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Herzlich willkommen!

Als Freier Journalist für konservative Medien blogge ich unregelmäßig Betrachtungen zu Interessantem und Wissenswertem aus politischer und Alltagskultur.

Als Bildungsbürger kommentiere/rezensiere ich vielerlei kulturelle Phänomene – vom Roman über den Musikergeburtstag bis zum Regisseurstod.

Als Dozent und parlamentarischer Berater informiere ich Sie auf meiner Webpräsenz über meine Aktivitäten rings um die Themenkreise Hochschule, Wissenschaft Medien und Kultur.

Und als Mensch lasse ich Sie gern an meinen freizeitlichen Aktivitäten teilhaben, zu denen nicht zuletzt Kochen gehört 😉

Warum gerade Betrachtungen?

Ich empfinde dieses Genre – eine Meinungsdarstellungsform übrigens – als eins der zeitgemäßen schlechthin.

Eine Betrachtung soll durch Beschreibungen und Schilderungen, Vergleiche und Annäherungen bis hin zur Analyse einem Ereignis, einer Situation, einem Gegenstand oder auch einem (gesellschafts-) politischen Problem Individualität verleihen: Recherche darf in gewissem Maße substitutiert werden durch Subjektivität.

Die Betrachtung ist durchaus mit derselben eines Kunstwerks in einer Ausstellung vergleichbar: man wählt zunächst die Gesamtschau und wechselt dann zu einzelnen Aspekten.

Dabei ist dem Genre eigen, dass die Prioritäten dieser Aspekte oft im Vagen bleiben: aus der Betrachtung erwächst ein Gedanke, der das formale Ziel darstellt.

Der Gegenstand darf dabei Randerscheinung eines größeren Zusammenhangs bleiben: „die Bedeutung des Unbeachteten birgt den Kern ihrer Aussage“ (Degen 2004).

Viel Spass beim Lesen – und natürlich beim Kommentieren!

Seine rhetorischen Entgleisungen waren legendär, vor allem die beim 44. Liebesmahl des Ostasiatischen Vereins im Hamburger Atlantic-Hotel am 13. März 1964. „Herr Schah, Sie verstehen nichts von Wirtschaft“, verlautbarte er da in Richtung Iran, oder „Indonesien besteht aus Inseln, die liegen teils nördlich, teils südlich vom Äquator, und dazwischen ist eine Menge Wasser“, erteilte er Geographie-Unterricht. Seine legendärste, die Anrede „Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Neger!“ bei einem Staatsbesuch in Liberia, war dagegen eine Erfindung des SPIEGEL. Die Rede ist von Bundespräsident Heinrich Lübke, der 14. Oktober 1894 im sauerländischen Enkhausen geboren wurde.

Belegt ist, dass Lübke in Tananarive, der Hauptstadt Madagaskars, den Präsidenten Philibert Tsiranana und seine Frau Justine mit den Worten „Sehr geehrter Herr Präsident, sehr geehrte Frau Tananarive“ grüßte. Die echten und vermeintlichen Fehlleistungen begeisterten die deutsche Kabarett-Szene. Aufgrund des dem Bundespräsidenten entgegenschlagenden Spotts entschied der Bayerische Rundfunk, die Vorstellungen der Münchner Lach- und Schießgesellschaft nicht weiterhin live zu übertragen. Ausschnitte von Lübke-Reden wurden von der Zeitschrift „pardon“ auf der erfolgreichen Langspielplatte „Heinrich Lübke redet für Deutschland“ verarbeitet.

Lübke im Arbeitszimmer. Quelle: http://www.bundespraesident.de/DE/Die-Bundespraesidenten/Heinrich-Luebke/heinrich-luebke-node.html#-gallery

Dass er gern von den für ihn vorbereiteten Manuskripten abwich und improvisierte, war sowohl bekannt als auch Kündigungsgrund für manche Redenschreiber. An die Presse verteilt wurden immer nur die Textentwürfe, nie die tatsächlich gehaltenen Reden. Als weiterer Grund aber ist heute auch seine Krankheit anerkannt: Lübke litt schon seit den frühen 1960er Jahren an schweren Durchblutungsstörungen des Gehirns, die auf Arterienverkalkung beruhten und immer unerbittlicher voran schritten. Am Ende seiner Präsidentschaft war Heinrich Lübke ein schwer kranker Mann.

„Verantwortung für andere tragen“

Der Sohn eines Schumachers, der sich nebenberuflich landwirtschaftlich betätigte, war das zweitjüngste von acht Geschwistern – „kleine Verhältnisse“, auf die Lübke zeitlebens rekurrierte. In der Schule half ihm der katholische Ortsgeistliche. Sein Abitur 1913 am Gymnasium Petrinum in Brilon ließ keine sonderlichen Begabungen erkennen – „genügend“ hieß es in den meisten Fächern. Er begann ein Studium der Geodäsie, Landwirtschaft und Kulturbautechnik an der Landwirtschaftlichen Akademie in Bonn und meldete sich im August 1914 als Kriegsfreiwilliger.

Überliefert ist, dass er keiner Gefahr aus dem Weg ging, was seine Kameraden beeindruckte, und mit einer Gasvergiftung im Lazarett lag. Ausgezeichnet mit dem EK I und II, war sein letzter Dienstgrad 1918 Leutnant der Reserve. Er war Zeuge des Sterbens bei Langemarck und sagte später, er habe gelernt, „Verantwortung für Leben und Gesundheit anderer zu tragen“. Seine Treffen mit den alten Kameraden schilderte er als fröhliche Veranstaltungen.

Nach Kriegsende nahm er sein Studium wieder auf, beendete es 1921 als Vermessungs- und Kulturingenieur und begann im selben Jahr Nationalökonomie in Münster und Berlin zu studieren. Seit 1923 war Lübke in Berlin im kleinbäuerlichen Organisations- und Siedlungswesen tätig und 1925 an der Gründung des Reichsverbandes landwirtschaftlicher Klein- und Mittelbetriebe beteiligt, den er als Geschäftsführer betreute. Daraus entstand, durch Zusammenschluss mit einer Reihe anderer mittelbäuerlicher Verbände, 1927 die Deutsche Bauernschaft. Neben deren Geschäftsführung leitete Lübke die im selben Jahr gegründete Siedlungsgesellschaft Bauernland. Durch weitere Mitgliedschaften in Vorständen und Aufsichtsräten landwirtschaftlicher Organisationen und Kreditinstitute wurde der vielbeschäftigte Verbandspolitiker zu einem erfolgreichen Agrar- und Siedlungsexperten. Die großbäuerlichen Interessenvertreter bekämpften ihn als „Bodenreformer“ und „roten Lübke“.

Ehepaar Lübke. Quelle: http://www.bundespraesident.de/DE/Die-Bundespraesidenten/Heinrich-Luebke/heinrich-luebke-node.html#-gallery

1929 heiratete er die Lehrerin Wilhelmine Keuthen, die Ehe blieb kinderlos. Im April 1932 in den Preußischen Landtag gewählt (Zentrum), und am 5. März 1933 wiedergewählt, verlor Lübke nach Hitlers Machtübernahme alle Ämter und wurde 1934 unter dem Vorwand der „Korruption“ verhaftet. Nach 20 Monaten kommt er frei und erholt sich, zunächst arbeitslos, bei Flensburg auf dem Bauernhof seines älteren Bruders Friedrich Wilhelm Lübke, des späteren Ministerpräsidenten Schleswig-Holsteins. Nach Wehrübungen zum Hauptmann d.R. befördert, wurde er nicht zum Kriegsdienst einberufen, sondern dienstverpflichtet und als Vermessungsingenieur dem Ingenieurbüro Walter Schlempp in Berlin zugewiesen.

Das unterstand als Baugruppe der Verfügung des Generalbauinspektors für die Reichshauptstadt Albert Speer, war mit dem Bau von zivilen und militärischen Anlagen in Peenemünde, später in Sachsen-Anhalt beschäftigt und errichtete auch Unterkünfte für ausländische Zwangsarbeiter und KZ-Häftlinge. Lübkes Unterschrift findet sich nicht nur unter Papieren, die ihn als Leiter der Baugruppe Schlempp ausweisen, der in eigener Regie ein KZ-Häftlings-Kommando dirigierte, sondern auch unter Bauzeichnungen eines Lagers – ein weiterer Grund für die vorzeitige Aufgabe seines Amts. Heute weiß man, dass die entsprechenden Pausen für jede Art von Baracke geeignet gewesen wären.

„Sie sind ganz einfach kleinkariert“

Seit 1945 CDU-Mitglied und bis 1946 mit einem eigenen Baubüro in Höxter selbständig, gehörte er von Anbeginn dem Landtag von Nordrhein-Westfalen an und amtierte als Minister für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten. Von 1949 bis 1959 war er mit einer Unterbrechung CDU-Bundestagsabgeordneter und wurde am 20. Oktober 1953 als Bundesminister für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten in die Adenauer-Regierung berufen.

Auf der Grundlage jährlich entwickelter „Grüner Pläne“ gelang es ihm seit 1955, die Landwirtschaft zu modernisieren und ihren strukturellen Anpassungsprozess ohne soziale Erschütterungen vorzunehmen. Sein Mitarbeiterstab beschrieb ihn als tüchtigen Experten, gründlich, gewissenhaft, korrekt, allerdings ohne jegliches rhetorisches Talent. Wo andere unterhielten, da wollte Lübke belehren, was eine Datenflut nach sich zog, die kein Zuhörer nachvollziehen konnte.

Lübke mit Queen Elisabeth II. Quelle: http://www.bundespraesident.de/DE/Die-Bundespraesidenten/Heinrich-Luebke/heinrich-luebke-node.html#-gallery

Nach dem überraschenden Rückzug Adenauers von der Kandidatur für das Amt des Bundespräsidenten Anfang Juni 1959 wurde Lübke am 15. Juni in Bonn als „Ersatzmann“ der Unionsparteien nominiert und am 1. Juli 1959 als Nachfolger von Theodor Heuss gewählt. Er setzte sich im zweiten Wahlgang gegen Carlo Schmid von der SPD und Max Becker von der FDP durch.

Die Presse verfuhr ungnädig mit ihm, lobte allerdings seine Frau Wilhelmine dafür, dass sie sechs Fremdsprachen beherrschte, und ein Staatssekretär namens Sonnemann gab zu Protokoll, Lübke sei doch eine gute Wahl für Frauen, „weil er in einer unauffälligen Eleganz immer wie aus dem Ei gepellt“ daherkomme. Er war bis zur Wahl von Christian Wulff 2010 der einzige römisch-katholische Bundespräsident.

„Viel intellektuell Neues präsentierte er nicht, er war stramm antikommunistisch, als alter Reserveoffizier nah bei der Bundeswehr und mochte die Oder-Neiße-Grenze nicht anerkennen“, bilanzierte Philip Cassier in der WELT. Lübke glaubte unbeirrbar an die Wiedervereinigung des getrennten Deutschland. 1963 proklamierte er den 17. Juni, den „Tag der deutschen Einheit“, zum „Nationalen Gedenktag des deutschen Volkes“.

Zudem verstand er sich in der Rolle des „nationalen Hüters historischer Bildung“. Er gehörte zu den Bundespräsidenten, die nicht alle Gesetze des Bundestags unterzeichneten, so das Gesetz gegen den Betriebs- und Belegschaftshandel, da es seiner Ansicht nach gegen die im Grundgesetz garantierte Freiheit der Berufswahl und der Berufsausbildung verstoße.

Lübke machte von Anfang an die Entwicklungshilfe zu einem Hauptanliegen seiner Präsidentschaft. Schon in seiner Antrittsrede von 1959 konstatierte er die dringende Notwendigkeit internationaler Hilfe und Verantwortlichkeit in Anbetracht weltweiten Hungers. 1962 initiierte er die Gründung der Welthungerhilfe als erster deutscher konfessionell nicht gebundener Entwicklungshilfeorganisation.  

Den Kampf gegen „Hunger, Krankheit und Unwissenheit“ sah er als größte Herausforderung überhaupt an. So bereiste er 37-mal das Ausland, Afrika zumal, war da aber gezwungen, Englisch zu sprechen, was furchtbar schiefging, und wurde den Habitus des weißen Mannes, der armen Schwarzen milde Gaben zukommen ließ, nie ganz los. In Niamey, der Hauptstadt des Niger, ist eine Hauptstraße nach ihm benannt.

Lübke mit de Gaulle und Adenauer. Quelle: Quelle: http://www.bundespraesident.de/DE/Die-Bundespraesidenten/Heinrich-Luebke/heinrich-luebke-node.html#-gallery

Seine Wiederwahl war wegen seines Gesundheitszustands, der inzwischen auffällig und selbst in der CDU diskutiert wurde, umstritten. 1968 begann seine Demontage.  Schon 1964 und 1966 hatte der oberste SED-Propagandist Albert Norden versucht, eine öffentliche Kampagne gegen Lübke vom Zaun zu brechen mit Vorwürfen, der Bundespräsident sei im Zweiten Weltkrieg ein Günstling der Gestapo gewesen und habe an der Errichtung von KZ mitgewirkt. Die Lage änderte sich erst, als die auflagenstärkste Illustrierte Europas Stern Anfang 1968 ein „Gutachten“ eines US-Schriftexperten veröffentlichte, der einige stasiverfälschte Dokumente für echt erklärte.

Stern-Chef Henri Nannen ließ nun eine Reihe von Artikeln und selbst verfasste Editorials folgen, in denen er die Tonlage verschärfte, und bemitleidete den Bundespräsidenten schließlich für die „bedauernswerte Figur, die Sie in Ihrem Amt bieten. Sie sind ganz einfach kleinkariert.“ Die Süddeutsche diagnostizierte der Bundesrepublik ein „Leiden an Lübke“, die Neue Rhein-Zeitung legte ihm den Rücktritt nahe. Der SPIEGEL attackierte Lübke nicht ganz so scharf, doch auch Rudolf Augstein konstatierte auf seiner Titelseite die „Präsidenten-Krise“ und zeigte bitter-böse Lübke-Karikaturen.

Schließlich entschied sich Lübke für eine Fernsehansprache – und tat sich damit als ungelenker Redner keinen Gefallen, so dass seine Argumentation in der Öffentlichkeit als teilweises Schuldeingeständnis ankam. Ende März 1968 versetzte ein SPD-Bundestagsabgeordneter dem Präsidenten den finalen Schlag: Franz Marx weigerte sich, das ihm verliehene Bundesverdienstkreuz anzunehmen. Er hatte im Dritten Reich im KZ Dachau gelitten und gab als Begründung für das Ausschlagen des Ordens an, Lübkes „Beteiligung an KZ-Bauten“ sei nicht geklärt.

„redlich und gewissenhaft“

Mit der Begründung, das Amt aus dem bevorstehenden Bundestagswahlkampf herauszuhalten, kündigte Lübke am 14. Oktober 1968 seinen Amtsverzicht zum 30. Juni 1969 an, sodass die Wahl eines Nachfolgers zweieinhalb Monate früher als turnusmäßig erforderlich bereits im März 1969 stattfinden konnte. Er wich dem Sozialdemokraten Gustav Heinemann, die Große Koalition unter Kanzler Kurt-Georg Kiesinger wich dann dem sozialliberalen Bündnis unter Willy Brandt.

Lübke mit Brandt und Wehner. Quelle: http://www.bundespraesident.de/DE/Die-Bundespraesidenten/Heinrich-Luebke/heinrich-luebke-node.html#-gallery

Heinrich Lübke hat zweimal eine Genehmigung zur Strafverfolgung wegen Verunglimpfung des Bundespräsidenten erteilt. Ein 45jähriger Redner der „Deutschen Reichspartei“ hatte 1960 vor fünfzig Zuhörern erklärt, der Bundespräsident sei gewählt worden „wie der Vorsitzende eines Kaninchenzucht-Vereins“, und die rhetorische Frage angeschlossen, welcher Charakter dazu gehöre, ein derart entwertetes Amt anzunehmen. Die Strafkammer Dortmund sprach den Angeklagten frei. Der Bundesgerichtshof hat das Urteil aufgehoben, weil Kritik zwar hart sein dürfe, aber vor herabsetzenden Äußerungen über den Bundespräsidenten haltzumachen habe. Im zweiten Fall, gegen den Simplicissimus wegen einer Lübke-Karikatur mit Ulbricht-Spitzbart, lehnte das zuständige Landgericht München die Eröffnung des Verfahrens ab.

