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Herzlich willkommen!

Als Freier Journalist für konservative Medien blogge ich unregelmäßig Betrachtungen zu Interessantem und Wissenswertem aus politischer und Alltagskultur. Ich schreibe regelmäßig für „Zuerst“ und habe unter dem Titel „Negerkuss und Nazistuss“ eine eigene Kolumne beim Tumult-Blog.

Als Bildungsbürger kommentiere/rezensiere ich vielerlei kulturelle Phänomene – vom Roman über den Musikergeburtstag bis zum Regisseurstod.

Als Dozent und parlamentarischer Berater informiere ich Sie auf meiner Webpräsenz über meine Aktivitäten rings um die Themenkreise Hochschule, Wissenschaft Medien und Kultur.

Und als Mensch lasse ich Sie gern an meinen freizeitlichen Aktivitäten teilhaben, zu denen nicht zuletzt Kochen gehört 😉

Warum gerade Betrachtungen?

Ich empfinde dieses Genre – eine Meinungsdarstellungsform übrigens – als eins der zeitgemäßen schlechthin.

Eine Betrachtung soll durch Beschreibungen und Schilderungen, Vergleiche und Annäherungen bis hin zur Analyse einem Ereignis, einer Situation, einem Gegenstand oder auch einem (gesellschafts-) politischen Problem Individualität verleihen: Recherche darf in gewissem Maße substitutiert werden durch Subjektivität.

Die Betrachtung ist durchaus mit derselben eines Kunstwerks in einer Ausstellung vergleichbar: man wählt zunächst die Gesamtschau und wechselt dann zu einzelnen Aspekten.

Dabei ist dem Genre eigen, dass die Prioritäten dieser Aspekte oft im Vagen bleiben: aus der Betrachtung erwächst ein Gedanke, der das formale Ziel darstellt.

Der Gegenstand darf dabei Randerscheinung eines größeren Zusammenhangs bleiben: „die Bedeutung des Unbeachteten birgt den Kern ihrer Aussage“ (Degen 2004).

Viel Spass beim Lesen – und natürlich beim Kommentieren!

Einem bedeutenden Expressionisten wird Sexismus und Rassismus unterstellt. Das Kölner Ludwig-Museum ergänzt sein Bild um einen Jahrzehnte jüngeren Film. Das ist nachträgliche Zwangspolitisierung.

Meine neue Tumult-Kolumne, die gern verbreitet werden kann.

Die Frau mit dem Dutt und der langen Schürze sieht abgearbeitet aus. Jeder ihrer Handgriffe wirkt mühselig. Sie zieht Schranktüren auf, reckt sich nach Deckeldosen, holt etwas aus einer schwergängigen Tischschublade, schürt Feuer… So beginnt 1927 ein Werbefilm für die „Frankfurter Küche“, die schließlich im zweiten Teil präsentiert wird – mit einer entspannten Frau als Protagonistin, die statt Schürze ein seidig schimmerndes Kleid und Bubikopf trägt. Die Erfinderin dieser Küche, Margarete Schütte-Lihotzky, starb am 18. Januar vor 20 Jahren in Wien. „Wenn ich gewusst hätte, dass alle immer nur davon reden, hätte ich diese verdammte Küche nie gebaut“, sagte sie als 97jährige dem Standard.

Geboren am 23. Januar 1897 als Tochter einer bürgerlich-pazifistischen Beamtenfamilie, nahm sie nach dem Besuch der Volks- und Bürgerschule in Wien ein Jahr lang Privatunterricht bei einem Kunstmaler und besuchte anschließend für zwei Jahre die Graphische Versuchs- und Lehranstalt. 1915 begann sie ein Studium an der Kunstgewerbeschule und fasste, da sie im Bauen die Möglichkeit sah, die tägliche Umgebung des Menschen zu verbessern, schon in der Vorbereitungsklasse den Entschluss, Architektin zu werden: Gustav Klimt, ein Freund der Mutter, hatte einen Empfehlungsbrief an die  Kunstgewerbeschule geschrieben. Sie studierte Entwurf bei Oskar Strnad und Baukonstruktion bei Heinrich Tessenow, ist mit Béla Bártok und Max Reinhardt befreundet.

Gerade 20 Jahre alt, gewann sie im dritten Studienjahr den Max-Mauthner-Preis für ihren Entwurf einer Arbeiterwohnung. Vorher hatte sie sich auf Anraten von Strnad das Elend in den armseligen Arbeiterunterkünften mit eigenen Augen angesehen –  sieben bis acht Personen lebten dort am Ende des Ersten Weltkriegs in einem Raum und unter unglaublichen sanitären Verhältnissen. Ihre aus diesen Eindrücken gewonnene soziale Berufseinstellung behielt sie ihr Leben lang bei. „Jeder hat mir das ausreden wollen, dass ich Architektin werde, mein Lehrer Strnad, mein Vater und mein Großvater. Nicht weil sie so reaktionär waren, sondern weil sie geglaubt haben, ich werde dabei verhungern“, lacht sie Jahrzehnte später.

Die Schöpferin und ihr „Werk“, Quelle: https://www.deutschlandfunkkultur.de/serie-frauen-im-bauhaus-margarete-schuette-lihotzky.1013.de.html?dram:article_id=437461

Mit 22 schloss sie als erste Frau in Österreich ihr Architekturstudium ab und wurde sofort von Alfred Loos engagiert, dem Chefarchitekten des Städtischen Siedlungsamtes. Sie entwarf den Prototyp der „Siedlerhütte“, einen ganz aus Holz gefertigten Würfel mit 4,5 Metern Seitenlänge, in dem sie unter perfekter Ausnutzung des Raumes alle notwendigen Einrichtungsstücke unterbrachte. Diese Hütte diente als erste anständige Unterkunft für Tausende von Flüchtlingsfamilien am Ende des Krieges und die vielen obdachlosen Arbeiter, die seit Beginn des Jahrhunderts auf der Suche nach Arbeit vom Land in die Stadt gezogen waren. Es folgen mehrere Aufträge für Wohnungsbauten, Kleingartensiedlungen und Kindergärten: Sie beteiligte sich bei Ernst Egli an Planungen für die „Siedlung Eden“ und war auch an der Planung des „Winarskyhofes“ beteiligt, einem Gebäudekomplex des Wiener Gemeindewohnungsbaus. Sie lernt den Frankfurter Hochbauamtsleiter Ernst May kennen, der ihr mehrere Publikationen ermöglicht.

„Gestaltung formt Gesellschaft“

Nach dem Tod ihrer Eltern holt May die Architektin nach Frankfurt, um in der Abteilung T des Hochbauamtes mitzuarbeiten – T wie Typisierung. Unter seiner Leitung ließ das Frankfurter Baudezernat zwischen 1925 und 1930 rund 20 Siedlungen mit 12 000 Wohnungen hochziehen – eine enorme Leistung. „Man wollte eine sozialliberale Gesellschaft ermöglichen, in der sich die öffentliche Hand um die Menschen kümmert“, erklärt der Offenburger Professor für Designtheorie Klaus Klemp im Journal Frankfurt. Die Vision des „Neuen Frankfurt“ war in erster Linie eine soziale: Wie konnte man erreichen, dass so viele Menschen wie möglich anständig wohnen konnten? Wie konnte die Stadt preiswert modernisiert werden?

Dabei waren zwei Aspekte prägend. Zum ersten eine „Ästhetik des Gebrauchs“: Die Wohnung sollte ein Ort zum Wohnen und Ausruhen sein, kein „Tummelplatz der Eitelkeiten“. Dem Neuen Frankfurt entsprechend, sollte die Wohnung günstig in der Herstellung, praktisch und ästhetisch sein. May wusste, was sich die Arbeiter leisten konnten – und was nicht. Der zweite Aspekt griff auf lebens- und gesellschaftsreformerische Bemühungen zurück: „Gestaltung formt Gesellschaft“. Dazu gehörte auch die Küche der Zukunft als neue Wohnform, damit die Frau noch Zeit für andere Dinge außer dem Haushalt habe und sich damit ihre Rolle in der Gesellschaft verändern könne: „Jede denkende Frau muss die Rückständigkeit bisheriger Haushaltführung empfinden und darin schwerste Hemmung eigener Entwicklung und somit auch der Entwicklung ihrer Familie erkennen“, hieß es. Und dafür nun war Lihotzky zuständig.

Mit der Stoppuhr in der Hand machte sie sich ans Werk und versuchte, die Arbeitsvorgänge in der Küche effizienter zu gestalten, indem sie sie auf der Grundlage von Aufzeichnungen die Griff- und Schrittwege beim Kochen erstmals einer wissenschaftlichen Analyse unterwarf. Ausgangspunkt war die Küche eines Mitropa-Speisewagens. Bei der Hausarbeit muss genau wie bei der Arbeit im Fabrik- oder Bürobetrieb größte Leistung bei geringem Kraftaufwand das Ziel sein, lautet eine der Botschaften im Werbefilm: Auf einer kleinen Aktionsfläche vor den L-förmig angeordneten Schränken und Arbeitsgeräte sollte so viel wie möglich in Reichweite und so wenig wie möglich im Weg sein. Der Typ 1 umfasste eine Fläche von 1,9 m × 3,4 m.

Koch beim Vorbereiten einer Mahlzeit in der Küche eines Mitropa-Speisewagens. Quelle: https://www.europeana.eu/portal/de/record/2048410/item_NBTLYMMTSYGZCIN53YMSVGE34GFINANR.html?utm_source=api&utm_medium=api&utm_campaign=VWRhX8zNo

Zum einen sollten die Arbeitswege verkürzt und möglichst viele Dinge mit einem Handgriff erreicht werden. Zum anderen sollten durch die serielle Herstellung von Einzelelementen wie Metallgriffen oder Glas-Schiebetüren die Kosten minimiert werden. So lagern Grieß, Reis und Linsen in ausziehbaren Aluminiumschütten: Das geht schneller, als wenn man Gläser vom Regal nehmen und aufschrauben muss. Die Optimierung erfolgte aber nicht nur unter funktionalen, sondern auch unter hygienischen Gesichtspunkten. So stellte Lihotzky Holz-Unterschränke auf verkleidete Betonsockel, damit sich darunter kein Schmutz sammeln und man den Boden leichter reinigen konnte. Die Schränke wurden bis unter die Decke gebaut, so dass sich die üblichen Ablagerungen nicht bilden konnten.

Ein Bügelbrett konnte von der Wand geklappt werden und brauchte daher wenig Platz. Kochtöpfe und Deckel stellte man nach dem Spülen noch tropfnass in einen belüfteten Schrank, dessen Boden eine flache emaillierte Wanne bildet. Töpfe, Geschirr und Vorräte wurden platzsparend übereinander angeordnet. Auch ästhetisch setzte die Frankfurter Küche neue Maßstäbe: Die Aluminium-Schütten, Glastüren oder Metallgriffe kontrastierten mit stark farbigen Holzelementen. Die Küche war oft in Blau gehalten – dieser Farbton sollte Fliegen abweisen. Dieses klar strukturierte und auf reine Funktionalität ohne Zierrat ausgelegte „Labor der Hausfrau“ wurde mehr als zehntausendmal in den Frankfurter Siedlungen eingebaut, die eine breite Bevölkerungsschicht mit günstigen und zweckmäßig ausgestatteten Wohnungen versorgen sollten. Entsprechend einfach war das Material für die Küche. Auf Ausstellungen präsentiert und in vielen Veröffentlichungen publiziert, wurde sie zum Prototyp aller Einbauküchen. Der Feminismus kritisiert damals bis heute, die Frankfurter Küche habe die Hausfrau in einen engen Raum schier eingesperrt und somit zu ihrer Isolation beigetragen.

„ich wäre seit Jahrzehnten tot“

Weitere Entwürfe für Gartenlauben und Wochenendhäuser, Schul- und Lehrküchen, Kindergärten und die „Wohnung für das Existenzminimum“ sowie der ausgefeilte Typenentwurf für „Die Wohnung der berufstätigen Frau“, präsentiert auf der Ausstellung „Heim und Technik“ 1928 in München, wurden weniger bekannt. Beispielhaft für ihr Bemühen um rationalen Funktionalismus waren schließlich zwei kleine Wohnhäuser, die 1930-32 in der Wiener Werkbundsiedlung entstanden: Unter den knapp drei Dutzend Architekten der Siedlung war sie die einzige Frau.

Wiener Werkbundsiedlung. Quelle: https://www.wmf.org/project/wiener-werkbundsiedlung

In Frankfurt lernte sie ihren Kollegen Wilhelm Schütte kennen, den sie 1927 heiratete. Als sich die politische Lage in Deutschland durch die Weltwirtschaftskrise verschärfte und Ernst May ein Angebot aus der Sowjetunion erhielt, ging er mit einer Gruppe von 17 Planern 1930 in den Osten. Sie war wieder als einzige Frau dabei. Die Brigade May plante im Rahmen von Stalins erstem Fünfjahresplan sozialistische Städte auf dem Reißbrett, als erstes die Stahlstadt Magnitogorsk mitten im Nirgendwo des südlichen Urals. 1933 stellte Schütte-Lihotzky auf der Weltausstellung in Chicago aus, 1934 unternahm sie Studien- und Vortragsreisen nach Japan und China.

Als unter Stalin das politische Klima kippte und 1937 alle ausländischen Architekten von Bauplanungen ausgeschlossen wurden, gingen beide nach einer kurzen Zwischenphase in Paris in die Türkei, vermittelt durch den bekannten deutschen Kollegen Bruno Taut. Hier arbeitete sie an der „Académie des Beaux Arts“ an Schulbauentwürfen, wurde Mitglied der Kommunistischen Partei und schloss sich dem österreichischen Widerstand an. Im Dezember 1940 fuhr sie in geheimer Mission nach Wien. Verraten von einem Spitzel, wurde sie verhaftet, wochenlang verhört und monatelang in Einzelhaft gehalten. Der Enthauptung, die ihren Kollegen widerfahren ist, entkommt sie nur knapp, indem ihr Mann im türkischen Unterrichtsministerium für sie einen Arbeitsvertrag mit Briefpapier und Stempel fälscht. Nachdem Nazi-Deutschland damals um die Gunst der neutralen Türkei buhlte, wird Schütte-Lihotzkys Todesurteil zu 15 Jahren Zuchthaus umgewandelt. „Eine Lebensrettung aus lauter glücklichen Umständen und Zufällen. Wäre ein einziger dieser Umstände ausgefallen … ich wäre seit Jahrzehnten tot“, sagte sie dem Standard. Als „Hochverräterin“ wird sie in ein Frauengefängnis nach Bayern verlegt, aus dem sie erst 1945 von den Amerikanern befreit wurde.

verschwand für Jahrzehnte aus der Öffentlichkeit

Nach dem Krieg leitet sie zunächst in Bulgarien die Abteilung für Kinderanstalten der Baudirektion Sofia. 1947 kehrten sie und ihr Mann nach Wien zurück, wo sie jedoch wegen ihrer politischen Ansichten – sie blieb Kommunistin – kaum öffentliche Aufträge erhielt: Die Wiener Sozialdemokratie war damals strikt antikommunistisch eingestellt. Später klagte sie, dass „manch einer jener Architekten, die dem Naziregime treulich gedient hatten, große Aufträge der Gemeinde Wien erhielten und so der Nachwelt sichtbare Leistungen hinterlassen durften“. Ihr hingegen sei dies „als Verfolgte des Naziregimes und als Kommunistin verwehrt“ geblieben. Auch ihr Mann, von dem sie seit 1951 getrennt lebte, wurde ebenfalls „jahrelang wegen seiner Gesinnung von der Ausführung seiner Ideen ferngehalten“ und erhielt nur wenige Aufträge von der Gemeinde Wien: um 1950 durfte sie einige Gemeindebauten und einen heute denkmalgeschützten Kindergarten auf dem Kapaunplatz entwerfen.

