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Herzlich willkommen!

Als Dozent informiere ich Sie auf meiner Webpräsenz über meine Aktivitäten rings um die hochschulische Ausbildung angehender Medienmacher.

Als Mensch lasse ich Sie gern an meinen freizeitlichen Aktivitäten teilhaben, zu denen nicht zuletzt Kochen gehört ;-)

Als Bildungsbürger kommentiere/rezensiere ich außerdem vielerlei kulturelle Phänomene – vom Roman über den Musikergeburtstag bis zum Regisseurstod.

Und als (Ex-)Journalist blogge ich daneben unregelmäßig Betrachtungen zu Interessantem und Wissenswertem nicht nur aus der Welt der Medien.

Warum gerade Betrachtungen?

Ich empfinde dieses Genre – eine Meinungsdarstellungsform übrigens – als eins der zeitgemäßen schlechthin.

Eine Betrachtung soll durch Beschreibungen und Schilderungen, Vergleiche und Annäherungen bis hin zur Analyse einem Ereignis, einer Situation, einem Gegenstand oder auch einem (gesellschafts-) politischen Problem Individualität verleihen: Recherche darf in gewissem Maße substitutiert werden durch Subjektivität.

Die Betrachtung ist durchaus mit derselben eines Kunstwerks in einer Ausstellung vergleichbar: man wählt zunächst die Gesamtschau und wechselt dann zu einzelnen Aspekten.

Dabei ist dem Genre eigen, dass die Prioritäten dieser Aspekte oft im Vagen bleiben: aus der Betrachtung erwächst ein Gedanke, der das formale Ziel darstellt.

Der Gegenstand darf dabei Randerscheinung eines größeren Zusammenhangs bleiben: “die Bedeutung des Unbeachteten birgt den Kern ihrer Aussage” (Degen 2004).

Viel Spass beim Lesen – und natürlich beim Kommentieren!

Mitte Januar 1944 entsteigt ein kleiner Mann mit spitzbübischem Gesicht und fünf Kartons unter dem Arm dem Nachtzug nach Ostpreußen und steht Minuten später am Schlagbaum des Führerhauptquartiers: Heinz Rühmann, Produzent und Hauptdarsteller der „Feuerzangenbowle“, deren Filmrollen er im Gepäck hat. Am Tag zuvor hatte er erfahren, dass Reichserziehungsminister Bernhard Rust die Freigabe des Streifens verhinderte, weil durch den Krieg Lehrer an den Schulen fehlten und die ordnungsgemäße Schulerziehung dadurch ohnehin schon erschwert sei: Ein solcher Film würde die Autorität der Schule und der Lehrer geradezu gefährden. Nicht mit Rühmann, der prompt beginnt, seine Beziehungen spielen zu lassen.

Ein Adjutant von Reichsmarschall Hermann Göring nimmt dem Starschauspieler den Film ab und weist ihm eine Unterkunft in den Offiziersquartieren zu. Nach zwei Tagen erhält er die Nachricht, dass Göring den Film im Kreise seines Stabes sich angesehen, darüber köstlich ergötzt und mit Hitler gesprochen habe. Der soll lakonisch gefragt haben: „Ist dieser Film zum Lachen?“ Als Göring bejahte, erwiderte Hitler nur: „Dann ist dieser Film sofort für das deutsche Volk freizugeben.“ Propagandaminister Joseph Goebbels notiert am 25. Januar in sein Tagebuch:

„Der neue Rühmann-Film ‚Feuerzangenbowle‘ soll unbedingt aufgeführt werden. Der Führer gibt mir den Auftrag, mich nicht durch Einsprüche von Lehrerseite oder von Seiten des Erziehungsministeriums einschüchtern zu lassen.“

Tauentzienpalast. Quelle: http://photos.cinematreasures.org/production/photos/165150/1461081144/large.jpg?1461081144

Tauentzienpalast. Quelle: http://photos.cinematreasures.org/production/photos/165150/1461081144/large.jpg?1461081144

