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Herzlich willkommen!

Als Dozent informiere ich Sie auf meiner Webpräsenz über meine Aktivitäten rings um die hochschulische Ausbildung angehender Medienmacher.

Als Mensch lasse ich Sie gern an meinen freizeitlichen Aktivitäten teilhaben, zu denen nicht zuletzt Kochen gehört ;-)

Als Bildungsbürger kommentiere/rezensiere ich außerdem vielerlei kulturelle Phänomene – vom Roman über den Musikergeburtstag bis zum Regisseurstod.

Und als (Ex-)Journalist blogge ich daneben unregelmäßig Betrachtungen zu Interessantem und Wissenswertem nicht nur aus der Welt der Medien.

Warum gerade Betrachtungen?

Ich empfinde dieses Genre – eine Meinungsdarstellungsform übrigens – als eins der zeitgemäßen schlechthin.

Eine Betrachtung soll durch Beschreibungen und Schilderungen, Vergleiche und Annäherungen bis hin zur Analyse einem Ereignis, einer Situation, einem Gegenstand oder auch einem (gesellschafts-) politischen Problem Individualität verleihen: Recherche darf in gewissem Maße substitutiert werden durch Subjektivität.

Die Betrachtung ist durchaus mit derselben eines Kunstwerks in einer Ausstellung vergleichbar: man wählt zunächst die Gesamtschau und wechselt dann zu einzelnen Aspekten.

Dabei ist dem Genre eigen, dass die Prioritäten dieser Aspekte oft im Vagen bleiben: aus der Betrachtung erwächst ein Gedanke, der das formale Ziel darstellt.

Der Gegenstand darf dabei Randerscheinung eines größeren Zusammenhangs bleiben: “die Bedeutung des Unbeachteten birgt den Kern ihrer Aussage” (Degen 2004).

Viel Spass beim Lesen – und natürlich beim Kommentieren!

Nicht einmal die Simpsons wollen noch etwas mit ihm zu tun haben. Eine alte Folge der Zeichentrickserie, in der Michael Jackson einem Psychiatriepatienten die Stimme leiht, soll künftig nicht mehr ausgestrahlt werden. Die Modemarke Louis Vuitton hat Teile ihrer aktuellen Herrenkollektion zurückgezogen, die von Jacksons Stil inspiriert war. Und viele Radiosender auch in Deutschland boykottieren seine Songs, seit der Dokumentarfilm „Leaving Neverland“ am 6. April auf ProSieben lief und in dem zwei Männer erzählen, wie sie als Kind von Jackson sexuell missbraucht wurden. Lange schon standen solche Vorwürfe im Raum, doch erst jetzt, im Schwung der #MeToo-Bewegung, scheint sich ein kultureller Bann über den Beschuldigten auszubreiten.

Jacksons Fall ist vor allem darum perfide, weil sich der Betroffene nicht mehr wehren kann. Der Medienanwalt Sven Krüger bringt die Causa in der Zeit in Bezug auf einen namenlosen aktuellen deutschen Mandanten auf den Punkt:

„Stellt er sich den Vorwürfen, um sie zu entkräften, verschlechtert er seine Chancen, dass die Gerichte ihn vor Namensnennung und publizierter Häme schützen. Schweigt er aber, um diesen rechtlichen Schutz nicht zu gefährden, verspielt er die Chance, seine Sicht der Dinge deutlich zu machen – und manche, die ihn, auch ungenannt, erkannt haben, legen ihm nun sein Schweigen womöglich als Schuldeingeständnis aus.“

Michael Jackson & Die Simpsons. Quelle: https://consequenceofsound.net/wp-content/uploads/2018/09/screen-shot-2018-09-02-at-7-00-22-pm.png?w=807

Michael Jackson & Die Simpsons. Quelle: https://consequenceofsound.net/wp-content/uploads/2018/09/screen-shot-2018-09-02-at-7-00-22-pm.png?w=807

Nach Angaben der unabhängigen Antidiskriminierungsstelle des Bundes seien die Beratungsanfragen zu sexueller Belästigung am Arbeitsplatz zwischen 2016 und 2018 von 91 auf 193 Fälle gestiegen. Die Betroffenen sind größtenteils weiblich. „Durch #MeToo hat der alte Konflikt zwischen dem Informationsinteresse der Öffentlichkeit und dem Schutz des Verdächtigten eine neue Dimension gewonnen. Die Wucht dieser Debatte droht das mühsam austarierte System des Ausgleichs zwischen Persönlichkeitsrecht und Meinungsäußerungsfreiheit aus dem Lot zu bringen“, konstatiert Krüger zähneknirschend mit Blick auf die Unterhaltungsbranche.

Mindestens in Australien hat sich die Justiz jetzt sensibel gezeigt: Ein Gericht in Sydney sprach dem australischen Oscar-Preisträger Geoffrey Rush Mitte April umgerechnet 540 000 Euro Schadenersatz zu. Der zuständige Richter Michael Wigney urteilte, dass der Daily Telegraph 2017 nicht mit der erforderlichen Sorgfalt gearbeitet habe, und sprach von „rücksichtlosem und unverantwortlichem Sensationsjournalismus der übelsten Art“. Das Blatt hatte unter Berufung auf eine Schauspielerin behauptet, dass Rush die Frau während einer Theaterproduktion von „König Lear“ sexuell belästigt habe. Doch was in der deutschen Film- und Fernsehszene noch größtenteils als Einzelfall skandalisiert wird (Dieter Wedel, Gebhard Henke), wird in den USA als Normalfall gesehen – und prompt gegengesteuert: mit Berufsbildern wie „Intimitätstrainerin“ oder „Intimitätskoordinatorin“.

Berufsbilder wie Intimitätstrainerin

Claire Warden etwa, eine Britin mit Wohnsitz in New York, sieht als Intimitätstrainerin ihre Aufgabe darin, Schauspielern erniedrigende Erfahrungen wie in Bernardo Bertoluccis „Butterszene“ zu ersparen. Zur Erinnerung: in Bertoluccis Film „Der letzte Tango in Paris“ 1972 spielte Marlon Brando den Amerikaner Paul, der sich mit einer jungen Französin trifft – und sie vergewaltigt. Paul setzt Butter als Gleitmittel ein. Die Idee dazu kam dem Regisseur und seinem Hauptdarsteller am Tag der Dreharbeiten spontan beim Frühstück. Dass sie die Szene abwandeln wollten, sagten sie Brandos Filmpartnerin, der neunzehnjährigen Schauspielerin Maria Schneider, nicht. Bertolucci gab 2013 in einem Interview zu, sie bewusst im Dunkeln gelassen zu haben, damit sie ihr Entsetzen und ihren Abscheu nicht habe spielen müssen. Er habe ihre Reaktion „als Mädchen, nicht als Schauspielerin“ einfangen wollen – eine Form des method acting.

Brando und Schneider. Quelle: https://image.stern.de/7227974/16x9-940-529/92f3e5b41dbda1e76e8e1f7d0f3db44/wX/der-letzte-tango-in-paris.jpg

Brando und Schneider. Quelle: https://image.stern.de/7227974/16x9-940-529/92f3e5b41dbda1e76e8e1f7d0f3db44/wX/der-letzte-tango-in-paris.jpg

Schneider sagte, sie habe sich missbraucht gefühlt, selbst wenn es nicht zu Geschlechtsverkehr gekommen sei. „Bei der Schauspielerei, egal ob vor der Kamera oder auf der Bühne, sind die Akteure sehr verletzlich. Das gilt selbstverständlich besonders bei Sexszenen oder Parts mit Nacktheit“, meint Warden. Die Butterszene hätte es bei ihr nicht gegeben: „Auch nach fast 50 Jahren ist die Szene immer noch schwer zu ertragen. Sie zählt zu den schlimmsten Übergriffen vor der Kamera“. Wie hätte sie dann die Ratschläge von Günther Grass während der Dreharbeiten zur „Blechtrommel“ aufgenommen? So habe er zu einer heftigen Sexszene etwa erklärt: „Adorf, das ist keine Liebesszene. Das ist eine brutale Fast-Vergewaltigung, eine Rammelei.“

Ita O‘Brien wiederum ist Intimitätskoordinatorin für die Netflix-Serie „Sex Education“. Bei Nackt- und Sexszenen möchte sie sicherstellen, dass Dreharbeiten respektvoll und einvernehmlich, also ohne herabwürdigende Situationen verlaufen. An der Verpflichtung solcher Intimitätskoordinatoren zeigt sich der unmittelbare Einfluss der MeToo-Diskussion auf die Unterhaltungsproduktion in den USA. Es geht um wirksame Konzepte gegen Missbrauch und Sexismus, genauso wie um den Nachholbedarf einer Industrie, die öffentlichkeitswirksam ihre Bereitschaft zur Korrektur demonstriert.

HBO und der Streaming-Dienst Netflix unterhalten sogenannte Intimitätskoordinatorinnen inzwischen hauptberuflich. Sie fungieren in der Film- und Fernsehproduktion als Kollektiventscheidungen herbeiführende Vermittler, sind aber ganz dem Wohl der Schauspielerinnen und Schauspieler verpflichtet. Zu ihrer Arbeit gehören die Koordination von simuliertem Sex, die Sicherstellung eines möglichst angenehmen Arbeitsklimas und assistierende Aufgaben, etwa Hilfe bei der Bedeckung von Körperteilen. O’Brien versuche der Durchführung von Sexszenen demnach Struktur zu verleihen und Bloßstellungen zu vermeiden.

„Nudity Rider“

Der am Theater bereits länger etablierte, aber für die Film- und Serienherstellung erst 2018 vom Programmanbieter HBO salonfähig gemachte Job rief Skeptiker auf den Plan. Gollum-Darsteller Andy Serkis hält die Richtlinien der Intimitätskoordination auf dem Filmportal moviepilot für eine „Zensur der Kreativität“, stattdessen sollten Filmemacher und Schauspieler entsprechende Fragen unter sich klären. O‘Brien hingegen versichert, dass es nicht um Verbote gehe, vielmehr sei die Darstellung von Nacktheit und Sex durch ein besseres Arbeitsumfeld „glaubhafter, saftiger, leidenschaftlicher“, sagte sie moviepilot.

Serkis und seine Paraderollen. Quelle: https://www.austinchronicle.com/binary/0e6b/serkis.jpg

Serkis und seine Paraderollen. Quelle: https://www.austinchronicle.com/binary/0e6b/serkis.jpg

Bei den zahlreichen Wortmeldungen mutmaßlicher Missbrauchsopfer, so der häufigste Einwand, werde nicht unterschieden zwischen Fehlverhalten und Vergewaltigung – ein unangebrachter Kommentar dürfe nicht die gleichen Konsequenzen haben wie ein körperlicher Übergriff. Mitunter ging es dabei um Relativierungen und kulturellen Alarmismus. Hinter dem Missbrauch stecke eigentlich Prostitution. Und MeToo sei der Beginn einer neuen Prüderie. Wo sind Grenzen zu ziehen, und von wem?

Rajko Burchardt konstatiert auf moviepilot, „dass sich die Diskussion auf einem schmalen Grat zwischen Ideologiekritik und Hexenjagdvergleichen“ bewegt. So kamen Gegenstimmen nicht allein von Männern, wie Catherine Deneuve bewies, die neben 100 weiteren Frauen zu den Unterzeichnerinnen eines offenen Briefs gehörte, der vor den negativen Folgen der MeToo-Bewegung warnte. Die Debatte habe zu einer „Kampagne der Denunziation“ geführt und spiele „den Feinden der sexuellen Freiheit, religiösen Extremisten und schlimmsten Reaktionären“ in die Hände. Auch Rocklegende Suzie Quatro bestätigte jüngst im Weser-Kurier, dass die Debatte aus dem Ruder gelaufen sei:

„Wir sind politisch ‚zu korrekt‘ geworden und sollten zu einem natürlicheren Lebensstil zurückkehren. Wer belästigt wird, sollte das sofort sagen – und nicht 25 Jahre damit warten“.

Andererseits mag das Wort Intimitätskoordination einen furchtbaren Klang erzeugen, aber offensichtlich notwendige oder mindestens erwünschte Kontrollmechanismen beschreiben: Wenn ohnehin Zusatzklauseln in Schauspielverträgen über Details von Nacktheit und sexuellen Darstellungen entscheiden, sollte es bei Dreharbeiten auch eine Person geben, die auf ihre Einhaltung achtet. So beinhaltet der für die HBO-Serie „Game of Thrones“ ausgehandelte Vertag von Emilia Clarke ein Vetorecht gegenüber Nacktszenen, das entscheidet, ob eine als unangebracht empfundene Szene gedreht bzw. überhaupt geschrieben wird. Ebenso könne Elisabeth Moss, Hauptdarstellerin und Produzentin der Serie „The Handmaid‘s Tale“, über alle von ihr entstandenen Aufnahmen und deren Verwendung entscheiden.

Zugleich seien die Regelungen für betroffene Schauspielerinnen und Schauspieler nicht bindend. Einwände gegen Sexszenen oder die Art ihres Zustandekommens hätten auch dann keine Konsequenzen, wenn solche Szenen ausgemacht und daher vertraglich durchsetzbar sind. Diese als „Nudity Rider“ bezeichneten Zusatzklauseln regeln persönliche Bedürfnisse der an Nackt- oder Sexszenen beteiligten Personen, um eine Bildproduktion im kompletten Einvernehmen mit den Künstlern zu gewährleisten. Festgehalten werden sämtliche Einzelheiten der Inszenierung. Das Persönlichkeitsrecht und der Schutz einer Frau sind selbstredend wichtiger als Seriensex. Doch lässt sich immer zweifelsfrei sagen, wo Kunst endet und Befindlichkeit anfängt?

asexuelle Superhelden

Auch eine Sony-Sprecherin bestätigte Ende April gegenüber dem Wall Street Journal, dass das Unternehmen seine eigenen Richtlinien aufgestellt hätte, die dafür sorgen sollen, dass die Entwickler „ausgewogene Inhalte auf der PlayStation-Plattform anbieten“. Die Anpassung bzw. die Abschwächung vermeintlich anstößiger, sexueller Inhalte auf der PlayStation 4 basiert auf diesen neuen Richtlinien zur Regulierung von sexuell eindeutigen Spielinhalten. Zugleich soll das Spielen bzw. das Gaming sowohl „das gesunde Aufwachsen“ als auch die „Entwicklung junger Menschen“ nicht behindern. Laut Wall Street Journal sollen die Führungskräfte des Unternehmens befürchten, dass der Verkauf von bestimmten Spielen mit expliziten, sexuellen Inhalten den Ruf (weltweit) schädigen könnte. Diese Besorgnis soll vor allem von Spiele-Software geschürt werden, die auf dem japanischen Heimatmarkt des Unternehmens angeboten wird, „der traditionell eine größere Toleranz gegenüber fast nackter Haut und Darstellungen von jungen Frauen hat, die minderjährig sein könnten“.

Das bereinigte Spiel. Quelle: https://pisces.bbystatic.com/image2/BestBuy_US/images/products/6255/6255177_sd.jpg;maxHeight=640;maxWidth=550

Das bereinigte Spiel. Quelle: https://pisces.bbystatic.com/image2/BestBuy_US/images/products/6255/6255177_sd.jpg;maxHeight=640;maxWidth=550

Bereits im Oktober 2018 wurde der „Intimitätsmodus“ (Intimacy Mode) in „Senran Kagura Burst Re:Newal“ auf Wunsch von Sony aus der PlayStation-4-Version entfernt, in der PC-Version war dieser „Anfassen-Modus“ weiterhin verfügbar. Ähnliche Schwierigkeiten hatten wohl auch die Entwickler von „ToeJam & Earl: Back in the Groove!“ und „Omega Labyrinth Z“, auch in „Devil May Cry 5“ wurde ein weiblicher, nackter Hintern zensiert. Mark Kern, ehemaliger Produzent bei Blizzard Entertainment, warnt auf dem Spieleportal 4players vor einer „neuen Welle des Puritanismus bei Computer- und Videospielen“ und bezeichnet die aktuelle Situation als „lächerlich“. Die USA hätten ohnehin eine lange Geschichte rund um „moralische Panikmache“ hätte; er nannte die Prohibition (Alkoholverbot) als Beispiel:

„Ich finde es beunruhigend, dass die USA anderen Ländern und Kulturen sowie ausländischen Spieleentwicklern ihre derzeitige moralische Panik aufzwingen. Die USA als Weltpolizei für Moral bezeichne ich als ‚kulturellen Unterdrücker‘. Wir können genauso gut wieder rausgehen und kolonisieren.“

Burchardt traut dem Frieden nicht: „Ein von Problemlösung durch Repräsentation überzeugtes Engagement gegen Diskriminierung muss sich zwangsläufig in Opportunismus und Scheinheiligkeit verstricken. Besinnungslos werden Projektentscheidungen gewinnorientierter Unternehmen gefeiert… Die Konstruktion von Meilensteinen führt geradewegs zur Negation filmhistorischer Errungenschaften. Daher bleibt abzuwarten, ob die Richtlinien zur Darstellung von Nacktheit und Sex über reine Symbolpolitik hinausgehen.“

Dass „Nudity Rider“ ein Gewinn sein können, ließe sich mit Blick aufs „zugeknöpfte Unterhaltungsangebot“ schwer vermitteln, befindet er: „Während verschämte Erotik-Blockbuster wie ‚Fifty Shades of Grey‘ als gewagt und freizügig gelten, erhält die wilde Teenager-Fantasien versprechende Romanze ‚After Passion‘ eine FSK-Freigabe ab 0 Jahren.“ Die Kritikerin Catherine Shoard unterstreicht das im Guardian: „Wir leben in einer Zeit der filmischen Abstinenz“, im globalisierten Kino sei dafür kein Platz mehr vorgesehen, Sex fiel gewissermaßen einer Marktverengung zum Opfer.

Jedes große Hollywoodstudio möchte wie Disney sein, behauptet Burchardt: „Und wie Disney sein bedeutet, asexuelle Superhelden- und Sternenkriegsfilme am laufenden Band zu produzieren. Erzählwürdig ist, was sich beliebig ausdehnen und vor allem in Länder exportieren lässt, die es mit der Freiheit nicht so genau nehmen“. Da es beim Sex sehr wesentlich um Freiheit geht, muss Hollywood für seine Auslandsmärkte eben Abstriche machen. Da in China bereits die Erwähnung unliebsamer sexueller Orientierungen zum Aufführverbot führen kann, wurde „Bohemian Rhapsody“ dort um alle Hinweise auf Freddie Mercurys Liebesleben bereinigt. US-Studios führen solche Zensuren bereitwillig durch, zum Teil mildern sie Filme auch in vorauseilendem Gehorsam ab. Schon die unzensierte Fassung des Queen-Biopics zeichnet ein verklemmtes Bild von Sex im Allgemeinen und Homosexualität im Besonderen.

Rami Malek in Bohemian Rhapsody. Quelle: https://www.morefm.co.nz/home/goss/2018/11/10-things-you-probably-didn-t-know-about-the--bohemian-rhapsody-/_jcr_content/image.dynimg.1280.q75.jpg/v1542650864496/queen-bohemian-rhapsody-movie.jpg

Rami Malek in Bohemian Rhapsody. Quelle: https://www.morefm.co.nz/home/goss/2018/11/10-things-you-probably-didn-t-know-about-the--bohemian-rhapsody-/_jcr_content/image.dynimg.1280.q75.jpg/v1542650864496/queen-bohemian-rhapsody-movie.jpg

Fraglos haben solche und ähnliche Maßnahmen nicht nur – wie gedacht – Einfluss auf Produktionsabläufe, sondern führen Veränderungen der Inhalte selbst herbei. Burchardt befürchtet bereits, dass MeToo-Sensibilitäten eine Allianz mit einem Bedürfnis nach unanstößigen Geschichten eingehen könnten und zu oscartauglichen Biopics wie „Can You Ever Forgive Me?“ oder „Green Book“ führten: „Um Sex scheren die Filme sich wenig, auch sie sind familienfreundlich aufbereitet. Meist verwöhnen sie das liberale Zielpublikum mit Gesinnungen bestätigenden Dialogen, die sich demonstrativ zeitkritisch geben. Bescheinigt werden soll ihnen dadurch Relevanz – Geschichten über Unterdrückung als symbolische Stütze tatsächlich Benachteiligter. Der absurde Glaube an ein Kino, das erzieherisch sein könne oder gar sein müsse, geht in Hoffnungen auf Erlösung über.“ Das würde den Film in eine Rolle drängen, die er weder spielen kann noch will, und ihn ebenso überfordern wie eine Gesellschaft, die eben nicht erzogen werden, sondern einfach leben möchte.

Es war nur eine Frage der Zeit, bis so ein Satz fallen musste: „In der Afrikapolitik müssten Afrikaner das Sagen haben oder zumindest mitreden“. Gesagt hat ihn Mitte April im Tagesspiegel Clement-Amatevi Klutse (CDU), ein aus Togo gebürtiger Hamburger Betriebswirtschaftler. Anlass war die erneut anschwellende Kritik an Angela Merkels Afrika-Beauftragtem Günter Nooke (CDU). Es gebe genug kompetente Menschen mit afrikanischen Wurzeln, die es besser könnten, so Klutse. „Die Politik tut aber so, als würden wir nicht existieren. Wir werden nicht gefragt.“

Der Grünen-Abgeordnete Ottmar von Holtz wurde im selben Blatt noch deutlicher: „Dass dieser Posten trotz der offensichtlichen Überforderung des Amtsinhabers und seiner Fehltritte weiterhin mit Herrn Nooke besetzt ist, zeigt, welchen Stellenwert die Bundesregierung der Afrikapolitik in Wahrheit beimisst“. Der FDP-Bundestagsabgeordnete Christoph Hoffmann sah das ähnlich: Merkels Berater sollte eigentlich die „personifizierte Richtlinienkompetenz der Kanzlerin für eine kohärente Afrika-Politik darstellen“. Doch „wozu braucht es einen Afrika-Beauftragten, wenn er Günter Nooke heißt?“

Günter Nooke. Quelle: https://www.tagesspiegel.de/images/guenter-nooke-afrikabeauftragter/24197968/2-format43.jpg

Günter Nooke. Quelle: https://www.tagesspiegel.de/images/guenter-nooke-afrikabeauftragter/24197968/2-format43.jpg

Hintergrund der Tiraden ist die Antwort auf eine Kleine Anfrage der Grünen-Bundestagsfraktion. Die wollte wissen, ob sich Angela Merkel von Nooke „in Bezug auf den afrikanischen Kontinent sachkundig beraten“ fühle. Die Antwort der Bundesregierung lautet: „Ja.“ Die Anfrage wiederum war eine Reaktion auf die Berichterstattung über ein Treffen Nookes mit Afrikanisten im Februar, auf dem der Diplomphysiker die Rassismusvorwürfe und Rücktrittsforderungen der Wissenschaftler klären wollte. Der Vorgang erhellt ein weiteres Mal sowohl die ideologisch abstruse Entwertung tradierter Erkenntnisse als auch die machtpolitisch instrumentalisierte Interpretation von Geschichte.

