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Herzlich willkommen!

Als AfD-Landtagsfraktionspressesprecher und Freier Journalist für konservative Medien blogge ich unregelmäßig Betrachtungen zu Interessantem und Wissenswertem aus politischer und Alltagskultur. Ich schreibe regelmäßig für „Zuerst“ und habe unter dem Titel „Negerkuss und Nazistuss“ eine eigene Kolumne beim Tumult-Blog.

Als Bildungsbürger kommentiere/rezensiere ich vielerlei kulturelle Phänomene – vom Roman über den Musikergeburtstag bis zum Regisseurstod.

Als Dozent und Mitglied im Landesfachausschuss Bildung informiere ich Sie auf meiner Webpräsenz auch über meine Aktivitäten rings um die Themenkreise Hochschule, Wissenschaft Medien und Kultur.

Und als Mensch lasse ich Sie gern an meinen freizeitlichen Aktivitäten teilhaben, zu denen nicht zuletzt Kochen gehört 😉

Warum gerade Betrachtungen?

Ich empfinde dieses Genre – eine Meinungsdarstellungsform übrigens – als eins der zeitgemäßen schlechthin.

Eine Betrachtung soll durch Beschreibungen und Schilderungen, Vergleiche und Annäherungen bis hin zur Analyse einem Ereignis, einer Situation, einem Gegenstand oder auch einem (gesellschafts-) politischen Problem Individualität verleihen: Recherche darf in gewissem Maße substitutiert werden durch Subjektivität.

Die Betrachtung ist durchaus mit derselben eines Kunstwerks in einer Ausstellung vergleichbar: man wählt zunächst die Gesamtschau und wechselt dann zu einzelnen Aspekten.

Dabei ist dem Genre eigen, dass die Prioritäten dieser Aspekte oft im Vagen bleiben: aus der Betrachtung erwächst ein Gedanke, der das formale Ziel darstellt.

Der Gegenstand darf dabei Randerscheinung eines größeren Zusammenhangs bleiben: „die Bedeutung des Unbeachteten birgt den Kern ihrer Aussage“ (Degen 2004).

Viel Spass beim Lesen – und natürlich beim Kommentieren!

Der falsche Pilger

Er beherrschte rund ein Dutzend Sprachen und Dialekte, darunter Arabisch, Hindi und Persisch. Als erster Engländer übersetzte er die Geschichtensammlungen „Tausendundeine Nacht“, den „Duftenden Garten“ und wohl auch das „Kama Sutra“. Er überlebte auf der Suche nach den Nilquellen eine Malaria und besuchte den Mormonen-Propheten Brigham Young im neu gegründeten Salt Lake City. Karl May besaß eine Zusammenfassung seiner Reisebeschreibungen; einen Band von 1861 benutzte er für die Gestaltung der Härrär-Episode des 2.600 seitigen Kolportageromans „Waldröschen oder die Rächerjagd rund um die Erde“: Sir Richard Francis Burton. Der Afrikaforscher, Offizier, Konsul, Übersetzer und Globetrotter starb am 20. Oktober 1890.

Unterwegssein prägte bereits seine Kindheit. Geboren am 19. März 1821 in Torquay in der Grafschaft Devon als ältestes von drei Kindern eines Generalleutnants im 36. Regiment der British Army, unternahm die Familie verschiedene Reisen, so 1825 ins französische Tours. Seine frühe Schulbildung erhielt Burton von verschiedenen Hauslehrern, 1829 trat er in die Grundschule in Richmond Green ein. Als bei dem blitzgescheiten Jungen seine Affinität für Sprachen zutage trat, unternahm die Familie weitere Reisen nach Frankreich und Italien, wo er rasch Französisch, Latein und Italienisch inklusive einiger Dialekte wie Neapolitanisch lernte. Von einer jungen Romni, offenbar eine Liebschaft, soll er auch Grundkenntnisse ihrer Sprache gelernt haben, was vielleicht erklären könnte, warum er in späteren Jahren überraschend schnell Hindi und andere indoarische Sprachen lernte.

R.F. Burton. Quelle: https://www.theguardian.com/travel/2020/may/03/richard-francis-burton-explorer-mecca-horn-africa-nile-victorian

Im Herbst 1840 wurde er ins Trinity College in Oxford aufgenommen. Seine Vorliebe für Sprachen motivierte ihn zum Studium der arabischen Sprache; seine freien Stunden verbrachte er mit Falknerei und Fechten. Trotz seiner Begabung wirft das Trinity ihn hinaus. Er hat ein Pferderennen besucht und danach von der Leitung des College gefordert, man möge den Studenten solche Freizeitaktivitäten generell erlauben. Darauf kennt die altehrwürdige Hochschule nur eine Antwort: Relegation. Burton verlässt Oxford – quer durchs Blumenbeet. Der geschasste Student lenkt sein Gespann mitten durch die akkurat gepflegte Botanik.

Sein Ziel ist nun das Militär: 1842 tritt er als Offizier in das 18. Regiment der Bombay Native Infantry der britischen Ostindienkompanie ein. Hier ist das Sprachgenie als Spion im Auftrag Ihrer Majestät tätig, lernt nicht nur, militärischen Drill und Entbehrungen zu ertragen, sondern auch weitere fremde Sprachen. 1849 ließ er sich beurlauben, kehrte nach Europa zurück und lebte dann längere Zeit in Ägypten, wo die Idee entstand, die Quellen des Nils zu suchen. Im Herbst 1852 bietet er der Royal Geographic Society seine Dienste an. Er will, wie er es ausdrückt, „den gewaltigen weißen Fleck, der in unseren Kartenwerken noch immer die östlichen und zentralen Regionen von Arabien ziert, austilgen“. Doch zuvor tut er etwas, das normalerweise seinen sicheren Tod als „Giaur“, als Ungläubiger bedeutet: er mischt sich unter die Wallfahrer nach Mekka.

„mit einem befriedigenden Grunzen“

Angetrieben von einem unstillbaren Erlebnishunger und extremem Wissensdurst bereitet der exzentrische Brite das waghalsige Unternehmen akribisch vor. Neben seinem phänomenalen Sprachtalent besitzt er die Gabe und den Willen, sich auf fremde Kulturen bis zur Selbstaufgabe einzulassen – obwohl er sich im viktorianischen England an starren Ordnungen stößt. Damit unterscheidet er sich fundamental von vielen anderen Entdeckungsreisenden des 19. Jahrhunderts, die den Einheimischen mit kulturellem Hochmut begegnen. Er arbeitet sich intensiv in die orientalischen Sitten ein und studiert selbst die Art und Weise eines Arabers, ein Glas Wasser zu trinken: „Er ergriff den Trinkbecher, als wäre es die Kehle eines Feindes, und beendete den Vorgang mit einem befriedigenden Grunzen“, beschreibt es Burton. Am Ende beschließt er, in die Rolle eines wandernden afghanischen Derwischs namens Abdallah Chan zu schlüpfen. Regelmäßiges Einreiben mit Nussbaumöl verleiht seiner Haut einen dunklen Teint. Um seine Metamorphose perfekt zu machen, lässt sich Burton auch noch beschneiden.

Aktuelles Hörbuch. Quelle: https://www.hugendubel.de/de/hoerbuch_download/richard_francis_burton-pilgerfahrt_nach_medina_und_mekka-6950969-produkt-details.html

Das Unternehmen glückt, am 26. September 1853 schifft er sich auf einem britischen Segler in Dschidda, erlebniserfüllt und bis hierhin unerkannt, wieder nach Sues ein. Sein wagemutiger Alleingang macht Burton in der englischen Heimat mit einem Schlag berühmt. Hat ihn sein Umfeld bis dahin vor allem als Exzentriker wahrgenommen, so wird er jetzt zum bewunderten Helden. Dass er in seinem Haus mit Affen zusammenlebt, von denen er einen als sein „Weib“ bezeichnet, steigert nur noch die Neugier auf den verwegenen Weltenbummler. Ende 1853 veröffentlicht Burton den Reisebericht „Meine Pilgerfahrt nach Medina und Mekka“ mit einer detaillierten Beschreibung der Stadt und des Haddsch. Nun kennt ihn ganz Europa. Die deutsche Übersetzung erschien allerdings erst 1930 bei Ullstein in Berlin.

Vom Welterkunden hat er noch lange nicht genug. Zunächst traf er 1854 in Aden mit John Hanning Speke zusammen, einem Bruder im Geiste und Urheber der Hamitentheorie, die allen kulturellen Fortschritt Afrikas dem Einfluss hellhäutiger, aus dem Norden kommender „Hamiten“ zuschrieb und die „negroide“ Bevölkerung Afrikas für kaum kulturfähig hielt. Gemeinsam reisten sie zunächst nach Somalia und starteten 1857 eine Expedition nach Ostafrika, um endlich die Quellen des Nils zu finden. In der Zeit der Vorbereitung infizierte sich Burton mit Malaria. Von Sansibar aus marschierten sie zuerst nach Tabora und entdeckten am 13. Februar 1858 den Tanganjikasee, den Burton für die Quelle des Nils hielt. Am 9. Juli trennten sie sich. Speke entdeckte zunächst am 3. August den Viktoriasee, den er wiederum als Quellsee des Nils ansah. Als Burton im Frühjahr 1859 wieder in London eintraf, hatte der eher angekommene Speke dort bereits seine Theorien veröffentlicht und war mit einer neuen Expedition beauftragt worden. Beide waren seitdem erbitterte Feinde.

1861 gelang Burton in einer neuen Expedition gemeinsam mit dem deutschen Botaniker Gustav Mann die Erstbesteigung des Kamerunbergs (4095 Meter). Er erforschte das Nigerdelta und Dahomey. Nach seiner Rückkehr im August 1864 kritisierte er erneut Spekes Theorien von der Nilquelle. Am 15. September 1864 sollte es deshalb eine Anhörung vor der British Association for the Advancement of Science in Bath geben. Allerdings starb Speke am Tag zuvor bei einem Jagdunfall. Bis heute ist nicht geklärt, ob er Selbstmord beging. Burton bereiste weiter die Welt, gründete die Anthropological Society of London, beschäftigte sich unter anderem mit Astrokartographie und verfasste eine Reihe von Büchern.

„Dem Starken ist jeder Ort Heimat“

Ebenfalls 1861 hatte Burton Isabel Arundel geheiratet, die aus einem sehr konservativen Haus der oberen Gesellschaft stammte und ihn gegen den Willen ihrer Eltern ehelichte. Mithilfe ihrer guten Kontakte vermittelte sie ihm immer wieder Anstellungen an britischen Konsulaten, so in Fernando Poo (1861–1865) und Santos (1865–1869). Anschließend übernahm sie heimlich, um ihrem Mann das Reisen zu ermöglichen, dessen Aufgaben. Sie redigierte seine Bücher und Texte und sorgte für deren Publikation. Neben ihrer Rolle als aufopfernde viktorianische Ehefrau reiste sie auch autonom und gemeinsam mit ihrem Mann. Unter anderem erkundete sie den brasilianischen Amazonas, Arabien und Indien.

Isabel Arundel. Quelle: https://www.npg.org.uk/collections/search/portrait/mw64041/Isabel-ne-Arundel-Lady-Burton

Von 1869 bis 1871 lebten beide, er wiederum als Konsul, in Damaskus, von wo aus Isabell oft wochenlang und in arabischer Männerkleidung in die Wüste ausritt. Als ihr bedeutendstes Werk wird die Biographie ihres Mannes gelten. Burtons letzte Station als Konsul war seit 1871 Triest, wo der 1886 von Queen Victoria zum Ritter geschlagene letztlich an den Folgen eines Herzinfarkts starb. Isabel überredete einen Priester, Burton die Sterbesakramente zu erteilen, obwohl er nicht der katholischen Kirche angehörte, was ihr später einige Freunde Burtons zum Vorwurf machten. Burton liegt unter einem marmornen, arabisch nachempfundenen Beduinenzelt mit Glasfenster an einer Seite auf dem katholischen Friedhof von Mortlake im südwestlichen Teil von London begraben, seine Frau folgte ihm sechs Jahre später nach.

Farmers Opus. Quelle: https://www.zvab.com/servlet/BookDetailsPL?bi=20691774590&searchurl=an%3Dfarmer%26hl%3Don%26sortby%3D20%26tn%3Ddie%2Bflusswelt%2Bder%2Bzeit&cm_sp=snippet--srp1--image2#&gid=1&pid=1

Seine Person und sein Leben sind vielfach adaptiert worden: In „Indiana Jones“ steckt ebenso ein Stück Burton wie im „Allan Quatermain“ von Henry Rider Haggard. In der fünfbändigen Science-Fiction-Romanreihe „Flusswelt der Zeit“ von Philip José Farmer spielt Burton eine Hauptrolle – er ist der auf der Suche nach den Quellen des größten Flusses aller Zeiten. Bob Rafelsons Film „Land der schwarzen Sonne“ (1990) beschreibt die Expedition Burtons mit Speke auf der Suche nach der Quelle des Nils. Sein größter Fan aber ist der bulgarischstämmige Autor Ilija Trojanow. Der Roman „Der Weltensammler“, immerhin Finalist für den deutschen Buchpreis 2006, zeichnet drei Stationen von Burtons Biographie – Indien, Arabien und Ostafrika – über 16 Jahre hinweg nach. Die Collage „Nomade auf vier Kontinenten“ (2007) fasst Trojanows Recherchen auf den Spuren des Weltensammlers mit Originaltexten von Burton zusammen, dem das Lebensmotto „Omne Solum Forte Patria“ (Dem Starken ist jeder Ort Heimat) nachgesagt wird. Er gilt noch heute als eine der schillerndsten Gestalten Englands des neunzehnten Jahrhunderts.

Seine Biografie ist bis heute in vielen Teilen ein Verwirrspiel: Hin- und hergerissen nicht nur zwischen zwei Frauen, sondern auch zwischen dem katholischen Irland und dem protestantischen England ist seine Lebensgeschichte ein Abbild der englischen Vorherrschaft und Unterdrückung, die immer wieder zu wirtschaftlichen und religiösen Konflikten führte. Zeitweilig war er, der unter Isaac Bickerstaff sowie fünf weiteren Pseudonymen schrieb, so wirkmächtig, dass die englische Regierung eine Belohnung von 300 Pfund für die Ergreifung des unbekannten Verfassers aussetzte. Obwohl jeder wusste, wer der Schreiber war, wurde er nicht verraten – das durchschnittliche Jahreseinkommen eines Landarbeiters betrug damals 20 Pfund. Er konnte dem Erzbischof Boulter, der ihn der Aufwiegelung des Volkes zieh, ohne Übertreibung antworten: „Ich brauchte bloß meinen Finger zu heben, und Sie würden in Stücke gerissen.“

Gern erzählte man auch die Geschichte, dass Premierminister Robert Walpone, als er ihn schließlich verhaften wollte, von einem klugen Freund gefragt wurde, ob er denn 10.000 Soldaten hätte, um den Beamten bei der Befehlsausführung zu begleiten. So wurde vor allem im viktorianischen Zeitalter an seinem bekanntesten Roman so lange herumgekürzt und geglättet, bis man ihn als gemäßigtes und häufig illustriertes Märchenbuch in Kinderhände geben konnte. Die satirische Abrechnung fiel dieser Abmilderung, besser gesagt dieser Verstümmelung zum Opfer; der Originaltext erschien in England erst wieder 1905. Der so entwürdigte Autor hieß Jonathan Swift, gilt als bedeutendster irischer Schriftsteller der Aufklärung und starb am 19. Oktober 1745 in Dublin.

Swift ca. 1710. Quelle: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/4/4b/Jonathan_Swift_by_Charles_Jervas_detail.jpg

Hier war er auch am 30. November 1667 als Halbwaise zur Welt gekommen – sieben Monate nach dem Tod seines gleichnamigen Vaters. Er verbrachte die ersten fünf Jahre mit einem Kindermädchen in England und wuchs nach seiner Rückkehr bei Verwandten auf. Diese kindlichen Erfahren scheinen seinen stolzen und störrischen Charakter geprägt zu haben, der anfangs eigensinnig und unbeugsam, zum Lebensende dann reizbar, unhöflich, ja exzentrisch genannt werden wird. 1682 nahm er auf Wunsch eines Onkels in Dublin ein Theologiestudium auf, bekam wegen Aufsässigkeit jedoch nur gnadenhalber („by special favour“) eine Abschlussurkunde. Es sei eine von Hunger und Demütigungen begleitete Universitätszeit gewesen, „die ihn verbitterte und seine skeptischen Anlagen nährte“, so der Literaturhistoriker Richard Wülker.

Zwischen zwei Frauen

Nach seinem Studium fand Swift eine Anstellung als Sekretär bei seinem Onkel, dem englischen Lord Sir William Temple, einem Diplomaten im Ruhestand, der auf seinem Landsitz Moorpark in Surrey lebte. Hier traf er Esther Johnson, die uneheliche Tochter Sir Williams’, von ihm in seinen Tagebüchern Stella genannt. Mit Unterstützung seines Onkels konnte er seine akademische Ausbildung in Oxford weiterverfolgen und sich mit der englischen Politik vertraut machen. Nach Zerwürfnissen mit seinem Dienstherrn kehrte Swift jedoch nach Irland zurück und fasste hier den Entschluss, sich in der anglikanischen Kirche zum Priester ordinieren zu lassen. 1694 fand er eine Stelle als Dorfpfarrer in Kilroot, die er jedoch nach einem Jahr bereits wieder aufgab, um nach Moorpark zurückzukehren: Sir William Temple hatte ihm ein zweites Angebot gemacht.

