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Herzlich willkommen!

Als Freier Journalist für konservative Medien blogge ich unregelmäßig Betrachtungen zu Interessantem und Wissenswertem aus politischer und Alltagskultur. Ich schreibe regelmäßig für „Zuerst“ und habe unter dem Titel „Negerkuss und Nazistuss“ eine eigene Kolumne beim Tumult-Blog.

Als Bildungsbürger kommentiere/rezensiere ich vielerlei kulturelle Phänomene – vom Roman über den Musikergeburtstag bis zum Regisseurstod.

Als Dozent und parlamentarischer Berater informiere ich Sie auf meiner Webpräsenz über meine Aktivitäten rings um die Themenkreise Hochschule, Wissenschaft Medien und Kultur.

Und als Mensch lasse ich Sie gern an meinen freizeitlichen Aktivitäten teilhaben, zu denen nicht zuletzt Kochen gehört 😉

Warum gerade Betrachtungen?

Ich empfinde dieses Genre – eine Meinungsdarstellungsform übrigens – als eins der zeitgemäßen schlechthin.

Eine Betrachtung soll durch Beschreibungen und Schilderungen, Vergleiche und Annäherungen bis hin zur Analyse einem Ereignis, einer Situation, einem Gegenstand oder auch einem (gesellschafts-) politischen Problem Individualität verleihen: Recherche darf in gewissem Maße substitutiert werden durch Subjektivität.

Die Betrachtung ist durchaus mit derselben eines Kunstwerks in einer Ausstellung vergleichbar: man wählt zunächst die Gesamtschau und wechselt dann zu einzelnen Aspekten.

Dabei ist dem Genre eigen, dass die Prioritäten dieser Aspekte oft im Vagen bleiben: aus der Betrachtung erwächst ein Gedanke, der das formale Ziel darstellt.

Der Gegenstand darf dabei Randerscheinung eines größeren Zusammenhangs bleiben: „die Bedeutung des Unbeachteten birgt den Kern ihrer Aussage“ (Degen 2004).

Viel Spass beim Lesen – und natürlich beim Kommentieren!

„Wenn die Welt heute nur noch zu zwei Fünfteln aus Schurken und zu drei Achteln aus Idioten besteht, so ist das zu einem guten Teil Voltaire zu verdanken“, notierte Egon Friedell in seiner „Kulturgeschichte der Neuzeit“. Wie kein zweiter verkörpert der Franzose die Epoche der Aufklärung: ihre Eleganz, ihren Erkenntnishunger, ihren republikanischen Mut und nicht zuletzt die enge Verbindung von naturwissenschaftlich-philosophischer Erkenntnis und dem praktischen Interesse an einer Förderung der menschlichen Wohlfahrt. Bis heute bezeichnen die Franzosen das 18. Jahrhundert voller Respekt als das „Zeitalter Voltaires“, ganz so wie sie die Epoche zuvor als das „Zeitalter Ludwig XIV.“ charakterisieren. Er war einer der wichtigsten Wegbereiter der Französischen Revolution.

Sollte man Voltaire, wenn er, wie Goethe meinte, tatsächlich alle Merkmale seiner Zeit in seiner Person vereinte, einen Vorwurf daraus machen, dass sich in seiner Biographie auch Schönheitsfehler fin-den? Der bürgerliche Schriftsteller, der mit gekrönten Häuptern korrespondierte, verkörperte nicht nur die Vernunftidee einer neuen und freieren Welt, sondern auch die Mängel und Irrtümer, Untugenden und Widersprüche der alten: Jener Welt des Rokoko, der er entstammte, in der er lebte und als Höfling Karriere machte. Und die er schließlich zu stürzen half, indem er die Figur des Intellektuellen entwarf, der sich im Namen universeller Werte mit den Mächtigen anlegt. Eine Mischung aus Hans Magnus Enzensberger und Arno Schmidt, erkennt Denis Scheck in der WELT.

Voltaire. Porträt von Nicolas de Largillière. Quelle: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/4/40/Atelier_de_Nicolas_de_Largilli%C3%A8re%2C_portrait_de_Voltaire%2C_d%C3%A9tail_%28mus%C3%A9e_Carnavalet%29_-001.jpg

Zwar ist er Philosoph, Dramatiker, Lyriker, Historiker, Skeptiker, dreimaliger Gefangener der Bastille, reichster Schriftsteller seiner Zeit und ungekröntes Haupt der europäischen Aufklärung. Er ist aber auch geldversessen, eitel, schnell verletzbar, intrigant. Kritiker haben ihm einen zweideutigen, sogar tückischen Charakter vorgeworfen. Er ist zugleich ein großer Vorkämpfer der Freiheit, riskiert Sätze, für die man nach geltendem Recht immer noch gefoltert, gerädert und verbrannt werden konnte. Er ist ein glänzender Stilist und ein hochgebildeter Gelehrter, im Privaten überdies ein ebenso treuer wie großzügiger Freund. Und durchdrungen von einem unbeugsamen Gerechtigkeitssinn.

„Latein und dummes Zeug“

Am 21. November 1694 wird er in Paris als Sohn des Notars Arouet geboren und François Marie getauft. Die Mutter, der er später zwei Liebhaber unterstellte, die seine Väter sein könnten, starb, als er sechs Jahre war. Schon auf dem Jesuitenkolleg, wo er mit den Kindern der ersten Adelsfamilien zusammen saß und „Latein und dummes Zeug“ (Voltaire) lernte, zeigte er lyrisches und dramatisches Talent und gewann mehrere Schulpreise. Dabei gilt er als schwächlich, später als Hypochonder mit zahllosen Fläschchen und Döschen mit Tinkturen und Pillen, die er oft wahllos konsumiert.

„Der Wunsch, berühmt zu sein, verzehrt dieses Kind“, erkannte bereits ein Jesuit. Auch sein Biograph Carl Busse bemerkte: „…man hat mit Recht gesagt, dass die schiefe Stellung, in die Voltaire sich früh begab, indem er sich aus Eitelkeit und Hang zum Wohlleben in sozial höhere Kreise drängte, seinen Charakter verdorben hat.“ 1711 ging er zur juristischen Hochschule Paris, verkehrte aber mehr in vornehmen Gesellschaften wie dem „Cercle du Temple“ und machte sich als Verfasser geistreicher, eleganter Verse einen Namen – sowie als Abstinenzler: Kaffee ist zeitlebens das Getränk seiner Wahl.

Eingang zur Juristischen Fkultät heute. Quelle: https://www.allemagne.campusfrance.org/sites/pays/files/allemagne/styles/mobile_visuel_principal_page/public/fac%20droit%20assas.jpeg?itok=Pf9q-nTS

1713 nötigte ihn sein zunehmend unzufriedener Vater, eine Stelle als Notariatsangestellter in Caen anzutreten. Als er auch hier mehr in schöngeistigen und freidenkerischen Kreisen verkehrte, zwang ihn der Vater als Sekretär nach Den Haag, wo er eine Affäre mit einer siebzehnjährigen Hugenottin begann. Auf Drängen ihrer entsetzten Mutter wurde der Neunzehnjährige zu seinem empörten Vater nach Paris zurückgeschickt, der ihm mit Enterbung und Deportation nach Amerika drohte.

Ab 1714 akzeptierte der Vater schließlich, dass sein Sohn zunehmend literarisch tätig ist und wie zuvor in intellektuellen Zirkeln verkehrte, wo er sich aufgrund seiner bissigen Texte erste Feinde macht. Adelige schätzten ihn als vielseitigen Lyriker und Autor witziger, häufig spöttischer Gedichte nur dann, wenn sie von seinem Spott nicht betroffen waren. Von den Betroffenen dagegen wurde er aus Paris verbannt und 1717 gar ein knappes Jahr in der Bastille inhaftiert. Hier stellte er seine erste Tragödie „Œdipe“ fertig und begann er unter dem Titel „La Ligue“ ein Nationalepos über die Hugenottenkriege und ihre Beendigung durch Heinrich IV., das ihm später den Ruf als größten französischen Epiker seiner Zeit bescherte.

Nach seiner Entlassung trat er 1718 unter dem neuen Namen „Voltaire“ auf, ein unsauberes Anagramm aus „Arouet le jeune“ („Arout der Jüngere“), und begann nicht nur wieder in literarischen Salons zu verkehren, sondern auch in den Landschlössern des Hochadels rund um Paris. Weitere Stücke entstehen. Durch das Erbe seines Vaters und eine Pension des Regenten Philipp war er 1722 finanziell gut gestellt, besuchte die Niederlande und begann ein Verhältnis mit einer adeligen Richtersgattin. 1723 machte er erstmals mit der Zensur Bekanntschaft, als ihm die Druckerlaubnis für „La Ligue“ verweigert wurde. 1725 wurde er Theatermanager für Ludwig XV.

Ludwig XV. Quelle: https://www.akg-images.de/Docs/AKG/Media/TR3_WATERMARKED/0/0/3/8/AKG326261.jpg

1726 hatte er ein offenbar traumatisierendes Erlebnis mit dem Chevalier de Rohan Chabot, der ihn nach einer bissigen Antwort durch Lakaien verprügeln ließ, dem Unebenbürtigen trotz seines eigens genommenen Fechtunterrichts nachher jede Genugtuung verweigerte und dafür sorgte, dass er erneut in die Bastille gesperrt und dann nach England ins Exil abgeschoben wurde. Er lernte Englisch, begeisterte sich an der intellektuellen und wirtschaftlichen Aufbruchstimmung vor der industriellen Revolution sowie am parlamentarischen System, dichtete und kehrte 1728 nach Frankreich zurück.

„komplett weißes Buch“

Hier gelang ihm mit einem Bekannten der Coup seines Lebens: Durch den Aufkauf aller Lose der Pariser Lotterie machte er einen Reingewinn von 500.000 livres und konnte fortan sorgenfrei leben. Nach erneuten literarischen Querelen zog sich Voltaire 1733 auf das Schloss des Ehemanns seiner neuen Geliebten Émilie du Châtelet zurück, von dem aus er zehn Jahre lang ein unstetes Wanderleben mit einigen Auslandsreisen führen sollte, darunter erstmals nach Preußen. In diesem Jahrzehnt entstehen viele erfolgreiche Stücke, darunter die historische Tragödie „Mérope“. Nach der Erstaufführung wurde der anwesende Voltaire vom Publikum vor den Vorhang gerufen, ein Novum in der französischen Theatergeschichte. Mit 29 Aufführungen in Folge überstiegen ihre Einnahmen die aller vorherigen Aufführungen seiner Stücke.

1745 wurde er zum Landeschronisten sowie zum Königlichen Kammerherrn ernannt, im Jahr darauf zum Mitglied der Académie française gewählt. Nach dem Tod seiner Geliebten, ein wiederum traumatisierendes Ereignis, ging er 1750 als Kammerherr zu Friedrich dem Großen nach Sanssouci, mit dem er schon seit 1736 korrespondiert – und bei dem er nach dummen Finanzgeschäften in Ungnade fällt. 1751 konnte er in Berlin dennoch sein „Siècle de Louis XIV.“ herausbringen, eine Darstellung der französischen Geschichte des 17. Jahrhunderts. Darin wies er der Kulturgeschichte eine zentrale Rolle zu und setzte so der Geschichtsschreibung neue Maßstäbe. Vier Jahre später wird er mit dem „Versuch über die Sitten und den Geist der Nationen“ zum Begründer der Universalgeschichte.

Micromégas. Ausgabe von 1923. Quelle: https://www.ebay.fr/itm/VOLTAIRE-VOX-Maximilien-MICROMEGAS-1923-/311020856745

1752 erscheint die philosophische Erzählung „Micromégas“, die manche als Ursprung der Gattung Science Fiction ansehen. Die Erzählung beschreibt den Besuch eines 24 Meilen großen Wesens vom Stern Sirius und seines Begleiters, das sich zu einem pazifistischen Manifest weitet. Am Ende verspricht Micromégas den Menschen, ein Philosophiebuch für sie zu schreiben, das in der Akademie der Wissenschaften geöffnet wird und sich als komplett weißes Buch entpuppt.

Obwohl sich Voltaires Familienverständnis in dieser Zeit durch familiäre Schicksalsschläge und das katastrophale Erbeben von Lissabon 1755 wandelte, blieb er zunächst ein unsteter Reisender, der sich an Diderots „Encyclopédie“ beteiligte und den heute als sein bestes Werk geltenden philosophischen Kurzroman „Candide“ unter anderem auf Schloss Schwetzingen schrieb.

Der Protagonist – sein Name bedeutet „der Reine“ oder „der Treuherzige“ – prüft als Weltreisender die Lehre seines Meisters Pangloss, dass die Welt gut und alles Geschehen unausweichlich zum besten Ende bestimmt ist. Doch er lernt Machtgier, Grausamkeit, Feigheit und Undank kennen, die Rohheit der Menschen im Urzustand, die Galeerenstrafe, die Profitgier und Mordlust der Goldsucher in Amerika, er muss Krankheit und Schiffbruch erdulden und fällt Piraten in die Hände, kurz, er erleidet auf seinen Irrfahrten durch die Welt so viel Missgeschick, dass sein fester Glaube an die gut eingerichtete Welt ins Wanken gerät.

Eins von Voltaires Gütern. Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Voltaire#/media/Datei:Institut_Musee_Voltaire_Geneve.JPG

1758/59 kaufte Voltaire nahe Genf zwei Landgüter, die er bis zu seinem Tod erfolgreich sowie zum Vorteil seiner Pächter und Landarbeiter bewirtschaftete, für die er im Winter einträgliche Heimarbeit organisierte und ihnen als Wohltäter galt. Endlich sesshaft, erreichte sein Schaffen den Zenit und äußerte sich unter anderem  in seinem „Philosophischen Wörterbuch“ 1764, einer „messerscharfen Anleitung zum Selberdenken in 118 Stichworten“, meint Scheck. Erstaunlich hellsichtig erkennt Voltaire, dass alle Kriege früher oder später mit der Unterwerfung des Volkes enden, „weil die Mächtigen das Geld haben und das Geld in einem Staate alles entscheidet. Ich sage in einem Staate, denn im Verhältnis zwischen den einzelnen Nationen ist es nicht so. Die Nation, die den besten Gebrauch von Eisen macht, wird eine andere, die mehr Gold und weniger Mut hat, stets unterjochen.“

„das abscheulichste Volk der Erde“

Im Februar 1778 reiste Voltaire nach Paris, um der Uraufführung seines neuen Stücks „Irène“ beizuwohnen, wurde triumphal empfangen und konnte sich der Ehrungen und Einladungen kaum erwehren. Wenige Tage später starb er im Alter von 83 Jahren. Nur durch eine List seines Neffen erfuhr er ein kirchliches Begräbnis. 1791 wurden seine Gebeine ins Panthéon überführt, aber im Mai 1814 heimlich daraus entfernt; sie sind verschollen. Erst nach seinem Tod wurde nach und nach seine umfängliche Korrespondenz von 22.000 Briefen publiziert. Zu seinen Briefpartnern zählte auch die russische Zarin Katharina II., die nach seinem Tod seine Bibliothek erwarb, die sich heute in der Russischen Nationalbibliothek in Sankt Petersburg befindet.

Die Tafelrunde Friedrichs II. in Sanssouci mit Friedrich II., Voltaire und Casanova. Ölgemälde von Adolph von Menzel. Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Voltaire#/media/Datei:Adolph-von-Menzel-Tafelrunde2.jpg

In einem Brief erkannte Voltaire: „Die letzten Ursachen werden wir erst erkennen, wenn wir Götter sind“. Seine Wirkung war immens. Er kämpfte für die Gleichheit aller Bürger vor dem Gesetz, nicht aber für die Gleichheit von Status und Besitz: Arme und Reiche würde es immer geben. Als Staatsform favorisierte er die Monarchie, an deren Spitze er sich einen „guten König“ wie Friedrich II. wünschte. Er beteiligte sich am Sklavenhandel, schrieb aber auch dagegen an, war Kirchenkritiker und bezeichnete die Juden als „das abscheulichste Volk der Erde“. Er hinterließ mit weit über 700 Büchern, deren Urheberschaft er je nach Kalkül auch kurzfristig bis dauerhaft verleugnete, eins der umfangreichsten und umfassendsten Werke der Literatur- und Geistesgeschichte unseres Planeten.

Ein erster Biograph brauchte zu Lebzeiten des „anstrengendsten Narren, den es je gab“, schon 544, ein zweiter nach dem Tod desselben bereits 717 Seiten: Horst Janssen. Eine Legende nicht zuletzt, weil er die bürgerliche Vorstellung vom Künstler als Bohemien perfekt verkörperte – als Egomane und Provokateur, als Lebemann, Trinker und Exzentriker, der Sätze wie „Meine Hölle bin ich selber“ nicht nur sagte, sondern lebte. Der Zeichner, Grafiker, Autor, Plakatkünstler, Illustrator und Fotograf feierte am 14. November seinen 90. Geburtstag.

Der Venediger Biennale-Preisträger von 1968, dem in Oldenburg ein eigenes Museum gewidmet ist, gilt als einer der herausragendsten und produktivsten Zeichner und Grafiker des 20. Jahrhunderts, ja als Genie, „das einzige, das der Hansestadt Hamburg seit 1945 beschert worden war“, wie Rudolf Augstein im Spiegel befindet. Er stand sich aber häufig auch selbst im Wege, war unberechenbar, oft betrunken, euphorisch, aufbrausend, sogar brutal und brüskiert Menschen wie etwa den Baron Rothschild, dessen Auftrag zu einem Weinetikett er annimmt – um dann unter eingeladenen Zeugen bei einem verabredeten Telefongespräch mit Rothschild den Telefonhörer einfach nicht abzunehmen.