Ihm verblieb keine Aufgabe, und neue Pflichten konnte er aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr übernehmen. Seine Parteifreunde ignorierten ihn, wenn sie ihn nicht gar mieden; Heinemann hielt jedoch Kontakt zu ihm. Neben der fortschreitenden Zerebralsklerose wurde 1972 auch ein weit fortgeschrittener Magenkrebs festgestellt. Am 6. April 1972 starb Lübke im Alter von 77 Jahren in Bonn und wurde in seinem Heimatdorf begraben. Seine Frau überlebte ihn um neun Jahre.

Lübke habe andere Bevölkerungskreise als sein Amtsvorgänger Heuss angesprochen und das Amt des Staatsoberhaupts „redlich und gewissenhaft, aber ohne Glanz und Ausstrahlung“ geführt, meint sein Biograph Rudolf Morsey, der den Begriff des „vergessenen Präsidenten“ prägte. Die „Modernität“ des mehrfachen Ehrenbürgers und Ehrendoktors sei erst im Nachhinein deutlich geworden. Dazu gehörten seine hohe Einschätzung der Wissenschaft und sein frühes Eintreten zugunsten von Umweltschutz und Entwicklungshilfe, aber auch sein Bekenntnis zum „einfachen Leben“ in überschaubaren Verhältnissen. Das Gerücht, Lübke sei ein „KZ-Baumeister“ gewesen, hält sich dank der einst massiven SED-Propaganda zum Teil bis heute.

https://www.tumult-magazine.net/post/thomas-hartung-erodierende-streitkultur

Einst war die Universität als akademischer Ort ein Raum, in dem es nicht nur darum geht, was gedacht wird, sondern auch wie, kritisch nämlich; ein Raum, in dem grundsätzlich jede Position verhandelt werden kann. Dazu gehört auch, eigene Überzeugungen immer wieder herauszufordern, zu hinterfragen, Reibungen und Dissens zuzulassen. Das ist offenkundig vorbei.

Wie die meisten wissen, habe ich bei „Tumult“ inzwischen eine eigene Kolumne, in der ich mich aktuell über die immer weiter fortschreitende akademische Einengung der Lehr- und Redefreiheit ausgelassen habe. Darf gern weiter verbreitet werden.

Kein anderes Land in Europa hat im 17. Jahrhundert eine so lang andauernde wirtschaftliche und kulturelle Blütezeit durchlebt wie die Niederlande. In rund einhundert Jahren arbeiteten hier mehr als 700 Maler, die – inspiriert vom Alltag und von Seemännern mitgebrachten Exotika aus aller Welt – mehr Gemälde fertigstellten als im Italien der Renaissance und in Frankreich zur Zeit des Impressionismus. Rembrandt Harmenszoon van Rjin ist der wohl bedeutendste Vertreter dieses „Goldenen Zeitalters“. Am 4. Oktober vor 350 Jahren starb er in Amsterdam – das Land hat 2019 aus diesem Anlass kurzerhand zum Rembrandt-Jahr erklärt.

Geboren am 15. Juli 1606 in Leiden als achtes von neun Kindern eines Müllers und einer Bäckerstochter, besuchte er erst vier Jahre die Grundschule und dann weitere vier die calvinistische Lateinschule, wo er u.a. in Biblischer Geschichte unterrichtet wurde. Für das Studium der Philosophie in seiner Heimatstadt hat er sich vermutlich nur eingeschrieben, um wie alle Studenten steuerfrei Bier verköstigen zu dürfen, vermuten manche Biographen. Denn seine wahre Leidenschaft gilt schon damals der Malerei. Von 1620 bis 1624 war er Schüler von Swanenburgh, im Anschluss volontierte er bei dem Historienmaler Pieter Lastman. 1625 eröffnete er mit seinem Freund Jan Lievens in Leiden eine eigene Werkstatt und begann drei Jahre später, Schüler aufzunehmen. Erste Erfolge stellen sich auf Vermittlung des Diplomaten Constantijn Huygens ein: Er kann zwei Bilder nach England verkaufen.

Selbstbildnis mit 63. Quelle: artinwords.de

1631 verlässt er seine Heimat und kauft sich beim Amsterdamer Kunsthändler Hendrik Uylenburgh ein. Amsterdam ist im 17.Jahrhundert die Handels- und Finanzmetropole Europas: Uylenburgh kennt den Markt und besorgt ihm Aufträge. Die wohlhabenden Kaufleute der Stadt lassen sich ein Porträt aus der Hand Rembrandts einiges kosten, erzählt die Amsterdamer Kunsthistorikerin Bregtje Viergever im DLF. „Da haben die Leute bis zu 500 Gulden pro Stück für bezahlt. Das war sehr viel. Gute Handwerker verdienten damals 200 Gulden im Jahr. Und eigentlich hatte Rembrandt gar keinen Spaß daran, das zu machen. Das war nicht das, was er wollte.“ 1632 wird sein bislang erfolgreichstes Jahr: Er stellte 30 Gemälde fertig, darunter „Die Anatomie des Dr. Tulp“.

Nach seiner Heirat mit Uylenburghs Nichte Saskia 1634 kauft Rembrandt 1639 in der Breestraat ein repräsentatives Stadthaus, das bis heute als Rembrandthuis zu besichtigen ist. Fortan hat er es nicht mehr nötig, vermögende Amsterdamer zu porträtieren. Er widmet sich endlich den Motiven, die er malen möchte: das sind dramatische Historienbilder, Bibelszenen und Alltagsdarstellungen. Doch das Schicksal meint es keinesfalls nur gut mit ihm. Drei der vier Kinder, die Saskia zur Welt bringt, sterben schon als Säuglinge. Nur Sohn Titus überlebt. Nach dem plötzlichen Tod Saskias 1642 kümmert sich die Haushälterin Geertje Dircx um Titus und um den jungen Witwer.

„die vernünftige Ausbildung in den Akademien bekämpft“

Seine Produktivität lässt nach dem Tod seiner geliebten Frau deutlich nach, er identifizierte sich stark mit seiner Vaterrolle, kümmerte sich in besonderem Maße um seinen Sohn und griff seine familiäre Situation auch in Kunstwerken auf. Trotz der guten Auftragslage, den Erlösen aus dem Verkauf von Radierungen und den Honoraren aus seiner Lehrtätigkeit konnte er seine Schulden nicht abtragen und musste sich weiterhin Geld leihen. Zwar hatte er in dem Dienstmädchen Hendrikje Stoffels eine neue Liebe und Muse gefunden, doch die wurde 1654 vor den Amsterdamer Kirchenrat geladen, der sie wegen unzüchtigen Zusammenlebens mit Rembrandt rügte. Sie gebar die Tochter Cornelia.

Bildnis von Mutter und Tochter. Quelle: twitter

Da ihm Geertje bei der Beziehung zu Hendrickje im Weg stand, lässt er sie auf juristisch fragwürdige Weise in eine Besserungsanstalt in Gouda stecken. Er wird mitunter als unangenehmer Mensch empfunden, als Egoist, Streithammel, ja richtiger Stinkstiefel: beleidigend, verletzend, unnachgiebig. 25 Rechtsstreitigkeiten hat er in seinem Leben geführt, von vielen Amsterdamern wurde er für seine Starrköpfigkeit und Unverschämtheit verachtet. Der so einfühlsame Bilder malen konnte, war auch ein skrupelloser Mensch, der nur für seine Kunst lebte und mit der Bewältigung des Alltags oft überfordert war, so sein Biograph Christoph Driessen.

Kurz bevor er 1656 für zahlungsunfähig erklärt wurde, überschrieb Rembrandt sein Haus auf seinen Sohn Titus. Als mit dem Erlös aus der Versteigerung seines Hauses und seiner Sammlung die Schulden nicht vollständig beglichen werden konnten, musste der Meister in ein sozial schwaches Viertel umziehen und führte dort ein abgeschiedenes Leben. Vier Jahre später stellten ihn Titus und Hendrickje in ihrer Kunsthandlung an, wodurch er Geschäftskontakte aufrecht halten, Aufträge annehmen und Schüler unterrichteten konnte. 1663 verstarb Hendrickje, 1668 Titus, kurz nachdem er geheiratet hatte. Rembrandt zog zu seiner schwangeren Schwiegertochter. Sie gebar ihm seinen Enkel, dem er im März 1669 Pate wurde.

Ein halbes Jahr später stirbt er krank und mittellos. Da war seine Kunst schon aus der inzwischen klassizistisch geprägten Mode: Zu dunkel, zu realistisch, zu hässlich. Doch Kompromisse hätte der eigensinnige und rebellische Meister nie gemacht. In der 1675 erschienen „Teutschen Akademie“ warf ihm der deutsche Maler Joachim von Sandrart vor, „die Regeln der Kunst – Anatomie, Proportion, Perspektive, die Norm der Antike und die Zeichenkunst Raffaels – nicht beachtet und die vernünftige Ausbildung in den Akademien bekämpft“ zu haben.

Das berühmteste Bild der Niederlande: „Die Nachtwache“ (1642). Quelle: dw.com

Der Kunstschriftsteller Arnold Houbraken ging in „Groote Schouburgh“ 1718 noch weiter, indem er angebliche Zitate Rembrandts und unzutreffende biographische Informationen erfand sowie Legenden verbreitete. Zu diesem Zeitpunkt waren die Fakten über Rembrandts Leben zu großen Teilen in Vergessenheit geraten. Deshalb schloss man aus seinen Bildern auf einen niedrigen sozialen Stand und einen schlechten Charakter. Dies wurde auf seine künstlerische Auffassung übertragen.

Als sich aber die Flamen und Wallonen 1830 abgespaltet hatten, zu einem eigenen Staat namens Belgien wurden und Rubens als Nationalmaler behielten, besannen sich die Niederländer, entdeckten Rembrandt wieder und enthüllten 1853 ein Denkmal für ihn in Amsterdam. Seither gilt er als künstlerisches Nationalheiligtum.

 „Ausgezeichnet fotografiert und gespielt“

Rembrandt wurde in mehreren Romanen und Filmen gewürdigt, unter anderem von Charles Laughton und Klaus Maria Brandauer verkörpert. 1942 filmt Hans Steinhoff für die „Terra“ in Anlehnung an den Roman „Zwischen Hell und Dunkel“ von Valerian Tornius „Ewiger Rembrandt“ mit Ewald Balser in der Titelrolle. Darin wurde die Entstehung des Gemäldes „Die Nachtwache“ erzählt, von Richard Angst („Die Geierwally“) gedreht und von Walter Röhrig ausgestattet, der schon für „Das Kabinett des Dr. Caligari“ verantwortlich zeichnete. Damals mit dem Prädikat „künstlerisch wertvoll“ versehen, erkennt das „Lexikon des internationalen Films“ 2017 zwar „Einflüsse der nationalsozialistischen Kulturlenkung“, muss aber selbst mit 75 Jahren Abstand zugeben: „Ausgezeichnet fotografiert und gespielt“.

Brandauer als Rembrandt. Quelle: imdb.com

„Rembrandts Motive des Alltags, der präzise Einsatz von Licht und Schatten und die Vielfalt seiner Selbstporträts haben ihn zum Geschichtenerzähler und Vermittler des Humanismus gemacht“, so Moritz Gauditz im DLF. Er war auch ein Chronist seiner Zeit, sagt der Amsterdamer Konservator Erik Hinterding RTL, „Schnappschüsse wie heute auf Instagram“, lacht er und spricht gar von über 80 „Selfies“. Schönheit interessierte den Maler nicht, sondern die Wirklichkeit. Gerade das Unvollkommene faszinierte ihn, Spuren in Gesichtern und auf Körpern. Malte er eine nackte junge Frau, dann zeigte er auch noch die Abdrücke ihrer Strümpfe an den Waden.

Seit 1968 nimmt eine im Rembrandt Research Project zusammengefasste Expertengruppe die Bewertung der Bilder vor, die ihm zugeschrieben werden: Mit technische Hilfsmitteln wie Farbanalysen, Röntgenverfahren und einer dendrochronologische Datenbank mit allen Eichenholzbrettern, auf denen Rembrandt gemalt hat. Heute gilt er als Urheber von rund 350 Gemälden, 300 Radierungen und 1000 Zeichnungen; letztere waren vor allem Etüden für seine ca. 50 Schüler, von denen einige nach dem Ende ihrer Lehrzeit als Assistenten in Rembrandts Werkstatt blieben und viele Werke gestalteten, die eigentlich ihm zugeschrieben wurden. Gerard Douw als Begründer der Leidener Feinmalerei wurde von seinen Eleven am bedeutendsten.

Versteigerung in London. Quelle: Göttinger Tageblatt

Das bei Christie’s in London versteigerte Porträt „Ein Mann mit den Armen in der Hüfte“ von 1658 erzielte 2009 mit über 33 Millionen Dollar den bisher höchsten jemals für ein Werk Rembrandts gezahlten Preis. Im Juli diesen Jahres begann das Rijksmuseum Amsterdam in einem international bislang einmaligen Schritt die Weltöffentlichkeit live an der Restaurierung der „Nachtwache“ teilhaben zu lassen: In Echtzeit im Internet.

„Ich brech‘ die Herzen der stolzesten Frau‘n, weil ich so stürmisch und so leidenschaftlich bin…“ So ironisch kann sich nur besingen, wer seine Rolle gefunden hat. Seine Rolle war: er selbst. Ein kleiner Mann, der seinem physiognomischen oder sozialen Schicksal mindestens einen Moment der Würde abtrotzte und manchmal auch das Glück, selbst wenn es nur ein kleines war. Als er am 3. Oktober 1994 starb, war er über 60 Jahre lang ein Liebling der Deutschen geblieben: als Lausejunge, Mustergatte, Biedermann mit durchaus autoritären Zügen, braver Sünder – und Clown.

Geboren am 7. März 1902 in Wanne, hatte er schon im Alter von ungefähr fünf Jahren seine ersten Auftritte, die er selbst als Urszenen seiner Karriere bezeichnete: Vater Hermann, Betreiber der Bahnhofsgaststätte, holte zum Amüsement seiner Stammgäste seinen Sohn regelmäßig abends aus dem Bett, um ihn auf der Theke Gedichte rezitieren zu lassen. Heinz spielte seine Rolle und genoss den Applaus seines Publikums. Auch die Küche der Mutter war legendär: „Es gehörte zum guten Ton der Wanner Bürger, Samstagabends oder Sonntagmittags zu den Rühmanns in die Gaststätte zu gehen und dort sein Essen einzunehmen“, erzählt Wanne-Eickels Stadtarchivar Jürgen Hagen im DLF.

Als „Pfeiffer mit 3 f“ in seiner Paraderolle. Quelle: rbb-online

Schließlich entdeckt er die Leidenschaft, die ihn 30 Jahre später zum Publikumsliebling im Kino machte: Den Flugplatz Wanne-Herten, zu Pfingsten 1912 eingeweiht. In seinen Erinnerungen meinte er: „Ich bin immer glücklich gewesen, wenn ich bei Mechanikern und Piloten sein durfte, wenn sie an etwas herumbastelten. Es roch so schön nach Öl und Benzin“. Später machte er selbst den Flugschein und übernahm bei den Dreharbeiten zu „Quax der Bruchpilot“ sogar die spektakulären Kunstflugszenen. Präzision wird zeitlebens seine Arbeitsweise prägen: „Wer beim Fliegen einen Fehler macht, der stürzt ab. Das hat er auf seine Rollen übertragen. Hoch fliegen darf nur, wer gut vorbereitet ist“, meint Produzentin Katharina Trebitsch in der Hörzu.

