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Herzlich willkommen!

Als Freier Journalist für konservative Medien blogge ich unregelmäßig Betrachtungen zu Interessantem und Wissenswertem aus politischer und Alltagskultur. Ich schreibe regelmäßig für „Zuerst“ und habe unter dem Titel „Negerkuss und Nazistuss“ eine eigene Kolumne beim Tumult-Blog.

Als Bildungsbürger kommentiere/rezensiere ich vielerlei kulturelle Phänomene – vom Roman über den Musikergeburtstag bis zum Regisseurstod.

Als Dozent und parlamentarischer Berater informiere ich Sie auf meiner Webpräsenz über meine Aktivitäten rings um die Themenkreise Hochschule, Wissenschaft Medien und Kultur.

Und als Mensch lasse ich Sie gern an meinen freizeitlichen Aktivitäten teilhaben, zu denen nicht zuletzt Kochen gehört 😉

Warum gerade Betrachtungen?

Ich empfinde dieses Genre – eine Meinungsdarstellungsform übrigens – als eins der zeitgemäßen schlechthin.

Eine Betrachtung soll durch Beschreibungen und Schilderungen, Vergleiche und Annäherungen bis hin zur Analyse einem Ereignis, einer Situation, einem Gegenstand oder auch einem (gesellschafts-) politischen Problem Individualität verleihen: Recherche darf in gewissem Maße substitutiert werden durch Subjektivität.

Die Betrachtung ist durchaus mit derselben eines Kunstwerks in einer Ausstellung vergleichbar: man wählt zunächst die Gesamtschau und wechselt dann zu einzelnen Aspekten.

Dabei ist dem Genre eigen, dass die Prioritäten dieser Aspekte oft im Vagen bleiben: aus der Betrachtung erwächst ein Gedanke, der das formale Ziel darstellt.

Der Gegenstand darf dabei Randerscheinung eines größeren Zusammenhangs bleiben: „die Bedeutung des Unbeachteten birgt den Kern ihrer Aussage“ (Degen 2004).

Viel Spass beim Lesen – und natürlich beim Kommentieren!

Er war sogar Bundespräsident Theodor Heuss eigens eine Antwort an Zeit-Chef Richard Tüngel wert. Darin heißt es, die „geistreiche Intelligenz dieses wendigen Mannes“ wolle niemand bestreiten. Er selbst aber sei „spießig oder altmodisch genug, ihn für eine von der moralischen Seite her … verhängnisvolle Erscheinung zu halten“. Hintergrund: als am 29. Juli 1954 der Text „Im Vorraum der Macht“ des „wendigen Mannes“ erschien, räumte die Zeit-Politikchefin, Marion Gräfin Dönhoff, erst ihren Schreibtisch und versuchte dann von außen alles, um Tüngel vom Sessel zu beißen, was diesen zu einem Beschwerdebrief an Heuss animierte. Antwort hin oder her: 1955 war Dönhoff am Ziel und Tüngel weg – und das wegen eines beschäftigungslosen Juristen.

Sein Name: Carl Schmitt. Er sei „der Prototyp des gewissenlosen Wissenschaftlers, der jeder Regierung dient, wenn es der eigenen Karriere nutzt. Wann immer die Nationalsozialisten Menschen beiseite räumen wollten, der eitle Professor aus dem Sauerland lieferte ihnen die passende rechtliche Begründung“, gab Thomas Darnstädt im Spiegel eine der wohl vernichtendsten Beurteilungen ab. „Ein rechter Denker, gewiss“, befindet Alexander Cammann in der Zeit und ergänzt allerdings: „den man sinnvoll liberal rezipieren konnte, wenn man intellektuell eigenständig genug blieb.“ Herfried Münkler bringt in der Welt das verbreitete Angst-Lust-Faszinosum um den Mann auf den Punkt: „Man muss mit Schmitt nicht inhaltlich einverstanden sein, um von seiner Art des Denkens fasziniert zu werden. Nicht selten haben sich in der alten Bundesrepublik darum Linke wie Rechte gleichzeitig auf ihn berufen.“

Carl Schmitt am Kamin in seinem Haus am Brockhauser Weg 10 in Plettenberg. Quelle: http://www.plettenberg-lexikon.de/personen/schmittplett.htm

Als Jurist prägte Schmitt eine Reihe von Begriffen und Konzepten, die in den wissenschaftlichen, politischen und allgemeinen Sprachgebrauch eingegangen sind, neben der bis heute vielfach rezipierten „Freund-Feind-Unterscheidung“ etwa die „Verfassungswirklichkeit“. Als politischer Philosoph polarisiert die „verhängnisvolle Erscheinung“ heute mehr denn je, ja wird gar als Vordenker von Antiliberalismus, Präsidialismus und Autoritarismus gegeißelt: „Die Interpretationen von Schmitts Politischer Theologie nehmen in dem Maße zu, wie die von Adornos Negativer Dialektik abnehmen“, resümierte Thomas Assheuer in der Zeit. Der wohl bekannteste und zugleich umstrittenste deutsche Staats- und Völkerrechtler mindestens der ersten Hälfte, ja vielleicht des gesamten 20. Jahrhunderts starb geistig umnachtet am 7. April vor 35 Jahren.

Als Zensor in München

96 Jahre zuvor, am 11. Juli 1888, war er in Plettenberg als zweites von fünf Kindern eines Krankenkassenverwalters zur Welt gekommen. Der Junge wohnte im katholischen Konvikt in Attendorn und besuchte dort das staatliche Gymnasium. Nach dem Abitur studierte Schmitt auf dringendes Anraten eines Onkels Jura, obwohl er sich zunächst für Philologie entschieden hatte, und traf zum Sommersemester 1907 in Berlin ein. Es sei eine faszinierende Frage, „wie anders die Fachgeschichte der Germanistik, wie anders aber auch die deutsche Rechtsgeschichte des 20. Jahrhunderts verlaufen wäre, wenn es diesen Onkel nicht gegeben hätte“, mutmaßt Ernst Osterkamp in der FAZ. Kolportiert wird bis heute, dass Schmitt das Milieu der Hauptstadt körperliche Übelkeit bereitet habe. Schon ein Jahr später wechselte er an die Universität München und setzte dann sein Studium in Straßburg fort. 1910 promovierte er mit einer Arbeit über Schuld und Schuldarten, vier Jahre später habilitierte er sich.

1915 absolvierte Schmitt das Assessor-Examen und trat als Kriegsfreiwilliger in das Bayerische Infanterie-Leibregiment in München ein. Er sah aber nur durch ein Fenster in der Münchner Maxburg statt auf die Front: als Unteroffizier im stellvertretenden Generalkommando des I. bayerischen Armeekorps leitete er bis 1919 ein Subreferat, das sich mit Genehmigung oder Verbot der Ein- und Ausfuhr politisch brisanter Schriften, der Beobachtung der Friedensbewegung und der Verbreitung feindlicher Propagandatexte befasste. Kurz gesagt: er war Zensor. Einen Antrag von Thomas Mann, Einsicht in ein verbotenes Buch nehmen zu dürfen, lehnt er ab, aus Sicherheitsgründen. Dann besorgt er sich das Buch selbst und liest es heimlich. Er galt als Vielleser.

Carl Schmitt (rechts) und Ernst Jünger auf dem Lac de Rambouillet (1941). Quelle: https://www.stopptdierechten.at/2018/07/20/demokratie-durch-ausscheidung-des-heterogenen-zur-freiheitlichen-rezeption-von-carl-schmitt-teil-1/

Im selben Jahr heiratete Schmitt die vermeintliche kroatische Adelstochter Pawla Dorotić, die er zunächst für eine spanische Tänzerin hielt. Parallel dazu unternimmt er lyrische und belletristische Versuche und gehört der sog. „Schwabinger Bohème“ an, war mit Hugo Ball, später Ernst Jünger befreundet. Es sei eine Tendenz seiner Zeit, „das Kleine hinauf, das Große hinab auf ein zulässiges Erreichbares zu ziehen“, schreibt er schon 1913 in den „Schattenrissen“. Schmitts Tagebuch kündet von Armut und Schulden auf der einen und von Ruhmesfantasien eines grenzenlos Ehrgeizigen auf der anderen Seite. Für Jens Hacke hat er „einen für seine Zeit nicht untypischen bürgerlichen Selbsthass verinnerlicht“.

Schon kurz nach der Habilitation veröffentlicht Schmitt in rascher Folge weitere Texte, etwa die „Politische Romantik“ (1919) oder „Die Diktatur“ (1921). Durch seine sprachmächtigen und schillernden Formulierungen – ein Resultat seiner Lese- und Schreibleidenschaft – wurde er auch unter Nichtjuristen schnell bekannt. Schmitt inszenierte seine Texte poetisch-dramatisch, versah sie häufig mit mythischen Bildern und Anspielungen und war überzeugt, dass „oft schon der erste Satz über das Schicksal einer Veröffentlichung entscheidet“ – das könnte so auch in einem Journalismus-Lehrbuch stehen. Viele dieser Eröffnungssätze, allen voran „Souverän ist, wer über den Ausnahmezustand entscheidet“, werden noch heute gerühmt. „Die Kühnheit der Formulierung lässt die Mühseligkeit kleinteiliger Problembearbeitung hinter sich, aber gerade darin haftet ihr etwas zutiefst Unpolitisches an“, weiß Münkler. Dabei sind seine Veröffentlichungen bis auf wenige Ausnahmen eher längere Essays denn theoretische Schriften.

Nach einer Lehrtätigkeit an der Handelshochschule München 1920 nahm Schmitt 1921 einen Ruf an die Universität Bonn an. Als sich Dorota, unter für ihn durchaus peinlichen Umständen, als Hochstaplerin entpuppt, wird die Ehe vom Landgericht Bonn 1924 zivilrechtlich annulliert, nicht aber kirchlich aufgehoben. Seit er, als Katholik, im Jahr darauf seine frühere Studentin Duška Todorović, eine Serbin, geheiratet hatte, blieb er bis zu deren Tode 1950 daher exkommuniziert. Aus dieser zweiten Ehe ging die Tochter Anima hervor, sein einziges Kind, das er noch um zwei Jahre überleben sollte.

„Vernichtung des Heterogenen“

In seine Bonner Zeit fällt zum ersten eine verstärkte Zuwendung zum Jungkatholizismus und zum Kirchenrecht („Politische Theologie“, 1922). Als Katholik war er von einem tiefen Pessimismus gegenüber Fortschrittsvorstellungen oder der Technisierung geprägt: „Schmitt beflügelt das tragische Lebensgefühl, wonach es ganz natürlich ist, dass in der Geschichte kein Rosenwasser versprüht, sondern Blut vergossen wird“, meint Assheuer. Schmitts unmittelbare zeitgenössische Erfahrung war nach 1918 geprägt von Kriegsniederlage, Ordnungsverlust, Untergang: Novemberrevolution, Münchner Republik, Kapp-Putsch, die Freikorps-Morde, die Ruhrbesetzung. Er dachte national, empfand Versailles und Völkerbund als Farce und betrachtete die junge Weimarer Republik als schwachen Staat, zerrieben von unterschiedlichen Interessengruppen und Weltanschauungsparteien. Aus dieser Haltung heraus artikulierte Schmitt früh und fast schon manisch die eigene Sehnsucht nach Ordnung.

Als Dozent. Quelle: https://www.welt.de/img/kultur/mobile167031781/9412507787-ci102l-w1024/Carl-Schmitt-Jurist-D.jpg

In die Bonner Zeit fallen aber auch seine erste explizit politische Schrift „Die geistesgeschichtliche Lage des heutigen Parlamentarismus“ (1924) sowie sein bedeutendstes wissenschaftliches Werk, die „Verfassungslehre“ (1928). Als Essenz seiner politischen Theorie kristallisiert sich der Begriff der Dezision heraus, der Entscheidung, die er der Deliberation vorzieht, der Beratschlagung. Für den Bereich des Politischen, das eine besondere Stellung im Verhältnis zur Gesellschaft habe, sei dies die Unterscheidung von Freund und Feind. Durch die Abgrenzung gegenüber, ja durch den Konflikt mit einem äußeren Feind gelinge die Festigung der Gruppe nach Innen. Sollte dennoch einmal der Frieden ausbrechen, so handele es sich um die trügerische Ausnahme vom Krieg, dieser „äußersten Realisierung der Feindschaft“. Ihn schlug die Erbsündenlehre in den Bann, die ihm den Ursprung von Gut und Böse offenbarte, das Entweder- Oder existenzieller Entscheidung und die Wahrheit über den „Menschen im Ganzen“. Das biblische Gebot der Feindesliebe, so behauptet Schmitt, beziehe sich einzig und allein auf die private Sphäre, nicht aber auf den politischen Widersacher.

Auch der Konflikt mit einem inneren Feind sei denkbar: „Zur Demokratie gehört (…) notwendig erstens Homogenität und zweitens nötigenfalls die Ausscheidung oder Vernichtung des Heterogenen.“ Gleichartigkeit wird bei ihm zum zentralen Kennzeichen von Demokratie; das machte ihn nach links anschlussfähig. „Die endlosen Aushandlungsprozesse und Kompromissbildungen zwischen den verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen und politischen Akteuren haben ihn auch ästhetisch abgestoßen“, so eine These Münklers zu Schmitts Liberalismuskritik. Die Weimarer Republik sah Schmitt als labiles politisches System, das den Deutschen von fremden Mächten übergestülpt worden sei. Wie für Spengler verkommt auch für ihn der Staat zur Beute der Parteien, die fern vom Volk hinter verschlossenen Türen ihre Geheimpolitik betrieben.

In der „Verfassungslehre“ unterzog er die Weimarer Verfassung einer systematischen juristischen Analyse und begründete eine neue wissenschaftliche Literaturgattung, die sich neben der klassischen Staatslehre als eigenständige Disziplin des Öffentlichen Rechts etablierte. Dem Pluralismus partikularer Interessen, der für ihn der Egoismus gesellschaftlicher Interessensgruppen war, setzte er die Einheit des Staates entgegen, die für ihn durch den vom Volk gewählten Reichspräsidenten repräsentiert wurde, und sieht die Homogenität von Repräsentant und Repräsentierten als Voraussetzung echter Demokratie, die für ihn eine Präsidialdemokratie sein muss. Der Staat hatte stark zu sein, um die Politik des Souveräns durchzusetzen.

Originalausgabe. Quelle: http://www.bard.edu/library/arendt/pdfs/Schmitt-Verfassungslehre.pdf

Denn im Parlament stünden sich die verschiedenen Weltanschauungsparteien unversöhnlich gegenüber, es gebe nur noch Meinungs- und Interessenfronten, aber keinen Platz für Argumente, keinen Willen zum wirklichen Gespräch, schon gar nicht zur Einigung. Die politischen und sozialen Gegensätze in der Massendemokratie können nicht mehr über den Parlamentarismus integriert werden, so der Analytiker, der über „organisierte Unentschiedenheit“ schimpft. Der Souverän sollte über dem Recht, ja über der Verfassung stehen; seine Entscheidung schafft die Norm, wie Gott dem Moses die Gesetzestafeln diktierte. Das kann nur missverstehen, wer autoritär und totalitär, „totalen Staat“ und „totalen Krieg“ verwechselt.

„Alle wollen dasselbe“

1928 wechselte Schmitt nach Berlin, zuerst an die Handelshochschule, von 1933 – 1945 an die Friedrich-Wilhelms- (heute Humboldt-)Universität, und entwirft hier die Denkgebäude, die ihn laut dem Frankfurter Staatsrechtshistoriker Michael Stolleis als „Mephisto des Staatsrechts“ erscheinen lassen. „Sicher zielte Schmitt nicht auf den völkischen Führerstaat“, ist sich Stolleis gewiss. Doch fast alles, was Schmitt dachte, glaubte, schrieb und redete, gab das perfekte wissenschaftliche Unterfutter für das nun folgende Kapitel Deutschlands her. „Alle wollen dasselbe, deshalb wird in Wirklichkeit keiner überstimmt, und wenn er überstimmt wird, so hat er sich eben über seinen wahren und besseren Willen getäuscht“ – diesen an Jean-Jacques Rousseau angelehnten Satz schrieb Schmitt schon in seinem ersten Berliner Jahr. Er hätte auch von Stalin gesagt werden können. So waren für Schmitt Bolschewismus und Faschismus zwar „wie jede Diktatur antiliberal, aber nicht notwendig antidemokratisch“.

Anfangs positionierte sich der Mussolini-Bewunderer, der im Kabinett Schleicher Minister ohne Geschäftsbereich geworden war, gegen Hitler, den er als dumm und lächerlich bezeichnete. Nach dem Ermächtigungsgesetz vom 24. März 1933 präsentierte sich der „Märzgefallene“ Schmitt dagegen als überzeugter Anhänger der neuen Machthaber – ob aus Opportunismus oder innerem Antrieb, ob als Problem der Theorie oder des Charakters, ist bis heute umstritten. Münkler betont den Charakter: „intellektueller Hochmut in Verbindung mit dem Karrierestreben eines ehrgeizigen Außenseiters haben Schmitt zeitweilig in engste Nähe zum Regime gebracht, und deren Ausdruck war seine Rechtfertigung der Morde an dem SA-Führer Röhm sowie dem ehemaligen Reichskanzler Schleicher“.

Am 11. Juli 1933 berief ihn Hermann Göring in den Preußischen Staatsrat – ein Titel, auf den er zeitlebens besonders stolz war. Noch 1972 soll er gesagt haben, er sei dankbar, Preußischer Staatsrat geworden zu sein und nicht Nobelpreisträger. Zudem wurde er Herausgeber der Deutschen Juristenzeitung und Mitglied der Akademie für deutsches Recht. Schmitt erhielt sowohl die Leitung der Gruppe der Universitätslehrer als auch die Fachgruppenleitung Hochschullehrer im NS-Rechtswahrerbund. Er entwickelte die Lehre vom konkreten Ordnungsdenken, der zufolge jede Ordnung ihre institutionelle Repräsentanz im Entscheidungsmonopol eines Amtes mit Unfehlbarkeitsanspruch findet. Diese „amtscharismatische Souveränitätslehre“ mündete in eine Propagierung des Führerprinzips und der These einer Identität von Wille und Gesetz („Der Wille des Führers ist Gesetz“), womit Schmitt seinen Ruf bei den Machthabern festigte.

Juristenzeitung 1934. Quelle: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/d/d9/Kopf_F%C3%BChrer_sch%C3%BCtzt_das_Recht.jpg

Mehr als 40 Aufsätze in diesem Ton hat der Parteigenosse Nummer 2098860 zwischen 1933 und 1936 veröffentlicht. Allein sie halfen ihm nichts – eine Intrige beendete 1936 seine politische Vita, in deren Folge er alle Ämter in den Parteiorganisationen verlor. Der Mann, der sich nur allzu gern als „Kronjurist des Dritten Reiches“ hofieren ließ, war für den Hitler-Staat nicht viel mehr als ein nützlicher Idiot. Niemand könne sagen, der Staatsrechtsprofessor habe die Nazis an die Macht gebracht, gesteht Darnstädt. „Nichts von dem, was das NS-Regime angerichtet hat, wäre ohne Schmitt anders gelaufen“, muss Kolleis zugeben. Doch auch als Hochschullehrer versuchte er weiter, zum Stichwortgeber des Regimes zu avancieren. Das zeigt etwa sein 1939 zu Beginn des Zweiten Weltkriegs entwickelter Begriff der „völkerrechtlichen Großraumordnung“, den er als deutsche Monroe-Doktrin verstand. Dies wurde später zumeist als Versuch gewertet, die Expansionspolitik Hitlers völkerrechtlich zu fundieren: als sei die Deutung wichtiger als die Bedeutung – ein Phänomen, das ihm -zigfach widerfuhr.