Der als äußerst ehrgeizig geltende Swift machte sich – nicht ganz unbegründet – Hoffnungen auf eine Karriere auf der Insel. Er verkehrte dort in höchsten literarischen und politischen Kreisen, war mit Alexander Pope und anderen bekannten Schriftstellern und Geistesgrößen befreundet und engagierte sich politisch zunächst für die liberalen Whigs. Swift vollendete hier sein erstes größeres Werk „A Tale of a Tub“ („Märchen von einer Tonne“) und schrieb „The Battle of the Books“ („Die Schlacht der Bücher“). Der Tod seines Gönners im Jahr 1699 beendete Swifts gute Stellung. Da er nicht mehr auf eine hohe Position in der Kirche in England hoffen konnte, ging er mit dem Theologen und Philosophen Earl of Berkeley als Hauskaplan nach Dublin zurück, wo er 1702 am Trinity College promovierte. Esther Johnson folgte ihm nach und ließ sich im nahegelegenen Trim nieder.

Eine von unzähligen Gulliver-Ausgaben. Quelle: https://pictures.abebooks.com/BOENSCHEN/20741798339.jpg

Über die Beziehung der beiden wird bis heute gemutmaßt. Swift war anfangs ihr Lehrer und Mentor, als sie acht Jahre alt war und er in den Zwanzigern. Später als Erwachsene pflegten die beiden eine innige, wenn auch mehrdeutige Beziehung. Wie mehrdeutig, darüber streiten die Biografen. Manche nehmen sogar an, dass Swift seine Stella 1716 heimlich heiratete, andere stufen diese Annahme jedoch als Unsinn ein. Weniger Zweifel herrschen darüber, dass Swift während seiner Zeit in England ab ca. 1711 noch eine weitere, nicht weniger mehrdeutige Beziehung zu einer Dame namens Esther Vanhomrigh führte, eine andere Esther, die er in seinen Texten „Vanessa“ nannte.

Von den Whigs politisch, aber vor allem persönlich enttäuscht, war er, erneut zurück in  England, zu den Tories gewechselt und gab 1710/11 die Tory-Wochenzeitung Examiner heraus. Die Partei verschafft ihm aber keinen Bischofssitz, sondern 1713 das Dekanat von St. Patrick in Dublin, das er bis zu seinem Tode innehatte. Sein Amt in der „irischen Provinz“ habe er gereizt angetreten, „und es mag ihm nicht unlieb gewesen sein, dass die Behandlung Irlands durch England ihm die Gelegenheit bot, gleichzeitig für das unglückliche Land einzustehen und sich an der Regierung zu rächen“, so Wülker. Schuld daran war Swift zu einem großen Teil aber selbst, denn mit seinen scharfzüngigen Satiren – vor allem gegen die Kirche – verbaute er sich die Beförderung zu einer hohen geistlichen Würde. Über das folgende Jahrzehnt ist wenig bekannt.

Swift schien eine Zeitlang die Zuneigung Esther Vanhomrighs für ihn erwidert, dann aber die Beziehung beendet zu haben. Ein Drama nahm seinen Lauf, nachdem sich Swift endgültig nach Irland zurückgezogen hatte und Vanessa, die sich anscheinend noch immer Hoffnung machte, ihm kurzerhand nachfolgte. Als sie, jahrelang hingehalten, schließlich von seiner anderen Beziehung erfuhr, kam es zur Konfrontation. Vermutlich schrieb Vanessa an Stella einen Brief, den diese ihm verstört zeigte. In seiner aufbrausenden Art galoppierte Swift daraufhin zu Vanessas Haus, warf ihr einen hasserfüllten Blick und den zerknüllten Brief zu und machte sich von dannen. Kurze Zeit später, 1723, starb Vanessa – an gebrochenem Herzen, vermuten viele Biographen.

„außerordentliches demagogisches Talent“

In Vanessas Todesjahr protestierte er in den „Briefen des Tuchhändlers W. B. in Dublin“ unter der Maske und im volkstümlichen Stil eines Krämers gegen die Einführung des neuen Kupfergeldes in Irland, ein „außerordentliches demagogisches Talent“ erkennt Wülker.  In den nächsten Jahren schrieb er das Werk, das ihm später zu Weltruhm verhelfen sollte: „Gulliverʼs Travels“ („Gullivers Reisen“), die 1726 erschienen. Die Idee dazu entstand wahrscheinlich bereits in den Jahren 1715 bis 1720, als sich Swift verbittert aus dem politischen Leben zurückgezogen und wenig veröffentlicht hatte. Sie erschienen zunächst anonym. Der Erfolg war überwältigend und die Erstauflage binnen einer Woche verkauft. Reiseliteratur gab es damals zuhauf, aber Satire in Form eines fiktiven Reiseberichtes war etwas gänzlich Neues. Durch detaillierte Einzelheiten, zum Beispiel bei den geografischen und nautischen Angaben, versuchte Swift, dem Leser exakte Wirklichkeitsbeschreibungen vorzugaukeln, wobei ihm die gesellschaftlichen Zustände im England des 18. Jahrhunderts Modell standen.

Zeitgenössische Illustration zu „a modest proposal“. Quelle: https://thefablesoup.wordpress.com/2016/02/24/a-modest-proposal-why-so-satirical-swift/

Vier Schiffsreisen bringen den Schiffsarzt Lemuel Gulliver mit mindestens vier unterschiedlichen Gesellschaftsformen zusammen. Seine erste Fahrt führt ihn nach Liliput ins Land der Zwerge, und von dort geht es weiter nach Brobdingnag zu den Riesen. Auf seiner dritten Reise lernt er die fliegende Insel Laputa kennen, deren Einwohner nach reinem Wissen streben. Von hier reist Gulliver nach Luggnagg, einer Insel, deren Bewohner ewig leben. Nach einer Meuterei auf seinem Schiff macht Gulliver Station im Land der Hauynhnhnms, einer hochintelligenten Pferderasse, die sich ungebildete, unzivilisierte Menschen, Yahoos, als Diener halten. Laut der englischen und deutschen Unternehmenswebsite war der Name des Internetportals „Yahoo“ zwar auch ein Akronym für „Yet Another Hierarchical Officious Oracle“, wurde aber von den Firmengründern aufgrund der Bedeutung des englischen Adjektivs yahoo „ungezogen, unverfälscht, ungehobelt“ gewählt – ursprünglich abgeleitet von Swifts primitiven menschenähnlichen Wesen.

Der Roman ist, nach Campanellas „Civitas solis“ („Sonnenstaat“, 1623) und Bacons „Nova Atlantis“ („Neu-Atlantis“, 1627), der Höhepunkt einer im Gegensatz zu religiösen Entwürfen stehenden Gattung, die ohne unmittelbare Wirklichkeitsansprüche Bilder einer idealen Gesellschaft zum Thema hat. „Es steht also Zeitloses, es steht Menschliches in diesem Buch, das uns alle angeht, heut wie damals“, befand Hermann Hesse. Der Name des Erzählers und Hauptfigur Lemuel Gulliver ist eine Anspielung auf das englische Wort gullible, welches so viel wie „gutgläubig“, „leichtgläubig“ oder auch „einfältig“ bedeutet, und verweist somit auf den naiv-leichtgläubigen Charakter der Figur des Gulliver. Ein interessantes Detail der Geschichte ist die relativ genaue Vorhersage von zwei Marsmonden, die erst 150 Jahre später entdeckt wurden. Der Roman wurde vielfach verfilmt, fristete aber aufgrund seiner gewollten Infantilisierung jahrelang ein Nischendasein als Kinderbuch. Erst 1909 erfolgte eine deutsche Übersetzung des vollständigen Textes; es war überhaupt die erste vollständige Übersetzung nach knapp 200 Jahren.

„Macht an sich ist kein Segen“

1728 stirbt seine geliebte Stella und wird in „seiner“ Dubliner Kathedrale begraben. Nun verschärft sich nicht nur sein literarischer Ton, auch sein Leben verdüstert sich zunehmend. Das Ergebnis waren grobe, sarkastisch-zynische Schmähschriften, darunter seine schärfste Satire „A Modest Proposal“ („Ein bescheidener Vorschlag“ 1729). Darin schlägt er als Mittel gegen Überbevölkerung, Armut und Hunger gar vor, irische Kinder als Nahrungsmittel zu nutzen und aus ihrem Export Kapital zu schlagen – ein Zitat, das fast jeder Tourist in Dublin auf den Bustouren zu hören bekommt. Swift überzeichnet dabei diverse damals diskutierte frühkapitalistische Vorschläge, etwa die Armen nach dem Vorbild einer Aktiengesellschaft zu organisieren, oder die Praxis, Menschen als Ressource zu betrachten. Im Erscheinungsjahr wird er Ehrenbürger von Dublin. Obwohl nicht eindeutig nachgewiesen, wird ihm auch eine groteske Abhandlung über Fäkalien zugeschrieben: „Human ordure botanically considered („Menschlicher Stuhlgang aus botanischer Sicht“, 1733).

St. Patrick’s Cathedral in Dublin: Grab von Jonathan Swift. Quelle: http://www.maelmill-insi.de/Irland/d00002c.htm

1735 wurden noch seine „Gesammelten Werke“ in vier Bänden veröffentlicht – insgesamt 37 Bücher werden es am Ende sein. Dann zog sich der Autor immer mehr zurück und beschäftigte sich nur noch mit älteren Projekten. Sein Gesundheitszustand verschlechterte sich zunehmend, er litt unter Taubheit und Schwindel und soll die letzten Jahre seines Lebens kaum noch gesprochen haben. Drei Jahre vor seinem Tod fiel er schließlich in geistige Umnachtung, sodass man ihn entmündigte. Testamentarisch hatte er bestimmt, dass sein nicht unbeträchtliches Vermögen für den Bau eines „Irrenhauses“ verwendet wird. Das „St. Patrick’s Hospital“ (auch „Swifts Hospital“ genannt) war nicht nur das erste „Irrenhaus“ in Irland, sondern für lange Zeit auch das einzige. Swift, der seine beiden Damen um viele Jahre überlebte, wurde ebenfalls in St. Patrick’s Cathedral beigesetzt – im selben Sarg wie Stella.

Von Swift stammen mehrere noch heute gern zitierte Bonmots. „Macht an sich ist kein Segen, außer sie wird benutzt, um Unschuldige zu schützen“, ist eines, „In dieser Welt hat nur die Unbeständigkeit Bestand“, ein anderes, und auf ihn selbst traf „Der unzufriedene Mensch findet keinen bequemen Stuhl“ sicher am meisten zu. Sein angeborener Sinn für Menschlichkeit und Gerechtigkeit machte Swift mit seinen spezifischen literarischen Mitteln zum Anwalt des irischen Volkes gegen die britische Obrigkeit und deren Politik. Die Werner-Dessauer-Stiftung vergibt seit 2015 jährlich den Internationalen Jonathan Swift–Literaturpreis für Satire und Humor – datiert mit 20.000 Schweizer Franken.

Dass er 1985 in die National Inventors Hall of Fame und 1998 in die TIME-Liste der 100 einflussreichsten Personen des 20. Jahrhunderts aufgenommen wurde, war in seiner Kindheit nicht absehbar – er hatte Schwierigkeiten beim Erlernen der Bruchrechnung. Seine Mutter erklärte ihm daraufhin das mathematische Konzept, indem sie Äpfel in unterschiedlich große Stücke teilte. Er sagte später, dass dies die wichtigste Lektion seines Lebens war, denn er erkannte den Wert intelligenter Problemlösung. Am 17. Juli 1902 entwickelte er als 26jähriger die erste moderne Klimaanlage und schuf dadurch einen Industriezweig, der fundamental verändern sollte, wie wir leben und arbeiten: Willis Haviland Carrier. Am 7. Oktober 1950 starb er in New York.

Die Idee dazu soll ihm auf einem nebligen Bahnsteig in Pittsburgh gekommen sein: Carrier erkannte, dass sich die Luftfeuchtigkeit regulieren lässt, indem Luft durch Wasser geführt und dadurch Nebel erzeugt wird. Anlass seiner Überlegungen war die Anfrage der Lithoanstalt Sackett & Wilhelms, bekannt für hochwertige Colordrucke, an den Heizlüfterproduzenten Buffalo Forge Company, ob es jemanden gebe, dem etwas gegen hohe Luftfeuchtigkeit einfiele. Denn: bei Hitze schwankte die Luftfeuchtigkeit so sehr, dass sich das Papier verzog, die Konturen verwischten und Fehldrucke en masse das Geschäft zu ruinieren drohten. Carrier, damals blutjunger Ingenieur, bekam einen kleinen Raum zum Tüfteln, baute kurzerhand eine normale Heizung um und pustete per Ventilator Luft in die Rohre, die er mit Wasser kühlte.

Carrier 1915. Quelle: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/a/a7/Willis_Carrier_1915.jpg

Der Grundgedanke dahinter ist ganz einfach: Je wärmer die Luft, desto mehr Feuchtigkeit kann sie tragen. Je kälter der Raum, desto weniger Feuchtigkeit ist in ihm enthalten. Ergo: Je kühler die Druckerei, desto glatter bleibt das Papier. So entzog sein Apparat, wie gewünscht, der Luft Feuchtigkeit und kühlte sie nebenbei auch noch. Es ist eine Ironie der Technikgeschichte, dass ein simpler Trick, der zur Kühlung eines Raumes dient, erst dann angewendet wurde, als diese Kühlung einem ganz anderen Zweck dienen sollte, nämlich die Luftfeuchtigkeit zu verringern.

Der „Father of Cool“ oder „Vater der modernen Klimaanlage“ verhalf zahlreichen Branchen zum Aufstieg: Lebensmittelfertigung wurde vielfach durch Klimatechnik erst möglich. Klimaanlagen bereiteten auch den Weg für die ersten Sommer-Kinofilme, denn die Menschen strömten in die kühlen Kinosäle, um der Hitze zu entkommen. Dank der präzisen Steuerung von Temperatur und Luftfeuchtigkeit gibt es heute Einkaufszentren, Serverräume – und Transatlantikflüge: „Erst dieser Kasten ermöglichte die Globalisierung“, befand Uli Kulke in der Welt. „Die Klimaanlage sollte die Welt verändern, weltvergessene Tropennester in boomende Industrie- und Handelszonen verwandeln, deren Wohlstand wie ein Magnet die Menschen vom Land anlockte, wo ihre Arbeit nicht mehr benötigt wurde. Sie löste Völkerwanderungen aus.“

„Die Leute werden es mögen“

Geboren wurde Carrier am 26. November 1876 in New York. Von seiner Kindheit ist wenig bekannt außer, dass er die Vorliebe seiner Mutter für Basteleien erbte. 1895 erhielt er ein Stipendium an der Cornell University und schloss sein Studium 1901 mit einem Bachelor in Maschinenbau ab. Bei Buffalo Forge, seiner ersten Anstellung, wurde er nach seinem Erfolg bei Sackett & Wilhelms Direktor der Entwicklungsabteilung. Da seine Erfindung zunächst nicht auf die Temperatur, sondern die Luftfeuchtigkeit zielte, ging sie nicht als Kühlmaschine in die Überlieferung ein: Das englische „air conditioner“ (A/C) könnte man eher als „Luftverbesserer“ übersetzen. Das Patent auf seinen Geistesblitz meldete der Erfinder als „Apparat zur Behandlung von Luft“ an. Am 2. Januar 1906 wurde es unter „No. 808897“ erteilt, kurz darauf die Carrier Air Conditioning Company zunächst als Tochterfirma von Buffalo Forge gegründet.

Patentauszug. Quelle: https://ip.com/blog/popular-inventions-air-conditioner/

In den Jahren danach forschte Carrier auch über Psychrometrie und stellte 1911 ein vervollkommnetes Verfahren zur Feuchtebestimmung durch vergleichende Temperaturmessung vor. Er entwickelte das Carrier-Diagramm, mit dem sich Zustandsänderungen feuchter Luft durch Erwärmung, Befeuchtung, Entfeuchtung, Kühlung und Mischung verschiedener Luftmengen bei einem bestimmten Luftdruck beschreiben lassen. Infolge des Ersten Weltkriegs trennte sich Buffalo Forge vom Geschäft mit Klimaanlagen. Carrier gründete 1915 mit sechs Kollegen und einem Startkapital von 35.000 Dollar die Carrier Engineering Corporation. Das Unternehmen ist bis heute Weltmarktführer auf dem A/C-Markt.

Es dauerte eine gewisse Zeit, bis sich die Vorteile der Klimaanlagen herumsprachen. Filmfabriken, Tabakhersteller, Fleischverarbeiter – Gewerbebetriebe mit empfindlicher Ware waren die Ersten, die sie nutzten. 1919 folgte das erste Kaufhaus. 1924 gelang es Carrier, den Besitzer des New Yorker Kinos „Rivoli Theatre“ zum Einbau einer Klimaanlage zu überreden. Zur ersten Vorstellung mit Tiefkühlung – welcher Film an diesem denkwürdigen Tag zur Aufführung gebracht wurde, ist nicht überliefert – kam Adolph Zukor höchstselbst, der mächtige Präsident der Paramount Pictures. Vom Schweiße befreit, war er vom Kunstklima ebenso begeistert wie alle anderen Premieren-Gäste: „Die Leute“, prophezeite er, „werden es mögen.“ Der Umsatz des „Rivoli“ stieg sprunghaft, schon nach drei Monaten hatte sich die Installation der Anlage amortisiert.