Der Kindergarten am Kapaunplatz jeute. Quelle: https://kindergartenamkapaunplatz.files.wordpress.com/2017/06/20170614_125210-e1506090403274.jpg?w=736

Schütte-Lihotzky wurde nicht nur beruflich ausgegrenzt, sondern verschwand auch für Jahrzehnte aus der Öffentlichkeit. Ihr unbedingter Wille, den Kapitalismus mit all seinen Ungerechtigkeiten zu überwinden, ließ sie Ausbeutung, Leid und Unterdrückung im vermeintlichen Sozialismus übersehen, meint ihr Biograph Marcel Bois, was auch den Blick auf ihre architektonischen Verdienste versperren würde. Zwischen 1953 und 1985 nahm sie an keiner Ausstellung teil. Auch im österreichischen Rundfunk und Fernsehen war sie über einen Zeitraum von mehr als zwanzig Jahren nicht präsent.

Die KPÖ half dann in der Not: 1954–1956 plante sie mit anderen Kollegen das Globus-Verlagsgebäude mit Druckerei-, Redaktions- und Versorgungstrakt am Wiener Höchstädtplatz. Dort wurde bis 1990 die KPÖ-Tageszeitung Volksstimme redigiert und gedruckt. Ein weiteres von ihr entworfenes Gebäude ist das unter Denkmalschutz stehende Volkshaus in Klagenfurt. 1956 gab sie Vorlesungen an der Technischen Hochschule Peking, 1963 war sie drei Monate lang für das kubanische Erziehungsministerium in Havanna tätig, wo sie eine Entwurfslehre für Kinderanstalten für das Erziehungsministerium entwickelte, und schließlich 1966 für ein halbes Jahr an der Bauakademie in Ostberlin. Seitdem wird sie fälschlicherweise dem „Bauhaus“ zugeordnet.

Volkshaus heute. Quelle: Von Johann Jaritz – Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0 at, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=21650495

Ihre architektonische Tätigkeit beendete sie 1968 mit dem „Baukastensystem für Kindertagesheime“ für Österreich. Erst in den 1980er Jahren wurde sie auch wieder öffentlich gewürdigt, erhielt vier Ehrendoktortitel, schließlich eine Ausstellung über ihr Lebenswerk im Museum für angewandte Kunst in Wien, wo sie 1993 als Vertreterin einer sozialen Architektur gefeiert wurde. Die Überreichung des ihr 1988 zugesprochenen Ehrenzeichens für Wissenschaft und Kunst durch Bundespräsident Kurt Waldheim lehnte sie wegen dessen zweifelhafter Nazivergangenheit ab und nahm die Auszeichnung erst 1992, als 95-Jährige, von seinem Nachfolger Thomas Klestil entgegen.

1989 wird sie mit dem ersten Preis an der Rietveld-Akademie in Amsterdam ausgezeichnet für ihren Beitrag, „der Mehrheit der Bevölkerung ein besseres tägliches Leben ermöglicht zu haben“. 1991 entwickelt sie nochmal Wohnbauprojekte für die EXPO 1995 in Wien. Dazu betätigt sie sich auch als Publizistin und veröffentlicht 1958 „Millionenstädte Chinas“, 1970 „Lernbereich Wohnen“ und 1981/82 ihre Memoiren „Erinnerungen aus dem Widerstand 1938-45“. Posthum erschien 2004 „Warum ich Architektin wurde“. Sie feierte ihren 100. Geburtstag 1997 mit einem kurzen Walzer mit dem Bürgermeister von Wien, Michael Häupl, und äußerte: „Ich würde es genossen haben, ein Haus für einen reichen Mann zu entwerfen.“ Sie starb in Wien fünf Tage vor ihrem 103. Geburtstag an den Komplikationen einer Grippe.

„in Zukunft ganz andere Wohnformen“

Die hitzigen Debatten im Frankfurter Römer wenige Monate nach ihrem Tod führten fast zu diplomatischen Verwicklungen. Als „Kalte Krieger“ bezeichneten die Grünen die CDU, die SPD setzte derweil die Haltung der Union mit der des US-amerikanischen Kommunistenjägers Joseph McCarthy gleich. Selbst Städtebaubeirat Hubertus von Allwörden distanzierte sich von den „Diffamierungen“ der Union. Grund für die Kontroverse war der Antrag der Sozialdemokraten, eine Straße nach Schütte-Lihotzky zu benennen, womit ihr Verdienst um den sozialen Wohnungsbau in der Stadt gewürdigt werden sollte. Die CDU lehnte die Initiative ab mit der Begründung, sie sei eine „bekennende Stalinistin“ gewesen. Doch die Wogen glätteten sich, die Initiative erhielt später eine Mehrheit und ein Viertel in Frankfurt-Praunheim einen neuen Straßennamen.

Frankfurter Küche im MAK. Quelle: https://mak.at/jart/prj3/mak-resp/main.jart?rel=de&reserve-mode=active&content-id=1343388632778&article_id=1339957568483&media_id=1342703972708&menu-id=1343388632778

Allein vier Frankfurter Museen besitzen heute Frankfurter Küchen, aber auch das New Yorker Museum of Modern Art und das Londoner Victoria and Albert Museum. Das Prinzip der „größten Leistung bei geringstem Arbeitsaufwand“, mit dem die Küche damals emphatisch beworben wurde, hat für manche Kritiker im Zuge der Rationalisierung der Arbeitswelt aber einen Beiklang des Inhumanen bekommen. Heute ähneln am ehesten noch Gastronomieküchen ihrem Urtypus, seien aber viele Küchen inzwischen Vorzeigeobjekte als Wohn- oder auch Showküche und offen einsehbar als Ort für Events und Kommunikation geworden, bei dem die Kochinsel eine Art modernes Lagerfeuer symbolisiere. Offene Küche gleich offene Gesellschaft, könnte man deuten.

Doch Lihotzky war mehr als eine Küchenerfinderin. Sie war Akteurin in einer Zeit des sozialen und ästhetischen Aufbruchs, in der sie mit der Emphase des Fortschritts und einem gehörigen Stück Optimismus auftreten konnte. Allerdings verschränkte sie das Bauen mit dem Gestalten einer neuen Gesellschaft zu einer gleichmacherischen Utopie im Sinne der Vergesellschaftung von Hausarbeit. Sie ist überzeugt, „dass wir für einen Teil der Bevölkerung in Zukunft zu ganz anderen Wohnformen kommen werden, etwa zu Einküchenhäusern, Kommune- und Servicehäusern, oder wie man sie auch nennen mag.“ Zudem werde man „wieder mehr in großen Gruppen, Wohn- oder Hausgemeinschaften zusammenleben“. Ob das eine erstrebenswerte Vision ist, mag jeder selbst entscheiden.

Was ein „Düffeldoffel“ sein mag, wusste er wahrscheinlich selbst nicht, als er Helmut Kohl im März 1980 im Bundestag so titulierte. Andere Abgeordnete kamen nicht so glimpflich davon. Den CDU-Abgeordneten Möller forderte er auf „Waschen Sie sich erst einmal! Sie sehen ungewaschen aus“; der CDU-Abgeordnete Wohlrabe wurde beim ihm zur „Übelkrähe“. Mit 77 Ordnungsrufen hält er bis heute einen einsamen Bundestagsrekord: Herbert Wehner. Die laut CDU-Generalsekretär Heiner Geißler „größte parlamentarische Haubitze aller Zeiten“ starb am 19. Januar 1990.

Doch nicht nur mit seinen Worten, auch mit seinem Verhalten polarisierte Wehner. So ist inzwischen bekannt, dass er im Mai 1974 Willy Brandt den Rücktritt als Bundeskanzler aufzwang – und danach Krokodilstränen vergoss. Brandt-Intimus Egon Bahr berichtet, wie Wehner beim Eintritt Brandts im Fraktionssaal aufsprang, einen Blumenstrauß in die Höhe hielt und rief: „Willy, du weißt, wir alle lieben dich!“ Eine Fernsehkamera nahm zufällig Bahr auf, wie ihm Tränen über das Gesicht liefen. 2013 erklärt er das in der ZEIT mit seiner Fassungslosigkeit über Wehners Hinterlist, ja den „Abgrund von Heuchelei“: „Ich habe nicht über den Rücktritt geweint – das ist Quatsch. Ich habe über Wehners Ruchlosigkeit geweint.“

Herbert Wehner. Quelle: https://www.welt.de/img/geschichte/mobile116403168/8202505047-ci102l-w1024/Herbert-Wehner-beim-SPD-Bundesparteitag-1975-3.jpg

Hinzu kamen seit 2002 die Erkenntnisse des Hamburger Historikers Reinhard Müller, der ausführlich darlegte, wie der damals bedeutende KPD-Politiker im Moskauer Exil der dreißiger Jahre deutsche Genossen denunzierte und damit Mitschuld an vielen Exekutionen trug. Zu Wehnerts Opfern gehören unter anderem der KPD-Funktionär Leo Flieg, der frühere Sekretär Ernst Thälmanns, Erich Birkenhauer, und die Komintern-Funktionäre Grete Wilde und Georg Brückmann. „Ich weiß, dass Herbert kein Schuft war“, behauptete seine Witwe Greta nach seinem Tod.

dienstbeflissener Mitarbeiter

Wehner wurde als ältester von zwei Söhnen eines Schuhmachers und einer Schneiderin am 11. Juni 1906 im Dresdner Stadtteil Striesen geboren, wo er – mit einer etwa vierjährigen Unterbrechung, die die Familie ins Erzgebirge nach Schneeberg und Lößnitz führte – auch aufwuchs und die Volks- und die Realschule besuchte. Seine Eltern waren protestantische Christen und gleichzeitig aktive Sozialdemokraten. Als der Vater in den Krieg marschierte, brachte die kranke Mutter die Familie zunächst mit 42 Mark je Monat durch. Bald musste Herbert mitverdienen. Er kam mit neun Jahren als Laufbursche zu einem Tischlermeister: Zwei Mark Wochenlohn. Sein großer Wunsch war die Schriftsetzer-Lehre, der traditionelle Start so manches arrivierten Sozialisten. Daraus wurde nichts. Stattdessen bekam er 1921 ein Stipendium für einen dreijährigen Ausbildungslehrgang zum Verwaltungsdienst. Man gab ihm zwar das Reifezeugnis, aber die Verwaltungslaufbahn blieb ihm dennoch versperrt. Er absolvierte anschließend in der Maschinenfabrik Hille eine Ausbildung zum kaufmännischen Angestellten. Im Januar 1923 trat er der SPD-Jugendorganisation bei, die er jedoch im Herbst schon wieder verließ: die SPD habe den Einmarsch der Reichswehr in sein Heimatland Sachsen unterstützt und damit Verrat an der Einheitsfront begangen, so seine Begründung.

Herbert Wehner (rechts) mit seiner Mutter Antonie und Bruder Rudi. Quelle: https://wehnerwerk.de/workspace/dokumente/flyer-herbert-wehner-geburtstagsfuehrung-am-11.-juli_1.pdf

Wehner ging zur Syndikalistisch-Anarchistischen Jugend Deutschlands (SAJD), mit der er schnell in Konflikt geriet, da er für den bewaffneten, revolutionären Kampf warb. 1926 trat er aus, formierte eine „Anarchistische Tatgemeinschaft“ und trat der bakunistischen Roten Hilfe, deren Zeitung „Revolutionäre Tat“ zum überwiegenden Teil von Wehner geschrieben wurde. Zugleich lernte er Erich Mühsam kennen, der, nach dem verunglückten Münchner Räte-Experiment zu einer Festungshaft verurteilt, amnestiert, später im NS-KZ umgebracht, damals als „Anarchist“ galt. Sein Bekanntenkreis reichte von Lenin bis Ernst Jünger, sein Programm hieß paradoxerweise „Linke Sammlung“. Mühsam brachte ab 1926 in Berlin die Zeitschrift „Fanal“ heraus, Herbert Wehner, zwanzigjährig, zog in dessen Wohnung und half ihm dabei. 1927 überwarf er sich mit Mühsam, wurde Mitglied der KPD und noch im selben Jahr hauptamtlicher Sekretär der Roten Hilfe Deutschlands in Dresden. Im selben Jahr heiratete er die Schauspielerin Lotte Loebinger, beide trennten sich nach 1933 wieder.

Es folgte ein schneller Aufstieg innerhalb der Parteiorganisation. Wehner wurde schon 1930 in den Sächsischen Landtag gewählt und sofort Fraktionsvize. Dieser rasche Aufstieg endete allerdings abrupt mit dem Antritt des neuen Bezirkschefs Fritz Selbmann, der 1931 nicht nur für Wehners Entfernung aus allen Parteifunktionen, sondern auch für dessen Abberufung aus Sachsen sorgte und später in DDR Karriere machte. Nach Monaten als einfacher Parteiarbeiter wurde er 1932 zum Technischen Sekretär des Politbüros ernannt und hatte häufig Ernst Thälmann zu begleiten. Nach dem Reichstagsbrand ging er in den Untergrund und wirkte im Kampf gegen das NS-Regime in Berlin, Saarbrücken, wo er mit Erich Honecker zu tun bekam, Paris und Prag. 1934 konnte er ein letztes Mal illegal seine Eltern in Dresden besuchen.

Spiegel-Titel. Quelle: https://magazin.spiegel.de/EpubDelivery/image/title/SP/1993/12/300

1935 in Prag verhaftet und in die Sowjetunion abgeschoben, wohnte er ab 1937 im Emigranten-Hotel „Lux“ und entging Stalins Großem Terror, dem sehr viele deutsche Exil-Kommunisten zum Opfer fielen. Müller weist nach, dass Wehner ein ehrgeiziger, ideologisch besessener Überzeugungstäter war und Parteigenossen genau beobachtete und denunzierte, wenn sie seiner Karriere im Wege standen oder von der Parteilinie abwichen. Müllers Buch machte klar: Erst dienstbeflissene Mitarbeiter wie Herbert Wehner brachten die stalinistische Überwachungs- und Verfolgungsmaschinerie auf Touren. 1941 reist Wehner im Parteiauftrag nach Schweden, um von dort aus den Wiederaufbau der kommunistischen Partei in Deutschland zu organisieren. Nach seiner Verhaftung 1942 wird er wegen „Gefährdung der schwedischen Freiheit und Neutralität“ verurteilt und bis 1944 inhaftiert. Das Politbüro der KPD unter Leitung Wilhelm Piecks geht davon aus, dass Wehner die schwedische Strafverfolgung dazu genutzt hat, sich dem Parteiauftrag zu entziehen, den kommunistischen Widerstand in Deutschland zu organisieren, und schließt ihn aus der KPD aus.

Einmal Kommunist, immer Kommunist?

Während der Haft entstanden die Schrift „Selbstbesinnung und Selbstkritik“ (1942) sowie die „Notizen“ (1946), in denen er Rechenschaft ablegte und deutlich machte, dass er mit dem Kommunismus gebrochen hat. Nach seiner Entlassung 1944 arbeitet er in Schweden zunächst in einer Viskosefabrik, anschließend als wissenschaftlicher Archivmitarbeiter und lernt Charlotte Burmester kennen. Die Witwe des in Hamburg ermordeten kommunistischen Widerstandskämpfers Carl Burmester hatte selber zwei Jahre im Gefängnis gesessen. Schwer herzkrank, war sie 1935 haftunfähig in Freiheit gesetzt worden und 1937 nach Schweden entkommen. Lotte schickte Wehner Lebensmittel und Bücher ins Lager. Nach der Internierungshaft heirateten sie. Seither hilft Frau Lotte nicht nur beim täglichen Auswerten der Zeitungen. Sie ist der einzige Mensch, der Herberts unverbindlichen Habitus – „Ich bin kein Mann, auf den, wie aufs Licht, die Motten fliegen“ – auflockern und mildern kann, und brachte die Tochter Greta mit in die Ehe.

