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Herzlich willkommen!

Als AfD-Landtagsfraktionspressesprecher und Freier Journalist für konservative Medien blogge ich unregelmäßig Betrachtungen zu Interessantem und Wissenswertem aus politischer und Alltagskultur. Ich schreibe regelmäßig für „Zuerst“ und habe unter dem Titel „Negerkuss und Nazistuss“ eine eigene Kolumne beim Tumult-Blog.

Als Bildungsbürger kommentiere/rezensiere ich vielerlei kulturelle Phänomene – vom Roman über den Musikergeburtstag bis zum Regisseurstod.

Als Dozent und Mitglied im Landesfachausschuss Bildung informiere ich Sie auf meiner Webpräsenz auch über meine Aktivitäten rings um die Themenkreise Hochschule, Wissenschaft Medien und Kultur.

Und als Mensch lasse ich Sie gern an meinen freizeitlichen Aktivitäten teilhaben, zu denen nicht zuletzt Kochen gehört 😉

Warum gerade Betrachtungen?

Ich empfinde dieses Genre – eine Meinungsdarstellungsform übrigens – als eins der zeitgemäßen schlechthin.

Eine Betrachtung soll durch Beschreibungen und Schilderungen, Vergleiche und Annäherungen bis hin zur Analyse einem Ereignis, einer Situation, einem Gegenstand oder auch einem (gesellschafts-) politischen Problem Individualität verleihen: Recherche darf in gewissem Maße substitutiert werden durch Subjektivität.

Die Betrachtung ist durchaus mit derselben eines Kunstwerks in einer Ausstellung vergleichbar: man wählt zunächst die Gesamtschau und wechselt dann zu einzelnen Aspekten.

Dabei ist dem Genre eigen, dass die Prioritäten dieser Aspekte oft im Vagen bleiben: aus der Betrachtung erwächst ein Gedanke, der das formale Ziel darstellt.

Der Gegenstand darf dabei Randerscheinung eines größeren Zusammenhangs bleiben: „die Bedeutung des Unbeachteten birgt den Kern ihrer Aussage“ (Degen 2004).

Viel Spass beim Lesen – und natürlich beim Kommentieren!

Sobald Hitler einen Narren an einem Film, Schauspieler oder Regisseur gefressen hatte, war der erste Antisemit im Staate ideologisch erstaunlich flexibel: Obwohl Halbjude, trug er dem Meisterregisseur 1933 via Goebbels die Leitung des deutschen Filmwesens an, ließ sich von „Metropolis“ zu Begeisterungsstürmen hinreißen und soll nach Angaben seines Leibfotografs Heinrich Hoffmann den „Siegfried“-Film mindestens 20-mal gesehen haben. Das laut Branchenportal Filmdienst „monumentale Rührstück von unerfüllter Liebe und grenzenloser Rache, von schwülstiger Poesie und destruktiver Megalomanie, von selbstverleugnender Aufopferung und schließlich der berühmten Nibelungentreue, die aus Kriemhild ein gewissenloses Monster macht, das die Burgunder und die Hunnen mit sich in den Abgrund reißt“, sei exakt nach seinem Geschmack gewesen. Der Macher dieses „Rührstücks“, Friedrich Christian Anton „Fritz“ Lang, wurde am 5. Dezember 1890 in Wien geboren.

Der Sohn des Architekten und Stadtbaumeisters Anton Lang und dessen jüdischer Frau Pauline begann nach dem Abschluss der Realschule 1907 auf Wunsch seines Vaters ein Architekturstudium an der Technischen Hochschule in Wien, wechselte jedoch ein Jahr später an die Wiener Akademie der bildenden Künste, um dort Malerei zu studieren. Außerdem war er an der Staatlichen Gewerbeschule in München eingeschrieben und trat während des Studiums nebenbei als Kabarettist auf. Von 1910 an unternahm er wie ein unsteter Bohème Reisen in die Mittelmeerländer und nach Afrika, ging 1911 erneut nach München, um diesmal an der Kunstgewerbeschule zu studieren, und begann wieder zu reisen. 1913/14 setzte er seine Ausbildung in Paris beim Maler Maurice Denis fort und entdeckte dort für sich den Film.

Fritz Lang. Collage von Agata Marszałek. Quelle: https://d2ycltig8jwwee.cloudfront.net/features/222/fullwidth.3b62e943.jpg

Er meldete sich 1914 als Kriegsfreiwilliger und wohnte 1915 während der Einjährig-Freiwilligen-Schule in der Steiermark im Hause des intellektuellen Anwalts Karl Grossmann, der selbst künstlerisch arbeitete. Angeregt durch örtliche, traditionelle Töpfereien, stellte er zwei (Selbstporträt?-)Büsten und zwei Gartenvasen aus Terrakotta her, die von Grossmanns Familie bewahrt werden – wahrscheinlich Langs einzige erhaltene Werke der bildenden Kunst. Nach zwei Verwundungen für kriegsuntauglich erklärt, war der Artillerie-Offizier im Rahmen der Truppenbetreuung bei einer Theatergruppe des „feldgrauen Spiels“ zum ersten Mal als Regisseur tätig und knüpfte Kontakte zu Filmleuten wie Joe May (Julius Otto Mandl), für den er ab 1917 als Drehbuchschreiber zu arbeiten begann, so für „Die Hochzeit in Exzentricclub“ und „Hilde Warren und der Tod“. Dabei lernte er die Autorin Thea von Harbou kennen und bald auch lieben, mit der er später gemeinsam die Drehbücher für Mays „Die Herrin der Welt“ und „Das indische Grabmal“ schreiben wird.

„Dem deutschen Volke zu eigen“

1919 realisierte er für die Decla seine ersten eigenen Streifen, darunter die fernöstlichen Romanze „Harakiri“ mit der jungen Lil Dagover und „Halbblut“, für die er auch das Drehbuch schrieb. Er lebt inzwischen in Berlin und heiratet die Schauspielerin Elisabeth Rosenthal. Schon im folgenden Jahr, am 25. September 1920 fand sie den Tod durch einen Schuss aus Langs Browning-Pistole. Es wird heute davon ausgegangen, dass sie sich spontan das Leben nahm, nachdem sie Zeugin der Affäre ihres Mannes mit Thea von Harbou geworden war. Die genauen Umstände bleiben jedoch zeitlebens im Dunkeln, als Todesursache wurde „Unglücksfall“ statt „Selbsttötung“ angegeben. Lang hielt diese erste Ehe sein weiteres Leben lang geheim, doch hat deren Ende mutmaßlich seine künftigen Filmthemen von Schuld, Verstrickung, Tod und Suizid stark beeinflusst.

Die fruchtbare Zusammenarbeit zwischen Lang und von Harbou – beide heirateten im August 1922 und galten als Glamourpaar –, nahm mit dem Melodram „Das wandernde Bild“ (1920) ihren Anfang und sollte bis 1933 währen. Sie brachte eine ganze Reihe von Filmen hervor, die heute als Klassiker des deutschen Stummfilms gelten. In „Der müde Tod“ (1921) wird eine dreifach variierte Geschichte über Liebe und Tod erzählt. Der Zweiteiler „Dr. Mabuse, der Spieler“ (1922) nach einem Kolportage-Roman führte die Hauptfigur als vom „Caligarismus“ geprägtes Verbrechergenie vor, das seine Opfer durch Hypnose beherrscht und am Ende dem Wahnsinn verfällt.

Lang und Harbou. Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Fritz_Lang_und_Thea_von_Harbou,_1923_od._1924.jpg

Bei den Dreharbeiten verlor er sein linkes Auge und kaschierte das durch ein Monokel. Die Streifen bescherten ihm schließlich auch auf internationaler Ebene den künstlerischen und kommerziellen Durchbruch. Zwei Jahre später feierte er mit dem Nibelungen-Epos einen weiteren großen Publikumserfolg. Die Widmung „Dem deutschen Volke zu eigen“ sollte einige nationalistische Spekulationen auslösen. Das Ornamentale, etwa in Bildaufbau und Massenregie – Siegfried Kracauer sah die „Massenornamente“ der Nürnberger Reichsparteitage vorgebildet – wurde in diesem Film für Lang zum Kompositionsprinzip.

Ein Prinzip, das er in seinem nächsten Film, dem monumentalen „Metropolis“ (1926), noch perfektionieren sollte. Die visuell eindrucksvolle, ideologisch jedoch oft als fragwürdig kritisierte Technikutopie, die er im Anschluss an eine Kreativpause drehte, die ihn zwischen Oktober und Dezember 1924 nach New York, wo ihn die Wolkenkratzer gewiss inspirierten, und Hollywood geführt hatte, sprengte vom Aufwand her jedes Maß, fiel aber bei Kritikern durch und hatte auch beim Publikum keinen Erfolg. Im  August 1927 lief eine auf knapp zwei Stunden verkürzte Version in Deutschland neu an; etwa ein Viertel des Originals wurde vernichtet. Seit 1961 wurden mehrfach Versuche unternommen, die Originalfassung wiederherzustellen. In der Rekonstruktion von 2001 wurde der Film als erster überhaupt ins Weltdokumentenerbe der UNESCO aufgenommen. Die restaurierte Fassung der Murnau-Stiftung, die mit einer 2008 in Buenos Aires gefundenen Kopie hergestellt wurde, feierte 2010 Premiere bei der Berlinale.

Maschinenmensch aus „Metropolis“. Quelle: https://cdn.prod.www.spiegel.de/images/94da4ddd-0001-0004-0000-000001091924_w1528_r1.42781875658588_fpx46.92_fpy54.98.jpg

Sie führte aber zum Bruch zwischen der Direktion der finanziell angeschlagenen Ufa und Lang, der sich mit der Fritz Lang-Film GmbH selbständig machte ließ seine Filme von der Ufa künftig nur noch verleihen ließ. Nach einer Rückkehr ins Milieu der Superverbrecher mit „Spione“ (1927) nahm er die Technikaffinität seiner Zeit zum Anlass, um mit „Frau im Mond“ (1929) einen filmischen Flug zum Mond zu inszenieren. Kolportiert wird, dass der eine wahre Raketenbegeisterung in Deutschland auslöste, zu der auch Langs technische Berater, die Raketenpioniere Hermann Oberth und Willy Ley, beitrugen. „Frau im Mond“ markierte zugleich das Ende von Langs Stummfilmzeit und seine Hinwendung zum Tonfilm.

Zwischen Tonfilm und Exil

„M“ (1931), Langs erster Tonfilm, nutzte geschickt die Möglichkeiten der neuen Technik: Geräusche und ein von Lang persönlich gepfiffenes Grieg-Motiv („In der Halle des Bergkönigs“) untermalen die Geschichte eines psychopathischen Kindermörders (Peter Lorre), der eine Stadt in Angst und Schrecken versetzt, woraufhin sich die Unterwelt seiner annimmt. Der Film, der damalige Zuschauer an die reale Hysterie um den Massenmörder Peter Kürten erinnerte, wurde von der linksliberalen Presse als Plädoyer für die Todesstrafe missverstanden, während Lang in Wirklichkeit die verminderte Schuldfähigkeit eines Zwanghaften hervorzuheben versuchte.

Mit dem Kriminalfilm „Das Testament des Dr. Mabuse“ (1933) kehrte er zu seiner Figur des manipulierenden Machtmenschen zurück und schuf eine kunstvolle Parabel auf Machtmissbrauch und Herrschaftswahn: Die Titelfigur schreibt, während sie in einer Zelle in der Psychiatrie einsitzt, ein Handbuch für Verbrecher. Kracauer sah darin eine deutliche Anspielung auf Hitlers „Mein Kampf“, was Lang später bestritt. Die Machtergreifung der Nationalsozialisten verhinderte die Uraufführung: Der Film wurde am 29. März 1933 von der Filmprüfstelle verboten. Beide Streifen gelten nicht zuletzt wegen ihrer kunstvollen Montage als handwerkliche Höhepunkte in Langs filmischem Schaffen.

Mabuse-Szenenbild. Quelle: http://www.filmstarts.de/kritiken/2890/bilder/?cmediafile=18447452

Lang, der den Nazis lange Zeit indifferent gegenüberstand und noch am 27. März 1933 zusammen mit Carl Boese, Victor Janson und Luis Trenker die Regie-Gruppe der Nationalsozialistischen Betriebsorganisation (NSBO) gegründet hatte, entschied sich nach einem Treffen mit Goebbels Anfang April dafür, Deutschland zu verlassen, und ging über Österreich und Belgien nach Paris ins Exil. Parallel dazu war am 20. April 1933 seine Ehe mit Thea von Harbou geschieden worden – das Paar lebte da allerdings nach einer Affäre Langs mit der Schauspielerin Gerda Maurus schon eine Weile nicht mehr zusammen. Nach der sowohl in einer französisch- als auch deutschsprachigen Version gedrehten Sozialschmonzette „Liliom“  kam Lang in London mit dem US-Filmproduzenten David O. Selznik zusammen und unterzeichnete einen Vertrag über einen Film für MGM. Er reiste in die USA, wobei ihn seine neue Lebensgefährtin Lily Latté an Bord der Île de France begleitete, wurde 1939 US-amerikanischer Staatsbürger und sollte erst 22 Jahre später wieder einen Fuß auf deutschen Boden setzen.

In der Zwischenzeit drehte er nach anfänglichen Startschwierigkeiten in Hollywood zahlreiche Filme. Sein Debüt war „Fury“ (1936), eine Variante von „M“ mit Spencer Tracy in der Hauptrolle. Es folgten unter anderem „You and Me“ (1938), zu dem Kurt Weill einige Songs verfasste, die Farbwestern „The Return of Frank James“ (1940) mit Henry Fonda und „Western Union“ (1940) mit Robert Young und Randolph Scott sowie die reißerische Agentengeschichte „Man Hunt“ (1941), in der auch die gegenwärtige Lage in Nazi-Deutschland thematisiert wurde.

Während der Arbeiten an „Hangmen Also Die“ über den Anschlag auf Heydrich zerstritt sich Lang 1942 mit Co-Drehbuchautor Bertolt Brecht. Doch die Bekanntschaft mit diesem und Hanns Eisler sowie der auf einem Graham-Greene-Roman basierende Anti-Nazi-Film „The Ministry of Fear“ (1944) brachte ihn später ins Visier des Komitees gegen unamerikanische Aktivitäten. Für seine mit Partnern gegründete Firma „Diana Productions“ dreht er dann  düstere Thriller wie „Secret Beyond the Door“ (1947) sowie films noirs wie „The Big Heat“ (1953), die heute als späte Höhepunkte der „klassischen Ära“ gelten. Dazwischen inszenierte er den Western „Rancho Notorious“ (1952) mit Marlene Dietrich.

„definitiv die Idee aufgegeben“

1956 kehrte Lang nach Deutschland zurück, dem er vier Jahre später enttäuscht und entnervt endgültig den Rücken kehrte. Zunächst musste er erleben, wie einige seiner Projekte, etwa über die Ereignisse des 20. Juli oder den Seeräuber Störtebeker, nicht zur Herstellungsreife gelangten: „Die Leute, mit denen man da arbeiten muss, sind wirklich unerträglich. Nicht nur, dass sie keine Versprechen halten, schriftlich oder nicht, es ist auch noch so, dass die Filmindustrie, wenn es überhaupt noch möglich ist, den kümmerlichen Rest dessen, was das Land einmal in seiner Filmproduktion weltberühmt gemacht hat, so zu nennen, heute geleitet wird von ehemaligen Rechtsanwälten, SS-Männern oder Exporteuren von Gott weiß was. Ihre Hauptarbeit besteht darin, Koproduktionen unter solchen Bedingungen zustande zu bringen, dass ihre Kassenbücher bereits Überschüsse aufweisen, bevor man den Film überhaupt angefangen hat.“

„Indian-Edition“. Quelle: https://blob.cede.ch/catalog/16221000/16221820_1_92.jpg?v=1

Für den Produzenten Artur Brauner dreht er dann doch zwei Filme, seine letzten. Dem Zweiteiler „Der Tiger von Eschnapur / Das indische Grabmal“ (1959), der auf einem stark abgewandelten Lang-Drehbuch von 1921 basierte, folgte mit „Die 1000 Augen des Dr. Mabuse“ (1960) ein weiterer Mabuse-Film. Darin zeichnete Lang ein Sittenbild der frühen Bundesrepublik: Große, scheinbar tote, vergessene Verbrecher, die im Hintergrund weiter wirken; ein Hotel als Beobachtungsapparat und Metapher für Totalitarismus; willige Handlanger und Vollstrecker; ein scheinbarer Frieden, der nur mühsam schwelende Konflikte verdeckt; eine Atmosphäre der Künstlichkeit und großspurig gespielten Lockerheit. Alle drei erwiesen sich vor allem als kommerzielle, jedoch nicht als künstlerische Erfolge. „Ich habe diese Filme nicht gemacht, weil ich sie für wichtig hielt, sondern weil ich hoffte, dass ich, wenn ich jemandem einen großen finanziellen Erfolg machen würde, wieder die Chance haben würde, so wie bei ‚M‘, ohne irgendwelche Einschränkungen zu arbeiten. Ein Fehler. Nach 14monatiger Arbeit dort habe ich schließlich definitiv die Idee aufgegeben, noch einmal einen Film in Deutschland zu machen.“

Seine Gesundheit verschlechtert sich, zuletzt ist er fast blind. 1963 trat er in Jean-Luc Godards „Le Mépris“ als alternder Filmregisseur, der sich wegen einer Verfilmung von Homers „Odyssee“ mit seinem Produzenten überwirft, noch einmal selbst vor die Kamera. Daneben reiste er, gab Interviews und besuchte Filmfestivals. 1971 heiratete er in Amerika seine langjährige Lebensgefährtin Lily Latté, starb am 2. August 1976 in Beverly Hills und wurde auf dem Forest-Lawn-Friedhof in Hollywood beigesetzt. Im September 2010 gehörte Lang zu den ersten vierzig Großen des deutschen Bewegtbilds, die in Berlin mit einem Stern auf dem unweit des Potsdamer Platzes neu installierten „Boulevard der Stars“ geehrt wurden, einem wachsenden Denkmal nach dem Vorbild des „Walk of Fame“ in Los Angeles.

Langs Stern auf dem Berliner Boulevard der Stars. Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Fritz_Lang#/media/Datei:Fritz_Lang_-_Boulevard_der_Stars.jpg

Er hat in 40 Jahren 40 Filme gedreht, von denen viele als Meilensteine der Filmgeschichte gelten, ja die zu „Sensationsfilmen“ wurden, wenn sie den Aufstand des Individuums gegen die Macht der Organisationen, den Terror des Staats, die blinde Wut der Masse darstellten. In den 20er Jahren war Regie führen „Erfinden, Ausprobieren, Zaubern; der Regisseur ein Ingenieur des Sehens, Maler, Erzähler und Architekt zugleich“, meinte Michael Althen in der Zeit. Dem selbstverständlichen Bilderfluss, oberstes Gebot in Hollywood, setzte Lang die statische Kamera und den spürbaren Schnitt entgegen: Geometrisch konturierte Szenen, in denen die Helden nur „Sklaven des Bildrahmens“ sind, wie Claude Chabrol einst kritisierte. „Träume von der Welt, die sich durch minimale Erweiterung des Blicks zu Alpträumen wandeln: Darin liegt Langs eigentliche Kunst“, befindet Althen und trifft damit ins Schwarze.

„Die neuzeitliche Gepflogenheit, dass wir Deutsche immer einen größten Dichter haben müssen – gewissermaßen einen Langen Kerl der Literatur – ist eine üble Gedankenlosigkeit, die nicht wenig Schuld daran trägt, dass seine Bedeutung nicht erkannt worden ist. Weiß Gott, woher sie stammt! Sie kann ebenso gut vom Goethekult kommen wie vom Exerzieren“, schimpft durchaus unfein Robert Musil am 16. Januar 1927 im Renaissance-Theater Berlin, wo die „Gruppe der 25“, übrigens gegen den erklärten Willen Bertolt Brechts, eine Gedenkfeier ihm zu Ehren veranstaltete: Rainer Maria Rilke. Als René Karl Wilhelm Johann Josef Maria Rilke wurde er am 4. Dezember 1875 in Prag geboren.

Vater Josef gelang die angestrebte militärische Karriere nicht, er war Eisenbahninspektor geworden. Seine Mutter „Phia“ (Sophie), die einer wohlhabenden Prager Fabrikantenfamilie entstammte und ihre Hoffnungen auf ein vornehmes Leben in der Ehe nicht erfüllt sah, galt als ambitionierte und dominierende Frau, deren Ehrgeiz auf den Wohlstand der Familie gerichtet war – den sie nun nicht erreichen konnte, was zu einer angespannten Familiensituation führte. Zudem hatte sie bei seiner Geburt den Tod ihrer älteren Tochter noch nicht verkraftet, die 1874 im Alter von einer Woche gestorben war. Rilkes Mutter übertrug nicht nur ihre unerfüllten Ambitionen auf den einzigen Sohn, sondern drängte ihn auch in die Rolle der verstorbenen Schwester. Bis zu seinem sechsten Lebensjahr wurde er als Mädchen erzogen, frühe Fotografien zeigen René – französisch für „der Wiedergeborene“ – mit langem Haar im Kleidchen. Er wuchs ohne nennenswerte Kontakte zu Gleichaltrigen auf.