Schon die Zahl der Anekdoten über ihn ist Legion. Nach Erhalt des Darmstädter Kunstpreises, seiner ersten Ehrung, fährt Janssen so lange mit dem Taxi um die Außenalster, bis die Summe verbraucht ist: 5000 DM. Nach einem Autounfall verblüfft er die Polizei durch seine Fertigkeit, Splitter der Windschutzscheibe zu zerkauen. Er ist imstande, wenn er Geld verloren hat, seine Frau zu beschuldigen, sie habe die Taschen seines Anzugs nicht tief genug genäht. Und wenn er von einer Geliebten heimkehrt, kann es passieren, dass er die Zahnprothese dort vergessen hat. Am nächsten Morgen hängt das Ding, mit schönen Grüßen, an der Wohnungstür.

Der gealterte Künstler. Quelle: https://www.ndr.de/kultur/janssen128_v-contentgross.jpg

Manche meinen, diese Art rabaukische Existenz hinge mit seinen Kindheitsbeschädigungen zusammen. Geboren als nichtehelicher Sohn einer Schneiderin in Wandsbek, wächst er in Oldenburg bei seinen Großeltern auf – seinen Vater, einen schwäbischen Handelsreisenden, lernt er nie kennen. Sowohl der Großvater, der ihn an Kindes statt annahm, als auch die Mutter starben früh an Tuberkulose. In der Zeit erklärt Anna von Münchhausen: „Er zählt zu jenen armen Kerlen, die früh Zuwendung vermisst haben und dann ein Leben lang von jedem auf den Schoß genommen werden wollen.“ Zeitlebens bleibt er sozial unterentwickelt: verantwortungslos, unsicher, verängstigt, endlos verspielt, theatralisch, dabei auch wach und einfühlsam. Ein Egozentriker, ein klassischer Borderliner, der früh schon seine inneren Ängste mit Alkohol zu dämpfen versucht oder durch Aggressionen auslebt.

„ein hypersensibler, blitzschnell denkender Intellektueller“

1942 wurde er Schüler der Nationalpolitischen Erziehungsanstalt (Napola) in Haselünne, wo er durch einen abgestürzten und verbrannten Britenpiloten auf dem Kartoffelacker ein Trauma erlitt, das er in der Metapher des „Feuerreiters“ zeitlebens zu verarbeiten suchte. 1944 adoptierte ihn Anna Janssen, die jüngere Schwester seiner Mutter, die in Hamburg dann sein Kunststudium finanzierte und der er unter dem Kosenamen „Tantchen“ sprachlich und bildkünstlerisch immer wieder ein Denkmal setzte. Aber ambivalent bis zum Tod wird auch sein Verhältnis zu ihr bleiben: An ihr Krankenhausbett gerufen, hat er sich mit vier Flachmännern versorgt, und während die Sterbende seine rechte Hand umklammert, beschreibt er im ersten Band seiner Autobiographie  seine Gedanken: „Was mach ich bloß, wenn mein Tantchen noch nicht tot, mein Schnaps aber alle ist?“

„Als Melodie seiner Existenz kann gelten: von Geburt an zu wenig geliebt, in seinen ersten Jahren zu wenig beachtet und auch später viel zu oft nicht ernst genommen. Sein nicht zuletzt daraus resultierendes Ziel war es, als ‚epochale Ausnahme‘ unsterblich zu werden; nicht mehr, aber auch nicht weniger. Bescheidenheit war sicher nicht seine größte Tugend“, fasst sein Freund Manfred Bissinger in der Zeit seinen Charakter zusammen. Verbote reizten ihn nur dazu, sie zu übertreten, und das bürgerliche Streben nach Sicherheit verachtete er zutiefst. Er war „ein hypersensibler, blitzschnell denkender Intellektueller, der, hätte er nicht so früh zu seinen malerischen Höhenflügen angesetzt, vielleicht auch als Autor oder Uni-Professor die Karriereleiter hochgeklettert wäre“, so Bissinger.

Horst Janssen zeichnend (1968). Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Horst_Janssen#/media/Datei:HorstJanssen_cropped.jpg

Auf der Landeskunstschule am Lerchenfeld blüht er als Meisterschüler Alfred Mahlaus auf. In der Erinnerung einer Kommilitonin gewährte Mahlau seinem Ausnahmestudenten jegliche Freiheit und akzeptierte, dass Janssen nicht „werden“, sondern gleich „sein“ wollte. Sein Mitstudent war Vicco von Bülow alias Loriot, mit dem er gar nicht klarkam und den er in seiner distinguierten Haltung mit einem Hund von edler Rasse vergleicht, einer „Art Society-Züchtung, die zu fast nix taugt als eben dazusitzen“. 1947 wird in der Zeit eine erste Zeichnung publiziert, im Jahr darauf erscheint das Kasperle-Buch „Seid ihr alle da?“. Doch Direktor Gustav Hasenpflug, der ihn partout nicht leiden konnte, relegierte ihn 1951 ohne akademischen Abschluss. Auch das traf den „genial Überbegabten“ (Wolfgang Hildesheimer) tief, der von den ersten Strichen an hochaffektiv auf alles Zeitgenössische reagierte und für Kunst und Künstler um ihn herum nur Hohn und Spott parat hatte.

Rettung verspricht jetzt und immer wieder die Liebe, der Beziehung mit einer verheirateten Frau entspringt 1950 der erste Sohn. Drei Jahre später sitzt er wegen Mordverdachts aus Eifersucht in Untersuchungshaft und wird schließlich wegen Trunkenheit zu einer Bewährungsstrafe verurteilt. 1955 heiratet er Marie Knauer, mit der er ein Jahr später Tochter Lamme bekommt, die er erst als erwachsene Frau kennenlernen und die bis zu seinem Tod bei ihm bleiben wird. Nach der Scheidung 1959 heiratet er im selben Jahr Birgit Sandner, die Ehe hält nur wenige Wochen. 1960 versucht er es noch einmal mit Verena von Bethmann Hollweg, Enkelin des ehemaligen Reichskanzlers, dem einzigen, nach dem keine Straße benannt wurde. Ein Jahr später erblickt sein Sohn Philip das Licht der Welt. 1968 wird jedoch auch diese Ehe geschieden. Seine aufreibende Lebensführung hat Janssen nie an der Produktion gehindert, sondern ihn vielmehr beflügelt: Lüste wie Depressionen gingen ins Werk ein.

„Zeichnerei und Geschlecht untrennbar verzwirnt“

Im roten Faden, der sich durch Janssens Leben zieht, sind „meine Zeichnerei und das Geschlecht untrennbar verzwirnt“. Seine Affären sind kaum zu zählen, wobei die Beziehung zu Gesche Tietje heraussticht, die ihm 1973 einen weiteren Sohn, Adam, zur Welt bringt. Er sei „stinknormal und kein wahnwitzig grotesker Liebhaber“ gewesen, sagt sie, und seine oft pornografischen Frauenbilder seien „kraft seiner Fantasie und seiner ungeheuren knäbischen Einbildungskraft“ entstanden. Janssen kann nicht allein und muss immer Mittelpunkt sein, ohne Rücksicht auf Tabus. So bricht er mit Vorliebe in Ehen ein, macht Freunden und Vaterfiguren die Frau abspenstig, darunter Direktor Hasenpflug. Er ist grenzenlos, wenn er um eine neue Frau wirbt – Geschenke, Huldigungen, Einladungen, Anrufe, Heiratsanträge. Er hungert sich 20 Kilo herunter, um attraktiver zu wirken, entsagt sogar dem Alkohol (für eine Weile). Ihm ist es egal, ob er Ehen zerrüttet. Sowohl seine Beziehungen als auch seine Kinder schlugen sich in einer Vielzahl unterschiedlicher Porträts nieder.

„Hexenlust“. Quelle: http://www.galerie-keim.de/janssen/janssen_horst_hexenlust_42_g.jpg

Mit 23 Jahren erhält Janssen ein Lichtwark-Stipendium der Hansestadt Hamburg. Es folgen erste berufliche Erfolge und weitere Stipendien. So erhält er Aufträge des Aschaffenburger Buntpapierfabrikanten Guido Dessauer, in dessen Werkstatt er die Technik der Lithografie beherrschen lernte. Bei Paul Wunderlich übte er die Technik der Radierung. Spätestens seit Mitte der fünfziger Jahre ist Janssen in Hamburg als vielseitiger Grafiker etabliert. 1956 stellt er Farbholzschnitte in seiner Wohnung aus, später nutzt er die Treppe seines Wohnhauses als Verkaufsgalerie. An der Decke seines Arbeitszimmers höhnte er in Großbuchstaben: „Ich liebe Euch nicht – ich kaufe Euch“. Lob war für ihn so wichtig wie hochprozentiger Alkohol. Wenn vier oder fünf Gäste versammelt waren, zeigte Janssen gerne vor, was er in den stillen Morgenstunden geschaffen hatte. Er genoss die anerkennenden Worte, und manches Blatt verließ das Haus mit der Widmung: „Einem, der es just lobte“.

1965 findet seine erste öffentliche Ausstellung statt – als Werkschau der Kestner-Gesellschaft in Hannover, die dann in sieben weitere Städte wanderte: Als „der größte Zeichner außer Picasso“ würdigte ihn Wieland Schmied, Direktor der Gesellschaft. 1966 wird er an der Hamburger Hochschule für Bildende Künste Honorarprofessor. In den 70er-Jahren entdeckt der Lebemann, der seinen Ruf als Frauenheld, Rauf- und Saufbold nicht mehr loswird, die Landschaft. Hatte er zuvor überwiegend Karikaturen, Porträts und Blumen gezeichnet, widmet er sich nun zunehmend dem Zeichnen und Radieren der Natur. Die Stadt Mannheim verleiht ihm 1975 den Schillerpreis, im selben Jahr ist er auf der Documenta 6 vertreten.

Erst Anfang der 80er-Jahre gelingt dem Künstler der internationale Durchbruch. Ausstellungen seiner Kunstwerke finden in Wien, Tokio, Oslo und Paris, Nowosibirsk und Moskau statt. Große amerikanische Museen zeigen eine Wanderausstellung seiner Werke. Er fabriziert allein 30.000 sogenannte „Malbriefe“ und widmet sich zeitgleich mehr und mehr der Schriftstellerei. 1987 erscheint der erste Band seiner Autobiografie „Hinkepott“, zwei Jahre später der zweite Band „Johannes“, ein fiktiver Briefwechsel mit dem Journalisten Johannes Groß. Am 19. Mai 1990 stürzte er mit dem Balkon seines Hauses aus 3,40 m Höhe in die Tiefe, mitsamt den Gefäßen, in denen er die für seine Radierungen benötigten Säuren verwahrte. Die Folge: Nicht nur Schädelplatzwunde, Schienbeinfraktur und doppelter Beckenbruch, sondern beiderseitige „Hornhautverätzung“.

Horst-Janssen-Museum in Oldenburg. Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Horst_Janssen#/media/Datei:JanssenMuseumOldenburg.jpg

Er berappelt sich zwar wieder, doch trotz weiterer Ausstellungserfolge etwa in Dresden, Tokio und Oslo geht es körperlich bergab mit ihm. Von einem Facharzt lässt Janssen sich laut Biograph Stefan Blessin sagen, er sei „einer der tückischsten Alkoholiker“, ein medizinischer Sonderfall übrigens, weil er sogar in Entzugsperioden „zirkelgenaue Kreise aus freier Hand übers Papier“ zieht.  1992 wird er Ehrenbürger seiner Kindheitsstadt Oldenburg, die 1995 eine große Werkschau seines Könnens zeigt. Im selben Jahr erleidet er einen Schlaganfall und stirbt am 31. August.

„verlorene, leere Energie, die sich da verausgabt hat“

Dieses „gummistiefeltretende Urviech“, das mit den Jahren das Aussehen einer „in ihrem Fett blühenden Uraltpuffmutter“ angenommen hat (Blessin), habe in den letzten Jahren seine Tage nur noch mit Champagner und Austern begonnen. Wenn er den ausgetrunken hatte, stieg er um auf guten Weißwein, so Bissinger, für dessen Nachschub die Blankeneser Taxifahrer sorgten: „Janssen telefonierte, nannte seine Wünsche und lehnte die Tür an. Die Fahrer kamen die Treppe hoch, traten ein, ‚moin, moin‘, und holten sich aus dem rechts in der Ecke platzierten Sekretär aus den oberen beiden Schubladen Geld. Dann fuhren sie los und durften nach Rückkehr noch ein weiteres Mal zugreifen. Im oberen Fach lagen die Scheine ab 50 Mark, in dem unteren das ‚Gemüse‘, wie Horst das ‚Kleingeld‘ nannte. Es ist nicht bekannt, dass jemand das Privileg, den Sekretär ohne jede Kontrolle zu nutzen, missbraucht hätte. Keine Überraschung demnach, dass sich zu Janssens Beerdigung in Oldenburg im September 1995 auch ein unübersehbarer Treck von Blankeneser Taxen in Bewegung setzte.“

Viel hat die Kritik über Janssen gestritten. Bewundert werden seine altmeisterliche Beherrschung des Zeichnerischen, die technisch perfekten Radierungen; verachtet wird sein hartnäckiges Festhalten am Gegenständlichen, Figürlichen. Bis zum Ende seiner Laufbahn nimmt Janssen eine ästhetische Haltung ein, die er jenseits aller Ideologien und „-ismen“ auf den Aphorismus zuspitzt: „Baum-Anschauung statt Weltanschauung.“ Ihm habe, schreibt Albrecht, „der Geruch des Dekorativen“ angehaftet – damals ein Todesurteil. Es schadete ihm nicht. Zeichnen, so legte es sich Janssen zurecht, sei seine Art der Welt-Verdauung – wohin aber mit Unverdaulichem? Das kommt, wenn sich periodisch der „Schließmuskel der Seele“ öffnet, in den gefürchteten Wutausbrüchen des Künstlers zutage: „Holt schnell meine Feinde, wenn meine Seele zu Topfe eilt“, heißt es im „Hinkepott“.

Stock des Farbholzschnitts „Der Kaiser“ als Beton-Stele, U-Bahn-Eingang Farmsen, Hamburg 1960. Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Horst_Janssen#/media/Datei:U-Farmsen.Relief.Janssen.west.wmt.JPG

Sein Werk habe sich in seiner realistischen, zuweilen surreal versponnenen Art völlig desinteressiert an den aktuell verhandelten Kunstthemen gezeigt, meint Hans-Joachim Müller in der Welt: „Vor den rasch aufeinanderfolgenden Moden und saisonalen Kunstbehauptungen musste er wie aus der Zeit gefallen wirken: er, der in Erotikbagatellen à la Schiele brillierte, der im Dürer-Stil allerhand Kuriosa des Alltags aufs Papier brachte, der im Tübke-Manierismus karnevaleske Totentänze aufführte, mit ironischer Hingabe tote Fische zeichnete und sich selber unermüdlicher Gegenstand der zeichnerischen Betrachtung gewesen ist.“ Der auf Bürgerschreck eingewöhnte ausfällige Zweizentnermann, der sich gern in Schlosserdrillich und Gummistiefel mit Pudelmütze kleidete, gilt als Bindeglied zwischen klassischer Moderne und Gegenwartskunst, ist aber heute, fünfzwanzig Jahre nach seinem Tod, ein nahezu Unbekannter, der Ruhm verweht, der Gefeierte fast vergessen. Der Szene und der Kunsthistorie gilt er nichts.

„Wenn man das riesenhafte Werk überblickt, dann begegnet man Blatt für Blatt einer stupenden Begabung. Aber man könnte nicht wirklich sagen, wofür sie eingesetzt ist, wem sie dient“, bilanziert Müller. „Eine Haltung zur Welt, ein Reflex auf Zeit und Geschichte, ist diesem Zeichnen nicht zu entnehmen. Es herrscht auf der langen Strecke ein vergnüglicher Plauderton, dem da und dort eine Groteske, ein Witz gerät, der im nächsten Blatt schon wieder kassiert wird. Er fließt einfach dahin, der Janssen-Strich, unaufhaltsam, und ganz wird man das Gefühl nie los, dass es aufs Ende gesehen doch verlorene, leere Energie ist, die sich da verausgabt hat.“ Es bleibt ein „vielschichtiges, hochsensibles Wesen“, trauert Augstein, ein „großartiger Kerl, ein Monstrum, ein Mann“, mit einer „protzenden Selbstgefälligkeit, die ebenso wahr wie unecht daherkam“ und der alles Gesellschaftliche, alles Soziale um ihn herum für kunstfeindlich hielt. „Ob man sich in Jahrhunderten noch mit ihm befassen wird, mögen die Jahrhunderte unter sich ausmachen.“

Es dürfte nicht vielen Menschen gelungen sein, den Papst und Adolf Hitler gleichermaßen gegen sich aufzubringen – Hedy Lamarr gehört dazu. Mit 18 Jahren entstieg sie im Jugenddrama „Ekstase“ splitternackt einem See und wurde wegen der sieben Sekunden langen Sequenz über Nacht zur Skandalfigur. Zehn Jahre später wird der Schauspielerin das Frequenzsprung- (auch Bandspreiz-) verfahren patentiert, das eine störungssichere Funkfernsteuerung für Torpedos ermöglichte. Die ebenso vielseitige wie skandalträchtige Frau feierte nun ihren 105. Geburtstag.