1946 nach Deutschland zurückgekehrt, wurde er Mitglied der SPD in Hamburg und rasch enger Vertrauter von SPD-Chef Kurt Schumacher. Er arbeitete als Redakteur für das Hamburger Echo und zog bei der Wahl 1949 als Abgeordneter für den Wahlkreis Harburg in den Bundestag ein. Für diesen Wahlkreis war er bis 1983 direkt gewählter Bundestagsabgeordneter, wurde bis 1966 zweimal zum Fraktionsvize gewählt und war  bis 1973 außerdem SPD-Bundesvize. Auf Wehners Idee geht der 17. Juni als Tag der deutschen Einheit zurück. Sein Wiedervereinigungsprogramm umfasste 1954 u.a. einen verbilligten Urlauberverkehr Ost-West und auch West-Ost über die Zonengrenze, Gesamtdeutsche Sportmeisterschaften und Nationalmannschaften sowie die Angleichung von DM-West und DM-Ost durch Westkredite. 1959 war er maßgeblich an der innerparteilichen Durchsetzung des Godesberger Programms beteiligt, durch das sich die SPD endgültig vom Marxismus abwandte und auch programmatisch zur Volkspartei entwickelte. Mit seiner Grundsatzrede vor dem Bundestag am 30. Juni 1960 läutete er weiter den außenpolitischen Kurswechsel der SPD hin zur Westbindung und der Anerkennung der NATO-Mitgliedschaft ein. Markant wurde seine überdimensionale Pfeife.

Wehner mit Pfeife. Quelle: https://www.welt.de/img/regionales/hamburg/mobile116707824/5012508447-ci102l-w1024/Politik-SPD-HERBERT-WEHNER.jpg

Schon seit Ende der 40er Jahren stand er unter aktiver Beobachtung der Kommunisten, es gab Kampagnen und Anschläge gegen den „Verräter“. Der Mainzer KPD-Sekretär Wilhelm Prinz versuchte es mit pornographisch aufgeputzten Pamphleten, der Ex-Soldat Oberbichler wurde mit Pistole und Messer geschnappt, gestand und verpfiff seinen Auftraggeber, die KPD. „Der Plan war klar. Hätte man mich irgendwo mit eingeschlagenem Schädel gefunden und Oberbichler als Täter verhaftet, dann hätten die Interessenten sehr rasch eine Erklärung parat gehabt: Zwei Gangster. Politische Motive hätte kaum jemand vermutet. Die KPD wäre draußen geblieben“, meint er später. Aber auch Ost-Berlin versuchte es mit Spezialagenten und Diffamierungskampagnen bei Adenauer: „Einmal Kommunist, immer Kommunist“, so das Kalkül.

Im Kabinett der ersten Großen Koalition unter Kiesinger wurde Wehner 1966 Bundesminister für gesamtdeutsche Fragen; in diesem Amt hatte er beträchtlichen Anteil am Freikauf politischer Häftlinge aus der DDR. Als deutschlandpolitischer Spitzenpolitiker der SPD bemühte er sich darum, die Folgen der Teilung Deutschlands für die Menschen zu mildern und setzte sich auch für die Rückkehr der deutschen Kriegsgefangenen sowie Familienzusammenführungen ein. Obwohl er nach 1969 mit einer Fortsetzung der Großen Koalition liebäugelte, folgte er loyal Brandts sozialliberalem Kurs, wechselte vom Kabinett an die Spitze der SPD-Fraktion und blieb dort während der gesamten Dauer dieser Koalition. Der liebevoll bis respektvoll-distanziert „Onkel Herbert“ genannte Wehner sorgte im Zusammenspiel mit seinem ebenfalls aus Dresden stammenden FDP-Kollegen Wolfgang Mischnick für Fraktionsdisziplin und erwarb sich schnell den Ruf eines „Zuchtmeisters“, ja „Kärrners“, der die Abgeordneten an der Seite der Brandt-geführten Regierung hielt.

Sein Kabinettstückchen: Das Misstrauensvotum vom April 1972. Als CDU-Chef Rainer Barzel versuchte, sich zum Kanzler wählen zu lassen, ordnete Wehner das Fernbleiben der Fraktion von der Abstimmung an, weil er einen Stimmenkauf der Opposition befürchtete. Mit einer Ausnahme stimmten von der SPD nur die Mitglieder der Regierung ab, und Barzel fehlten schließlich wider Erwarten zwei Stimmen zur notwendigen Mehrheit. 1973 initiierte er auch die Gründung der Arbeitsgemeinschaft für Arbeitnehmerfragen in der SPD. Im selben Jahr reiste er zu einem geheimen Treffen mit Honecker in die DDR, als die plötzlich die Ausreisen gestoppt hatte, und besprach mit ihm humanitäre Fragen der deutsch-deutschen Beziehungen. Viele meinen, er soll seine eigenen politischen Spielchen gespielt und mit Honecker gegen Brandt kooperiert haben, um dafür zu sorgen, dass die deutsche Teilung unbegrenzt erhalten blieb. Wehner notierte schon im Frühjahr 1960, es werde wohl keinen direkten Weg zur Wiedervereinigung mehr geben. „Menschliche Beziehungen“ sollten die beiden Teile Deutschlands verklammern.

Der „Kärrner“ mit Schmidt und Brandt. Quelle: https://img.zeit.de/bilder/2006/27/zeitlaeufte/wehner-schmidt-brandt-410.jpg/imagegroup/wide__820x461__desktop

Der DDR-Spionagechef Markus Wolf berichtet in seinen Erinnerungen gar über geheime Kontakte Wehners zur SED-Führung und dem DDR-Auslandsnachrichtendienst und meinte, dass er zu Erich Honecker eine private Freundschaft entwickelte. Das stand im Gegensatz zu seiner nach außen hin vertretenen antikommunistischen Rhetorik. Die Kontaktabwicklung mit Wehner lief größtenteils über den Anwalt Wolfgang Vogel. Wehners Kritiker hatten dem einflussreichen SPD-Mann seine Läuterung durch das eigene Erleben des buchstäblich lebensgefährlichen Exils im Moskauer „Hotel Lux“ nie abgenommen. Sie hatten vielmehr den Verdacht, der gebürtige Dresdner könnte ein Gewährsmann der SED-Führung in Bonn sein. So missachtete er in den Koalitionsverhandlungen mit der FDP schon 1972 bewusst die Wünsche des damals erkrankten Willy Brandt: Angeblich habe er dessen Brief „in seiner Aktentasche vergessen“.

Intrigant und Manipulator

Nicht nur die Koalition bröckelte, auch sein Verhältnis zu Brandt: „Brandt führt nicht. Der Herr badet lau. Der Regierung fehlt ein Kopf.“ Mit diesen starken, zutiefst illoyalen Sätzen zitierten Nachrichtenagenturen Ende Oktober 1973 Wehner, der sich auf seiner ersten Moskaureise seit seinem Bruch mit dem Kommunismus mit seinem Vorgesetzten aus KPD-Zeiten getroffen und offenbar noch schärfer gegen den Bundeskanzler ausgeteilt hatte. Brandts knappes Urteil: „Das ist ein Verräter.“ Er ordnete an, sofort ein Sonderflugzeug nach Moskau zu schicken, das Wehner umgehend zurückbringen sollte. Auf dem Rückflug sollte er sein Rücktrittsschreiben als Fraktionschef unterzeichnen. Egon Bahr hielt Brandt davon ab – und bereute das bis zu seinem Tod.

Dann, 1974, kam die Guillaume-Affäre, und Wehner stellt die Regierungsbeteiligung der SPD über alle Personalien. Brandt trat zurück, blieb aber Parteivorsitzender, und Bundesminister Helmut Schmidt übernahm die Kanzlerschaft – beides soll von Wehner gewünscht gewesen sein. 1979 stirbt seine zweite Frau, Stieftochter Greta dient ihrem Stiefvater schon länger als Sekretärin und Betreuerin und hatte dafür ihren Beruf aufgegeben. 1980 wurde er als einer von zehn Abgeordneten, die seit der ersten Bundestagswahl ununterbrochen dem Parlament angehörten, erneut ins Parlament gewählt – als Alterspräsident. Mit dem Bruch der sozialliberalen Koalition und der Wahl von Helmut Kohl zum Bundeskanzler 1982 fungierte Wehner für einige Wochen als Oppositionsführer und entschloss sich, bei den Neuwahlen 1983 aus Alters- und Gesundheitsgründen nicht mehr zu kandidieren. Nach seinem Rückzug machte sich bald eine diabetesverursachte Demenzerkrankung bemerkbar. Als er 1985/86 mit Greta, die er inzwischen als dritte Frau geheiratet hatte, auf Vermittlung von Wolfgang Vogel privat letztmalig das Erzgebirge und seine Heimatstadt Dresden besuchte, gab es nur wenige lichte Momente der Erinnerung. Greta, die Herbert um gut 27 Jahre überleben sollte, zog nach seinem Tod nach Dresden und gründete im Mai 2003 die Herbert-und-Greta-Wehner-Stiftung: „Ich wollte etwas von Herbert zurückbringen, weil er selbst nicht mehr zurückkonnte“, sagte sie n-tv.

Wehner im Erzgebirge. Quelle: https://media.saechsische.de/2/6/4/64bec10a3de6e6ff415d7ad60dd9fd61.jpg

Auch noch nach seinem Tod war Wehner Angriffen von politischen Gegnern und Sensationsjournalisten ausgesetzt: So förderte der Spiegel 2014 zutage, dass Honeckers Geschenk zu Wehners 75. Geburtstag, die Erzgebirgsschnitzerei „Holzschlepper“, die Stasi aus dem Schneeberger Heimatmuseum entwendet hatte, und wunderte sich: „Ausgerechnet der DDR-Geheimdienst, der den abtrünnigen Ex-Kommunisten Wehner nach dem Zweiten Weltkrieg bis in die späten Sechzigerjahre mit Diffamierungskampagnen überzogen und sogar Mord- und Entführungspläne gegen ihn ausgeheckt hatte, war bei der Beschaffung von Honeckers Geburtstagsgeschenk behilflich gewesen“. Greta gab die Skulptur danach dem Museum zurück.

Wehner gehört neben Willy Brandt und Helmut Schmidt einerseits zu den bedeutendsten SPD-Politikern der Nachkriegszeit, der die Partei aus dem Gespinst des Marxismus löste und sie an die Westbindung der Bundesrepublik heranführte. Seine Leitziele waren die Demokratisierung von Staat und Gesellschaft sowie die Integration der Arbeitnehmerschaft in das demokratische Staatswesen. Nach ihm sind u.a. in Hamburg und Dresden Straßen und Plätze benannt. Er erfuhr zahlreiche Ehrungen und Auszeichnungen, neben dem Bundesverdienstkreuz die Ehrendoktorwürde der Hebräischen Universität Jerusalem und die Ehrenbürgerschaft Hamburgs. Im Jahr 2000 war Wehner einer der „100 Dresdner des 20. Jahrhunderts“ der Dresdner Neueste Nachrichten. Die fast fertige neue Parteizentrale der sächsischen SPD in Dresden heißt Herbert-Wehner-Haus. Andererseits war der einstige Kommunist und KPD-Funktionär ein hemmungs- und rücksichtsloser Machtmensch, ein Intrigant und Manipulator. Das haben ihm viele Weggefährten zeitlebens nie vergessen.

Manchmal entwickeln Begriffe ein Eigenleben und trennen sich aus vielerlei Gründen von den Personen, mit denen sie eine kausale Einheit bilden. So beruhte der „Sputnikschock“ von 1957, der die erst entsetzten emotionalen, später emsigen wirtschaftlichen Reaktionen vor allem der USA auf den Start des ersten künstlichen Satelliten beschreibt, auf dem Rüstungsprogramm des sowjetischen Staatschefs Nikita Chruschtschow, der heute kaum noch präsent ist.

Ähnliches gilt für das „Abendland“. Folgt man dem Berliner Historiker Wolfgang Benz, der den Begriff in der Welt als Wertegemeinschaft definiert, die „die griechisch-römische Philosophie mit christlichem Denken verbindet und den Eindruck erweckt, als habe sich die Antike im Christentum vollendet“, dann ist er untrennbar mit Kaiser Theodosius I., genannt „der Große“, verbunden: er erließ am 27. Februar 380 das Dekret „Cunctos populos“, in dem sich „die jüdisch-christlichen Wurzeln mit der griechisch-römischen Antike verbanden und eine bis heute wirkende Symbiose eingingen“, wie Matthias von Hellfeld auf DW online schreibt. Der außerhalb von Fachkreisen heute kaum noch bekannte letzte Kaiser des römischen Gesamtreichs starb vor nunmehr 1625 Jahren.

Theodosius. Quelle: https://www.heiligenlexikon.de/BiographienT/Theodosius_I_der_Grosse.html

Seine Regierungszeit war für das Imperium Romanum mit entscheidenden Veränderungen verbunden. Der „Gotenfreund“ siedelte erstmals eine Gruppe von Barbaren – die Goten unter Alarich – als autonomen Verband auf dem Boden des Reiches an, erhob das Christentum zur Staatsreligion, erließ Gesetze gegen das Heidentum und die christliche Häresie und verwirklichte nach einem Bürgerkrieg ein letztes Mal die auch faktisch gegebene Einheit des Imperiums. Nach seinem Tod am 7. Januar 395 in Mailand führte die Aufteilung des Reiches unter seine beiden Söhne zur endgültigen Trennung in ein Weströmisches und ein Oströmisches Reich, die von den Zeitgenossen allerdings nie als solche wahrgenommen wurde.

Militärische Laufbahn unter Einfluss des Vaters

Geboren wurde er am 11. Januar 347 im spanischen Cauca, einer unbedeutenden kleinen Stadt in der nordwestlichen spanischen Provinz Galaecia, wo sein Vater, der ebenfalls Flavius Theodosius hieß und ein erfolgreicher Militär unter Kaiser Valentinian I. war, größere Besitzungen hatte. Seine Großeltern väterlicherseits waren ebenso nicaenisch-orthodoxe Christen wie sein Vater und er selbst. Er hatte einen Bruder, Honorius, dessen Tochter Serena er später adoptierte. Seine Kindheit verbrachte er in der spanischen Heimat. Obwohl er aufgrund seiner gehobenen Herkunft eine standesgemäße Erziehung erhalten haben dürfte, ist über seinen Bildungsweg kaum etwas bekannt. Er soll allerdings Interesse an geschichtlichen Studien gezeigt haben und auch sonst sehr aufgeschlossen, wenn auch etwas unstet – manche vermuten gar manisch-depressiv – gewesen sein.

Er schlug er eine militärische Laufbahn ein, ist ab 368 im Gefolge seines Vaters zu finden und nahm mit ihm an den Feldzügen in Britannien 368/369 teil, an dem Feldzug gegen die Alemannen 370 am Rhein, wo sein Vater der Reiterei der Hofarmee kommandierte, und 372/373 im Donauraum an dem gegen die iranischen Reiterstämme der Sarmaten, die mit der beginnenden Völkerwanderung aus dem Osten eindrangen und bereits in den Historien des Herodot erwähnt wurden. Parallel dazu wurde er vermutlich durch den Einfluss des Vaters zum dux Moesiae superioris befördert – eine Art Grenztruppenkommandeur, womit ihm eine eigene Militärprovinz auf dem Balkan unterstand, die im Wesentlichen deckungsgleich mit Serbien südlich der Donau und dem Kosovo war, ergänzt um einen schmalen Streifen im Norden Mazedoniens. 373 wurde der Vater nach Afrika abberufen, er selbst schlug im Jahr darauf die Sarmaten in Pannonien und bewies damit seine Befehlshaber-Qualitäten.

Das Jahr 376 bildete eine Zäsur. Sein Vater, der in Afrika den Usurpator Firmus unterwerfen sollte, wurde trotz Selbstmords desselben in einer Palastintrige – wohl zu Unrecht – des Hochverrats angeklagt und hingerichtet. Theodosius, inzwischen eine stattliche Erscheinung mit blondem Haar und Hakennase, zog sich auf seine heimatlichen Besitzungen zurück, heiratete Aelia Flacilla, eine Frau aus dem spanischen Provinzadel, die seine Söhne Arcadius und Honorius zur Welt brachte, widmete sich der Verwaltung seiner Güter und konnte kaum mehr damit rechnen, je wieder im Militärdienst aktiv zu werden. Doch er hatte die Rechnung ohne die Schlacht von Adrianopel, dem heutigen türkischen Edirne, am 9. August 378 gemacht.