Nur drei Tage später feiert der Pennälerklamauk in den beiden Berliner UFA-Kinos „Tauentzienpalast“ und „Königstadt“ Premiere; letzterer war mit 1500 Plätzen eins der größten Lichtspielhäuser Deutschlands. Die Zahl der Premierenbesucher ist nicht überliefert, könnte aber durchaus stattlich gewesen sein: Wurden 1939 bereits erstaunliche 624 Millionen Besucher gezählt, lösten 1943 – dem Jahr, in dem der Krieg mit Stalingrad seine Wende erlebt – insgesamt 1,116 Milliarden Zuschauer eine Kinokarte. Während deutsche Städte im Bombenkrieg in Schutt und Asche gelegt werden, schöpfen die Zuschauer Hoffnung in der heilen Kinotraumwelt. Auch in Berlin, wo in der Nacht zuvor 1077 englische Flugzeuge 3715 Tonnen Bomben abwarfen.

Nach dem Krieg sollte es Jahrzehnte dauern, bis der Streifen wieder aufgeführt und auch im Fernsehen gespielt werden konnte: zu Weihnachten 1964 im DDR-Fernsehfunk, zu Weihnachten 1969 im ZDF. Dort erreichte er eine Einschaltquote von 53 %, das entsprach damals 20 Millionen Zuschauern. Nach einem umstrittenen Deal der Murnau-Stiftung, die seit 1966 das „reichseigene Filmvermögen“ der 1953 aufgelösten deutschen Filmproduktionsgesellschaften auswertet, mit Medienmogul Leo Kirch behielt der zwar Fernseh- und DVD-Rechte, lizenzierte den Film aber für öffentliche Aufführungen an Dr. Cornelia Meyer zur Heyde, eine Kleinunternehmerin aus dem westfälischen Münster – die hier im Kreisvorstand der AfD sitzt. Ihre „Goldie-Film“ verleiht den Streifen pro Stadt nur einmal im Jahr, weil sie „ihren Schatz nicht verschleißen“ wolle, so zur Heyde in der WELT. „Warum jede Vorführung des Klassikers einer AfD-Politikerin Geld bringt“, schlagzeilt prompt der verärgerte juvenile SPIEGEL-Ableger Bento. Inzwischen ist er der meistgezeigte deutsche Film der Vierzigerjahre.

Studentenparty. Quelle: https://scontent-lhr3-1.cdninstagram.com/vp/079435848414dbac3e111b99d30e1edb/5CCA8C49/t51.2885-15/e35/46616780_374398819994877_2736351767328113577_n.jpg?_nc_ht=scontent-lhr3-1.cdninstagram.com

Studentenparty. Quelle: https://scontent-lhr3-1.cdninstagram.com/vp/079435848414dbac3e111b99d30e1edb/5CCA8C49/t51.2885-15/e35/46616780_374398819994877_2736351767328113577_n.jpg?_nc_ht=scontent-lhr3-1.cdninstagram.com

Und Geld bringt er besonders in Hochschulstädten: Der Klamaukstreifen gilt noch immer als absoluter Studi-Kult. Jahr für Jahr finden sich in der Vorweihnachtszeit zehntausende Studenten in Hörsälen der ganzen Republik zusammen, um den Film zu sehen. Diese Vorführungen sind Event-Kino im „Rocky Horror“-Format: Zeigt Pfeiffer verkleidet als Professor Crey anhand eines Feuerwerks, wie Radium im Dunkeln leuchtet, entzündet auch die Studentenschaft Wunderkerzen. Verschläft Pauker Schnauz, weil Pfeiffer seine Uhren verstellt hat, klingeln im Auditorium die mitgebrachten Wecker. Wird im Chemieunterricht die Vergärung von Alkohol anhand von selbstgebrautem Heidelbeerwein behandelt („Aber jähder nohr einen wähnzigen Schlock“), knallen im Publikum die Sektkorken. Und taucht der zackige Geschichtslehrer Dr. Brett auf, wird er als Nazi ausgebuht.