„keine Kriegsgefangenen getötet“

Am 26. September 1945 verhafteten ihn die Amerikaner und internierten ihn bis zum 10. Oktober 1946 in verschiedenen Lagern, teilweise in Einzelhaft. Anlässlich der Nürnberger Prozesse wurde er von Chef-Ankläger Robert M. W. Kempner als „potentieller Angeklagter“ verhört. Zu einer Anklage kam es jedoch nicht, weil er eine Straftat im juristischen Sinne nicht feststellen konnte: „Wegen was hätte ich den Mann anklagen können?“, begründete Kempner diesen Schritt später. „Er hat keine Verbrechen gegen die Menschlichkeit begangen, keine Kriegsgefangenen getötet und keine Angriffskriege vorbereitet“, zitiert ihn Darnstädt im Spiegel.

Schmitt gehörte zu den wenigen, die ihre Liaison mit dem Nationalsozialismus die akademische Karriere gekostet hat: Ende 1945 war er ohne alle Versorgungsbezüge aus dem Staatsdienst entlassen worden. Um eine Professur bewarb er sich nicht mehr, das wäre wohl auch aussichtslos gewesen. Stattdessen zog er sich in seine Heimatstadt Plettenberg zurück, wo er weitere Veröffentlichungen unter Pseudonymen vorbereitete und noch vierzig Jahre lebte. 1952 konnte er sich, schon verwitwet, eine Rente erstreiten, aus dem akademischen Leben aber blieb er ausgeschlossen: Eine Mitgliedschaft in der Vereinigung der Deutschen Staatsrechtslehrer wurde ihm verwehrt.

An die schriftstellerische Produktivität der Weimarer Jahre hat er nicht mehr anschließen können – die Republik war wohl zu sicher, um von ihm unsicher geschrieben zu werden. „Aber Schmitts Schweigen hat die von ihm ausgehende Faszination eher erhöht. Man kann darin eine neue Variante der zuvor bereits gepflegten Strategie der Selbstverrätselung sehen“, feixt Assheuer. In seinen letzten Jahren sieht Münkler „einen verbitterten, eifersüchtigen, gelegentlich bösartigen Mann, der mit der Fassung ringt“. Doch die Probleme, über die Schmitt nachgedacht hat, blieben und haben nach seinem Tode noch an Brisanz gewonnen – und er wieder an Attraktivität angesichts der zunehmenden Kritik an kosmopolitischen Weltentwürfen und der Frustration über die aufs Akademische beschränkte Wirkung deliberativer Politikkonzeptionen.

In Schmitts Tradition: Botho Strauss. Quelle: https://magazin.spiegel.de/EpubDelivery/spiegel/pdf/13681004

Zeitlebens lehnte Schmitt einen naiven Universalismus der Menschenrechte und die irrealen Träume vom Erfolg des Völkerbunds als illusorisch ab und hielt etwa „Weltfrieden“ für einen unpolitischen Begriff, der keine Feindschaft mehr zuließ: „Wer Menschheit sagt, will betrügen“. Das liberale Denken hatte aus Schmitts Sicht verlernt, sich mit den harten politischen Realitäten auseinanderzusetzen. Die teilweise kultisch gefeierte belgische Politologin und Postmarxistin Chantal Mouffe darf als prominenteste linke Schmitt-Adeptin gelten: die Verleugnung der antagonistischen Natur der Gesellschaft und die Delegitimierung von Konflikt wirkten zutiefst depolitisierend, schreibt sie. Aber Schmitt wärme auch „die Sehnsucht nach ‚Herrschaft und Heil‘ wie auch den literarischen Anti-Judaismus eines Martin Walser“, so Assheuer, die „Gespenster seines Raumdenkens“ spukten in Peter Handkes Hass auf die UN „ebenso wie im gespreizten Elitismus eines Botho Strauß“.

Schmitt war immer schneller als die Politik – egal, welche; vielleicht liegt seine Renaissance vor allem darin begründet. „Er hatte immer die passenden Ideen schon parat und immer eine griffige Formulierung drauf“, meint Darnstädt. Manche seiner Sätze lesen sich bis heute quälend: „Was war eigentlich unanständiger: 1933 für Hitler einzutreten oder 1945 auf ihn zu spucken?“ Gesinnungstreue Schüler betrachten Schmitts faschistische Jahre als lässliche Sünde: Wer groß denkt, dürfe auch groß irren. Sein Denkstil beeinflusste daneben zahlreiche namhafte Publizisten und Juristen, allen voran den Verfassungsrichter Ernst-Wolfgang Böckenförde, dem das an Schmitt angelehnte sogenannte „Böckenförde-Diktum“ zu verdanken ist, wonach der freiheitliche, säkularisierte Staat von Voraussetzungen lebe, die er selbst nicht garantieren könne.

Schmitts Grab. Quelle: http://www.plettenberg-lexikon.de/personen/schmittplett.htm

Ob er Antisemit war, wird bis heute kontrovers diskutiert. Abgesehen von seiner analytischen Brillanz, der schlagenden Verbindung von Bild und Begriff sowie seiner im Wortsinn ungeheuren Formulierungsgabe bleibt er präsent in der geheimnisumwitterten Rolle des Verfemten, die ihn „im ausgebombten Bewusstsein der jungen, nicht nur katholischen Intelligenz attraktiv“ machte, befand Assheuer: Schmitt sei der „fremde Gast“ in der Bundesrepublik, der „lebende Legitimitätsvorbehalt gegen das parlamentarische System“ gewesen. Und Schmitt bleibt präsent wegen Statements wie diesem: „Es gibt Verbrechen gegen und Verbrechen für die Menschlichkeit. Die Verbrechen gegen die Menschlichkeit werden von Deutschen begangen. Die Verbrechen für die Menschlichkeit werden an Deutschen begangen.“ Solche Sätze beißen. Jeden.

Bis heute genießt er das nahezu einmalige Privileg, nur durch seinen Vornamen bekannt zu sein, und noch heute kennen die wenigsten seinen vollständigen Namen Raffaello Santi da Urbino. Über vier Jahrhunderte hinweg blieb er vorbildhaft für Generationen von Künstlern. An den Akademien gelehrt und vor allem im 19. Jahrhundert unter anderem von Goethe propagiert, galt Raffael als Vollendung der Renaissance, seine Kunst als Inbegriff der „Klassik“ und er lange als größter Maler aller Zeiten – vor seinen Zeitgenossen Michelangelo und Leonardo da Vinci. Am Karfreitag 1483 geboren, starb er am 6. April 1520, seinem 37. Geburtstag, ebenfalls einem Karfreitag.

Bereits am Tag danach begann die mythische Überhöhung des jung verstorbenen Künstlers. „Man spricht hier nur vom Tod dieses Mannes, der am Ende seiner siebenunddreißig Lebensjahre sein erstes Leben beendete. Sein zweites Leben aber, das seines Ruhmes, der weder der Zeit noch dem Tod unterliegt, wird ewig sein, wegen seiner Werke und auch wegen der Anstrengungen der Gelehrten, die in seinem Lob schreiben und denen es nicht an Themen fehlen wird“, schrieb der römische Gesandte Grossino an Isabella d’Este, die Herzogin von Mantua. „Die Natur hatte Angst, als Raffael lebte, vor seinem Sieg; als er starb, dass sie sterbe mit ihm“, steht in Latein auf dem antiken Sarkophag im Pantheon in Rom, in dem er auf eigenen Wunsch bestattet wurde.

Selbstporträt 1506. Quelle: Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=35440864

Zu seinem Ende existieren drei Versionen. Nach der einen starb er an einem Aderlass zur Kurierung von der Syphilis, die er sich – zwar klein, aber freundlich, gut aussehend und vor allem bei Frauen beliebt – bei seinen zahlreichen Affären zugezogen haben soll – einen „galanten Schönling“ nennt ihn Kia Vahlland. Nach der anderen verschied er nach einem archäologischen Aufenthalt in Sumpfgebieten um Rom an Malaria. Und nach der dritten, dramatischsten raffte ihn die Pest dahin: die damals üblichen Beerdigungsrituale wurden stark abgekürzt, um den Leichnam Raffaels schnellstens in Rom beizusetzen. Möglicherweise sollte so eine Ansteckung verhindert werden. Dass er sich durch seine rastlose geistige und körperliche Tätigkeit im Übermaß überanstrengt hatte, gilt heute als eher fraglich.

„Frucht dieser Kultur“

Der Sohn des Goldschmieds Giovanni Santi, der auch als Maler arbeitete, kam in Urbino zur Welt, der Idealstadt des kunstverliebten Herzogs Federico da Montefeltro, wie die Kunsthistorikerin Lorenza Mochi Onori im DLF erklärt: „Es war der Ort und der Hofstaat den Baldassare Castiglione in seinem Buch über den ‚Cortigiano‘, den Höfling, beschrieben hatte. Hier gab es eine der reichsten Bibliotheken der damaligen Zeit. In Urbino hatte Raffael ein vielseitiges Repertoire künstlerischer Ausdrucksformen vor Augen. Um Raffael zu verstehen, muss man diese Architekturen sehen, diese Landschaften erleben. Raffael ist die Frucht dieser Kultur.“

Durch seinen Vater bekam er früh Kontakt zu gebildeten Humanistenkreisen und erhielt schon als Kind die erste Ausbildung in der Malerei – Henning Klüver nennt Giovanni im DLF einen „hochtalentierten und stilsicheren Künstler“. Als Hofmaler arbeitete er an Entwürfen für die Hochzeitsfeier von Herzog Guidobaldo und Elisabetta Gonzaga. Doch bereits 1491 verstarb Raffaels Mutter, 1494 sein Vater. Der erst elfjährige Knabe trat als Schüler in die Werkstatt des Pietro Vanucci ein, genannt Perugino. Der galt als großer Maler, war er doch von Papst Sixtus IV. nach Rom gerufen worden, um bei der Ausschmückung der Sixtinischen Kapelle mitzuwirken, wo er die Schlüsselübergabe an den heiligen Petrus malte. Perugino unterhielt zwei Werkstätten, eine in Florenz und eine in Perugia, wo der junge Raffael lernte.

Die sixtinische Madonna. Quelle: https://www.kunstkopie.de/a/raffael.html&mpos=999

Er zeigte bereits als 17jähriger großes Talent: es gelang ihm, sich so weit an den Stil Peruginos anzunähern, dass eine Unterscheidung der Werke oft nur mit Mühe gelingt. Er stellte bald seinen Lehrer in den Schatten, dessen Figuren von oft manieristischer Anmut sind, mit süßlichen Farben gemalt, im Rhythmus etwas monoton und wie abgezirkelt. Prompt wurde er in dem ältesten seiner überlieferten Verträge, einer Abmachung zwecks eines Altarwerkes in Città di Castello, magister (Meister) genannt. Er unterzeichnete gemeinsam mit dem Maler Evangelista da Pian di Meleto einen Vertrag mit einem Wollhändler für ein Altarbild für die Familienkapelle – Raffaels erstes belegtes Werk, das allerdings durch ein Erdbeben 1789 weitgehend zerstört und in mehrere Teile zerlegt wurde. Immerhin 33 Dukaten brachte es ein.

Nach der „Londoner Kreuzigung“ und „Die Krönung Mariä“, die in eine irdische und eine himmlische Zone gegliedert sind und von geometrischen Grundformen, vor allem Kreisen, beherrscht werden, vollendete Raffael 1504 sein frühes Meisterwerk „Die Vermählung der Maria“. Das Gemälde ist nicht mehr durch ein Übereinander von Zonen, sondern durch eine deutliche perspektivische Tiefenstaffelung gekennzeichnet und übertraf damit Perugino. Im selben Jahr ging der junge Meister mit einem Empfehlungsschreiben des urbinischen Hofes nach Florenz, wo schon Michelangelo und Leonardo da Vinci Berühmtheit erlangt hatten.

Die Fresken der Stanzen

Er freundete sich mit dem mächtigen Taddeo Taddei an, in dessen Palast er wohnte, und wurde mit dem Maler Fra Bartolomeo bekannt, der ihn mit dem fundamentalistischen Christentum des 1498 hingerichteten Girolamo Savonarola in Kontakt brachte. Auch während seiner Florentiner Zeit waren die Madonnenbilder, die er schuf, hoch geschätzt. Raffael, der nun intensiv die Werke Leonardo da Vincis studierte, schuf in Florenz etwa 15 Madonnen, die zu seinen besten zählen. Auf Empfehlung seines Onkels Donato Bramante, der unter Papst Julius II. mit dem Neubau des Petersdoms und des Vatikans beauftragt war, kam Raffael schließlich 1508 nach Rom.

Die Schule von Athen. Quelle: https://www.kunstkopie.de/a/raffael/die-schule-von-athen-1-1.html

Hier erhielt er den Auftrag, die päpstlichen Gemächer, die so genannten Stanzen, mit Fresken zu schmücken. Julius II. beauftragte einige Maler für dieses Projekt, doch nachdem ihn das Talent Raffaels so beeindruckte, entließ er alle anderen und wählte Raffael als einzigen Künstler für diese Arbeiten aus. Auch der auf Julius II. folgende Papst Leo X. war von seinen Arbeiten fasziniert und bezeugte Raffael seine Gunst. So entstanden zwischen 1509 und 1517 seine berühmtesten Werke, begonnen mit der berühmten „Schule von Athen“, einer Darstellung der philosophischen Wissenschaften. Das Zentrum bilden Platon und Aristoteles, um die sich die anderen Philosophen wie Pythagoras, Heraklit, Sokrates oder Diogenes gruppieren. Während seiner Arbeiten im Vatikan lernte Raffael Michelangelo kennen, der zu dieser Zeit mit der Ausschmückung der Sixtinischen Kapelle befasst war. Auch der Stil Michelangelos beeinflusste Raffaels Arbeiten seit dieser Zeit.

Die Wandgemälde der Stanzen preisen die Künste, die Religion und die Philosophie und gelten als absolute Meisterwerke der Hochrenaissance, in denen zudem religiöse Inhalte mit aktuellen politischen Ereignissen verknüpft sind. Diese vielschichtige Ikonographie geht auf Anregungen des Papstes zurück, der seine religionspolitischen Vorstellungen auch in der Kunst zum Ausdruck bringen wollte. Die durchdachten Eingriffe Raffaels in die vorgegebenen Themen bringen das humanistisch geprägte kulturelle Klima des Roms seiner Zeit auf außergewöhnliche Weise zum Ausdruck. Daneben entwarf Raffael die Kartons für die Apostelteppiche in der Sixtinischen Kapelle.

 Raffael-Wandteppich in der Sixtinischen Kapelle. Quelle: https://www.vaticannews.va/de/vatikan/news/2020-02/sonderschau-raffael-wandteppiche-in-der-sixtinischen-kapelle.html

Die Fresken der Stanzen stellen einen Höhepunkt der europäischen Malerei dar. Das Wahre, Gute und Schöne ergänzen einander und führen zur Verschmelzung von antikem und christlichem Denken. In den klaren und ausdrucksvollen Bildern entsprechen sich Form und Inhalt nahezu vollkommen. Am 13. Januar 1509 bestätigte Raffael den Erhalt von 100 Dukaten für die begonnene Arbeit an den päpstlichen Gemächern. Aber auch etliche berühmte Persönlichkeiten ließen sich vom Meister porträtieren- neben den Päpsten auch Graf Castiglione oder Kardinal da Bibbiena.

Nachdem Raffael 1511 den ersten Teil der fertiggestellten Deckenfresken Michelangelos zu Gesicht bekam, entschloss er sich, seinen eigenen Stil zu verändern, indem er die Darstellung seiner Figuren zunehmend dynamischer werden ließ und er ihnen mehr Größe und Würde verlieh. Im selben Jahr wurde er formell zum scriptor brevium ernannt: Das Amt des Brevenschreibers sollte sicherstellen, dass Raffael dem Papst ein treuer Mitarbeiter blieb, denn es galt als Ehrung und Pfründengarantie. Um das finanzielle Auskommen des Künstlers zu sichern, war es mit einem festen Gehalt verbunden. 1512 entstand dann sein berühmtestes Madonnenbild, die Sixtinische Madonna, die heute in der Gemäldegalerie von Dresden bewundert werden kann und deren zauberhafte Putten am unteren Bildrand zahllose Zitate der Populärkultur auf allen möglichen Gegenständen der heutigen Zeit nach sich zogen.

Lieblich und harmlos

Zwei Jahre später wurde Raffael zum Architekten und Bauleiter der neuen Peterskirche ernannt. Unter seiner Leitung wurde allerdings nur der Unterbau begonnen. Als Architekt schuf er den Grundriss der Kathedrale auf Basis eines lateinischen Kreuzes, während sein Vorgänger noch ein griechisches Kreuz vorgesehen hatte. Erhalten blieben zahlreiche weitere Entwürfe und Architekturzeichnungen Raffaels aus dieser Zeit. Er vollendete jedoch den Hof von San Damaso im Vatikan und fertigte mehrere Pläne zu Privatgebäuden an. Raffael intensivierte sein Antikenstudium und bereitete die Rekonstruktion des antiken Rom vor. Zudem war der Künstler für alle Projekte des Papstes in der Stadt verantwortlich, wodurch seine eigene malerische Produktion litt. Seine Aufgaben als Bauleiter und Aufseher ließen ihm kaum Zeit, seine späten Malwerke selbst anzufertigen, so dass er seine Aufträge überwiegend von seinen Mitarbeitern, vor allem Raffaellino del Colle und Giulio Romano, ausführen ließ. Nach seinem Tod erlosch auch seine Schule – im Gegensatz zur Werkstatt seines Vaters, die er gemeinsam mit Pian de Meleto weitergeführt hatte.

Chigi-Kapelle in Rom. Quelle: https://www.daskreativeuniversum.de/raffael-biografie/

In Briefen an seinen Onkel in Urbino sprach Raffael von Heiratsplänen. Er war lange Zeit verlobt mit Maria da Bibbiena, einer Nichte des von ihn porträtierten Kardinals. Sie starb in seinem Todesjahr. Seine Geliebte Margharita Luti, eine Bäckerstochter aus Rom, ist unter dem Namen Fornarina bekannt – Raffael verewigte sie in mehreren seiner Werke. Sie soll bis zu seinem Tod in seinem Haus in Rom gelebt haben. Vor seinem Tod entstanden noch der Amor- und Psyche-Freskenzyklus sowie die Fresken der vatikanischen Loggien, die biblische Szenen darstellen und als „Bibel Raffaels“ bezeichnet werden. Raffaels letztes eigenhändig gemaltes Werk war die Verklärung Christi, die sich heute in der Pinakothek des Vatikans befindet und nie vollendet wurde.

Durch seine hohen menschlichen Tugenden, seine Grazie, Schönheit, Bescheidenheit und seine vortrefflichen Sitten gehöre er nicht zu den normal Sterblichen, sondern zu den sterblichen Göttern, die den Nachgeborenen in dauerhafter Erinnerung bleiben, meint sein Biograph und Zeitgenoss Giorgio Vasari. Die von Raffaels Kunst und Person ausgehende Faszination hielt nahezu vier Jahrhunderte an, bevor sie gegen Ende des 19. Jahrhunderts zu verblassen begann, etwa genau zu der Zeit, als Michelangelo zum Inbegriff des in Konflikte verstrickten Genius und zum Symbol tragischer Größe wird.