Das Verhältnis zwischen dem Überbehüteten und der Mutter, die ihren Sohn noch um fünf Jahre überleben sollte, überschattete sein Leben. Mit sechs Jahren besuchte Rilke eine katholische Volksschule im vornehmsten Viertel von Prag und brachte trotz kränklicher Konstitution gute Leistungen. 1884 zerbrach die Ehe der Eltern, die fortan ohne Scheidung getrennt lebten. Eine kurze Zeit wurde René von seiner Mutter allein erzogen, bevor seine Eltern ihn in die Kadettenanstalt St. Pölten zur Vorbereitung auf eine Offizierslaufbahn gaben. Die Zumutungen militärischen Drills und die Erfahrungen einer reinen Männergesellschaft traumatisierten den zarten Knaben zusätzlich, nach sechs Jahren brach er die Ausbildung, die er dichtend und zeichnend zu bewältigen versuchte, krankheitshalber ab.

Rilke. Quelle: https://img.br.de/8e31ebce-c060-4147-bf9a-8790d53dfe30.jpeg?width=525&q=85

1891 besuchte er die Handelsakademie von Linz, wo allerdings eine Affäre mit einem Kindermädchen, das mehrere Jahre älter war, einen weiteren Akademiebesuch verhinderte. Der militärischen als auch der kaufmännischen Karriere gleichermaßen beraubt, bereitete er sich mittels Privatunterricht auf das Abitur vor und bestand es 1895. Kurz darauf schrieb er sich in Prag zum Studium für Kunstgeschichte, Literatur und Philosophie ein, wechselte 1896 an die juristische Fakultät in Prag und bereits im September desselben Jahres an die Universität von München. Nach halbherzigen Studienambitionen entschloss er sich, nachdem bereits 1894 sein erster Gedichtband „Leben und Lieder“ erschienen war, kurzerhand dazu, sein Studium abzubrechen und fortan als freier Dichter zu arbeiten.

„sachliches Sagen“

Mit dieser Entscheidung begann für ihn ein unkonventionelles, unstetes Reiseleben: Nirgends hielt es ihn länger, ständig zog es ihn weiter. Er wohnte in dubiosen Mietswohnungen ebenso wie bei Freunden und Gönnern auf Schlössern. Sein lyrisches Frühwerk („Larenopfer“, 1895; „Advent“, 1898) wird der Neuromantik zugerechnet und ist durch Formtreue und subjektive Einfühlsamkeit gekennzeichnet. Ornamentale und sentimentale Züge sowie das dialoghafte Ansprechen eines geliebten Gegenübers finden sich dort ebenso wie das Einssein des Dichters mit der Natur. Im März 1897 führten ihn seine Wege erstmals nach Venedig und zwei Monate darauf, wie der zurück in München, zu Lou Andreas-Salomé. Die um einiges ältere Schriftstellerin und spätere Psychoanalytikerin wurde nicht nur für drei Jahre zu seiner erotischen Freundin, sondern auch zeitlebens zur emanzipierten und geistigen Lebenspartnerin.

Kurze Zeit nach der Begegnung änderte er seinen ursprünglichen Namen René in Rainer: Lou empfand den Namen als männlicher und passender für einen Dichter. Sigmund Freud berichtet 1937, „dass sie dem großen, im Leben ziemlich hilflosen Dichter Rainer Maria Rilke zugleich Muse und sorgsame Mutter gewesen war“. Im Herbst 1897 zog Rilke um nach Berlin in direkte Nachbarschaft von Lou. 1899 und 1900 war er mit ihr zweimal in Russland unterwegs, betrieb Studien für eine geplante, aber nie geschriebene Monografie über russische Maler, traf Tolstoi und Pasternak, der daraus die autobiografische Geschichte „Der Schutzbrief“ machte. Als Rilke von Lous Trennungsabsichten erfuhr, hielt er sich gerade in der Künstlerkolonie Worpswede bei Heinrich Vogeler auf, der ihn zu einem längeren Aufenthalt eingeladen hatte. Im Haus von Vogeler verkehrte unter anderen auch die Bildhauerin Clara Westhoff, die im Frühjahr 1901 Rilkes Frau wurde.

Rilke mit Clara. Quelle: https://de.m.wikipedia.org/wiki/Datei:Rainer_Maria_Rilke_und_Clara_Rilke-Westhoff_1901.jpg

Im Dezember desselben Jahres kam seine Tochter Ruth zur Welt. Doch Rilke entzog sich allen seiner zahlreichen Liebesbeziehungen, bevor sie zu seinem Schicksal werden konnten. Sobald Zuneigung und Liebe für ihn zur Verpflichtung zu werden drohten, verließ er seine Beziehungen. Trotzdem versuchte er bei Westhoff zu einem familiären Leben zu gelangen – vergebens. Schon 1902 trennte er sich von ihr – Mittellosigkeit zwingt ihn zur Auflösung des Hausstandes und zur Übernahme monographischer Auftragsarbeiten – und ging nach Paris, blieb jedoch über alle weiteren Lebensjahre mit ihr verbunden.

Der „Panther“, das erste der „Neuen Gedichte“, entsteht; und seine Monografie über den Bildhauer Auguste Rodin. Dessen Bekanntschaft sowie weitere Reisen nach Paris, Rom und Skandinavien verändern Rilkes poetische Produktionsweise zugunsten eines „sachlichen Sagens“, man spricht später von „Dinglyrik“. 1905 erscheint das „Stunden-Buch“; Rilke nimmt sein Philosophiestudium in Berlin bei Georg Simmel wieder auf. Im Jahr darauf ist er für kurze Zeit Privatsekretär bei Rodin, mit dem er sich überwirft, und veröffentlicht die zur Zeit der Jahrhundertwende entstandene und durch den Jugendstil beeinflusste „Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke“. In einer Nacht herunter geschrieben, wurde sie später Nummer 1 der Insel-Bücherei und sofort – wie auch viele andere Werke dieser Reihe – zum Bestseller: Allein zu Lebzeiten Rilkes wurden 200.000 Stück verkauft. Für den Leipziger Insel Verlag, dessen Leitung Anton Kippenberg 1905 übernommen hatte, wurde Rilke zum wichtigsten zeitgenössischen Autor: Kippenberg erwarb für den Verlag bis 1913 die Rechte an allen bis dahin verfassten Werken Rilkes.

Die lyrisch-impressionistische Prosa vermittelt Gefühle von Jugend und Lebenshunger, Liebe und Tod. Besonderer Popularität erfreute sich das romantisierte Soldatentum  aus dem 17. Jahrhundert in der Zeit der beiden Weltkriege. Das letztlich zeitlos-universelle Schicksal des jungen Soldaten schwankt zwischen Glorifizierung des Heldentodes und der Sinnlosigkeit (jungen) Sterbens, Gefühlen von überzogener Ehre, Verlust und Traurigkeit. Dem Langemarck-Mythos zufolge hatten die „jungen“ Regimenter das Deutschlandlied auf den Lippen und „Rilkes Cornet im Tornister“. 1908 schreibt er zur Erinnerung an die verstorbene Paula Modersohn-Becker das „Requiem für eine Freundin“, vollendet „Der neuen Gedichte anderer Teil“ (1908) sowie die beiden „Requiem“-Gedichte (1909) und veröffentlicht 1910 seinen Tagebuchroman „Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge“, an dem er seit 1904 gearbeitet hat.

„die Welt synthetisch generieren“

Dieser gehört fraglos zum Kanon der klassischen Moderne, befindet Rilkes Biograph Ralph M. Köhnen. Ausgehend von tagebuchähnlichen Aufzeichnungen mit Großstadtimpressionen, entwickle er in avantgardistischer Weise den Versuch, „durch Vielfalt des Erzählens, Polyperspektive, Montagetechnik und Aufbau synthetischer Raum- und Zeitbegriffe der Erfahrung des heterogenen modernen Lebens und des akzelerierten Großstadttempos eine Langerzählung an die Seite zu stellen“. Fragment geblieben, zeigt der Roman auch formal die Krisis der Moderne, die er trotz Reizüberflutung, Gewalt, Krankheit, Armut, Angst und Tod bei aller Fremdheit aber nicht ablehnt. Rilkes Modernität erweise sich vielmehr darin, dass er den Weltzweifel als dichterische Chance wertet: „Wenn die innere und die äußere Welt mit Sprache nicht adäquat dargestellt werden können, so kann man aus sprachlichen Entwürfen diese Welten schöpfen bzw. aus sprachlichen Einzelteilen die Welt synthetisch generieren“, so Köhnen.

Schloß Duino. Quelle: http://www.fondation-rilke.ch/wp-content/uploads/2015/01/Duino.jpg

Seine anschließende Schaffenskrise sucht er wiederum mit Reisen zu kompensieren. 1910/11 reiste er nach Nordafrika, was sich ebenso auf sein Spätwerk auswirkte wie der Aufenthalt auf Schloß Duino bei Triest bis Mai 1912, zu dem ihn seine bedeutendste Förderin, Fürstin Marie von Thurn und Taxis, eingeladen hatte und wo er die „Duineser Elegien“ begann. Anschließend reiste er nach Spanien, hielt sich erneut in Paris auf, um 1914 nach München überzusiedeln. Es sollten fünf Jahre werden: Der Ausbruch des Ersten Weltkrieges überraschte ihn. Nach Paris konnte er nicht mehr zurückkehren; sein dort zurückgelassener Besitz wurde beschlagnahmt und versteigert. Zu Beginn schreibt er fünf „Kriegsgesänge“, doch seine anfängliche Kriegsbegeisterung weicht der Erschütterung.

So beginnt er Übersetzungen zu verfertigen, und überträgt Werke von Michelangelo, Petrarca, Paul Valery, Paul Verlaine, Stephane Mallarme und André Gide ins Deutsche. Auf der Suche nach neuer Inspiration setzte er sich erstmals auch intensiver mit dem Werk Goethes und Shakespeares auseinander. Von 1914 bis 1916 hatte er eine stürmische Affäre mit der Malerin Lou Albert-Lasard. Anfang 1916 wurde Rilke eingezogen und musste in Wien eine militärische Grundausbildung absolvieren, wo er in der Breitenseer Kaserne im Westen der Stadt stationiert war. Auf Fürsprache einflussreicher Freunde wurde er zur Arbeit ins Kriegsarchiv und ins k.u.k. Kriegspressequartier überstellt und am 9. Juni 1916 aus dem Militärdienst entlassen. Das traumatische Erlebnis des Militärdienstes, empfunden auch als eine Wiederholung in der Militärschulzeit erfahrener Schrecken, sowie weitere für ihn enttäuschende Liebschaften ließen Rilke als Dichter danach nahezu völlig verstummen. Allerdings erkannte er diese scheinbar verlorenen Jahre später selbst als Inkubationszeit und Bedingung für weiteres Reifen.

Rilke vor der Kulisse des Kreml. Ölgemälde Leonid Pasternaks. Quelle: https://cdn1.stuttgarter-zeitung.de/media.media.2f330667-c252-4fa0-b2fc-4244faebf38e.original1024.jpg

Er macht die Bekanntschaft von Hanns Eisler und Ernst Toller und verlässt München 1919, um an wechselnden Orten in der Schweiz zu wohnen, zuletzt im Chateau de Muzot im Kanton Wallis, das ihm sein Schweizer Mäzen Werner Reinhart mietfrei zur Verfügung stellte. Hier vollendete er auf dem Höhepunkt seines Schaffens 1922/23 die „Duineser Elegien“ und die „Sonette an Orpheus“. Er versuche, seine Existenzverzweiflung dichterisch aufzulösen, indem er in der Kunstsprache Innen- und Außenwelt zum „Weltinnenraum“ verwebt, in dem die festen Zeitstufen und Raumkategorien aufgelöst sind, meint Köhnen. Diese „neue Mythologie“ spiegele sich in den Gedichtfiguren: Engelsfiguren treten auf, Liebende, Verzweifelnde und Hoffende, jung Verstorbene, die im dichterischen Eingedenken lebendig werden, schließlich Orpheus, der mythische Liebende und Sänger, der zugleich Selbstbild des Dichters wird.

„Differenz zur Alltagssprache“

1924 erkrankte Rilke an einer seltenen Form der Leukämie, was häufige Sanatoriumsaufenthalte zur Folge hatte. Der lange Paris-Aufenthalt von Januar bis August 1925 war ein Versuch, der Krankheit durch Ortswechsel und Änderung der Lebensumstände zu entkommen. Indes entstanden in den letzten Jahren zwischen 1923 und 1926 noch zahlreiche wichtige Einzelgedichte (etwa „Gong“ und „Mausoleum“) sowie ein umfangreiches lyrisches Werk in französischer Sprache, das an die Lyrik des französischen Spätsymbolisten Paul Valéry anknüpfte.

Im Januar und Februar 1926 schrieb Rilke der Mussolini-Gegnerin Aurelia Gallarati Scotti drei Briefe nach Mailand, in denen er die Herrschaft Mussolinis lobte, den Faschismus als „Heilmittel“ pries und staatliche „Gewalt“ billigte: Er war bereit, eine gewisse, vorübergehende Gewaltanwendung und Freiheitsberaubung zu akzeptieren, um über Ungerechtigkeiten hinweg zur Aktion zu schreiten. Italien sah er als das einzige Land, dem es gut gehe und das im Aufstieg begriffen sei. Mussolini sei zum Architekten des italienischen Willens geworden, zum Schmied eines neuen Bewusstseins, dessen Flamme sich an einem alten Feuer entzünde. „Glückliches Italien!“ rief Rilke aus, während er den Ideen der Freiheit, der Humanität und der Internationale eine scharfe Absage erteilte. Sie seien nichts als Abstraktionen, an denen Europa beinahe zusammengebrochen wäre.

Er starb am 29. Dezember 1926 im Sanatorium Valmont sur Territet bei Montreux und wurde am 2. Januar 1927 – seinem Wunsch entsprechend – in der Nähe seines letzten Wohnorts auf dem Bergfriedhof von Raron beigesetzt. Auf seinem Grabstein steht der von Rilke selbst verfasste Spruch:

Grab mit Grabspruch. Quelle: http://www.fondation-rilke.ch/wp-content/uploads/2015/01/Tombe-Rilke.jpg

Postum erschienen sein Buch „Dichtungen des Michelangelo“ und sein umfangreiches Briefwerk. Rilke verstand sich nicht als Schulengründer und ist so auch kaum rezipiert worden, sieht man von der Naturlyrik der 1920er bis 1950er Jahre und von einzelnen Autoren wie Peter Handke ab. Populär wurde insbesondere sein von neuromantischer Schwärmerei und Dichteremphase getragenes Frühwerk. Die Rubrizierung seines Œuvres unter eine Epoche oder eine bestimmte Richtung ist kaum möglich; akzeptiert ist allenfalls die Zurechnung zum Symbolismus. Eine Perspektive, die sich bis heute durchgesetzt hat, zielt über die Motive hinaus „auf jene Besonderheiten der Dichtungssprache bei Rilke, deren Differenz zur Alltagssprache nach wie vor Entdeckungen zulässt“, so Köhnen. Seine kühne Metaphorik rings um Abstrakta wie Gott, Stille, Existenz, Trauer oder Zeit gilt bis heute als unerreicht.

Seine Werke sind häufig vertont oder musikalisch bearbeitet worden: In der langen und illustren Reihe seiner Adepten finden sich etwa Alban Berg, Arnold Schönberg, Leonard Bernstein, Dmitri Schostakowitsch und selbst Udo Lindenberg. Populär geworden ist vor allem die musikalische Annäherung an Rilkes lyrisches Werk durch das „Rilke Projekt“, das im Jahr 2001 begonnen wurde. In bisher vier CD-Veröffentlichungen interpretieren bekannte zeitgenössische Schauspieler und Musiker Texte von Rilke. Die ersten drei CDs erreichten Goldstatus. Zu den bekanntesten Mitwirkenden gehören Ben Becker, Mario Adorf, Iris Berben, Nina Hagen und Xavier Naidoo. „Generationen deutscher Leser galt und gilt er als Verkörperung des Dichterischen, sein klangvoll-rhythmischer Name wurde zum Inbegriff des Poetischen“, befand 2007 Kritikerpapst Marcel Reich-Ranicki. Damit hat er 13 Jahre später immer noch Recht.

Die UFA will divers sein, disney+ „rassistische Kinderfilme“ entschärfen, der MDR „kritisches Weißsein“ fördern. Unsere Medien entfremden sich den Bürgern weiter.

Meine neue TUMULT-Kolumne, die gern verbreitet werden darf.

Seine Existenz zeichnete eine mehr als nur gewisse Zerrissenheit aus. Privat changierte sein Leben zwischen Bürgertum und Provokation: Er heiratete und wurde Vater zweier Kinder, nachts durchstreifte er hingegen die einschlägigen Homosexuellen-Bars in Tokio. Künstlerisch machte der weltweit anerkannte, dreimal für den Literaturnobelpreis vorgeschlagene Schriftsteller Seitensprünge, indem er auch Rollen in billig produzierten Trashfilmen spielte – teilweise nach eigenen Drehbüchern. Auch sein Verhältnis zum Westen, insbesondere zu den USA, blieb zeitlebens ein gespaltenes. Am deutlichsten drückte sein Haus diese Ambivalenz aus: Es bestand aus einem westlich und einem traditionell japanisch möblierten Trakt.

Darin gefiel er sich in vielen mondänen Posen; so als Gastgeber von – damals in Japan unüblicher – europäischer Eleganz, als wolle er das lateinische persona („Maske“) in Leben und Werk raffiniert variieren, ja Maske sein. Zu diesem Vexierspiel gehörte nicht nur die mondäne Attitüde, mit der er die Chefredakteure von Time oder New York Times wie ein Kulturminister empfing, sondern auch eine Art literarischer Spagat – er sah sich als Bewahrer und Erneuerer japanischer Tradition und band doch unendliche Einflüsse des europäischen Geisteslebens in seine Texte, die er mit eiserner Disziplin täglich fünf Stunden am Schreibtisch im westlichen Trakt erfand. Und darin trug er auch nachts Sonnenbrillen oder ließ sich in Marlon-Brando-Pose fotografieren.

Yukio Mishima. Quelle: https://m.media-amazon.com/images/M/MV5BNWVmZDE2NmQtZWU5OC00MzUzLTg2MTUtZTQ4NzUwNDljYTFjL2ltYWdlL2ltYWdlXkEyXkFqcGdeQXVyMTc4MzI2NQ@@.V1_UY1200_CR148,0,630,1200_AL.jpg

Er sei nicht sicher, ob „Faschist“ die richtige Kategorie für seine „ekstatische Rückgewandtheit“ wäre, meinte Fritz J. Raddatz vor 20 Jahren in der Zeit und führte aus: „Faschismus, gar Nationalsozialismus hatten ja praktische Gegenangebote; beide lebten wesentlich von dem Ideologiegebräu aus Krieg und Rassismus. Beider Rhythmus war der Marschtritt der Masse – keineswegs das Todesfanal des heroischen Einzelnen. Sie hatten konkrete politische Führer und präzise sozioökonomische Gesellschaftsmodelle. Nichts davon bei Yukio Mishima – er ist ein todessüchtiger Träumer jenseits der Wirklichkeit; für eine bessere hat er keine Entwürfe, weil Wirklichkeit ihn überhaupt nicht interessiert.“ Und diese Todessucht ließ Mishima am 25. November 1970 traditionellen Seppuku begehen: publikumswirksam assistierten Suizid.

„Das werde ich“

Der am 14. Januar 1925 als Kimitake Hiraoka in Tokio geborene Sohn eines Ministerialbeamten litt unter der dominanten Großmutter, bei der er seine Kindheit und Schulzeit an einer Eliteschule verbrachte: Sie verbat dem schmächtigen, blassen und zurückhaltenden Jungen den Umgang mit gleichaltrigen Geschlechtsgenossen; er durfte nur mit Mädchen spielen. Männerkörper – vor allem Samuraikrieger und europäische Ritter, die er aus Bilderbüchern kannte – übten daher bereits im Kindesalter einen besonderen Reiz auf ihn aus. Als er mit 12 Jahren zurück in seine Familie kam, drillte ihn mit militärischer Disziplin nun sein Vater und verspottete seine Hingabe für Literatur als „weibisch“. Unter anderem soll er sein Zimmer regelmäßig auf Manuskripte kontrolliert haben, die der kränkliche Knabe zu schreiben begann – auch französischer, deutscher und englischer Sprache, die er sich autodidaktisch beigebracht hatte.

Europäische Literatur, insbesondere Raymond Radiguet, dessen Roman „Der Teufel im Leib“  (1923) vielfach verfilmt wurde, Oscar Wilde und Rainer Maria Rilke, prägte ihn besonders. Später wird er Thomas Mann als den Schriftsteller benennen, den er am meisten schätzt. Mit dreizehn Jahren schreib er seine erste Kurzgeschichte „Der Wald in voller Blüte“, in der ein Junge das Gefühl hat, dass seine Vorfahren in seinem Körper weiterleben, und dies für seine inneren Unruhen verantwortlich macht. Die renommierte Literaturzeitschrift Bungei-Bunka druckte sie. Erst spät sollte der Vater mit dem Satz „Wenn du schon Romancier werden willst, dann bitte der allererste Japans“ aufgeben; die Antwort des Sohnes „Das werde ich“, ist überliefert.