Kaiser Valens. Quelle: https://www.welt.de/geschichte/article147308311/Roms-entscheidende-Niederlage-gegen-die-Germanen.html#cs-lazy-picture-placeholder-01c4eedaca.png

In dieser Schlacht fiel der oströmische Kaiser Valens gegen die so genannte Dreivölker-Konföderation mit den Goten an der Spitze. Angeblich standen sich 30.000 Römer und 25.000 Goten gegenüber; geschätzt zwei Drittel der Römer fielen. Gratian, der Kaiser des römischen Westreiches, fürchtet um seine Herrschaft, holt Theodosius aus Spanien zurück und unterstellt ihm das Heer – sein Mitkaiser Valentinian II. war noch ein Kind. Anfangs nur Heermeister über Illyrien, wird Theodosius am 19. November 379 von Gratian zum Mitkaiser erhoben, erhält Dakien und Makedonien in Südosteuropa sowie die orientalische Provinz.

Cuius regio eius religio

Was Theodosius von seinen Vorgängern unterschied, war weniger sein christlicher Glaube als vielmehr seine dezidierte Hervorhebung der Katholizität: Die meisten christlichen Kaiser vor ihm hatten mit dem Arianismus sympathisiert, der die Wesensgleichheit von Gott/Gott-Vater und Sohn bestritt. Theodosius hingegen unterzeichnete in Thessaloniki in Gegenwart von Valentinian II. und Gratian das Dekret Cunctos populos, mit dem das Christentum zur Staatsreligion erklärt und die Ausübung heidnischer Kulte unter Strafe gestellt wurden. Das nicänische Christentum wurde für maßgeblich erklärt: als wahrer, katholischer Christ könne nur gelten, wer die Religion bekenne, die der Apostel Petrus den Römern überliefert habe.

Titelblatt des Dekrets. Quelle: https://historybytez.com/2016/02/27/380-edict-of-thessalonica/

Daher gelte, „dass wir also an die eine Gottheit des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes bei gleicher Majestät und heiliger Dreifaltigkeit glauben“. Alle anderen sollten als Häretiker gelten. Zusätzlich berief Theodosius, um den seit 325 andauernden Streit und die drohende Glaubensspaltung zwischen Trinitariern und Arianern zu beenden, 381 das 1. Konzil von Konstantinopel (das 2. ökumenische Konzil) ein – dazwischen hatten bereits achtzehn Konzile stattgefunden, die sich alle der Aufgabe verschrieben hatten, ein drohendes Schisma zu verhindern. In Konstantinopel verwarfen 150 Bischöfe nochmals den Arianismus und formulierten die endgültige, bis heute bestehende Fassung des Nicäischen Glaubensbekenntnisses.

Theodosius‘ Dekret wird bis heute ambivalent interpretiert. Zum einen kann es tatsächlich als erste staatlich reglementierte Verbindung von Antike und Christentum gelten, die schließlich in den Jahrhunderte später etablierten Begriff des „Abendlands“ münden sollte. Zum anderen aber begann damit der „Siegeszug eines zwangsweise geeinten Christentums“, erklärt der Althistoriker Rolf Bergmeier im Humanistischen Pressedienst. Denn mit rund sechzig weiteren Edikten baut Theodosius in rascher Folge „Cunctos populos“ zu einem mächtigen „Werkzeugkasten“ aus, mit dessen Hilfe jede religiöse Konkurrenz ausgeschaltet wurde: „Dreiundzwanzig Edikte sind direkt gegen die abweichenden christlichen Konfessionen gerichtet, dreizehn gegen die Heiden und sechs gegen die Juden.“

„Von nun an hieß Christ sein katholisch glauben“, bilanziert Bergmeier. „Das heutige Christentum wurde par ordre de mufti in das heidnische, jüdische und häretische Volk hineingeprügelt und die Allianz aus Kirche und Herrscher wurde zur Staatskirche erklärt. ‚Cuius regio eius religio – wem das Land gehört, der bestimmt die Religion‘ betritt die Weltbühne.“ Freilich wird von der Forschung inzwischen bezweifelt, ob die entsprechenden Erlasse des „Werkzeugkastens“ wirklich wörtlich zu nehmen sind.

Im Gegenteil: Offenbar wurden sie weder wahrgenommen noch durchgesetzt, da erst Kaiser Justinian 150 Jahre nach Theodosius wirklich entschlossen und tatkräftig gegen die letzten Altgläubigen vorging und die letzten offiziell geduldeten Tempel schließen ließ. Allerdings verbot Theodosius am Ende seiner Amtszeit tatsächlich alle heidnischen Kulte und ihre Ausübung, im Jahr vor seinem Tod gar die Olympischen Spiele, und schloss auch die Platonische Akademie in Athen. „In den kommenden Jahrhunderten wurden unter dem Kreuz der Christen nicht nur die Armen gespeist, sondern auch die Kritiker und Abweichler im Namen des Herrn ermordet“, lautet Hellfelds Bilanz.

Aufschwung Konstantinopels

Energisch kümmert sich Theodosius um die Sicherung seines Herrschaftsbereichs, reorganisiert zunächst aus Thessaloniki die Armee und nimmt deren Barbarisierung in Kauf. Er geht zunächst zwar erfolgreich ab 380 gegen die Goten auf dem Balkan vor, erlitt jedoch schließlich eine Niederlage und bekommt von Gratian zwei seiner erfahrensten Generäle überlassen, darunter Arbogast, der sich als Danaergeschenk entpuppen sollte. Gegen Jahresende erkrankte Theodosius so schwer, dass er sich daraufhin taufen ließ – schon als Kind getauft zu werden war in der damaligen Zeit nicht üblich.

Solidus mit Theodosius‘ Bildnis. Quelle: https://www.ma-shops.de/vossen/item.php?id=910

382 brachte er die Goten dazu, mit ihm einen Vertrag zu schließen, durch den sie zu so genannten „Foederati“ wurden: Sie durften zwar südlich der unteren Donau siedeln, mussten aber Rom Waffenhilfe leisten. Dieser Gotenvertrag war ein Wendepunkt in der römischen Geschichte. Bisher waren besiegte Germanen zwar als „Dediticii“ aufgenommen worden, hatten aber keine Rechte. Das foedus sorgte jedoch dafür, dass die angesiedelten Goten frei und autonom waren. Sie dienten demnach zwar in Kriegszeiten, allerdings unter eigenen Führern, und wurden zusätzlich hoch besoldet. Trotz hoher Kosten stärkt dieser Vertrag die Wehrkraft Roms. 383 machte er seinen Sohn Arcadius zum Augustus Ostroms, Honorius 10 Jahre später zu dem Westroms.

383 aber wurde auch General Magnus Maximus in Britannien zum Augustus erhoben: von seinen eigenen Truppen, die unzufrieden waren, weil sich Gratian lieber mit Alanen als mit römischen Offizieren umgab. Gratians Truppen liefen bei Paris zu Maximus über; Gratian selbst wurde ermordet. Theodosius ließ den Rivalen vorerst gewähren: In einer Reichsteilung erhielt Valentinian II. Italia und Africa, den Rest Maximus. So hatte er Zeit, sich der Verwaltung des Ostens zu widmen. Obwohl man ihm keine Versäumnisse vorwerfen kann, gelang ihm keine durchschlagende Reform des Steuerwesens, auch die Korruption vermochte er kaum einzudämmen. Allerdings erlebte Konstantinopel einen lebhaften Aufschwung und wurde endgültig zum Zentrum des Ostreichs: die Bevölkerung stieg auf ca. 250.000 Menschen an.

Nach dem Tod von Aelia Flacilla heiratete Theodosius 387 Galla, die Schwester von Valentinian II., die ihm noch eine Tochter gebar und wenige Monate vor ihm starb. Im selben Jahr schloss er nach jahrelangen Verhandlungen einen Vertrag mit dem Sassanidenreich über das stets umstrittene Armenien: etwa 1/5 des Landes erhielt Rom, den Rest Persien. Damit gab Theodosius zwar den jahrhundertealten römischen Anspruch auf Armenien auf, sorgte aber für Ruhe an der sonst immer bedrohten Ostgrenze. Dafür wurde es im Innern wieder turbulent: als Maximus 388 doch in Italien einfällt und Valentinian II. zu Theodosius flieht, schlägt der ihn in zwei Schlachten und richtet ihn wenig später hin. Er setzt den jungen Valentinian II. wieder im Westen ein und stellt ihm Arbogast zur Seite.

389 hielt Theodosius dann triumphalen Einzug in Rom und war auf einen Ausgleich mit jenen stadtrömisch-senatorischen Kreisen bedacht, die immer noch mehrheitlich heidnisch gesinnt waren. Zuvor begann seine Auseinandersetzung mit Ambrosius, dem mächtigen Bischof von Mailand, die die machtpolitische Kehrseite des Christentums als Staatsreligion zutage treten ließ: Nachdem 388 eine Synagoge in Callinicum von Christen niedergebrannt worden war, wollte Theodosius sie bestrafen und den Wideraufbau des jüdischen Gotteshauses anordnen. Doch Ambrosius bestand darauf, es handle sich um einen Konflikt zwischen dem christlichen Glauben und dem Judentum; falls der Kaiser die christlichen Gewalttäter bestrafe, würde er sich damit gegen die einzig wahre Religion wenden. Er verweigerte ihm die Eucharistie, bis er nachgab, die Schuldigen ungestraft ließ und seinen Befehl zum Wiederaufbau durch die Christen widerrief.

Ambrosius und Theodosius. Gemälde von va Dyck aus dem 17. Jahrhundert. Quelle: Von Anthonis van Dyck – http://www.nationalgallery.org.uk/paintings/anthony-van-dyck-st-ambrose-barring-theodosius-from-milan-cathedral, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=150526

Dasselbe „Spiel“ wiederholte Ambrosius 390 nach dem „Massaker von Thessaloniki“, in dem angeblich 7.000 Bürger aufgrund eines nicht mehr rechtzeitig zurückgenommenen kaiserlichen Befehls massakriert wurden. Theodosius wurde von Ambrosius nicht zur Messe zugelassen und zu einem Bußakt genötigt. Folgerichtig legte er auch 391 den Titel „Pontifex maximus“ ab, also seine priesterliche Funktion. Damit war klar, dass nun die weltliche Autorität des Kaisers unter der geistlichen der Kirche stand und erstere sanktionieren kann.

eigenständig, umsichtig und mildtätig

Im Mai 392 wurde Valentinian II. erhängt in seinem Palast aufgefunden – es ist unklar, ob er von Arbogast ermordet wurde oder aufgrund seiner faktischen Machtlosigkeit durch Suizid starb. Arbogast rief den Beamten Eugenius zum Kaiser aus, der fränkische Unterstützung erhielt. Theodosius bereitete sorgfältig seinen Feldzug gegen Eugenius vor und rückte mit etwa 100.000 Mann, darunter auch gotischen Hilfstruppen unter Alarich, in den Westen ein. Am 5./6. September 394 kam es zur blutigen Entscheidungsschlacht im Vipava-Tal im heutigen Grenzgebiet zwischen Italien und Slowenien. Theodosius verbrachte den Vorabend der Schlacht angeblich wachend und betend: im Traum erschienen ihm demnach Johannes der Täufer und Philippus der Apostel und befahlen, dass er seine zahlenmäßig unterlegenen Truppen zur Schlacht ordne.

Beim Kirchenhistoriker Theodoret liest sich der folgende Schlachttag so: „Kaum aber hatte man auf beiden Seiten begonnen, die Geschosse zu schleudern, als die Beschützer ihre Versprechungen als wahr erwiesen. Denn ein gewaltiger Sturmwind, der seine Richtung gegen den Feind nahm, warf ihre Pfeile, Lanzen und Speere zurück, so dass jegliches Geschoß für sie nutzlos war und weder Schwerbewaffnete noch Bogenschützen noch Leichtbewaffnete dem Heere des Kaisers Schaden zufügen konnten. Außerdem wurden ihnen ganze Wolken von Staub in das Gesicht getrieben, die sie zwangen, ihre Augenlider zu schließen, um so ihre gefährdeten Augen zu schützen. Die Soldaten des Kaisers dagegen erfuhren von jenem Sturm nicht den geringsten Nachteil, sondern machten die Feinde unerschrocken nieder.“

Es war eine der größten Schlachten der römischen Geschichte und galt den Christen im Nachhinein als ein Gottesurteil: das Christentum habe demnach über die alten Götter triumphiert – obwohl die „Heidentruppen“ der Vandalen hohen Blutzoll entrichteten. Eugenius wurde gefangen genommen und hingerichtet, Arbogast starb kurz darauf durch Suizid. Damit war Theodosius noch einmal kurzzeitig uneingeschränkter Herrscher über beide Reichsteile. Er verständigte sich sowohl mit den überlebenden gegnerischen Truppen als auch den stadtrömischen Kreisen, die er in seine Herrschaft einbinden wollte, doch starb dann überraschend, wahrscheinlich an Wassersucht. Zuvor hatte er angeordnet, das Reich auf seine beiden Söhne zu verteilen. Ambrosius, mit dem er sich so manchen Streit geliefert hatte, hielt eine bewegende Totenrede, in der er die Person des Theodosius zum Vorbild eines christlichen Kaisers stilisierte.

Von Shepherd, William R. Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=395874

Schon bald nach seinem Tod wurde Theodosius wegen seiner Bemühungen um die Einigung der Kirche „der Große“ genannt, unter ihm gelang der wirkliche Durchbruch zum „Imperium Romanum Christianum“. Der Schriftsteller Zosimos sah in der Zwangschristianisierung aber den eigentlichen Grund für den späteren Untergang Westroms – im Gegensatz zum Westen erkannten die Bischöfe des Ostens den Kaiser als oberste Autorität in Glaubensfragen an. Theodosius war der bedeutendste Herrscher in der Zeit zwischen Konstantin „dem Großen” und Justinian I., eigenständig, umsichtig und mildtätig regierend; militärisch erfolgreich, besonders gegen die andrängenden Goten, und doch integrativ. Den wirtschaftlichen Niedergang und die soziale Spaltung der Bevölkerung konnte er wenigstens einbremsen und Literatur und Kunst zu einer gewissen – aber auch letzten – Blüte führen. Derzeit wird er vor allem in der Numismatik hochgehandelt: ein Original-Solidus aus Gold mit seinem Porträt bringt bis zu 4.600 Euro.

Zwischen 1589 und 1922 beherbergte die Georgenburg als Staatsgefängnis auf der Festung Königstein genau 993 Gefangene, darunter den später geköpften kurfürstlichen Kanzler Nikolaus Krell, den Porzellanerfinder Johann Friedrich Böttger und den Sozialdemokraten August Bebel – allesamt auf Staatskosten. Doch in den 1960er Jahren gab es einen Mann, der dort freiwillig mietete – samt Frau Ingeburg und ein paar Puppen, mit denen er sogar ein kleines Fernsehatelier einrichtete. Das Studio kostete im Monat, heute unvorstellbar, gerade 80 Mark der DDR. Der Mann hieß: Heinz Fülfe.

Fülfe war mit dem Festungsdirektor Dieter Weber befreundet und fand hier ideale Bedingungen vor, seinem Beruf – und seiner Berufung – nachzugehen. Der Maler, Bühnenbildner und Schauspieler schrieb und produzierte rund 900 Skripte für das DDR-Kinderfernsehen, davon 200 Abendgrüße des „Sandmännchen“. Er war nicht nur der Schnellzeichner Taddeus Punkt, sondern sprach als Bauchredner auch dessen Hund Struppi und lieh seine Stimme im Märchenwald der Frau Elster.

Fülfes „Arbeitsplatz“. Quelle: https://i.pinimg.com/originals/b8/55/3f/b8553f0740d3359278bbead957ef724f.jpg

Nebenbei erfand er auch noch die Geschwister „Flax und Krümel“ – die erste Serie im deutschsprachigen Fernsehen, die ausschließlich für Kinder gedacht war. „Ich erinnere mich noch genau daran, wie mein Mann sagte: Wir machen eine Sendung … Ich flaxe gerne, Du bist klein wie Krümel und dann nehmen wir den Hund dazu, den Struppi“, erzählte Ingeburg 2005. Die Sendung würde am 22. Januar 65 Jahre. Ihr Ideengeber Heinz Fülfe, der mit seinem Gesicht und seiner Stimme das Kinderfernsehen über Jahrzehnte maßgeblich prägte, feierte am 5. Januar seinen 100. Geburtstag.