„Vertreter einer verlorenen Individualität“

„Das seltsame Glück dieses Films steckt in der vollständigen Rückkehr des Helden in eine unschuldige Kindheit. Stellvertretend für sein Publikum unternimmt er den Rückzug aus der Wirklichkeit, indem er noch einmal jenen magischen Ort aufsucht, an dem alles noch einmal beginnen und sich vielleicht ganz anders entwickeln könnte“, versucht sich Georg Seeßlen in epd Film der Faszination zu nähern, die dem Streifen bis heute innewohnt. Ein Faktor ist die Präsenz des Hauptdarstellers, dem sein enger Freund Heinrich Spoerl das Drehbuch nach seinem eigenen Roman „auf den Leib“ schrieb. Ein weiterer ist die Geschichte an sich, die in einer undatierten „guten alten Zeit“ um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert spielt und Schülermützen, Pickelhauben und Kutschen kennt.

Rühmann als Pfeiffer. Quelle: https://www.prisma.de/cdn/img/default/13/120298_b51194fb0606bcb73ff1c6b2d7777c69_1280re0.jpg

Rühmann als Pfeiffer. Quelle: https://www.prisma.de/cdn/img/default/13/120298_b51194fb0606bcb73ff1c6b2d7777c69_1280re0.jpg

In der Rahmenhandlung tauscht eine Herrenrunde bei einer Feuerzangenbowle gerührt und amüsiert Erinnerungen an Schülerstreiche aus. Einer der Herren, der 41jährige Schriftsteller Dr. Johannes Pfeiffer („Mit drei F – ein F vor dem Ei, zwei F hinter dem Ei“), lernte allerdings als Privatschüler die Freuden des öffentlichen Schullebens nie aus eigener Anschauung kennen: „Der arme Pfeiffer, er hat den besten Teil seiner Jugend verpasst.“ Die Runde beschließt, ihn in die Oberprima eines Kleinstadtgymnasiums einzuschleusen. Hier darf er dann, so die Binnenhandlung, in steter Auseinandersetzung mit kauzig-komischen Lehrern seinen Nachholbedarf an Streichen und Pennälervergnügungen befriedigen.

Der unzeitgemäße Klassenclown bekommt am Ende, zur Belohnung für die Rückkehr in die Wirklichkeit, quasi zur Versöhnung mit dem Leben noch die minderjährige Tochter des Direktors zur Braut, der nicht zufällig „Zeus“ genannt wird und genau wie der Göttervater aussieht. Diese Passgenauigkeit der Schauspieler zu ihren Typen ist ebenfalls ein Erfolgsfaktor des Films, allen voran die drei Sachsen Erich Ponto als Professor Schnauz („Sätzen Se säch“), Hans Leibelt als Direktor Knauer und Walter Werner als Pfeiffers Hausdiener. Hier spielt unbedingt das gezeichnete Pädagogenbild mit hinein: die Lehrer als unheldische, von altmodischer Väterlichkeit bestimmte Sachwalter einer vom Nationalsozialismus nicht infizierten Generation, die zugleich verspottet und geliebt werden. „Sie sind Vertreter einer verlorenen Individualität; jeder zelebriert seine gestischen, logischen und vor allem sprachlichen Macken mit einer Reinheit, die sozusagen bereits die vorweggenommene Parodie ist“, meint Seeßlen.

Erich Ponto als Schnauz. Quelle: https://media1.faz.net/ppmedia/aktuell/2813190580/1.3812157/article_multimedia_overview/professor-schnauz-und-sein.jpg

Erich Ponto als Schnauz. Quelle: https://media1.faz.net/ppmedia/aktuell/2813190580/1.3812157/article_multimedia_overview/professor-schnauz-und-sein.jpg