Denn der galt neben dem Renaissance-Titanen Leonardo als kolossaler, universaler, während Raffael neben ihnen immer wie ein Leichtgewicht erschien, feiert er doch mit seinen Werken vor allem die Schönheit und Harmonie, in den Marienbildnissen die Zartheit und Poesie. Für seine Rezeption sollte das nicht nur von Vorteil sein. Heute wird Raffael vielfach als „lieblich“ und „harmlos“ abgetan: „Seine Madonnen wirken einfach zu vollendet, die immer wiederkehrende Dreieckskomposition aus Maria mit dem Kind, der gefällige Dreiklang aus rotem Kleid, blauem Mantel und hellem Inkarnat scheint zu perfekt“, befindet Nicola Kuhn im Tagesspiegel.

Raffaels Grab. Quelle: CC BY 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=2118119

Doch Raffaels Entwicklung verdeutlicht nach Ansicht Vasaris, dass es ein Künstler trotz ungünstiger Voraussetzungen durch Mühen, Studien und Fleiss („fatica, studio, e diligenza“) zu großem Ansehen und Können bringen könne, wenn er sich die richtigen Beispiele suche, die ihm helfen, seinen Stil zu verbessern. Raffael habe nicht wie ein Künstler, sondern wie ein Fürst gelebt und gezeigt, wie die Maler freundlich und höflich miteinander umgehen könnten, obwohl dies ihrer Wesensart widerspreche. Eine solche Harmonie und Einheit habe es in keiner anderen Zeit gegeben.

Sehr geehrter Herr Gniffke,

„Die AfD hat genauso einen Anspruch auf eine faire Berichterstattung wie jede andere Partei auch“, sagten Sie am 25. Oktober noch als ARD-Aktuell-Chef bei einer Dresdner Podiumsdiskussion, der ich selbst beiwohnte. „Wir haben zu einem professionellen, sachlichen Umgang mit der neuen Partei gefunden, die nun in unserer Berichterstattung gilt“, sagten Sie als SWR-Intendant am 27. März der Jungen Freiheit. An beidem ist nach der vorgestrigen Berichterstattung, wieder einmal, zu zweifeln.

Zum Hintergrund: ich lud am 30. März 15.56 Uhr die SWR-Hörfunk- und Fernsehredaktion zu Zeiten von Homeoffice, virtuellen Konferenzen etc. ein, über die reale AfD-Fraktionssitzung am 31. März 10.00 Uhr mit den beiden Initiativen „Verfassungsklage an M. Aras“ und „Fragenkatalog an T. Schopper“ zu berichten. Ihr Redakteur M. Pfalzgraf sagte 20.11 Uhr zu und war am Morgen auch mit Team vor Ort, führte ein Interview mit Fraktionschef Bernd Gögel und machte Schnittbilder.

Schnittbild. Screenshot: https://www.ardmediathek.de/swr/player/Y3JpZDovL3N3ci5kZS9hZXgvbzEyMjEwNjk/sendung-19-30-uhr-vom-31-3-2020

Heraus kam in der SWR-Aktuell-Sendung ein Minutenstück zum Parteiausschluss von Stefan Räpple MdL, den das Landesschiedsgericht am Abend zuvor beschlossen hatte. Kein Wort über die (am Nachmittag verworfene) Verfassungsklage, die den unerträglich autokratischen Zustand anprangerte, die permanente demokratische Kontrolle der Regierung durch das Parlament nicht zuzulassen – offenbar nimmt der SWR diesen Zustand als normal wahr. Und auch kein Wort über den Fragenkatalog zur Corona-Situation, mit dem die größte Oppositionsfraktion im Südwesten eine transparente, tagesaktuelle Teilhabe am Informationsstand der Landesregierung einforderte, um ihrer Kontrollfunktion gerecht zu werden und zu prüfen, ob die Landesregierung tatsächlich zum Wohl der Bevölkerung agiert.

Damit hat Ihr Sender mustergültig alle Klischees bedient, die ihm, neben den anderen öffentlich-rechtlichen Anstalten, seit Jahren vorgeworfen werden. Zum Ersten haben Sie nach dem Prinzip der Medialisierung eine Neben- zur Hauptsache gemacht: Ein Parteiausschluss isoliert, eine Mehrheitsklage dagegen kollektiviert und normiert. Das betrifft auch und erst recht die Fragen an Bernd Gögel, die sich bestenfalls tertiär um die Person Räpple drehten. Zum Zweiten haben Sie nach dem Prinzip der Mediatisierung den Einzel- zum Normalfall erhoben: die Person Räpple wird als fraktionsentscheidend gezeigt, nicht der kollektive sachpolitische Wille der anderen Fraktionäre.

Und zum Dritten haben Sie nach dem Prinzip der „instrumentellen Aktualisierung“ (Kepplinger 2011) genau jene Sachverhalte gehypt, die ihrem politischen, oder besser politisch korrekten, Verständnis entsprechen, und die anderen, mehrheitlich dem Land und seiner Bevölkerung nutzenden durch Verschweigen abgewertet. Das ist nicht nur hochgradig unseriös, sondern manipulativ, desinformativ und letztlich destruktiv: Sie wollen den Südwesten und seine Bürger nicht einen, sondern seine Spaltung vorantreiben, indem sie Ausgrenzung befördern – ein Schema, das der SWR nach Auskunft meiner Kollegen von Anbeginn betreibt: die AfD findet auf sachpolitischer Ebene nicht statt, sondern nur auf moralischer Metaebene. Das kündet von der Heraufkunft der Schmitt‘schen Freund-Feind-Unterscheidung im Journalismus und kann nicht Aufgabe eines bürgerfinanzierten Senders sein. Erst recht nicht, und dieser Verdacht liegt sehr nahe, einen privaten Feldzug gegen einen Politiker zu führen, dessen Protestaktionen gegen sich man vielleicht nicht gutheißt.

Anmoderation. Screenshot: https://www.ardmediathek.de/swr/player/Y3JpZDovL3N3ci5kZS9hZXgvbzEyMjEwNjk/sendung-19-30-uhr-vom-31-3-2020

Sehr geehrter Herr Gniffke, dass ich nach gerade vier Wochen Arbeit als Pressesprecher ob solcher Unkollegialität verschnupft bin, können Sie diesen Zeilen entnehmen: Sie haben bewiesen, dass die altehrwürdige Theorie der Nachrichtenwerte (vgl. zuletzt Maier/Ruhrmann/Klietsch 2007 und Maier/Stengel/Marschall 2010) nicht nur funktionalisiert, sondern leider auch ideologisiert, ja moralisiert werden kann. Das hat mit einem Grundversorgungsauftrag „Information – Bildung/Beratung – Unterhaltung“ rein gar nichts mehr zu tun – aber umso mehr mit einem Pädagogisierungs-, ja eingebildeten Indoktrinationsauftrag. Den hatten Sie nicht, den haben Sie nicht und den werden Sie auch nie haben. Also befleißigen Sie sich gefälligst all- statt einseitiger Information; die habe ich in meiner aktiven Zeit als Fernsehjournalist und Mediendozent von meinen Redakteuren, Volontären und Studenten selbst eingefordert. Die Manipulierbarkeit des Menschen endet an der Wahrheit. Unser Land braucht Sinn, keinen publizistischen Unsinn.

Mit verhältnismäßig freundlichen Grüßen

Dr. Thomas Hartung

Pressesprecher

Selbst in seinem letzten Spiegel-Interview teilte der mittlerweile schwer Lungenkrebskranke nach allen Seiten aus. Erst kritisiert er das Privatfernsehen: „Die glauben, es reicht, eine schöne Frau oder einen jungen Mann vors Mikrofon zu stellen und sie Sätze voller hanebüchener Ahnungslosigkeit sagen zu lassen.“ Doch auch mit der ARD geht er hart ins Gericht: Ein Sündenfall sei die Beteiligung der Parteien bei der Gründung der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten gewesen. Diesen „fleischgewordenen Proporz“ werde man aus den Anstalten nie wieder herauskriegen.

Der so vom Leder zog, gehörte als „Mister Tagesthemen“ zu den bekanntesten Journalisten Deutschlands: 700 Mal ging er mit dem Informationsformat auf Sendung, dessen Zuschauerzahl er binnen zweieinhalb Jahren von zwei auf vier Millionen verdoppelte. Seine „souveräne, einem Verkündungsstil abholde Form der Moderation, seine kritisch-distanzierte auf den Punkt formulierte Sicht der Tagesereignisse und seine unauffällige Professionalität“ hätten die Hauptnachrichtensendung so populär gemacht, lobte ihn die Jury der Eduard-Rhein-Stiftung bei einer Preisverleihung 1987.

Hajo Friedrichs. Quelle: https://www.ndr.de/geschichte/koepfe/hannsjoachimfriedrichs105_v-vierspaltig.jpg

Am 28. März 1995 erliegt er 68-jährig seiner Erkrankung – einen Tag nach dem Erscheinen „seiner“ Spiegel-Ausgabe. Ein „begehrter Junggeselle“ sei er den größten Teil seines Lebens gewesen, habe erst zum Lebensende in eine intakte Familie eingeheiratet, erinnert sich sein langjähriger Freund und Kollege Hermann Schreiber im NDR. „Dieser Sonntagsjunge hat den Sinn seines Sterbens in seinem Leben gefunden.“ Der Sonntagsjunge heißt Hanns Joachim „Hajo“ Friedrichs, gab dem bedeutendsten deutschen Journalistenpreis seinen Namen – und müsste heute erleben, wie seine Ideale von Preisträgern und Kollegen in den Schmutz gezogen werden.

„cool bleiben, ohne kalt zu sein“

Friedrichs wurde am 15. März 1927 im westfälischen Hamm geboren und wuchs gemeinsam mit seinem jüngeren Bruder Martin auf. Nach der Absetzung seines Vaters als Amtsbürgermeister des ehemaligen Amts Pelkum durch die Nationalsozialisten folgte eine unstete Zeit – Entwurzelung sei der Preis für ein Journalistenleben, wird er später sagen. Sein Kriegsabitur am Hennebergischen Gymnasium im thüringischen Schleusingen wurde nicht anerkannt. Er war Luftwaffenhelfer, Arbeitsdienstmann und Soldat und geriet noch kurz in Kriegsgefangenschaft. In Herford legte er ein Jahr nach dem Zweiten Weltkrieg sein Abitur ein zweites Mal ab.

1949 beginnt er ein Redaktionsvolontariat bei der Tageszeitung Telegraf in Berlin und reist zu einem Fortbildungskurs zum Thema „Parlamentarische Demokratie“ nach London, wo er einen ersten Text für die BBC über Berlin schrieb. Die journalistischen Maximen Charles Wheeler, Friedrichs‘ Lehrmeister und Mentor bei der BBC, prägten ihn zeitlebens, wie er in seiner Autobiographie schrieb und auch in seinem letzten Interview betonte: dass ein seriöser Journalist Distanz zum Gegenstand seiner Betrachtung halten und sich „nicht gemein machen [soll] mit einer Sache, auch nicht mit einer guten, nicht in öffentliche Betroffenheit versinken, im Umgang mit Katastrophen cool bleiben, ohne kalt zu sein.“

Charles Wheeler. Quelle: https://media1.faz.net/ppmedia/aktuell/feuilleton/659356736/1.671813/default/ein-mann-der-alten-schule.jpg

Bis zuletzt verteidigt er diese journalistischen Tugenden. Moderne Formen wie den Sensationsjournalismus lehnt er ab. Es sei nicht Aufgabe eines Moderators, die Leute zur Betroffenheit zu animieren. In England habe er „gelernt, zu informieren und zu erhellen, also aufzuklären, und dieses Verständnis von Journalismus hat mich vor allerlei Dummheiten geschützt.“ Im Herbst 1950 verpflichtete ihn der Sender für drei Jahre als Nachrichtenredakteur bei seinem Deutschen Dienst, „so eine Art Nachhilfeunterricht für Diktaturgeschädigte“. 1954 ist er dann auch erstmals im deutschen Fernsehen zu sehen – anlässlich einer Live-Übertragung der Feierlichkeiten zu Churchills 80. Geburtstag. 1955 kam Friedrichs in die Heimat zurück, erhielt eine Stelle beim damaligen NWDR in Köln als Korrespondent und Reporter und moderierte auch das Regionalmagazin „Hier und Heute“.

Friedrichs Berichte fielen auf, sein Ton war anders: lockerer, normaler als das häufig noch gepeitscht klingende Nachkriegsdeutsch anderer Reporter. 1964 wechselte er zum ZDF und ging für fünf Jahre als USA-Korrespondent nach Washington, bevor er 1969 die Nachrichtensendung Heute zu moderieren begann. Ab 1972 arbeitete er ein Jahr lang als Vietnam-Korrespondent. Nach seinem ersten Besuch in Saigon wäre er am liebsten für immer geblieben, erzählt er später. Der Reporter erlebt die Höhepunkte des Vietnamkrieges hautnah – die traumatischen Bilder suchen ihn noch Jahre später heim. Nach Vietnam sei er allerdings nicht wegen des Krieges gegangen. Die Kriegsberichterstattung habe ihn nie sonderlich gereizt, sondern vielmehr die Besonderheiten des Landes und seiner Bewohner.

Anschließend wurde ihm die Leitung des aktuellen sportstudios übertragen, das er 101 Mal moderierte – übrigens gegen den Widerstand des damaligen Vorsitzenden des Verwaltungsrats, Helmut Kohl. Friedrichs erinnert sich noch Jahrzehnte später an den launischen Machtmenschen: Als „kleiner Provinzreporter“ habe er den späteren Kanzler nach einer Landtagswahl mit seinem miserablen Wahlergebnis konfrontiert. Das habe Kohl ihm nie verziehen, meint Friedrichs. Auch mit der „nervigen Besserwisserei“ von Helmut Schmidt hat der Journalist seine Schwierigkeiten. „Das ist ein komischer Vogel. Ich hab den Schmidt bestimmt 20 Mal interviewt. Das war immer ganz knapp und cool“, sagt er dem Spiegel. „Das müssen Sie anders fragen“, soll Schmidt immer wieder arrogant geantwortet haben. 1981 kehrt der Fernsehjournalist ins ZDF-Studio New York zurück, wo er gemeinsam mit Dieter Kronzucker das erfolgreiche Magazin Bilder aus Amerika entwickelt.

„Es war schön bei Ihnen“

Im Oktober 1985 wechselt Friedrichs als „Erster Moderator“ zu den neu konzipierten Tagesthemen der ARD, die er abwechselnd mit Ulrike Wolf und später mit Sabine Christiansen moderierte. Er sah das als seine letzte Etappe, „von meinen Wünschen her ist das der Abschluss meines beruflichen Lebens“. Mit seiner sonoren Stimme wird er schnell zum Publikumsliebling, der auch von Kollegen geschätzt wurde. 1986 schrieb er im Medium Magazin, das Sprachgefühl sei die Hauptanforderung an einen Journalisten und „das Darstellen komplizierter Zusammenhänge in einfachem, gutem Deutsch ist nicht erlernbar.“ 1988 wandelte er auf den Spuren seines Tagesschau-Kollegen Wilhelm Wieben, der für Falcos „Jeany“ einen Newsflash aufnahm, und kooperierte mit Udo Jürgens: Friedrichs sprach den Prolog zu dem Lied „Gehet hin und vermehret Euch“, das sich angesichts der Zunahme der Weltbevölkerung kritisch mit der Sexualmoral der katholischen Kirche auseinandersetzte.

Jürgens‘ Blaues Album. Quelle: https://media.real-onlineshop.de/images/items/1024×1024/555b098a0caeb4cc7c277a8fffd02428.jpg

Er verkündete als erster „Seit heute wissen wir‘s: Barschel hat gelogen“, aber auch am 9. November 1989 um 22.42 Uhr: „Die Tore in der Mauer stehen weit offen“. Danach setzte der nächtliche Massenansturm auf die Grenzübergänge ein. Am 27. Juni 1991 moderierte Friedrichs letztmalig die Tagesthemen und wurde von Ulrich Wickert, bis dahin Fernsehkorrespondent in Paris, abgelöst. Grund dafür soll ein internes Kompetenzgerangel mit der damaligen ARD-Aktuell-Leitung gewesen sein. Seine Abschiedsworte mit rollendem R – „Es war schön bei Ihnen, all‘ die Jahre“ – wurden legendär. Es habe keinen einzigen Tag gegeben, an dem er ungern in die Redaktion gekommen sei, resümiert Friedrichs im Spiegel: „Viele Leute haben Berufe, die sie nur ausüben, um Geld zu verdienen. Sehen Sie sich doch mal in der U-Bahn um, morgens.“

Er habe sich immer verstanden als „Mensch, der mit am Esstisch sitzt, der ein bisschen mehr weiß, weil er die Fähigkeit hat, unbefangen in die Welt zu gucken und das, was er entdeckt, so wiederzugeben, dass die Leute ihm glauben“, bilanzierte er. In den folgenden Jahren war der ehemalige Anchorman unter anderem im ZDF als Moderator der erfolgreichen Tier- und Naturdokumentation Wunderbare Welt zu erleben, einem 45-minütigen Format der National Geographic Society. Friedrichs kümmerte sich aber auch bei RTL um die Ausbildung von Nachwuchsjournalisten, war als Berater beim Fernsehsender Vox tätig und schrieb seine humorvolle Autobiographie „Journalistenleben“, die zum Bestseller wurde und die er seiner langjährigen Lebensgefährtin Ilse Madaus widmete, die er 1994 kurz vor seiner Krebsdiagnose auf Sylt geheiratet hatte: „Ich habe 50 kriegsfreie Jahre erlebt, das ist schon mal was“. Sabine Christiansen verkündete Deutschland den Tod ihres großen Kollegen.

Seine letzte Ruhe fand er auf dem Friedhof Nienstedten in Hamburg Altona. Anlässlich der Trauerfeier würdigte NDR-Intendant Jobst Ploog Friedrichs als „Vorbild für eine ganze Generation von Journalisten“. Er habe eine im deutschen Fernsehen neue Form der Nachrichtenvermittlung geprägt, sein Stil überragende fachliche Kompetenz mit einem Hauch feiner Ironie verbunden. Nach seinem Ableben gründete seine Frau gemeinsam mit einem guten Dutzend Freunden einen Verein, der alljährlich herausragende und verdiente Fernsehjournalisten auszeichnet. Erster Preisträger des „Hanns-Joachim-Friedrichs-Preis für Fernsehjournalismus“, der seit 2002 mit 5.000 Euro dotiert ist, war 1995 der ARD-Auslandskorrespondent Thomas Roth.

„eingebracht in diesen Kampf“

Doch spätestens seit der Verleihung des Preises 2018 an Anja Reschke, ebenso selbst- wie sendungsbewusste Moderatorin von Panorama und Zapp, weil sie „Haltung ohne Arroganz, Toleranz ohne Beliebigkeit und Stehvermögen ohne Sturheit“ zeige, ist das Image des Preises ramponiert. Denn die 47-jährige fühlt sich eben nicht ausgezeichnet, weil sie sich mit keiner Sache gemein macht, sondern wegen ihrer „Haltung“. In ihrer Dankesrede, auf der Panorama-Seite dokumentiert, erklärt sie allen Ernstes, Friedrichs geflügeltes Wort würde „seit Jahren falsch zitiert“, sein Satz sei „aus dem Zusammenhang gerissen“ worden.