Geboren wurde Hedwig „Hedy“ Eva Maria Kiesler am 9. November 1914 in Wien als Sohn eines Bankdirektors und einer Konzertpianistin. Beide Eltern waren Juden. Mit sechs Jahren soll sie ihre automatische Spieldose zerlegt haben, um die Mechanik zu verstehen. Sie besuchte eine Privatschule, erhielt Klavier-, Ballett- sowie Sprachunterricht und trainierte beim Wiener Ruderverein Austria. Schon 1930 schleicht sie sich heimlich von der Schule, um bei einer Filmfirma zu arbeiten, und spielte, nachdem sie die Schule abgebrochen hatte, erstmals eine kleine Rolle im Film „Geld auf der Straße“. Von Max Reinhardt entdeckt und ausgebildet, hat sie bereits in ihrem dritten Streifen „Man braucht kein Geld“ mit Heinz Rühmann und Hans Moser eine Hauptrolle.

Die inkriminierte Szene. Quelle: https://www.akg-images.com/Docs/AKG/Media/TR5/c/4/b/2/AKG449859.jpg

Am 20. Januar 1933 feierte in Prag das Ehedrama „Ekstase“ (in Deutschland „Symphonie der Liebe“) Premiere: ein tschechoslowakisch-österreichischer Spielfilm von Gustav Machatý, der nicht nur die Zensurbehörden auf den Plan rief, sondern Hedy Kiesler auch die Tore zu Hollywood öffnete. Der Film erregte großes Aufsehen ob der ersten Nacktszene der Filmgeschichte sowie einer Liebesszene, die Kieslers Gesicht beim Orgasmus in Nahaufnahme zeigt. Erst nach Kürzungen und zwei Jahre später wurde der Film unter Tumulten in wenigen deutschen Kinos gezeigt, versehen mit der Warnung: „Dieser Film ist jugendverderbend“. In den USA bleibt er lange verboten.

Stilikone und Sexsymbol

Kiesler heiratete im Sommer 1933 den 14 Jahre älteren „Patronenkönig“ Fritz Mandl, einer der größten Waffenproduzenten Europas, der auch Geschäfte mit Hitler und Mussolini machte. Der extrem herrsch- und eifersüchtige Mann verlangte von seiner Braut nicht nur, zum Katholizismus zu konvertieren, sondern verbat ihr auch, weitere Filme zu drehen, und versuchte alle „Ekstase“-Kopien aufzukaufen, um seine Verbreitung einzuschränken, kam jedoch nie an das Original heran. Am gemeinsamen Wohnsitz, Schloss Schwarzenau in Niederösterreich, verkehrt Prominenz wie Ödön von Horváth oder Franz und Alma Werfel. Bei Geschäftsbesprechungen über Waffen ist sie eine stumme, aber aufmerksame Zuhörerin. Sie spürt, dass sie mit dem Mann keine Zukunft hat.

In einer Nacht im Frühjahr 1937 zog sie die Kleider eines Dienstmädchens an, schlich aus der Villa, schaffte es unbemerkt zum Bahnhof und floh zuerst nach Paris, dann nach London. Hier wurde sie von Hollywood-Mogul Louis B. Mayer, dem Gründer von MGM, entdeckt, der auf dem Kontinent „jüdische Talente“ rekrutierte. Weil er Imageschäden aus „Ekstase“ befürchtete, gab er ihr gleichzeitig den Künstlernamen Hedy Lamarr (La Mar, die aus dem Wasser Geborene) in Anlehnung an den Stummfilmstar Barbara La Marr und vermarktete sie als „schönste Frau der Welt“.

Lamarr ca. 1942. Quelle: http://static-cms.legacy.com/sites/default/files/styles/hero_detail/public/hedy-lamarr-hero-getty.jpg?itok=6KV-T80R

Hollywood überschlug sich, allerdings nicht wegen ihrer schauspielerischen Fähigkeiten, sondern wegen ihres Charismas und Aussehens. 1938 schafft sie durch die Mitwirkung in dem Streifen „Algiers“ an der Seite von Charles Boyer eine Sensation. Praktisch über Nacht kopiert jede Schauspielerin ihre Mittelscheitel-Frisur, brünett avanciert zur Modefarbe der späten Dreißigerjahre. Das Tragen von Hüten und anderen Kopfbedeckungen von Turbanen über Schleier bis zu teils mehrstöckigen Pagoden wird zu ihrem Markenzeichen. Sie galt als Stilikone, Sexsymbol und Vorbild für viele Frauen weltweit – eine Art Marilyn Monroe der Weltkriegsjahre. Ihr Konterfei diente als Vorlage für das Zeichentrick-Schneewittchen ebenso wie für Catwoman und zierte Jahrzehnte später als vektorisiertes Porträt das Grafik-Programm Corel Draw.

Corel-Cover. Quelle: https://cbsnews3.cbsistatic.com/hub/i/r/2012/03/02/f9ffb2ca-a644-11e2-a3f0-029118418759/resize/620×465/32bff9dd1cc26de2a9ea61c2652b83d5/Lamarr_Corell.jpg

In dieser Zeit begann sie mit ihrem Komponistenfreund George Antheil – sein Vater war der erste Amerikaner, der im Kampf gegen die Nazis fiel – an ihrer Erfindung herumzutüfteln, die zunächst eher künstlerisch inspiriert war: Mehrere mechanische Klaviere untereinander und die Tonspur eines Films sollten synchronisiert werden. Lamarr, die sich als Gegnerin des Nationalsozialismus auf die Seite der Alliierten stellt, entwickelt daraus eine Funkfernsteuerung für Torpedos, in dem sie das Prinzip identischer Lochkarten, die bei automatischen Klavieren gleichzeitige Frequenzwechsel steuerten, auf die damals gebräuchliche Waffentechnik adaptierte.

War ein Torpedo über Funk gesteuert, konnte die Verbindung leicht gestört werden. Die Idee von Lamarr und Antheil: Wenn Torpedo und Steuerelement ständig und immer genau gleichzeitig die Frequenz wechseln, ist die Verbindung schwerer von außen zu verfolgen – und damit schwerer angreifbar. Damals nicht absehbar, hat das Frequenz-Hopping, das Springen zwischen den Frequenzen, die größte Bedeutung in der heutigen Digitaltechnik erhalten. Bluetooth und verschiedene WLAN-Standards setzen auf solche Sprünge nach einem Zufallsmuster, etwa um Sendeenergie von einem schmalen auf einen breiten Frequenzbereich zu streuen. So ist die Übertragung auch bei vielen Datenpaketen in einem Funkfrequenzbereich weniger störanfällig.

„Im Alter wurde sie bitter“

Mit Unterstützung eines Professors für Elektrotechnik am „California Institute of Technology“ bereiten sie das Patent zur Anmeldung vor. Am 11. August 1942 wird es vom Patentamt bewilligt – jedoch vom US-Militär aufgrund seiner Komplexität nicht umgesetzt: Lamarr solle lieber „Küsse gegen Kriegsanleihen“ verkaufen.  Erst 1962, nach Ablauf des Patents, verwendeten einige Navy-Schiffe in der Kuba-Krise eine weiterentwickelte Version der Technologie. Heute dient sie als Grundlage für sämtliche Mobilfunk-Technologien von WiFi bis GPS. Sie hat den abhörsicheren Mobilfunk, drahtlose Netzwerkverbindungen und mobiles Internet erst möglich gemacht. Nichtsdestotrotz verdiente Lamarr bis zu ihrem Tod keinen Cent an ihrer und Antheils Erfindung.

Lamarr als Delilah. Quelle: https://i.pinimg.com/originals/01/b4/18/01b418b2f7ece65e608a1c1edf01cd13.jpg

Im Studio galt Lamarr als träge, wenig ambitioniert und relativ schwierig. Sie spielte gelegentlich gute Rollen, bspw. in der Verfilmung von John Steinbecks „Tortilla Flat“, doch meistens war sie, angeblich wegen ihres starken Akzents, als dekoratives Beiwerk etwa neben James Stewart und Clark Gable zu sehen. Ihr größter kommerzieller Erfolg war Cecil B. DeMilles Monumentalfilm „Samson und Delilah“ (1949), obwohl Groucho Marx mäkelte, ihr Partner Victor Mature habe „größere Titten“ als sie. Lamarr behauptete in späteren Jahren oft, sie habe viele gute Rollen abgelehnt, darunter „Casablanca“, wo Ingrid Bergman einsprang. Seit Ende der 1950er Jahre bekam sie keine Angebote mehr und gründete ihre eigene Produktionsfirma, der kaum Erfolg beschieden war. 1960 wurde sie mit einem Stern auf dem Hollywood Walk of Fame geehrt: 27 Filme hatte sie insgesamt gedreht.

„Trotz ihrer Intelligenz hatte sie oft in ihrem Leben kein glückliches Händchen – ob bei Männern oder Filmrollen“, erklärt Alexandra Dean, Regisseurin der Filmbiographie „Geniale Göttin“ (2018), in der Vogue. „Für ihre Zeit lebte sie unfassbar unkonventionell, führte sechs Ehen, hatte Affären mit Männern und Frauen, und verheimlichte nie, dass sie Drogen wie Extasy nahm. Wenn sie sich etwas in den Kopf setzte, tat sie alles dafür.“ Aus ihren Beziehungen sind drei Kinder hervorgegangen. „Was immer ich gemacht habe, geschah aus Liebe“, bilanzierte sie einmal ihre amourösen Abenteuer, „andere haben es für Geld gemacht“.

Patentauszug. Quelle: http://www.rfcafe.com/miscellany/cool-videos/images/hedy-lamarr-spread-spectrum-patent-us2292387-p1.jpg

„Im Alter wurde sie bitter. Sie ließ eine Menge Schönheitsoperationen vornehmen, wurde bei Diebstählen erwischt und trank sehr viel. Sie haderte mit dem Leben, fand niemals die wahre Liebe. In gewisser Weise war ihr Vater der Mann ihres Lebens. Er erkannte, wer sie wirklich war und liebte sie dafür – so etwas erfuhr sie später nie wieder“, beschreibt Dean ihre letzten Jahre. Durch ihren freiwilligen Verzicht auf Verteidigung und die Einwilligung zu einem Jahr Bewährungszeit wurde auf eine Anklage wegen der Diebstähle verzichtet. Ihre Autobiographie „Ecstasy and Me“ erschien 1967 und führte zu einer Schadensersatzklage gegen den Ghostwriter, da er die Fakten verdreht habe. Die letzten Jahrzehnte ihres Lebens verbrachte sie zurückgezogen in Florida.

„was hinter der Fassade steckt“

1997, drei Jahre vor Lamarrs Tod, verlieh ihr die amerikanische Electronic Frontier Foundation (EFF) – eine gemeinnützige Gesellschaft, die sich den Bürgerrechten im Internet widmet – immerhin noch einen Pioneer Award für ihre Erfindung. Die 82-Jährige ließ per Sprachaufnahme wissen: „Danke. Ich hoffe, Sie fühlen sich so gut wie ich und es ist nicht vergebens gewesen.“ Am 19. Januar 2000 stirbt sie in Altamonte Springs, Florida. Ihr letzter Wille war eine Rückkehr. Hedy Lamarrs Urne wurde am Wiener Zentralfriedhof in einem Ehrengrab beigesetzt, ihre Familie verstreute einen Teil ihrer Asche – entsprechend Hedys Wunsch – im Wienerwald beim Erholungsgebiet „Am Himmel“.

Verglichen mit Stars wie Jean Harlow oder Joan Crawford ist ihr Name heute weitgehend aus dem öffentlichen Bewusstsein verschwunden, weiß aber immer noch zu faszinieren. 2017 erlebte das Stück „Sieben Sekunden Ewigkeit“ von Peter Turrini seine Premiere, angelegt als Bekenntnisgespräch der Hauptfigur gegenüber einem Polizisten. Auch der Dokumentarfilm von Dean hat mit den Arbeiten von Georg Misch (2004) und Fosco & Donatello Dubini (2006) zwei Vorläufer. „Dank ihrem Aussehen bekam Hedy viele Chancen, aber wurde nicht ernst genommen. Das war quasi das Dilemma ihres Lebens“, fasste Dean ihre Recherchen zusammen, die auch ein verschollenes, nie verwendetes Tonband-Interview Lamarrs mit der Forbes von 1990 zutage förderten. Sie sprach in diesen Aufnahmen sehr deutlich darüber, wie verärgert sie war, dass man sie immer unterschätzt hatte.

Lamarrs Grab. Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Grave_Hedy_Lamarr,_Vienna,_2016.jpg

Das sah auch die Informatikerin Anja Drephal von der Humboldt-Universität Berlin bei der Jahrestagung des Chaos Computer Clubs 2016 so: „Es ist für Frauen immer noch schwer, in der Technik anerkannt zu werden – gerade für eine Frau wie Hedy. Ihre Schönheit hat den Blick verstellt auf das, was hinter der Fassade steckt“. Lamarr hatte ihre Perspektive in ein legendäres Bonmot gekleidet: „Jedes Mädchen kann glamourös sein. Es muss nur still stehen und dumm dreinschauen.“ Seit 2005 wird in Deutschland, Österreich und der Schweiz an ihrem Geburtstag am 9. November der Tag der Erfinder gefeiert.

Georg Elser umgibt bis heute etwas Anarchisches, Einsames, ja Unwirkliches. Obwohl seine Verhörprotokolle seit 1964 bekannt sind und damit das misslungene Hitler-Attentat vom 8. November 1939 minutiös rekonstruiert werden konnte, dauerte es bis in die 1990er Jahre, bis sich die Geschichtsschreibung ernsthaft mit ihm zu befassen begann. Erst 1989 erschien die erste Elser-Biographie, erst in der zweiten zehn Jahre später wurden die Namen aller Beteiligten genannt. Und noch 2003 kam es gegen die Benennung der Schule seines langjährigen Wohnorts Königsbronn zu Einwänden, war der Ort im „Dritten Reich“ doch als „Attentatshausen“ verunglimpft worden.

Das liegt zum einen an Elsers Person: Ein freiheitsliebender Frauenheld aus schwierigen Familienverhältnissen, der zwar talentierter, dennoch einfacher Arbeiter war, als Katholik dem Kommunismus nahestand und Volksmusik pflegte. Er gehörte nicht zu den „Offizieren, Adeligen und Studenten aus gutem Hause, legitimiert durch Herkunft, Familie und gesellschaftliche Stellung“, meint der Theologe Hartwig Grubel im SPIEGEL. Daher konnte der Verfemte, der selbst in seiner Familie lange ein Tabu sein musste, von keiner Seite als „Widerstandskämpfer“ vereinnahmt werden.

Das liegt zum anderen aber auch an der – überdies ethisch fragwürdigen – Spiegelfunktion seiner Tat, die weder in Ost- und erst recht nicht in Westdeutschland auf Gefallen stieß. Denn er war der Beweis, dass auch der „kleine Mann“, wenn er denn wollte, schon früh das Unrecht des Nazi-Regimes durchschauen und auch als Einzelner etwas dagegen unternehmen konnte – die oft bemühte Floskel vom Nichts-gewusst-haben führte er ad absurdum: „Ich wollte den Krieg verhindern“, begründete Elser schlicht sein Tun. Er habe schon „1938 den Mut und die Weitsicht gehabt, die sich bei anderen erst eingestellt hatte, als der Krieg schon verloren“ war, erklärt Grubel.

Georg Elser. Quelle: https://www.dw.com/image/15506354_401.jpg

Dazu mussten Elsers Ansicht nach Hitler, Göring und Goebbels verschwinden, gab er im Verhör zu Protokoll: „Durch meine Überlegungen kam ich zu der Überzeugung, dass durch die Beseitigung dieser drei Männer andere Männer an die Regierung kommen, die an das Ausland keine untragbaren Forderungen stellen, die kein fremdes Land einbeziehen wollen und die für eine Verbesserung der sozialen Verhältnisse der Arbeiterschaft Sorge tragen werden.“ Eine selbstgebaute Bombe schien ihm das geeignete Mittel dazu.

Prompt stellt sich seit Jahren die Frage, ob die deutsche Geschichte im Falle des Gelingens seines tödlichen Plans tatsächlich anders verlaufen wäre, und wenn ja, wie. „Deutschland wäre bei einem gelungenen Attentat vermutlich keine Demokratie geworden, sondern ein autoritärer Staat geblieben“, glaubt Johannes Tuchel, Elser-Biograph und Leiter der Gedenkstätte Deutscher Widerstand in Berlin. „Doch die Grundzüge der NS-Politik hätten sich mit Sicherheit verändert.“

„die Löhne niedriger und die Abzüge höher“

Der älteste Sohn einer Bauerstochter wird am 4. Januar 1903 in Hermaringen bei Heidenheim unehelich geboren. Im Jahr darauf zieht die Familie zum Vater, ebenfalls Bauer, nach Königsbronn um, wo Elser bis 1925 wohnt. Er hat noch 5 Geschwister, gilt als mittelmäßiger Schüler mit überdurchschnittlichen Leistungen in Rechnen, Zeichnen und Schönschreiben und beendet nach einem halben Jahr Landwirtschaftsgehilfe bei den Eltern und einer aus gesundheitlichen Gründen abgebrochenen Ausbildung zum Eisendreher 1922 eine Schreinerlehre.