Der Film stammt von einem „Regisseur, dessen großes Verdienst es wohl war, den Schauspielern nicht im Weg zu stehen“, mokiert sich Seeßlen: Helmut Weiß, ein guter Freund von Rühmann. Der Streifen war Weiß‘ Regiedebüt und ist bis auf den heutigen Tag seine bekannteste und erfolgreichste Arbeit geblieben. Er war auch der erste Regisseur, der nach Kriegsende in Westdeutschland wieder einen Film drehen durfte: „Sag’ die Wahrheit“, ebenfalls ein Rühmann-Projekt, das dieser 1945 begonnen hatte, wegen des Krieges jedoch nicht zu Ende bringen konnte. Sein erfolgreichster Nachkriegsfilm als Regisseur war das Lustspiel „Drei Mann in einem Boot“, in dem Hans-Joachim Kulenkampff, Heinz Erhardt und Walter Giller drei Freunde spielen, die für ein paar Tage Reißaus vor dem Alltag und ihren Frauen nehmen: in Seeßlens Augen „belangloser Unfug“.

Und die „Feuerzangenbowle“ wurde gefilmt von Ewald Daub: Ihm ist es zu verdanken, dass Heinz Rühmann überhaupt die Rolle Pfeiffers spielte, denn der fand sich zu alt, um einen Primaner glaubhaft darstellen zu können. Erst Daubs Probeaufnahmen überzeugten ihn. Der Braunschweiger hatte eine Fotoausbildung absolviert, war Kriegsberichterstatter an der französischen Front und arbeitete zwischen 1927 und 1934 mit dem Sensationsdarsteller und Regisseur Harry Piel zusammen. Nach dem Krieg führte er in Berlin ein Fotogeschäft, seine Filmographie zählte über 140 Filme. Da er Vollwaise war, unterstellen ihm Branchenkenner eine aktive Sehnsucht nach „schönen Bildern“, die sich im Film durchaus vermittelt und auch zu seinem Erfolg beigetragen haben dürfte.

„Sehnsucht nach Frieden und Versöhnung“

Die nostalgische Rückkehr in die Jugendzeit hat dem Film freilich eine Debatte nicht erspart, die Mitte der Siebzigerjahre mit einem provozierenden Aufsatz Karsten Wittes begann. „Wie faschistisch ist die ‚Feuerzangenbowle’?“ fragte Witte, der später als Erster die neu geschaffene Professur für Filmwissenschaft an der Freien Universität Berlin übernahm und die gesammelten Schriften Siegfried Kracauers herausgab. Mitte der Neunziger folgte Georg Seeßlens Verdikt, sie sei kein guter und kein böser Film, aber „leider auch kein unschuldiger“.

So heißt es im Begleittext des Deutschen Historischen Museums: „Nur wenige Wochen nach der Kapitulation der 6. Armee in Stalingrad begannen die Dreharbeiten für ‚Die Feuerzangenbowle‘. Während immer neue Jahrgänge von Schülern zur Armee mussten, die Juden Europas deportiert und ermordet wurden und Bomben auf deutsche Städte fielen, flüchtete der Film aus der Gegenwart“. Für Seeßlen gehört er

„zu jenen schizophrenen Filmen aus der Spätzeit des Nationalsozialismus, die zugleich dem Regime dienen und über sein Ende hinausblicken wollen, die voller offener oder unterschwelliger Nazi-Ideologeme sind, und zugleich von einer Sehnsucht nach Frieden und Versöhnung zeugen, die sozusagen schon mit der Verdrängung der Schuld beginnt, während sie noch geschieht.“

Brett und Bömmel. Quelle: http://3.bp.blogspot.com/-CKAKnlILjxs/UV1mJL8bAzI/AAAAAAAAFdk/aCYqsxOMujQ/s1600/vlcsnap-2013-04-04-13h19m48s143.png

Brett und Bömmel. Quelle: http://3.bp.blogspot.com/-CKAKnlILjxs/UV1mJL8bAzI/AAAAAAAAFdk/aCYqsxOMujQ/s1600/vlcsnap-2013-04-04-13h19m48s143.png