Reschke zur Preisverleihung. Quelle: https://bilder.t-online.de/b/84/86/14/92/id_84861492/610/tid_da/-panorama-moderatorin-anja-reschke-erhaelt-den-hanns-joachim-friedrichs-preis-.jpg

Es sei Friedrichs, so Reschkes These, allein darum gegangen, wie man es schaffe, auch schlimme Meldungen vorzutragen und dabei sachlich zu bleiben. „Es ging in dieser Frage und in der Antwort nicht darum, ob man sich als Journalist neutral verhalten müsse.“ Das müsse man nämlich ganz und gar nicht, so ihre Schlussfolgerung, und so habe es sicher auch Friedrichs gehalten, den sie zwar persönlich nicht mehr kennengelernt habe, der aber „durchaus ein engagierter Mann war“. Natürlich müssten Journalisten, so ihre Schlussfolgerung, korrekt recherchieren und ausgewogen berichten. Dennoch sei nun die Zeit gekommen, sich tatsächlich „gemein (zu) machen mit einer Sache“, und zwar mit „einer guten“. Und diese Sache sei die deutsche Verfassung.

Denn wenn „politische Gruppierungen“ mit „Kampagnen, verbalen Entgleisungen und bewussten Grenzüberschreitungen“ das Grundgesetz anzugreifen versuchen, müssten auch Journalisten sich „mit dem Kampf für das Grundgesetz und die Menschenwürde gemein machen“. Da die Demokratie, die Pressefreiheit, nie so offen infrage gestellt worden sei wie jetzt, hätte sicher auch Hanns Joachim Friedrichs sich eingebracht „in diesen Kampf“, endet sie. Dass sie sich zu wissen anmaßt, ob und wie er sich heute verhalten würde, ist nicht das Problem. Wohl aber, dass ihr gar nicht in den Sinn kommt, ob er vielleicht auch den gleichen Weg gegangen wäre wie etwa Eva Hermann. Das nachträgliche Umdeuten von Äußerungen Verstorbener, die sich dagegen nicht mehr wehren können, hat jedoch hierzulande Tradition.

Die Breitseite kam aber nicht unvorbereitet. Denn schon im legendären Spiegel-Interview sprach Friedrichs auch über Dinge, mit denen er sich sehr wohl gemein gemacht hatte, weil er sie für gut hielt: die SPD und ihre Vordersten. Er hätte es einmal „im Visier gehabt“, Oskar Lafontaines Regierungssprecher zu werden, wenn dieser 1990 Kanzler geworden wäre. Und so plädierte Martin Hoffmann bereits 2011 in einem inzwischen verschwundenen Blog-Beitrag dafür, dass Friedrichs „Objektivitäts-Dogma“ umgewandelt werden sollte in ein „Transparenz-Dogma“. Drei Jahre später ist für Eugen Epp der Journalist als objektive Instanz nicht realistisch „und in letzter Konsequenz womöglich auch gar nicht erstrebenswert“. Moderner, publikumsfreundlicher Journalismus „braucht eine ergebnisoffene Recherche ebenso wie klare Standpunkte“, schrieb er in Message, der Zeitschrift für Journalismus.

Epps Text ist heute noch abrufbar. Quelle: https://www.message-online.com/specials/objektivitaet-im-journalismus-ende-einer-illusion/

Im Mai 2017 zog Anton Sahlender, Leseranwalt der Mainpost, nach: „Medien dürfen sich grundsätzlich mit Sachen oder Entwicklungen gemein machen, wenn sie die (beispielsweise im Sinne unseres Grundgesetzes) für gut halten und sie dürfen sich gegen solche wenden, die sie für schlecht halten.“ Auch der umstrittene Wiener Journalist Armin Wolf sekundierte Reschke und meinte, dass Friedrichs immer wieder Position bezogen habe, etwa zu Wunderbare Welt, die er im Spiegel so beschrieb: „Die Sendung hat eine grüne Botschaft: Wenn der Mensch sich weiter so bemüht, dann kriegt er das auch noch kaputt.“ Und erst recht sekundierte Georg Restle, Chef des ARD-Politmagazins Monitor, in seinem „Plädoyer für einen werteorientierten Journalismus“. So sei im Gegensatz zu dem von ihm konstatierten journalistischen „Neutralitätswahn“ (!) die offengelegte Parteinahme nicht nur wahrhaftiger, sondern auch ehrlicher.

„Axt an die Wurzel der Pressefreiheit“

Damit wird Techniken das Wort geredet wie dem Verschweigen nicht passender oder dem Exponieren erwünschter Details oder Informationen, der Verwendung tendenziell  ab- oder aufwertender Formulierungen oder auch dem häufigeren Ein- oder Nichteinladen politischer Gesprächspartner. „Wer sich so leichthändig und ganz bewusst mit scheinlogischen Begründungen vom journalistischen Handwerk verabschiedet und stattdessen der bevormundenden Haltungsschreiberei das Wort redet, legt damit, zugunsten des eigenen Sendungsbewusstseins, die Axt an die Wurzel der Pressefreiheit“, zürnt Gerhard Strate im Cicero. Er maße sich und der journalistischen Zunft an, zu bestimmen, welche Haltung die einzig „richtige“ wäre. Raymond Unger befand gar drastisch: „Systemtreue Künstler sind wie systemtreue Medien ein Zeichen dafür, dass der Kontrollmechanismus freier Gesellschaften versagt“.

Doch wenn Systemtreue plötzlich als Paradebeispiel für die moralische Selbstbeweihräucherung der Öffentlich-Rechtlichen gleich einem „Helden der Sowjetunion“ erscheint, weil sie Themen mit Meinungen und Meinungen mit moralischen Bewertungen verschmilzt, formiert sich ein Gesinnungsjournalismus, der abweichende Meinungen skandalisiert und jedem den Preis deutlich macht, der für Nonkonformismus zu zahlen wäre. Ein solcher Journalismus ordnet nicht mehr ein und berichtet über Tatsachen, sondern wertet und verurteilt. Und wenn die Zustimmung ausbleibt, sind Haltung und Politik halt nicht richtig erklärt worden. Damit liegt aus Sicht der Reporter der Fehler beim Empfänger der Nachricht, nicht beim Sender. Was für ein Berufsverständnis, das überdies der Bürger finanziert.

N. Wappler. Quelle: https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2019/04/MW-Wappler-Interview_20190425.jpg

Die Ex-MDR-Programmdirektorin Nathalie Wappler hatte als designierte neue SRF-Direktorin in der NZZ am Sonntag eine spezielle Idee, mit dem Problem umzugehen: „Wir müssen ein Programm machen, das informiert, aber nicht polarisiert. Wir müssen keinen Meinungsjournalismus machen. Wenn wir in einem Beitrag einen Politiker zu Wort kommen lassen und wenn der Journalist dann den Eindruck erweckt, er wisse es besser, provoziert das einen Vertrauensverlust.“ Dieser Vertrauensverlust dürfte in Deutschland inzwischen irreparabel sein. Die Beschädigung des Hajo-Friedrichs-Preises war ein Mosaikstein auf dem Weg dahin. Daran ändert auch die Preisvergabe 2019 an die zwei vermeintlich unpolitischen Wissenschaftsjournalisten Mai Thi Nguyen-Kim (WDR) und Harald Lesch (ZDF) nichts. Denn Lesch hatte sich bereits monatelang als AfD-Gegner und Vertreter der Klimalobby positioniert.

Ach, waren das Zeiten, als Skandale beim WDR noch darin bestanden, aus England zu reportieren und in Wirklichkeit im Studio nebenan zu sitzen. So jahrelang geschehen bis November 1984, da der Spiegel enthüllte: Toby Charles, der England-Korrespondent aus der Samstagssendung ​„Sport und Musik“, rief mitnichten von der Insel an, sondern per Ortsgespräch aus den BFBS-Studios in Köln-Marienburg. Was dem Gebührenzahler allerhand Telefongebühren sparte, sorgte damals für Ärger, Beschämung und Schadenfreude. 35 Jahre später wäre der Sender, der 2020 und 2021 den Vorsitz in der ARD innehat, froh über solche Bagatellen, steht er doch seit der „Umweltsau“-Affäre unter permanenter Beobachtung und muss einen Shitstorm nach dem anderen verkraften – „Spektakelpolarisierung“ für den Tübinger Medienprofessor Bernhard Poerksen, der sich im DLF eher „Erkenntnispolarisierung“ wünscht.

So wurde schon während der Proteste gegen die vorgeblich satirische Generationenbeschimpfung bekannt, dass der WDR auch, aber nicht nur wegen der erwarteten Erhöhung des Rundfunkbeitrags mit einer „kritischen Berichterstattung“ rechne und deshalb eine Kommunikationsberatung mit den Schwerpunkten Krisenkommunikation und öffentlich-rechtlicher Rundfunk beauftragt habe. Es habe laut Welt in der Ausschreibung geheißen, dass im Zuge der voraussichtlichen Gebührenerhöhung „auf politischer Ebene intensiv über den Auftrag und die Ausstattung des öffentlichen Rundfunks debattiert“ werden wird. Für die „Identitäts- und Legitimationsfragen des öffentlich-rechtlichen Rundfunks“ solle eine Kommunikationsstrategie entwickelt werden. Nach einer öffentlichen europaweiten Ausschreibung habe die Agentur Media 5 aus München den Zuschlag bekommen. Der abgeschlossene Vertrag unterliege der Vertraulichkeit.

Da alles, was außerhalb der ARD-Sender für sie an Kommunikation kreiert wird, seit dem umstrittenen „Framing“-Manual Elisabeth Wehlings (vgl. zuerst! 04/2019) unter Rechtfertigungszwang steht, wird auch dieser Auftrag beargwöhnt – und das umso mehr, als die WamS von einem „Budget oberhalb einer halben Million Euro“ berichtet. Prompt zitierten die Kritiker aus dem jüngsten Geschäftsbericht des Senders und verwiesen darauf, dass allein Intendant Tom Buhrow ein Jahresgehalt von 406.700 Euro bezieht, wofür weitere 501.000 Euro den Pensionsrückstellungen zugeführt werden müssen. Die komplette Geschäftsführung (6 Mitglieder) des WDR erhält zusammen 1.546.900 Euro + 1.377.000 Pensionsrückstellungen – deren aktueller Barwert liegt bei 10.895.000 Euro.

Tom Buhrow. Quelle: https://www.tagesspiegel.de/images/wdr-loescht-satire-mit-kinderchor-intendant-tom-buhrow/25485176/2-format6001.jpg?inIsFirst=true

Da muss man dem Gebührenzahler eine Erhöhung erstmal erklären können: „Ich schlage eine Beraterfirma vor, die die Kosten unserer Öffentlichen Rechtlichen Sender auf den Prüfstand nimmt und Sparmaßnahmen und Streichungen vorschlägt“, lautet prompt ein Leserkommentar bei Focus. Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff forderte Ende Januar gar, dass der WDR-Intendant nicht mehr als der Bundespräsident verdienen sollte: 214.000 Euro. „Während privat finanzierte Zeitungen auf den Auflagenrückgang mit Sparrunden, Stellenabbau, Fusionen und Einstellungen reagieren müssen, weil sie sonst pleite sind, dampft der GEZ-Koloß mit fröhlich spielender Bordkapelle unbeirrt weiter, spult sein Programm stumpf vor sich leerenden Zuschauerrängen ab, als ob nichts gewesen wäre, und fordert sogar dreist weitere Erhöhungen der Zwangsabgabe“, ärgert sich Dieter Stein in der Jungen Freiheit.

Denn bei dem Umweltsau-Vorfall handele es sich „nicht um den singulären Lapsus einiger inkompetenter WDR-Leute, sondern um die Spitze des Eisbergs, der zeigt, wie man innerhalb des Senders denkt“, erkennt Wolfgang Kaufmann in der Preußischen Allgemeinen. Das belegt nicht zuletzt der Tweet eines weiteren WDR-Mitarbeiters namens Danny Hollek: „Eure Oma war keine #Umweltsau. Stimmt. Sondern eine #Nazisau“. „Man kann den Gedanken für übertrieben halten, aber wenn im Zusammenhang mit der Großeltern-Generation Begriffe wie ‚Umweltsau’ und ‚Nazisau’ benutzt werden, dann erinnert das an ‚Judensau’“, empört sich Andreas Schnadwinkel im Westfalenblatt.

rechte Wut-Kampagne?

Prompt gehen die Zuschauer inzwischen auf die Barrikaden – und werden dafür weiter beschimpft. Deutlich wurde das vor allem an den Berichten der Mainstreammedien zur Demonstration, die aufgebrachte Zuschauer, Omas und andere Betroffene vor dem Funkhaus des WDR in Köln abhielten. Wechselweise wird von „Rechten“ und „Rechtsextremen“ berichtet, die vor dem Sendergebäude ihren Protest zu Protokoll gaben. Während viele Schlagzeilen eine „rechte“ Veranstaltung suggerieren, geben die eigenen Texte der nachfolgenden Berichte in keiner Weise diese Darstellung wieder. Meist wird schon im Vorspann oder zu Beginn des Artikels zugegeben, dass es lediglich um oberflächliche Eindrücke geht, dass es „augenscheinlich“ Rechte waren, dass „eine Gruppe“ nur „höchstwahrscheinlich“ der rechten „Szene zuzuordnen“ sei. Und ob der Anmelder der Demonstration „dem rechten Spektrum“ angehöre, „wisse man aber nicht“. Hier wird ganz klares, lupenreines Framing betrieben, als hätte es diesen ganzen Skandal nie gegeben, und der Eindruck erweckt, der komplette Proteststurm gegen das Video sei eine rechte Wut-Kampagne gewesen.

Demo-Schnappschuss. Quelle: https://philosophia-perennis.com/wp-content/uploads/2020/01/oma-nazisau.png

Dasselbe Framing wurde Tage darauf auch beim nächsten Skandal versucht. Der WDR hatte ein neues Format WDRforyou extra für „Geflüchtete“ auf Facebook und YouTube etabliert. Damit möchte man laut Selbstauskunft „Flüchtlinge, Einwanderer und alle Interessierten, informieren, unterhalten und Deutschland erklären. Im Mittelpunkt unseres Interesses stehen Integration, Migration und die Auswirkungen von modernen Völkerwanderungen.“ Viele Beiträge beschäftigen sich, auch in arabischer Sprache, damit, wie man sich am besten im deutschen Sozialsystem zurechtfindet, Abschiebungen verhindert oder wie eine Einbürgerung vonstattengeht. In einem weiteren Video informiert der Sender auf Deutsch mit arabischen Untertiteln über die Identitäre Bewegung IB und warnt Migranten, dass die IB angeblich gefährlich sei, denn sie fordert, abgelehnte Asylbewerber zurück in ihre Heimat zu bringen. Geltendes Recht als Gefahr zu denunzieren – darauf muss man erstmal kommen.

Und in dem inkriminierten aktuellen Video wird bspw. nicht nur damit geworben, dass hier in Deutschland mittlerweile sehr viele arabisch sprächen, sondern auch die Botschaft verkündet, dass in Deutschland, etwa in Düsseldorf und anderen Städten, noch reichlich Platz für Flüchtlinge sei. Die Amtsleiterin der Düsseldorfer Ausländerbehörde, Miriam Koch, sprach davon, dass die Seenotrettung ihre an Bord genommenen „Passagiere“ nach Deutschland bringen könne und auch für die 40.000 Migranten, die sich momentan in griechischen Lagern befinden, genug Platz in Deutschland sei. Analog dazu könne man sagen: „‚Es gibt zu wenige Missbrauchsopfer’, weil man doch viel zu viele Beratungsstellen eingerichtet hat – oder: ‚Es gibt zu wenig vergewaltigte Frauen’, weil man eine ganze Schar Psychologen ausgebildet hat, die diese betreuen sollen und nun auf Patienten warten“, empört sich der Theologe David Berger auf seinem Blog. „Na dann soll diese neue Zielgruppe doch die GEZ Gebühren künftig bezahlen“, befindet ein Facebook-Kommentar. „Ich finanziere Sendungen, die ich nicht lesen und verstehen kann“, ein weiterer.

„werteorientierter Journalismus“

Höhepunkt der Ereigniskette nach dem deutschrassistischen Handball-Skandal (vgl. zuerst! 03/2020) waren dann Ende Januar zwei Focus-Berichte, wonach das Magazin Monitor, das der sattsam bekannte Georg Restle leitet, einen Zeugen gekauft und ihn zu falschen Aussagen angestiftet haben soll. Die Geschichte dahinter ist kompliziert: der 26jährige Syrer Amed A. wurde von der Polizei NRW auf Grund einer Fahndungspanne fälschlicherweise für einen Dieb aus Mali gehalten, der von der Hamburger Staatsanwaltschaft gesucht wurde, weshalb er in der JVA Kleve zwei kurze Haftstrafen für Taten absitzen musste, die er nie begangen hatte – diese schwere Justizpanne klärt ein parlamentarischer Untersuchungsausschuss im Düsseldorfer Landtag. Am 17. September 2018 kam er bei einem mutmaßlich selbst gelegten Zellenbrand ums Leben.

Georg Restle. Quelle: https://www.dwdl.de/images/1532685414_georg-restle.jpg

Um zu beweisen, dass die Justiz möglicherweise eine Mitschuld an dem tragischen Tod des Syrers trifft, der wegen Gewalt-, Drogen- und sexueller Delikte selbst als „Problemfall“ galt, hatte das WDR-Magazin mit Jan-Hendrik H. gesprochen, der damals ebenfalls in dem Gefängnis einsaß, und ihm für das Interview 300 Euro gegeben. Wie es zwischen dem Zeugen und dem WDR abgelaufen sein soll, dokumentieren staatsanwaltschaftliche Vermerke und Vernehmungsprotokolle vom 10. Dezember 2018, die dem Focus vorliegen. Denn vier Tage zuvor trat Jan-Hendrik H. im ausgestrahlten Beitrag als Belastungszeuge gegen die Justiz für den TV-Sender auf: Knackpunkt war die Zeitangabe, wann der Brand ausbrach, wann er bemerkt wurde und wann die JVA-Vollzugsbeamten wie reagierten. Der Zeuge sagt der Justiz nun andere Uhrzeiten als er gegenüber dem Sender angab.

Als der Vernehmungsbeamte nachhakt und sich über die zeitliche Diskrepanz zwischen seinen Aussagen wundert, bricht es aus dem damals 22jährigen heraus: „Die haben die Aufnahme immer wieder neu gemacht mit verschiedenen Formulierungen. Ich denke mal das liegt daran, dass die die ganze Zeit auf mich eingeredet haben“, wird er in dem Protokoll zitiert. Die Sendung entspreche nicht den Tatsachen. „Ich bin echt sauer auf die…“ Auf die Frage, ob man ihm die Antworten in den Mund gelegt habe, erwidert der junge Ex-Häftling: „Ja, die haben mich mit ihren Ergebnissen konfrontiert und dann wurden die Sätze immer wieder neu formuliert und ich musste immer wieder verschiedene Sätze ins Mikrofon sprechen.“

Monitor hat diese Vorwürfe gegenüber Focus zurückgewiesen. Damit steht Aussage gegen Aussage, Fernsehbeitrag gegen Vernehmungsprotokoll. Am letzten Januar-Samstag nun widmete sich das WDR-Magazin Westpol erneut der Panne, die zur polizeilichen Verwechslung von Amed A. führte: Nach wie vor stehe eine „Vertuschung wegen ausländerfeindlicher Motive“ im Raum, behauptete eine „Westpol“-Sprecherin. Eine externe IT-Expertin, die ein „Portal über Polizeibehörden und ihre Informationssysteme“ betreibt, behauptete in diesem neuen Beitrag, dass die Polizei die Personalien in den Fahndungssystemen „Inpol“ und „Viva“ drei Tage nach der Verhaftung manipuliert habe.

