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Herzlich willkommen!

Als Dozent informiere ich Sie auf meiner Webpräsenz über meine Aktivitäten rings um die hochschulische Ausbildung angehender Medienmacher.

Als Mensch lasse ich Sie gern an meinen freizeitlichen Aktivitäten teilhaben, zu denen nicht zuletzt Kochen gehört 😉

Als Bildungsbürger kommentiere/rezensiere ich außerdem vielerlei kulturelle Phänomene – vom Roman über den Musikergeburtstag bis zum Regisseurstod.

Und als (Ex-)Journalist blogge ich daneben unregelmäßig Betrachtungen zu Interessantem und Wissenswertem nicht nur aus der Welt der Medien.

Warum gerade Betrachtungen?

Ich empfinde dieses Genre – eine Meinungsdarstellungsform übrigens – als eins der zeitgemäßen schlechthin.

Eine Betrachtung soll durch Beschreibungen und Schilderungen, Vergleiche und Annäherungen bis hin zur Analyse einem Ereignis, einer Situation, einem Gegenstand oder auch einem (gesellschafts-) politischen Problem Individualität verleihen: Recherche darf in gewissem Maße substitutiert werden durch Subjektivität.

Die Betrachtung ist durchaus mit derselben eines Kunstwerks in einer Ausstellung vergleichbar: man wählt zunächst die Gesamtschau und wechselt dann zu einzelnen Aspekten.

Dabei ist dem Genre eigen, dass die Prioritäten dieser Aspekte oft im Vagen bleiben: aus der Betrachtung erwächst ein Gedanke, der das formale Ziel darstellt.

Der Gegenstand darf dabei Randerscheinung eines größeren Zusammenhangs bleiben: „die Bedeutung des Unbeachteten birgt den Kern ihrer Aussage“ (Degen 2004).

Viel Spass beim Lesen – und natürlich beim Kommentieren!

Gesegnet mit einem reichen genetischen Erbe kam er zur Welt: sein Großvater Thomas Henry Huxley, genannt „Bulldogge Darwins“, hatte seinen Landsleuten die revolutionären Theorien seines scheuen Freundes Charles über die „Entstehung der Arten durch natürliche Zuchtwahl“ so lange eingepaukt, bis auch der erste Herzog und der letzte Fabrikarbeiter im Affen ihren Urvater erkannten. Sein Bruder Julian, ein bedeutender Zoologe, sollte erster Generaldirektor der Unesco werden. Und sein Halbbruder Andrew, ein Physiologe, holte sich 1963 den Nobelpreis.

Und gesegnet mit einem bewusstseinserweiternden Trip verließ er die Welt wieder: seine Frau verabreichte dem Krebskranken im Endstadium auf seinen Wunsch hin LSD. Dazwischen publizierte er „im Glanz seines Witzes, seines eleganten Stils, seiner enzyklopädischen Gelehrsamkeit“ (SPIEGEL) ein Dutzend Romane, dazu Erzählungen, Reiseimpressionen, Biographien, Theaterstücke und Drehbücher sowie ein enormes essayistisches Werk von kunterbunter Thematik kreuz und quer durch die abendländische Kulturgeschichte. Am 26. Juli würde Aldous Huxley 125 Jahre alt.

„wie ein Dummkopf sich einen Klugen vorstellt“

Geboren als Sohn des Schriftstellers Leonard Huxley und dessen erster Frau Julia, soll sein Baby-Kopf so groß und gewichtig gewesen sein, dass er erst im Alter von zwei Jahren laufen konnte. Er besuchte die Hillside School in Malvern (Worcestershire), wurde aber auch von seiner eigenen Mutter unterrichtet, bis sie schwer erkrankte und 1908 starb. Er wechselte ans noble Eton College. 1911 litt er an einer Augenkrankheit und war danach drei Jahre lang fast blind. „Ogie“, das „Ungeheuer“, nannten seine Freunde den 1,93 Meter dürren Schüler mit der dicken Brille und dem beißenden Witz.

Huxley als Kind. Quelle: https://triviahappy.com/images/articles/05222014kidhuxleyfull.jpg

Von 1913 bis 1916 studierte er Literatur in Oxford, schloss mit der Bestnote ab und machte das Schreiben zu seinem Beruf: Sein erstes Buch „The Burning Wheel“ erschien bereits 1916. Ein Jahr lang unterrichtete er auch Französisch am Eton College, wo George Orwell zu seinen Schülern zählte. Als Lehrer sei er zwar unfähig gewesen, für Ordnung im Unterricht zu sorgen, aber wegen seiner brillanten sprachlichen Fähigkeiten bewundert worden.

1919 heiratete er die Belgierin Maria Nys, wurde 1920 Vater eines Sohnes und arbeitete als Journalist und Kunstkritiker. In den 1920er Jahren hielt er sich mit Frau und Sohn öfter in Südeuropa, zumal in Italien auf und besuchte dort seinen Freund D. H. Lawrence, für den Maria die zweite Hälfte der „Lady Chatterley“ ins Reine tippte. Währenddessen verhöhnte ihr Ehemann die Liebe als puren Sex, den wiederum als der Menschheit ekligste Seuche und karikierte seine Zeitgenossen als hässliche Parasiten, so in den Romanen „Crome“ (1921), „Parallelen der Liebe“ (1925) und „Kontrapunkt des Lebens“ (1928). Der „große Mahatma aller Misanthropen“ in einer gottverlassenen Nachkriegsgesellschaft wurde er genannt, heimgesucht von den Kollektivpsychosen der modernen Zivilisation.

Für den hemdsärmeligen Vollbluterzähler Ernest Hemingway war das bloß „intellektuelles Gegrübel“, „künstlich konstruierten Charakteren in den Mund gelegt“. Romangestalten, erklärte Huxley dagegen, seien für ihn „nichts als Marionetten mit Stimmen, um Ideen und die Parodie von Ideen zu äußern“. Was er erstrebe, sei die „vollkommene Verschmelzung von Roman und Essay“, so der lange, dünne Ästhet und pure Intellektuelle, der zwar eine „wandelnde Enzyklopädie“ (Bertrand Russel), in allen praktischen Dingen jedoch hoffnungslos unbeholfen gewesen sei. Huxley, bemerkte ein boshafter Kollege, sei „dieser Pedant, der lüstern der Paarung von Krebsen zusieht, ohne je fähig zu sein, einen zu fangen oder gar zu kochen“. Aldous, lobte die Literatin Elizabeth Bowen bissig, war genau so, „wie ein Dummkopf sich einen Klugen vorstellt“.

1932 folgte dann der Roman, der ihn berühmt machte, zu den einflussreichsten Romanen des 20. Jahrhunderts zählt und neben Orwells „1984“ als Musterbeispiel einer totalitären Diktatur in der Literatur gilt: „Schöne Neue Welt“, deren Menschenkinder genormt aus Retorten schlüpfen und ihr Dasein in glücklichem Schwachsinn verbringen, drogenselig kopulierend bis zum milden Ende durch Euthanasie. Der Text inspirierte Autoren aller Generationen zu eigenen Zukunftsvisionen und ist in einigen deutschen Ländern im Fach Englisch bis heute eine abiturrelevante Lektüre. 1998 wählte ihn die Modern Library auf Rang 5 der 100 besten englischsprachigen Romane des 20. Jahrhunderts, in ähnlichen Listen der BBC und des Observer taucht er auch weit vorn auf.

„Klassiker der neuzeitlichen Zivilisationsmiesepeterei“

Die Geschichte ist in der Zukunft des Jahres 2540 angesiedelt, das nach der Zeitrechnung in der neuen Welt 632 nach Ford heißt. Statt Christi Geburt ist 1908 das Maß der Zeit, als mit Einführung der Fließbandarbeit der erste Ford T in Detroit vom Band rollte – und so ersetzt auch in der Symbolik des totalitären Staates der schönen neuen Welt ein T das christliche Kreuz. Dieser Weltstaat mit dem Wahlspruch „Gemeinschaftlichkeit, Einheitlichkeit, Beständigkeit“ wird von zehn Controllern gelenkt. Nach einem neunjährigen Krieg wurden Kunst, Wissenschaft und Religion abgeschafft. Kinder werden nicht mehr von Eltern gezeugt, sondern – planwirtschaftlich organisiert – künstlich hergestellt.

Szenenbild der Verfilmung 1980. Quelle: https://flickfeast.co.uk/wp-content/uploads/2011/11/BraveNewWorld.jpg

So entsteht eine Kasten-Gesellschaft, in der Menschen als Alpha- (in der obersten Schicht) bis Epsilon-Wesen (in der untersten Schicht) kategorisiert und im Labor mit mehr oder weniger Fähigkeiten ausgestattet werden: Zuerst als Embryonen manipuliert, als Babys konditioniert und je nach Kaste dann in ihren Bedürfnissen befriedigt, sodass Unzufriedenheit nicht aufkommen kann und sie so auch ihre Situation nicht infrage stellen. Grenzenloser Konsum und Geschlechtsverkehr mit häufig wechselnden Partnern ohne tiefe Beziehungen sollen für Ruhe und Stabilität im System sorgen. Dabei hilft auch die Droge Soma, die, sobald jemand von Situationen, die von der Norm abweichen, irritiert wird, beruhigt, ausgleicht und glücklich macht. Ein konsumistischer Kommunismus ist entstanden: Bildung wird auf pragmatische, für die Gemeinschaft nützliche Wissensvermittlung reduziert, „Geschichte ist Mumpitz“ (Henry Ford) und findet nicht mehr statt, Kulthandlungen ersetzen Religion.

Die eigentlich als Satire gedachte Utopie vom allmächtigen Wohlfahrtsstaat, dem ein Shakespeare-Zitat aus dem „Sturm“ den Titel gab („O schöne neue Welt, die solche Bürger trägt!“) lässt jedes Lachen im Halse steckenbleiben. Nach Ansicht der FAZ handele sich dagegen „bei diesem Klassiker der neuzeitlichen Zivilisationsmiesepeterei um eine Sorte Satire, wie sie schwerfälliger auch der Arbeitskreis Weihnachts-Laientheater der katholischen Landjugend von Nieder-Dossenbach nicht zuwege gebracht hätte.“ Der Roman wurde bis heute nicht als Kinofilm realisiert, liegt aber in mehreren Hörspieladaptionen und Dramatisierungen vor, die gern in Sachsen aufgeführt werden (!), und war Titelsong des 12. Albums der britischen Heavy-Metal-Band Iron Maiden.

Während sich Europas Himmel verdüsterte und in Spanien der Bürgerkrieg losbrach, träumte der Pazifist Huxley vom „Einssein der Menschheit“ und hielt auf Versammlungen Plädoyers für den Weltfrieden: der Mensch sei „kein kämpfendes Tier“. 1937 emigrierte dieser „kühle, leicht antiseptisch wirkende, aber humane und sanfte Mann“ (Virginia Woolf) mit Frau und Sohn nach Amerika und suchte in Kalifornien sein Heil auf den Wegen der Erleuchtung. Er versenkte sich in die Mystik des Ostens, fand geistigen Zuspruch in den Meditationszirkeln der Ramakrischna-Jünger von Hollywood und lebte dann fünf Jahre lang auf seiner Ranch am Rand der Mojave-Wüste im Angesicht der Unendlichkeit.

„gewissenloser ästhetischer Selbstgenuss“

In dieser Zeit lassen sich in seiner Publizistik zwei Themenkreise feststellen. Der eine überspitzt seinen Wandel vom philosophierenden Humanisten zum spirituellen Mystiker: Huxley spürte einem höheren, transzendentalen Bewusstseinszustand nach, den er im Meskalin- und LSD-Rausch zu erlangen suchte. Denn: „Nur durch die Verwandlung des individuellen Charakters kann Gottes Natur und Wille wirklich begriffen werden, kann es eine dauerhafte Verwandlung der Zivilisation oder Menschheit geben.“ Resultat war 1954 „Die Pforten der Wahrnehmung“, oft zusammen veröffentlicht mit dem Nachfolgeband „Himmel und Hölle“ 1956 – dem Jahr, in dem seine Frau Maria starb.

Huxley mit Maria und Sohn Matthew. Quelle: https://www.telegraph.co.uk/content/dam/books/2018/10/19/TELEMMGLPICT000002042183_trans_NvBQzQNjv4BqqVzuuqpFlyLIwiB6NTmJwXwRjMFsEP0HSgpvSawxCy8.jpeg?imwidth=480

Darin beschreibt er nachgerade enthusiastisch die nach Selbstversuchen wahrgenommenen Auswirkungen des Psychedelikums Meskalin, das völlig unschädlich sei, keinerlei Katzenjammer hinterlasse und keine gefährlichen, enthemmenden Auswirkungen wie etwa Alkohol habe. „Christentum und Alkohol passen nicht zueinander und können es auch nicht. Christentum und Mescalin scheinen sich besser zu vertragen“, lautet sein verblüffendes Fazit. Das Mescalin-Erlebnis dürfte zu dem gehören, was katholische Theologen eine „wirksame Gnade“ nennen. Huxley definiert sie – im Widerspruch zu theologischer Lehre – als „nicht erforderlich für die Erlangung des Seelenheils, aber möglicherweise eine wertvolle Hilfe und dankbar anzunehmen, wenn sie geboten wird.“

Die Eloge auf die bewusstseinserweiternde Wirkung des im Übrigen „völlig unschädlichen“ Stoffes, von den Blumenkindern der späten sechziger Jahre zum Evangelium erhoben, trug ihm wilde Proteste ein. Für Thomas Mann, der einst die Kunst des Kollegen als „eine feinste Blüte westeuropäischen Geistes“ bewundert hatte, zeugte sie einzig und allein von „gewissenlosem ästhetischem Selbstgenuss“. Das Buch inspirierte den Harvard-Psychologen Timothy Leary und den „Doors“-Chef  Jim Morrison. 1957 heiratete er seine zweite Frau Laura, eine italienische Geigerin und Psychotherapeutin.

Der andere Themenkreis gab seinem Skeptizismus, Existentialismus und Moralismus Ausdruck, so 1956 in der Novelle „Das Genie und die Göttin“ über einen Physik-Nobelpreisträger mit infantilem Gemüt und phänomenalem Superhirn und dessen Frau, einer gewaltigen, blonde Schönheit vom Typ einer germanischen Heroine. Der puritanisch erzogene, ahnungslose Assistent des Physikers, der die Geschichte im Alter erzählt, kommt in die paradoxe Lage, dass er das Leben des Professors nur retten kann, indem er ihn mit seiner Frau betrügt. Huxley, mit dem Vokabular und den interessantesten Ergebnissen der modernen Naturwissenschaften wohl vertraut, berichtet den erstaunlichen Vorfall mit beträchtlichem psychologischem Witz und vielen beiläufigen, bissig-zutreffenden Bemerkungen über den Zeitgeist.

Heroen des Geistes: Von links nach rechts Gerald Heard, Christopher Isherwood, Julian Huxley, Aldous Huxley, Linus Pauling. Quelle: https://juttagruber.de/media/story_section_text/580/attachment-1519052820.pdf

In „Dreißig Jahre danach“ beleuchtet Huxley 1958 die Fortschritte seit „Brave New World“ in Richtung dieses Szenarios und erläutert die Bedingungen, die der Entstehung einer wissenschaftlichen Diktatur förderlich seien, darunter Überbevölkerung, Überorganisierung sowie Propaganda und Gehirnwäsche. Daneben kritisiert er die Tendenz zur Verflachung der politischen Meinungsbildung in den USA und warnt er vor einer Gesellschaft, in der die Wahrheit in einem Meer von Belanglosigkeit untergeht, ja warnt vor jenen, die uns täglich mit einem Wust von Einzelinformationen vollstopfen. Die Folgen solcher Völlereien seien gravierend, sie beseitigen die Demokratie und ließen eine Scheinwelt entstehen, weil die Menschen Informationen nur als Bruchstücke wahrnehmen.

„durch unseren Wunsch, glücklich zu sein“

1960 diagnostizierten die Ärzte bei ihm einen Zungentumor. Von einer Operation, die sein Sprechvermögen lädiert hätte, wollte Huxley nichts wissen, entschied sich für eine Strahlenbehandlung und nahm, unablässig schreibend, seine Arbeit wieder auf. So setzte er sich mehrfach mit Charles Percy Snows Klage über die Existenz zweier Kulturen auseinander, die sich nicht nur verständnislos, sondern sogar feindlich gegenüberstehen, zwischen denen es so gut wie keine Kommunikationsmöglichkeiten mehr gibt: die traditionelle humanistische Kultur – und die neue naturwissenschaftliche.

Huxley deutet die These um in das Phänomen zweier Sprachen: Die normale, für ihn unbrauchbare Alltagssprache wolle der Dichter zu einem Ausdrucksmittel von möglichst großer Vieldeutigkeit und Beschwörungskraft läutern – während der Wissenschaftler aus der für ihn nicht weniger unbrauchbaren Normalsprache sich ein Instrument der größtmöglichen Eindeutigkeit und Präzision zu schaffen sucht. Die Verfeinerung in beiden Richtungen sei nun so weit fortgeschritten, dass sozusagen Übersetzungen aus der einen Sprache in die andere nicht mehr möglich schienen.

1961 brannte sein Haus in Kalifornien mit seiner Bibliothek und allen Manuskripten nieder. „Für mich“, sagte Huxley, „war es ein Zeichen, dass der grimmige Schnitter mich ins Auge fasste.“ Doch der Stoff seines Lebens ließ den Sozial-Utopisten bis zum Ende seines Lebens nicht los: in seinem letzten Buch „Eiland“ (1962) lieferte er ein philanthropisches Gegenstück zur zynisch-pessimistischen Dystopie von 1932. Das Gemeinwesen Pala ist das Ergebnis eines Experiments, begonnen vor mehr als hundert Jahren von zwei Männern: Dem erst kalvinistischen, später atheistischen schottischen Arzt MacPhail und dem Inselfürsten Murugan. Diese Auslese – vom Westen wurden Elektrizität, Medizin und Biologie übernommen, der Osten steuerte buddhistische Religiosität und erotische Tradition bei – erwies sich nicht zuletzt wiederum durch eine Droge namens „Moksha“ als segensreich, berichtet ein zeitreisender Journalist.