„erschreckend paternalistisch“

Nookes Vergehen: In einem BZ-Interview hatte er im Oktober 2018 unter anderem erklärt, „Afrika ist anders“, die Gesellschaften seien von „Clanstrukturen“ und „Stammesführern“ geprägt. Die Kolonialzeit habe in Afrika dazu beigetragen, „den Kontinent aus archaischen Strukturen zu lösen. Experten, auch Afrikaner, sagen: Der Kalte Krieg hat Afrika mehr geschadet als die Kolonialzeit.“ Der Satz stammt vom britisch-sudanesischen Unternehmer Mo Ibrahim. Schließlich paraphrasierte Nooke Ideen des Wirtschaftsnobelpreisträgers Paul Romer: Vielleicht sei ein afrikanischer Regierungschef bereit, ein Teilterritorium zu verpachten. Dort könnten „in Wirtschaftssonderzonen Migranten angesiedelt werden, unterstützt von der Weltbank oder der EU oder einzelnen Staaten“.

Das politische Echo darauf war enorm. Im Tagesspiegel wütete der Bundestagsabgeordnete Niema Movassat (Linke): „Nooke äußert sich wie ein zu spät geborener Kolonialherr. Er gehört unverzüglich entlassen.“ „Zu sagen, der Kalte Krieg war schlimmer als die Kolonialzeit, ist absurd“, findet SPD-Vorstand Christoph Matschie (MdB), was Nooke sage, sei „erschreckend paternalistisch“. Für Tahir Della von der Initiative Schwarze Menschen in Deutschland verharmlost Nooke „nicht nur eins der größten Menschheitsverbrechen, sondern negiert auch die unmittelbaren Folgen von Kolonialismus, Versklavung und die anhaltende Ausbeutung Afrikas.“ Und für Moctar Kamara, Vorsitzender des Zentralrats der afrikanischen Gemeinden in Deutschland, bedient Nooke „rassistische Stereotypen“.

Tage später fuhr der Fachverband Afrikanistik e.V., ein Wissenschaftlerverein an deutschsprachigen Hochschulen, weitere mächtige Geschütze auf. Mit „kolonialen Stereotypen und rassistischen Untertönen“ sei Nooke in dem Interview „rechtspopulistischen und rassistischen Positionen“ entgegengekommen. „Wir fordern die Entlassung von Günter Nooke“, lautete die Schlussfolgerung eines offenen Briefs an Merkel und Entwicklungsminister Gerd Müller des besagten Fachverbands unter dem Vorsitz der Hamburger Juniorprofessorin Raija Kramer.

Das Problem: Merkel gibt sich seit Jahren überzeugt, dass Europas Schicksal an Afrika hängt, und will den Kontinent deshalb nach Kräften unterstützen. Zentral dafür sei die „partnerschaftliche Zusammenarbeit“, die „Augenhöhe“ mit den Menschen – um für Stabilität zu sorgen, die Wirtschaft anzukurbeln und vor allem die Migration einzudämmen. „Die wenigsten Migranten aus Afrika sind Flüchtlinge. Die meisten suchen ein besseres Leben“, hatte Nooke in dem Interview auch noch nachgelegt.

Günter Nooke und Angela Merkel. Quelle: https://www.imago-images.de/imagoextern/asp/default/bild.asp?c=x%B7%9Cl%8E%5F%82Zg%7D%5CZS%BC%C1k%B6T%AB%84o%C4%A8%B8%D1%BE%B0%9E%B2%C7%BCU%82%A0%B3%90%B2%A2L%7B%D3%B1%C0%BA%B4%B0%BF%BAk%A3x%B5r%8A%AA%8Dp%9D%CF%BB%8E%C2%B4%95%BF%D0%C8%9C%AC%C8%D4%B5%90%60%9DS%9A%9F%B3%C8k%8D%AD%C5%A3%AF%5E%A7%93%60G%AC%93%9FJf%B5%8B%B5%CA%C1m%88%9B%98%9F%9F%9CF%AB%94%BC%C4%AD%B6K%995%9E%A1%A6%CEm%95%C6%99%AB%BB%AE%5E%8A%5BkrwTa%82%60%97P%9D%A9%7C%CC%B5%9D%BF%C9

Günter Nooke und Angela Merkel. Quelle: https://www.imago-images.de/imagoextern/asp/default/bild.asp?c=x%B7%9Cl%8E%5F%82Zg%7D%5CZS%BC%C1k%B6T%AB%84o%C4%A8%B8%D1%BE%B0%9E%B2%C7%BCU%82%A0%B3%90%B2%A2L%7B%D3%B1%C0%BA%B4%B0%BF%BAk%A3x%B5r%8A%AA%8Dp%9D%CF%BB%8E%C2%B4%95%BF%D0%C8%9C%AC%C8%D4%B5%90%60%9DS%9A%9F%B3%C8k%8D%AD%C5%A3%AF%5E%A7%93%60G%AC%93%9FJf%B5%8B%B5%CA%C1m%88%9B%98%9F%9F%9CF%AB%94%BC%C4%AD%B6K%995%9E%A1%A6%CEm%95%C6%99%AB%BB%AE%5E%8A%5BkrwTa%82%60%97P%9D%A9%7C%CC%B5%9D%BF%C9

Dass ausgerechnet Merkels Afrikaberater, ein Ex-DDR-Bürgerrechtler, dem Kolonialzeitalter öffentlich positive Aspekte abgewinnt, ist für die Bundesregierung eine harte Nuss, steht sie bei dem Thema doch unter Beobachtung – und Zugzwang. Dass die im Koalitionsvertrag versprochene Aufarbeitung deutscher Kolonialverbrechen nicht vorankommt, löst ohnehin schon Wut aus bei den Nachfahren der Opfer, etwa in Namibia. Zu „Partnerschaft“ und „Augenhöhe“ gehöre eine Anerkennung der deutschen Schuld – und eine offizielle Entschuldigung, sagen sie. Während der deutschen Kolonialherrschaft im heutigen Namibia hatten deutsche Truppen ein Massaker unter den dortigen Herero und Nama angerichtet – das Verbrechen gilt als erster Völkermord des 20. Jahrhunderts.

„vielleicht auch ein anderer Faktenbegriff“

Dann passierte: fast nichts. Schon im Oktober hatte Nooke der SüZ erklärt, es liege ihm fern, „die Verbrechen der Kolonialzeit zu relativieren“. Auf eine parlamentarische Anfrage hin erklärte das Ministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ), wo Nooke als Unterabteilungsleiter arbeitet, ein Vergleich von Kolonialzeit und Kaltem Krieg sei unangemessen. Was er seinen Kritikern zubilligte, war das erwähnte, presseoffene Gespräch am 13. Februar im BMZ mit neun Wissenschaftlern, bei dem eine eisige Atmosphäre geherrscht und der von einem Anwalt flankierte Nooke „beleidigt“ gewirkt haben soll. Moderiert wurde das Gespräch vom Görlitzer Kulturwissenschaftler Matthias Vogt, einem persönlichen Freund Nookes.

Man redete aneinander vorbei, resümierte Ansgar Graw in der Welt. So konterte Nooke den Vorwurf, er habe den Stereotyp verbreitet, dass Afrika „anders“ sei, damit, es sei nicht seine Auffassung, wenn aus der Feststellung von Unterschieden ein Rassismusvorwurf abgeleitet werde. Außerdem wollte er wissen, was denn nun an seinen Fakten falsch sei. Der Hamburger Professor Jürgen Zimmerer räsonierte, Nooke hätte ja auch positive Beispiele aus Afrika nennen können: Kenia etwa sei weltführend beim bargeldlosen Zahlungsverkehr. Dann wäre das Interview ausgewogener gewesen: „Wir als Geisteswissenschaftler haben vielleicht auch einen anderen Faktenbegriff als Sie“. Ein anderer Faktenbegriff, aha. Eine von Nooke vorbereitete Schlusserklärung  wurde prompt abgelehnt.

Allerdings erhielt Raija Kramer von Nooke ein 13seitiges Gutachten von Vogt. Das enthält eine Sammlung von Komma- und Tippfehlern des Briefs, begleitet von der Kritik, der Protestbrief gegen Nooke sei eine wissenschaftliche Arbeit Kramers mit Plagiaten, Falschangaben und verfälschten Daten, und der Empfehlung, Kramers „Dienstherrn“ zu informieren, den Präsidenten der Universität Hamburg. Das wurde als Drohgebärde gegen die Afrika-Expertin gewertet.  Die Bundesregierung distanzierte sich jetzt von Vogts Gutachten und will trotz der massiven Kritik an ihm festhalten. Aus ihrer Sicht ist er auch weiterhin ein geeigneter Gesprächspartner für afrikanische Regierungen und Organisationen sowie Forscher und wissenschaftliche Einrichtungen.

„beinahe historische Ankündigung“

Abgesehen von der Ungeschicklichkeit des „Lausitzer Granitschädels“, wie Vogt Nooke nennt, zeigt der Vorgang zunächst, wie in bester sozialistischer Tradition selektive Wahrnehmung betrieben wird und die mit einer Umwertung des Eigenen einhergeht. Europa stehe gegenüber Afrika in „tiefer Schuld“, mahnte Merkel im Januar 2016 in Davos. „Wir haben uns in der Kolonialzeit an Afrika versündigt“, verstärkte sie Anfang April 2017 ihre Appelle: „Wir müssen ein bisschen Leidenschaft für die Geschichte Afrikas entwickeln, ansonsten werden wir auch nicht zueinanderkommen.“ Zwei Jahre später ist sie noch deutlicher: „Der Kolonialismus hatte eine historisch anerkannte, massiv schädigende Wirkung auf die Entwicklung in Afrika. Das sollte man nicht relativieren.“ Die Bundesregierung bekämpfe „Rassismus in jeglicher Form“. Wer mit „wir“ gemeint ist und aus welchen Gründen zueinander kommen müsse, verschwieg sie ebenso wie die Quellen der schädigenden Wirkung.

Vogt und Nooke mit Kamerunern. Quelle: http://www.taz.de/picture/3266471/624/foto-nooke-vogt-kamerun.jpeg

Vogt und Nooke mit Kamerunern. Quelle: http://www.taz.de/picture/3266471/624/foto-nooke-vogt-kamerun.jpeg

Denn ungeachtet aller Feinheiten der – kurzen – deutschen  Kolonialgeschichte: Was heute als „Globalisierung“ gefeiert wird, war zuvor, obwohl dort Nationen fehlten (!), selbstredend falsch, ja schädlich – denn es gelte, nicht die aktuellen eigenen Interessen zu sehen, sondern von Anbeginn die aller von Kolonialismus Betroffenen, und damit ungeachtet aller Geschichte auf Interessensausgleich hinzuwirken. Jansen/Osterhammel stellen aber wie andere schon 2013 fest: „Es gibt keine direkte Korrelation zwischen kolonialer Lage, Dekolonisationsprozess und der heutigen Situation von Staaten“.

„Wenn jede Form der Ausplünderung und Unterdrückung eine Form des Kolonialismus darstellt, dann wird der Begriff historisch vollständig entleert – der Kolonialismus gewissermaßen enthistorisiert“, muss selbst die Zeit zugeben. Denn es endeten mitnichten Ausbeutung und Unterdrückung, brachte die formale Unabhängigkeit der neuen Staaten „häufig weder Freiheit noch Unabhängigkeit. Vor allem in Afrika hat sich die Situation in manchen Ländern sogar verschärft.“  Denn wann, wo und womit beginnt die Verantwortung der einst Kolonisierten?

Der Vorgang zeigt ebenso, dass selektive Wahrnehmung zugleich die selektierten Fakten funktionalisiert. Aus der Idee des Nobelpreisträgers Romer der „Charter-Citys“ als „Sonderverwaltungszentren“ wird in Nookes Adaption natürlich ein verdammenswerter Rückfall in Stereotype, die „die Mär von der Zivilisationsmission“ wieder aufwärmten: „als Vorteil für die Kolonisierten wird ausgegeben, was den Kolonisierern nutzt“, bringt Zimmerer in der taz ein hermeneutisches Kunststück fertig. Folglich müsse Nooke „Invasion und Massenraubmord der Vergangenheit vom Stigma“ befreien. Aber die Vergangenheit mit den Maßstäben der Gegenwart zu messen wird immer ahistorisch sein – diese Erkenntnis gehörte schon in der DDR zum selbstverständlichen  Schulwissen! Sind alle Ossis Rassisten?

Der Vorgang zeigt auch, dass der eigentliche Paternalismus der Bundesregierung zuzuschreiben ist: Merkel sagte nach dem Nooke-Interview eine Milliarde Euro für die Förderung privater Investitionen in Afrika zu. „Wir wollen hier heute gemeinsam ein deutliches Signal setzen, nämlich dass uns an einer guten und gewinnbringenden Nachbarschaft zwischen Afrika und Europa gelegen ist“, erklärte sie vor Top-Managern und afrikanischen Staatschefs. Bei den in Afrika tätigen deutschen Unternehmen stieß die Ankündigung auf große Zustimmung. Der Vorsitzende des Afrika-Vereins der deutschen Wirtschaft, Stefan Liebing, sprach von einer „beinahe historischen Ankündigung“.

„Afrika braucht keine Babysitter“

Der Vorgang zeigt weiter, dass an den eigentlichen Belangen der Betroffenen vorbeigefördert und damit vorbeiregiert wird. In den vergangenen 55 Jahren sind weltweit bereits eine Billion Dollar Hilfsgeld allein nach Afrika geflossen. Doch bis heute gibt es nicht genügend Projekte für das vorhandene Geld, erklärt der emeritierte Nürnberger Finanzexperte Klaus Stocker in der SüZ. Es gäbe

„stattdessen eine Reihe von Negativbeispielen in rohstoffreichen Ländern wie Nigeria, dem Kongo oder auch Angola, deren Einnahmen aus Rohstoffexporten das zigfache des Entwicklungsgeldes betragen und deren Entwicklung dennoch alles andere als positiv verlaufen ist.“

Bruttoinlandsprodukt pro Kopf in US-Dollar (Studie der Weltbank, 2002). Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Wirtschaft_Afrikas#/media/File:Africa_by_GDP,_2002.png

Bruttoinlandsprodukt pro Kopf in US-Dollar (Studie der Weltbank, 2002). Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Wirtschaft_Afrikas#/media/File:Africa_by_GDP,_2002.png

Beispielsweise betrugen 2014 Nigerias Öleinnahmen 85,6 Milliarden Dollar, Migranten überwiesen etwa 20 Milliarden Dollar an ihre Familien und Freunde in der Heimat. Dem stand Entwicklungshilfe in Höhe von 2,5 Milliarden Dollar gegenüber. Obwohl Nigeria damit eines der Länder ist, die am meisten Entwicklungsgeld erhalten, sind diese Mittel im Vergleich zu den Einnahmen aus dem Ölgeschäft unbedeutend. Trotzdem ist Nigeria noch ein armes Land. Ruandas Präsident Paul Kagame brachte es im Juni 2018 in einem Interview mit der Zeitschrift Jeune Afrique auf den Punkt:

„Afrika braucht keine Babysitter. Je weniger sich die Welt um Afrika kümmert, umso besser geht es Afrika.“

Der Verein „Aktion Tagwerk“ freut sich etwa, dass bundesweit am 18. Juni „wieder hunderttausende Schüler, statt die Schulbank zu drücken, einen Tag lang jobben“. Der Verdienst soll Bildungsprojekten in sieben afrikanischen Ländern, darunter Ruanda, zugutekommen. Den Schülern wird suggeriert, sich mit der Aktion während der Unterrichtszeit für etwas Edles und Gutes einzusetzen: die Geschäftsführende Vorsitzende der Aktion, Nora Weisbrod, möchte die Afrikaner „neue Wege lehren, ihre Felder zu bestellen“. Aber wer sich so verhält, weil er den Afrikanern nicht zutraut, dass sie selbst wissen, wie sie ihre Felder bestellen können, verhält sich – zumindest tendenziell – rassistisch.

„Die schwarze Haut ist armutsfotogen und wird intensiv von Hilfsorganisationen und der Entwicklungshilfeindustrie benutzt“, schreibt Lug Degla aus Benin in seinem Buch „Wenn Gäste bleiben“. Man muss den Afrikanern nicht helfen, weil sie ja ach so arm sind; es würde schon reichen, wenn man sie in Ruhe lässt, sagt dem Blog Tichys Einblick der Kameruner Filmemacher Jean-Marie Téno:

„Entwicklungshilfeorganisationen haben in vielen Fällen das freie Unternehmertum zerstört und Afrikaner zu Bettlern gemacht. Wer braucht schon 20-jährige Freiwillige, die beim Brunnengraben helfen? Haben die schon jemals einen Brunnen in ihrer Heimat gegraben? Die wissen nicht einmal, wie ein Brunnen ausschaut.“

Und der Vorgang zeigt schließlich auch, dass das Gutgemeinte noch schlimmer als das Schlechtgemachte sein kann. So verlangen SPD, Linke und Grüne im April, „dass Berlin seiner Verantwortung als ehemalige Hauptstadt des Deutschen Kolonialreiches endlich gerecht wird“. In einer gemeinsamen Erklärung fordern sie konkrete Maßnahmen. „Raubkunst“ müsse zurückgegeben werden, meint Frank Jahnke (SPD). Regina Kittler (Linke) plädiert für Reparationen, und Daniel Wesener (Grüne) schwebt gar „eine zentrale Gedenkstätte an die Opfer der deutschen Kolonialverbrechen“ vor.

„Es ist seltsam und fast unbegreiflich, mit welcher Inbrunst man jetzt versucht, diese Geschichte hervorzukramen und zu behaupten, man habe noch nicht ausreichend Verantwortung übernommen“, ärgert sich Gunnar Schupelius in der BZ. Warum sollten, wie 2018 Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) in der FAZ schrieb, Universitäten, Medien und Schulen die deutsche Schuld in der Kolonialzeit hervorheben? Geschichte muss erzählt werden, wie sie war. Ungeschönt. Aber nicht verbunden mit einem Schuldbekenntnis der heutigen Generation für eine ferne Zeit in Afrika vor 120 Jahren. Ein solches „Mahnmal der Schande“ wird dann leicht wieder zu einem von Schande-Interpretationen. Und die spalten uns weiter, obwohl wir das Gegenteil von Spaltung brauchen.

Als letzten Utopist, der es bis zum Schluss in der DDR ausgehalten und den „mit sprachlicher Brillanz“ unermüdlich die „Lust am Experiment“ vorangetrieben habe, sieht ihn Martin Krumbholz in der NZZ. Hans-Herbert Räkel bewundert in der SüZ seinen „Kampf um ein lyrisches Ich“ jenseits einer „Ideologie oder einer politischen Überzeugung“. Rolf-Bernhard Essig lobt in der Frankfurter Rundschau die Vielfalt seiner „Töne, Formen und Themen“, die die „Buntheit der Narrengesellschaft Menschheit“ treffend wiedergebe. Die artigen Komplimente gelten einem Sachsen, der sich bis heute als unartig versteht, zu den bedeutendsten Dramatikern, Lyrikern, Erzählern und Essayisten im deutschen Sprachraum gehört und nun seinen 80. Geburtstag feiern darf:  Volker Braun.

Dabei ist „darf“ durchaus wörtlich zu nehmen: zu seinen „besten Zeiten“ als „Außenseiter und Aushängeschild“ der DDR waren neun Stasi-Offiziere und zweiunddreißig IM auf ihn angesetzt, ein DDR-Funktionär hatte ihm gar angedroht, man müsse ihn erschießen. Er lebte ein exemplarisches Leben zwischen Anpassung und Abweichung: „SED-Mitgliedschaft und staatliche Observierung, Verteidigung der sozialistischen Idee und Austritt aus dem Schriftstellerverband, Publikationsbehinderung und Reisemöglichkeiten prägten seine Existenz, aus der ein tiefes Bedürfnis zur Häresie erwuchs“, erkannte Gregor Dotzauer im Tagesspiegel. Sein Problem: Die Ansprüche, die er an die DDR gerichtet hatte, stellte er auch an das wiedervereinigte Deutschland und seine „zusammengenagelte, erpresste Einheit, die Einheit der Uneinigen, Ungleichen, der Zerrissenen“.

Volker Braun, Quelle: https://www.deutschlandfunkkultur.de/media/thumbs/c/ca35cdedefd13dcf5436e920cc7f4696v1_max_635x382_b3535db83dc50e27c1bb1392364c95a2.jpg?key=0ca0ee

Volker Braun, Quelle: https://www.deutschlandfunkkultur.de/media/thumbs/c/ca35cdedefd13dcf5436e920cc7f4696v1_max_635x382_b3535db83dc50e27c1bb1392364c95a2.jpg?key=0ca0ee

Als Sohn des Buchprüfers Erich Braun, der zum Ausgleich zu seinem eher profanen Beruf Kunstliebhaber war, wurde Volker Braun am 7. Mai 1939 in Dresden geboren. Das Sonntagskind hatte vier Brüder. Sein Vater fiel am letzten Kampftag, sein sechster Geburtstag war der Tag der Befreiung und Beisetzung. Dresden war zerstört, seine ästhetische Schule waren die schönen Ruinen. Als noch junge Frau und Kriegerwitwe musste seine Mutter fünf kleine Kinder durch die Nachkriegszeit bringen – der Sohn wird ihr in der autobiographischen Erzählung „Das Mittagsmahl“ (2007) ein Denkmal setzen. Nach dem Abitur arbeitete er als Druckerei-, Tiefbau- und Tagebauarbeiter und als Maschinist, unter anderem im Gaskombinat Schwarze Pumpe. Rausch und Qual der Arbeit, dazu die Erfahrung der Ungleichheit schöpferischer und Drecksarbeit wurden ihm elementarer Stoff des Schreibens.

„Provokation für mich“

1960 begann er an der Universität Leipzig Philosophie zu studieren und schrieb erste Gedichte unter dem Titel „Provokation für mich“, die Stephan Hermlin 1962 in der Akademie der Künste vortrug und fast zu seiner Exmatrikulation führten. Braun verstand sich von Beginn an als dezidiert politischer Autor in der kritischen Nachfolge von Bertolt Brecht. Dreh- und Angelpunkt seines Werkes waren die Widersprüche zwischen der sozialistischen Utopie auf der einen und der Realität des Staatssozialismus auf der anderen Seite. Obwohl er seit Beginn des Studiums Mitglied der SED war, galt er gleichwohl als staatskritisch. 1964 bereiste er Sibirien, ein Jahr später heiratete er, wurde Vater einer Tochter – und von Helene Weigel eingeladen, als Dramaturg am Berliner Ensemble zu arbeiten.