Um Mobbing durch seine Schulkameraden zu vermeiden, wurde die Geschichte unter dem Pseudonym Yukio Mishima publiziert, das er fortan für alle seine literarischen Werke verwendete. Er selbst wählte Mishima nach den „drei Inseln“, von denen man den schneebedeckten Fudschijama sehen kann, sein Japanischlehrer rät zu dem Vornamen Yukio, abgeleitete von Yuki = Schnee. In der Pubertät entwickelte er sadomasochistische Fantasien, in denen Schönheit, Begehren und Tod zu einem ästhetischen Ideal verschmolzen. Da er bei der Musterung eine Tuberkulose vortäuschte, musste er im Zweiten Weltkrieg keinen Militärdienst leisten. Der Tuberkulosetod seiner siebzehnjährigen jüngeren Schwester nahm ihn sehr mit.

Mishima in seinem Arbeitszimmer. Quelle: https://im-wald-des-tapio.blogspot.com/2010/11/hagakure-nyumon-zu-einer-ethik-der-tat.html

Er ekelte sich vor körperlicher Schwäche und dem mit dem Alter unausweichlich verbundenen Verfall und begann, um dem Eindruck der Verletzlichkeit entgegenzuwirken, seinen von Natur aus eher zierlichen Körper als Material zu betrachten, aus dem es mithilfe von Bodybuilding und Schwertkampfübungen eine erotische Skulptur herauszumeißeln galt. Dank einer gnadenlosen Selbstdisziplin hatte er bald den muskelgestählten Körper, den er sich wünschte. So wurde er sein eigenes Ideal – der Held, den er als Kind so bewundert hatte. Er verließ die Universität Tokio 1947 mit einem Abschluss in Jura und arbeitete zunächst im Finanzministerium, kündigte aber innerhalb eines Jahres, um mehr Zeit zum Schreiben zu haben.

„Sehnsucht und Sucht zugleich“

1949 gelingt ihm mit „Geständnis einer Maske“ sein erster Erfolg. Das streckenweise autobiographische Werk ist das Porträt eines sensiblen, von Selbstzweifeln bedrängten Jungen an der Schwelle zum Erwachsensein: „Mein Selbstbetrug war der einzige zuverlässige Halt in meinem Leben“, erklärt der Ich-Erzähler, der die „Leser zu Zeugen einer Selbstzerfleischung“ macht, befindet Jonas Lages im Tagesspiegel. Bereits hier treten zahlreiche Themen auf, die sich wie rote Fäden durch Mishimas Werk ziehen: die Todessehnsucht, die erotische Zuneigung zu Knaben, die auffallende Betonung von Brust- und vor allem Achselhaar an männlichen Körpern – eine „Tonfolge Schönheit-Liebe-Tod“ erkennt Raddatz: „Das Buch ist eine schwarze Messe, Zeremonie von Lust aus Qual und Quälen, ein Gesang in der Tradition Walt Whitmans von der Schönheit zum Tode hin, Sehnsucht und Sucht zugleich. Was dann Basso continuo seines gesamten Werks werden sollte; seines Lebens, dessen schwarze Räusche und blutrünstige Fantasien er gleichsam aufschrieb in Romanen, Gedichten, No-Spielen: Das ist, einem Notenschlüssel gleich, alles bereits in dem furiosen Erstling angelegt.“  

Ein hier eingeführtes, wiederkehrendes Motiv ist die Figur des Heiligen Sebastian, des römischen Soldaten, der zum christlichen Märtyrer wurde. 1966 ließ sich Mishima für eine Übersetzung von Gabriele d’Annunzios Bühnenwerk „Märtyrertum des heiligen Sebastian“ in der Pose fotografieren, die Guido Reni für sein Sebastian-Gemälde ausgewählt hatte: mit nacktem, von mehreren Pfeilen durchbohrtem Oberkörper – wobei ein Pfeil markant aus seiner linken, schwarz behaarten Achselhöhle herausragt. Rasch avancierte er zu einem auch international erfolgreichen und gefeierten Schriftsteller, der auf dem quantitativen Höhepunkt seines Schaffens bis zu drei Romane und ein Dutzend Kurzgeschichten im Jahr schrieb.

Werkauswahl. Quelle: eigene Collage

Aus der breiten Masse der in den 50er Jahren entstandenen Werke stechen „Die Brandung“ (1954), eine zeitgenössische japanische Interpretation der antiken Liebesgeschichte um Daphnis und Chloe, und „Der goldene Pavillon“ (1956) hervor. Hierin erzählt Mishima von dem authentischen Fall des Priesteranwärters Mizoguchi, der im Nachkriegsjapan einen der schönsten buddhistischen Tempel, der den Bombenhagel im Zweiten Weltkrieg unbeschadet überstanden hat, anzündet: „Die außergewöhnliche Klarheit des Frühlingshimmels erschien mir manchmal wie der Glanz der kühlen Klinge einer Axt, groß genug für die ganze Erde. Ich wartete nur, dass sie herniedersausen würde“, heißt es in dem Ideenroman.

Wenngleich er sich nicht im Psychogramm eines Brandstifters erschöpft, den der Schriftsteller eigens im Gefängnis besuchte, sind die menschlichen Schwächen des Helden nicht ohne Bedeutung: Mizoguchi stottert und findet sich hässlich. Er erfährt Ablehnung bei seinen Kameraden. Er ist in ein Mädchen verliebt, Uiko, die ihn verschmäht und vor seinen Augen von ihrem Liebhaber erschossen wird. Schließlich findet Mizoguchi zwei Freunde: den freundlichen, wohlwollenden Tsurukawa und den zynischen Kashiwagi, einen ebenfalls gehandicapten Mitschüler, von dem er mit düsteren Obsessionen manipuliert wird.

Es sind dies, wenn man so will, die Zutaten eines klassischen Bildungsromans, allerdings vor einem radikal-pessimistischen Hintergrund. Frauen beispielsweise treten hier vornehmlich in Gestalt von Prostituierten auf. Der Abt des Tempels, Roshi, vergnügt sich gern mit ihnen, was ihm die Verachtung des Erzählers einträgt. „In den Irrungen des Zöglings kondensieren Verblendung, politischer Wahn, Suche nach dem Absoluten, Selbstüberschätzung und Minderwertigkeitsgefühle“, erkennt Dirk Fuhrig im DLF Kultur. Das Buch zeige, wie sich ein junger Mensch in eine fixe Idee verrennt und aus seiner einsamen Welt nicht mehr herauskommt.

„der Himmel voll mit schönen, jungen Menschen“

Durch seine steigende Popularität war Mishima häufig auf Reisen und lernte fremde Kulturen kennen, die er in seine Arbeit einfließen ließ. So wohnte er 1952 einige Zeit in Griechenland und 1957 in den USA. Verbittert und unvermittelt brach er seinen Aufenthalt am Silvestertag ab: Ihn hätten Selbstsucht und die Fixierung auf Materielles angeödet, wie sein englischer Übersetzer Donald Keene mit Blick auf das nicht ins Deutsche übersetzte  „Reisebilderbuch“ Mishimas feststellt. Nach kurzer Verlobung mit der Anglistin Michiko Shōda, die danach Kaiser Akihito heiraten sollte, nahm Mishima 1958 Yoko Sugiyama zur Frau, mit der er zwei Kinder hatte. Die Unklarheit über Mishimas sexuelle Orientierung war ein laufender Konflikt zwischen ihm und seiner Ehefrau, die bis nach seinem Tod verneinte, dass Mishima jemals Interesse am eigenen Geschlecht gehabt habe. Im Jahre 1998 veröffentlichte der japanische Autor Jiro Fukushima einen Brief, in dem er eine sexuelle Affäre mit Mishima beschreibt. Dessen Kinder verklagten Fukushima daraufhin erfolgreich auf Unterlassung.

Mishima bei der Linken-Debatte. Quelle: https://philipbrasordotcom.files.wordpress.com/2020/03/184260_1.jpg?w=640

Literarisch näherte sich Mishima erstmals 1960 politischen Themen an. Der Roman „Nach dem Bankett“ erzählt von den Verstrickungen eines Diplomaten in politische Machtstrukturen, zweifelhafte Geldgeschäfte und private Liebschaften. Die Geschichte beruht auf einem authentischen Fall – die Romanfigur ist an einen ehemaligen liberalen Außenminister Japans angelehnt. In der im selben Jahr erschienenen, wiederum auf realen Ereignissen basierenden Kurzgeschichte „Patriotismus“ erkannte Daniel Napiorkowski vor zehn Jahren in der Sezession „eine deutliche Verbeugung vor dem Ethos des japanischen Soldatentums“. Beschrieben wird der letzte Abend eines jungen, frisch verheirateten Leutnants, der gemeinsam mit seiner Frau den Freitod wählt, um nicht gegen seine Kameraden – aufständische Offiziere – vorgehen zu müssen. In der fünf Jahre später unter seiner Regie entstandenen Verfilmung spielte Mishima die Rolle des jungen Offiziers selbst. Inwieweit er hier sein Schicksal vorwegnahm, ist umstritten.

In einem Artikel von 1962 schrieb er: „In der Bronzezeit betrug die durchschnittliche Lebenserwartung der Menschen achtzehn Jahre; zur Römerzeit waren es zweiundzwanzig. Damals muss der Himmel voll gewesen sein mit schönen, jungen Menschen. In letzter Zeit muss es dort oben erbärmlich aussehen.“ 1968, als nicht er, sondern Yasunari Kawabata den Literaturnobelpreis erhielt, gründete er eine paramilitärische Vereinigung, die sogenannte „Schildgesellschaft“ (Tatenokai), die sich ausschließlich aus jungen Studenten rekrutierte und die für die Rückkehr der klassischen Kaiserherrschaft eintrat. Es war sein Versuch, eine an ästhetischen Idealen und traditionellen japanischen Vorstellungen orientierte Elite aufzubauen. Mishima machte die jungen Männer mit den Tugenden des bushido vertraut, dem Verhaltenskodex der Samurai, unterrichtete sie in Karate sowie in Schwertkampf, ließ eigene Uniformen schneidern, ein Wappen entwerfen und kreierte sogar eine eigene Hymne.

Aufgrund der strengen Aufnahmevoraussetzungen hatte die Schildgesellschaft niemals mehr als hundert Mitglieder, was Mishima nur recht war; er sprach von der „kleinsten Armee der Welt und der größten an Geist“. Die japanischen Medien beachteten Mishimas private Miliz kaum, und wenn, dann nahmen sie sie als den Spleen eines exzentrischen Schriftstellers wahr, der eine „Spielzeugarmee“ unterhielt. 1969 nahm Mishima die Einladung radikaler linker Studenten zu einer Podiumsdiskussion an der Universität von Tokio an, deren verschollener Mitschnitt im April 2020 wieder auftauchte. Es entwickelte sich ein teilweise recht aggressives Streitgespräch, während dem Mishima seine politischen Standpunkte, insbesondere seine Verehrung des Kaisers bekräftigte, aber auch Berührungspunkte zu den linken Studenten betonte. Er schloss seine Rede mit dem Versprechen: „Eines Tages werde ich aufstehen gegen das System, so wie ihr Studenten aufgestanden seid – aber anders.“

„Lang lebe der Kaiser!“

Was er darunter verstand, wurde dann am 25. November 1970 sichtbar. Gemeinsam mit vier Mitgliedern seiner Privatarmee verschaffte er sich Zugang zum Hauptquartier der Streitkräfte Ost in Tokio, nahm den kommandierenden Offizier, General Kanetoshi Mashita fest und machte zur Bedingungen seiner Freilassung, auf dem Balkon vor dessen Büro eine Rede zu halten. Es sei ihre Aufgabe, appellierte er an Hunderte im Hof der Kaserne versammelte Soldaten und Zivilangestellte, das durch die Herrschaft des Tenno repräsentierte traditionelle Japan vor dem Zugriff des Westens zu schützen, und rief die Armee zur Besetzung des Parlaments und zur Wiedereinsetzung des Kaisers auf. Zu verstehen war von seinen Worten am Ende kaum etwas: Zu laut waren die herbeigeeilten Helikopter. „Steht auf und sterbt!“ war allerdings deutlich vernehmbar. Mit der dreimal ausgestoßenen Formel „Lang lebe der Kaiser!“ beendete der Schriftsteller seinen Aufruf.

Mishima bei seiner Ansprache. Quelle: https://im-wald-des-tapio.blogspot.com/2010/11/hagakure-nyumon-zu-einer-ethik-der-tat.html

Was wie ein heroischer Akt des Patriotismus wirken sollte, endete als Farce. „Sie haben mir nicht einmal zugehört“, sagte er anschließend seinen im Büro des gefesselten Mashita wartenden Gefolgsleuten. Beirren ließen sich die Verschwörer davon nicht, im Gegenteil. Nun begann der finale und ausgesprochen blutige Teil des von langer Hand geplanten Spektakels: die rituelle Selbsttötung Mishimas, auch Seppuku genannt. Er schlitzte sich mit einem Dolch den Bauch auf und ließ sich von seinem Gefährten Masakatsu Morita mit dem Schwert den Kopf abschlagen. Unmittelbar nach der blutigen Tat folgte Morita dem geliebten Meister auf dieselbe, ausgesprochen schmerzhafte Weise in den Tod. „Zeitlebens hat er in der Niederlage Japans und im erzwungenen Verzicht auf eine offensiv ausgerichtete Streitmacht eine tiefe Demütigung gesehen. Auch sein 1970 vollzogener ritueller und grausamer Suizid lässt sich als symbolischer Protest gegen die Unterwerfung seines Volkes lesen“, bringt Martin Krumbholz im WDR das verbreitetste Deutungsmuster auf den Punkt.

1968 hatte Mishima in einem Interview geäußert, dass, anders als das westliche Bild des Selbstmords, der meist als Niederlage betrachtet werde, „Harakiri einen manchmal siegen lässt“. In seinem Abschiedsbrief an Keene schrieb er: „Es war schon seit langem mein Wunsch, nicht als Literat, sondern als Soldat zu sterben“. Laut der Biografie von Henry Scott Stokes hatte Mishima seinen Suizid bereits seit einigen Jahren geplant und seinen Todestag ein Jahr im Voraus festgelegt. Sein Glaube an eine Erfolgsaussicht bezüglich der Restauration des Kaiserreiches erscheint daher fraglich. Literarisch war er auf dem Höhepunkt seines Schaffens. Mit „Die Todesmale des Engels“ – das Manuskript hierzu korrigierte er noch am Vorabend seines Todes und adressierte es an seinen Verleger – beendete er sein monumentales, vierbändiges Epos „Das Meer der Fruchtbarkeit“, an dem er die letzten sechs Jahre gearbeitet hatte – Namensgeber ist eine Geröllwüste auf dem Mond. Insgesamt schuf er mehr als 50 Stücke und 30 Romane.

Er entfremdete sich zunehmend von einer Gesellschaft, die für Begriffe wie Ehre und Tradition immer weniger empfänglich war, meint Napiorkowski: „Alles Kommende hätte dem Gesamtkunstwerk Yukio Mishima an Glorie genommen. Das Todesfanal aber vollendete es auf eine morbide Weise.“ Das Bild mit Mishimas abgetrenntem Kopf ging um die Welt. Sein Verhältnis zu anderen politisch rechtsstehenden Organisationen blieb von Desinteresse geprägt. Erst posthum entdeckten einige Gruppierungen aus dem Umfeld der japanischen „Neuen Rechten“ die politische Strahlkraft Mishimas, allen voran die nationalistische Issuikai, die seit 1972 ein Heldengedenken mit anschließendem Besuch an Mishimas Grab veranstaltet. Sein Leben sowie seine Hauptwerke wurden nicht nur verfilmt, sondern auch musikalisiert, so in „Das verratene Meer“ durch Hans Werner Henze.

Mishimas Grab. Quelle: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/2/26/Grave_of_Yukio_Mishima.jpg/800px-Grave_of_Yukio_Mishima.jpg?1603812308193

Wie es um seine Rezeption – und den Zeitgeist – steht, machten 2019/20 Leserdiskussionen deutlich, die sich unter Rezensionen deutscher Neuübersetzungen seiner Hauptwerke „Geständnis einer Maske“ und „Der goldene Pavillon“ entsponnen. Die Neuauflage spräche für einen Zeitgeist, „in dem rechtsnationales Gedankengut wieder popularisiert wird“, hieß es etwa im Tagesspiegel. „Es bleibt zu hoffen, dass uns eine Wiederauflage der Blut-und-Boden-Schundliteratur mit ihren lächerlichen Heroisierungen des ‚männlichen Kriegers‘ und des sogenannten Heldentods fürs Vaterland erspart bleibt“, kommentiert ein weiterer. Und ein dritter befindet: „Obwohl Faschist, ist er sicherlich keine Identifikationsfigur für simpel gestrickte hiesige rechtsradikale Dumpfbacken, dazu dürfte seine Welt denen zu fern sein. Ich staune nur, mit welcher Unbedarftheit das hiesige unverdächtige literarische Establishment (Kritik, Verlagswesen) diesem Autor gegenübertritt.“ Das lässt tief blicken und ist ein Armutszeugnis sowohl für das Niveau kulturellen Welt- und Selbstverständnisses hierzulande als auch für den Zustand linkspolitischer Arroganz, die sich in alleinigem Wahrheitsbesitz wähnt.

In die politische Geschichte des Landes ging er ein als wirkmächtigster Literat. Während es der vor wenigen Monaten verstorbene Rolf Hochhuth zu Lebzeiten mit Hans Filbinger „nur“ zum Sturz eines Ministerpräsidenten gebracht hatte, fällte er posthum einen Bundestagspräsidenten: Am 10. November 1988 trägt Ida Ehre, die große alte Dame des deutschen Theaters, zum Gedenken an die Pogromnacht 1938 seine Todesfuge im Bonner Bundestag vor. „…Der Tod ist ein Meister aus Deutschland sein Auge ist blau / er trifft dich mit bleierner Kugel er trifft dich genau…“ Sie hat die Worte ins Parlament „hineingebrüllt“, erinnerte sich der damalige Hausherr Philipp Jenninger. „Alle, die dort saßen, ich inbegriffen, waren erschüttert von diesem Schrei.“ Jenninger, rhetorisch nicht ansatzweise zum Kontern begabt, drückt sich auch noch erinnerungspolitisch missverständlich aus, so dass viele Abgeordnete, nicht nur der Grünen, schließlich den Saal verlassen. Am Tag darauf tritt Jenninger zurück.

Diese Todesfuge, 1944/45 als erstes veröffentlichtes Gedicht des Autors entstanden, wurde zum Inbegriff von Holocaust-Lyrik und relativierte auch wegen ihres musikalisierten Duktus‘ Adornos Diktum, „nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, ist barbarisch“. Der erschütternde Text, befindet John Felstiner, erweist sich im Sinne ästhetischer Vergangenheitsbewältigung als das „‚Guernica‘ der Nachkriegsliteratur“ – und musste sich trotzdem vorwerfen lassen, dass die „Schönheit“ der lyrischen Umsetzung der Thematik der Judenvernichtung nicht gerecht werde. Wolfgang Emmerich spricht von einem „Jahrhundertgedicht“, Winfried Freund vom „berühmtesten Gedicht der klassischen Moderne“, Harald Hartung gar vom „wichtigsten und folgenreichsten Gedicht der Epoche“. Laut Claus-Michael Ort wurde kein anderes deutschsprachiges Gedicht aus der Nachkriegszeit in vergleichbarem Umfang „Teil einer öffentlichen Kanonisierung, die es als Ganzes sowie einzelne Bildformeln zum sprachlichen Ausdruck des Holocausts erhob“: Die Metapher „Da habt ihr ein Grab in den Wolken, da liegt man nicht eng“ verstört bis heute.

Paul Celan. Quelle: https://ais.badische-zeitung.de/piece/0a/df/ca/a1/182438561-h-720.jpg

Dabei hat sich sein Autor gar drei Mal mit Martin Heidegger in Freiburg und auf der Philosophenhütte in Todtnauberg getroffen. 1954 nannte er ihn in einem nie abgeschickten, fast devoten Brief seinen „Denk-Herrn“: Ihn habe fasziniert, „dass Heidegger der Dichtung eine Mission und ein Wesen zugesprochen hat, das sie ganz in der Nähe des ‚Seins‘ platzierte“, so Emmerich. Nach den Griechen, die diesem „Sein“ näher waren, sehe Heidegger nur noch die Verfallsgeschichte der Menschheit, manifestiert in ihrer technologischen Entwicklung. Innerhalb dieser Verfallsgeschichte gebe es nur ein Medium, das dieses „Sein“ berühren kann – das ist die Sprache und ganz speziell die dichterische Sprache. Ob Heidegger wirklich auf „eine vertrackte Weise gerührt war über sich und diesen jüdischen Dichter“, der von ihm „ein klärendes Wort verlangte über sein philosophisches Edel-Nazitum“, wie Hans-Peter Kunisch vermutet, ist unklar. Angeblich, schreibt Kunisch, habe der Lyriker, nachdem der deutsche Philosoph auf die Zusendung seines Gedichts Todtnauberg („mit einer Hoffnung auf ein kommendes Wort im Herzen“) nur phrasenhaft reagiert habe, von diesem „gar nichts mehr erwartet“. Dieser Lyriker wurde am 23. November vor 100 Jahren als Paul Antschel geboren: Paul Celan.

ohne Lebensvertrauen

Seine Heimatstadt Czernowitz, die Hauptstadt der Bukowina, war bis 1918 habsburgisch, dann rumänisch, später sowjetisch, heute ukrainisch, und galt mit ihren Künstlern, Philosophen, Musikern und Schriftstellern als vielsprachiges Zentrum deutsch-jüdischer Kreativität. Diese Pluralität prägte auch Paul, der als Einzelkind in einer deutsch sprechenden, orthodox-jüdischen Familie aufwächst. Sein strenger Vater Leo ist Vertreter einer Holzfirma. Mit der Mutter Fritzi teilt der Junge die frühe Begeisterung für deutsche Dichtung. Zunächst besucht Paul die deutsche, dann die hebräische Volksschule, von 1930 an ein rumänisches, später ein ukrainisches Staatsgymnasium. Mit vierzehn Jahren feiert er die Bar-Mizwa, vergleichbar mit der protestantischen Konfirmation im christlichen Kulturraum. Danach wird er nie wieder einen jüdischen Gottesdienst besuchen.

