasst worden. Theodor Körner nutzte Kleists Erzählung als Vorlage für eine rassistische Theaterschnulze“, so Hinrichsen/Hund – gemeint war „Toni“ („…Gefährlich wird‘s, im Haus zu übernachten/ Die Negerbanden streifen rings umher/Wir sind nicht sicher vor den schwarzen Gästen…“, 1812).

Zwischen Sklave und Beruf

In diesen 600 Jahren also soll „Neger“ im deutschen Sprachraum eine Stereotypisierung erhalten haben, die nicht auf die Wahrnehmung natürlicher Unterschiede zurückginge, sondern als pejorative, abwertende Komponente sich bereits während des spanischen und portugiesischen Sklavenhandels entwickelt habe: die „Bezeichnung“ wäre mit dem „Wort“ Sklave konnotiert und im Weiteren mit anatomisch-ästhetischen (hässlich), sozialen (wild, ohne Kultur), sexuellen (abnorm) und psychologischen (kindlich) Vorstellungen verknüpft und nicht zuletzt durch die Debatten um den Rasse-Begriff von Linné, Kant, Meiners etc. befeuert worden. So lautet der Erklärungsversuch von Dakha Deme aus dem Jahr 1993, auf den heute mehrfach der wikipedia-Artikel „Neger“ rekurriert. Das Klischee der Kulturlosigkeit bedient etwa Johann G. Scheffners (1736-1820) Gedicht „Der Neger und die Bäuerin“.

Deme ist übrigens Inhaber des Lehrstuhls für Germanistische Linguistik an der Universität Dakar (Senegal). Damit scheint zunächst kanonisiert, dass unsere Germanistik die Etymologie eines neuzeitlichen deutschen Lehnworts unkommentiert von einem senegalesischen Nichtmuttersprachler interpretieren lässt. Anekdote am Rande: Leopold Senghor, der erste Staatschef des Senegal und Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels, erklärte seinerzeit das Wort sogar zum Adelsbegriff:

„Meine Négritude ist kein Schlaf der Rasse, sondern Sonne der Seele“.

Die Hermeneutik wird nicht einfacher, wenn man weiß, dass es schon lange einen Nachnamen „Neger“ im deutschsprachigen Raum gab, bevor sich das Wort als Synonym für einen Schwarzen im 17. Jahrhundert zu verbreiten begann – als eine der mundartlichen Varianten des Berufsnamens des Nähers. Das schon im Althochdeutschen belegte Tätigkeitswort „nähen“ erscheint ab mittelhochdeutscher Zeit in mehreren regionalen und mundartlichen Varianten, darunter neben „nêjen“, „nêwen“ oder „nêhen“ auch in den verhärteten Varianten „nêgen“, „nâgen“ und „neigen“. „Die Familiennamen Näger, Neger und Neiger sind klar als Berufsnamen des Nähers zu identifizieren“, so der Namensforscher Jürgen Udolph in der WELT.

Im Falle des Mainzer Dachdeckers Thomas Neger und seinem Firmenlogo, das einen Neger zeigt und das sich der Inhaber zu ändern weigert, führte diese Polysemie zu einem erbitterten, medial ausgetragenen Streit zwischen ihm und Namenskritikern. „Die Namensänderung würde einen fünfstelligen Betrag kosten, Fassadenlogos, Internet und, und, und. Wir sehen dazu keine Veranlassung. Fakt ist: Es ist nicht verboten“, so der Enkel der Mainzer Karnevallegende 2015 ebenfalls in der WELT.

Inhaber mit Logo. Quelle: http://www.thomas-neger.de/Startseite/index.php/

Inhaber mit Logo. Quelle: http://www.thomas-neger.de/Startseite/index.php/

Prompt tauchten in der Stadt Aufkleber auf, mit Negers Gesicht darauf und dem Satz: „Rassismus einen Namen geben“. Der Facebookseite „Ein Herz für Neger – Solidarität für Thomas Neger“ steht die Facebookseite „Das Logo muss weg“ gegenüber – sie hat übrigens weniger Anhänger. Im Raum steht gar der Begriff des „Warenrassismus“ für den Erwerb und Verzehr von (Konsum)Gütern a la „Negerkuss“. Der Vorwurf: Wer seine Ware ästhetisch aufpolieren möchte, bedient sich im rassistischen Bilderhaushalt.

Zwischen Diffamierung und Satire

Dieser Streit ist nur ein Puzzleteil von vielen, die seit der Jahrtausendwende die Entwicklung hin zu einem unguten Gesamtbild von sprachpolitischer Korrektheit deutlich werden lassen. Zwar durfte sich Harald Schmidt 2002 in einer Ausgabe seiner Late-Night-Show auf Sat.1 mit dem Begriff „Neger“ noch minutenlang sarkastisch auseinandersetzen. Aber bereits am 15. Juni 2000 urteilte das Amtsgericht Schwäbisch Hall: Wer einen Schwarzen öffentlich als „Neger“ bezeichnet, darf ungestraft „Rassist“ genannt werden. Für die Richterin sei es „schwer vorstellbar“ gewesen, dass dem Betroffenen „der diffamierende Charakter des Ausdrucks „Neger“ nicht bekannt gewesen sein soll.

15 Jahre später fällt eine Richterin am Amtsgericht Hamburg-Barmbek ein ähnlich hanebüchenes Urteil gegen eine 78-Jährige wegen Beleidigung. Sie muss eine Geldstrafe von 100 Euro zahlen, weil sie einen farbigen Jungen als „Neger“ bezeichnet hatte. Diese Beschimpfung wiege schwerer als der Ausdruck „Nutte“, mit dem der Elfjährige die Rentnerin zuvor belegt hatte. Staatsanwaltschaft und Verteidigung hatten auf Freispruch plädiert. Verteidiger Stefan Lanwer zeigte sich nach dem Urteil entsetzt: „Das ist politische Rechtsprechung“.

Manchmal treibt diese Hermeneutik auch absurde Blüten. So ziert das Cover des Buchs „Singen können die alle! Handbuch für Negerfreunde“ des schwarzen Kölner Comedians Marius Jung ein nackter Schwarzer mit einer großen Schleife vor dem Penis. Das Referat für Gleichstellung und Lebensweisenpolitik der Universität Leipzig verlieh ihm prompt einen Negativ-Preis für die „stereotype Darstellung eines nackten schwarzen Menschen, der durch eine rote Geschenkschleife objektiviert wird. Dies erinnerte uns an rassistische Motivik.“ Harald Martenstein wütete darob 2014 in der ZEIT:

„Die Vorstellung, dass vermutlich zumeist schwanenweiße Jungs und Mädels in Deutschland einen rabenschwarzen Künstler wegen Rassismus an den Pranger stellen, nur weil dieser schwarze Bengel sich die Frechheit erlaubt, so etwas ihren deutschen Quadratschädel Überforderndes wie Satire und Sarkasmus zum Einsatz zu bringen, hat etwas Gespenstisches, oder? Das Cover kann man missglückt finden, wer es rassistisch findet, hat vor allem ein Bildungsproblem.“

Jung-Cover. Quelle: https://books.google.de/books?id=BtgbAwAAQBAJ&printsec=frontcover&hl=de&source=gbs_ge_summary_r&cad=0#v=onepage&q&f=false

Jung-Cover. Quelle: https://books.google.de/books?id=BtgbAwAAQBAJ&printsec=frontcover&hl=de&source=gbs_ge_summary_r&cad=0#v=onepage&q&f=false

Anders in der Schweiz, wo Comedian Marco Rima („Samstagnacht“, RTL) seit Jahren entsprechende Witze machen kann: „Warum gebe ich einem Neger nur weiße Schokolade zum Essen? Damit er sich nicht in die Finger beißt.“ Für die grüne Berner Gemeinderätin Franziska Teuscher werden mit solchen Witzen laut „Tagesanzeiger“ definitiv Grenzen überschritten: „Falls Rima den Begriff ‚Neger‘ verwendet, schockiert mich das. Es ist allgemein bekannt, dass dieser Begriff stark diskriminierend ist. Auch Comedians müssen sich ans Recht halten und zum Beispiel die Antirassismus-Strafnorm beachten.“ René Tanner, Rimas Manager, meint in der „Aargauer Zeitung“ trocken, dass „die Ironie wohl nicht alle verstehen“. „Witze sind ein Katalysator für unsere Ängste und Sorgen, wir können uns ja nicht ständig politisch korrekt verkrampfen“, so Rima bereits 2003 in der „Weltwoche“.

Als der SVP-Nationalrat Erich Hess während einer Debatte im Berner Stadtrat 2017 sagte, dass man auf dem Vorplatz des Kulturzentrums Reithalle „hauptsächlich Neger am Dealen“ sehe, zeigten ihn die Jungen Grünen an. Die Berner Staatsanwaltschaft entschied, dass die Äußerungen nicht rassistisch seien. Der Beschluss empört die Jungen Grünen: „Erich Hess hat afrikanischstämmige Menschen pauschal als Drogendealer abgestempelt“, dass dies ohne Konsequenzen bleibe, sei „inakzeptabel“.

Signalwort oder rassistisches Schimpfwort?

Fast so verkrampft wie in Deutschland fühlt es sich dagegen in Österreich an – mit Ausnahme des Adjektivs „neger“: einem ostösterreichischen, alten Synonym für pleite, ja mittellos mit der Herkunft „im Dunklen, Verborgenen“ (ähnlich „schwarzfahren“), das – volksetymologisch abschätzig mit schwarzen Zuwanderern in Verbindung gebracht – Habenichtse und Schnorrer suggeriert. Der Österreichische Presserat bewertete 2014 die Verwendung des Begriffs „Negerkinder“ in einem Kommentar in der Zeitschrift „Meine Steirische“ als Verstoß gegen den Ehrenkodex und verneinte einen satirischen Kontext. Weiterhin führte er aus, dass der Begriff „Neger“, obwohl er in der Vergangenheit als unbedenklich gegolten haben mag, inzwischen eine diskriminierende Bedeutung besitze.

Als „Negerkonglomerat“ bezeichnete der ehemalige FPÖ-EU-Spitzenkandidat Andreas Mölzer in einer Europawahlkampfrede die Europäische Union und ein seiner Meinung nach zunehmendes Chaos in der EU. Die „auf diese Weise ausgedrückte rassistische und stark abwertende Bedeutung des Ausdrucks“ macht es zum Unwort des Jahres 2014. Das Oberlandesgericht Innsbruck erkannte 2017 einem in Österreich lebenden Brasilianer 1500 Euro samt acht Prozent Zinsen zu: Ein Kollege hatte ihn als „Neger“ beschimpft.

Aktuell neigt sich das Pendel eindeutig der negativen Hermeneutik zu. Eine Person, die das Wort „Neger“ verwendet, ist zwar nicht automatisch ein Rassist, so die Einschätzung von Albrecht Plewnia vom Mannheimer Institut für Deutsche Sprache. Der Germanist beklagt eine reflexhafte Reaktion in den sozialen Netzwerken auf bestimmte Begriffe: „Ein Signalwort reicht aus, um einen Shitstorm auszulösen.“ Konkret ging es um Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU), der 2015 in der Sendung „Hart, aber fair“ sagte: „Roberto Blanco war immer ein wunderbarer Neger, der den weißen Deutschen wunderbar gefallen hat.“ Blanco ist CSU-Ehrenmitglied, der Kontext nicht ehrenrührig. Bis heute darf auch die sächsische Rosenlöcher Heimtiernahrung GmbH ihr Vogelfutter “Negersaat” anbieten.

Herrmann und Blanco. Quelle: https://www.welt.de/vermischtes/prominente/article146057574/Joachim-Herrmann-begegnet-wunderbarem-Menschen.html

Herrmann und Blanco. Quelle: https://www.welt.de/vermischtes/prominente/article146057574/Joachim-Herrmann-begegnet-wunderbarem-Menschen.html

Für den Mainzer Ethnologen Matthias Krings dagegen macht es einen Menschen zum Rassisten, wenn er Neger sagt, selbst wenn man es früher auch gesagt habe und doch gar nicht böse meine. Und für Oliver Marquart vom Portal rap.de ist es gar ein „rassistisches Schimpfwort. Es stellt schwarze Menschen als Weißen unterlegen, als zur Sklaverei geborene, minderwertige Wesen dar. … in diesem Wort stecken 500 Jahre Sklaverei, Kolonialismus, Völkermorde, schlimmste Verbrechen.“

Den theoretischen Subtext solcher Wertungen lieferte u.a. Hund 1999, für den „in einem langwierigen und keineswegs gradlinigen Prozess ein im Verlauf des 16. und 17. Jahrhunderts zusehends negativ gekennzeichnetes Mohrenbild mit der im 18. Jahrhundert entwickelten Ordnungskategorie Rasse zum Begriff des Negers verschmolzen“ wurde. Diese auf Wikipedia genüsslich zitierte These wird sonst nirgendwo akademisch aufgegriffen. Andere sehen in der Behauptung einer früheren nicht-diskriminierenden Verwendung des Wortes gar eine „Verkennung sprachgeschichtlicher Kontexte und kolonialistischer Begriffs- und Konventionalisierungsgeschichte“.

Signalwort oder rassistisches Schimpfwort? Der Düsseldorfer Sprachwissenschaftler Rudi Keller löste dieses Paradoxon in seinem Buch „Sprachwandel“ (2003) als „konnotative Leiter“ auf seine Weise: bei der Auswahl der Bezeichnung, mit der wir über Mitglieder einer Kategorie reden, wähle man sicherheitshalber immer einen Begriff, der positiver konnotiert ist als der neutrale. Bis in die 60er Jahre (und in der DDR bis 1989, im Bewusstsein ihrer Sprachträger aber bis heute) war Neger ein neutraler Begriff, der wie von Anbeginn als Benennung einer Differenz zu den hellhäutigen, „weißen“ Mitteleuropäern durch dieselben diente.

Vor allem im Zusammenhang mit dem zunehmenden Bewusstsein für die Ungleichbehandlung von Schwarzen in den USA griffen Politik und Medien sicherheitshalber zum nächsthöheren Begriff auf der konnotativen Leiter: Schwarzer oder auch Farbiger, und damit wurde der Begriff Neger nach unten gedrängt. Die Genese dieser konnotativen Leiter lässt sich gut am Beispiel des „Nicknegers“ nachvollziehen: eine Figur auf Spendensammelbehältern in Kirchen und anderen Einrichtungen in Form eines Negers, der dankend nickt, wenn eine Münze eingeworfen wird.

Nach der Aufforderung von Bistumsleitungen zur Entfernung der Missionsspardosen verschwanden diese nach 1960: Der Zeitgeist hatte sich so weit gewandelt, dass im Rahmen der kirchlichen Eine-Welt-Entwicklungspolitik die Bewohner ärmerer Länder nicht weiter als hilflose Bittsteller, sondern als gleichberechtigte Partner betrachtet wurden. Nach der Jahrtausendwende sind sie fast nur noch bei Sammlern oder in Museen zu finden. Ab 2004 warb die Christoffel-Blindenmission mit einem Plakat um Spenden, auf dem ein schwarzer Blinder abgebildet war, dessen Augen als Geldeinwurfschlitze dargestellt waren. Die Kampagne, für die die Agentur BBDO noch einen Preis des Gesamtverbands Kommunikationsagenturen gewonnen hatte, wurde nach Protesten 2006 eingestellt.

Nickneger. Quelle: http://www.lichtbild.org/index.php?rubrik_id=3&artikel_id=14&galerie_id=18&bild_id=406

Nickneger. Quelle: http://www.lichtbild.org/index.php?rubrik_id=3&artikel_id=14&galerie_id=18&bild_id=406

„Mentales Gift“

Der Mechanismus, warum überhaupt dieses Leiterprinzip „Subtext schlägt Text“ Fuß fassen kann, ist also kein neutraler, wissenschaftlicher, „objektiver“, sondern ein ideologisch-emotionaler. Diefenbach/Ullrich erklärten ihn in ihrem Buch „Es war doch gut gemeint“ mit der Unmöglichkeit, die Wirklichkeit in ihren Schattierungen mit der Sprache der politischen Korrektheit so zu beschreiben, dass er allen Kommunikationsteilnehmern gerecht wird. Man braucht sich nur vorzustellen, ob ein Gegenüber es begrüßt, als Schwarzer bezeichnet zu werden, nur weil man sich selbst einen Weißen nennt.

Denn: „immer taucht jemand auf, der im Namen einer Gruppe, der er nicht einmal zwingend angehören muss, Widerspruch anmeldet: So geht das nicht. Das darf nicht gesagt und schon gar nicht geschrieben werden“. Die Autoren nennen das „mentales Gift“, destruktiv und gesellschaftszerstörend, denn damit werden die Verhältnisse von Relevanz und Evidenz umgekehrt: Was anfangs der besten Absicht folgte, Minderheiten zu schützen, drohe inzwischen, die Gesellschaft zu beschädigen.

So schrieb 2007 der Verein „Schwarze Filmschaffende in Deutschland“ (SFD) dem WDR einen Brief (Betreff: Tatort „Ruhe Sanft“) und wetterte gegen den „diskriminierenden, kolonialrassistischen, semantischen Charakter“ des folgenden ironischen Trialogs:

Nadeshda: „Wie heißen noch mal die Leute, die immer schwarz rumlaufen?“

Boerne: „Neger. Also, ich wollte sagen … [sucht nach Worten] Mitbürger afro … amerikanischer … Also Thiel, wie nennt man die denn jetzt eigentlich korrekterweise?“

Thiel: „Nadeshda, fragen Sie doch mal bei den Grünen nach. Na, die kümmern sich doch um solche Dinge, Dosenpfand und so …“

Jüngstes Beispiel: Der Geschäftsführer der Kommunalen Ausländer- und Ausländerinnenvertretung (KAV) Frankfurt, Thomas Usleber, sagte der „Hessenschau“, Worte wie „Neger“ oder „Mohr“ seien zu Recht als rassistisch anerkannt. Er fordert, die Stadt solle sich dafür einsetzen, dass sich die Frankfurter „Mohren-Apotheke“ und die „Apotheke zum Mohren“ neue Namen suchen. In der Begründung für den Antrag heißt es, Frankfurt müsse „Flagge gegen die Verwendung rassistischer Bilder und Bezeichnungen zeigen“.

Zwar werden Frankfurter Stadtverordnete der Fraktionen „Die Frankfurter“, „Bürger für Frankfurt“ und der AfD mit Reaktionen zitiert wie „Bekloppt“, „Leute, die sonst nichts zu tun haben“ oder „Kann man nicht ernst nehmen“. Tahir Della, Sprecher der Initiative Schwarzer Menschen in Deutschland, kontert prompt:

„Der Begriff wird von schwarzen Menschen als rassistisch wahrgenommen“, und diese Wahrnehmung solle doch Grundlage des Handelns sein, unabhängig davon, ob man sie nachempfinden könne oder nicht.