Nach dem 11. SED-Plenum, dem „Kahlschlagsplenum“, wurden die Proben zu seinem ersten Stück abgebrochen. Erst 1972 wird „Kipper“ uraufgeführt – mit dem Satz, dass die DDR „das langweiligste Land der Welt“ sei. Da arbeitete Braun, inzwischen Wahlberliner, schon am Deutschen Theater und hatte nach der Niederschlagung des Prager Frühlings die Stücke „Trotzki“ und „Lenins Tod“ geschrieben. Letzteres versteckt in der Sympathiebekundung für den Revolutionär die Ablehnung des Stalinismus und kommt erst 1988 auf die Bühne.

Diese Ambivalenz sollte ihn bis zur Wende begleiten: einerseits der Abbruch von Proben zu Stücken, die dann Jahre später aufgeführt wurden, oder gar die Einstellung aller Verlagsvorhaben, andererseits die Übernahme von kulturpolitischen Ämtern wie etwa im Vorstand des DDR-Schriftstellerverbands oder die Auszeichnung mit staatlichen Preisen wie dem Heinrich-Mann-Preis. In den siebziger Jahren bereist er Frankreich, Italien, Peru, Kuba und Polen. Ein in Leipzig 1972 erschienenes Schriftstellerlexikon bescheinigte dem Dreiunddreißigjährigen „hohes geistiges und ästhetisches Niveau“, tadelte jedoch das „jugendlich forcierte, oft übersteigerte“ Ungestüm seines Stils. Was subjektiv übersteigert schien, war aber eine Mischung aus dem Anarchischen des frühen Brecht (zumal seines „Baal“) und der revolutionären Dynamik von Versen des frühen Majakowski.

1974 findet seine Gedichtsammlung „Gegen die symmetrische Welt“ breite Aufmerksamkeit, in der er sich als Gesinnungsgenosse Hölderlins outet, der einst schrieb: „…die Besten unter den Deutschen meinen meist noch immer, wenn nur erst die Welt hübsch symmetrisch wäre, so wäre alles geschehen.“  Nicht in fundamentaler Opposition zum DDR-Staat stand Braun, aber er erwartete von ihm ein, wie er es nannte, „Hinüberarbeiten in die freie Gesellschaft“. Seit 1975 wird er wegen „politisch-ideologischer  Diversion“ unter dem Operativen Vorgang „Erbe“ von der Stasi beobachtet: „Es besteht der Verdacht, dass es sich bei Braun um einen personellen Stützpunkt des Gegners handelt, dass er bewusst und zielgerichtet revisionistisches und konterrevolutionäres Gedankengut vertritt…“, wird er später in seiner Akte lesen.

Volker Braun. Quelle: https://images.gr-assets.com/authors/1324048375p8/523898.jpg

Volker Braun. Quelle: https://images.gr-assets.com/authors/1324048375p8/523898.jpg

Der Grund der Beobachtung: Die „Unvollendete Geschichte“ um die 18jährige Funktionärstochter Karin, die sich von ihrem zu Unrecht politisch verdächtigten Freund Frank trennen muss und darüber den Glauben an den SED-Staat verliert. Der sensible Junge, Kind politisch „unzuverlässiger“ Eltern, unternimmt einen Selbstmordversuch und schwebt tagelang in Lebensgefahr. Karin, die ein Kind von ihm erwartet, bricht mit ihren Eltern und kehrt zu Frank zurück. Das Liebespaar steht am Ende der „Unvollendeten Geschichte“ mit „nicht druckbaren Stimmungen“ fast außerhalb einer Gesellschaft, die ständig „die Sorge um den Menschen“ plakatiert, aber damit „den Menschen umbrachte“, mit den Mitteln den Zweck vernichtete – „womöglich“.

„Das Ungeahnte tritt eisern ein“

In seinem Stück „Guevara oder Der Sonnenstaat“ zeigt sich im selben Jahr das Doppelgesicht seiner Revolutionsstücke: die historische Erstarrung von Revolutionen und die Faszination von Sozialutopien. Brauns eigenes Credo steht im Gedicht „Das Lehen“: „Die Bleibe, die ich suche, ist kein Staat.“ 1976 gehörte er zu den Mitunterzeichnern der Protestresolution gegen die Ausbürgerung Biermanns. Von 1977 bis 1990 arbeitet er wieder am Berliner Ensemble, als „Hausautor“. Die altchinesische Bauernrevolution wird im Stück „Großer Frieden“ eine Anspielung auf Bürokratisierung und Stillstand in der DDR. Und in „Simplex Deutsch. Szenen über die Unmündigkeit“ überwiegt der satirische Blick auf die deutsche Revolutionsgeschichte.

1979 landet er mit dem Gedichtband „Training des aufrechten Gangs“ erneut einen vielbeachteten Erfolg: „Womöglich war es mein Fehler // dass ich mich nicht entschloss // in Schwarz zu gehn oder ganz in Weiß // zu den vorgeschriebenen Stunden“ heißt es da. Ein weiterer wird der an Diderots „Jacques der Fatalist und sein Herr“ angelehnte „Hinze-Kunze-Roman“ 1985. Mittels einer eigenwilligen und enigmatischen Dialektik zwischen den beiden Hauptfiguren schildert der Autor ironisch bis sarkastisch die frappierende Ungleichbehandlung zwischen Parteifunktionären und einfachen Bürgern; und alles – wie Braun süffisant bemerkt – aus reinem „gesellschaftlichem Interesse“: Hinze ist der Fahrer, Kunze der Funktionär. Diese Oben-Unten-Dialektik wird ihn unter verschiedenen Perspektiven bis heute beschäftigen, da man „Pack“ und „Elite“ sagen würde. Der stellvertretende Kulturminister Klaus Höpcke (SED) erhielt damals übrigens ein Disziplinarverfahren, weil er die Druckerlaubnis erteilt hatte. Er nannte in der Weltbühne das Buch einen „Gewinn für alle“ und verstand es als Appell „zu verhüten, dass wir zerhinzen und verkunzen“. Das Buch erhielt den Bremer Literaturpreis.

Volker Braun, Ruth Berghaus, Wieland Förster bei der Berliner Begegnung zur Friedensförderung. Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Volker_Braun#/media/File:Bundesarchiv_Bild_183-1982-0104-301,_Volker_Braun,_Ruth_Berghaus,_Wieland_F%C3%B6rster.jpg

Volker Braun, Ruth Berghaus, Wieland Förster bei der Berliner Begegnung zur Friedensförderung. Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Volker_Braun#/media/File:Bundesarchiv_Bild_183-1982-0104-301,_Volker_Braun,_Ruth_Berghaus,_Wieland_F%C3%B6rster.jpg

Inzwischen gehörte Braun zu den lautesten und prominentesten DDR-Kritikern, hat ihn der realsozialistische Ernüchterungsprozess voll erfasst, zeichnen seine Werke zunehmend das Bild eines deprimierenden Lebens, bewegen sich die Akteure seiner Texte resigniert in einem unbeweglichen Umfeld. Im Gedichtband „Langsamer knirschender Morgen“ heißt es 1987: „Das Unverfängliche // Gibt uns kein Gleichnis;// Das Unzulängliche// Hier wirds  E r r e i c h n i s.// Das fein Geplante // Ist doch zum Schrein.// Das Ungeahnte // Tritt eisern ein.“ 1988, anderthalb Jahre vor dem Exitus der DDR, dann die beiden letzten großen Vorwendeerfolge: Die Tschechow-Adaption „Die Übergangsgesellschaft“ ist der eine. Der Altkommunist und damalige Intendant des Gorki-Theaters, Albert Hetterle, sprach auf seiner Bühne den Satz: „Die Revolution kann nicht als Diktatur zum Ziel kommen.“ Das Stück wusste „mehr vom Übergang vom Sozialismus in den Kapitalismus, als seinem Autor lieb und bewusst war“, meinte Nikolaus Merck in der Nachtkritik.

Die Notatesammlung „Verheerende Folgen mangelnden Anscheins innerbetrieblicher Demokratie“ ist der andere: „Aber wenn das, was ich schreibe, im ‚Widerspruch‘ zur Partei steht, wie kann ich dann Mitglied sein?“, reflektiert er darin, oder „Das Andersdenken entspricht dem Befund einer Allergie: die Individuen reagieren, in den angeschlagenen Betrieben und Ehen, überempfindlich auf bestimmte, für normale Organismen harmlose Reize…“ Er „stellt jene Zugehörigkeit in Frage, die ihm über Jahrzehnte die Kraft gab, seine Gesellschaft vom Gesichtspunkt ihres Fortschritts aus zu provozieren. Jene Zugehörigkeit, die seinem Schreiben den Sinn gab“, erkennt Martin Ahrends in der ZEIT. Von einem „konspirativen Realismus“ schreibt Braun selbst.

Er geht weiter auf umfangreiche Bildungsreisen, darunter nach Japan, China, Mexiko und Südafrika sowie, Christa Wolf gleich, sofort nach der Wende in die USA. Denn während der friedlichen Revolution 1989 gehörte er bei aller Skepsis doch zu den Befürwortern eines eigenständigen „dritten Weges“ für die DDR und war geladener Erstunterzeichner des Aufrufs „Für unser Land“ – weil er „den Sozialismus wollte und die DDR als dessen Zerrbild sah“, schreibt Fritz J. Raddatz in der ZEIT. Nach der Wiedervereinigung beschäftigt er sich bis heute kritisch mit den Gründen für das Scheitern der DDR, zuletzt in der Glossensammlung „Flickwerk“ und seiner „Kamenzer Rede“ 2014.

„Atemnot als Form“

Davor lieferte er unter anderem die Bauernkriegsadaption „Die hellen Haufen“, die den Kalistreik von Bischofferode 1993 thematisiert: 4000 streikende Arbeiter errichten einen Zaun mit der Aufschrift „Kein Kolonialgebiet“, ein Teil marschiert gen Berlin. Sie sammeln sich auf einem Schlackeberg, dem Schutt ihrer Existenz, die nicht zu verteidigen ist, eines Besitzes, den sie nicht besessen haben, eines Lebens, für das man das seine nicht (mehr?) in die Schanze schlägt: Die von der Erzählung gebotene „Geschichte“, so heißt es am Schluss mit Verweis auf die unaufhebbare Ambivalenz des Versuchs, den Willen zu Gesellschaftsveränderung in aufständische Aktionen zu überführen, hat sich ja nicht ereignet. „Sie ist nur, sehr verkürzt und unbeschönigt, aufgeschrieben. Es war hart zu denken, dass sie erfunden ist; nur etwas wäre ebenso schlimm gewesen: wenn sie stattgefunden hätte.“

Mit dem Nationalpreis der DDR und dem Büchnerpreis der BRD erhält er die höchsten Literaturpreise beider deutscher Staaten; als einziger neben Christa Wolf und Heiner Müller. In der Begründung zum Büchnerpreis heißt es, er habe „die Sprache und die Formen der philosophischen Epoche der deutschen Literatur erneuert und verwandelt“. 1999 übernimmt er die Brüder-Grimm-Professur an der Universität Kassel, wird Ehrendoktor in Tokio und hält 2006 die Festrede zur 800-Jahrfeier seiner Heimatstadt Dresden, die ihm später auch ihren Kunstpreis verleiht. Im selben Jahr wird er Direktor der Sektion Literatur der Akademie der Künste.

Braun als Dresdner Kunstpreisträger. Quelle: http://www.dnn.de/var/storage/images/dnn/kultur/kultur-news/truemmer-und-landschaften-portraet-des-kunstpreistraegers-volker-braun/268539442-3-ger-DE/Truemmer-und-Landschaften-Portraet-des-Kunstpreistraegers-Volker-Braun_reference_4_3.jpg

Braun als Dresdner Kunstpreisträger. Quelle: http://www.dnn.de/var/storage/images/dnn/kultur/kultur-news/truemmer-und-landschaften-portraet-des-kunstpreistraegers-volker-braun/268539442-3-ger-DE/Truemmer-und-Landschaften-Portraet-des-Kunstpreistraegers-Volker-Braun_reference_4_3.jpg

„Seine Sprache verändert sich, sein Duktus härtet sich, sein Metaphernhaushalt entleert sich jeglicher Eleganz. In seiner Lyrik kann eine Entwicklung von der Bedeutungslyrik zur Spruchdichtung beobachtet werden. Atemnot als Form“, konstatiert Raddatz 10 Jahre später, nennt ihn einen „melancholischen Optimisten“ und seine Gedichte „gebrochene Rufe“, in denen Bitterkeit Emphase ablöst. In seinem letzten Gedichtband „Handbibliothek der Unbehausten“ (2016) erkennt Beatrice von Matt in der NZZ „zornige und verzweifelte Psalmen der Aktualität“, in denen „wortmächtig und fassungslos zugleich … der Dichter seine Sprache der Welt entgegen“ hält. Er trägt bis heute schwer am Bruch in seinem politischen und persönlichen Leben, für den er 1990 Verse gefunden hatte, die inzwischen weithin Signal geworden sind: „Mein Land geht in den Westen. / KRIEG DEN HÜTTEN FRIEDE DEN PALÄSTEN. / Ich selber habe ihm den Tritt versetzt“, heißt es im Gedicht „Eigentum“.

„Es stimmt etwas im Ganzen nicht, und worüber wir uns den Mund zerreißen, das zerreißt die Gesellschaft“, sagt Braun selbst und versucht, das Unstimmige zu ergründen und mit der Heraufkunft des einen deutschen Staates zu verbinden. So schreibt er mit „Das unbesetzte Gebiet. Im schwarzen Berg“ eine weitere Fassung der „Freien Republik Schwarzenberg“, die bereits Stefan Heym fasziniert hatte, oder mit dem zeitkritischen Satyrspiel „Die Putzfrauen“ eine Persiflage auf die Griechenland-Rettung der EU – gemeinsam mit „Die Griechen“ bildet es die Dilogie „Demos“. Am ergiebigsten und kritischsten aber sind seine beiden „Werktage“-Bücher, eins vor 1990, eins danach, beide rund 1000 Seiten dick und eine literarische wie analytische Offenbarung.

Faksimile "Eigentum". Quelle: https://www.kulturstiftung.de/wp-content/uploads/2015/09/adk15_Braun_c_Braun.jpg

Faksimile "Eigentum". Quelle: https://www.kulturstiftung.de/wp-content/uploads/2015/09/adk15_Braun_c_Braun.jpg

„Das Volk hat seine Stimme abgegeben, die runden Tische werden abgeräumt, und die kalten Schüsseln der Demokratie geleert“, kommentiert er etwa die Volkskammerwahlen vom 18. März 1990. An einem anderen Tag schreibt er: „die bonzen bin ich los: banausen werd ich finden // die griffen nach der macht – die grapschen nach den pfründen“. Am 22.6.1990 dann der legendäre Eintrag „Wir sind das volk wir sind ein volk ich bin volker“, zwei Jahre später die Erkenntnis: „ich bin jetzt in der inneren emigration“. In der Auseinandersetzung mit dem führenden DDR-Wirtschaftshistoriker Jürgen Kuczynski, der im Gespräch mit seinem Urenkel gesagt habe, dass er das System bejaht, aber tausend kritische Anmerkungen zu ihm hätte, postuliert er: „er hätte seinem urenkel genau das gegenteil sagen müssen: ich verneine das system, aber finde tausend gute dinge in ihm.“

Er kämpfte schreibend für „die Wahrheit, welche auf beiden Seiten wohnet“. Und er wandelt auf Erkenntnispfaden, die heute den rechten Weg bedeuten – besser gesagt, die Abkehr von demselben. „Es gibt keinen multikulturellen Gewinn“, erklärt er schon 1992, und erkennt vier Jahre später: „das unabhängige denken wird wie immer vom verklemmten geist zensiert…“. Heiner Müller, Christa Wolf, Christoph Hein und er selbst: „das sind die rechten.“ Sein Freund Hein würdigte in einer Laudatio den lapidaren Braun-Ton, „das plötzliche und unvermutete Aufreißen einer alltäglichen Beobachtung in einen größeren, in einen weltumspannenden, philosophischen Zusammenhang“. Die Hersteller dieser Zusammenhänge, die Denker sterben aus. Sie fehlen. Gut, dass es Braun noch gibt.

Selten wurde ein Musical-Song so oft und von so unterschiedlichen Künstlern gecovert. Es gibt Instrumentalfassungen von Panflötist Gheorghe Zamfir wie Orchesterfassungen von Ray Conniff. Es gibt Rockfassungen von „The Shadows“, Popfassungen von den „Carpenters“ oder Punkfassungen von „Me First and the Gimme Gimmes“. Es gibt Fassungen von Popsängern wie Tom Jones und Popsängerinnen wie Shirley Bassey. Und es gibt selbst Fassungen von gefälligen Sternchen wie Olivia Newton-John ebenso wie von politischen Interpretinnen wie Milva oder Joan Baez oder gar klassischen Stars wie Anna Maria Kaufmann oder Sarah Brightman: „Don’t Cry for Me Argentina“ aus Andrew Lloyd Webbers Musical „Evita“ von 1977. Die Namensgeberin Evita Perón würde am 7. Mai ihren 100. Geburtstag feiern.

Die zweite Frau des argentinischen Präsidenten Juan Perón war 1952 unbestreitbar die zweitmächtigste Person in Argentinien, weltbekannte First Lady und von den Arbeiterinnen vergötterte „Evita“, obwohl sie in der Regierung ihres Mannes nicht einmal ein offizielles Amt innehatte. Als ihr Auto bei einem Staatsbesuch in der Schweiz 1947 erst von Tomaten und dann von Steinen getroffen wird, geworfen von angeblich psychisch kranken Tätern, macht sich die NZZ ernsthafte Sorgen um das Image des Landes und befürchtet, „dass da und dort im Auslande aus den Zwischenfällen in Bern und Luzern unrichtige Schlüsse auf den Geisteszustand unseres Volkes gezogen werden könnten“.

Evita in der Schweiz. Quelle: https://img.nzz.ch/C=W1024,H537.6,X0,Y19.2/S=W1200M,H630M/O=75/C=AR1200x630/http://nzz-img.s3.amazonaws.com/2016/7/24/83858cf5-5750-49c3-bdf2-87b736e9f988.jpeg

Evita in der Schweiz. Quelle: https://img.nzz.ch/C=W1024,H537.6,X0,Y19.2/S=W1200M,H630M/O=75/C=AR1200x630/http://nzz-img.s3.amazonaws.com/2016/7/24/83858cf5-5750-49c3-bdf2-87b736e9f988.jpeg?wmark=nzz

Sie wurde gerade 33 – das Alter, in dem Jesus gekreuzigt wurde, wie ihre Anhänger immer noch betonen, die bis heute, vor allem am Muttertag, zu ihrem Grab pilgern. Allerdings: Im Halbdunkel der Familiengruft stehen zwei Särge, aber in keinem davon liegt sie. Man müsste Falltüren öffnen, Stahlplatten bewegen, in sechs Meter Tiefe hinabsteigen, da erst träfe man auf den einbalsamierten Leichnam von Evita Perón. Warum verwahrt man ihre sterblichen Überreste wie in einem Panzerschrank? Fürchtet man, sie könnten aus der Marmorgruft des Recolta-Friedhofs in Buenos Aires verschwinden? Oder, schlimmer noch, wieder auferstehen?

„ohne Fanatismus kann man nichts vollbringen“

María Eva Duarte de Perón wurde am 7. Mai 1919 in Los Toldos als eines von fünf unehelichen, aber anerkannten Kindern ihrer Mutter Juana und ihres verheirateten Liebhabers geboren, des wohlhabenden Großgrundbesitzers Juan Duarte. Der Vater stirbt, als sie sieben Jahre ist, ihre Mutter sollte Evita (kleine Eva) um 19 Jahre überleben. Sie wächst in erbärmlichen Verhältnissen auf, hat aber bereits als Kind einen unbändigen Ehrgeiz und das Ziel, berühmt zu werden. Mit 15 folgt das schlaksige, brünette Mädchen einem Tangosänger nach Buenos Aires, um dort eine Karriere als Schauspielerin zu starten – wie es das Klischee will, hatte sie in ihrer ersten Rolle nur „Es ist angerichtet!“ zu sagen.

Bis auf kleinere Engagements in mäßigen Stücken und noch schlechteren Filmen bleibt sie erfolglos: Wenn sie Kritiker loben, dann wegen ihrer „Unscheinbarkeit“ und, nach immerhin einem Jahr, wegen ihrer „Anmut“. Sie lebt promiskuitiv in heruntergekommenen Hotels und verdient ihr Geld hauptsächlich mit zweifelhaften Jobs in Nachtclubs. Und doch arbeitet sie systematisch an ihrer Zukunft, blondiert ihr Haar und sucht sich ihre Liebhaber nach deren Einfluss aus. Diese Affären bringen ihr tatsächlich Glück. „Die berühmte Schauspielerin Evita Duarte“, schreibt ein Klatschmagazin im September 1943, das sie zugleich zur Schönheit ernannte, werde die Hauptrolle einer Sendereihe von Radio Belgrano übernehmen und große Frauen der Weltgeschichte wie etwa Elisabeth von England oder Katharina die Große spielen. Einige Zeit später bekommt sie gar eine eigene Sendung.

Duarte als Elevin. Quelle: https://www.pinterest.de/pin/238972323951584601/

Duarte als Elevin. Quelle: https://www.pinterest.de/pin/238972323951584601/

Anfang 1944 lernt die inzwischen 24jährige auf einer Wohltätigkeitsveranstaltung den ehrgeizigen konservativen Kriegsminister Juan Perón kennen, einen Witwer, doppelt so alt wie sie. Sie ahnt ihre Chance. Fest entschlossen, unentbehrlich für den Politiker zu werden, spannt sie ihn noch am selben Abend seiner Begleiterin aus. Bald wirbt Evita in ihrer einstündigen täglichen Radio-Show leidenschaftlich für das politische Programm Peróns, der mehr soziale Gerechtigkeit und eine unabhängige, starke Wirtschaft fordert.

„Ich habe mich fanatisch Perón und seinen Idealen verschrieben“, sagt sie später oft, „ohne Fanatismus kann man nichts vollbringen.“ Ihre emotionsgeladene Sendung begeistert vor allem das einfache Volk, das Evita als „eine von uns“ anerkennt. Die Arbeiter erheben sie zum Idol, sie akzeptieren sie – und mit ihr auch die politischen Ziele Peróns, der beliebt ist, weil er Lohnerhöhungen gewährt, Arbeitsgerichte geschaffen und die Sozialhilfe verbessert hat. Die Großgrundbesitzer und Reichen des Landes sind ihm dagegen verhasst, weswegen er bei diesen als suspekt, als halber Kommunist gilt.