Huxley im Alter. Quelle: https://p5.focus.de/img/fotos/origs3421271/7028516231-w630-h472-o-q75-p5/urn-newsml-dpa-com-20090101-131121-99-02335-large-4-3.jpg

Volkes Stimme gibt er so wieder: „Wir haben kein Bedürfnis nach euren Rennbooten oder eurem Fernsehen. Noch weniger nach euren Kriegen und Revolutionen, euren Renaissancen, euren politischen Schlagworten, eurem metaphysischen Unsinn aus Rom und Moskau“. Und: „Wir produzieren und importieren nur das, was wir uns leisten können. Und dieses Leistungsvermögen wird nicht nur begrenzt durch unseren Vorrat an Pfunden und Mark und Dollars, sondern auch … durch unseren Wunsch, glücklich zu sein, unseren Ehrgeiz, ganz und gar menschlich zu werden.“ Entstanden ist weniger ein Roman als eine Folge dramatisierter, oft langweiliger Essays über Gesetzesreformen, künstliche Befruchtung und Promiskuität wie auch über Erziehungs- und Industrialisierungsprobleme. Im Folgejahr hatte sich der Krebs überall in seinem Organismus eingenistet. Am 22. November 1963 schob er, unfähig zu sprechen, seiner Frau einen Zettel zu: „Versuch es mit 100 Mikrogramm LSD intramuskulär.“ Von dem Trip kehrte er nicht mehr zurück. Es war derselbe Tag, an dem John F. Kennedy den Schüssen von Dallas zum Opfer fiel. Die Welt nahm die Nachricht vom Tod des Schriftstellers daher kaum zur Kenntnis. Bleiben werden nicht nur seine Romane und Essays, sondern auch seine kurzen Spitzen: „Wer so tut, als bringe er die Menschen zum Nachdenken, den lieben sie. Wer sie wirklich zum Nachdenken bringt, den hassen sie“, lautet eine, die nach wie vor sehr wahr ist.

Zugegeben: das Reiseziel war nicht unbedingt attraktiv. Keine Atmosphäre, kein Sauerstoff, dafür viele Krater, noch mehr Staub, dazu Temperaturschwankungen zwischen + 130 °C tags und −160 °C nachts. Unüblich war dazu, dass die Ankunft der gerade drei Reisenden von fast 600 Millionen Menschen live bestaunt und bejubelt wurde. Und zu allem Überfluss mussten sich die Astrotouristen nach ihrer Rückkunft aus Furcht vor unbekannten Mikroorganismen in eine Quarantäne von siebzehn Tagen begeben – doppelt so lang, wie die Reise dauerte. Doch das war allen Beteiligten egal: vor 50 Jahren, am 20. Juli 1969, glückten mit dem Raumschiff Apollo 11 die erste Landung von Menschen auf dem Mond und ihr erster Spaziergang auf dem Erdtrabanten.

Die Mission erfüllte die Aufgabe, die Präsident John F. Kennedy 1961 der Nation erteilt hatte: Noch vor Ende des Jahrzehnts einen Menschen zum Mond und wieder sicher zurück zur Erde zu bringen. Das war nicht nur eine ingenieurtechnische Meisterleistung, die den Menschen aus seinem bisherigen Lebensraum heraus in völlig neue Dimensionen brachte, sondern auch ein politischer Erfolg – in der heißen Phase des Kalten Krieges war die Beherrschung des Weltraums Teil des Wettrüstens und im Kampf der Systeme ein wichtiger Eintrag ins kollektive Gedächtnis der Menschheit: Für kurze Zeit wehte auf dem Mond das amerikanische Banner, gehisst vor weltweitem Publikum.

Die Planungen dazu hatten vier Jahre zuvor begonnen. Im Januar 1969 wurde die Besatzung vorgestellt: Kommandant Neil Armstrong und Pilot Edwin „Buzz“ Aldrin im Landemodul „Eagle“, komplettiert von Michael Collins, der im Kommandomodul zurückbleiben sollte. Armstrong war ein Kampf- und späterer Testpilot der Navy, der seinen Flugschein vor der Fahrerlaubnis machte, Aldrin und Collins Kampfpiloten der Air Force. Alle waren 39 Jahre alt und bereits einmal mit Gemini-Schiffen im Weltraum gewesen. Zum Zeitpunkt ihrer Auswahl war die Mannschaft noch nicht davon überzeugt, die erste bemannte Mondlandung zu absolvieren: Die Mondlandefähre war bis dahin noch nicht bemannt im Weltraum getestet worden. Als Trägerrakete sollte eine 2940 Tonnen schwere, 110 Meter hohe Saturn V fungieren; entworfen unter der Leitung der beiden deutschen Ingenieure Wernher von Braun und Arthur Rudolph. Die Vorbereitungen verliefen ohne jeden Zwischenfall.

Die Crew der Apollo 11: Neil Armstrong, Michael Collins und Edwin E. Aldrin. Quelle: https://img.zeit.de/wissen/2012-08/bg-mondlandung-bilder/33534144-540×304.jpg

Apollo 11 startete am 16. Juli 1969 um 13.32 Uhr Weltzeit von Cape Canaveral in Florida und erreichte zwölf Minuten später planmäßig die Erdumlaufbahn. Nach anderthalb Erdumkreisungen wurde die dritte Raketenstufe für sechs Minuten erneut gezündet und das Raumschiff damit auf Mondkurs gebracht. Anschließend wurde das Schiff am 19. Juli 1969 um 17:22 Uhr durch ein Bremsmanöver über der Rückseite des Mondes in eine Mondumlaufbahn eingeschwenkt. Der gesamte Hinflug zum rund 384.403 Kilometer entfernten Mond dauerte 76 Stunden und verlief ebenfalls reibungslos.

„ein großer Sprung für die Menschheit“

Wegen geringer unbeabsichtigter Abweichungen beim Abkoppeln der Landefähre zielte der Bordcomputer auf eine Stelle knapp fünf  Kilometer hinter einem geplanten Landegebiet im Meer der Ruhe. Die Monate zuvor erfolgte Auswahl des Landeplatzes war eine Wissenschaft für sich, die Sicherheit der Astronauten dabei oberstes Gebot. So mussten Landung und Rückstart bei direkter Sonneneinstrahlung und optimalen Sichtverhältnissen erfolgen. Um Treibstoff zu sparen, war der Landeplatz zudem auf Gebiete in der Nähe des Mondäquators beschränkt und sollte weder von Kratern noch größeren Gesteinsbrocken behindert werden. Am Ende blieben fünf Landegebiete übrig.

Als der Autopilot beim Endanflug die Fähre auf ein Geröllfeld neben einem Krater zuführte, schaltete Armstrong auf Handsteuerung, überflog den Krater und landete auf einer ebenen Stelle ca. 500 m weiter westlich. Die zusätzlichen Manöver sollen das ohnehin knapp kalkulierte Treibstoffbudget so strapaziert haben, dass die Astronauten nur noch etwa 20 Sekunden Zeit gehabt hätten, entweder zu landen oder den Anflug abzubrechen. Spätere Analysen zeigten aber, dass der Treibstoff in den Tanks hin und her schwappte, was zu ungenauen Anzeigen geführt hatte: Die Reserve war höher. 20.17 Uhr vermeldete Armstrong: „The Eagle has landed!“ („Der Adler ist gelandet!“). Die BBC unterlegte die Live-Bilder der Landung übrigens mit David Bowies „Space Oddity“, obwohl der Song von einem hilflosen Astronauten handelt.

Sofort danach trafen die Astronauten Vorbereitungen für den Rückflug, der alle zwei Stunden erfolgen konnte, fotografierten die Mondoberfläche aus ihren Fenstern – und hatten mit minütlich steigender Aufregung zu tun. Sie schlugen prompt vor, die ursprünglich geplante Ruhepause von knapp sechs Stunden auf 45 Minuten zu verkürzen und den Ausstieg vorzuziehen. Houston hatte nichts dagegen. Die Vorbereitungen hierzu dauerten etwa drei Stunden. Am 21. Juli 1969 um 02.56 Uhr betrat dann Armstrong, von je einer Außen- und Innenkamera gefilmt, als erster Mensch den Mond und sprach die berühmten Worte: „That’s one small step for ‹a› man, one giant leap for mankind!“ („Das ist ein kleiner Schritt für einen Menschen, aber ein großer Sprung für die Menschheit!“).

Armstrong auf dem Mond. Quelle: https://www.fr.de/bilder/2019/04/03/12102680/1209885679-21472310108_300c01d139_k-MpMeSMwH9a7.jpg

Um den kleinen Satz mit großer intellektueller Tragweite, der zu den weltweit berühmtesten Worten gehört, die je ein Mensch gesprochen hat, ranken sich bis heute zwei Gerüchte. Zum einen rätselte die Welt, noch bevor Armstrong wieder gelandet war, wer diese Worte wohl wann getextet habe. Dean Armstrong erzählte nach dem Tod seines Bruders, Neil habe ihm Monate vor dem Start bei einem Spieleabend einen Zettel rübergeschoben, auf dem die Worte standen, und gefragt, was er davon halte, wenn er dies bei seinem Abstieg zum Mond der Welt mitteilen würde. „Fantastisch“, habe er geantwortet.

Biografen bezweifeln das, lautete doch Neils öffentlich geäußerte Lesart stets, er habe sich die Worte in den Stunden zwischen Landung und Ausstieg ausgedacht. Andere gingen davon aus, dass der Spruch aus dem Brain Trust der Nasa stammt, wieder andere meinten, auch die Nasa habe sich so etwas nicht zugetraut und deshalb den Schriftsteller Arthur Miller mit der Komposition der passenden Worte beauftragt. Miller hat allerdings nie das Copyright für den Satz beansprucht.

Zum anderen geht es darum, ob Armstrong in seinem Satz das „a“ wirklich hörbar gesprochen oder aus Aufregung verschluckt habe, denn dann wäre die Aussage unsinnig. Er selbst gestand in einem Interview 1999: „Ich wollte ‚a‘ sagen. Ich dachte, ich hatte es gesagt. Ich kann es nicht hören, wenn ich mir die Funkübertragung hier auf der Erde anhöre. Ich bin zufrieden, wenn Sie es einfach in Klammern setzen.“ Ein Wissenschaftler gab Armstrong schließlich Recht: Der australische Computerprogrammierer Peter Shann Ford ließ 2006 eine Software über das Zitat laufen, das Schallwellen untersucht und ebendort eine Erhöhung registrierte, wo das verlorene „a“ sein sollte. Es dauerte 35 Millisekunden – zu kurz, um vom menschlichen Ohr gehört zu werden, aber es war da.

„Empfehlungen für Raumfahrttreibende“

20 Minuten später betrat auch Aldrin den Mond und absolvierte gemeinsam mit Armstrong ein zweieinhalbstündiges straffes wissenschaftliches Programm. Sie maßen die Zusammensetzung des Sonnenwindes auf dem Mond, bauten mehrere Forschungsgeräte auf, darunter ein Seismometer, das die erste Mondnacht jedoch nicht überstand, und einen Laser-Entfernungsmesser. Außerdem nahmen sie Bodenproben und sammelten 21,6 kg Gestein – ein in den Proben festgestelltes unbekanntes Mineral wurde nach den ersten Buchstaben der Nachnamen der Astronauten später „Armalcolit“ getauft. Wieder an Bord, begannen sie, den Rückflug einzuleiten.

Apollo 11 nach der Wasserung. Quelle: https://cdn1.spiegel.de/images/image-120587-galleryV9-leli-120587.jpg

Nach problemlosem Start schwenkte die Fähre in eine Mondumlaufbahn ein, koppelte knapp vier Stunden später wieder an die Kommandokapsel an und wurde nach dem Umstieg von Armstrong und Aldrin abgestoßen. Einen aus unklaren Gründen abgebrochenen Schalter soll Aldrin beim Mondstart einfach mit einem Filzstift bedient haben. Erfolgreich auf Erdkurs gebracht, wasserte die Apollo-Kapsel am 24. Juli 1969 um 16.50 Uhr im Pazifik und wurde von der USS Hornet, inzwischen Museumsschiff in Alameda, an Bord genommen. Dort mussten sich die Astronauten in ein Quarantänemodul begeben, das heute noch zu besichtigen ist. Das Kommandomodul ist in Washington ausgestellt.

Bis heute verwundern nicht nur die Professionalität und Reibungslosigkeit der Mission, sondern auch die weitgehende Unaufgeregtheit in den weiteren Lebensläufen der Astronauten. Nach verschiedenen Aufgaben bei der NASA übernahm Armstrong eine Professur für Raumfahrt-Ingenieurwesen an der Universität von Cincinnati, brachte es danach als Firmengründer zum mehrfachen Millionär und starb am 25. August 2012 an den Folgen einer Bypass-Operation. Damien Chazelle gelang in „Aufbruch zum Mond“ im Herbst 2018 mit Ryan Gosling als Armstrong eine Erzählung über eben diesen amerikanischen Professionalismus. Aldrin wurde Leiter des Astronautenausbildungszentrums und arbeitet, nach einer Lebenskrise in den 70er Jahren, als Publizist und Berater, so beim Computerspiel „Buzz Aldrin’s Race into Space“. Und Collins wurde erster Direktor des National Air and Space Museum in Washington und leitet aktuell eine eigene Firma.

Bis heute verstummen aber auch nicht die Verschwörungstheoretiker, nach denen diese, ja alle Landungen zwischen 1969 bis 1972 nicht stattgefunden hätten, sondern von der NASA und der US-Regierung vorgetäuscht worden seien. Hauptfigur ist William Charles Kaysing, der bei der NASA-Zulieferfirma Rocketdyne, die Triebwerke für die Saturn-V-Raketen herstellte, die technische Dokumentation leitete und 1976 in seinem Buch „We Never Went to the Moon“ Indizien aufzählte, weshalb die Landungen nicht erfolgt sein könnten. Ein ähnlicher Plot liegt dem Film „Unternehmen Capricorn“ von Peter Hyams 1978 zugrunde, der von einer inszenierten Marsreise handelt. Der Astrophysiker Philip Plait und viele andere Autoren haben genüsslich jedes dieser Argumente zerpflückt.

Die Nasa betrieb ihr 1961 gestartetes Apollo-Programm bis 1972 und ließ es sich 23,9 Milliarden Dollar kosten. Es gab bis zu 400.000 Menschen Arbeit. Nach der letzten Mission, Apollo 17, hatten insgesamt 12 Erdenbürger, allesamt US-Amerikaner, den Mond betreten. Seitdem niemand mehr. Das soll sich ändern: im Dezember 2017 stellte Donald Trump die „Space Policy Directive 1“ vor: Erst zum Mond, dann zum Mars, lässt sie sich zusammenfassen. Natürlich war Buzz Aldrin bei der Präsentation dabei, aber auch Jack Schmitt aus der Crew von „Apollo 17“.

Trump unterzeichnet „Space Policy Directive 1“, rechts daneben Aldrin. Quelle: https://mynewsla.com/wp-content/uploads/2017/07/Trump-NASA.jpg

Inzwischen hat die US-Raumfahrtbehörde gar das 93seitige Verhaltens-Regelwerk „Empfehlungen für Raumfahrttreibende“ aufgelegt, um die „Apollo“-Relikte und Landestellen auf dem Mond zu bewahren. Dahinter steckt die Angst, dass die Fahnen, Messinstrumente oder Schuhabdrücke unter den chinesischen, indischen und auch privaten Raumschiffen etwa von „Bigelow Aerospace“ oder „United Launch Alliance“ leiden, die in den nächsten Jahren zum Mond reisen wollen. Deshalb spricht sie sich auch dafür aus, den Mond als historische Stätte zu schützen: Am besten als „Naturpark“.

Den hochgewachsenen meterdicken Baum mit brauner, riffeliger Rinde unterscheidet von anderen nur ein zweisprachiges Schild: „Gegen diesen Baum haben Henker Kinder geschlagen“. Er steht bei Choeung Ek nahe der kambodschanischen Hauptstadt Phnom Penh auf dem „Killing Field“ des berüchtigten Gefängnis S-21 – einer ehemaligen Schule, die heute das Tuol-Sleng-Genozid-Museum beherbergt. Damals mussten die Täter lachen, wenn sie die Kinder gegen den Stamm totschlugen, um sich nicht selbst verdächtig zu machen. Heute fotografieren sich Touristen davor mit ihren Smartphones – die Gräueltaten der kommunistischen Schreckensherrschaft sind Folklore geworden.

Fast 200 solcher Gefängnisse und rund 300 solcher Killing Fields gab es in der Zeit des „Demokratischen Kampuchea“, wie die Roten Khmer unter Pol Pot („Bruder Nr. 1“) ihr Regime nannten. In den drei Jahren, acht Monaten und 21 Tagen seiner Existenz kamen zwischen 1,7 und 2,2 Millionen Menschen um – mindestens 800.000 durch Gewalt, die anderen verhungerten, starben an Entkräftung oder Krankheiten. Vor 40 Jahren beendete die Vietnamesische Armee den Genozid, der als eins der schlimmsten Verbrechen nach 1945 in die Weltgeschichte einging; vor 10 Jahren, im Juli 2009, wurde Tuol Sleng zum UNESCO-Weltdokumentenerbe erklärt.

Choeung Ek, „Killing Tree“. Quelle: https://fluchtplan.files.wordpress.com/2014/12/141208_kambodscha_phnompenh_khmerrouge_choeungek_killingfields_06_1000x750_soerenpeters.jpg

Das Museum archiviert unter anderem 4.186 schriftliche Geständnisse und 6.147 Fotografien. Insgesamt belegen die Dokumente, dass Folter und Ermordung systematisch erfolgten. Schon beim Betreten des Schulhofes schockiert eine Tafel mit der Lagerordnung. So steht beispielsweise unter Punkt 6: „Es ist verboten, während Auspeitschungen oder Elektroschocks zu weinen.“ Kaing Guek Eav, Kommandeur von S-21, gab später während seines Prozesses zu Protokoll: „Ich und alle anderen, die an diesem Ort arbeiteten, wussten, dass jeder, der dorthin kam, psychologisch zerstört und durch ständige Arbeit eliminiert werden musste und keinen Ausweg bekommen durfte. Keine Antwort konnte den Tod verhindern. Niemand, der zu uns kam, hatte eine Chance, sich zu retten.“

„bedürfnislose Gleichheit“

Die Geschichte der Roten Khmer reicht bis in das Paris der 1950er Jahre zurück: kambodschanische Studenten, darunter Pol Pot, Ieng Sary und Khieu Samphan, die späteren Anführer, gründeten eine marxistische Studentenvereinigung und traten später der Kommunistischen Partei Kambodschas bei. Das Land war seit 1953 von Frankreich unabhängig und wurde seitdem von Prinz Norodom Sihanouk regiert. Während der Studentenrevolte 1963 flohen Pol Pot und mehrere seiner Gefährten in den Untergrund und begannen, unter dem Namen „Rote Khmer“ eine Guerillatruppe aufzubauen.