Als ein solches „Nazi-Ideologem“ benennt Hanns-Georg Rodek vor sechs Jahren in der WELT die Erziehungsmethoden, wie sie Oberlehrer Dr. Brett Lehrer Bömmel („Da stelle mer uns ma janz dumm“) erläutert: „Junge Bäume, die wachsen wollen, muss man anbinden, dass sie schön gerade wachsen, nicht nach allen Seiten ausschlagen, und genauso ist es mit den jungen Menschen. Disziplin muss das Band sein, das sie bindet – zu schönem geraden Wachstum!“ Allerdings, so der Autor unter der bezeichnenden Schlagzeile „Schmunzelt! Lacht! Aber denkt nicht an Stalingrad!“, ließe sich das Ideal vom „schönen geraden Wachstum“ nicht nur mit der NS-Ideologie assoziieren, welche die Arier als überlegen propagierte: Es ließe sich auch assoziieren mit einem „geraden Wirtschaftswachstum“, in dessen Namen junge Leute „vom Sprachenlernen im Kindergarten über das Zwölfjahresabitur bis zum durchreglementierten Studium“  wieder rigoros angebunden würden.

Benjamin Maack hatte sich im SPIEGEL schon fünf Jahre zuvor mit der Rolle Heinz Rühmanns auseinander gesetzt, der 1940 zum Staatsschauspieler ernannt worden war und für den während der Herrschaft Hitlers – obwohl er nie in die NSDAP eintritt – die Zeit seiner größten Erfolge anbricht, während andere wie Billy Wilder und Marlene Dietrich dem Reich längst den Rücken gekehrt haben. Rühmann selbst, so betonte er später stets, wollte immer nur Filme machen, die das Publikum erfreuen. Einige der jungen Schauspieler, die seine Klassenkameraden gespielt hatten, erlebten die Premiere nicht mehr – sie waren nach dem Dreh direkt an die Front geschickt worden und gefallen. Um das zu verhindern, hatte Rühmann noch versucht, die Dreharbeiten möglichst lange hinauszuzögern – vergeblich.

Im Chemieunterricht. Quelle: https://static.kino.de/wp-content/gallery/die-feuerzangenbowle-1944/feuerzangenbowle-die-heinz-rhmann-8-rcm950x0.jpg

Im Chemieunterricht. Quelle: https://static.kino.de/wp-content/gallery/die-feuerzangenbowle-1944/feuerzangenbowle-die-heinz-rhmann-8-rcm950x0.jpg

„Vielleicht hat sich Rühmann damals wirklich manchmal gewünscht, noch einmal wie in der ‚Feuerzangenbowle‘ einfach ein Schüler zu sein, in einer heilen, überschaubaren Welt und frei von jeder Verantwortung“, mutmaßt Maack. Für ihn hat der Schülerklamauk seinen glaubwürdigsten und wehmütigsten Moment in seiner letzten Szene, da sich Pfeiffers Ausflug zurück in die Schulzeit als Traum entpuppt: „Wahr sind nur die Erinnerungen, die wir in uns tragen, die Träume, die wir spinnen, und die Sehnsüchte, die uns treiben. Damit wollen wir uns bescheiden.“ Solche Bescheidenheit hätte auch den Urhebern gut gestanden, die sich 1970 an einer Neuverfilmung und 2004 an einem Musical versuchten – beide Werke blieben ebenso uncharmant wie erfolglos.

Wenn man einen DDR-Autor „Volksschriftsteller“ nennen kann, dann Erwin Strittmatter: urbäurisch, knorrig, humorig, mit Schiebermütze und Vollbart, inmitten seiner Araber im brandenburgischen Schulzenhof. Eine oft bemühte Anekdote geht so: Vor einer Lesung in Leipzig hatten junge Leute erkundet, dass jemand unweit auf dem Lande einen Hengst besaß, den er vom Pferdehof des Schriftstellers gekauft hatte. Während der Signierstunde rief ein Begleiter Strittmatter heraus: Ein Besucher warte auf ihn. Es war der Hengst. Der Dichter herzte ihn, meinte aber, das Tier habe ihn nicht erkannt. Die Presse, die anderer Ansicht war, komplimentierte das Pferd hinein. Es kam dieser Bitte auch nach. Weitere Pferdebesuche in DDR-Buchhandlungen sind nicht überliefert.