Peron und Duarte. Quelle: http://mentalfloss-ressh.cloudinary.com/image/upload/v1555912916/shape/mentalfloss/gettyimages-51424247.jpg

Peron und Duarte. Quelle: http://mentalfloss-ressh.cloudinary.com/image/upload/v1555912916/shape/mentalfloss/gettyimages-51424247.jpg

Wie mächtig Evita geworden ist, zeigt sich im Oktober 1945, als Perón bei einem Putsch verhaftet wird. Evita organisiert einen beispiellosen Protestmarsch, an dem mehr als 200.000 Menschen teilnehmen. Aus Angst vor einem Bürgerkrieg geben die Putschisten nach und lassen Perón frei. Am nächsten Tag heiratet er Evita und wird sechs Monate später zum Präsidenten gewählt. Sofort begann Evita ihr soziales Engagement für die Descamisados („Hemdlosen“) und wurde ihre Heldin. Von 1946 bis 1952 arbeitete Eva Perón mit unermüdlichem Enthusiasmus als „Eine-Frau-Propaganda-Ministerium“. Ihre Erfahrung als Schauspielerin, ihre einfache Herkunft aus der Klasse der Unterdrückten und vor allem die Tatsache, dass sie nicht nur eine Frau war, sondern seine Frau, „ein Teil von ihm“, erwiesen sich dabei als unschätzbare Vorteile.

Faktisch eine Arbeits- und Sozialministerin

Von der etablierten Oberschicht, den Militärs zumal, wird sie verachtet, ja gehasst: Frauen durften in Argentinien nochmal nicht wählen. Das änderte sich unter ihrem Einfluss: 1947 führte Argentinien das Frauenwahlrecht ein. Im selben Jahr unternahm sie ihre „Regenbogentour“ durch Europa und traf dabei unter anderen Papst Pius XII., den sie mit einem trägerlosen schwarzen Kleid schockte, dinierte mit dem Schweizer Bundespräsidenten Phillip Etter und besuchte den spanischen Diktator Franco. „Sie träumen von mir, und ich darf sie nicht enttäuschen“, erklärte sie ihm, als der sich darüber wundert, mit wie vielen Edelsteinen behängt sie zu einem Treffen erscheint. Wer aus dem Dreck der Hütten komme, schulde den Untertanen, fortan in Pelzen herumzulaufen und sich Perlen umzuhängen, sagt sie sich und ihren Schneidern, nichts anderes erwarteten die Armen schließlich von ihren Herrschern.

Grund der PR-Tour war das faschistische Image der Regierung: Perón war von Mussolini beeindruckt und sympathisierte während des Zweiten Weltkrieges mit dem nationalsozialistischen Deutschland. Er und Evita herrschen gleichsam wie Diktatoren, besetzen Schlüsselpositionen mit Vertrauensleuten, lassen politische und gesellschaftliche Gegner gnadenlos von einer Geheimpolizei bespitzeln und verfolgen, die Pressefreiheit aufheben. Eva Perón wurde von amerikanischen und englischen Geheimdiensten, selbst Regierungsmitgliedern unterstellt, bei der Flucht gesuchter Nationalsozialisten nach Südamerika mitgewirkt zu haben, was bis heute unbewiesen ist. Allerdings gebe es laut mancher Biographen Hinweise für die Behauptung, ihre gesamte Europareise habe eigentlich das Ziel gehabt, in der Schweiz das Vermögen von hohen deutschen Nazis in Sicherheit zu bringen, die sich und ihre Beute 1945 nach Buenos Aires gerettet hatten.

1948 ließ Evita eine Stiftung für Wohltätigkeit gründen und verteilte großzügig Geschenke an Arme und Bedürftige. Angeblich hat sie Kranke berührt und Aussätzige geküsst und wurde zu „Santa Evita“, der Heiligen. Sie war, obwohl durchaus glamourös lebend, die warmherzige, oft heißblütige Fürsprecherin der armen Arbeiter und Bauern, der schlecht behandelten Protagonisten der industriellen Revolution, die das agrarische Argentinien beutelte. Zu Evitas Zeiten florierte die Wirtschaft, der Staat hatte Geld für groß angelegte Sozialprogramme, die über die Stiftung verwaltet wurden. 1949 gründete sie die peronistische Frauenpartei, in der sich Frauen in Verbindung mit der Eva-Perón-Stiftung und unter der Leitung Evitas politisch und sozial beteiligen konnten. Faktisch agiert sie wie eine Arbeits- und Sozialministerin.

Peron auf dem Höhepunkt der Macht. Quelle: http://mentalfloss-ressh.cloudinary.com/image/upload/v1555912866/shape/mentalfloss/gettyimages-3092024.jpg

Der sogenannte „Peronismus“ als vielgestaltige, wandelbare und bis heute prägende populistische Bewegung integrierte eine Vielzahl politischer Ziele und Anschauungen, denen einzig die Berufung auf das Volk und auf Perón als Führer gemein war: Er war das Hirn, sie das Herz des Peronismus, heißt es bis heute. Manche Historiker betrachten diese Form der Herrschaft als „subtropische“ Form einer europäischen Arbeiterpartei; die Peronisten selbst sahen ihre Politik als dritten Weg zwischen Kommunismus und Kapitalismus: die Arbeiter erhielten mehr Rechte, ohne die Interessen der Mittel- und Oberschicht zu gefährden. Wegen Evitas sozialem Engagement stehen die Armen hinter ihr, während die Opposition gegen Juan Perón wächst.

Im September 1950 spekulierte die New York Times, Evita werde für die Vizepräsidentschaft kandidieren, wenn Perón noch einmal zum Präsidenten gewählt werde – ein kühner Bruch mit der argentinischen Tradition. Als sie 1951 versuchte, ihrer Macht durch diese Kandidatur eine reelle Grundlage zu geben, verärgerte das viele Militärs, die ihren zunehmenden Einfluss auf die Regierung ablehnten. Unter diesem starken Druck und angesichts ihrer Erkrankung zog Juan Perón dann ihre Nominierung zurück. Der „Mythos Evita“ aber hinterließ eine Veränderung der lateinamerikanischen Wahlkampfkultur: Kandidierende Präsidenten instrumentalisieren ihre Ehefrauen, eine Evita-Rolle zu kopieren, um den positiven Nachhall Evitas für ihre eigene Popularität zu benutzen.

„Sie war die letzte Gute“

Wann sie die Diagnose „Gebärmutterhalskrebs“ offiziell erhielt, ist unklar. Im Herbst 1951 wurde sie erstmals operiert, später kamen deutsche Gynäkologen als Experten hinzu. Hunderte Frauen weinen tagtäglich vor ihrem Palast. Am 4. Juni 1952 zeigte sich Eva Perón das letzte Mal in der Öffentlichkeit, am 26. Juli starb sie. Im Musical versteht Eva am Ende ihres Lebens, dass Perón sie um ihrer selbst willen liebt und nicht deswegen, was sie für ihn und seine Karriere tut, und bittet als Sterbende um Vergebung, dass sie den Ruhm einem langen Leben und dem Erziehen von Kindern vorgezogen hat. Über zwei Millionen Menschen nahmen am Trauerzug teil, die Staatstrauer dauerte 30 Tage, ihr vom spanischen Pathologen Pedro Ara balsamierter Leichnam wurde jahrelang in der Gewerkschaftszentrale aufgebahrt.

Perón mit dem spanischen Pathologen Pedro Ara, der ihren Leichnam konservierte. Quelle: https://www.wienerzeitung.at/_em_daten/_cache/image/1xCTUhjlVgVpGN9bjmhKcH-7Y8gTyEOaVXHzKu2LbwRi_Zk3inzj1uyFIuL4h81DPL5JHR82BRt178_Jl2c0dMIdXpmbRNtSSldttyArsu-z8/120719-1550-948-0008-289733-2107etote.jpg

Im Kongress schwangen sich die Nachrufe der Abgeordneten auf pathetische Höhen. So sagte ein Senator: „Evita vereinigte nicht nur die besten Tugenden einer Katharina der Großen von Russland, einer Elizabeth I. von England, einer Jungfrau von Orléans und einer Isabella von Kastilien in sich, sie hat diese Tugenden bis ins Unendliche gesteigert.“ Sei selbst gab in ihrem autobiographischen Selbstzeugnis „Der Sinn meines Lebens“ eine andere Einschätzung: „Ich war und bin nicht mehr als ein Sperling … und er (Perón) war und ist der gewaltige Adler, der hoch und sicher in der Nähe Gottes fliegt.“

Sie starb rechtzeitig, ohne dass die Erinnerung an sie befleckt worden wäre: Auf dem Höhepunkt ihrer Beliebtheit beim Volk, die einherging mit dem Hass der konservativen Elite. Drei Jahre später wird Präsident Perón gestürzt und flieht ins Exil. „Er hatte ihr diese Macht übertragen, die ihre aber war auf niemanden übertragbar, am wenigstens auf ihn. Ohne sie konnte er sich nicht länger als drei Jahre halten“, schreibt ihre Biografin Marysa Navarro. Juan Peron ging nach Spanien ins Exil, heiratete zum dritten Mal, kehrte 1973 in sein Heimatland zurück und gewann die Wahl zum Präsidentenamt im September 1973 erneut. Er starb wenige Monate danach, seine Frau Isabel, die bereits als Vizepräsidentin vereidigt war, wurde seine Nachfolgerin und gleichzeitig die erste Staatspräsidentin Südamerikas, deren Regierung 1976 erneut durch einen Militärputsch gestürzt wurde.

Die jahrelang unterdrückten Anti-Peronisten vernichten nahezu jede Erinnerung an Evita: Ihre Bilder, Bücher und persönlichen Papiere werden öffentlich verbrannt, die Denkmäler eingerissen. Sie versuchen zugleich, einen Mythos der Hure und der Domina zu prägen und das Bild einer kalten, machtgierigen Frau zu zeichnen, die Wohltätigkeit als Show betrieb. Ihr Leichnam erlebte eine 17jährige Odyssee über Mailand und Madrid, bevor er 1976 endgültig zur Ruhe gebettet werden konnte – der Bestseller „Santa Evita“ von Tomás Eloy Martínez zeichnet diese Odyssee kriminalistisch nach. Webbers Musical, das vor dieser Beisetzung endet, wurde später mit Madonna in der Hauptrolle verfilmt – unter Protesten vieler Argentinier. Bis 2015 kam die Lebensgeschichte von Evita über ein Dutzend Mal ins Kino. Die Hauptfigur wurde dabei unter anderem verkörpert von Faye Dunaway, Bette Midler, Meryl Streep, Liza Minnelli, Barbra Streisand und auch Michelle Pfeiffer.

Szene aus dem Film „Evita Peron“ (1980) von Marvin J. Chomsky mit Faye Dunaway und James Farentino. Quelle: https://www.welt.de/img/geschichte/mobile146381562/6781625177-ci23x11-w780/James-Farentino-mit-Faye-Dunaway.jpg

Szene aus dem Film „Evita Peron“ (1980) von Marvin J. Chomsky mit Faye Dunaway und James Farentino. Quelle: https://www.welt.de/img/geschichte/mobile146381562/6781625177-ci23x11-w780/James-Farentino-mit-Faye-Dunaway.jpg

Noch heute ist sie für viele Argentinier, Männer wie Frauen, eine der größten Wohltäterinnen der Nation. Auch die Wirrungen des Peronismus späterer Jahrzehnte berührten die Kanonisierung nicht: Evita wurde „cheguevarisieriert“, formuliert der Philosoph José Pablo Feinmann. Da könnte etwas dran sein, da alle großen Figuren Argentiniens bislang mit dem Tod verbunden sind: Che Guevara starb im Kampf, der Tango-Sänger Carlos Gardel bei einem Flugzeugunglück, und den Kult um Gauchito Gil, eine Art argentinischer Robin Hood, begann ausgerechnet sein reumütiger Henker.

„Sie war die letzte Gute, und sie steht für das letzte Gute, was sich hier in Argentinien zugetragen hat“, sagt Paula Lambertini von der Frauenabteilung des „Movimiento Evita“ der Berliner Zeitung. Sie habe den Armen Gerechtigkeit, Würde und Bildung gebracht und die Arbeiter aus der Sklaverei erlöst. In Buenos Aires ist ihr das „Museo Evita“ gewidmet, im Museumsshop kann man glamourösen Souvenirschmuck kaufen in der Art, wie sie ihn einst selbst trug. Es gibt Handpuppen, Comics und Videospiele, ja im Szeneviertel Palermo hatte 2011 die erste Perón-Kneipe eröffnet, wo zum Steak Perón-Wein kredenzt wird. Mitten im Gastraum steht ein Evita-Altar; die Eigentümer wachen darüber, dass die Weihrauchkerzen nicht erlöschen.

Das Jahr 1959 war das bislang beste für die deutsche Nachkriegsliteratur. Nicht nur, weil Siegfried Unseld die Leitung des Suhrkamp-Verlags übernahm und Marcel Reich-Ranicki seine Kritikerkarriere in Deutschland begann. Sondern, weil Heinrich Böll mit „Billard um halbzehn“ eins seiner Hauptwerke veröffentlichte, der junge Uwe Johnson mit „Mutmaßungen über Jakob“ erstmals mit einem Roman an die Öffentlichkeit trat… und dann noch Günter Grass war, der im Verlag Luchterhand einen Roman publizierte. So unerhört, dass er unter Deutschlands Kritikern „Schreie der Freude und Empörung“ hervorrufen werde, mit dem Deutschland aber wieder das „Klassenziel der Weltliteratur“ erreiche, wie im November 1959 Hans Magnus Enzensberger prophezeite. Gemeint ist „Die Blechtrommel“, die neben ihrem 60. Erscheinungsjahr auch das 40. Premierenjahr ihrer Verfilmung feiert: am 3. Mai 1979 kam der Streifen in zunächst 55 Kinos, nochmals fünf Jahre später ins Fernsehen.

Bennent, Grass und Schlöndorff. Quelle: http://blogs.epb.uni-hamburg.de/zahn/files/2009/03/blechtrommel.jpg

Bennent, Grass und Schlöndorff. Quelle: http://blogs.epb.uni-hamburg.de/zahn/files/2009/03/blechtrommel.jpg

Enzensberger sollte Recht behalten: „Die Blechtrommel“ katapultierte Grass von einem Tag auf den anderen nicht nur in die Riege der wichtigsten deutschsprachigen Autoren des 20. Jahrhunderts, sondern sorgte zugleich auch für einen politischen Skandal: Kirchen und Soldaten gingen gegen das Buch auf die Barrikaden, nannten es „blasphemisch“ und „jugendgefährdend“. Als Grass den Literaturpreis der Stadt Bremen erhalten sollte, legte der Bremer Senat sein Veto ein. Akademie-Sekretär Horace Engdahl meinte 1999 in seiner Nobelpreis-Laudatio auf Grass, der Autor habe mit seiner literarischen Arbeit den „bösen Bann gebrochen, der über Deutschlands Vergangenheit lastete“. Die Blechtrommel sei die „Wiedergeburt des deutschen Romans im zwanzigsten Jahrhundert“ gewesen.

Literaturgeschichtlich gesehen war es der experimentell-expressionistische Stil der „Blechtrommel“, der Generationen von Autoren auch im Ausland beeinflussen sollte: Salman Rushdie, John Irving, Nadine Gordimer, Kenzaburo Oe – sie alle bestätigten, dass es die Hauptfigur mit ihrer Kindertrommel gewesen sei, die sie in ihrem Schreiben motiviert und inspiriert habe. „Die Blechtrommel ist der größte Roman eines lebenden Autors“, urteilte Irving 1982. Aber, so Irving weiter: Auch Grass selbst habe dieses erste Werk nicht mehr übertroffen – was den Autor bis ans Ende nachhaltig ärgerte. Denn an weiteren großen oder viel diskutierten Werken mangelt es ihm nicht: Die Vollendung seiner mit der „Blechtrommel“ begonnenen „Danziger Trilogie“ mit „Katz und Maus“ und „Hundejahre“, der „Butt“, die „Rättin“ oder sein halb-autobiografisches Werk „Beim Häuten der Zwiebel“, das 2006 wegen des Autors Bekenntnis, Mitglied der Waffen-SS gewesen zu sein, für Schlagzeilen sorgte.

jeder Verantwortung entziehen

Grass erzählt die Geschichte eines kleinwüchsigen Monstrums namens Oskar Matzerath, das mit einer Mischung aus kindlicher Naivität und perfider Boshaftigkeit, mit vor Kraft strotzendem Ausdruck und tabuloser Detailfreude nicht nur das literarische Deutschland durcheinanderwirbelte: Das Buch wurde in über 50 Sprachen übersetzt. Es ist die Geschichte eines frühreifen Jungen, der 1927 mit drei Jahren beschließt, nicht mehr zu wachsen – ein arrangierter Sturz von der Kellertreppe liefert dafür die vermeintliche Erklärung. Ein Junge, dessen Stimme Glas zerspringen lässt, der mit seiner Blechtrommel, einem Geburtstagsgeschenk, den Menschen seinen Willen aufzuzwingen vermag – und dabei einen Bogen über fünf Jahrzehnte deutscher Geschichte spannt.

Die Perspektive eines Zwergs mit allen Vorteilen einer überschaubaren Größe auf das fatale Geschehen der Welt – vor dem Zweiten Weltkrieg bis zu den Aufbaujahren der jungen Bundesrepublik – ist einzigartig. Als höhnischer Störenfried hockt er unter Tischen und beobachtet dort Heikles, ja Obszönes, er kriecht unter Tribünen und gibt mit seiner Trommel Nazi-Aufmärschen Walzertakte vor. Oft ist er auch Beobachter am Rande, klug, gewitzt und manchmal auch unmoralisch: Mit Oskar feiert der Schelm seine spektakuläre Wiedergeburt in der deutschen Literatur des 20. Jahrhunderts. In der Geschichte, die im Film auf einem Kartoffelacker in der Kaschubei beginnt, artikuliert er seinen Protest gegen die verlogene, intrigante Welt der Erwachsenen, die sich ihm einerseits in diversen Sex-Affären seiner Familienmitglieder, andererseits im Terror der Nazis offenbart.

Und gegen das Verdrängen des Naziterrors in der jungen Bundesrepublik schrieb Günter Grass an, gegen das Verschweigen ließ er seinen Oskar trommeln, der selbst zum Sinnbild des deutschen Kleinbürgers der Nachkriegszeit wird: Das genaue Gegenteil des heldenhaften riesigen Herkules, mit dem sich die Deutschen zuvor so gern identifizierten. Ein intelligenter Erwachsener beschließt, Kind zu bleiben, um sich so jeder Verantwortung entziehen zu können, obgleich er selbst mehrfach zum Mörder wird – so steckt er seinem Vater Alfred Matzerath dessen Parteiabzeichen zu, just in dem Augenblick, als er von russischen Soldaten kontrolliert wird. Erst nach dem Krieg beginnt Oskar wieder zu wachsen, doch er bleibt deformiert: Die Zeit der Verweigerung, sich der Realität zu stellen, hat ihre Spuren hinterlassen.

Grass bei der Nobelpreis-Vergabe. Quelle: https://www.noz.de/article/teaser/564904/full

Grass bei der Nobelpreis-Vergabe. Quelle: https://www.noz.de/article/teaser/564904/full

Gleichzeitig ist Oskar das Brennglas, unter dessen vermeintlich kindlicher Perspektive Grass schonungslos die Verführbarkeit und die Unzulänglichkeit der Menschen in Weimar und unter den Nationalsozialisten aufzeigt. Er seziert ihre Schwächen in Großaufnahme, mit jedem ekelerregenden Detail – etwa beim Tod von Oskars Mutter Agnes oder der ungezügelten Sexualität seiner Stiefmutter Maria. Gleichzeitig thematisiert Grass aber auch die allzu schnelle Re-Integration von Amtsträgern und Kriegsverbrechern der Nazi-Zeit: ein Obergefreiter, der den Mord an mehreren Nonnen in der Normandie befehligte, gelingt der Aufstieg zum etablierten Maler – von Nonnenbildern.

Diese Zuspitzungen bis an die Grenze des Perversen mussten schockieren. Denn zum einen hatte es in der deutschsprachigen Nachkriegsliteratur solch eine tabubrechende Sprachgewalt noch nicht gegeben, zum anderen war ihre Aussage an jeden einzelnen gerichtet. Grass nahm der Nazizeit das Dämonische, sah den kleinbürgerlichen, angeblich immer hilflosen Mitläufern und -tätern auf die Alltagsfinger und verwob deren Schicksal mit der Weltgeschichte in vielen kleinen Episoden. Er forderte zur Auseinandersetzung mit der jeweils individuellen Schuld der deutschen Bürger auf. Nicht wenige, nein, das deutsche Volk in seiner Gesamtheit habe den Nationalsozialismus mit allen seinen schrecklichen Auswirkungen mitgetragen, das war Oskars Botschaft. Dieser Aufarbeitung weiter aus dem Wege zu gehen, war mit einem Trommelschlag unmöglich geworden.

„Zuhören, zuschauen, Vertrauen ausstrahlen“

Grass hat sich lange gesträubt, den Roman für das Kino freizugeben. Einen amerikanischen Produzenten, der allen Ernstes vorschlug, den zwergenwüchsigen Oskar der Vermarktbarkeit  wegen in einen Helden von normaler Statur zu verwandeln, setzte er kurzerhand vor die Tür. „Ein gewisser Irrwitz gehört indessen wohl dazu, wenn jemand sich anschickt, dieses vielköpfige Monstrum aus realistischer Erzählkunst und ausufernder Phantastik, Parabel und Groteske, diesen Entwicklungsroman, der alle Entwicklungsromane verhöhnt, auf die Leinwand zu bringen“, erklärt Hans C. Blumenberg in der ZEIT.

Altproduzent Franz Seitz („Die Lümmel von der ersten Bank“) bekam den Zuschlag und wurde rasch mit Volker Schlöndorff einig, für den er schon 1965 die Musil-Verfilmung „Der junge Törless“ produziert hatte. Nun machten sich beide auf die Suche nach Klein Oskar und wurden nach Besuchen von Zirkusvorstellungen, Lilliputanertreffen und dem Kongress für Kleinwüchsige beim Münchner Medizin-Professor Otfried Butenandt fündig, der sie auf einen seiner kleinsten Patienten aufmerksam machte: den zwölfjährigen David Bennent, dessen gehemmtes Wachstum – er misst 1,17 Meter und kann im günstigsten Fall 1,55 Meter groß werden – die Ärzte als Nanosomie bezeichnen. Der Sohn des Münchner Schauspielers Heinz Bennent, der in der „Blechtrommel“ einen Gemüsehändler spielte, erweist sich als Idealbesetzung. Für den Böse-Wicht bringt er nicht nur die gnadenlos neugierigen Glubschaugen und in seinem Benehmen die altkluge Chuzpe mit, sondern hat auch den treffenden Tonfall: Sein Deutsch wirkt kindlich arrogant näselnd, da er vorwiegend französisch erzogen wurde.