Nach wechselnden Tätigkeiten in verschiedenen Schreinereien zieht Elser 1925 nach Konstanz, wo er vor allem in Uhrenfabriken beschäftigt ist. Er tritt in verschiedene Trachtenvereine ein, wird Mitglied im Zitherclub Konstanz sowie 1928/1929 auch des Roten Frontkämpferbundes sowie der Holzarbeitergewerkschaft. Seit dieser Zeit sind wechselnde Liebschaften nachgewiesen, zuerst mit der Zuschneiderin Hilde Lang, dann mit der Kellnerin Mathilde Niedermann, die 1930 den nichtehelichen (und nachgewiesenermaßen einzigen) Sohn Manfred zur Welt bringt. Bis Frühjahr 1932 bei der Uhrenfabrik Rothmund in Meersburg angestellt, erhält er bei deren Konkurs anstelle ausstehenden Lohns mehrere Uhrwerke. Zwei davon wird er für seine Zeitbombe im Bürgerbräukeller verwenden.

Elser auf einem Ausflug. Quelle: https://www.swr.de/swr2/leben-und-gesellschaft/Der-Hitler-Attentaeter-Georg-Elser-zweiter-von-rechts-auf-einem-Ausflug-mit-Freunden%2C1563003919538%2Cimage-swr-144098~v-16×9@2dM-ad6791ade5eb8b5c935dd377130b903c4b5781d8.jpg

Anschließend geht Elser zurück nach Königsbronn, wo er in den Zitherclub eintritt und ein Verhältnis mit der verheirateten Elsa Härlen unterhält, die ihm möglicherweise einen unehelichen Sohn, eventuell gar zwei Kinder geboren haben könnte. Von 1936 bis 1939 arbeitet er als Hilfsarbeiter in der Armaturenfabrik Waldenmaier und erhält Kenntnis von einer geheimen Sonderabteilung für Rüstungsproduktion. Nach dem Abschluss des Münchner Abkommens und einer ersten Reise 1938 nach München mit dem Besuch der Gedenkveranstaltung zum gescheiterten Hitler-Putsch von 1923 im Bürgerbräukeller reift in ihm der Entschluss, ein Jahr später dort ein Attentat auf Hitler zu begehen.

In den Verhörprotokollen wird er sich als früher Gegner des Nationalsozialismus bezeichnen, der nach 1933 den Hitlergruß verweigerte und nach Augenzeugenberichten den Raum verließ, wenn Hitler-Reden im Rundfunk übertragen wurden. Der Hauptgrund seiner Abneigung war zunächst die Verschlechterung der Lebensbedingungen: „So z. B. habe ich festgestellt, dass die Löhne niedriger und die Abzüge höher wurden. […] Der Stundenlohn eines Schreiners hat im Jahr 1929 eine Reichsmark betragen, heute wird nur noch ein Stundenlohn von 68 Pfennigen bezahlt. […] Der Arbeiter kann z. B. seinen Arbeitsplatz nicht mehr wechseln, wie er will; er ist heute durch die HJ nicht mehr Herr seiner Kinder, und auch in religiöser Hinsicht kann er sich nicht mehr so frei betätigen.“

Er entwendet bei Waldenmaier Pulver und Zünder, erwirbt im Frühjahr 1939 als Hilfsarbeiter in einem Steinbruch Kenntnisse in der Sprengtechnik und stiehlt hier 105 Dynamit-Sprengpatronen und 125 Sprengkapseln. Nach seinem Umzug nach München im August ging Elser 30 Abende in den Bürgerbräukeller, bestellte immer das einfachste Gericht für 60 Pfennige und wartete, bis er unbemerkt in der Besenkammer verschwinden konnte. Dort harrte er aus, bis das Lokal schloss, stieg auf die Empore und kniete sich vor die tragende Säule direkt hinter dem Rednerpult.

Minutengenau und doch zu spät explodiert

Die höhlte Elser Stück für Stück aus, um Platz für die Bombe zu schaffen. Um nicht durch Geräusche auf sich aufmerksam zu machen, musste er jeweils für zehn Minuten seine Arbeit unterbrechen, bis die automatische Toilettenspülung des Bürgerbräukellers einsetzte. Den anfallenden Schutt versteckte er in einem selbstgefertigten Sack, den er unter den Augen der Kellnerinnen tagsüber hinaustrug und in der Isar entleerte. Parallel arbeitete er tagsüber am Zeitzünder.

Elsers Sohn Manfred mit seiner Mutter Mathilde Bühl, geb. Niedermann, um 1939. Quelle: https://www.swr.de/swr2/wird-referenziert/00-redaktion/07-fernsehen/01-swr-fernsehen/geschichte-entdeckungen/Georg-Elser-mit-seiner-Mutter%2C1564057526947%2Cimage-swr-139624~v-16×9@2dM-ad6791ade5eb8b5c935dd377130b903c4b5781d8.jpg

Anfang November baute er mit inzwischen zerschundenen Knien seine „Höllenmaschine“ samt Dynamitpatronen, Sprengkapseln und Schwarzpulver ein. Am 6. November stellte er bei seiner Schwester Maria in Stuttgart seine Habe unter, am 7. prüfte er durch Horchen das Ticken des Uhrwerks. Danach fährt er über Friedrichshafen nach Konstanz und wird 20.45 Uhr durch eine Zollstreife wenige Meter vor der Grenze zur Schweiz gestoppt. Bei seiner Festnahme trug er unter anderem eine Ansichtskarte des Bürgerbräukellers sowie Teile des Zeitzünders bei sich. Der damals 26jährige deutsche Grenzschützer Waldemar Zipperer, der ihn festnahm, erhielt noch 1978 das Bundesverdienstkreuz.

Explodieren sollte die Bombe um 21.20 Uhr – während Hitlers Rede. Und minutengenau tat sie das auch. Doch der Zufall namens Wetter verhinderte, dass die NS-Führungsspitze an diesem Abend ausgelöscht wurde: wegen Nebels konnte Hitler nicht wie geplant mit dem Flugzeug zurück nach Berlin reisen, sondern musste den Zug nehmen. Deshalb sprach er viel kürzer als sonst und verließ die Veranstaltung schon um 21.07 Uhr. 13 Minuten später wären er und seine Gefolgsleute entweder direkt durch die Explosion oder durch die herabstürzende Decke getötet worden. Acht Menschen starben, darunter sieben Altnazis und eine Serviererin, 63 wurden verletzt. Elser wird derweil in der Konstanzer Gestapo-Zentrale bis in den frühen Morgen verhört und tags darauf nach München verlegt.

Aufräumarbeiten nach dem Bombenattentat. Quelle: https://www.swr.de/swr2/wird-referenziert/migration/bilder/abgelaufen/Aufraeumarbeiten-im-November-1939-nach-dem-Bombenattentat-auf-Adolf-Hitler-im-Muenchner-Buergerbraeukeller%2C1562973939491%2Cimage-swr-136576~v-16×9@2dM-ad6791ade5eb8b5c935dd377130b903c4b5781d8.jpg

Als „Vergeltungsmaßnahme“ ließ der Kommandant des KZ Buchenwald Karl Otto Koch bereits am Tag nach dem Attentat 21 jüdische Häftlinge erschießen. Am 11. November  drückte die sowjetische Regierung dem deutschen Botschafter Friedrich-Werner Graf von der Schulenburg „ihr Bedauern und ihre Entrüstung über den ruchlosen Anschlag von München, ihre Freude über die glückliche Errettung Adolf Hitlers aus der Lebensgefahr und ihr Beileid für die Opfer des Attentats“ aus.

„in absolut unauffälliger Weise zu liquidieren“

Nach tagelangen Verhören mit Misshandlungen legt Elser ein Geständnis ab und wird ab 22. November offiziell als Attentäter präsentiert. Als Sonderhäftling erst im KZ Sachsenhausen, dann unter dem Decknamen Eller im KZ Dachau wurde er vergleichsweise gut behandelt, hatte eine eigene Zelle, eine eigene Werkbank und eine Zither. Nach dem „Endsieg“ sollte er in einem Schauprozess abgeurteilt werden. Die Heimatgemeinde Königsbronn wurde nach dem Attentat durch die Gestapo durchforscht, Elsers Eltern wurden vier Monate lang inhaftiert, Neffe Franz Hirth kam ins Waisenhaus.

Am 5. April 1945 ordnete Hitler parallel die Hinrichtung von Admiral Canaris und des „besonderen Schutzhäftlings“ Georg Elser an. Gestapo-Chef Heinrich Müller ließ den Auftrag am selben Tag dem Dachauer Kommandanten Eduard Weiter übermitteln: „ Bei einem der nächsten Terrorangriffe auf München bzw. auf die Umgebung von Dachau ist angeblich ‚Eller‘ tötlich [sic!] verunglückt. Ich bitte, zu diesem Zweck ‚Eller‘ in absolut unauffälliger Weise nach Eintritt einer solchen Situation zu liquidieren. Ich bitte besorgt zu sein, dass darüber nur ganz wenige Personen, die ganz besonders zu verpflichten sind, Kenntnis erhalten“.

Am Abend des 9. April vollstreckte der SS-Oberscharführer Theodor Bongartz heimlich und ohne Gerichtsurteil den Tötungsbefehl gegen 23.00 Uhr am Hinrichtungsplatz beim Krematorium in Dachau mit einem Genickschuss. Elsers Leiche wurde anschließend im Krematorium verbrannt. Zwanzig Tage später wurde Dachau durch US-Truppen befreit. Bongartz starb am 15. Mai 1945 in amerikanischer Gefangenschaft. Über Elser wurde in seiner Familie 50 Jahre lang nicht gesprochen. Sein Schicksal blieb für die Familie unbekannt, ein Grab gab es nicht, 1950 wurde er für tot erklärt.

Erfolgsmeldung. Quelle: https://www.welt.de/img/kultur/mobile101495808/9032502057-ci102l-w1024/georg-elser-zeitung-DW-Vermischtes-Frankfurt-Main-Archiv-jpg.jpg

Niemand konnte sich vorstellen, dass ein Schreiner ganz allein dieses Attentat begangen haben sollte. Hitler selbst drängte darauf herauszufinden, wer dahinterstecke. Die NS-Propaganda machte den britischen Geheimdienst für den Anschlag verantwortlich. Regimegegner im In- und Ausland vermuteten hingegen, die Nationalsozialisten selbst hätten den Anschlag mit Elsner als Marionette inszeniert, um zu zeigen, dass die „Vorsehung“ den „Führer“ beschütze.

Dabei war Elser ein selbstbewusster Mensch mit klarem Blick und verschmitztem Lächeln. Etwas Unternehmungslustiges und Unabhängiges lag in seinen Zügen: Der Mut eines unsteten Alleingängers, der dennoch so fest war, dass er selbst die Nazis verwirrte. Niemandem hatte Elser von seinem Vorhaben erzählt. Allein Gott im Gebet vertraute sich der gläubige Katholik an, so steht es in seinen Verhörprotokollen, die keine Hinweise auf irgendwelche Hintermänner zutage förderten.  Vielmehr konnte Elser seinen Vernehmern bis ins kleinste Detail beschreiben, wie er seine „Höllenmaschine“, wie er sie fast liebevoll selbst nannte, konstruiert und im Bürgerbräukeller versteckt hatte. Auf deren Wunsch baute er die Bombe sogar nochmals nach. Die Gestapo-Beamten kamen zu dem Schluss, dass Elser tatsächlich ohne fremde Hilfe das Attentat geplant und durchgeführt haben musste.

Trotzdem gab es noch lange nach dem Krieg massive Zweifel an der Alleintäterschaft Elsers. Sie begannen erst allmählich zu verstummen, nachdem der Historiker Lothar Gruchmann die verschollenen Verhörprotokolle der Gestapo 1970 veröffentlicht hatte. Zuvor verbreiteten selbst der als Vertreter der Bekennenden Kirche im KZ Sachsenhausen inhaftierte Martin Niemöller und später auch der KZ-Aufseher Walter Usslepp das Gerücht, Elser sei SS-Unterscharführer gewesen und handelte auf Hitlers persönlichen Befehl. Viele weitere Gerüchte kamen in Umlauf und sind es zum Teil bis heute.

„einsame Entscheidung eines Menschen“

Ein eigenes Kapitel ist die Frage, ob Elsers Tat moralisch zu rechtfertigen ist. Das Dresdner Hannah-Arendt-Institut für Totalitarismusforschung HAIT ist 1999 darüber fast zerbrochen. Denn in einem Artikel zum 60. Jahrestag des Attentats in der Frankfurter Rundschau verurteilte Lothar Fritze, Mitarbeiter am HAIT, den versuchten Tyrannenmord aus einer paternalistischen Perspektive. Elser hätte im Raum bleiben müssen, um unschuldige Anwesende nach der Abfahrt des „Führers“ zu warnen, oder eine Anschlagsmethode wählen müssen, bei der nur Hitler getroffen worden wäre.

Ein Dogma auf dem Prüfstand. Quelle: https://encrypted-tbn0.gstatic.com/images?q=tbn:ANd9GcTnkEWLpi2QFPc3HBd7DtnmuXn6G–mXiL8_NCMbHNuxFL38uZt

Auch bemängelt er, Elser habe „seine politische Beurteilungskompetenz überschritten“, indem er ein solches Attentat unternahm. Fritzes Vorwurf des leichtfertigen Entfernens Elsers vom Tatort würde sich ebenso auf Stauffenberg und dessen Attentat von 1944 beziehen lassen, entgegneten Kritiker. Eine Reihe von Philosophen und Politikwissenschaftlern unterstützte Fritze. Der israelische Historiker Saul Friedländer hingegen verließ aus Protest den wissenschaftlichen Beirat des HAIT. Elser stehe „für die einsame Entscheidung eines Menschen, der sich in einer ethischen Notsituation befindet und einer Verantwortung folgt, die die eigene Existenz geringer achtet als Recht und Gerechtigkeit und das allgemeine Wohl“, meint auch Gruber. Aber ob das die getötete Kellnerin auch so gesehen hätte?

Dem bereits 1972 durch die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes VVN eher unbeachtet eingeweihten Denkmal in Schnaitheim schloss sich erst nach Elsers Erwähnung durch Bundeskanzler Helmut Kohl 1983 in seiner Rede zum 20. Juli ein Paradigmenwechsel in der Gedenkkultur an – der inzwischen allerdings ins Gegenteil zu kippen droht: 2017 waren schon 64 Straßen und Plätze in Deutschland nach Elser benannt. Büsten, Installationen und Denkmäler folgten, so 2011 in Berlin ein 17 Meter hoher Stahlmast. Seit 2001 wird alle zwei Jahre ein Georg-Elser-Preis für Zivilcourage verliehen. Anlässlich seines 100. Geburtstags gab die Deutsche Post eine Sondermarke heraus.

Brandauer-Version. Quelle: https://film-retro-shop.de/media/image/16/f3/cb/Georg-Elser-Einer-aus-Deutschland-Hartbox_600x600.jpg

Elsers Leben wurde in Hörspielen, Bühnenstücken und Filmen dramatisiert, darunter 1989 von Klaus Maria Brandauer, der auch die Titelrolle übernahm und mit „Mephisto“ sowie „Hanussen“ weitere Filmadaptionen der NS-Zeit lieferte. Zuletzt drehte Oliver Hirschbiegel „Elser – Er hätte die Welt verändert“, der 2015 den Bayerischen Filmpreis als „Bester Film“ erhielt. Pikant: Hirschbiegel hatte zehn Jahre zuvor „Der Untergang“ mit dem jüngst verstorbenen Bruno Ganz gedreht, der die letzten Tage jenes Mannes beschreibt, den Elser eigentlich töten wollte: Adolf Hitler.

Es war kein so großer Aufreger wie erwartet: Marta Rafael, Witwe des Journalisten Karl Eduard von Schnitzler, gestattete dem vormaligen FDJ-Kampfblatt Junge Welt, unter dem Titel der einstigen Fernsehsendung „die Tradition aufklärerischer Medienkritik im Geiste ihres Mannes fortzusetzen“. Die sozialistische Tageszeitung stellt seit August zunächst monatlich einen Video- und Audio-Podcast mit medienkritischen Inhalten online bereit; später soll das Format wöchentlich laufen. „In Berlin ersteht die DDR wieder auf“, titelte Bild prompt.

„Der Schwarze Kanal“, den das DDR-Fernsehen ab 21. März 1960 jeden Abend nach dem Montagsfilm 1519 Mal für rund 20 Minuten ausstrahlte, wurde zum Inbegriff der SED-Propaganda. Er zeigte Sendeausschnitte aus dem Westfernsehen, die Schnitzler anschließend sarkastisch im Sinne des DDR-Regimes kommentierte: für die Junge Welt „Aufklärung über die westliche antikommunistische Propaganda“. Schnitzlers erste Worte waren:

„Der Schwarze Kanal, den wir meinen, meine lieben Damen und Herren, führt Unflat und Abwässer; aber statt auf Rieselfelder zu fließen, wie es eigentlich sein müßte, ergießt er sich Tag für Tag in hunderttausende westdeutsche und Westberliner Haushalte. Es ist der Kanal, auf welchem das westdeutsche Fernsehen sein Programm ausstrahlt: Der Schwarze Kanal. Und ihm werden wir uns von heute an jeden Montag zu dieser Stunde widmen, als Kläranlage gewissermaßen.“

Schnitzler vor Sendungslogo. Quelle: tagesspiegel.de

Die Sendung war über fast dreißig Jahre hinweg nicht nur fester Bestandteil des ostdeutschen Fernsehprogramms, sondern ein agitatorisches und politisches Instrument der SED-Machthaber. Der Name Schnitzlers, der die Sendung 1322 Mal moderierte,  und der Titel „Der Schwarz Kanal“ sind untrennbar miteinander verbunden, ebenso wie mit der gesamtdeutschen Geschichte, denn die wöchentlich ausgestrahlte Sendung hatte mindestens ebenso viele Zuschauer im Westen (wenn nicht noch mehr) als im eigenen Land. Am 30. Oktober 1989 verabschiedete er sich:

„Ich werde meine Arbeit als Kommunist und Journalist für die einzige Alternative zum unmenschlichen Kapitalismus fortsetzen. Als Waffe im Klassenkampf (…) Auf Wiederschauen“.