Prototyp des schüchtern-lausbübischen Kleinbürgers

Im Jahr darauf endete die Idylle. Familie Rühmann zog nach Essen, weil der als großspurig beschriebene Vater Chef des mondänen „Hotel Handelshof“ wurde. Doch er übernahm sich finanziell, musste Insolvenz anmelden und beging, als darüber die Ehe zerbrach, 1915 in Berlin Selbstmord. Die Mutter musste jetzt mit einer knappen Witwenrente auskommen und zog mit den drei Kindern nach München. Rühmann verlässt nach der Mittleren Reife die Luitpold-Oberrealschule, nimmt Schauspielunterricht bei Hofschauspieler Friedrich Basil und wird anschließend von Richard Gortner für 80 Mark Monatsgage nach Breslau verpflichtet, wo er 1920 in „Rose Bernd“ von Gerhart Hauptmann und „Die Büchse der Pandora“ von Frank Wedekind zu sehen ist.

Nach einer Odyssee über Hannover, Bremen, Braunschweig, Düsseldorf und die Bayerische Landesbühne landete er bei den Münchner Kammerspielen. Er galt lange als zu klein, zu jungenhaft, um Heldenrollen zu übernehmen. Durch Zufall entdeckt er 1922 im Residenztheater Hannover sein komisches Talent: Weil er „nur“ einen Oberkellner spielt, latscht er schlecht gelaunt über die Bühne – und erhält dafür Szenenapplaus. In Bremen findet er im Schwank „Der Mustergatte“ eine der Rollen seines Lebens – über 2000-mal sollte er sie spielen. Und an der Bayrischen Landesbühne trifft er die erste Liebe seines Lebens: Maria Bernheim, über vier Jahre älter und gut zehn Zentimeter größer als Rühmann, wurde, wie er es selbst nannte, seine „Privatregisseurin“ und 1924 seine Frau.

Der Pilot als Bruchpilot. Quelle: ln-online.de

Parallel dazu bekam er sein erstes Filmangebot: Für den Stummfilm „Das deutsche Mutterherz“. Obwohl anfangs nicht sehr begeistert von den laufenden Bildern, überzeugten ihn die 500 Mark Gage für zehn Drehtage. 1927 geht er zu Max Reinhardt ans Deutsche Theater in Berlin und reift zum erfolgreichen Bühnenschauspieler. Nachdem den Ufa-Produktionschef Erich Pommer ein erstes Vorsprechen für einen Tonfilm noch nicht überzeugte, nutzte er seine zweite Chance und wurde mit der Rolle des „Hans“ in der Filmoperette „Die drei von der Tankstelle“ besetzt. Mit einer Einspielsumme von 4,3 Millionen Reichsmark wurde der Streifen zum erfolgreichsten Film des Jahres 1930.

Mit darauf folgenden Produktionen wie „Einbrecher“, „Bomben auf Monte Carlo“ oder „Der Mann, der seinen Mörder sucht“ wird er trotz modulationsarmer, abgehackter Sprechweise neben Hans Albers zum beliebtesten und bestbezahlten deutschen Filmschauspieler. Als Prototyp des schüchtern-lausbübischen Kleinbürgers, der es durch naive Pfiffigkeit und Frechheiten zu etwas bringt, spielt er in zahlreichen Komödien und Tragikomödien jene leisen und selten wagemutigen Figuren, mit denen sich die Mehrzahl der Zuschauer offenbar identifizieren kann. Wirtschaftlich so abgesichert, erfüllte sich Rühmann seinen Jugendtraum vom Pilotenschein, kaufte sich ein eigenes Flugzeug und wurde zum Fan von Luftkampflegende Ernst Udet. 1932 schloss die Ufa einen Dauervertrag mit ihm.

„Ich wurde gebraucht“

Das Jahr 1933 sieht ihn in einer so gefestigten Position, dass er als „unersetzbar“ gilt: für Kriegsdienste u.k. (unabkömmlich) gestellt, steht er ab 1944 gar auf der legendären „Gottbegnadeten-Liste“ der Nazis. Während viele seiner Kollegen das Land verlassen, baut er, der sich als strikt neutral und unpolitisch versteht, seine Karriere aus. „Ich wurde gebraucht“, rechtfertigt Rühmann später sein Verhalten. „Man sah von hoher Stelle ein, dass ein gewisser Humor unter die Menschen getragen werden muss.“ „Er mogelte sich durch, er lavierte und war deshalb schwer einzuordnen“, betont Biograf Torsten Kröner. Rühmann kam wie viele Prominente des Dritten Reiches in den Genuss von teilweise jährlichen Sonderzahlungen aus einem Geheimfonds Hitlers in Höhe von bis zu 60.000 Reichsmark.

Rühmann mit seiner zweiten Frau Hertha Feiler

Als sich seine jüdische Frau als Karrierekiller zu entpuppen droht und er vor der Wahl „Karriere oder Emigration“ steht, handelt er pragmatisch, nachdem er vier Jahre die Entscheidung vor sich her schob, und stimmt einer Scheidung zu. Gleichzeitig organisiert er die Wiederverheiratung seiner Ex-Frau mit einem schwedischen Kollegen, der ihr so die Emigration nach Schweden ermöglicht. Dabei besteht die Ehe längst nur noch auf dem Papier: Seit 1935 ist Rühmann mit einer Kollegin, der Schauspielerin Leny Marenbach, liiert. Als „Freikauf“ sehen es viele bis heute, auch der jüdische Film-Produzent Arthur Brauner, für den Rühmann ein „charakterlich schwacher Mann“ bleibt.

Im Scheidungsjahr 1938 lernte Rühmann bei Dreharbeiten die Wiener Schauspielerin Hertha Feiler kennen, nach den Nürnberger Rassegesetzen eine „Vierteljüdin“, die er 1939 heiratete. In diesem Jahr wurde er auch wieder in die Reichsfilmkammer aufgenommen. 1942 kam als einziges Kind der Ehe der Sohn Peter auf die Welt. Noch in den späten Kriegsjahren dreht er einen Film nach dem anderen, zuletzt den unsterblichen Pennälerklamauk „Die Feuerzangenbowle“ – eine einzige Heile-Welt-Gaukelei, aber ein filmischer Geniestreich.

Als Reichserziehungsminister Bernhard Rust die Freigabe des Streifens verhindern wollte, weil der Film die Autorität der Schule und der Lehrer geradezu gefährden würde, fährt Rühmann persönlich zu Reichsmarschall Hermann Göring ins Führerhauptquartier. Göring sah den Film im Kreise seines Stabes, ergötzte sich köstlich und bejahte die Frage Hitlers, ob der Film zum Lachen sei. „Dann ist dieser Film sofort für das deutsche Volk freizugeben“, dekretiert der prompt. Joseph Goebbels notiert am 25. Januar 1944 in sein Tagebuch: „Der neue Rühmann-Film ‚Feuerzangenbowle‘ soll unbedingt aufgeführt werden. Der Führer gibt mir den Auftrag, mich nicht durch Einsprüche von Lehrerseite oder von Seiten des Erziehungsministeriums einschüchtern zu lassen.“ Einige Oberprimaner-Statisten erlebten die Premiere des Films schon nicht mehr.

Rühmann als „Charleys Tante“. Quelle: cinema.de

„Sein Anteil am großen Nazi-Verbrechen war die Arbeit für die Ufa-Unterhaltungsmaschine, die explizit das Politische gerade vermied“, dekretiert Beatrix Novy im DLF. Rühmann sei ein „durch und durch deutscher Schauspieler“ mit „vielen Masken“ gewesen, schreibt der Filmregisseur und Freund der Rühmann-Familie Michael Verhoeven; ein unpolitischer Künstler, was ihm manchmal „den vernichtenden Vorwurf des Opportunismus“ eingebracht habe. „Künstler, die das System nicht bekämpft haben, haben das System bestärkt. Auch mit harmlosesten Komödien. Und auch, wenn sie glaubten, mit Harmlosigkeiten dem System zu entgehen.“ In Rühmann könne man sein Publikum wieder erkennen.

„Mit Rühmann oder gar nicht“

Nach einigen Notumzügen im Kriegsberlin begibt sich Rühmann nach erfolgreicher „Entnazifizierung“ durch die russischen Behörden mit „Der Mustergatte“ auf Theatertournee durch die sowjetische Besatzungszone, bevor er nach München geht. Er lebt mit Hertha in einem Behelfsheim auf dem Gelände der Bavaria-Filmstudios. Die von Rühmann 1947 gegründete Produktionsfirma „Comedia“ geht Pleite und reißt das Paar fast in den Ruin. Sohn Peter muss für vier Jahre ins Internat, sieben Jahre zahlen Rühmanns ihre Millionenschulden ab. Auch als es später aufwärts geht, hat er mit Rückschlägen zu kämpfen: Ausgerechnet der Erfolg mit „Charleys Tante“ erweist sich als Falle, denn die Charakterrolle im „Hauptmann von Köpenick“ traut man ihm daraufhin nicht zu. Regisseur Helmut Käutner muss 1956 ein Machtwort sprechen: „Mit Rühmann oder gar nicht.“

Der Schuster als Hauptmann. Quelle: 3sat.de

Die Rolle des Schusters Voigt in der Verfilmung von Carl Zuckmayers Stück begrenzt Rühmanns Fähigkeiten nicht, wie so oft, auf harmlos-schmunzelnden Humor, sondern fordert ihn als den Charakterschauspieler, zu dem er im Alter immer mehr wurde. Wie der zarte 1,65-Meter-Mann mit schnarrender Stimme und klappernden Sporen die preußische Obrigkeitshörigkeit lächerlich macht, gehört zu den Kabinettstücken der Filmgeschichte. Zuckmayer beschrieb ihn fast ehrfürchtig: „Wenn er, nach gelungener ‚Köpenickiade‘, auf der Treppe des Rathauses die Soldaten entlässt ‚Für jeden Mann ein Bier und eine Bockwurst‘ – geht eine so fundamentale Traurigkeit von ihm aus, dass man sich der Vergeblichkeit aller Fluchtversuche des Menschen aus seinem Schicksal schaudernd bewusst wird.“ Auch seine Adaption von „Der brave Soldat Schwejk“ lässt sich so einordnen.

Rühmann überzeugt inzwischen in Stücken wie „Warten auf Godot“ von Samuel Beckett oder Filmen wie „Es geschah am helllichten Tag“. Daneben bemüht er auch seine Sangeskarriere wieder. Als 1955 „Wenn der Vater mit dem Sohne“ in die Kinos kam, wurde sein Wiegenlied „La-Le-Lu“ berühmt  und gelangte, neu arrangiert und mit zeitgemäßem Rhythmus unterlegt, fast 30 Jahre später in die deutschen Single-Charts. 1965 dreht er an der Seite von Vivien Leigh mit „Das Narrenschiff“ seinen einzigen Film in Hollywood. Im Jahr darauf erhält er das Große Bundesverdienstkreuz. 1968 beginnt Rühmann mit dem „Tod eines Handlungsreisenden“ von Arthur Miller seine Arbeit fürs Fernsehen, in den 70ern gastiert er als „Frosch“ in Strauß‘ „Fledermaus“ gar an der Wiener Staatsoper. In seinen letzten Lebensjahren entdeckte Rühmann die Rezitation als neue Leidenschaft, etwa bei den Weihnachtslesungen des ZDF. Die Lesungen im Hamburger Michel sind Monate im Voraus ausverkauft.

1970 stirbt Hertha Feiler in München an Krebs. Da hatte er bereits ein Auge auf seine letzte Liebe geworfen: die schöne Witwe des Verlegers Willy Droemer, die auch Hertha heißt. 1971 lädt sie Rühmann zu einem Alpenrundflug in seinem Sportflugzeug ein – und es funkt. Sie ist 48, er 61, künftig sind sie unzertrennlich. Sie leben ein erfülltes Leben, mit Enkel und Hund. Aus Liebe ändert sie sogar ihren Rhythmus, geht mit ihm jeden Abend zeitig zwischen 21 und 22 Uhr ins Bett, weil er sie immer dabei haben will. „Ich hab mir nie erlaubt, auch nur eine Tasse Kaffee irgendwo zu trinken, weil ich wusste, dass er wartet und unglücklich ist und dass man so schnell wie möglich heim muss“, erzählt sie später.

„Rühmann war nicht komisch“

Nach dem Kinofilm „Gefundenes Fressen“ zieht sich Rühmann 1977 langsam ins Privatleben zurück. 1982  erscheint seine Autobiographie „Das war‘s“. Die frühere Hörzu-Chefreporterin Karin von Faber trifft ihn 1989 zu einem seiner raren Interviews. Ihre Analyse:

„Die permanente Unzufriedenheit mit sich selbst ist der Schlüssel zum Phänomen Rühmann. Seine Rollen glänzen wie Hochkaräter – da schleift einer so lange, bis es perfekt ist. Am Ende dieses Prozesses steht anrührende Einfachheit, durchsichtig wie ein Wassertropfen und ebenso verletzlich.“

Letzter Auftritt. Quelle: gala.de

1993 übernimmt er seine letzte Kinorolle in Wim Wenders „In weiter Ferne, so nah“. Seinen letzten Auftritt hatte Rühmann am 15. Januar 1994 in Linz bei „Wetten, dass…?“ – das Publikum feierte den bereits zur lebenden Legende gewordenen Schauspieler mit minutenlangem stürmischem Beifall und rührte ihn zu Tränen. Er stirbt 92jährig als der Mann, den Wenders „das lebende Denkmal des kleinen Mannes im deutschen Film“ nannte. Hertha hält seine Hand und streichelt sie zärtlich. „Es war das Letzte, was ich für ihn tun konnte“, schreibt sie später in ihrem Buch „Meine Jahre mit Heinz“. 1995 erhielt er posthum die „Goldene Kamera“ als „Größter deutscher Schauspieler des Jahrhunderts“; zuvor hatte er u.a. 13 Bambis gewonnen.

Bei den „Stars in der Manege“ 1980 war er im Circus Krone mit Oleg Popow aufgetreten: In einem Wettstreit zweier Clowns, die sich um einen Flecken Sonnenlicht balgen – bis sie erkennen, dass der Himmelsglanz für alle reicht. Was für die Clownskunst gilt, stimmt auch für ihn: Bereite dich minutiös vor. Nimm ernst, was du tust. Und: Verrate dein Spiel nie durch ironische Distanz. Diese Gratwanderung beim In-Eins-Fallen von Kunst und Leben – das war es, was das Publikum an ihm schätzte, wofür es ihn feierte; und was nichts so treffend auf den Punkt bringt wie sein vielzitiertes Chanson „Der Clown“:

„Er wollte alle Menschen immer lachen machen 
Und machte er selber auch ein trauriges Gesicht.
Und er konnte die komischsten Sachen machen
Aber selber gelacht hat er nicht.

Und hinter ihm liegt nun ein langes Leben 
Bald wird sie verstummt sein, die Zirkusmelodie
Er hat Millionen das Lachen gegeben
Aber selber gelacht hat er nie.“

Rühmanns Grab. Quelle: Wikipedia

Die Bandas sind eine der schönsten und faszinierendsten Inselgruppen Indonesiens inmitten des Archipels der Molukken – und vor 500 Jahren der einzige Ort, wo Muskatbäume wuchsen, deren Nüsse damals eines der wertvollsten Handelsgüter der Welt waren. Mit Muskat wurden Aphrodisiaka gemischt, schale Biere aufgepeppt und natürlich Speisen gewürzt. Der Preis lag bei einer halben Kuh – pro Nuss! Sie wurden auf den Schiffen und Kamelen vor allem muslimischer Händler nach Europa gebracht, die gut daran verdienten. Kein Wunder, dass die christlichen Herrscher Europas so begierig darauf waren, den direkten Weg zu den sagenhaften „Gewürzinseln“ zu finden.

Allerdings hat einer der mächtigsten dieser Herrscher seit 1494 ein Problem. In diesem Jahr wurden, natürlich ohne die Einheimischen zu fragen, die Einflussgebiete der beiden konkurrierenden Mächte Portugal und Spanien durch einen Schiedsspruch von Papst Alexander VI. im Vertrag von Tordesillas festgelegt: Alle neu entdeckten Gebiete westlich der Demarkationslinie von 46 Grad westlicher Länge sollen Spanien gehören. Auf das Land östlich davon können die Portugiesen Anspruch geltend machen. Die Molukken lagen genau da.