Nach dem Abitur beginnt er im französischen Tours das Studium der Medizin. Als sein Schnellzug auf dem Weg nach Frankreich Berlin erreicht, hatte die Stadt gerade die Reichspogromnacht hinter sich. Wegen des beginnenden Krieges kehrt er nach Czernowitz zurück und studiert dort Romanistik. 1940 besetzen gemäß der Annexionsbestimmungen des Hitler-Stalin- Pakts sowjetische Truppen die Stadt. Ein Jahr später trifft die SS-Einsatztruppe D in Czernowitz ein. Das Judenviertel wird zum Ghetto erklärt, ab Oktober 1941 werden 55.000 Juden in die Vernichtungslager Transnistriens deportiert. Nur 5.000 Menschen überleben.

Gedenktafel an seinem Geburtshaus. Quelle: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/5/53/Celan-Tafel_%28Czernowitz%29.jpg/1280px-Celan-Tafel_%28Czernowitz%29.jpg

Der 21jährige wird vierhundert Kilometer südlich von Czernowitz als Straßenbauer eingesetzt – in einem von den Rumänen eingerichteten Arbeitslager. Dadurch entgeht er der Deportation. Als er im Juni 1942 seine Eltern in Czernowitz besuchen will, findet er die Wohnung leer vor –  sie waren nach Transnistrien geschafft worden. Sein Vater stirbt dort kurz darauf an Cholera, seine Mutter wird im folgenden Winter mit einem Genickschuss umgebracht. Die Deportation seiner Eltern und ihr Tod hinterließen tiefe Spuren in Paul. Er litt für den Rest seines Lebens unter dem Gefühl, seine Eltern im Stich gelassen zu haben. In seinen Gedichten sind zahlreiche Verweise auf dieses Trauma der „Überlebensschuld“ zu finden: „Sprachvertrauen ist nichts ohne Lebensvertrauen und das war ihm zerstört worden“, meint der Theologe Karl-Josef Kuschel im DLF.

„Der liest ja wie Goebbels“

Nach der Einnahme durch die Rote Armee kehrte Paul im Dezember 1944 nach Czernowitz zurück und nahm sein Studium wieder auf. 1945 übersiedelte er nach Bukarest und studierte dort weiter, war später als Übersetzer und Lektor tätig und nennt sich nun Celan – ein Anagramm des rumänisierten Ancel. 1947 floh er über Ungarn nach Wien und siedelte 1948 nach Paris über, wo er bis zum seinem Tod als Lyriker, Übersetzer, Sprachlehrer und Dozent der Ecole Normale Superieure arbeitete – das Sprachgenie übersetzt Texte von über vierzig Autoren in sieben Sprachen, darunter der Creme de la Creme der Weltliteratur: Apollinaire, Baudelaire, Éluard, Jewtuschenko, Mallarmé, Pessoa oder Shakespeare. Noch im selben Jahr erschien in Wien mit Der Sand aus den Urnen sein erster Gedichtband mit der Todesfuge, dessen gesamte Auflage er jedoch wegen zahlreicher Satzfehler einstampfen ließ.

Hier begegnet er Ingeborg Bachmann, die zur Liebe seines Lebens wurde – der Briefwechsel Herzzeit (Frankfurt 2008) kündet davon. Inhalt und Form seiner Gedichte ändern sich radikal. Der Tod, das Schicksal des jüdischen Volkes und der ferne Gott durchziehen seine Texte – selbst die Liebesgedichte. Der Reim verschwindet immer mehr aus seinem Werk. „Diese Dialektik von Muttersprache und Mördersprache ist einer der Schlüssel, um zu verstehen, wie er seine Gedichte schreibt“, befindet Kuschel.

Paul und Gisèle. Quelle: https://www.deutschlandfunkkultur.de/media/thumbs/4/40d6f45ef557efb5791afef63bf1582cv1_max_635x357_b3535db83dc50e27c1bb1392364c95a2.jpg?key=c8dc22

Vier Jahre später veröffentlicht Celan seinen Gedichtband Mohn und Gedächtnis und heiratete die 25-jährige Tochter des Marquis de Lestrange, Gisèle, mit der er im großbürgerlichen 16. Pariser Arrondissement in der Rue de Longchamps logiert. Im selben Jahr las er zum ersten und letzten Mal vor der Gruppe 47 – ein Desaster, erinnerte sich Walter Jens: „…er las sehr pathetisch. Wir haben darüber gelacht. ‚Der liest ja wie Goebbels‘, sagte einer. Das war eine völlig andere Welt, da kamen die Neorealisten nicht mit. … Hans Werner Richter war der Ansicht gewesen, Celan habe ‚in einem Singsang vorgelesen wie in einer Synagoge‘“.

Celan entwickelte zwar Freundschaften mit deutschen Schriftstellerkollegen, doch die endeten regelmäßig in Zerwürfnissen. Das betraf vor allem das deutsch-französische Schriftstellerpaar Yvan und Claire Goll. Nach dem Tode ihres Mannes erhebt Claire Goll 1960 öffentlich Plagiatsvorwürfe, auch gegen die Todesfuge. Der Dichter wird zwar später von den Anklägern vollständig rehabilitiert, aber seine Psyche erleidet durch die „Plagiatsaffäre“ dauerhaften Schaden: „Celan war unheilbar verletzt. Die in deutschen Blättern ausgebreiteten Zweifel an seiner künstlerischen Integrität erlebte er wie neuerliche ‚Hitlerei‘“, so Iris Radisch in der Zeit.

Beeinflusst vom französischen Symbolismus und Surrealismus, gilt er dennoch als der bedeutendste Lyriker der deutschen Nachkriegsliteratur – als der bis heute einzige, dessen Gedichte dem Unaussprechlichen der Shoah angemessen sind, die er in die geistigen Traditionen des Judentums der letzten dreitausend Jahre einzubetten versuchte, sie mit religiösen Motiven verband, vor allem aus dem Alten Testament. Seine Zweifel, sein Glauben-Wollen, aber nicht können, werden ihn bis zu seinem Tod begleiten.

Deutsche Gesamtausgabe. Quelle: https://images-eu.ssl-images-amazon.com/images/I/41gf3S7tqWL.AC_UL600_SR372,600.jpg

Sein erster Sohn stirbt bald nach der Geburt. 1955 wird Claude Francois geboren, zugleich erhielt Celan die Staatsbürgerschaft der Republik Frankreich. In den 1960er Jahren erscheinen Gedichtbände, die ihn, inzwischen Büchner-Preisträger, weltberühmt machen, etwa Die Niemandsrose, Atemwende oder Fadensonnen. Seine ungeheure Sprachverdichtung gilt als Indiz für seine zunehmende psychische Implosion, die zu mehreren Aufenthalten in psychiatrischen Kliniken führt. So wollte er in einem Wahnzustand einmal sich selbst umbringen, in einem anderen seine Ehefrau mit einem Messer töten. Seit November 1967 lebten sie getrennt voneinander, blieben aber in Verbindung.

„Man hat mich zerheilt“

Im Oktober 1969 unternahm Celan seine einzige Reise nach Jerusalem – ein weiteres Desaster. Er sieht sich nicht in der Lage, sich mit einem Leben dort zu identifizieren, fühlt sich aber auch in seiner Pariser Exilheimat zunehmend einsam. An seine Jugendliebe Ilana Schmueli schreibt er: „Ich muss täglich in meine Abgründe hinab. Jeder Tag ist eine Last. Das, was Du ‚meine Gesundheit‘ nennst, kann es wohl nie geben. Die Zerstörungen reichen bis an den Kern meiner Existenz. Man hat mich zerheilt.“

Im Februar 1970 tauchte plötzlich ein angeblich aus dem Jahr 1944 stammendes Gedicht seines Czernowitzer Schulfreundes Immanuel Weißglas auf, das ausgerechnet die eindringlichen Sprachbilder der kurz darauf entstandenen Todesfuge noch ganz ungelenk und wie im Rohentwurf vorwegzunehmen schien. Eine weitere Plagiatsdiskussion wollte Celan womöglich nicht mehr erleben; sie blieb übrigens aus. Am 1. Mai 1970 findet ein Fischer seinen Leichnam in der Seine – zehn Kilometer abwärts von Paris. Wahrscheinlich hat er sich in der Nacht vom 19. auf den 20. April am Pont Mirabeau in der Nähe seiner Wohnung in den Fluss gestürzt. Einen Abschiedsbrief gibt es nicht. „Er hat sich“, schreibt Gisèle an Ingeborg Bachmann, „den einsamsten und anonymsten Tod ausgesucht.“

Celans Grab. https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/b/b3/Grave-Paul-Celan.jpg

Aus seinen späten Gedichten ist die rauschhafte Musikalität seiner Anfänge verschwunden: „Sie sind von grandioser Trostlosigkeit, Verse wie Karstlandschaften, wie Steinwüsten, nah am Verstummen und stolz in der Würde des Scheiterns. Man muss sie noch immer lesen“, befindet Radisch. Seine „weltliterarisch fast einzigartige Wirkung“ bestehe darin, dass er in einer „durch die Gräuel des Massenmordes hindurch gegangenen Sprache schreibe“, ohne „je der Illusion anzuhängen, ,über‘ Auschwitz und die Millionen von Opfern mit den Mitteln des Abbildrealismus schreiben zu können“, fasst Emmerich sein Wirken zusammen. Zu Ehren des nachdichtenden Übersetzers stiftete der Deutsche Literaturfonds 1988 den Paul-Celan-Preis für ebenfalls herausragende Übersetzerleistungen. Sein Nachlass liegt im Marbacher Literaturarchiv, auch die Handschrift der Todesfuge.

„Ich habe nie eine Zeile gedichtet, die nichts mit meiner Existenz zu tun gehabt hätte. Ich bin, Du siehst es, Realist auf meine Weise“, schreibt der Dichter anfangs der 60er Jahre an einen Freund. Spätestens seit dieser Zeit hat er die Todesfuge nicht mehr gelesen, er hielt sie für „lesebuchreif gedroschen“. Hans Mayer, selbst Jude, gebrauchte die Formulierung, Celan habe sie „zurückgenommen“. Celan entgegnete: „Ich nehme niemals ein Gedicht zurück, lieber Hans Mayer.“ Den Vers „der Tod ist ein Meister aus Deutschland“ hat übrigens Heiner Müller noch zu Zeiten der DDR adaptiert zu „Deutschland dein Meister ist der Tod“. Darüber kann man nun lange nachdenken.

Als 1938 eine amerikanische Filmzeitschrift zur Wahl des Königs von Hollywood aufruft, stimmt eine überwältigende Mehrheit für ihn. Sein freches Grinsen, sein spöttischer Blick unter hochgezogenen Augenbrauen und sein raubeiniger Charme lassen viele Frauen in den Kinosesseln dahinschmelzen. Auch manche Männer mögen ihn: Ein richtiger Mann, der zupacken und draufhauen kann. Er verkörpert den amerikanischen Traum: Der Aufsteiger, der es aus eigener Kraft nach oben geschafft hat und der bei aller lässigen Eleganz nie seine Herkunft aus den Hinterhöfen verleugnet: Clark Gable. Am 16. November 1960 erlag er Los Angeles einem Herzinfarkt, den Marilyn Monroe mitverschuldet haben soll.

Geboren wurde Gable am 1. Februar 1901 in Cadiz in Ohio, wobei William Clark in der Geburtsurkunde als weiblich erfasst wurde, was sich später sogar noch in Schulzeugnissen bemerkbar machte, bevor der Fehler dann ebenso korrigiert wurde wie später der Nachname: Das deutsche „Goebel“ passte nicht im Ersten Weltkrieg. Als seine Mutter früh starb, zeigte sich der Vater, ein deutschstämmiger Ölarbeiter, mit der Alleinerziehung völlig überfordert und gab das Kind zunächst in die Hände von Pflegeeltern. So verbrachte der Junge eine kurze Zeit auf der Farm seines Onkels Charles in Pennsylvania. Nach zwei Jahren fühlte sich sein Vater der Aufgabe gewachsen, heiratete eine neue Frau und holte seinen Sohn wieder zu sich. Das Leben wurde dadurch nicht einfacher. Bald geriet der Vater in finanzielle Schwierigkeiten und musste mehrfach den Job wechseln, darunter arbeitete er als Krawattenverkäufer. Mit sechzehn Jahren wurde Gable von der High School verwiesen und schlug sich mit Gelegenheitsjobs durch.

Clark Gable. Quelle: https://prod-images.tcm.com/Master-Profile-Images/ClarkGable.jpg

Große Anziehungskraft übte das Theater auf ihn aus. Er spielte zunächst kleinere Rollen und wurde Mitglied verschiedener Wandertheater. Fast zehn Jahre tingelte er als Statist auf Tourneebühnen, bis er am Broadway landete und dank seiner virilen, teilweise ungehobelten Ausstrahlung gute Kritiken bekam. In der Zeit der Großen Depression 1929, die auf den Börsencrash folgte, wurde Hollywood auf ihn aufmerksam, nachdem er bereits kleine Statistenrollen wie in „Die lustige Witwe“ von Erich von Stroheim übernommen hatte. Zunächst wegen seiner Segelohren als „Taxi mit offen stehenden Türen“ verspottet, erwies er sich als der rechte Mann zur rechten Zeit: Das von der Wirtschaftskrise gebeutelte Publikum war ganz wild nach dem Draufgänger mit dem schiefen Grinsen. Hinzu kommt die Bekanntschaft mit der Theatermanagerin Josephine Dillon, die ihm auch Schauspielunterricht gab – 17 Jahre älter, aber mit den richtigen Verbindungen. Die 1930 schon wieder beendete Ehe mit ihr öffnete ihm die Türen ins Filmgeschäft.

„moderner Rudolfo Valentino“

Er ergatterte zunächst eine Nebenrolle im Western „The Painted Desert“ und begann mit seiner Rolle eines gewalttätigen Gangsters und Verführers im Drama „Der Mut zum Glück“ einen kometenhaften Aufstieg. Schon 1931 spielte der Newcomer in neun Filmen und zählte zu den zehn kassenträchtigsten Stars. Aber was für Unsympathen spielt Gable, was für Widerlinge, Scheusale, Draufgänger und Gangster: In „Night Nurse“ schlägt er Barbara Stanwyck ins Gesicht, in „Helgas Fall und Aufstieg“ warf er eine Prostituierte die Treppe hinab, und Norma Shearer wird in „Der Mut zum Glück“ als wohlerzogene Tochter der besseren Gesellschaft von Gable schlecht behandelt. Und doch liegt ihm die Frauenwelt zu Füßen. Nach den Schlägen gegen Shearer wird Metro-Goldwyn-Mayer mit Briefen bombardiert: Keine Proteste – die Fans wollen sich freiwillig von Gable schlagen lassen.

1932 trat er als charmanter Flegel bereits das zweite Mal neben Jean Harlow auf, beide erweisen sich als profitables Gespann. Gable wird außerdem acht Mal neben Joan Crawford, sieben Mal an der Seite von Myrna Loy und dreimal an der Seite von Norma Shearer zu sehen sein. Obwohl ihn sein Image als Schurke und Gigolo bald anödete, musste er von seinem Filmstudio Metro-Goldwyn-Meyer quasi dazu gezwungen werden, 1934 als Reporter in Frank Capras Screwball-Spaß „Es geschah in einer Nacht“ aufzutreten. Für die gewagte, von der Zensur kritisch beäugte Liebeskomödie bekam Gable, der sich stets nur für einen Selbstdarsteller hielt, zu seiner Überraschung 1935 den Oscar. Der Film, der ihn mit nackter Brust unter dem offenen Hemd zeigte, machte ihn zum Sexsymbol – und stürzte angeblich Unterhemdfabrikanten in den Ruin, bis Marlon Brando und sein weißes T-Shirt in „Endstation Sehnsucht“ 1951 den Trend wieder umkehrten. Legendär sind seine vielen Affären, unter anderem mit Jean Harlow, Joan Crawford, Grace Kelly – und Loretta Young, die schwanger wurde. Sie musste nach Europa reisen, um die Schwangerschaft geheim zu halten, und brachte dort eine Tochter zur Welt. Gable gab die Vaterschaft niemals zu.

Gable und Charles Laughton in „Die Meuterei auf der Bounty“. Quelle: https://cdn.britannica.com/79/77079-050-A3B10897/Crew-members-Bligh-HMS-Bounty-Charles-Laughton-1935.jpg

Auf dem Gipfel seines Ruhmes war Gable, den Kritiker auch als „modernen Rudolfo Valentino“ bezeichneten, der einzige MGM-Darsteller mit einem lebenslangen Vertrag und kassierte ein jährliches Gehalt von 300 000 Dollar. Neben diesen Glanzrollen aber drehte er meist anspruchslose Starvehikel wie „Meuterei auf der Bounty“ – hier war er für seine Verkörperung des Seeoffiziers Fletcher Christian erneut für den Oscar als bester Hauptdarsteller nominiert, – „Der Draufgänger“ und „Zu heiß zum Anfassen“, deren Titel verraten, um was es ging. Nach dem Scheitern seiner zweiten Ehe mit der wiederum 17 Jahre älteren texanischen Millionenerbin Maria Langham heiratet er 1939 in dritter Ehe seine große Liebe, die Schauspielerin Carole Lombard. Davor hatte er den Film abgedreht, dessen später legendäre Hauptrolle als Rhett Butler er nur zögerlich angenommen hatte und der ihm doch auf ewig einen Platz in der Filmgeschichte sichert: „Vom Winde verweht“.

„große Leistung der Amerikaner“

Das Südstaatenepos um die Liebe in Zeiten des Bürgerkriegs nach dem gleichnamigen Roman von Margaret Mitchell war mit fast vier Stunden Laufzeit seinerzeit der Film mit der längsten Spieldauer, außerdem mit Herstellungskosten von rund vier Millionen US-Dollar der teuerste Film überhaupt. Vom American Film Institute wurde er auf Platz 4 der 100 größten US-Filme aller Zeiten gewählt. Mit einem inflationsbereinigten Einspielergebnis von rund 7,2 Milliarden US-Dollar (2019) gilt der für 13 Oscars nominierte Streifen bis heute als kommerziell erfolgreichster der Filmgeschichte. In Umfragen rangiert er noch vor „Star Wars“; in Großbritannien war er noch 2004 der meiste gesehene Film überhaupt.

Die Premiere im Grand Theater in Atlanta war das Ereignis des Jahres. Dafür hatte der Gouverneur von Georgia den 15. Dezember 1939 zum Feiertag ausgerufen – vermutlich zum ersten Mal in der Geschichte aus Anlass einer Kino-Premiere. Viele Schaulustige waren als Hommage an den Film in Kostümen aus der Bürgerkriegszeit erschienen. Gable, der ihn übrigens als „Film für Frauen“ geringschätzte, wird im DLF mit Sätzen wie diesem zitiert: „Als ich meine erste Liebesszene spielen musste, war ich zu Tode erschrocken. Der Regisseur meinte, ich sollte einen verlangenden Gesichtsausdruck mimen. Daraufhin dachte ich an ein riesiges, halb durchgebratenes Steak. Es klappte so gut, dass ich diesen Trick seither immer wieder verwende“.

Gable und Carole Lombard. Quelle: https://www.classichollywoodcentral.com/wp-content/uploads/2015/09/Clark-Gable-and-Carole-Lombard.jpg

Er habe in der Szene nicht weinen wollen, in der er von der Fehlgeburt seiner Frau erfährt, erklärte Kollegin Olivia de Havilland 2004 im Spiegel. „Er dachte, es sei unmännlich. So waren Männer damals konditioniert. Es war so schade, dass sie diese Gefühle unterdrücken mussten“. Regisseur Fleming habe damals alles versucht und Gable sogar bei seiner Berufsehre gepackt. „Am Ende gab es einen letzten Versuch“, so de Havilland. „Ich sagte ‚Ich weiß, dass du es kannst und du wirst wunderbar sein‘. Tja, und bevor die Kamera zu laufen begann, konnte man bereits die Tränen in seinen Augen sehen.“ Bis heute schmachten Frauen unter seinem spöttischen Blick. Und das, obwohl sein letzter Satz gegenüber der ihr Herz ausschüttenden Scarlett ist: „Frankly, my dear, I don‘t give a damn“ („Ehrlich gesagt ist mir das gleichgültig“). Der Satz wurde vom American Film Institute zum bedeutendsten US-Filmzitat überhaupt gewählt.