Die Sendung war schon einmal im Internet lebendig geworden: Zum 40. Jahrestag des Mauerbaus hatte das Deutsche Rundfunkarchiv Potsdam-Babelsberg Sendemanuskripte und Unterlagen unter www.sk.dra.de zugänglich gemacht, wo sie bis heute abrufbar sind. Der Berliner Historiker Clemens Escher hält die aktuelle Wiederbelebung für wenig originell. Das „geraunt Verschwörerische“ von Moderator Schnitzler habe dessen Sendung überlebt – „ebenso das Misstrauen gegen westliche Medien und das Establishment“, so Escher in der NWZ. „Der Antikapitalismus ging und geht dabei eine Melange ein mit dem als Antizionismus nur notdürftig getarnten Antisemitismus.“ Um diese Hintergründe solle jeder wissen, der den „Schwarzen Kanal“ reanimiere.

„Entlarvung der politischen Manipulation“

Die Sendung galt als Antwort auf die zwischen 1958 und 1960 quartalsweise ausgestrahlte ARD-Sendung „Die rote Optik“, in der der Westberliner NDR-Studioleiter Thilo Koch anhand von Sendungsausschnitten die DDR-Fernsehpropaganda analysierte: Der Titel war eine Anspielung darauf. Später galt das zwischen 1969 und 1988 ausgestrahlte ZDF-Magazin mit Gerhard Löwenthal wegen seiner ähnlich polarisierenden Wirkung als Pendant. Intention der Sendung war, Multiplikatoren wie  Offizieren der NVA, denen der Konsum westlicher Fernsehsendungen untersagt war, Lehrern, Journalisten und interessierten Bürgern ausgewählte westliche Nachrichten nebst ideologischer Interpretation zu präsentieren: Statt Zahn um Zahn Propaganda um Propaganda.

Löwenthal mit Sendungslogo. Quelle: dra.de

Torsten Hampel spricht im Tagesspiegel von wortmächtigen Monologen, „unterfüttert mit einem historischen Wissen, von Preußen, Kaiserreich, den beiden Weltkriegen und Umständen der beiden deutschen Staatsgründungen – überhaupt einer Informiertheit über nahezu alles und jeden –, das aus dem heutigen Fernsehen nahezu unbekannt ist. Eingewebt aber auch in eine Einschüchterung: Wer so viel weiß, muss recht haben.“ So sollte die „systematische Enthüllung des menschen- und fortschrittsfeindlichen Charakters der imperialistischen Klassenherrschaft” durch eine „scheinbare Entlarvung der politischen Manipulation seitens des Westfernsehens” geschehen.

Nach außen hin begründete Schnitzler die aggressive Form der Auseinandersetzung mit dem sich „objektiv verändernden Kräfteverhältnis zugunsten des Sozialismus” und der „subjektiv organisierten psychologischen Kriegsführung des Imperialismus“. Allein diese Begründung entblößt sich bei genauerem Hinsehen als eine Anti-Begründung. Denn wenn sich das Kräfteverhältnis zugunsten des Sozialismus entwickelt hätte, wäre wohl kaum eine solch propagandistische Form der medialen Nachrichtenaufbereitung vonnöten gewesen.

Die beeinflussende Wirkung seiner Hetztiraden gegen den Westen war Schnitzler nicht nur bewusst, sondern sogar Ziel seiner Agitation. Noch 1985 erklärte er anlässlich der Verleihung des Ehrentitels „Held der Arbeit“, „der Adressat des ‚Schwarzen Kanals‘ ist der DDR-Bürger. Und die Zuschauer sind Multiplikatoren, die das Gesehene und Gehörte auf vielfältige Weise weitertragen – in Schulen und Versammlungen, in die Zirkel des Partei- und FDJ-Lehrjahres, die es nutzen in persönlichen Gesprächen“.

Wie dieser Nutzen auszusehen hatte, war eindeutig: Die Bürger der DDR sollten gegen den Westen aufgestachelt und aggressiv gestimmt werden. Schnitzler betrachtete, das schrieb er später auf, „den Journalismus als ein Mittel der Machtausübung“. Ein Schelm, der heute Arges dabei denkt… Es verwundert nicht, dass bei Facebook seit geraumer Zeit sein Bild mit der Überschrift „Meckert nicht, ich habe euch jeden Montag gewarnt“ kursiert und auf Zustimmung stößt.

Schnitzler, Ulbricht, Sendermann. Quelle: bpb.de

Die Sendung wurde zeitweise, vor allem Mitte der 1960er bis Anfang der 1970er Jahre, in einigen sozialen Bereichen als eine Art Pflichtveranstaltung betrachtet, so im Politunterricht bei der Armee oder, lehrerabhängig, im Staatsbürgerkundeunterricht in der Schule. Vor allem im DDR-Bezirk Dresden (umgangssprachlich „Tal der Ahnungslosen“) bot „Der schwarze Kanal“ zwar die Möglichkeit, Ausschnitte aus Nachrichten von ARD und ZDF zu sehen, doch taugten die natürlich nicht als neutrale Informationsquelle, da sie stark gekürzt und aus dem Zusammenhang gerissen waren. Das Deutsche Rundfunkarchiv wirft Schnitzler vor, durch sinnentstellende Kürzungen von Szenen und speziell geordnete Abfolgen von Ausschnitten Aussagen manipuliert zu haben.

„verschmilzt die Privatperson mit dem Moderator“

Damit ist klar, dass Sendung und Moderator auch politisch nicht zu trennen waren: „Niemals wird im demokratischen Rundfunk ein Volksfeind, ein Friedensfeind Gelegenheit haben, die Redefreiheit zu missbrauchen. (…) Und darum können wir auch nicht objektiv sein, sondern wir sind parteiisch”, sagte Schnitzler zur Feier des zehnjährigen Bestehens des DDR-Rundfunks. Den Vorwurf, er sei ein parteikonfomer Journalist gewesen, der im Grunde genommen immer auf der Regierungslinie gelegen habe, kontert er lapidar mit der Tatsache, dass sich seine Auffassung lediglich mit der Linie seiner Partei und Regierung gedeckt habe. Allerdings deckte Regina Mönch in der FAZ auf, dass Schnitzler abhängig von der jeweiligen politischen Großwetterlage weisungsgebunden agieren musste: So war er zur Zeit der Anbahnung des Milliardenkredits 1983 gehalten, sich wegen der Darstellung des bisherigen Lieblingsfeindes Franz Josef Strauß (CSU) als „Kommunistenfresser“ zurückzuhalten.

Der am 28. April 1918 in Berlin geborene Sohn eines preußischen Legationsrats erzählte gern, dass er das Adelsprädikat bei Gründung der DDR ablegen wollte, aber von Walter Ulbricht hierzu mit den Worten überredet worden ist: „Du bist wohl verrückt, die Leute sollen wissen, woher man überall zu uns kommt.“ Schnitzlers Großmutter war eine außereheliche Tochter des „99-Tage-Kaisers“ Friedrich III., er selbst mithin ein Urenkel des Kaisers. Welchen Stellenwert diese Verwandten im Dritten Reich innehatten, schilderte von Schnitzler in einem Interview:

„Mein Vetter, Dr. Georg von Schnitzler, war Verkaufsdirektor des IG-Farbenkonzerns. Seine Unterschrift steht unter den Lieferverträgen Zyklon-B, des Giftgases für die Konzentrationslager; und ich habe noch ein paar von der Sorte.“

Schnitzler-Protest 1989. Quelle: bundesregierung.de

Bereits mit 14 trat Schnitzler in die Sozialistische Arbeiter-Jugend ein und begann sich entgegen seiner familiär gutsituierten Ausgangslage mit dem Kommunismus zu beschäftigen. Er brach 1937 nach zwei Semestern ein Medizinstudium ab, lernte in Köln Kaufmann und wurde 1939 einberufen. Zweimal verwundet und einmal wegen antinazistischer Propaganda mit dem Strafbataillon 999 im Afrikafeldzug eingesetzt, kam er 1944 in britische Kriegsgefangenschaft, wo er als verantwortlicher Redakteur für die tägliche BBC-Sendung „Hier sprechen deutsche Kriegsgefangene zur Heimat” ab 10. Juni Propagandaarbeit für die Briten leistete. „Von diesem Tag an verschmilzt die Privatperson mit dem Moderator bzw. Kommentator von Schnitzler“, erklärt sein Biograph Horst Rörig.

Im Juni 1945 schickten ihn die Engländer zum damaligen NWDR. Dort zuerst als Kommentator tätig, wurde der überzeugte Kommunist am 1. Januar 1946 als erster amtierender Intendant und Leiter der politischen Abteilung in Köln eingesetzt. Am Anfang wegen seiner Arbeit in London und seiner „sauberen“ Denkweise als Journalist geschätzt, urteilte der britische Chief Controller des NWDR, Hugh Carleton Greene, rückblickend über ihn: „…er war ein guter Rundfunkpublizist und ein gescheiter Kopf, den ich nicht unbedingt verlieren wollte.“ Als er mit der britischen Besatzungsmacht auf Grund seiner extrem linken Denk- und Arbeitsweise in unlösbaren Konflikt geriet, wurde Schnitzler im Frühjahr 1947 fristlos entlassen. Logische Folge war seine Emigration nach Ost-Berlin, wo er von Michael Storm, dem journalistischen Pseudonym des späteren Auslands-Spionagechefs Markus Wolf, beim Berliner Rundfunk empfangen wurde. Wahrscheinlich über diese Beziehungen wurde Schnitzler nach eigenen Angaben sofort Festangestellter.

Zunächst leitete er neben seiner Kommentatorentätigkeit die Diskussionsrunde „Treffpunkt Berlin“ mit westlichen Journalisten und dreht Dokumentarfilme, bevor er mit dem „Schwarzen Kanal“ auf Sendung geht. Rasch zum Chefkommentator berufen, bezeichnete er später den 18-jährigen Maurergesellen Peter Fechter, der bei einem unbewaffneten Fluchtversuch am Checkpoint Charlie vor laufender Kamera verblutete, als „einen angeschossenen Kriminellen“. Nicht allein der kommunistische Gedanke war richtungsweisend für seinen agitativen „Journalismus“, sondern auch seine Verachtung der westlichen – seiner Meinung nach imperialistischen und kapitalistischen – Gesellschaftsformen, im Besonderen der Westdeutschlands.

Auch ein „schwarzer Kanal“. Quelle: freitag.de

So gab er kurz nach der Einstellung seiner Sendung als Anspruch an seine Arbeit in der Stuttgarter Zeitung, an, „er habe immer nur zur ‚Hygiene im Äther‘ beitragen wollen, um der ‚Hetze‘ der westlichen Medien gegen den Sozialismus und speziell den auf deutschem Boden etwas entgegenzusetzen“. Rörig nannte das eine „überzeugte Verblendung“. Die AfD Niedersachsen hat inzwischen vorgeschlagen, einen „Karl-Eduard-von-Schnitzler-Preis“ an Redaktionen zu verleihen, in denen gegen journalistische Prinzipien verstoßen, das Trennungsprinzip von Sachberichterstattung und Meinung nicht realisiert wird.

„Nervensäge der Nation“

Die Resonanz in der Bevölkerung gab Schnitzler zu Anfang mit 50% und mehr Einschaltquote an, die wegen schwindendem Interesse sich dann bei rund 30% eingependelt habe. Dabei fällt zusätzlich ins Gewicht, dass in den ersten Jahren lediglich ein bzw. zwei Programme zur Verfügung standen und die Einschaltquoten in der DDR niemals offiziell bekannt waren. Eine objektive Bewertung dieser Zahlen ist also nicht möglich. Auch die Aussage von Schnitzlers, er „habe nie 3% gehabt wie Herr Höfer in seinem ‚Frühschoppen‘ mittags um zwölf. Mit 3% Prozent gibt es bei uns keine Sendung, die wäre abgesetzt worden”, ist vorsichtig zu betrachten. In jedem Fall nahm die Sehbeteiligung rapide ab: Ende der 1970er Jahre waren es kaum noch zweistellige Werte, die kontinuierlich mit durchschnittlichen Quoten um drei bis fünf Prozent bis zur Einstellung sanken.

Zuletzt gehörte der in der Bevölkerung „Sudel-Ede“ titulierte zu den meistgehassten Systemvertretern. So wurde auf Demonstrationen 1989 gefordert: „Schnitzler weg von Bild und Ton, der besudelt die Nation!“, oder „Versetzt die alte Lügensau schnellstens in den Tagebau“, oder „Schnitzler weg – Lügendreck“. Der Spiegel nannte ihn „Nervensäge der Nation“ und kommentierte: „Neben dem Unterangebot an Südfrüchten war es das Überangebot an Schnitzler-Kommentaren, das die Leute 1989 auf die Straßen trieb.“ Denn noch im Frühherbst polemisierte er in gewohnt ungehobelter, arroganter und überlegenheitsschwangerer Art gegen die westliche Welt, ohne auch nur im geringsten die Zeichen der Zeit im eigenen Land zu erkennen.

Für ihn war die Bürgerbewegung in der DDR vom Westfernsehen organisiert, um die Struktur des ostdeutschen Staates von innen auszuhöhlen. Nachdem bei den Montagsdemonstrationen seine Absetzung gefordert worden war und ihn das SED-Blatt Neues Deutschland als „Nessie-ähnliches Fossil“ geschmäht hatte, war die Absetzung der Sendung folgerichtig. Einem Parteiausschlussverfahren kam er mit seinem Austritt zuvor und ging in die DKP.

Schnitzlers Grab. Quelle: in-berlin-brandenburg.com

Nach dem Ende der DDR war Schnitzler Kolumnist, darunter der Satirezeitschrift Titanic, und Autor. 1994 veröffentlicht er die Schrift „Provokation“, die mit dem Satz beginnt: „Die Deutsche Demokratische Republik war das Beste, was in der Geschichte den Deutschen, den Völkern Europas und der Welt aus Deutschland begegnet ist“. Der in der DDR vielfach geehrte, viermal verheiratete kalte Krieger – aus seiner zweiten Ehe ging die Schauspielerin Barbara Schnitzler hervor – erlag am 20. September 2001 in Zeuthen einer Lungenentzündung. Als ein „Phänomen“ bezeichnet ihn Rörig:

„Die teilweise Unmöglichkeit, seiner Gedankenführung rationales Verständnis entgegenzubringen, mindert dabei nicht die Faszination seiner Person.“

Dieser Faszination erlagen etwa vier Hamburger Punkrocker namens „Der Schwarze Kanal“. Daraus ging die Intellektuellenband „Blumfeld“ hervor, die sich 2004 in einem „Manifest“ von jedem Künstler distanzierte, der „es billigend in Kauf nimmt, die in deutschem Namen begangenen Verbrechen und (Un-) Taten der Vergangenheit und Gegenwart zu ignorieren und vergessen zu machen, um seine Zielgruppe zu erreichen.“ Und ihr erlag auch der Journalist Jan Fleischhauer, der achteinhalb Jahre lang „unter unzähligen Aufforderungen an die Chefredaktion, dem Autor zu kündigen“, 438 konservative Spiegel-Kolumnen namens „Der schwarze Kanal“ schrieb. Sowohl die Kolumne als auch die Ergüsse des Namensgebers gibt’s heute wieder: erstere neuerdings im Focus, zweitere im Onlineshop des RBB. Hier kann der geneigte Kunde eine 6er-DVD-Box „Der schwarze Kanal“ erwerben und sich an den messianischen Tiraden ergötzen. Oder erschrecken, je nach Perspektive.

Goethe war in manchen Briefen wahrlich nicht zimperlich: „Zillbach ist ein böses Nest“ beschrieb er 1780 seinen Eindruck vom kleinen Flecken in der Vorderrhön nahe Wasungen, und: „Zillbacher sind wie Katzen, vorne lecken, hinten kratzen“. Aus diesem Nest nun stammt ein Mann, der aus Sachsens Naturgeschichte nicht wegzudenken ist und als Begründer der Forstwissenschaft in Deutschland gilt: Heinrich Cotta. Am 25. Oktober vor 175 Jahren starb er hochgeachtet in Tharandt.

Seine Studenten hatten ihm zum 80. Geburtstag 80 Eichen auf der Burghöhe „Heinrichseck“ im Tharandter Wald gepflanzt, seinem „grünen Hörsaal“, in dem er nun Monate später begraben wurde. Seine schon in der Kindheit angelegte mineralogisch-geologische „Versteinerungssammlung“ war eine der bedeutendsten ihrer Zeit und zog auch andere Naturwissenschaftler wie 1830 Alexander von Humboldt in das Städtchen zwischen Dresden und Freiberg. Er war es auch, der nach Cottas Tod den Ankauf dieser rund 5.000 pflanzlichen und tierischen Fossilien für 3000 Taler für das „Berliner Kabinett“ durchsetzte. Die Sammlung ist heute zwischen Freiberg und London verstreut.