Werbebild aus den 30er Jahren. Quelle: https://www.welt.de/geschichte/article144880417/Erst-dieser-Kasten-ermoeglichte-die-Globalisierung.html

Innerhalb der nächsten fünf Jahre verwandelte Carrier 300 Kinos im ganzen Land in Kühlhäuser, dann nahm er sich Büros, Hotels und Geschäfte vor, schließlich konstruierte er einen Kühlkörper für Wohnräume. Der Erste, der die Tragweite dieser Konstruktion erkannte, war der texanische Schriftsteller Frank Dobie, kurz nachdem 1928 die erste Klimaanlage in einem Privathaus eingebaut wurde: „Texas wird zugrunde gehen“, schrieb er, „jetzt können die Yankees auch hier leben.“ Und die Nordstaatler kamen, massenhaft. Carrier verlegte 1930 sein Unternehmen nach Syracus (New York) und gründete zeitgleich in den weltweit größten Märkten für Klimaanlagen die „Toyo Carrier“ in Japan und in Südkoreas Hauptstadt Seoul die „Samsung Applications“. 1935 erhielt er die Ehrendoktorwürde der Lehigh University, 1942 der Alfred University.

Störungen des Wohlbefindens

1939 bot Packard als erster Fahrzeughersteller eine Klimaanlage an. In den 40er Jahren gehört seine Erfindung bereits zum American Way of Life und revolutionierte zudem die Architektur US-amerikanischer Metropolen – und später das Wachstum der asiatischen Megacities: Da in den obersten Stockwerken das Öffnen der Fenster zum Lüften extrem schwierig ist, wären Wolkenkratzer wie das Empire State Building ohne Carriers Erfindung gar nicht möglich gewesen. Dass Carrier dieser Beitrag zur Kultur zum Millionär machte, versteht sich in Amerika von selbst. Inzwischen geben die Amerikaner jährlich über 20 Milliarden Dollar für seine Erfindung aus: Zwei Drittel aller neugebauten Häuser sind klimatisiert, in 83 Prozent aller Autos ist sie verbaut.

Carrier-Gedenktafel. Quelle: https://www.hmdb.org/PhotoFullSize.asp?PhotoID=357714

Nach Carriers relativ unbemerktem Tod traten zwei Schattenseiten seiner Innovation zutage. Zum ersten wandelten sich nach der Ersetzung von Ammoniak als Kältemittel in den Anfangsjahren Sicherheitskältemittel wie Fluorchlorkohlenwasserstoff (FCKW) im Lichte wissenschaftlicher Erkenntnis vom Allheilmittel zum Ozonschichtfresser: Die Klimaanlage sorgt für Kühlung und treibt damit die Temperaturen in die Höhe. Zum anderen hat sich die Alte Welt mit der Klimamaschine nie so recht befreunden können. Häufig klagen hierzulande Arbeitnehmer über Störungen des Wohlbefindens.

Untersuchungen wie die des Wissenschaftlers Dr. Peter Kröling vom Institut für Medizinische Balneologie und Klimatologie der Universität München haben laut Spiegel nachgewiesen, dass in vollklimatisierten Räumen Arbeitende wesentlich häufiger über „übermäßige Müdigkeit“, „rasche Erschöpfbarkeit“ und „Kreislaufstörungen“ leiden. Das Kunstklima erhöht, so ein weiteres Ergebnis der Studie, überdies die Neigung zu Erkältungskrankheiten, verstopfter Nase, entzündeten Augen sowie Gelenk- und Gliederschmerzen – jeder dritte Befragte nahm deswegen regelmäßig Medikamente, auch der Tee- und Kaffeekonsum war im klimatisierten Bereich erheblich höher.

Auto-Klimaanlage. Quelle: https://www.tipps-vom-experten.de/interessantes-wissen-klimaanlage-auto/

Der verstorbene Lee Kuan Yew, Premierminister Singapurs, antworte auf die Frage des Wall Street Journals, welche Erfindung die wichtigste des letzten Jahrtausends gewesen sei, „Die Klimaanlage“. Der Aufklärer Montesquieu würde sich bestätigt sehen. Hatte er doch 1748 die ungleiche Entwicklung der Welt darauf zurückgeführt, dass Hitze die Produktivität senke und unternehmerische Kühnheit unterdrücke, während in kühlen Ländern der Mut regiere und zum Erfolg führe. Dank Carrier ist die gewinnbringende Kühle heute überall machbar, wo sie benötigt wird.

Das haben die Sachsen Hannes Hegen nie verziehen: Als er für seinen DDR-Kultcomic Mosaik Anfang der 60er Jahre seine „Erfinderserie“ konzipiert, lässt er zwar Persönlichkeiten wie Otto von Guericke, James Watt und Werner von Siemens auftreten – nicht aber den Erbauer des ersten Elbe-Dampfschiffs, obwohl ein Gutteil der Handlung in Heft 79 an Bord spielt: Johann Andreas Schubert. Der Ingenieurwissenschaftler, Unternehmer und Maschinenbau-Professor konstruierte auch die erste funktionstüchtige, in Deutschland gebaute Dampflokomotive „Saxonia“ und erwarb sich große Verdienste beim Bau der Göltzschtalbrücke, der bis heute größten Ziegelsteinbrücke der Welt. Am 6. Oktober vor 150 Jahren starb er.

Dass er es überhaupt so weit bringen konnte, verdankt er einem glücklichen Zufall: als er mit neun Jahren seinen Bruder Christoph, einen Händler, im herbstlichen Vogtland begleitete und der ihn nach einer Halbtagestour allein wieder heim schickte, verirrte er sich und kam nach mehrtägiger Wanderung bis in die Gegend von Leipzig. Ihn überholte eine Reisekutsche, an der er sich hinten anhängte, um ein Stück mitzufahren. In diesem Wagen reiste der Polizeidirektor von Leipzig, Oberhofrichter Ludwig Ehrenfried von Rackel mit seiner Frau. Nachdem ihnen der Junge von seinem Missgeschick erzählt hatte, brachte ihn Rackel zurück und erwirkte nach längerer Unterredung von den Eltern die Genehmigung, Johann Andreas als Pflegesohn in Leipzig aufzunehmen und zu erziehen.

J.A. Schubert. Quelle: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/3/3e/Johann_Andreas_Schubert.jpg

Geboren wurde er am 19. März 1808 in Wernesgrün als achtes von neun Kindern eines verarmten Bauern, der als Fuhrmann und Tagelöhner arbeitete. Seine Eltern nannten ihn stets nur Andreas, in Erinnerung an seinen als Dreijähriger verstorbenen Bruder. Vom siebten Lebensjahr an hütete er bei der verwandten Bauernschaft Kühe und Schafe, um den elterlichen Haushalt mit zu entlasten. Auch die Beschaffung von Heizmaterial war seine Aufgabe. In der Wernesgrüner Dorfschule lernte er Lesen, Schreiben und Rechnen. „Freuden der Kinderjahre waren mir kaum beschieden und besonders vom achten Lebensjahr an litt ich bitterste Entbehrung“, schreibt er später, so dass ihn seine Eltern, wenn auch schweren Herzens, mit Rackel ziehen ließen.

Vom Ingenieur zum Professor

Ab Ostern 1818 lernt er auf der Leipziger Thomasschule. Als Rackel 1820 überraschend stirbt, zieht seine Witwe mit Andreas zu ihrem Bruder, Generalleutnant Carl Ludwig Sahrer von Sahr, dem Kommandanten der Festung Königstein. Hier besuchte der Junge die Garnisonsschule und nahm privaten Unterricht beim Pfarrer von Königstein. 1821 bis 1824 war er Internatszögling des Freimaurerinstituts zu Dresden-Friedrichstadt: Zeitlebens blieb er der Loge „Zu den drei Schwertern” verbunden. Sein Zeichenlehrer Faber empfahl ihm ein Bildhauerstudium. Weil an der Königlichen Akademie gerade kein Platz frei war, bewarb sich Schubert an der Bauschule unter dem gleichen Dach – heute würde man Architekturstudium dazu sagen.

Während des Studiums trat seine außergewöhnliche mathematische und technische Begabung zu Tage. In der Werkstatt des Dresdner Hofmechanikers Rudolf Sigismund Blochmann lernte er als Volontär die handwerkliche Seite des Maschinenbaus kennen und wurde zugleich in Konstruktionslehre unterwiesen. Der den Künsten zugeneigte Schubert wandte sich nunmehr dem Ingenieurwesen zu, das sich, noch zwischen Kunst und Wissenschaft angesiedelt, im Zuge der Industrialisierung rasch zu einem weit gefächerten Ausbildungsbereich entfaltete. 1828 trat er folgerichtig als Lehrkraft für Buchhaltung und zweiter Lehrer für Mathematik in die gerade gegründete Technische Bildungsanstalt Dresden ein und wurde bereits 1832 Professor. Im selben Jahr heiratete er Florentine Dennhardt, Tochter eines Steuereinnehmers in Mittweida, die ihm einen Sohn und eine Tochter gebar.

Die „Saxonia“ auf einer DDR-Briefmarke. Quelle: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/7/7d/Stamps_of_Germany_%28DDR%29_1985%2C_MiNr_2969.jpg

Schubert verkörperte in der Frühzeit polytechnischer Schulen einen Lehrertypus mit breiter disziplinärer Orientierung und vielgestaltigem Berufsbild, der es verstand, Lehre, wissenschaftliche Tätigkeit und praktische Berufsausübung miteinander zu verknüpfen. Dies entsprach ganz den Erfordernissen seiner Zeit, in der man versuchte, Gewerbeförderung und industrielle Entwicklung über eine solide Ausbildung von praktischen Mechanikern voranzubringen. Seine Lehrfächer waren nun auch der Maschinen- und der Eisenbahnbau. Sein Wissen auf diesem Gebiet erweiterte insbesondere eine Englandreise 1834.

Er „verfügte nicht nur über die Fähigkeit, in freier Rede seine Schüler zu fesseln, sondern vermittelte durch den Einsatz spezieller Lehrmittel jene Anschaulichkeit, die schwierige ingenieurtechnische Gegenstände als Einheit von empirischen und theoretischen Komponenten verständlich machten“, befinden seine Biographen Thomas Hänseroth und Klaus Mauersberger. Seiner außerordentlichen Lehrerfolge wegen gelang es ihm, nicht nur Einfluss auf die praktische und wissenschaftliche Gestaltung der Ausbildung zu nehmen, sondern auch auf das neue Organisationsstatut von 1835: Seine Hauptlehrgebiete, die technische Mechanik, Baulehre und Maschinenkunde, avancierten zu den zentralen Fächern der Anstalt.

Schiffs- und Lokomotivbauer

1836 gründete er die Maschinenbau-Anstalt Übigau mit, heute ein Stadtteil von Dresden, und wurde deren technischer Direktor sowie Vorsitzender des Direktoriums. Im gleichen Jahr war er Mitbegründer der Sächsischen Elbe-Dampfschifffahrts-Gesellschaft. 1837 wurde in Übigau die „Königin Maria“ fertig gestellt, zu dieser Zeit das erste Dampfschiff auf der Oberelbe; ein Jahr später folgte der Dampfer „Prinz Albert“. Beide Dampfschiffe waren Konstruktionen Schuberts. Zu Unrecht wurden ihm die Schwierigkeiten beim Probebetrieb der Schiffe angelastet: Ursprünglich hatte Schubert seine Antriebsmaschinen aus England beziehen wollen. Doch das scheiterte an der Bürokratie. So musste er auf deutschen Ersatz zurückgreifen, auf wahre „Monster“ aus Preußen, die die sächsische „Maria“ im Flachwasser behinderten.

Die Göltzschtalbrücke. Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/G%C3%B6ltzschtalbr%C3%BCcke#/media/Datei:G%C3%B6ltzschtalbr%C3%BCcke_2012.jpg

Parallel dazu konstruierte und baute er die „Saxonia“: „Ich habe für das erste in Deutschland gebaute Locomotiv alle nöthigen Theile selbst anfertigen lassen, was mir bis jetzt noch niemand in Deutschland nachzuthun gewagt hat… Kein einziger Arbeiter war mir zur Hand, der jemals an einem derartigen Stücke gearbeitet hatte“, schreibt er später. Bei der Eröffnung der ersten deutschen Fern-Eisenbahnstrecke zwischen Leipzig und Dresden am 8. April 1839 fuhr Schubert mit ihr hinter dem offiziellen Zug her, der von zwei englischen Loks angetrieben wurde – mit Gehrock, Zylinder und verrußtem Gesicht, heißt es.

Auch auf der Rückfahrt sollte die „Saxonia“ hinter dem Hof-Zug fahren, doch das ging der englischen Crew entschieden zu weit. Als Schubert, vom Frühstück kommend, Kohle aufnehmen wollte, war der Schuppen leer. Zu allem Übel waren in Priestewitz die Weichen verstellt, und so raste die feurige Sächsin auf eine unter Dampf stehende führerlose englische Lok. Die Reparaturen sorgten für neuerlichen Aufenthalt, zum ersten Mal übernachtete ein Professor aus Dresden in Priestewitz! Später wurde die „Saxonia“ für den Fuhrpark der Eisenbahn-Compagnie angekauft und fristete dort, vom anglophilen Personal mit Verachtung bedacht, das Dasein einer Reserve-Lokomotive, obwohl sie es unbestritten mit jeder Engländerin an Eleganz, Geschwindigkeit und Wasserverbrauch hätte aufnehmen können.

Wirtschaftlicher Erfolg stellte sich für Schubert nicht ein, so dass er 1839 seinen Vertrag beim Actien-Maschinenbau-Verein kündigte und wieder als Hochschullehrer arbeitete. Doch schon zwei Jahre später wurde er noch einmal in Sachen Eisenbahn aktiv, diesmal jedoch nicht als Maschinenbauer, sondern als Mathematiker und Architekt. Grund war der Beschluss, eine Eisenbahnverbindung zwischen Sachsen und Bayern zu bauen. Doch die Trassenführung von Leipzig über Altenburg, Crimmitschau, Werdau, Reichenbach und Plauen nach Hof war schwierig, da die Steigung mit Rücksicht auf die Lokomotiven ein Prozent nicht überschreiten durfte. Also mussten das Göltzschtal und das Elstertal überbrückt werden. Allein beim Göltzschtal waren das 600 Meter.

Brückenbauer im Vogtland

Eine solche Brücke war noch nie gebaut worden. Ein Wettbewerb wurde ausgeschrieben, dessen Jury Schubert leitete und der auch Gottfried Semper angehörte. 81 Entwürfe gingen ein, einen brauchbaren gab es nicht. Aus vier Arbeiten, die in die engere Auswahl kamen, schuf Schubert einen Kommissionsentwurf: eine durch Bögen aufgelockerte vierstöckige Massivbrücke aus Ziegelstein. Ab 1846 wurden 26 Millionen Ziegelsteine für die Göltzschtalbrücke verbaut, zwölf Millionen für die kleinere Elstertalbrücke. Im selben Jahr war er Mitgründer des „Sächsischen Ingenieur-Vereins“.

Schubert-Bau an der TU Dresden. Quelle: https://www.competitionline.com/de/ergebnisse/307658

Ein Jahr später endete Schuberts aktive Mitarbeit am Brückenprojekt. Bei der Einweihung der Brücken 1851 hatte er wegen seiner früheren Nähe zu den Initiatoren des Dresdner Aufstands von 1849 und seiner liberalen Haltung keinen so guten Stand. August Röckel, der Operndirektor und Kopf der Erhebung, hatte in Schuberts Haus in der Friedrichstraße, wo heute eine Bronzetafel auf beide verweist, gewohnt. Gottfried Semper und der Hofkapellmeister Wagner kamen bei ihm zu konspirativen Treffen zusammen; selbst der Anarchist Bakunin hatte im Gartenhaus ein Versteck. Im Jahr des Aufstands wurde er Dampfkesselinspektor für den Bezirk Dresden-Bautzen sowie in weitere Gremien berufen, darunter die „Technische Deputation“ des sächsischen Innenministeriums.

Nach dem Tod Florentines 1851 heiratete er erneut, seine zweite Frau Sophie sollte ihm noch vier Töchter schenken. Er wird mehrfach bei der Auswahl der Direktoren der Bildungsanstalt übergangen und konzentriert sich ganz auf die Lehre. Mit seinen neuen Erfahrungen vollzieht er einen Lehrgebietswechsel hin zum Bauingenieurwesen, namentlich zum Straßen-, Eisenbahn- und Brückenbau, und wurde Vorstand der Bauingenieurabteilung der Schule. Zwei seiner vier Lehrbücher waren damals Standardwerke: die „Elemente der Maschinenlehre“ und vor allem die zweibändige „Theorie der Konstruktion steinerner Bogenbrücken“.

Nachbau der Saxonia aus dem Jahr 1989. Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/LDE_%E2%80%93_Saxonia#/media/Datei:Saxonia_1989_Meiningen_01092007.JPG

1859 hatte Schubert das Ritterkreuz des Sächsischen Verdienstordens erhalten. Zehn Jahre später schied er aus dem Hochschuldienst aus und wurde zum Regierungsrat ernannt. Sein Pensionsalter zu genießen blieb ihm gerade ein Jahr. Schuberts Grab befindet sich auf dem Inneren Matthäusfriedhof in Dresden, 1985 und 2008 wurde er mit Sonderbriefmarken gewürdigt. In Dresden trägt neben einer Straße und einem Gymnasium auch ein Gebäude der TU Dresden, das Teile der Fachrichtungen Physik, Biologie und Psychologie beherbergt, seinen Namen. „Bestechend bleibt Schuberts Vielseitigkeit: er war in Personalunion Lehrer, Ingenieur, Erfinder, Unternehmer, Freimaurer, Gutachter und manches mehr. Als letzter Universalist unter den Polytechnikern des 19. Jahrhunderts hat er vor allem ein weit gespanntes, fast den gesamten Fächerkanon seiner Bildungsanstalt überspannendes Werk hinterlassen“, wird er bis heute von der TU gewürdigt.