1965 schwappte der Vietnam-Krieg nach Kambodscha über. Mit militärischer Hilfe der kommunistischen Nordvietnamesen gelingt es der Guerillatruppe, große Teile Kambodschas unter ihre Kontrolle zu bringen. In Abwesenheit Sihanouks putschte aber 1970 der USA-unterstützte Marshall Lon Nol. Zugleich beenden die Nordvietnamesen die Zusammenarbeit, als sie merken, dass ihnen die Roten Khmer bei der Vertreibung der Amerikaner aus Kambodscha zur Last fallen und ihre politischen Anschauungen zu extrem wurden. In dem Chaos stürzten die Roten Khmer Lon Nol, nahmen am 17. April 1975 Phnom Penh ein und errichteten die Volksrepublik Demokratisches Kampuchea.

Pol Pots „Vision“ war eine kollektivistische Ordnungsphantasie. Er wollte ein radikal-kommunisti-sches System etablieren, eine ursprüngliche, agrarisch geprägte Gesellschaft schaffen. Dafür teilten die Khmer die Bevölkerung in ein „altes“ und ein „neues“ Volk ein: Die städtische Bevölkerung, das „neue Volk“, war der Klassenfeind, der sich an den Erträgen der „alten“ ländlichen Bevölkerung bereichere. Daher sollten alle Städte evakuiert und die Menschen zur Landarbeit gezwungen werden. So mussten zum Beispiel die mehr als zwei Millionen Einwohner Phnom Penhs die Stadt innerhalb weniger Tage räumen. Schon damals starben Zehntausende bei diesen Gewaltmärschen aufs Land und dann bei der ungewohnten Zwangsarbeit von mindestens 15 Stunden täglich.

Vertreibung aus Phnom Penh. Quelle: http://www.faszination-fernost.com/wp-content/uploads/2015/04/150417_Evakuierung_Phnom_Penh.jpg

Die Roten Khmer schafften jegliche religiöse Praktiken, Geld und Privatbesitz ab; Sprachen und Bräuche von Minderheitengruppen verboten sie. Kulturelle und religiöse Einrichtungen, Schulen und Betriebe wurden zerstört. Als verdächtig galt schon, wer eine Fremdsprache sprach, Bücher besaß oder eine Brille trug. Aber auch Angehörige der Armee, der Polizei und Beamte mussten die neuen Machthaber fürchten. Zwar wurde zunächst die gesamte Gefolgschaft des gestürzten Lon Nol ausgeschaltet. Doch als sich trotz aller Säuberungen und Massenhinrichtungen der erwartete „Sprung nach vorne“ nicht einstellen wollte und stattdessen die wirtschaftliche und soziale Ordnung kollabierte, entdeckten die Genossen mit den niedrigsten Nummern in der KP-Hierarchie die eigenen Parteigenossen und Kader als Feinde. Schon Missgunst und Denunziation von Nachbarn führten zum Tod.

„Ich demütige mich“

Die Roten Khmer setzten ihre Ideen der „bedürfnislosen Gleichheit“ mit unnachsichtiger Härte durch. Weil das Gebot der „einheitlichen Kost“ herrschte, galt zum Beispiel der illegale Besitz selbst kleiner Mengen Reis als schweres Vergehen. Auch Streit in der Familie und das Bestrafen von Kindern waren verboten. Bei den regelmäßigen politischen Versammlungen musste man öffentlich Selbstkritik üben, die häufig mit den Worten endete: „Ich demütige mich, damit ich mich noch besser fügen kann.“ Wer einer Anordnung widersprach, wurde vielfach kurzerhand wegen „Individualismus“ erschlagen.

Daniel Bultmann hat in Kambodscha unter den Roten Khmer analysiert, wie dieser „professionell betriebene Verwaltungsmassenmord“ im „bürokratisch organisierten Gefängnissystem“ von den lokalen Gemeinden, die man noch überstehen konnte, über die Umerziehungszentren der Distrikte bis hin zu Tuol Sleng funktionierte: Es sei um nichts weniger gegangen als den „perfekten Sozialisten“ mit modernen Mitteln zu realisieren. Dabei war die Chance, S-21 zu überleben, gleich null: Die Vietnamesen befreiten ganze 14 Häftlinge aus ihren Zellen, von denen noch sieben starben.

Selbst bei den Hinrichtungen auf den Killing Fields herrschte bürokratische Effizienz. Bultmann: „Um Kugeln und Ressourcen zu sparen, wurden die Kader angewiesen, die Opfer lediglich mit einem Axt-, Schaufel- oder Stockschlag in den Nacken zu töten. Kleinkinder wurden stellenweise einfach gegen einen Baum geschleudert … Die Opfer fielen dann kopfüber in ein Massengrab, über das noch in regelmäßigen Abständen eine Säure geschüttet wurde, um den Geruch zu übertünchen. An vielen Orten spielten die Kader auch laute Musik, um die Schreie zu übertönen.“ Auch heute noch sind viele Massengräber nicht ausgehoben und die Toten nicht angemessen bestattet.

Opfer der Roten Khmer. Quelle: http://www.hpgrumpe.de/kambodscha/texte/der_spiegel_16-1980-Dateien/image006.jpg

Immer noch spült der Regen Kleidungsfetzen und Knochen aus dem Boden der Killing Fields, alle paar Monate werden sie eingesammelt. „Don’t step on bone – Treten Sie nicht auf Knochen“ steht zweisprachig auf Schildern am Rande der Wege von Choeung Ek. Der Erinnerungsort wurde von der Regierung für 15 000 Dollar pro Jahr an ein japanisch-kambodschanisches Unternehmen verpachtet – für manche Kambodschaner ist schwer nachvollziehbar, dass ein ausländisches Unternehmen Geschäfte mit ihren Toten macht. In Siam Reap, nahe der Tempelstadt Angkor, steht auf dem einstigen Gefängnisgelände dagegen ein Luxushotel.

Übertriebener Nationalismus bringt die Roten Khmer dazu, 1978 einen Krieg mit Vietnam um das Mekong-Delta zu beginnen. Das war keine gute Idee: Da Pol Pots Truppen schwach und ausgemergelt sind, begegnen die vietnamesischen Truppen kaum Widerstand, erobern schon am 7. Januar 1979 die Hauptstadt, installieren eine aus geflohenen Intellektuellen und ehemaligen Rote Khmer-Mitgliedern bestehende Regierung – darunter auch den bis heute amtierenden Regierungschef Hun Sen – und zogen erst 1989 wieder ab.

Danach blieb es kompliziert, denn trotz der Pariser Friedensverträge 1991 blieben die Roten Khmer widerspenstig. Nach ihrer Ächtung 1994 nutzten 7.000 Khmer-Soldaten die Möglichkeit einer Amnestie. 1998 wurde Pol Pot zu lebenslangem Hausarrest verurteilt und starb kurz darauf – ob er von seinen eigenen Leuten vergiftet wurde, ist bis heute unklar. Nach seinem Tod kapitulierten die letzten Kampfverbände. Die kambodschanische Regierung sprach weitere Amnestien aus und gliederte Rote Khmer-Kämpfer in die Nationalarmee ein – wo sie bis heute teilweise führende Posten bekleiden.

Prozess mit 4000 Nebenklägern

Zur Aufarbeitung der Terrorherrschaft beschloss das kambodschanische Parlament 2001, einen internationalen Sondergerichtshof für Verbrechen der Roten Khmer (ECCC) unter Beteiligung der Vereinten Nationen einzusetzen, der im Juli 2006 seine Arbeit aufnahm und dessen verschiedene Kammern mit kambodschanischen und internationalen Richtern besetzt sind. Am 17. Februar 2009 wurde der Leiter von Tuol Sleng, Kaing Guek Eav, genannt „Duch“, angeklagt und 2010 schuldig gesprochen – „lebenslänglich“ lautete das Urteil am Ende. Ohne die Prozesse wären die Geldgeber des Internationalen Währungsfonds abgesprungen, die wenigstens die demokratische Fassade erhalten möchten.

Prozess gegen „Duch“. Quelle: https://www.welt.de/img/politik/mobile100304215/8712503077-ci102l-w1024/rotekhmer-Duch-vor-gericht-DW-Politik-Phnom-Penh-jpg.jpg

2011 im zweiten Prozess mit 4000 Nebenklägern (!) waren wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit, Kriegsverbrechen und Völkermord angeklagt der Chefideologe Nuon Chea („Bruder Nr. 2“), Khieu Samphan, ehemaliger Staatschef der Roten Khmer, Ieng Sary, Ex- Außenminister, und seine Frau, die frühere Sozialministerin Ieng Thirith. Thirith wurde kurz darauf für verhandlungsunfähig erklärt; Sary verstarb während des Prozesses. Die beiden anderen Angeklagten wurden am 7. August 2014 jeweils zu lebenslanger Haft verurteilt. Die Prozesse kosteten bislang 300 Millionen Dollar.

Die Regierung will weitere Verfahren verhindern, wie Dauer-Ministerpräsident Hun Sen, kettenrauchender Premier mit Glasauge und einst weltweit jüngster Regierungschef, wiederholt öffentlich erklärte. Sein Auge verlor er als Offizier der Roten Khmer. 1977 lief er zu den Vietnamesen über, die ihn nach ihrem Sieg als Vertrauten installierten. Seine eigenen Verfehlungen könnten ebenso ruchbar werden wie die Prozesse weiteres Spaltungspotential haben: die Khmer sind nun mal immer noch da, und ihre Opfer müssen sich mit ihren Peinigern arrangieren, so schwer das auch ist. Der ECCC betont mehrfach, dass niedrige und mittlere Funktionäre der Khmer nichts zu befürchten hätten – auch dann nicht, wenn sie Verbrechen begangen hätten. Nur die Hauptschuldigen fielen unter die Zuständigkeit des Gerichts, die Politik der nationalen Versöhnung sei unverändert in Kraft.

Ungesühnt bleibt damit auch das System der Zwangsheiraten, von denen eine halbe Million Einwohner betroffen gewesen sein dürfte. Der Befehl lautete: Vermehrt euch. So wurde die 20jährige In Thy mit einem völlig Fremden vermählt. „Weil klar war, dass wir nicht miteinander klarkamen, gerieten wir unter Verdacht. Mein Mann kam ins Umerziehungslager, ich wurde verwarnt“, berichtet sie in der Welt. „Wir haben dann beschlossen, doch zusammen zu schlafen, um unser Leben zu retten.“ Endlich wurde sie schwanger. Trotz des traumatischen Starts blieb In Thy bei ihrem Mann, wie viele andere auch. Scham spielt in der bis heute sehr konservativen Gesellschaft eine Rolle, und Verantwortungsbewusstsein. „Wir haben uns zusammengerauft, wegen der Kinder. Als Mutter muss ich als Erstes an die Zukunft meiner Kinder denken. Deshalb kam Scheidung für mich nicht infrage.“

Erfolgreicher als bei der Bestrafung der Täter ist das Gericht bei der Aufklärung der Bevölkerung. Aus dem ganzen Land hat es bislang mehr als 100 000 Menschen kostenlos mit Bussen abgeholt, damit sie an einer Verhandlung teilnehmen können. Dabei hat für einen Großteil der Bevölkerung die Aufarbeitung keine Priorität mehr, ergab eine Studie der Universität Berkeley: Mehr als die Hälfte der 15 Millionen Einwohner kamen erst nach Pol Pot auf die Welt und wollen das internationale Geld nicht mehr in Gerichtskosten investieren.

Opfer in einem Killing-Field-Museum. Quelle: https://2.bp.blogspot.com/-qcO0PxZuPpM/WDKxJjVTVjI/AAAAAAAAs8Y/iTBESuCxyGMBV72YMniGfz2Pm1EiPvJHgCEw/s1600/DSC01779.JPG

Zur Fortführung der Arbeit des ECCC steht das Documentation Center of Cambodia (DC-Cam) bereit. Das noch private Archiv trug systematisch 50 000 Interviews und 1,2 Millionen Seiten Dokumente zusammen, veröffentlichte rund eine Million Namen von Opfern im Internet und betreibt „Genoziderziehung“: Maßgeblich finanziert durch die Deutsche Botschaft, hat es rund 500 000 Geschichtsbücher an kambodschanische Oberschüler verteilt; 3000 Pädagogen, 300 Polizeioffiziere und 100 Universitätsdozenten fachlich weitergebildet.

Blutrünstige Monster oder irregeleitete Utopisten?

Die Bilanz ist dennoch bitter: Die Roten Khmer haben Kambodscha um seine Zukunft gebracht. Dem Land, das noch in den 1960ern als Riviera Südostasiens galt, fehlt heute fast eine gesamte Generation. Einer Studie zufolge sind 20 Prozent der über 30jährigen so traumatisiert, dass sie eigentlich arbeitsunfähig sind. Nahezu jeder hat persönliche Erfahrungen mit dem Terrorsystem machen müssen. Übrig bleibt ein Land mit jungen Menschen, denen die Eltern und deren Werte fehlen.

Jedes Jahr stoßen die Schulen 200.000 junge Leute aus, aber nur jeder Zehnte findet einen Job. In den Schulbüchern wird die jüngere Geschichte noch kaum behandelt, eben weil sie noch keine Geschichte ist. Zudem sind vier Millionen Kambodschaner Analphabeten. Das durchschnittliche Pro-Kopf-Einkommen beträgt nicht einmal 280 US-Dollar im Jahr, im Schnitt rechnet man auf 1000 Kambodschaner 19 Telefonanschlüsse und ein PC.

Dazu kommt, dass sich in der nebeligen Hügellandschaft an der Grenze zu Thailand bis heute fast 40.000 Mann eingeigelt haben: Reste jener Truppen, die einst Pol Pots mörderischer Vision eines ultramaoistischen Bauernstaats folgten, dem tödlichen Gleichheitstraum eines Landes ohne Intellektuelle, ohne Ärzte, Lehrer oder Beamte. Seine Schergen halten heute Ruhe – als Gegenleistung für das Versprechen, sich für ihr Morden nicht verantworten zu müssen. Zum Überleben reicht ihnen der illegale Holzhandel, ein riesiges Casino direkt an der Grenze, in dem sich reiche Thais mit bunten Spielchips und jungen Mädchen vergnügen, und das Wissen um die gemeinsame Vergangenheit. Der Gouverneur der Gegend war noch bis vor wenigen Jahren der ehemalige Leibwächter Pol Pots.

Opfer in der Stupa eines Killing-Field-Museums. Quelle: http://mardaninews.de/gallery3/data/media/1/22_21_856.jpg

Wer waren die Roten Khmer wirklich? Blutrünstige Monster, die mindestens zwei Millionen Menschen auf dem Gewissen haben? Irregeleitete Utopisten, die Kambodscha um jeden Preis in einen kollektivistischen Agrarstaat umwandeln wollten? Oder kühl berechnende Politiker, die sich Mao Tse-tungs skrupellose Gewaltherrschaft in der Volksrepublik China zum Vorbild nahmen, um bei dieser Gelegenheit die verhassten Vietnamesen zu bekämpfen und die Buddhisten auszurotten, weil sie keine Vertreter einer Religion neben sich dulden wollten? Wohl von allem etwas, meint Bultmann.

Doch erklärt die Ideologie nicht allein den Blutrausch der Khmer, sagt der Konfliktforscher Timothy Williams der Welt; ein wichtiges Motiv der Gewalt sei schierer Opportunismus gewesen. Von Williams interviewte Kader sagten: „Wenn man grausam war, konnte man Leiter einer Einheit werden.“ Anderen ging es um Vorteile wie bessere Wohnungen oder leichtere Arbeit als Lohn für Mord und Totschlag. Einige schlossen sich den Roten Khmer an, um persönliche Rechnungen zu begleichen. So gut wie keiner der Interviewten habe seine Taten bedauert, so Williams. Das lässt bei der Vielzahl von Sympathisanten linker Ideologie heute erschauern.

Er dürfte der einzige namhafte deutsche Politiker sein, der je einen Bären erlegte: 1996 in den rumänischen Karpaten. „Mit einem einzigen Schuss“, wie er der Deutschen Jagdzeitung stolz erzählte. Überhaupt spielten bei dem passionierten Jäger Tiere eine besondere Rolle: „Mein Hund ist als Hund eine Katastrophe, aber als Mensch unersetzlich“, beschrieb er augenzwinkernd seinen Dackel „Mücke“ in der Süddeutschen Zeitung. Und anlässlich seines Ägypten-Besuchs als Minister für Entwicklungshilfe textete der SPIEGEL bereits im April 1963 „Scheel konnte nur mit Mühe von dem Kamel ‚Bismarck‘ absitzen, das ihn um die Pyramiden von Gizeh getragen hatte, weil das Tier sich durch heftige Abwehrbewegungen dem Abstieg des Bonner Kreditverteilers widersetzte.“ Walter Scheel, der vierte deutsche Bundespräsident, würde am 8. Juli 100 Jahre alt.