Ansichtskarte aus Anlass des 110. Jahrestags der Forstlichen Hochschule Tharandt 1926. Quelle: oldthing.de

Dabei gilt Cottas Geschichte auch Genealogen für interessant: Kaiser Sigismund hatte der Familie 1420 einen Adelsbrief ausgestellt, dessen Original 1752 bei einem Brand vernichtet wurde. Die Cottas waren da längst in einen süddeutschen und einen sächsisch-thüringischen Stamm ohne verwandtschaftliche Beziehungen geteilt und führten den Titel nicht mehr. Goethes Verleger Johann Friedrich Cotta hatte 1817 Heinrich Cotta aufgefordert, gemeinschaftliche Schritte zur Erneuerung des Adels zu unternehmen – was dieser aufgrund seiner demokratischen und ganz bewusst bürgerlichen Einstellung ablehnte. So wurde nur ein Teil des süddeutschen Familienstammes 1817 in den Adels- und 1822 in den Freiherrnstand erhoben. Doch nach Heinrich Cottas Tod bekamen auch seine drei Söhne auf Antrag 1858 den Adelstitel neu verliehen.

„die Ausführung macht hierbei den Meister“

Das Forsthandwerk war dem am 30. Oktober 1763 geborenen Heinrich in die Wiege gelegt: Sein Vater Nicolaus Heinrich war der erste bürgerliche Fürstlich-Weimarische Förster, bildete ihn selbst aus und sprach ihn später als Jägerbursche frei. 1784/1785 studierte Heinrich in Jena Mathematik und Kameralwissenschaften, war danach als Vermesser im nahen Fischbach tätig und begann gemeinsam mit seinem Vater, forstlichen Unterricht zu erteilen. 1789 wurde er Herzoglich-Weimarischer Forstläufer mit einem Jahresgehalt von 12 Talern. Fünf Jahre später legte er, inzwischen Unterförster, dem Großherzog von Sachsen-Weimar-Eisenach, Carl August, den Plan einer Forstlehranstalt vor. Dazu hatte er bereits die „Cotta-Plantage“ am Rande von Zillbach mit über 400 Baumarten angelegt.

Jagdschloss und Kirche Zillbach. Quelle: wikipedia.

1795 heiratete er seine langjährige Freundin Christel Ortmann, mit der er sechs Kinder hatte, von denen vier das Erwachsenenalter erreichten, erhielt als Forstmeister die Stelle seines Vaters in Zillbach und bekam vom Großherzog nicht nur grünes Licht für seinen Plan, sondern auch die Erlaubnis, Jagdschloss und Garten für seinen Unterricht zu nutzen. Er berief u.a. seinen Jenaer Studienfreund Friedrich Mosengeil als Lehrer für deutsche Sprache und Mathematik, der als Begründer der Stenografie gilt und 1796 in Eisenach sein Schriftsystem veröffentlichte.

1801 wurde Cotta zum Forstmeister in Eisenach und zugleich zum Mitglied des dort neu errichteten Forstcollegiums ernannt. Der Ruf der Lehranstalt verbreitete sich rasch und ließ Cotta als hervorragenden Lehrer bekannt werden. Ab 1809 stand er dann mit der königlich-sächsischen Verwaltung unter Friedrich August I. in Kontakt, die einen neuen Leiter ihrer Forstvermessungsanstalt suchte. Am 12. Dezember 1810 kam Cotta als Direktor der Forstvermessung und Forstrat nach Dresden. 1811 verlegte er die Einrichtung nach Tharandt, wo er am 24. Mai sein privates Forstlehrinstitut eröffnete.

„Der Beruf des Forstmanns ist halb Kunst, halb Wissenschaft, und nur die Ausführung macht hierbei den Meister“, schrieb er im selben Jahr. Sein Vorlesungsmanuskript „Grundriss zu einem System der Forstwissenschaft“ von 1813 galt jahrzehntelang als Standardwerk, das der Disziplin feste, schulgerechte Regeln gab, sie von der Jagd löste, den forstmännischen Beruf vom Berufsjägertum und die waldwirtschaftlichen Interessen von den Jagdinteressen trennte.

Christel Cotta. Quelle: Wikipedia

Nachdem das Institut als Kriegsfolge in finanzielle Schwierigkeiten geraten war, bemühte sich Cotta erfolgreich um eine staatliche Trägerschaft. Die Einrichtung wurde am 12. März eine staatliche Anstalt und am 17. Juni 1816 als Königlich-Sächsische Forstakademie im Range einer Fachhochschule eröffnet, die jährlich rund 50 Studenten besuchten. Im Jahr darauf legte er mit der „Anweisung zum Waldbau“ das nächste Standardwerk vor, in dem sich der bemerkenswerte Satz fand „Wenn die Menschen Deutschland verließen, so würde dieses nach 100 Jahren ganz mit Holz bewachsen sein.“  In seiner Anweisung unterschied Cotta erstmals zwischen Nieder-, Mittel- und Hochwald und trat für Bestandspflege ein, so für „Durchforstungen“: Gezielte Entnahmen alter, kleiner und toter Bäume.

Hintergrund war, dass gerade in Sachsen die Notwendigkeit eines effizienten Waldbaus bestand: Mehrere Kriege im 18. Jahrhundert und der Holzbedarf im Erzbergbau und in der sächsischen Industrie hatten einen Raubbau an den heimischen Wäldern bewirkt. Friedrich August I. erkannte die Bedeutung einer systematischen und von wissenschaftlichen Gesichtspunkten geleiteten Aufforstung. Der Holzmangel wurde so zum „Geburtshelfer“ einer Wissenschaftsdisziplin, die gerade in Sachsen zur Blüte kam: Die Dresdner Heide legt noch heute Zeugnis ab, wie Cotta die Wälder mit einem Schneisensystem systematisch umgestaltete, um sie wirtschaftlich besser nutzen zu können. Er ist aber auch der Begründer einer nachhaltigen Bewirtschaftung des Waldes und war sich stets der Verantwortung für nachkommende Generationen bewusst.

„nicht reich an aufregenden Momenten“

1819 stirbt Cottas geliebte Christel, und Heinrich geht danach ganz in seiner Lehre auf. Von den 1.030 Studenten bis 1844 waren knapp die Hälfte Nichtsachsen. Vor allem russische Studenten kamen gern an die Forstakademie – Zar Nikolaus I. verlieh ihm zur Anerkennung seiner Bemühungen um diese 1841 den St.-Wladimir-Orden. „Sein Leben war im allgemeinen nicht reich an aufregenden Momenten. Die Grundzüge des Charakters dieses ausgezeichneten Mannes: Humanität, vollendete Herzensgüte, Friedfertigkeit, Milde im Urtheil über Andere, große Liebenswürdigkeit ließen ja kaum einen Feind erstehen“, meinte Biograph Richard Heß 1876.

Cotta-Biographie. Quelle: Amazon

Unter Cotta erlangte die sächsische Forstwissenschaft Weltgeltung und wurde zum Vorbild für viele Staaten. Er leitete die Akademie über 30 Jahre und prägte sie entscheidend. Unter seiner Leitung hatte sie eine Direktorialverfassung erhalten, die bis 1904 gültig blieb: In diesem Jahr wurde sie mit der Erhebung in den Rang einer Hochschule gewürdigt; seit 1929 ist sie Bestandteil der Dresdner Universität – heute als eigene Fachrichtung.

Cottas Bücher erzielten im 19. Jahrhundert  viele Auflagen. Neben dem Waldbau war die Forsteinrichtung einer seiner Schwerpunkte: er hatte in kurzer Zeit die ausgedehnten Waldungen Sachsens vermessen und Forsteinrichtungswerke aufgestellt. Seine Hilfstafeln für Forstwirte und Forsttaxatoren, aber auch die Tafeln zur Bestimmung des Inhalts und Wertes unverarbeiteter Hölzer wurden wichtige Arbeitsinstrumente der gesamten Forstwirtschaft und auch immer wieder neu aufgelegt. Zudem war er der erste forstliche Klassiker, der sich, wenn auch noch sehr vorsichtig, für die Begründung von Mischbeständen aussprach. Zu seiner Zeit waren, wenn überhaupt, bestenfalls gemischte Bestände aus Buchen und Eichen oder Buchen und Edellaubholz geduldet.

Cotta-Medaille. Quelle: ebay

Innerhalb von nur zwei Jahrzehnten gelang es Cotta, der neben Humboldt auch von Goethe und vielen anderen Geistesgrößen besucht und gewürdigt wurde, die stark herabgewirtschafteten sächsischen Wälder einer geordneten Forstwirtschaft zuzuführen. Die Zahl seiner Denkmäler und ihm gewidmeten Straßen zumal in Sachsen übersteigt ein Dutzend. Er war der erste namhafte deutsche Forstmann, über den eine eigenständige Biographie in Buchform verfasst wurde: die Habilitationsschrift „Heinrich Cotta. Leben und Werk eines deutschen Forstmannes“ von Albert Richter von 1950. Für herausragende Leistungen auf dem Gebiet der Forstwissenschaft verleiht die TU Dresden bis heute die Heinrich-Cotta-Medaille.

Doris Lessing bekam 2007 mit fast 88 Jahren als ältester Mensch und elfte Frau nach 93 Männern den Nobelpreis für Literatur. Begründet wurde die Entscheidung mit ihrem Wirken als „Epikerin weiblicher Erfahrung, die sich mit Skepsis, Leidenschaft und visionärer Kraft eine zersplitterte Zivilisation zur Prüfung vorgenommen hat.” In diese „zersplitterte Zivilisation“ wurde Doris geb. Tayler kurz nach dem ersten Weltkrieg, am 22. Oktober 1919, in Persien hineingeboren, wo ihr verbitterter Vater, der im Krieg ein Bein verloren hatte und es in England nicht mehr aushielt, Filialleiter einer Bank war.

Doris’ Mutter war Krankenschwester; sie hatte den traumatisierten Soldaten in einem Lazarett gepflegt und ihn aus Mitleid und Verzweiflung geheiratet, weil ihre große Liebe im Krieg gefallen war: „Die Wut meines Vaters auf den Grabenkrieg griff auf mich über und hat mich nie verlassen. Hier sitze ich und versuche noch immer, von der Last dieser grauenvollen Hinterlassenschaft freizukommen“, erklärte Lessing zu ihrem autobiographischen Buch „Alfred and Emily“ (2008). Als Doris fünf war, brach die Familie auf nach Südrhodesien (heute Zimbabwe), wo der Vater ein Stück Land gekauft hatte und sein Glück als Maisfarmer zu machen hoffte. Er scheiterte kläglich.

Lessing besuchte eine katholische Klosterschule und die Girls High School in der Hauptstadt Salisbury, dem heutigen Harare. Die isolierte Farm ihrer Eltern machten der Tochter neben Fluchten in Bücher lange, einsame Wanderungen zur Gewohnheit und bestärkten sie in ihrer Unabhängigkeit. Die Familie laborierte immer verzweifelter am Rande des Ruins. Doris’ Mutter war verbittert, sie vermisste ihre Heimat und ein bürgerliches Leben. Ihre rebellische Tochter Doris ließ sie für ihre Enttäuschung büßen, während der jüngere Bruder Harry geliebt und verhätschelt wurde. Diese frühen Verletzungen und das Kriegstrauma der Eltern haben Lessings Leben und Werk geprägt – zentrale Themen sind einerseits ihre Suche nach Liebe und Geborgenheit und andererseits die nicht leicht gelingende Liebe zwischen Mutter und Kindern, aber auch einerseits das inhaltsleere, schwere Dasein der britischen Siedler wie auch andererseits die trostlose Lage der einheimischen Bevölkerung.

Die junge Lessing. Quelle: https://www.newstatesman.com/sites/default/files/styles/lead_image/public/new_image_6.jpg?itok=_d705LQf

Mit vierzehn Jahren brach Lessing die Schule ab und arbeitete erst als Nanny und Schwesternhelferin und dann als Telefonistin. Sie konnte auch kleine Texte bei Zeitungen unterbringen und schrieb später zwei Romane, die sie vernichtete. Mit 19 Jahren heiratete sie den Kolonialoffizier Frank Wisdom und gebar einen Sohn und eine Tochter. Schon 1943 wurde die Ehe geschieden, die Kinder blieben beim Vater: „Lange habe ich das für eine gute Sache gehalten. Nichts ist langweiliger für eine intelligente Frau als endlose Zeit mit kleinen Kindern zu verbringen. Ich merkte, dass ich nicht die erste Wahl für Kindererziehung war…“, sagte sie 2010 Newsweek. Sie verabschiedete sich von ihnen mit den Worten, sie werde nun am Aufbau einer besseren Welt arbeiten. Im Scheidungsjahr begann ihre 20 Jahre währende Überwachung durch den britischen Security Service.

„Ehen haben nicht zwangsläufig etwas mit Liebe zu tun, oder?“

In zweiter Ehe heiratete sie 1945 den deutschen Emigranten Gottfried Lessing, den sie als Mitglied der „Südrhodesischen Arbeiterpartei“ kennen lernte und der als jüdischer Kommunist den Nationalsozialisten entkommen war. Mit ihm bekam sie 1947 einen weiteren Sohn namens Peter. Er sollte sein ganzes Leben lang bei ihr bleiben; in ihren letzten Jahren sorgte sie während seiner schweren Diabetes für ihn; er starb drei Wochen vor ihr. Auch die Ehe zerbrach, zumal an der Politik: „Ehen haben nicht zwangsläufig etwas mit Liebe zu tun, oder“, meinte sie später. Gottfried, ein politischer Fanatiker, ging in die DDR und machte dort Karriere u.a. als Botschafter in Uganda, wo er 1979 erschossen wurde.

Seine Frau aber blieb mit ihrem Sohn in England, wo sie inzwischen lebte, sich als alleinerziehende Mutter durchschlug und 1950 ihren Erstling „Afrikanische Tragödie“ publizierte. Das Buch ist sowohl ein Schicksalsdrama vor dem Hintergrund einer tödlich scheiternden Liebe zwischen einer weißen Farmersfrau und ihrem schwarzen Diener als auch eine Studie über unüberbrückbare Rassengegensätze. Für viele begründet der Roman den sogenannten „Postkolonialismus“. Wegen ihrer Kritik an der Rassentrennung durfte sie jahrzehntelang nicht nach Rhodesien und Südafrika reisen. Von 1952 bis zum sowjetischen Einmarsch in Ungarn 1956 war sie auch Mitglied der britischen Kommunisten („die neurotischste Handlung meines Lebens“), weil das damals „fast die einzigen Intellektuellen waren“, begründete sie das im SPIEGEL. Später kritisierte sie die Kommunisten als bigott, als „entmenschlicht im Dienste der Menschheit“.

Nach der Bekanntgabe des Nobelpreises. Quelle: https://www.dw.com/image/17233243_401.jpg

Ihr Interesse an Ideologien verlor sie, die nie eine stromlinienförmige Zeitgeistlinke war, in gleichem Maße, wie sie sich zur unberechenbaren, unbequemen und scharfzüngigen Individualistin mit gnostisch-mystischen Interessen entwickelte. Der „Tragödie“ folgte der von Lessings afrikanischen Jahren inspirierte Romanzyklus „Kinder der Gewalt“, eine Art weiblicher Bildungsroman, und „Rückzug in die Unschuld“, der mit kommunistischen Illusionen abrechnete. Sie sollte fast jedes Jahr ein neues Buch vorlegen – über 50 werden es am Ende sein: Romane, Prosabände, später auch Sachliteratur und Lyrik. „Ich schreibe nun mal gern“, erklärte sie 2004 lapidar.

Erster Höhepunkt: „Das goldene Notizbuch“ von 1961. Die brillante, mit avantgardistischen Mitteln und bisweilen hypnotisch fesselnd erzählte Geschichte zweier Frauen, die sich in den Wirren machistisch durchtränkter Machtspielchen der kommunistischen Bewegung auch sexuell zu behaupten versuchen, gilt als „Bibel der Frauenbewegung“ zumindest im angelsächsischen Sprachraum – wurde sie doch rezipiert als identitätsstiftender weiblicher Selbsterfahrungstrip im gerade ausbrechenden Geschlechterkrieg. Das hält die Autorin bis heute für ein Missverständnis. Als Feministin sah sie sich nie, eher als „Botschafterin der Einsamkeit“, als eine, die „wie wenige andere die atemberaubenden Freiheiten und seelischen Verstümmelungen des zwanzigsten Jahrhunderts erkundet hat“, bilanziert Ingeborg Harms in der FAZ geschlechterübergreifend.

„Exposition einer vitalen Schizophrenie“

Dieses Buch machte ihren Namen Ende der sechziger Jahre schließlich auch in Deutschland bekannt. Die Autorin verzichtet auf eine erzwungene Einheit, lässt Träume, Zitate, Zeitungsausschnitte einfließen und teilt den Stoff auf fünf Notizbücher ihrer Protagonistin auf. „Die klassischen weiblichen Rollen, an denen Doris Lessing sich in ihren ersten Büchern abarbeitete, weichen einem Multiperspektivismus und der Exposition einer vitalen Schizophrenie, die politische Interessen, philosophische Ideen und romantische Verwicklungen nicht länger auf einen Nenner zu bringen versucht“, resümiert Harms.