Als er 1937 seine erste Sozialversicherungskarte ausfüllte, gab er als zweiten Vornamen, in Anspielung auf seine Stimme, „Nebelhorn“ an – und hat das nie korrigieren lassen: Wolfgang Völz, seiner deutschen Synchronstimme, war es nur recht. Seine Paraderolle als schlurfender Kauz mit Knautschgesicht und Dackelblick hatte er sicher 1993 als „Mr. Wilson“ in „Dennis“, der ihm als Nachbarsjunge arge Streiche spielte. Und er ist Schöpfer mancher vielzitierten Bonmots, darunter „Der zweite Frühling kommt mit den dritten Zähnen“: Walter Matthau. Am 1. Oktober vor 100 Jahren wurde er als jüngerer von zwei Söhnen eines exiljüdischen Paares in New York geboren.

Sein Vater Milton Matthow, ein ukrainischer Ex-Priester, verließ die Familie, als Walter drei Jahre alt war. Seine Mutter Rose war eine litauische Näherin mit bescheidenem Einkommen, seine Kindheit galt als hart. In der Grundschule las er bei Versammlungen Gedichte vor und gehörte bereits als Elfjähriger zur Komparserie der jüdischen Theater an der 2nd Avenue in New York und spielte im Alter von 14 Jahren die Rolle des Polonius in einer Hamlet-Produktion. Er entschied sich, die Schreibweise seines Namens zu ändern, weil er Matthau eleganter fand. In dieser Zeit entwickelte sich auch seine später zur Sucht ausartende Leidenschaft für Sport und Wettspiele. Seine Spielverluste wird er mit 5 Mio. Dollar angeben; einmal setzte er sein gesamtes Jahresgehalt auf den Ausgang eines Baseball-Schauturniers.

W. Matthau. Quelle: https://static.kino.de/wp-content/gallery/w/a/walter-matthau/matthau-walter-walter-matthau-1-rcm950x0.jpg

Nach der High School versuchte er sich in unterschiedlichen Jobs – unter anderem als Eisverkäufer, Bodenreiniger, Box- und Baseballtrainer –, und verpflichtete sich schließlich während des Zweiten Weltkriegs bei der US-Luftwaffe, wo er mehrmals verwundet wurde. Nach dem Krieg profitierte Matthau von den großzügigen Ausbildungsstipendien, die die Regierung an ehemalige Soldaten vergab, studierte zunächst Journalismus und wechselte dann zu Erwin Piscators Dramatic Workshop. Zahlreiche bekannte US-Schauspieler wurden dort ausgebildet, seine Kommilitonen waren u.a. Rod Steiger, Tony Curtis oder Harry Belafonte. 1948 heiratete er Grace Geraldine Johnson und bekam mit ihr zwei Kinder. Im selben Jahr hatte er einen ersten Auftritt am Broadway, ab 1950 übernahm er Rollen im Fernsehen, bei dem damals kurze Stücke live aufgeführt wurden, was den Schauspielern ein hohes Maß an Können und Disziplin abforderte. 1954 wurde er mit dem „New York Drama Critics Award“ ausgezeichnet.

Mit Jack Lemmon zum Star

Sein Leinwanddebüt gab Matthau 1955 als „Bösewicht“ Stan Bodine in dem von und mit Burt Lancaster inszenierten Western „Der Mann aus Kentucky“. Später spielte er auch etwas differenziertere Figuren wie den Mel Miller in Elia Kazans Gesellschaftssatire „Das Gesicht in der Menge“ (1957). Wegen seiner unverwechselbaren Erscheinung und seiner speziellen Schauspielbegabung erwarb er sich den Ruf eines „scene stealers“, der den Hauptdarstellern auch in kleinen Szenen die Schau stehlen konnte. Nach seiner Scheidung von Grace Geraldine heiratete er 1959 erneut, diesmal die Schauspielerin Carol Grace, die ihm noch Sohn Charles schenkt, der ebenfalls Schauspieler wurde, sich aber auch als Regisseur und Produzent einen Namen machte. Mattau arbeitete in der Zeit für Alfred Hitchcock, aber auch an der Seite bekannter Kollegen wie Kirk Douglas („Einsam sind die Tapferen“, 1962) oder Cary Grant („Charade“, 1963) – Rollen, die ihn allmählich bekannt machten.

Den richtigen Kick erhielt seine Karriere aber erst, als der bekannte Bühnenautor Neil Simon ihm die Rolle eines mürrischen, jedoch liebenswerten Chaoten extra auf den Leib schrieb: Oscar Madison, den Mattau in der Komödie „Ein seltsames Paar“ bereits 1965 an der Seite von Jack Lemmon am Broadway spielt, bevor 1967 der gleichnamige Film entstand, der ihn zum Star machte und seine lebenslange Freundschaft mit Lemmon begründete. Die schnurrige Männer-WG war so erfolgreich, dass sie in den Sechziger- und Siebziger Jahren ihre Fortsetzung in einer gleichnamigen Fernsehserie fand.  „Jeder Schauspieler“, sagte Matthau in einem Interview mit Time 1971, „sucht nach der Rolle, die seine Talente mit seiner Persönlichkeit verbindet. Oscar Madison war für mich diese Rolle, mein Plutonium. Alles, was danach geschah, begann für mich mit dieser Rolle.“ Für seine Rolle in Billy Wilders Komödie „Der Glückspilz“ erhielt er 1966 den Oscar als bester Nebendarsteller.

„Traumpaar“ Matthau und Lemon. Quelle: https://ca-times.brightspotcdn.com/dims4/default/5017810/2147483647/strip/true/crop/1955×1100+0+0/resize/840×473!/quality/90/?url=https%3A%2F%2Fcalifornia-times-brightspot.s3.amazonaws.com%2F0e%2Fed%2F4ff93b77b7599f7fb5cdfa97161b%2Fla-1467402560-snap-photo

Fast hätte der exzessive Raucher seinen Durchbruch nicht mehr erlebt: In seinem Oscarjahr erlitt er einen schweren Herzinfarkt und wurde im Krankenhaus für einige Minuten bereits für tot erklärt. Matthau gab daraufhin das Rauchen auf und ging jeden Tag bis zu fünf Meilen zu Fuß, doch blieb er zeitlebens gesundheitlich angeschlagen. In den Folgejahren wurde das Duo Matthau/Lemon zu einem festen Gespann wie vor ihnen nur Laurel und Hardy und in der Dramaturgie als schmuddeliger Brummbär und akkurates Sensibelchen zum Kassengarant. In „Buddy Buddy“ und „The Front Page“ spielte sich Matthau zusammen mit Lemmon in die Spitze Hollywoods.

Neben Wilder setzten auch andere Regisseure auf das bewährte Komiker-Duo. So traten sie in den Filmen „Grumpy Old Men“ und „Grumpier Old Men“ auf – Neuauflagen des bewährten „Männer-WG“-Themas. Bis 1998 entstanden insgesamt zehn gemeinsame Filme, darunter „Extrablatt“, eine slapstick-geladene, bitterböse Satire auf Journalismus und Justiz und deren Verhältnis zu Geld, Ruhm und Macht, die, obwohl im Jahr 1929 angesiedelt, in Inszenierung, Inhalt, und Dialoge eindeutig auf die Watergate-Ära verwies. Matthau sagte in einem Interview: „Ich liebe Jack. Wäre ich eine Frau, hätte ich ihn geheiratet“. Wegen seiner knollennasigen, wülstig-runzeligen Physiognomie mit dichten Augenbrauen nannte er sich selbstironisch „Cary Grant der Ukraine“.

Ein schüchterner Musikliebhaber

Im Musicalfilm „Hello, Dolly!“ (1969) agierte Mattau unter der Regie von Gene Kelly neben Barbra Streisand, einem der Superstars dieser Ära, und spielte den „Halb-Millionär“ Horace Vandergelder, der nach allerlei Verwicklungen seine eigene Heiratsvermittlerin ehelicht. Matthau verstand sich bei den Dreharbeiten nicht mit Streisand und warf ihr „Größenwahn“ vor. Mit einer Produktionszeit von zwei Jahren und einem gigantischen Budget von rund 25 Millionen Dollar zählte der Streifen zu den aufwendigsten Produktionen der 1960er Jahre, spielte aber seine Produktionskosten nicht ein. Matthau, der sich als Charakterdarsteller empfand, missfiel es zunehmend, als Komödiant abgestempelt zu werden. Er trat zwar auch weiterhin regelmäßig in Filmen dieses Genres auf („Keiner killt so schlecht wie ich“, „Hotelgeflüster“, beide 1971), übernahm aber auch gezielt Rollen in ernsteren Filmen und Krimis. So trat er 1973 unter der Regie von Don Siegel in dem Actionthriller „Der große Coup“ in der ungewohnten Rolle eines glücklosen Bankräubers in Erscheinung und spielte im selben Jahr in „Massenmord in San Francisco“ einen Polizeidetektiv, der ein Bus-Massaker aufklären muss.

„Dennis“ war 1993 einer der erfolgreichsten Filme in deutschen Kinos. Quelle: http://de.web.img2.acsta.net/r_640_360/newsv7/16/04/27/11/44/256590.jpg

Seinen wohl bekanntesten Auftritt in einem Kriminalfilm hatte der 1,90 große Matthau 1974 in „Stoppt die Todesfahrt der U-Bahn 123“, in dem er als U-Bahn-Polizist mit der Entführung eines New Yorker Subway-Zuges konfrontiert wird und verzweifelt versucht, das Leben der Passagiere zu retten. Im selben Jahr stellte Matthau unter dem Namen Walter Matuschanskayasky in dem Katastrophenfilm „Erdbeben“ einen Trinker dar, der das titelgebende Erdbeben unbeschadet in einer Bar übersteht. Wenn er in Interviews darauf angesprochen wurde, antwortete er meist, dass dieser eigentlich sein richtiger Name sei, und schmückte die Auskunft oft noch mit Geschichten über eine angebliche Spionagekarriere seines Vaters aus. Er war bekannt dafür, dass er oft scherzhafte Geschichten erfand, die er aber ernst vortrug, vor allem wenn er in Interviews immer wieder die gleichen Fragen beantworten musste.

Nach einer Bypass-Operation 1976 nahm er sich nur wenig zurück. Zu seinen Glanzpunkten gehörten Herbert Ross‘ Komödie „Das verrückte California Hotel“ (1978) mit Jane Fonda, Roman Polanskis Abenteuerfilm „Piraten“ (1985) und seine Albert-Einstein-Verkörperung in Fred Schepisis Liebekomödie „I.Q. – Liebe ist relativ“ (1994). Und zweimal dreht er mit seinem Sohn: 1995 in der Truman-Capote-Verfilmung „Die Grasharfe“ sowie 1998 in „Papas zweiter Frühling“. In der Tragikomödie „Aufgelegt“ (2000), seinem letzten Film, legte Matthau einen vergnüglichen Leinwandtod hin und hinterließ drei unterschiedlich trauernde Töchter. Ziemlich genau drei Monate vor seinem 80. Geburtstag besiegelte ein zweiter Herzinfarkt nun sein reales Ende: In der Nacht auf den 1. Juli 2000 starb er in einem Krankenhaus in Santa Monica.

„Todesfahrt“-Screenshot. Quelle: https://images.tvtoday.de/files/images/201610/1/stoppt-die-todesfahrt-der-u-bahn-123,155110_aufmacher_100.jpg

Er wurde in Los Angeles beerdigt; neben ihm fand sein langjähriger Freund Jack Lemmon, der knapp ein Jahr nach ihm verstarb, seine letzte Ruhestätte. Matthau lebte privat sehr zurückgezogen und bezeichnete sich selbst als schüchternen Menschen. Er war ein großer Liebhaber klassischer Musik. Im Laufe seiner bemerkenswerten, mehr als 50-jährigen Karriere in Film, Theater und Fernsehen hat er in nahezu 70 Werken mitgewirkt. Er konnte von Herzen „granteln“, ähnlich wie Hans Moser, ja abweisend sein bis zur Unhöflichkeit, und genoss die Rollen der kauzig-komischen Kratzbürste mit stoischer Mimik, über die viele noch heute ins Schwärmen geraten.

Als der neunjährige Bäckerssohn Joseph Meister aus dem elsässischen Steige am 4. Juli 1885 vom Hund eines Nachbarn 14 Mal gebissen wurde, konnten weder er, seine Eltern noch die Welt ahnen, dass er einer der berühmtesten Patienten der Medizingeschichte werden sollte. Denn Joseph, den sein Vater rasch nach Paris zu einer medizinischen Koryphäe brachte, sollte der erste Tollwutkranke sein, der durch eine Impfung geheilt wurde: Er erhielt 14 Tage lang Spritzen mit dem Extrakt des getrockneten Rückenmarks unterschiedlich stark infizierter Kaninchen. Am 27. Juli wurde er als geheilt entlassen.

Diese Koryphäe wird heute von vielerlei Fachrichtungen als Pionier beansprucht. Die Medizin sieht in ihm den Entdecker der Erreger von Milzbrand, Schweinerotlauf, Geflügelcholera und natürlich Tollwut, gegen die er Schutzimpfungen entwickelte und damit die Immunisierung revolutionierte. Die Lebensmittelbiologie sieht in ihm den Entdecker der Mechanismen von Fermentation, Gärung und Fäulnis, mit denen er die Bier- und Weinproduktion sowie die Haltbarmachung flüssiger Lebensmittel revolutionierte. Und die klassische Chemie sieht in ihm den Entdecker der Stereochemie, der die Lehre vom dreidimensionalen Aufbau der Moleküle, die die gleiche chemische Bindung und Zusammensetzung, aber eine verschiedene Anordnung der Atome aufweisen, mit entwickelte und damit die Lehre vom räumlichen Ablauf chemischer Reaktionen revolutionierte.

Pasteur im Labor. Quelle: https://www.geo.de/wissen/gesundheit/22902-rtkl-held-mit-makeln-wie-louis-pasteur-die-tollwut-besiegte-und-dabei-sehr

Er war einerseits ein Vollblutwissenschaftler, dessen medizinische Erkenntnisse vielen Menschen das Leben rettete, andererseits ein glühender Patriot und Katholik, der sich weigerte, die Evolutionslehre von Charles Darwin anzuerkennen. Zeitweise galt er in französischen Umfragen noch vor Napoleon als der bedeutendste Franzose, der je gelebt hat. Während sein Andenken in Deutschland, aufgrund seiner Rivalität mit dem fast eine Generation jüngeren Robert Koch, zurückhaltend gepflegt wurde, war er vor allem auch in Russland populär: Zar Alexander III. gehörte mit einem Beitrag von 100.000 Francs zu den großzügigsten Spendern für sein Institut. Ein Asteroid trägt seinen Namen, Orte in Algerien und Kanada, die Straßburger Uni – und mehr als 2000 Straßen Frankreichs: Louis Pasteur. Am 28. September jährt sich sein 125. Todestag.

„er spricht kaum mit mir“

Louis Pasteur wurde am 27. Dezember 1822 als drittes von fünf Kindern einer Gerberfamilie in Dole geboren, wo er mit seinen Eltern und Geschwistern drei Jahre lang lebte und früh mit chemischen Prozessen in Berührung kam: Die Verarbeitung roher Tierhäute zu Leder benötigt Gerbstoffe wie Tannine, die Fäulnis verhindern, auch in der Medizin verwendet werden und als Geschmackskomponente von Wein und Tee bekannt sind. Nach dem Umzug der Familie wuchs er in der ostfranzösischen Stadt Arbois auf. Während der frühen Schulzeit zeigte Louis Pasteur zunächst kein ausgeprägtes Talent für wissenschaftliche Fächer, sondern eher eine künstlerische Begabung, denn er verbrachte viel Zeit damit, Portraits und Landschaftsmalereien anzufertigen.

Er wechselte mehrmals die Schule und besuchte einige Zeit lang die Hochschule in Arbois, bevor er ans Collège Royal in Besancon wechselte. Je älter Louis wurde, desto besser wurden seine schulischen Leistungen: 1837/38 errang er so viele Schulpreise, dass ihm nahegelegt wurde, sich auf die École normale supérieure, die Pädagogische Fakultät, in Paris vorzubereiten. Der erste Versuch scheiterte an zu starkem Heimweh, der zweite klappte. Nach dem Baccalauréat studierte er dort fünf Jahre lang und promovierte 1847 zum Doktor der Naturwissenschaften mit gleich zwei Dissertationen, die je ein chemisches und ein physikalisches Thema behandelten. Noch während seiner Studienzeit führte Pasteur Experimente zur Struktur von Weinsäure durch und entwickelte den sogenannten Weinsäurekristalltest, der heute als Anfang der Stereochemie definiert wird.