Heinz Bennent mit Sohn. Quelle: https://www.bz-berlin.de/data/uploads/multimedia/archive/00324/heinz-bennent-blech_324901a-768x432.jpg

Heinz Bennent mit Sohn. Quelle: https://www.bz-berlin.de/data/uploads/multimedia/archive/00324/heinz-bennent-blech_324901a-768x432.jpg

Schlöndorff fragt sich in seinem Tagebuch des „Blechtrommel“-Films am 20. Oktober 1978, „worin Regietätigkeit in meinem Falle eigentlich besteht. Zuhören, zuschauen, Vertrauen ausstrahlen, Kontinuität wahren, Vorschläge anhören und einarbeiten, zusammenhalten, was sich einmal durch lange Auswahl und Vorarbeit zusammengefügt hat: Darsteller, Szenen, Schauplätze. Wenig Kreatives, eigentlich nur Ordnendes und Wahrendes. Keine charismatische Persönlichkeit – doch was würde eine solche aus der ‚Blechtrommel‘ machen?“

Mit Mario Adorf, Katharina Thalbach oder Charles Aznavour hatte er aber durchaus charismatische Persönlichkeiten verpflichtet. Adorf lässt im Berliner Kurier lachend die Sex-Szenen Revue passieren: „Ich erinnere mich noch, dass Katharina Thalbach sich mit einem schwarzen Pflaster zugeklebt hat, weil sie ja nackt war. Und da ich auch nackt war, klebte ich sozusagen an ihrem…“ Außerdem verriet er, dass Günther Grass damals ins Studio kam und Ratschläge gab. So habe er zu einer heftigen Sexszene etwa erklärt: „Adorf, das ist keine Liebesszene. Das ist eine brutale Fast-Vergewaltigung, eine Rammelei.“

Zentrale Szenen des in 15 Wochen realisierten Films entstanden in Berlin, so diente als die Straße in Danzig, in der der Blechtrommler aufwächst, die Neuköllner Uthmannstraße. Der Brand der Danziger Synagoge wurde in der Weddinger „Wiesenburg“ in der Wiesenstraße gedreht. Sonst ließ Schlöndorff Oskar auf den Originalschauplätzen des Romans trommeln, in Grass‘ Danziger Heimat, wo er sogar mit polnischen Statisten die Vertreibung der Deutschen nachstellte. Die Naziaufmärsche mit Massen in brauner Uniform und Hakenkreuzfähnchen mochte er allerdings den Polen nicht zumuten und drehte das „Sieg-Heil“-Geschrei in Jugoslawien.

„Beschaulicher Naturalismus hat keine Chance“

Schlöndorff nahm nur das erste und zweite von drei Büchern des Romans in den Film auf und verzichtete zugunsten einer linearen Handlung auf die Rahmenerzählungen, wodurch er sich viele Rückblenden und Handlungssprünge ersparte. Außerdem entschied er sich für oft ans Groteske reichende, ja symbolistische Szenen: wie mit einem Pferdekopf Aale gefangen werden, die vorher mit feinen Nadelstichen angenäht worden waren und bei deren Anblick Agnes erbrechen muss; wie Oskar mit einer Christusfigur in der Kirche spricht oder eingespeicheltes Brausepulver vom Körper des Kindermädchens leckt. An den Produktionskosten von 7,5 Millionen Mark, für deutsche Verhältnisse eine Mammutsumme, beteiligte sich die amerikanische Majorcompany United Artists über ihre deutsche Produktionsfirma Artemis mit einer Million.

Bennent und Thalbach. Quelle: https://www.virtual-history.com/movie/photo/12/large/12607.jpg

Bennent und Thalbach. Quelle: https://www.virtual-history.com/movie/photo/12/large/12607.jpg

Das Feuilleton überschlug sich: War damit „Papas Kino“ nun tot, hatte der „Neue Deutsche Film“ gesiegt? Blumenberg erkennt ein „schönes Chaos“: „Beschaulicher Naturalismus hat keine Chance, sich einzuschleichen, allzu drastisch prallen Horror- und Heimatfilm, Slapstick und heroisches Drama, kleinbürgerliches Satyrspiel und politische Satire aufeinander“. Es war der erste deutschsprachige Film, der 1980 mit einem „Oscar“ ausgezeichnet wurde – trotz des Vorwurfs, er würde Kinderpornografie zeigen. Die Klage wurde in letzter Instanz abgewiesen – unter anderem mit der Begründung, dass der Film ein „echtes Kunstwerk“ sei. Bis 1982 gewann er zwischen Cannes und dem Japanese Academy Award sehr viel von dem, was ein Film in dieser Welt gewinnen kann.

Daneben sorgte „Die Blechtrommel“ aber auch für Kontroversen: 1997 wollten christliche US-Fundamentalisten den Film wegen „pädophiler Szenen“ (allerdings vergeblich) vor Gericht verbieten lassen, und 2013 verboten ihn chinesische Behörden, ließen ihn aber immerhin einmalig im Rahmen eines Festivals laufen. Zudem gibt es auch in Deutschland verschiedene Filmfassungen: Im Kino war der Film 150 Minuten lang, in den USA 135, die ARD kürzte den Film auf etwa 140, während die 2014 erschienene „Director’s Cut“-Version eine Lauflänge von 163 Minuten besitzt. Die „politische Zuspitzung und der größere surrealistische Touch“ machten diese Version lohnenswert, meint Christiane Peitz im Tagesspiegel.

David Bennent hat sich bis heute standhaft geweigert, eine Fortsetzung zur Vollendung des 3. Buchs zu drehen: „Ich habe Volker immer gefragt: Wie willst du das steigern?“, erklärt er in der WELT. „Weißt du überhaupt, was man von uns erwartet? Dieser Gefahr wollte ich mich zugegeben nicht gern ausliefern. Und dann wäre ich auch endgültig abgestempelt gewesen. Und wenn das schief gelaufen wäre, hätte ich mir vielleicht einen neuen Beruf suchen können.“

Trommler und Trommel. Quelle: https://www.prisma.de/cdn/img/default/2197/21966709_b2a188d2098b7c1386ef7973bb82a2fc_980x365re0.jpg

Trommler und Trommel. Quelle: https://www.prisma.de/cdn/img/default/2197/21966709_b2a188d2098b7c1386ef7973bb82a2fc_980x365re0.jpg

Darüber ist Blumenberg sicher nicht böse: „Ein beunruhigend passiver Anarchist, dessen Hass und dessen Stimme dennoch gewaltig sind. Man hat Angst vor ihm in diesem Film“, gestand er sein Unbehagen ob des Hauptdarstellers. Und als Schlöndorffs 18-jährige Tochter „Die Blechtrommel“ auf der Münchner Premiere des „Director’s Cut“ zum ersten Mal sah, fand sie den Film gruselig. „Wegen der Aale?“, fragte ihr Vater. „Nein, wegen der Augen von Oskar“. In ihnen flackert der Irrsinn jener Zeit. Etwas, das die Nachgeborenen bis heute verstört.

„Seit Franz Kafkas ‚Amerika’ hat kein europäischer Künstler sich mit solcher Intensität der Bedeutung von amerikanischer Kultur und Mythologie zugewandt“, behauptet Stuart Kaminsky. Gemeint war ein Italiener, genauer ein Römer, der erst nach fünf Filmen über die USA begann, Englisch zu lernen, und zwischen Mitte der sechziger und Mitte der achtziger Jahre zu einem der prägendsten Drehbuchautoren und Filmregisseure weltweit werden sollte, obwohl sein Ruhm genau genommen auf gerade sieben Filmen gründete, die ihn zum Milliardär machten: Sergio Leone.

Geboren am 3. Januar 1929 im römischen Viertel Trastevere, war ihm das Filmbusiness quasi in die Wiege gelegt. Der Vater Vincenzo Leone war ein italienischer Filmpionier, die Mutter Edvige Valcarenghi eine unter ihrem Künstlernamen Bice Walerian bekannte Stummfilmdiva. Vincenzo sympathisierte mit den Kommunisten und zog sich unter dem Eindruck des Faschismus weitgehend in die innere Emigration zurück. Ab 1939 nahm er, der unter dem Pseudonym Roberto Roberti seit 1911 Regie führte, seinen Sohn mit in die römische Filmstadt Cinecittà.

Sergio Leone & Ennio Morricone als Schüler 1937. Quelle: https://www.facebook.com/senscritique/photos/a.376256762986/10155680402382987/?type=3&theater

Sergio Leone & Ennio Morricone als Schüler 1937. Quelle: https://www.facebook.com/senscritique/photos/a.376256762986/10155680402382987/?type=3&theater

Auf diese Herkunft, die Besetzung Roms sowie die letzten Kriegsjahre 1943/45 hat Leone oft die pessimistische Note seiner Filme zurückgeführt: „Ein Römer zu sein, das bedeutet anders zu sein … fatalistisch zu sein. Hinter uns liegen ein verfallenes Weltreich und das Wissen um all die Dummheiten, denen wir uns über die Jahrhunderte schuldig gemacht haben. Mehr noch: Die historischen Zeugnisse unseres Reichs sind quer über die ganze Stadt verstreut, als dauerhafter Beweis unserer Fehler.“

Vorliebe für epische Geschichten

Sergio war nicht nur von Kindesbeinen an mit allen Aspekten der Filmherstellung vertraut, sondern wurde auch mit der US-amerikanischen Populärkultur sozialisiert, für die er sich begeisterte, darunter auch dem Kino Hollywoods. Überdies lernte er mit Ennio Morricone gemeinsam in einer Klasse. Bis Anfang der sechziger Jahre arbeitete er für rund 30 Filme unter anderem als Statist und Regieassistent, auch als Regisseur des zweiten Kamerateams und später als Drehbuchautor. Seine erste kleine eigene Rolle hatte er bereits in Vittorio De Sicas neorealistischem Film „Fahrraddiebe“ (1948).

Zumeist war er aber für Streifen im Genre des damals sehr populären „Antik-“ oder „Sandalenfilms“ tätig: historischen oder biblischen Geschichten im breitformatigen Cinemascope-Verfahren. Darunter waren einige monumentale US-Produktionen, die Leones Vorliebe für epische Geschichten prägten: Mervyn LeRoys gefeierter Nero-Film „Quo Vadis“ (1951) mit Peter Ustinov und William Wylers mit elf Oscars gekröntes Remake „Ben Hur“ (1959) mit Charlton Heston. Aufgrund einer Erkrankung des Regisseurs stellte Leone „Die letzten Tage von Pompeji“ im selben Jahr alleine fertig. Sein eigentliches Regiedebüt absolvierte er mit „Der Koloß von Rhodos“ (1961): eine groß ausgestattete, erstaunlich naive Kostüm- und Kampfproduktion mit einer Vielzahl roher Folterszenen. Er räumte später ein, er habe den Film nur gedreht, um seine Hochzeitsreise zu finanzieren. Sein Privatleben schirmt er ab.

Moderne Ausgabe des Erstlings. https://cdn.filmundo.net/filmundo_bilder/picture_12.php?id_of_gebot=8388356&size=st&idx=01&tkey=9ecc485a36c672b7a926c68c81236411

Moderne Ausgabe des Erstlings. https://cdn.filmundo.net/filmundo_bilder/picture_12.php?id_of_gebot=8388356&size=st&idx=01&tkey=9ecc485a36c672b7a926c68c81236411

Dann holte er drei Jahre lang aus – und landete nach Dreharbeiten in der südspanischen Landschaft um Almería mit einem relativ unbekannten US-amerikanischen Fernsehdarsteller in der Hauptrolle 1964 seinen ersten großen Erfolg; noch dazu in einem Genre, das als uramerikanisch galt: dem Western „Für eine Handvoll Dollar“ mit dem 34jährigen Clint Eastwood, der für gerade 15.000 Dollar verpflichtet wurde – Wunschstars wie Henry Fonda oder James Coburn waren viel zu teuer.

Da Leone nicht so recht darauf vertraute, dass das Publikum in dieser rein amerikanischen Domäne einen italienischen Film für glaubwürdig halten würde, nannte er sich Bob Robertson, eine Hommage an das Pseudonym seines Vaters. Auch einige der Darsteller nahmen englische Pseudonyme an. Die Sorge war unbegründet: Leones Film wurde ein Welterfolg. Obwohl er nicht der erste Italowestern war, etablierte er ihn doch als eigenständiges Subgenre zu einer Zeit, da dem US-Western merklich die Luft ausgegangen war – und dann -zig Leone-Kopien auf den Markt geworfen wurden.

Eastwood im Film. Quelle: https://i1.wp.com/comic.highlightzone.de/wp-content/uploads/2018/10/0000-5.jpg

Eastwood im Film. Quelle: https://i1.wp.com/comic.highlightzone.de/wp-content/uploads/2018/10/0000-5.jpg

Eine Originalleistung hatte Leone allerdings auch nicht erbracht – einen “genialen Parasit” nennnt ihn die Tiroler Tageszeitung. Sein Film ist ein verkapptes Remake (manche reden von Plagiat) des japanischen Samurai-Films „Yojimbo, der Leibwächter“ (1961) von Akira Kurosawa. Die Hauptfigur von Kurosawas Film, einen Samurai-Krieger, transformierte Leone in einen Westernhelden. Kurosawa und sein Co-Autor strengten einen Copyright-Prozess an und erhielten unter anderem 15 % der weltweiten Einnahmen des Leone-Films. Leone kann nicht einmal die Idee für sich beanspruchen, einen Kurosawa-Film zum Western umzubauen, das hatte John Sturges mit „Die glorreichen Sieben“, einem Remake von Kurosawas „Die sieben Samurai“ (1953), bereits 1960 bewiesen.

„nicht nur für den Italowestern stilbildend“

Schon in diesem Streifen sind alle späteren Stilmittel des „romantischen Dekonstruktivisten“ (Georg Seeßlen in epd Film) angelegt, die den Inszenierungsstil des gesamten Genres revolutionierten und nicht nur für den Italowestern stilbildend wirkten: die ausgedörrte und feindliche Umgebung gleicht einer Vorhölle und hat nichts mit den Tälern, Bergen und der Weite des amerikanischen Westens gemein. Wenn die US-Western als Thema oft die Nutzbarmachung des Landes behandelten, die Verwandlung der Wüste in einen Garten, so ist bei Leone das Land wieder zur Wüste geworden und wird es auch in den Folgefilmen bleiben – ein Anti-Eden.

In der gesamten „Dollar“-Trilogie, die Leone mit den beiden Fortsetzungen „Für ein paar Dollar mehr“ (1965) und „Zwei glorreiche Halunken“ (1966) schuf, gibt es keine Versuche, den Boden zu bearbeiten, wir sehen nie auch nur einen einzigen Cowboy, eine Rinderherde oder eine Weidelandschaft. Auch Indianer, im Western sonst Signifikant der Wildnis, sind in Leones erster Trilogie, manchmal auch „Paella-“ oder „Schnelle“ Trilogie genannt, vollständig abwesend: die Wildnis und die Rohheit des Landes hat auf die Gesellschaft selbst übergegriffen. Ihr Erfolg galt als Ausdruck des grassierenden Zynismus der italienischen Gesellschaft und des Verfalls tradierter Werte und Normen hin zu den neuen, einzigen anerkannten „Werten“ Geld und Macht. „Der Held konnte sich ohne weiteres einen Vorteil verschaffen, wenn er das Prinzip der ‚ritterlichen‘ Waffengleichheit durchbrach“, erkannte Seeßlen.

Morricone am Set. Quelle: https://assets-tt-com.nmo.at/images/2018/12/15169098.19388017.c4c9166cd4f1ea2886870ac165369aae.jpg

Morricone am Set. Quelle: https://assets-tt-com.nmo.at/images/2018/12/15169098.19388017.c4c9166cd4f1ea2886870ac165369aae.jpg

Die stärkste der Verkehrungen des klassischen Westerns lag in seinen Protagonisten begründet: Statt des positiven Westernhelden, der Ritterfigur Amerikas, trat mit Eastwoods brutalem Revolvermann eine gewissenlose Söldnerfigur an. Nun war nicht mehr der Held zum Glück auch der beste Schütze, sondern der beste Schütze wurde zum Helden. In der Rolle des zynischen „Fremden ohne Namen“, der seinen Gegnern als Zigarillo rauchender Schießvirtuose in einem Poncho mit aufreizender Lässigkeit gegenübertritt, wurde Eastwood zu einem internationalen Star, ja einer Ikone der Popkultur, an dessen Typus sich unzählige Westerndarsteller in den Folgejahren orientierten. Leone selbst hielt anfangs nicht allzu viel von den schauspielerischen Fähigkeiten seines Hauptdarstellers: „Er hat zwei Gesichtsausdrücke: einen mit und einen ohne Hut.“ Ausgefeilte, zynische Dramaturgie zwischen Härte und Humor, brillante Kameraarbeit und perfekte Musik: das waren die Zutaten, die Leones Filme erfolgreich werden ließen.

Als Regisseur etabliert, bekam er für den letzten Teil der in nur drei Jahren abgedrehten „schnellen“ Trilogie ein Budget von 1,2 Millionen Dollar, was die Produktion eines epischen Westernfilms mit aufwändigen Szenenaufbauten und vielen Statisten ermöglichte. Clint Eastwood war zum dritten Mal als Kopfgeld- und Goldschatzjäger im Poncho zu sehen. Der Streifen avancierte zu einem Kultfilm, rangierte 2016 auf der Liste der besten Filme in der Internet Movie Database auf Platz 9 und gilt dort als bester Western aller Zeiten. Seit dieser Zeit drehte Leone nicht nur überlange Filme von mindestens 2 ½ Stunden, sondern diese auch mit einem festen Mitarbeiterstab. Drehbuchautoren wie Bernardo Bertolucci und Dario Argento wurden später selbst bekannt Regisseure.

"Spiel mir das Lied vom Tod" - Die Musik ist ebenso bekannt wie die Bilder. Quelle: https://nzz-img.s3.amazonaws.com/2018/10/25/a425f620-62de-413b-9c3c-8e9975f01aa6.jpeg

"Spiel mir das Lied vom Tod" - Die Musik ist ebenso bekannt wie die Bilder. Quelle: https://nzz-img.s3.amazonaws.com/2018/10/25/a425f620-62de-413b-9c3c-8e9975f01aa6.jpeg

Bedeutendstes Stab-Mitglied: sein Klassenkamerad Ennio Morricone, der ab 1964 in jedem Leone-Film für die Musik verantwortlich zeichnete. Er schuf Soundtracks, die sich fundamental von den traditionellen symphonischen Westernsoundtracks unterschieden, durch den Einsatz unkonventioneller Instrumente wie Maultrommel und Soundeffekte wie Kojotengeheul auffielen und zu den bekanntesten der Filmgeschichte wurden, die bis heute auch symphonisch aufgeführt werden. Da der „Verdi des Kinos“ seine Musik oft schon vor den Dreharbeiten fertig stellt, konnte Leone Szenen oder Kamerabewegungen genau auf sie abstimmen – eine eher seltene Technik.

„Gesicht, mit dem man eine Lokomotive stoppen könnte“

Endgültig als internationaler Star-Regisseur etabliert, erhielt er von Paramount die Chance, in Hollywood zu arbeiten, und kreierte aus Rache, Gier und Mord rund um den Bau einer Eisenbahnlinie die epische, opernhafte Prestigeproduktion „Spiel mir das Lied vom Tod“, die teils jahrelang in den Kinos lief. Darin bringt ein mundharmonikaspielender Revolvermann (Charles Bronson) einen sadistischen Schurken (Henry Fonda) unter Mitwirkung einer Prostituierten (Claudia Cardinale) zur Strecke. Leone wollte den verwitterten Bronson, weil „er ein Gesicht hat, mit dem man eine Lokomotive stoppen könnte“, und machte auch ihn zum Star. Dieser Streifen ging ebenfalls als Höhepunkt und Klassiker des Italowesterns sowie als Kultfilm in die Filmgeschichte ein.

Bronson im Film. Quelle: https://assets.cdn.moviepilot.de/files/b1cc7cf87e1da18f5080eea890e6029b39941fd12e4035d71d4f7f2769ac/fill/640/282/bronson2.jpg

Bronson im Film. Quelle: https://assets.cdn.moviepilot.de/files/b1cc7cf87e1da18f5080eea890e6029b39941fd12e4035d71d4f7f2769ac/fill/640/282/bronson2.jpg

Darin perfektionierte er die Grammatik seiner Filmsprache, das betraf sowohl seine gemäldehafte Symmetrie als auch die Wechsel von totalen Landschaftsaufnahmen mit Nahaufnahmen von Händen und Augen sowie die Wechsel von extrem langsamen und schnellen Schnitten. Unvergessen die fast zeitlupenartige Anfangssequenz, in der sich Jack Elam mit einer lästigen Schmeißfliege duelliert, Al Mulock seine Knöchel knacken lässt und damit zur Geräuschmusik beiträgt, oder Woody Strode unbewegt dasteht, einer Ikone des Stoizismus gleich, während auf seinen fast kahlgeschorenen Schädel rhythmisch die Wassertropfen eines lecken Tanks schlagen. Mulock beging übrigens während der Dreharbeiten Selbstmord, indem er in seinem Kostüm aus dem Hotelfenster sprang.

Der Film gilt als erster der zweiten, „langsamen“ oder auch „Amerika“-Trilogie Leones. Doch die Premiere wurde in Amerika zum Desaster und fiel an den Kinokassen durch, da die Produktionsfirma 25 der insgesamt 165 Minuten wegschneiden ließ. Damit war der Film seiner inhaltlichen Stringenz beraubt. Heute jedoch gilt der inzwischen wieder restaurierte Western als ein Highlight der Filmgeschichte, da sich eine 15 Minuten längere Version Jahre später bei den Erben Leones in Italien fand. Vor allem in Europa konnte der ungekürzt aufgeführte Film dagegen große Erfolge feiern, in Deutschland avancierte er mit 13 Millionen Zuschauern zu einem der erfolgreichsten Kinofilme.

Die Cardinale im Film. Quelle: https://cdn.mdr.de/kultur/spiel-mir-das-lied-vom-tod-104-resimage_v-variantBig16x9_w-960.jpg?version=22763

Die Cardinale im Film. Quelle: https://cdn.mdr.de/kultur/spiel-mir-das-lied-vom-tod-104-resimage_v-variantBig16x9_w-960.jpg?version=22763

Den Erfolg versucht Leone mit  „Die Todesmelodie“ mit Rod Steiger als mexikanischer  Bandit und James Coburn als irischer Berufsrevolutionär und Sprengstoffspezialist in den Hauptrollen fortzusetzen. Die Eröffnungsszene hat noch einen sozialrevolutionären Hintergrund, doch im Laufe der Handlung zerstört Leone jede Hoffnung auf politische Lösungen oder gar persönliches Glück. Was in einer Welt der Gewalt noch bleibt, ist die Männerfreundschaft bis in den Tod. Das Happy End vom „Spiel mir das Lied vom Tod“ fehlt. Der Film überzeugt 1972 durch originelle Ideen, unerwartete Wendungen und natürlich die einzigartige Musik von Morricone.

Dass der harte Italowestern als Genre trotzdem ausgedient hat, merkt Leone rasch und persifliert prompt seine eigenen überzogenen Charaktere in zwei Filmen mit Terence Hill, schreibt das Drehbuch für „Mein Name ist Nobody“ (1973) und führt Regie in „Nobody ist der Größte“ (1975). Parallel bereitete er sein Gangster-Epos „Es war einmal in Amerika“ vor, das auf Harry Greys Buch „The Hoods“ basierte und den dritten Teil seiner Amerika-Trilogie darstellt.