Dass der Film erst mit 14-jähriger Verspätung in die deutschen Kinos kam, war zunächst der NS-Filmpolitik geschuldet, die mit ihrem Anspruch auf den ersten Platz in der Filmwelt Roman wie Film verbot. „Clark Gable ist nicht nur ein kluger, sondern auch ein schöner Mann“, sagt Eva Braun in Philippe Moras nachsynchronisiertem Kompilationsfilm „Swastika“ (1973), weshalb Hitler auf Gable, den er tatsächlich geschätzt haben soll, eifersüchtig geworden sei. Joseph Goebbels schrieb am 30. Juli 1940 in sein Tagebuch: „Großartig in der Farbe und ergreifend in der Wirkung. Man wird ganz sentimental dabei. Die Leigh und Clark Gable spielen wunderbar. Die Massenszenen sind hinreißend gekonnt. Eine große Leistung der Amerikaner. Das muss man öfter sehen. Wir wollen uns daran ein Beispiel nehmen. Und arbeiten.“

„an den Rand eines Herzinfarkts gebracht“

Mit Carole Lombard lässt sich Gable auf einer Ranch in Encino nieder, auf der er bis zu seinem Tod leben wird. Gemeinsam gingen sie fischen, jagen, wurden sesshaft und gesellig. 1940 erlitt Carol eine Fehlgeburt. Ausgerechnet eine Kriegsanleihenverkaufstour kostete sie dann 1942 bei einem Flugzeugabsturz nahe Las Vegas das Leben. Das Unglück war ein schwerer Schlag für Gable, der sogar zur Unglücksstelle flog, seitdem nicht mehr als derselbe galt und dem Alkohol mehr zuzusprechen begann als ihm zuträglich war. Um der Leere zu entkommen, meldete er sich freiwillig zum Kriegsdienst, den er bis 1945 als Bomberpilot absolvierte. Die gesamte Ausbildung in der US Army zum Kanonier wurde gefilmt, eine vierköpfige Filmcrew begleiteten Gable während der ganzen Zeit. Fünfmal flog Bordschütze Gable Angriffe in einer B-17 mit.

Gable in „Vom Winde verweht“. Quelle: https://www1.wdr.de/stichtag/stichtagdezembervierzehn118~_v-gseapremiumxl.jpg

Nach dem Krieg – die Entlassungsurkunde von Major Gable hatte ein Offizier namens Ronald Reagan unterschrieben – erlebte er nur ein verhaltenes Comeback: Bei seinen Erfolgen wäre er heute ein Top-Star, in Hollywood dagegen war er eins unter vielen Gesichtern. Er spielte den „Mann ohne Herz“ (1945), den „Mann am Scheideweg“ (1947), blieb der charmante Herzensbrecher in der Komödie „Der Windhund und die Lady“(1947), glänzte als draufgängerischer Abenteurer in William A. Wellmans großem Western „Colorado“ (1951), in John Fords Afrika-Drama „Mogambo“ (1953) mit Ava Gardner und Grace Kelly sowie in drei großen Filmen von Raoul Walsh. Sehenswert sind auch die Abenteuerkomödie „Es begann in Moskau“ (1953), das Kriegsdrama „U23 – Tödliche Tiefen“ (1958), die Doris-Day-Komödie „Reporter der Liebe“ (1958) und die turbulent-romantische Komödie „Es begann in Neapel“ (1960) mit Sophia Loren.

Ehefrau Nummer vier war 1949 das Model Sylvia Ashley geworden, 1952 ging auch diese Beziehung in die Brüche. 1954 hatte er nach einem Direktorenwechsel MGM verlassen und arbeitete seitdem freiberuflich. Mit der bereits dreimal geschiedenen Schauspielerin Kathleen „Kay“ Spreckels fand Gable ein neues, wenn auch kurzes spätes Glück, am 11. Juli 1955 fand die Hochzeit statt. 1960 kam dann mit „Misfits – Nicht gesellschaftsfähig“, in dem Gable mit der Monroe spielte, der für beide letzte und nach Auffassung vieler auch jeweils beste Film. Es ist ein Psychodrama nach einer Vorlage von Monroes Ehemann Arthur Miller – und ein Psychodrama war auch der Dreh.

Monroe war unzuverlässig, ihre ständige Verspätung reizte Gable bis aufs Blut. Alle waren auf den Erfolg oder auf Monroe eifersüchtig, zudem stand die Crew unter Erfolgsdruck. Freunde hatten ihn vor der nervenaufreibenden Arbeit mit Monroe gewarnt, doch die Gage von 750 000 Dollar – im Schnitt verdiente ein Amerikaner damals gute 5.000 Dollar im Jahr – lockte ihn. Es sei gut, dass die Dreharbeiten sich dem Ende näherten, sagte der 59-Jährige im Herbst, die Monroe habe ihn „an den Rand eines Herzinfarkts gebracht“. Kurz darauf starb er – an einem Herzinfarkt. Die Premiere von „Misfits“ erlebte er nicht mehr mit, ebenso die Geburt seines einzigen Sohnes John Clark Gable im März 1961.

Gable und die Monroe in „Misfits“. Quelle: https://i2.wp.com/www.horsetalk.co.nz/wp-content/uploads/2011/03/clark-gable-marilyn-monroe.jpg?resize=800%2C614

Die Monroe war‘s, sagen seine (weiblichen) Fans. Skeptiker sehen es etwas nüchterner: Jahrelang drei Schachteln Zigaretten am Tag und dazu noch Zigarren zum Whiskey fordern auch von einem Hollywoodstar ihren Tribut. Gable wurde im Großen Mausoleum im Forest Lawn Memorial Park neben seiner dritten Frau, Carole Lombard, beigesetzt. Heute erinnert ein Stern auf dem „Hollywood Walk of Fame“ an den legendären „King of Hollywood“, der vom kernigen, grobschlächtigen Farmer bis zum eleganten Gentleman wandlungsfähig war wie wenige. Bei einer Umfrage des American Film Institute wurde er noch 1999 auf Platz sieben der größten männlichen Filmstars gewählt.

Er galt damals wie heute als umstrittenster deutscher Kaiser. Zeitgenossen beschrieben ihn als hinterhältig, berechnend und heimtückisch, ja als Tyrannen; ein „Monster auf dem Thron“ erkennt Gerd Tellenbach. Für Stephan Draf war er dagegen „der größte Pechvogel, der je auf dem deutschen Kaiserthron gesessen hat“. Er sei mehrfach traumatisiert gewesen, sein Leben „eine perfekt inszenierte Tragödie“, denn er habe „erschütternd begriffsstutzig, daran geglaubt, dass etwas Gutes in den Menschen sei“.  Bei aller menschlichen Sympathie, die einem sein bewegtes und bewegendes Schicksal abzwinge, „kann man ihm doch nur sehr bedingt historische Größe zusprechen … Schwere Missgriffe der Anfangsjahre stürzten ihn in einen Konflikt, der den Weg zu einer gesunden Evolution versperrte und an dem er für seine Person zugrunde ging“, befand auch Theodor Schieffer.

Mit seiner fast 50-jährigen Regierung gehöre er aufgrund seiner Territorialpolitik, der Begünstigung von Städtebürgertum, Reichsministerialität und Judentum („Wormser Privileg“) sowie seiner Landfriedenspolitik zu den bedeutendsten mittelalterlichen deutschen Herrscherpersönlichkeiten, lautete dagegen der Tenor marxistischer Geschichtsschreibung. Als 1900 sein Grab im Dom von Speyer geöffnet wird, ergab sich das Bild „eines großen, starken, untadelig gewachsenen Mannes … die Gestalt eines schlanken, aber kräftigen, beinahe athletischen Mannes, zu allen ritterlichen Übungen geschickt und in ihnen geübt.“ Das kontrastiert mit einem unterstellten „sensiblen Charakter“, mit dem manche seine scheinbare politische Schwäche begründeten.

Heinrich IV. Quelle: https://www.wasistwas.de/files/wiwtheme/wissenswelten/geschichte/Artikel/Gross/PD_HeinrichIV.jpg_b.jpg

Denn den meisten ist er heute präsent durch seinen Canossa-Gang, durch den das deutsche Königtum „seine Todeswunde“ empfangen habe, wie es Hermann Heimpel noch in den 50er Jahren formulierte. Das Papsttum mit seinem Streben nach Vorrangstellung und die deutschen Fürsten mit ihren partikularen Interessen galten als „Totengräber“ der Kaisermacht, die erst 1871 wieder auferstehen durfte. Die Fixierung eines Geschichtsbildes auf eine starke Zentralgewalt und einen mächtigen König musste also zu seiner Verteidigung führen – Canossa kann als Sinnbild politischer Demütigung ebenso interpretiert werden wie als politische Weitsicht. Alle seine Gegner habe er überlebt und sei nur durch Verrat zuletzt doch noch besiegt worden: Die listvolle Entmachtung des Vaters durch den Sohn galt Karl Hampe gar als „die teuflischste Tat der ganzen deutschen Geschichte“: Heinrich IV. Am 11. November 1050 kam der Salier in der Goslarer Kaiserpfalz zur Welt.

Kindheit und Entführung

Er war nach vier Töchtern der lang ersehnte Thronfolger Kaiser Heinrichs III. und seiner zweiten Frau Agnes von Poitou und erhielt zunächst den Namen des Großvaters, Konrad. Schon zu Weihnachten ließ Heinrich III. die anwesenden Fürsten schwören, dem Thronfolger treu ergeben zu sein. Wohl unter dem Einfluss des Abts Hugo von Cluny wurde sein Name in Heinrich geändert. Damit der angesehene Abt, um die Verbindung zur Kirche zu stärken, Taufpate des Thronfolgers werden konnte, wurde die Taufe bis zum nächsten Osterfest verzögert. Bereits im Alter von drei Jahren wird er zum Herzog von Bayern ernannt. 1054 lässt Heinrich III. seinen Sohn vor einer größeren Versammlung von Adligen zu seinem Nachfolger wählen – die Großen machen die Einschränkung, ihm nur zu folgen, wenn er sich als gerechter Herrscher erweise. 1055 wird der Fünfjährige mit der dreijährigen Bertha von Turin verlobt, damit es später eine deutsch-italienische Machtkonstellation gibt.

Als Heinrich III. am 5. Oktober 1056 unerwartet stirbt, wird der Thronfolge des sechs Jahre alten Heinrich IV. nicht widersprochen. Die Kaiserwitwe Agnes, der ein Liebesverhältnis mit dem Bischof Heinrich von Augsburg, ihrem wichtigstem Berater, nachgesagt wurde, führte für ihren Sohn die Regierungsgeschäfte im Sinne ihres Mannes. Das wurde zum Problem, denn Heinrich hatte auf der Durchsetzung der königlichen Gewalt und Autorität beharrt, die ihn weit über die Fürsten heraushebe. Mit dieser Haltung wich er von der durch clementia, die herrscherliche Milde, geprägten Regierungsweise der Ottonen ab. Gegen die selbstherrliche Art und den autokratischen, allein der Verantwortung gegenüber Gott verpflichteten Regierungsstil rebellierten vor allem die Sachsen und die Bayern.

Anton von Werner: Heinrichs Entführung durch Anno. Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Heinrich_IV_(Germany).jpg

Nach einer ersten misslungenen Verschwörung 1057 gelang unter der Führung des Kölner Erzbischofs Anno 1062 die zweite als Entführung bei einer Bootspartie in Kaiserswerth bei Düsseldorf. „Kaum hatte er das Boot betreten“, berichtet der Mönch Lampert von Hersfeld, „da umringten ihn die vom Erzbischof angestellten Helfershelfer, rasch stemmten sich die Ruderer mit aller Kraft in die Riemen und trieben das Boot in die Mitte des Stroms.“ In Todesangst springt der Junge in vollem Gewand in den Fluss und kann gerade noch gerettet werden. Seine Mutter verzichtet darauf, ihn zurückzuholen. Anno regierte als Reichsverweser, muss dieses Amt später mit dem Erzbischof von Hamburg-Bremen, Adalbert, teilen, was zu einem ständigen Konflikt führt, und wird dem jungen König zeitlebens verhasst bleiben: Als Heinrich am 29. März 1065 die Schwertleite erhält und somit volljährig war, soll ihn seine Mutter Agnes gerade noch davon abgehalten haben, das Schwert, das er eben umgürtet bekommen hatte, gegen den verhassten Erzbischof zu erheben.

Sachsenkriege und Investitursteit

Ein Jahr später heiratet er Berta. Ein 1069 eingereichtes Scheidungsverlangen wurde von Papst Alexander II. abgelehnt, was ihn dazu veranlasste, sich seinem Schicksal zu fügen. 1070 bekam das Königspaar eine Tochter und bald darauf auch einen möglichen Thronfolger. Der junge König begann seine Vorstellung eines befehlsorientierten Königtums zu verwirklichen, was zwangsläufig zu Konflikten mit dem Adel führen musste, die im „Sachsenkrieg“ 1073 – 1075 eskalierten. Als er sich vor allem im Harzgebiet bemühte, Krongut aus dem sächsischen Kernland zurückzufordern und es durch Burgen zu sichern, wobei er sich der Hilfe schwäbischer Ministerialen versicherte, brachte diese Hausmachtpolitik den sächsischen Adel gegen ihn auf. Bereits im ersten Jahr der Auseinandersetzungen belagerten die Sachsen die Harzburg und zwangen Heinrich IV., der wiederum Todesangst erfuhr, in der Nacht des 9./10. August 1073 zur Flucht.

In einem Anfang 1074 vereinbarten Frieden musste Heinrich erklären, die Burgen wieder abzubauen. Als das den Sachsen zu langsam ging, plünderten sie die Harzburg und schändeten zahlreiche Gräber der Salier. Dieses Vorgehen spielte nun Heinrich in die Hände, da viele Fürsten des Reichs bereit waren, ihn bei seinem Rachefeldzug zu unterstützen. Am 9. Juni 1075 errang er in der Schlacht bei Homburg an der Unstrut einen vollständigen Sieg. Die Führer des Aufstands, darunter Otto von Northeim und der Sachsenherzog Magnus Billung, unterwarfen sich. Zu Weihnachten gelang es ihm, die Großen eidlich zu verpflichten, seinen 1074 geborenen Sohn Konrad zu seinem Nachfolger zu wählen.

Unterdessen tat sich eine andere politische Baustelle auf: mit dem Papstwahldekret „In nomine Domini“ war 1059 das Wahlrecht des Papstes an die Kardinalbischöfe übertragen worden, der Kaiser und dessen Nachfolger erhielten ein, eher allgemein formuliertes, Bestätigungsrecht („Königsparagraph“) zugesprochen. Damit sollte der Wahl von Gegenpäpsten und der Beeinflussung der Wahl durch stadtrömische Adelsgruppen entgegengesteuert werden. Im April 1073 wurde unter tumultartigen Umständen gegen den Willen Heinrichs in einer Inspirationswahl der römische Archidiakon Hildebrand als Gregor VII. zum Papst gewählt. Petrus Damiani, ein enger Mitstreiter, bezeichnete ihn als „heiligen Satan“, ja „Zuchtrute Gottes“, gegen den Widerstand zwecklos sei. 1075 verabschiedet Gregor die Bulle „Dictatus Papae“, die in Artikel drei festlegt, dass nur der Papst Bischöfe einsetzen kann, und in Artikel zwölf gar verfügt, dass er Kaiser und Könige absetzen kann. Damit wird das Gefüge des mittelalterlichen Systems aus den Angeln gehoben: ergänzten sich geistliche und weltliche Macht bisher, konkurrieren sie nun miteinander.

Papst Gregor. Quelle: https://img.welt.de/img/iphone_app/historyapp/mobile100125244/5381359077-ci16x9-w1200/History-Februar-22-02-1076-Gregor-VII-BM-Lifestyle-Peking-jpg.jpg

Als Heinrich unter Missachtung des päpstlichen Willens im Erzbistum Mailand sowie den Diözesen Fermo und Spoleto provokante Personalentscheidungen traf, also ungeliebte Personen in ihr Amt investierte, forderte der Papst am Neujahrstag 1076 Gehorsam. Heinrich veröffentlichte die Drohungen des Papstes und berief die Bischöfe des Reichs nach Worms, wo er am 24. Januar 1076 zusammen mit den beiden Erzbischöfen Siegfried von Mainz und Udo von Trier sowie weiteren 24 Bischöfen eine gepfefferte Antwort formulierte: Er sei entgegen den Vorschriften des Papstwahldekrets in das Amt gelangt. Die lange Liste der Vorwürfe an ihn, der im Brief nur „Bruder Hildebrand“ genannt wurde, endet mit der legendären Aufforderung: „Steige herab, steige herab!“

Gregor VII. ließ das unbeeindruckt, am 22. Februar 1076 setzte er den König ab, exkommunizierte ihn und löste alle Christen von den Treueiden, die sie Heinrich geschworen hatten. Nebenbei setzte er auch noch Siegfried von Mainz ab. Diese Maßnahmen bewegten die Zeitgenossen tief, ihre ungeheuerliche Wirkung wird in den Worten des Gregorianers Bonizo von Sutri deutlich: „Als die Nachricht von der Bannung des Königs an die Ohren des Volkes drang, erzitterte unser ganzer Erdkreis.“ Nach einer Reihe unglücklicher Umstände – der Brand der Kathedrale von Utrecht zu Ostern wurde als Zeichen für Gottes Zorn aufgefasst – schwand seine klerikale Unterstützung. Die immer noch renitenten Fürsten, vor allem Welf von Bayern, Rudolf von Schwaben und Berthold von Kärnten, witterten Morgenluft und erklärten im Oktober, nach einer Fürstenversammlung in Trebur, Heinrich müsse sich bis zum Jahrestag der Exkommunikation vom päpstlichen Bann befreien, sonst würde man ihn nicht mehr als Herrscher akzeptieren.

Canossa und die Folgen

Angesichts dieses Ultimatums blieb Heinrich im Winter 1076/77 nur der Weg nach Italien, um sich mit dem Papst ins Benehmen zu setzen. Da die feindlichen Herzöge die Alpenpässe belagerten, blieb seiner Familie samt kleinem Gefolge nur der gefahrvolle Weg über den Mont Cenis in Burgund. Nach Lampert von Hersfeld krochen die Männer auf Händen und Füßen, die Frauen wurden auf Rinderhäuten über das Eis gezogen, die meisten Pferde starben oder wurden schwer verletzt. Gregor begab sich auf die Burg Canossa seiner Parteigängerin Mathilde von Tuszien. Heinrich verbrachte im Büßergewand, barfuß und ohne Herrschaftszeichen drei Tage im Vorhof der Burg und flehte unter Tränen der Reue um Erbarmen. Als Vermittler traten unter anderen sein Taufpate Hugo von Cluny und Markgräfin Mathilde auf. Gregor war in der Zwickmühle: Verzeiht er dem König nicht, ist sein Ruf als gütiger Oberhirte beim gemeinen Volk dahin. Er spricht Heinrich vom Kirchenbann los, setzt ihn aber nicht mehr als König ein – was er als Papst eigentlich auch nicht kann, denn das ist Sache der Fürsten.

Canossa in der Darstellung Otto Bitschnaus. Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Gregor7_Canossa.jpg

Was dann geschah, ist unter Historikern bis heute strittig. Für die einen haben die Beteiligten durch ein abschließendes gemeinsames Mahl gezeigt, dass sie künftig friedlich und freundschaftlich miteinander umgehen wollten. Bischof Anselm von Lucca berichtet hingegen, Heinrich IV. habe geschwiegen, keine Speisen angerührt und auf der Tischplatte mit seinem Fingernagel herumgekratzt, um keine rechtlichen Verpflichtungen einzugehen: Ein gemeinsames Mahl stellte eine rechtsrituelle Handlung dar, durch die man sich zu einem bestimmten Verhalten gegenüber dem Tischgenossen verpflichtet. Die Wertung ist dennoch fast einheitlich: Der Büßergang nach Canossa wird vor allem als taktischer Schachzug des Königs angesehen, um der drohenden Absetzung zu entgehen, und schwächte Papst wie Fürsten gleichermaßen.

Denn die hatten nichts Eiligeres zu tun, Rudolf von Schwaben 1077 zum Gegenkönig auszurufen. Heinrich entsetzte die Herzöge prompt ihrer Ämter und Lehen, Schwaben gab er 1079 an Friedrich von Büren, der zugleich seiner Tochter Agnes verlobt wurde und Stammvater der Staufer werden sollte. Der Krieg der beiden Könige endete am 15. Oktober 1080 in Thüringen mit Rudolfs Tod, der Heinrichs Anhängern als Gottesurteil erschien: bei seiner tödlichen Verwundung hatte er die rechte Hand, die Schwurhand, verloren. Zwar wurde im August 1081 mit Graf Hermann von Salm erneut ein Gegenkönig gewählt, der außerhalb Sachsens jedoch weitgehend wirkungslos blieb.

Schon einige Monate zuvor hatte Papst Gregor erneut die Exkommunikation über Heinrich verhängt und dessen Untergang bis zum 1. August 1080 vorhergesagt. Da sich dies nicht erfüllt hatte und die meisten Bischöfe nun auf der Seite Heinrichs standen, gelang es ihm, mit Clemens III. einen Gegenpapst zu installieren. Heinrich machte sich nun mit einem Heer erneut auf den Weg nach Italien und gelangte Pfingsten 1081 bis vor Rom, schaffte aber erst drei Jahre später den Einmarsch und setzt Gregor VII. ab. Am Ostersonntag ließ er sich von Papst Clemens zum Kaiser krönen und erreichte damit, trotz je zweier Könige und Päpste, den Höhepunkt seiner Macht. Als sich Graf Hermann 1088 entnervt in seine Erblande zurückzog, schlossen die Sachsen endlich Frieden mit Heinrich und verzichteten auf einen dritten Gegenkönig. Nach dem 1087 seine Frau Berta gestorben war, heiratete er 1089 erneut: Adelheid (Eupraxia) von Kiew, die sich schon kurz darauf auf die Seite seiner Gegner schlug. Die Ehe wurde 1095 wieder geschieden; Heinrich warf seiner attraktiven Frau Untreue vor, angeblich soll sie sogar ihren Stiefsohn Konrad verführt haben.