Scheel mit dem Bären. Quelle: https://djz.de/wp-content/uploads/sites/3/old_images/6346_13_20120416135953.jpg

Er habe „die undefinierbare Eigenschaft, sympathisch zu sein“, schrieb Walter Henkels 1974 in einer Anekdotensammlung: „Was Adenauer konnte, das kann auch Scheel: spielen.“ Es sei sein eigentliches Erfolgsrezept gewesen, „stets unterschätzt zu werden“, meinte Stefan Dietrich in der FAZ. „Erst im Rückblick entpuppte sich das Spielerische in Scheels Wesen als die hohe Kunst des Spiels um die politische Macht – und seine Bonhomie als perfekte Tarnung eines ans Draufgängerische grenzenden Wagemuts.“ Er bleibe als „sanguinische Frohnatur in Erinnerung“, so Dietrich weiter, als „singender Präsident, der sein Amt in schwieriger Zeit … mit rhetorischem Glanz und staatsmännischer Würde versah, auf unverkrampfte Weise volkstümlich sein konnte, im Ausland eine gute Figur und der Politik wenig Scherereien machte.“

 „Wie kommst du hier heil raus?“

Geboren in Solingen als Sohn eines Stellmachers, absolviert er 1938/39 nach dem Abitur eine Ausbildung zum Bankkaufmann bei der örtlichen Volksbank. Sofort bei Kriegsbeginn wurde der 20-Jährige zur Luftwaffe eingezogen: Als einer der „Nachtjäger“, die über Berlin verlustreich gegen die alliierten Bomberflotten kämpften. Die wesentliche Frage, die ihn in den Jahren an der Front bewegt hat, war nach eigenem Bekunden: „Wie kommst du hier heil raus?“ Als frisch gebackener Leutnant hatte er 1942 seine Jugendfreundin Eva Kronenberg geheiratet, mit der er einen Sohn bekam – und war der NSDAP beigetreten, ein Schritt, den er niemals richtig erklärt und begründet hat.

Bereits 1946 war er der neu gegründeten FDP in Nordrhein-Westfalen beigetreten, später Stadtrat in Solingen geworden. Schon 1950 wurde Scheel Landtagsabgeordneter in Düsseldorf, während er zugleich als Geschäftsführer verschiedener Unternehmen, darunter der Stahlwarenfabrik seines Schwiegervaters, und schließlich als selbständiger Wirtschaftsberater tätig war. Erfolg und Aufstieg verdankte er seinem wachen Geist, seinem „behutsamen Umgang mit Menschen“ und einer aufs persönliche Fortkommen gerichteten Härte. 1953 wurde er in den Bundestag gewählt. Von 1958 bis 1961 saß er außerdem im Europaparlament.

In Nordrhein-Westfalen, wo Scheel seit 1954 Landesvorstand der FDP war, gehörte er zusammen mit Hans-Dietrich Genscher zu den sogenannten „Jungtürken“, wie jüngere und radikalere Parteimitglieder damals genannt wurden – heute würde man politisch korrekt von „Jungen Wilden“ sprechen. Sie arbeiteten daran, ihre Partei auch als Koalitionspartner für die SPD attraktiv zu machen, während die Liberalen zuvor in NRW und auf Bundesebene als Juniorpartner der Konservativen aufgetreten waren. Sie waren es 1956, die den Wechsel der FDP zur SPD betrieben, so das Ende der Landesregierung unter der CDU herbeiführten und auch die Unionsmehrheit im Bundesrat zu Fall brachten.

Scheel 1956 auf einem FDP-Bundesparteitag. Quelle: https://cdn1.spiegel.de/images/image-135730-galleryV9-qgtj-135730.jpg

Konrad Adenauer hinderte das nicht, Scheel 1961 in sein Kabinett aufzunehmen. Für ihn wurde das Ministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit geschaffen, das er auch noch im ersten und zweiten Kabinett Erhard führte – ein neues Feld, das die Bundespolitik im zu Ende gehenden Zeitalter des Kolonialismus entdeckt und beackert hat. Zugleich war er mit 42 der Benjamin im Kabinett. Schon ein Jahr danach trat er mit den vier Ministern der FDP vorübergehend zurück, um den von der „Spiegel“-Affäre belasteten Verteidigungsminister Franz-Josef Strauß zum Rückzug zu zwingen. Das Manöver war erfolgreich. 1966 – dem Jahr, in dem Scheels Frau an Krebs starb – traten die FDP-Minister erneut zurück, da sie nicht einverstanden waren, das Haushaltsdefizit und die wachsende Staatsverschuldung im Bundeshaushalt 1967 mit einer Steuererhöhung zu bekämpfen. Der neue Kanzlerkandidat Kurt Georg Kiesinger konnte sich mit der FDP nicht einigen, wohl aber mit der SPD unter Willy Brandt.

„Ohne ihn einen anderen Weg gegangen“

In der folgenden Zeit der Großen Koalition war es wiederum Scheel, der aus der Opposition heraus die Annäherung der FDP an die SPD in drei Schritten vorbereitete. Der erste: er verdrängte Erich Mende, der auch öffentlich sein Ritterkreuz aus dem Zweiten Weltkrieg trug, von der Parteispitze und läutete den Wechsel vom National- zum Sozialliberalismus ein. Der zweite: Am Vorabend der Bundesversammlung schwor er die Wahlmänner und -frauen der FDP erfolgreich auf den SPD-Präsidentschaftskandidaten Gustav Heinemann ein; und, als dritter, legte er im Jahr darauf seine Partei schließlich auf eine Koalition mit der SPD fest.

Dass er die FDP und sich selbst als Vorsitzenden damit an den Rand des Abgrunds brachte, war ihm wohl bewusst: „Aber wer nur fasziniert der Wählermeinung nachläuft und nicht die Kraft zu einer politischen Entscheidung aufbringt, der wird auf Dauer eben kein stabiler und respektabler Faktor in der Politik sein“, sagte er eine Woche nach der Wahl Heinemanns. Eine Austrittswelle dezimierte und schwächte die kleine Partei, bei der folgenden Bundestagswahl kamen die Freien Demokraten nur knapp über die Fünf-Prozent-Hürde. Aber es reichte, um den Grund zu legen für eine 29 Jahre währende Regierungsbeteiligung seiner Partei.

Denn während Genscher noch bei Helmut Kohl die Bedingungen für ein Regierungsbündnis mit der CDU/CSU sondierte, Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger schon Glückwünsche von US-Präsident Nixon zur Wiederwahl bekam, hatte sich Scheel mit Brandt sich trotz hauchdünner Mehrheit noch in der Wahlnacht telefonisch auf ein SPD/FDP-Kabinett verständigt. Nicht nur, dass nach dieser nächtlichen Grundsatzentscheidung zum ersten Mal seit Gründung der Bundesrepublik die CDU/CSU nicht mehr den Kanzler stellte. Scheel war auch der erste Freie Demokrat, der das Auswärtige Amt für sich beanspruchte, das dann 28 Jahre lang eine Domäne der FDP war.

Walter Scheel, Willy Brandt und Katharina Focke auf dem Haager Gipfel. Quelle: https://www.cvce.eu/content/publication/2007/8/3/259eeb30-2099-493f-9d01-cdbec5e4878f/publishable.jpg

Als weitgereister ehemaliger Entwicklungshilfeminister brachte er dafür einige Erfahrungen mit. Ausschlaggebend für Brandt aber dürfte gewesen sein, dass er in Scheel einen überzeugten Verfechter der „neuen Ostpolitik“ an seiner Seite hatte, dem die Verständigung mit den Nachbarn ein ebenso politisches wie persönliches Anliegen war. In den Regierungsjahren 1969 bis 1974 gestaltete Scheel die deutsche Entspannungspolitik mit und rang – zum Beispiel – dem sowjetischen Außenminister Gromyko bei der Formulierung der Ostverträge ab, dass statt der „Unveränderbarkeit“ der Grenzen in Europa nur deren „Unverletzbarkeit“ festgeschrieben worden sei – das geschah, so Scheel, „am vierzehnten Loch des Golfplatzes in Kronberg“. Und mit dem von ihm verfassten „Brief zur deutschen Einheit“ erreichte er das Zugeständnis, dass die gegenwärtige und alle künftigen Bonner Regierungen die friedliche und freiwillige Vereinigung beider deutschen Staaten anstreben dürften, ohne damit vertragsbrüchig zu werden.

Der Kalte Krieg zwischen Ostblock und den Westmächten hielt die Menschen mit Wettrüsten und einem „Gleichgewicht des Schreckens“ gefangen. Mit ihrer Entspannungspolitik stellten Brandt und Scheel die Weiche in die Richtung, die letztlich zur Wiedervereinigung von West- und Ostdeutschland führen würde. „Ohne ihn wäre unsere Republik vermutlich einen anderen und schwereren Weg gegangen“, schrieb Klaus von Dohnanyi rückblickend im SPIEGEL. In dieser Zeit entwickelte Scheel mit anderen Partei-Intellektuellen auch die „Freiburger Thesen“, auf deren Grundlage die FDP 1971 die wirtschaftsliberale Ausrichtung ihres Parteiprogramms änderte hin zu einem Liberalismus, der stärker für Menschenwürde durch Selbstbestimmung und sogar eine Reform des Kapitalismus eintrat.

Scheel war 1971 der erste deutsche Außenminister, der Israel besuchte, und unterzeichnete 1972 den Grundlagenvertrag zwischen der BRD und der DDR. Ein wichtiger Erfolg war auch seine Reise in die Volksrepublik China, während der die Aufnahme diplomatischer Beziehungen beschlossen wurde, sowie die Aufnahme der Bundesrepublik Deutschland in die UN 1973 – dem Jahr, in dem er die Bevölkerung mit seiner Interpretation von „Hoch auf dem gelben Wagen“ beglückte. Die Platte zugunsten der „Aktion Sorgenkind“ mit dem Düsseldorfer Männergesangverein wurde bis zum Frühjahr 1974 über 300.000 Mal verkauft. Daneben publiziert er bis 2010 auch politische Bücher und Aufsätze.

Plattencover. Quelle: https://streamd.hitparade.ch/cdimages/walter_scheel-hoch_auf_dem_gelben_wagen_s.jpg

Dass Bundespräsident Heinemann auf eine zweite Amtszeit verzichten und die SPD gleichzeitig durch den Rücktritt Brandts in der Guillaume-Affäre in eine schwere Führungskrise stürzen würde, hatte niemand voraussehen können. Scheel aber ergriff die Gelegenheit, sich selbst 1974 um das Amt des Bundespräsidenten zu bewerben. Nicht einmal sein eigener Parteivorstand war auf Anhieb begeistert von dieser Kandidatur. Er gewann schließlich gegen Richard von Weizsäcker und trat am 1. Juli 1974 sein Amt als vierter und bis heute jüngster deutscher Bundespräsident an.

„Hitler war kein Schicksal“

Noch als Außenminister hatte er seinen Witwer-Status geändert und die alleinerziehende Mutter Mildred Wirtz geheiratet, eine Röntgenärztin, die ihm nach einer Nierensteinoperation das Leben rettete. Somit hatte Deutschland die erste Patchwork-Familie im Bundespräsidentendomizil: Beide bekamen noch eine Tochter, Andrea, und adoptierten einen bolivianischen Indianerjungen. Mildred war unabhängig, lachte und feierte gern und wurde drei Mal zur Frau des Jahres gewählt, aber auch einmal zur schlechtangezogensten Frau des Jahres, sehr zu ihrem Amüsement. Sie gründete 1974 die deutsche Krebshilfe und starb 11 Jahre später, international hochgeschätzt, selbst an Darmkrebs.

Die Bilanz von Scheels Amtszeit ist ambivalent. Als oberflächlicher „Bruder Leichtfuß“ galt er, viele störten sich an seiner chronisch guten Laune, seinem steten Frohsinn, seiner konstanten Heiterkeit. Argwöhnisch beobachteten selbst viele Liberale, aber auch etliche Journalisten Scheels Hang zum Genuss, seine Vorliebe für weite Reisen, die Jagd, das Golfspiel, aber auch teure Zigarren, exquisite Küche, exklusive Mode: bereits 1969 wurde er als „Krawattenmann des Jahres“ ausgezeichnet, zum Dekorieren eines Empfangs in Moskau ließ er eine eigene Floristin einfliegen. Unvergessen, dass er als Bundespräsident bei einem Besuch in Mali statt mit der deutschen Nationalhymne mit seiner Version von „Hoch auf dem gelben Wagen“ empfangen wurde. 1976 weigerte er sich, die Wehrpflicht-Novelle zu unterzeichnen, mit der die Gewissensprüfung abgeschafft werden sollte, weil bei der Verabschiedung der Bundesrat übergangen worden war.

Patchwork-Familie Scheel. Quelle: https://www.welt.de/img/vermischtes/mobile148387609/6412507037-ci102l-w1024/Familie-Scheel.jpg

Vor allem aber gewann er als Redner Kontur. So wehrte er zum 30. Jahrestag des Kriegsendes 1975 mit dem Satz „Hitler war kein Schicksal, er wurde gewählt“ Versuche ab, das deutsche Volk als Opfer der Nationalsozialisten darzustellen. Und er gab den demokratischen Institutionen auf dem Höhepunkt des linksextremistischen Terrors im „Deutschen Herbst“ 1977 Rückhalt. In seiner bewegenden Rede auf der Trauerfeier für den ermordeten Arbeitgeberpräsident Hanns Martin Schleyer bat er die Angehörigen „im Namen aller deutschen Bürger“ um Vergebung, plädierte aber auch dafür, die Feinde der Verfassung nicht rechtlos zu stellen.

Der „Mister Bundesrepublik“ (Arnulf Baring) ging 1979 in den Ruhestand. Der französische Politologe Alfred Grosser bilanzierte, Scheel habe die „Legende vom bösen Deutschen“ widerlegt. Günter Grass, der politische Barde der sozialliberalen Koalition, hatte, gar nicht angetan von der Personalie, beim Amtsantritt noch gewettert: Die Bundesrepublik brauche „einen unbequemen Präsidenten“, nicht einen, „der sich mit einer Schallplatte legitimiert und volkstümelt“. Fünf Jahre später sah er sich gezwungen, Scheel als „liberale Gegenkraft“ zu würdigen; ausersehen, „die Gesellschaft in eine neue Entwicklungsphase“ zu leiten. Für eine Wiederwahl hätte er die Stimmen der Union gebraucht, die ihm aber seinen Anteil am Machtwechsel 1969 nicht vergessen hatte. So kandidierte er nicht erneut.

Scheel wurde Ehrenvorsitzender der FDP, übernahm etliche Ämter vom Thyssen-Aufsichtsrat bis zum Kuratoriumsvorsitzenden der Friedrich-Naumann-Stiftung und meldete sich immer wieder auch zu politischen Entwicklungen zu Wort. So nutzte er 1986 seine Bundestags-Festrede zum 17. Juni nicht nur zu einem Verständnisplädoyer für die Sowjetunion, sondern auch zu einem Realismusplädoyer wider die deutsche Einheit. Auch als Fernseh-Talkmaster hat er sich versucht, fiel aber beim Publikum durch. Ab 1995 entwickelte sich Scheel dann zu einem Kritiker der Regierungskoalition seiner Partei mit der Union und empfahl, zur Not lieber in die Opposition zu gehen. Nicht ohne Stolz meinte er „Es gibt überhaupt keinen Draht in dieser Bundesrepublik, an dem ich nicht irgendwie gezupft hätte.“

Ende 2008 zog Scheel mit seiner dritten Frau Barbara – eine Physiotherapeutin, die er 1988 geheiratet hatte – aus der Hauptstadt, wo er ein eifriger Partygänger und gern gesehener Gast bei vielen kulturellen Events war, ins badische Bad Krozingen nahe der Schweizer Grenze. Seit 2012 lebte er – inzwischen an Demenz erkrankt ­– in einem Pflegeheim. Zuletzt sorgten Gerüchte um einen unehelichen Sohn sowie ein veritabler Familienstreit für Schlagzeilen. So beantragte Tochter Cornelia 2014 vor Gericht, ihrem demenzkranken Vater sollte ein Betreuer zur Seite gestellt werden. Sie befürchtete, dass ihre Stiefmutter Barbara dem Vater erheblich schaden könnte. Das Gericht folgte dem Antrag, es wurde ein zusätzlicher Betreuungskontrolleur verfügt. Auch sonst sorgte Barbara Scheel immer mal wieder für Wirbel. So nannte sie Philipp Rösler, einen von Scheels Nachfolgern als FDP-Chef, einen „grinsenden Chinesen“ und bezeichnete ihn gar als „die Rache des Vietcong an der deutschen Innenpolitik“. Im Sommer 2014 wurden Scheels Büro in Bad Krozingen und der Leasingvertrag für den Dienst-Phaeton aufgelöst, den Barbara eigentlich nicht ohne ihren Mann nutzen durfte.

Walter Scheel besucht als Bundespräsident die Zeche Erin in Castrop-Rauxel. Quelle: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/a/af/Bundesarchiv_B_145_Bild-F045175-0007%2C_Castrop-Rauxel%2C_Bundespr%C3%A4sident_besucht_Bergwerk.jpg

Der letzte Minister, der noch in den Kabinetten von Konrad Adenauer und Ludwig Erhard gedient hatte, und zugleich letzte Politiker aus der Gründergeneration der FDP starb im In- und Ausland hochgeehrt am 24. August 2016 im Alter von 97 Jahren und wurde nach einem Staatsakt auf dem Waldfriedhof Zehlendorf in Berlin beigesetzt. Sein Amtsnachfolger Joachim Gauck würdigte ihn als „lächelndes Gesicht der Entspannung“, als einen „Pfadfinder unserer Republik“, der es verstand, „in einem für unbegehbar gehaltenen Gelände Wege“ zu finden. So ein Pfadfinder täte der Republik heute gut.

Die Entscheidung am 25.Juni in Sevilla fiel mit 14 zu 5 bei 2 ungültigen Stimmen überaus eindeutig: Das Dresdner Elbtal verliert den UNESCO-Welterbestatus. „Das ist ein sehr trauriger Moment“, sagte die Präsidentin des Gremiums, María Jesús San Segundo, dem SPIEGEL. Es sei ein großer Verlust, wenn man das Welterbe aberkenne. Damit ist Dresden nach einem Naturschutzgebiet im arabischen Oman weltweit erst die zweite Stätte, die von der Liste gestrichen wurde.

Die Aberkennung hatte auch finanzielle Folgen: Dresden erhielt kein Geld mehr aus einem 150 Millionen Euro schweren Förderprogramm für deutsche Welterbestätten. Doch die Blamage gerade fünf Jahre nach der Verleihung des Titels war eine mit Ansage und hatte viel mit der teuersten Stadtbrücke Deutschlands zu tun: der Waldschlößchenbrücke, die den „Landschaftsraum des Elbbogens an seiner empfindlichsten Stelle irreversibel in zwei Hälften“ teilt, so die UNESCO.