Mohren-Apotheke. Quelle: http://static3.fnp.de/storage/image/8/0/8/8/2098808_cms2image-fixed-605x320_1qrDUn_PxiPSE.jpg

Mohren-Apotheke. Quelle: http://static3.fnp.de/storage/image/8/0/8/8/2098808_cms2image-fixed-605x320_1qrDUn_PxiPSE.jpg

Er wünsche sich, dass das „M-Wort“ aus dem deutschen Sprachgebrauch verschwindet. Und wer noch? Für den schwarzen Philosophen und Lyriker Achille Mbembe ist Schwarz keine Farbe, sondern eine Demütigung. Aber für wen noch? Wie viele gedemütigte „schwarze Menschen“ beträfe das im Verhältnis zu den Nicht-Gedemütigten in Deutschland? Dass man es nie jedermann recht machen kann, wusste bereits Platon. Und hier tritt das Problem zutage, das Neo Rauch 2017 in der ZEIT auf den Punkt brachte:

„Heute werden Minderheiten zu Mehrheiten stilisiert, an deren Bedürfnislagen wir uns auszurichten haben, sofern wir nicht mit der Brandmarke des Sexismus oder Chauvinismus ausgestattet werden wollen. Das ist ein Zustand, der nicht hinnehmbar ist auf Dauer“.

Vertreter von Minderheiten erheben also medial potenzierte Wünsche/Forderungen (oder andere Personen, bspw. Richter oder Studenten, ungesicherte und/oder emotionale, oft auch mit Meinung verwechselte Argumente, vielleicht gar in „Wir“-Form), deren Qualität, Gehalt und Provenienz nicht hinterfragt, sondern gesetzt werden und die damit per se als diskurswürdig und diskursfähig gelten, obwohl sie bestenfalls anmaßend sind und schlimmstenfalls hysterisch, in jedem Falle aber dem gesunden Menschenverstand tradierter Mehrheitsdiskurse konträr gegenüber stehen. Peter Graf Kielmansegg kritisiert in der FAZ bspw. den „kulturrevolutionären Akt“ der „Ehe für alle“ als „individuelle Entscheidung auf Kosten des Gemeinwohls“ wider jegliche Erfordernisse kultureller Kontinuität, eine Entscheidung „gegen stabile Mehrheitsanschauungen, die die eigene Lebenspraxis betreffen“. Vor allem nach dem Gesetz der Schweigespirale (und weiteren medienpsychologischen sowie -soziologischen und auch machtpolitischen Phänomenen) beanspruchen die neuen Aussagen plötzlich Diskurshoheit, obwohl sie nicht ansatzweise über die soziale und/oder wissenschaftliche Verankerung verfügen, die dieser Hoheit entspräche. Kurz: es geht um Deutungshoheit, mithin immer um Macht.

Die Folge ist laut Diefenbach/Ullrich eine gestörte Kommunikation zwischen Staat und Gesellschaft, verbunden mit Rückzügen in Nischen, in denen nur noch Gleichgesinnte warten. Für eine freie Gesellschaft – darauf angewiesen, ihre inneren Befindlichkeiten nach außen zu tragen und öffentlich zu verhandeln – sei das eine Katastrophe. Die Ideologie der politischen Korrektheit ähnele in ihrem Aufbau einer Religion, deren Anhänger trotz der inzwischen zu besichtigenden Schäden an der Meinungsfreiheit dogmatisch an ihrem Glauben festhielten.

Dieser Umdeutungsprozess ist „Neger“ bereits widerfahren. Man kann zwar meinen, damit kontextfrei die Differenz der Hautfarben zu bezeichnen. Vertreter gefühlter Mehrheiten werden jedoch sofort den Subtext betonen und behaupten, man bediene den rassistischen Stereotyp, will man nicht – bestenfalls – als ungebildet oder rückständig gelten. So herrsche 2015 für Stefan Kuzmany vom SPIEGEL „in zivilisierten Kreisen dieses Landes längst Einigkeit darüber, dass das N-Wort eine Beleidigung für Menschen dunkler Hautfarbe ist und deshalb nicht verwendet werden soll“. Sollte man das als überhebliche Pharisäerhäme abtun oder sich einfach als unzivilisiert bezeichnen? Oder sollte man endlich sagen: „Dann ist es halt beleidigend, Punkt?“ Dieter Nuhr und Peter Sloterdijk brachten das mit ihren Bonmots “Ich habe kein Verständnis dafür, dass die bei uns lange erkämpfte Meinungsfreiheit nicht mehr ernst genommen wird, wenn sich jemand beleidigt zeigt.” sowie “Es gibt kein Recht, von Beleidigungen frei zu bleiben, erst recht keinen Anspruch auf Überempfindlichkeit.” auf den Punkt.

Neger steht nämlich auch noch in der Literatur. Die Debatte, die in Deutschland spätestens 2002 mit den unsäglichen Hannoveraner Vorgängen um Agatha Christies Krimi „Zehn kleine Negerlein“ begann, erreichte 2013 ihren Höhepunkt anhand der Kinderbuchklassiker von Otfried Preußler und Erich Kästner sowie den deutschen Übersetzungen von Astrid Lindgren. Anlass war die Entscheidung des Thienemann-Verlags, neben anderen möglicherweise diskriminierenden Wörtern in Preußlers „Die kleine Hexe“ vorbeugend „Neger“ zu ersetzen – sinnigerweise durch „Messerwerfer“.

Christie-Metamorphose. Eigene Darstellung

Christie-Metamorphose. Eigene Darstellung

Der Jim in „Huckleberry Finn“ kann aber kein „Farbiger“ (o.ä.) sein, weil das ein umgekehrter lexikalischer Anachronismus wäre. Denn ein vielleicht politisch korrektes Ersatzwort ändert am (wie auch immer beschaffenen) Faktum selbst nichts. Das trifft auf die Nicht-Hörenden genauso zu wie auf die Nicht-Sehenden. Der Unterschied ist, dass „Taube“ und „Blinde“ von den Betroffenen nicht als Beleidigung angesehen werden, weil sie als Worte sozial nicht geächtet waren. Reinhard Mohr (!) beklagte in der Welt:

“…die ebenso blitzschnelle wie bedenkenlose Moralisierung aller Diskurse, die die Widersprüche der Realität unter sich begräbt. Es geht um Affekte statt um Argumente. Ein Reizwort reicht, und schon gerät die praktische Vernunft unter die Räder. Schande, Scham und der Aufschrei im Chor ersparen das Selberdenken. Nie war die Moral to go billiger zu haben. Beinahe alle Lebensäußerungen werden einem ausgeklügelten Filtersystem unterworfen: Darf man das sagen? Darf man das machen? Ist das korrekt?”

„Man wird schwarz geboren, aber zum Neger gemacht“, behauptet Jonas Hampl 2013 in der ZEIT: „Ich bin froh, dass ich meinen Kindern nicht vorlesen muss, dass Pippis Vater ein Negerkönig ist. Früher hatte das vielleicht etwas Spannendes, Exotisches. Aber wir leben im 21. Jahrhundert. Heute tut es weh…“ Einerlei, ob er damit subjektiv richtig liegt: Zeugt es nicht einerseits von Weltwissen, die Sub- und Kontexte von „Neger“ semantisch einordnen zu können, und andererseits gereiftem Selbstbewusstsein, mit sozialen Enttäuschungserfahrungen umzugehen – zumal der Autor selbst feststellt „Das Wort Neger zu vermeiden, wird den Rassismus nicht ausrotten.“

Fazit: Ein gelöstes Kreuzworträtsel führte 1981 nach dem weltweit größten Schriftprobenvergleich mit 551.198 untersuchten Proben zur Aufklärung eines der bekanntesten Kriminalfälle der DDR. Ein Junge war in Halle entführt, missbraucht, erschlagen und aus einem Zug geworfen worden – in einem Koffer mit einigen alten Zeitungen, deren Kreuzworträtsel teilweise gelöst waren: der so genannte Kreuzworträtselmord. Das Urteil: lebenslänglich für den Täter. 37 Jahre später wird in einem Kreuzworträtsel ein Lösungswort gesucht, das seinerseits Auslöser einer juristischen Auseinandersetzung mit Urteilsverkündung zu werden droht. Das Urteil: noch offen. Das Urteil gegen das Wort „Neger“ aber steht bereits fest: ewige Verbannung mit anschließender vollständiger Tilgung.

Vielleicht muss man ja angesichts vieler neuer nichtchristlicher Mitbürger den Begriff „Kreuzworträtsel“ in ein paar Jahren auch inkorrekt finden und „Kreuz“ umgehend durch einen neutralen Begriff ersetzen. Immerhin: bei „Zamba“ als Lösungswort war noch nirgends ein Aufschrei zu vernehmen. Einerlei ob die Frage „weiblicher afroindianischer Mischling“, „weiblicher Mischling aus Neger und Indianerin“ oder „weiblicher Nachkomme eines schwarzen und eines indianischen Elternteils“ lautet.

PS.: Die Inhaberin der Mohren-Apotheke in Frankfurt-Eschersheim hat am 30. Januar das Logo, das eine schwarze Frau zeigt, von ihrer Internetseite entfernt.

PPS.: Christian Tauchnitz erklärte Anfang Feburar in der FAZ, die Beziehung von Mohr, Moritz oder Mauritius zu Apotheken beruhe darauf, dass er als Heilkundiger galt und die Trennung der Berufe von Arzt und Apotheker erst durch Kaiser Friedrich II. von Hohenstaufen im Jahre 1237 verfügt wurde.

Einzelne Übergriffe ja, Massenvergewaltigungen nein: so lautet – glücklicherweise – die bundesweite Zusammenfassung der Silvesternacht 2018. In Berlin kam es nach Polizeiangaben zu zehn Fällen von sexueller Belästigung. Sieben Tatverdächtige konnte die Polizei noch in der Nacht festnehmen. Die Zahl der in Hamburg gemeldeten sexuellen Übergriffe bewege sich in einem „sehr geringen Maß“, sagte ein Polizeisprecher. In München sei „gar nichts“ Derartiges gemeldet worden.

Die Aufmerksamkeit der Medien war allerdings auf die Domstadt Köln gerichtet. Berichte von gedemütigten Frauen, überforderten Polizisten und aggressiven Jungmännercliquen gingen 2015/16 um die Welt. Selbst im US-Wahlkampf wurden sie Thema. Deutschlandweit einigte sich die Politik, so etwas dürfe „nie wieder“ geschehen. Ein Jahr später, zu Silvester 2016/17, geschah es um ein Haar erneut.

Wieder versuchten rund 2000 meist junge arabische und mittelasiatische Männer, den Domplatz zu belagern. Wieder beobachtete die Polizei Konfliktbereitschaft und Aggressivität bei einem Großteil der Angereisten. Gut denkbar, dass sie an die Vorjahrs-Ereignisse anknüpfen wollten, so bilanzierte eine später eingesetzte Sonderkommission. Brachten sie damit nicht eine Tradition der Schande in Gang? So fragten und mutmaßten auch manche Kommentatoren erschüttert. Dass Schutzsuchende den Jahrestag tausendfacher Erniedrigung am Tatort feiern wollten, war nach all den schockierenden Opfer-Berichten schwer zu fassen.

Quelle: http://www.dw.com/pl/sylwester-2015-noc-kt%C3%B3ra-zmieni%C5%82a-niemcy/a-36958722

Quelle: http://www.dw.com/pl/sylwester-2015-noc-kt%C3%B3ra-zmieni%C5%82a-niemcy/a-36958722

2017/18 nun hatte die Polizei massive Präsenz angekündigt. Von den insgesamt 40.000 Polizisten im Bundesland Nordrhein-Westfalen sollten diesmal 5700 im Einsatz sein, davon allein 1400 in Köln. Dabei gehe es bei Weitem nicht nur darum, Straftaten zu unterbinden, sondern darum, der deutschen Öffentlichkeit eine drohende Zumutung zu ersparen: den Verdacht, da werde fast schon eine Art Wallfahrtsort des orientalisch getönten Sexismus’ errichtet. So viele Beamte können nicht mit Ihren Familien ins neue Jahr feiern, weil sie unsere neuen Mitbürger beim Silvesterausflug betreuen müssen. „Wie weit wollen wir uns denn noch verbiegen?“, lautet ein verbreiteter Kommentar.

Dieser Präsenz vor allem ist zunächst zu danken, dass 2018 gerade neun Frauen anhaben, unsittlich angefasst worden zu sein. Drei Tatverdächtige seien identifiziert, 175 Platzverweise erteilt worden. 2015/16 dagegen gab es insgesamt 1.276 mutmaßliche Opfer. Es lagen fünf Anzeigen wegen vollendeter und 16 wegen versuchter Vergewaltigung vor. Dazu kamen 1.182 Anzeigen, von denen sich 497 auf sexuelle Übergriffe beziehen, die 648 Opfer betreffen. 284 Personen wurden den Anzeigen zufolge zugleich Opfer eines sexuellen Übergriffs und eines Eigentumsdelikts.

Verzerrung durch Nichtanwesenheit statt Schutz

Allerdings: wie 2015 und 2016 zeichnete sich das wahre Bild der Ereignisse erst durch die Berichte im Netz ab. Inzwischen kann man nachlesen, dass unter der „friedlichen“ Oberfläche durchaus Orgien der Gewalt gefeiert wurden. In Leipzig beispielsweise war der linksradikale Angriff auf die Polizei so schlimm, dass der Vorsitzende der Deutschen Polizeigewerkschaft, Rainer Wendt, ihn „lebensbedrohend“ nannte. In Bonn beschossen Unbekannte Feiernde aus einem fahrenden Auto mit Silvesterraketen. In Salzgitter wurde ein zwölfjähriges Mädchen von einem Mann mit Migrationshintergrund mit einer illegalen Handfeuerwaffe angeschossen. In Berlin-Schöneberg ging ein Syrer mit einem Messer auf zufällige Passanten los. In München versuchte ein anderer Syrer, einem Mann die Augen mit den Daumen auszudrücken. In Düsseldorf raste ein Auto in eine Menschenmenge. Im Saarland wurden fünf Polizisten bei einer Schlägerei zwischen zwei Großfamilien, „einer mobilen ethnischen Volksgruppe“, wie es in der Pressemitteilung heißt, verletzt.

Und in Speyer kam es zu einer Vergewaltigung einer Spaziergängerin durch einen Sudanesen im Domgarten. Sexuelle Übergriffe seien jedoch viel seltener gewesen als 2015 und 2016, versichern uns die Medien. Der Grund dafür wird nicht erwähnt: es waren deutlich weniger Frauen in Köln oder in Hamburg unterwegs als in den Jahren zuvor. „Wo keine Frauen sind, kann es keine Übergriffe auf Frauen geben“, meint Vera Lengsfeld sarkastisch. „Welche Frau würde denn überhaupt noch dort Silvester feiern wollen? Ich gehe zum Feiern ja auch nicht in ein Löwengehege und hoffe darauf, dass die Zoowärter mich schon irgendwie beschützen“, so eine Kommentatorin.

Quelle: https://img.abendblatt.de/img/hamburg/crop212981815/2710932318-w820-cv3_2-q85/149842000332FD74.jpg

Quelle: https://img.abendblatt.de/img/hamburg/crop212981815/2710932318-w820-cv3_2-q85/149842000332FD74.jpg

„Der Dom hat eine hohe Symbolkraft, und wir wollen ihn und die Menschen beschützen“, hatte Kölns Oberbürgermeisterin Henriette Reker schon im Sommer angekündigt. Da waren Domsteine angekarrt worden, um die Durchfahrt von Lastwagen und anderen schweren Fahrzeugen zu verhindern. Der Dom schützt den Dom, das war das liebevolle Bild, was sich entfalten sollte. Die jüngste Investition wird in Bergheim-Glessen gefertigt. Hier baut die Firma „ Kings Innovation“ massive Metallstämme. Arbeiter hatten einen Poller-Ring um das Gotteshaus gebaut. Besonders eng steht er auf der Westseite, nur wenige Zentimeter vom Taubenbrunnen von Ewald Mataré entfernt.

Im Süden steht die stählerne Terrorabwehr sogar vor der Treppe zum Roncalliplatz. Aus Angst vor einem Angriff per Geländewagen. Knapp 100 Poller sind rund um den Dom versenkt. „Wenn wir unsere Städte in Festungen verwandeln, können wir gleich aufgeben“, sagt die frühere Dombaumeisterin Barbara Schock-Werner. Bereits seit zwei Jahren muss die Kathedrale im Straßenkarneval zum Schutz vor urinierenden Menschen eingezäunt werden. Die Kirche wird zur Burg. Eine Stadt geht in Abwehrhaltung, weil der gesellschaftliche Wertekodex bröckelt.

Das war aber noch längst nicht alles. Die Stadt verteilte schließlich 15 000 fluoreszierende Silikon-Armbändchen mit dem Aufdruck „Respect“ zu Silvester und beweist damit erneut glänzend Respektlosigkeit für die Opfer. Denn nicht die Täter, sondern die politische und gesellschaftliche Reaktion auf die Taten entscheidet, ob ein selbstbestimmtes Leben für Frauen in Deutschland selbstverständlich bleibt. Und die Freiheit von Frauen ist der Gradmesser für eine freie Gesellschaft. Auch in anderen Ländern gab es bereits Versuche, mit Armbändern Übergriffen vorzubeugen. Auf schwedischen Musikfestivals verteilte etwa die Polizei Armbänder mit der Aufschrift „nicht belästigen“ und warb mit dem Hashtag „tafsainte“ (nicht betatschen) in sozialen Medien.

Quelle: https://pbs.twimg.com/media/DMwkaJrX0AANBmC.jpg

Quelle: https://pbs.twimg.com/media/DMwkaJrX0AANBmC.jpg

Symbole statt Politik

Armbänder, in Form von Silberringen getragen, waren historisch betrachtet zeitweise Zahlungsmittel, dienten auch als Schutzschild am Handgelenk des Jägers und Kriegers und als Schutz vor Schwerthieben. Bei den Kelten trugen männliche Krieger silberne Armreife zum Zeichen ihres Adels und als Ausdruck ihrer Machtposition. Und Freundschaftsarmbänder sind meist selbstgemachte Armbänder, die in vielen Kulturen als Zeichen der gegenseitigen Freundschaft und Zuneigung (!!!) getragen werden, in westlichen Kulturen vor allem von Jugendlichen.

Das Echo in der Social-Media-Community ist ironisch bis fassungslos, dabei regelmäßig vernichtend. Von Infantilität ist die Rede. Es wird auf die Lesart verwiesen, dass das Armbändchen aufgrund seiner Spracharmut verrate, „wen unsere Häuptlinge als Vergewaltiger ansehen: die deutschen Männer“; oder darauf, dass man „da selber nur feste genug dran glauben“ müsse; und auch darauf, dass unklar bleibt, wie das Band unter Winterkleidung überhaupt sichtbar werde.

„Trägt man das stilvolle magische Bändchen am ausgestreckten Arm oder am anderen“, geht die Diskussion weiter; „Was genau können diese Armbänder? Können die Kugeln abfeuern oder entfaltet sich à la James Bond ein Käfig um den möglichen Angreifer?“, fragt ein anderer; „Respekt vor wem? Junge muslimische Männer vor Frauen ? Oder gar wir vor jungen muslimischen Männern?“, ein nächster.