„vitale Stimmungen“

Geboren in Freiberg als Sohn eines Militärmusikers und einer Hausfrau, verbrachte er seine Oberschulzeit in Elsterwerda, wo er auch seine erste künstlerische Ausbildung beim Naturmaler Hans Nadler erhielt. Sein Abitur legte Fülfe in Pirna ab, wo er seine künstlerische Ausbildung bei Horst Lorenz fortführte. Danach begann er eine Lehre als Bühnenbildner am Staatstheater Dresden, wo er bei Adolf Mahnke lernte.

Im Zweiten Weltkrieg diente Fülfe als Soldat, geriet in Gefangenschaft, wandte sich nach der Rückkehr in die Heimat erneut dem Theater zu und wirkte seitdem als freischaffender Maler, Grafiker und Puppenspieler. Bereits 1946 hatte er seine erste Ausstellung. Gemeinschafts- und Personalausstellungen in Dresden, Freiberg, Pirna, Elsterwerda und Bad Liebenwerda folgten. Eine lange Freundschaft pflegte er mit dem Rottwerndorfer Maler Johannes Kotte, der als Szenenbildner beim Fernsehfunk und als Filmbildner im DEFA-Trickfilmstudio in Dresden arbeitete.

Fülfe schuf Temperablätter, Aquarelle und Ölbilder, bevorzugte einfache Sujets – Motive fand er in Landschaften im weitesten Sinne. „Seine Darstellungen sind nicht spektakulär, doch die vitalen Stimmungen, die leuchtenden Farben und das Spiel von Licht und Schatten ziehen den Betrachter in seinen Bann“, erkennt Tom Pfefferkorn im Onlinemagazin Erlpeter. Dabei ließe sich in seinen frühen Aquarellen und Tuschzeichnungen noch ein fester bildnerischer, streng nach Formgesetzen komponierter Aufbau konstatieren, meint seine Biographin Konstanze Krüger: „Nach zum Teil recht avantgardistischen Versuchen entwickelte Fülfe eine mehr den Lichtstimmungen unterworfene Malerei, in der auch Einflüsse des Impressionismus spürbar werden.“

Erste deutsche Kinderserie im TV. Quelle: https://www.ddr-postkarten-museum.de/i.php?/galleries/Upload/Kinderfernsehen/Flax_Kruemel_Struppi/FLAX-005-me.jpg

Anfang der 1950er Jahre kam er als Bühnenbildner, Sänger und Schauspieler ans Volkstheater Pirna und später, als Gründungsmitglied der Pirnaer Puppenspiele, zum Puppentheater. Das hat in der Sächsischen Schweiz, vor allem durch die Figur des „Hohnsteiner Kasper“, der seine Probleme und Schwierigkeiten nicht mehr nur mit der Bratpfanne löst, sondern mit Humor und Einfallsreichtum, eine reiche Tradition; die Puppenspielfeste in Hohnstein und Bärenfels künden bis heute davon. Seiner Ausbildung gemäß war Fülfe für die Bühnenbildgestaltung und für die Darstellung der weiblichen (!) Rollen eingesetzt – sein modulationsfähiger Bariton, der sowohl ins Falsett kippen als auch ins Bauchreden wechseln konnte, half ihm dabei. Als Puppenspieler bediente er sich Figuren des Schnitzers Theo Eggink sowie des Bärenfelser Holzbildhauers Hellmuth Lange.

Die Sendungen lebten vom Universalgenie

Seit Anfang der 1950er Jahre trat er im Fernsehen der DDR in einer Vielzahl von Kindersendungen auf und lernt in Berlin auch seine zweite Frau Ingeburg kennen, die er 1955 heiratet und mit der er „Flax und Krümel“ aus der Taufe hebt – zwei Geschwister, die gemeinsam mit „Omi“ und „Struppi“ aufregende Erlebnisse im Alltag haben, von Fülfes auf Königstein gedreht und auch selbst gesprochen wurden und eine Weiterführung der Tradition der Hohnsteiner und Pirnaer Puppenspieler bedeuteten. Schon 1937 von Friedel Koster für die Puppenspiel-Truppe „Die Hohnsteiner“ entworfen, ließ Fülfe den Struppi wieder aufleben und machte ihn mit seiner Gestik und Stimme zu einer unverwechselbaren Figur.

Hohensteiner Puppen heute, Struppi ist dabei. Quelle: https://www.svz.de/img/parchimer-zeitung/origs8703476/026510494-w640-h960-o/23-67525637-23-67525638-1421410625.jpg

Die sollte nicht nur zeitweise bei Pittiplatsch und Schnatterinchen, sondern vor allem bei Taddeus Punkt wohnen: Braune Kappe, weißer Kittel, blaue Hemdschleife – diese Figur eines Schnellzeichners und Geschichtenerzähler mit Malkohle und Zauberbleistift im Künstlergewand hat Heinz Fülfe gemeinsam mit dem Kinderbuchautor Günther Feustel erfunden. Sie feierte am 11. Juni 1959 im Abendgruß ihre Premiere und zählte zu den Identifikationsfiguren des DDR-Kinderfernsehens. Etwa 400 Mal erzählte Fülfe seine Geschichten voller Poesie und Phantasie und führte seine kleinen Zuschauer an diverse Orte der DDR. Dabei zeichnete er rasend schnell und oft ohne hinzusehen, während er in die Kamera sprach. Bis 1961 wurden die Abendgrüße sogar live gesendet, erst in Schwarzweiß, später in Farbe, und von der DEFA in Kooperation mit dem Fernsehen der DDR gedreht.

In den folgenden Jahren wurden die Arbeit für die Kinder und das Kinderfernsehen immer mehr zum Hauptinhalt seines Lebens – und dem seiner Frau. Die Sendungen lebten vom Universalgenie Fülfes, meint Pfefferkorn: „er schrieb Texte, entwarf die Szenenbilder, Requisiten wurden meist selbst ausgesucht, und auch Geräusche hat er selbst gemacht: Wohl jeder der damaligen Kindergeneration im Osten dieses Landes wird noch das unnachahmliche, sich ständig verändernde Quietschen und Knarren der Fuchsbautür im Ohr haben!“

Zum Alltag der „Macher“ befragt, erinnert sich Ingeburg Fülfe, dass weitere „Leute von der Pädagogik“ Mitspracherecht hatten: Manuskripte mussten vorgelegt werden, Themen wurden vorgegeben, zu denen Heinz Fülfe und eine ganze Anzahl weiterer Autoren wieder die Texte lieferten. „Dies lief im Großen und Ganzen recht groß zügig, es wurde nicht viel reglementiert – eine ‚Moral‘, die mit dem Holzhammer verabreicht wurde, stand nicht im Vordergrund… Es waren keine Moralstücke, sie kamen mit spielerischer Pädagogik daher, bestenfalls mit einem kleinen Zeigefinger und ein paar Lebensweisheiten.“ Günstig für das einigermaßen unbehelligte Arbeiten wirkte sich wohl auch aus, dass SED-Fernsehchef Heinz Adameck dem Kinderfernsehen sehr zugetan war.

mehrfacher Ehrenbürger

Zur Frage, ob die SED eine große Rolle spielte, meint sie rückblickend: „Wir waren keine Genossen, haben unsere Arbeit gemacht.“ Hieß es zu Beginn der 1970er Jahre offiziell noch, dass das Kinderfernsehen dazu beizutragen habe, dass sich die Mädchen und Jungen „für die allseitige Stärkung der DDR einzusetzen und ein von Optimismus, Freude und Frohsinn erfülltes Leben zu führen“ hätte, sprach man 1981 von „wirklichkeitsbezogener Romantik, die das Alltagsleben wirkungsvoll über eine platte ‚Alltäglichkeit’ hinaushebt“, meint Dieter Wiedemann in TELEVIZION. Es gehe darum. „das bereichernde Gefühl für die Schönheit der Kunst, für menschliche Beziehungen hervorzubringen und ideologisch-ästhetische Immunität gegen alles Banale und Fortschrittsfeindliche zu erzeugen“.

Pitti, Mauz, Schnattchen und die „Urelster“ mit Ingeburg Fülfe, Heinz Schröder, Friedgard Kurze und Heinz Fülfe (v.l.). Quelle: http://www.erlpeter.net/downloads/20/88/Erlpeter_43_Jan_05.pdf

Diesen Leitsätzen fielen paradoxerweise Fülfes Kreationen zum Opfer. 1970 wurde „Flax und Krümel“, nach denen sogar Kindergärten benannt wurden, eingestellt; 1977 kam auch das Ende für Taddeus Punkt. „Das Bestärken von Wohlbefinden, Geborgenheit und Zukunftsgewißheit in der Gesellschaftsordnung einerseits und die Herausforderung andererseits, Einflüsse des ‚Westfernsehens‘ abzuwehren, indem man die Zuschauer an das eigene Programm binden wollte, ergaben einen auf die Dauer nicht lösbaren Widerspruch. Der Druck auf immer größere Attraktivität führte unaufhaltsam zu Prinzipienverlusten, Zugeständnissen und Unverbindlichkeit“, versuchte die Produzentin Ingelore König eine Erklärung.

Fülfes Studio wurde in den 70er Jahren durch das Trickfilmstudio Dresden übernommen; das Ehepaar zog endgültig nach Berlin. Gemeinsam mit zwei weiteren stimmlichen Universalgenies, den Puppenspielern Heinz Schröder (Pittiplatsch, Herr Fuchs, Frau Igel und Onkel Uhu) sowie Friedgard Kurze (Schnatterinchen, Hoppel, Borstel) gestaltet Fülfe jahrzehntelang das Grundinventar des „Märchenwalds“. Daneben ist er als Hörspielautor und -sprecher tätig und konnte einige Schallplatten mit Geschichten seiner Figuren veröffentlichen.

Der Märchenwald von einst lebt fort. Quelle: eigene Collage

Für sein Wirken wurde er vielfach ausgezeichnet, darunter schon 1961 mit dem Nationalpreis der DDR. Bereits vier Jahre später erhielt er die Ehrenbürgerwürde der Stadt Pirna, 1989 auch die seiner Schulstadt Elsterwerda. Nach der Wende wurde er, wie das Fernsehen der DDR, „abgewickelt“. Eigentlich wollte er bis zu seinem 75. Lebensjahr für Kinder spielen, schreiben und zeichnen, und sich danach wieder der Malerei widmen. Aber dazu sollte es nicht mehr kommen, der Tod hatte etwas dagegen. Der dreifache Vater starb am 5. Dezember 1994. Seinen Zauberbleistift gibt es nicht mehr – den hat ihm Ingeburg mit ins Grab gegeben.

Der Tübinger Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen fiel schon öfter durch eigenwillig-normative Interpretationen publizistischer Wirklichkeit auf. Schon im November 2012 ärgerte er sich über „die Empörungsdemokratie des digitalen Zeitalters“. In der Zeit 44/2014 konstatierte er auf Journalisten wie Medien gleichermaßen eine milieuunabhängige „Bewegung des bösen Blicks“, die „großformatige Verfalls- und Verwahrlosungsthesen“ formuliere, „in ihrer Wucht gefährlich, weil sie das Vertrauen in den Journalismus untergraben und den bösen Blick seltsam starr werden lassen.“ „Wir brauchen ein Überwachungsbewusstsein“, dekretierte er im November 2016 und konstatiert ein Jahr später einen „Stimmungswandel in Richtung des großen Verdachts“, durch den die Mainstream-Kritik selbst zum neuen Mainstream werde. Theorien der Entmündigung und der Manipulation ruinierten „das Vertrauensklima, das guter Journalismus bräuchte, gerade jetzt und gerade heute“. Und vor einem Jahr bejahte er die These, dass Transparenz „die neue Objektivität“ sei.

Ende November nun redete Pörksen in einem Interview mit dem Reutlinger General-Anzeiger einer Subventionierung von Zustellungskosten und einer Zeitungsfinanzierung durch politikferne Stiftungen das Wort. Denn er sieht neben Journalisten mit „in der Verantwortung“ auch die Politik, die Verlage, die Zivilgesellschaft und die akademische Welt. Diese Akteure hätten bisher „das Schicksal der Zeitungen mit einem Höchstmaß an dümmlicher Ignoranz begleitet, ganz so, als könnte man irgendwann mit den eigenen Themen zu RTL 2 umziehen.” Es fällt schwer, diese Aussagen nicht als bestellte Expertenmeinung zur Flankierung des Koalitionsentwurfs zur Unterstützung der Zustellung von Abonnementzeitungen und Anzeigenblättern in Höhe von 40 Millionen Euro für das Jahr 2020 anzusehen. Denn der Reutlinger Verlagsleiter Valdo Lehari jr. ist Vizepräsident des Bundesverbands Deutscher Zeitungsverleger (BDZV), sein Blatt büßte 26,9 Prozent Auflage seit 1998 ein. Der Haushaltsausschuss des Bundestags hatte kurz zuvor einen entsprechenden Antrag der Koalitionsfraktionen beschlossen. Allerdings sollen die Ausgaben bis zur Vorlage eines Gesamtkonzepts durch das Sozialministerium gesperrt bleiben. Der Haushalt wurde Ende November beschlossen.

Bernhard Pörksen. Quelle: Von re:publica from Germany – re:publica 18 – Day 1, CC BY-SA 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=73006999

Pörksen meint nun, Blattgattung hin oder her, dass kritischer, unabhängig recherchierender Journalismus unbedingt erhalten werden müsse, da er in einer Demokratie „systemrelevant“ sei – das Wort kennen wir seit der Bankenkrise. Wo er den unabhängigen Journalismus heute noch findet und welche Demokratie er meint, verschweigt er dezent. Vor allem Untersuchungen seines Kollegen Michael Haller haben ergeben, dass Journalismus gerade beim Flüchtlingsthema staatshörig agierte (zuerst berichtete). Und dass Pörksen angesichts der monarchischen Kanzlerschaft von Angela Merkel mit der ebenso grundgesetzwidrigen wie demokratiefernen Grenzöffnung an der Spitze, angesichts der Ausgrenzungen einer demokratisch gewählten Partei und angesichts der Verrassifizierung und Vernazifizierung aller konservativ-kritischen Stimmen von Alexander Gauland über Tilo Sarrazin bis Dieter Nuhr diesem deutschen Staat den Charakter einer Demokratie zusprechen will, muss mindestens als fragwürdig gelten.

zwei getrennte Kassen?

Hinzu kommt, dass nahezu alle Zeitungen in Größenordnungen Leser verlieren. Das hat auch, aber nicht nur mit der Staatshörigkeit sowie Journalisten wie Relotius, Restle oder Reschke zu tun, sondern vor allem mit der Glaubwürdigkeitskrise eines Berufsstands, der weder seine Blase verlassen noch seinen volkpädagogisch-linken Impetus ablegen will. Subventionen fördern nicht die journalistische Unabhängigkeit, sondern führen zur Huldigung der Subventionierenden. Es ist ein Zeichen demokratischer Reife, wenn Leser aufwachen und sich dem gesteuerten Zugriff auf die eigene Urteilsfähigkeit entziehen. Und wenn sich ein Produkt nicht mehr verkauft, hat es am Markt nichts mehr verloren. Durch den niedrigen Mehrwert-Steuersatz werden die Zeitungen sowieso schon subventioniert.

Unbestritten ist auch, dass die SPD indirekt einer der Hauptnutznießer sein wird, denn diese Partei verfügt über ein wahres Medienimperium, das ihr eigener Sozialminister Hubertus Heil mit den Subventionen päppeln will. Die SPD ist über ihre 100-Prozent-Tochter Deutsche Druck- und Verlagsgesellschaft mbH (ddvg) mit Sitz in Berlin und Zweigniederlassung in Hamburg an diversen Verlagen und Medienkonzernen beteiligt. Zum Beispiel an der DDV Mediengruppe (u.a. Sächsische Zeitung) oder am Madsack-Konzern (u.a. Leipziger Volkszeitung). Dass die CDU damit die SPD-Parteipresse fördert, ist eine Anekdote am Rande.