Doch der deutsche Autor mit sorbischen Wurzeln hatte auch andere, dunkle Seiten, die erst nach seinem Tod am 31. Januar 1994 vollständig offen gelegt wurden. So wurde 1996 bekannt, dass er einerseits von 1958 bis 1964 als Geheimer Informator „Dollgow“ der Staatssicherheit arbeitete, später wurden daraus die Inoffiziellen Mitarbeiter (IM). Noch in den 1970er Jahren befürwortete er laut Stasi-Akte des Schriftstellers Reiner Kunze („Deckname Lyrik“) dessen Ausweisung aus der DDR. Andererseits verschwieg er, dass er 1941 als Freiwilliger zur Schutzpolizei ging, die später der SS angegliedert wurde. 1942 musste er auf dem Balkan als Oberwachtmeister des „Gebirgsjäger-Regiment 18“ im Rahmen der „Operation Enzian“ mindestens Kenntnis vom Massaker in Bistrica pri Kranju gehabt haben – wenn er nicht gar daran beteiligt war.

Erwin Strittmatter. Quelle: https://www.berliner-kurier.de/image/23730466/2x1/940/470/7c8a7332323b495dd92843687817f07/xf/digas-102685355-mds-bez-201.jpg

Erwin Strittmatter. Quelle: https://www.berliner-kurier.de/image/23730466/2x1/940/470/7c8a7332323b495dd92843687817f07/xf/digas-102685355-mds-bez-201.jpg

„Endlich einer aus dem Osten!“, frohlockte Oliver Jungen am 09.06.2008 in der FAZ, als die Recherche öffentlich wurde, und hielt Strittmatters literarisches Schicksal längst für besiegelt. Aus dem Nachlass wurden Briefe bekannt, die ihm im Mai 1971 eine frühere Geliebte schickte – einst zur Aufbewahrung überlassen und längst „verloren und vernichtet“ geglaubt. Der Schriftsteller hielt in seinem Tagebuch fest, es handle sich um „abgestoßene Seelenhäute, die man halb neugierig, halb ängstlich betrachtet“. Wie aber die Wiederentdeckung auf ihn gewirkt, ob er sich überhaupt in den Fund vertieft hat, ist nicht zu erfahren. So schrieb Strittmatter Anfang Januar 1942 seinen Eltern aus der Oberkrain in Slowenien „Dann nehmen wir es (das Dorf) endlich und brannten alles nieder“. Und weiter: „Nun holen wir zum Hauptschlag aus. Die Banden sind immer noch nicht ganz aufgerieben.“ Was Strittmatter dabei genau getan hat, ist bis heute nicht bekannt.

„aus Lust und innerlichem Zwang“

Seitdem knirscht es im literarischen Erinnerungsgebälk. Der 1994 vom Potsdamer Landwirtschaftsministerium gestiftete „Erwin-Strittmatter-Preis“ wird seit 2008 nur noch als „Brandenburgischer Literaturpreis Umwelt“ verliehen. Und im Januar 2012 beschloss die Stadtverordnetenversammlung der Stadt Spremberg, von einer offiziellen Würdigung aus Anlass des 100. Geburtstages ihres Ehrenbürgers abzusehen. Rechnet man nun noch hinzu, dass ihm einige seiner acht Söhne, die er mit drei Frauen hatte, sowie eine Enkelin vorwarfen, er sei ein hartherziger, prügelnder Egomane und Familientyrann gewesen, der zwar die Geburtstage seiner Pferde, nicht aber die seiner Kinder kennt, wird deutlich, dass der „Nationalautor einer halben Nation“ (SPIEGEL) gerade eine Persona non grata wird.