JVA Lleve. Quelle: https://www1.wdr.de/unternehmen/der-wdr/unternehmen/anschuldigungen-focus-monitor-bild-104~_v-gseapremiumxl.jpg

Dies würde bedeuten, dass die Beamten alles daran gesetzt haben, den syrischen Flüchtling weiterhin in Haft zu halten, obschon man wusste, dass Amed A. unschuldig war. Als Zuschauer drängte sich der Eindruck auf, da sei ein rassistischer Polizeizirkel am Werk gewesen. Restle übrigens hatte in einem „Plädoyer für einen werteorientierten Journalismus“ eine offengelegte Parteinahme nicht nur wahrhaftiger, sondern auch ehrlicher befunden – im Gegensatz zu einem von ihm konstatierten journalistischen „Neutralitätswahn“ (!). Der AfD-Medienpolitiker Thomas Ehrhorn MdB forderte vom WDR personelle Konsequenzen.

„Programmkürzungen? Her damit!“

Skandal als Programm, ist man mit Kaufmanns „Eisberg“-Perspektive beim Blick auf die WDR-Programmgeschichte fast versucht zu bilanzieren. Seit den 60er Jahren fühlten sich etwa Bundeswehr oder Abtreibungsgegner durch den Sender angegriffen. „Sowjetzonale Zersetzungspropaganda“, soll 1963 Verteidigungsminister Kai-Uwe von Hassel (CDU) getobt haben. In den 1970ern kam es öfter vor, dass Interviewpartner in Live-Interviews zu viel Verständnis für die Rote Armee Fraktion zeigten. Der Kölner Kabarettist Jürgen Becker nannte in der Kölner Stunksitzung einmal Erzbischof Joachim Meisner „Sakralstalinist“. Schnell hatte der WDR seinen Ruf als „Rotfunk“ weg. Tom Buhrow verspricht heute dagegen, dass die ARD alles dafür tun werde, „dass Deutschland kein Land der Echokammern wird, sondern eine Herzkammer der Demokratie in Europa und in der Welt bleibt.“

Jürgen Becker. Quelle: https://www.morgenweb.de/cms_media/module_img/273/136686_1_nocroparticledetail_img_00504595.jpg

Doch zwei jüngere Skandale von 2017 deuteten weitere Beweise für die Zustände beim Sender an. Zum einen konfrontierte der WDR im neuen 1Live-Videoformat „Ausgepackt“ eine Lesbe unkommentiert mit einer religiösen Homohasserin, die der Meinung war, dass Homosexualität eine Sünde ist und eine Krankheit, die man nicht ausleben müsse – ein rotgrüner Aufschrei war die Folge. Und er wollte zum anderen wegen angeblicher „formaler Mängel“ die gemeinsam mit Arte produzierte Antisemitismus-Dokumentation „Auserwählt und ausgegrenzt – Der Hass auf Juden in Europa“ ungesendet in der Versenkung verschwinden lassen – der Beitrag zeigte unter anderem, dass die Muslime die hauptsächlichen Träger des heutigen Antisemitismus auf unserem Kontinent sind. Hier nun war der Aufschrei von bürgerlich-konservativer Seite zu vernehmen.

Die Vorwürfe sexueller Belästigung gegen fünf Mitarbeiter im Frühjahr 2018, die zu zwei Suspendierungen führten, waren da nur der i-Punkt. Angesichts all dieser Umstände stellte am 20. Februar die Kommission zur Ermittlung des Finanzbedarfs der Rundfunkanstalten (KEF) ihr Gutachten zum Finanzbedarf der Sender vor. Dazu gab es ein Vorspiel: nach dem absurden Wahldebakel zum Thüringer Ministerpräsidenten sei die Angst umgegangen, so Boris Reitschuster auf Facebook, dass Thomas Kemmerichs (FDP) Veto genügt hätte, um die Gebührenerhöhung zu verhindern. Die vorgeschlagene Erhöhung um 86 Cent auf 18,36 Euro ab 2021, die jetzt beschlossen werden dürfte, ist den Intendanten aber nicht genug: Sie drohen mit Programmkürzungen. Susanne Baumstark gab auf achgut die beste Antwort: „Öffentlich-Rechtliche drohen mit Programmkürzungen. Her damit!“

Das Zeugnis vom Tübinger Stift bescheinigt ihm 1793 musterknabenhafte Qualitäten: „Gute Gesundheit, Größe über den Durchschnitt, angenehme Sprache, gefällige Gestik, gute Begabung, ausgeprägtes Urteilsvermögen, zuverlässiges Gedächtnis, leicht lesbare Schrift, gutes Betragen, anerkennenswerter Fleiß, reichliche Mittel.“ Später war es mit der Lesbarkeit seiner Schrift aber ein eigen Ding: bis heute konkurrieren vier Ausgaben mit zum Teil erheblich voneinander abweichenden Versionen seiner Texte.

Mit denen, die ihm der junge Kollege 1797 zur Prüfung vorlegt, kann Goethe wenig bis gar nichts anfangen. Zu einem huldvollen Rat reicht es jedoch allemal. Goethe empfiehlt seinem verschreckten Besucher, künftig „kleine Gedichte zu machen und sich zu jedem einen menschlich interessanten Gegenstand zu wählen.“ Mit anderen Worten: durchgefallen! Zu ehrgeizig, zu pompös, zu verstiegen. Auch Schiller, der den Landsmann zunächst fördert, ist von der Lyrik seines Bewunderers nicht angetan. Er nennt sie „subjektivistisch“, „überspannt“, „einseitig“, beklagt „ihren idealischen Hang“ und fürchtet, dass auch dieses „brave Talent“ wie so viele andere verloren gehen könnte.

Hölderlin. Quelle: Franz Carl Hiemer – Zeno.org, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=6523184

Und irgendwie ging er ja auch verloren: weder der Weimarer Klassik noch der Romantik zuzuordnen, wurde er 1806 als Geisteskranker in die Klinik Tübingens eingewiesen und im Jahr darauf als unheilbar entlassen – obwohl ihm nach der Obduktion des Kopfes ein „sehr vollkommenes und schön gebautes Gehirn“ bescheinigt wurde. Bis zu seinem Tode lebte der Dichter 36 Jahre lang in einem umgebauten Stadtturm, gepflegt vom Tischler Zimmer, später von dessen Tochter Lotte. Manchmal schrieb er noch und unterzeichnete mit „Scardanelli“: Johann Christian Friedrich Hölderlin.

„Die Liebe ist ein Fest“

Geboren wurde er am 20. März 1770 in Lauffen am Neckar. Er war zwei, als sein Vater, der Klosterhofmeister, starb, vier, als die Mutter wieder heiratete und dem neuen Mann nach Nürtingen folgte. Der Stiefvater, ein dem Leben zugewandter, dynamischer Weinhändler und späterer Bürgermeister, war Hölderlin ein liebevoller zweiter Vater. Allein auch dieser starb jung – kurz vor Hölderlins neuntem Geburtstag. Erzogen wurden Friedrich, die Schwester Heinrika und Halbbruder Karl durch Mutter und Großmutter – ein überaus „modern“ anmutendes Schicksal. Zwischen 1784 und 1788 besuchte Hölderlin die niedere Klosterschule in Denkendorf, dann die höhere in Maulbronn. „Der Mutter Haus“ in der Nürtinger Neckarsteige blieb auch während der Studienjahre Aufenthalt für die Ferien und in den darauf folgenden Jahren immer wieder Zufluchtsort für Hölderlin, der um seine Stellung in der Gesellschaft rang.

Im Oktober 1788 nahm Hölderlin das Studium der Theologie am Tübinger Stift auf. Seine Hochbegabung und sein Fleiß als Klosterschüler zahlten sich aus. Auch seine Kommilitonen waren, aus heutiger Sicht, Hochbegabte: Georg Wilhelm Friedrich Hegel und Friedrich Wilhelm Joseph Schelling, die als Philosophen zu bahnbrechenden Theoretikern des Deutschen Idealismus wurden. Gemeinsam mit zwei älteren Studenten gründete er im März 1790 einen Dichterbund als ästhetische Gegenwelt zum Stiftsalltag. Man las Klopstock, Schubart, Goethe und Schiller; man schrieb selbst Gedichte, trug sie einander vor und kritisierte sich gegenseitig. Oft besungen wurde die Freundschaft. In Stäudlins „Musenalmanach fürs Jahr 1792“ wurden erstmals Gedichte von Hölderlin veröffentlicht.

Da er sich weigerte, eine kirchliche Laufbahn einzuschlagen, war er zunächst als Hauslehrer für Kinder wohlhabender Familien tätig, so 1793/94 bei Charlotte von Kalb in Waltershausen, wo er mit einer Hausangestellten ein Kind gehabt haben soll. 1794 besuchte er die Universität Jena, um dort Vorlesungen von Johann Gottlieb Fichte zu hören, und lernte während dieses Aufenthaltes neben Goethe und dem von ihm besonders verehrten Schiller auch Novalis und Isaac von Sinclair kennen, mit dem ihn eine lebenslange Freundschaft verbinden wird. Im Mai 1795 verließ Hölderlin die Universitätsstadt fluchtartig, weil er glaubte, sein großes Vorbild Schiller enttäuscht zu haben, und wurde im Januar 1796 Hauslehrer beim Frankfurter Bankier Jakob Gontard.

Susettes Büste von Landolin Ohmacht. Quelle: https://www.liebieghaus.de/sites/default/files/media/image/sammlung_neuzeit_buestesusettegontard_ohmacht_6_0.jpg

Wie schnell der ledige, muttergeprägte Poet sich nun in Gontards Frau Susette verliebte, ist unklar; heftig war es in jedem Fall: „Lange tot und tiefverschlossen / Grüßt mein Herz die schöne Welt“, jubelt er in einem Gedicht. In einem Brief schrieb er: „Majestät und Zärtlichkeit, und Fröhlichkeit und Ernst, und süßes Spiel und hohe Trauer und Leben und Geist, alles ist in und an ihr zu Einem göttlichen ganzen vereint.“ Über die Natur des innigen Verhältnisses mit der vierfachen Mutter rätseln viele Biographen bis heute. Pierre Bertaux schreibt nach Ausbreitung einiger Dokumente: „Wer da noch an eine ‚platonische Liebe‘ … glauben will … dem sei es nicht verwehrt.” Dagegen Irma Hildebrand: „…dieses beglückende Zusammensein, ist … nicht von dieser Welt, es haben sich zwei Seelen, nicht zwei Körper gefunden.“ „Die Liebe ist ein Fest – es muss nicht nur vorbereitet, sondern auch gefeiert werden“, so Susette selbst in einem Brief.

„Er will die absolute Dichtung“

Ein Sommer ungetrübten, vollkommenen Glücks in dem westfälischen Städtchen Bad Driburg wird beiden geschenkt: Susettes Ehemann hat sie dorthin vor den napoleoni-schen Truppen in Sicherheit gebracht und hält selbst in Frankfurt die Stellung. Wieder zurückgekehrt, muss Hölderlin den Bediensteten spielen und Susette ihren Familien- und Repräsentationspflichten nachkommen. Anfangs kann er die Anspannung produktiv nutzen. Als „Diotima“, eine Figur, die einst Platon als Verkörperung des „lehrenden Eros“ in die Weltliteratur eingeführt hatte, besingt er die Geliebte in Gedichten („Herz! an deine Himmelstöne / Ist gewohnt das meine nicht“) und beginnt den „Hyperion“. 

Hyperion-Cover. Quelle: https://bilder.buecher.de/produkte/44/44520/44520229z.jpg

In dem Briefroman thematisiert er den Kampf des Helden um die Befreiung Griechenlands von der osmanischen Herrschaft und die Rolle seiner Geliebten, die er wiederum Diotima nennt. Sie liebt Hyperion und ermutigt ihn als Verkörperung seines Ideals voll-endeter Schönheit zugleich zur Ablösung von einseitiger Bindung an konkrete Einzelerscheinungen, um den Weg in eine höhere Dimension zu finden – sonst könne er seine Lebensaufgabe nicht erfüllen. Nach ihrem Tod, an dem er Mitschuld trägt, muss er sein Leben neu gestalten und findet Frieden in der Natur.

Griechenland wird im Folgenden zum zentralen Topos seines gesamten Werkes, zur geschichtsphilosophischen Utopie, denn nicht das reale Griechenland, das Hölderlin nie besucht hat, ist gemeint. Griechenland steht vielmehr für die Sehnsucht nach einem von Harmonie, Freiheit und Schönheit bestimmten ganzheitlichen Leben ohne die moderne Vereinzelung des Individuums. In seinen ab 1797 entstandenen Oden und Elegien orientiert sich Hölderlin auch formal an der Antike: Seine Oden dichtet er nach den strengen asklepiadeischen und alkäischen Odenmaßen, in seinen Elegien benutzt er das Distichon, das klassische elegische Versmaß.

Inhaltlich evoziert er ein Spannungsverhältnis zwischen einem harmonischen griechischen Weltzustand und der von Göttern verlassenen Gegenwart. Später kreist nicht nur sein episches und lyrisches, sondern auch sein dramatisches Werk (das Fragment „Der Tod des Empedokles“) in zunehmend verschlüsselterer Sprache um die Polarität von Griechenland und Gegenwart. Dabei mischen sich in seine Texte immer stärker Enttäuschung über die eigene Dichtung und Zweifel an seiner Rolle als „Verkünder“: „Er will die absolute Dichtung. Den absoluten, alles erneuernden Gesang. Einen Gesang, der den Riss in der Schöpfung heilt, die Entfremdung zwischen Menschen und Göttern aufhebt, der die im Geschichts- und Kulturprozess verlorene Ureinheit von Geist und Natur, Welt und Mensch neu gründet“, befindet Simon Demmelhuber im BR.

„gestohlene Momente geheimer Lust“

Im September 1798 wird das Verhältnis ruchbar, Jakob Gontard erteilt ihm Hausverbot. Hölderlin flieht ins benachbarte Homburg zu Sinclair. Es beginnt ein verzweifeltes und entwürdigendes Ringen der beiden Liebenden um Kontaktmöglichkeiten. Zunächst sind noch einige heimliche Treffen möglich, danach reicht es nur noch zum verängstigten Austausch von Briefen durch eine Hecke – Susette ist dauernd unter Beobachtung und kann sich keine Unregelmäßigkeiten erlauben. „So lieben wie ich Dich, wird Dich nichts mehr, so lieben wie Du mich, wirst Du nichts mehr“, schrieb sie ahnungsvoll.

Szenenbilder beider deutscher Hölderlin-Filme. Quelle: eigene Darstellung

Manche Biographen mutmaßen, er habe mit seinem schwärmerischen Überschwang die bis dahin verborgenen Gefühle einer empfindsamen Seele geweckt, und wissen von „gestohlenen Momenten geheimer Lust“. „Drei Stunden soll er für die Strecke von Bad Homburg nach Frankfurt gebraucht haben. Jeden ersten Donnerstag im Monat, so war es verabredet, machte er sich auf den Weg, zu fast noch nachtschlafender Zeit, denn wenn die Kirchturmglocken zehn Uhr schlugen, wollten sie sich sehen“, beschreibt Freddy Langer in der FAZ den Zustand, der beiden unerträglich ist – ihm zumal, weil er am selben Tag wieder zurück muss. Auf dem „Hölderlin-Pfad“, einem ausgeschilderten Regionalparkweg, kann man die Strecke seit 2008 nachwandern – 22 Kilometer hin, 22 Kilometer retour.

„Du bist unvergänglich in mir“

Nach zwei Jahren dann die endgültige Trennung, die noch unerträglicher ist und beide als gebrochene Menschen hinterlässt: „…denn die Hoffnung hält uns allein im Leben … Lebe wohl! Lebe wohl! Du bist unvergänglich in mir! und bleibst so lang ich bleibe“, schreibt Susette im Mai 1800. Im Jahr darauf nimmt Hölderlin eine Hauslehrerstelle in der Schweiz an, wird gekündigt und findet 1802 eine ähnliche Tätigkeit in Bordeaux. Im Juni reist er aus unbekannten Gründen zurück nach Deutschland, in angeblich so verwahrlostem und verwirrtem Zustand, dass Freunde ihn zunächst kaum wiedererkenn-en, als er Ende des Monats in Stuttgart eintrifft.

Spätestens hier muss ihn die Nachricht vom Tod der lungenkranken Susette erreicht haben, die sich seit der Trennung dem Leben verweigert haben soll und am 22. Juni 1802 in Frankfurt an den Röteln ihrer Kinder starb. Aber die Ereignisse dieses Monats sind in Hölderlins Leben bis heute unklar und werden von den Biographen auch verschieden beschrieben – einzig belegt ist gemäß dem Eintrag in seinem Pass, dass er am 7. Juni 1802 die Rheinbrücke bei Kehl überquerte. Was seitdem bis zu seiner Ankunft in Stuttgart geschah, liegt im Dunkeln und bietet Raum für viele Spekulationen. In den beiden deutschen Filmen „Hälfte des Lebens“ (1985, DDR) und „Feuerreiter“ (1997, BRD) hat er die tote Susette noch einmal in den Armen gehalten.

Hölderlin kehrt zurück nach Nürtingen, stürzt sich in Arbeit, übersetzt Sophokles und Pindar, beginnt einen großangelegten Zyklus vaterländischer Gesänge (u.a. „Der Rhein“). Und er schreibt noch manches Gedicht wie die Elegie „Brot und Wein“: „So komm! Dass wir das Offene schauen, / Dass ein Eigenes wir suchen, so weit es auch ist“ – dieser Wunsch blieb ihm ewig versagt, zumal mit Susette. Sein Freund Sinclair, der inzwischen Hessen-Homburger Regierungschef geworden war, verschafft ihm 1804 eine Stelle als Hofbibliothekar; das Gehalt zahlt Sinclair aus eigener Tasche. Für den Homburger Landgrafen Friedrich V. entstand unter anderem der Gesang „Patmos“. Doch er spürt offenbar, dass sich sein Leben wandeln wird, und schleudert „Hälfte des Lebens“ aufs Papier, die laut Rüdiger Görner „wohl am intensivsten interpretierten vierzehn Zeilen deutschsprachiger Lyrik“. Das Gedicht wurde vielfach vertont und in zahlreiche Sprachen übersetzt.

Das Gedicht im Taschenbuch für das Jahr 1805. Quelle: Von Friedrich Hölderlin – hoelderlin.de, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=3351330

Als Sinclair 1805 wegen Hochverrats verhaftet und auch gegen den angeblich verwickelten „württembergischen Untertanen“ Hölderlin ermittelt wurde, bricht der seit der Jahrhundertwende als Hypochonder eingeschätzte Dichter zusammen. Zwar verlaufen die Vorwürfe im Sand, doch ein Gutachten eines Homburger Arztes vom April 1805 besagt, Hölderlin sei zerrüttet und sein Wahnsinn in Raserei übergegangen. Im August 1806 schrieb Sinclair an Hölderlins Mutter, er könne für seinen Freund nicht mehr sorgen.

Am 11. September 1806 wurde Hölderlin mit Gewalt von Homburg nach Tübingen ins Universitätsklinikum gebracht und galt von diesem Zeitpunkt an seinen Zeitgenossen als wahnsinnig. Nach einer 231-tägigen Zwangsbehandlung, mit deren Durchführung der Medizinstudent und spätere Dichter Justinus Kerner beauftragt wurde, folgte dann im Mai 1807 der Umzug ins Turmstübchen der Tischlerfamilie Zimmer, die vor allem seinen „Hyperion“ bewunderte. Hier lebte er bis zum 7. Juni 1843 – übrigens auch das Todesjahr Jakob Friedrich Gontards, der nicht wieder heiratete und 41 Jahre Witwer blieb. Von einem „vollständigen Rückzug auf die eigene, verworrene Innenwelt“ weiß sein Biograph Martin Glaubrecht.