Viele thematisieren den Begriff „Respekt“. Der sei selbstverständlich, und wer ihn nicht hat, den schrecken auch solche Bändchen nicht ab, erklärt einer; es könne nicht sein, dass Deutsche in ihrem eigenen Heimatland illegale Einwanderer und Straftäter um „Respekt“ anwinseln, ein anderer; und ein dritter verweist darauf, dass die Aktion nur funktionieren könne, „wenn alle dieselbe Definition für ‚Respekt‘ akzeptierten. Dann wäre sie allerdings auch nicht notwendig.“

Quelle: https://img.derwesten.de/img/incoming/crop212860251/0313839561-w960-cv16_9-q85/Armband-Koeln-Silvester-respekt.jpg

Quelle: https://img.derwesten.de/img/incoming/crop212860251/0313839561-w960-cv16_9-q85/Armband-Koeln-Silvester-respekt.jpg

Für Stephan Grünewald, angeblich Diplom-Psychologe vom Rheingold-Institut, sind die Armbändchen „eine charmante Alternative zur Fußfessel“, die „Verbindlichkeit im Umfeld“ schafften, für das Verhalten im öffentlichen Raum und damit seine Kultivierung Regeln setzten: „Das funktioniert über die Sprachgrenzen hinweg“.

Der Comedian Fatih Çevikkollu bezeichnet die Kampagne zwar als notwendig, besteht allerdings darauf, dass es hier nicht um Rassismus gehe, sondern Sexismus durch Männer. „Die Umsetzung jedoch, mit Armbändchen und Comic-Motiven, klingt für mich nach Aktionismus. Auf den Bändchen könnte genauso gut „Lebkuchen“ oder Sprüche aus Glückskeksen stehen.”

Den Vogel schießt der Pfarrer Franz Meurer ab. Respekt sei ein starker Begriff, den die Stadt sehr gut gewählt habe. „Denn die Übersetzung des lateinischen respicere, bedeutet einander wahrzunehmen und zu berücksichtigen. Genau das wollen wir doch.“ Wer aus der avisierten Zielgruppe des Lateinischen mächtig sein könnte, lässt Meurer ebenso unbeantwortet wie die Erklärung der Regeln, deren Einhaltung für ihn auch Respekt heißt. Und die Behauptung, dass Respekt ein gutes Schlagwort sei, weil es auch bei den Jugendlichen mit Migrationshintergrund ein viel verbreiteter Begriff ist, bleibt unbewiesen im Raum stehen.

Viele Kölner können dem symbolischen Akt der Stadt Köln jedoch nichts abgewinnen. So nannten 73 Prozent der EXPRESS-Leser die Comic-und Leuchtbändchen-Aktion „merkwürdig”. Der lauteste Aufschrei kommt vom betroffenen Geschlecht: „Wir Frauen brauchen keine Armbänder, damit man uns respektiert! Wir erwarten das! Immer! Egal wo, wann und wie! Im Umkehrschluss heißt doch diese dümmliche Aktion, ohne Band ist man wohl Freiwild? Diese Aktion ist eine Frechheit gegenüber Frauen!“, so eine Kommentatorin.

„Das ist keine Prävention, das ist eine Unverschämtheit“

„Ein Mob junger Männer macht Jagd auf Frauen, und Frauen bekommen daraufhin Verhaltenstipps? Das ist keine Prävention, das ist eine Unverschämtheit“, erregt sich Ursula Scheer in der FAZ. Abgesehen davon, dass es vollkommen unrealistisch sei, im Gedränge eines Bahnhofs und im Getümmel des Karnevals „eine Armlänge“ Abstand von jedem „Fremden“ zu wahren, habe diese wohlmeinende Empfehlung in schlechtester paternalistischer Tradition den unangenehmen Beigeschmack, den Opfern implizit einen Teil der Verantwortung zuzuschreiben: „Frauen in einer demokratischen Gesellschaft, die Gleichberechtigung in ihren Grundrechtskatalog geschrieben hat, brauchen keine Verhaltensempfehlungen. Sondern die Sicherheit, dass der öffentliche Raum ihnen genauso gehört wie Männern, woher immer diese auch kommen mögen.“

Die Liste der Demütigungen war damit allerdings noch nicht vorbei. In Köln hielt es der Polizeipräsident für eine gute Idee, den Domplattenbesuchern ein schönes Silvester zu wünschen – auf Arabisch! Ob das zu den Aufgaben der Polizei gehört, darüber kann man streiten. Ganz gewiss gehört es nicht zu den Aufgaben der Polizei, eine Straftat vorzutäuschen. Genau das geschah unter der Verantwortung des Polizeipräsidenten, als die Polizei Anzeige gegen die AfD-Bundestagsabgeordnete Beatrix von Storch wegen „Volksverhetzung“ erstattete – die genau diese arabischen Wünsche in scharfen Worten kritisierte.

Aber vor allem wollte „Köln gegen rechts“ dafür sorgen, dass … „die Übergriffe sexualisierter Gewalt gegen Frauen nicht wieder dafür missbraucht werden, das rassistisch aufgeheizte Klima weiter durch staatliches Handeln zu befeuern. In diesem Sinne haben wir im Kooperationsgespräch mit der Kölner Polizei am 13. 12. angekündigt, dass wir Silvester in Teams die Kontrollen der Polizei beobachten werden. Wir werden protokollieren, O-Töne aufnehmen und fotografieren. Hinterher werden wir diese Beobachtungen auswerten und ggf. Leute juristisch unterstützen, die Anzeigen wg. rassistischer Diskriminierung durch Racial Profiling erstatten wollen.“

Vor einem Kontrollpunkt am Hotel Excelsior entdeckten Mitglieder der Initiative prompt einen (!) Mitarbeiter einer privaten Security-Firma, die im Auftrag der Stadt arbeitet. Der Mann soll besonders Migranten kontrolliert haben. Später stellt sich heraus, dass er einen rechtsextremen Hintergrund hat, so „Köln gegen Rechts“. Die Stadt reagiert umgehend und zieht den Mann ab. Er sei bislang durch keine Vorstrafen aufgefallen, so eine Sprecherin. Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen.

Quelle: https://www.express.de/image/29291118/max/600/450/ea9e00120b29e5855b788630cabafa20/NR/comics-uebersicht-171213.jpg

Quelle: https://www.express.de/image/29291118/max/600/450/ea9e00120b29e5855b788630cabafa20/NR/comics-uebersicht-171213.jpg

Den Vogel des politischen Verhaltens-Nudging schoss allerdings Berlin ab. Auf der diesjährigen großen Silvesterparty in Berlin am Brandenburger Tor gab es eine spezielle „Schutzzone“ für belästigte oder gar sexuell missbrauchte Frauen. Um Vorfällen wie denen in der Silvesternacht 2015/2016 vor dem Kölner Dom entgegenzuwirken, richtete das DRK am Brandenburger Tor eine „Women´s Safety Area“ an. Wer jedoch Parallelgesellschaften einsickern lässt, Polizei und Staatsanwaltschaft nicht den Rücken stärkt, sondern sie behindert, personell schwächt und geradezu bekämpft, der braucht sich nicht zu wundern über Zustände, vor denen Kritiker jahrelang gewarnt haben. Hätte man frühzeitig auf Experten gehört wie etwa den ehemaligen Bürgermeister von Berlin-Neukölln, Heinz Buschkowsky, statt sie mundtot oder lächerlich zu machen, wäre es soweit nie gekommen. Von indirektem Terrorismus ist die Rede.

Keine Toleranz gegenüber Intoleranz

Viele wunderen sich bspw. über den ausgebliebenen feministischen Aufschrei. Die unbedingte Devise müsse lauten: Keine Toleranz gegenüber Intoleranz. „Niemand scheint daran Anstoß zu nehmen, innezuhalten und zu hinterfragen: Was sind das eigentlich für furchtbare Zustände in diesem Land? Realisiert keiner, dass diese aus Hilflosigkeit geborenen „Schutz“-Maßnahmen ein Signal der völligen Kapitulation sind?“, fragt Tobias Huch:

„Gewaltfreie Areale und männerfreie Gehege für Frauen sollen also die Antwort darauf sein, dass Behörden und Politik den primitiv-sexualisierten Mob nicht in den Griff bekommen oder bekommen wollen? Die strikte Trennung von Männern und Frauen kannten wir bisher nur von islamistischen Veranstaltungen und den Regimes des Mittleren Ostens, nicht in einem freiheitlich-demokratischen Staat in Mitteleuropa. Wenn dies die neue Normalität in Deutschland sein soll, warum dann nicht gleich Vollverschleierung für alle Frauen?“

Das Fazit sei Almut Meyer überlassen:

„Bisher setzt man hierzulande noch viel zu sehr auf das, was Frauen tun könnten, um Vergewaltigungen zu verhindern: Bestimmte Orte meiden, gemeinsam joggen oder spazieren gehen, keine fremden Männer anlächeln und am besten nicht zu später Stunde in zu enger oder freizügiger Bekleidung. Doch bei diesen Verhaltensanalysen überträgt man zum einen die Schuld auf das Opfer, und zum anderen nimmt man Frauen die Freiheit, sich nach Belieben im öffentlichen Raum zu bewegen. Wie weit sind wir dann noch von dem Schritt entfernt, Frauen als Freiwild zu erklären, wenn sie allein durch die Gegend laufen und möglicherweise sogar durch sogenannte verrufene Orten, die gegenwärtig aber auch nicht weniger werden? Es sind Politiker, Richter und (Staats-) Anwälte, aber auch Journalisten, die maßgeblich mitbestimmen, in welcher Gesellschaft wir eigentlich leben wollen.“

Edit 11.01.2018: Nein, nicht ganz. Roger Letsch hat ein “Gedicht” verfasst, für das er bei Facebook gesperrt wurde und das ein trefflicher Abschluss der Geschehnisse ist:

Jungfer ich knet’ dir den Hackfleischkranz,
er wird dich beschützen vor Nafriantanz.
Zum Zwecke des Schutzes kommt auch wie bestellt,
auf Berlins Feier-Meile das Frauenzelt.
Und bist du in Köln auf des Domes Platt’,
geschützt ist dort gut, wer ein Armband hat.
Wie die Kanzlerin sagt in der Neuahrsansprache:
der Schutz ihrer Bürger ist Ehrensache!

„Als er das chinesische Sprichwort zitierte, die schlechteste Tinte sei besser als das beste Gedächtnis, lachte Maykl so laut, dass der Dozent ihn fragte, was daran so lächerlich sei. Maykl erwiderte, Tinte würde vergilben und verschwinden, Papiere würden verlegt, gerieten in Vergessenheit, könnten abhandenkommen, in einem gut trainierten Gedächtnis sei dagegen alles für alle Ewigkeit fixiert, festgehalten bis zum Tod.“

Wenn ich drei aufeinanderfolgende Bücher eines Autors nicht nur mehr oder weniger lobend rezensiere, sondern auch noch in ununterbrochener Reihenfolge für ihre Aufnahme in die Literaturlehrpläne plädiere, muss es etwas Besonderes haben: um den Autor, seine Erzählweise, seinen Stoff – oder alles zusammen. Gemeint ist „Trutz“, das (erste?) Alterswerk von Christoph Hein.

Alterswerk darum, weil er so viel und so grausam und so willkürlich sterben lässt wie in kaum einem Text zuvor, weil ihm nach dem Tod seiner (einen) Hauptfigur die Handlung teilweise zerfasert und weil eher der Stoff, den er unbedingt und eher unelegant erzählen muss und der ihm manchmal fast verschwörungstheoretisch entgleitet, der Held ist und nicht die ihn transportierende Personnage.

Aber das wars auch schon an Kritteleien meinerseits – eher muss man den Autor würdigen, weil er mit 72 Jahren zwar erfahren, aber doch völlig unverschlissen, wenn auch wie immer ziemlich nüchtern-lakonisch zwei Familien auf Kollisionskurs mit den Ideologien des letzten Jahrhunderts schickt und dabei zwei Motivpaare unerbittlich verfolgt: Zufall gegen Berechenbarkeit und Vergessen gegen Erinnerung. „In diesen Roman geriet ich aus Versehen …“, beginnt der erste, „Glücklich ist, wer vergisst, was doch nicht zu ändern ist“, lautet der letzte Satz.

Es geht um nicht mehr und nicht weniger als die Kunst, oder besser, die Macht und Ohnmacht des Erinnerns. Würde man das epische Werk in ein dramatisches Genre transformieren, dann kann ein Roman über Erinnerung im 20. Jahrhundert nur eine Tragödie sein: Ideologien organisierten und sanktionierten Gedächtnisleistung politisch – das jeweilige System bestimmte, wie Vergangenheit gespeichert, bewahrt – und verändert wurde. Wer seine eigene Erinnerung damit nicht in Einklang bringen wollte und/oder konnte, hatte ein gefährliches Problem.

Dieses Problem hatten die beiden Roman-Familien, deren Mitglieder zwischen Hitler-Faschismus, Stalin-Terror und SED-Arbeiter-und-Bauern-Zwangsbeglückung einen Erinnerungs- und damit Überlebensmodus für sich praktizieren wollten. Einen Modus, der ihnen idealerweise mehr als die Leben und überdies noch sozialen Einfluss sicherte. Aber Hein wäre nicht Hein, wenn er nicht genau dieses Intellektuellen-Ansinnen innerhalb einer Odyssee durch die Zeiten und Systeme, durch groß inszenierte Lügen und im Kleinen verborgene Wahrheiten aufs Bitterste über den Jordan schickt.

Die Geschichte beginnt mit Rainer Trutz, dem Vater von Maykl, einem Bauernsohn, der aus der Provinz und einem engen Elternhaus ins Berlin der 20-er Jahre flieht und durch einen Zufall auf die sehr sympathisch gezeichnete Lettin Lilija Simonaitis trifft, Mitarbeiterin der russischen Botschaft, die dem angehenden Schriftsteller nicht nur die Türen zur Berliner Gesellschaft öffnet, sondern auch später in der Sowjetunion lange zu einer Helferin und Unterstützerin der Familien Trutz wird, bis sie selbst in die grausamen Mühlen der Stalin`schen Säuberungen gerät.

Quelle: http://www.deutschlandfunk.de/media/thumbs/0/0ee9db7379a6cb8f2177e20329ed0701v1_max_755x425_b3535db83dc50e27c1bb1392364c95a2.png?key=ef0439

Quelle: http://www.deutschlandfunk.de/media/thumbs/0/0ee9db7379a6cb8f2177e20329ed0701v1_max_755x425_b3535db83dc50e27c1bb1392364c95a2.png?key=ef0439

Das frivole Erstlingswerk von Rainer Trutz (!!!) erregt einiges Aufsehen – ein elegant verschweinigelter Roman, der Beachtung im Kulturbetrieb und Verachtung bei den Nazis findet. Prompt gerät er mit seinem zweiten Buch ins Visier der Gestapo und flieht mit Hilfe von Lilija mit seiner Familie nach Moskau. Doch dort im als sicherer Ort phantasierten Exil warten herbe Enttäuschungen auf sie. Rainer Trutz begegnet dort Waldemar Geijm, einem Professor für Mathematik und Sprachwissenschaften an der Lomonossow- Universität, der ein neues Forschungsgebiet begründet, wobei er sich auf alte Vorgänger beruft: die Mnemotechnik, die Lehre von Ursprung und Funktion der Erinnerung.

Dieser Prof. Geijm, der bald in Ungnade fällt und später in einem sibirischen Arbeitslager stirbt, unterrichtet mehrere Jahre seinen eigenen Sohn und den Sohn von Rainer Trutz, den kleinen Maykl in dieser Technik, deren Kunst Christoph Hein dann über sechs Jahrzehnte in Berlin bestaunen sollte: die sogenannte Mnemotechnik, die auf Ideen fußt, die der griechischen Dichters Simonides von Keos schon rund 500 Jahre vor Christus entwickelt hat. Sind Parteikreise erst daran interessiert, Gejms Ergebnisse militärisch und medial zu nutzen, erkennen sie bald, wie kontraproduktiv eine perfekte Erinnerung für ihr politisches System sein kann: Wer nicht vergisst, lässt sich nicht indoktrinieren.

„Die Mnemonik zieht eine Blutspur hinter sich her, bis heute. Bereits zu Beginn war das so, diese Wissenschaft begann mit einem Massaker. Ein gutes Gedächtnis war in der Geschichte der Menschheit stets eine tödliche Gefahr. Das Vergessen wird belohnt, nicht das Gedächtnis. Wenn Sie schnell und rasch vergessen, werden Sie glücklich auf Erden und können in Ruhe alt werden. Doch wenn Sie sich an alles erinnern, bekommen Sie Schwierigkeiten, und die können tödlich sein. So geht es bis in unsere Zeit, bis zu mir.“

Ganz stark sind prompt die Szenen, in denen Hein im Stile Orwells die unentwegte Umwertung von Kunst, Kino und Literatur zum Zweck der Massenmanipulation beschreibt. Etwa als nach der Unterzeichnung des deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakts 1939 alle Bücher, Filme und Theaterstücke in der Sowjetunion freundlich für das Dritte Reich umformuliert, -geschnitten und -gebaut wurden, um dann 1941, nach dem Überfall durch die Deutschen, wieder in schönster antifaschistischer Pracht gezeigt werden zu dürfen.

Trutz macht sich Hoffnungen, für eine Emigrantenzeitung zu arbeiten. Es mangelt im Moskau von 1933 jedoch nicht an emigrierten deutschen Intellektuellen. Das Haupthindernis besteht allerdings darin, dass er kein Mitglied der kommunistischen Partei ist. Ein Redakteur wäscht ihm den Kopf:

„Wie willst du ein guter Journalist sein, wenn du nicht in der Partei bist? Zierliche Häkeleien verfassen, putzige Blümchenmuster, wie sie die bürgerliche Presse liebt? So etwas brauchen wir nicht. (…) Nein, Junge, in unserer Presse häkeln und stricken wir nicht, da machen wir Politik. (…) Hier herrscht Klassenkampf, verstehst du, jeden Tag, jede Stunde, in jedem Redaktionszimmer. Und nun mach, dass du verschwindest.“

Stattdessen landet Trutz als ungelernter Pionier beim U-Bahn-Bau in Moskau. Einigermaßen unbeschadet überlebt er, wird aber nach dem Krieg plötzlich denunziert. Eine alte Rezension, die er noch in Berlin für die „Weltbühne“ schrieb und in der er sich lustig machte über die Lobhudelei einiger berühmter Schriftsteller, die die Sowjetunion als Paradies darstellten, wird ihm zu Verhängnis. Links ist manchmal nicht links genug, je nachdem, von wo man schaut. Hitler, Stalin und der kleine Trutz: Die totalitären Systeme wechseln, aber der Möchtegernschriftsteller bleibt ein politisch Unbehauster. Er kommt in ein Besserungslager im Ural und wird dort von einem Wärter erschlagen – weil er keinen Schnaps dabei hatte.

Quelle: https://www.welt.de/img/politik/mobile102062198/9881627357-ci23x11-w960/gulag-ankunft-DW-Politik-Nuernberg-jpg.jpg

Quelle: https://www.welt.de/img/politik/mobile102062198/9881627357-ci23x11-w960/gulag-ankunft-DW-Politik-Nuernberg-jpg.jpg

Das letzte Drittel des Buches, der Vater ist da schon längst im eisigen Boden eines Gulags in Sibirien verscharrt, handelt davon, wie der Trutz-Sohn Maykl, inzwischen Vollwaise, nach dem Krieg nach Deutschland, in die alte Heimat seines Vaters, ausgewiesen wird. Auch dort  drangsaliert, versucht er als Archivar zu überleben. Die historischen Wahrheiten, die er in den Papieren zutage fördert, sind seiner Karriere im SED-Staat natürlich hinderlich.