Auszug aus dem ddvg-Geschäftsbericht. Quelle: https://www.epochtimes.de/politik/deutschland/spd-bilanz-217-millionen-euro-reinvermoegen-0-euro-aus-gewerblicher-taetigkeit-a2450524.html

Außerdem zahlt der Staat drauf, was er anderen Branchen verweigert: Höhere Mindestlöhne. Die Zeitungsausträger hatten bis zum 31. Dezember 2017 nur einen reduzierten Mindestlohn von zunächst 75 Prozent und später von 8,50 Euro bekommen, anstelle des damals zu zahlenden Lohns von mindestens 8,84 Euro. Tatsächlich hat die Mindestlohnregelung dazu geführt, dass viele Zeitungsverlage im ländlichen Raum ihren Vertrieb wegen der gestiegenen Kosten reduzieren mussten. Mit dem neuen Vorhaben werden also die Kosten des Mindestlohns sozialisiert – allerdings nur für Zeitungsverlage. Andere Branchen erhalten keine „Aufstockung“ aus der Staatskasse.

Die sollte übrigens noch viel höher ausfallen: die Verbände forderten, dass Verlage je nach Region idealerweise einen Betrag zwischen 5 und 7 Cent (gerundet) pro Anzeigenblattexemplar erhalten sollten. Dies würde hochgerechnet auf die Anzeigenblattbranche einen Betrag von 200 bis 300 Mio. bedeuten. „Bei den Zeitungen müssten dementsprechend 14 Cent pro Exemplar, in der Summe 400 Mio. Euro, für die Zielerreichung angesetzt werden“, hieß es. Der BDZV rechtfertigt seine dennoch erfolgreiche Lobbyarbeit in einer Mitteilung „Hier geht es vielmehr um die Unterstützung der Zustellung, also eines nachgelagerten, technischen Bereichs. Der BDZV wird die Staatsferne privatwirtschaftlich geführter Zeitungsunternehmen immer verteidigen.“

Dass selbst Anzeigenblätter, die zwischen Aldi-Anzeigen und Kaufland-Prospekten gelegentlich Pressemitteilungen abdrucken, auch zur Meinungsbildung beitrügen und dafür gefördert werden, zeigt die wahre Absicht, den Einstieg in eine Art staatliche Gebührenfinanzierung der Verlage zu vollziehen, die sich viele nach dem Vorbild von ARD und ZDF schon lange wünschen. Der Bundesverband der Anzeigenblätter lobt seine Produkte prompt als wichtigen „Treiber der Anerkennungskultur, die den regelmäßigen, freiwilligen Einsatz vieler Menschen in Deutschland würdigt.“ Da es ihnen mit ihrer „ausgeprägten Pushwirkung“ gelinge, „Termine und Veranstaltungen bekanntzumachen und noch nicht Engagierte zum Mitmachen zu inspirieren“, erzeugten sie „ein so genanntes Public Good“ und leisteten „einen wichtigen Beitrag zum gesellschaftlichen Zusammenhalt. Eine Infrastrukturförderung der Zustellung ist daher die Basis dafür, dass dieser wichtige Beitrag auch künftig geleistet werden kann.“ „Offensichtlich haben die Verleger zwei getrennte Kassen: Eine für den Gewinn und eine für die Vertriebskosten“, kommentiert Roland Tichy süffisant.

„Abschreckungstheorie“, „Weltverbesserungsleidenschaft“ oder „Zärtlichkeitsallüren“ – was sich wie der Jargon postmoderner Journalisten liest, die lange nicht mehr von Sprachpapst Wolf Schneider geohrfeigt wurden, sind eigentlich altertümliche Wortschöpfungen eines Mannes, der Hamlet-Übersetzer, Dichter, Biograf, Dramatiker, Reporter, Kritiker und Journalist zugleich war, Briefe und Tagebücher schrieb – und daneben als poetisch-realistischer Romancier par excellence in die deutsche Literaturgeschichte einging: Theodor Fontane. Am 30. Dezember feierte er seinen 200. Geburtstag.

Der Sohn eines hugenottischen Apothekers aus Neuruppin, der Teile seiner Kindheit in Polen verbrachte, besuchte das örtliche Friedrich-Wilhelms-Gymnasium, trat anschließend in die Gewerbeschule von Karl Friedrich Klöden in Berlin ein und hatte 1835 seine erste Begegnung mit seiner künftigen Frau Emilie Rouanet-Kummer. Im Jahr darauf brach er die Ausbildung an der Gewerbeschule ab, fing eine Ausbildung zum Apotheker an und veröffentlichte 1839 seine erste Novelle „Geschwisterliebe“. Nach dem Abschluss seiner Lehre begann Fontane als Apothekergehilfe in Burg bei Magdeburg und schrieb erste Gedichte.

Nach überstandenem Typhus arbeitete er als Apothekergehilfe in Leipzig, Dresden und schließlich in der Apotheke des Vaters in Letschin. Trotz des kurzen Aufenthalts wird Dresden eine bedeutende Rolle in seinem Leben spielen. Günter Grass‘ Anekdote aus „Ein weites Feld“, wonach der 23jährige mit einer 18jährigen Dresdner Gärtnerstochter angebändelt, eine Tochter mit ihr gezeugt, die Verbindung deshalb aufrechterhalten, 1849 eine zweite Tochter gehabt und erst mit seiner Heirat 1850 das Verhältnis beendet habe, ist zwar vorzüglich erfunden, hat aber mehr als einen wahren Kern.

Fontane mit 23, Gemälde von G.F. Kersting. Quelle: https://de.m.wikipedia.org/wiki/Datei:Georg_Friedrich_Kersting_Fontane_23_Jahe.jpg

nur um ihretwillen geschrieben

„Zum zweiten Male unglückseliger Vater eines illegitimen Sprösslings“, heißt es in einem lange unterdrückten Brief Fontanes vom 1. März 1849 an seinen Freund Bernhard von Lepel. „Meine Kinder fressen mir die Haare vom Kopf, eh die Welt weiß, dass ich überhaupt welche habe.“ Der Literaturhistoriker Bernd W. Seiler fand 1998 heraus, dass es sich bei der Mutter um Augusta Emilia Adelheid Freygang handelte, Tochter eines Dresdner Schankwirts, zweimal verheiratet und schon mit 36 Jahren zum zweiten Mal Witwe. Nach den Einträgen der Kreuzkirche bekam sie im Ganzen zehn Kinder, davon nachgewiesen fünf uneheliche von fünf verschiedenen Männern. „Denn die Zuneigung ist etwas Rätselvolles, die mit der Gutheißung dessen, was der andere tut, in keinem notwendigen Zusammenhang steht“, wird Fontane später sagen.

Nach dem ersten während seiner Apothekerzeit, übrigens eine Tochter, zeugte er das zweite Kind auf einem Osterausflug zu einem Dresdner Freund 1848. „Wozu gibt es auch zwei Feiertage?“ lässt er Botho in „Irrungen Wirrungen“ gegenüber Lene seufzen, „es wär uns beiden besser gewesen, der Ostermontag wäre diesmal ausgefallen“. In „Stine“ hat er seiner Liebschaft mit der Figur der Witwe Pauline Pittelkow, mit 30 Jahren verwitwet, von Männerbekanntschaften lebend und Mutter von zwei unehelichen Töchtern, ein Denkmal gesetzt. Nur so sei erklärbar, warum er sie so außerordentlich geschätzt hat, meint Seiler in der ZEIT: „Wieder und wieder betont er, dass sie, obwohl nur Nebenfigur, ihm die bei weitem wichtigste Gestalt des Romans sei, ja dass er diesen überhaupt nur um ihretwillen geschrieben habe.“

1844/45 leistete Fontane beim Kaiser Franz Garde-Grenadier-Regiment Nr. 2 seinen Militärdienst als Einjährig-Freiwilliger, ging an die Polnische Apotheke von Julius Schacht in Berlin und verlobte sich Ende 1845 mit Emilie. Zwei Jahre später erhielt er seine Approbation als „Apotheker erster Klasse“, kämpfte 1848 als Revolutionär auf der Straße, wurde als Wahlmann für die preußischen Landtagswahlen aufgestellt und publizierte radikale Texte in der Berliner Zeitungs-Halle. 1849 gibt er den Apothekerberuf zugunsten der Arbeit als Publizist auf, verfasst politische Texte in der Dresdner Zeitung und veröffentlicht sein erstes Buch „Männer und Helden: Acht Preußenlieder“.

Fontane, gereift, in seinem Arbeitszimmer. Quelle: https://www.stadtmuseum.de/objekte-und-geschichten/theodor-fontane-manuskripte

1850 heiratet Fontane seine Emilie, die ihm im Jahr darauf den ersten gemeinsamen Sohn George schenkt – das Paar wird neben einer Tochter insgesamt sechs Söhne bekommen, von denen drei kurz nach der Geburt sterben. Im Jahr darauf tritt er in die Redaktion der konservativ-pietistischen Neue Preußische Zeitung ein, für die er 1864 über den Deutsch-Dänischen Krieg berichtet und bis 1870 tätig ist. Parallel lässt er sich bei der „Centralstelle für Preßangelegenheiten und Reisen nach London“ anstellen und arbeitet 1855 – 1859 als deutsch-englischer Korrespondent in London. Nach einem Intermezzo als Theaterkritiker für die Vossische Zeitung reiste er zur Berichterstattung über den Deutsch-Französischen Krieg nach Paris, wurde unter falschem Verdacht als Spion verhaftet und erst nach einer Intervention Bismarcks wieder freigelassen.

1861 veröffentlichte Fontane das Buch „Grafschaft Ruppin“. Es erhielt als zweite Auflage bereits ein Jahr später den Obertitel „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“. Bis wenige Jahre vor seinem Tode überarbeitete Fontane diesen ersten Band, der insgesamt fünf Auflagen erlebte, änderte und ergänzte ihn und legte damit die Grundlage für sein späteres episches Schaffen. Nachdem er bis 1876 trotz kränklicher Konstitution mit seiner Frau diverse Reisen nach Österreich, Italien und in die Schweiz unternommen hatte, entschloss er sich, als freier Schriftsteller zu leben: „Ich fange erst an. Nichts liegt hinter mir, alles vor mir, ein Glück und ein Pech zugleich“, schreibt er seinem Verleger.

reale Vorbilder für Frauengestalten

Rasch findet er zu seinem eigenen auktorialen Erzählstil, den er nach Kleist oder E.T.A. Hoffmann zu weiterer Blüte führt: er gehört selbst nicht zur Geschichte, die er erzählt, sondern tritt deutlich als ihr Urheber und Vermittler in Erscheinung. Er ist also selbst nicht Teil der dargestellten Welt, sondern schildert sie „allwissend“ von außen, kann Zusammenhänge mit künftigen und vergangenen Ereignissen herstellen, diese kommentieren und Wertungen abgeben sowie Handlungen verschiedener Charaktere zur gleichen Zeit an unterschiedlichen Orten schildern – aus einer kritisch-liebevollen, oft auch ironischen Distanz, die manchmal durchaus in Gesellschaftskritik umschlägt.

Elisabeth von Plotho. Quelle: https://cdn1.spiegel.de/images/image-631175-galleryV9-phkk-631175.jpg

Wie schon im Falle Freygang/Pittelkow nutzte Fontane für seine bis heute beeindruckenden literarischen Frauengestalten reale Vorbilder. Die eigene Tochter Martha taucht als Corinna Schmidt im Roman „Frau Jenny Treibel“ auf, Margarete von Minden als „Grete Minde“ in der gleichnamigen Novelle, Karoline de La Roche-Aymon tritt als Gräfin Amelie von Pudagla im Roman „Vor dem Sturm“ und als Prinzessin Goldhaar im ersten Band der „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ auf. Und die wilde, dreifach geschiedene „Krautentochter“, die Fontane im Sonderband „Fünf Schlösser“ verewigt hat, orientiert sich am Leben der Charlotte von Arnstedt.

Am bekanntesten wurde Elisabeth Baronin von Ardenne, geborene von Plotho, deren Leben als Vorbild für „Effi Briest“ diente. Sie war die Großmutter des wohl berühmtesten DDR-Atomphysikers Manfred von Ardenne, der sich in den 1950er Jahren in Dresden niederließ. Anders als Effi, die seelisch gebrochen mit nur 30 Jahren stirbt, wurde Elisabeth 98 Jahre alt, erlernte den bürgerlichen Beruf einer Krankenpflegerin und agierte trotz ihrer Lebenskrise – auch ihr Mann erschoss ihren Liebhaber, ließ sich scheiden und erhielt das Sorgerecht für die Kinder – unabhängig und selbstbestimmt. Der erst drei Jahre vor Fontanes Tod erschienene Roman war so erfolgreich, dass er gleich im Erscheinungsjahr fünfmal aufgelegt wird. Der Stoff wurde allein in Deutschland Ost und West sechsmal verfilmt, darunter mit Angelica Domröse, Hanna Schygulla und Anna Maria Mühe in der Titelrolle.

Neben „Effi Briest“ (1895) zählen „Irrungen, Wirrungen“ (1888) und der erst posthum im Verlag seines Sohnes Friedrich erschienene „Stechlin“ (1899) zu Fontanes großen Romanen. Im ersten erzählt Fontane von der Liebe zwischen einem Baron und einer Schneidermamsell, die nach Jahren doch standesgemäß heiraten: „Die Sitte gilt und muss gelten, aber dass sie’s muss, ist mitunter hart“, lässt er Lene sagen. Die Handlung des zweiten beschreibt er selbstironisch so: „Zum Schluss stirbt ein Alter und zwei Junge heiraten sich; – das ist so ziemlich alles, was auf 500 Seiten geschieht.“ Damit bereitete er letztlich den Boden für Gesellschaftspanoramen wie Thomas Manns „Buddenbrooks“.

Schloss Ribbeck. Quelle: https://visity.de/fileadmin/processed/c/5/csm_schloss-ribbeck_70b8d4be8f.jpg

Daneben macht sich Fontane als Dichter von Balladen einen Namen, die auch oft reale Ereignisse bzw. Personen nachgestalten, darunter „John Maynard“ (1886) oder „Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland“ (1889). Das 1887 entstandene Novellenfragment „Oceane von Parceval“ ist sein Versuch, in der Adaption einer„Melusine“-Gestalt die Mischung aus den Gefühlen von Bedrohung und Faszination zu fassen, der sich eine männlich dominierte bürgerliche Gesellschaft angesichts der Verbindung von Weiblichkeit mit archaischer, erotisch freizügiger Natürlichkeit gegenübersah.

„eine versunkene Welt“

Als Fontane 1892 eine Gehirnischämie überlebte, riet ihm sein Arzt, sich mit seinen Kindheitserinnerungen gesund zu schreiben. 1893 schließt er das Manuskript von „Meine Kinderjahre“ ab, bekommt die Ehrendoktorwürde der Philosophischen Fakultät der Berliner Uni verliehen und erhält vom preußischen Kultusministerium eine lebenslange Ehrenpension. Kurz nach der Verlobung seiner Tochter Martha schläft Fontane am 20. September 1898 abends in seiner Berliner Wohnung friedlich ein und wird auf dem Friedhof der Französischen Reformierten Gemeinde an der Liesenstrasse beigesetzt.

Fontane mit Tochter Martha. Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Martha_Fontane#/media/Datei:Marthafontane.jpg

Sowohl die Theodor-Fontane-Gesellschaft als auch das Theodor-Fontane-Archiv sowie eine Theodor- Fontane-Arbeitsstelle widmen sich heute seinem Leben und Werk, darunter der Edition seiner 76 Notizbücher. Nach ihm sind mehrere deutsche Literaturpreise benannt. Anlässlich seines 150. Geburtstages 1969 gaben die Deutsche Post der DDR eine Briefmarke und die Deutsche Bundesbank eine 5-DM-Gedenkmünze heraus. Zu seinen Ehren erhielt die nur im Großen Stechlinsee vorkommende Stechlin-Maräne den wissenschaftlichen Namen Coregonus fontanae. Und Fontane diente als Namenspatron für die Sendung „Theodor – Das Magazin aus Brandenburg“, die der rbb bis 2017 produzierte. Zwei unvollendeten Essays unterstellte Antisemitismus-Vorwürfe lösten sich 2000 auf.