„bis an die Grenzen der sagbaren Welt“

Hölderlin schrieb noch gelegentlich, spielte Klavier und genoss die Besuche des ihn verehrenden Dichters Wilhelm Waiblinger. Dem ist auch die erste romantische Stilisierung des kranken Hölderlin zu verdanken. Als Wahnsinniger tritt er in Eduard Mörikes Roman „Maler Nolten“ auf, als wahnsinniger „Freund Holder“ in Justinus Kerners „Reiseschatten“. 1826 erfolgte die Publikation einer ersten Werksammlung durch Gustav Schwab und Ludwig Uhland, jedoch ohne direkte Mitwirkung Hölderlins an der Herausgabe.

Zwischen 1829 und 1837 wurde der Dichter als „Tübinger Attraktion“ zunehmend Opfer zahlreicher, von ihm nicht selten als störend empfundener Besuche von Fremden und Reisenden. Insbesondere diesen Fremden gegenüber verhielt er sich oftmals sehr befremdlich und in geradezu schauspielerischer Weise „verrückt“. In einem Gedichtfragment heißt es: „Ach! wehe mir! / Es waren schöne Tage. Aber / Traurige Dämmerung folgte nachher“. Hölderlins Werk wurde von der zweiten Generation der Romantiker (Brentano, Schwab, Uhland) geliebt, geriet im weiteren Verlauf des 19. Jahrhunderts aber mehr und mehr in Vergessenheit. Erst um die Jahrhundertwende besann man sich im Umkreis Stefan Georges – in eher mystifizierender Weise – auf den „großen Seher für sein volk“ (George); aber auch Nietzsche hatte ihn hoch geschätzt.

Hölderlin-Turm. Quelle: https://www.swr.de/swraktuell/baden-wuerttemberg/tuebingen/Der-Hoelderlinturm-am-Tuebinger-Neckar,1562592039140,bildergalerie-tuebingen-hoelderlin-100~v-16×9@2dL-6c42aff4e68b43c7868c3240d3ebfa29867457da.jpg

Abseits einer eher konservativen Hölderlin-Rezeption – die Ode „Der Tod fürs Vaterland“ war während der beiden Weltkriege besonders populär – haben sich auch dezidiert Linke wie Georg Lukács und Peter Weiss oder Anarchisten wie Gustav Landauer mit ihm befasst. In der neueren deutschen Lyrik finden sich viele Beispiele einer produktiven Auseinandersetzung, so die mittlerweile zu modernen Klassikern gewordenen Gedichte „Latrine“ von Günter Eich, „Variation auf ‚Gesang des Deutschen‘ von Friedrich Hölderlin“ von Peter Rühmkorf, „Hölderlin in Tübingen“ von Johannes Bobrowski und „Tübingen, Jänner“ von Paul Celan. Obwohl Hölderlins hymnischer Stil in der deutschen Literatur einmalig geblieben ist, hat seine prägnante und häufig fragmentarische Lyrik auch Heym, Trakl oder Bachmann beeinflusst. Brechts Bearbeitung der „Antigone“ des Sophokles beruht auf Hölderlins Übertragung.

Bis heute frappieren an diesem ruhelosen Sucher vor allem zwei Dinge. Zum einen der Versuch, die Antike als Ideenlabor für die Vision und Verkündigung einer umfassenden Erneuerung der politischen, gesellschaftlichen, kulturellen, ästhetischen und künstlerischen Verhältnisse zu benutzen. Angesteckt von den Idealen der Französischen Revolution träumt er von einer Zukunft ohne Staatlichkeit, ohne Unterdrückung und Bevormundung. Zum anderen die Wucht und Geschmeidigkeit der oft kaskadenhaft rhythmisierten rauschenden Sprache bis ins Textbild hinein. Einen „herzwilden, daseinsfrommen Klang“ erkennt Demmelhuber und das „Gefühl, als gehe es in jeder Zeile, mit jedem Wort um Leben und Tod, um absolut alles, um einen kühnen Aufbruch bis an die Grenzen der sagbaren Welt und darüber hinaus.“ Für diesen Aufbruch sollten wir, die offenbar nicht mehr aufbrechen können und wollen, dem posthum vielfach geehrten Genius heute noch dankbar sein.

Alt-Kanzler Helmut Schmidt (SPD) bekam sich in seinen Erinnerungen kaum ein: „Bei der Lektüre der Selbstbetrachtungen des Mark Aurel hatte ich jedoch zum ersten Mal das Gefühl, dass dieses Buch ein für mein weiteres Leben richtungsweisendes Buch werden würde. Meine unmittelbare Empfindung war: So will ich auch werden. Einige Jahre später habe ich das Buch mit in den Krieg genommen. Vor allem die beiden Tugenden, die Mark Aurel in den Mittelpunkt seiner Betrachtungen rückt, sprachen mich auf der Stelle an: die innere Gelassenheit und die bedingungslose Pflichterfüllung. Wobei ich damals allerdings noch nicht so weit war, zwischen dem Prinzip der Pflichterfüllung und der Pflicht selbst zu unterscheiden.“ Der so Gewürdigte starb am 17. März 180 gerade 58jährig in Vindobona (Wien) an einer Seuche.

Er war zwei Jahrzehnte zuvor Kaiser geworden – wie seine Amtsvorgänger durch Adoption. In den knapp zwanzig Jahren seiner Herrschaft hat er manches wieder eingeführt, was seine Vorgänger abgeschafft hatten, etwa die Sklavenfolter. Er nahm die Christenverfolgung wieder auf und begann nach fünfzig Friedensjahren, zur Festigung des Reiches erneut massiv Kriege zu führen. Seine wichtigste Aufgabe sah er in der Abwehr der Barbaren im Nordosten und in Kleinasien. So verbrachte Mark Aurel sein letztes Lebensjahrzehnt vorwiegend im Feldlager und verfasste hier die „Selbstbetrachtungen“, die ihn der Nachwelt als Philosophenkaiser überliefert haben und von manchen der Weltliteratur zugerechnet werden.

Mark Aurel. Quelle: Bibi Saint-Pol, own work, 2007-02-08, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=84488018

Geboren wurde Marcus Aelius Aurelius Verus am 26. April 121 in Rom, wo er eine behütete Kindheit verbrachte. Seine beiden Großväter waren Konsuln, die Schwester seines Vaters war mit Kaiser Antoninus Pius verheiratet. Als er acht Jahre alt war, starb sein Vater. Der junge, wahrheitsliebende und sehr ernsthafte Marc Aurel fiel bereits Kaiser Hadrian auf, der seine Erziehung überwachte und ihn unterrichten ließ. In Rhetorik etwa von Marcus Cornelius Fronto, mit dem er einen regen, teilweise erhaltenen  Briefwechsel führte. Unter seinen Lehrern war auch Junius Rusticus, der ihn mit der stoischen Philosophie bekannt machte. Seitdem lebte Marc Aurel nach dieser Lehre, nächtigte schon als Zwölfjähriger auf unbequemer Bretterunterlage, nur durch ein von der Mutter noch mit Mühe verordnetes Tierfell gepolstert.

Sicherer Blick für Stellenbesetzungen

136 wurde er von Hadrian adoptiert und als sein Nachfolger vorgesehen. Zwei Jahre später, nach Hadrians Tod, begann der zum Kaiser erhobene Antoninus Pius schon bald, einen Teil seiner Aufgaben an den 17jährigen abzugeben. Bereits im Jahr darauf wurde Marc Aurel Caesar, 140 Konsul. Nach einer ersten, wieder gelösten Verlobung heiratete er 145 Faustina, die Tochter des Kaisers. Aus dieser Ehe gingen insgesamt 13 Kinder hervor, die in der Mehrzahl allerdings noch im Kindesalter starben. Durch die Adoptivverbindung war Kaiser Antonius zugleich Schwiegervater und Adoptivvater. Er war ihm ein Vorbild als Herrscher, Marc Aurel bewunderte hauptsächlich seine Mildtätigkeit gegenüber dem Volk und seine Ausdauer, aber auch seine Haltung gegenüber der Masse, aus der er sich nicht prunkhaft heraushob.

Im Jahr 146 wurden ihm die tribunizische Amtsgewalt und die Befehlsgewalt über die Grenzlegionen verliehen. Bis zum Antritt der eigenen Herrschaft 161 konnte er sich umfassend auf die Anforderungen des Amtes einstellen, sich in die Verwaltungsstrukturen des Römischen Reiches einarbeiten und alle wichtigen Bewerber und Inhaber einflussreicher Ämter kennenlernen. Er erlangte dabei angeblich einen so sicheren Blick für die menschliche und aufgabenbezogene Eignung der Amtsträger und Postenkandidaten, dass Antoninus Pius sich schließlich in allen Stellenbesetzungsfragen auf das Urteil des Marcus gestützt haben soll.

Auf Drängen Marc Aurels erhielt auch sein Adoptivbruder Lucius vom Senat die Titel  ‚Caesar‘ und ‚Augustus‘ verliehen. Da auch die Prätorianer nichts gegen eine Doppelherrschaft einzuwenden hatten, wurden Marc Aurel und Lucius Verus gemeinsam zum Imperator ausgerufen. Unter den beiden Herrschern behielt Marc Aurel die Führungsposition. Mit der Ernennung von Lucius Verus, der 164 auch noch sein Schwiegersohn wurde, hatte er die Möglichkeit einer späteren Usurpation verhindert und einen ergebenen Helfer bei seinen Regierungsgeschäften gewonnen, zumal als Leiter wichtiger Militäroperationen: Durch die lange kampflose Zeit hatte das römische Heer an Schlag- und Widerstandskraft verloren. Beide standen einer im Vergleich zu den vorhergehenden Friedensjahrzehnten veränderten Situation gegenüber, als 162 – 166 die Parther die Ostgrenze des Römischen Reiches in Frage stellten und von 168 an die Germanen im Donauraum die Nordgrenze – die „Markomannenkriege“ dauerten über Marc Aurels Tod hinaus.

Mark und sein Sohn Commodus ziehen mit gefangen genommenen Quaden und Markomannen in Vindobona ein. Quelle: [http://www.bildarchivaustria.at/Pages/ImageDetail.aspx?p_iBildID=14822714 ÖNB, Bildarchiv Austria, Pk 783a, 10]

Innere Belastungen ergaben sich aus einer verheerenden Tiberüberschwemmung bereits in der Anfangsphase der Regierungszeit Mark Aurels und aus einer Pestepidemie, der sog. „Antoninischen Pest“, die an 166 nahezu das ganze Römische Reich, auch die dicht besiedelte Hauptstadt Rom heimsuchte und über 24 Jahre wütete. Allerdings handelte es sich bei der Seuche nach neueren Forschungen nicht um die Pest im medizinischen Sinne, sondern um einen besonders virulenten Stamm entweder der Pocken oder der Masern. Lucius Verus fiel ihr 169 zum Opfer, auch Marc Aurels Tod selbst könnte auf sie zurückzuführen sein.

Stärkung der Benachteiligten

In seine Regierungszeit fielen erste Anzeichen einer aufkommenden Krise des Römischen Reiches. Von seiner Glanzzeit hatte nur die schmale Oberschicht, das heißt rund 1% der 60 Millionen umfassenden Gesamtbevölkerung, tatsächlich profitiert: Senatoren, Ritter, lokale und provinziale Eliten (Dekurionen) und Beamte, die an das Kaisertum gebunden waren. Ein sozialer Aufstieg war nur beim Militär möglich, eine Mittelschicht gab es nicht. Große Bevölkerungsgruppen wie etwa die Landbewohner (plebs rustica) profitierten wenig oder gar nicht von der wirtschaftlichen Blüte, ganze Landstriche waren verarmt.

Sein Regierungshandeln konzentrierte Mark Aurel auf die inneren Strukturen des Römischen Reiches, vor allem auf die Situation der Schwachen und Benachteiligten wie  Sklaven, Frauen und Kindern. Mehr als die Hälfte seiner überlieferten Gesetzgebungsakte zielten auf die Verbesserung der Rechtsstellung und die Freiheitsfähigkeit dieser Bevölkerungsgruppen. In gleicher Richtung hat er auch als oberstes Rechtsprechungsorgan des Reiches gewirkt: er erhöhte die Anzahl der Gerichtstage pro Jahr auf 230 Tage für Verhandlungen und Schlichtungstermine. Als er gegen die Germanen ins Feld zog, setzte er seine richterliche Tätigkeit vor Ort fort; die Prozessbeteiligten musste zur Verhandlung im Feldlager anreisen.

Mit dem Ausbleiben größerer Kriege ging auch die Zahl der Sklaven zurück, so dass es vielen Landgütern an Arbeitskräften fehlte und weniger Steuereinnahmen zu verzeichnen waren. Andererseits wurde die Staatskasse durch die hohen Ausgaben für die Erstellung von Repräsentationsbauten belastet sowie durch das Gewohnheitsrecht, die „plebs urbana“, die Bevölkerung der Stadt Rom, mit Getreidelieferungen und Lustbarkeiten (panem et circensis) zu versorgen. Der Import von Luxusprodukten aus dem Fernen Osten wie Seide, Glas oder Delikatessen musste mit Edelmetall bezahlt werden und bildete einen ständigen Verlustposten. Die ökonomischen Probleme wurden noch vergrößert durch Zahlungen, die Marc Aurel aus seiner Privatkasse – er hatte persönliche Einnahmen aus seinen Domänen, Bergwerken und Steinbrüchen – an die Bevölkerung leistete sowie durch Schuldenerlass. Die Schwäche der wirtschaftlichen Entwicklung lag hauptsächlich darin, dass die Erzeugung von Verbrauchsgütern mit den steigenden Bedürfnissen der sich ständig vermehrende Bevölkerung nicht Schritt hielt – eine konsequente staatliche Wirtschaftspolitik gab es nicht.

Mark Aurels originale Reiterstatue, heute im Hof des Konservatorenpalastes der Kapitolinischen Museen. Quelle: MatthiasKabel – Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=6737797

Allerdings wird dem Kaiser auch Zurückhaltung in der eigenen Lebensführung nachgesagt, zur Kriegsfinanzierung leistete er seinen Beitrag, indem er eine Vielzahl wertvoller Gegenstände aus kaiserlichen Besitzständen versteigern ließ. Außerdem lehnte er Siegprämien als Sonderzahlung für Soldaten mit dem Hinweis darauf ab, dass solche Zahlungen den Eltern und Verwandten der Legionäre abgepresst werden müssten.

„Was weint ihr um mich?“

Nachdem sich der syrische Statthalter Avidius Cassius zum Kaiser proklamiert hatte und sich Marc Aurel nicht unterwerfen wollte, musste der gegen seinen ehemaligen General marschieren. Zu einem Bürgerkrieg kam es nicht, da Cassius von zwei Männern aus den eigenen Reihen erschlagen und sein Kopf an den Kaiser gesandt wurde. Der weigerte sich ihn anzusehen, ordnete die Bestattung an und bedauerte den Tod des fähigen Feldherrn. Zugleich ließ er seinen Sohn Commodus aus Rom kommen, erhob ihn zum seinem designierten Nachfolger (princeps iuventutis) und reiste über Athen zurück, wo er für die vier großen, traditionsreichen Philosophenschulen – die Platonische Akademie, das Aristotelische Lykeion, die Stoa und den Epikureismus – je einen Lehrstuhl stiftete. Auf dieser Reise starb Mark Aurels Ehefrau Faustina im Alter von 46 Jahren, der man Untreue gegenüber ihrem Gatten nachsagte. 177 machte er Commodus dann zum gleichberechtigten Mitkaiser (Augustus). Der sollte keine gute Entwicklung nehmen: er liebte Gladiatorenkämpfe und trat auch selbst im Kolosseum auf, vornehmlich als Herkules, worüber man gerne spottete. Der schrankenlose Autokratie wollte wie ein Gott verehrt werden, litt unter Größenwahn und wurde später erdrosselt.

Obwohl sich die spätere christliche Überlieferung insgesamt dem positiven Urteil über den Kaiser anschloss, kam es in der Regierungszeit Mark Aurels zu den härtesten Christenverfolgungen seit Nero. So erließen Kaiser und Senat 177 in Gallien ein Dekret, wonach zum Tode verurteilte Verbrecher künftig zu Billigpreisen als Gladiatoren in der Arena eingesetzt werden durften. In Lugdunum (Lyon) machten sich daraufhin Teile der Bevölkerung daran, Christen aufzuspüren und sie im Zusammenwirken mit den örtlichen Zuständigen aburteilen zu lassen, sofern sie ihrem Bekenntnis nicht abschworen: seit Trajan erlitt die Todesstrafe, wer sich öffentlich zum Christentum bekannte. Als deutliche Verschärfung gegenüber der trajanischen Praxis hat allerdings zu gelten, dass Mark Aurel gestattete, aktiv nach Christen zu fahnden, statt nur auf private Anzeigen zu reagieren.

Markomannenkriege: Mark Aurel begnadigt Germanenhäuptlinge. Quelle: Tetraktys, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=4584819

178 brachen Mark Aurel und Commodus zum zweiten Markomannenkrieg auf. Auf diesem Feldzug, auf dem zugleich die „Selbstbetrachtungen“ entstanden, starb der Kaiser dann zwei Jahre später in Vindobona, nach Tertullian auch im Lager Bononia bei Sirmium. Seinen Sohn mahnte er angeblich, den Feldzug bis zum Sieg fortzusetzen, verweigerte dann, um das eigene Ende zu beschleunigen, das Essen und Trinken und verschied bald darauf. Seinen klagenden Freunden soll er der Überlieferung nach entgegnet haben: „Was weint ihr um mich? Weint um die Pest und das Sterbenmüssen aller!“ Sein Leichnam wurde in Rom verbrannt, seine Asche im Mausoleum Kaiser Hadrians, der späteren Engelsburg, beigesetzt. Ihm zu Ehren ließ der Senat eine Ehrensäule, die Mark-Aurel-Säule, errichten, die heute auf der Piazza Colonna steht. Die bekannteste Darstellung des Philosophenkaisers ist sein bronzenes Reiterstandbild auf der Piazza del Campidoglio, das seit der Einführung des Euro auf der 50-Cent-Münze der italienischen Version dieser Währung abgebildet ist.

vernunftgeleitetes Menschenbild

Laut dem Historiker Cassius Dio, einem Zeitgenossen, hat Mark Aurel als Kaiser besser geherrscht als irgendjemand sonst in einer vergleichbaren Machtstellung, nach seinem  Tod habe der Abstieg in ein Zeitalter von „Eisen und Rost“ begonnen. Als charakteristische Eigenschaften wurden ihm in der Historia Augusta aus dem 4. Jahrhundert – die aber eher auf ein erzieherisches Musterbeispiel als auf historische Wirklichkeitstreue deute – Mäßigung, Gleichmut, Selbstbeherrschung und Verantwortung zugeschrieben. Für Niccolò Machiavelli sei er zu Lebzeiten wie auch nach dem Tod hoch verehrt worden, weil er die Herrschaft als rechtmäßiger Erbe angetreten habe, sie also weder den Soldaten noch dem Volk zu verdanken hatte, und darum beide zu zügeln in der Lage gewesen sei, ohne sich je Hass oder Verachtung zuzuziehen. Neben Helmut Schmidt beriefen sich auch Friedrich II., Anton Tschechow oder der Literaturnobelpreisträger Joseph Brodsky auf seine Ideale.