Der Brückenstandort war seit dem 18. Jahrhundert umstritten. Denn immer wieder ist es dieselbe Perspektive von der alten Hirschtränke unterhalb der Villa „Waldschlösschen“, an der die Schwärmer für den Elbtalblick – neben Malern auch Dichter, Philosophen, Bildhauer, Architekten und Diplomaten – ihre Loblieder anstimmten und ihre Staffeleien aufstellten. Um eine Bebauung, ja auch nur die Aufstellung von Reklameschildern an diesem Ort zu verhindern, hatten die Dresdner Stadtverordneten noch 1908 die Waldschlößchenwiesen für 400.000 Goldmark aus Privathand angekauft – und zwar ausdrücklich mit der Zielsetzung, dass „der einzigartige, herrliche Aussichtspunkt auf die Stadt und ihre Umgebung für alle Zeiten in städtisches Eigentum gebracht und gesichert“ werde.

Alte Waldschlößchen-Terrasse. Quelle: https://www.ansichtskartenversand.com/shop/ak/79/7985305/Luna-AK-Dresden-Neustadt-Restaurant-Waldschloesschen-Terrasse.jpg

Alte Waldschlößchen-Terrasse. Quelle: https://www.ansichtskartenversand.com/shop/ak/79/7985305/Luna-AK-Dresden-Neustadt-Restaurant-Waldschloesschen-Terrasse.jpg

Erst den Nazis blieb es vorbehalten, mit diesem Grundsatz zu brechen: 1937 nahmen sie den Hang am Waldschlösschen als Brückenstandort in ihren Hauptverkehrsplan auf. Es waren diese Pläne, die in der DDR nach einer Schamfrist Wiederauferstehung feierten und zeitweise in Brückenprojekten mit acht Fahrspuren und dem Abriss ganzer Stadtquartiere mündeten. Noch kurz vor der Wiedervereinigung wurden dann die Planungen 1989 in einem Architektenwettbewerb konkretisiert. Danach sollte die Elbtalaue an ihrer breitesten Stelle von einer Schrägseilbrücke des Autobahnbaukombinats mit linkselbischem Pylon überspannt werden – ein ähnliches Bauwerk wurde 2011 elbabwärts in Nie-derwartha eingeweiht. Doch die neu gewählten Volksvertreter nahmen die zusätzliche Elbquerung nur in ihre Programme auf, verwarfen den Siegerentwurf aber als „anachronistisch“.

„nicht besonders hochwertiges Ingenieurbauwerk“

Von diesem Augenblick an datiert das endlose Ringen um eine Lösung für die Elbquerung, die der Landschaft keine Gewalt antut und den Verkehrsbelangen Rechnung trägt. Eine schicksalhafte Bedeutung kommt dabei der conditio sine qua non zu, die der sächsische Wirtschaftsminister Kajo Schommer (CDU) im November 1995 formuliert hatte: Die sächsische Landesregierung werde keine andere Flussquerung fördern als eine Brücke am Waldschlößchen. Damit waren Tunnellösungen und auch ein „Mehrbrückenkonzept“ für mehrere kleinere, aber weniger landschaftsbelastende und in der Summe billigere Brücken von vornherein ausgeschlossen. Artig beschloss der Dresdner Stadtrat im Sommer 1996 den Brückenbau am Waldschlößchen. Ein Wettbewerb wurde ausgelobt.

Ein Berliner Büro setzte sich unter den 27 eingereichten Entwürfen durch und gewann den 1. Preis samt 75.000 Mark. Sein Entwurf sah eine Stahlkonstruktion von 635 Metern Länge mit einem Bogen in der Spannweite von 145 Metern und einem sich anschließenden Landtunnel von 400 Metern Länge vor. Veranschlagt mit 156 Millionen Euro – 96 Millionen steuert der Freistaat Sachsen zu der Bausumme zu, 46 Millionen muss die Stadt Dresden aufbringen – sollten es schließlich 180 Millionen werden. Im jahrelangen Ringen um Korrekturen sind zuerst zusätzliche Lärmschutzmaßnahmen, dann eine Geschwindigkeitsbeschränkung sowie schließlich eine „Verschlankung“ der Konstruktion verordnet worden. An der optischen Wirkung des Bauwerks änderte sich nichts.

Waldschlößchenbrücke. Quelle:https://media.tag24.de/0/8/4/840v1dfqt1n7yy1a.jpg

Waldschlößchenbrücke. Quelle: https://media.tag24.de/0/8/4/840v1dfqt1n7yy1a.jpg

Parallel wurde das Projekt Welterbe in Angriff genommen und, weil Dresdens rekonstruierte Altstadt mangels Authentizität kaum Welterbe-Chancen hatte, der wohlbegründete Antrag seinerzeit auf die gesamte „sich entwickelnde Kulturlandschaft Elbtal“ von Schloss Übigau bis Schloss Pillnitz ausgeweitet: 20 Kilometer Flussufer. Im Juli 2004 war der Antrag erfolgreich. Am 27. Februar 2005 sprechen sich bei einem Bürgerentscheid knapp 68 Prozent der Dresdner für den Bau in der vorliegenden Form aus. Die UNESCO wird jetzt auf den Entwurf aufmerksam. Im Juli 2006 wurde Dresden ob des Brückenentwurfs bereits auf die Rote Liste der gefährdeten Weltkulturstätten gesetzt – prompt stimmte am 10. August der Stadtrat gegen den Bau. Das Land Sachsen dagegen beharrt auf dem Vorhaben.

Bei einer Abstimmungsbeteiligung von 50,8 %, d.h. marginal mehr als der Hälfte der Stimmberechtigten, hatten an diesem Tag aber weniger als 40 % aller Dresdner dafür gestimmt. Erst im Nachhinein erwiesen sich Spreng- und Rechtskraft dieses Bürgerentscheids. Im Juni 2007 scheitert Dresden vor dem Bundesverfassungsgericht mit einer Klage gegen den vom Freistaat angeordneten Bau: Die Richter bescheinigten dem Bürgerentscheid einen höheren Rang als den völkerrechtlichen Verpflichtungen der Bundesrepublik Deutschland aus der von ihr selbst mit entworfenen und 1972 unterzeichneten UNESCO-Konvention. Der Hamburger Architekt Volkwin Marg, damals Juryvorsitzender, spricht im Nachhinein in der WELT von einer „offensichtlichen Manipulation des Wunsches der Bürger nach besseren Verkehrsverbindungen zu einem Plebiszit für den Brückenbau“. Dankwart Guratzsch schrieb in der WELT gar von einem „Sieg der Autolobby“.

Marg galt später als vehementer Verfechter einer Tunnellösung. Neben ihm hatten sich auch die Stararchitekten Santiago Calatrava und Sir Norman Foster geweigert, Brückenentwürfe für die Waldschlößchenquerung vorzulegen. Unter Fachleuten hatte der Entwurf wenig Zustimmung gefunden. Marg spricht von einem „nicht besonders hochwertigen Ingenieurbauwerk“, die Landschafts- wie auch die Tiefbauarchitekten der Bundesarchitektenkammer nennen den Entwurf „dramatisch schlecht“.

„keine gute Nachricht“

Anknüpfend an den von Startrompeter Ludwig Güttler mit initiierten „Ruf aus Dresden“ zum Wiederaufbau für die Frauenkirche von 1990 hatten Bürgerinitiativen 2007 wiederum mit Güttler unter dem Titel „Erneuter Ruf aus Dresden“ eine Schrift gegen die Errichtung der Brücke veröffentlicht, um den Welterbestatus zu retten. Er verhallte ungehört, im November desselben Jahres starteten trotz Mahnungen der Welterbe-Hüter und diverser artenschutzrechtlicher Bedenken die Bauarbeiten.

Brückenprotest in Dresden. Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Dresdner_Br%C3%BCckenstreit#/media/File:Welterbedemo250307.jpg

Brückenprotest in Dresden. Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Dresdner_Br%C3%BCckenstreit#/media/File:Welterbedemo250307.jpg

Ein Bürgerbegehren gegen die Brücke und für einen Tunnel, für das bereits 50.000 Stimmen gesammelt worden waren, ließ die sächsische Regierung im April 2008 scheitern – einmalig in der 200-jährigen Geschichte des deutschen Denkmal- und Naturschutzes überhaupt, einmalig auch in der Geschichte der UNESCO und des von ihr erfassten Weltkulturerbes. „Der Verlust des Welterbetitels ist verkraftbar“, befand Ministerpräsident Georg Milbradt (CDU). Mit Blick auf die verfahrene Situation trat das Dresdner „Kuratorium Welterbe“ am 20. Juni 2008 zurück.

Die – erwartete – Entscheidung von Sevilla zog den Schlussstrich unter einen Streit, der weit über Sachsens Landeshauptstadt hinaus die deutsche Kulturszene und Gesellschaft aufgewühlt hatte. Nahezu 20 Berufsgruppen, Spitzenverbände des Kulturlebens, mehrere Bundesminister und Gerichtsinstanzen waren damit befasst, ja sind es teilweise bis heute: Erst im Sommer 2016 entschied das Bundesverwaltungsgericht, dass der Planfeststellungsbeschluss zum Brückenbau teilweise rechtswidrig war, und ordnete erneute Artenschutzprüfungen an, setzte dafür aber keine Fristen fest.

Noch vier Wochen vor der UNESCO-Entscheidung hatten acht namhafte Künstler, darunter Günter Grass, Martin Walser und Wim Wenders, Bundeskanzlerin Angela Merkel in einem offenen Brief zum schnellen Eingreifen aufgefordert. Für die acht steht nichts Geringeres als „der Ruf unseres Landes als Kulturnation“ auf dem Spiel. „Wir befürchten, dass der bisher nicht gestoppte Frevel an einem einzigartigen Kulturerbe wie dem des Dresdner Elbtals vieles von diesem Ansehen zunichtemacht“, schreiben sie.

Umsonst. Mit Blick auf die Kaufbegründung vor 100 Jahren hätten sich die Dresdner die aktuelle Begründung selbst geben können: „Die Elbwiesen bilden hier eine nahezu hindernisfreie Auenfläche mit nur wenigen eingestreuten Bäumen, wodurch sich inmitten der Großstadt Dresden ein einmaliger Eindruck landschaftlicher Weite ergibt, die nur dort zur Wirkung kommen kann, wo sie nicht unmittelbar an Grenzen stößt. Dieses eindrückliche Landschaftserlebnis wird durch die bogenförmige Krümmung des Talraums verstärkt, weil die baulichen Konturen der benachbarten Ortsteile in den Hintergrund treten und sich der Eindruck von unendlicher Landschaft ergibt.“ Genau dieses Erlebnis macht der Brückenklotz zunichte.

Die Reaktionen fielen entsprechend aus. Bundesbauminister Wolfgang Tiefensee (SPD) sprach im SPIEGEL von einem „schwarzen Tag für Dresden und die Kulturnation Deutschland.“ Er bedaure sehr, dass es dazu gekommen sei. Es sei mehr als genug Zeit für Sachsen und die Stadt Dresden gewesen, mit der UNESCO zu einem Kompromiss zu gelangen. Schon eine grundsätzlich andere Brückenlösung hätte genügt, kritisierte Tiefensee. Die Stadt Dresden müsse nun beweisen, „dass ihr Bekenntnis zu diesem Kulturdenkmal nicht nur ein Lippenbekenntnis war.“ Kulturstaatsminister Bernd Neumann (CDU) hob im selben Blatt ebenfalls den Zeigefinger:

„Ich kann daher nur an Länder und Kommunen appellieren, die UNESCO bei Bauvorhaben rechtzeitig zu informieren und zu beteiligen. Dann können bereits im Vorfeld Konflikte entschärft werden“.

Waldschlößchenbrücke: Einweihung. Quelle: https://www.golocal.de/media/bdf63aec3198a44e042c566e6a6edcd4/700/5db961317e633da9.jpg

Waldschlößchenbrücke: Einweihung. Quelle: https://www.golocal.de/media/bdf63aec3198a44e042c566e6a6edcd4/700/5db961317e633da9.jpg

Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier sagte der Sächsischen Zeitung: „Die Entscheidung des Welterbekomitees ist keine gute Nachricht.“ Auch die Deutsche UNESCO-Kommission hat die Streichung des Dresdner Elbtals von der Welterbeliste bedauert. „Die Entscheidung kommt leider nicht völlig überraschend. Ich hätte mir sehr viel mehr Offenheit auf beiden Seiten für eine Veränderung der Brückenpläne gewünscht“, erklärte Präsident Walter Hirche (FDP), im SPIEGEL. Der sächsische Staatssekretär im Bundeswirtschaftsministerium, Jan Mücke (FDP), entblödete sich dagegen nicht, den Beschluss mit dem Ausruf „Dresden ist Welterbe der Herzen“ zu feiern.

„Auszeichnung für ganz Schleswig-Holstein“

Ganz anders dagegen ging das Gremium auf derselben Sitzung mit dem deutsch-niederländischen Gemeinschaftsantrag um, das Wattenmeer zum Welterbe der Menschheit erklären zu lassen. Dazu gehören das niederländische Wattenmeer-Schutzgebiet sowie die deutschen Wattenmeer-Nationalparks in Niedersachsen und Schleswig-Holstein: mehr als 9500 Quadratkilometer. Das Komitee würdigte das Gebiet „als eines der größten küstennahen und gezeitenabhängigen Feuchtgebiete der Erde“. Es sei ein einzigartiges Ökosystem mit einer besonderen Artenvielfalt.

„Die Entscheidung des Komitees, den einzigartigen Wert des Wattenmeers als Welterbe anzuerkennen, verleiht den Bemühungen um die weltweite Vernetzung von Kultur- und Naturerbe neuen Auftrieb“, sagte nun Hirche. Der einzigartige Lebensraum stand nun auf einer Stufe mit Naturwundern wie dem Great Barrier Reef vor Australien, dem Grand Canyon in den USA, den Galapagos-Inseln vor Ecuador oder dem Serengeti-Nationalpark im afrikanischen Tansania.

„Das ist eine Auszeichnung für ganz Schleswig-Holstein“, sagte Ministerpräsident Peter Harry Carstensen (CDU) in Kiel. „Die Anerkennung ist eine große Ehre für die Länder an der deutschen Nordseeküste sowie ein Meilenstein und Ansporn für die gemeinsamen internationalen Bemühungen für den Schutz des Wattenmeeres.“ Für Niedersachsens Umweltminister Hans-Heinrich Sander (FDP) wurde mit der UNESCO-Entscheidung der Einsatz der Wattenmeeranrainer zum Schutz dieses einzigartigen und faszinierenden Lebensraumes honoriert.

„Naturschutz hat bei uns eine Tradition, die annähernd 100 Jahre zurückreicht. Mit der Anerkennung nehmen wir den Auftrag an, dieses Erbe auch für die folgenden Generationen zu erhalten.“

Dass der eine Ministerpräsident die Küste pars pro toto für das ganze Land sprechen lässt, während der andere seine Landeshauptstadt quasi separiert, lässt auf Unterschiede zwischen Ost und West schließen, die 20 Jahre nach der Einheit immer noch deutlich zutage traten. Und anders als die Sachsen brauchten die Nordländer immerhin 18 Jahre vom Bewerbungs- bis zum Anerkennungsbeschluss. Das lässt auf die Richtigkeit der Volksweisheit „Gut Ding will Weile haben“ schließen – in Dresden war es offenbar ein Schlecht Ding.

Welterbe Wattenmeer. Quelle: https://www.wattenrat.de/wp-content/uploads/2010/12/Welterbe-Schild.jpg

Welterbe Wattenmeer. Quelle: https://www.wattenrat.de/wp-content/uploads/2010/12/Welterbe-Schild.jpg

Das Beispiel Dresden zeige aber auch, dass man den Schutz dieses Welterbes nicht leichtfertig gefährden dürfe, sagte Sander weiter. Das lässt auf die Rolle von Demut sowie des Schutzgedankens schließen; eine Rolle, die Eigenschaften wie Selbstverliebtheit, ja Hochnäsigkeit in ihre Schranken wies – andernfalls hätte ja ein Dialog mit der UNESCO, ja ein wie auch immer gearteter Kompromiss zustande kommen können, wie Tiefensee und Naumann konsensual monierten. Vielleicht zeigt der parallele Vorgang aber auch einfach, dass die Dresdner ihre identifikative Sonderrolle schon damals etwas überstrapazierten. Daran hat sich bis heute, leider, wenig geändert.

Derzeit versuchen die Dresdner übrigens wieder, auf die deutsche Vorschlagsliste für neue UNESCO-Welterbestätten zu kommen: mit dem Gartenstadt-Ensemble Hellerau als „Laboratorium einer neuen Menschheit“. Das Unterfangen, als aussichtslos eingeschätzt, wurde schon 2014 von der Kultusministerkonferenz zurückgewiesen. Ganz anders dagegen der Antrag der Montanregion Erzgebirge/Krušnohoří, der zum Stichtag 1. Februar 2018 im Welterbezentrum in Paris vorlag, wie das Gremium mitteilte. Das Welterbekomitee wird voraussichtlich noch diesen Sommer über eine Aufnahme in die Welterbe-Liste entscheiden. Sollten die Dresdner nicht bleibende Imageschäden für Sachsen hinterlassen haben, könnte der Antrag sogar erfolgreich sein.

Allein ihre Herkunft bietet genug Stoff, diese Frau mit wilden, verbrecherischen und leidenschaftlichen Zügen zu malen. Im freizügigen Rom der Renaissance war es zwar keine Seltenheit, dass kirchliche Würdenträger Kinder zeugten. Man nannte sie beschönigend „nipoti“ (Neffen) – sie verkehrten im Vatikan und bereicherten die Sprache durch den neuen Terminus „Nepotismus“ (Günstlingswirtschaft): Die Geistlichen vergaben an sie Pfründe oder Kardinalstitel. Wie wild es aber Kardinal Rodrigo Borgia aus dem spanischen Valencia trieb, dessen Familie mit seinem Onkel Calixtus III. bereits einen Papst gestellt hatte, stellte alles in den Schatten, was der skandalträchtige Vatikan bislang erlebte: Er zeugte mit mehreren Frauen zehn Kinder und führte damit jedes Zölibat ad absurdum.

Seine Favoritin Vanozza de’ Cattanei, eine nicht mehr junge und durchaus vermögende Herbergswirtin, gebar ihm allein vier Nachkommen: Cesare, Juan, später noch Jofré – und am 18. April 1480 die Tochter Lucrezia. Anfangs von Nonnen eines dominikanischen Frauenklosters unterrichtet, verbrachte sie ihre frühe Kindheit vermutlich bei ihrer Mutter und wurde mit acht Jahren ins Haus von Adriana de Mila geschickt, einer Cousine ihres Vaters, um dort einen adligen Schliff zu bekommen. Sie wird von Privatlehrern in Latein, Griechisch, Malen, Musik, Tanz und im Schmieden von Versen unterrichtet und am Ende Italienisch, Spanisch und Französisch sprechen.