Tordesillas-Verhandlungen, dargestellt durch einen unbekannten Künstler. Quelle: http://www.ulrich-menzel.de/odw/tordesillas_gross.jpg

Der portugiesische Seefahrer Fernando Magellan vermutet nun, dass die Inselgruppe westlich der Tordesillaslinie liegt und daher Spanien, nicht Portugal, ein Anrecht darauf hätte. Vielleicht seien die Inseln sogar leichter von Osten nach Westen zu erreichen. Man müsse dazu vom Atlantik in das große Meer auf der anderen Seite segeln, das Vasco Nuñez de Balboa bereits 1513 entdeckt hat. Dass es eine Verbindung zwischen den beiden Ozeanen gibt, ist bisher bloße Spekulation. Magellan will sie für Spanien entdecken und macht König Karl I., als Karl V. später auch deutscher Kaiser, ein Angebot.

geheime Karte gefunden?

Die Geschichte bis zu diesem Angebot ist vor allem eine gekränkter Eitelkeit. Der am 3. Februar 1480 in Sabrosa (Portugal) als Fernão de Magalhães geborene Bürgermeistersohn wurde mit zehn Jahren Waise und erhielt als Page am Hof von König João (Johann) II. eine umfassende Ausbildung. Daran soll auch Martin Behaim als Lehrer beteiligt gewesen sein, ein Nürnberger Tuchhändler und portugiesischer Ritter, der als Anreger des ältesten erhaltenen Globus gilt.

1505 absolvierte er, inzwischen zum Knappen befördert, in Indien seine militärische Ausbildung, nahm an verschiedenen Feldzügen teil und wurde 1510 auf einer Expedition zu den Gewürzinseln zum Kapitän ernannt. Da sich Magellan allerdings mit seinem Schiff heimlich von der Flotte entfernte, um weiter nach Osten zu segeln, wurde ihm das Kapitänspatent wieder abgenommen. Ein Jahr später kehrte er nach Portugal zurück und kämpfte 1513 in Marokko in der Schlacht von Azamor, wo er am Knie verwundet wurde.

Danach fiel Magellan bei König Manuel I. in Ungnade: Er hatte sich beim illegalen Handeln mit den Mauren erwischen lassen. Statt für seine treuen Verdienste für Portugal in Indien und Marokko in den Adelsstand erhoben zu werden, wird er am 15. Mai 1514 aus dem portugiesischen Staatsdienst entlassen. Zutiefst verletzt verlässt er, ebenso wie zuvor Christoph Kolumbus, Portugal und bietet seine Dienste der spanischen Krone an.

Magellans Route. Quelle: https://centrici.hypotheses.org/files/2015/12/World-Map-Magellan-Journey-Victoria-Scherer-c1700-Keilo-Jack-site-Centrici.jpg

Biographen vermuten, dass Magellan im portugiesischen Seefahrtsarchiv eine geheime Karte mit einer Durchfahrt in Südamerika, einem Paso zum Pazifik, gefunden habe. Er schlug also König Karl 1517 eine Entdeckungsfahrt in Richtung Gewürzinseln vor, ohne das Land oder das Meer des portugiesischen Königs zu berühren. Unterstützung fand Magellan beim Astronomen Ruy Faleiro sowie beim Kardinal von Burgos. Im selben Jahr heiratet er eine spanische Beamtentochter und zeugt mir ihr den Sohn Rodrigo, wodurch sein gesellschaftliches Ansehen in Spanien steigt.

Am 22. März 1518 schloss Magellan in Valladolid mit Karl I. einen Vertrag, der die Bereitstellung und Finanzierung von fünf Schiffen vorsah. Ihm als Generalkapitän und Faleiro wurde ein Fünftel der Reichtümer versprochen, die die Reise zu den Gewürzinseln bringen sollte, sowie die Gouverneursposten für sie und ihre Erben in allen von ihnen entdeckten Ländern. Dazu kam die Zusicherung, dass kein anderer außer ihnen in den nächsten zehn Jahren für Spanien eine solche Expedition unternehmen dürfe. Finanziert wurde die Reise durch die spanische Krone, den Reeder Cristobal de Haro und teilweise auch das Bankhaus der Augsburger Fugger.

Nach Patagonien und Feuerland

Zentnerweise Zwieback, getrockneter Fisch, Käse, Öl und sogar ein paar lebende Kühe hatte Magellan an Bord der Karavellen bringen lassen, mit denen er am 20. September 1519 von Sanlucar in See stach. Auch 253 Fässer Wein landeten in den Schiffsbäuchen, dazu 50 Kugelgewehre, 1000 Lanzen und 200 Piken. Für die kostbaren Gewürze wurde Tauschware geladen, billiger Tand wie Schellen und Glöckchen, kleine Spiegel, Messingschmuck und 40 Säcke mit Glasperlen.

Magellans Aufbruch. Quelle: http://www.brechtel-folkers.de/magellan/magellan7/f04.jpg

Flaggschiff war die 120 Tonnen schwere „Trinidad“, die Mannschaft bildeten über 230 Seeleute, darunter Magellans malaiischer Sklave Enrique Melaka, den er 1511 mitgebracht und dem er beim Erfolg der Expedition die Freiheit versprochen hatte. Mit an Bord ist auch der Italiener Antonio Pigafetta, der eine Chronik der Reise schreibt. Die Vorbereitungen waren Manuel I. nicht verborgen geblieben, weshalb er Geschwader nach Brasilien und ans südliche Afrika schickte, um der spanischen Flotte den Weg zu versperren, was jedoch nicht gelang.

Im Dezember ankert Magellan in der Bucht von Rio de Janeiro und erreicht im Januar 1520 die Mündung des Río de la Plata. Fluss oder die gesuchte Durchfahrt – systematisch erkunden die Seeleute das Gewässer, bis Magellan verkündet, dass es sich um einen Fluss handele. Nicht alle Offiziere teilen diese Meinung. Südlich des Río de la Plata fahren sie auf unerforschtes Meer. Niemand weiß, wie lange die Reise dauern wird. Niemand weiß, ob die Suche nach der Passage überhaupt einen Sinn hat. Zwischen den spanischen Kapitänen nebst Besatzung und ihrem portugiesischen Befehlshaber kommt es immer wieder zu Spannungen.

Am 31. März 1520 lässt Magellan die Anker vor der Bucht von San Julián werfen, wo die Expedition den Winter verbringen soll, und macht den Fehler, die Essens- und auch die Weinration zu kürzen. Das führte innerhalb von nur zwei Tagen unter den von Ungewissheit und Kälte zermürbten Männern zur Meuterei: Sie fordern die Rückkehr. Magellan reagiert mit eiserner Faust, lässt zwei Kapitäne köpfen, weitere Meuterer aussetzen und seinen Vertrauten Juan Rodriguez Serrano die weitere Küste mit seinem Schiff „Santiago“ erforschen. Das verliert Serrano und kämpft sich mit seiner Besatzung wochenlang an Land zurück zum Lager: Magellan tauft es Patagonien, Land der Großfüßer (spanisch patagón), denn die Einheimischen kamen den Europäern wie Riesen vor. Zwei von ihnen lockte man mit Geschenken an Bord, um sie später in Spanien vorzuführen. Sie überlebten die Reise nicht.

Im Oktober bricht Magellan wieder gen Süden auf und erreicht einen Küstenvorsprung – er nennt ihn Kap der 11000 Jungfrauen – von dem aus es nach Westen geht. Nach dreitägiger Erkundung die erlösende Nachricht: das Wasser bleibt salzig, es muss eine Meeresstraße sein.  Stürmische See, Nebel, Meerengen und Einschnitte, dazu hohe Gezeiten – die Navigation erfordert alle Seemannskunst. Wieder schickt Magellan zwei Schiffe auf Erkundungsfahrt – eins nutzt die Gelegenheit zur Desertation und segelt nach Spanien zurück.

Magellan-Denkmal in Punta Arenas/Feuerland. Quelle: https://i2.wp.com/magazin.ctour.de/wp-content/uploads/2016/01/Feuerland-2-Denkmal-P1170846.jpg?resize=672%2C372&ssl=1

Die verbliebenen drei aber durchfahren die knapp 600 Kilometer lange Meeresstraße, die später nach dem großen Seefahrer benannt werden wird. Da das Fest in die Zeit der Durchfahrt fiel, nennt er sie selbst Allerheiligenstraße. Am linken Ufer sehen die Matrosen nachts den Schein von Lagerfeuern – das Gebiet heißt seither Feuerland. Am 28. November 1520 ist es soweit, Magellan erreicht das Südmeer, das zunächst so ruhig ist, dass es der Generalkapitän „Mar Pacífico“ nennt – das Friedliche. Als sich nach 38 Tagen Fahrt durch die stürmische Meerenge endlich die Weite des Ozeans öffnete, soll er weinend zusammengebrochen sein.

Reingewinn von etwa 500 Golddukaten

Doch noch steht der schlimmste Teil bevor: Tausende Kilometer durch den Pazifik – erst nach 98 Tagen wird die noch für viele Jahrzehnte längste bekannte Seereise ohne Unterbrechung nach einer Distanz von 1300 Kilometern zu Ende gehen. Magellan hatte mit gerade einem Monat gerechnet. Die Fahrt wird zur Tortur: Kein Frischwasser kann an Bord geholt werden, die Vorräte schwinden, Skorbut macht sich breit. Zu Essen gibt es nur noch Zwieback, doch der ist von Würmern und Maden befallen und mit Rattenkot verschmutzt. Die Seeleute beginnen Leder zu rösten oder in Salzwasser zu dünsten und kochen Suppe aus Sägespannen. Wer so geschickt war, eine Ratte zu fangen, konnte sie selbst essen oder gewinnbringend verkaufen: Für einen halben Dukaten! Mindestens 19 Menschen starben, und um keinen Kannibalismus zu riskieren, lässt Magellan die Leichen sofort ins Meer werfen.

Wie sich später herausstellte, muss die Expedition an hunderten fruchtbaren Inseln vorbeigesegelt sein, ohne eine zu sichten. Am 6. März 1521 erreicht sie schließlich Guam. Von der Besatzung sind zu jenem Zeitpunkt noch 150 am Leben. Die Inselgruppe, die heutigen Marianen, bekam von Magellan den wenig schmeichelhaften Namen „Diebesinseln“: Die Bewohner begannen, sich freimütig am Hab und Gut der Eroberer zu bedienen, und stahlen gar ein Beiboot. Deswegen lässt Magellan einige Ureinwohner hinrichten. 10 Tage später entdeckt er die erste Insel der Philippinen, Homonhon, nimmt sie für die Krone Spaniens in Besitz und beginnt, die Einwohner zum christlichen Glauben zu bekehren.

Humabon wird getauft. Quelle: https://i2.wp.com/magazin.ctour.de/wp-content/uploads/2016/01/Feuerland-2-Denkmal-P1170846.jpg?resize=672%2C372&ssl=1

Auf der Insel Cebu mit König Radscha Humabon gelingt das zunächst, auf der Nachbarinsel Lappu-Lapu (Mactan) dagegen nicht. Als Magellan am 27. April 1521 versucht, die Insel gewaltsam in spanischen Besitz zu bringen, werden die zahlenmäßig unterlegenen Spanier von den Einheimischen noch am Ufer zurückgedrängt. Mehrere Seeleute sterben, darunter auch Magellan. Pigafetta berichtet, dass der Generalkapitän als einer der letzten, noch im Wasser stehend, gekämpft habe, um den Rückzug seiner Leute zu decken. Ein vergifteter Pfeil habe erst seinen Oberschenkel durchbohrt, danach sei er von zwei Lanzenstößen niedergestreckt worden. Magellans Sklave Melaka kann fliehen.

Ein Grab erhält Ferdinand Magellan nicht. Zwar bemühen sich die Spanier um die Herausgabe ihres Anführers. Die Einheimischen denken aber nicht daran, die wertvolle Leiche herauszurücken. Der eben erst bekehrte König von Cebu sagt sich wieder vom Glauben los und lässt die Spanier angreifen. 35 Seeleute kommen ums Leben. Die dezimierte Expedition versenkt das dritte Schiff, macht sich mit den beiden übrigen auf die Weiterreise nach Borneo und erreicht am 6. November die Molukkeninsel Tidore, wo sie mit dem Sultan handeln konnte und endlich an die ersehnte Ware kam.

Magellans Tod. Quelle: https://i2.wp.com/magazin.ctour.de/wp-content/uploads/2016/01/Feuerland-2-Denkmal-P1170846.jpg?resize=672%2C372&ssl=1

Da die „Trinidad“ noch überholt werden musste, segelt am 21. Dezember die „Victoria“ allein los und erreichte mit ca. 26 Tonnen Gewürzen nach zwei Jahren, elf Monaten und zwei Wochen sowie vielen Widrigkeiten am 6. September 1522 Sanlúcar, den spanischen Ausgangshafen: Lediglich 18 Überlebende waren noch übrig. Vom Schwesternschiff, das von den Portugiesen gekapert wurde, kehrten erst im Sommer 1527 gerade weitere drei zurück. Nach Abzug aller Kosten, darunter auch der Schiffsverluste, blieb ein Reingewinn von etwa 500 Golddukaten. Der „Victoria“-Kapitän Juan Sebastián Elcano, der als Steuermann die Fahrt begonnen hatte, erhielt vom König ein Wappen mit der Inschrift: „Als erster hast du mich umrundet“.

Die erste Weltumseglung hatte vielerlei Folgen. Die Kugelgestalt der Erde war endgültig nachgewiesen. Dann wurde deutlich, dass der Erdumfang viel zu gering geschätzt worden war. Pigafettas Reisebeschreibung wies einen Tag zu wenig auf, was die Notwendigkeit einer Datumsgrenze unterstrich. Spanien brach mit der Reise auch das Handelsmonopol der Portugiesen; überhaupt stieß der Welthandel in völlig neue Dimensionen vor. Die Magellanstraße hatte ihre größte Bedeutung vor dem Bau des Panamakanals: An ihren Ufern konnten sich die Seefahrer bequem mit Proviant und Trinkwasser versorgen und waren nicht den unberechenbaren Naturgewalten vor Kap Hoorn ausgesetzt.

Magellan. Quelle: https://www.history.com/.image/ar_16:9%2Cc_fill%2Ccs_srgb%2Cfl_progressive%2Cg_faces:center%2Cq_auto:good%2Cw_768/MTU3ODc5MDg1MzYxODAwNTIx/portrait-of-ferdinand-magellan.jpg

Der europäische Rat legte anlässlich des 500. Jubiläums im Sommer eine Zwei-Euro-Gedenkmünze auf, von der insgesamt 770.000 Stück ausgegeben wurden. Verblüffend ist, dass Magellan im Übrigen weniger in der Nautik, sondern eher der Astronomie gewürdigt wird: Er beschrieb als erster die zwei irregulären Zwerggalaxien außerhalb der Milchstraße, die am Südhimmel mit bloßem Auge sichtbar sind – und nach ihm Magellansche Wolken genannt wurden. Auch eine amerikanische Raumsonde, zwei Mond- und ein Marskrater tragen für immer seinen Namen.

Der Antje Kunstmann Verlag München hat mit „Käpt*in Rakete” jetzt einen realitätsfernen Indoktrinationshöhepunkt der Kinderliteratur verlegt. Wer eigene Kuschel- und Haustiere im Kinderzimmer gleichsetzt mit sogenannten „geflüchteten Menschen auf dem Mittelmeer“, wie es die Autoren tun, muss sich schon fragen lassen, ob er die richtige Pille eingeworfen hat. Aber ein Verlag, der diesem Unsinn auch noch ein Podium bietet, ist mindestens als verantwortungslos, ja infantil zu kritisieren.

Buchseite. Quelle: https://www.hogesatzbau.de/rakete/

So muss das – auch noch genderbesternte – Mädchen bei Unwetter ihren Teddybären retten, der in der Regenrinne zu ertrinken beginnt, sowie ihren Hund Bernhard, dem im Garten die Hütte wegzuwehen droht, anstatt in der Küche duftende Pfannkuchen zu futtern. So heißt schüttelreimend:

„Kapuze auf und Stiefel an, 
so kämpft sie mutig sich voran.
Der Bollerwagen, in der Not,
wird so ganz schnell zum Rettungsboot.”