Die oft aphoristischen, auf Altgriechisch verfassten Selbstbetrachtungen, die des Kaisers Weltbild im Selbstdialog für die eigene Orientierung, Selbstvergewisserung und Lebenspraxis offenbaren, zeigen, dass für sein Denken und Handeln die Einordnung in und die Übereinstimmung mit der „Allnatur“ leitend waren – „Verkaisere nicht!“ lautet das Ruf: „Hüte dich, dass du nicht ein tyrannischer Kaiser wirst! […] Ringe danach, dass du der Mann bleibest, zu dem dich die Philosophie bilden wollte.“ Zu überzeugen und das Vernünftige und Gerechte auch gegen Widerstände durchzusetzen, sah er einerseits als seine Aufgabe; wo ihn aber gewaltsamer Widerstand am Vollzug hinderte, galt es die Gelegenheit zur Einübung einer anderen Tugend zu nutzen: der unbekümmerten Gelassenheit. Denn ohne sie, ohne die Übereinstimmung mit dem eigenen Schicksal, kann der Stoiker sein höchstes Ziel, das Glück der Seelenruhe, nicht erreichen.

Selbstbetrachtungen, hier aus dem Europäischen Literaturverlag. Quelle: https://www.buecher.de/shop/marc-aurel/selbstbetrachtungen/-/products_products/detail/prod_id/49718008/

Den Weg dahin kann nur der leitende Teil der Seele bahnen – das Hegemonikon, mit dem es ständig zu prüfen gilt, worauf es wirklich ankommt, was zu tun und was als unnötig oder überflüssig zu lassen ist. Dabei war sich Mark Aurel bewusst, dass die Fülle der Bedingtheiten aller Daseinsumstände dem eigenen Erkennen nicht restlos erschlossen werden kann und dass es in dem den Menschen umgebenden Wirkungsgefüge Zufälle gibt, die für das Individuum nicht vorhersehbar sind: „Versuche, die Menschen zu überzeugen, handle aber auch gegen ihren Willen, wenn der Geist der Gerechtigkeit es so verfügt.“ Als Mensch und Philosoph ist ihm die Vorstellung eines elitär geführten Staat sympathisch, „in dem alle die gleichen Rechte und Pflichten haben und der im Sinne der Gleichheit und allgemeinen Redefreiheit verwaltet wird, und von einer Monarchie, die vor allem die Freiheit der Bürger achtet.“

Ob es einen eigenständigen Beitrag Mark Aurels zur Philosophie gibt und worin der besteht, ist in der Forschung umstritten: „Die Größe des Kaisers liegt nicht darin, Neues oder Eigenes gelehrt zu haben, sondern darin, dass er sich den Lehren der Philosophie zeit seines Lebens offen gehalten, sich ihnen auch als Herrscher verpflichtet gefühlt und sie deshalb ständig ins Gedächtnis gerufen hat“, heißt es bei Joachim Dalfen. Seine oft ambivalente Rhetorik, sein eher unorthodoxes, ja naturhaftes Religions- und Gottverständnis sowie sein mehrschichtiges, vernunftgeleitetes Menschenbild lassen ihn irgendwie zeitlos wirken. Alexander Demandts Fazit lautet: „Zum Thema Philosophie gibt’s Bücher wie noch nie. Zum Thema Weisheit ist Fehlanzeige seit Marc Aurel.“

Was für ein Skandal: „um unsere Sicherheit und Freiheit von den Apartheid- Muslimen des real existierenden Islam zurückzuerobern“, rief die Ex-DDR-Bürgerrechtlerin Angelika Barbe im Juni 2018 zu einem AfD-Frauenmarsch in Berlin auf. Ihr Aufruf stand unter dem Motto „Dem Reich der Freiheit werb‘ ich Bürgerinnen“. Es war in den Nachrevolutionsjahren der „Frauen-Zeitung“ vorangestellt, die von einer Ikone der Frauenbewegung begründet und herausgegeben wurde: der Sächsin Louise Otto-Peters, die am 13. März 1895 in Leipzig starb.

Das sei einseitig, kulturchauvinistisch, ja rassistisch, beeilte sich der Vorstand der Louise-Otto-Peters-Gesellschaft e.V. mitzuteilen, die vom Referat für Gleichstellung von Frau und Mann der SPD-regierten Stadt Leipzig gefördert wird. Es ginge zwar um einen gesellschaftspolitischen Kampf, aber keinen „gegen das vermeintlich Fremde“. Denn „Worte sind niemals wertfrei“ schob der Vorstand gar unter Rückgriff auf Victor Klemperer nach. Das Statement zeugt vom wütenden Protest gegen die vermeintlich rechte Vereinnahmung einer Linken – zu deren Lebzeiten diese politische Kategorie noch gar nicht auf der Agenda stand.

L. Otto-Peters. Quelle: https://www.bpb.de/gesellschaft/gender/frauenbewegung/35309/louise-otto-peters

Denn Otto-Peters, die laut Klara Zetkin auch „eine Gefangene ihrer Klasse” blieb, trieb etwa anderes um: als der spätere Revolutionär Robert Blum fragte, ob Frauen das Recht hätten, sich an Politik zu beteiligen, antwortete Louise in einem vielbeachteten Leserbrief prompt „Die Teilnahme der Frauen an den Interessen des Staates ist nicht allein ein Recht, sie ist eine Pflicht der Frauen.“ Dabei war sie überzeugt, dass Frauen nur dann freie Menschen sein und ihre Rechte durchsetzen könnten, wenn sie wirtschaftlich auf eigenen Füßen stünden. Sie sollten „nicht nur berechtigt, sondern verpflichtet“ sein, sich ihren Unterhalt selbst zu verdienen: „„Jeder Emancipationsversuch, der auf einer andern Basis ruht, ist – Schwindel.“

„Lerche des Völkerfrühlings“

Ihr Engagement war ihr ganz und gar nicht in die Wiege gelegt: als jüngste Tochter eines Gerichtsdirektors gehörte sie zum gebildeten Mittelstand. Am 26. März 1819 wurde sie als Louise Otto in Meißen geboren und erhielt nach einer Biographin schon früh Zugang zu Literatur und Geschichte: „Sie saß noch auf dem Schoß der Mutter, als diese ihr schon aus Schillers Werken vorlas oder ihr von den griechischen Freiheitskämpfern erzählte.“ Als sie älter wurde, brachte man sie in Kontakt mit den Werken des „Jungen Deutschlands“. Für Mädchen ihrer Zeit war der Schulbesuch nur bis zur Konfirmation möglich. Diese Zurücksetzung ihres Geschlechts empfand sie früh als Unrecht und ließ die Konfirmation ein Jahr hinausschieben, um länger lernen zu können. Ihre Eltern starben kurz nacheinander an Tuberkulose, als sie 16 Jahre alt war; 22jährig verlor sie auch ihren Verlobten. Die Werbung eines reichen Adligen schlug sie aus.

Durch ihr Erbe zunächst finanziell abgesichert, wandte sie sich früh dem Schreiben zu und verfasst zuerst Gedichte, die im Meißner gemeinnützigen Wochenblatt gedruckt wurden. Ein Aufenthalt bei einem Schwager 1840 in Oederan, der eine Weberei besitzt, konfrontiert sie mit dem Elend der Fabrikarbeiter. Ihr Mitleid und ihre Empörung ob dieser Ausbeutung lässt sie Partei ergreifen: „Ich blickte entsetzt in einen Abgrund. Lange bevor ich etwas von Socialismus und Communismus gehört und gelesen, stellte ich die Frage: warum denn die Einen in Unwissenheit, Armuth und Entbehrung dahin leben müßten und die Andern sie dafür noch verachten dürften, ja von ihrer Arbeit den eignen Mammon mehren dürften.“ Ihr Gedicht „Die Klöpplerinnen“ erscheint im Oederaner Stadtanzeiger und löst wegen seines sozialkritischen Inhalts Empörung aus.

Otto-Peters erster Roman. Quelle: https://books.google.de/books?id=K3RDAQAAMAAJ&printsec=frontcover&hl=de&source=gbs_ge_summary_r&cad=0#v=onepage&q&f=false

Für alle Biographen liegt in dem Erlebnis der Schlüssel zu ihrem politischen Engagement. „Ich habe jetzt ein Ziel, einen Lebenszweck: die literarische Laufbahn. Ich strebe nicht nach Ruhm und Ehre, aber nach Einfluss aufs Ganze“, schrieb sie 1843 in ihr Tagebuch und trat seitdem mit Romanen und journalistischen Beiträgen an die Öffentlichkeit. Ihr erster Roman hieß „Ludwig der Kellner“, insgesamt wird sie, teilweise unter dem Pseudonym Otto Stern, 60 Bücher veröffentlichen, darunter 28 meist mehrteilige Romane, aber auch Erzählungen, Novellen, historische Reflexionen, Streitschriften und Essays, dazu unzählige publizistische Texte. In allen Arbeiten warf sie zwei Forderungen mit großem Nachdruck immer wieder auf: Erstens, die Arbeitswelt für Frauen zu öffnen und zweitens, die Lebensbedingungen für Frauen zu verbessern.

Bereits 1846 kam ihr bedeutendster sozialkritischer Prosatext „Schloss und Fabrik“ heraus, in dem sie die bittere Not der Industriearbeiter und deren Aufbegehren beschrieb und der zu den wichtigsten Romanen des Vormärz zählt. Er konnte zunächst nur zensiert erscheinen und durfte erst nach einer Audienz beim sächsischen Innenminister Freiherr von Falkenstein und der Veränderung der verbotenen Stellen veröffentlicht werden. Ihre 1847 erschienene Gedichtsammlung „Lieder eines deutschen Mädchens“ trug ihr den Namen „Lerche des Völkerfrühlings“ ein.

„Mitwirkung zum Umsturze“

1848 produzierte sie einen kleinen Skandal mit der „Adresse eines Mädchens an den hochverehrten Minister Oberländer, an die von ihm berufene Arbeiterkommission und an alle Arbeiter“. Darin fordert sie von der bürgerlichen sächsischen Regierung, bei der Organisation der Arbeit die Frauen nicht zu vergessen und für die Kommission auch Frauen zu benennen – heute würde man von Frauenquote sprechen. In persönlichen Gesprächen mit Ministern wies Louise auf das Recht der Frauen auf Erwerbsarbeit und auf die dafür notwendige Kinderbetreuung hin. In dieser Zeit organisierte sie Versammlungen, unterstützte die Gründung von Dienstmädchenvereinen und empfing Abordnungen von Arbeitern.

Frauen-Zeitung. Quelle: https://frauenmediaturm.de/wp-content/uploads/2018/06/Frauenzeitung-480×640.jpg

Die Revolution begrüßte sie mit Begeisterung, doch bald war sie enttäuscht von den Kämpfern für Freiheit und Gleichheit: „Wo sie das Volk meinen, da zählen die Frauen nicht mit.“ Die Frauen müssten selbst ihre Rechte fordern, sonst würden sie vergessen – so Ottos Überzeugung. Deshalb gründete sie 1849 eine „Frauen-Zeitung“. Das verschärfte die Aufmerksamkeit der sächsischen Zensurbehörde: Hausdurchsuchungen und Verhöre folgten, 1851 wurden die von ihr mitbegründeten Dienstboten- und Arbeiterinnenvereine aufgrund des preußischen Vereinsgesetzes verboten.

„Insbesondere hat es das Blatt sich zur Aufgabe gestellt, auf das weibliche Geschlecht einzuwirken und es der Mitwirkung zum Umsturze geneigt zu machen, zu welchem Behufe auf die Notwendigkeit einer sogenannten Emancipation des weiblichen Geschlechts aufmerksam gemacht wird“, hieß es in einem Schreiben des sächsischen Innenministers. Als ultimativer Schlag aus Dresden galt die „Lex Otto“: das eigens dazu geänderte sächsische Pressegesetz untersagte Frauen die Herausgabe von Zeitungen. Otto wich mit der Redaktion nach Gera aus, bevor 1852 ein endgültiges Verbot durch ein ähnliches preußisches Gesetz erfolgte.

Seit der Revolution mit dem Publizisten August Peters bekannt, der eine Festungsstrafe absitzen muss, feierten beide 1852 im Gefängnis von Bruchsal Verlobung. 1858 heiraten sie und ließen sich zuerst in Freiberg, dann in Leipzig nieder. Hier sind beide maßgeblich an der Redaktion der seit 1861 sechsmal wöchentlich erscheinenden Mitteldeutschen Volks-Zeitung beteiligt – August hatte bereits das Erzgebirgische Industrie- und Familienblatt – Glück auf sowie den Leipziger Generalanzeiger gegründet. Louise leitet das Feuilleton der Volks-Zeitung und publiziert selbst zu Frauenthemen. Neben anderem verfasste sie den Text der Oper „Theodor Körner“, die der Komponist Wendelin Weißheimer eigens zum 50. Jubiläum der Völkerschlacht bei Leipzig komponiert hatte.

Karrierehöhepunkt „Allgemeiner Deutscher Frauenverein“

Bereits 1864 stirbt ihr Mann, vermutlich an den Spätfolgen der Haft; die Ehe bleibt kinderlos. Im Jahr darauf, nach der Mitbegründung des Leipziger Frauenbildungsvereines mit ihr als Vorsitzende, erlebt sie im Oktober den Höhepunkt ihrer politischen Karriere. Auf der Gesamtdeutschen Frauenkonferenz in Leipzig gründet Otto-Peters zusammen mit Auguste Schmidt und Marie Löper-Houselle den „Allgemeinen Deutschen Frauenverein“ (ADF) und läutet damit den Beginn der organisierten deutschen Frauenbewegung ein. Die Ziele des Vereins sind insbesondere die Rechte der Frau auf Bildung, Erwerbsarbeit und Zugang zum Universitätsstudium. Otto-Peters wird Vorsitzende und tritt dafür ein, dass ausschließlich Frauen Mitglied im ADF werden können. Nach fünf Jahren hatte der Verein bereits um die 10.000 Mitglieder. Die Generalversammlungen wurden jährlich an verschiedenen Orten in Deutschland abgehalten. Aus ihnen gingen oftmals örtliche Vereinsgründungen hervor. Dadurch konnte ein deutschlandweites Netz aufgebaut werden, das 1889 schon mehr als 20 Mitgliedsvereine zählte.

ADF-Dokumente. Quelle: eigene Darstellung

Parallel zur Gründung kam das Vereinsorgan „Neue Bahnen“ heraus, ein Zweiwochenblatt, das Otto-Peters 30 Jahre lang als Mitherausgeberin verantworten sollte. 1866 erscheint ihre Schrift „Das Recht der Frauen auf Erwerb“. Erstmals leidet sie trotz weiterer produktiver Schriftstellerei an materiellen Sorgen: die Zeitungsgründungen ihres verstorbenes Mannes hinterließen Schulden. Belegt sind in den Jahren 1869, 1870 und 1874 bis 1876 jeweils Ehrengaben von 300 Mark von der Deutschen Schillerstiftung. 1869 vertrat sie den ADF mit einem Redebeitrag auf dem Philosophenkongress in Frankfurt. Darüber hinaus nahm sie an Schriftstellerkongressen teil und wurde 1874 Ehrenmitglied des Wiener Grillparzer-Vereins und 1892 des von ihr mitgegründeten Leipziger Schriftstellerinnen-Vereins.

Schon seit 1873 wollte sie das Amt der Vorsitzenden des Frauenvereins abgeben, jedoch erfolglos. Entgegen ihrer Überzeugung sah sie sich 1885 entsprechend der herrschenden Gesetzeslage gezwungen, auf der außerordentlichen Mitgliederversammlung des ADF nicht nur seiner Umwandlung in eine Genossenschaft zuzustimmen, sondern auch beschließen zu lassen, dass verheiratete Frauen künftig nur noch mit Zustimmung ihres Ehemanns Mitglied werden durften. Volljährige unverheiratete Frauen konnten weiterhin selbstständig entscheiden.

„Führerin auf neuen Bahnen“

Ab Ende der 1880er Jahre ließen ihre Arbeiten nach, drei Jahre vor ihrem Tod legte sie das leitende Amt des Leipziger Frauenbildungsvereins nieder. 1894 übergab sie dann auch die meisten Aufgaben im ADF an Auguste Schmidt. In diesem Jahr allerdings kann sie noch einen großen Erfolg ihrer Arbeit erleben: bei der Eröffnung der ersten Gymnasialkurse für Mädchen in Leipzig hat sie zu Ostern ihren letzten öffentlichen Auftritt. Außerdem wurde sie bis zu ihrem Tod von einer Ärztin betreut, die mit einem Stipendium des AdF an einer Schweizer Universität ausgebildet worden war.

Lehnert-Denkmal. Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Denkmal_Luise_Otto-Peters.JPG

Schon seit 1900 erinnert in Leipzig ein von Adolf Lehnert geschaffenes Denkmal an die „Führerin auf neuen Bahnen“. Am noch erhaltenen Geburtshaus in Meißen wurde aus Anlass ihres 100. Geburtstags 1919 eine Erinnerungstafel angebracht und in Leipzig per Notlösung eine Straße nach ihr benannt: In einem frisch eingemeindeten Ortsteil gab es eine Petersstraße, eine Sackgasse, deren Name ergänzt wurde. Auch in mehreren anderen sächsischen Städten tragen Straßen ihren Namen, ebenso Schulen und Pflegeheime. Als EMMA in ihrer ersten Ausgabe im Februar 1977 die Reihe „Unsere Schwestern von gestern“ startete, war sie die erste, die in dieser Serie über feministische Pionierinnen porträtiert wurde. Der Grund war einfach: Louise Otto-Peters „war zu Beginn der Neuen Frauenbewegung die einzige, deren Namen wir kannten“, erinnert sich Alice Schwarzer.

1993 schließlich wurde in Leipzig die Louise-Otto-Peters-Gesellschaft gegründet, die nicht nur Leben und Werk der Namensgeberin erforscht und in der Öffentlichkeit bekanntmacht, sondern seit 2015 auch einen frauenpolitischen Gedächtnispreis vergibt. Letzte Preisträgerin war die Rapperin Sookee, die in ihrer Musik unter anderem auf die „Wirkmächtigkeit von stereotypen Geschlechterrollen“ aufmerksam mache und Aktionen gegen das Castingformat Germany’s Next Topmodel unterstützt. Ihre Tracks klängen aber „häufig wie eine Vorlesung aus einem Soziologie-Grundstudium“, kritisiert Florian Reiter im Vice Magazin. Ob das die Namensgeberin gut gefunden hätte, darf bezweifelt werden.

„Schwarzfahren“ sei eine rassistische Metapher, ein sichtbarer Sarotti-Mohr bereits „Alltagsrassismus.“ Linksgrüne Umerziehungsversuche ideologisieren inzwischen selbst die Farbenlehre. Meine aktuelle „Tumult“-Kolumne.

Selbst sein Sterben könnte eine Szene aus einem seiner Filme sein. Nur wenige Minuten vor seinem Tod erzählte er der Krankenschwester, dass er gerade gerne Skifahren würde. Sie entgegnete, sie habe nicht gewusst, dass er Skifahrer sei. Er antwortete daraufhin: „Bin ich nicht – aber ich würde es lieber tun als das hier.“ Wenige Minuten später kam die Schwester zu ihm zurück und entdeckte, dass er friedlich im Sessel eingeschlafen war. So geschehen am 23. Februar 1965 nach einem Herzinfarkt im Alter von 74 Jahren im kalifornischen Santa Monica. Der Name des verhinderten Skifahrers: Arthur Stanley Jefferson. Als „Stan Laurel“ wurde der Komiker, Drehbuchautor, Regisseur und Produzent weltberühmt und gilt bis heute hinter Charlie Chaplin als weltweite Nr. 2 aller Filmclowns.