Ehepaar Pasteur. Quelle: https://artsandculture.google.com/asset/louis-and-marie-pasteur-lejeune-et-joliot-l/VwHWuNlhfV4eOQ?hl=de

Ursprünglich hatte Pasteur geplant, als Lehrer der Naturwissenschaften tätig zu werden. Als Gymnasialprofessor in Physik war er jedoch nur einige Monate am Lycée in Dijon tätig, denn zu Beginn des Jahres 1849 folgte er dem Ruf an die Universität von Straßburg, wo ihm eine Stelle als Assistent am Chemischen Institut angeboten worden war. Hier verliebte er sich in Marie Laurent, die Tochter des Rektors der Akademie Straßburg, und schrieb ihr: „Die Zeit wird Ihnen zeigen, dass sich unter meinem kalten und schüchternem Äußeren, das Ihnen möglicherweise nicht gefällt, ein Herz schlägt, das voller Liebe zu Ihnen ist“. Er unterzeichnete: „Ich, der ich meine Kristalle so sehr liebte.“

Beide heirateten bereits am 29. Mai, wobei sich der Wissenschaftler verspätete, da er im Laboratorium saß und den Termin vergessen hatte. Auch später war er so mit seiner Arbeit beschäftigt, dass die Familie – beide hatten fünf Kinder – zu kurz kam. In einem Brief an ihre Kinder an ihrem Hochzeitstag 1884 schrieb Madame Pasteur: „Euer Vater ist so beschäftigt wie immer: er spricht kaum mit mir, schläft wenig und steht schon im Morgengrauen auf; kurz, er führt dasselbe Leben, das ich heute vor 35 Jahren mit ihm zu teilen begann.“ Er erarbeitete sich in der Fachwelt rasch einen exzellenten Ruf als Chemiker und wurde 1853 von der Société de Pharmacie mit einem hochdotierten Preis ausgezeichnet. Ein Jahr später übernahm er in Lille einen Lehrstuhl für Chemie und wurde zum Dekan berufen. Hier erwies sich Pasteur als innovativer Lehrer, der durchsetzte, dass die Studenten in neuen Laboratorien praxisorientiert ausgebildet werden konnten.

„Hass auf Preußen. Rache. Rache.“

Lille lebte von der Fabrikation des Runkelrüben- und Kornspiritus, so wandte er sich zunächst den Problemen der Gärung zu. 1857 entdeckt er, inzwischen Kanzler an der École Normale in Paris, das für die Milchsäuregärung verantwortliche Bakterium und gelangt später zur Theorie, dass einzellige Lebewesen an Fäulnis- und Verwesungsprozessen beteiligt sind. Pasteur weist nach, dass der Essigpilz die Essigsäure erzeugt und damit die Entstehung und Erhaltung von Wein beeinflusst. Er bezeichnet die winzigen Mikroorganismen als „Spaltpilze“ und schloss damit die konkurrierende Hypothese aus, die etwa von Justus von Liebig vertreten worden war, es handele sich um rein chemische Reaktionen ohne Beteiligung von Lebewesen.

Tunnel-Pasteurisierungsanlage. Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Pasteurisierung#/media/Datei:60s_Pama_pasteurizer.jpg

Von Weinbauern seiner Heimatstadt Arbois um eine Lösung gebeten, die Entwicklung von Wein zu Essig zu verhindern oder zu verlangsamen, fand Pasteur heraus, dass das durch Erhitzen möglich war. Gleichzeitig musste er aber feststellen, dass dadurch der Geschmack des Weines zerstört wurde. Er experimentierte weiter und erkannte, dass nach kurzer Erhitzung auf eine Temperatur von 55° Celsius mit sofortigem Abkühlen sowohl die Bakterien abzutöten als auch der charakteristische Geschmack des Weines zu erhalten war: Als „Pasteurisieren“ wird die Technik bis heute in der Lebensmittelindustrie zur Haltbarmachung von Milch, daraus hergestellten Produkten sowie Gemüse- und Obstsäften angewandt.

1862 wurde Pasteur in die Akademie der Wissenschaften gewählt und befasste sich ab 1865 auf Bitte der Regierung mit Krankheiten der Seidenraupen. Er entdeckte winzige Parasiten, die die kranken Seidenraupen und ihre Nahrung, die Blätter der Maulbeere, befielen. Als einzige Lösung sah er die Vernichtung aller befallenen Seidenraupen und alles befallenen Futters, wodurch die Seidenindustrie gerettet wurde. Für Pasteur schien das, was für eine ansteckende Krankheit gilt, auch für andere zu gelten, womit der Grundstein der Keimtheorie gelegt war. Da er in Paris auch für die Disziplin unter den Studenten zuständig war, was ihn überforderte, wechselte er nach 1867 ausgebrochenen Studentenunruhen als Chemie-Professor an die Sorbonne. Im Jahr darauf erleidet er einen Schlaganfall, was zu einer partiellen halbseitigen Lähmung führt.

Der stockkonservative Wissenschaftler kündigte während des Deutsch-Französischen Kriegs an, künftig alle Werke mit „Hass auf Preußen. Rache. Rache.“ zu zeichnen. Einen Ehrendoktor der Universität Bonn gab er aus diesem Grund 1870 zurück und weigerte sich noch kurz vor seinem Tod, den preußischen Orden Pour le Mérite anzunehmen. 1875 kandidierte Pasteur für die Konservativen für einen Sitz im Senat für seine Heimatstadt Arbois, scheiterte aber weit abgeschlagen, weil er als Bonapartist galt. Abgesehen von diesem Ausflug in die Politik lebte Pasteur ausschließlich für die Wissenschaft, verfolgte auch keine Hobbys; in seiner Pariser Zeit verließ er nur selten das Quartier Latin, wo die für ihn wesentlichen Wissenschaftsinstitutionen lagen.

Modernes Typhus-Medikament. Quelle: https://www.apotheke-adhoc.de/nachrichten/detail/pharmazie/pharmakonzerne-sanofi-pasteur-impfstoffe-apotheke-arzt-msd-merck/

Da drei Töchter Pasteurs, Jeanne, Camille und Cécile, jeweils als Kind an Typhus starben, hatte er eine starke Motivation, seit den 1870er Jahren die Infektionskrankheiten nicht nur von Haustieren, sondern auch Menschen zu erforschen, und begann mit dem Milzbrand, gegen den er 1877 einen Impfstoff entwickelte. Zu dessen Produktion wurde ein zusätzliches Labor gebaut – der Beginn der Impfstoff-Industrie. Da Robert Koch ebenfalls zum Milzbrand forschte, gab es zeitweilig eine verbitterte, durch Missverständnisse hervorgerufene Konkurrenz, die teilweise auch öffentlich ausgetragen wurde. Durch Infizieren von Versuchshühnern mit abgeschwächten Erregern der Hühnercholera, einer nicht auf den Menschen übertragbaren tödlichen Vogelkrankheit, fand Pasteur heraus, dass die Tiere Antikörper bildeten und die Krankheit überlebten – das Prinzip der Immunisierung nahm Gestalt an. Für seine Tollwut-Forschung wurden Pasteur außerdem die alten Ställe des Schlosses Saint-Cloud zur Verfügung gestellt. Pasteur hatte zeitweise zehn Prozent der gesamten französischen Forschungsausgaben vereinnahmt. 1882 erhöhte der französische Staat seine Leibrente auf 25.000 Francs, vererbbar auf seine Frau und seine Kinder, was dem Doppelten des Gehalts eines Universitätsprofessors entsprach. Im selben Jahr wurde Pasteur als „Unsterblicher“ in die Académie française gewählt.

Karriere von Kontroversen begleitet

Die Erfolge bei der Tollwutimpfung verschaffen Pasteur finanzielle und organisatorische Freiheiten: Eine Flut von Spenden traf ein. Der für die Gründung eines Institut Pasteur aufgelegte Fonds schwoll auf 2,6 Millionen Francs an. Beim Bau des Institutsnahm der Architekt selbst kein Honorar, die Unternehmer berechneten nur ihre Selbstkosten und die Arbeiter arbeiteten gegen allen Brauch auch am Montag. Am 14. November 1888 wurde es in Anwesenheit von Präsident Carnot eingeweiht, Pasteur, der so gerührt war, dass er seine Rede von seinem Sohn vorlesen ließ, wurde erster Direktor. Nach dem Vorbild dieses weltweit ersten Forschungsinstituts für Medizinische Mikrobiologie entstanden Institute in aller Welt, so 1891 das Preußische Institut für Infektionskrankheiten in Berlin.

Gegenüber seinen Schülern und Mitarbeitern verhielt sich Pasteur autoritär, und er galt als völlig humorlos. Sein Labor führte er wie ein Familienvater, wobei er darauf achtete, dass seine Angestellten auch verwandtschaftlich verbunden waren. Durch mehrere Schlaganfälle war Pasteur ab 1887 gesundheitlich allerdings sehr angeschlagen, konnte spätestens ab 1890 keine wichtigen Beiträge zur Forschung mehr leisten und siechte die letzten Lebensjahre dahin. Der 70. Geburtstag Pasteurs am 27. Dezember 1892 wurde im großen Amphitheater der neuen Sorbonne vor über 2000 Personen gefeiert, unter ihnen auch der Präsident. Als Louis Pasteur gestützt an dessen Arm in den Festsaal geführt wurde, erscholl brausender, nicht endender Beifall. Es wurden viele Reden auf ihn gehalten. Nach seinem Tod wurde für ihn ein Staatsakt mit militärischen Ehren im Dom Nôtre Dame gegeben. Im Januar 1896 wurde er in einer Krypta im Institut Pasteur beigesetzt; Jahre später auch seine Frau.

Institut Pasteur. Quelle: https://www.hotel-15-montparnasse.fr/de/tourisme-hotel-paris-15eme/hotel-boulevard-pasteur

Der visionäre Mikrobiologe legte mit seiner unermüdlichen Arbeit im Kampf gegen Krankheitserreger den Grundstein zur Vorbeugung von bakteriell und viral verursachten Infektionen und prägte die moderne Pharmakologie damit nachhaltig. Seine über 500 Arbeiten zeigen, dass eine strikte Trennung zwischen Grundlagenforschung und angewandter Forschung bei ihm nicht möglich ist: Er bearbeitete mit großem Elan anwendungsbezogene Probleme und stieß dabei regelmäßig zu Erkenntnissen von grundsätzlicher Bedeutung vor. Da die Diskussionskultur im Wissenschaftsbetrieb des 19. Jahrhunderts generell stärker von Polemik geprägt war als heute, war seine Karriere von Kontroversen begleitet und seine Methode der Beweisführung stark rhetorisch geprägt.

Pasteur hatte sich bereits 1878 ausgebeten, seine Laborjournale niemandem zugänglich zu machen. Doch sein letzter überlebender Enkel übergab die Dokumente 1964 der Nationalbibliothek in Paris. Der Wissenschaftshistoriker Gerald Geison kam nach der Lektüre von über 100 dieser Journale mit Pasteurs schwer entzifferbarer Handschrift zu dem Schluss, dass die Geschichte von Pasteurs Versuchen in einigen Fällen anders abgelaufen ist, als seine Veröffentlichungen nahelegen. So habe er bei der Entwicklung des Tollwut-Impfstoffs zwei Patienten ohne vorige Tierversuche behandelt – ein junges Mädchen starb. Pasteur habe sich nicht immer an die wissenschaftlichen und ethischen Normen gehalten, die er selbst in seinen Arbeiten vertrat, so Geison. Das Buch verursachte in Frankreich einen Skandal – obwohl es nie übersetzt wurde.

Pasteur und Meister. Quelle: https://asset1.betterplace.org/uploads/project/image/000/021/070/147169/limit_600x450_image.jpg

Und Joseph Meister, Pasteurs erster geheilter offizieller Tollwutpatient? Der siebenfache Vater wurde, nach der Pleite seiner Bäckerei, 1913 Hausmeister an Pasteurs Institut. Zwei Töchter traten später ebenfalls in den Dienst des Instituts. Am 24. Juni 1940 nahm sich Meister das Leben – angeblich habe er sich geweigert, deutschen Soldaten Zugang zur Krypta seines Retters zu gewähren. Sein Freitod wurde von vielen Franzosen als Zeichen aufgefasst, dass das Elsass nie wieder deutsch werden würde.

Der Juwelier der Romanows

Matilda Kschessinskaja war Ende des 19. Jahrhunderts eine der begnadetsten Petersburger Primaballerinen. Mit gleich drei Männern der Zarenfamilie Romanow liiert, wurde sie als erste russische Tänzerin bekannt, die in Tschaikowskis „Schwanensee“ die 32 Fouettés en tournant hintereinander tanzen konnte – und als erste nichtadlige Kundin eines Juweliers, der ihr nahezu komplett den Diamantschmuck herstellte. Ihrer eigenen Schilderung nach führte sie ihn aus Sicherheitsgründen nie bei sich, sondern bewahrte ihn stets in einem sicheren Safe bei dem Goldschmied auf. Wenn sie sich auf Auslandsauftritte vorbereitete, nannte sie am Telefon eine geheime Nummer, und die Firma lieferte den Schmuck ins Ausland. Ein Wachmann brachte ihn schließlich ins Hotel oder Theater und hielt sich immer in dessen Nähe auf. Der Produzent war nicht nur kaiserlich-russischer Hofjuwelier, sondern auch königlich-schwedischer Hofgoldschmied: Peter Carl Fabergé. Am 24. September vor 100 Jahren starb er.

Die Idee zu seinem bekanntesten Kleinod, dem nach ihm benannten Osterei, war zwei Zufällen zu verdanken. Der erste hieß Eric Kollin und war ein finnischer Goldschmied in Fabergés Atelier, der um 1880 herum die Idee hatte, das traditionelle russische Osterbrauchtum mit Goldschmiedekunst zu verbinden: damals war es üblich, verzierte Eier und drei Küsse zu verschenken. Waren es bei den einfachen Leuten Hühnereier, setzten die vermögenderen auf symbolische Eier aus edleren Materialien wie Glas, Porzellan oder Metall. Der zweite hieß Dagmar von Dänemark und war die regierende Kaiserin Maria Fjodorowna, die von ihrer Familie nach Russland geschickt wurde, um dort einen völlig Fremden zu heiraten: Zar Alexander III. Wie bei vielen anderen Prinzessinnen in dieser Situation führte das auch bei ihr zu enormem Heimweh. Um sie aufzumuntern, gab ihr Ehemann 1882 ein Ostergeschenk in Auftrag: das erste Fabergé-Ei.

Faberge bei der Arbeit. Quelle: https://www.wikiwand.com/en/Peter_Carl_Faberg%C3%A9

Es handelte sich um ein äußerst exquisites Exemplar: Die emaillierte Schale ließ sich drehend öffnen und präsentierte das Eigelb aus Gold, das wiederum eine kleine goldene Henne beherbergte, die stolz die russische Kaiserkrone trägt. Was dieses Geschenk noch viel besser machte: es war an eine bestehende Sammlung aus dem dänischen Königshaus angelehnt und somit eine süße Erinnerung an die Heimat der jungen Zarin. Das Geschenk wurde ein voller Erfolg, Maria war überglücklich, der Zar entschied sich, daraus eine Tradition zu machen. In 32 Jahren wurden insgesamt 50 Eier für die Zarenfamilie sowie weitere 20 für andere Kunden gefertigt, darunter ein „Eis-Ei“ aus Platin für den Neffen Alfred Nobels. Sie stehen bis heute für Luxus und höchste Goldschmiedekunst und sind Inbegriff von Reichtum und Macht. In sechs Filmen, darunter im 13. James-Bond-Streifen „Octopussy“, ist ein Fabergé-Ei wichtiger Handlungsbestandteil.

42 Eier bis heute erhalten

Sein Beruf war Fabergé in die Wiege gelegt. Carl Peter wurde am 30. Mai 1846 als Sohn des hugenottisch-stämmigen deutschbaltischen Goldschmieds Gustav Fabergé und seiner dänischen Frau Charlotte in St. Petersburg geboren und absolvierte hier die St. Annenschule. 1860 zog die Familie nach Dresden, wo er mit seinem Bruder Agathon eine kaufmännische Ausbildung erhielt. 1861 wurde er in der Dresdner Hofkirche gefirmt. Danach folgten verschiedene Reisen, unter anderem nach Frankfurt zum Juwelier Friedman sowie nach Florenz, wo er die Steinschneidekunst kennen lernte. 1870 kehrte die Familie nach Sankt Petersburg zurück, wo Peter Carl 1872 das Juweliergeschäft übernahm, das derweil von einem Freund und einem Partner weitergeführt worden war. Obwohl kaufmännisch ausgebildet, gilt er als kreativer Kopf der Brüder.

Im Fabergé-Museum in St. Petersburg. Quelle: https://russlande.de/faberge-museum-st-petersburg/

Im selben Jahr heiratete er Augusta Jakobs, die Tochter eines Aufsehers in der kaiserlichen Möbelwerkstatt, mit der er vier Söhne haben wird, die alle in das Unternehmen einstiegen. Als 1881 der Geschäftspartner des Vaters starb, konnte Carl ab diesem Zeitpunkt seine eigenen Kreationen realisieren. Zusammen mit seinem Bruder schuf er Schmuck- und Dekorationsobjekte im zeitgenössischen Trend, der vor allem dem Louis-quinze-, Louis-seize- und Art-nouveau-Stil folgte. Parallel dazu arbeiteten beide im kaiserlichen Kunstkabinett, setzten die umfangreiche Schmucksammlung instand, restaurierten zahlreiche Stücke, schätzten ihren Wert und katalogisierten sie. Diese Tätigkeit inspirierte die Fabergés, Geschmeide in altrussischem Stil nachzuempfinden und in der eigenen Werkstatt anzufertigen, teilweise als originalgetreue Kopien. Diese Geschäftsstrategie brachte ihnen erste, auch internationale Erfolge.