Canopus in Argos. Quelle: http://kipple.dk/wp-content/uploads/2012/04/LESSING1.jpg

Zweiter Höhepunkt: der 1979 begonnene Romanzyklus „Canopus in Argos: Archive“, der sein Handlungszentrum im weit entfernten Planeten Canopus hatte, der Herrschaftszentrale eines künftigen galaktischen Imperiums. Das Schicksal der Erde ist da längst besiegelt, und es ist kein freundliches. Lessing interpretiert vor allem im ersten Band Fakten und Mythen der Erd- und Menschheitsgeschichte wie Sintflut und Eiszeit, Evolution und Religion von einem sufistisch-analytischen Grundansatz, der auch noch stark buddhistisch beeinflusst ist. Demnach sind sinkendes Mitgefühl und steigende Gier sowie der Mangel an Bewusstsein, Teil eines größeren Ganzen zu sein, und die daraus resultierende Beschränktheit des eigenen Standpunktes Ursachen des desaströsen Zustands der Erde, die sich scheinbar unabwendbar auf den eigenen Untergang zubewegt.

Als „Space Fiction“ bezeichnete sie die Pentalogie, die sie für ihr wichtigstes Werk hielt und die in England ein Super-Bestseller war: Auf die jeweils neuste Folge wartete die Lesegemeinde fast so begierig wie auf einen neuen Harry Potter. Sie halte nichts von der Unterscheidung zwischen „seriöser“ und Science-Fiction-Literatur, sagt sie selbstbewusst. „Space- und Science-Fiction bilden den frischesten Zweig der heutigen Literatur“. In der neuen Blüte dieses Genres sieht sie ein Zeichen dafür, dass der menschliche Verstand wieder einmal „zu expandieren gezwungen“ sei: „Diesmal sternenwärts, galaktisch, und wer weiß wohin das nächste Mal“, zitiert sie der SPIEGEL. Zwei Bücher des Zyklus wurden von Philip Glass als Oper adaptiert, wobei Lessing selbst die Bühnenfassungen schrieb.

Endzeitmotive griff Lessing noch häufiger auf. In den „Memoiren einer Überlebenden“ malt sie 1974 eine nahe Zukunft des zivilisatorischen Zerfalls an die Wand. Zeitgenössische Krisenphänomene wie Umweltverpestung und Jugendkriminalität werden in ein Katastrophen-Futur fortgeschrieben: Ende der „Epoche des Überflusses“. In dem Band „Der Mann, der auf und davon ging“ (1979) handelt eine Erzählung von Abgesandten eines anderen Planeten, die die Einwohner einer irdischen Großstadt vor einer kommenden Erdbebenkatastrophe zunächst vergebens zu warnen versuchen.

„Eine Tante als Nobelpreisträgerin“

Lessing ist eine globale Autorin. Die Liste ihrer Themen, die sie oft aus ihrer Biografie schöpfte – die Situation von Frauen, das Elend Afrikas, Kommunismus, Rassismus – lesen sich wie ein Stichwortverzeichnis der Konflikte, die das vergangene Jahrhundert bestimmten und auch teilweise heute nichts von ihrer Brisanz verloren haben. In ihrer ersten Pentalogie „Children of Violence“ (1952-69) schilderte sie die Lebensgeschichte ihres alter ego Martha Quest bis zur Abreise nach England. Zum Liebling der Feministen wurde sie nicht zuletzt durch „Der Sommer vor der Dunkelheit“ 1973, einen Roman, dessen nicht mehr junge Heldin ihre erotischen Wünsche auszuleben gelernt hat. Der Thriller „Das fünfte Kind“ (1988) wählt eine allegorische Form, um in einem Monsterkind die unterdrückten Aggressionen seiner bürgerlich gefesselten Mutter zu studieren.

Werkauswahl. Quelle: http://www.hoffmann-und-campe.de/typo3temp/pics/5644d80569.jpg

Nach der Stationierung der amerikanischen Pershing-Raketen in der Bundesrepublik war sie davon überzeugt, nun komme es zum Atomkrieg, und Deutschland werde dabei vernichtet. Prompt fordert sie ihre deutschen Verwandten auf, die DDR zu verlassen – ihren Neffen Gregor Gysi, den sie selbst als „romantischen Sozialisten“ bezeichnete. Gottfried Lessing war der Bruder von Gysis Mutter Irene, doch die Beziehung der beiden ist eher lose, wie Gysi-Biograph Jens König in der WELT berichtet, gerade auch wegen der Sprachbarriere: „Sie spricht kein Deutsch und er so gut wie kein Englisch.“ Dennoch rief Gysi 2007 stolz in die Mikrofone:

„Eine Tante als Nobelpreisträgerin – mehr geht nicht“.

Oft bearbeitete die „Tante“, die aussah wie eine robuste Farmersfrau, Themen, die erst Jahre danach aktuell wurden. Für ihren Anspruch auf Ganzheitlichkeit, der aus ihren Werken einzeln und insgesamt spricht, ist Doris Lessing oft kritisiert worden: Ihre Literatur verströme einen Humanismus, der etwas altfränkisch Lavendelparfümiertes habe. Mit intellektueller Schärfe und nötigem Sarkasmus schuf sie eine reiche Parallelwelt zum Aktualitätenwahn der Gegenwart.

Ihre Bücher bleiben im Gespräch mit einer literarischen Tradition, die für Jahrhunderte Maßstab des geistigen Lebens war. In den 1990er Jahren zog sie mit den zwei Autobiografie-Bänden „Unter der Haut“ und „Schritte im Schatten“ eine selbstkritische Bilanz ihres Lebens und legte zugleich eine kritische Geschichte des intellektuellen England nach dem Zweiten Weltkrieg vor. In ihrem Reportageband „Rückkehr nach Afrika“ (1992) beschreibt sie diese Rückkehr dann vor allem als Enttäuschung.

„noch kurz vor ihrem Tod erwischen“

Sie hatte viele meist zermürbende Liebschaften, u.a. Ende der 50er Jahre mit dem Schriftsteller Nelson Algren („Der Mann mit dem Goldenen Arm“), dem 10 Jahre zuvor bereits die andere Ikone des Feminismus, Simone de Beauvoir, verfallen war. Das Credo vieler später Texte von Doris Lessing lautet, dass Veränderung beim Individuum beginnt. Das wiederum war eine Lehre, die sie verallgemeinert sehen wollte. Doch nicht alle dieser Bücher sind von literarisch hoher Qualität. Sie hat sich zeitlebens als eine politische Schriftstellerin verstanden, der die Message wichtiger war als der Stil und die aus den Versäumnissen Gleichgesinnter Konsequenzen zog, die sie auch von anderen erwartete.

Lessing im Alter. Quelle: https://images03.oe24.at/lessing_apa_96515a.jpg/bigStory/169.569

Dass sie den Nobelpreis erhielt, hat sie selbst als eine Art späten Witz verstanden, war sie doch als Kandidatin dafür vor allem in den siebziger Jahren gehandelt worden. Sie wusste um die zwiespältige Tradition der höchsten Auszeichnung in ihrem Fach, als sie spottete, man habe sie mit dem Nobelpreis wohl noch kurz vor ihrem Tod erwischen wollen. Ihre Dankensrede war ein Plädoyer für Literatur als Lebens- und Herzensbildung – und eine Verdammung des Internets. Immerhin wurde sofort danach mit der Publikation einer deutschen Werkausgabe begonnen. Die Auszeichnung als „Dame of the British Empire“ lehnte sie ab und starb am 17. November 2013 in London.

Seine rhetorischen Entgleisungen waren legendär, vor allem die beim 44. Liebesmahl des Ostasiatischen Vereins im Hamburger Atlantic-Hotel am 13. März 1964. „Herr Schah, Sie verstehen nichts von Wirtschaft“, verlautbarte er da in Richtung Iran, oder „Indonesien besteht aus Inseln, die liegen teils nördlich, teils südlich vom Äquator, und dazwischen ist eine Menge Wasser“, erteilte er Geographie-Unterricht. Seine legendärste, die Anrede „Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Neger!“ bei einem Staatsbesuch in Liberia, war dagegen eine Erfindung des SPIEGEL. Die Rede ist von Bundespräsident Heinrich Lübke, der 14. Oktober 1894 im sauerländischen Enkhausen geboren wurde.

Belegt ist, dass Lübke in Tananarive, der Hauptstadt Madagaskars, den Präsidenten Philibert Tsiranana und seine Frau Justine mit den Worten „Sehr geehrter Herr Präsident, sehr geehrte Frau Tananarive“ grüßte. Die echten und vermeintlichen Fehlleistungen begeisterten die deutsche Kabarett-Szene. Aufgrund des dem Bundespräsidenten entgegenschlagenden Spotts entschied der Bayerische Rundfunk, die Vorstellungen der Münchner Lach- und Schießgesellschaft nicht weiterhin live zu übertragen. Ausschnitte von Lübke-Reden wurden von der Zeitschrift „pardon“ auf der erfolgreichen Langspielplatte „Heinrich Lübke redet für Deutschland“ verarbeitet.

Lübke im Arbeitszimmer. Quelle: http://www.bundespraesident.de/DE/Die-Bundespraesidenten/Heinrich-Luebke/heinrich-luebke-node.html#-gallery

Dass er gern von den für ihn vorbereiteten Manuskripten abwich und improvisierte, war sowohl bekannt als auch Kündigungsgrund für manche Redenschreiber. An die Presse verteilt wurden immer nur die Textentwürfe, nie die tatsächlich gehaltenen Reden. Als weiterer Grund aber ist heute auch seine Krankheit anerkannt: Lübke litt schon seit den frühen 1960er Jahren an schweren Durchblutungsstörungen des Gehirns, die auf Arterienverkalkung beruhten und immer unerbittlicher voran schritten. Am Ende seiner Präsidentschaft war Heinrich Lübke ein schwer kranker Mann.

„Verantwortung für andere tragen“

Der Sohn eines Schumachers, der sich nebenberuflich landwirtschaftlich betätigte, war das zweitjüngste von acht Geschwistern – „kleine Verhältnisse“, auf die Lübke zeitlebens rekurrierte. In der Schule half ihm der katholische Ortsgeistliche. Sein Abitur 1913 am Gymnasium Petrinum in Brilon ließ keine sonderlichen Begabungen erkennen – „genügend“ hieß es in den meisten Fächern. Er begann ein Studium der Geodäsie, Landwirtschaft und Kulturbautechnik an der Landwirtschaftlichen Akademie in Bonn und meldete sich im August 1914 als Kriegsfreiwilliger.

Überliefert ist, dass er keiner Gefahr aus dem Weg ging, was seine Kameraden beeindruckte, und mit einer Gasvergiftung im Lazarett lag. Ausgezeichnet mit dem EK I und II, war sein letzter Dienstgrad 1918 Leutnant der Reserve. Er war Zeuge des Sterbens bei Langemarck und sagte später, er habe gelernt, „Verantwortung für Leben und Gesundheit anderer zu tragen“. Seine Treffen mit den alten Kameraden schilderte er als fröhliche Veranstaltungen.

Nach Kriegsende nahm er sein Studium wieder auf, beendete es 1921 als Vermessungs- und Kulturingenieur und begann im selben Jahr Nationalökonomie in Münster und Berlin zu studieren. Seit 1923 war Lübke in Berlin im kleinbäuerlichen Organisations- und Siedlungswesen tätig und 1925 an der Gründung des Reichsverbandes landwirtschaftlicher Klein- und Mittelbetriebe beteiligt, den er als Geschäftsführer betreute. Daraus entstand, durch Zusammenschluss mit einer Reihe anderer mittelbäuerlicher Verbände, 1927 die Deutsche Bauernschaft. Neben deren Geschäftsführung leitete Lübke die im selben Jahr gegründete Siedlungsgesellschaft Bauernland. Durch weitere Mitgliedschaften in Vorständen und Aufsichtsräten landwirtschaftlicher Organisationen und Kreditinstitute wurde der vielbeschäftigte Verbandspolitiker zu einem erfolgreichen Agrar- und Siedlungsexperten. Die großbäuerlichen Interessenvertreter bekämpften ihn als „Bodenreformer“ und „roten Lübke“.

Ehepaar Lübke. Quelle: http://www.bundespraesident.de/DE/Die-Bundespraesidenten/Heinrich-Luebke/heinrich-luebke-node.html#-gallery

1929 heiratete er die Lehrerin Wilhelmine Keuthen, die Ehe blieb kinderlos. Im April 1932 in den Preußischen Landtag gewählt (Zentrum), und am 5. März 1933 wiedergewählt, verlor Lübke nach Hitlers Machtübernahme alle Ämter und wurde 1934 unter dem Vorwand der „Korruption“ verhaftet. Nach 20 Monaten kommt er frei und erholt sich, zunächst arbeitslos, bei Flensburg auf dem Bauernhof seines älteren Bruders Friedrich Wilhelm Lübke, des späteren Ministerpräsidenten Schleswig-Holsteins. Nach Wehrübungen zum Hauptmann d.R. befördert, wurde er nicht zum Kriegsdienst einberufen, sondern dienstverpflichtet und als Vermessungsingenieur dem Ingenieurbüro Walter Schlempp in Berlin zugewiesen.

Das unterstand als Baugruppe der Verfügung des Generalbauinspektors für die Reichshauptstadt Albert Speer, war mit dem Bau von zivilen und militärischen Anlagen in Peenemünde, später in Sachsen-Anhalt beschäftigt und errichtete auch Unterkünfte für ausländische Zwangsarbeiter und KZ-Häftlinge. Lübkes Unterschrift findet sich nicht nur unter Papieren, die ihn als Leiter der Baugruppe Schlempp ausweisen, der in eigener Regie ein KZ-Häftlings-Kommando dirigierte, sondern auch unter Bauzeichnungen eines Lagers – ein weiterer Grund für die vorzeitige Aufgabe seines Amts. Heute weiß man, dass die entsprechenden Pausen für jede Art von Baracke geeignet gewesen wären.

„Sie sind ganz einfach kleinkariert“

Seit 1945 CDU-Mitglied und bis 1946 mit einem eigenen Baubüro in Höxter selbständig, gehörte er von Anbeginn dem Landtag von Nordrhein-Westfalen an und amtierte als Minister für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten. Von 1949 bis 1959 war er mit einer Unterbrechung CDU-Bundestagsabgeordneter und wurde am 20. Oktober 1953 als Bundesminister für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten in die Adenauer-Regierung berufen.

Auf der Grundlage jährlich entwickelter „Grüner Pläne“ gelang es ihm seit 1955, die Landwirtschaft zu modernisieren und ihren strukturellen Anpassungsprozess ohne soziale Erschütterungen vorzunehmen. Sein Mitarbeiterstab beschrieb ihn als tüchtigen Experten, gründlich, gewissenhaft, korrekt, allerdings ohne jegliches rhetorisches Talent. Wo andere unterhielten, da wollte Lübke belehren, was eine Datenflut nach sich zog, die kein Zuhörer nachvollziehen konnte.

Lübke mit Queen Elisabeth II. Quelle: http://www.bundespraesident.de/DE/Die-Bundespraesidenten/Heinrich-Luebke/heinrich-luebke-node.html#-gallery

Nach dem überraschenden Rückzug Adenauers von der Kandidatur für das Amt des Bundespräsidenten Anfang Juni 1959 wurde Lübke am 15. Juni in Bonn als „Ersatzmann“ der Unionsparteien nominiert und am 1. Juli 1959 als Nachfolger von Theodor Heuss gewählt. Er setzte sich im zweiten Wahlgang gegen Carlo Schmid von der SPD und Max Becker von der FDP durch.

Die Presse verfuhr ungnädig mit ihm, lobte allerdings seine Frau Wilhelmine dafür, dass sie sechs Fremdsprachen beherrschte, und ein Staatssekretär namens Sonnemann gab zu Protokoll, Lübke sei doch eine gute Wahl für Frauen, „weil er in einer unauffälligen Eleganz immer wie aus dem Ei gepellt“ daherkomme. Er war bis zur Wahl von Christian Wulff 2010 der einzige römisch-katholische Bundespräsident.

„Viel intellektuell Neues präsentierte er nicht, er war stramm antikommunistisch, als alter Reserveoffizier nah bei der Bundeswehr und mochte die Oder-Neiße-Grenze nicht anerkennen“, bilanzierte Philip Cassier in der WELT. Lübke glaubte unbeirrbar an die Wiedervereinigung des getrennten Deutschland. 1963 proklamierte er den 17. Juni, den „Tag der deutschen Einheit“, zum „Nationalen Gedenktag des deutschen Volkes“.

Zudem verstand er sich in der Rolle des „nationalen Hüters historischer Bildung“. Er gehörte zu den Bundespräsidenten, die nicht alle Gesetze des Bundestags unterzeichneten, so das Gesetz gegen den Betriebs- und Belegschaftshandel, da es seiner Ansicht nach gegen die im Grundgesetz garantierte Freiheit der Berufswahl und der Berufsausbildung verstoße.

Lübke machte von Anfang an die Entwicklungshilfe zu einem Hauptanliegen seiner Präsidentschaft. Schon in seiner Antrittsrede von 1959 konstatierte er die dringende Notwendigkeit internationaler Hilfe und Verantwortlichkeit in Anbetracht weltweiten Hungers. 1962 initiierte er die Gründung der Welthungerhilfe als erster deutscher konfessionell nicht gebundener Entwicklungshilfeorganisation.  