Absetzung und Tod

Von dem sollte schließlich Gefahr für Heinrichs Thron ausgehen. Nachdem sich Clemens III. in Italien nicht behaupten konnte und mit Urban II. ein neuer Papst auf dem Heiligen Stuhl Platz nahm, schlug sich Konrad überraschend auf dessen Seite, weil der ihm die Kaiserkrone in Aussicht stellte und nach Eupraxias Sitten-Vorwürfen Heinrich zum 3. Mal exkommunizierte. Ein daraus resultierender dritter Italienzug endete damit, dass Heinrich drei Jahre in Oberitalien festhing, ehe er nach Norden zurückkehren konnte. 1098 gelang es ihm unter Zustimmung der Fürsten, Konrad zu enterben, seinem jüngeren Sohn Heinrich V. als Nachfolger festzulegen und ein Jahr später als Mitkönig zu krönen. Der daraus resultierende Zwist zwischen Konrad und dem jüngeren Heinrich wurde durch Konrads Gift-Tod im Jahre 1101 endgültig beigelegt.

Die Grabkrone von Heinrich IV. aus der Domschatzkammer des Dom zu Speyer. Quelle: https://www.heraldik-wiki.de/wiki/Datei:Grabkrone_Heinrich_4.jpg

Womit Heinrich IV. allerdings nicht gerechnet hatte: Auch sein zweiter Sohn Heinrich V. stellte sich gegen ihn, da er um seine Nachfolgeansprüche fürchtete und die eigenen Thronansprüche dem immer noch gebannten Vater zum Trotz erhalten wollte. Er trat zur päpstlichen Partei über, nachdem auch ihm die Kaiserkrone versprochen worden war. Als zu Weihnachten 1105 eine Reichsversammlung zur Entscheidung des Thronstreits einberufen wurde, ließ der Sohn den Vater auf der Burg Böckelheim festsetzen und dann vor die Reichsversammlung in Ingelheim bringen. Hier dankte Heinrich IV. am 31.12.1105 unter härtestem Druck der Fürsten ab, am 6. Januar 1106 wurde sein Sohn Heinrich V. zum Nachfolger gewählt. Aber noch einmal bäumte sich der gestürzte Kaiser, entkam aus Ingelheim, aber starb aber vor einem neuen Entscheidungskampf  am 7. August 1106 in Lüttich.

Nach einigen Grabeswirren wurde er nach Speyer überführt und sein Sarg in der noch ungeweihten späteren Afrakapelle abgestellt, weil Bischof Gebhardt ein Begräbnis im Dom verbot – der Kirchenbann war noch nicht genommen. Erst als sein Sohn die Aufhebung erwirkte, wurde er am 7.8.1111 im Dom beigesetzt. Die königsfreundliche Geschichtsschreibung hatte in den erbitterten politischen Auseinandersetzungen teilweise den Charakter von Rechtfertigungs- oder Verteidigungsschriften angenommen. In der Hervorhebung bestimmter Eigenschaften und Handlungsweisen des Königs wurde häufig eine Gegenposition zu den Angriffen und Verleumdungen der Gegenseite deutlich, meint Tilman Struve aus moderner Perspektive. Gerd Althoff neigte in seiner Biografie dazu, die von Heinrichs Gegnern erhobenen Vorwürfe als Indizien für tatsächliches Fehlverhalten zu werten, und  gewinnt den „Eindruck von taktischen Ränkespielen und unaufrichtigem Verhalten“. In seinem recht negativen Gesamturteil überwiegen in Heinrichs Persönlichkeit die „Schattenseiten“´; Heinrich habe „ganz ohne Zweifel die Krise der Königsherrschaft seiner Zeit zu verantworten“.

Tafel an der Canossasäule in Bad Harzburg. Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Gang_nach_Canossa

„Die heroische Zähigkeit, mit der er die Stöße auffing, hat die Substanz des ottonisch-salischen Reichsgefüges über die tödlich scheinende Krise hinweggerettet. Freilich musste er die Investiturfrage, an der sich der Streit entzündet hatte, ungelöst seinem Nachfolger hinterlassen“, bilanziert Schieffer und liegt damit sicher richtig. Die ungeheure Wirkungsgeschichte Canossas wird nicht zuletzt im Kulturkampf des Deutschen Reiches von 1871 mit der katholischen Kirche deutlich. Als es zum Konflikt mit der Kurie um die Bestellung eines deutschen Gesandten beim Heiligen Stuhl kam, formulierte Reichskanzler Otto von Bismarck die berühmten Worte: „Seien Sie außer Sorge: Nach Canossa gehen wir nicht – weder körperlich noch geistig!“

Sehr geehrter Herr Pfalzgraf,

nach über 25 Jahren bin ich nicht mehr sächsisches, sondern seit wenigen Wochen baden-württembergisches DJV-Mitglied und, als Pressesprecher der AfD-Landtagsfraktion, dem Fachausschuss Medienkommunikation (Presse- und Öffentlichkeitsarbeit) zugeordnet. Ihrer Rundmail vom 4. November entnahm ich, dass Sie jüngst zum Landesvorsitzenden gewählt wurden; dazu herzlichen Glückwunsch. Nach meiner Beschäftigung mit dem Landesverband und seinen diversen Publikaten sehe ich mich allerdings veranlasst, mit dem Glückwunsch einige kritische Anmerkungen zu verbinden und in die Form eines Offenen Briefs zu kleiden.

Den Hintergrund meiner Anmerkungen bilden primär Ihre drei hintereinander publizierten Artikel im Mitgliedermagazin Blickpunkt. Das Medienmagazin für Baden-Württemberg. Die Titel lauten „Es wird ungemütlich“ (01/2020, S.26 ff.), „Grundsätzlich und gelassen“ (02/2020, S. 30 ff.) sowie „Wichtiger denn je: Pressefreiheit verteidigen“ (03/2020, S. 24) – alle sind online abrufbar (https://www.djv-bawue.de/landesverband/blickpunkt/). In diesen Artikeln findet statt, was ich gelinde geschrieben nur als widerwärtige Hetze gegen andersdenkende Demokraten auffassen kann.

Sekundär sind es zwei Äußerungen Ihres Dienstherrn, dem SWR-Intendanten Kai Gniffke. Er hat sich einerseits in der Zeit gegen ein Auftrittsverbot für AfD-Politiker wie Björn Höcke in Talkshows ausgesprochen. „Wenn wir anfangen zu unterscheiden, wer bei uns auftreten darf und wer nicht, kommen wir argumentativ ganz schnell in den Wald“, wurde er zitiert. Und er hätte „diese Leute nicht nur abzubilden, sondern auch mit denen zu reden.“ Dass diese Selbstverständlichkeit inzwischen Nachrichtenwert hat, lässt tief blicken. Denn dem SWR-Staatsvertrag, der seit 30. Juni 2015 in Kraft ist, entnehme ich unter § 3 Abs. 1, dass er „in seinen Angeboten einen objektiven und umfassenden Überblick über das internationale, europäische, bundesweite sowie im Schwerpunkt über das länder- und regionenbezogene Geschehen in allen wesentlichen Lebensbereichen zu geben“ hat und „hierdurch auch die internationale Verständigung, die europäische Integration und den gesellschaftlichen Zusammenhalt in Bund und Ländern fördern“ soll (Hervorhebungen von mir).

Andererseits hat er zugegeben, „dass wir bestimmte Haltungen in unserer Belegschaft vielleicht nicht abbilden“. Anlass war die ARD-Volontärsumfrage im Novemberheft unseres Bundesfachblatts journalist. Danach würden sage und schreibe 92 Prozent bei der Bundestagswahl grün-rot-rot wählen. Die AfD wird dabei gar nicht mehr separat gelistet, sondern zusammen mit anderen Splitterparteien unter „Sonstige“ mit 3,9 Prozent geführt. Wenn aber die Präferenzen von Journalisten so krass von jenen der Gebührenzahler abweichen, ist es praktisch unmöglich, den Sendeauftrag zu erfüllen. Es spricht nichts gegen eher linksgerichtete Journalisten. Offenbar ist man aber wohl mittlerweile der Meinung, es spräche etwas gegen konservative und liberale Journalisten, die das andere Spektrum abbilden.

Das Problem liegt also nicht zuvorderst in der Abbildung linker Themen und Meinungen, sondern darin, dass sie kein Gegengewicht, keinen Widerspruch mehr durch Journalisten mit einem anderen politischen Blickwinkel erfahren. Und dieses Problem, womit sich zunächst der Kreis formal schließt, ist auch Ihren drei Texten eigen, die in geradezu beängstigender Weise Ihre politische Voreingenommenheit mit Ihrem gewerkschaftlichen Engagement wider die AfD und ihre Landtagsfraktion vermischen – und mit der Sie sich, um in der Metaphorik Kai Gniffkes zu bleiben, bereits ganz tief im Wald verlaufen haben.

Das mag Ihnen in Ihrer Freizeit gern zugestanden sein, nichtsdestotrotz sorge ich mich sehr darum, welche Auswirkungen diese Vermischung auf Ihre Berichterstattung im SWR zeitigen, auf die anderen DJV-organisierten Redaktionskollegen im Südwesten und – auf Ihre Studenten, da Sie ja einen Lehrauftrag an der HdM erfüllen. Ich war seit 1998 neben-, seit 2002 hauptberuflicher Dozent für Medienkommunikation und –produktion an Universitäten und Hochschulen bundesweit und grüble bis heute, was spätestens seit 2014 passiert ist, um ideologisch so stromlinienförmigen Nachwuchs entstehen zu lassen.

Der Autor als Fraktionspressesprecher 2020. Quelle: Pressestelle der AfD-Fraktion im Landtag Baden-Württemberg

So mutmaßen Sie im ersten Text „Bald wird die AfD erste Mitglieder in den Rundfunkrat entsenden. Spätestens dann könnte es ungemütlich werden. Denn auch das hat die AfD schon in anderen Institutionen gezeigt, die sie verachtet: Sie ist gewillt, mindestens den Betrieb zu stören, viele Menschen mit ihren Eingaben, Nachfragen oder gleich Klagen aufzuhalten und zu binden.“ Ungemütlich, aha. Ein interessantes Adjektiv dafür, dass die ARD als Anstalt mit einem Etat, der etwa dem Staatshaushalt der Slowakei entspricht, nicht mehr kontrolliert zu werden braucht, weil sie ja per se alles richtig macht.

Daneben stellen Sie Zusammenhänge zum Medienanwalt Ralf Höcker und der CDU-„Werte-Union“ sowie dem ehemaligen Verfassungsschutzpräsident Hans-Georg Maaßen her und diskreditieren sie damit. Maassen vorzuwerfen, er habe „seinen Posten wegen mindestens verharmlosender Äußerungen im Zusammenhang mit rassistischen Ausschreitungen in Chemnitz 2018 verloren“, ist hanebüchen: Maassen hatte damit die Worte des mit der Untersuchung beauftragten Staatsanwalts sowie des amtierenden Ministerpräsidenten wiedergegeben. Daneben die Ausgrenzung der Fraktion von den Corona-Absprachen der anderen Fraktionen zu schnellen Milliarden-Hilfspaketen für die Wirtschaft als selbstinduzierte „Inszenierung“ darzustellen, ist absurd und verdreht die Realität in ihr Gegenteil; darauf ist noch zurückzukommen.

Ein Hauch von Weimar

Im zweiten Text vermitteln Sie Ihren Eindruck, „dass ein Hauch von Weimar durch die Straßen weht“. Geht’s noch eine Nummer größer? Ich verwahre mich nicht nur als DDR-studierter Geschichtslehrer gegen diese erbärmliche Geschichtsklitterung, deren Framing der Thüringer Staatskanzleichef nach der Kemmerich-Wahl vorgab. Ich verwahre mich dagegen auch als Bürger, der die ersten 28 Jahre seines Lebens ostdeutsch sozialisiert wurde – die DDR muss ja dann nach Ihrem Verständnis nicht links, sondern rechts gewesen sein. Meine Gymnasialdirektorin war die Frau von Klaus Trostorff (einfach mal google fragen), ich habe in meiner Erfurter Schulzeit, 20 km neben Weimar, öfter der Buchenwald-Opfer gedacht als Sie das in Ihrem Leben je tun werden.

Sie ergehen sich danach in ellenlangen Mutmaßungen, wie Nachrichtenwerte so interpretiert werden können, dass die AfD nicht vorkommt (!!!). Ich erinnere: Ihr Intendant hat dazu in der Zeit die Gegenposition vertreten! Übrigens zolle ich an dieser Stelle Ihrer Kollegin, als sie es noch war, Katharina Thoms Respekt: Sie holte immer ein AfD-Statement zu bestimmten Sachverhalten ein, obwohl das eigentlich Sache von dpa gewesen wäre, deren erbärmliche Rolle nochmal einen eigenen Text gäbe.

Der Autor als Dozent 2013. Quelle: privat

Darüber hinaus fabulieren Sie von einem „falschen Verständnis von Neutralität und Offenheit“ und „darum, zu markieren, wo Meinung aufhört, und wo Hetze und Desinformation beginnen“. Wie bitte? Was gibt es an „Neutralität“ zu interpretieren? Und offenbar können Sie nicht nur mit einem Blick erfassen, was Information ist und was nicht, sondern auch entscheiden, welche Meinung von der Meinungsfreiheit gedeckt ist und welche – ja was eigentlich – die Straftatbestände Beleidigung, Verleumdung, üble Nachrede etc. erfüllt? Das offenbart ein totalitäres Rechtsverständnis. Über den Rest des Textes breite ich den Mantel des Schweigens; Worthülsen wie „Wir wollen keinen Millimeter zurückweichen, wenn es um unsere journalistischen Prinzipien geht. Auch wenn es unbequem wird. Rechts ist Rechts, und Pressefreiheit ist Pressefreiheit“ sprechen für sich. 

Keinesfalls schweigen aber kann ich zum 3. Pamphlet. Hier blasen Sie sich zu einem vermeintlichen Märtyrer der Pressefreiheit auf und zeigen das ganze selbstreferentielle Daseinsverständnis der unangenehmeren Vertreter Ihres Berufsstandes. Zitat: „Wütende Leserbriefe können wir aushalten, empörte Mails ins Studio ertragen und bestenfalls den Dialog suchen, wenn es sich lohnt. Aber wir müssen nicht auf jeden Unsinn reagieren oder ihm gar eine Bühne bieten. (…) Aber wenn Kolleg*innen bedroht und eingeschüchtert werden, wenn Kolleg*innen online belästigt und beschimpft werden, Vertreter*innen bestimmter Parteien, Organisationen oder Demonstrationen nur zu ihren Bedingungen mit uns sprechen wollen – vielleicht auch, weil sie nicht verstanden haben, wie Medien arbeiten – dann müssen wir sagen: Stopp! Dann berichten wir eben anders, oder eben gar nicht.“

Abgesehen vom arroganten Pluralis Majestatis: Sie finden also, für 18,36 Euro im Monat hat jeder Bürger dieses Landes ein Recht auf Herrn Pfalzgrafs gönnerhafte kleine politische Meinung. Das ist Orwell hoch zwei und wird hoch drei, wenn Sie die Opposition direkt angehen. Zitat: „Die AfD wird uns in der nächsten Zeit zunehmend Probleme machen. Diese Partei will Teile der Medienlandschaft umbauen, aus ihrer Verachtung etwa für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk macht sie keinen Hehl. (…) Aber wenn Interviews nur noch zu genehmen Themen gegeben werden, Zitate entweder vollständig oder gar nicht gedruckt werden sollen, und manchmal sogar Versuche unternommen werden, in das Umfeld der Berichterstattung einzugreifen, dann ist auch hier eine Grenze erreicht. Zumal rechte Parteien und Organisationen längst die Deutungshoheit in sozialen Medien übernehmen wollen und viele Kanäle teils mit redaktionell aussehenden Inhalten fluten.“

Sie bekennen hier ganz klar einen politischen Auftrag zum Kampagnenjournalismus – den Kampf gegen die demokratische Opposition. Gegner soll die AfD sein, Zitate und Themen nur nach Herrn Pfalzgrafs Geschmack. An der Position des Gesprächspartners – kein Bedarf. Billiger, rückhaltloser und entlarvender hat sich noch keiner als Pressesprecher einem grünen Ministerpräsidenten andienen wollen. „Sagen was ist – nicht was sein könnte“ lautet ein eherner journalistischer Grundsatz, den ich meinen Volontären und Studenten in der ersten Woche vermittelte. Was dagegen vermitteln Sie?

Der Autor als Moderator auf der „Mediennacht Mittweida“ 2006. Quelle: privat.

Offenkundig stimmt Odo Marquards Befund vom „Prinzessin-auf-der-Erbse-Syndrom“: Je sicherer man lebt, desto ängstlicher reagiert man auf Restrisiken. Und wer vermeintlich keine Feinde mehr hat, sucht sich welche. Mit Angst lässt sich alles Mögliche verkaufen: teurer Strom, vegane Kost, E-Mobilität, unbegrenzte Zuwanderung… und „Weimarer Zustände“. Der Schweizer Psychiater Eugen Bleuler hat das „Phobophobie“ genannt. Von journalistischer Objektivität, journalistischem Ethos, der Trennung von Nachricht und Meinung bleibt nicht einmal ein Anspruch. Genau so wurde es in zwei deutschen Diktaturen gemacht.

Denn genau dies erleben wir spätestens seit Corona in Reinkultur: alle AfD-Initiativen, zumal zur Sanierung des Landes oder zur Rationalisierung der medizinischen Debatte, werden kurz oder gar nicht berichtet, während selbst Null-Meldungen der Herren Stoch oder Rülke genüsslich ausgebreitet werden: So widmen Sie und Ihre Redaktion der Meinung „FDP-Fraktionschef hält Alltagsmasken für untauglich“, die nicht von ungefähr auch die AfD vertritt, geradezu unverschämt viel Platz (https://www.swr.de/swraktuell/baden-wuerttemberg/debatte-um-alltagsmasken-100.html). Dass derselbe Herr Rülke zur Maskenpflicht im Landtag feige kniff, verschwiegen Sie danach aber ebenso wie die wissenschaftlichen Argumente der Mediziner Baum, Fiechtner und Gedeon dagegen. Symbolpolitik aka Gratismut ist nur solange gut, wie einen die Symbole nicht selbst betreffen?

Zwang zur Einheitlichkeit

Mit einer Abbildung verschiedener politischer Positionen innerhalb einer pluralistischen Demokratie hat das nichts mehr zu tun. Vielmehr trägt diese Einseitigkeit wesentlich dazu bei, dass bestimmte Meinungen aus dem öffentlichen Diskurs verbannt werden und Menschen in privaten Gesprächen kaum noch in der Lage sind, widerstreitende Positionen zu ertragen, weil diese auch in der medialen Landschaft kaum noch vorkommen. Ein Beitrag zur Demokratiebildung wird so nicht mehr geleistet. Stattdessen werden durch den Zwang zur Einheitlichkeit Spaltung und Intoleranz innerhalb der Gesellschaft vorangetrieben. Denn die Meinungen sind nicht weg, nur weil sie, bspw. von Ihnen, nicht mehr medial abgebildet werden.

Der Autor als Sachsens AfD-Sprecher 2013. Quelle: privat

Am Ende setzen Sie Ihrer Selbstinszenierung als Märtyrer der Pressefreiheit noch die Krone auf: Sie seien tagtäglich mit den Anfeindungen von sogenannten Querdenkern, Reichsbürgern oder (Zitat!) „den Hetzern gegen die Presse von der AfD konfrontiert.“ Ich weiß nun nicht, auf welche Erlebnisse mit mir oder meinen Kollegen von der Pressestelle diese Äußerung gründet. Aber Stichwort Realitätsumkehrung: ich verweise gern auf die Anfragen von MdL bundesweit, in Stuttgart namentlich von Dr. Podeswa, aus deren Antworten hervorgeht, dass es Politiker und Einrichtungen der AfD sind, die mit nicht nur verbaler Gewalt konfrontiert sind – erst gestern wieder traf es mit Dr. Kaufmann unseren Stuttgarter OB-Bewerber. Nur nebenbei erwähne ich die Tatsache, dass unter dem Rubrum der „Pressefreiheit“ eine ähnliche Anti-AfD-Kampagne auch im DJV-Bundesblatt journalist losgetreten wurde – die Angst vor dem baden-württembergischen Superwahljahr und der Aufbau entsprechend identischer Propagandamuster sind überdeutlich.

Sie haben – und jetzt zitiere ich die Vorwürfe aus meinem Brief an Kai Gniffke, sie treffen nämlich eins zu eins auch auf Sie zu – nach dem Prinzip der instrumentellen Aktualisierung „genau jene Sachverhalte gehypt, die Ihrem politischen, oder besser politisch korrekten, Verständnis entsprechen, und die anderen, mehrheitlich dem Land und seiner Bevölkerung nutzenden durch Verschweigen abgewertet. Das ist nicht nur hochgradig unseriös, sondern manipulativ, desinformativ und letztlich destruktiv“. Mit derselben Berechtigung könnte ich der SPD unterstellen, sie sei – Stichwort Edathy – eine Partei von Pädophilen, oder – Stichwort Giffey – eine Partei von Doktorschwindlern, oder – Stichwort Schmidt – eine Partei von Dienstwagenbetrügern oder – Stichwort Hinz – eine Partei von Lebenslauferfindern; kurz ein Haufen pseudopolitischer Krimineller. Die Empörung wäre grenzenlos.