Der Durchbruch gelang den Fabergés, nachdem sie auf der Allrussischen Ausstellung 1882 in Moskau einige kostbare Arbeiten an Alexander III. verkaufen konnten. Für das erste der Fabergé-Eier verlieh er Peter Carl Fabergé neben der Auszeichnung als Hofgoldschmied den St. Annenorden III. Klasse. In der Folge entstand zu jedem Osterfest ein Fabergé-Ei, für das Carl renommierte Juweliermeister wie Michail Jewlampjewitsch Perchin und Henrik Wigström gewann. Nach 1895 ließ Alexanders Sohn und Nachfolger Nikolaus II. je zwei Eier anfertigen, die er der Kaiserin Alexandra Fjodorowna, geb. Alix von Hessen-Darmstadt und seiner Mutter schenkte. Dem Produktionsaufwand entsprechend stiegen auch deren Preise: Kostete das Hennen-Ei noch 4.115 Rubel, waren es für das aus Elfenbein geformte und mit Perlen und Diamanten besetzte Maiglöckchen-Ei (1898) schon beachtliche 6.700 Rubel – gewaltige Summen, kostete damals doch eine Kuh um die 60 Rubel. Das bei weitem teuerste Ei war das 1913 produzierte Winter-Ei mit 24.600 Rubel. Allein das „Krönungsei“ (1897) soll heute rund 30 Millionen Dollar wert sein.

Bond und das Ei. Quelle: https://www.cineimage.ch/film/jamesbond13/lbox_hor_scen_2.html

Von den 50 Zareneiern sind 42 bis heute erhalten geblieben; allein drei befinden sich mittlerweile im Besitz der englischen Königin Elizabeth II: die Colonnade-Eieruhr, das Blumenkorb-Ei und das Mosaik-Ei. Der Verbleib der anderen acht liegt im Nebel der Geschichte. Von fünf gibt es Fotografien als Belege über deren Existenz, die Fotos wurden von der Familie des Zaren gemacht. Für die anderen drei ließen sich nur die jeweiligen Namen herausfinden, die in Verträgen mit Fabergé niedergeschrieben waren. Niemand weiß bis heute, wie sie aussehen oder hat eine Idee, wo sie geblieben sind – bis 2014, wo auf einem texanischen Flohmarkt eins der verschollenen Exemplare auftauchte und einen Schrotthändler reich machte. Der russische Oligarch Wiktor Wekselberg, der seit 2000 mit einer kulturhistorischen Stiftung außer Landes gebrachte historische und kulturelle Schätze suchen und nach Russland zurückholen will, verfügt heute über die weltgrößte Sammlung an Fabergé-Eiern: neun kaiserliche und sechs für andere Kunden.

Rückkehr nach Russland

Sie legten letztlich den Grundstein für den Qualitätsnamen Fabergé, der seitdem für höchstes Niveau und attraktives Design in der Herstellung von Schmuck und anderen Dekorationsobjekten steht. Mit den Kronjuwelen, den offiziellen Krönungsgeschenken an Nikolaus II. und vielen von der Zarenfamilie in Auftrag gegebenen Arbeiten, zumeist originalgetreuen Kopien – nicht einmal der Zar selbst konnte seine Tabakdose von einer Replik zum Gebrauch in der Sommerresidenz unterscheiden –, entstanden bis 1916 die meisten Werke Fabergés; seit 1882 ungefähr 150.000 Stücke. Zu den weiteren Angeboten zählen unter anderem Etuis, Trinkbecher, Tischuhren, Spiegelrahmen, Stockgriffe, Flakons, Bonbonieren oder Schreibgarnituren. Die Produkte waren aber nicht nur für Aristokraten gedacht, sondern auch für einfache Bürger wie etwa zu Ostern Miniaturanhänger in Gestalt von Eiern, die mit verschiedenfarbiger Emaille verziert waren.

Hohe Auszeichnungen künden von der Akzeptanz der Schmuckstücke. Auf einer Nürnberger Ausstellung wurde dem Unternehmen für die gelungene Herstellung einer Kopie des Skythenschatzes eine Goldmedaille verliehen. Im Jahr 1897 wurde er auf der Kunstindustrie-Messe in Stockholm zum Lieferanten der königlichen Hoheit Schwedens und Norwegens ernannt. Nach der Weltausstellung 1900 in Paris, wo er Teil der Jury war, durfte er sich Ritter der Ehrenlegion nennen. Die Pariser Goldschmiedegilde verlieh ihm den Titel Maître. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts führte Carl Fabergé über 500 Mitarbeiter in seinen Geschäften in St. Petersburg, Moskau, Odessa und London.

Faberge-Schmuck. Quelle: https://www.echo-online.de/freizeit/kunst-und-kultur/ausstellungen/darmstadter-schlossmuseum-prasentiert-goldschmiedekunst-von-faberge_18146687

Während der Oktoberevolution 1917 gelang es Fabergé, als Kurier der englischen Botschaft getarnt, aus dem Land zu fliehen. Das Familienunternehmen wurde zunächst verstaatlicht, wenig später aufgelöst. Der Bestand an Wertsachen in der Londoner Filiale und anderen ausländischen Partnerfirmen erlaubte ihm, seinen Lebensstandard auch im Ausland zu halten. Sein Weg führte ihn zunächst über Lettland und Finnland nach Deutschland, zuerst nach Berlin, später zur Kur nach Wiesbaden, wo er bereits im Rollstuhl saß: Das Erleben, wie sein Lebenswerk zerstört wurde, belastete ihn schwer, sein Gesundheitszustand verschlechterte sich. Laut der Fremdenliste vom 30. Mai 1920 habe er hier dennoch seinen 74. Geburtstag gefeiert, mit „15 alten Petersburger Freunden“. Es sollte sein letzter Geburtstag sein. Er zog im Sommer ins Exil nach Lausanne, wo er sich behandeln lassen wollte, sich aber von den Umbrüchen nicht mehr erholte und schließlich starb. Er wurde auf dem Friedhof Grand Jas in Cannes beigesetzt.

Seine Söhne Eugène und Alexander gründeten das Unternehmen nach seinem Tode neu. Das erste Fabergé-Ei, das nach der Oktoberrevolution wieder offiziell Einzug in den Kreml hielt, war das „Gorbatschow-Friedens-Ei“, das dem ehemaligen Präsidenten der Sowjetunion 1991 anlässlich der Verleihung des Friedensnobelpreises überreicht wurde. Das aus Gold, Silber, Emaille, Diamanten und Rubinen gestaltete Ei ist auf fünf Exemplare limitiert. Nur zwei sind weltweit ausgestellt: Gorbatschows persönliches Exemplar in der Kreml-Rüstkammer in Moskau sowie das Werksexemplar, das 1993 dem Schwabacher Stadtmuseum übergeben wurde. Seine Heimat Russland hat dem berühmten Sohn durch den Wiedereinzug seiner Kreationen in den Kreml zu Ostern 2001 mit einem Festakt in der Rüstkammer eine späte Ehre erwiesen.

1969 war ein Jahr, in dem so mancher Satz fiel, der Geschichte machte: Neil Armstrong war auf dem Mond gelandet, Willy Brandt Kanzler geworden, und Woodstock gab es auch noch. Doch gefragt, was für ihn der wichtigste Satz des Jahres gewesen sei, antwortete er: „Der Schwanz bleibt drin.“ Gefallen ist der Satz im Kinosaal des Wiesbadener Fürstenschlosses, dem damaligen Tagungsort der Freiwilligen Selbstkontrolle Fernsehen (FSK). Elf Männer und eine Frau hatten seinen Film „Dein Mann, das unbekannte Wesen“ zu begutachten. „Und auf einmal“, berichtete er im Spiegel, „war da dieser Penis“: Auf der Leinwand wurde gezeigt, wie eine Erektion entsteht. Elf der Gutachter knipsten ihre Leselampen an: Äußerste Empörung! Sie verlangten, den Film zu schneiden. Die einzige Frau im Gremium aber widersprach. So knapp wie salopp. Und da blieb der Schwanz drin.

„Zwei Tage und zwei Nächte musste ich über jede einzelne Szene verhandeln“, sagte er später der Welt. „Sie wollen wohl die ganze Welt auf den Kopf stellen, jetzt soll sogar die Frau oben liegen!“, soll ein Zensor gar angemerkt haben. Der Streifen war nur einer von insgesamt acht Aufklärungsfilmen, mit denen er als eine Art Telekolleg-Mann zwischen 1968 und 1972 beinahe eine gesamte Nation an die Sexualität heranführte – als ob es das Thema zuvor gar nicht gegeben hätte: Oswald Kolle. Der Journalist, Autor und Filmproduzent mit niederländischem Pass starb am 24. September 2010 in Amsterdam. „Sein Tod ist ein großer Verlust im Kampf um ein menschenfreundliches und lebensbejahendes Miteinander“, schrieb der Internationale Bund der Konfessionslosen und Atheisten (IBKA), der ihm kurz zuvor den „Sapio“-Preis verliehen hatte, um seinen unermüdlichen Einsatz für die sexuelle Selbstbestimmung zu würdigen, in einem Nachruf.

Geboren wurde Oswald am 2. Oktober 1928 in Kiel als Sohn des renommierten Psychiaters Kurt Kolle, der im 3. Reich nicht publizieren durfte und ihn auch gern als Mediziner gesehen hätte. Doch der von ihm geplante Weg dahin bewirkte das Gegenteil: Ende der 40er-Jahre bat er seinen Sohn, Teile des ersten Kinsey-Reports „Die Sexualität des Mannes“ ins Deutsche zu übersetzen. „Damals begann mein Interesse an Sexualität und Moral, denn wir reden über eine Zeit, in der Präservative in Apotheken nur an Ehepaare verkauft werden durften“, sagt Kolle junior später, macht zunächst eine Ausbildung in der Landwirtschaft und ging 1950 in den Journalismus. Sein Bruder sollte dann dem väterlichen Wunsch nachkommen; er wurde ein berühmter Urologe.

Der gealterte Kolle. Quelle: https://www.kino.de/star/oswalt-kolle/

Kolle begann als Volontär bei der Frankfurter Neuen Presse und machte sich zunächst einen Namen als Filmjournalist. Schon 1951 wurde er Lokalchef der Frankfurter Nachtausgabe und war bis 1953 Mitarbeiter der Fachzeitschrift Filmblätter, ehe er sich der neugegründeten Bild in Hamburg anschloss und für diese Klatschgeschichten schrieb: „Bild, das merkte ich schnell, war eher ein Märchenblatt als eine Zeitung“, bemerkte er einmal. Nach seinem Abgang dort 1955 schrieb er als Kulturchef Artikel über Prominente für die BZ. Später wurde er stellvertretender Chefredakteur der Film- und Fernsehzeitschrift Star Revue, die von 1955 bis 1960 zum Spiegel-Verlag gehörte, und leuchtete die Intimzonen von Stars wie Hildegard Knef, Curd Jürgens und Brigitte Bardot aus.

„Aufklärer der Nation“

1959 lernte er seine spätere Frau Marlies Duisber kennen – beide waren sich vom ersten Tag an untreu: „Ich habe ihr von jeder Frau erzählt und sie mir von jedem Mann.“ Den Pakt beider beschrieb Kolle so: „Wir können sexuell nicht treu sein und wollen andere Beziehungen, aber wir haben keine Geheimnisse voreinander und gehen nie auseinander – unter keinen Umständen!“ Soziale Treue war ihm wichtiger als sexuelle. Er hatte mit Marlies, die nach 47 Jahren Ehe an Brustkrebs starb, drei Kinder, aber auch Affären mit den Schauspielern Horst Buchholz und O.E. Hasse ebenso wie mit Romy Schneider. Bei der Quick wurden er neben seinem damaligen Kollegen Johannes Mario Simmel zu einem der höchstbezahlten Yellow-Schreiber.

Seinen eigenen Durchbruch zum „Aufklärer der Nation“ schrieb er dabei einem Zufall zu: Die Frau des Quick-Chefredakteurs erwartete ein Kind und beklagte sich, dass die vorhandenen Bücher über Schwangerschaft und Kinderentwicklung mehr vernebelten als erklärten. Prompt schrieb Kolle „Dein Kind, das unbekannte Wesen“. „Der Chefredakteur war begeistert, es wurde gedruckt, er bekam aber daraufhin von Adenauers langjährigem Familienminister Franz-Josef Wuermeling einen Brief mit folgender sinngemäßer Aussage: ‚Wenn solche schweinischen Sachen noch einmal in der Quick erscheinen, wird die Zeitschrift verboten‘“, berichtete Kolle im Spiegel. Er hatte sein Lebensthema gefunden zu einer Zeit, als das Geschehen in Schlafzimmern und unter Bettdecken öffentlich noch tabu war: „Alle Liebe dieser Welt“, „Geheimnis der Liebe“, „Sexualität 70“ lauten Veröffentlichungen von damals, die ein enormes Echo fanden.

Ein klassischer Kolle. Quelle: https://www.booklooker.de/B%C3%BCcher/Oswalt-Kolle+Das-Wunder-der-Liebe/id/A025003j01ZZO

Für die Neue Revue schrieb er die Serie „Dein Mann, das unbekannte Wesen“ – das Blatt hatte am Ende der Serie mehr Auflage als der Stern. „Das war wie ein Dammbruch. Es kamen Zehntausende Briefe von Frauen, die erstmals ihre Not beim Sex aussprachen, und ich wollte ihnen helfen, etwas weniger unglücklich zu sein“, so Kolle. Damals entstand einer seiner vielen Lehrsätze: „Liebe kann man nicht lernen, Sexualität sehr wohl.“ Unternehmen und Kirchen riefen zum Boykott des Blatts auf, Kukident stornierte alle Anzeigen, und die Neue Revue wurde aus den Wartezimmern verbannt. Er fühlte sich zwischen Linken und Rechten zerrieben, bilanziert Kolle Jahrzehnte später im Spiegel: „Die Linken haben mich als Erzspießer betrachtet, der doch nur die Ehe retten will. Die Rechten haben gesagt: ‚Was der Mann macht, ist schlimmer als der Zweite Weltkrieg, der zerstört unsere abendländischen Werte. Die Deutschen werden in die tiefste Barbarei versinken und auf offener Straße Orgien feiern.“

Bild-Kolumnist Franz Josef Wagner schrieb damals: „Jetzt liegt in jedem deutschen Ehebett ein Dritter: Oswalt Kolle.“ Die Verfilmung der Serie zog dann sechs Millionen Zuschauer ins Kino. Als der Film in einigen Kantonen der Schweiz verboten wurde, entstand der sogenannte Kolle-Tourismus: Man setzte sich ins Auto und fuhr in einen Kanton, wo der Film gezeigt werden durfte. Der Polizeipräsident von Zürich rief zum Kulturkampf auf und erklärte: „Wir lassen uns nicht von einem Deutschen vorschreiben, wie wir uns im Bett verhalten sollen.“ Die Londoner Times bilanzierte: „Viele Männer gehen aus den falschen Motiven in Kolles Filme, aber alle kommen mit den richtigen raus.“ Seine Publikationen wurden in 17 Sprachen – auch Chinesisch – übersetzt und erreichten spektakuläre Auflagen. 140 Millionen Menschen sollen weltweit seine Filme gesehen haben; in einem davon hatte er mit seiner Frau, der Tochter und dem Sohn mitgespielt. Auf Sylt ließ er sich mit seiner Familie am Nackt-Badestrand für eine Zeitschrift fotografieren.

„Liebe altert nicht“

Mit seiner Liebesschule schuf der „Sexualdemokrat“ (Deutsche Welle) eine Fernsehserie zur sexuellen Aufklärung, außerdem schrieb er Unterhaltungsromane wie „Sylter Sommer“, den er für RTL zur Unterhaltungsserie „Sylter Geschichten“ entwickelte. Zudem überarbeitete er die Drehbücher seiner Aufklärungsfilme, die der Sender 1997 erfolgreich ausstrahlte. Das langjährige FDP-Mitglied wurde 2000 von der Deutschen Gesellschaft für Sozialwissenschaftliche Sexualforschung (DGSS) mit der Magnus-Hirschfeld-Medaille für Sexualreform geehrt. 2002 wird sein Leben unter dem Titel „Kolle – Ein Leben für Liebe und Sex“ mit Sylvester Groth in der Titelrolle verfilmt: „Er zeigt die innere Wahrheit, und das ist okay. Außerdem sind die Schauspieler zum Küssen! Nur eins muss ich in aller Bescheidenheit kritisieren: So hässliche, braungemusterte Unterhosen, wie sie der Sylvester Groth trägt, habe ich nie angehabt“, sagt er dem Spiegel.