„Eine westliche Hetzschrift muss als Feindpropaganda zurückgewiesen werden. Die Broschüre als Fälschung zu bezeichnen und gleichzeitig Großmann vor Gericht bringen, das geht nicht. Also hat man sich für Großmann entschieden.“

Nach der Wende wird er Gem, den Sohn von Professor Geijm, wiedertreffen. Beide stellen fest: sie haben fast dieselben Erfahrungen gemacht wie ihre Väter. Eine dieser Erfahrungen ist für mich eine der Schlüsselstellen des Romans: vor einer Kommission hochnotpeinlich befragt, warum er nicht FDJ-Mitglied werden und welche Lehren er denn aus „der Geschichte“ überhaupt ziehen wolle, entspinnt sich dieser Dialog:

„Meine Eltern waren deutsche Antifaschisten, die sich vor Hitler in Sicherheit bringen wollten und in der Sowjetunion umkamen… Ich kann meiner Eltern wegen nicht Mitglied der FDJ werden“ -

„Schuld daran trägt nicht die Sowjetunion und schon gar nicht unser Staat. … Nein, Herr Trutz, den Tod Ihrer Eltern verschuldete Hitler mit seinem Überfall auf die Sowjetunion … An Ihrer Stelle und mit Ihrem Schicksal würde ich, meinen toten Eltern zu Ehren, sofort den Antrag stellen, in die Partei aufgenommen zu werden, damit sich diese Verbrechen nicht wiederholen…“

Fast überflüssig zu erwähnen, dass er auch privat unter seinem Gedächtnis leidet:

„In der kurzen Verhandlung sagte Sandra, es sei nicht möglich mit einem Menschen zusammenzuleben, der nie etwas vergessen könne. Seine Fähigkeit sei nicht hilfreich, sondern eine Krankheit, mit der sich und andere vergifte und allen die Lebenslust raube. Die Scheidungsrichterin möge ihm ein Training des Vergessens empfehlen.“

Vor einem Jahr erst ging es Hein in „Glückskind mit Vater“ um den Sohn eines hingerichteten Kriegsverbrechers, der aus der gerade gegründeten DDR flieht, um ausgerechnet bei Mitgliedern der Resistance in Marseille „Wein, Weib und Wahrheit“ kennenzulernen. Natürlich war der Held dann doch gar nicht so ein Glückskind, weil er die Last der Geschichte im Verlauf seiner Reise in Richtung Westen und wieder zurück nicht abwerfen konnte. Hier nun ging es nach Osten und retour – mit demselben Resultat. Hillgruber spricht im Tagesspiegel von „deterministischer Wucht“ und fühlt sich phasenweise an Weiss’ „Ästhetik des Widerstands“ erinnert. Für Wolfgang Schneider hätte „Trutz“ den Preis der Leipziger Buchmesse verdient. Beiden mag ich nicht widersprechen.

Quelle: https://www.mdr.de/kultur/themen/bild-80930-resimage_v-variantBig24x9_w-960.jpg?version=11378

Quelle: https://www.mdr.de/kultur/themen/bild-80930-resimage_v-variantBig24x9_w-960.jpg?version=11378

Hein hat wieder einen ernsten, tragischen, lapidar erzählten Text vorgelegt, der nicht zuletzt auch davon handelt, wie unbequeme „Intelligenzler“ in der Provinz verdämmern – ein Standardmotiv bei ihm. Bereits in „Horns Ende“ (1985) resümierte die Titelgestalt, Direktor eines Provinzmuseums im fiktiven Bad Guldenberg: „Welch ein entsetzlicher Gedanke, ohne Gedächtnis leben zu wollen. Wir würden ohne Erfahrungen leben müssen, ohne Wissen und ohne Werte. Löschen Sie das Gedächtnis eines Menschen, und Sie löschen die Menschheit.“ Dem ist nichts hinzuzufügen.

Liebe Judith Sevinc Basad,

eigentlich wollte Ihnen zu Ihrer Initiative „Studenten für Demokratie und Meinungsfreiheit“ gratulieren, stieß aber mit einigem Entsetzen auf Ihren „causa“-Text im „Tagesspiegel“ zum Problem Geschlecht und Verhalten. Da behaupten Sie, dass es für die These, dass männliches oder weibliches Verhalten angeboren sei, keine wissenschaftlichen Beweise gebe und der Diskurs durch Vorurteile und verdrehte Fakten dominiert werde. Das kann nicht Ihr Ernst sein. Da ich keine Lust habe, zur Kommentierung meine Daten einem weiteren Medium zu überlassen, publiziere ich meinen „Leserbrief“ hier.

Zunächst ist Ihnen hoffentlich bekannt, dass die Humanbiologie fünf Ebenen der Geschlechtsentwicklung unterscheidet; dies sind:

I Genetisches Geschlecht: das Geschlechtschromosomenpaar ist bei Mann und Frau verschieden. Das männliche XY steht dem weiblichen XX gegenüber. Eizellen sind immer vom Typ X, während Spermazellen X oder Y sein können: das Erbgut des Vaters entscheidet, ob ein Sohn oder eine Tochter entsteht.

II Gonadales Geschlecht: die morphologische Entwicklung der inneren Geschlechtsorgane beginnt ab der 7. Woche der Schwangerschaft, die Differenzierung ist genetisch induziert (Y-Chromosom) und hormonell gesteuert. Die Geschlechtsdifferenzierung verläuft nur bis zur Bildung der Gonaden unter dem unmittelbaren Einfluss der Gene. Sobald die Gonaden ausgebildet sind, erfolgt die weitere Differenzierung allein aufgrund der Hormonwirkung (Testosteron bzw. Östrogen und Progesteron).

III Morphologisches Geschlecht: wird rein durch die äußeren sichtbaren Geschlechtsmerkmale (Genitalien) definiert.

IV Zerebrales Geschlecht: Die geschlechtsspezifische Determination bestimmter Gehirnstrukturen, das zerebrale Geschlecht, erfüllt zwei Funktionen. Zum einen die Programmierung hypothalamischer, für die Steuerung der Hormone zuständiger Zentren und zum anderen die Ausbildung von Gehirnstrukturen, in denen die Basis für geschlechtstypisches Verhaltensdispositionen vermutet wird, vor allem den Hypothalamus, das limbische System und den Balken (das Corpus callosum): Frauen und Männer aktivieren bei der Lösung der gleichen Aufgaben verschiedene Bereiche des Gehirns.

Quelle: http://physiologie.cc/Mann_Frau_Gehirn.jpg

Quelle: http://physiologie.cc/Mann_Frau_Gehirn.jpg

V) Soziales Verhaltensgeschlecht: weibliche Gehirne sind personal-empathisch verdrahtet, männliche nichtpersonal-systemisch (allerdings beeinflusst der Hormonspiegel das Einfühlungsvermögen). So wurden in der legendären Studie von Cohen in Cambridge (2001) über 100 Neugeborene im Alter von einem Tag gefilmt. Jungen schauten länger auf einen mechanischen, runden, mobilen Gegenstand (ein System mit vorhersagbaren Bewegungsgesetzen) als auf ein menschliches Gesicht (ein Objekt, das fast unmöglich zu systematisieren ist). Im Alter von einem Jahr schauten sich Jungen lieber einen Film über vorbeifahrende Autos an (vorhersagbare mechanische Systeme) als einen Film mit „sprechenden Köpfen“ (bei abgedrehtem Ton), bei Mädchen verhielt es sich genau umgekehrt. Das ändert sich auch später nicht: Männer nehmen Details und bewegte Objekte genauer wahr, Frauen dagegen Farben. Diese geschlechtsspezifischen Unterschiede treten also zu einem Zeitpunkt auf, da Kinder kaum Gelegenheit hatten, prägende Sozialisations- und andere Erfahrungen zu sammeln, die diese Unterschiede erklären könnten.

Zum weiteren werden Rollenerwartungen nicht nur von außen an Junge/Mann – Mädchen/Frau herangetragen, sondern auch durch spontanes Verhalten des jeweiligen Geschlechts ermutigt. Es sind letztlich die „Vorgaben“, die den interaktiven Prozess „Disposition – Sozialisation“ anstoßen und in eine bestimmte Richtung lenken. Psychologie lässt sich nicht auf Biologie reduzieren, aber dass Biologie und Psyche nichts miteinander zu tun hätten, hieße einem Dualismus das Wort reden, der bereits überholt ist. Vorgabe ist nicht Fixierung, Vorgabe ist Aufgabe. In der Wahrnehmungs- und Entwicklungspsychologie gelten folgende „Vorgaben“ als gesichert, die die meisten Genderisten quasi in Gänze ablehnen:

  • Sprachfähigkeit: Mädchen fangen etwa einen Monat früher an zu sprechen als Jungen, ihr Wortschatz ist größer, Männer haben eine doppelt so hohe Anfälligkeit für Sprachstörungen wie zum Beispiel Stottern.
  • Gruppenstruktur: Jungen begründen rasch eine auf Körperstärke bezogene „Dominanzhierarchie“, Mädchen legen auch eine Rangordnung fest, aber sie orientieren sich dabei an anderen Qualitäten als an simpler Körperkraft oder einem raubeinigen Auftreten.
  • Konfliktbewältigung und Aggression: Jungen reagieren in den ersten Lebensjahren primär aggressiver, haben eine geringere Frustrationsgrenze und geraten öfter in Konflikte, die sie brachial aushandeln; Mädchen ziehen sich eher zurück, wenn sie in eine Situation geraten, bei der es darum geht, um ein Objekt zu streiten, sie brauchen länger, bis sie auf einen Konflikt reagieren, weil sie vorher mehr überlegen. Frauen wollen häufig Probleme besprechen, Männer verdrängen und leugnen sie.
  • Spielverhalten: Jungen wählen spontan andere Spielzeuge (Autos, Bausteine) als Mädchen (Puppen, Schmusespielzeug). Daneben sind beim Spiel mit Bausteinen unterschiedliche Spielergebnisse auffällig: Jungen bauen (phallische) Türme, Mädchen (beschützende, uterine) Häuser.
    Quelle: https://www.welt.de/img/bildergalerien/mobile106398785/5441623947-ci23x11-w960/title.jpg

    Quelle: https://www.welt.de/img/bildergalerien/mobile106398785/5441623947-ci23x11-w960/title.jpg

  • Empathie und Beziehung: Mädchen reagieren schon im Alter von 12 Monaten deutlich empathischer als Jungen auf den Kummer anderer Menschen, zeigen mehr Anteilnahme durch traurigere Blicke, mitfühlende Lautäußerungen und tröstendes Verhalten. Frauen legen bei Freundschaften im Allgemeinen mehr Wert auf Empathie, während Männer eher gemeinsame Aktivitäten schätzen.
  • Begehren: Frauen neigen dazu, über die charakterlichen und emotionalen Qualitäten ihres Partners nachzudenken, was darauf schließen lässt, dass sie ihr Einfühlungsvermögen nicht einfach ausblenden können, nicht einmal, wenn sie an Sex denken. Im Gegensatz dazu neigen Männer dazu, sich auf die körperlichen Merkmale der Partnerin zu konzentrieren.
  • Gewalt: „Es gibt keine bekannte menschliche Gesellschaft, in der das Ausmaß an tödlicher Gewalt zwischen Frauen auch nur annähernd an das der Männer heranreicht.“ Der Krieg, so Heraklit, ist der Vater aller Dinge. Und Gewalt die Grundlage alles Männlichen, ergänzen US-Forscher: „Ein weiblicher Mozart fehlt, weil es auch keinen weiblichen Jack the Ripper gibt.“

Das ist das eine. Das andere ist: weder kann jemand sein Geschlecht abwählen, noch erfährt er es als bloße Rolle. Trivialzynisch: während einst Männer und Frauen ihre Leiblichkeit als normal, natürlich und generativ (aus)lebten und dabei Konzepte von Mensch-Sein heraufdachten, sollen sie jetzt ein idealiteres „Konstrukt Mensch“ als normal leben und dabei/danach Konzepte von Frau-/Mann-Sein bzw. Mutter-/Vaterschaft herabdenken: das Bewusstsein bestimmt das Sein. Das führt anfangs zur psychischen Deformation des Menschen und später zu fehlender Generativität (vgl. Eriksons “psychosoziale Krisen”) – der Mensch stirbt aus; Tilo Sarrazin hatte es nur prägnanter formuliert.

Quelle: http://j17xl2okmvq3vsfd34do0vvoq3-wpengine.netdna-ssl.com/wp-content/uploads/2014/12/vom-alterwerde-abb1-psychosoziale-krisen.png

Quelle: http://j17xl2okmvq3vsfd34do0vvoq3-wpengine.netdna-ssl.com/wp-content/uploads/2014/12/vom-alterwerde-abb1-psychosoziale-krisen.png

Wer Mann- und Frausein prinzipiell als austauschbare, da symmetrische Rollenspiele und also inszenierte Identität auslegt, blendet die Generativität aus, dass Frauen Mütter und Männer Väter werden (ein geschlechtsbedingtes und biologisches Faktum, das zu lebenslangen Bindungen führt) – oder bekämpft sie im Sinne eines „traditionellen“ Feminismus, der Geschlecht bestenfalls als paradoxe Kategorie begreift.

Fortpflanzung nun verläuft (wie zu Teilen auch Erziehung) aber immer asymmetrisch: Frauen gebären, Männer nicht. Seit der „sexuellen Revolution“ will der westliche Feminismus die Asymmetrie aufheben: die Befreiung der Frau wird an die Befreiung vom Kind geknüpft, erst dann herrschten Geschlechtergleichheit und damit Geschlechtergerechtigkeit.

Die neuen Ungleichheiten und Machtverhältnisse entstehen nicht mehr entlang einer Trennung „Mann = Patriarchat, Unterdrücker“ versus „Frau = Opfer, Unterdrückte“, sondern verlaufen entlang eines kalten Markts, für den der Mensch als Subjekt nicht zählt: Frauenkörper etwa sollen marktdiktiert gesund und schön sein, weswegen viele Frauen schon ihre eigene Körperlichkeit als problematisch empfinden und zunehmend verunsichert sind – es entsteht ein zwiespältiges Verhältnis zum eigenen Leib. Eine Autorin namens Sarah Diehl („Die Uhr, die nicht tickt. Kinderlos glücklich – Eine Streitschrift“, Hamburg 2014) bringt tatsächlich zu Papier: „Der Mutterinstinkt wurde von Naturwissenschaftlern und Pädagogen erfunden, er ist nicht biologisch in den Frauen verankert“.

Quelle: https://s3-eu-west-1.amazonaws.com/cover.allsize.lovelybooks.de/9783716027202_1446566710713_xxl.jpg

Quelle: https://s3-eu-west-1.amazonaws.com/cover.allsize.lovelybooks.de/9783716027202_1446566710713_xxl.jpg

Einerseits soll das Geschlecht also immer bedeutungsloser werden, konstruktivistisch gedacht soll ja jeder wählen, wie und was er ist. Paradoxerweise wächst aber genau in dieser faktischen Gleichheitsgesellschaft der Druck, erst recht anzuzeigen und idealtypisch zu verkörpern, dass man eine Frau ist oder ein Mann – das Phänomen der Kommerzialisierung des Körpers. Wenn der „Leib“ nur als Körper erfahren, ohne Bezug auf das Geistig-Seelische zum Körper degradiert wird, wird der Mensch selbst zum Objekt, zur Ware. Die Akzeptanz des Leibes als integralem Identitäts-Bestandteil aber ist u.a. für Erich Fromm wesentlich für die gesunde Entfaltung der eigenen Persönlichkeit.

Wird nun beim Menschen die „biologische“ Reproduktion vom sozialen Sinngehalt dieser Reproduktion (Generativität als Weitergabe des Lebens) getrennt, übernimmt die Logik des Marktes Angebot und Nachfrage. Das geht im Fall der Reproduktion und des medizinischen Fortschrittwahns insbesondere auf Kosten der Frau, Indizien sind u.a. Leihmütter, Eizellen-Lieferantinnen, Abtreibung… . Kinder aber als Geschenk anzunehmen, eine lebenslange Bindung als Verantwortung zu entwickeln – Gender-Theorien können diese Widersprüche nicht adäquat erklären und müssten eingestehen, dass biologische Vorgabe und soziales Verhalten nicht beliebig kombinierbar und inszenierungsfähig sind.

Quelle: http://www.schwaebische.de/cms_media/module_img/4184/2092296_2_article660x420_B993363329Z.1_20140806195021_000_G6T38VJA0.1_0.jpg

Quelle: http://www.schwaebische.de/cms_media/module_img/4184/2092296_2_article660x420_B993363329Z.1_20140806195021_000_G6T38VJA0.1_0.jpg

Es ist genau diese Beliebigkeit und Austauschbarkeit, die unsere Gesellschaft in allen Bereichen an den Tag legt und die leider durch solche Texte wie Ihren gelobhudelt statt kritisiert wird. Damit wird eben nicht die Meinungsfreiheit gestärkt, die Sie an anderer Stelle eingefordert haben, sondern Unwissenschaftlichkeit als reguläre Meinung in den wissenschaftlichen Diskurs eingebracht. Das ist hanebüchen und spricht den akademischen Traditionen dieses Landes Hohn.

Mit freundlichen Grüßen

Thomas Hartung

Nicht die Hand Gottes

Es sei die Hand Gottes gewesen, die am 22. Juni 1986 jenes 1:0 im Viertelfinale der Fußball-Weltmeisterschaft gegen England im Aztekenstadion von Mexiko-Stadt erzielte, ließ Argentiniens Fußballgott Diego Armando Maradona einst verlauten. Mit der Hand hat es der Fußball-Weltverband FIFA im Herbst 2017 auch wieder – aber nicht als irreguläres Körperteil zum Tore schießen, sondern als reguläres zum Spielen dürfen. Bei der U17-WM in Indien, für die auch Deutschland qualifiziert ist,  will der Verband das Alter aller gemeldeten Spieler überprüfen: mit Hilfe von Bildern der Handgelenksknochen aus der Magnetresonanztomografie (MRT). Im Gegensatz zur herkömmlichen Röntgenuntersuchung bringe sie keine Strahlenbelastung mit sich und könne mit 99-prozentiger Sicherheit nachweisen, dass keiner der Akteure vor dem 1. Januar 2000 geboren wurde.

Quelle https://www.srf.ch/sport/iapp/image/4632594/13/mexiko_1986_die_hand_gottes@1x.jpg?imagesize=s8

Quelle: https://www.srf.ch/sport/iapp/image/4632594/13/mexiko_1986_die_hand_gottes@1x.jpg?imagesize=s8

Grund sei der fünfmalige U17-Weltmeister Nigeria, der 2013 und 2015 den Titel geholt und zuletzt für Aufsehen gesorgt hatte. Medienberichten zufolge bestanden gleich 26 Spieler aus dem aktuellen Kader den Test nicht. In Deutschland wird allerdings eher der Fall Youssoufa Moukoko diskutiert. Der angeblich 12 Jahre junge BVB-Stürmer schießt in der Staffel West der B-Junioren-Bundesliga, also in der Liga von 16- und 17-Jährigen, Tore ohne Ende – in 7 Spielen traf der Dortmunder schon 17 Mal, gefolgt von Rene Biskup, der auf acht Treffer kommt. Daneben erzielte er 20 Tore für die deutsche U16-Nationalmannschaft – bei neun Einsätzen. Es wird aber immer lauter vermutet, dass der Angreifer, der eine 18jährige Freundin hat, in Wahrheit älter ist. Jetzt gibt’s selbst beim BVB Streit über die Personalie.