Im Buch heißt Salvini übrigens Saltini und ist ein miesepetriger Kater, der sich dem Rettungsbollerwagen in den Weg stellt. Die vorgebliche Botschaft, dass sich auch Kinder einbringen könnten, „wenn etwas schief läuft“, sich gegen „Missstände engagieren“ und „die Welt ein kleines bisschen besser machen“, wie Björn Trautwein in der BZ befindet, reduziert rationale Politik auf das Kinderzimmerniveau aktionistischer Handlungen im Namen einer universalistischen Hypermoral, für die man sogar gern seine Grundbedürfnisse vernachlässigt. Dass damit nicht nur Asylbewerber mit Wirtschaftsflüchtlingen und Terroristen in einen Topf geworfen werden, sondern auch das vorgebliche Retten mit dem Straftatbestand des Schleppens, ja das eigene Land das ferne Meer umfassen und Fluchtursachen von Klima bis Krieg ebenso ungewichtet wie unerwähnt bleiben sollen, wird in dieser sozialistisch-absurden Gleichmacherei völlig ausgeblendet.

Dass diese Gleichmacherei weithin akzeptiert ist, beweisen nicht nur die vielen hämischen Kommentare unter einem kritischen, aber verkaufsfördernd interpretierten Text der AM Sachsen, auf dem dieser Essay fußt, sondern auch, dass die Seite „Volksverpetzer“ unter allen „Fans“ der AM-Seite, die diesen Beitrag liken, teilen und mit dem Hinweis kommentieren, dass sie dabei mitmachen wollen, fünf Freiexemplare des Buchs verlost.

Aufruf der „Volksverpetzer“. Quelle: eigener Screenshot

Dabei ist bemerkenswert, dass die Buchautoren anonym bleiben wollen und nur maskiert an die Öffentlichkeit treten. Es handelt sich um die „Hooligans gegen Satzbau“ (das gekaperte „HoGeSa“), die zu feige sind, mit ihrem Gesicht für ihre totalitäre Zwangsbeglückung einzustehen, die sie „selbstverständlich“ nennen: „Ist jemand in Not, dann muss geholfen werden.“ Nun hat mit verdrehten Welten schon Monty Python in den 1970ern für Lacher gesorgt. Dieses Machwerk ist jedoch nicht von irgend einer Spaßguerilla als Volksbelustigung gedacht, sondern im Gegenteil von einer linken Propagandaguerilla als didaktisches Werkzeug zur realitätsblinden Emotionalisierung der Jüngsten – und ihrer Eltern, die ihnen das vorlesen sollen. Selbst Bundespräsident Gauck musste bereits im Oktober 2015 zugeben: „Unser Herz ist weit. Aber unsere Möglichkeiten sind endlich“.

„Geist der Solidarität“

Das Buch steht damit in der Tradition einer ganzen Reihe volkspädagogischer Medienprodukte, die den Bürgern, koste es was es wolle, nicht nur die vorgebliche Seenotrettung, sondern auch die Aufnahme hunderttausender minderqualifizierter Menschen mit anderem kulturellen Hintergrund als alternativlosen Humanismus schmackhaft machen und zugleich deren Gegner als rechtsextreme Menschenfeinde brandmarken wollen. Neben dem ARD-Degeto-Machwerk „Aufbruch ins Ungewisse“, angelehnt an Janne Tellers Jugendbuch „Krieg. Stell Dir vor, er wäre hier“, waren das etwa Martin Schäubles holzschnitthafte Soldatendystopie „Endland“ oder Christian Linkers NPD-Jugendkrimi „Der Schuss“, aber auch die KiKa-Reihe „Schau in meine Welt“.

Es verwundert nicht, dass jüngst gerade die in die Schlagzeilen geriet: war im Januar 2018 „Malvina, Diaa und die Liebe“ noch die Vorzeigebeziehung zwischen einer Deutschen und einem Ausländer, hat sich jetzt Malvina wieder gemeldet – mit einem verstörenden Poetry-Slam-Text, der mit den Worten „Danke, Vergewaltiger“ endet. Von Hilferuf über Traumaverarbeitung, Mädchenfantasie oder Exempel eines Stockholm-Syndroms bis bedauerliches Opfer der Willkommensideologie reichten die Mutmaßungen. Zwar habe Malvina laut HR versichert, dass das Gedicht Fiktion und der Inhalt erfunden sei. Doch nicht nur Alexander Wallasch meldet auf Tichys Einblick berechtigte Zweifel an: „So etwas erwartet man in Therapiesitzungen, wenn Vergewaltigungsopfer ihre Qualen in einem langwierigen Prozess verarbeiten.“

Malvina 2018/2019. Collage: eigene Darstellung

Andere zumal für Kinder gemittelte Texte waren unter dem Rubrum von „Einfühlung“, „Mitgefühl“ oder „Empathie“ – die Literaturwissenschaft spricht von „kognitiver Perspektivenübernahme“ – etwa  Claude Dubois‘ „Akim rennt“ oder Francesca Sannas „Die Flucht“, in der die kindliche Protagonistin beim Anblick von Vögeln sagt:

„Sie sind unterwegs wie wir. Auch ihre Reise ist lang, doch für sie gibt es keine Grenzkontrollen. Ich hoffe, eines Tages anzukommen wie diese Vögel. In einer neuen Heimat, wo wir in Sicherheit sind und neu anfangen können.“

Lukas Ruegenberg und Christel Neudeck beschrieben mit „Khalil – Die Flucht aus Syrien“ gar nach einer wahren Geschichte die Odyssee eines Jungen über das Mittelmeer und die Balkanroute bis nach Deutschland. Nicht nur, dass Rainer Maria Kardinal Woelki ein Vorwort beisteuerte, zu allem Übel werden auf dem Titelbild ausschließlich schwache Kinder, Frauen und Familien auf der Flucht gezeigt, dafür aber keine starken, wehrhaften jungen Männer, die der Realität entsprächen. „Dieses Werk dient nicht zur Aufklärung, sondern soll auf plumpste Art eine ideologische Indoktrinierung der Kinder ermöglichen“, rezensiert auf Amazon ein Leser.

Da verwundert nicht mehr, dass vom Verkaufspreis von „Käpt*in Rakete” in Höhe von 10 Euro prompt ein Euro an die Organisation Sea Watch gehen soll – mit „Kapitänin Rackete“. Nach deren Festnahme riefen die ZDF-Komiker Jan Böhmermann und Klaas Heufer-Umlauf zu Spenden für Sea Watch auf. Die Sammelaktion der Moderatoren ging Anfang August zu Ende – mit einem siebenstelligen Betrag. An Bord des Kahns war nicht nur ein NDR-Team, das rein zufällig den inkriminierten Rettungseinsatz live begleitete, sondern auch noch Rapper „2Nasty“, der mit den „notleidenden Flüchtlingen“ ein Musikvideo drehte. Sea-Watch-Pressesprecher Chris Grodotzki rechtfertigte das Singen und Tanzen der teilnehmenden Personen

„als Ausdruck ihrer Selbst, auf dem Schiff aus freien Stücken und von sich aus eingebracht, … weil sie den Geist der Solidarität an Bord unseres Schiffes sichtbar machen und die Stärke und Würde der Menschen viel besser darstellen als ein einseitiger Foto-Stream von Traurigkeit und Verzweiflung“.

Buchtitel. Collage: eigene Darstellung

Der Politikwissenschaftler Peter Graf Kielmansegg sprach in der FAZ von einem unauflösbaren moralischen Dilemma, verursacht durch die permanente moralische Erpressung von kriminellen Schleuserbanden: „Wenn Rettung aus Seenot die Eintrittskarte nach Europa ist, dann werden Menschen sich ohne Ende in vorgeplante Seenot begeben.“ Doch wer auf diese erpresserische Unmoral mit organisierten „Rettungsmissionen“ reagiert, macht sich de facto zum Komplizen der Schleuserbanden, erkannte Björn Schumacher in der Jungen Freiheit. Denn niemand käme auf die Idee, „nachts am Berliner Kurfürstendamm vorsorglich Rettungshubschrauber und Krankenwagen zu stationieren, weil dort hin und wieder illegale Autorennen veranstaltet werden.“

„menschenrechtlicher Imperativ“

23.000 seit 2013 im Mittelmeer ertrunkene Menschen haben einen furchtbaren Preis für ihren naiven Traum vom Leben im gelobten Land bezahlt. Die meisten Toten waren junge Männer, keine Flüchtlinge im Sinne des Art. 16a GG oder der Genfer Konvention, nicht einmal subsidiär schutzberechtigt und gewiss nicht die ärmsten Bürger ihrer Herkunftsländer. Mitte August plädierte Angela Merkel für die Wiederaufnahme staatlicher „Rettungsmissionen“. Doch der komplette „menschenrechtliche Imperativ“ (Kielmansegg) muss dann lauten: Seenotrettung ja! Weitertransport nach Europa nein! Das Buch blendet wie die anderen auch diese Feinheiten völlig aus, es ist ein ideologisches Produkt, das verordnete Gesinnungs- über selbstbestimmte Verantwortungsethik stellt. „Man könnte auch sagen: wer die Moral hat, hat das Recht. Das ist der Rückbau des Rechtsstaats zu einem Moralstaat der Mächtigen“, ärgert sich Ex-Verfassungsschützer Hans-Georg Maassen auf Twitter.

Böswillig könnte man sogar von einem „religiösen“ Produkt sprechen, denn für den EKD-Ratsvorsitzenden Heinrich Bedford-Strohm hat Not keine Nationalität, und „egal, aus welchen Gründen Menschen in Not sind, wir haben die Pflicht, sie zu unterstützen und ihnen zu helfen.“ Das sagte er diese Woche bei der Vorstellung des Plans, ein eigenes Schiff zur Seenotrettung von Flüchtlingen ins Mittelmeer zu schicken. Nach gründlicher Prüfung habe man beschlossen, eine entsprechende Resolution des Kirchentages umzusetzen: „Es ist mehr als Symbolik, es geht um exemplarisches Handeln.“

Damit hat sie den Konsens, „die Kirche wolle nicht selbst Politik machen, sondern Politik möglich machen“, verlassen, kritisiert Ulrich Körtner, Professor für Systematische Theologie aus Wien, auf dem evangelischen Portal Zeitzeichen. Auch er betont: „Zivile Seenotretter und ihre Unterstützer rechtfertigen ihr Handeln keineswegs nur mit dem Willen, Menschen aus unmittelbarer Lebensgefahr zu retten, sondern auch damit, dass jeder Mensch das Recht habe, in ein Land seiner Wahl zu flüchten oder zu migrieren. Da es ein solches Recht juristisch nicht gibt, begründen sie es moralisch. De facto wird Rettung aus Seenot zum Eintrittsticket nach Europa“.

In genau diese quasichristliche Kerbe schlug schon Ende August Florian Westphal, Geschäftsführer bei „Ärzte ohne Grenzen“, in einem DLF-Interview: „Man sollte sich mal vorstellen, Seenotrettung auf der Nordsee oder Ostsee liefe so. Es werden Menschen gerettet und dann wird erst mal verhandelt mit jedem Hafen, ob sie dann dahin in Sicherheit gebracht werden. Das darf nicht die neue Normalsituation werden.“ Hier werden Äpfel mit Birnen verglichen, ärgerte sich Roger Letsch auf achgut. Denn Menschen, die auf Nord- oder Ostsee in Seenot geraten (und sich nicht absichtsvoll in dieselbe begeben), wollen jeden Hafen, in den sie sich gerettet hätten, so schnell wie möglich wieder in Richtung Heimat verlassen, weswegen ihnen überall Gastfreundschaft sicher wäre, einerlei ob in Stralsund oder Stockholm.

Die besonderen Gäste von Shuttles wie der „Sea Watch“ werden aber vor allem deshalb zum Verhandlungsgegenstand, weil sie nach der Anlandung eben nicht wieder nach Hause wollen. „Lassen Sie sich nicht einreden, dass es sich um Seenotrettung handelt. Diese Migranten sind keine Schiffbrüchigen und keine Flüchtlinge. Sie haben als einwanderungswillige Ausländer die Schleuserboote bestiegen, um von einem Shuttle-Service nach Europa gebracht zu werden“, weiß Maassen.

TS-Bericht. Quelle: eigener Screenshot

Aber auch dies wird inzwischen kinderliterarisch normalisiert: in Titeln wie „Vielleicht dürfen wir bleiben“ (Ingeborg Kringeland Hald) oder „Zuhause kann überall sein“( Irena Kobald/Freya Blackwood) oder Texten, in denen es heißt „Freunde müssen nicht dieselbe Sprache sprechen, um einander verstehen zu können“ („Mein Freund Salim“, Uticha Marmon). Rafik Schami publizierte schon 2003 „Wie ich Papa die Angst vor Fremden nahm“. Lustig darf das Ganze manchmal auch noch sein: der Held aus „Nusret und die Kuh“ (Anja Tuckermann/Mehrdad Zaeri/Uli Krappen) nimmt das überdimensionierte Haustier mit nach Deutschland, damit es auch lesen und schreiben lernt… Von da ist es dann nur ein kleiner Schritt hin zu Büchern wie „Bestimmt wird alles gut“ (Kirsten Boie/Jan Birck) oder „Ramas Flucht“ (Margriet Ruurs/Ali Badr), die gleich zweisprachig deutsch und arabisch verlegt wurden.

„Das ist auch eine Entwertung!“

Diese neue migrationsliterarische Strömung für Kinder ist aus mehreren Gründen zu problematisieren. Zum einen liegt natürlich der Schluss einer tagespolitisch konfektionierten Literatur nahe, die bestehende, überdies falsche Narrative legitimiert – statt kräftiger junger Männer etwa tauchen plötzlich Kinder und Familien auf. In der DDR-Forschung nannte man das „weltanschauliche Funktion“ von Literatur, vielleicht sollte man den Begriff reanimieren. Zum zweiten ist die völlig unkritische, mit Emotionalisierung gepaarte Heroifizierung ausländischer Gleichaltriger heikel, legt sie doch den Schluss nahe, dass es hierzulande solche Figuren nicht oder nicht mehr gibt. „Kinder lechzen nach Andersartigkeit, das ist Futter für ihre Fantasie“, sagt der Münchner Entwicklungspsychologe Hartmut Kasten der Zeit.

„Je weniger die Personen und Szenarien mit ihrem Alltag zu tun haben, umso intensiver setzen sie sich damit auseinander. Das liegt am Orientierungsreflex: Kinder richten ihre Aufmerksamkeit auf alles, was sie nicht kennen.“

Zum dritten werden mit solchen literarischen Handlungen einseitige Ordnungs- (bzw. Chaos-) vorstellungen transportiert: während bei Heimatthemen wie in Bauernhof-Büchern eine Rückkehr zum Ausgangszustand stattfindet, in der Menschen (und Tiere) ihren festen Platz haben, erklärt Hartmut Hombrecher von der Sammlung historischer Kinder- und Jugendliteratur der Uni Göttingen im Spiegel, führt hier oft ein neuer Zustand zu einem guten, aber eben fiktionalisierten, idealisierten Ende, dessen Realitätsgehalt unüberprüft bleiben muss. Damit hängt ein Rollenklischee sowohl auf Seiten der ausländischen Ankömmlinge als auch der inländischen Gastgeber zusammen, das der Kinderarzt und Buchautor Herbert Renz-Polster im DLF als Subjekt-Objekt-Zielverschiebung bezeichnete:

„Als ‚Ich muss dich fördern, ich muss dich schieben, ich muss dich ziehen, so wie du bist, nein, das reicht mir noch nicht, du musst der werden, der du sein sollst‘. Das ist auch eine Entwertung!“

Viele dieser Texte lassen überdies ästhetisch zu wünschen übrig: zeichnen sich Kinderbücher aus dem skandinavischen und englischen Raum oft dadurch aus, Unterhaltung ernst zu nehmen und Ernsthaftes unterhaltsam zu machen, kommt hier das Ernsthafte meist auch (zu) ernst daher. Damit verbunden ist die Eindimensionalität, ja platte Oberflächlichkeit von Welt und Charakteren: Verfremdet wird selten, zur Vorsicht gemahnt oder gar gewarnt kaum.