Strittmatter als Pferdezüchter. Quelle: https://www.tagesspiegel.de/images/heprodimagesfotos82320120814stritt-jpg/6996298/5-format1012.jpg

Strittmatter als Pferdezüchter. Quelle: https://www.tagesspiegel.de/images/heprodimagesfotos82320120814stritt-jpg/6996298/5-format1012.jpg

Der am 14. August 1912 geborene Bäckersohn verbringt seine Kindheit in Bohsdorf nahe Spremberg (Niederlausitz), wo seine Eltern eine Bäckerei mit Kolonialwarenhandlung betrieben – Laden und Dorf wurden später in seiner Romantrilogie „Der Laden“ unsterblich. Strittmatter verlässt das Realgymnasium ohne Abschluss, lernt Bäcker und ist auch als Kellner, Hilfsarbeiter und Tierpfleger tätig. Er schloss sich noch vor 1933 der SPD an, heiratet 1937 erstmals und arbeitet in der Thüringischen Zellwolle-AG in Rudolstadt-Schwarza. 1939 meldet er sich als Alternative zum Kriegsdienst bei besagter Schutzpolizei. Im Sommer 1944 wurde Strittmatter, der auch als einer der Schreiber seines Bataillons fungierte, zur Film- und Bildstelle des Hauptamtes der Ordnungspolizei nach Berlin versetzt.

Nach Kriegsende arbeitete Strittmatter zuerst wieder als Bäcker, später als Lokalredakteur der Märkischen Volksstimme in Senftenberg, heiratet erneut, wird 1947 Amtsvorsteher mehrerer Gemeinden in der Niederlausitz sowie SED-Mitglied. In seiner Freizeit übt er sich als Schriftsteller, der „aus Lust und innerlichem Zwang“ niederschrieb, was er „erlebt, gesehen und gefühlt hatte“. 1950 erschien sein Erstlingswerk „Ochsenkutscher“, ein Roman über einen heranwachsenden Dorfjungen, der sich mit dem Zustand seiner Welt nicht abfinden will. Bis 1953 ist er am Berliner Ensemble Assistent bei Bertolt Brecht, der sogar sein Stück „Katzgraben“ aufführt. Darin findet sich das damals bekannte „LPG-Lied“: „Wenn Melk-Marie in kühler Früh‘ / Huscht zu den Küh‘n und Ochsen / Dann öffnen wir auf der Station / Geschwind die Traktorboxen.“ Eine „Sünde wider die Kunst“ sagt er später.

Strittmatter-Grundstück in Schulzenhof. Quelle: https://www.moz.de/fileadmin/_processed_/6/5/csm_1025812768_ef50c4e5c4.jpg

Strittmatter-Grundstück in Schulzenhof. Quelle: https://www.moz.de/fileadmin/_processed_/6/5/csm_1025812768_ef50c4e5c4.jpg

Seit 1954 lebte er in Schulzenhof im Ruppiner Land als Schriftsteller und Pferdezüchter, seit 1956 gemeinsam mit seiner dritten Ehefrau, der 18 Jahre jüngeren Dichterin Eva Strittmatter, die auch seine Lektorin wird. Sie fand von Anfang an den richtigen Ton: „Deine Arbeit wird immer der Mittelpunkt unserer Tage und Quelle für unsere Liebe sein“. Wie ihr Mann Auflagenmillionär, räumt sie nach Erwins Tod massive Eheprobleme ein und stirbt 2011 tablettensüchtig. Beide zogen vier Kinder auf, davon drei gemeinsame Söhne. Die Kinderbücher „Tinko“ und „Pony Pedro“ entstehen.

Der erstgeborene Sohn, der homosexuelle Autor und Schauspieler Erwin Berner (* 1953) ist es dann, der in seinen „Erinnerungen an Schulzenhof“ (2016) die Landidylle als „Albtraum in schöner Landschaft“ dekonstruiert, um seine in Suizidversuchen gipfelnden Traumata aufzuarbeiten. Er und seine Brüder durften erst als Halbwüchsige zu den Eltern ziehen. Vorher hatten sie – gegen Bezahlung – bei der Großmutter in Neuruppin wohnen müssen, weil der Vater lieber in Ruhe arbeiten wollte. Die bedrückende Atmosphäre auf dem Schulzenhof umschreibt er mit den Verben schweigen (über alles Persönliche), drohen (mit Schlägen und Kontaktabbruch) und lügen (über Familie und Geld): Das war „ein System, das der Herrschsucht Raum gab“. Jähe Wutausbrüche, Züchtigungen, die Erwin selbst in seinen Tagebüchern thematisiert, und Demütigungen bestimmen den Alltag.