Je konträrer das Darzustellende zur Realität ist, umso stärker werden gefühlige, emotionalisierende und irrationale Beschreibungen herangezogen, ja missbraucht: „…die AfD findet auf sachpolitischer Ebene nicht statt, sondern nur auf moralischer Metaebene. Das kündet von der Heraufkunft der Schmitt‘schen Freund-Feind-Unterscheidung im Journalismus und kann nicht Aufgabe eines bürgerfinanzierten Journalisten sein“, hatte ich geschrieben. Es braucht sehr viel guten Willen, um hinter Ihren Aussagen keine Lust am Ausgrenzen, Ächten und Bestrafen von politischen Gegnern zu erkennen. Wer dagegen auf der richtigen Seite steht, soll sich in der Welt des sozial gerechten Medienrichtertums auch mehr herausnehmen dürfen, wie die taz jüngst im Shitstorm gegen Hengameh Yaghoobifarah unvorsichtigerweise eingestand.

So hätten „Identität, Repräsentation und Antidiskriminierung“ inzwischen einen ganz anderen Stellenwert, weshalb die Frage diskutiert würde, „ob das einen anderen Journalismus definieren darf oder muss“. taz-Chefin Barbara Junge entblödete sich nicht zu argumentieren, „ob die Klimakrise so existenziell ist, dass sie journalistische Regeln verändert“. Das ist kein Witz. Nach der Klima- wird dann eine Demokratiekrise konstatiert, um weiter munter die Regeln zu ändern?

Sicher ist inzwischen, dass die Rücksichtnahme auf Prinzipien wie die Unschuldsvermutung, die Wahrung der Verhältnismäßigkeit oder die Gleichheit vor Gericht auch in Politik und Justiz schwindet. Ein Kollege schrieb jüngst von „Hashtag-Aktivisten“, die sich in einem Krieg gegen das „absolut Böse“ wähnen und es daher geradezu für eine Pflicht halten, „demokratische Prinzipien wie Toleranz, Meinungsfreiheit, Vernunft oder die Unschuldsvermutung zu tilgen.“

In Berlin zum Beispiel gilt nach dem Willen der rot-rot-grünen Mehrheit die Unschuldsvermutung nicht mehr, zumindest für Polizisten, die künftig im Fall von Rassismusvorwürfen ihre Unschuld beweisen müssen. Ist das auch Ihr Ideal der Politikberichterstattung? Ihr Dresdner SZ-Kollege Sven Heitkamp kommentierte erst gestern, dass die Richter am OVG Bautzen mit ihrer Entscheidung über die „Querdenken“-Demo in Leipzig völlig daneben lägen und der Demokratie einen „Bärendienst“ erwiesen. Definieren jetzt Journalisten nicht nur soziale, sondern auch juristische Standards?

Helmut Mauró schrieb in seinem zu Unrecht inkriminierten SüZ-Text über Igor Levit von einem „diffusen Weltgericht“, „dessen Prozesse und Urteile in Teilen auf Glaube und Vermutung, aber auch auf Opferanspruchsideologie und auch regelrechten emotionalen Exzessen beruhen. Es scheint ein opfermoralisch begründbares Recht auf Hass und Verleumdung zu geben…“ Damit hat er unbedingt Recht. Gerade in bestimmten linksliberalen Medien gilt das sehr beliebte Wort „Haltung“ nur so lange, als es gegen „rechte Rabauken“ und „Hasstrolle“ geht. Damit macht man sich erpressbar und nährt eine Kultur der Feigheit, der Illoyalität, der Anbiederung und des Konformismus. So hatte Zeit-Chef Giovanni di Lorenzo versucht, das deutsche Handball-Nationalteam als im rechten Milieu verankert darzustellen, weil keine Migranten mitspielen. Das nimmt absurde Züge an.

Sehr geehrter Herr Pfalzgraf,

als ich am 28. April 2013 gemeinsam mit Frauke Petry die AfD Sachsen gründete und ihr Landesvize wurde, gab es außer einem Neun-Punkte-Manifest mit dem Euro als Primärthema nur acht Sekundärthemen. Als Hochschulpädagoge war der Zustand unserer Bildung – das letzte Sekundärthema – mein primärer Eintrittsgrund. Angefangen von der fehlenden frühkindlichen Bildung über die katastrophale Inflation guter Noten und Abiture, das ein Halbwissen befördernde Bologna-System, die Verideologisierung der Wissenschaft, die zugleich mit ihrer Vergenderung einhergeht, dazu das Entstehen eines akademischen Prekariats mit armselig entlohnten Zeitverträgen, der fehlende akademische Anstand, der Plagiaten Tür und Tor öffnet, die Aushöhlung universitärer Standards, die zu Juniorprofessuren und kumulativen Habilitationen führte, ein Publikationszirkus, der nur noch quantitativen Maßstäben folgt – wir mutierten damals wie heute vom Land der Dichter und Denker zum Land der Gesinnungsrichter und Niveauhenker.

Der Autor als ZDF-Parteitagsbetreuer 2017. Quelle: privat.

Aus diesen neun Punkten entstanden Europa-, Bundes- und 16 Landtagswahlprogramme, in denen nichts zur Einschränkung der Pressefreiheit oder zur ungehinderten Ausübung des Journalistenberufs steht. Das weiß ich sehr sicher, ich kenne sie alle und habe die sächsischen selbst und an den bundesweiten als Bildungs-, Medien- und Kulturpolitiker mitgeschrieben. Nichtsdestotrotz fühlte sich der DJV-Verbandstag bereits vor 2 Jahren zu einer „Dresdner Erklärung“ veranlasst, laut der es nicht vereinbar sei, gleichzeitig Mitglied des DJV sowie einer politischen Partei zu sein, welche die Pressefreiheit und die ungehinderte Ausübung des Journalistenberufs einschränken will.

Mein Entsetzen darob wurde durch die Relativierung des DJV-Sprechers Hendrik Zörner im MDR nicht geringer: „Die Erklärung richtet sich nicht nur gegen die AfD – aber auch“; sie richte sich gegen alle extremistischen Parteien. Prompt schrieb ich einen ersten Offenen Brief und forderte „Dann schließt mich doch aus“ (http://www.dr-thomas-hartung.de/?p=3657); alle Argumente darin sind heute immer noch aktuell. Ein zweites Mal erhebe ich diese Forderung, trotz Ihrer hanebüchenen „Karlsruher Erklärung“, allerdings nicht. Im Gegenteil: Ich werde alles dafür tun, den Einfluss moralistischer Funktionäre mit Volkserzieher-Allüren zurückzudrängen.

Ich habe als „Homo sapiens ostrozonalis“ (Klaus-Rüdiger Mai in der NZZ, auf den ich mich im Folgenden gern und oft beziehe) genügend Erfahrung damit gesammelt, wenn Medien nicht mehr kritisch berichten, sondern propagieren, motivieren und erziehen wollen. Aus der Art der Darstellung vermögen wir herauszulesen, was die schon länger hier Regierenden möchten, hoffen oder befürchten: Als das DDR-Fernsehen 1989 ausführlich über die Niederschlagung der Proteste am Platz des Himmlischen Friedens in Peking berichtete, die Filmbilder wie in einer Endlosschleife gesendet wurden, erkannte jeder DDR, dass das eine Warnung an das eigene Volk und die Opposition darstellte. 

Das Eigene zu erkennen, bleibt Aufgabe, solange man lebt. Das Eigene zu verachten, so wird niemand groß. Wir waren klein und werden seit 30 Jahren weiter in unserem Wachstum behindert. Für uns war die Wiedervereinigung eine Heimkehr nach Deutschland und die Rückkunft zum Herr sein über sich selbst. Diese Rückkunft wird uns gerade genommen – unter anderem von Ihnen. Wir bestehen auf der Existenz Deutschlands unabhängig von einer EU, wir empfinden uns als Deutscher wie der Franzose als Franzose, der Italiener als Italiener und der Portugiese als Portugiese: „Deutschland einig Vaterland“, hieß es in der Nationalhymne der DDR, wissen Sie das eigentlich!

Heute vor 31 Jahren fiel die Mauer. Heimat ist etwas, das man immer dann spürt, wenn es verloren zu gehen droht. Der Herbst 2015 und die Öffnung der Grenzen schuf diese Situation. Die Propagierung der Willkommenskultur, die einherging mit der Ausgrenzung und Diffamierung von deren Kritikern, und der Konformitätsdruck, der in den Medien erzeugt wurde und wird, erinnerten viele von uns an das Staatswesen, das wir überwunden meinten. Uns zeigte sich wieder das hässliche Gesicht des Klassenkampfes. Wie aus der DDR bestens bekannt, bezieht das linksliberale Neobiedermeier seine Rechtfertigung aus der vermeintlich guten Sache, aus einer höheren Moral, aus Weltoffenheit, aus Fortschrittlichkeit. Der Kritiker, der Andersdenkende war plötzlich der Klassenfeind – im eigenen Land!

Dass eine realistische Problemanalyse mit einem apodiktischen „Wir schaffen das“ obsolet gemacht wurde, dass eine Regierung angesichts der tiefgreifenden, von vielen als verfassungswidrig eingestuften Veränderung keine Antworten anbietet, kann nur zu Radikalisierung führen: Die Bürger spüren, dass sie das, was für sie Herkunft, Heimat, Identität ist, verlieren. Sie erkennen, dass Prozesse in Gang gesetzt werden, bei denen sie keiner gefragt hat, ob sie das wollen – „wir wollen das gar nicht schaffen“, dekretierte Alexander Gauland sehr richtig. Die Erinnerung an die DDR kehrt mit Macht zurück: Wir stellen mit Erschrecken fest, dass das neue Deutschland der alten DDR immer ähnlicher wird, wenn die Eliten auf obrigkeitsstaatliche Mittel und Strukturen setzen, weil sie ihrer selbstgeschaffenen Probleme nicht mehr Herr werden, weil sie die Bevölkerung in Geiselhaft für ihre eigene Unfähigkeit nehmen wollen.

„Ein Hauch von Weimar“… Quelle: Twitter/Facebook

Der Klassenfeind, der Rechte, der Populist ist vor allem die Gestalt des eigenen Versagens, von dem man prima ablenken kann. Die Erfahrung der Diktatur, der fehlenden Meinungsfreiheit, der fehlenden Demokratie, der Allgewalt der Propaganda, der Verteufelung und Diskriminierung des politisch Andersdenkenden wird in einer Situation aktiviert, in der die Gegenwart Züge der Vergangenheit annimmt. Diese Vergangenheit, Herr Pfalzgraf, habe ich Ihnen uneinholbar voraus.  Sie leben in einer ideologisch verzerrten Parallelwelt, die sei Ihnen unbenommen. Aber unterstehen Sie sich, Ihre Mitmenschen zu zwingen, auch in dieser Parallelwelt zu leben!

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Thomas Hartung

Pressesprecher

Zum Autor: Dr. Thomas Hartung (* 1962 in Erfurt) promovierte nach seinem Lehramtsstudium in Magdeburg 1992 zur deutschen Gegenwartsliteratur. Danach arbeitete er frei-, später hauptberuflich als Radio- und Fernseh-Journalist in Sachsen-Anhalt und Sachsen (MDR Kultur, Radio SAW, Antenne Sachsen, Sachsen Fernsehen); später als Mediendozent an vielen Hochschulen Deutschlands.

Der bekennende „Erzliberalkonservative“ trat als Student in die DDR-LDPD ein und 1990 aus der BRD-FDP aus: von „misslungener Einheit“ nicht nur mit Blick auf die Parteienfusion spricht er bis heute. Hartung war Mitbegründer der AfD Sachsen, wurde zweimal zum Landesvize gewählt und war Landessprecher der „Alternativen Mitte Sachsen“. Seit März 2020 ist er Pressesprecher der AfD-Fraktion Baden-Württemberg, hat zwei Essaybände vorgelegt, schreibt regelmäßig für zuerst und hat auf dem Tumult-Blog seine eigene Kolumne „Negerkuss und Nazistuss“.

Der 4. November, sein Todestag, ist in Israel inzwischen nationaler Erinnerungstag. Bei seiner Beerdigung waren neben 60 Regierungs- und Staatschefs auch Vertreter von sieben arabischen Staaten anwesend. 2005 wurde in Tel Aviv das nach ihm benannte Zentrum eingeweiht, das als Veranstaltungsort für Ausstellungen und Konferenzen sowie als Forschungs- und Dokumentationszentrum zur Geschichte des Staates Israel dient. Im selben Jahre meinte ein Viertel der Befragten in Israel, er sei einem Komplott zum Opfer gefallen, was sich auch in einer Reihe verschwörungstheoretischer Internetseiten widerspiegelt: Itzhak Rabin. Der israelische Politiker wurde vor 25 Jahren von einem religiös-fanatischen israelischen Jurastudenten erschossen. Nach seinem Tod gerieten die Verhandlungen und der gesamte Friedensprozess im Nahen Osten ins Stocken: „Das Trauma der Ermordung war tiefgehend, intensiv und anhaltend“, bilanzierte der Historiker Yaacov Lozowick auf dem Online-Portal audiatur.

Geboren am 1. März 1922 als erstes von zwei Kindern russisch-amerikanischer Exiljuden in Jerusalem, besuchte er nach zwei Schulen in Tel Aviv ab 1937 die Kadoori Landwirtschaftsschule. Er beendete sie nach anfänglichen Schwierigkeiten 1940 als bester Schüler seiner Klasse mit dem Abitur. Zwischendurch engagierte er sich in der Hagana, einer paramilitärischen Untergrundmiliz während des britischen Mandats. 1941 wurde er in einem Kibbuz für den neu gegründeten Palmach rekrutiert, eine Eliteeinheit der Hagana, die nach 1948 in die israelischen Streitkräfte überging. Als Angehöriger der britischen Armee nahm er am Syrisch-Libanesischen Feldzug teil und wurde 1945 Vize einer Palmach-Einheit. Daraufhin wurde er im Juli 1946 von den britischen Truppen verhaftet und zu sechs Monaten Haft verurteilt – und nach seiner Freilassung 1947 zum Stabschef des Palmach befördert.

1948 heiratete er die gebürtige Königsbergerin Leah und hatte mit ihr zwei Kinder. Während des israelischen Unabhängigkeitskriegs befehligte er bei den Kämpfen um Jerusalem eine Brigade und handelte 1949 das Waffenstillstandsabkommen mit Ägypten mit aus. Nach dem Krieg wurde seine Einheit aufgelöst und er als einer der wenigen Offiziere in die Armee Israels übernommen. Nach einem Kurs für Bataillonskommandeure folgte seine Beförderung in den Generalstab, wo er als Chef der Operationsabteilung der Armee Israels wirkte. 1952 ging er mit seiner Familie nach England, um dort das Staff College der British Army in Camberley zu besuchen.

Itzhak Rabin. Quelle: https://www.britannica.com/biography/Yitzhak-Rabin

1953 zurückgekehrt, übernahm Rabin, inzwischen Generalmajor, bis 1956 die Leitung der Ausbildung der israelischen Armee und, nachdem er eine Generalstabsakademie aufgebaut hatte, den Oberbefehl über die Truppen an der syrischen Grenze Israels. Nach einem Intermezzo als stellvertretenden Generalstabschef wurde er am 1. Januar 1964 zum Generalstabschef ernannt. Unter seinem Kommando errang die israelische Armee einen umfassenden Sieg über Ägypten, Syrien und Jordanien im Sechstagekrieg. Nach dem Krieg hielt er eine berühmt gewordene Rede, nachdem er von der Universität mit der Ehrendoktorwürde der Philosophie geehrt worden war. Er nahm den Preis im Namen der ganzen Armee an, die sich, wie er sagte, nicht nur in ihrer spirituellen Größe, dem Trauern um die Opfer des Feindes, von allen anderen Armeen in der Welt unterscheide. Sie habe auch auf anderen Gebieten einen Sonderstatus in der Welt.

„ihre Hände und Beine brechen“

1967 gab Rabin seinen Posten als Generalstabschef ab und wurde 1968 als Botschafter in den Vereinigten Staaten entsandt. Obwohl er als sehr unerfahren galt und weder gutes Englisch sprach noch ein guter Gesellschafter war, wird seine Arbeit in den USA als erfolgreich bewertet. Rabin sah schon damals voraus, dass Frankreich Israel in Zukunft nicht mehr unterstützen würde, weshalb andere Bündnispartner gefunden werden müssten. 1973 wurde er als Mitglied der Arbeitspartei in die Knesset gewählt und diente als Arbeitsminister unter Golda Meïr. Am 3. Juni 1974 löste er sie an der Spitze der Regierung ab, nachdem er sich in einer parteiinternen Urwahl gegen Schimon Peres durchgesetzt hatte. Zwischen beiden entwickelte sich eine jahrelange Konkurrenzsituation. Ein Jahr später unterzeichnete Rabin ein Interimsabkommen mit Ägypten. In seine Amtszeit fiel auch die Befreiung der Geiseln eines von Palästinensern entführten Air-France-Flugzeuges in Entebbe in Uganda.

1974 musste er sein Amt aufgeben. Unter anderem wurde kurz vor der Parlamentswahl ein illegales Dollarvermögen seiner Frau aufgedeckt, wofür er die politische Verantwortung übernahm und vom Parteivorsitz zurücktrat. Die Knesset-Wahl 1977 bescherte seinem Parteienbündnis herbe Verluste und dem Likud-Politiker Menachem Begin den Sieg. Damit endete die jahrzehntelange Dominanz der Arbeitspartei, wofür Rabin verantwortlich gemacht wurde. Später bekannte er, während seiner ersten Amtszeit zu unerfahren in innenpolitischen Fragen gewesen zu sein. Zudem galt er, der nie studierte und ganz ohne intellektuelle Ambitionen oder formelle Ausbildung agierte, als scheu und zuweilen introvertiert. Hinzu kamen generelle Schwächen Rabins im öffentlichen Auftreten: Oft auch mit seiner eigenen Partei ungeduldig, zeigte er sich taktlos und unhöflich, weshalb ihn manche als schlechten Politiker betrachteten.

Rabin als Offizier im israelischen Norden. Quelle: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/e/e6/Rabin_Northern_Command1957.jpg

1984 berief ihn Schimon Peres als Verteidigungsminister in seine Einheitsregierung. Es war die Zeit der Ersten Intifada („Krieg der Steine“), eine gewalttätige Auseinandersetzung zwischen Palästinensern und der israelischen Armee, die erst nach dem Oslo-Abkommen von 1993 zu Ende ging. Um sie zu beenden, setzte Rabin umstrittene bis brutale Methoden ein und wurde 1988 mit dem Ausspruch zitiert: „Wir sollten ihre Hände und Beine brechen“ (bezogen auf die palästinensischen Steinewerfer), was ihm in der arabischen Welt den Titel „Knochenbrecher“ einbrachte. Zugleich war er zuständig für den Rückzug der israelischen Armee aus dem südlichen Libanon. Dennoch galt er als unumstrittene Autorität Israels in verteidigungspolitischen Fragen und setzte im Mai 1989 im Kabinett seinen Plan zu einer Zusammenarbeit mit den Palästinensern durch.

Der Frieden hat keine Grenzen“

Ab 1990 wurde Rabin zu einem der wichtigsten Fürsprecher des Friedensprozesses zwischen Israel, Palästinensern und arabischen Nachbarn. Er wurde wieder Vorsitzender der israelischen Arbeitspartei, siegte bei den Wahlen und bekleidete 1992 erneut das Ministerpräsidentenamt. Seinen Vorgänger Schimon Peres machte er zum Außenminister, er selbst behielt das Verteidigungsministerium. Nach den Friedensgesprächen in Madrid 1991, noch ohne PLO, kündigte Rabin 1992 Syrien einen Abzug der Truppen aus den Golanhöhen an. Zeitgleich kam es vermehrt zu palästinensischen Terrorakten. Rabin zeigte Härte und ließ über 400 Hamas-Anhänger als Rache für die Ermordung eines zuvor entführten Grenzpolizisten völkerrechtswidrig in den Südlibanon deportieren.

Im Sommer 1993 kam es dann zu ersten direkten Gesprächen zwischen Vertretern der PLO und der israelischen Regierung mit dem Oslo-Abkommen als Endpunkt. Es sah einen Abzug der israelischen Armee aus dem Westjordanland und dem Gazastreifen sowie eine palästinensische Selbstverwaltung in diesen Gebieten bei gleichzeitigem Gewaltverzicht der Palästinenser vor. Nach einer Übergangszeit sollte ein dauerhafter Status der Gebiete ausgehandelt werden. Am 4. Mai 1994 erfolgte eine weitere vertragliche Regelung in Washington, bei der die PLO erstmals eine anerkannte begrenzte Autonomie für den Gazastreifen und das Gebiet um Jericho bekam. Für seine Beteiligung an diesem Prozess erhielt Rabin im selben Jahr, zusammen mit Jassir Arafat und Schimon Peres, den Friedensnobelpreis.