Lucrezia Borgia. Quelle: https://www.onthisday.com/images/articles/lucrezia-borgia.jpg

Rodrigo Borgia, der diese vier Kinder über alles liebte und oft besuchte, war vernarrt in seine überaus hübsche Tochter, die sich später als Erwachsene wie ihr Vater als charmant, hochintelligent, beredt und diplomatisch geschickt erwies. Gleichwohl verstand er unter ihrem Glück nur das, was der Familie nützte. Oder, wie Ferdinand Gregorovius, einer ihrer Biographen, schrieb: „Wenn sie nicht seine Tochter und die Schwester Cesares gewesen wäre, so würde sie kaum in der Geschichte ihrer Zeit bemerkt worden sein … Doch in den Händen ihres Vaters und Bruders wurde sie das Werkzeug und auch das Opfer von politischen Berechnungen, welchen sie Widerstand entgegenzusetzen kaum die Kraft besaß.“

„ihr Hals ist schlank und schön“

Denn bei aller Bildung lautet auch in der Renaissance die Faustregel: Frauen sollen mit ihrem Wissen niemals die Männer überflügeln und früh eine für ihre Familie politisch vorteilhafte Ehe eingehen. So wurde Lucrezia bereits mit 10 Jahren mit dem Grafen von Oliva, Don Cherubin de Centelles, verlobt. 1491 löste ihr Vater diese Verbindung jedoch, um seine Tochter im selben Jahr per procurationem mit dem Grafen Gasparo von Procida und Aversa zu verheiraten. Bevor diese Ehe aber körperlich vollzogen werden konnte, wurde sie schon im selben Jahr mit päpstlichem Dispens wieder gelöst.

Denn am 10. August 1492 hatte das Kardinalskollegium Borgia zum Papst gewählt – hohe Bestechungssummen sollen zuvor geflossen sein. Der neue Pontifex nannte sich Alexander VI. und erklärte seine unehelichen Kinder für legitim – ein Novum. Die blonde Lucrezia, schon halbwüchsig eine Schönheit, diente dem Papst als Lockmittel für seine politischen Pläne, in Italien ein Borgia-Reich zu errichten: Angeblich wird sie einem Kardinal als „Belohnung“ für seine Stimmabgabe überlassen. Bereits 1493 wird sie mit Giovanni Sforza aus der mächtigen Mailänder Herzogsfamilie verheiratet, die Alexanders Papstwahl unterstützt hatte. Der bei seinen Untertanen reichlich unbeliebte Sforza wollte angeblich nichts von einer Aufnahme der ehelichen Beziehungen mit seiner erst 13-jährigen zweiten Frau wissen; die Ehe wurde 1497 für ungültig erklärt, weil Sforza zeugungsunfähig sei.

Tatsächlich war er, der schon am Tod seiner ersten Frau durch Misshandlung nicht ganz unschuldig gewesen sein soll, in ein Mordkomplott gegen ihren zweiten Bruder Juan Borgia verwickelt. Gerüchte besagen, auch Lucrezia habe dabei mitgewirkt. Hintergrund war das äußerst innige Verhältnis zu ihrem Bruder Cesare, der Juan als Konkurrent um die Gunst des päpstlichen Vaters beseitigen ließ. Im Zuge der erzwungenen Scheidung erkennt Biograf Volker Reinhardt in Lucrezia eine ungewöhnliche Charakterstärke. Sie zog sich gegen den Willen ihres Clans in ein Kloster zurück: „Alle Indizien deuten darauf hin, dass ihr die stetig zunehmende Gewalt der Familie und die immer krasseren Normenübertretungen und Tabubrüche zuwider waren.“

Cesare Borgio. Porträt von Dosso Dossi, ca. 1518. Quelle: https://i.pinimg.com/474x/9f/27/89/9f27899c1d22ed7e093e83cd6e4d5d8e–the-borgias-self-portraits.jpg

Problematisch war allerdings Sforzas spätere Behauptung, seine Ehe wäre nur unter Druck und nur aufgelöst worden, damit ihr päpstlicher Vater und ihr Bruder Cesare ungestört Blutschande mit Lucrezia treiben könnten. Diese Behauptung, aufgestellt von einem im Stolz verletzten Manne, sollte Lucrezia bis zu ihrem Tode und weit darüber hinaus verfolgen. Nahrung erhielt sie noch im selben Jahr: Lucrezia soll eine Affäre mit Perotto, einem Kämmerer ihres Vaters, gehabt und im Geheimen ein Kind namens Giovanni zur Welt gebracht haben.

Prompt sprießen Gerüchte, dass das Kind aus einer Inzest-Verbindung mit ihrem Bruder Cesare oder gar ihrem Vater entstanden sei – zwei päpstliche Bullen legen das nahe, nicht aber ihre Mutterschaft. Lucrezias Biografin Maria Bellonci weist das zurück und erklärt das Geheimnis dieser Liebe sowie diese Geburt zum einschneidendsten Ereignis in ihrem Leben: „Es hat ihren Geist und Charakter wesentlich geformt“. Ihr Lieblingsbruder Cesare, den kein geringerer als Niccolo Machiavelli zum Inbegriff des grausamen Renaissance-Fürsten stilisiert hat, soll den Kindsvater erstochen haben.

Monatelang zurückgezogen

Legendenumwittert ist auch ihre 1498 geschlossene nächste Ehe mit dem 17-jährigen Don Alfonso, einem unehelichen Sohn von König Alfonso II. von Neapel. Lucrezia, die sich nun Herzogin von Bisceglia nennen durfte, war entzückt von ihrem mittlerweile dritten Gatten, der als einer der schönsten Männer Italiens galt. Und auch Alfonso soll sich sofort in seine schöne und charmante Gemahlin verliebt haben. Der Gesandte Niccolò Cagnolo aus Parma beschrieb sie: „Sie ist von mittlerer Größe und anmutiger Gestalt, ihr Gesicht ist eher lang, die Nase schön geschnitten, das Haar golden, die Augen haben keine besondere Farbe, ihr Mund ist ziemlich groß, die Zähne sind strahlend weiß, ihr Hals ist schlank und schön, ihr Busen bewundernswürdig geformt. Immer ist sie fröhlich und lächelt.“

Am 1. November 1499 gebar Lucrezia in Rom einen Sohn, der den Namen Rodrigo erhielt und nur dreizehn Jahre alt wurde. Das Glück endete, als Alexander VI. sich mit dem französischen König Ludwig XII. verbündete, einem Feind seines Schwiegersohns: Am 15. Juli 1500 wurde Alfonso auf der Straße überfallen und schwer verletzt. Lucrezia und seine Schwester Sancia pflegten ihn gesund. Als er wieder aufstehen konnte, schoss er mit Pfeil und Bogen auf seinen Schwager Cesare, den er als Anstifter des Anschlags verdächtigte. Er verfehlte ihn, und der Angegriffene ließ ihn daraufhin erwürgen. Der Kurien-Zeremonienmeister Johannes Burckard notierte trocken: „Da Alfonso sich weigerte, seinen Wunden zu erliegen, wurde er um vier Uhr nachmittags erdrosselt.“

Die Botschafter verbreiten diesen ungeheuerlichen Skandal in ganz Europa. Nun ist auch der Papstpalast entweiht, der Vatikan zum blutbesudelten Tatort geworden. Nichts unterscheidet ihn mehr von einem weltlichen Fürstenhof. Lucrezia soll den Mord mehr oder weniger miterlebt haben. Völlig verzweifelt, da sie Vater und Bruder ebenso liebte wie ihren Mann, zog sie sich monatelang in den Palast von Nepi zurück. Vor Weihnachten kehrte sie jedoch wieder zu ihrer Familie zurück, die ihr über ihren Kummer hinweghelfen wollte, indem sie unzählige aufwendige Spiele und Tanzveranstaltungen arrangierte.

Cornelis van Haarlem: Vor der Sintflut (1615). So stellte sich ein Maler des 17. Jahrhunderts ein Bankett mit gleichzeitiger Orgie vor. Quelle: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/c/c4/Cornelis_van_Haarlem_Before_the_Deluge.jpg

Eine davon, das von Cesare veranstaltete „Kastanienbankett“ vom 31. Oktober 1501 im Apostolischen Palast, goss wiederum Wasser auf die Mühlen der „femme fatale“-Verfechter. Nach Burckards Schilderung sollen „50 ehrbare Dirnen“ nach dem Mahl zuerst mit den Dienern und den anderen Anwesenden nackt getanzt und dann auf den Boden gestreute Kastanien „auf Händen und Füßen zwischen den Leuchtern durchkriechend“ aufgesammelt haben, wobei der Papst, Cesare und seine Schwester anwesend waren. Schließlich seien Preise ausgesetzt worden „für die, welche mit den Dirnen am öftesten den Akt vollziehen könnten“. Von einer Beteiligung Lucrezias an der Orgie ist nirgends zu lesen, dennoch steht diese Szene im Mittelpunkt vieler Pornoadaptionen ihres Lebens.

Die einundzwanzigjährige mehrfach geschiedene Witwe soll sich nun ihren vierten Gatten angeblich selbst ausgesucht haben – ihr Vater, in dessen Blick sie inzwischen ihren höchsten Marktwert erreicht hat, wollte ihr nach der Ermordung Alfonsos jeden Wunsch erfüllen, und aus politischen Gründen konnte das Geschlecht des Erwählten zur Sicherung der Romagna, einem bedeutenden Kirchenlehen, das für Cesar in ein Herzogtum umgewandelt werden sollte, sehr wichtig werden. Warum ihre Wahl auf den arroganten und kaltherzigen, vier Jahre älteren Alfonso d’Este fiel, ist nicht bekannt.

Während alle Zeitgenossen von ihrer Schönheit, Klugheit und ihren angenehmen Umgangsformen schwärmten, hielten sie Alfonso für undurchsichtig, rachsüchtig und gefühlskalt. Er galt als sachverständiger Kenner allen Militärwesens, zumal des ballistischen, besonders des Geschützgusses. Vielleicht war Lucrezia von seiner großen, stattlichen Erscheinung beeindruckt. Ihr Ruf war durch das Wüten des Cesare und die Ausschweifungen des Papstes aber schon so geschädigt, dass der deutsche Kaiser Maximilian I. Einspruch gegen diese Eheschließung erhob.

Als Unternehmerin tüchtig

Nach einem monatelangen Kampf um den Ehekontrakt und der Heirat am 30. Dezember 1501 verabschiedete sich Lucrezia endlich am 6. Januar 1502 von ihrem vom Abschiedsschmerz gezeichneten Vater und ihrem erst 14 Monate alten Sohn Rodrigo, den sie nicht mit in ihre neue Ehe nehmen durfte und nie wieder sehen sollte. Ihr Zug nach Ferrara soll aus insgesamt 660 Pferden und Maultieren und 753 Personen bestanden haben, darunter Köche, Sattler, Kellermeister, Schneider und ein Goldschmied. Ihr Vater zwang alle Kardinäle zum Ehrengeleit bis ans Stadttor.

Lucrezia als Herzogin von Ferrara mit ihrem ältesten Sohn Ercole, Silberstich 1512. Quelle: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/0/0c/Lucrezia-Borgia-with-son-Ercole.jpg/640px-Lucrezia-Borgia-with-son-Ercole.jpg

Die Ehe erwies sich als Glücksfall. Der Herzog erlaubte ihr weitgehende Freiheiten. Sie betätigte sich als Kunstmäzenin, förderte den jungen Maler Tizian und den Gelehrten Aldus Manutius. Als erste europäische Stadt erhielt Ferrara einen festen Theaterbau. Der Dichter Ludovico Ariosto („Orlando furioso“) besang die neue Herrin Ferraras in schwelgerischen Versen: „Alle anderen Frauen gleichen Lucrezia wie das Zinn dem Silber, das Kupfer dem Gold, die Mohnblume der Rose, die bleiche Weide dem immergrünen Lorbeer“. Ihr dichtes blondes Haar soll bis kurz vor ihrem Tod bis zu den Knien gereicht, ihre haselnussbraunen Augen oft die Farbnuancen geändert haben.

Überdies war Lucrezia jetzt auch als Unternehmerin tüchtig, erwarb in Norditalien scheinbar wertloses Sumpfland, das sie mithilfe von Entwässerungsgräben und Kanälen trockenlegen ließ, um bis zu 20.000 Hektar kostbares Weide- und Ackerland zu erlangen, mit dem große Gewinne erwirtschaftet wurden. Zudem betraute sie ihr Vater mehrmals mit den Geschäften des Vatikans. Berthold Seewald seufzt in der WELT: „Tiefer, so wird es wohl den Kirchenfürsten erschienen sein, konnte der Vatikan nicht mehr sinken. Eine strahlend schöne Frau und Mutter, von der es hieß, sie feiere mit ihrer Familie Orgien, und deren Bruder eine einzige Blutspur hinterließ, leitete das Konsistorium der Kardinäle. Aus frivolen Fantasien und abgrundtiefem Hass wurden Gerüchte mit dem Segen der Kirche.“

Derweil begann der Stern der Borgias zu sinken: 1503 starb Alexander VI., sein Nachfolger Julius II. war ein vehementer Gegner der Familie. Lucrezia gebar nach siebenjähriger Ehe endlich den ersehnten Stammhalter, den späteren Herzog Ercole II., ein Vorfahr von Marie Antoinette. Ihr Verhältnis zu Männern blieb weiter tragisch. Als der Florentiner Humanist Ercole Strozzi Lucrezia 1508 ein freizügiges Gedicht widmete, wurde er wenig später ermordet aufgefunden. Wieder kursierten wilde Gerüchte über den verderblichen Einfluss der Dame Borgia. 1513 nahm sie der neue Papst Leo X. unter seinen persönlichen Schutz, quasi eine Ehrenerklärung. Auch Ehemann Alfonso d’Este stellte sich hinter sie. Doch ihr schlechter Ruf blieb haften, obwohl die nächsten Jahre ohne Skandal verstrichen.

Während ihrer Ehe mit Alfonso gebar sie insgesamt acht Kinder, von denen vier das Erwachsenenalter erreichten. Der amerikanische Bürgerkriegsgeneral P.G.T. Beauregard und die Schauspielerin Brooke Shields verzeichnen sie in ihrer Ahnentafel. Lucrezia erlitt, zunehmend religiöser und vergeistigter geworden, noch mehrere Fehlgeburten, bringt am 24. Juni 1519 als 39-Jährige wieder eine nicht lebensfähige Siebenmonatstochter zur Welt und erkrankt am Kindbettfieber. In der Nacht halten ihr die Ärzte ein letztes Mal eine Kerze vor den Mund. Die Flamme bleibt still.

„Frau von unergründlicher Schwermut“

Als Herzogin von Ferrara war Lucrezia von ihrem Volk sehr geliebt worden. Auch das Herz ihres Gatten hatte sie im Laufe ihrer Ehe erobert. So schrieb Alfonso seinem Neffen nach ihrem Tod „Und nicht ohne Tränen kann ich dies schreiben, so schwer wird es mir, mich einer so lieben und süßen Gefährtin beraubt zu sehen, denn das war sie mir durch ihre guten Sitten und die zärtliche Liebe, die zwischen uns bestand.“

Weil Lucrezia aber ebenso schön wie mächtig war, blühten Fantasien von einer betörenden Hexe, einer Giftmischerin, Intrigantin und zügellosen Nymphomanin. Im Laufe der Jahrhunderte verzerrte sich ihr Bild zum Inbegriff der skrupellosen Femme fatale, die splitternackt vor ihrem Vater und dem vatikanischen Hof tanzt, stets einen vergifteten Ring am Finger trägt, um sich aller Feinde rasch entledigen zu können, und die an ihrem Hof wüste Orgien feiert. Es ist ein Ruf, der bis dato über sie verbreitet wird. Schon Victor Hugo widmete der Papsttochter 1833 ein Drama, das Gaetano Donizetti zu einer Oper verarbeitete, in der Lucrezia als lustvoll-tragische Giftmischerin bis heute die Bühnen der Welt beherrscht – in „Assassin’s Creed: Brotherhood“ selbst die virtuelle Bühne eines Computerspiels.

Grab der Eheleute. Quelle: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/a/a6/02_Corpus_Domini_Ferrara_-Sala_del_Coro_o_sala_delle_ClarisseTombe_estensi.jpg/800px-02_Corpus_Domini_FerraraSala_del_Coro_o_sala_delle_Clarisse-_Tombe_estensi.jpg?1558777546307

Bellonci meint zwar 1939 nach Auswertung aller überlieferten Quellen, die wahre Persönlichkeit der Lucrezia Borgia herausgearbeitet zu haben – als eine Frau „von unergründlicher Schwermut, hineingestellt in düstere Tragödien ihrer eigenen Familie, aber von hoher Intelligenz und mit einer kraftvollen Natur versehen“. Umsonst. Hollywood hat ihr Schicksal zahlreich verfilmt – bis zu Francis Ford Coppolas „Pate“-Trilogie, die die Geschichte des Hauses Borgia zum Vorbild genommen hat, wie Mario Puzo sie aufschrieb. Und 2011 konkurrierten in Deutschland gleich zwei Fernsehserien um die Deutungshoheit in Sachen Borgia. Die zeitlich erste, eine ZDF-Produktion, die sich mit einem Etat von 25 Millionen Euro brüstete, brachte es auf sage und schreibe 157 Liter Filmblut.

Im Dezember 1976 ließ die SED im Sitzungssaal des Roten Rathauses in Berlin die Dichter Sarah Kirsch, Jurek Becker und Gerhard Wolf von den Genossen im Schriftstellerverband aus der Partei werfen. Das Vergehen: Sie hatten, zusammen mit neun weiteren Kollegen, in einem offenen Brief an die Parteiführung gegen den Rausschmiss des Liedermachers Wolf Biermann aus der DDR aufgemuckt. Am 7. Juni 1979 schlug die SED am selben Ort zum zweiten Mal zu. Über fünf Stunden, zeitweilig mit tumultartigen Szenen, dauerte die Mischung aus Parteiverfahren und Schauprozess. Am Ende wurden gleich neun renitente Literaten per Mehrheitsbeschluss aus dem Schriftstellerverband SSV entfernt.