Moukoko ist Deutsch-Kameruner, seine Geburtsurkunde des deutschen Konsulats in Jaunde (der Hauptstadt Kameruns) weist den 20. November 2004 als Geburtsdatum aus. Er spiele in der Dortmunder U17, „weil wir glauben, dass er sportlich in diese Altersklasse gehört“, sagt Lars Ricken, der Nachwuchskoordinator des BVB, im Podcast der „Ruhr Nachrichten“. „Er ist zwölf. Das ist einfach Fakt. Daran gibt es keinen Zweifel“, sagte Ricken. Einige Medienberichte nannte er in diesem Zusammenhang „enttäuschend“. „Er spielt in einer richtig guten Mannschaft und wird von seinen Mitspielern sehr gut begleitet.“ In einem Interview mit dem Internetportal „Spox“ jedoch hat sich Dortmunds U23-Leiter Ingo Preuß so zitieren lassen:

„Ich könnte mir bei Youssoufa vorstellen, dass sein Alter lediglich geschätzt worden ist. Vielleicht ist er in Wirklichkeit ein, zwei Jahre älter. Er ist aber mit Sicherheit noch nicht 17. Mehr kann ich dazu nicht sagen.“

In der Debatte hat das Bezirksamt Hamburg Nord nun Auskunft erteilt. Wie die Behörde gegenüber der „Welt“ erklärte, wurde der Deutsch-Kameruner am 20. November 2004 in Yaoundé geboren und ist demnach tatsächlich erst zwölf Jahre alt. Auskunft über die Art und Weise des Prüfverfahrens konnte aufgrund datenschutzrechtlicher Bestimmungen nicht erteilt werden.  „Die Botschaft in Jaunde hat keine deutsche Geburtsurkunde ausgestellt“, teilte das Auswärtige Amt der Zeitung demnach mit. Beim Standesamt Hamburg-Harburg sei 2016 eine Nachbeurkundung von Moukokos Geburt erfolgt.

Quelle: https://www.11freunde.de/sites/default/files/styles/gallery_full_no_watermark/public/mediapool/reportage/imago29676181h.jpg?itok=nWS5MuNr

Quelle: https://www.11freunde.de/sites/default/files/styles/gallery_full_no_watermark/public/mediapool/reportage/imago29676181h.jpg?itok=nWS5MuNr

Nun ist eine „Urkunde“ aber kein Beweis, selbst wenn das deutsche Standesamt die Echtheit des Dokuments beglaubigt hat. In Kamerun erhält man gegen Geld praktisch jede Urkunde, die man haben will. Einen Alterstest mit einer Handknochenmessung, so wie ihn die Fifa nun bei der U17-WM für alle Spieler vorgegeben hat, lehnt der BVB aber ab. Und da liegt der Hase im Pfeffer: denn ebenso, wie der erfolgreiche  UMA („unbegleitete Minderjährige Asylsuchende“) auf der Welle der Minderjährigkeit surft, machen das Zehntausende andere – und Erfolglose – ebenso.

In Deutschland wurden zum Stichtag 9. Februar 61.893 Unbegleitete betreut – darunter 16.664 junge Volljährige, wie das Bundesfamilienministerium der „Welt“ mitteilte. Während Volljährige ins Asylverfahren geraten, sind Minderjährige ein Fall für die Jugendhilfe. Statt ins Asylbewerberheim geht es in Wohngruppen, statt des Ausländeramtes ist das kommunale Jugendamt zuständig. UMA’s  haben Anspruch auf Obhut, Schulbildung, Krankenversicherung und muss selbst keinen Asylantrag stellen. Dadurch steigen auch die Kosten.

Quelle: http://infographic.statista.com/normal/infografik_5391_zahl_der_minderjaehrigen_fluechtlinge_stark_gestiegen_n.jpg

Quelle: http://infographic.statista.com/normal/infografik_5391_zahl_der_minderjaehrigen_fluechtlinge_stark_gestiegen_n.jpg

Das Bundesverwaltungsamt hat für sie einen durchschnittlichen Kostentagessatz von 175 Euro pro Kopf ermittelt, also 5250 Euro monatlich. Dieser Betrag enthält sowohl die Kosten der Inobhutnahme als auch die Hilfen zur Erziehung. Stagniert die Zahl der Unbegleiteten auf dem aktuellen Niveau, ergibt sich also ein Betrag von 3,95 Milliarden Euro für das laufende Jahr. Trotz der vergleichsweise hohen Straffälligkeit in dieser Gruppe wurde im Jahr 2016 kein Unbegleiteter abgeschoben, wie aus einer Antwort der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage der Linkspartei hervorgeht.

Dass es dabei Betrug gibt, ist hinlänglich bekannt. Eines der bekanntesten Beispiele ist Hussein K., der im Oktober 2016 in Freiburg eine Studentin vergewaltigt und ermordet haben soll. Der Fall sorgte bundesweit für Aufsehen. Der Verdächtige lebte als angeblich 17-jähriger UMA in einer Pflegefamilie. Nun kommt ein medizinisches Gutachten zu dem Schluss, dass er zur Tatzeit mindestens 22 Jahre alt war. In dem Fall ist das Alter gerichtsrelevant, denn mit 22 fiele der Mann im Falle eines Prozesses bereits unter das härtere Erwachsenenstrafrecht.

Quelle: http://bilder.bild.de/fotos-skaliert/marias-killer-wollte-sich-in-der-haft-toeten-200313302-50858972/2,w=993,q=high,c=0.bild.jpg

Quelle: http://bilder.bild.de/fotos-skaliert/marias-killer-wollte-sich-in-der-haft-toeten-200313302-50858972/2,w=993,q=high,c=0.bild.jpg

„Die Landesregierung darf nicht länger zusehen, wie sich ein Geschäftsmodell etabliert, bei dem Eltern ihre Kinder mit Schleppern nach Deutschland schicken, um sie hier gut versorgt zu wissen und womöglich anschließend vom Familiennachzug zu profitieren“, erklärte Björn Thümler, der CDU-Fraktionschef in Niedersachsen, der „Neuen Osnabrücker Zeitung“. Er warnt auch vor einer Kostenexplosion bei der Jugendhilfe im Bereich Uma. Demnach hat allein sein Land 2016 mehr als 278 Millionen Euro dafür im Haushalt zurückgelegt. 2015 waren es noch 44 Millionen Euro, 2013 lediglich 14 Millionen. Allein das Land Niedersachsen hat zwischen dem 01.11.2015 und dem 13.01.2017 insgesamt 4 927 UMA in Obhut genommen, davon 4 641 (94,2 %) Jungen. Das Alter wurde 926 Mal durch Ausweispapiere geprüft, in 3 213 Fällen beruht die Altersfeststellung dagegen auf der Selbstauskunft der Betreffenden.

Nun werden verlässliche Methoden der Altersfeststellung wie eben radiologische Untersuchungen selten angewendet. Dabei hat die Arbeitsgemeinschaft für Forensische Altersdiagnostik, die zur Deutschen Gesellschaft für Rechtsmedizin gehört, einen international anerkannten Diagnosestandard entwickelt. Dieser erlaubt zwar nicht die zweifelsfreie Altersfeststellung, aber doch die eines Mindestalters. Während diese Untersuchungen etwa in Österreich vorgenommen werden, nutzen in Deutschland aus ethischen und gesundheitlichen Gründen nur wenige der rund 600 Jugendämter diese Möglichkeit.

Die Verlässlichkeit und Aussagekraft solcher Untersuchungen wird allerdings regelmäßig auch von Radiologen angezweifelt – in der Regel aus deduktiven Gründen: bevölkerungsweite statistische Daten könnten nicht auf die Ebene des Individuums angewendet werden. So seien mehrere Studien zum Ergebnis gekommen, dass zwischen dem tatsächlichen Alter und dem Skelettalter keine signifikanten Zusammenhänge bestehen, sondern beide Werte im Einzelfall sogar um mehrere Jahre voneinander abweichen könnten.

Quelle: http://www.willi-will-wachsen.de/images/lex/x-ray-hand.jpg

Quelle: http://www.willi-will-wachsen.de/images/lex/x-ray-hand.jpg

Überdeutlich wurde das in der Stellungnahme der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie e.V. (DGKJP) vom November 2015, in der als häufigste Art der Knochenaltersbestimmung die Bestimmung des Knochenalters nach „Greulich und Pyle“ erwähnt wurde. Der als Referenz herangezogene Atlas basiere aber „auf einer Population aus den  1930er Jahren und beachtet nicht, dass das mittlere Knochenalter je Altersgruppe in den letzten 80 Jahren deutlich angestiegen ist“. Dazu kämen Differenzen zwischen verschiedenen Ethnien, wie  das „Deutsche Ärzteblatt“ (Jg. 111, Heft 18, 2. Mai 2014) berichtete, und fehlende Normwerte für die jeweils einzelnen Ethnizitäten. Deswegen könne eine Handröntgenaufnahme somit keine wissenschaftliche Methode darstellen, sondern im Gegenteil eine unnötige, medizinisch nicht verantwortbare Strahlenbelastung; das gälte auch für die „modernere“ und weniger strahlenbelastende Methode einer „Computertomographie des Sternoclaviculargelenkes“.

In juristischem Kauderwelsch bestätigte diese Haltung für Sachsen das Innenministerium auf eine Anfrage der AfD: „Radiologische Untersuchungsbefunde  der Zähne oder des Handskeletts oder weitere radiologische  Merkmale der individuellen Reifung dürfen aufgrund der rechtlichen Gegebenheiten nur herangezogen werden, wenn identitätsgesicherte Aufnahmen mit bekanntem Entstehungszeitpunkt  bereits vorliegen.“ Aha. Und wo bzw. von wem sollen die gemacht worden sein? Prompt brachte die sächsische AfD-Fraktion schon am 28. Oktober 2016 einen Antrag „für die konsequente medizinische Altersfeststellung von angeblichen Minderjährigen“ in den Landtag ein, der gemäß dem Katalog der Arbeitsgemeinschaft für Forensische Altersdiagnostik auch die „Erfassung anthropometrischer Maße“ beinhaltete – und natürlich von allen Altparteien abgelehnt wurde.

Zu konstatieren ist also, dass der Fußball-Weltverband ein Verfahren anwenden will, um die politische und ökonomische Funktionalität eines sportlichen Großevents zu sichern. Dasselbe Verfahren soll in Deutschland dagegen nicht angewendet werden, um die politische und ökonomische Funktionalität eines souveränen Nationalstaats zu sichern. Schizophrener kann man die Realität dieses Landes nicht kennzeichnen.

Liebe Jana Hensel,

ich habe Sie noch nie gesehen. Auch war ich nicht auf dem Marktplatz von Finsterwalde. Aber ich habe Ihren „Offenen Brief“ an die Kanzlerin gelesen. Darin fordern Sie sie unter anderem auf, „mit den Pöblern, den Störern, den vielen Männern“ zu reden, sich „von den Rassisten der AfD, von ihren menschenverachtenden Parolen und Forderungen“ zu distanzieren und „denen“ zu sagen, „was es heißt, Deutscher zu sein.“ Aber damit nicht genug – in einem Interview mit dem DLF legten Sie noch mal nach und bezeichneten AfD-Anhänger als „ehemalige NPD-Anhänger. Für die ist Angela Merkel eine Hassfigur.“ So muss auch Diederich Heßling empfunden haben, wenn die verhassten, aber nützlichen Sozialdemokraten eine Rede seines Kaisers zu stören wagten. Das hätte ein FDJ-Wandzeitungsredakteur an der EOS nicht besser hinbekommen.

Schrieben Sie nun einen redaktionellen Beitrag im Auftrag der CDU-PR-Abteilung? Einen Bewerbungstext als Nachfolgerin von Steffen Seibert? Eine Leseprobe aus Ihrem nächsten Roman,  Arbeitstitel „Die Kindertränen von Finsterwalde“? Ich habe diesen Brief mehrfach gelesen, ja lesen müssen, und meine Gefühle waren jedes Mal andere: Staunen, Wut, Bestürzung… ein Potpourri, das mich zu einer ebenso offenen Antwort förmlich herausforderte, denn: ich bin erstens ein Mann und zweitens in der AfD – jener Partei, der Sie noch am 26. April in fünf politischen Punkten Recht gaben. Ich ließ mir für die Antwort bewusst Zeit – nicht nur, um nicht zu emotional zu retournieren, sondern auch, um mit unserem Wahlergebnis meine Argumentation abzurunden.

Habe ich wirklich den Text einer Autorin gelesen, die wie ich aus dem „falschen Land“ kommt, wie Sie eine Ihrer Figuren sagen ließen; die gerade mal 14 Jahre jünger ist als ich und dasselbe Fach studierte, in dem ich promovierte: Literaturwissenschaft? Die mich, ein ehemaliges LDPD-Mitglied, kurzerhand in die NPD schickt? Die eigentlich wissen muss, wo sie lebt und mit wem; die in verschiedenen Texten und Interviews die „Zone“ reflektierte, in „Zonenkinder“ die Mechanismen der DDR-Propaganda akribisch sezierte, die dafür plädierte, dass „wir Ostdeutschen anders bleiben“ sollten, die… nun ganz hin und weg von „Mutti“ ist?

Cover "Zonenkinder". Quelle: Rowohlt.de

Cover "Zonenkinder". Quelle: Rowohlt.de

Fehlte nur noch, dass diese sprachliche Liebedienerei mit der Grußformel „Untertänigst, Ihre Jana Hensel“ geendet hätte. Haben Sie sich die 1819 Kommentare unter Ihrem Brief angesehen? Ich habe es getan. Haben Sie sich die Kommentare unter ihren sonstigen Äußerungen in diesem Jahr angesehen? Auch das habe ich getan. Haben Sie sich eigentlich irgendetwas gedacht bei diesem Text; was muss geschehen sein, dass Sie so viel Realitätsverleugnung publizieren wollten?

Die Fabula beginnt damit, dass Sie mit ihrem Sohn von Berlin in die Niederlausitz zu Merkels Wahlkampfauftritt gefahren sind, „nicht nur, aber auch, weil er Sie sehen wollte. Für Martin Schulz wäre er nicht so weit gefahren.“ Auf die Idee muss man erstmal kommen: als Berlinerin mit einem Neunjährigen nach Finsterwalde zum Wahlkampf zu fahren. Als Beginn einer Satire hätte ich das gut gefunden. Alleine die Autofahrt muss man sich leisten können, bei vielen reicht heute das Geld dazu schon nicht mehr.

Überhaupt: ihr Sohn, der den Text rahmt. Dass Sie nicht wissen, „ob man von einem neunjährigen Kind schon sagen kann, dass er ein Fan ist“, lasse ich ebenso unkommentiert wie die eindeutige „schwarze“ Parteinahme wider den roten Buchhändler. Aber dass er „auf seine kindliche Art stets gut von“ Merkel spräche, während er „von Donald Trump nicht“ so rede, ist eine hanebüchene Aussage. Klar, ich hatte als 9-jähriger auch ganz profunde Vorstellungen von Ulbricht und Breshnew und Nixon und habe mit meinen Eltern ständig über sie gesprochen. Da mussten die Mathearbeit, das Atze-Heft oder das Fahrradfahren schon mal hinten anstehen. Mal im Ernst: ist das Ihr Ernst? Es bedurfte nicht dieser stilistischen Figuration, um pseudoliterarisch die kindliche Unschuld als Kontrast zum vermeintlich schuldigen Pöbel zu setzen, dem die gepeinigte Kanzlerin ausgesetzt ist. Aber ich gehöre auch nicht gerade zu der Zielgruppe, die in Politikern Mütterlichkeit, Güte und Gnade sucht.

Absurd wird es dann zum Ende des Textes: „…ich spürte sein Unwohlsein und wohl auch etwas wie Angst.“ Sie meinen, die zarte Kinderseele nähme durch dieses Erlebnis Schaden? Selbst Rosamunde Pilcher war nicht so kitschig und auch nicht so extrem in ihren Übertreibungen. Wie haben es meine Eltern und ihre Generation geschafft, aufgewachsen in den Nachkriegsjahren, nicht zum Soziopathen zu werden, zum Borderliner, zum AHDS-Junkie, und was man da noch so alles in schwieriger Kindheit erleben darf? Heute kümmert sich Sachsen darum, dass jede Schule einen Sozialarbeiter hat – früher brauchte man diese Art Geldverbrennung nicht. Politiker sind übrigens dem Volke verpflichtet und nicht umgekehrt. Wenn es der so „verletzlich“ wirkenden Frau auf der Bühne zu viel gewesen wäre, kann sie gerne zurücktreten und sich dann sozialpädagogisch betreuen lassen. Schule des Lebens halt. In Deutschland wird niemand gezwungen, Kanzlerin zu werden.

Vielleicht wäre Ihr Sohn von diesem Pfeifkonzert nicht so verängstigt, hätten Sie ihm auf der langen Autofahrt erklärt, dass Merkel vor Menschen sprechen wird, deren Anliegen sie seit Jahren ignoriert, Menschen, denen als Rassismus ausgelegt wird, wenn sie sich mit der deutschen Fahne in der Hand gegen ungezügelte Zuwanderung wehren, Menschen, die nicht mehr wollen, dass in unserem Land im Namen einer Religion unsere Mitbürger umgebracht werden. Hätten Sie ihn darüber aufgeklärt, dass diese Frau in nur einem Jahr eine Million Menschen ins Land gelassen hat, die einer Religion angehören, die Frauen und Nichtmuslime unterdrückt, Demokratie ablehnt sowie Religions-, Meinungs- und künstlerische Freiheit unterdrückt. All das hätten Sie tun können, aber taten es nicht.

Protest in Finsterwalde. Quelle: http://static.wn.de/var/storage/images/wn/startseite/welt/politik/2972191-protest-und-hasstiraden-hau-ab-merkels-schwere-wahlkampfauftritte-im-osten/86828521-3-ger-DE/Protest-und-Hasstiraden-Hau-ab-Merkels-schwere-Wahlkampfauftritte-im-Osten_image_630_420f.jpg

Protest in Finsterwalde. Quelle: http://static.wn.de/var/storage/images/wn/startseite/welt/politik/2972191-protest-und-hasstiraden-hau-ab-merkels-schwere-wahlkampfauftritte-im-osten/86828521-3-ger-DE/Protest-und-Hasstiraden-Hau-ab-Merkels-schwere-Wahlkampfauftritte-im-Osten_image_630_420f.jpg

„Auf der Autobahn rollte er sich in seinem Sitz zusammen und sagte zu mir, wie schön er es fand, Sie einmal mit eigenen Augen gesehen zu haben. Dann schlief er ein.“ Ich stelle mir gerade vor, wie Loriot diesen Text gelesen hätte… Abgesehen von der fötalen Haltung und davon, dass es zu meiner Zeit dafür das Sandmännchen gab (die Metapher des Sandstreuens beute ich hier nicht aus), liest sich das wie eine Ode auf die Erscheinung der Jungfrau Maria, die ob der politischen Profanitäten nur noch keine Möglichkeit hatte, in einer Wolke gen Himmel zu fahren. Kein Wunder, dass sie trotz aller Abwesenheit vorzeigbarer Erfolge bei solch hingebungsvoller Anbetung, ja Vergötterung doch wieder amtieren darf. Aber immerhin: Merkel ist die erste Bundeskanzlerin, die ins Amt gebuht und gepfiffen wurde! Andererseits passt dieses Ende zu dem distanzlosen, gefühligen Duktus, der mich an ein kleines Mädchen erinnert, das einer Prominenten einen Strauß Blumen überreicht und dazu ein Gedicht aufsagt.