Rabin, Clinton und Arafat im Zuge des Oslo-Friedensprozesses am 13. September 1993 vor dem Weißen Haus. Quelle: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/f/f2/Bill_Clinton%2C_Yitzhak_Rabin%2C_Yasser_Arafat_at_the_White_House_1993-09-13.jpg

In der Folge wurden israelische Truppen aus den Autonomiegebieten abgezogen, die PLO durfte eine Polizeitruppe von 9000 Mann bilden, um ihrer Aufgaben der Verwaltung und Kontrolle gerecht zu werden, außerdem wurden etwa 8500 palästinensische Gefangene freigelassen. Am 28. September 1995 trafen Rabin, Arafat, König Hussein, Präsident Mubarak und Bill Clinton erneut zusammen, um das zweite Osloer Abkommen zu unterzeichnen, mit dem die palästinensische Autonomie auf den größeren Bevölkerungsteil der Araber im Westjordanland ausgedehnt wurde. In seiner Rede sagte Rabin: „Was Sie hier vor sich sehen, war noch vor zwei oder drei Jahren unmöglich, ja phantastisch. Nur Dichter haben davon geträumt, und zu unserem großen Schmerz sind Soldaten und Zivilisten in den Tod gegangen, um diesen Augenblick möglich zu machen. Hier stehen wir vor Ihnen, Männer, die vom Schicksal und der Geschichte auf eine Friedensmission geschickt wurden: einhundert Jahre Blutvergießen für alle Zeiten zu beenden. Unser Traum ist auch Ihr Traum. Wir alle lieben dieselben Kinder, weinen dieselben Tränen, hassen dieselbe Feindschaft und beten um Versöhnung. Der Frieden hat keine Grenzen.“

Doch innenpolitisch war Rabin zunehmend angeschlagen: Er stand nur noch einer Minderheitsregierung vor, die in der Knesset von den Stimmen der Kommunisten und der nationalistischen Araber abhängig war. Die Durchführung der Politik der „Tauben“ um Schimon Peres führte zu einer Radikalisierung in Israel, die Nichtintegration von Mitte-rechts-Positionen vor allem der Siedler wird oft als sein schwerster Fehler betrachtet. Leah Rabin berichtet in ihrer Autobiographie über zahlreiche Anfeindungen: „‚Nach den nächsten Wahlen wirst du mit deinem Mann auf dem Marktplatz hängen. Mit den Füßen nach oben. Wie Mussolini und seine Mätresse‘, brüllte jemand aus der Menge. … Einige der Demonstranten vor unserem Mietshaus verglichen uns sogar mit Nicolae und Elena Ceaușescu, dem vielleicht meist geschmähten Despotenpaar der Neuzeit … Schon Monate zuvor waren in der Öffentlichkeit die ersten Poster aufgetaucht, die Jitzchak als Verräter und Mörder brandmarkten.“ Flugblätter kursierten, die den Ministerpräsidenten in SS-Uniform zeigen – im Staat der Holocaust-Überlebenden war das die ultimative Schmähung.

„ein Verräter an Israel“

Am 4. November 1995 hatten sich auf dem Platz der Könige in Tel Aviv rund 150.000 Menschen eingefunden, um für Frieden im Nahen Osten einzutreten und Zugeständnisse an die Palästinenser zu fordern. Rabin hatte befürchtet, es könnten zu wenig Menschen kommen – dann wäre die erhoffte Stärkung der Friedensfraktion in Israels zerrissener Gesellschaft eine Schwächung geworden. Doch der ehemalige Generalstabschef und Kriegsheld irrte sich: Die Menschen strömten in ungeahnter Zahl zu der Kundgebung. Gerüchte über geplante Terroranschläge palästinensischer Extremisten konnten sie ebenso wenig abhalten wie die hasserfüllten Botschaften oppositioneller Gruppen vor allem in Gestalt des konservativen Likudblocks um Benjamin Netanjahu. Von einem „überwältigenden Sieg des Realismus“ schrieb Sven Felix Kellerhoff in der Welt.

Mörder Yigal Amir vor Gericht. Quelle: https://www.spiegel.de/geschichte/jizchak-rabin-moerder-jigal-amir-schuesse-gegen-den-frieden-a-1060942.html#fotostrecke-efb3ace2-0001-0002-0000-000000131553

Nach der Kundgebung – Rabin wollte gerade seinen Wagen besteigen – schaffte es der 25-Jährige Yigal Amir, ihm trotz mehrerer Leibwächter zweimal in den Rücken zu schießen. Eine dritte Kugel traf einen Leibwächter am Handgelenk, dann wurde der Schütze überwältigt. Obwohl die Ärzte alles unternahmen, 50 Minuten lang um sein Leben kämpften, starb Yitzhak Rabin gegen 23 Uhr: Zwei selbst gebastelte Dumdum-Geschosse hatten ihm beide Lungenflügel und die Milz zerfetzt. Der Mörder war erstaunlich kaltblütig und vor allem arrogant: „Tun Sie Ihre Arbeit. Ich habe meine getan.“ In allen Verhören blieb der Fanatisierte bei derselben Darstellung: Er allein habe das Attentat vorbereitet und ausgeführt. Rabin sei ein Verräter an Israel gewesen, weil er die Aussöhnung mit den Palästinensern gesucht habe und dafür auch laut Bibel zu „Eretz Israel“ gehörende Gebiete habe aufgeben wollen. Nach dem jüdischen Gesetz sei der Ministerpräsident ein „Verräter“ gewesen, der getötet werden dürfe, um schlimmeres Unheil von der Judenheit abzuwenden.

Amir wurde zu lebenslanger Haft verurteilt. Trotzdem durfte er telefonisch eine Freundin heiraten und sie seit 2006 einmal monatlich ohne Bewachung empfangen: 2007 gebar die aus Russland stammende Frau seinen Sohn. Dessen Beschneidung, im jüdischen Zyklus ein Freudenfest, fand auf den Tag genau zwölf Jahre nach dem Attentat statt. Die perfide Planung hatte bei der Zeugung neun Monaten zuvor begonnen: Da das Kind mit Kaiserschnitt auf die Welt kommen sollte, schrieb sich die studierte Philosophin exakt acht Tage vor dem Jahrestag im Operationssaal ein. Nach jüdischem Ritual wird der Junge am achten Tag nach der Geburt beschnitten.

Rabins Frau Leah beim Begräbnis. Quelle: https://www.spiegel.de/geschichte/jizchak-rabin-moerder-jigal-amir-schuesse-gegen-den-frieden-a-1060942.html#fotostrecke-efb3ace2-0001-0002-0000-000000131553

Die Wellen schlugen hoch – obwohl mehr als ein Drittel der religiösen Bürger Israels Amirs Begnadigung befürworten. Reue hat der Attentäter bis heute nicht gezeigt: Er fühlt sich nach wie vor im göttlichen Recht. Doch der Mord an Rabin zerstörte die größte Chance auf Frieden im Nahen Osten, den es wohl je gegeben hatte. Der Sieger im Sechstage-Krieg von 1967 hätte glaubwürdig wie kein anderer die Politik nach dem Prinzip „Land gegen Frieden“ durchsetzen können. Nach seinem gewaltsamen Tod übernahm zwar Peres die Regierungsgeschäfte, wurde aber bald von Netanjahu abgelöst. Seither ist kein Ende der Eskalation im Konflikt zwischen Palästinensern und Israelis absehbar.

„Sehen Sie sich doch bitte mal die Weltkarte an: Passt nicht die Ostküste Südamerikas genau an die Westküste Afrikas, als ob sie früher zusammengehangen hätten? Diesen Gedanken muss ich verfolgen!“, schreibt er 1911 an seine spätere Frau. Er ist sicher, dass die Ozeane und Kontinente dadurch entstanden sind, dass sich die Erdkruste eines Urkontinents verschoben hat. Einer gegen alle, hieß es dann am 6. Januar 1912 auf der Hauptversammlung der Geologischen Vereinigung im Frankfurter Senckenberg-Museum. An jenem Tag hielt der damals 31-jährige Meteorologe seinen Vortrag mit den Sätzen „Die Kontinente haben im Laufe der Erdgeschichte ihre Lage verändert… Denn ein Kontinent ist leichter als das, worauf er schwimmt.“ Damit brachte er die althergebrachten Vorstellungen ins Wanken. Doch erst nach dem Zweiten Weltkrieg wird die Theorie, angereichert durch neue Erkenntnisse, als Modell der Plattentektonik anerkannt. Ihr Urheber war der Polar- und Geowissenschaftler Alfred Lothar Wegener, der am 1. November 1880 in Berlin zur Welt kam.

Das jüngste von fünf Kindern einer märkischen Pastorenfamilie wächst im Direktorenhaus der alten Glashütte in Zechlinerhütte bei Rheinsberg auf und absolviert das Köllnische Gymnasium an der Berliner Wallstraße, das er als Klassenbester abschloss. Danach studierte er von 1899 bis 1904 Physik, Meteorologie und Astronomie in Berlin, Heidelberg und Innsbruck und arbeitete während des Studiums als Assistent an der Volkssternwarte Urania in Berlin. Seine Doktorarbeit schrieb er 1905 an der Berliner Universität zwar in Astronomie, wandte sich danach aber mehr der Meteorologie und Physik zu. Seiner Meinung nach gab es in der Astronomie nicht mehr viel zu erforschen, zudem störte ihn, dass ein Astronom stark an seinen Beobachtungsort gebunden ist. Seine erste Anstellung fand er im selben Jahr als Assistent am Aeronautischen Observatorium Lindenberg bei Beeskow, wo auch sein zwei Jahre älterer Bruder Kurt arbeitete.

Alfred Wegener. Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Alfred_Wegener#/media/Datei:Alfred_Wegener_ca.1924-30.jpg

Mit ihm stellte er 1906 bei einem Ballonaufstieg zu meteorologischen Beobachtungen 1906 mit 52,5 Stunden einen neuen Dauer-Rekord auf. Er wurde zu einem Pionier der sich damals entwickelnden Aerologie, der Physik der hohen Atmosphäre. Er erforschte die Eisphasen des Wasserdampfes in der Atmosphäre und schrieb über die Entstehung spezieller Wolkenarten. Als einer der Ersten befasste er sich mit Turbulenzen in der Erdatmosphäre und verfasste wissenschaftliche Arbeiten über Staubwirbel, Wind- und Wasserhosen. Für den beginnenden Flugverkehr von besonderer Bedeutung waren seine Höhenwindmessungen, für die er den Ballontheodolit entwickelte. Auch optische Phänomene in der Atmosphäre Polarlichter und Luftspiegelungen (Fata Morgana) erweckten seinen Forschergeist. Im selben Jahr nahm Alfred Wegener an der ersten von insgesamt vier Grönland-Expeditionen teil – eine Entscheidung, die er für einen der bedeutendsten Wendepunkte in seinem Leben hielt.

erste Bekanntschaft mit dem Tod im Eis

Der Auftrag der Expedition unter Leitung des Dänen Ludvig Mylius-Erichsen war es, das letzte unbekannte Stück der grönländischen Nordostküste zu erforschen. Wegener baute die erste meteorologische Station in Grönland bei Danmarkshavn, wo er Drachen und Fesselballons für meteorologische Messungen im arktischen Klima aufsteigen ließ. Unter 28 Teilnehmern war er der einzige Deutsche, nahm an Schlittenreisen teil und machte auch die erste Bekanntschaft mit dem Tod im Eis: Bei einer Erkundungsfahrt an die NO-Küste Grönlands mit Hundeschlitten kam der Expeditionsleiter zusammen mit zwei Gefährten ums Leben. Während dieser Reise beobachtet Wegener das Treibeis auf dem Meer, das zerbricht, auseinanderdriftet und gegeneinanderstößt und ihn später auf seine Theorie bringt.

Nach seiner Rückkehr wurde er Privatdozent für Meteorologie, praktische Astronomie und kosmische Physik an der Philips-Universität Marburg. 1909/10 arbeitete er an seinem Buch „Thermodynamik der Atmosphäre“, in dem er auch zahlreiche Ergebnisse der Grönland-Expedition verwertete – auf insgesamt 170 Veröffentlichungen wird er es bringen. Wegeners Studenten und Mitarbeiter in Marburg schätzten besonders sein Talent, auch komplizierte Fragen und aktuelle Forschungsergebnisse klar und verständlich zu vermitteln, ohne dabei auf Exaktheit zu verzichten. Diese Jahre gehören zu den wichtigsten Schaffensperioden Wegeners. 1911 verlobte er sich mit Else Köppen, die Tochter seines Mentors Wladimir Köppen, und schickte sich nach der öffentlichen Vorstellung seiner Theorie der Kontinentalverschiebung an, seine zweite Expedition vorzubereiten.

Die Mannschaft der Danmark-Expedition, Wegener in der hinteren Reihe der 2. von rechts. Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Alfred_Wegener#/media/Datei:Danmarksekspeditionen_1906_by_Knudstrup_01.jpg

Bis 1913 war er als wissenschaftlicher Leiter mit dem dänischen Hauptmann Johann Peter Koch und zwei weiteren Mitarbeitern unterwegs und führte unter anderem die ersten Eisbohrungen auf einem bewegten Gletscher in der Arktis durch. Kochs Idee war, statt Hundeschlitten 16 isländische Pferde mit zu nehmen. Die Durchquerung Grönlands, bei der die vier Expeditionsteilnehmer eine doppelt so lange Strecke zurücklegten wie einst Fridtjof Nansen bei seiner Durchquerung Südgrönlands 1888, hat allerdings keines der Tiere überlebt. Auch die Expeditionsteilnehmer verdanken ihre Ankunft am Ziel nur einem Zufall: Nur wenige Kilometer von der westgrönländischen Siedlung Kangersuatsiaq entfernt gingen der kleinen Gruppe in den unwegsamen Gletscherabbrüchen die Nahrungsmittel aus, selbst der geliebte Hund wurde verspeist. Im letzten Moment wurden sie aber an einem Fjord vom Pastor von Upernavik aufgelesen, der gerade eine entlegene Gemeinde besuchte. Wegeners Buch „Durch die weiße Wüste“ erscheint erst 1919, nach dem Ersten Weltkrieg.

Vorbereitung der Großen Expedition

Zurück in Marburg heiratete er seine Verlobte, die ihm drei Töchter zur Welt bringen und ihn um 62 Jahre überleben sollte. Zu Beginn des Ersten Weltkriegs wurde Wegener als Reserveoffizier sofort eingezogen, kämpfte an der Westfront in Belgien und wurde nach zweimaliger Verwundung für felddienstuntauglich befunden. Er wurde dem Heereswetterdienst zugeteilt und unterrichtete als Meteorologe u. a. Offiziere, die Luftschiffe führen sollten. Diese Tätigkeit erforderte ständiges Umherreisen zwischen den verschiedenen Wetterwarten in Deutschland, auf dem Balkan, an der Westfront und im Baltikum. In dieser Zeit arbeitete er auch an seinem Hauptwerk „Die Entstehung der Kontinente und Ozeane“, das 1915 erstmalig als Buch erschien. Darin legte er zur Begründung bspw. dar, dass bestimmte Regenwurm- und Schneckenarten sowohl in Westafrika als auch in Südamerika leben, denen es beim besten Willen nicht zuzutrauen sei, dass sie Tausende Kilometer über eine Landbrücke von einem Kontinent zum anderen gekrochen sind. Stattdessen müssten sich einfach die Landmassen bewegt haben.

Als am 3. April 1916 ein Meteorit in Kurhessen zur Erde fiel, bestimmte Wegener aus der Analyse zahlreicher Einzelbeobachtungen die Aufschlagstelle. Dort wurde der „Meteorit von Treysa“ im Frühjahr 1917 tatsächlich gefunden. Wegener beschäftigte sich mit der Form der Aufsturzkrater und machte Experimente dazu mit Zementpulver. 1921 schrieb er eine Monografie über „Die Entstehung der Mondkrater“ und meinte darin, dass die meisten Krater durch den Einsturz von Meteoriten entstanden sein müssen. Das fanden zu jener Zeit nur wenige Außenseiter, heute aber ist diese Ansicht allgemein akzeptiert.

Alfred Wegener (links) und Rasmus Villumsen vor der Abfahrt von Eismitte. Letztes Foto. Quelle: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/4/48/Wegener_Expedition-1930_026_%28retuschiert%29.jpg

Zu dieser Zeit war er mit seiner Familie bereits nach Hamburg gezogen, wo er anfangs als Leiter der Abteilung Meteorologische Forschung der Deutschen Seewarte arbeitete und dann zum außerordentlichen Professor an der neu gegründeten Universität berufen wurde. 1923 versuchte er in „Die Klimate der geologischen Vorzeit“, das er gemeinsam mit seinem Schwiegervater veröffentlichte, den neuen Wissenschaftszweig der Paläoklimatologie im Rahmen seiner Kontinentalverschiebungstheorie zu systematisieren. Im Jahr darauf erhielt Wegener den Ruf auf den ordentlichen Lehrstuhl für Meteorologie und Geophysik an der Karl-Franzens-Universität im österreichischen Graz und wandte sich zunächst der Physik und der Optik der Atmosphäre zu. Im Rahmen der Professur in Graz nahm er auch die österreichische Staatsbürgerschaft an.

Vier Jahre später unterbreitet er der deutschen „Notgemeinschaft der Wissenschaft“ – es ist die Zeit der Weltwirtschaftskrise – einen Plan für weitere Forschungen auf der größten Insel der Welt. Wegener möchte die Eisdicke mit verbesserten Methoden messen und zwei feste Stationen einrichten, auf denen ein Jahr lang meteorologische Beobachtungen aufgezeichnet werden sollen. Die Wissenschaftsgemeinschaft stimmt zu, Wegener fährt 1929 mit einer Vorexpedition an die grönländische Westküste, um die günstigste Stelle für den Aufstieg der im Folgejahr geplanten Hauptexpedition ins grönländische Inlandeis zu finden. Auf dieser Expedition sollte von drei festen Stationen aus die Mächtigkeit des Festlandeises und das ganzjährige Wetter gemessen werden.

Tod im Eis

Die Hauptexpedition startet mit 20 Teilnehmern am 1. April 1930 von Kopenhagen. 32 Grönländer, 143 Hunde und 20 Packpferde schleppen über Wochen, wenn nicht Monate, die tonnenschwere Ausrüstung vom Kamarujuk-Fjord aufs Inlandeis hinauf. Ein Teil der Truppe fährt 400 Kilometer ins Landesinnere und errichtet dort die Station „Eismitte“, die mit zwei Männern besetzt wird. Im September setzt starker Schneefall ein. Doch ein Transport mit Petroleum muss noch nach „Eismitte“, sonst kommen die beiden Männer dort nicht über den Winter. Wegener bricht mit seinem Gefährten Fritz Loewe und zwölf Grönländern am 22. September ins Herz des Eisschilds auf. „Schon die Reise hierher war sehr hart, und was uns bevorsteht, ist jedenfalls keine Vergnügungsfahrt“, schreibt er in einem Brief, den er bei Kilometer 62 den umkehrenden Eskimos mitgibt.

Wegeners Vorstellungen über den von ihm angenommenen Urkontinent Pangaea und das Auseinanderdriften der Kontinente. Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Alfred_Wegener#/media/Datei:De_Wegener_Kontinente_018.jpg

Zum Schluss sind sie nur noch zu dritt: die beiden Deutschen und der Grönländer Rasmus Willemsen. Es ist bis zu minus 54 Grad kalt, der Wind weht von vorn. Am 30. Oktober erreichen sie die Inlandstation. Loewe sind mehrere Zehen erfroren, er kann die Rückreise zur Küste nicht antreten. Wegener und Rasmus brechen am 1. November 1930 auf – sie kommen nie an. Die Männer im Basislager vermuten, dass sie alle in „Eismitte“ überwintern. Die Männer in „Eismitte“ denken, Wegener und Rasmus seien heil am Basislager angekommen. Alfred Wegener wird erst am 12. Mai 1931 entdeckt – einen Meter unter dem Schnee. Zwei Skier stecken neben ihm. Er hat keine Erfrierungen, vermutlich ist er am 16. November 1930 vor Erschöpfung an einem Herzschlag gestorben. Die Männer begraben ihn im ewigen Eis. Rasmus Willemsen hat seinen Weg zur Küste alleine fortgesetzt. Sein Leichnam wurde ebenso wie Wegeners Tagebuch nie gefunden.

Bereits 1934 erwähnte H. P. Lovecraft im siebenten Kapitel seiner Horror-Erzählung „Berge des Wahnsinns“ Wegeners damals noch allgemein abgelehnte Drifthypothese. 1935, zum 5. Todestag von Wegener, organisierte der Kameramann Walter Riml eine eigene Expedition nach Grönland, wiederholte die gesamte Wegener-Expedition von 1930 und nahm diese filmisch auf. In Zusammenschnitten von noch vorhandenem Negativmaterial der letzten Wegener-Grönlandfahrt entstand der Film „Das große Eis – Alfred Wegeners letzte Fahrt“. Erst seit den 1970er Jahren ist die Plattentektonik in Wissenschaftskreisen allgemein anerkannt, der schon von Wegener geforderte direkte Nachweis der Kontinentalverschiebung konnte mittlerweile durch satellitengeodätische Messungen erbracht werden.

AWI Bremerhaven. Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Alfred_Wegener#/media/Datei:Awi_brhv.JPG

Drei Schulen bundesweit und eine Straße in Hamburg wurden nach ihm benannt. Das 1980 gegründete Alfred-Wegener-Institut Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung in Bremerhaven forscht in seiner Tradition weiter, es unterhält unter anderem die Forschungsstation „Neumayer III“ in der Antarktis. Hier und in der Arktis sind acht geographische Areale nach ihm benannt, dazu ein Asteroid sowie ein Mond- und ein Marskrater. Die European Geosciences Union vergibt seit 1983 für herausragende Leistungen in Meteorologie, Ozeanographie oder Hydrologie die Alfred Wegener Medal.

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