Sergio Leone mit Robert De Niro und Federico Fellini. Quelle: https://i.pinimg.com/originals/36/16/07/361607f580b0ae7429bc9b001e99899f.jpg

Sergio Leone mit Robert De Niro und Federico Fellini. Quelle: https://i.pinimg.com/originals/36/16/07/361607f580b0ae7429bc9b001e99899f.jpg

Der 12 Jahre später ins Kino gelangte Film erzählt auf drei Zeitebenen das Leben des jüdischen Gangsters Noodles (Robert De Niro), der während der Prohibitionszeit an der Seite seines Freundes Max (James Woods) Karriere macht, diesen dann aber an die Polizei verrät. Leone besuchte Grey dazu im Gefängnis. Besonders durch seine Rückblendenstruktur und seine Melancholie machte das Werk Furore, in dem Kritiker einen Abgesang auf die Ideale des „American Dream“ sahen. Der Film gilt als einer der großen Klassiker der 1980er Jahre, obwohl Leone nie die von ihm geplante Schnittfassung erstellen konnte. Unter Leitung von Martin Scorsese wurde der Streifen restauriert und 2012, bei den Filmfestspielen von Cannes, in einer um 25 Minuten verlängerten Fassung gemeinsam mit Leones Töchtern präsentiert. In den USA kam nur eine 139-minütige Version ohne Zeitsprünge heraus – wie es heißt, um die amerikanischen Hirne nicht über Gebühr zu strapazieren.

„romantische Sehnsucht nach dem Vergangenen“

Diese zweite Trilogie ist als Triptychon vom Werden Amerikas angelegt, aber eigentlich ein europäischer Traum von Amerika, also aus einer Perspektive, die Amerika als Legende begreift und als historischen Raum weitgehend ignoriert. Sie vereint die romantische Sehnsucht nach dem Vergangenen, den Traum der europäischen Emigranten von der Neuen Welt, die Projektion der Intellektuellen und der italienischen Antifaschisten während der Mussolini-Jahre, sowie den mythischen Westen, der in der Nostalgie des Cinephilen fortlebt, der seiner vom Kino genährten Phantasmen der Kindheit gedenkt, klagt Leone-Biograph Harald Steinwender. „Man kann die erste Trilogie auch als ‚Komödie der Feindschaft‘ bezeichnen und die zweite Trilogie eine ‚Tragödie der Freundschaft‘. Und wie die Feindschaft die Zeit zu verdichten scheint, so dehnt sie die Freundschaft“, meint Seeßlen.

Noch heute beschreiben viele Regisseure Leone als ihr großes Idol. Quentin Tarantino ist bekennender Liebhaber seiner Filme und lässt leonetypische Kameraeinstellungen in seine eigenen Filme einfließen. Obwohl er einige Streitigkeiten mit ihm gehabt hatte, widmete ihm Clint Eastwood seinen Oscar für die beste Regie von „Erbarmungslos“ (Unforgiven, 1992). In einer Moviepilot-Umfrage belegt er unter den “Besten Regisseuren aller Zeiten” Platz acht.

Sergio Leone. Quelle: https://www.nyfa.edu/student-resources/wp-content/uploads/2014/06/Sergio-Leone.jpg

Sergio Leone. Quelle: https://www.nyfa.edu/student-resources/wp-content/uploads/2014/06/Sergio-Leone.jpg

Der stark übergewichtige Leone starb am 30. April 1989 im Alter von 60 Jahren an einem Herzinfarkt, als er gerade an einem Film über die Belagerung Leningrads im Zweiten Weltkrieg arbeitete. „Leningrado“ sollte, frei auf Harrison Salisburys „The 900 Days – The Siege of Leningrad“ (1969) basierend, die Schlacht um Leningrad im Zweiten Weltkrieg als italienisch-sowjetische Koproduktion auf die Leinwand bringen. Es wäre sein erster Film seit „Der Koloss von Rhodos“ geworden, der wieder auf dem europäischen Kontinent gespielt hätte. So bleibt an und von ihm doch etwas Unvollendetes.

Er sagt: „Ich war kein Nazi, aber auch kein Kämpfer gegen die Nazis.“ Er sagt: „Ich bin aus tiefster Seele Philosemit.“ Er sagt: „Ich wäre erledigt gewesen, wenn ich mich geweigert hätte.“ Die Zeit: Frühjahr 1949. Der Ort: das Hamburger Schwurgericht. Der Angeklagte: Veit Harlan. Als einziger Künstler aus der NS-Zeit wird er „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ beschuldigt. Er denkt und redet wie viele andere Nachkriegsdeutsche auch – und hat doch den antisemitischen Hetzfilm „Jud Süß“ gedreht. Der bis zuletzt umstrittene Regisseur wurde vor 70 Jahren freigesprochen.

Geboren am 22. September 1899 als Sohn des Bühnenschriftstellers Walter Harlan in Berlin, wuchs er mit sechs Geschwistern in einer kulturaffinen Familie auf. Die Tochter seines jüngeren Bruders Fritz heiratete US-Kultregisseur Stanley Kubrick („Odyssee im Weltraum“). Nach einer Silberschmiedlehre und Schauspielunterricht am Seminar von Max Reinhardt steht Harlan zum ersten Mal 1915 auf der Bühne. Nach dem Ersten Weltkrieg, den er als Kriegsfreiwilliger an der Westfront verbrachte, und einem Schauspiel-Volontariat an der Berliner Volksbühne sammelte er Provinzerfahrungen, darunter am Landestheater Meiningen, und übernahm erste Rollen im Film. 1922 heiratete er die jüdische Sängerin Dora Gerson, von der er sich bereits nach zwei Jahren scheiden ließ und die 1943 einen hilfesuchenden Bittbrief an ihn schrieb, bevor sie im KZ Auschwitz-Birkenau ermordet wurde. Den beantwortete er nicht, benutzte Dora später aber als Argument gegen den Vorwurf, Antisemit zu sein.

Körber mit den drei Kindern. Quelle: https://encrypted-tbn0.gstatic.com/images?q=tbn:ANd9GcRbMwA3g3PB76GKvQr3XU7wlS4NbdE7L1pyfHpCTrfC9hCAe0kmRw

Körber mit den drei Kindern. Quelle: https://encrypted-tbn0.gstatic.com/images?q=tbn:ANd9GcRbMwA3g3PB76GKvQr3XU7wlS4NbdE7L1pyfHpCTrfC9hCAe0kmRw

1929 heiratete er in zweiter Ehe die Schauspielerin Hilde Körber, mit der er bis zur Scheidung neun Jahre später drei Kinder hatte. Im März 1933 bekannte sich Harlan in einem Interview mit dem Völkischen Beobachter zur Politik der Nationalsozialisten. Nach seinem erfolgreichen Debüt als Regisseur mit „Krach im Hinterhaus“ wechselt er ganz ins Filmgeschäft und sorgt 1937 mit der Verfilmung von Tolstois „Kreutzersonate“ für einen Kassenerfolg. Sein Film „Jugend“ ist das Deutschlanddebüt der schwedischen Schauspielerin Kristina Söderbaum, die seine Geliebte und 1939 seine dritte Frau wird und künftig in fast allen seinen Filmen auftritt. Sie beging so viele Leinwandsuizide in Mooren oder Seen, dass sie der Volksmund „Reichswasserleiche“ nannte.  Mit ihr hat er zwei weitere Kinder.

„im Dienste unserer geistigen Kriegführung“

Nach der mit dem „Nationalen Filmpreis“ ausgezeichneten propagandistischen Hauptmann-Adaption „Der Herrscher“ wird Joseph Goebbels auf Harlan aufmerksam; er erhält den Auftrag für „Jud Süß“. Der kommt im September 1940 in die deutschen Kinos, wo er 20 Millionen Zuschauer fand und noch einmal 20 Millionen in Europa. Er gilt heute als „Film zur Endlösung“, denn die vom realen Schicksal des Joseph Süß Oppenheimer inspirierte Geschichte hatte einzig das Ziel, Antisemitismus zu fördern und zu stärken, damit die Demütigungen, die Deportationen und die industrielle Vernichtung der jüdischen Bevölkerung ungestört weiterlaufen konnten.

1942 glorifiziert Harlan mit dem monumentalen Heldenepos „Der große König“ über Friedrich II. Patriotismus, Pflichterfüllung und nationale Opferbereitschaft. Im selben Jahr gelingt ihm mit dem Blut-und-Boden-Melodram „Die goldene Stadt“ ein weiterer Kassenschlager. Seitdem durfte er seine Filme im teuren und aufwendigen Agfacolor drehen, das bis Kriegsende nur für Propaganda- und militärische Zwecke verfügbar war, was seinen Status unterstreicht. 1943 erhielt Harlan zum 25-jährigen Ufa-Jubiläum den Professorentitel.

Szene Jud Süß. Quelle: https://www.swp.de/imgs/07/6/9/4/0/7/2/6/tok_22ae0990ff46d9d57da543fb307958fa/w819_h461_x409_y220_d7306f15931ebfd7.jpg

Szene Jud Süß. Quelle: https://www.swp.de/imgs/07/6/9/4/0/7/2/6/tok_22ae0990ff46d9d57da543fb307958fa/w819_h461_x409_y220_d7306f15931ebfd7.jpg

Nach der Storm-Verfilmung „Immensee“ und dem Melodram „Opfergang“ dreht Harlan den Durchhaltefilm „Kolberg“ mit einem dringenden Appell, den Kampf bis zum Ende zu führen. Dieser Film ist mit 8,5 Millionen Reichsmark Kosten der bis dahin teuerste der deutschen Filmgeschichte. „Ich ermächtige Sie, alle Dienststellen von Wehrmacht, Staat und Partei, soweit erforderlich, um ihre Hilfe und Unterstützung zu bitten und sich dabei darauf zu berufen, dass der hiermit von mir angeordnete Film im Dienste unserer geistigen Kriegführung steht“, schreibt Goebbels dem Regisseur, der einen gigantischen Menschen- und Materialaufwand betreibt. Er ist der letzte Film, der mit dem Prädikat „Film der Nation“ ausgezeichnet wurde, und gehört heute wie „Jud Süß“ und „Der Herrscher“ zu den sog. „Vorbehaltsfilmen“, die nur unter strengen Auflagen der Murnau-Stiftung gezeigt werden dürfen.

„Ich freue mich darüber“

Als er sich nach Kriegsende in Richtung Hamburg absetzte, erhielt er eine sogenannte Unbedenklichkeitserklärung und wurde als „politisch unbelastet“ eingestuft. Das blieb nicht lange verborgen. Auf Antrag der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN) wurde Harlan nach dem Kontrollratsgesetz Nr. 10 der „Beihilfe zur Verfolgung“ angeklagt. Ihm wird vorgeworfen, durch „Jud Süss“ als psychologischer Wegbereiter des Holocaust gewirkt zu haben und somit eine Mitschuld an der Judenvernichtung zu tragen. Den Einsatzkommandos in Osteuropa wurde vor ihren Erschießungsaktionen der Kinostreifen ebenso vorgeführt wie den Wachmannschaften der SS in den Konzentrations- und Vernichtungslagern.

Der reale Oppenheimer war Opfer eines Justizmordes im 18. Jahrhundert. Ihm gelang der Aufstieg vom Kaufmann aus dem jüdischen Ghetto zum engsten Finanzberater des Herzogs Karl Alexander von Württemberg. Als der starb, wurde sein Finanzier unter falschen Anschuldigungen vor Gericht gestellt. Die Anklage lautete unter anderem Hochverrat, Schändung der protestantischen Religion und Vergewaltigung einer 14-Jährigen. 1738 wurde Oppenheimer zum Tode verurteilt und gehenkt, sein Leichnam sechs Jahre lang in einem Käfig zur Schau gestellt.

Oppenheimers Galgen. Quelle: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/b/bb/Joseph_S%C3%BC%C3%9F_Oppenheimer_-_Baeck_II.jpg

Nach dem Studium noch vorhandener Drehbuchfassungen ist davon auszugehen, dass die Grundlage des Films von 1940 die gleichnamige Novelle von Wilhelm Hauff war – Harlan hat zeitlebens bestritten, Lion Feuchtwangers Version des Stoffs gekannt zu haben. Dessen Verdacht, der Film basiere auf seinem Roman, mag daher rühren, dass sieben Schauspieler schon in dem gleichnamigen Theaterstück auf der Bühne gestanden hatten. Und die schrieb er in einem offenen Brief 1941 persönlich an: „Sie haben, meine Herren, aus meinem Roman ‚Jud Süß‘ mit Hinzufügung von ein bisschen ‚Tosca‘ einen wüst antisemitischen Hetzfilm im Sinne Streichers und seines ‚Stürmers‘ gemacht“.

Der handwerklich hervorragend gestaltete Streifen spielt virtuos mit kollektiven Ressentiments und verbotenen Gelüsten und bündelt alle Klischees, die Juden seit Jahrhunderten angehaftet wurden. Wenn das Licht wieder anging im Saal, waren die Gesichter vieler Zuschauer hassverzerrt. In manchen Städten kam es nach Vorstellungen zu anti-jüdischen Ausschreitungen. Beim Auschwitz-Prozess schilderten KZ-Überlebende, wie nach der Vorführung Hunde auf Gefangene gehetzt wurden. „Ein ganz großer, genialer Wurf. Ein antisemitischer Film, wie wir ihn uns nur wünschen können. Ich freue mich darüber“, schrieb Goebbels in seinem Tagebuch.

Der aber habe ihn gezwungen, quasi zwangsverpflichtet, den Film zu drehen, behauptet Harlan. Es gelang ihm, sich als unpolitischen Künstler darzustellen: „Meine Partei ist die Kunst.“ Für große Teile der Bevölkerung wurde er zur Symbolfigur. Zeugen, die gegen Harlan aussagten, wurden als „Judensau“ und „Kommunistenschwein“ beleidigt. Vor Gericht betonte Harlan, er sei nur untergeordnet tätig gewesen und habe die endgültige Schnittfassung nicht verantwortet. Er hielt sich im Sinne der Anklage, die ihm die Gesamtverantwortung unterstellt, für nicht schuldig.

Hamburg, Veit Harlan nach Prozess. Quelle: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/0/04/Bundesarchiv_Bild_183-R76220%2C_Hamburg%2C_Veit_Harlan_nach_Prozess.jpg

Hamburg, Veit Harlan nach Prozess. Quelle: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/0/04/Bundesarchiv_Bild_183-R76220%2C_Hamburg%2C_Veit_Harlan_nach_Prozess.jpg

Nach 52 Tagen und zahllosen Zeugenvernehmungen wurde am 23. April 1949 das Urteil verkündet und den Belastungszeugen das Belastende abgesprochen. Im Falle des Kronzeugen Norbert Wollheim etwa, dem Vorsitzenden der jüdischen Gemeinde der britischen Zone, hieß es: „Die Angst der Juden vor dem Film ist lediglich auf die aufreizende Reklame zurückzuführen, nicht aber auf den Film selbst, dessen so milde Form die Juden als eine Erleichterung empfunden haben“, so der Vorsitzende Richter Walter Tyrolf in seiner Begründung für Harlans Freispruch. Eine strafrechtlich relevante Kausalität zwischen Film und Völkermord sei nicht beweisbar. Harlan-Anhänger tragen ihn auf den Schultern aus dem Gerichtssaal.

„Man hat alles auf ihn geschoben“

Die Staatsanwaltschaft ging in Revision. Der Oberste Gerichtshof für die Britische Zone in Köln hob das Urteil auf. In einem weiteren Prozess vor dem Landgericht Hamburg führte Harlan aus, dass seine Weigerung, den Film zu machen, ihn in eine bedrohliche Lage gebracht hätte. Das Gericht folgte dieser Argumentation, erklärte gar einen „Befehlsnotstand“  und sprach Harlan am 29. April 1950 erneut frei. Richter Walter Tyrolf war während der NS-Zeit Staatsanwalt am Sondergericht Hamburg und hatte in mehreren Bagatellfällen wie leichtem Diebstahl und „Rassenschande“ für die Todesstrafe plädiert, die auch vollstreckt wurde. Auch er hatte nach dem Krieg eine Unbedenklichkeitserklärung erhalten und wurde unter anderem Vorsitzender Richter im Hamburger Euthanasieprozeß, der fast zeitgleich zum Harlan-Verfahren lief.

Harlan war keineswegs der dämonische Verbrecher, für den ihn Teile der Öffentlichkeit hielten. Und er war nie Mitglied der NSDAP, obwohl er sich zum Nationalsozialismus bekannt hatte. „Nach dem damaligen Kontrollratsgesetz hätte man Harlan verurteilen müssen“, sagt der Hamburger Filmkritiker und Staatsanwalt Dietrich Kuhlbrodt 1999 dem Hamburger Abendblatt, „wobei eine ganz große Ungerechtigkeit darin besteht, dass man ihn sich alleine rausgesucht hat. Der Prozess war – rückblickend gesehen – eine Alibiveranstaltung. Man hat alles auf ihn geschoben.“ „Die Welt ist rund. Eines Tages wird meine Frau wieder auf der Leinwand sein und ich neben der Kamera“, erklärt Harlan damals und behielt Recht.

Propaganda gegen Harlan. Quelle: https://heise.cloudimg.io/width/454/q30.png-lossy-30.webp-lossy-30.foil1/_www-heise-de_/tp/imgs/89/1/9/3/4/6/1/0/cc08665719c829f5.jpg

Propaganda gegen Harlan. Quelle: https://heise.cloudimg.io/width/454/q30.png-lossy-30.webp-lossy-30.foil1/_www-heise-de_/tp/imgs/89/1/9/3/4/6/1/0/cc08665719c829f5.jpg

Ein letztes Mal flackerte die juristische Diskussion 1951 auf. Als ihm mit „Unsterbliche Geliebte“ nach Theodor Storm sein Nachkriegs-Comeback als Regisseur gelingt, forderte der Hamburger Senatsdirektor Erich Lüth das deutsche Publikum auf, den Film zu boykottieren. In zwei Gerichtsverfahren wurde der Boykottaufruf als „sittenwidrig“ eingestuft, weswegen Zivilgerichte Unterlassungsverfügungen erließen. Während dieser Prozesse erklärte Harlan, dass „jede Art von Antisemitismus vom kulturellen, religiösen und moralischen Standpunkt abzulehnen“ sei. Gegen diese Gerichtsentscheide legte Lüth Verfassungsbeschwerde beim Bundesverfassungsgericht ein, das die Entscheidungen der Vorinstanzen in einer vielbeachteten und -zitierten Grundsatzentscheidung aufhob, dem später so genannten Lüth-Urteil, das die Meinungsfreiheit stärkt.

Harlan dreht dann noch mehrere Filme mit seiner Frau in den Hauptrollen, u.a. „Die blaue Stunde“ (1952), „Verrat an Deutschland“ (1954) oder „Das dritte Geschlecht“ (1957, auch „Anders als du und ich“). Dieser Film behandelte Probleme der Homosexualität und stieß nicht nur in Deutschland, sondern vor allem in der Schweiz, wo seit dem Krieg noch kein Harlan-Film aufgeführt worden war, laufend auf Proteste; 1962 wurde er dort endgültig verboten. Am 13. April 1964 stirbt Veit Harlan während eines Urlaubs auf Capri an einer Lungenentzündung und wird dort auch begraben.

Harlan mit Sohn. Quelle: https://www.wochenanzeiger.de/images/redaktion/grosseversion/107672.jpg

Harlan mit Sohn. Quelle: https://www.wochenanzeiger.de/images/redaktion/grosseversion/107672.jpg

Schuld gesteht Harlan öffentlich nie ein. Auf dem Totenbett soll ihm sein Sohn Thomas, selbst Regisseur, ein Schuldgeständnis abgerungen haben. Er wird zum schärfsten Kritiker des Vaters und zeigt an dessen Beispiel, wohin in einer Diktatur Besessenheit, Karrierismus sowie menschenfeindlicher Ehrgeiz führen können, und nennt es Verantwortung der Geschichte gegenüber. Den Namen „Harlan“ trägt er wie ein Stigma – im Gegensatz zu anderen Verwandten wie etwa seine Schwester Maria. Die rund 70 Kino- und Fernsehrollen verkörpernde Schauspielerin legte auf Anraten ihrer Agentin den Familiennamen des Vaters ab und nahm den der Mutter „Körber“ an. Begraben ließ sie sich 2018 in Berlin unter dem Namen Kerzel – so hieß ihr zweiter Ehemann.

Der Regisseur Géza von Cziffra behauptete in seiner Autobiografie „Kauf dir einen bunten Luftballon“ elf Jahre nach Harlans Tod, dass für die Regie von „Jud Süß“ ursprünglich der Produktionschef der Terra-Film, Peter Paul Brauer, vorgesehen gewesen sei, der unter anderem Kollegen wie Heinz Rühmann wegen Kontakten zu Juden denunziert hatte. Doch Harlan habe durch Interventionen im Propagandaministerium erfolgreich dafür gekämpft, den Film inszenieren zu können. Der Beweis, dass diese Behauptung eine Falschaussage ist, steht bis heute aus.

Die Rechtsprechung müsse auf der fortschrittlichen Wissenschaft des Leninismus-Stalinismus basieren und parteilich-klassenkämpferisch sein. Was ein Verbrechen sei, habe nicht mehr eine formale Gesetzesvorschrift zu bestimmen: Entscheidend sei allein, ob eine Handlung „gesellschaftsgefährlich“ ist. Für solche Aussagen, die einem heute noch – oder vielmehr wieder – das Blut gefrieren lassen, erhielt sie 1952 von der Ostberliner Humboldt-Universität die Würde eines „Ehrendoktors der Rechte“, da sie „besondere Leistungen bei der Fortentwicklung des neuen demokratischen Strafrechts“ vollbracht habe: Hilde Benjamin, damals Vizepräsidentin des Obersten Gerichts und später nicht nur erste Justizministerin der DDR, sondern weltweit. Sie starb am 18. April vor 30 Jahren in Berlin.

Geboren wurde Helene Marie Hildegard Lange 140 Kilometer südwestlich davon, am 5. Februar 1902 in Bernburg als Älteste von drei Kindern. Der Vater, ein kaufmännischer Angestellter, sympathisierte mit den Ideen der Freimaurer, die Mutter war eine selbstbewusste und gebildete Hausfrau. Schwester Ruth war Kugelstoß-Weltrekordlerin und wurde 1927 Deutsche Meisterin, Bruder Heinz Ingenieur in der DDR. Prägte ihr evangelisches Elternhaus ihre Vorlieben für Literatur und Musik, prägte Berlin, wohin die Familie 1908 zog, ihre politische Entwicklung: „Die Novemberrevolution erlebte ich bereits bewusst und stand gefühlsmäßig auf der Seite der Arbeiter. … Von entscheidender Bedeutung wurde die Ermordung von Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg, … und ich begann, mich immer aktiver für die politische Entwicklung zu interessieren und Partei zu ergreifen“, erinnert sie sich.