Die Literaturwissenschaft nennt das „unzuverlässiges Erzählverhalten“, damit wird die Potenz von Literatur, nicht nur schwarz-weiß, sondern alle Farben und Nuancen wahrzunehmen, ins Gegenteil verkehrt. In der DDR-Kinderliteratur waren die erfolgreichsten Bücher jene, in denen ebenso konservativ wie zuverlässig das dramaturgische Prinzip der Heldenreise mit erfolgreicher Rückkehr im Alltag gestaltet wurde, etwa Benno Pludras „Bootsmann auf der Scholle“, Gerhard Holtz-Baumerts „Alfons Zitterbacke“ oder Bernd Wolffs „Alwin auf der Landstraße“; die allesamt auch verfilmt wurden.

DDR-Kinderbücher. Collage: eigene Darstellung.

Und zum weiteren trägt diese Strömung zur Verstärkung kognitiver Dissonanzen bei: den literarischen Erfahrungen vom armen, traumatisierten Flüchtlingskind als Kümmerfaktor stehen die realen Erfahrungen zunehmenden Mobbings, ja von Schulgewalt durch Flüchtlingskinder gegenüber. Allein in Sachsen, wo es keine Mobbing-Definition gibt (ein entsprechender AfD-Antrag wurde einstimmig abgelehnt) und darunter stattdessen Delikte wie Bedrohung (§ 241 StGB), Beleidigung (§ 185 StGB), üble Nachrede (§ 186 StGB), Verleumdung(§ 187 StGB) oder Körperverletzung (§ 223 StGB) subsummiert werden, gab es nur 2017 laut Antwort auf eine Grünen-Anfrage insgesamt 4 570 solcher Straftaten mit Opfern unter 18 Jahren. Eine Einzelfallprüfung etwa nach Delikt und Täter, mit der, selbst wenn sie auf 30 Minuten beschränkt bliebe, bei einer 40-Stunden-Woche ein Sachbearbeiter über 57 Wochen befasst wäre, lehnte die Staatsregierung unter Verweis auf die Gewährleistung der Funktionsfähigkeit der Polizeibehörden ab.

„Tendenz der Wirklichkeitsflucht“

Die mediale Thematisierung bundesweiter Gewalttaten durch Flüchtlinge ist da noch gar nicht berücksichtigt. Allein 2018 wurden insgesamt 265.930 Straftaten registriert, bei denen Asylbewerber, Geduldete oder Personen, die sich unerlaubt in Deutschland aufhalten, als Tatverdächtige ermittelt wurden, ergab eine AfD-Bundestagsanfrage. Davon 98-mal Mord, 261-mal Totschlag, 1082-mal Vergewaltigungen und sexuelle Nötigung/Übergriffe, inklusive 153 Versuche, diese Straftaten auszuführen, 3477-mal räuberische Erpressung und räuberischer Angriff auf Kraftfahrer sowie 16.929-mal gefährliche und schwere Körperverletzung. Bei diesen Zahlen sind ausländerrechtliche Verstöße wie illegale Einreisen nicht berücksichtigt. Die Länderrangliste der Herkunft der Tatverdächtigen wird angeführt von Syrien (25.328), gefolgt von Afghanistan (16.687) und dem Irak (10.225). Die Morde an Maria, Mia oder Susanna waren die traurigen Höhepunkte.

„Die Gefahr der modernen Gesellschaften ist heute nicht die Entgleisung ins Bestialische, sondern die ins Humanitäre“, weiß Alexander Meschnig. „Sie gehorcht einer tiefgreifenden Tendenz der Wirklichkeitsflucht – der Verdrängung und Verleugnung menschlicher Wirklichkeit aus Angst und Unvermögen im Umgang mit der Negativität des Seins.“ Und er orakelt spenglerhaft:

„Aber dies ist nicht nur ein Missverständnis von ‚Humanität‘, sondern ihre Selbstpreisgabe. Eine Gemeinschaft, die ihre Selbstachtung verliert, hat auch den Grund ihrer geschichtlichen Existenz verwirkt“.

Wie jede Literatur bietet auch Kinderliteratur, die sich spätestens seit der Wiedervereinigung von einer Sozialisations- zu einer kindgemäßen Literatur wandelte, „einen Anlass über die Welt und sich selbst nachzudenken, die Welt als Entwurf zu verstehen. Auf Ideen zu kommen, wie man auch denken oder fühlen kann“, meint die Frankfurter Literaturdidaktikerin Helene Becker in der Welt. Die Vereinseitigung dieser Perspektive erzeugt aber Entwürfe, die zu gleichem Denken führen. Das kann nicht im Sinne von Demokratie sein. „Einige Bücher soll man kosten, andere verschlingen und nur wenige kauen und verdauen“, schrieb einst Francis Bacon. Flüchtlingsfreundliche Kinderliteratur in Deutschland gehört zu den schwerverdaulichen, von deren Verkostung man mindestens eine Magenverstimmung davontragen mag.

Seine Person spiegelt nicht nur die Spaltung der SPD, sondern auch die politische Spaltung Deutschlands in Ost und West wider: sein Vater war der erste sozialdemokratische Reichspräsident, der in der DDR als Verräter der Arbeiterklasse gebrandmarkt wurde, sein Bruder Karl SPD-Landtagsabgeordneter in Baden-Württemberg, der lange keinen Kontakt zu ihm hatte, und sein Sohn Georg Ökonomieprofessor an der SED-Parteihochschule, der nach der Wende arbeitslos wurde. Friedrich Ebert, genannt Fritz oder einfach Junior, würde am 12. September 125 Jahre alt.

Geboren in Bremen als ältestes von fünf Kindern, absolvierte er von 1909 bis 1913 eine Lehre als Buchdrucker, engagierte sich früh in der Sozialistischen Arbeiterjugend und seit 1913 in der SPD. Von 1915 bis 1918 war er Infanterist im Ersten Weltkrieg, seine Brüder Georg und Heinrich fielen 1917. 1920 heiratete er Johanna Elisabeth Vollmann und bekam mit ihr zwei Söhne.

Friedrich Jr. mit Federballschläger. Quelle: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/a/a3/Friedrichebert1898.jpg/220px-Friedrichebert1898.jpg

Er war bis 1925 Redakteur des „Vorwärts“ sowie Mitarbeiter des sozialdemokratischen Pressedienstes, bis 1933 Redakteur der „Brandenburger Zeitung“. Zugleich begann er – wie sein Vater – eine pflichtbewusste und erfolgreiche Karriere als sozialdemokratischer Parteiarbeiter: 1928 in den Reichstag gewählt, wurde er 1930 Stadtverordnetenvorsteher in Brandenburg, gehörte dem SPD-Bezirksvorstand Brandenburg-Grenzmark an und dem preußischen Staatsrat.

Am 9. August 1933 vermeldete das „Berliner Tageblatt“, dass „gestern der ehemalige sozialdemokratische Reichstagsabgeordnete und Stadtverordnetenvorsteher von Brandenburg (Havel), Chefredakteur der sozialdemokratischen Brandenburger Zeitung, Friedrich Ebert (Sohn des ehemaligen Reichspräsidenten) … in das Konzentrationslager Oranienburg eingeliefert“ wurde. Der Vorwurf: illegale politische Tätigkeit. Nach acht Monaten kam er frei und stand bis 1945 unter Polizeiaufsicht. Mehrfach arbeitslos, schlug er sich als Drucker und Tankwart durch. Seine Frau Johanna beging 1938 unter bis heute unklaren Umständen Suizid. 1939 wurde er zur Wehrmacht eingezogen und war ab 1940 als Werber beim Reichsverlagsamt tätig.

Zum Oberbürgermeister ausersehen

Die Zeit nach dem 8. Mai 1945 erlebte Friedrich Ebert bereits widersprüchlich. Sein Sohn erinnert sich 2011 in der Thüringer Allgemeinen: „Für meinen Vater hatte der Streit zwischen Kommunisten und Sozialdemokraten wesentlich zum Machtantritt der Nazis beigetragen. Durch die Vereinigung von KPD und SPD sollte das künftig verhindert werden. Mit der West-SPD unter Kurt Schumacher war das natürlich nicht zu machen.“ Sebastian Haffner hatte das ebenso gesehen. Duplizität der Ereignisse: Wie Friedrich Senior nach der Niederschlagung der Novemberrevolution wurde nun auch Friedrich Junior als Verräter an der Sache der SPD und der Arbeiter verteufelt. Denn während Friedrichs Mutter bei ihrem Sohn Karl in Heidelberg blieb, trieb er selbst in Brandenburg als SPD-Landeschef die Vereinigung zwischen KPD und SPD voran.

Ebert 1933. Quelle: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/c/c4/Bundesarchiv_Bild_102-05669%2C_Friedrich_Ebert_jun..jpg

„Sicher waren 1946 bei der SED-Gründung nicht alle Folgen für ihn absehbar. Das Bestreben, demokratische Traditionen und demokratische Traditionen der SPD in diese neue Partei einzubringen, kann man ihm schwer absprechen“, meint Georg. Seit der Gründung einer der Landesvorsitzenden der SED, wurde er Mitglied des Parteivorstands und später des Zentralkomitees sowie bis zu seinem Tod des Politbüros. Nach den Landtagswahlen in der sowjetischen Zone 1946 wurde er Präsident des Brandenburgischen Landtags. Bis heute kursieren Gerüchte, dass er sich eigentlich zusammen mit seinem Freund, dem ehemaligen SED-Politbüro-Mitglied Erich W. Gniffke, nach Westen absetzen wollte, aber zu spät von Gniffkes plötzlichem Aufbruch benachrichtigt worden sei. Wenige Tage später bekam Ebert Russenbesuch. Er rechnete fest damit, verhaftet zu werden, doch die Sowjets überbrachten ihm den Bescheid, dass er zum Oberbürgermeister von Ostberlin ausersehen sei.

Am 30. November 1948 wurde im Admiralspalast der noch von der Gesamtberliner Stadtverordnetenversammlung 1946 repräsentativ gewählte Magistrat durch einen „Volkskongress“ aus Delegierten von u. a. SED, FDGB, FDJ und Betriebsräten für abgesetzt erklärt. Stattdessen wurde ein provisorischer „Demokratischer Magistrat“ gewählt (im Westen als „Opern-Magistrat“ bezeichnet) und Ebert als Oberbürgermeister vereidigt. Anschließend erklärte er, Berlin würde Teil der sowjetischen Zone und in den Zweijahres-Plan der SED eingeschlossen. Prompt folgten Währungsreform und Luftbrücke.

Der SPIEGEL berichtete über einen internen Plans des Zentralkomitees der SED, in dem es heiße: „Es muss jetzt alles versucht werden, Friedrich Ebert als rettende Hand Gesamtberlins dem blassen und ausdruckslosen Westberliner Bürgermeister Schreiber gegenüberzustellen. Reuter besaß zu viel obskure Popularität… Jetzt aber ist die Stunde da, unseren Genossen Ebert als die führende Persönlichkeit Gesamtberlins zu feiern.“ Prompt brachten Ostberliner Illustrierten Ebert-Photos in Großformat, sein Name wird unter Verordnungen gesetzt, die zur „Verbesserung der Lebenshaltung“ erlassen werden.

1954 eröffnet Ebert den Berliner Neujahrsmarkt. Quelle: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/4/49/Bundesarchiv_Bild_183-22899-0005%2C_Berlin%2C_Neujahrsmarkt%2C_Friedrich_Ebert_jr..jpg

Hintergrund sei, „den Sohn des Präsidenten der ersten Republik für den Fall von gesamtdeutschen Ost-West-Gesprächen als relativ unbelasteten Verhandlungspartner halbbürgerlicher Prägung hoffähig zu machen. Außerdem soll der gemäßigte Ebert ‚im Sinne der Aktionseinheit‘ Verbindungen zu Westberliner und westdeutschen Sozialdemokraten knoten.“ Ebert richtete handgeschriebene Briefe an führende SPD-Mitglieder und lud Westberliner SPD-Funktionäre zu einer Kaffeetafel ein. Die Verhandlungen blieben erfolglos, das Grundgesetz für die Bundesrepublik von 1949 und die Verfassung von Berlin von 1950 sollten Gesamt-Berlin bzw. ausdrücklich „Groß-Berlin“ von Anfang an als Land der Bundesrepublik Deutschland ausweisen. Jedoch galt diese Bestimmung nicht, das Berlinabkommen von 1971 stellte letztlich fest, dass die drei Westsektoren kein „konstitutiver Teil“ der Bundesrepublik seien.

„Das Verhältnis war kritisch“

Ebert widmete sich, nach dem Abriss des Berliner Stadtschlosses 1950, vor allem dem Aufbau der zerstörten Stadt: die Wiederherstellung des Brandenburger Tors, des Roten Rathauses, des Zeughauses und der Staatsoper Unter den Linden fielen in seine Amtszeit. Seit der Gründung der DDR 1949 war Ebert auch Abgeordneter der Volkskammer, zeitweise als Stellvertreter des Präsidenten, später SED-Fraktionschef sowie stellvertretender Vorsitzender des Staatsrates. Ab 1955 war das Rote Rathaus sein Amtssitz als Oberbürgermeister. 1960 zog er in die Funktionärssiedlung nach Wandlitz. Den Mauerbau 1961 unterstützte er selbstredend.

Als Peter Fechter im August 1962 bei einem Fluchtversuch angeschossen wurde und verblutete, war Eberts Neffe, der Stern– und Quick-Reporter Heinrich Jaenecke so empört, dass er einen „Offenen Brief “ an seinen Onkel schrieb. Ein letzter Brief, in dem er alle weiteren Kontakte abbricht. Das habe schließlich zu einem fast völligen Abbruch der Beziehungen zwischen den beiden Familien geführt. „Das Verhältnis war kritisch und zum Teil feindlich“, gibt er später zu. Erst im Ruhestand und über zehn Jahre nach der Einheit begann das Eis zwischen den Ebert-Familien Ost und West zu schmelzen.

Ebert-Ehrung per Briefmarke. Quelle: https://deacademic.com/pictures/dewiki/83/Stamps_of_Germany_%28DDR%29_1984%2C_MiNr_2849.jpg

Friedrich Ebert trat nach erheblichen Differenzen mit SED-Chef Walter Ulbricht ein Jahr vor seinem zwanzigjährigen Amtsjubiläum zurück und wurde am 5. Juli 1967 zum Ehrenbürger Berlins ernannt. Ihm folgten Herbert Fechner und Erhard Krack, der 1990 zurücktrat und, weil er für die Fälschungen der Ost-Berliner Kommunalwahl im Jahr 1989 mit verantwortlich war, 1993 zu zehn Monaten Gefängnis auf Bewährung verurteilt wurde. Den 13 Regierenden Bürgermeistern im Westen Berlins standen seit 1948 also nur vier Oberbürgermeister im Osten der Stadt gegenüber.

Mit allen bedeutenden Auszeichnungen der DDR geehrt, starb Ebert am 4. Dezember vor 40 Jahren. An seinem Sarg hielt Staats- und Parteichef Honecker die Ehrenwache. Ebert wurde auf dem Zentralfriedhof Friedrichsfelde an der Ringmauer der Gedenkstätte der Sozialisten beigesetzt. 1992 wurde er ohne vorangegangene Debatte im Berliner Abgeordnetenhaus durch Senatsbeschluss neben anderen aus der Liste der Ehrenbürger der Stadt Berlin gestrichen: Den Bruch mit der Parteilinie seines Vaters verzieh man ihm nicht.

Rund 800 Millionen Stück gehen hierzulande pro Jahr über die Theke, und so viele wie noch nie waren im Februar auch beim Neuwieder Currywurst-Festival am Start: mehr als 150 Wurstsorten und gut 300 Soßen – darunter gar eine asiatische Variante mit Erdnusssoße – wurden von den 44 Imbiss-Ständen offeriert. Den Fastfood-Klassiker selbst gab es auch in ungewöhnlichen Variationen, etwa als Lamm-, Wildschwein- und Heckrindwurst – oder vegan. Vor 70 Jahren, am 9. September 1949 wurde die Ur-Currywurst in Berlin erfunden.