Das Land Brandenburg hat unter dem Motto „fontane.200“ seit dem Frühjahr eine große Eventkampagne mit Ausstellungen, Konzerten, Lesungen, 100 Kilometer-Wanderungen und gar einer eigenen Lego-Figur gefahren, um eine „neue Sicht“ auf den Klassiker aus dem bürgerlichen Zeitalter zu gewähren. Denn: „Der ganze, so überaus raffiniert ausgebreitete, dabei immer fein abschattierte und ironisch aufgeraute Anspielungshorizont seiner Werke bezieht sich auf eine versunkene Welt“, meint Tilman Krause in der Welt. „Wer nur in der Blase des Heute lebt, ohne historisches Bewusstsein und historische Kenntnisse, dem werden sich die unerhörten Reize dieser Bücher nicht erschließen.“

Fontane-Denkmal in Neuruppin. Quelle: https://cdn.mdr.de/kultur/theodor-fontane-denkmal-100-resimage_v-variantBig24x9_w-10
24.jpg?version=43886

In der Voradventswoche hatte das von der Bewegung „Fridays for Future“ initiierte Netzwerk #week4CLIMATE zu einer deutschlandweiten Aktionswoche aufgerufen, die am 29. November mit dem 4. Globalen Klimastreik endete. Allein in Dresden liefen 6.000 jugendliche Teilnehmer sinnigen Sprüchen hinterher wie „Blaukraut bleibt Blaukraut und Braunkohle bleibt Scheiße.“ Die TU Dresden, Exzellenz-Uni und aktiv im Kampf gegen alles Nicht-Linke, freute sich mitzuteilen, dass sie zur Aktionswoche einer „Public Climate School“, organisiert von Students for Future und der TU-Umweltinitiative tuuwi, Möglichkeiten für Workshops, Vorträge und Aktionen anbiete. Denn „für die TU Dresden steht es außer Frage, dass der Klimawandel mit seinen weitreichenden Konsequenzen für Mensch und Umwelt die größte gesellschaftliche Herausforderung unserer Zeit ist und künftig sein wird“, protzt sie auf der Seite ihrer Pressestelle. Das Angebot umfasste auch die kostenlose Nutzung eines Hörsaalfoyers sowie des zugehörigen Gebäudevorplatzes durch die Gruppe HSZfürsKlima.

Reicht nicht, befanden die Klimaschützer und verlangten für die gesamte Woche das Audimax im Hörsaalzentrum mit rund 1000 Plätzen. Geht nicht, begründete die Universitätsleitung mit Kurzfristigkeit und Raumnot ihre Absage: Dafür hätten sämtliche Vorlesungen im Audimax ausfallen müssen, da es keine Ausweichorte gibt. Egal, befanden die Klimaschützer und besetzten am Auftaktmontag das Audimax mit ca. 50 Personen trotzdem. Hausfriedensbruch, zetert die TU und holt die Polizei. Stunden später ziehen die Beamten ab und knickt die Universitätsleitung ein, indem sie bis auf weiteres auf die Durchsetzung des Hausrechts mit Polizeigewalt verzichtet: sie handele „im Interesse ihrer Studierenden und auch der zwischenzeitlich im Raum befindlichen Kinder, die anscheinend von der Besetzergruppe mitgebracht wurden“.

Dresdner Demo-Transparente nach eine SäZ-Bildergalerie. Collage: eigene Darstellung

Das ist kein Witz. Selbsternannte Klimaschützer erpressen sich durch eine Straftat eine befristete Duldung zur Durchsetzung ihrer Interessen, weil die TU eventuell unangenehme Bilder fürchtet. Dass sie damit wie selbstverständlich einen Rechtsbruch normalisiert und den Rechtsstaat ad absurdum führt, interessiert die Unileitung offenbar nicht, was ein bezeichnendes Licht auf ihr Rechtsverständnis wirft. Dieser Vorgang beschreibt nicht nur treffend das Dilemma Deutschlands seit der Grenzöffnung 2015, sondern beweist auch, das heute im Namen des Hehren, Guten und Schönen jede Minderheit einer Mehrheit im Namen der „richtigen Moral“ vorschreiben darf, was sie zu tun und zu lassen hat.

Denn mehrere Hundert Studenten wollten gern eine ungestörte Vorlesung besuchen – und mussten dann erleben, dass die paar Aktivisten nicht nur die Mikrofonnutzung ihres Dozenten unterbanden, sondern selbst für ihre Inhalte beanspruchten. Doch „ohne Mikrofon ist trotz aller Bemühung von Dozenten, den Audimax nur mit ihrer normalen Stimme zu füllen, kein gesicherter Vorlesungsbetrieb möglich und die Chancengleichheit der teilnehmenden Studierenden nicht gewährleistet“, begründete die Uni ihre Entscheidung: Die hinteren Reihen seien benachteiligt. Aber mit Mikrofon sei für alle Gruppen im Raum eine „chancengleiche Wissensvermittlung ebenfalls nicht möglich, da ein Stimmwirrwarr dem Lernerfolg nicht förderlich ist“, belehrt sie den staunenden Leser weiter. Damit hat die Gruppe wie ursprünglich geplant den verlangten „Ort des Austauschs und der Vernetzung“ zum Diskurs darüber erhalten, wie „eine selbstorganisierte Uni für alle mit dem Ziel der Klimagerechtigkeit“ zu schaffen ist.

„Klimakrise und Rechtsruck“

Der Vorgang ist ein Musterbeispiel pazifizierter Behörden, die einerseits Rechtstreue einfordern, aber andererseits weder willens noch imstande sind, sie selbst durchzusetzen. „Wir empfinden die Aktion der Besetzer als Vertreibung, als einen demokratiefeindlichen und unfriedlichen Akt und unsolidarisch gegenüber anderen Interessengruppen“, offenbart die Unileitung ihre Gefühle. Doch weil die Gruppe HSZfürsKlima mit ihrer Besetzung das klare Statement setzte, „dass sie ihre Aktion durchzieht, da sie nach eigenen Aussagen eine maximale Störung des Vorlesungsbetriebs erzielen möchte“, hat sich die TU Dresden „entschieden, auf Druck nicht mit Gegendruck zu reagieren.“

Hörsaalbesetzung. Quelle: https://www.tag24.de/nachrichten/hoersaal-in-dresden-lahmgelegt-klimastreik-erreicht-die-technische-universitaet-1299507

Mit anderen Worten: Der Klügere gibt nicht nur nach, sondern ist auch der ideelle Sieger, selbst wenn er der reelle Verlierer ist. Generös teilt die Uni mit, der Gruppe anderntags, „auch wenn das Rektorat dies ausdrücklich nicht billigt“, wieder Zutritt zu gewähren, „wenn sie sich friedlich verhält und keine Schäden verursacht werden. Eine Übernachtung in Gebäuden der Universität ist grundsätzlich nicht gestattet.“ Dass durch die Besetzung Lehrveranstaltungen in Größenordnungen ausfallen, ist lässlich. Statt dankbar zu sein, kostenlos studieren zu dürfen, nimmt eine kleine Revoluzzer-Truppe ihre Kommilitonen in Geiselhaft.

Pikant: in einem Schreiben hat TU-Rektor Hans Müller-Steinhagen tags zuvor dem Netzwerk mitgeteilt, dass er die Verhinderung von Lehrveranstaltungen für mehrere tausend Studierende „als Rektor, der auch für einen ordnungsgemäßen Lehrbetrieb an der TUD verantwortlich ist, nicht dulden“ könne und werde. Und wörtlich: „Auch lenken Sie durch Ihre offenbar mehr auf eine Besetzung um der Besetzung willen zielende Haltung und Aktivität von der Beschäftigung mit der eigentlichen Fragestellung, dem Klimaschutz, ab.“ Dann versucht Steinhagen tatsächlich seine Autorität in die Waagschale zu werfen: „Die Besetzung von Hörsälen und Seminarräumen und die dadurch verursachte Störung des Lehrbetriebs und damit der Kernaufgabe der Universität untersage ich hiermit ausdrücklich.“

Zugleich bittet er zu bedenken, „dass auch ein ziviler Ungehorsam die Rechte anderer wahren muss, nicht nur das Hausrecht, sondern auch die Rechte der anderen Studierenden, die an Lehrveranstaltungen teilnehmen wollen“, und verweist auf die Rechtslage: „Hausfriedensbruch ist eine Straftat und wer entsprechend verurteilt ist, ist vorbestraft.“ Abschließend appelliert er noch: „Miteinander. Nicht gegeneinander. Es ist Raum für alle Aktivitäten.“ Warum er sich bei der tatsächlich erfolgten Besetzung derart vorführen ließ und seine eigene Argumentation ad absurdum führte, versucht die AfD-Fraktion Sachsen gerade in Kleinen Anfragen herauszufinden – zumal die Behauptung, dass Kinder anwesend gewesen seien, offenbar nicht den Tatsachen entsprach: der Vorwurf des Vorwands, eine Unterwerfungsgeste zu bemänteln, steht im Raum.

TU-Rektor Müller-Steinhagen. Quelle: Von Paulae – Eigenes Werk, CC BY 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=11784509

Politisch aber offenbart die Aktion noch viel mehr: unwissenschaftliche Behauptungen dürfen an einer Einrichtung der Wissenschaftsproduktion zu einer tagelang praktizierten Gehirnwäsche unter unserer Leistungselite von morgen führen. Denn das im Internet publizierte Wochenprogramm der Gruppe offenbart nicht nur ein vulgärkommunistisches Ökonomieverständnis („Gemeinsame Ökonomie – GemÖk“) und ein fragwürdiges Demokratieverständnis („Wie können wir als Kleingruppe eine wirksame Aktion auf die Beine stellen – Beispiel: Hausbesetzung“), sondern vor allem einen bezeichnenden Blick in die ideologischen Abgründe linksverqueren Denkens. Nicht nur, dass Zusammenhänge wie „Klimakrise und Rechtsruck“ konstruiert oder mit „Grünem Syndikalismus“ anarchorevolutionäre Szenarien diskutiert werden – die „Aktivisten“ rufen allen Ernstes zu einem „Planspiel: wir organisieren die Stadt neu“ auf.

Dahinter steht die Fiktion, dass während einer „Revolution“ 2024 eine Regierung „‚zum Schutze der Republik‘ Giftgasanschläge auf Dresden“ ausführt, „einer der anarchistischen Hochburgen“. Geprobt werden soll, wie „aus einem der größeren Flüchtlingslager im Gebiet der AZS (Autonome Zone Sachsen)“ von „ersten mutigen Pionieren“ die menschenleere Stadt neu organisiert werden kann. Damit wird aus einem grünen Hirngespinst nun die erste Trockenübung. Das ist keine Öko-Dystopie mehr, sondern eine spinnerte Dummheit aus Köpfen, deren Hirne zu infantilen Sandkästen mutiert sind. Dass daneben auch noch ein Workshop über eine Selbstverpflichtungserklärung der Uni-Angehörigen abgehalten wird, auf dem Forderungen nach dem Ende des motorisierten Individualverkehrs oder einem Verbot tierischer Lebensmittel bei Konferenzen diskutiert und auf einem anderen „motivierte cis-Männer“ zur Beteiligung bei „Ende Gelände“-Aktionen geworben werden sollen, rundet das Bild ab.

„schlichtweg dumm“

Der Dresdner Ring Christlich-Demokratischer Studenten RCDS erboste sich noch am selben Abend: „Das Verhalten des Rektors ist kontraproduktiv und zerstört seine eigene Autorität als Hausherr. … Wir fordern den Rektor daher auf, das Audimax noch heute räumen zu lassen!“ Und legte tags darauf in einem deftigen Facebook-Post nach: „Unser Campus ist ein Ort für schlaue Köpfe, innovative Nachwuchshoffnungen und auch für leidenschaftliche Weltverbesserer. Leider seid ihr nichts von alledem. Anders als uns geht es euch nicht um echten Klimaschutz, um den fairen Wettstreit der Argumente und um konkrete Maßnahmen an unserer Uni. … Wer nur um des Protestierens willen protestiert, Lehrveranstaltungen stört, illegal Gebäude besetzt und Menschen mit anderen Meinungen bepöbelt, ist nicht besonders ‚engagiert‘, ‚tolerant‘ oder ‚offen‘. Er ist schlichtweg dumm.“

Bändesprechenderweise auf dem linksextremen Portal indymedia, versuchten das die Aktivisten natürlich zu kontern. Zunächst stellten sie studierwillige Studenten als Weicheier dar: „Als die Information die Runde machte, dass in dieser Woche wohl keine weiteren Vorlesungen im Audimax stattfinden würden, brachen einige Maschinenbau Studis tatsächlich in Tränen aus. Viel deutlicher kann mensch die eigene Unfreiheit kaum demonstrieren.“ Und entlarvten sich dann selbst: „Der wahre Skandal ist nicht, dass der Saal besetzt ist und die Vorlesungen ausfallen, der Skandal ist der enorme Leistungsdruck und dass das Bildungswesen der kapitalistischen Verwertungslogik unterworfen ist. Der Logik, die so sehr wie nichts anderes für Klimawandel steht. Was bringt dir die Vorlesung Konstruktionslogik I, wenn die Klimakatastrophe kommt?“

Ende der Besetzung. Quelle: https://www.saechsische.de/plus/dresdner-kritisieren-tu-besetzung-aktivisten-hoersaal-ende-gelaende-5145491.html

Es grenze an einen Witz, im Zusammenhang mit Universitäten im Jahr 2019 von Leistungsdruck angesichts von Fächern wie Gender Studies, Queer Studies und anderem Unfug zu schreiben, befindet der Blog sciencefiles und mutmaßt: „Der Kern des meisten Aktivismus ist der Versuch, sich ein Auskommen außerhalb des gesellschaftlichen Wettbewerbs zu verschaffen, konkurrenzlos und über Steuerzahler finanziert“. Unterzeichnet war der indymedia-Eintrag von „Prof. Dr. Antideutsch“ mit dem Slogan „Unter den Talaren – Muff von Patzelts Jahren“: Werner Patzelt, als „Pegida-Versteher“ verunglimpft, hatte jahrzehntelang einen Lehrstuhl für Politikwissenschaft in Dresden inne und schrieb federführend am CDU-Landtagswahlprogramm 2019 mit. Dass der Unterzeichner damit den Straftatbestand des Missbrauchs von Titeln und Bezeichnungen erfüllt, wurde bislang nirgends thematisiert.

450 Studenten hatten dann eine Petition an Müller-Steinhagen gestartet und darin gefordert, dass der „planmäßige Lehrbetrieb im HSZ störungsfrei aufrechterhalten“ wird. Erst am vierten Tag machte die TU Dresden von ihrem Hausrecht Gebrauch: Die Türen des Audimax blieben für die Aktivisten verschlossen, Polizisten trugen einzelne Personen hinaus, die das Gebäude nicht verlassen wollten. Als Grund für die Räumung gab die Universität auf Twitter an, die Aktivisten hätten den Hörsaal im Internet als Schlafplatz für unabsehbare Zeit angeboten. Das widerspreche allen Absprachen zwischen der Universitätsleitung und der Gruppe. Welche Aktivisten tatsächlich Dresdner Studenten waren, ist gegenwärtig noch unklar – inzwischen steht fest, dass zwei Personen mit Hausverbot aus Niedersachsen kamen.

Es ist jedoch nicht das erste Mal, dass der zu politischer Neutralität verpflichtete Müller-Steinhagen eine eigenwillige Interpretation von Recht und Gesetz an den Tag legt: er schämte sich öffentlich für den „Pegida“-Protest, sprach auf einer „Herz statt Hetze“-Kundgebung gemeinsam mit der Antifa und ließ gar linksradikale Gruppen in Räumen der Universität ein Blockade-Training für Demonstrationen üben. Während selbst SPD- und Grünen-Stadträte die Besetzung nicht für den geeigneten Weg halten, findet sie Anne Holowenko von den Linken gut: „Aus unserer Sicht ist die Besetzung eines der zentralen Räume der TU ein angemessenes Signal, um auf die Dringlichkeit der Klimafrage hinzuweisen“, sagte sie der Sächsischen Zeitung.