Szenenfoto: Groth als Kolle. Quelle: https://www.kino.de/film/kolle-ein-leben-fuer-liebe-und-sex-2002/

Wenige Tage vor seinem 75. Geburtstag gesteht er in seiner holländischen Wahlheimat dem Stern: „Ich habe eine neue Liebe gefunden, es ist wie ein Wunder“. Drei Jahre nach dem Tod seiner Frau erlebt er mit seiner neuen Partnerin Jose del Ferro, was er selbst geschrieben hat: „Liebe altert nicht.“ Für Pro7 drehte er noch die fünfteilige Serie „Sexualreport 2008“, für die 100.000 Menschen online 250 Fragen beantworteten: Die größte Umfrage über Sexualität, die es in Deutschland je gab. Im selben Jahr erschien Kolles Autobiographie, in der er unter anderem über die Sterbehilfe für seine krebskranke Frau schrieb und sich gegen Pornographie aussprach: „Der 30-jährige Single – von Beziehungen frustriert – sitzt mit offener Hose vor dem PC und holt sich dort seine Befriedigung. Wir steuern auf eine Masturbationsgesellschaft zu. Das ist ein echtes Problem.“

Ein beinahe unverhofftes Comeback erlebte die These, der freie Sex der Sechziger habe die Sitten verdorben, kurz vor Kolles Tod. Der Augsburger Bischof Walter Mixa behauptete im April 2010, die sexuelle Revolution sei mit Schuld an den zuvor enthüllten Missbrauchsfällen. „Das ist grotesk“, sagte Kolle der WamS. Die sexuelle Revolution habe vielmehr dazu beigetragen, dass die Opfer endlich an die Öffentlichkeit gehen. „Die Kirche konnte ja vorher machen, was sie wollte.“ Der Einfluss des „Orpheus des Unterleibs“ auf die Gesellschaft der sechziger und siebziger Jahre dürfte ähnlich prägend gewesen sein wie der von Willy Brandt, befand Sebastian Hammelehle im Spiegel: „Womöglich lässt sich das Werk Oswalt Kolles sogar am besten mit einem abgewandelten Brandt-Wort zusammenfassen: Mehr Sexualität wagen“. Er selbst beschrieb seinen Antrieb so: „Mein Ziel war es, die Liebe der Männer zu erotisieren und die Liebe der Frauen zu sexualisieren.“ Das kann man so stehenlassen.

„Euer Rolf“

75 Pfennig für „Micky Maus“ – oder nur 60 Pfennig für „Fix und Foxi“? Seit Ende der 1950er Jahre standen bundesdeutsche Kinder vor dem Kiosk und mussten sich entscheiden, wofür sie ihr Taschengeld ausgaben. Der Mann, der als „deutscher Walt Disney“ den amerikanischen Comics mit Figuren Konkurrenz machte, von denen er nie auch nur eine einzige gezeichnet hatte, wird in seinem Leben eine erstaunliche Metamorphose vollziehen – vom sächsischen Drogeriegehilfen über den bayrischen Verleger hin zum amerikanischen Forstwirt: Rolf Kauka. Nur Wochen nach der Eröffnung des „Fix & Foxi Abenteuerlands“ im „Ravensburger Spieleland“, war er am 13. September 2000 gestorben.

Die beiden namensgebenden Hauptfiguren sind Füchse, Zwillingsbrüder, aufgeschlossen, engagiert und sozial eingestellt und sollen den jungen Lesern als vorbildhafte Identifikationsfiguren dienen. Um die kleinen Füchse herum entstand ein Universum, das wie eine Neuauflage der Disney-Welt wirkt: Aus Entenhausen wird Fuxholzen im Landkreis Grünwald im Staat Kaukasien – vermutlich eine Anspielung auf Kauka – Daniel Düsentrieb mutiert zu Professor Knox und der zunächst bösartige Lupo verwandelt sich in eine Art Goofy in Latzhosen. „Die Welt ist ganz ähnlich aufgebaut. Nur seine Typen sind viel flacher und eindimensionaler als die Disney-Figuren“, erklärt Comic-Experte Bernd Dolle-Weinkauf vom Institut für Jugendbuchforschung an der Universität Frankfurt im WDR. 750 Millionen Hefte wird Kauka verkaufen – zeitweise mit einer wöchentlichen Auflage von über 400.000 Stück.

Rolf Kauka. Quelle: https://www.br.de/radio/bayern2/sendungen/land-und-leute/fix-und-foxi-zwack100.html

Als er am 9. April 1917 als Sohn eines Hufschmieds in Markranstädt südlich von Leipzig geboren wird, war dieser Erfolg nicht abzusehen: Kauka absolvierte zwar die örtliche Volksschule, verließ die Realschule in Leipzig aber vorzeitig und blieb nach seiner Ausbildung noch zwei Jahre in einer Markranstädter Drogerie, ehe er aus eigenem Entschluss kündigte. Zwischen 1936 und 1938 verliert sich seine Spur: Es sind einige Cartoons für die Leipziger Neuesten Nachrichten und das Weißenfelser Tageblatt mit seiner Signatur bekannt, seiner späteren Selbstauskunft, er habe ein Gymnasium besucht und vier Semester Betriebswirtschaft studiert, ist zweifelhaft. 1938 leistete er den Reichsarbeitsdienst ab und wurde anschließend zum Wehrdienst eingezogen. Als „Presse-Zeichner“ bewarb er sich dann bei der Wehrmacht als Berufsoffizier. Im Krieg nahm er am Westfeldzug teil und wurde an der Ostfront eingesetzt. 1943 heiratete er die angehende Ärztin Erika Bahre und bekam mit ihr drei Töchter.

„sehr bewährte deutsche Kultur“

Als mehrfach dekorierter Oberleutnant eines Flakregiments setzte er sich bereits einige Wochen vor der endgültigen Kapitulation zu seiner Familie nach Prien am Chiemsee ab. Insgesamt wird er viermal heiraten und mit seiner zweiten Frau nochmals zwei Kinder haben, darunter seinen einzigen Sohn. 1947 gründet er den Kauka-Verlag Prien und verlegt einen „Leitfaden für Polizeibeamte“ – für einige Jahre die einzige Publikation. Er findet eine Anstellung im neuen „Verlag der Zwölf“ München und gründet mit dem Schriftsteller und Verleger Harry Schulze-Wilde 1948 die „Münchener Verlagsbuchhandlung Harry Schulze-Wilde & Co.“. Dabei firmierte er als „Dr. Rudolf Kauka“ – den Doktortitel entlehnte er offenbar von seiner frisch promovierten ersten Ehefrau.

1949 wird die Firma mit dem Zusatz „Rudolf Kauka OHG“ fortgeführt. Verlegt wird zum einen juristische Fachliteratur, zum anderen Unterhaltung in Form von Romanheften und Magazinen. Kauka experimentiert mit Themen und Formaten, manche Magazine erleben nur wenige Ausgaben. Die überformatige Illustrierte ER – die Zeitschrift für den Herrn gehört zu den ersten aus dem Kauka Verlag, der offiziell erst jetzt im Handelsregister eingetragen wird. Ende 1952 veröffentlicht Kauka die Jugendzeitschrift Colombo, die sich vorwiegend Erzählungen und Reportagen aus aller Welt widmete, aber auch einen ersten Kurzcomic enthielt: einen Pantomimenstrip mit einem Strichmännchen namens Dagobert, der vom Münchener Kunstmaler und Illustrator Dorul van der Heide beigesteuert wurde. Als parallel dazu die ersten US-amerikanischen Comics den westdeutschen Markt eroberten, erkannte Kauka die Marktlücke – und die Chancen.

Titel des Eulenspiegel. Quelle: http://www.kaukapedia.com/index.php?title=Eulenspiegel_mit_Fix_und_Foxi_6

Zuerst griff er auf Figuren der deutschen Literaturgeschichte und Sagenwelt zurück: „Seine Magazine sollten einen edukativen Ansatz verfolgen, und so machte er Till Eulenspiegel und Münchhausen zu den wichtigsten Protagonisten“, erklärt Kulturwissenschaftlerin Linda Schmitz im Tagesspiegel. Das bestätigte Kauka viel später „Ich wollte die guten Seiten des Entertainment nehmen und dazu etwas von unserer doch sehr bewährten deutschen Kultur, die manchmal so oberlehrerhaft ist, aber der Welt sehr viel gegeben hat. ” Im Editorial dieser Hefte grüßte er väterlich „Euer Rolf”.

In der fünften Ausgabe von Till Eulenspiegel treten Fuchs und Wolf als Widersacher auf – damit zitiert Kauka Goethes Epos „Reineke Fuchs“. Schon bald entwickelten sich aus diesen anfänglichen Nebenfiguren die Füchse „Fix und Foxi“. 1955 wurde das Heft nach ihnen benannt. Aus dem dummen Wolf wurde die Figur „Lupo“, später ein Publikumsliebling mit eigenem Jugendmagazin. „Fix und Foxi verkörpern erstmal jugendliche Figuren. Und bei ihnen geht es immer um diesen Konflikt zwischen dem gewitzten Kleineren und dem großen Starken in der Person des bösen Wolfs Lupo“, begründet Schmitz den Erfolg der Serie.

Da es in der jungen Bundesrepublik an geeigneten Comic-Zeichnern mangelte, engagierte Kauka erfahrene Illustratoren aus Jugoslawien, Italien und Spanien. Der Illustrator Walter Neugebauer, später auch Zeichner des Haribo-Goldbären, veränderte die zuerst von Dorul van der Heide entworfenen, realistischeren Fuchs-Figuren und verlieh ihnen anthropomorphe Züge. Kurz darauf stieg er zum Art Director des Verlags auf. 1958 ließ Walt Disney Rolf Kauka nach Kopenhagen kommen und bot ihm einen lukrativen Vertrag an, um die inzwischen lästige Konkurrenz loszuwerden. Kauka lehnte ab.

Bewohner von Fuxholzen. Quelle: https://taz.de/Kuratorischer-Fehlschlag/!5388920/

Ab 1964 erschienen in Lupo und anderen Magazinen franko-belgische Comic-Serien wie „Pit und Pikkolo“ (Spirou und Fantasio), „Tim und Struppi“ (Tintin), „Die Schlümpfe“ (Les Schtroumpfs) oder Lucky Luke, die vornehmlich aus dem belgischen Verlagshaus Dupuis stammten. Für Streit sorgt nicht nur bei diesen Serien die damals noch gängige Praxis, die Geschichten einfach einzudeutschen: Statt einer möglichst originalgetreuen Übersetzung erfanden die deutschen Redakteure einen „passenden Text“.  Der Streit kulminierte bei „Asterix und Obelix“, für die Kauka auch die Lizenz erhält.

Siggi statt Asterix

So wird in „Asterix und die Goten“ (1965) thematisiert, wie die Westgoten in Gallien einfallen, den Sieger des jährlichen Druidenwettstreits entführen und mit seiner Hilfe auf Eroberungszug gehen wollen. Im gotischen Kerker schmiedet Wettstreitgewinner Miraculix mit Asterix und Obelix den Plan, einen Bürgerkrieg zu initiieren, damit die Goten für die nächsten Jahrhunderte nicht mehr auf die Idee verfallen, ihre Nachbarn zu überfallen. Die „asterixinischen Kriege“ brechen prompt aus, und die drei Gallier kehren unbehelligt in ihr Dorf zurück, wo man sie schon für tot gehalten hat und ihre Wiederkehr mit der traditionellen Feier unter Sternenhimmel zelebriert.

Diese Episode war die dritte, die Kauka als „Siggi und die Ostgoten“ veröffentlicht: nach „Siggi und die goldene Sichel“ („Die goldene Sichel“) und „Kampf um Rom“ („Asterix als Gladiator“) sowie noch gefolgt von „Siggi der Unverwüstliche“ („Asterix der Gallier“, alle 1965-1966). Deutlich wird bereits an den Titeln, dass er die weltweit sicher stärkste Umdeutung des Originalcomics vornahm. Denn getreu der zeitgenössischen Manier, importiertes Comic-Material einem vorgestellten deutschen Leserhorizont anzupassen, machen die Texter aus den drolligen Galliern wackere Germanen mit Namen Siggi und Babarras, die im rheinischen „Bonnahalla“ den Besatzern in „NATOlien“ tapfer die Stirn bieten, unterstützt von einem „Hexenmeister Konradin“ in Anspielung auf den ersten Kanzler der jungen Bundesrepublik, Konrad Adenauer, zu dem der Druide Miraculix mutiert war.

Siggi-Seite. Quelle: https://i0.wp.com/comic.highlightzone.de/wp-content/uploads/2019/10/Spider-Man3.jpg

Die römischen Feinde reden sich übrigens mit „Boys“ an und kommen sprachlich auch sonst recht angloamerikanisch daher: „You forget wohl, dass we are the winner“. Die Kritik an der Bonner Republik war überdeutlich: Kauka sei „deutschnational und stockreaktionär“, so Matthias Heine in der Welt. Im schwierigen Prozess des sprachlichen und kulturellen Transfers einer Übersetzung des Comics wurde durch nationaldeutsche, xenophobe und teilweise antisemitische Interpretationen aus der Eindeutschung eine mitunter witzlose Germanisierung. Der geldgierige Bösewicht der Sichelschieberbande sprach mit jiddischem Akzent, und über Babarras’ Hinkelstein sagt Siggi etwa: „Musst du denn ewig diesen Schuldkomplex mit rumschleppen? Germanien braucht deine Kraft wie nie zuvor.“ Aus dem Hinkelstein war eine Auschwitzkeule geworden.

In der verfälschenden Kauka-Übersetzung wurden in Anlehnung an die deutsch-deutsche Teilung auch noch allzu offensichtlich die Westgoten zu Westdeutschen und die Ostgoten zu Ostdeutschen umgeschrieben: Sie sprachen mit sächsischem Dialekt, redeten sich mit „Genosse“ an und sprachen in ihren Sprechblasen mit roter Antiqua. Goscinny und Uderzo hatten sich ursprünglich für die gotische Schrift, die Fraktur, entschieden, um die Sprache vom Gallischen und Römischen, der Normalschrift Antiqua, abzugrenzen.

Außerdem wurde bei den gotischen Namen aus dem Suffix –ix ein –ik: Cholerik, Holperik, Elektrik, Lyrik, Mickerik, Rhetorik usw. In Anlehnung an die damalige DDR-Nomenklatur hießen ihre Führer und Agenten aber Hulberick (nach Walter Ulbricht), Stooferick (Willy Stoph) oder Benjaminick (Hilde Benjamin). Das Missionsziel von Häuptling Hullberick las sich so: „Mir ham den besten westgot‘schen Druiden zu kaschen und zurück ower die Grenze zu bringen, vorschtand‘n! Mit seinen Kunststückchen muß‘r uns dann bei der Invasion nach Bonnhalla gegen die Kapitalisten helfen.“

Bussi-Bär. Quelle: https://www.booklooker.de/B%C3%BCcher/Rolf-Kauka+Bussi-B%C3%A4r-Nr-04-1992/id/A02gGN2g01ZZe

Die Übersetzung führte zu einer politischen Debatte und dazu, dass der Comic der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften vorgelegt wurde – ohne Ergebnis. Schließlich wurden auch Uderzo und Goscinny auf die zu offensichtliche „Germanisierung“ aufmerksam. „Wir kauften uns eine Ausgabe, und dann ist uns der Himmel wirklich auf den Kopf gefallen“, erinnert sich Uderzo. Auf sein und Goscinnys Betreiben kündigte der Verlag den Vertrag mit Kauka, der seitdem als stockkonservativ gilt.

„nobel oder kleinkariert“

Zu Kaukas Hochzeiten erschienen bis zu zwölf verschiedene Zeitschriften, darunter das Vorschulheft Bussi Bär, das in zehn Sprachen übersetzt wurde. Kauka verkaufte seine Comics nicht nur in mehreren Ländern Europas, sondern auch in Mexiko und Brasilien. Neben Fix und Foxi wurden legendär das Pauli-Universum aus Maulwurfshausen, das Tom-und-Biberherz- sowie das Mischa-im-Weltraum-Universum sowie die Pichelsteiner. Er sagt von sich selbst, dass er die Figuren entwerfe und deren Charakter konzipiere. Gleichzeitig dürfe der Leser nicht merken, wenn unterschiedliche Zeichner am Werk sind.

Kauka zieht mit Studio und Familie in ein Schlösschen in den vornehmen Münchener Vorstadtort Grünwald, wo er wie ein Despot regiert. Sein langjähriger Mitarbeiter Peter Wiechmann erinnert sich im WDR: „Er war in einem Atemzug nobel oder kleinkariert. Stimmungsumschwünge waren an der Tagesordnung. Es war immer ein Wechselbad der Gefühle, mit ihm zusammen zu arbeiten.“ 1966 erwirbt er Gut Eichenhof bei Freising. 1973 verkauft er seine Comic-Fabrik für damals ungeheuerliche 28 Millionen Mark an den Pabel-Moewig-Verlag, war aber klug genug, die Rechte an den beiden Figuren Fix und Foxi zu behalten – was ihm jährlich eine weitere Million brachte.

Kaukas Fram in Georgia. Quelle: https://www.farmflip.com/farm/34967

Zwei Jahre später gründete er die Kauka Comic Akademie, eine Schule für Comic-Autoren. 1982 verkauft er Gut Eichenhof wieder und lässt sich nicht zuletzt aus Klima- und Gesundheitsgründen mit seiner vierten Ehefrau Alexandra auf der 2 000 Hektar großen Chinquapin-Plantation nordwestlich von Thomasville im Süden Georgias nieder. Er bezeichnete sich nun schlicht als Forstwirt: Er pflanze Bäume an und verkaufe Holz. Von seinem mediterranen Herrenhaus, auf dem seine Comicfigur Lupo als Wetterhahn thronte, fuhr er jeden Tag hinaus zu seinem Fluss, dem Pine Creek, um mit großen Fleischbrocken seine Alligatoren zu füttern, von denen er einen „Caligula” nannte. Kauka verfasste in den 80er Jahren auch zwei Science-Fiction-Romane, darunter „Roter Samstag“, in dem er zum Unmut der Kritik den Dritten Weltkrieg durchspielte.