Die Begründung: Sie seien „vom Ausland her gegen unseren sozialistischen Staat, die DDR, die Kulturpolitik von Partei und Regierung und gegen die sozialistische Rechtsordnung in verleumderischer Weise“ aufgetreten. Die wirklichen Vergehen der Gefeuerten: Die Romanciers Stefan Heym und Rolf Schneider hatten ohne Erlaubnis der ostdeutschen Zensurbehörde in der Bundesrepublik systemkritische Bücher veröffentlicht, ihre Kollegen Joachim Seyppel und Karl-Heinz Jakobs – aus Mangel an DDR-Gelegenheiten ebenfalls im Westen – die Pressionen gegen missliebige Autoren kritisiert.

Stefan Heym. Quelle: https://www.mz-web.de/image/5024566/2x1/940/470/e45e77e175dfc48b7a32cf1dd4c72eae/UQ/ges-ku-heym-09102011-71-52734759-jpg.jpg

Stefan Heym. Quelle: https://www.mz-web.de/image/5024566/2x1/940/470/e45e77e175dfc48b7a32cf1dd4c72eae/UQ/ges-ku-heym-09102011-71-52734759-jpg.jpg

Die anderen fünf – die Erzähler Kurt Bartsch, Klaus Poche, Klaus Schlesinger, Dieter Schubert und der Lyriker Adolf Endler – kamen wegen eines Briefs an Erich Honecker zu Fall, in dem der SED-Chef im Mai nachlesen konnte, was die Schreiber von seiner Kulturpolitik halten: „Immer häufiger wird versucht, engagierte, kritische Schriftsteller zu diffamieren, mundtot zu machen oder, wie unseren Kollegen Stefan Heym, strafrechtlich zu verfolgen.“ Bei den Verfassern des Protestbriefes an Honecker fehlten beim Ausschlussverfahren die Namen Jurek Becker, Martin Stade und Erich Loest. Becker und Stade hatten bereits 1977 bzw. 1978 den SSV verlassen, und Loest gehörte dem Leipziger Verband an. Er trat 1980 aus und verließ ein Jahr später die DDR. Die Bannbullen gehören nicht nur durch den Ort, sondern auch in der Sache zusammen: Nach einer erfolglosen Phase der Befriedung ihrer seit der Biermann-Vertreibung aufgestörten Kulturszene geht die SED erneut und diesmal endgültig gegen ihre intellektuellen Abweichler vor.

„Der öffentliche Meinungsstreit findet nicht statt“

Die 1928 von Friedrich Wolf gehaltene Rede „Kunst ist Waffe“ umreißt die starke Politisierung der Kunst und vor allem der Literatur im Bund proletarischer Schriftsteller, die später auch der Kulturpolitik der SED in der DDR als Grundlage diente. Dabei gelangte die Literatur aufgrund funktionaler Überfrachtung rasch an ihre Grenzen: Unterhaltung, Reflexion sozialer Verhältnisse, Verständnis gesellschaftlicher Zusammenhänge, Vermittlung von Lehren (wie Brecht forderte), Widerspiegelung der Wirklichkeit mit künstlerischen Mitteln, ja ideologisch motivierte Klassenauseinandersetzung – musste (oder durfte) dabei die kritische Konfrontation mit der Realität auf der Strecke bleiben?

Das ehrliche Nachdenken über Probleme stand in unlösbarem Widerspruch zum „sozialistischen Realismus“ und erhielt zunehmend schneller ein staatsfeindliches Etikett. Seit der Biermann-Affäre und den nachfolgenden Protesten vieler DDR-Literaten musste die SED befürchten, dass ihr die Kontrolle über die Literatur-Szene entglitt. Damals begann die Partei, das ganze Arsenal staatlicher Repressionsmacht einzusetzen: Zensur, Publikationsverbot, Organisationsausschluss, ideologische Kampagnen, Ausbürgerung, Stasi-Verfolgung, Verhaftung – ein gestaffeltes, genau kalkuliertes Instrumentarium von Sanktionen. Die Folge: Viele Schriftsteller verließen notgedrungen das Land, darunter Reiner Kunze, Sarah Kirsch, Thomas Brasch oder Jürgen Fuchs.

Schädlich, Biermann, Fuchs. Quelle: https://www.bpb.de/cache/images/3/224713-3x2-article620.jpg?AE82E

Schädlich, Biermann, Fuchs. Quelle: https://www.bpb.de/cache/images/3/224713-3x2-article620.jpg?AE82E

Zur Abschreckung wurde auch das Devisengesetz strikter ausgelegt: Wer ohne Einwilligung des Büros für Urheberrechte im Ausland veröffentlichte, wurde wegen Devisenvergehens mit hohen Geldstrafen belegt, so Heym für den Roman „Collin“ mit 9.000 Mark – er wurde gar als „ehemaliger US-Bürger“ diffamiert. Ebenso wurde das Strafrecht verschärft: Der Paragraph 219 besagte unter anderem, dass zu bestrafen ist, „wer als Bürger der Deutschen Demokratischen Republik Nachrichten, die geeignet sind den Interessen der Deutschen Demokratischen Republik zu schaden, im Ausland verbreitet oder verbreiten lässt.“ Damit konnte jede kritische Auslandsveröffentlichung sanktioniert werden.

Doch viele Autoren zeigten nach der Biermann-Ausbürgerung, dass sie nicht bereit waren, auf die Öffentlichkeit zu verzichten, die ihnen die westlichen Medien boten. Im Protestbrief vom Mai heißt es prompt: „Der öffentliche Meinungsstreit findet nicht statt. Durch die Kopplung von Zensur und Strafgesetzen soll das Erscheinen kritischer Werke verhindert werden.“ Da das Schreiben in der DDR totgeschwiegen wurde, unterrichteten die Briefunterzeichner Tage später die westdeutsche Presse darüber. Mit der Verzögerung wollten sie der DDR-Regierung Verhandlungsbereitschaft signalisieren und den Verdacht vermeiden, über die Westmedien mit der DDR-Regierung zu diskutieren.

Die Reaktion kam ebenso prompt. Zunächst versicherte Dieter Noll, der mit „Die Abenteuer des Werner Holt“ ein sofort kanonisiertes Kriegsopus geschrieben hatte, in einem offenen Brief an Erich Honecker, dass „die Schriftsteller“ voll hinter der Partei und der Kulturpolitik der Regierung stünden –  mit der Ausnahme, dass es „einige wenige kaputte Typen wie die Heym, Seyppel oder Schneider“ gibt. Selbst der linksalternative Nobelpreisträger Heinrich Böll nannte den Noll-Text laut SPIEGEL eine „öffentliche Denunziation“.

Danach feuerte, wie Noll im SED-Blatt Neues Deutschland, SSV-Chef Hermann Kant eine volle Breitseite ab: „Wer die staatliche Lenkung und Planung auch des Verlagswesens Zensur nennt, macht sich nicht Sorge um unsere Kulturpolitik – er will sie nicht“, sagte er nur Stunden zuvor auf einer Tagung des SSV-Zentralvorstandes am 30. Mai 1979, auf der der Ausschluss der Aufmüpfigen vorbereitet wurde. So schnell waren Statements selten ins Blatt gehoben.

Hermann Kant. Quelle: https://www.ndr.de/nachrichten/mecklenburg-vorpommern/hermannkant112_v-contentgross.jpg

Hermann Kant. Quelle: https://www.ndr.de/nachrichten/mecklenburg-vorpommern/hermannkant112_v-contentgross.jpg

Der SSV spielte die tragende Rolle bei der indirekten „Lenkung und Planung“: Nur wer hier Mitglied war, bekam eine Steuernummer und konnte als freier Schriftsteller in der DDR arbeiten. Er musste sich allerdings zur „führenden Rolle der Arbeiterklasse und ihrer Partei in der Kulturpolitik“ bekennen. Wer von dieser Linie abwich, wurde in der Öffentlichkeit diffamiert, verlor die Möglichkeit zu veröffentlichen und damit seine Existenzgrundlage. Ergo stand das Ergebnis des Tribunals eine Woche später schon vorher fest: Heym wird süffisant erklären, er habe Verständnis für alle, die den Ausschluss gutheißen, es stünden ja Existenz und Privilegien auf dem Spiel.

„kann für diese Leute kein Platz sein“

Joachim Seyppel erregte gleich beim Eintritt Aufsehen: Er erschien, fünf Minuten zu spät, mit einem riesigen Rucksack bepackt, da er gleich nach dem zu erwartenden Ausschluss ins Wochenende aufbrechen wollte. Berlins SSV-Bezirkschef Günter Görlich gab vor fast 400 Mitgliedern, darunter vielen Funktionären, die Tonlage vor: „Wer sich, egal wo er ist, bewusst oder unbewusst, dem Klassenfeind zur Verfügung stellt, dient der Reaktion.“ Sein Erster Sekretär Helmut Küchler ging ins Detail: Er zählte penibel das Sündenregister der neun auf und warf den Angeklagten vor, sie hätten „nicht in zeitweiliger Verwirrung, sondern aus prinzipieller Haltung“ die „führende Rolle der Partei der Arbeiterklasse“ missachtet. „In den Reihen des Verbandes kann für diese Leute kein Platz sein.“

Folgsam stießen die Genossen nach. Puhdys-Texter und Stasi-IM Wolfgang Tilgner hat „nicht die Absicht, auf der Seite der moralischen Verlierer zu sein.“ Harald Hauser, für den „der gute Stefan Heym kein Antifaschist mehr ist“, gibt vor, dass ihn mit „jenen nicht mal mehr die Tatsache verbinde, dass sie auch Bücher schreiben“. Der Literaturwissenschaftler und Stasi-IM Werner Neubert bescheinigte dem einst zu sieben Jahren Zuchthaus verurteilten Loest: „Dieses Bautzen war das Resultat und die Konsequenz einer schon einmal sehr deutlich gegen uns gerichteten und organisierten Haltung.“

Erich Loest. Quelle: https://www.mz-web.de/image/23328824/2x1/940/470/ffd68f4ad4153cef29b3cfa23f393db6/Ge/71-92022660--erich-loest--1--17-11-2015-21-53-01-930-.jpg

Erich Loest. Quelle: https://www.mz-web.de/image/23328824/2x1/940/470/ffd68f4ad4153cef29b3cfa23f393db6/Ge/71-92022660--erich-loest--1--17-11-2015-21-53-01-930-.jpg

Doch die Angegriffenen gingen nicht zu der früher üblichen Übung der Selbstkritik über, sondern wehrten sich – auch wenn sie auf verlorenem Posten kämpften. Stefan Heym rief in den Saal: „Worum geht es? Nicht um Devisen oder ähnliches. Es geht um die Literatur. Der Schriftstellerverband, dafür ist er eigentlich da, müsste sich auf die Seite derer stellen, die sich bemühen, unsere Welt in ihrer Widersprüchlichkeit darzustellen und verständlich zu machen. Stattdessen lässt er Resolutionen drucken, die dem Apparat bescheinigen, wie Recht er hat, gerade diesen Teil der Literatur des Landes zu unterdrücken… wer die Kunst irgendwelchen taktischen Bedürfnissen unterwerfen will, vernichtet gerade die Kunst, die der Sozialismus braucht.“ Und er erinnerte mit einer biblischen Metapher daran, dass sich Menschen eines Tages erkundigen würden: „Wie habt ihr euch damals verhalten, Meister des Wortes, als es darauf ankam, sich zählen zu lassen?“

Während der Debatten bekam nur Stephan Hermlin großen Beifall – obwohl er schon ahnte, dass seine vermittelnde Position in der aufgeheizten Atmosphäre nicht mehr zeitgemäß war. Er kritisierte zwar Veröffentlichungen im Westen und den Hang einiger Schriftsteller, sich mehr mit Interviews und offenen Briefen zu beschäftigen als mit dem Schaffen von Literatur. Aber er sagte auch: „Wir haben eine lange Tradition im Nichtertragen anderer Meinungen und im Glauben daran, dass die eigene Meinung die Alleinseligmachende ist.“ Er plädierte für die Rückkehr zur Vernunft und die Unterbrechung des gegenseitigen Hochschaukelns dieses Konflikts: „Wenn Schriftsteller der DDR sich dort äußern, wo sie sich eigentlich nicht äußern sollten, so liegt es daran, dass sie sich oft nicht äußern können, wo ihnen das möglich sein müsste.“

Umsonst. Die Abstimmung war eine reine Formsache, öffentlich und nicht geheim, um später die Gegenstimmen zur Rechenschaft ziehen zu können: rund 50 waren es gerade mal, neben Hermlin auch Christa Wolf, Ulrich Plenzdorf und Günther de Bruyn. Enger und eindeutiger sollte die SED die Grenzen der Kritik in ihrer Kulturpolitik nie wieder definieren. Anschließend verabschiedete das Gremium mit „eindeutiger Mehrheit“ ohne Diskussion noch eine Ergebenheitsadresse an „die Genossen der Parteiführung“ zum 30. Jahr des DDR-Bestehens. Darin heißt es:

„An der Seite der Arbeiterklasse gehören wir zu den Siegern der Geschichte.“

National wie international galt der Ausschluss als Skandal, als schwerer Schlag für das Ansehen der DDR. Fünf der ausgeschlossenen Autoren verließen wenig später das Land. Die vier, die blieben, wie der nachmalige Bundestags-Alterspräsident Stefan Heym, mussten erhebliche Schikanen hinnehmen: Veröffentlichungen wurden verhindert, Bücher aus den Verlagsprogrammen gestrichen. Dieser Umgang mit den eigenen Autoren prägte das Bild von der DDR-Kulturpolitik bis zu ihrem Ende: selbst wer zum System stand, konnte in diesem Staat zum Feind werden. Das mutet heute makaber an.

Die Konfliktlinien zwischen Theatern und der AfD in Sachsen – unter diesem Titel führte der Journalist Michael Bartsch ein längeres, offenes Interview mit Karin Wilke (MdL) und mir zur Kultur-, speziell zur Theaterpolitik des AfD-Landesverbands und der Landtagsfraktion im Wahljahr. Allerdings sind nur wenige Aussagen des über einstündigen Gesprächs in den Text gelangt.

Den kompletten Artikel kann man hier nachlesen.

Aus meinem Text für den Tumult-Blog. Vollständig ist er hier nachzulesen.

… Letztlich wurde der Druck so stark, dass der Verein, leider auf unkluge Weise, kapitulierte. Am 31. Mai schloss der Vorstand erst Krause von der Teilnahme aus, weil seine öffentlichen Äußerungen „den ethischen Grundsätzen unseres Vereins“ widersprächen: „Wir können an dieser Stelle nicht mehr die Kunst vom Künstler trennen. Die Ereignisse der letzten Tage haben uns die politischen Dimensionen der Auswahl der Bilder Axel Krauses vor Augen geführt.“

Zugleich trat der Vorstand zurück und sagte am 1. Juni die 26. Leipziger Jahresausstellung vollständig ab, die vor dem Ersten Weltkrieg ursprünglich von Max Klinger und anderen Leipziger Künstlern gegründet und 1992 wiederbelebt worden war. Die Begründung dafür: „Die Ereignisse der letzten Tage haben zu dieser Entscheidung geführt. Der komplett ehrenamtlich arbeitende Verein sieht sich nicht in der Lage, einen Veranstaltungsablauf wie in den vergangenen 25 Jahren zu gewährleisten. Zudem ist Vereinsmitgliedern, ausstellenden Künstlern, Förderern und Besuchern die insbesondere in den letzten beiden Tagen stark politisierte und aufgeheizte Situation nicht zuzumuten“, heißt es in einer Pressemitteilung. „Politische Neutralität erweist sich in diesen Zeiten als unmöglich.“

Schade und sein Vorstand haben damit einen Kotau vor dem jakobinischen Kunstwächterrat der Messestadt vollzogen. Wer Axel Krause ausschließt, dann aus Feigheit vor den Konsequenzen dieses Ausschlusses zurücktritt und die Ausstellung absagt, beschädigt das Ansehen der Jahresausstellung, der Stadt Leipzig, der Kunstszene Sachsens und nicht zuletzt der Demokratie. Das ist unwürdig und bestätigt einmal mehr nicht allein die AfD, sondern alle, die vor linken Einschränkungen der Kunst- und Wissenschaftsfreiheit warnen. Krause selbst hatte bereits 2018 gegenüber anbruch zu bedenken gegeben, dass der Künstler unfreier werde.

„Volle Solidarität!“

Mit diesem Vorgang setzt sich eine missliche Reihe fort, die nicht erst mit der Tilgung des Gomringer-Gedichts „avenidas“ von der Fassade der Alice-Salomon-Hochschule in Berlin begann und in die aktuell auch die parallele Besetzung der Bibliothek der Dresdner Hochschule für Bildende Künste HfbK fällt, deren Leiterin Barbara Lenk für die AfD Meißen zum Kreistag kandidierte. Wenn gesinnungseifrige Kunststudenten fordern, dass Lenk umgehend ihre Arbeitsstelle an der HfBK oder ihre Aktivitäten im Zusammenhang mit der AfD aufzugeben habe, dann finden auch in diesem Fall Methoden Anwendung, die man seit 70, spätestens aber seit 30 Jahren für historisch ausrangiert gehalten hätte. Dass hier eine ihrerseits Parteilose betroffen ist, die bisher noch nicht einmal gewählt wurde, macht den Vorgang umso unbegreiflicher.