***

Viele Kommentare zu ihrem Text sind notabene auch in der fiktiven Form eines Briefs und/oder jener Rede gehalten, die Sie einforderten, und ranken sich im Wesentlichen um drei Problemkreise: soziale Marktwirtschaft vs. Kapitalismus, Ostalgie vs. Demokratie und Politik vs. Kritik. „Liebe Ostdeutsche, dass viele von Euch nur den Mindestlohn zum Leben haben und sich auf einen Lebensabend in Armut einrichten müssen, ist mir völlig wumpe“, beginnt ein User etwa seinen sarkastischen Redeentwurf. „Dafür habt Ihr jetzt ja schöne Innenstädte. Und meinen neoliberalen Umbau der Gesellschaft hin zu einer marktkonformen Demokratie halten weder Ochs noch Esel auf. Warum ich das mache, weiß ich eigentlich selbst nicht so genau. Ich bin halt einfach nur gerne Kanzlerin…“  Und setzt als Pointe: „Sie muss das den Leuten gar nicht mehr sagen. Die wissen das schon.“ Da fällt mir sogleich ein literarischer Vorschlag in Form von Ringelnatz‘ Gedicht „An die Masse“ ein, das Sie hier hätten zitieren können:

„Ich halte zu euch, aber liebe euch nicht,
Weil ihr das niemals versteht.
Und ich liebe – ich liebe –  ich liebe euch doch,
Weil ihr solcher Liebe entgeht.
Wenn ihr einmal Gelegenheit habt,
Laut zu brüllen gegen Mauern,
Dann schweige ich. Ich bin mehr begabt
Als ihr. Und kann dann nur trauern.“ (1929)

Auf die Idee, dass die „schönen Innenstädte“ vielleicht die einzigen blühenden Landschaften inmitten einer Wüste vergilbter Hoffnungen und vertrockneter Träume sind, kamen Sie offenbar noch nicht. Auch nicht, dass wir uns statt um marktkonforme Demokratie vielleicht besser um demokratiekonforme Märkte kümmern sollten. Und erst recht nicht, dass die Lebensbedingungen vieler Menschen im Verhältnis zu den Lebenshaltungskosten – Stichworte Löhne, Miete, Rente… – vor 1990 besser waren als jetzt.

Einen bitteren Brief genau diesen Inhalts – ebenfalls an Angela Merkel – schrieb Anfang des Jahres eine 45jährige, völlig desillusionierte Ostdeutsche namens Heidi Langer (Sie finden ihn leicht im Netz), in dem sie die erlangte „Freiheit“ und den Kanzler-Amtseid („dem Wohle des deutschen Volkes“) reflektiert. Darin heißt es u.a.

„Wie kann man ‚den Nutzen eines Volkes mehren‘, indem man zulässt, dass Armut und Elend im Land um sich greifen, Rentner, die ihr ganzes Leben lang hart gearbeitet haben, ihre Renten über Hartz 4 aufstocken müssen, Kinderarmut um sich greift und gleichzeitig angeblich ein Wirtschaftswachstum zu verzeichnen ist? Wie kann man ‚Schaden von einem Volk abwenden‘, indem man die Interessen der Menschen denen von großen Wirtschaftskonzernen unterordnet…?“

Und das ist beileibe keine subjektiv empfundene Wahrheit, wie etwa in der Vorwahlwoche Jacob Augstein im SPIEGEL bestätigen musste:

„Dumm ist nur, wer glaubt, sein eigenes Wohl und das Wohl der ‚Wirtschaft‘ seien identisch. Denn die Volkswirtschaft hat sich vom Volk abgekoppelt. Was gut für VW ist, ist längst nicht mehr gut für die Deutschen. Wer also sagt, dass es ‚uns‘ gut gehe, der lügt. Aber nicht nur das. Er legt auch Zeugnis seiner eigenen politischen Fantasielosigkeit ab. Denn in diesem Satz steckt immer: Besser wird’s nicht. Für viele Menschen im Land ist das keine gute Nachricht.“

In einer echten sozialen Marktwirtschaft kippen die zu kurz Gekommenen nicht hinten runter, gehen persönliche Schicksalsschläge nicht mit sozialem Absturz und Existenzverlust einher und klafft die Schere zwischen arm und reich nicht immer weiter auf. Haben Sie einmal darüber nachgedacht, wie überhaupt in einem System, das auf Konkurrenz basiert, Konsens hergestellt werden kann?

Inzwischen ist alles, was mit dem Begriff „sozial-“  verbunden war, in Bausch und Bogen diskreditiert und nach dem Motto „wenn jeder an sich selber denkt, ist an alle gedacht“ eine Kultur der Ellenbogen und ungezügelten Profit-Egomanie auf allen Ebenen etabliert worden, deren Folgen wir heute gesamteuropäisch ausbaden dürfen: privatisierte Gewinne, sozialisierte Verluste – einerlei, ob in Griechenland, der Commerzbank oder Air Berlin.

Auch Daniel Grüneke, ein 32 Jahre alter Konstruktionsmechaniker Schiffbau, Vater eines kleinen Sohnes und bei einem Dutzend Leiharbeitsfirmen tätig, schrieb vor zwei Wochen einen Offenen Wutbrief nicht nur an Merkel, sondern gleich an die ganze CDU (Sie finden auch den leicht im Netz), im dem er angesichts eines vollmundigen Wahl-O-Mat-Zitats versuchte, einen „Einblick in das Ausmaß der Demütigungen, Perspektivlosigkeit, Entrechtungen, Nötigungen, Erpressungen, Drohungen, Lohn- und Nebenkostenbetrug und den völligen Entzug der Lebensgrundlage bis hin unterhalb des Anpruches auf Arbeitslosengeld 2“ zu liefern. Ein Kernsatz lautet:

„…einen Monatslohn von maximal 1600€ netto. Zum Vergleich: Dies entspricht exakt dem ALG2-Anspruch meiner dreiköpfigen Familie. Entgegen der Werktätigkeit hätte ich im Falle der Arbeitslosigkeit jedoch 365 Tage Urlaub und jede Menge Zeit der Welt zu erklären, warum Arno Dübel Recht hatte.“

Ansgar Neuhof verallgemeinerte ebenfalls in der Vorwahlwoche:

„Deutschland, das Land mit dem niedrigsten privaten Median-Haushaltsvermögen der EU, mit der (zweit)höchsten Steuer-/Abgabenquote der OECD-Staaten, mit einem der EU-weit geringsten Rentenniveaus, mit nicht oder nur wenig über der Preissteigerung liegenden Lohnzuwächsen, mit den (zweit)höchsten Strompreisen in der EU, mit der höchsten Zunahme an Leiharbeit und Erwerbsarmut in der EU, dafür aber mit einer sich überproportional bedienenden politischen Kaste,  mit der höchsten Zuwanderung in die Sozialsysteme und deutlich zunehmender Kriminalität, mit einer trotz sprudelnder Steuereinnahmen teilweise verfallenden Schul- und Verkehrsinfrastruktur und unterfinanzierter Polizei und Bundeswehr.“

Und all das soll kein Grund sein, der Kanzlerin mal richtig die Meinung zu sagen? Dieser Politik und diesem Politikstil entgegenzuwirken, ist nicht nur ein ehrenwertes, sondern auch überaus dringendes und notwendiges Unterfangen, dessen Lautheit mangels einer parlamentarischen Opposition dabei fast unausweichlich war.

***

Dann: die „Zone“. Sie schrieben einst selbst, dass in keinem anderen Land die Wirtschaft so stark zusammengebrochen war nach Währungsunion und Wiedervereinigung: sie verlor 27 Prozent gegenüber dem Wert von vor 1989. Nur in Bosnien und Herzegowina findet man ähnliche Zahlen – allerdings nach dem Jugoslawienkrieg. Sie schrieben einst selbst, dass das Nettovermögen westdeutscher Haushalte den Wert im Osten um mehr als das Doppelte übertrifft, Stichwort Wohlstandsgefälle. Und dabei wurde Ihnen doch nachgeschrieben, dass man mit einer „Bewusstseinsführung“ wie der in „Zonenkinder“ niedergelegten nirgends in einem Leben ankäme. Da sollen alle anderen also angekommen sein? Aber wo?

Ein Kommentator schrieb pauschalisierend vom „Wessi“ als „neuer Besatzungsmacht“, der alle Schaltstellen der Gesellschaft besetze: „…ihm gehören Häuser, Boden, Betriebe … er stellt die Professoren, Bürgermeister, Chefs… Und eine Menge Ostdeutscher fühlen sich inzwischen wie Gastarbeiter im eigenen Land. Hätten sie das gewusst, hätten viele wohl auf Bananen und Reisefreiheit, die sie sich eh nicht leisten können, verzichtet…“ Die Ostgebiete wurden also doch noch erobert – wenn auch anders und nicht in erhoffter Quanti- und Qualität.

Ein anderer konstatierte, dass auch 27 Jahr nach der Wende, „die wir Ossis mit unseren Demos erzwungen haben“, der Arbeitsmarkt im Osten noch immer weit abgehangen sei, Stichwort „Niedriglohnkolonie“. Da verstünde niemand, warum mit Massenzuwanderung ungelernter Wirtschaftsflüchtlinge Konkurrenzprobleme geschaffen werden müssten. Ich sehe auf der ganzen Welt kein Land, in dem die Wirtschaft die Arbeiter mit sittenwidrigen Löhnen abspeist und zugleich nach mehr Arbeitern ruft. Sachsens Ministerpräsident Stanislaw Tillich wirbt mit „Niedriglohn als Standortvorteil“ und faselt zugleich etwas von „Respekt“ und einer „Kultur des Miteinanders“ – vor bzw. mit wem eigentlich?

„Die Bundesregierung ist dem deutschen Volke verpflichtet, im Grundgesetz kann ich nicht entdecken, dass damit Mulikulti gemeint ist“, lese ich bei demselben Schreiber weiter. Der Osten habe nach 1945 an die UdSSR Reparationsleistungen erbringen müssen, aber keinen Marshallplan gehabt: „Hier haben unsere Großeltern und Eltern in die Hände gespuckt und aufgebaut. Hier wurde nach dem Krieg gehungert!“ Und ein dritter ärgert sich, dass seit nun bald 27 Jahren die Menschen im Osten Staatsbürger 2. Klasse seien: „Sie haben die gleichen Steuern und Abgaben, aber niedrigere Löhne und Renten“. Dagegen zu protestieren sei nicht „rechts“. Richtig.

Das ist aber nur die aktuelle Hälfte der Wahrheit. Hinzu kommt eine historische Hälfte, die viel viel schwerer wiegt und etwas zu tun hat mit Schweigen als psychologischer Kategorie. Mit Verstummtheit, auch, aber eher mit Sprachlosigkeit – die jetzt, nach über zweieinhalb Jahrzehnten, überwunden wird, wie Stefan Locke in der FAZ fast erstaunt feststellen musste. Gemeint sind die erschütternden Geschichten aus der erschütternden (Nach)Wendezeit, die Verletzungen, Demütigungen, Ohnmächte. Der weiß Gott nicht konservative Locke sieht sich gezwungen, einen Diplomingenieur mit dem Satz zu zitieren: „Nur die Erinnerung an die Geborgenheit im Sozialismus und meine Familie haben mir geholfen, das alles zu überstehen.“ Ein Technischer Direktor habe, ohne je wieder einen richtigen Job zu erhalten, eine ABM nach der anderen absolviert und sich dann „durchgewurschtelt bis zur Frühverrentung“. Ein weiterer Ingenieur erzählt, wie er auf dem Bau landete, bis auch dort nach dem ersten Boom Schluss war, dann ebenfalls: ABM, Vorruhestand… Ich habe auch nach der 221. Bewerbung aufgehört, die Absagen zu zählen. 2014 war jeder 6. Ostdeutsche immer noch überqualifiziert und unterbezahlt.

Ein Aspekt ist also die Umwertung: auch tausende Kumpel etwa wurden in der DDR verehrt als Helden an der Kohlefront, heute sind sie arbeitslose Umweltzerstörer. Ein anderer Aspekt ist die zumal finanzielle Abwertung. Es geht um Bergleute und Krankenschwestern, deren Rentenbeiträge aus der DDR heute nicht mehr anerkannt werden, um in der DDR geschiedene Frauen, die heute vielfach in Altersarmut leben, weil es keinen Versorgungsausgleich gab, um DDR-Eisenbahner, deren Betriebsrenten, für die sie Beiträge zahlten, „einfach weggewischt“ wurden, die aber die Renten der West-Bahner zu ihren Lasten mitzahlen – und in der mehrheitlich westdeutschen Gewerkschaft keinerlei Unterstützung finden. Übrigens holt all diese Geschichten in Sachsen witzigerweise gerade die SPD aus der Verdrängung – obwohl sie die entsprechenden Linken-Gesetzentwürfe zur Rentenanpassung alle ablehnt hatte.

Einerlei: es bleibt die Bitternis einer endgültigen Ankunft in einem System, das für viele nichts von dem einlöste, was ihnen vor 27 Jahren verheißen wurde. Einem System, dass über Nacht vom gelernten Klassenfeind zum erhofften Menschenfreund werden sollte und vor dem gerade, aber vergeblich Intellektuelle warnten (hören Sie sich bspw. nochmal die Reden von Wolf, Hein oder Müller am 4. November auf dem Berliner Alex an). Einem System, das im Gegensatz zu den „Selbstwirksamkeitserfahrungen“ der Wende jetzt zunehmende Abstiegs- und Verlustängste, Entheimatungsgefühle (der Begriff stammt von Wolfgang Thierse, SPD) und Unkontrollierbarkeitsempfindungen verantwortet, Enttäuschung auf Enttäuschung häuft und damit die Prophezeiung, dass es niemandem schlechter, aber vielen besser gehen sollte, mehr und mehr ad absurdum führt.

Demo auf dem Alex, 4.11.1989. Quelle: http://www.mdr.de/damals/archiv/bild170604-resimage_v-variantSmall16x9_w-1792.jpg?version=1725

Demo auf dem Alex, 4.11.1989. Quelle: http://www.mdr.de/damals/archiv/bild170604-resimage_v-variantSmall16x9_w-1792.jpg?version=1725

Und genau das ist der Knackpunkt. Sie kennen ebenso wie ich den Begriff der „Inneren Emigration“, mit dem u.a. die Literaturwissenschaft jene Autoren bezeichnet, die sich aus welchen Motiven auch immer zwischen 1933 und 1945 nicht ins Ausland absetzten, sondern in Deutschland blieben. Aber die mussten nur 12 Jahre ertragen und hatten danach Alternativen. Wir mussten inzwischen 27 Jahre ertragen und haben keine Alternativen! Žižek hat mit seiner Einschätzung der „Freiheit der politischen Wahl“ Recht: eigentlich gab es diese Wahl nie, und an dem Punkt, an man wählen könnte, hatte man bereits gewählt. Genau das ist es, was die Bürger der Neuen Länder im Erlebnis zweier Systeme mit Stärken und Schwächen unbequem sein lässt! Selbst Helmut Kohl gab gegenüber dem Historiker Fritz Stern auf die Frage, welche Fehler er bei der Wiedervereinigung gemacht habe, nach einigem Zögern zu, dass er es versäumt habe, offen darüber zu reden, dass nicht alles in der DDR falsch war und im Westen nicht alles richtig. Ich will die DDR nicht zurück, aber diese sogenannte Bundesrepublik will ich erst recht nicht!

Und diese von Millionen jahrzehntlang verdrängte und nun eingestandene Gewissheit, um seine Träume, sein Leben betrogen worden zu sein, die bricht sich jetzt Bahn, und zwar laut Bahn gegen eine Frau, die offensichtlich all das repräsentiert, von dem die Betrogenen, Entwerteten enttäuscht sind, ja was sie hassen. Ist die „beleidigte Entschlossenheit“, die einmal die ZEIT konstatierte, nichts weiter als die trotzige Entschlossenheit, die nicht erfolgte oberflächliche Einheit, die in Wirklichkeit PR-Sprech des “Beitritts” war, nun zu Ende zu bringen als Wiederaneignung von Entwendetem, ja als Sehnsucht, im eigenen Land endlich anzukommen? Was meinen Sie denn, warum gerade die AfD mit dem Slogan „Hol dir dein Land zurück“ so erfolgreich ist? Christoph Dieckmann hat den psychologischen Mechanismus schon 1998 (!) analysiert:

“Bar aller Psychologie schien der Westen zu glauben, der DDR-Anschluss nach Artikel 23 des Grundgesetzes habe nicht nur das Verfahren der Vereinigung geregelt, sondern auch ihr Wesen. Die Ostdeutschen wollten die Einheit, also würde Einheit werden. Sie hatten ihre Eigenstaatlichkeit beendet, also war da nichts Eigenes. Sie wünschten parlamentarische Demokratie, also würden sie Demokraten sein… Aber wer heiratet, vermählt sich nicht mit der eigenen Geschichte, sondern mit einer fremden. Das gilt für Aschenputtel und Prinz.”

Und auch das alles ist nur eine Seite der Medaille. Die andere ist die gegenwärtige bundesrepublikanische Darreichungsform von „Demokratie“ als „Freiheitlich-Demokratische Grundordnung“. Und genau die sehe ich wie viele andere, nicht nur AfD-Mitglieder, seit geraumer Zeit außer Kraft gesetzt. Wenn nämlich erstens zum Verständnis dieser freiheitlich-demokratischen Grundordnung die Zumutung gehört, hunderttausende Eindringlinge ungeordnet in unser Land zu lassen; sie undifferenziert mit dem schon länger hier lebenden „Pack“ gleichzustellen, das dieses Land und sein Sozialsystem erst erschuf; hunderttausende „Schutzsuchende“, vor denen Frauen Schutz suchen müssen, wenn also statt Grenzen Weihnachtsmärkte gesichert werden, vor Trinkwasseranschlägen gewarnt wird; wenn Zumutungen wie TBC, Anti-Vergewaltigungsshorts oder gar der Islam zu Deutschland gehören sollen, ja wenn ich plötzlich ungefragt Bewohner eines Einwanderungslands sein soll, dann ist dieses Verständnis von Grundordnung nicht mein Verständnis von Grundordnung. Das ist im Gegenteil das Chaos einer poststalinistischen Psychopathin und ihrer durchgeknallten Pseudoelite! Unsere schöne deutsche Sprache unterscheidet Gäste und Flüchtlinge, Heuchler und Helden, Verfolgte, die Asyl suchen und Asylsuchende, die ganz andere Dinge finden wollen. In einem Kommentar, der mich sehr erschreckte, las ich den Satz „Ich habe jüdische Freunde, die mich fragen, warum habt ihr uns vergast und die bewerft ihr mit Bananen?“

Bananen für Flüchtlinge. Quelle: http://www.rbb-online.de/content/dam/rbb/rbb/Bilder%20Infoportal-------/2015/201508/Bildfunk-aktuell/60706484.jpg.jpg/size=708x398.jpg

Bananen für Flüchtlinge. Quelle: http://www.rbb-online.de/content/dam/rbb/rbb/Bilder%20Infoportal-------/2015/201508/Bildfunk-aktuell/60706484.jpg.jpg/size=708x398.jpg

Wenn zweitens zum Verständnis dieser freiheitlich-demokratischen Grundordnung Zumutungen gehören wie das Denunzieren Andersdenkender, die private und berufliche Vernichtung wegen abweichender Meinungen oder AfD-Engagements, das Einführen gesetzlich ungedeckter Straftatbestände wie Hass-Kommentare oder Fake News, und das Verstoßen gegen europäisches Recht, ja das Grundgesetz, wie zwei Tage vor der Wahl selbst der Wissenschaftliche Dienst des Bundestages zugeben musste, dann ist dieses Verständnis von Demokratie nicht mein Verständnis von Demokratie! Sowas hatten wir schon, ich will es nie wieder!