Benjamin als junge Anwältin. Quelle: https://www.mdr.de/zeitreise/gmd_benjamin100-resimage_v-variantBig24x9_w-960.jpg?version=42228

Benjamin als junge Anwältin. Quelle: https://www.mdr.de/zeitreise/gmd_benjamin100-resimage_v-variantBig24x9_w-960.jpg?version=42228

Mit 19 Jahren machte Hilde Lange Abitur und studierte als eine der ersten Frauen von 1921 bis 1924 Jura in Berlin, Heidelberg und Hamburg. Ihr Assessor-Examen folgte 1927, eine Dissertation blieb unvollendet. Außerdem lernte sie die russische Sprache. Sie heiratete 1926 den Arzt und Kommunisten Dr. Georg Benjamin, Bruder des berühmten Philosophen und Essayisten Walter Benjamin, ein wohlhabender jüdischer Kaufmannssohn, der sieben Jahre älter und wie sie von der Wandervogelbewegung beeinflusst war. Bis zur Heirat SPD-Mitglied, trat sie nun in die KPD ein, engagierte sich in der Roten Hilfe und als Lehrerin in der Marxistischen Abendschule.

„In dieser kurzen, glücklichen Zeit“

1929 eröffnete Hilde Benjamin ihre Kanzlei und trat im Jahr darauf erstmals in einem spektakulären Strafprozess in Berlin-Moabit auf: Horst Wessel („Die Fahne hoch, die Reihen fest geschlossen…“) war von Rotfrontkämpfern angeschossen worden und gestorben. Die Vossische Zeitung schrieb: „Bemerkenswert war das Auftreten eines weiblichen Verteidigers, nämlich Frl. Dr. Benjamin in diesem Prozess (weder Fräulein noch Doktortitel stimmen – T.S.). In interessanter Beweisführung plädierte sie für ihre Klienten auf Freispruch.“ Sie verteidigte fast nur Arbeiter und kleine Angestellte.

Benjamin mit Sohn. Quelle: https://cdn.mdr.de/zeitreise/gmd_benjamin102_v-variantBig16x9_w-576_zc-915c23fa.jpg?version=32226

Benjamin mit Sohn. Quelle: https://cdn.mdr.de/zeitreise/gmd_benjamin102_v-variantBig16x9_w-576_zc-915c23fa.jpg?version=32226

Nachdem ihr erstes Kind 1931 kurz nach der Geburt gestorben war, kam Ende 1932 Sohn Michael zur Welt. In ihrer Biographie über Georg Benjamin heißt es: „In dieser kurzen, glücklichen Zeit nach der Geburt von Mischa tauchte … schattenhaft der Wunsch auf: vier Kinder.“ Benjamin wurde direkt nach dem Reichstagsbrand ins KZ Sonnenburg „in Schutzhaft“ genommen und zu Weihnachten vorerst entlassen. Ihr selbst wurde die Anwaltszulassung entzogen. Das Dokument war – bittere Ironie der Geschichte – von Roland Freisler unterzeichnet, dem später berüchtigten Präsidenten des Volksgerichtshofs, mit dem sie in Zeiten des Kalten Kriegs manchmal als „weiblicher Freisler“ verglichen wurde. 1936 wurde Georg Benjamin wegen Hochverrat zu sechs Jahren Zuchthaus verurteilt.

Bis 1939 konnte sie als juristische Beraterin der Sowjetischen Handelsgesellschaft in Berlin arbeiten, danach wurde sie bis Kriegsende als Angestellte in der Konfektionsindustrie dienstverpflichtet. Ihr Schwager Walter Benjamin beging 1940 auf der Flucht vor der Gestapo an der französisch-spanischen Grenze Suizid. 1942 kommt ihr Mann im KZ Mauthausen ums Leben; „Selbstmord durch Berühren der Starkstromleitung“ hieß es offiziell. Ihr Sohn durfte als „Halbjude“ seit 1942 nicht mehr die höhere Schule besuchen. Hilde Benjamin unterrichtete ihn selbst und unterstützte in dieser Zeit bedrohte jüdische Freunde, darunter die später nach Auschwitz deportierte Lyrikerin Gertrud Kolmar. Sie vergrub Kolmars Gedichte und veröffentlichte sie 1977 unter dem Titel „Das Wort der Stummen“.

den „parteilichen Richter“ schaffen

Das zweite Leben der Hilde Benjamin begann am 12. Mai 1945 mit dem Auftrag des sowjetischen Kommandanten, das Gericht in Steglitz-Lichterfelde neu zu organisieren: „Nun begann das, wofür wir die vergangenen zwölf Jahre gekämpft, worauf wir uns die letzten Monate innerlich vorbereitet hatten,“ hieß es in ihren Erinnerungen. Bis heute wird gerätselt, ob es Rachsucht oder politischer Fanatismus war, der sie nach dem Krieg den Spieß einfach umdrehen ließ. Vor allem setzte sie sich für die Säuberung der Justiz von ehemaligen Nationalsozialisten ein: 80 % des Justizpersonals wurden entlassen. Eine vergleichbare Entlassungswelle in der Justiz hatte es noch nie in der deutschen Geschichte und auch nie wieder danach gegeben.

Prozeß gegen Spione der "Freiheitlichen Juristen" in der DDR. Quelle: http://www.taz.de/picture/2728590/948/Bundesarchiv_Bild_183-15600-0005__Prozess_gegen_Spione_der_.jpeg

Prozeß gegen Spione der "Freiheitlichen Juristen" in der DDR. Quelle: http://www.taz.de/picture/2728590/948/Bundesarchiv_Bild_183-15600-0005__Prozess_gegen_Spione_der_.jpeg

Hilde Benjamin versuchte die gewaltige Personallücke anfangs mit „Richtern im Soforteinsatz“, später mit „Volksrichtern“ zu schließen, hämisch „Galoppjuristen“ genannt. In Schnellkursen von anfangs sechs und zuletzt 18 Monaten wurden antifaschistisch gesinnte Menschen, meist SED-Mitglieder, ohne Abitur bis in die fünfziger Jahre in der DDR zum Richter ausgebildet und später zum Aufbaustudium verpflichtet. Hilde Benjamin wandte sich radikal gegen die bürgerliche Vorstellung vom „unpolitischen Richter“ und wollte einen neuen Richtertyp schaffen: den „parteilichen Richter“, der die „Dialektik von Parteilichkeit und Gesetzlichkeit“ verstanden hatte.

Mit Gründung der DDR – Hilde Benjamin war Mitglied der SED und der Volkskammer, hatte auch den Demokratischen Frauenbund mitgegründet und wurde 1949 Vizepräsidentin des Obersten Gerichts der DDR – wurde jedoch nicht sie Justizministerin, sondern Max Fechner. Als Vorsitzende des 1. Strafsenats von 1949 -1953 führte sie 13 große Verfahren wie den Bernburger Solvay-Prozess und sprach 67 Verurteilungen aus, darunter zwei Todesurteile, 15 Mal lebenslänglich und insgesamt ca. 550 Jahre Zuchthaus. Bei den Waldheimer Prozessen war sie beratend beteiligt: 3324 Angeklagte wurden damals wegen kriegs- bzw. nationalsozialistischer Verbrechen eingesperrt.

Verurteilt wurden politische Gegner anderer Parteien, Abenteurer und Kriminelle, wie sie der Kalte Krieg zwischen Ost und West hervorgebrachte, enteignete Industrielle, aber auch Mitglieder der Zeugen Jehovas, unliebsame Genossen aus den eigenen Reihen und Jugendliche, die sich den Neuanfang nach dem Untergang des 3. Reichs anders vorgestellt hatten. Allerdings haftet der Empörung über die Todesurteile gegen Johann Burianek und Wolfgang Kaiser bis heute ein G’schmäckle an: beide waren Mitglieder der „Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit“ (KgU), eine CIA-finanzierte, militante antikommunistische Organisation, die von West-Berlin aus den Widerstand gegen die SED-Diktatur unterstützte und Sabotageakte durchführte, wobei sie ihrerseits auch zivile Opfer in Kauf nahm.

Benjamins Verhöre waren demütigend: „Eine Woge von Hass kam über den Richtertisch“, zitiert ihre Biographin Marianne Brentzel eine junge Angeklagte. Sie begründete ihre Härte mit der Notwendigkeit, die DDR zu schützen. „Wahrscheinlich hätte ein Mann an ihrem Platz nicht diese negative Berühmtheit erlangt. Eine Frau auf dem Richterstuhl scheint in der öffentlichen Meinung ungleich heftiger be- und verurteilt zu werden“, mutmaßt Brentzel. Seitdem Drohbriefen und Anrufen ausgesetzt, bekam sie einen zweiköpfigen Personenschutz zugeordnet.

Ulbricht ernennt Benjamin. Quelle: https://www.journalistenwatch.com/wp-content/uploads/2018/05/Hilde-Benjamin-678x381.jpg

Ulbricht ernennt Benjamin. Quelle: https://www.journalistenwatch.com/wp-content/uploads/2018/05/Hilde-Benjamin-678x381.jpg

Die Ereignisse des 17. Juni 1953 brachten dann den Karrieresprung. Als Minister Fechner, ein sozialdemokratischer Werkzeugmacher, das „Streikrecht“ für verfassungsgemäß erklärt hatte, wurde er beim Rapport im Politbüro am 14. Juli als „Feind der Partei“ verhaftet und seiner Funktion enthoben, später gar zu acht Jahren Zuchthaus verurteilt. Die Ernennungsurkunde für den „Minister der Justiz Hilde Benjamin“ lag schon bereit. Obwohl sie lebenslang Mitglied des Zentralkomitees blieb, hat sie weitere Machtpositionen in der SED nie errungen: Das tiefsitzende Misstrauen der proletarischen Führungsspitze gegenüber einer bürgerlichen Intellektuellen stand wohl immer dagegen. Sie blieb auch in Pankow wohnen, als die oberste Spitze der SED sich in Wandlitz ihr Prominentenghetto schuf.

„Es hätte sie umgebracht“

Die Ministerjahre Hilde Benjamins waren von zwei widersprüchlichen Tendenzen gekennzeichnet. Einerseits repräsentierte sie weiterhin einen harten Kurs gegenüber allen „Feinden des Sozialismus“, unrühmliche Höhepunkte waren der Prozess um den Verleger Walter Janka sowie die Jagd auf Oppositionelle nach dem 13. August 1961. Ruchlos waren die drei Justizmorde an Erna Dorn, Manfred Smolka und Ernst Jennrich, die sie als Ministerin angeordnet hat. Infolge einer zweiten, von Chruschtschow im Oktober 1961 angestoßenen Entstalinisierungswelle wurde sie von Walter Ulbricht prompt „fortschrittsfeindlicher Umtriebe“ bezichtigt. Trotz „prinzipieller Korrekturen“ gebe es in der DDR-Justiz „noch immer Erscheinungen des Dogmatismus“. Benjamin wehrte sich und warnte, der Verzicht auf stalinistische Rechtspraktiken werde dem westlichen Klassenfeind Tür und Tor öffnen. Mit der Auslagerung wesentlicher Kompetenzen aus ihrem Ministerium begann damals ihre schrittweise Entmachtung.

Andererseits arbeitete sie an Reformwerken wie dem Familiengesetzbuch, das für die DDR-Bürger teilweise positive, gesellschaftliche Weichen stellten. Nachdem 1965 ein Entwurf in Millionenauflage verteilt wurde, kamen 23 737 Änderungsvorschläge im Ministerium an, im endgültigen Gesetzestext waren 230 davon berücksichtigt. Das Gesetz brachte Jahre vor vergleichbaren Veränderungen in Westdeutschland ein neues Namensrecht, die weitere rechtliche Gleichstellung außerehelicher Kinder und die Verankerung des Rechts auf Scheidung. Für die Förderung der Berufstätigkeit der Frauen wurde sie sogar in Westdeutschland gewürdigt.

Hilde Benjamins Rede zum Familiengesetz sollte ihr letzter großer Auftritt als Ministerin vor der Volkskammer sein. 1966 wurde der Stasi bekannt, dass sie Mitglied eines „lesbischen Kreises“ war. Das Jahr 1967 begann mit der Verleihung des Ordens „Held der Arbeit“ zu ihrem 65. Geburtstag – „Zweimal bekam sie den Karl-Marx-Orden sowie viele andere Auszeichnungen. Kaltgestellt mit Ordensblech und Ehrentiteln“, kommentierte Brentzel. Denn nach der Volkskammerwahl im Juli wurde Hilde Benjamin unerwartet und gegen ihren Willen von einem LDPD-Politiker abgelöst: Offiziell aus „gesundheitlichen Gründen“ und zur Verjüngung des Ministerrats.

Benjamin mit Jugendlichen. Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Hilde_Benjamin#/media/File:Bundesarchiv_Bild_183-50156-0006,_Steinpleis,_Jugendweihe,_Hilde_Benjamin.jpg

Benjamin mit Jugendlichen. Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Hilde_Benjamin#/media/File:Bundesarchiv_Bild_183-50156-0006,_Steinpleis,_Jugendweihe,_Hilde_Benjamin.jpg

Zu ihrer Genugtuung wurde ihr die Leitung der Gesetzgebungskommission nicht aus der Hand genommen, in der sie maßgeblich mit der Anpassung des Gerichtsverfassungsgesetzes, des Jugendgerichtsgesetzes und der Strafprozessordnung an eine kommunistisch orientierte Rechtslehre befasst war. Die Gesetzesneufassungen beseitigen unter anderem die Unabsetzbarkeit der Richter sowie die Unmittelbarkeit der Beweisaufnahme. Das neue Strafgesetz befreit zwar in Teilen von überkommenen Moralvorstellungen u.a. beim alten § 175 und dem Abtreibungsverbot, leitete aber im politischen Strafrecht eine weitere Verschärfung ein und hielt an der Todesstrafe fest.

Im selben Jahr übernahm sie den für sie geschaffenen Lehrstuhl „Geschichte der Rechtspflege“ an der Deutschen Akademie für Staats- und Rechtswissenschaft in Potsdam, den sie bis zu ihrem Tod innehatte. Sie erarbeitete eine dreibändige „Geschichte der Rechtspflege der DDR“ und schrieb die Biographie ihres Mannes. Als sie wenige Monate vor dem endgültigen Untergang der DDR an den Folgen eines Beinbruchs 87jährig starb, war sie keine sanft gewordene, weise Mutterfigur ihres Staates, sondern immer noch dessen Furie. „Hilde Benjamin und die DDR waren einander ähnlich geworden“, so Brentzel. Ihre Starrheit und Unbelehrbarkeit entsprachen der Erstarrung des gesamten Systems des realen Sozialismus. Ihr Sohn, befragt, wie sie mit dem Ende ihres Lebenswerkes umgegangen wäre, antwortete: „Es hätte sie umgebracht“.

„Mörderinnen keine Ehre!“

Brentzel würdigte sie 1997 zwar als Vorkämpferin für die Rechte der Frauen, kritisierte aber, dass ihr Umgang mit der Macht kein Vorbild für Frauen in Ost und West wurde: „Eher kann man sie als ‚negative Lehrmeisterin‘ ansehen.“ 21 Jahre später hat sich dieses Image gewandelt: Der schwarz-grün regierte Bezirk Steglitz-Zehlendorf legte die Broschüre „Starke Frauen 1945 – 1990“ auf, in der Hilde Benjamin neben unter anderem Verfassungsrichterin Jutta Limbach (SPD) gewürdigt wird. Die Broschüre war im Auftrag des Jobcenters von einem Verein „YOPIC“ (Young People for International Cooperation e.V.) als freier Träger erstellt sowie mit offiziellem Bezirkslogo und einem Vorwort des Stadtrats für Gleichstellung, Michael Karnetzki (SPD), versehen worden.

Screenshot der Broschüre. Quelle: https://bilder.t-online.de/b/83/78/29/90/id_83782990/tid_da/screenshot-der-ersten-seite-des-artikels-ueber-hilde-benjamin-in-der-broschuere-starke-frauen-die-broschuere-wurde-inzwischen-zurueckgezogen-.jpg

Screenshot der Broschüre. Quelle: https://bilder.t-online.de/b/83/78/29/90/id_83782990/tid_da/screenshot-der-ersten-seite-des-artikels-ueber-hilde-benjamin-in-der-broschuere-starke-frauen-die-broschuere-wurde-inzwischen-zurueckgezogen-.jpg

Die Vereinschefin  Doris Habermann rechtfertigte das in der taz: „Menschen sind nicht nur schwarz und weiß. Wir haben ihre Taten ja nicht verheimlicht. Wir wollten ihre wichtige Arbeit für die Gleichberechtigung deshalb aber nicht vernachlässigen“. Auf die Frage, ob die Würdigung einer Frau, die Todesurteile gesprochen habe, nicht Grenzen überschreite, sagte Habermann: „Manche mögen das so sehen, aber das ist dann eine subjektive Einschätzung. Unserer Meinung nach sind Menschen auch für ihre positiven Eigenschaften zu würdigen. Benjamins Einsatz für die Gleichberechtigung zählt für uns dazu“. Hubertus Knabe, jüngst geschasster Leiter der Stasiopfer-Gedenkstätte in Berlin-Hohenschönhausen, machte in den sozialen Medien schon früh auf den Vorfall aufmerksam und bezeichnete ihn auf t-online.de als „bewusste Verklärung einer führenden Stalinistin.“ Erst auf den CDU-Dringlichkeitsantrag „Mörderinnen keine Ehre!“ hin wurde die Broschüre zurückgezogen.

Entsetzlich daran ist, dass es unter dem Label der „Gleichberechtigung“ eigentlich um „Gleichstellung“ und damit um ein Genderthema geht, wie u.a. weitere Projekte Habermanns beweisen, darunter „Fit in KMU“, das „mit konsequenter Nutzung moderner Informations- und Kommunikationstechnologien durch Frauen Wettbewerbsvorteile für die brandenburgische Wirtschaft“ schaffen will, um das „brachliegende weibliche Technik-Potenzial“ zu aktivieren. Aber dass es zwischen den Ideen heutiger Genderisten und einstiger Totalitaristen keinen Unterschied mehr gibt, konstatierte jüngst erst Heike Diefenbach auf sciencefiles: sie seien „Gemeinsame im Geist, vereint in ihrem Hass auf die Errungenschaften des Liberalismus und in ihrem Hass auf die Freiheit des Einzelnen, dessen Unabhängigkeit von dem, was sie für die richtige Gemeinschaft halten“. Die Würdigung Benjamins beweist das auf unerträgliche Weise.

Als CDU und AfD die Mecklenburger Punkrocker von „Feine Sahne Fischfilet“ als linksextremistisch kritisierten und „rechte“ Gruppen Proteste ankündigten, sagte die Bauhaus-Direktorin Claudia Perren das zdf@bauhaus-Konzert mit der Band zum 6. November 2018 ab: Das Bauhaus solle nicht zum Austragungsort politischer Agitation und Aggression werden. Prompt wurden politisch und medial Parallelen zur Bauhaus-Geschichte gezogen: Nach nur 14 Jahren Existenz wurde die Institution von den Nationalsozialisten durch Repressalien wie Hausdurchsuchungen, Versiegelung der Räume und Verhaftung von Studenten zur Selbstauflösung gezwungen. Vor 100 Jahren war sie gegründet worden.

Am 1. April 1919 unterzeichnete Walter Gropius, Mitbegründer der modernen Architektur, den Vertrag, mit dem die Großherzoglich-Sächsische Kunstschule Weimar mit der 1907 von Henry van de Velde gegründeten Großherzoglich-Sächsischen Kunstgewerbeschule fusionierte. Er richtete ein Dutzend Werkstätten ein und holte Künstler wie Johannes Itten, Lyonel Feininger oder Marianne Brandt. Seine Vision war die interdisziplinäre Zusammenführung von Kunst und Handwerk in der Tradition einer Dombauhütte als Werkstattverband: „Architekten, Bildhauer, Maler, wir alle müssen zum Handwerk zurück“, schrieb er in seinem Bauhausmanifest 1919, „der Künstler ist eine Steigerung des Handwerkers.“

Bauhaus Weimar. Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Bauhaus#/media/File:Bauhaus_weimar.jpg

Bauhaus Weimar. Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Bauhaus#/media/File:Bauhaus_weimar.jpg

Ein zentrales Ziel war eine enge Kooperation zwischen Kunst, Industrie und Wissenschaft, um neue ästhetische Prinzipien für die Massenherstellung von Gebrauchsgegenständen nutzbar zu machen. Zudem griff Gropius auch Ansätze des Deutschen Werkbundes und des Expressionismus auf: Schlichte Formen, neue Materialien und kunstvolles Handwerk. Dabei wurde die Idee entwickelt, dass ein Gegenstand zugleich einfach, schön, funktional und für alle zugänglich sein kann – eine Auffassung von Design, die heute allgegenwärtig ist. Als führendes intellektuelles und kreatives Zentrum des Modernismus legte das Bauhaus die Grundlagen des modernen Designs und wurde zur bedeutendsten Kunstschule des 20. Jahrhunderts.

Meister des Handwerks, Meister der Form

Ebenso wichtig wie neuartig war das kunstpädagogische Konzept, das eine sechsmonatige Vorlehre, eine dreijährige handwerkliche Werklehre in den Bereichen Metall, Weberei, Keramik, Möbel, Typographie oder Wandmalerei und eine abschließende künstlerische Ausbildung als Baulehre vorsah. Dabei blieb den Frauen die Weberei vorbehalten; nur wenige Studentinnen wie die Holzbildhauerin Alma Siedhoff-Buscher konnten diesen heute diskriminierend wirkenden Stereotyp durchbrechen.

Als Abschluss wurde ein Meisterbrief der Handwerkskammer und bei besonderer Begabung auch des Bauhauses vergeben. Einige der Schüler des Bauhauses arbeiteten nach ihrer Berufsausbildung als Meister am Bauhaus weiter. Die Bauhauslehrer im Bereich von Handwerk und Kunst waren der Idee nach als „Meister des Handwerks“ und „Meister der Form“ einander gleichgestellt, was sich in der Praxis indes nie ganz durchhalten ließ.

Bauhauslehrer, darunter Gropius, Klee, Feininger, Kandinsky und Schlemmer. Quelle: https://www.deutschlandfunkkultur.de/media/thumbs/f/fd1ece8e8d4a058b9d3aaa5ac66eb87av1_max_635x357_b3535db83dc50e27c1bb1392364c95a2.jpg?key=9731bc

Bauhauslehrer, darunter Gropius, Klee, Feininger, Kandinsky und Schlemmer. Quelle: https://www.deutschlandfunkkultur.de/media/thumbs/f/fd1ece8e8d4a058b9d3aaa5ac66eb87av1_max_635x357_b3535db83dc50e27c1bb1392364c95a2.jpg?key=9731bc

Allerdings galten die Lehrer und Schüler, selbst die Bewunderer des Bauhauses als „links“ und „internationalistisch“, weshalb es politisch rechte Kräfte ablehnten. Als sich die Machtverhältnisse nach der Landtagswahl in Thüringen im Februar 1924 geändert hatten und die Regierung unter Richard Leutheußer (DVP) den Etat um 50 % kürzte, boten sich andere Städte als neue Standorte an. Darunter war auch der Kölner Oberbürgermeister Konrad Adenauer, der dann aber lieber die Kölner Werkschulen gründete.