Quelle: Tumult-Blog

Die SPD änderte für das inzwischen parteilose Ex-CDU-Mitglied Frank Richter sogar die Parteisatzung, um ihn auf einen aussichtsreichen Landtags-Listenplatz zu hieven – diese Partei denkt über Enteignungen nach und hat kein Problem mit Antifa-Kooperationen. Andererseits wird das politische Engagement einer unbescholtenen Bürgerin für eine demokratische Partei, die in der Wählergunst inzwischen an der SPD mit Schwung vorbeigezogen ist, zu einer existenzbedrohenden Angelegenheit. Dass sich Rektor, Kanzler und Bibliothekskommissarin hinter Lenk stellten, tröstet dabei wenig. All diese Vorgänge lassen deutlich werden, wie sehr linksgrüne Umerziehung und neosozialistisches Moraldiktat in diesem Land inzwischen die Freiheit der Kunst, der Kultur und auch der Wissenschaft beeinträchtigen. …

„Es ist gewiss viel Schönes dran
am Element, dem nassen,
weil man das Wasser trinken kann!
Mann kann’s aber auch lassen“

Es sind genau diese semantischen Doppelbödigkeiten, für die ihn seine Fans jeden Alters bis heute feiern. Seine Ankündigung „noch’n Gedicht“ wurde ebenso zum geflügelten Wort wie sein Ausruf „Was bin heute wieder für ein Schelm“, sein Brillengestell aus braunem Celluloseacetat wird bis heute von einem Hamburger Optiker vertrieben, und ohne ihn sind weder Otto Waalkes noch die heutige „Comedy“-Szene denkbar: Heinz Ehrhardt. Am 5. Juni vor 40 Jahren starb der Schauspieler, Kabarettist, Komponist und Filmproduzent in Hamburg – nur vier Tage nach seiner Ehrung mit dem Bundesverdienstkreuz für sein Lebenswerk.

Er hatte noch viel mehr Witze, Gedichte und sogar Chansons und Klavierkompositionen geschrieben als angenommen. Im Nachlass fanden sich zunächst zahlreiche Klavierstücke aus der Zeit zwischen 1925 und 1931. 23 dieser Stücke wurden 1994 erstmals auf Tonträger veröffentlicht, die Noten dazu dann zu seinem 100. Geburtstag 2009. Seine Enkelin Nicola Tsyzkiewicz wurde im Sommer letzten Jahres erneut fündig und ließ ausgewählte, teils recht sentimentale Stücke von deutschen Prominenten – unter anderem von den „Tatort“-Kommissaren Axel Prahl und Wotan Wilke Möhring – einsingen und vorlesen. Die CD erschien im Herbst 2018.

Heinz Ehrhardt. Quelle: https://www.welt.de/img/regionales/hamburg/mobile100215943/7342504257-ci102l-w1024/hheinz02-DW-Hamburg-Hamburg-jpg.jpg

Heinz Ehrhardt. Quelle: https://www.welt.de/img/regionales/hamburg/mobile100215943/7342504257-ci102l-w1024/hheinz02-DW-Hamburg-Hamburg-jpg.jpg

Dabei begann seine erfolgreiche Karriere mit einer Geschichte, die ihm ein Schriftsteller nicht besser hätte auf den Leib schreiben können: Im Mai 1938 – Heinz Erhardt war 29 Jahre alt – ergatterte er in Berlin einen Termin bei Sperlichs Künstleragentur, die den Kabarettisten Peter Igelhoff an die Kaiserkrone in Breslau vermittelt hatte. Doch Igelhoff war erkrankt, so dass der Agentur eine Vertragsstrafe drohte, wenn nicht kurzfristig ein Ersatz beschafft würde. Dieser Ausfall Igelhoffs bescherte Erhardt einen Vertrag für mehrere Vorstellungen an der renommierten Kaiserkrone.

Die erste Vorstellung Erhardts war ein Desaster. Das Publikum buhte ihn aus und protestierte lauthals, denn sie wollten den bekannten Igelhoff sehen. Erhardt war sehr enttäuscht und blieb am Abend der zweiten Vorstellung – vielleicht aus Kummer – im Bett und verschlief beinahe. „Man fand mich schnarchend, rüttelte mich wach und scheuchte mich in die Kaiserkrone. Mir war alles egal. Und so schlich ich mich verschlafen, mit tieftraurigem Gesicht auf die Bühne und spulte mein Programm ab. Die Leute schrien vor Lachen.“ Erhardt hatte seinen Stil gefunden. Sein trotteliges Gesicht, der Schlafzimmerblick, seine scheinbar spontanen Einfälle waren von nun an seine Markenzeichen.

„also machte ich, dass ich fortkam“

„Es war an einem 20. Februar. Das Thermometer zeigte 11 Grad minus und die Uhr 11 Uhr vormittags, als vor unserem Haus das Hauptwasserrohr platzte. Im Nu war die Straße überschwemmt und im gleichen Nu gefroren. Die umliegenden Kinder kamen zuhauf, um auf ihren Schuhen schlittzulaufen. Ich selbst konnte mich an diesem fröhlichen Treiben nicht beteiligen, weil ich noch nicht geboren war. Dieses Ereignis fand erst gegen Abend statt.“ Genauer gesagt, 1909 in der lettischen Hauptstadt Riga, als Sohn des deutsch-baltischen Kapellmeisters Gustl Erhardt, muss man seine unvollendete Autobiographie ergänzen.

Seine Eltern trennten sich kurz nach der Geburt, so dass Heinz bei seinen Großeltern in Riga aufwuchs. Sein Großvater Paul führte eine Musikalienhandlung und ihn ans Klavierspiel heran. Außerdem leitete er eine Gastspieldirektion und holte viele berühmte Künstler in die Stadt, so dass der kleine Heinz auch dem berühmten Tenor Enrico Caruso die Hand schütteln konnte. Kurz bevor er eingeschult wurde, besann sich seine Mutter ihrer elterlichen Pflichten und „entführte“ ihren Sohn – wie er es später selbst formulierte – nach Sankt Petersburg. Heinz Erhardt konnte sich jedoch nicht eingewöhnen und litt so sehr unter Heimweh, dass er schließlich zu den Großeltern nach Riga zurückkehren durfte. „Sie waren so gut zu mir, dass es schon wieder schlecht war“, sagt er später.

Der junge Ehrhardt. Quelle: https://www.schauspielhannover.de/bilder/seiten/normal/1431504923_heinzerhardt5cerbengemeinschaftheinzerhardt.jpg

Der junge Ehrhardt. Quelle: https://www.schauspielhannover.de/bilder/seiten/normal/1431504923_heinzerhardt5cerbengemeinschaftheinzerhardt.jpg

Vier Jahre später musste er Riga erneut verlassen. Sein Vater war inzwischen ein angesehener Dirigent, der in ganz Deutschland Auftritte hatte, und nahm seinen Sohn bei sich auf. Heinz Erhardt bekam eine seriöse Musikausbildung, komponierte und dirigierte bereits als 13-Jähriger ein Freiluftkonzert von Haydns Kindersinfonie. Zwei Jahre später kehrte er schließlich wieder zu seinen Großeltern nach Riga zurück. Zu diesem Zeitpunkt hatte er sage und schreibe 15-mal die Schule gewechselt. „In der Schule war kein Fortkommen – also machte ich, dass ich fortkam.“ Er verließ das Rigaer Gymnasium ohne Abschluss und wollte professioneller Pianist werden.

Sein Großvater jedoch sah in ihm seinen Geschäftsnachfolger und schickte ihn in ein Leipziger Musikgeschäft, wo er eine kaufmännische Lehre begann. Statt Klaviere zu verkaufen, spielte er lieber selbst darauf und sang eigene Lieder dazu. Nebenbei studierte Erhardt am Konservatorium Klavier und Komposition. Nach dem Tod des Großvaters im Jahre 1929 übernahm sein Stiefvater das Geschäft, in dem Heinz Erhardt weiterhin für einen bescheidenen Lohn angestellt war. „Dann fing ich plötzlich an, Gedichte zu machen, und dann wurde ich eingeladen zu Onkeln und Tanten, zu Vereinen und da musste ich immer eins zum Besten geben. Dann hieß es immer: Heinz, nun noch mal was, und so schlitterte ich in diesen Beruf hinein“, beschreibt er seinen Karrierestart später, der ihn mit selbst komponierten und komischen Texten und Liedern auch in die Kaffeehäuser der Stadt und später in Programme der Reichssender Königsberg und Danzig führte.

1934 lernt er die Tochter des ehemaligen italienischen Konsuls in Sankt Petersburg Gilda Zanetti in einem Aufzug kennen und heiratet sie im Jahr darauf. Sie war die Liebe seines Lebens, die ihn 45 Jahre lang auf nahezu allen Wegen begleitete und ihn ermutigte, 1938 nach Berlin zu gehen und sein Glück als Schauspieler zu versuchen. Willi Schaeffers engagierte ihn am legendären Kabarett der Komiker, wo er seinen Durchbruch schaffte. 1941 wurde Erhardt zur Wehrmacht einberufen. Bei zwei Musterungen war er durchgefallen, bei der dritten kam er – als Nichtschwimmer und Brillenträger – nach Stralsund zur Kriegsmarine, die für das Marine-Musikkorps einen Klavierspieler suchte. So blieb ihm die Front erspart.

„Lampenfieber quälte ihn immer“

Seine Frau und die Kinder, insgesamt sollten es ein Sohn und drei Töchter werden, flohen über Polen und Schleswig-Holstein nach Hamburg, wo sich die Familie 1945 in Wellingsbüttel niederließ. Ehrhardt arbeitete zunächst als erfolgreicher Radiomoderator bspw. für die Sendung „So was Dummes“ beim NWDR, der ihn 1948 auch als Komponist mit seiner „10-Pfennig-Oper“ ins Programm nahm. Selbst die Engländer, deren Zensurbehörden jede seiner Sendungen im Voraus absegnen mussten, waren begeistert: „Sie sind der einzige Deutsche, über den wir lachen können, ohne dass wir ein einziges Wort verstehen!“ 1947 begann er, seine berühmten Erinnerungsalben zu führen: Dicke ledergebundene Wälzer mit Zeitungsartikeln, Fotos und privaten Notizen. Insgesamt hat er auf diese Weise 19 dicke Alben gefüllt.

Ehrhardt als "Wittwer". Quelle: https://www.cinema.de/sites/default/files/styles/cin_landscape_510/public/sync/cms3.cinema.de/imgdb/import/dreams2/1000/682/7/1000682799.jpg?itok=sQbHMD8E

Ehrhardt als "Wittwer". Quelle: https://www.cinema.de/sites/default/files/styles/cin_landscape_510/public/sync/cms3.cinema.de/imgdb/import/dreams2/1000/682/7/1000682799.jpg?itok=sQbHMD8E

Seine größten Erfolge feierte er ab Ende der 50er Jahre im Kino als Hauptfigur in Filmkomödien, darunter „Witwer mit fünf Töchtern“ (1957), „Der Haustyrann“ (1959) oder „Drei Mann in einem Boot“ (1961) gemeinsam mit Walter Giller und Hans-Joachim Kulenkampff. 39 Filme sind es am Ende. Parallel dazu beginnt Ehrhardts Theater-, Tournee- und Fernsehkarriere, für die er auch Paarnummern mit Peter Alexander, Rudi Carrell oder Udo Jürgens schrieb. Kaum eine große Abendshow kam damals ohne Ehrhardt aus. Das Multitalent begeistert mit Doppelsinnigkeiten, Wortverdrehung und -neuschöpfungen, mit Musik, Gestik und Mimik – ein Allroundtalent. Der beleibte Erhardt, schon rein optisch ein würdiger Exponent der damaligen „Fresswelle“, gilt als Humorist des Wirtschaftswunders.

Abseits der Scheinwerfer ist der „liebenswert-tapsige Underdog“, so Michael Wenk in der NZZ, eher schüchtern. Sein Sohn Gero berichtet im MDR: „Privat war er mehr still, sehr in sich gekehrt, introvertiert. Mein Elternhaus war ein Frauenhaushalt, Mutter, Großmutter, drei Schwestern. Davon zog sich dann mein Vater in seinen Wohnwagen im Garten zurück, arbeitete dort, bienenfleißig.“ Und er sagte auch:

„Leicht fiel ihm nichts, Lampenfieber quälte ihn immer. Jeder Bühnenauftritt war ein Kraftakt, an dessen Ende er völlig ausgelaugt, leer gepumpt war. Ein zutiefst einsamer Mann mit wenigen Freunden.“

Das Publikum liebte diesen ganz normalen, etwas spießigen und verklemmten Musterbürger, den pseudo-autoritären Typ, den er darstellte und zugleich bis aufs Bodenloseste lächerlich machte. Erhardts Dauer-Rolle: Der halb hilflose, halb durchgeknallte Dicke mit der Brille. Denn um sich die Angst vor dem Publikum zu nehmen, trug Heinz Erhardt auf der Bühne eine Hornbrille mit dickem Fensterglas, die seine Kurzsichtigkeit nicht korrigierte. Dadurch nahm er das Publikum nur verschwommen wahr und konnte damit sein Lampenfieber mildern. 1963 startete er im Fackelträger Verlag mit „Noch´n Gedicht“ auch eine Karriere als Buchautor.

Er war immer unterwegs. Seine Familie, allen voran die Kinder, sahen ihren Vater nur noch selten und erinnern sich in der ARD: „Im Grunde hat er eigentlich nur gearbeitet. Zum Beispiel, wenn wir zusammensaßen oder wenn wir Besuch hatten, dann war er plötzlich mal eine Weile verschwunden, dann saß er am Schreibtisch und hat irgendwas notiert (…). Er war immer mit den Gedanken bei seinem Beruf – immer.“ Ab Ende der 1960er Jahre verschlechterte sich sein Gesundheitszustand.

Ehrhardt mit Theo Lingen. Quelle: Ehrhardt mit Theo Lingen. Quelle: https://tackerfilm.de/wp-content/uploads/2017/11/heinz-erhardt-kabarett-klassiker-08.jpg

Ehrhardt mit Theo Lingen. Quelle: Ehrhardt mit Theo Lingen. Quelle: https://tackerfilm.de/wp-content/uploads/2017/11/heinz-erhardt-kabarett-klassiker-08.jpg

Jäh beendete dann ein Schlaganfall im Dezember 1971 seine Karriere. Die letzten siebeneinhalb Jahre seines Lebens war Heinz Erhardt halbseitig gelähmt. Ihm widerfuhr wohl mit das Schlimmste, was einem Sprachakrobaten wie ihm passieren kann: Er war nicht mehr fähig, auch nur ein einziges Wort zu sprechen – obwohl er jedes Wort verstand, das um ihn herum gesprochen wurde. Trotz Bühnenabstinenz bekommt der populäre Alleinunterhalter, der jetzt im Rollstuhl sitzt, noch immer tausende Briefe von seinen Fans. Von der 1972 veröffentlichten LP „Was bin ich wieder für ein Schelm“ wurden bis 1984 über 250.000 Exemplare verkauft; dafür gab‘s eine Goldene Schallplatte. Die LP erschien 1985 auch in der DDR und war dort ebenfalls ein großer Erfolg.

„steht er für Güte und Menschlichkeit“

Doch Ehrhardt kommt nochmal ins Fernsehen, für einen letzten großen Auftritt. Gemeinsam mit seinem Sohn Gero als Kameramann arbeitet er an der Fernsehfassung der komischen Oper „Noch ´ne Oper“, die Erhardt bereits in den 30er Jahren geschrieben hatte und die einen Tag nach seinem 70. Geburtstag im ZDF schließlich ausgestrahlt wurde. Viele berühmte Kollegen wie Paul Kuhn, Ilse Werner oder Helga Feddersen waren dabei. Seine Stimme wurde aus früheren Rundfunkaufnahmen hinzugemischt. In kurzen, eingeblendeten Szenen war er selbst als amüsierter Dichter in einem Park auf einer Bank sitzend zu sehen. Wochen darauf stirbt er und wird auf dem Hauptfriedhof Ohlsdorf in Hamburg beigesetzt.

Die Ehrhardt-Rezeption kommt danach erst richtig in Gang. Seit seinem Tod erschienen etwa im Zweijahresrhythmus neue LP/CD, darunter auch eine für Kinder. Vier Jahre nach seinem Tod zeigten die Kinos einen alten Erhardt-Film nach dem anderen: „Die Jugend rennt zu Erhardt“ titelten die Zeitungen und begründeten den Erfolg mit der zeitlosen Qualität seines Humors. Nach der Jahrtausendwende wurde die Grünanlage „Fasanenhain“ in Hamburg-Wandsbeck zum Heinz-Ehrhardt-Park, und die Kreuzung am Weender Tor in Göttingen, wo er als Verkehrspolizist Eberhard Dobermann in dem Film „Natürlich die Autofahrer“ (1959) den Verkehr regelte, zum Heinz-Ehrhardt-Platz.

Heinz-Ehrhardt-Platz. Quelle: Heinz-Ehrhardt-Platz. Quelle: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/9/9b/Heinz_Erhardt_Denkmal_G%C3%B6.jpg

Heinz-Ehrhardt-Platz. Quelle: Heinz-Ehrhardt-Platz. Quelle: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/9/9b/Heinz_Erhardt_Denkmal_G%C3%B6.jpg

2004 erhält Erhardt einen Stern im „Walk of Fame des Kabaretts“ in Mainz, 2007 kommt er bei der Wahl zum besten deutschsprachigen Komiker in der ZDF-Sendung „Unsere Besten – Komiker &Co.“ auf den zweiten Platz hinter Loriot. Der Kritiker Volker Bergmeister bestätigte diese Rangfolge 2010 in seiner Liste der zehn nachhaltigsten Comedians. Zeitlebens galt er als besser, aber nicht so arriviert und feinsinnig wie Loriot, der ihn überlebt: ein Komiker für die Kleinen statt ein Bajazzo für die Betuchten. John von Düffel schrieb das Theaterstück „Ich, Heinz Erhardt“ zum 100. Geburtstag des Komikers, aus demselben Anlass legte die Deutsche Post eine Sonderbriefmarke auf.

„Erhardts gemütvoll-sanfte Figuren sind der Gegenentwurf zum Klischee vom zackigen Deutschen. Selbst dort, wo er subalterne Repräsentanten der Obrigkeit darstellt, steht er für Güte und Menschlichkeit“, befindet Wenk und verweist gerade auf die Rolle des Finanzbeamten Willi Winzig, der in „Was ist denn bloß mit Willi los?“ (1970) ein großes Herz für kleine Steuersünder zeigt. Manche seiner Gedichte könne man auch dem Genre des schwarzen Humors zurechnen, so Kritiker, da sie auf subtile Weise um die Themen Vergeblichkeit, Vergänglichkeit und Tod kreisten. „Wer sich selbst auf den Arm nimmt, erspart anderen die Arbeit“, so ein Bonmot des Humoristen, der auch vor Kalauern nicht zurückschreckte, die bis heute Kult sind:

„Die alten Zähne wurden schlecht,
und man begann, sie auszureißen,
die neuen kamen grade recht,
um mit ihnen ins Gras zu beißen.“

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