Und wenn drittens zum Verständnis dieser freiheitlich-demokratischen Grundordnung Zumutungen gehören, die Millionen ach so unfreier DDR-Bürger nur aus Geschichtsbüchern kannten, Zumutungen wie Arbeitslosigkeit, Obdachlosigkeit, Kinderarmut, Altersarmut, Analphabetismus und dergleichen mehr, dann ist dieses Verständnis von Freiheit nicht mein Verständnis von Freiheit! Dem Menschen ist Verstand gegeben, um die Widrigkeiten des Lebens bestmöglich zu kontrollieren und zu eliminieren – hier werden diese Widrigkeiten bei vollstem Verstand befördert. Ich sage nur: rechtsfreie Räume, unerfüllbare Rentenversprechen, Existenzängste des Mittelstands, unkontrollierte Zuwanderung – was ist das für ein Land, das mit Flüchtlingen besser zurecht kommt als mit dem eigenen Volk? Auf unseren Schultern lastet nicht das Elend dieser Welt!

Stellvertretend für viele ähnliche Statements in den Wochen vor der Wahl sei ein 76jähriger Wolgaster angeführt, den die Berliner Zeitung so zitiert „Blühende Landschaften? Stattdessen ist die Arbeitslosigkeit zuerst gekommen – und die Armut. Man hätte die Verhältnisse angleichen müssen, nicht den Westen übernehmen. Das brauchen wir nicht.“ Die Fehler seien bis heute nicht eingestanden worden und auch nicht korrigierbar. Im Gegenteil, in Wolgast etwa seien nach den Industriebetrieben das Kreisgericht, das Arbeitsgericht, das Finanzamt und die Krankenkassen geschlossen worden. Und „jetzt steht das Krankenhaus auf der Kippe“.

Viele andere Menschen, nicht nur ich,  empfinden, dass wir uns seit Jahren zurück entwickeln! Wir wurden entbildet, entsozialisiert, entsolidarisiert, entwertet, ja entwürdigt von jenen, die uns zu repräsentieren vorgaben und -geben. Es gab keinen Aufbau Ost, nur einen Umbau Ost als Nachbau West. Den wollte ich nicht, den wollte keiner! Früher sprachen wir von allseitig gebildeten Menschen, heute müssen wir von einseitig verbildeten, ach was, einseitig verblödeten Objekten sprechen – selbst ein Subjekt setzt ja ein Ich voraus! Nein, Objekte sind es, inhaltsleere, wesenlose Hüllen, die man in beliebigen politischen Koordinatensystemen beliebig hin und her verschieben kann! „Auf und nieder, auf und nieder, wer nicht hüpft, der ist Pegida“ – das ist kein Ausdruck irgendeines ebenso lauten wie sportiven Protests verbildeter Dresdner Studenten. Das ist auch kein Ausdruck irgendeiner Ideologie. Das ist einfach nur infantil!

Anti-Pegida-Protest 26.10.2015. Quelle http://www.dnn.de/Dresden/Fotostrecken-Dresden/Pegida-und-Gepida-am-26.10.2015#n12665878-p22

Anti-Pegida-Protest 26.10.2015. Quelle http://www.dnn.de/Dresden/Fotostrecken-Dresden/Pegida-und-Gepida-am-26.10.2015#n12665878-p22

„Die über Nacht sich umgestellt, zu jedem Staate sich bekennen, das sind die Praktiker der Welt; man kann sie auch Halunken nennen“ wusste schon Heinrich Heine. Nichts hat sich seitdem geändert! Die Systemlemminge von einst mutierten zu Wendehälsen, die Wendehälse wurden die Systemlemminge von heute und können im sächsischen Landtag besichtigt werden: dieser Bodensatz der Diktatur darf heute als Fettfilm der sogenannten Demokratie wieder oben schwimmen! Und zu diesem Nachbau West müssen wir die CDU als demokratie- und politikunfähige Machterhaltungsmaschinerie im Stile einer SED 2.0 addieren. Zusammen mit Linksgrün bildet dieser Chaotisch-Diktatorische Unfall der deutschen Parteienlandschaft das Konsensmeinungskartell eines Landes, in dem sich in einer Dresdner Ortsbeiratssitzung eine grüne Bürgermeisterin nicht entblödet, das Mantra „Wir schaffen das“ der schwarzen Kanzlerin zu verteidigen! Dieses Land ist ebenso schizophren wie seine durchgeknallte Pseudoelite!

Haben Sie sich mal ernsthaft mit unseren MdEP, MdB und unseren Bundesministern befasst? Da tummeln/tummelten sich zunehmend mehr Doktorschwindler (Guttenberg, CSU; Schavan, CDU; Chatzimarkakis, FDP…), Lebenslauferfinder (Hinz, SPD) oder gar ungelernte Hilfsarbeiter wie Claudia Roth (Grüne), die als Bundestagsvize in meinen schlechtesten Zeiten mehr Einkommen im Monat hatte als ich in meiner Selbständigkeit mit zwei akademischen Graden im Jahr – obwohl ich teilweise das Doppelte des Deputats eines FH-Professors schrubbte. Ganz zu schweigen von Bonusmeilenbetrügern (Özdemir, Grüne), Kinderpornographen (Edathy, SPD), Drogenjunkies (Beck, Grüne) usw. usf. Was sollte ich mit einem System am Hut haben, das derlei zu- und solcherart Personal hochkommen lässt? Von solchen Menschen würde ich mir nochmal nicht die Uhrzeit oder gar irgendetwas anderes sagen geschweige mich regieren lassen!

Diejenigen dagegen, die sich ihren bildungsbürgerlichen Humanismus, der einst per definitionem links war (!), ihre aufgeklärte Klassizität, ihre Verantwortungsethik über alle Ideologie und erst recht alle Staatswesen oder besser gesagt Staatsunwesen hinweg bewahrt haben und sich in diesem Land engagieren wollen, um es voranzubringen, die werden für all das, was ihnen generationenlang „normal“ vorkam, jetzt günstigstenfalls als Konservative, aber viel schlimmer als Rechte, Nazis, Faschisten und Rassisten diffamiert! In wie vielen falschen Filmen kann man eigentlich noch sein? Ich bewohne meine Wohnung, du nicht. Ich fahre mit meinem Fahrrad, du nicht. Ich telefoniere mit meinem Handy, du nicht. Bin ich jetzt Rassist, weil ich für mich „Dinge“ beanspruche, die ich anderen vorenthalte? Und all das soll kein Grund sein, der Kanzlerin mal richtig die Meinung zu sagen?

***

Letztens: Kritik und Politik. Proteste mit Trillerpfeifen gegen Merkel gab es schon immer, in den Jahren zuvor von Grünen, Linken, DGB & Co. Da habe ich allerdings keinen Brandbrief von Ihnen gelesen. Selbst Helmut Kohl musste Pfiffe ertragen, schon am 10. November 1989 bei einer Rede vor dem Schöneberger Rathaus. Er wurde im Osten gar ausgebuht, als nicht die blühenden Landschaften kamen, sondern das Arbeitsamt, und durfte in Halle sogar ein paar rohe Eier vom Revers klauben. Nur weil ich satt bin und ein Dach über dem Kopf besitze, muss ich nicht grundsätzlich jeden politischen Irrweg beklatschen. Dazu mehrt gerade ein gewisser Wohlstands- oder Sicherheitsgrad immer die Sorge darum, dass dieser nicht Bestand haben könnte, zumal für spätere Generationen.

Kohl-Protest in Halle, 10.05.1991. Quelle: http://www.mz-web.de/image/24030752/2x1/940/470/69b5804fe742d89ead337e1c771ced6/pj/71-99277123--null--09-05-2016-21-26-57-448-.jpg

Kohl-Protest in Halle, 10.05.1991. Quelle: http://www.mz-web.de/image/24030752/2x1/940/470/69b5804fe742d89ead337e1c771ced6/pj/71-99277123--null--09-05-2016-21-26-57-448-.jpg

Aber 2017, konstatiert Tilo Sarrazin völlig zu Recht, sind Pfeifkonzerte, laute Zwischenrufe und Hau-ab-Chöre nur eine Gefahr für die Demokratie, wenn sie Angela Merkel oder Heiko Maas gelten. In allen anderen Fällen leisten die Störer dagegen einen Beitrag zur Rettung der Demokratie. Dazu passt Ihr beleidigt-weinerlicher Ton in Richtung Protestierer einerseits, und Ihre sich bereitwillig für andere entschuldigende, devote Stimme („Sie sind doch so mächtig, Sie standen doch auf einer großen Bühne“) in Richtung Merkel andererseits. Wehren Sie vielleicht die Wucht der Volkswut ab? So dürften sich auch die Tintenstrolche der DDR-Journaille im friedlichen Herbst 1989 gefühlt haben.

Denn immerhin sind Sie mit ihrem Fahrzeug wieder nach Hause gekommen, ohne dass es von „Demonstranten“ durch Feuer zerstört, Sie durch Steine oder andere Wurfgeschosse verletzt, ja körperlich angegriffen wurden, wie es einem 73jährigen Mitglied meiner AfD-Ortsgruppe am Wochenende vor der Wahl im Dresdner Umland geschah. Auch wurde die Bühne der Kanzlerin oder gar sie selbst weder „betortet“ noch mit Farbe oder Ähnlichem beworfen, der Veranstalter des Auftritts nicht bedroht… es gab lediglich Unmutsbekundungen und Äußerungen von Nicht-Zustimmung zur Politik der Rednerin. Googeln Sie doch einfach mal, wie viele AfD-Veranstaltungen durch Pöbeleien, Trillerpfeifen oder sonstige „Events“ gestört wurden. Ja, Gleiches mit Gleichem zu vergelten ist keineswegs die feine englische Art, zumal wir bürgerliche Wähler erreichen wollten (und das leider nur zum Teil schafften, sonst wäre die FDP nicht so stark geworden), die sich von lautstarkem Geschrei eben nicht angesprochen fühlen.

Der Vergeltungsgedanke widerspricht zwar der (christlichen) Gesinnungsethik, ist aber im so genannten „gesunden Volksempfinden“ tief verwurzelt. Das können sie erbärmlich nennen, müssen es aber nicht. Es braucht die eigene Toleranz, dem Andersdenkenden zumindest einmal zuzuhören, freie Meinungsäußerung darf nicht die Meinung anderer missachten. Es braucht aber erst recht die Akzeptanz der Regierung, die Themen der Bevölkerung endlich aufzugreifen und sich nicht nur die Rosinen der Gefälligkeit heraus zu picken. Sie könnten sich fragen, wie ohnmächtig und verzweifelt diese Menschen sein müssen, weil sie, ihre Interessen, ihre Bedürfnisse einfach nicht gehört werden. Sie könnten aber auch einfach nur feststellen, dass viele Bürger mit der Politik der Bundeskanzlerin unzufrieden sind und das friedlich, aber laut zum Ausdruck brachten.

Finden Sie es nicht auch erstaunlich, dass Merkel bei vielen ihrer Wahlkampfveranstaltungen ausgebuht und ausgepfiffen wird – auf YouTube gibt es Aufzeichnungen zu fast jedem dieser wenig schmeichelhaften Auftritte, zuletzt am 22. September in München. Finsterwalde ist ein Symptom, kein Einzelfall. Ich erwarte daher von Ihnen, wenn AFD-Politiker Reden halten und von einer wütenden Antifa-Meute ausgepfiffen werden, dass Sie das Pfeifkonzert der Antifa, das undemokratische Stören des Rederechts künftig auch verurteilen. Andernfalls messen Sie mit zweierlei Maß, so dass man Ihren Text schon aus diesem Grund nicht mehr ernst nehmen kann und Sie als Merkel-Groupie ansehen muss, oder haben schlimmstenfalls das Prinzip der Meinungsfreiheit nicht verstanden. Sie kennen ebenso gut wie ich Günter Eich, in dessen Gedicht „Wacht auf“ es u.a. heißt:

„Schlaft nicht,
während die
Ordner der Welt
geschäftig sind!
Seid misstrauisch gegen ihre Macht,
die sie vorgeben
für euch erwerben zu müssen!
Wacht darüber,
dass Eure Herzen nicht leer sind,
wenn mit der Leere Eurer Herzen
gerechnet wird!
Tut das Unnütze, singt die Lieder,
die man aus eurem Mund
nicht erwartet!
Seid unbequem,
seid Sand,
nicht das Öl
im Getriebe der Welt!“ (1950)

Früher waren gute Autoren, ja Intellektuelle natürliche Opposition, wenn nicht gar kratzbürstige Dissidenten. Heute schreibt man ex-post Ergebenheitsadressen („Sie hingegen sind mehr als nur ein Symbol, Sie sind weiter gekommen als jeder andere von uns, der nach dem Mauerfall in die freie Welt aufgebrochen ist…“), wenn sich die Postkartenidylle nicht wie gewünscht einstellen will. Es bleibt ein sentimentales Rührstück ohne wirkliche Pointe: Merkel will doch nicht diskutieren. Sie will regieren. Nebenbei: vielleicht hätte Merkel diskutiert – so sie dazu in der Lage gewesen wäre. Sie herrscht, ohne zu regieren. Die Sprache der Macht ist Schweigen. „Vor einem Putin oder Trump geben Sie doch auch nicht klein bei“ -  vor einem Erdogan aber auf jeden Fall.

Letzter Punkt: die Lautstärke, die neben anderen paraverbalen Aspekten wie Artikulation, Sprechtempo  oder Sprachmelodie nicht von Stimme und Sprache zu trennen ist. Und was der gemeine Wähler, in Ostdeutschland, gar im deutschen „Schandfleck“ Sachsen (Hamburger Morgenpost) zumal, seit einigen Jahren sprachlich aushalten muss, ist an Perfidie nicht zu überbieten.

  • Der CDU-Politiker Albert Stegemann (MdL) kommentierte das Abschneiden der AfD in Mecklenburg-Vorpommern mit „Scheiss Nazis!!!“ auf seiner Facebook-Seite
  • „Herr lass Hirn vom Himmel fallen“ rief Claudia Roth (Grüne) zu Demonstranten vor der Dresdner Frauenkirche am Tag der deutschen Einheit.
  • Die linke Landtagsvizepräsidentin von Mecklenburg-Vorpommern, Mignon Schwenke, erklärte die AfD-Fraktion während einer Regionalkonferenz zu potentiellen Mördern.
  • Der nordrhein-westfälische Innenminister Ralf Jäger (SPD) sieht hinter Pegida „Neonazis in Nadelstreifen“.
  • Bundesvize Ralf Stegner ließ aus Anlass des Kölner Reker-Attentats  seine Follower auf Twitter wissen, dass Pegida in Köln „mitgestochen“ habe. Auch warnte er, „anständige Deutsche“ dürften niemals die „rechtsextreme AfD-Bande“ wählen, denn diese sei „verantwortlich für rechte Gewalt“. Außerdem forderte er, man müsse „Positionen und Personal der Rechtspopulisten attackieren“, weil diese „gestrig, intolerant, rechtsaußen und gefährlich“ seien.
  • CSU-Generalsekretär Andreas Scheuer bezeichnete die AfD als „Lügenpartei“, kurze Zeit später warnte sein Parteikollege Joachim Hermann in einem Welt-Interview, in der AfD seien „Wölfe unterwegs“.
  • SPD-Chef Sigmar Gabriel hat Demonstranten aus Sachsen als „Pack“, welches „eingesperrt werden muss“, bezeichnet. Außerdem behauptete er erst in der Vorwahlwoche „Wenn die AfD in den Bundestag einzieht, haben wir zum ersten Mal nach Ende des Zweiten Weltkriegs im deutschen Reichstag wieder echte Nazis.“

Soll reichen. Wer die Menschenwürde verteidigen will, darf sie niemandem absprechen, das nur nebenbei. Wer so diffamiert wird, soll sich nicht lautstark wehren dürfen? Die Kehrseite dieser Beschimpfungen ist nicht nur das Verkünden teils haltloser Schönwetterbotschaften, denen die Demonstranten den Donner der Realität entgegen schleuderten, sondern die volkserzieherisch intendierte semantische Verengung vieler Wörter aus Gründen der Politischen Korrektheit. Der Tagesspiegel behauptete, Worte wie Krise, Welle oder Lawine seien „Pegidasprache“. Gehören dann Atheisten wie ich als Ketzer auf den Scheiterhaufen, wenn ich mal „Gott sei Dank“ sage? Die „Zeit“ will uns einreden, dass „Flüchtling“ allein wegen der Negativendung „ling“ diskriminierend  sei. Und der Präsident des Landtags von Rheinland-Pfalz, Hendrik Hering, verstieg sich gar zu der Behauptung, dass „Pegida-Versteher“ Prof. Dr. Patzelt wie die Nazis für eine Verrohung der Sprache verantwortlich sei.

Wundert Sie da, dass sich Bürger nicht nur die Deutungshoheit über ihr Leben, sondern auch über ihre Sprache zurückholen wollen? Eine offene Gesellschaft ist mit einem geschlossenen Sprachsystem nicht vereinbar. Für Mohrenkopf, Zigeunerschnitzel & Co. muss man nicht kämpfen, das muss man einfach nur sagen, denn es gibt nichts Unsagbares, sondern nur Unsägliches. Unsäglich ist, dass die AfD „marschiert“, während normale Menschen demonstrieren; dass die AfD „pöbelt“ oder „hetzt“, während normale Menschen fordern oder kritisieren; dass AfD-Politiker „brüllen“, während normale Politiker sprechen und rufen. Aber wer uns mit solchen Beschimpfungen als geistige Brandstifter diffamiert, betreibt genau jene Menschenfeindlichkeit, die er anderen vorwirft, um dann scheinheilig zu fragen, wo bloß der Hass herkommt.

Und all das soll kein Grund sein, der Kanzlerin mal richtig die Meinung zu sagen? Und vor allem: all das wollen Sie nicht gewusst geschweige beim Abfassen Ihres Textes nicht mit bedacht haben? So naiv kann man gar nicht sein. Nicht nur, dass die sogenannten Volksparteien das Volk nicht mehr verstehen, auch die Autoren dieses Volkes tun das nicht mehr. Wenn sie es überhaupt wollen.