Den Kampf gegen „Hunger, Krankheit und Unwissenheit“ sah er als größte Herausforderung überhaupt an. So bereiste er 37-mal das Ausland, Afrika zumal, war da aber gezwungen, Englisch zu sprechen, was furchtbar schiefging, und wurde den Habitus des weißen Mannes, der armen Schwarzen milde Gaben zukommen ließ, nie ganz los. In Niamey, der Hauptstadt des Niger, ist eine Hauptstraße nach ihm benannt.

Lübke mit de Gaulle und Adenauer. Quelle: Quelle: http://www.bundespraesident.de/DE/Die-Bundespraesidenten/Heinrich-Luebke/heinrich-luebke-node.html#-gallery

Seine Wiederwahl war wegen seines Gesundheitszustands, der inzwischen auffällig und selbst in der CDU diskutiert wurde, umstritten. 1968 begann seine Demontage.  Schon 1964 und 1966 hatte der oberste SED-Propagandist Albert Norden versucht, eine öffentliche Kampagne gegen Lübke vom Zaun zu brechen mit Vorwürfen, der Bundespräsident sei im Zweiten Weltkrieg ein Günstling der Gestapo gewesen und habe an der Errichtung von KZ mitgewirkt. Die Lage änderte sich erst, als die auflagenstärkste Illustrierte Europas Stern Anfang 1968 ein „Gutachten“ eines US-Schriftexperten veröffentlichte, der einige stasiverfälschte Dokumente für echt erklärte.

Stern-Chef Henri Nannen ließ nun eine Reihe von Artikeln und selbst verfasste Editorials folgen, in denen er die Tonlage verschärfte, und bemitleidete den Bundespräsidenten schließlich für die „bedauernswerte Figur, die Sie in Ihrem Amt bieten. Sie sind ganz einfach kleinkariert.“ Die Süddeutsche diagnostizierte der Bundesrepublik ein „Leiden an Lübke“, die Neue Rhein-Zeitung legte ihm den Rücktritt nahe. Der SPIEGEL attackierte Lübke nicht ganz so scharf, doch auch Rudolf Augstein konstatierte auf seiner Titelseite die „Präsidenten-Krise“ und zeigte bitter-böse Lübke-Karikaturen.

Schließlich entschied sich Lübke für eine Fernsehansprache – und tat sich damit als ungelenker Redner keinen Gefallen, so dass seine Argumentation in der Öffentlichkeit als teilweises Schuldeingeständnis ankam. Ende März 1968 versetzte ein SPD-Bundestagsabgeordneter dem Präsidenten den finalen Schlag: Franz Marx weigerte sich, das ihm verliehene Bundesverdienstkreuz anzunehmen. Er hatte im Dritten Reich im KZ Dachau gelitten und gab als Begründung für das Ausschlagen des Ordens an, Lübkes „Beteiligung an KZ-Bauten“ sei nicht geklärt.

„redlich und gewissenhaft“

Mit der Begründung, das Amt aus dem bevorstehenden Bundestagswahlkampf herauszuhalten, kündigte Lübke am 14. Oktober 1968 seinen Amtsverzicht zum 30. Juni 1969 an, sodass die Wahl eines Nachfolgers zweieinhalb Monate früher als turnusmäßig erforderlich bereits im März 1969 stattfinden konnte. Er wich dem Sozialdemokraten Gustav Heinemann, die Große Koalition unter Kanzler Kurt-Georg Kiesinger wich dann dem sozialliberalen Bündnis unter Willy Brandt.

Lübke mit Brandt und Wehner. Quelle: http://www.bundespraesident.de/DE/Die-Bundespraesidenten/Heinrich-Luebke/heinrich-luebke-node.html#-gallery

Heinrich Lübke hat zweimal eine Genehmigung zur Strafverfolgung wegen Verunglimpfung des Bundespräsidenten erteilt. Ein 45jähriger Redner der „Deutschen Reichspartei“ hatte 1960 vor fünfzig Zuhörern erklärt, der Bundespräsident sei gewählt worden „wie der Vorsitzende eines Kaninchenzucht-Vereins“, und die rhetorische Frage angeschlossen, welcher Charakter dazu gehöre, ein derart entwertetes Amt anzunehmen. Die Strafkammer Dortmund sprach den Angeklagten frei. Der Bundesgerichtshof hat das Urteil aufgehoben, weil Kritik zwar hart sein dürfe, aber vor herabsetzenden Äußerungen über den Bundespräsidenten haltzumachen habe. Im zweiten Fall, gegen den Simplicissimus wegen einer Lübke-Karikatur mit Ulbricht-Spitzbart, lehnte das zuständige Landgericht München die Eröffnung des Verfahrens ab.

Ihm verblieb keine Aufgabe, und neue Pflichten konnte er aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr übernehmen. Seine Parteifreunde ignorierten ihn, wenn sie ihn nicht gar mieden; Heinemann hielt jedoch Kontakt zu ihm. Neben der fortschreitenden Zerebralsklerose wurde 1972 auch ein weit fortgeschrittener Magenkrebs festgestellt. Am 6. April 1972 starb Lübke im Alter von 77 Jahren in Bonn und wurde in seinem Heimatdorf begraben. Seine Frau überlebte ihn um neun Jahre.

Lübke habe andere Bevölkerungskreise als sein Amtsvorgänger Heuss angesprochen und das Amt des Staatsoberhaupts „redlich und gewissenhaft, aber ohne Glanz und Ausstrahlung“ geführt, meint sein Biograph Rudolf Morsey, der den Begriff des „vergessenen Präsidenten“ prägte. Die „Modernität“ des mehrfachen Ehrenbürgers und Ehrendoktors sei erst im Nachhinein deutlich geworden. Dazu gehörten seine hohe Einschätzung der Wissenschaft und sein frühes Eintreten zugunsten von Umweltschutz und Entwicklungshilfe, aber auch sein Bekenntnis zum „einfachen Leben“ in überschaubaren Verhältnissen. Das Gerücht, Lübke sei ein „KZ-Baumeister“ gewesen, hält sich dank der einst massiven SED-Propaganda zum Teil bis heute.

https://www.tumult-magazine.net/post/thomas-hartung-erodierende-streitkultur

Einst war die Universität als akademischer Ort ein Raum, in dem es nicht nur darum geht, was gedacht wird, sondern auch wie, kritisch nämlich; ein Raum, in dem grundsätzlich jede Position verhandelt werden kann. Dazu gehört auch, eigene Überzeugungen immer wieder herauszufordern, zu hinterfragen, Reibungen und Dissens zuzulassen. Das ist offenkundig vorbei.

Wie die meisten wissen, habe ich bei „Tumult“ inzwischen eine eigene Kolumne, in der ich mich aktuell über die immer weiter fortschreitende akademische Einengung der Lehr- und Redefreiheit ausgelassen habe. Darf gern weiter verbreitet werden.

Kein anderes Land in Europa hat im 17. Jahrhundert eine so lang andauernde wirtschaftliche und kulturelle Blütezeit durchlebt wie die Niederlande. In rund einhundert Jahren arbeiteten hier mehr als 700 Maler, die – inspiriert vom Alltag und von Seemännern mitgebrachten Exotika aus aller Welt – mehr Gemälde fertigstellten als im Italien der Renaissance und in Frankreich zur Zeit des Impressionismus. Rembrandt Harmenszoon van Rjin ist der wohl bedeutendste Vertreter dieses „Goldenen Zeitalters“. Am 4. Oktober vor 350 Jahren starb er in Amsterdam – das Land hat 2019 aus diesem Anlass kurzerhand zum Rembrandt-Jahr erklärt.

Geboren am 15. Juli 1606 in Leiden als achtes von neun Kindern eines Müllers und einer Bäckerstochter, besuchte er erst vier Jahre die Grundschule und dann weitere vier die calvinistische Lateinschule, wo er u.a. in Biblischer Geschichte unterrichtet wurde. Für das Studium der Philosophie in seiner Heimatstadt hat er sich vermutlich nur eingeschrieben, um wie alle Studenten steuerfrei Bier verköstigen zu dürfen, vermuten manche Biographen. Denn seine wahre Leidenschaft gilt schon damals der Malerei. Von 1620 bis 1624 war er Schüler von Swanenburgh, im Anschluss volontierte er bei dem Historienmaler Pieter Lastman. 1625 eröffnete er mit seinem Freund Jan Lievens in Leiden eine eigene Werkstatt und begann drei Jahre später, Schüler aufzunehmen. Erste Erfolge stellen sich auf Vermittlung des Diplomaten Constantijn Huygens ein: Er kann zwei Bilder nach England verkaufen.

Selbstbildnis mit 63. Quelle: artinwords.de

1631 verlässt er seine Heimat und kauft sich beim Amsterdamer Kunsthändler Hendrik Uylenburgh ein. Amsterdam ist im 17.Jahrhundert die Handels- und Finanzmetropole Europas: Uylenburgh kennt den Markt und besorgt ihm Aufträge. Die wohlhabenden Kaufleute der Stadt lassen sich ein Porträt aus der Hand Rembrandts einiges kosten, erzählt die Amsterdamer Kunsthistorikerin Bregtje Viergever im DLF. „Da haben die Leute bis zu 500 Gulden pro Stück für bezahlt. Das war sehr viel. Gute Handwerker verdienten damals 200 Gulden im Jahr. Und eigentlich hatte Rembrandt gar keinen Spaß daran, das zu machen. Das war nicht das, was er wollte.“ 1632 wird sein bislang erfolgreichstes Jahr: Er stellte 30 Gemälde fertig, darunter „Die Anatomie des Dr. Tulp“.

Nach seiner Heirat mit Uylenburghs Nichte Saskia 1634 kauft Rembrandt 1639 in der Breestraat ein repräsentatives Stadthaus, das bis heute als Rembrandthuis zu besichtigen ist. Fortan hat er es nicht mehr nötig, vermögende Amsterdamer zu porträtieren. Er widmet sich endlich den Motiven, die er malen möchte: das sind dramatische Historienbilder, Bibelszenen und Alltagsdarstellungen. Doch das Schicksal meint es keinesfalls nur gut mit ihm. Drei der vier Kinder, die Saskia zur Welt bringt, sterben schon als Säuglinge. Nur Sohn Titus überlebt. Nach dem plötzlichen Tod Saskias 1642 kümmert sich die Haushälterin Geertje Dircx um Titus und um den jungen Witwer.

„die vernünftige Ausbildung in den Akademien bekämpft“

Seine Produktivität lässt nach dem Tod seiner geliebten Frau deutlich nach, er identifizierte sich stark mit seiner Vaterrolle, kümmerte sich in besonderem Maße um seinen Sohn und griff seine familiäre Situation auch in Kunstwerken auf. Trotz der guten Auftragslage, den Erlösen aus dem Verkauf von Radierungen und den Honoraren aus seiner Lehrtätigkeit konnte er seine Schulden nicht abtragen und musste sich weiterhin Geld leihen. Zwar hatte er in dem Dienstmädchen Hendrikje Stoffels eine neue Liebe und Muse gefunden, doch die wurde 1654 vor den Amsterdamer Kirchenrat geladen, der sie wegen unzüchtigen Zusammenlebens mit Rembrandt rügte. Sie gebar die Tochter Cornelia.

Bildnis von Mutter und Tochter. Quelle: twitter

Da ihm Geertje bei der Beziehung zu Hendrickje im Weg stand, lässt er sie auf juristisch fragwürdige Weise in eine Besserungsanstalt in Gouda stecken. Er wird mitunter als unangenehmer Mensch empfunden, als Egoist, Streithammel, ja richtiger Stinkstiefel: beleidigend, verletzend, unnachgiebig. 25 Rechtsstreitigkeiten hat er in seinem Leben geführt, von vielen Amsterdamern wurde er für seine Starrköpfigkeit und Unverschämtheit verachtet. Der so einfühlsame Bilder malen konnte, war auch ein skrupelloser Mensch, der nur für seine Kunst lebte und mit der Bewältigung des Alltags oft überfordert war, so sein Biograph Christoph Driessen.

Kurz bevor er 1656 für zahlungsunfähig erklärt wurde, überschrieb Rembrandt sein Haus auf seinen Sohn Titus. Als mit dem Erlös aus der Versteigerung seines Hauses und seiner Sammlung die Schulden nicht vollständig beglichen werden konnten, musste der Meister in ein sozial schwaches Viertel umziehen und führte dort ein abgeschiedenes Leben. Vier Jahre später stellten ihn Titus und Hendrickje in ihrer Kunsthandlung an, wodurch er Geschäftskontakte aufrecht halten, Aufträge annehmen und Schüler unterrichteten konnte. 1663 verstarb Hendrickje, 1668 Titus, kurz nachdem er geheiratet hatte. Rembrandt zog zu seiner schwangeren Schwiegertochter. Sie gebar ihm seinen Enkel, dem er im März 1669 Pate wurde.

Ein halbes Jahr später stirbt er krank und mittellos. Da war seine Kunst schon aus der inzwischen klassizistisch geprägten Mode: Zu dunkel, zu realistisch, zu hässlich. Doch Kompromisse hätte der eigensinnige und rebellische Meister nie gemacht. In der 1675 erschienen „Teutschen Akademie“ warf ihm der deutsche Maler Joachim von Sandrart vor, „die Regeln der Kunst – Anatomie, Proportion, Perspektive, die Norm der Antike und die Zeichenkunst Raffaels – nicht beachtet und die vernünftige Ausbildung in den Akademien bekämpft“ zu haben.

Das berühmteste Bild der Niederlande: „Die Nachtwache“ (1642). Quelle: dw.com

Der Kunstschriftsteller Arnold Houbraken ging in „Groote Schouburgh“ 1718 noch weiter, indem er angebliche Zitate Rembrandts und unzutreffende biographische Informationen erfand sowie Legenden verbreitete. Zu diesem Zeitpunkt waren die Fakten über Rembrandts Leben zu großen Teilen in Vergessenheit geraten. Deshalb schloss man aus seinen Bildern auf einen niedrigen sozialen Stand und einen schlechten Charakter. Dies wurde auf seine künstlerische Auffassung übertragen.

Als sich aber die Flamen und Wallonen 1830 abgespaltet hatten, zu einem eigenen Staat namens Belgien wurden und Rubens als Nationalmaler behielten, besannen sich die Niederländer, entdeckten Rembrandt wieder und enthüllten 1853 ein Denkmal für ihn in Amsterdam. Seither gilt er als künstlerisches Nationalheiligtum.

 „Ausgezeichnet fotografiert und gespielt“

Rembrandt wurde in mehreren Romanen und Filmen gewürdigt, unter anderem von Charles Laughton und Klaus Maria Brandauer verkörpert. 1942 filmt Hans Steinhoff für die „Terra“ in Anlehnung an den Roman „Zwischen Hell und Dunkel“ von Valerian Tornius „Ewiger Rembrandt“ mit Ewald Balser in der Titelrolle. Darin wurde die Entstehung des Gemäldes „Die Nachtwache“ erzählt, von Richard Angst („Die Geierwally“) gedreht und von Walter Röhrig ausgestattet, der schon für „Das Kabinett des Dr. Caligari“ verantwortlich zeichnete. Damals mit dem Prädikat „künstlerisch wertvoll“ versehen, erkennt das „Lexikon des internationalen Films“ 2017 zwar „Einflüsse der nationalsozialistischen Kulturlenkung“, muss aber selbst mit 75 Jahren Abstand zugeben: „Ausgezeichnet fotografiert und gespielt“.

Brandauer als Rembrandt. Quelle: imdb.com

„Rembrandts Motive des Alltags, der präzise Einsatz von Licht und Schatten und die Vielfalt seiner Selbstporträts haben ihn zum Geschichtenerzähler und Vermittler des Humanismus gemacht“, so Moritz Gauditz im DLF. Er war auch ein Chronist seiner Zeit, sagt der Amsterdamer Konservator Erik Hinterding RTL, „Schnappschüsse wie heute auf Instagram“, lacht er und spricht gar von über 80 „Selfies“. Schönheit interessierte den Maler nicht, sondern die Wirklichkeit. Gerade das Unvollkommene faszinierte ihn, Spuren in Gesichtern und auf Körpern. Malte er eine nackte junge Frau, dann zeigte er auch noch die Abdrücke ihrer Strümpfe an den Waden.

Seit 1968 nimmt eine im Rembrandt Research Project zusammengefasste Expertengruppe die Bewertung der Bilder vor, die ihm zugeschrieben werden: Mit technische Hilfsmitteln wie Farbanalysen, Röntgenverfahren und einer dendrochronologische Datenbank mit allen Eichenholzbrettern, auf denen Rembrandt gemalt hat. Heute gilt er als Urheber von rund 350 Gemälden, 300 Radierungen und 1000 Zeichnungen; letztere waren vor allem Etüden für seine ca. 50 Schüler, von denen einige nach dem Ende ihrer Lehrzeit als Assistenten in Rembrandts Werkstatt blieben und viele Werke gestalteten, die eigentlich ihm zugeschrieben wurden. Gerard Douw als Begründer der Leidener Feinmalerei wurde von seinen Eleven am bedeutendsten.

Versteigerung in London. Quelle: Göttinger Tageblatt

Das bei Christie’s in London versteigerte Porträt „Ein Mann mit den Armen in der Hüfte“ von 1658 erzielte 2009 mit über 33 Millionen Dollar den bisher höchsten jemals für ein Werk Rembrandts gezahlten Preis. Im Juli diesen Jahres begann das Rijksmuseum Amsterdam in einem international bislang einmaligen Schritt die Weltöffentlichkeit live an der Restaurierung der „Nachtwache“ teilhaben zu lassen: In Echtzeit im Internet.

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