Currywurstfestival Neuwied. Quelle: https://cdn1.spiegel.de/images/image-951031-galleryV9-sdwe-951031.jpg

Wenn andere Quellen auch vom 4. oder 7. September sprechen, ist das meteorologisch aber eher unwahrscheinlich: So lachte am 4. die Sonne über Berlin. Denn glaubt man Hertha Heuwer, hat es am Nachmittag des Erfindungstags junge Hunde geregnet. Sprich: die resolute Imbissbudenbesitzerin konnte nach dem Reinemachen von ihrem Stand an der Ecke Kant-/Kaiser-Friedrich-Straße in Berlin-Charlottenburg in Ermangelung eines Schirms nicht unbeschadet weg.

Also nutzte sie die Zeit, mit den wenigen Zutaten zu experimentieren, die sie ihren Kunden als Beilage zu ihren Würsten anbieten konnte, da ihr der Senf ausgegangen war: Tomatenmark, Worcestershiresoße, Currypulver und andere, strengstens geheim gehaltene Gewürze. Heraus kam eine Soße, die Heuwer zehn Jahre später unter dem Namen „Chillup“, ein Kofferwort aus Chilli und Ketchup, beim Patentamt in München anmeldete (Nr. 721319) und deren Rezept sie 1999 leider mit ins Grab nahm.

Heuwer in ihrem Imbiss: https://www.bz-berlin.de/data/uploads/2014/09/106919220_f68a8613ee-e1471721322794-768×432.jpeg

Einen Tag später begann sie ihre Kreation über gebratene, kleingeschnittene Brühwürste zu gießen. Auf die Idee kam sie durch ihren Mann, der damals für die Amerikaner arbeitete. Die pflegten auf ihre riesigen T-Bone Steaks, aber auch ihre kleinen Hot Dogs Unmengen von Ketchup zu gießen, was offensichtlich gut schmeckte. Da T-Bone Steaks für die Nachkriegsberliner schlichtweg zu teuer waren, machte sie aus der Not eine Tugend, badete ihre Würste in der selbstgemachten Soße, und fertig war das „Steak des kleinen Mannes“, das sie mit Holzspießchen anbot.

„Currywurst“ oder „Bratwurst mit Curry“

Das zieht sofort die Frage nach sich, welche Wurst es denn sein musste. Beantwortet wird sie durch den Erfindungsreichtum eines Sachsen. Der Fleischer Max Brückner aus Johanngeorgenstadt experimentierte an einer Wurst ohne Darm, da Naturdarm damals knapp und teuer war. Normalerweise wird die Fleisch-Fettmasse, das Brät, in den Darm gespritzt und dann fest. Brückner nun fand eine Methode, das Brät direkt ins 80 Grad heiße Wasser aus einer Wurstbrätspritze zu geben und dabei in Form zu halten. Dieses Geheimnis brachte er mit nach Berlin, wo er sich 1949 unter dem Namen „Maximilian“ selbstständig machte, die Herstellung mit seinem ebenfalls sächsischen Partner Frank Friedrich perfektionierte und den Verkauf dieser Wurst als „Spandauer ohne Pelle“ startete. Heuwer zählte als enge Familienfreundin von Frank Friedrich zu den ersten Kunden von „Maximilian“.

Später wurde die Darmfrage ein Politikum: die Westberliner Currywurst wie überhaupt alle westdeutschen war überwiegend eine mit Pelle, die Ostberliner aus Mangel an Naturdärmen eine ohne – Scherzbolde deuten das als Hinweis auf die hüllenlose FKK-Kultur der DDR. Dem Kultimbiss „Konnopke“  auf der Schönhauser Allee, der 1960 die Ost-Wurst eingeführt hatte, widmete die Kultband „Silly“ um Tamara Danz 1983 den sexuell doppelbödigen Song „Heiße Würstchen“.

1967 wurden dann die schon 16 Jahre zuvor zwischen Behörden und Fleischerinnung abgesprochenen Anforderungen zur Beschaffenheit der Berliner Currywurst festgeschrieben: eine feine, nicht gepökelte und nicht geräucherte Bratwurst mittlerer Qualität mit einem maximalen Fremdwasserzusatz von fünf Prozent. Einfache Qualitäten oder andere Würste dürfen daher nicht als „Currywurst“ angeboten werden, sondern beispielsweise als „Bratwurst mit Curry“ oder „Dampfwurst mit Curry“.

Konopkes Imbiss. Quelle: https://cdn2.site-media.eu/images/1680,1298×710%2B118%2B60/1424327/DSCF9960_CE_16x9.jpg

Der Erfolg der Wurst ließ nicht so lange auf sich warten: Hertha Heuwers Imbiss zog in ein Ladenlokal mit Garküche in der Kaiser-Friedrich-Straße 59 in der Nähe des Busbahnhofs im Rotlichtviertel des Stuttgarter Platzes „Stutti“ um und entwickelte sich dort zu einer Institution: Sie hatte Tag und Nacht geöffnet und beschäftigte in ihren besten Zeiten bis zu 19 Verkäuferinnen. Die Firma Kraft bemühte sich um das Rezept und das Markenrecht, was Heuwer allerdings ablehnte. Seit 2003 befindet sich am ehemaligen Standort (heute: Kantstraße 101) eine Gedenktafel. Auf Anregung der Nichte Hertha Heuwers mixte Frank Friedrich aus diesem Anlass die Soße nach und produziert und vertreibt sie unter dem Namen „Chil-MAX“ bis heute.

„aus meiner Schlossküche“

Allerdings ist diese historische Version, der auch das nicht mehr existente Berliner Currywurstmuseum folgte, nicht die einzige. So beharrt der Erzähler Uwe Timm felsenfest darauf, seine erste Currywurst bereits 1947 in Hamburg gegessen zu haben. In seiner Novelle „Die Entdeckung der Currywurst“ erzählt er 1993, wie die Hamburgerin Lena Brücker zwei Jahre nach Kriegsende zufällig die herzhafte Würzwurst schuf. Als sie – in der einen Hand Curry, in der anderen Ketchup – auf einer Treppe stolperte, geschah das Wunder: Beide Zutaten vermengten sich zu jener Soße, die die Currywurst erst zur Currywurst macht. Von da an verkaufte die Romanheldin das Zufallsprodukt auf dem Hamburger Großneumarkt, und von dort aus begann dann die Brutzelspezialität ihren Siegeszug: mindestens zehn Minuten in 150 Grad heißem Öl im Ganzen gebraten und jede Minute gewendet.

Diese Version wurde auch als Comic, Hörspiel und 2008 als Film bekannt gemacht, von Gert Rüdiger in seinem Buch „Currywurst. Ein anderer Führer durch Berlin“ allerdings rundweg abgelehnt, nicht zuletzt mit Berufung auf Heuwers Zitat: „Ich hab‘ das Patent – und damit basta!“ Trotzdem hängt auch in Hamburg mittlerweile eine Gedenktafel für die Erfinderin. Der Streit flammte im November 2009 neu auf, als die „Curry Queen“ in der Erikastraße in Hamburg-Eppendorf von der Restaurantbibel Gault Millau zur besten Currywurst-Destination Deutschlands erklärt wurde. Berlin war sauer.

Curry Queen mit Ehrung. Quelle: https://media1.faz.net/ppmedia/aktuell/reise/485402694/1.903113/format_top1_breit/den-olymp-der-haute-cuisine.jpg

Eine dritte Version kam im Herbst 2018 auf. Danach könnte die Currywurst bereits 1946 im niedersächsischen Bückeburger Schloss an der Grenze zur Nordrhein-Westfalen NRW kreiert worden sein. Alexander Fürst zu Schaumburg-Lippe behauptete in BILD: „Die Currywurst kommt aus meiner Schlossküche.“ Der bereits verstorbene Sauerländer Küchenmeister Ludwig Dinslage soll die Currywurst im September 1946 erstmals im Speisesaal des Schlosses serviert haben – und zwar britischen Offizieren. Der Sohn des Küchenmeisters führt als Beleg auch einen Zeitungsbericht vom 12. September 1984 an, in dem Ludwig Dinslage rückblickend über seine neue Kreation von 1946 berichtet.

Diese Version wiederum könnte die Verbreitung der Wurst im niedersächsischen Wolfsburg erklären – sowohl im VW-Werk als auch dem VfL-Stadion. 6,3 Millionen Curry-Würste produzierten die Mitarbeiter der Werksfleischerei 2015 – übrigens nur mit Schweinebacke, -speck und -bauch von deutschen Bauern – und übertrafen damit die Autoproduktion bei weitem. Das Besondere: Die Wurst hat gerade 20 Prozent Fettanteil, enthält weder Phosphate, Glutamat oder Milcheiweiß, was sie schön bissfest macht, und wird bereits während der Herstellung mit Curry gewürzt. Die Normalversion ist 22 Zentimeter lang, die kürzere, die bei Heimspielen des VfL Wolfsburg und bei VW als Lady-Version offeriert wird, 12,5. Auch der Handel (Edeka) und Drittkunden wie Porsche in Leipzig bieten sie an.

„Curry mit Pommes Schranke“

Und diese Version könnte erst recht die Verbreitung im benachbarten NRW erklären, von der keine eigene überliefert ist. Im Ruhrpott gilt sie inzwischen als heimisches Produkt, besungen von Herbert Grönemeyer nach einem Text von Diether Krebs, -zigfach verspeist in den „Tatort“-Folgen mit Götz „Schimanski“ George und geadelt mit Wortschöpfungen wie „Schimanski-Teller“, „Mantaplatte“ oder „Assischale“. Bestellt wird mit der Ansage: Curry mit Pommes Schranke. Was so viel heißt wie Currywurst mit Pommes frites, Ketchup und Mayonnaise. Inzwischen spießen sie auch die neuen Kölner Kommissare Ballauf (Klaus J. Behrendt) und Schenk (Dietmar Bär) regelmäßig an der Deutzer Rheinbrücke auf die Plastikgabel.

Currywurst Schranke im Tatort. Quelle: https://www.goethe.de/resources/files/jpg824/artikelbild3-formatkey-jpg-w983.jpg

Die Landes-SPD war übrigens in den Landtagswahlkampf 2012 mit dem Slogan „Currywurst ist NRW“ gestartet – gerade im Ruhrpott ein Symbol für besondere Volksnähe. Der Slogan ging als Sieger aus einem Wettbewerb hervor, zu dem die Partei im Internet aufgerufen hatte. In der Parteizentrale gab es damals Currywurst für alle. Gratis, versteht sich. Resultat: Hannelore Kraft gewann, und zwar haushoch. Auf dem politischen Parkett outete sich auch Alt-Kanzler Gerhard Schröder (SPD) gern als Currywurst-Liebhaber: Beim Staatsbesuch des US-Präsidenten George W. Bush im Mai 2002 standen Eintopf aus Flusskrebsen, Apfelstrudel und Currywurst auf dem Speiseplan.

Weiter südlich hat der Snack bis heute kaum Chancen. Nach den Frankfurter Würstchen im Rhein-Main-Gebiet als erstem Bollwerk wirkt der Weißwurst-Äquator als natürliche Grenze. Der Osten setzt die echten Thüringer Rostbratwürste und die Halberstädter Würstchen dagegen. Noch weiter südlich ist man aufgeschlossener: Inzwischen wird die Wurst sogar in Kundus, Afghanistan, serviert, zubereitet von einem ehemaligen Bundeswehr-Koch.

Chili statt Curry

Doch in Berlin genießt sie nach wie vor Kultstatus. Sogar im Luxushotel Adlon steht sie manchmal auf der Speisekarte – mit Champagner. In der Probierstube des Currywurstmuseums nahe dem Checkpoint Charlie wurde sie gar mit Blattgold kredenzt. Bei Berlinale-Partys gilt sie als „hippes“ Fingerfood, und beim Bundespresseball ist sie ein Nachmitternachtsritus.

Letzter Schrei der Wurstkultur: Chili statt Curry. Imbissbuden in Berlin, aber auch Hamburg, Frankfurt und im Ruhrpott haben es durch höllische Soßen zu deutschlandweiter Prominenz gebracht und werben damit, die schärfste Currywurst der Welt zu kredenzen. So auch Gerd Herzogs Imbiss „Die Currywurst“ in Wanne-Eickel, der zehn Schärfegrade anbietet, gemessen in der chemischen Einheit „Scoville“.

Altkanzler mit „Kanzlerteller“. Quelle: https://www.tz.de/bilder/2014/11/21/4469686/841199137-urn-newsml-dpa-com-20090101-141121-99-07242_large_4_3.jpg

Während Tabasco mit 3000 Scoville zu Buche schlägt, brennt Herzogs Stufe neun mit 20.000 Scoville. Stufe zehn mit 310.000 Scoville oder gar zehn plus isst der Kunde auf eigenes Risiko – gegen Unterschrift. Bei den „German-Scoville-Masters“, die Herzog jährlich ausrichtet, verdrückte der Gewinner 2011 ein Stückchen Wurst, das in einem Esslöffel purer Höllensoße schwamm: 7,1 Millionen Scoville. Das taten zwar noch zwei andere Wagemutige, allein: Beim späteren Sieger wurde nach dem Verzehr der niedrigste Blutdruck gemessen.

Der einzige, der diese Narrative in Frage stellte, war Jasper von Altenbockum in der FAZ. „Weit und breit ist niemand, weder in der Union noch in der SPD, der es wagte, sich ‚rechts‘ zu nennen, oder akzeptierte, als solcher wahrgenommen zu werden“, kommentierte er. „Er müsste nämlich zugeben, weite Teile der AfD-Wahlprogramme unterschreiben zu können, ohne rechtsradikale Hetze mitmachen oder auch nur dulden zu wollen. Dennoch träfe ihn das Verdikt, ein ‚Nazi‘ oder ein ‚Rassist‘ zu sein.“ Wenn das kein Eingeständnis von Gesinnungskorridoren ist – was dann?

Es kann also nur darum gehen, entweder die Narrative zu durchbrechen (das werden die Medien nicht tun) oder aber einen Weg der Vernunft zu beschreiten. Und hier pirschen sich wenige nach der Wahl vor.

Meine Anmerkungen zur Causa Binder sind hier nachzulesen.

Es waren die kaum überbrückbaren Ambivalenzen, die sein Leben zerrissen. Er schrieb mit „Bambi“ einen Klassiker der Kinderliteratur und mit „Josefine Mutzenbacher“ einen der Pornographie, wurde von Arthur Schnitzler geliebt und von Karl Kraus gehasst, musste 1934 als österreichischer PEN-Präsident wegen seiner Freundlichkeit gegen Nazi-Deutschland zurücktreten, das seine Bücher 1935 trotzdem verbot, und lebte als Exiljude in der neutralen Schweiz, die ihm dennoch zu publizieren untersagte: Felix Salten. Am 6. September vor 150 Jahren wurde Siegmund (oder Zsiga) Salzmann als Sohn eines jüdischen Ingenieurs und Rabbi-Nachfahren in Pest geboren.

Seine Familie übersiedelte mit ihm als Baby in die Hauptstadt der neu gegründeten österreich-ungarischen Doppelmonarchie: in Wien galt ein Gesetz, das allen Juden eine volle Staatsbürgerschaft ermöglichte. Allerdings hielt die erwartete bessere Zukunft, die Salzmanns Familie sich erhofft hatte, nicht lange: hohe Schulden machten es dem jungen Siegmund unmöglich, sein Abitur abzuschließen. Um die Familie finanziell zu unterstützen, musste er eine Arbeit bei der „Phönix-Versicherung“ annehmen, die ihn aber langweilte, so dass er nebenher Gedichte und Kurzgeschichten schrieb.

Salten am Schreibtisch. Quelle: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/c/c0/Felix_Salten_at_his_desk.jpg

Die erste nachweisliche Veröffentlichung war bereits als „Felix Salten“ ein Gedicht 1889 in der Literaturzeitschrift An der Schönen Blauen Donau. Im Übrigen bleiben seine ersten Jahre schemenhaft, nur wenige Fakten sind bestätigt. 1890 lernte er die Vertreter der Autorengruppe des Jung-Wien kennen, darunter Hugo von Hofmannsthal und Hermann Bahr, die die Entwicklung vom Naturalismus zum Ästhetizismus und damit zur Moderne vollzogen und in Bahrs Die Zeit das wichtigste Organ hatten. Als einziger stammte Salten nicht aus großbürgerlichem Milieu und musste vom Schreiben leben. Seine frühen, impressionistischen Novellen schildern den Erfahrungsraum Großstadt.