***

Nun also: eine Wahl, wie sie nicht im (Dreh)buch stand. Fast 13 % haben ihre Stimme, ja, auch uns gegeben, aber vor allem gegen Merkel erhoben. In Sachsen haben wir bei den Zweitstimmen Platz 1 errungen, mit den Erststimmen drei Direktmandate und mit den Zweitstimmen weitere acht  geholt. Über einige der Gründe habe ich jetzt 10 Seiten lang nachgedacht. Wir wollen 2019 diesen Sieg verteidigen und die schon länger hier Regierenden ablösen, die nur noch die Macht verwalten, aber keine Zukunft gestalten. Um die hat der Sachse nämlich keine Angst, sondern kämpft dafür. Wenn Sie das auch tun, im Interesse Ihres Sohnes beispielsweise, freut sich

Ihr
Dr. Thomas Hartung
Stellv. Landesvorsitzender AfD Sachsen

ASA-Editorial 32-2017

In der Woche vor der Wahl müssen wir schon wieder über Literatur nachdenken. Genauer: über politische Literatur. Das ist eigentlich ein unscharfer Sammelbegriff für literarische Werke vom Gedicht bis zum Drama, die sich mit politischen Themen, Ideen oder Ereignissen befassen. Ihr Spektrum reicht von historischen Avantgarden wie etwa dem Vormärz (Freiligrath, Herwegh, Weerth…) bis zu Beispielen staatlicher Propaganda in Diktaturen. Auch der Literatur der beiden deutschen Staaten war oft eine politische Dimension eigenen, manche Texte ohne sie kaum verständlich, das betraf etwa die frühe DDR-Science Fiction (del Antonio, Weise…) ebenso wie die Agit-Prop-Szene der BRD (Kittner, Süverkrüp…).

Von Anbeginn steht dabei der Begriff „Tendenzdichtung“ im Raum: solche Texte seien nicht mit den Ansprüchen autonomer Kunst zu vereinbaren, denn die affirmative Rhetorik von „Parteilichkeit“ lässt immer die Instrumentalisierung unterschiedlicher Macht- und Interessengruppen durchblicken. So sei Dichtung kein angemessenes Medium für Politik, Politik kein angemessener Inhalt für Dichtung. Die Tage kurz vor der Bundestagswahl zeigen anhand zweier Jugendbücher, dass diese Vorwürfe durchaus gerechtfertigt sind, befassen sie sich doch mehr oder weniger explizit mit der AfD und verfolgen ganz eindeutig eine politische Mission: vor dieser Partei zu warnen.

Cover "Der Schuss". Quelle: dtv

Cover "Der Schuss". Quelle: dtv

„Der Schuss“ von Christian Linker (nomen est omen) handelt vom 17-jährigen Robin, einem unpolitischen Schluffi, der zufällig Zeuge eines Mordes an einem Rechtsextremisten wird. Die Täter sind selber Rechte, wollen den Mord aber einem stadtbekannten „Intensivtäter“ mit Migrationshintergrund unterschieben, um damit die Wahlergebnisse ihrer „Deutschen Alternativen Partei“ zu befeuern. Zwar durchaus gut charakterisierte, ambivalente Figuren können nicht darüber hinwegtäuschen, dass „Der Schuss“ eher eine Geschichte über die NPD ist. Es geht um rechtsextreme Kameradschaften, die ganze Viertel terrorisieren, um Politiker, die solche Gruppen zu ihrem Vorteil nutzen. Dirigieren wir irgendwelche Kameradschaften? Selbst der wahrlich nicht konservative Martin Machowecz muss in der ZEIT einräumen, dass die AfD so nicht ist, erst recht nicht so eindimensional.

Der zweite Roman, „Endland“ von Martin Schäuble (nomen est omen), spielt in einem Deutschland, in dem schon seit einer Weile die „Nationale Alternative“ regiert. Anton, ein junger Soldat und glühender Anhänger dieser Partei, soll im Auftrag der neuen Herrscher einen Anschlag im Flüchtlingslager verüben – auch hier, um die Tat hernach Migranten unterzujubeln. Allerdings wird Antons Überzeugung auf die Probe gestellt, als er sich mit dem äthiopischen Flüchtlingsmädchen Fana anfreundet, das, natürlich, in Deutschland Medizin studieren will. Es soll nicht darum gehen, dass diese Art Science Fiction völlig misslingt, da „Endland“ die Welt holzschnittartig in Gut und Böse einteilt. Auch nicht, dass „Endland“ von einer Mauer umschlossen ist, D-Mark und Wehrpflicht wieder eingeführt hat und Flüchtlinge „Invasoren“ nennt. Schlimm ist, dass „Fana“ keine andere Funktion erfüllt als Anton moralisch niederträchtig und intellektuell unbedarft erscheinen zu lassen, bevor er, natürlich, doch noch auf die „richtige Seite“ gezogen wird.

Cover "Endland". Quelle: Hanser

Cover "Endland". Quelle: Hanser

Beide Machwerke sind unerträgliche Gehirnwäsche. Bei Linker kein Wunder, der Theologe war in Köln fast ein Jahrzehnt hauptamtlicher Diözesanvorsitzender des Bundes der Deutschen Katholischen Jugend. Während sein Text bei amazon noch unrezensiert ist, verzeichnet „Endland“ schon fünf Kritiken. „Das Buch ist etwas für junge Antifanten, die ‚Gründe‘ für zukünftige Gewaltausbrüche suchen“, erbost sich einer, der bei vier positiven Wertungen allerdings untergeht.

Jenny Erpenbeck, die 2015 selbst mit „Gehen, ging, gegangen“ einen Roman vorlegte, der von afrikanischen Geflüchteten handelt, gab schon vor Monaten in der ZEIT unumwunden zu, dass Literatur für sie „Welterklärungskompetenz“ im Sinne von „Weltanschauungskompetenz“, ja gar eine „interventionistische Aufgabe“ besäße. Auf die ZEIT-Unterstellung, dass das politische Statement ihres Buches „Gegen Dublin II beziehungsweise Dublin III, gegen ein Grenzregime, das sich vor den Flüchtlingsströmen abriegelt“ laute und in der Forderung „Macht die Grenzen auf“ gipfele, antwortete sie „Ja, warum nicht?“. Solcherart ideologische Zumutungen waren zuletzt zu Zeiten des Kalten Kriegs salonfähig.

Aber da waren die Frontverläufe ganz andere, meint

Mit siegesgewissen Grüßen

Ihr

Dr. Thomas Hartung

Stellv. Landesvorsitzender

Ungeheuerliches ist geschehen. Bereits zwei AfD-Bundesvorstände haben zugegeben, dass sie Döner lieben. DÖNER! Wo kämen wir denn da hin, wenn die Spitze einer ach so homophoben Partei eine Muselspeise mag? Die mediale Aufregung war eine maßlose. Aber der Reihe nach.

Zuletzt legte Philip Manow dar, dass sich am Essen ebenso wie an der Kleidung unseres politischen Führungspersonals ablesen ließe, dass tendenziell alle Verhaltensweisen, die in der Lage sind, sozial eine Unterscheidung zu markieren, in der voll demokratisierten Gesellschaft politisch unter Verdacht geraten können: „In der Demokratie lässt sich keine Karriere auf Extravaganz gründen.“ Grund: jede soziale Distinktion sei ein potenzielles politisches Ausschließungskriterium, während der Repräsentationsanspruch in der Demokratie ja immer ein unbegrenzter sein müsse.

Döner. Quelle: flickr

Döner. Quelle: flickr

Bei den politischen Essgewohnheiten signalisiere folglich die erklärte Vorliebe für die einfache Küche Volksnähe und Bodenständigkeit, weshalb politisch die Landesküche und vergleichsweise rustikale Hausmannskost vorherrschten: „Regionale Gerichte bieten die Gelegenheit, mit einem zusätzlichen Bekenntnis zur jeweiligen Herkunft zu punkten“, meint Manow und nennt „Dicke Bohnen“ (Konrad Adenauer), „Pichelsteiner Eintopf“ (Ludwig Erhard) und natürlich den „Saumagen“ (Helmut Kohl).

So resümiert er:

„Die typische politische Klischeespeise ist also im Inland wie im Ausland eine glatte, gediegene Sache, die sich gut in eine Zeichenordnung des Soliden, Bewährten und Bescheidenen einfügt und damit auch eine Sehnsucht nach Herkunft und Identität erfüllt, auf ein nostalgisches Bedürfnis antwortet: sie soll zur Assoziation jeden und zur Dissoziation keinen Anlass bieten.“

Und obwohl er einräumt: „Das Essen ist immer politisch codiert, aber überall anders“, erklärt er nicht zuletzt mit Blick auf Barack Obama und dessen Burger-Vorliebe den „Schnellimbiss“ als besonders demokratiekompatibel.

B.v.Storch mit Döner. Quelle: Twitter

B.v.Storch mit Döner. Quelle: Twitter

Im Mai 2016 nun tauchte bei Twitter ein Foto auf, das Beatrix von Storch in einem solchen Schnellimbiss in Brüssel zeigt. Genauer: einem Döner-Imbiss. Für die Twitter-Community passte das nicht zusammen. Von Storch aber findet: Unbedingt. Dem „Tagesspiegel“ sagte sie: „Ich hab nichts gegen Döner, sondern gegen Scharia.“ Die AfD wende sich gegen den „gesellschaftsfeindlichen politischen Islam“, nicht aber gegen in der Gesellschaft integrierte Muslime: „Nur, wer das nicht differenzieren kann, hält es für skandalös, dass ich gerne Döner mit scharfer Soße mag.“

Die Belustigung um das Foto fasst der Tweet des Users James Hall wohl am besten zusammen: „Der Islam mag laut der AfD nicht zur BRD zu gehören, aber der Döner laut Beatrix von Storch sehr wohl!“ Die Tiefendimension, dass Migration solange unproblematisch ist, wie der Migrant das Risiko selbst trägt – in diesem Falle als freiwillig nach Deutschland eingewanderter Bürger türkischer/ muslimischer Herkunft, der ebenso freiwillig als Imbissunternehmer arbeitet – hat Hall nicht verstanden. Viele andere übrigens, darunter die diesen Schnappschuss  skandalisierenden Medien, auch nicht.

„Frau Merkel isst ihren Döner immer so wie wir Türken ihn essen“

Nun war von Storch aber keineswegs die erste Politikerin, die diese Mahlzeit verspeiste. Keine Geringere als Angela Merkel soll während ihrer Zeit als CDU-Vorsitzende einmal pro Woche Döner gegessen haben. Und zwar im „Café Motiv“ in der Wilhelmstraße im Berliner Regierungsviertel. „Frau Merkel isst ihren Döner immer so wie wir Türken ihn essen – ohne Soße, nur mit Fleisch, Salat, Zwiebeln, Tomaten, Weiß- und Rotkraut“, hat der Chef des Cafés mal der „Berliner Zeitung“ gesagt. 2009 ließ sie sich bei einem Sommerfest der Union in Berlin gar am Stand eines Döner-Produzenten fotografieren – das Bild zierte später den Internet-Auftritt eines Odessaer Restaurants als Werbe-Trick, der den Betreibern zwar mehr Besucher bescherte („Alle wollen wissen, ob Merkel wirklich bei uns war“), aber auch diplomatischen und urheberrechtlichen Ärger.

A. Merkel mit Döner. Quelle: Süddeutsche.de

A. Merkel mit Döner. Quelle: Süddeutsche.de

Woher also die Aufregung um diesen Snack, den 1972 Kadir Nurman in der Berliner Hardenbergstraße als erster in der Bundesrepublik kreierte, mit Hackfleisch von Kalb und Rind, Zwiebeln und grünem Salat, und für 1,50 Mark verkaufte? Mit den Jahren ist eine Industrie gewachsen mit 16.000 Buden, 60.000 Mitarbeitern, die rund drei Millionen Döner täglich verkaufen, und 3,5 Milliarden Euro Jahresumsatz (2011). Versuche, den Döner „deutscher Art“ (tatsächlich wird dieser in China als deutsche Spezialität vermarktet!) mit ähnlichem Erfolg in der Türkei zu etablieren, sind dagegen lange gescheitert.

Als eine Erklärung muss die seit Jahren gebrauchte mediale Floskel herhalten, dass „Döner-Essen“ nicht Integration und /oder Integration mehr als „Döner-Essen“ sei. „Er sollte nicht auf die Idee kommen, in Schöneberg oder in Wedding einen Döner zu essen, um seine Bemühungen für Integration zu zeigen. Das wäre albern – und würde ihm kein Mensch abnehmen“, kommentierte ein Malik Fathi online beim „Tagesspiegel“ 2004 zum designierten Bundespräsidenten Horst Köhler.

Als weitere Erklärung muss die NPD herhalten. So wurde Safet Babic, ein Trierer NPD-Politiker mit Migrationshintergrund, im September 2015 beim Verdrücken dieser türkischsten aller germanischen Speisen ertappt. Der gebürtige Deutsche mit bosnischen Wurzeln verstieß damit gegen die deutschnationalen Speisegesetze, hatte doch die NPD Stuttgart ihre Mitglieder aufgefordert, „lieber kalte schwäbische Maultaschen als warmen Döner“ zu essen. Die anonyme Aktionskünstlerin „Barbara“ reimte darauf: „Islamophobie, das ist bekannt, endet oft hungrig am Dönerstand“. Aber auch “Deutschland ist schön doch noch viel schöner ist es mit Pizza, Sushi und Döner” wird ihr zugeschrieben.

Döner Barbara. Quelle: kraftfuttermischwerk.de

Döner Barbara. Quelle: kraftfuttermischwerk.de

„Kartoffeln statt Döner“ stand auf einem Transparent, das ein Kögida-Demonstrant hochhielt. Prompt ließ sich nicht nur der Oldenburger Imbissbesitzer Hani Alhay, ein gebürtiger Libanese, zu einem „Kartoffeldöner“ inspirieren, den er sich beim Münchner Patentamt schützen ließ, sondern war auch „Nazis essen heimlich Döner“ in schwarzen Großbuchstaben auf einem Pappschild zu lesen, das zwei Aachener Studentinnen zur „Köln stellt sich quer“-Demo mitbrachten. Der Slogan wurde rasch zum Dauerbrenner, der unter anderem Basecaps und T-Shirts zierte, weil ihm ein bestimmter Symbolwert zugeschrieben werden konnte, der sich linksgrün bestens semantisieren ließ, sicher auch (mit) hervorgerufen durch die anfängliche Titulierung der NSU-Mordserie als „Döner-Morde“.

„Während täglich von besetzten Häusern Gewalttaten ausgehen, rückte der Staatsschutz zum Dönereinsatz aus.“

N-tv zitierte im April 2016 genüsslich ein Statement von Tilo Sarrazin:

„Ich habe in meinem Leben natürlich schon mal einen Döner gegessen. Aber seitdem ich 2011 von einem Mob aus einem türkischen Restaurant in Kreuzberg vertrieben wurde und mich der Besitzer weder schützen wollte noch konnte, sehe ich keinen Anlass, türkische Restaurants zu besuchen.“

Monate später rauscht dann die „rassistische“ Geschichte eines Berliner Busfahrers durch den Blätterwald, der nach mehrfacher Ermahnung ein dennoch weiter Döner essendes vierzehnjähriges Sarrazin’sches Kopftuchmädchen seines Busses verwies. Die junge Frau lamentierte nach ihrem Rauswurf an der Haltestelle, dies sei wegen ihres Kopftuchs geschehen.

Döner-Schild. Quelle: ruhrnachrichten.de

Döner-Schild. Quelle: ruhrnachrichten.de

Absurd allein die Vorstellung, ein Berliner Busfahrer, der täglich Hunderte von Kopftüchern transportiert, würde es – wenn überhaupt gewollt – wagen, so seinen Job zu gefährden. Diese Logik hinderte aber keineswegs einen guten Menschen daran, dem renitenten Kind zu glauben und Strafanzeige zu stellen. Tatsächlich, und das ist die eigentliche Botschaft, machte sich nicht die BvG oder die Polizei, sondern der Staatsschutz an die Arbeit. Konrad Kustos bilanzierte bitter:

„Während täglich von besetzten Häusern Gewalttaten ausgehen, während einheimische und eingewanderte Terroristen ihre Pläne schmieden, während radikale Ideologen an den Rändern der Gesellschaft oder in Regierungsverantwortung die Grundlagen unserer Gesellschaft und unserer Freiheit infrage stellen, rückte der Staatsschutz zum Dönereinsatz aus.“

Und nun, im Wahlkampfsommer 2017? Da wird Alice Weidels Profilseite im Absolventenbuch der Universität Bayreuth aus dem Jahr 2004 ausgegraben. Die frisch graduierten Diplom-Kaufleute und Volkswirte antworten dort unter anderem auf die Frage nach ihrem persönlich furchtbarsten Erlebnis während der Studienzeit. Mancher beichtet Prüfungsängste, andere geben die Trennung vom Ex oder peinliche Saufeskapaden preis. Alice Weidel aber hat einen anderen „furchtbarsten Tag“ in Erinnerung. Sie schreibt: „Dönerbude Istanbul geschlossen.“ Au weia.

Die „Wirtschaftswoche“ lässt sich zu dem Satz hinreißen

„Von der Spitzenkandidatin einer national gesinnten Partei, die im Bundestagswahlkampf auch mal vor ‚Grapsch-Migranten‘ warnt, würde man kein so sympathisches Bekenntnis zu der populären türkischen Grillspezialität erwarten, dem zwangsläufigen Grundnahrungsmittel vieler küchenscheuer Studenten und gestressten Arbeitnehmer.“

Aha. Was würde „man“ denn sonst erwarten? Ein Bekenntnis zum „Nudeln machen“, das für „küchenscheue“ Studenten auch „Kochen“ ist? Oder ein Bekenntnis zu Bockwurst, Brötchen und Senf, dem Drei-Gänge-Menü „gestresster Arbeitnehmer“?

Currywurst ist SPD. Quelle: Ruhrbarone.de

Currywurst ist SPD. Quelle: Ruhrbarone.de

In Nordrhein-Westfalen übrigens war die Landes-SPD in den Landtagswahlkampf 2012 mit dem Slogan „Currywurst ist NRW“ gestartet – gerade im Ruhrpott ein Symbol für besondere Volksnähe. Der Slogan ging als Sieger aus einem Wettbewerb hervor, zu dem die Partei im Internet aufgerufen hatte. In der Parteizentrale gab es damals Currywurst für alle. Gratis, versteht sich. Resultat: Hannelore Kraft gewann, und zwar haushoch.

Jetzt stelle man sich kurz eine AfD-Kampagne „Döner ist Deutschland“ vor. Auf Plakaten zeigt die Partei blonde Übermodels, darunter Heidi Klum, Eva Padberg und Tatjana Patitz, unter dem Motto „Döner macht schöner“. In den Wahlkampfspots lässt sie hunderte integrierte Dönerbudenbetreiber zur Hymne „Mit dem Döner in der Hand retten wir das Vaterland“ (Melodie und Text: Xavier Naidoo) durch Kreuzberg marschieren. Und ein bundesweiter Aktionstag „Döner essen gegen links“, weltweit live übertragen von Al Jazeera, vereint 28 000 Parteimitglieder zwischen Flensburg und Berchtesgaden. Beim Barte des Propheten: 51 % wären der Partei sicher gewesen.

P.S.: Aller guten Dinge sind drei. Ende August postete Jana Schneider, Thüringer Landeschefin der „Jungen Alternative“, in einem ca. 12.00 Uhr abgesetzten Facebook-Status „Döner zum Frühstück .“

Ältere Artikel »