Mit der 1982 aus dem Kauka Verlag hervorgegangenen Promedia Inc. gründete Kauka eine Verwaltungsgesellschaft für seine Comics und widmete sich fortan der Umsetzung von Fix und Foxi in eine Zeichentrickserie, die erstmals im Februar 2000 im Fernsehen lief, zunächst im Ersten, später im KiKa. 1998 wurde Rolf Kauka für sein Werk mit dem Bundesverdienstkreuz gewürdigt. Die Kauka Promedia Inc. leitete er bis Ende 1999 selbst und übergab dann die Geschäftsführung an Alexandra, in deren Armen er dann auf seiner Plantage starb. Sie versucht bis heute diverse Nach- und Neuauflagen vieler legendärer Kauka-Figuren zu initiieren: So hat die magnussoft deutschland GmbH ab 2007 mehrere Computerspiele mit Fix und Foxi auf den Markt gebracht.

Grünwalder KiTa. Quelle: https://www.facebook.com/fixundfoxicomic/photos/a.220632911319342/541785389204091/

Dennoch: „Der lange Todeskampf von Fix & Foxi ist ein Zeichen für einen Umbruch in der Lesekultur, der sich schon lange angekündigt hat. Das Heft um die beiden frühpubertären Füchse lief eigentlich nur in den Sechzigern und Siebziger wirklich gut … Zuletzt wurden 18.000 gedruckt und längst nicht komplett abgesetzt“, so Thomas Lindemann in der Welt. 2007 verlieh das Münchener Comicfestival Rolf Kauka postum den Comicpreis PENG! für sein Lebenswerk, Alexandra nahm den Preis entgegen. Die Gemeinde Grünwald, die lange Zeit Kaukas Wohn- und Verlagssitz war, eröffnete 2014 zu seinen Ehren die neue Kinderkrippe „Fix und Foxi“ auf dem Gelände des Grünwalder Freizeitparks. Im September 2017 erschien bei der Deutschen Post eine Sondermarke mit einem Fix-und-Foxi-Motiv. Die Straße zu seiner Farm in den USA heißt bis heute Kauka Lane.

Seinen Namen tragen hierzulande nicht nur die SOS-Kinderdörfer, sondern auch weit über 100 Schulen. Der Deutsche Basketball Bund spielt in Erinnerung an ihn jedes zweite Jahr im Frühjahr in Mannheim einen Pokal für Jugend-Nationalmannschaften aus. Eine Dokumentation über ihn erhielt 1958 den ersten Oscar als Bester Dokumentarfilm. Daneben reformierte er den Orgelbau; auf seine Vorstellungen gingen die Instrumente in St. Reinoldi (Dortmund 1909) und Sankt Michaelis (Hamburg 1912) zurück. Und fast nebenbei erfand er den konvexen „Rundbogen“, dessen Haare beim Geigenspiel so entspannt werden können, dass ein gleichzeitiges Anstreichen aller Saiten möglich ist: Albert Schweitzer. Der Universalist starb am 4. September 1965 in Gabun.

Geboren am 14. Januar 1875 in Kaysersberg im Elsass, wuchs er im Pfarrhaus des oberelsässischen Günzbach – dem heutigen Gunsbach – auf, wo sein Vater Dorfpfarrer war. Das Hochdeutsche erlernte Schweitzer erst in der Schule, Deutsch und Französisch beherrschte er fast gleich gut. Im Alter von 17 Jahren gab er in Mühlhausen – dem heutigen Mulhouse – sein erstes Orgelkonzert. Ab 1893 studierte er an der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Universität in Straßburg Theologie und Philosophie und ließ sich zugleich in Paris von Charles-Marie Widor zum Organisten ausbilden.

1894/1895 leistete Schweitzer sein Militärjahr beim Infanterieregiment 143 in der Manteuffel-Kaserne in Straßburg und fasste an Pfingsten 1896 den Entschluss, ab seinem 30. Lebensjahr einen Beruf auszuüben, mit dem er den Menschen helfen wolle. Er setzte das Studium der Philosophie und der Musik in Paris fort, ab 1899 in Berlin, wo er in Philosophie promovierte. 1900 wurde er mit einer Arbeit über das Abendmahl zum Doktor der Theologie promoviert und als Vikar an der Nikolaikirche eingesetzt. 1902 erfolgte an der Universität Straßburg die Habilitation in Evangelischer Theologie, damit wurde er Dozent für Theologie an der Universität. In seinem großen Buch über Johann Sebastian Bach (1905/1908) zeichnete er Bach als Dichter und Maler in Tönen. Auch als Herausgeber der Orgelwerke Bachs gemeinsam mit Widor erwarb er sich 1912/13 große Verdienste.

Albert Schweitzer. Quelle: https://www.welt.de/gesundheit/article117999649/Rettung-fuer-Albert-Schweitzers-Urwaldklinik.html#cs-Albert-Schweitzer-Holds-Two-Newborn-Infants-At-Lambarene-2.jpg

Von 1905 bis 1913 studierte Albert Schweitzer Medizin in Straßburg mit dem Ziel, in Französisch-Äquatorialafrika als Missionsarzt tätig zu werden. Die Immatrikulation war jedoch sehr kompliziert, da er ja bereits Dozent an der Universität war. Erst eine Sondergenehmigung der Regierung machte das Studium möglich. 1912 wurde er als Arzt approbiert, im gleichen Jahr wurde ihm der Titel eines Professors für Theologie verliehen auf Grund seiner „anerkennenswerten wissenschaftlichen Leistungen“. In diesem Jahr heiratete er auch Helene Bresslau, die Tochter des jüdischen Historikers Harry Bresslau, und hat mit ihr eine Tochter. 1913 erschien seine „Geschichte der Leben-Jesu-Forschung“, im selben Jahr folgte seine medizinische Doktorarbeit. Somit war er im Alter von 38 Jahren, bevor er nach Afrika ging, in drei verschiedenen Fächern promoviert, habilitiert und Professor.

„Humanisierung des Krieges“

Noch 1913 reiste Albert Schweitzer mit Helene nach Afrika und gründete auf dem Gelände der Pariser evangelischen Mission in Andende – einem Stadtteil von Lambaréné in Gabun – sein erstes Spital. Er begann in einem alten Hühnerstall, den er bald in einen Operationssaal umwandelte, fügte dann kleine Bambuspavillons für die Kranken an. Seine Frau wirkte als Verwalterin und Krankenschwester, ein Einheimischer assistierte ihr und diente als Dolmetscher. Wegen des weitverzweigten Flussnetzes war der Ort aus allen Himmelsrichtungen erreichbar. Nach der Fertigstellung des Krankenhausbaus konnte er ans andere Flussufer, nach Lambarene, umziehen.

1915 benutzte Schweitzer nach einer Schifffahrt auf dem Fluss Ogove erstmals den für sein weiteres Leben zentralen Begriff der „Ehrfurcht vor dem Leben“; darin sah er zusammengefasst das „Grundprinzip des Sittlichen: Gut ist: Leben erhalten, Leben fördern, entwicklungsfähiges Leben auf seinen höchsten Wert bringen. Böse ist: Leben vernichten, Leben schädigen, entwickelbares Leben niederhalten“. Dieses Grundprinzip sei denknotwendig, absolut und universal, Ausgangspunkt dieses Denkens ist ihm die Erkenntnis: „Ich bin Leben, das leben will inmitten von Leben, das leben will“. Der Erste Weltkrieg machte einen weiteren Ausbau seiner Krankenstation unmöglich, 1917 wurde Schweitzer wegen seiner deutschen Staatsbürgerschaft als Zivilinternierter nach Südfrankreich interniert.

Bei einer Behandlung. Quelle: https://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/menschen/albert-schweitzer-ein-leben-fuer-afrika-12278990/der-urwalddoktor-albert-12279847.html

1918 konnte er nach Straßburg zurückkehren, nahm die französische Staatsbürgerschaft an (obwohl er sich selbst gern als „Weltbürger“ bezeichnete) und arbeitete dort als Arzt und Vikar an der Nikolaikirche. Durch Vorträge, Bücher und Orgelkonzerte gelang es ihm, weitere Finanzmittel einzutreiben. 1924 kehrte er nach Afrika zurück, wo er nun ein größeres Krankenhaus bauen konnte. Bald wurde die Raumnot aber wieder zu groß, und er begann, drei Kilometer oberhalb der Missionsstation seine dritte Krankenstation zu bauen. Das 1927 bezogene neue Spital Lambaréné bot mehr als 200 Patienten Platz, europäische Ärzte und Krankenschwestern unterstützten Schweitzer. Im Zweiten Weltkrieg blieb die Einrichtung aufgrund ihrer weltweiten Bekanntheit unzerstört. Er führte jahrzehntelang ein zweigeteiltes Leben: Der Arbeit in seinem Hospital standen längere Aufenthalte in Europa gegenüber, während denen er Konzerte gab, Vorträge hielt und Bücher schrieb – 27 waren es am Ende.

1928 erhielt Schweitzer den Goethepreis der Stadt Frankfurt; mit dem Preisgeld ließ er in Günzbach ein neues Haus bauen, in dem er dann während seiner Aufenthalte in Europa lebte. In seiner Rede zum 100. Todestag Johann Wolfgang von Goethes 1932 in Frankfurt warnte Schweitzer vor den Gefahren des aufkommenden Nationalsozialismus. Versuchen von Joseph Goebbels, den in Lambaréné weilenden Schweitzer einzuladen und für die NS-Ideologie zu gewinnen, erteilte er auf die „mit deutschem Gruß“ geschlossene Anfrage „mit zentralafrikanischem Gruß“ eine höfliche Absage. 1949 unternahm Schweitzer seine erste Reise in die USA, wo man in ihm „den größten Mann des Jahrhunderts“ sah. 1951 wurde Schweitzer mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet.

Lambarene heute. Quelle: https://www.tagesspiegel.de/images/schweitzer3/8447766/2-format3001.jpg

Für 1952 erhielt er 1953 den Friedensnobelpreis – mit dem Preisgeld errichtete er ein Lepradorf in Lambaréné. In seiner erst 1954 gehaltenen Dankesrede sprach sich Schweitzer deutlich für eine generelle Verwerfung von Krieg aus: „Krieg macht uns der Unmenschlichkeit schuldig“, „zitiert“ er Erasmus von Rotterdam. Infolge der Genfer Konvention von 1864 und der Gründung des Roten Kreuzes sei es zu einer „Humanisierung des Krieges“ gekommen, die dazu geführt hätte, dass die Menschen 1914 den beginnenden Ersten Weltkrieg nicht in der Weise ernst genommen hatten, wie sie dies hätten tun sollen. 1955 bekam er den Orden „Pour le mérite“ in der Friedensklasse, hinzu kamen Ehrendoktorwürden zahlreicher Universitäten.

Arzt und Atomkriegsgegner

Zum Teil wurden Schweitzer rassistische, paternalistische und pro-kolonialistische Einstellungen vorgeworfen. So kritisierte er die Unabhängigkeit von Gabun, weil das Land dafür noch nicht bereit sei. Chinua Achebe berichtete, dass Schweitzer gesagt habe, Afrikaner seien seine Brüder, jedoch seine „jüngeren Brüder“. Der amerikanische Journalist John Gunther besuchte Lambaréné in den 1950ern und kritisierte Schweitzers paternalistische Einstellung gegenüber Afrikanern: Diese würden dort nicht als Fachkräfte eingesetzt. „Mein Vater kam mir immer wie ein Patriarch im Alten Testament vor, mit seiner Sippe von schwarzen und weißen Menschen“, erinnert sich seine Tochter an ihre Aufenthalte in dem Hospital. „Und obwohl er unerbittlich sein konnte über die Art, in der er etwas getan haben wollte, nahm man das hin, denn er hatte dieses Lambaréné geschaffen.“

Aufsehen lösten 1957 drei vom Rundfunk in Oslo ausgestrahlte Reden aus, in der er gegen die Kernwaffenversuche auftrat und zur Vernunft angesichts der atomaren Weltgefahr mahnte; sie erschienen als Buch unter dem Titel „Friede oder Atomkrieg“ und wurden in viele Sprachen übersetzt. Immer größer wurde seine Wirksamkeit im europäischen Kulturleben durch Orgelkonzerte, Vorträge und Reden; seine ethischen Impulse wurden nicht nur im europäischen Raum, sondern in der ganzen Welt gehört und gewürdigt. Nach dem Abschluss des Versuchsstoppabkommens im Jahr 1963 beglückwünschte Schweitzer John F. Kennedy und Nikita Chruschtschow brieflich zu ihrem „Mut und Weitblick, eine Politik des Friedens einzuleiten“. Allerdings protestierte er im selben Jahr noch einmal öffentlich gegen die nach dem Vertrag weiterhin erlaubten unterirdischen Kernwaffentests.

Anti-Atom-Plakat BRD 1958. Quelle: https://www.hdg.de/lemo/bestand/objekt/plakat-albert-schweitzer-gegen-atomwaffen.html

1957 starb seine Frau. Ende der 1950er Jahre wich die Verehrung Schweitzers einer kritischen Bestandsaufnahme seines Hospitals. Viele kritische Äußerungen richteten sich vordergründig gegen Schweitzers Tätigkeit in Lambaréné, zielten aber offensichtlich auf die Diskreditierung seines öffentlichen Ansehens als Friedensnobelpreisträger im Zusammenhang mit seinem Engagement gegen die Atomrüstung. Theodor Heuss, den er noch aus seiner Jugendzeit kannte und den er bei dessen Heirat getraut hatte, beanstandete Schweitzers Briefwechsel mit Walter Ulbricht und die Kontakte mit der Deutschen Friedens Union DFU. Parallel dazu erhielt er die Ehrendoktorwürde der Universitäten Münster und Braunschweig und ist seit 1959 Ehrenbürger der Stadt Frankfurt am Main.

1964, ein Jahr vor seinem Tode, übertrug Schweitzer, inzwischen überzeugten Veganer, die ärztliche Leitung des Spitals dem Schweizer Arzt Walter Munz. Immer noch kamen hunderte Patienten täglich. Anfang 1965 besuchten den Mann mit dem markanten Schnauzbart anlässlich seines 90. Geburtstages zahlreiche Repräsentanten aus aller Welt in seinem Krankenhaus in Afrika. Begraben wurde er neben seiner Frau. Drei Monate tanzten Afrikaner immer wieder Totentänze, um den Menschen im Jenseits zu zeigen, was für ein bedeutender Mann zu ihnen kommt – Totentänze dauerten sonst kaum eine Woche. Das Krankenhaus – heute eine Siedlung mit über 1000 Menschen – ging später auf die Schweitzer-Stiftung über. Im Wohnhaus Schweitzers in Günsbach wurden ab 1967 Archiv und Museum eingerichtet. Heute befinden sich hier tausende Briefe und viele Manuskripte seiner veröffentlichten und unveröffentlichten Bücher und Predigten, daneben Dias, Filme, Tonband- und Videokassetten, Tonbänder und Schallplatten mit seinen musikalischen Aufnahmen.

„Sühne zu leisten“

In diesem Jahrtausend nahm die Kritik post mortem an Schweitzer erneut zu. André Audoynaud, sein ärztlicher Direktor Anfang der Sechziger Jahre, kritisierte, Schweitzer habe sein Hospital trotz hoher Spenden nicht modernisiert und unelektrifiziert gelassen, unhygienische und krankheitsfördernde Zustände mit der Begründung von Tierliebe geduldet, Symptomkuriererei betrieben und blind das europäische Modell der Krankenversorgung übertragen. Überdies habe er einen kolonialen Führungsstil gepflegt, schwarze Angehörige von Erkrankten zu Fronarbeit gezwungen und geschlagen. Er sei – dem 19. Jahrhundert verhaftet – in Afrika ein Fremder geblieben, habe trotz großer Unterstützung wenig bewirkt, sich aber medienwirksam mit fremden Federn geschmückt.

Schweitzer beim Orgelspiel. Quelle: https://germanculture.com.ua/wp-content/uploads/2018/02/Dr.-Albert-Schweitzer-Playing-The-Organ-In-1952-e1518744759496.jpg

Diese Kritik wurde allerdings erst 2005 veröffentlicht; es gibt so gut wie keine Augenzeugen mehr, um die Vorwürfe zu überprüfen. Einzelne Vorwürfe können zudem widerlegt werden: Im dokumentarischen Film „Albert Schweitzer“ bereitet sich ein schwarzer Mediziner auf eine Operation vor. Zumindest im Jahre 1964 war der Operationssaal mit einem Generator versehen und mit elektrischen Operationsleuchten ausgestattet. In seiner 2009 erschienenen Biographie über Albert Schweitzer bezeichnete ihn der Theologe Nils Ole Oermann als einen „Meister der Selbstinszenierung“, ohne jedoch die großen Leistungen Schweitzers zu leugnen.

„Er war ein ruhiger Mensch, mit einem Sinn für trockenen Humor, doch er konnte auch zornig werden“, erinnerte sich Ary Van Wijnen 2009, einer seiner medizinischen Direktoren. „Er war eine starke Persönlichkeit und ein kleiner Diktator – aber nicht im schlechten Sinne. Er konnte gut zuhören, man konnte mit ihm diskutieren und ihn dabei auch überzeugen.“ Van Wijnen gab zu, dass er für einige Menschen „fast wie ein Heiliger“ war und man ihn zu viel herausgestellt habe. Dennoch sei er „sehr sensibler Mensch“ gewesen: „Er hat auch geschrieben, wir sind nicht nur in Afrika, um zu entdecken, sondern um etwas Gutes zu tun und damit Sühne zu leisten.“ Schweitzers Jugenderinnerungen bezeichnete Hermann Hesse als „beste Jugenderinnerung im deutschen Sprachraum“.

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