Affären, Prostituierte und Skandälchen

Mit Arthur Schnitzler freundete er sich an, unternahm mit ihm ausgedehnte Fahrradtouren und unterstützte ihn in seinem Liebesleben: So bandelte er etwa mit der Schauspielerin Adele Sandrock an, um Schnitzler eine Gelegenheit zu geben, seine Beziehung mit ihr zu beenden. Eine Geliebte Saltens wiederum war Lotte Glas, die Schnitzler als Vorbild für die Figur der Therese Golowski in „Der Weg ins Freie“ diente und die er über Karl Kraus kennenlernte. 1895 gebar sie eine Tochter, mutmaßlich seine, die zu einer „Kostfrau“ nach Niederösterreich gegeben wurde, aber kurz darauf starb.

Inzwischen Redakteur der Wiener Allgemeinen Zeitung WAZ, schrieb er als zuständiger Berichterstatter für Kunst und Kultur förderliche Kritiken über ihm verbundene Schriftsteller und machte auch die Bekanntschaft des österreichischen Erzherzogs Leopold Ferdinand. Sein 1901 gegründetes erstes Wiener Kabarett blieb erfolglos. Nach einem Eklat – Salten ohrfeigte Kraus, nachdem dieser seine Beziehung zur Schauspielerin Ottilie Metzl öffentlich gemacht hatte, obwohl er noch mit Glas liiert war – heiratete er Metzl 1902 und bekam mit ihr zwei Kinder. Im Hochzeitsjahr wechselte er zu Bahrs Die Zeit und wurde durch seinen exklusiven Zugang zum Hof der Habsburger landesweit bekannt.

Saltens „Presseausweis“. Quelle: https://www.geschichtewiki.wien.gv.at/images/0/00/Felixsalten-ausweis.jpg

Affären, Prostituierte und Skandälchen waren seine Spezialität. Er berichtete über den Austritt Erzherzog Leopolds aus dem Kaiserhaus wegen einer Prostituierten und über die Affäre von Leopolds Schwester Luise von Österreich-Toskana mit dem Sprachlehrer André ­Giron. Daneben schrieb Salten unter dem Pseudonym „Sascha“ Berichte über verschiedene Mitglieder europäischer Königshäuser. Den deutschen Kaiser Wilhelm II. schilderte er folgendermaßen: „Die Geschichte wird ihm Eines unbedingt zugestehen, und daran werden auch die Nörgler der Nachwelt nicht zu rütteln vermögen: dass nämlich unter seiner Regierung die Schnurrbärte einen fabelhaften Aufschwung genommen haben.“

Salten pflegte trotz hoher Schulden einen aufwendigen Lebensstil, unternahm 1904 eine Ägyptenreise, urlaubte regelmäßig an der Ostsee und in Venedig. 1906 erschienen dann in einer – um der Zensur zu entgehen: subskribierten – 1000er Auflage beim ungenannten Erotika-Verleger Fritz Freund unter dem Titel „Josefine Mutzenbacher oder Die Geschichte einer Wienerischen Dirne von ihr selbst erzählt“ die vermutlich fiktiven erotischen Lebenserinnerungen der gleichnamigen Wiener Prostituierten, die 1852–1904 gelebt haben soll. Das Buch wird Salten zugeschrieben: Je nach Lesart waren es die zeitgenössischen Autoren Karl Kraus oder Egon Friedell, die ihn als Urheber nannten.

Pornographie kann Kunst sein

Salten selbst hat sich in dieser Frage nie festgelegt, weder bestätigt noch dementiert. Von Stefan Zweig befragt, habe er nur vielsagend gelächelt: Wenn er sie verleugne, werde Zweig ihm nicht glauben; wenn er das Geheimnis lüfte, werde man meinen, er scherze. Das verrufene Werk soll auf einer Kaffeehaus-Wette gründen. Weder Autor noch Verleger wagten, Ansprüche auf Urheberrecht geltend zu machen. Der Roman gilt laut Oswald Wiener als „der wohl einzige deutsche pornographische Roman von Weltrang“, fand aber erst in den 1970er Jahren nach seiner Verfilmung durch den Regisseur Kurt Nachmann im deutschsprachigen Raum größere Verbreitung.

Viele Ausgaben führen ihn als Autor. Quelle: eigene Darstellung.

Viktoria Klimpfinger meint in der Wiener Zeitung, der „heutige Skandal-Wälzer“ ließe „‚50 Shades of Grey‘ wie biedermeierliches Geturtel aussehen. Die Lebensgeschichte der Wiener Prostituierten spart nicht an Bildern, die die Kraft hätten, ganze Generationen zu verstören.“ Die Käufer der Ausgabe, die 1969 bei Rogner & Bernhard erschien, mussten in einem beiliegenden Verpflichtungsschein versichern, das Buch verschlossen aufzubewahren und „Jugendlichen unter 21 Jahren nicht zugänglich zu machen“. In Deutschland wurde es vor allem wegen inzestuöser und/oder pädophiler Aussagen von der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften 1982 in die Liste der jugendgefährdenden Schriften aufgenommen und 2017 nach 25 Jahren wieder gestrichen. Von Anbeginn wurde gegen die Indexierung prozessiert.

Als das Bundesverfassungsgericht 1990 die Frage, ob der Roman die Jugend gefährde, abschlägig beantwortete, stellte es seinem Urteil die Feststellung voran: „Ein pornographischer Roman kann Kunst im Sinne von Art. 5 Abs. 3 Satz 1 GG sein.“ Magnus Klaue erklärt in der FAZ: „Die kritiklose Darstellung sexueller Beziehungen zwischen Kindern und Erwachsenen bedeutete in der Epoche, in welcher der Roman entstanden ist, nicht den Tabubruch, als der sie dem auf Kinder- und Jugendschutz ausgerichteten Sexualstrafrecht der achtziger Jahre erschien.“ Die Passagen seien „nicht einfach eine Darstellung des Zusammenhangs von Armut, Vernachlässigung und Amoralität“, sondern griffen auf, was etwa Freud oder Wedekind ins Bewusstsein rückten: „die Erfahrung eines ins Fließen geratenen Übergangs zwischen Kindheit und Erwachsensein und der Erosion überkommener Rollenmuster.“

Die zwischenzeitliche Chefredaktion der Berliner Morgenpost 1906 gab Salten im Jahr darauf wieder ab, war für den Pester Lloyd tätig, für das Berliner Tageblatt sowie für die Neue Freie Presse. Biographen beschrieben ihn als „gefragt, berühmt, ungeheuerlich produktiv“. Salten schrieb Erzählungen und Novellen („Die kleine Veronika“, „Olga Frohgemuth“), Romane („Die klingende Schelle“, „Martin Overbeck“), Reiseberichte („Fünf Minuten Amerika“), Porträts („Das österreichische Antlitz“), Theaterstücke („Der Gemeine“, „Schöne Seelen“), Operettenlibretti für Johann Strauß (Sohn) und Filmdrehbücher: Am 16. Oktober 1913 hatte sein erster Film „Der Shylock von Krakau“ in Berlin Premiere. Vieles davon findet sich in der bei Zsolnay erschienenen Werkausgabe in sechs Bänden (1928−1932). Bekannt waren auch seine Monografie über Gustav Klimt sowie sein Buch über das Burgtheater.

Salten mit seinen Kindern 1911. Quelle: https://tvportal.orf.at/highlights/orf3/felix_salten100~v-body__16__9-8356d68febb302a69d0d38655ca9b89002ae9eee.jpg

Kurz vor dem Krieg wurde er Blattmacher beim Fremdenblatt, der propagandistischen Zeitung des Außen­minis­te­riums. Auf seine patriotische Begeisterung folgte bald die Ernüchterung: ab 1918 schwankte Salten nach Angabe seiner Biographen „zwischen einer konservativen taktisch zögernden und einer kämpferischen Haltung mit großen Sympathien für die radikalen politischen Bewegungen“, darunter  Marx und Trotzki.

„die Mutzenbacher wirft ein Licht auf Bambi“

1923 veröffentlichte Salten, der als Jäger in Stockerau zwischen den Auwäldern der Donau ein eigenes Jagdrevier hatte, die beiden Tiergeschichten „Der Hund von Florenz“ und „Bambi. Eine Lebensgeschichte aus dem Walde“. Auf den ersten Blick mag das Original dieser Lebensgeschichte eines Rehs kindlich und verträumt wirken, doch auf den zweiten Blick erkennt man, dass sie nur jemand verfassen konnte, der die Natur genau und über Jahre studiert hatte, der weiß, was es für ein Tier bedeutet, im Wald zu leben und zu überleben, und wie nahe Freud und Leid beieinander liegen können. Salten berichtet im Detail, was er selbst auf der Jagd alles erlebte, wie die Vögel von den Ästen zwitschern oder der Hase nach dem Schuss über die Wiese rouliert, und lässt seine Erlebnisse geschickt in die Geschichte einfließen. „Bambi wäre niemals entstanden, hätte ich nicht meine Kugel auf das Haupt eines Rehbocks oder Elches gefeuert“, räumte er offen ein.

Dabei kann man Bambi auch religiös lesen: „Bambi erglühte und sprach bebend: ‚Ein anderer ist über uns allen … über uns und über Ihm‘.“ Und man kann Bambi auch und erst recht lesen „als Kontrafaktur der Biographie der ‚Wienerischen Dirne‘ …, die sich als Mädchen in armen Verhältnissen von ihren Liebhabern ‚abrichten‘ lässt, um den Bann ihres Milieus zu brechen, und später junge Frauen ähnlicher Herkunft zum selben Abweg überredet“, findet Klaue. Und er merkt an, „wie wenig hilfreich Unterscheidungen von Kinder- und Erwachsenenliteratur, Kinder- und Jugendgemäßheit sind, sobald es nicht nur um juristische, sondern um ästhetische Qualifizierungen geht.“

In eine ähnliche Kerbe schlug Michael Maar in der Zeit und führt fast genüsslich Karl Kraus‘ Verdikt des „Reh-Sodomiten“ an: Bambiwerfe „kein Licht auf die Mutzenbacher. Aber die Mutzenbacher wirft ein Licht auf Bambi. Alle dort genüsslich ausgeführten Spielarten der fleischlichen Liebe werden hier im Subtext angedeutet.“ Sodann zitiert er „Die ganze Nacht war er mit Faline glücklich gewesen, hatte sich bis in den hellen Morgen mit ihr getummelt“ und später „Im Gegenteil ist er erleichtert, als er Faline, der Mutter seiner beiden Kinder, den Laufpass gibt. ‚Bambi atmete tief. Ihm wurde auf einmal frei zu Gemüt, wie seit langem nicht‘.“

Saltens zweiter Klassiker. Quelle: https://media1.jpc.de/image/w600/front/0/9783957280312.jpg

Salten schrieb die Geschichte während eines Sommerurlaubes im Salzkammergut und verfolgte damit durchaus auch pädagogische Absichten: „Ich wollte meine Leser von dem Irrtum befreien, die Natur sei ein sonniges Paradies“. Der Tod von Bambis Mutter rührt noch heute Kindergenerationen zu Tränen. Für wie wirkmächtig die Geschichte noch immer angesehen wird, zeigte im Dezember 2018 ein Gerichtsurteil in den USA: Der Wilderer David Berry, der mit seiner Familie über einen Zeitraum von drei Jahren illegal hunderte Hirsche getötet haben wurde soll, wurde in Missouri dazu verurteilt, im Gefängnis jeden Monat einmal die klassische Verfilmung von Walt Disney anzuschauen.

Zur Disney-Adaption von 1942 existiert die Version, Salten hätte die Rechte 1933 für gerade 1.000 Dollar an den Produzenten Sidney Franklin abgetreten. Franklin schlug Walt Disney einen Animationsfilm auf der Basis des Buchs vor – der Rest ist Geschichte. Mehr als sechs Jahre arbeiteten Disney und sein Team überaus akribisch an den Zeichnungen. Für die dreidimensionalen und damals authentisch wirkenden Hintergründe wurde eigens ein neues Zeichenverfahren entwickelt. Im Film werden weniger als 1.000 Worte gesprochen, dafür gibt es in Dauerschleife passend zu jeder Sequenz säuselnd romantische Chöre.

Das Problem: Aus Informationsmangel oder Übersetzungsfehlern nahmen die Zeichner kein Reh, sondern einen Weißwedelhirsch als Vorlage, aus dem bei der Rücksynchronisation ins Deutsche wieder ein Rehkitz wurde. Dazu kommt, dass Bambi im Film von seinem Vater, einem stattlichen Hirsch, beschützt wird, auch zu einem majestätischen Hirsch heranwächst und am Ende des Films selbst Vater wird. An dieser Stelle tritt ein zusätzlicher Filmfehler zu Tage, nämlich, dass Reh und Hirsch miteinander verwandt sind. Einerlei: Bambi ist immer noch einer der weltweit erfolgreichsten Filme.

profilierter Redner und engagierter Zionist

Sein Verleger drängte Salten, sich beim Schreiben vollkommen auf das profitversprechende Genre „Tiergeschichte“ zu konzentrieren, prompt entstanden „Florian, das Pferd des Kaisers“, die Fortsetzung „Bambis Kinder“, „Renni, der Retter. Das Leben eines Kriegshundes“, „Die Jugend des Eichhörnchens Perri“ oder auch „Djibi das Kätzchen“. Salten schreibt aber auch für die von seinem Freund Theodor Herzl gegründete Welt, sein Palästina-Reisebericht „Neue Menschen auf alter Erde“ ist ein glühendes, wenn auch nicht unkritisches Plädoyer für den politischen Zionismus.

Disney prägt das Bambi-Bild bis heute. Quelle: https://data.puzzle.de/.5/mon-ami-bambi-disney-sonstige-2×24-teile–puzzle.44259-3.fs.jpg

Sein Schwanken zwischen öffentlichem Engagement und einem Rückzug in die Salonkultur entschied er 1927 zugunsten des ersteren: er übernahm von Arthur Schnitzler die Präsidentschaft des österreichischen P.E.N.-Clubs. Als er sich aus nicht nachvollziehbaren Gründen dem Protest gegen die Bücherverbrennungen der Deutschen verweigerte und angefeindet wurde, trat er 1934 aus dem P.E.N.-Club aus und emigrierte 1939 nach Zürich, wo er von seinen spärlichen Tantiemen lebte. Nacheinander verlor er seinen Sohn bei einem Unfall, später auch seine Frau und starb am 8. Oktober 1945.

Seine Würdigung bleibt so ambivalent wie sein Leben. Einerseits war er einer der profiliertesten Journalisten seiner Zeit, trug zur Etablierung der modernen Literaturkritik bei und lieferte neben 20 Romanen auch zehn Novellensammlungen, 13 Theaterstücke und 17 Filmdrehbücher. Andererseits ist der einst auflagenmächtige feuilletonistische Vielschreiber heute vergessen. Als Emporkömmling eckte er wegen der Freizügigkeit und der liberalen Ideen seiner Werke an, erkennt Andre Schwarz auf dem Portal literaturkritik. Und als profilierter Redner und engagierter Zionist in teilweise herausragender beruflicher Position in einem zunehmend antisemitischen Klima war er vielen unbequem.

Rökk mit Trophäe. Quelle: https://dp8ozi4aflkte.cloudfront.net/wp-content/uploads/bambi_1948.jpg

Wer den bedeutendsten deutschen Medienpreis als anfangs namenloses Rehkitz aus weißer Keramik erfand, gilt heute immer noch als unklar – nicht jedoch seine Benennung. Nach Aussagen von Gabriele Jacoby, der Tochter der ersten Preisträgerin Marika Rökk, verdanke ihr die Figur den Namen: Sie habe 1948 ihrer Mutter gesagt „Oh, das sieht ja aus wie ein Bambi!“ Seit 1949 wird er dann unter diesem Namen verliehen – an „Menschen mit Visionen und Kreativität, deren herausragende Erfolge und Leistungen sich im ablaufenden Jahr in den Medien widerspiegelten“. Und eine erfolgreiche Medienlaufbahn kann man dem Bambi-Erfinder Felix Salten als Namenspaten nicht absprechen.

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