Als in Dessau der Flugzeugbauer Hugo Junkers eine Förderung anbot, folgte 1925 der Umzug und 1926 die Einweihung  des neuen, von Gropius entworfene Bauhausgebäudes mit seinem vollständig verglasten Werkstattflügel sowie der „Meisterhäuser“, in denen konsequent und mustergültig die entwickelten Vorstellungen von Wohnen und Arbeiten vereint waren. In dieser Zeit begann auch die Herausgabe der Buchreihe „Bauhausbücher“ sowie der vierteljährlichen Zeitschrift „bauhaus“, mit denen die neuen künstlerischen Konzepte rasch verbreitet werden konnten.

1927 wurden die sogenannten „freien Malklassen“ eingeführt, in denen Paul Klee und Wassily Kandinsky unterrichteten. Klee verfasste in seiner Zeit am Bauhaus das „Pädagogische Skizzenbuch“, Kandinsky seine bedeutendste kunsttheoretische Schrift „Von Punkt und Linie zur Fläche“. In der Bühnen-Abteilung werden unter Oskar Schlemmer neue Bühnenbilder und Darstellungsformen des Theaters entworfen. Ebenfalls seit diesem Jahr gab es eine Architekturabteilung, doch erst unter Ludwig Mies van der Rohe war ein reines Architekturstudium möglich, das der Disziplin zum Durchbruch in der Moderne verhalf.

"Villa Tugendhat" von van der Rohe. Quelle: https://architekten-scout.com/wordpress/wp-content/uploads/2015/06/640px-Villa_Tugendhat-20070429.jpeg

"Villa Tugendhat" von van der Rohe. Quelle: https://architekten-scout.com/wordpress/wp-content/uploads/2015/06/640px-Villa_Tugendhat-20070429.jpeg

Die Architekten des Bauhauses führten neue Baustoffe wie Stahl, Glas und Beton ein, ließen die ersten industrialisierten Wohnungsbauten für Menschen, auch aus ärmeren sozialen Schichten, entstehen. Bis heute wird das Bauhaus beschuldigt, mit seinem „Reduktionismus“ sogenannte „Arbeiterwohnregale“, Plattenbauten und Vorort-Tristesse erst ermöglicht zu haben: Der Chefplaner von Berlin-Gropiusstadt oder Halle-Neustadt, Richard Paulick, begann seine Architekten-Laufbahn am Bauhaus in Dessau. Die „Weißenhofsiedlung“ in Stuttgart von 1927 dagegen gilt bis heute als Paradebeispiel der „eigentlichen“ Bauhaus-Architektur und wurde 2016 UNESCO-Welterbe.

Handwerk vor der Industrialisierung retten

Dominierten bis etwa 1925 bildende Kunst und Kunsthandwerk, war danach eine zunehmende funktionalistische Ausrichtung und eine Stärkung des Industriedesigns zu beobachten. Es entstehen Prototypen zahlreicher Möbel und Gebrauchsgegenstände, die mit der Gründung der „Bauhaus GmbH“ 1925 auch in die industrielle Massenproduktion gehen können. Unter dem Leitgedanken „Volksbedarf statt Luxusbedarf“ entstanden Gegenstände für die künftige Gesellschaft – allerdings erst seit der Übernahme des Direktorenamts durch den Schweizer Architekten Hannes Meyer: Gropius war 1928 zurückgetreten.

Mart Stams Freischwingerstuhl. Quelle: https://www.timelessclassics.net/img/artikel/stam_freischwinger_011.jpg

Mart Stams Freischwingerstuhl. Quelle: https://www.timelessclassics.net/img/artikel/stam_freischwinger_011.jpg

Danach folgte der rasche Niedergang: Der Linkssozialist Meyer wurde bereits am 1. August 1930 durch den Oberbürgermeister von Dessau fristlos entlassen und durch Mies van der Rohe ersetzt. Als die NSDAP 1932 die Schließung des Bauhauses durchsetzte,  versuchte van der Rohe es durch einen Umzug in eine stillgelegte Telefonfabrik in Berlin als private Einrichtung fortzuführen, was rasch scheiterte. Kaum bekannt ist, dass einer der Chefarchitekten von Auschwitz, Fritz Ertl, Bauhausschüler war.

Viele Bauhausmitglieder emigrierten vor allem in die USA und trugen so zur internationalen Verbreitung der Ideen des Bauhauses bei. Als Professoren an wegweisenden Kunstinstitutionen entwickelten sie die innovativen Ansätze weiter. So wurde Mies van der Rohe Leiter der Architekturabteilung im „Illinois Institute of Technology“ in Chicago, wo er das „Federal Center“ und die „Lake-Shore-Drive-Appartments“ baute, von denen der Komponist John Cage meinte, sie zeigten, dass van der Rohe den Blitz erfunden habe. Er entwarf auch das berühmte „Seagram Building“ in New York. Walter Gropius wurde Leiter der „Harvard School of Design“, der experimentelle Fotograf László Moholy-Nagy gründete in Chicago das „New Bauhaus“. Jüdische Absolventen flohen nach Israel –Tel Aviv hat weltweit die größte Ansammlung von Gebäuden im Bauhaus-Stil, darunter die „Weiße Stadt“, seit 2003 UNESCO-Weltkulturerbe.

Weiße Stadt Tel Aviv. Quelle: https://www.bauhaus-dessau.de/im/840x0/b1530fd1097ed59bc7f0317ec25e640b.jpg

Weiße Stadt Tel Aviv. Quelle: https://www.bauhaus-dessau.de/im/840x0/b1530fd1097ed59bc7f0317ec25e640b.jpg

1961 wurde in Darmstadt das Bauhausarchiv gegründet, das seit 1971 seinen Sitz in Berlin hat und ebenso wie das Bauhaus-Museum Weimar Arbeiten und Dokumente sowie einschlägige Literatur sammelt und der Öffentlichkeit zugänglich macht. 1979 wurde der von Gropius selbst konzipierte Bau übergeben, der 2005 als Außenkulisse für die Filme „V wie Vendetta“ und „Æon Flux“ diente und 2014 eine eigene Schrift entwickeln ließ. Bis voraussichtlich 2022 ist es aufgrund von Umbauarbeiten geschlossen.

1976 beherbergte das rekonstruierte Bauhaus in Dessau zunächst das „Wissenschaftlich-kulturelle Zentrum Bauhaus“ und ab 1984 das „Bildungszentrum Bauhaus“. 1987 erfolgte die Zusammenfassung beider Institutionen zum Bauhaus Dessau. 1996 wurde es in das UNESCO-Weltkulturerbe aufgenommen und ist heute Sitz der Stiftung „Bauhaus“, die zwei Jahre zuvor gegründet wurde und unter anderem eine Akademie mit Masterstudiengang betreibt. Im selben Jahr wurde die alte DDR-Hochschule für „Architektur und Bauwesen“ Weimar in „Bauhaus-Universität“ umbenannt.

Angetreten, die Menschheit von Schnörkeln und Samtkissen zu befreien, die etwa der Jugendstil mit sich brachte, propagierte das Bauhaus eine ornamentlose, schlichte, an geometrischen Grundformen orientierte Gestaltung, um quasinostalgisch das Handwerk vor der Industrialisierung zu retten. Bauhaus-Produkte erscheinen noch heute als gestalterische Revolution: Die Form ordnet sich komplett der Funktionalität unter. Sofern diese Produkte noch in Lizenz hergestellt werden, tragen sie das 1922 von Oskar Schlemmer entworfene Bauhaussignet.

Bauhaustapete heute. Quelle: https://www.bauhaustapete.de/wp-content/uploads/gruppefull_03_c.jpg

Bauhaustapete heute. Quelle: https://www.bauhaustapete.de/wp-content/uploads/gruppefull_03_c.jpg

Viele davon sind sowohl in ihrer einfachen, ursprünglichen Form als auch in ihrer Weiterentwicklung bis heute aus vielen Haushalten nicht mehr wegzudenken, etwa der Freischwinger-Stuhl von Marcel Breuer, die Wagenfeld-Lampe oder die Bauhaustapete – der größte kommerzielle Erfolg des Bauhauses: allein zwischen 1929 und 1933 verkauften sich über sechs Millionen Rollen.

Dass der Verkündungstag des „Gesetzes über die Deutsche Bibliothek“ vor 50 Jahren auf den 10. Todestag des charismatischen Verlegers Peter Suhrkamp fiel, ist schon ein eigenartiger Zufall: Allein bis zum Jahre 2000 hatte die Suhrkamp-Gruppe bereits 12.711 Titel zur Bibliothek beigesteuert, die alle deutschen Bücher in zwei Exemplaren zu sammeln gesetzlich beauftragt ist und auch die Abgabe von Pflichtexemplaren wissenschaftlicher Arbeiten regelt. Suhrkamp war der erste deutsche Verleger, der am 8. Oktober 1945 von den britischen Militärbehörden wieder eine Verlagslizenz erhielt.

Dabei war sein Weg dahin alles andere als gradlinig. Am 28. März 1891 wird Johann Heinrich Suhrkamp in Kirchhatten, Oldenburg, als Sohn eines Bauern geboren. Bis ins 16. Jahrhundert lässt sich die Familie zurückverfolgen – Bauern und Handwerker meist, der Hof immer vererbt. Also wollte der Vater dem ältesten von vier Söhnen und zwei Töchtern auch den Hof vererben. Sohn Johann Heinrich sollte ordentlicher Bauer werden. Doch der eigensinnige Sprössling wollte unabhängig sein, träumte sich weit weg in eine andere Welt und war kein einfaches Kind: mit dem Vater zerstritten, der ihn nicht selten prügelte, mit der Mutter ein kaltes Verhältnis bis zum Ende des Lebens – sie, die er fast nie besuchte, überlebte ihn um 14 Tage.

Verlagslizenz. Quelle: https://suhrkamp-forschungskolleg.de/wp-content/uploads/dla-slider-verlagsgeschichte-ZAS-1945-Verlagslizenz-ZAS-D20110919-7-1-1600x1110.jpg

Verlagslizenz. Quelle: https://suhrkamp-forschungskolleg.de/wp-content/uploads/dla-slider-verlagsgeschichte-ZAS-1945-Verlagslizenz-ZAS-D20110919-7-1-1600x1110.jpg

Suhrkamp nennt sich Peter, flieht vom Hof, war Seminarist am Evangelischen Lehrerseminar Oldenburg und trat seine erste Stelle als Volksschullehrer 1911 in Augustfehn an. 1913 holt er sein Abitur nach und heiratet eine Lehrerkollegin. 1914 meldete er sich als Kriegsfreiwilliger und bekam für seine Verdienste als Stoßtruppführer das Eiserne Kreuz. Von einem kriegsbedingten Nervenzusammenbruch genesen, begann er dann Germanistik in Heidelberg, Frankfurt am Main und München zu studieren. Nebenbei arbeitete er als Lehrer an der Odenwaldschule und an der Freien Schulgemeinde Wickersdorf. 1918 geschieden, heiratet er 1919 erneut und wird Vater seines Sohnes.

Von 1921 bis 1925 war er als Dramaturg und Regisseur am Landestheater Darmstadt angestellt, lässt sich zum zweiten Mal scheiden und führt 1923/1924 mit einer Opernsängerin seine dritte Ehe. Von 1925 bis 1929 unterrichtet er erneut an der Freien Schulgemeinde Wickersdorf, gab dann den Lehrerberuf endgültig auf und übersiedelte nach Berlin, wo er als freier Mitarbeiter des Berliner Tageblatts und des Monatsmagazins Uhu begann. „Dann wollte ich Schriftsteller sein, zog mich zurück aufs Schreiben, stellte fest, dass ich nicht am Schreibtisch sitzen konnte, sondern, da ich aus dem praktischen Leben, aus einer Bauernfamilie heraus kam, praktisch anfassen musste.“

„ein schöpferisches und erzieherisches Wirkenwollen“

1932 wurde er als Herausgeber der Zeitschrift Die Neue Rundschau Mitarbeiter des S. Fischer Verlags und stieg bereits ein Jahr später in den Vorstand auf. Im Jahr darauf starb Verlagschef Samuel Fischer, sein Schwiegersohn und Erbe Gottfried Bermann Fischer stimmt unter dem Druck der Nazis einer Teilung des Verlages zu: Er selbst verlegt künftig im Wiener Exil, Suhrkamp kaufte den nicht transferierten Teil: „Ich glaube, dass es eine Begabung bei mir gibt, die Begabung, das, was auf Blättern geschrieben da ist, auf einem ganzen Konvolut von Blättern, in eine plastische Gestalt zu übersetzen, in die Buchgestalt.“ 1935 heiratete er seine vierte Frau Annemarie „Mirl“ Seidel, die später als Lektorin im Verlag arbeitete.

Suhrkamp und Mirl. Quelle: https://media-cdn.sueddeutsche.de/image/sz.1.2924189/1200x675/geschichte-ehe.jpg?v=1519178333

Suhrkamp und Mirl. Quelle: https://media-cdn.sueddeutsche.de/image/sz.1.2924189/1200x675/geschichte-ehe.jpg?v=1519178333

1942 wurde das Unternehmen auf Druck der Nationalsozialisten in Suhrkamp Verlag umbenannt, womit der Name des jüdischen Gründers verschwunden war. Im Umgang mit dem Regime zeigt sich Peter Suhrkamp ebenso bauernschlau wie unbeirrbar: „geistiger Abstand zum Nationalsozialismus und praktische Nähe zu seinen Organen gehen ständig miteinander einher“, so Biograph Wolfgang Schopf in der Süddeutschen. Aufgrund eines Lockspitzels allerdings, der ihm anbietet, Verbindungen zum Widerstand herzustellen, wird er im April 1944 verhaftet, wegen Hoch- und Landesverrats angeklagt und ins KZ Sachsenhausen gebracht. Zehn Monate Lagerhaft schädigen seine Gesundheit nachhaltig und haben ihn wohl traumatisiert.

Freunde berichten, dass er sich seitdem zwischen Zweifeln am Tun, Einsamkeit, Menschenscheu und Todesnähe auf der einen, Lebensbejahung, Genuss und Lust an Begegnungen auf der anderen Seite bewege. Hermann Hesse war der Ansicht, von den beiden „Lebenstemperaturen“ habe am Ende „die passive und resignierende die Oberhand gewonnen“. Die Briefe an Mirl aus der Haft künden aber auch von der anderen Seite: vom Pol „einer kühnen Aktivität, eines schöpferischen und erzieherischen Wirkenwollens“.

Verschiedene Persönlichkeiten hatten sich für seine Freilassung eingesetzt, darunter Arno Breker bei Albert Speer, Gerhart Hauptmann bei Baldur von Schirach und Hans Carossa bei Ernst Kaltenbrunner. Nach Kriegsende kooperiert er zunächst mit Gottfried Bermann Fischer, doch statt der geplanten Fusion kommt es zum Bruch und zur Neugründung des S. Fischer Verlags in Frankfurt. Die Vorgänge – und Akten dazu – sind bis heute umstritten. Ingo Langer behauptet im Cicero, dass sich Suhrkamp den Verlag von Bermann Fischer mit einem falschen Testament ergaunert habe.

Hermann Hesse schreibt dagegen in einem Brief an seinen Jugendfreund Otto Hartmann, dass Suhrkamp das „Martyrium in den Gefängnissen und Konzentrationslagern“, die Verhöre und Folterungen, die ewigen Transporte und Hinrichtungen „für die Rettung des Verlages S. Fischer aus den Händen der Partei, den Erben Fischers zulieb“ erlitten habe, „die jetzt aus Amerika zurück kamen und ihren Verlag wieder an sich genommen haben, während Suhrkamp auf der Straße steht und von vorn anfangen muss.“

Peter Suhrkamp. Quelle: https://www.oldenburger-onlinezeitung.de/wp-content/uploads/2016/09/peter-suhrkamp.jpg

Peter Suhrkamp. Quelle: https://www.oldenburger-onlinezeitung.de/wp-content/uploads/2016/09/peter-suhrkamp.jpg

Vor allem er bestärkte Peter in seiner Verlagsgründung. Suhrkamp und Bermann Fischer einigten sich schließlich außergerichtlich: Suhrkamp durfte diejenigen der während des Krieges von ihm betreuten Autoren behalten, die sich entschlossen, ihm die Rechte an ihren Werken zu geben. Von den 48 Autoren entschieden sich 33 für eine Zusammenarbeit mit ihm, darunter neben Hesse auch Bertolt Brecht, Max Frisch und George Bernhard Shaw. Als Suhrkamp seinen eigenen Verlag ins Frankfurter Handelsregister eintragen lässt, ist er 59 Jahre alt, schwer krank, aber immer noch respekteinflößend.

„ernsthaft, gescheit, freundlich“

Einer seiner ersten Lehrlinge, Klaus Wagenbach, erinnert sich im DLF: „Wir hatten den alten Suhrkamp erlebt, und das war ein äußerst eindrucksvoller Mann. Er war ganz mager, er hatte eine KZ-Einbuchtung mühsam überlebt. Sehr deutsch, sehr protestantisch, er war so was von norddeutsch, es ging einem ein bisschen auf die Nerven. Aber ganz ernsthaft, gescheit, freundlich. Er war ein guter Pädagoge, will ich damit sagen.“ Damals beginnt, was später als „Suhrkamp-Kultur“ in die deutsche Literaturgeschichte eingehen sollte: der Einfluss der Literatur und ihrer Autoren auf das öffentliche Leben im Nachkriegsdeutschland. Bereits 1951 wurde die erste Reihe des Hauses ins Leben gerufen, die Bibliothek Suhrkamp, in der bis heute „Klassiker der Moderne“ erscheinen.

Der Verlag publizierte von Beginn an deutschsprachige und internationale Literatur des 20. Jahrhunderts sowie geisteswissenschaftliche Texte , die theoretisch und ästhetisch die „conditio humana“ repräsentieren. Dabei ging es Suhrkamp immer darum, den Autor an sich und nicht die einzelnen Bücher zu fördern. Zahlreiche nationale und internationale Auszeichnungen, darunter viele Nobelpreise, für die von Suhrkamp unterstützten Schriftsteller zeugen von der Richtigkeit seiner Entscheidungen: „Sie alle kennen Menschen, die ständig verliebt sind. Auch wenn sie im Moment gar keine Geliebte haben. Dann warten sie auf einen Gegenstand für ihre Liebe. So sind die echten Verleger: ständig in die Literatur Verliebte und auf der Suche nach einem Gegenstand für ihre Liebe.“

Suhrkamp und Unseld. Quelle: https://www.fr.de/bilder/2011/01/16/11432390/938649906-775845-Sa7.jpg

Suhrkamp und Unseld. Quelle: https://www.fr.de/bilder/2011/01/16/11432390/938649906-775845-Sa7.jpg

Mit dem 1951 gegründeten Theaterverlag trifft Peter Suhrkamp dann eine profitable Entscheidung. Es beginnt das Geschäft mit den Lizenzen. Diese kaufmännische Ader ist in den Augen des Literaturkritikers Marcel Reich-Ranicki das große Plus von Peter Suhrkamp: „Er ist ein Mann der Literatur, ein leidenschaftlicher Literaturfreund, Literaturkenner, Literaturförderer. Und er ist gleichzeitig ein vorzüglicher Kaufmann, Geschäftsmann. Das ist unerhört wichtig“, sagte er dem DLF. Im selben Jahr erhielt der Verleger die Ehrendoktorwürde der Philosophischen Fakultät der Johann Wolfgang Goethe-Universität in Frankfurt.

1953 verkaufte das Ehepaar Suhrkamp ein Anwesen in Kampen auf Sylt, das Mirl aus einer früheren Ehe mitbrachte, für 45.000 DM an Axel und Rosemarie Springer. Vom Verkaufserlös finanzierte Suhrkamp den Erwerb der deutschen Rechte am Werk Marcel Prousts. Ein ähnlicher literarischer Idealismus ist von keinem anderen deutschen Verleger überliefert. 1956 erhält Suhrkamp das Bundesverdienstkreuz. 1957 machte er Siegfried Unseld, der fünf Jahre zuvor auf Hermann Hesses Vermittlung als Assistent in den Verlag eingetreten war, zum persönlich haftenden Gesellschafter und veröffentlicht mit „Munderloh“ einen eigenen Band mit fünf Erzählungen. Von Krankheiten und Sanatorienaufenthalten gepiesackt, leitet er den Verlag oft vom Krankenbett.

Am 31. März 1959 stirbt er 68jährig im Universitätsklinikum Frankfurt am Main – nur 48 Stunden vor seinem Scheidungstermin mit Annemarie, die, schwer alkoholkrank, ihren Mann nur um Tage überleben sollte. Er wird auf Sylt begraben und hinterlässt seinem Nachfolger Unseld ein gut bestelltes Haus, dem der sich auch bis zu seinem Tod 2002 mehr als würdig erwies. Doch unter dessen Witwe Ulla Unseld-Berkéwicz begann der Niedergang der Verlagsmarke „Suhrkamp“. Autoren wie Martin Walser, Marcel Reich-Ranicki oder der Schweizer Adolf Muschg kündigten öffentlich die teilweise jahrzehntelange Zusammenarbeit auf. Auch verdienstvolle Lektoren wie Mechthild Strausfeld, die u.a. Julio Cortázar, Mario Vargas Llosa oder Isabel Allende betreute, verließen den Verlag, der 2010 nach Berlin umgezogen war.

Suhrkamp-Abriss. Quelle: https://media1.faz.net/ppmedia/aktuell/feuilleton/740201790/1.644117/format_top1_breit/der-toedliche-baggerbiss-ist.jpg

Suhrkamp-Abriss. Quelle: https://media1.faz.net/ppmedia/aktuell/feuilleton/740201790/1.644117/format_top1_breit/der-toedliche-baggerbiss-ist.jpg

Verlagshistorischer Höhepunkt der vielfachen Querelen: der Abriss des Suhrkamp-Hauses in Frankfurt 2011. Medienökonomischer Höhepunkt: ein Insolvenzverfahren 2013 und die Umwandlung des Verlags in eine Aktiengesellschaft 2015. Kulturpolitischer Höhepunkt: die Distanzierung des Verlags von seinen eigenen Autoren Sibylle Lewitscharoff nach ihrer „Dresdner Rede“ 2014 und Uwe Tellkamp nach seinem „Dresdner Dialog“ mit Durs Grünbein 2018. Suhrkamps Hermann Hesse gewidmete „Erzählung des Lehrers“ enthält den Satz „Denn Mitleid ist zu nichts gut und kann nur den Lebensmut schwächen“.  Ein Glück, dass er tot ist und das Desaster nicht mehr erleben muss.

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