Was bleibt? Quelle: https://www.addn.me/news/hszfuersklima-die-hoersaalbesetzung-an-der-tu-dresden/

Der Dresdner Stadtrat übrigens wollte, wie durch 61 deutsche Kommunen bereits geschehen, im Dezember nach dem Nazi- nun auch einen Klimanotstand ausrufen. Aber sogar die Sächsische Zeitung musste zugeben, dass es sich damit um reine Symbolpolitik handeln würde: Klimanotstand ist kein Rechtsbegriff und gesetzlich mit keinen Konsequenzen verbunden. Es gehe nicht mehr um Wissensvermittlung geschweige denn Wissenschaft, „sondern nur noch um die Selbstreferentialität einer selbstgewissen Moral mit absolutem Wahrheits- und aktionistischem Durchsetzungsanspruch“, bilanziert der bildungspolitische Sprecher der AfD-Fraktion Sachsen, Rolf Weigand. Das sei verheerend und lasse für die Zukunft des Bildungs- und Wissenschaftsstandorts Sachsen das Schlimmste befürchten.

„Neger“, „Zigeuner“, jetzt „Mohr“ – in Bayern geht es „rassistischen Unworten“ verstärkt an den Kragen: Aktivisten wollen das Augsburger Hotel „Drei Mohren“ umtaufen – in „Drei Möhren.“ Trotz Schweigespirale beginnt jedoch selbst die öffentliche und veröffentlichte Meinung, wie Thomas Hartung in seiner aktuellen Kolumne referiert, unter dem Eindruck deutlicher Umfrage-Ergebnisse zu kippen: in Richtung eines unbefangenen Sprachgebrauchs und seiner Verteidigung oder Rückgewinnung.

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„Wenn die Welt heute nur noch zu zwei Fünfteln aus Schurken und zu drei Achteln aus Idioten besteht, so ist das zu einem guten Teil Voltaire zu verdanken“, notierte Egon Friedell in seiner „Kulturgeschichte der Neuzeit“. Wie kein zweiter verkörpert der Franzose die Epoche der Aufklärung: ihre Eleganz, ihren Erkenntnishunger, ihren republikanischen Mut und nicht zuletzt die enge Verbindung von naturwissenschaftlich-philosophischer Erkenntnis und dem praktischen Interesse an einer Förderung der menschlichen Wohlfahrt. Bis heute bezeichnen die Franzosen das 18. Jahrhundert voller Respekt als das „Zeitalter Voltaires“, ganz so wie sie die Epoche zuvor als das „Zeitalter Ludwig XIV.“ charakterisieren. Er war einer der wichtigsten Wegbereiter der Französischen Revolution.

Sollte man Voltaire, wenn er, wie Goethe meinte, tatsächlich alle Merkmale seiner Zeit in seiner Person vereinte, einen Vorwurf daraus machen, dass sich in seiner Biographie auch Schönheitsfehler finden? Der bürgerliche Schriftsteller, der mit gekrönten Häuptern korrespondierte, verkörperte nicht nur die Vernunftidee einer neuen und freieren Welt, sondern auch die Mängel und Irrtümer, Untugenden und Widersprüche der alten: Jener Welt des Rokoko, der er entstammte, in der er lebte und als Höfling Karriere machte. Und die er schließlich zu stürzen half, indem er die Figur des Intellektuellen entwarf, der sich im Namen universeller Werte mit den Mächtigen anlegt. Eine Mischung aus Hans Magnus Enzensberger und Arno Schmidt, erkennt Denis Scheck in der WELT.

Voltaire. Porträt von Nicolas de Largillière. Quelle: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/4/40/Atelier_de_Nicolas_de_Largilli%C3%A8re%2C_portrait_de_Voltaire%2C_d%C3%A9tail_%28mus%C3%A9e_Carnavalet%29_-001.jpg

Zwar ist er Philosoph, Dramatiker, Lyriker, Historiker, Skeptiker, dreimaliger Gefangener der Bastille, reichster Schriftsteller seiner Zeit und ungekröntes Haupt der europäischen Aufklärung. Er ist aber auch geldversessen, eitel, schnell verletzbar, intrigant. Kritiker haben ihm einen zweideutigen, sogar tückischen Charakter vorgeworfen. Er ist zugleich ein großer Vorkämpfer der Freiheit, riskiert Sätze, für die man nach geltendem Recht immer noch gefoltert, gerädert und verbrannt werden konnte. Er ist ein glänzender Stilist und ein hochgebildeter Gelehrter, im Privaten überdies ein ebenso treuer wie großzügiger Freund. Und durchdrungen von einem unbeugsamen Gerechtigkeitssinn.

„Latein und dummes Zeug“

Am 21. November 1694 wird er in Paris als Sohn des Notars Arouet geboren und François Marie getauft. Die Mutter, der er später zwei Liebhaber unterstellte, die seine Väter sein könnten, starb, als er sechs Jahre war. Schon auf dem Jesuitenkolleg, wo er mit den Kindern der ersten Adelsfamilien zusammen saß und „Latein und dummes Zeug“ (Voltaire) lernte, zeigte er lyrisches und dramatisches Talent und gewann mehrere Schulpreise. Dabei gilt er als schwächlich, später als Hypochonder mit zahllosen Fläschchen und Döschen mit Tinkturen und Pillen, die er oft wahllos konsumiert.

„Der Wunsch, berühmt zu sein, verzehrt dieses Kind“, erkannte bereits ein Jesuit. Auch sein Biograph Carl Busse bemerkte: „…man hat mit Recht gesagt, dass die schiefe Stellung, in die Voltaire sich früh begab, indem er sich aus Eitelkeit und Hang zum Wohlleben in sozial höhere Kreise drängte, seinen Charakter verdorben hat.“ 1711 ging er zur juristischen Hochschule Paris, verkehrte aber mehr in vornehmen Gesellschaften wie dem „Cercle du Temple“ und machte sich als Verfasser geistreicher, eleganter Verse einen Namen – sowie als Abstinenzler: Kaffee ist zeitlebens das Getränk seiner Wahl.

Eingang zur Juristischen Fkultät heute. Quelle: https://www.allemagne.campusfrance.org/sites/pays/files/allemagne/styles/mobile_visuel_principal_page/public/fac%20droit%20assas.jpeg?itok=Pf9q-nTS

1713 nötigte ihn sein zunehmend unzufriedener Vater, eine Stelle als Notariatsangestellter in Caen anzutreten. Als er auch hier mehr in schöngeistigen und freidenkerischen Kreisen verkehrte, zwang ihn der Vater als Sekretär nach Den Haag, wo er eine Affäre mit einer siebzehnjährigen Hugenottin begann. Auf Drängen ihrer entsetzten Mutter wurde der Neunzehnjährige zu seinem empörten Vater nach Paris zurückgeschickt, der ihm mit Enterbung und Deportation nach Amerika drohte.

Ab 1714 akzeptierte der Vater schließlich, dass sein Sohn zunehmend literarisch tätig ist und wie zuvor in intellektuellen Zirkeln verkehrte, wo er sich aufgrund seiner bissigen Texte erste Feinde macht. Adelige schätzten ihn als vielseitigen Lyriker und Autor witziger, häufig spöttischer Gedichte nur dann, wenn sie von seinem Spott nicht betroffen waren. Von den Betroffenen dagegen wurde er aus Paris verbannt und 1717 gar ein knappes Jahr in der Bastille inhaftiert. Hier stellte er seine erste Tragödie „Œdipe“ fertig und begann er unter dem Titel „La Ligue“ ein Nationalepos über die Hugenottenkriege und ihre Beendigung durch Heinrich IV., das ihm später den Ruf als größten französischen Epiker seiner Zeit bescherte.

Nach seiner Entlassung trat er 1718 unter dem neuen Namen „Voltaire“ auf, ein unsauberes Anagramm aus „Arouet le jeune“ („Arout der Jüngere“), und begann nicht nur wieder in literarischen Salons zu verkehren, sondern auch in den Landschlössern des Hochadels rund um Paris. Weitere Stücke entstehen. Durch das Erbe seines Vaters und eine Pension des Regenten Philipp war er 1722 finanziell gut gestellt, besuchte die Niederlande und begann ein Verhältnis mit einer adeligen Richtersgattin. 1723 machte er erstmals mit der Zensur Bekanntschaft, als ihm die Druckerlaubnis für „La Ligue“ verweigert wurde. 1725 wurde er Theatermanager für Ludwig XV.

Ludwig XV. Quelle: https://www.akg-images.de/Docs/AKG/Media/TR3_WATERMARKED/0/0/3/8/AKG326261.jpg

1726 hatte er ein offenbar traumatisierendes Erlebnis mit dem Chevalier de Rohan Chabot, der ihn nach einer bissigen Antwort durch Lakaien verprügeln ließ, dem Unebenbürtigen trotz seines eigens genommenen Fechtunterrichts nachher jede Genugtuung verweigerte und dafür sorgte, dass er erneut in die Bastille gesperrt und dann nach England ins Exil abgeschoben wurde. Er lernte Englisch, begeisterte sich an der intellektuellen und wirtschaftlichen Aufbruchstimmung vor der industriellen Revolution sowie am parlamentarischen System, dichtete und kehrte 1728 nach Frankreich zurück.

„komplett weißes Buch“

Hier gelang ihm mit einem Bekannten der Coup seines Lebens: Durch den Aufkauf aller Lose der Pariser Lotterie machte er einen Reingewinn von 500.000 livres und konnte fortan sorgenfrei leben. Nach erneuten literarischen Querelen zog sich Voltaire 1733 auf das Schloss des Ehemanns seiner neuen Geliebten Émilie du Châtelet zurück, von dem aus er zehn Jahre lang ein unstetes Wanderleben mit einigen Auslandsreisen führen sollte, darunter erstmals nach Preußen. In diesem Jahrzehnt entstehen viele erfolgreiche Stücke, darunter die historische Tragödie „Mérope“. Nach der Erstaufführung wurde der anwesende Voltaire vom Publikum vor den Vorhang gerufen, ein Novum in der französischen Theatergeschichte. Mit 29 Aufführungen in Folge überstiegen ihre Einnahmen die aller vorherigen Aufführungen seiner Stücke.

1745 wurde er zum Landeschronisten sowie zum Königlichen Kammerherrn ernannt, im Jahr darauf zum Mitglied der Académie française gewählt. Nach dem Tod seiner Geliebten, ein wiederum traumatisierendes Ereignis, ging er 1750 als Kammerherr zu Friedrich dem Großen nach Sanssouci, mit dem er schon seit 1736 korrespondiert – und bei dem er nach dummen Finanzgeschäften in Ungnade fällt. 1751 konnte er in Berlin dennoch sein „Siècle de Louis XIV.“ herausbringen, eine Darstellung der französischen Geschichte des 17. Jahrhunderts. Darin wies er der Kulturgeschichte eine zentrale Rolle zu und setzte so der Geschichtsschreibung neue Maßstäbe. Vier Jahre später wird er mit dem „Versuch über die Sitten und den Geist der Nationen“ zum Begründer der Universalgeschichte.

Micromégas. Ausgabe von 1923. Quelle: https://www.ebay.fr/itm/VOLTAIRE-VOX-Maximilien-MICROMEGAS-1923-/311020856745

1752 erscheint die philosophische Erzählung „Micromégas“, die manche als Ursprung der Gattung Science Fiction ansehen. Die Erzählung beschreibt den Besuch eines 24 Meilen großen Wesens vom Stern Sirius und seines Begleiters, das sich zu einem pazifistischen Manifest weitet. Am Ende verspricht Micromégas den Menschen, ein Philosophiebuch für sie zu schreiben, das in der Akademie der Wissenschaften geöffnet wird und sich als komplett weißes Buch entpuppt.

Obwohl sich Voltaires Familienverständnis in dieser Zeit durch familiäre Schicksalsschläge und das katastrophale Erdbeben von Lissabon 1755 wandelte, blieb er zunächst ein unsteter Reisender, der sich an Diderots „Encyclopédie“ beteiligte und den heute als sein bestes Werk geltenden philosophischen Kurzroman „Candide“ unter anderem auf Schloss Schwetzingen schrieb.

Der Protagonist – sein Name bedeutet „der Reine“ oder „der Treuherzige“ – prüft als Weltreisender die Lehre seines Meisters Pangloss, dass die Welt gut und alles Geschehen unausweichlich zum besten Ende bestimmt ist. Doch er lernt Machtgier, Grausamkeit, Feigheit und Undank kennen, die Rohheit der Menschen im Urzustand, die Galeerenstrafe, die Profitgier und Mordlust der Goldsucher in Amerika, er muss Krankheit und Schiffbruch erdulden und fällt Piraten in die Hände, kurz, er erleidet auf seinen Irrfahrten durch die Welt so viel Missgeschick, dass sein fester Glaube an die gut eingerichtete Welt ins Wanken gerät.

Eins von Voltaires Gütern. Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Voltaire#/media/Datei:Institut_Musee_Voltaire_Geneve.JPG

1758/59 kaufte Voltaire nahe Genf zwei Landgüter, die er bis zu seinem Tod erfolgreich sowie zum Vorteil seiner Pächter und Landarbeiter bewirtschaftete, für die er im Winter einträgliche Heimarbeit organisierte und ihnen als Wohltäter galt. Endlich sesshaft, erreichte sein Schaffen den Zenit und äußerte sich unter anderem  in seinem „Philosophischen Wörterbuch“ 1764, einer „messerscharfen Anleitung zum Selberdenken in 118 Stichworten“, meint Scheck. Erstaunlich hellsichtig erkennt Voltaire, dass alle Kriege früher oder später mit der Unterwerfung des Volkes enden, „weil die Mächtigen das Geld haben und das Geld in einem Staate alles entscheidet. Ich sage in einem Staate, denn im Verhältnis zwischen den einzelnen Nationen ist es nicht so. Die Nation, die den besten Gebrauch von Eisen macht, wird eine andere, die mehr Gold und weniger Mut hat, stets unterjochen.“

„das abscheulichste Volk der Erde“

Im Februar 1778 reiste Voltaire nach Paris, um der Uraufführung seines neuen Stücks „Irène“ beizuwohnen, wurde triumphal empfangen und konnte sich der Ehrungen und Einladungen kaum erwehren. Wenige Tage später starb er im Alter von 83 Jahren. Nur durch eine List seines Neffen erfuhr er ein kirchliches Begräbnis. 1791 wurden seine Gebeine ins Panthéon überführt, aber im Mai 1814 heimlich daraus entfernt; sie sind verschollen. Erst nach seinem Tod wurde nach und nach seine umfängliche Korrespondenz von 22.000 Briefen publiziert. Zu seinen Briefpartnern zählte auch die russische Zarin Katharina II., die nach seinem Tod seine Bibliothek erwarb, die sich heute in der Russischen Nationalbibliothek in Sankt Petersburg befindet.

Die Tafelrunde Friedrichs II. in Sanssouci mit Friedrich II., Voltaire und Casanova. Ölgemälde von Adolph von Menzel. Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Voltaire#/media/Datei:Adolph-von-Menzel-Tafelrunde2.jpg

In einem Brief erkannte Voltaire: „Die letzten Ursachen werden wir erst erkennen, wenn wir Götter sind“. Seine Wirkung war immens. Er kämpfte für die Gleichheit aller Bürger vor dem Gesetz, nicht aber für die Gleichheit von Status und Besitz: Arme und Reiche würde es immer geben. Als Staatsform favorisierte er die Monarchie, an deren Spitze er sich einen „guten König“ wie Friedrich II. wünschte. Er beteiligte sich am Sklavenhandel, schrieb aber auch dagegen an, war Kirchenkritiker und bezeichnete die Juden als „das abscheulichste Volk der Erde“. Er hinterließ mit weit über 700 Büchern, deren Urheberschaft er je nach Kalkül auch kurzfristig bis dauerhaft verleugnete, eins der umfangreichsten und umfassendsten Werke der Literatur- und Geistesgeschichte unseres Planeten.

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