Wenigstens die Karriere war ihm in die Wiege gelegt: Seine Eltern arbeiteten beide am Theater – der Vater als Regisseur und Manager, die Mutter als Schauspielerin. Stan wird am 16. Juni 1890 im englischen Ulverston geboren und lebt, weil seine Eltern vielbeschäftigt waren, häufig bei seiner Großmutter. Bereits als Knirps konnte er gemeinsam mit einigen Schulkameraden die gesamte Nachbarschaft mit seiner Hobby-Theater-Truppe „Stanley Jefferson Amateur Dramatic Society“ begeistern. Im Alter von elf Jahren zog Stan mit seiner Familie nach Glasgow, wo er auf der Rutherglen Academy seinen Schulabschluss machte.

Stan Laurel. Quelle: https://www1.wdr.de/stichtag/stichtagjunisechszehn-100~_v-gseapremiumxl.jpg

Sein Vater riet ihm aus Erfahrung zwar dazu, eine kaufmännische Ausbildung zu machen und einen Beruf in diesem Bereich zu ergreifen, doch Laurel zog es auf die Bretter, die auch für ihn die Welt bedeuteten. Als 15-Jähriger stellte Stan erneut ein kleines Bühnenprogramm zusammen. Als er es in der Music Hall vorstellte, war zufällig auch sein Vater anwesend, der immer noch die Hoffnung hatte, dass Stan in seine Fußstapfen treten würde. Nachdem er merkte, welche Talente in seinem Sohn schlummerten und welche enorme Wirkung das Programm auf das begeisterte Publikum hatte, wollte er Stan den Weg zur Schauspielerei nicht mehr verstellen. Sein Bühnendebüt gab Stan 16-jährig am „Pickard‘s Museum“ in Glasgow. Weitere professionelle Auftritte hatte er dann zwei Spielzeiten lang als Alleinunterhalter bei der Pantomimen-Truppe „Levy and Cardwell‘s Juvenile Pantomimes“, wo er zeitweise auch unter seinem Vater arbeitete.

Zwischen Slapstick und Pathos

Mit seinem Solo-Programm wurde er von dem berühmten Theaterproduzenten und Tourneeveranstalter Fred Karno entdeckt, der schon mit Charlie Chaplin gutes Geld verdient hatte. Eines Tages lehnte Chaplin eine Hauptrolle ab, die dann Stan Laurel übernahm. Ein Zwischenfall, der in der Zukunft noch weitere Male eintreffen sollte: Stan Laurel als Ersatzmann für den großen Chaplin. Die beiden teilten sich häufig sogar ein Hotelzimmer. Nachdem die Karno-Truppe 1910 erstmals durch die USA tourte, führte der Weg 1912 wieder nach Amerika und erwies sich für beide als zukunftsweisend: Chaplin wurde von Hollywood wegengagiert, Karno geriet wegen platzender Verträge und Flops durch schnell zusammengeschusterte Shows in große Schwierigkeiten, und plötzlich stand auch Stan auf der Straße.

Er blieb in den USA und gründete mit dem Ehepaar Alice und Baldwin Cooke – letzterer übernahm später kleine Rollen in 25 Laurel-und-Hardy-Filmen – zwischen 1916 und 1918 das „Stan Jefferson Trio“, mit dem er immerhin Achtungserfolge erzielte. Das leichte Leben fand ein jähes Ende, als die australische Schauspielerin Mae Charlotte Dahlberg 1918 den Weg des ausgelassenen Trios kreuzte. Stan verliebte sich Hals über Kopf, konnte Mae aber nicht heiraten, da diese bereits in Australien einen Mann hatte, der in eine Scheidung nicht einwilligte. Sie war es, die den Künstlernamen „Stan Laurel“ (= Lorbeer) auswählte, und so war der Weg zum Film eigentlich nur noch eine Frage der Zeit.

Laurel mit Mae. Quelle: https://de.findagrave.com/memorial/29443759/mae-dahlberg#view-photo=154231198

In dem mäßigen Debüt „Nuts In May“ spielt er einen Irren und wurde bei der Premiere von Carl Laemmle, dem „Universal“-Boss, vom Fleck weg für ein Jahr engagiert. Doch schon nach wenigen Filmen hatte Universal Probleme, kündigte Stans Vertrag und verpflichtete ihn nur ab und zu für einzelne Kurzkomödien. Das Glück wollte es, dass er bei einem solchen Engagement auf den Produzenten Hal Roach traf, mit dem er 1918 fünf Filme drehte, darunter auch an der Seite des Komikers Larry Semon, dessen Starallüren eine weitere Kooperation verhinderten. Einer dieser Streifen war „The Lucky Dog“, in dem er erstmals mit dem ehemaligen Filmvorführer Oliver Hardy vor der Kamera stand. Erwähnenswert ist noch die Persiflage „Schlamm und Sand“, die es auf den Rudolf-Valentino-Erfolg  „Blut und Sand“ abgesehen hatte. Der von Stan verkörperte Haupt-Charakter trägt den Namen Rhubarb Vaselino; solche Parodien liebte er.

Nach dem er 1923 wieder mit Hal Roach arbeitete, folgte 1924 und 1925 ein Dutzend Kurzfilme für den Produzenten und Regisseur Joe Rock, darunter „Dr. Pyckle and Mr. Pryde“. In diesen Jahren nagte Stan beinahe am Hungertuch und trug viele Streitigkeiten mit Mae aus – fand aber in „Get ‘Em Young“ und „On the Front Page“ endgültig zu seinem eigenen Stil, nachdem er vorher unschlüssig zwischen dem hektischen Slapstick eines Larry Semon und dem langsamen Pathos eines Harry Langdon hin- und hergependelt war.

Mae Laurel, die bis dahin mehrere Filmauftritte an Stans Seite absolviert hatte, tauchte in diesen Werken nicht mehr auf. Die dominante und charakterlich schwierige Künstlerin bestand darauf, in allen Filmen ihres Lebensgefährten mitzuwirken, obwohl sie beim Publikum nicht beliebt war. Stattdessen erhielt sie von Rock eine Abfindung unter der Bedingung, sich wieder nach Australien zurückzuziehen – was sie 1925 tat. 1926 dann traf Stan wieder auf Oliver Hardy, als er zum dritten Mal mit Roach kooperierte.

tiefe menschliche Tragik

Im selben Jahr heiratete er seine erste Frau; die Ehe hielt neun Jahre. In sozialer Hinsicht war ihm aber von Anbeginn kein Glück beschieden. Er hatte drei Brüder und eine Schwester, die eine gebrochene Familie bleiben sollten. Sein jüngster Bruder starb, kein Jahr alt, am plötzlichen Kindstod, sein ältester Bruder nahm sich später das Leben, der dritte kam an einer Überdosis Lachgas um, als er sich einer Zahnbehandlung unterzog. Zu allem Übel starb auch noch sein Sohn aus seiner ersten Ehe kurz nach der Geburt; Laurel ertränkte seinen Schmerz im Alkohol und wurde zum Trinker.

Laurel & Hardy. Quelle: http://www.tenri-kw.de/wp-content/uploads/2018/11/Publicity-with-Derby.jpg

„Wie es häufig der Fall ist, lag hinter den Auftritten des Komikers eine tiefe, menschliche Tragik. So war der Tod ein ständiger Begleiter und das machte ihm schwer zu schaffen“, meint der Blogger Michael Bürklin. Stan wird noch viermal heiraten, darunter zweimal dieselbe Frau. Außerdem hat er eine außereheliche Affäre mit der französischen Schauspielerin Alice Ardell, die drei Ehen überdauerte. Eine Tochter, wie der Sohn aus seiner ersten Ehe, wird sein einziges Kind bleiben.

Stan hat sich nie über sein Innenleben geäußert, er war geprägt vom Viktorianischen Zeitalter, also jemand, der seine Gefühle nicht ausstellt: „Es gibt da diese Aura von Einsamkeit, der immer um ihn liegt, auch von Unsicherheit. Er hat also lieber die falsche Frau geheiratet als alleine zu sein, er brauchte einfach eine Frau in seinem Leben“, erklärt der irische Biograph John Connolly. In künstlerischer Hinsicht dagegen zieht er mit dem zwei Jahre jüngeren Amerikaner Oliver Hardy das große Los. Dabei scheint es auch im Leben so gewesen zu sein, dass ihre Unterschiedlichkeit sie verbunden hat.

Oliver Hardy war der bessere Filmschauspieler, trotz seines Gewichts der bessere Tänzer zumal. Ein Heben der Augenbraue sagt bei ihm manchmal alles. Stan hingegen kam aus dem Vaudeville-Theater, er beherrschte die großen Gesten für die letzte Reihe. Aber er verstand die Mechanik der Komödie. Er schrieb tausende von Gags für ihre Filme, war der Kopf, der Denker, der Kreative, und zeichnete, im Abspann nie genannt, oftmals für Co-Regie, Drehbuch, Schnitt und Gags verantwortlich, während „Babe“ Hardy, im Wortsinne ganz Bauchmensch, der auch jähzornig sein konnte, sich ausschließlich als Schauspieler begriff. Dem Alkohol wiederum standen sie beide nahe.

„Stan und Ollie haben sich nie wegen des Geldes in die Haare gekriegt. Stan Laurel hat mehr Geld bekommen, weil er sich mit der Produktion und den Skripten und der Regie befasst hat. Oliver Hardy war in der Zeit lieber auf dem Golfplatz oder in Spielhallen unterwegs, er hat seinem Partner das Geld gegönnt. Stan Laurel wiederum ist sehr großzügig, wenn es um den Auftritt geht, er gönnt seinem Partner die besten Momente. Es gab da keinen Neid zwischen ihnen, sie haben sich vorbildlich verhalten“, meint Connolly. Ihre Zusammenarbeit währte nahezu drei Jahrzehnte und umspannte insgesamt 106 Filme, davon 79 Kurz- und 27 Langfilme. Eine unterstellte homosexuelle Neigung wird von allen Experten schon aufgrund der diversen Eheschließungen verneint. Ihre Freundschaft, die erst im Laufe der Jahre enger und vertrauter wurde, sei von tiefem Respekt füreinander geprägt, darin sind sich alle Anhänger und Experten einig.

Auch der Film selbst machte während ihrer Karriere enorme Entwicklungen durch. Üblicherweise wurden zu dieser Zeit die Filme auf 35mm-Material gedreht. Die Spulen enthielten jeweils ein Filmsegment für ca. 10 Minuten, daher kommt auch die Unterscheidung in Ein-, Zwei- oder Dreiakter, was einem 20- bzw. 30- Minuten Film entspricht. Gedreht wurde auf „Nitratfilm“ (Nitrocelluose, Celluloid), einem sehr feuergefährlichen Produkt. Aus dieser Sicht ist es sicher ein kleines Wunder, dass nur zwei Laurel & Hardy-Filme bis heute verschollen sind. Zu den erhaltenen Klassikern gehören u.a. „Die Sache mit der Hose“ (1929), „Unterschlagene Noten“ (1930), „Jene fernen Berge“ (1934) und „Wie du mir, so ich dir“ (1935). Viele Nebendarsteller wie Jean Harlow, Peter Cushing oder Robert Mitchum wurden später selbst Stars.

Der junge Mitchum mit Hardy. Quelle: https://conradbrunstrom.files.wordpress.com/2018/12/Mitchum.jpg

In Deutschland kennt man Laurel & Hardy unter dem abwertenden Namen „Dick & Doof“. Ihre Filme liefen bereits in den 1930er Jahren in den Kinos, selbst in der Zeit des Nationalsozialismus waren sie in den Kinos zu sehen, bis die Nationalsozialisten 1938 ein allgemeines Importverbot amerikanischer Filme verhängten. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden ihre Filme wieder gezeigt und Laurel & Hardy nicht zuletzt dank der stetig zunehmenden Verbreitung des Fernsehens immer populärer.

Bald wurde der Kurz- vom Langspielfilm und zudem vom Tonfilm abgelöst. Roach passte sich der Zeit an, drehte mit Laurel und Hardy abendfüllende Kinoversionen, die aber wesentlich kostenaufwändiger waren, gleichzeitig den kreativen Freiraum einschränkten. Mit „Die Wüstensöhne“ (1933), „Die Sittenstrolche“ (1933), „Die Doppelgänger“ (1936), „Zwei ritten nach Texas“ (1937) und „Die Klotzköpfe“ (1938) lieferte das Duo Höhepunkte der klassischen US-amerikanischen Filmkomödie – bis sich Laurel aus künstlerischen Gründen mit dem Regisseur überwarf.

John McCabe, ein Laurel-und-Hardy-Biograph, gründete Anfang der 1960er-Jahre einen Fan-Club, der sich in Anlehnung an den gleichnamigen Film „Die Wüstensöhne“ nannte. Die Idee gefiel Stan so gut, dass er sogar das Statut schrieb und darin festlegte, dass die „Wüstensöhne“ sich nicht in Klubs versammeln, sondern in Zelten. Deshalb werden die lokalen Klubzentralen – mittlerweile rund 250 weltweit – als „Tent“ bezeichnet. Sitz des deutschen „Two Tars Tent“ ist das Laurel und Hardy Museum Solingen – eins von dreien weltweit und zugleich der einzige Ort, an dem noch Original-Kinofilme der Klamaukklassiker aufgeführt werden.

„Jeder ist einzigartig“

Ohne Roach litt ab 1940 die Qualität der Komik, die bei beiden sowieso ein Kapitel für sich war: schlicht, aber nicht einfältig: „Timing, Wiederholung, das Spiel mit Gegensätzen – all das haben die beiden perfekt beherrscht. Dass sie sich von zeitgenössischen und regionalen Anspielungen fernhielten, war dem Erfolg auch nur zuträglich. Wenn zwei Männer sich vergeblich darum bemühen, ein Klavier eine Treppe hochzubekommen, kann man darüber in Kairo oder Buenos Aires genauso lachen wie in Amerika“, sagt John C. Reilly, der 2018 den behäbigen Oliver Hardy in einem Biopic spielte, der FAZ. Naturalismus, Realismus und emotionale Wahrhaftigkeit, fasste er die Tugenden des Duos zusammen, das sich in den meisten Filmen vor Aufgaben gestellt sieht, deren Lösung dank der chaotischen Herangehensweise im Desaster endet und oft in die Zerstörung von Inventar mündet.

Die Hauptdarsteller Coogan und Reilly im Biopic. Quelle: https://www.theguardian.com/film/2016/jan/18/steve-coogan-john-c-reilly-laurel-and-hardy-biopic#img-1

Ein vertauschter Hut, eine wackelige Leiter reichten aus, um Alltag in Anarchie umschlagen zu lassen. So folgt in ihrem legendären Kurzfilm „The Battle of the Century“ auf eine sorglos weggeworfene Bananenschale ein exzessives Handgemenge, bei dem über 3000 Sahnetorten durch die Luft fliegen. Jedes Mal kristallisiert sich heraus, dass der den grinsenden dünnen Mann so gern herumkommandierende Dicke in Wahrheit gar nicht der Dominierende ist – sondern im Gegenteil der Dünne den Dicken ein ums andere Mal provoziert und ihm an Ende ins Auge sticht. „Für mich war die Botschaft ihrer Sketche immer: Egal, wie chaotisch, nervig oder anstrengend Menschen auch sein mögen, sind sie doch stets liebenswert. Jeder ist einzigartig und verdient Liebe und Würde“, beschreibt das Conolly.

Bei 20th Century Fox und MGM drehten sie dann bis 1945 insgesamt acht Spielfilme. Allerdings bekamen sie dort nicht den künstlerischen Freiraum, den sie von Roach gewohnt waren. Daher werden viele dieser Filme im Vergleich zu den Roach-Produktionen als schwächer angesehen. Der schlechteste Film ihrer Karriere war mit „Atoll K“ (1951, „Dick und Doof erben eine Insel“) in italienisch-französischer Produktion gleichzeitig ihr letzter gemeinsamer Leinwandauftritt. Andere Filmgesellschaften zeigten kein Interesse an den beiden Komikern, was zu ersten gemeinsamen Bühnenauftritten führte. Zwischen 1947 und 1954 absolvierten Laurel und Hardy einige Tourneen durch Europa und die USA.

Als sie 1955 vom Sohn ihres früheren Produzenten, Hal Roach jr., ein Angebot erhielten, für das Fernsehen zu arbeiten, willigten Laurel und Hardy begeistert ein. Geplant war eine Serie von ganzstündigen Sendungen mit dem Titel „Laurel & Hardy’s Fabulous Fables“. Für die damalige Zeit ungewöhnlich war, dass sie auf Farbfilm aufgezeichnet werden sollten. Wenige Tage vor Drehbeginn der ersten Folge erlitt Laurel jedoch einen leichten Schlaganfall, danach auch Hardy. Das Projekt wurde fallen gelassen.

„Als Oliver Hardy im Sterben lag, konnte er irgendwann nicht mehr sprechen“, erzählt Conolly. „Er war auch teilweise gelähmt. Und Stan Laurel hat verstanden, wie verzweifelt Oliver Hardy war. Wenn er ihn besucht hat, dann hat er selbst aufgehört, zu reden. Sie werden also plötzlich wieder zu den Stummfilmpersönlichkeiten, die sie einmal gewesen waren, sie kommunizieren mit ihren Augen und mit ihren Gesten, und das ist für mich ein außergewöhnlicher Akt der Zuneigung, sogar der Liebe, die dieser eine Mann dem anderen bewiesen hat.“ Hardy starb am 7. August 1957 und damit sicherlich auch ein Teil von Stan Laurel. Ihm wurde vom Arzt untersagt, an Ollies Beerdigung teilzunehmen. Später sagte Stan dazu: „Er war wie ein Bruder zu mir.“

Walk of Fame. Quelle: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/1/19/Stella_Stan_Laurel_-Hollywood_Walk_of_Fame-_Agosto_2011.jpg

In den folgenden Jahren führte er ein finanziell halbwegs sorgenfreies, dennoch depressives Leben mit seiner fünften Frau in einem Hotel am Strand von L.A. und beantwortet jeden einzelnen Brief, den er bekommt. Auf dem Walk of Fame in Los Angeles wurde er 1960 mit einem Stern geehrt, außerdem trägt ein Asteroid seinen Namen. Bei der Verleihung des Ehrenoscars 1961 erscheint er nicht persönlich, obwohl es nur eine halbe Stunde bis zum Kino wäre: Ohne Olli will er öffentlich nicht mehr auftreten. Dies beschreibt auch Connolly: „Die Adresse seines kleinen Apartments in Santa Monica stand im Telefonbuch. Man konnte ihn anrufen und besuchen. Er hat dir einen Tee gekocht und wenn er dich mochte, sogar einen billigen Hut geschenkt. Er schrieb weiterhin jeden Tag Sketche für sich und Olli – die niemals aufgeführt werden würden, denn er lehnte es ab, jemals wieder ohne ihn zu arbeiten.“ Sein Tod war unter dieser Perspektive eine Erlösung. „Sein Genius in der Kunst des Humors brachte Freude in die Welt, die er liebte“, steht auf seinem Grabstein. Der Filmkanon der Bundeszentrale für politische Bildung hat 2003 den Stummfilm „Der beleidigte Bläser“ aufgenommen.

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