Strittmatter-Söhne Ilja, Erwin und Jakob (v. l.) 2011. Quelle: https://media101.tlz.de/content/59/91/91/5I/5991915ITOMV4DB_V4RHRGTRYAXAWHGDHCPTTN529042016202/D0R0004280240.JPG

Strittmatter-Söhne Ilja, Erwin und Jakob (v. l.) 2011. Quelle: https://media101.tlz.de/content/59/91/91/5I/5991915ITOMV4DB_V4RHRGTRYAXAWHGDHCPTTN529042016202/D0R0004280240.JPG

Dabei galt der Schulzenhof viele Jahrzehnte als vielfach thematisiertes Öko-Refugium des gefeierten Paares. Generationen von Journalisten pilgerten auf das entlegene Vorwerk und schrieben salbungsvolle Reportagen über das glückliche Landleben: „Der Schulzenhof schien alles auf sich zu vereinen: DDR-Identität und Geselligkeit, Poesie und Erfolg, Weisheit und SED-Politik, Kreativität und Liebe, Kultur und Natur, Familie und eine einträgliche Ponyzucht“, meint Karim Saab in der MAZ.

Enkelin Judka Strittmatter stieß parallel in dasselbe Horn. Sie beschrieb Strittmatter in der Berliner Zeitung als fremden, herzlosen Opa und rechnete mit ihm in ihrem Roman „Die Schwestern“ ab: „Wie musste es ihm gutgegangen sein, dem Onkel Kurt, so geliebt zu werden. Er musste sich groß und einzigartig gefühlt haben. Und warum hatte ihn das nicht abgehalten, ein schlechter Vater zu sein?“ Im Roman ist der Onkel kein Schriftsteller, sondern Schauspieler – noch eine Rache, wurde Strittmatter doch oft mit dem Schauspieler Erwin Geschonnek verwechselt, was den durchaus eitlen Autor nicht amüsierte. Knut Strittmatter, ein Sohn aus erster Ehe, erklärte ebenfalls, dass sein Vater auch nach Jahren „keine Toleranz für Schwiegertochter und Enkelkinder aufbringen konnte“.

Erwin und Eva. Quelle: https://biblog.fh-zwickau.de/wp-content/uploads/strittmatter.jpg

Erwin und Eva. Quelle: https://biblog.fh-zwickau.de/wp-content/uploads/strittmatter.jpg

Nach einem Intermezzo als 1. Sekretär des Deutschen Schriftstellerverbandes erscheint 1963 „Ole Bienkopp“, eins der meistgelesenen Bücher der DDR, das auch Schulstoff wurde. Anfangs trug das Werk dem Verfasser scharfe Parteikritik ein, da Strittmatters Held auf eigene Faust und gegen den Willen der Funktionäre eine „Neue Bauerngemeinschaft“ gründet und schließlich am Starrsinn der Parteibürokratie zerbricht. Es wurde 1964 mit dem Nationalpreis ausgezeichnet – vier weitere Nationalpreise, mehrere Vaterländische Verdienstorden, Kunstpreise und andere Ehrungen folgen. Daran schließt sich das sogenannte „novellistische Jahrzehnt“ an: kleine naturverbundene Prosastücke wie in „Schulzenhofer Kramkalender“, „Ein Dienstag im September“ und „3/4 hundert Kleingeschichten“.

„ich gehe umher wie ein Mörder“

Später wird seine Kurzprosa vor allem aus Reflexionen („Selbstermunterungen“, „Wie ich meinen Großvater kennenlernte“) und Tiergeschichten („Ponyweihnacht“, „Flikka“) bestehen. Sein umfangreichstes Werk neben dem „Laden“ ist die ebenfalls autobiographisch geprägte Trilogie „Der Wundertäter“, die den dornenreichen Weg des Stanislaus Büdner aus Waldwiesen vom poetisierenden Bäckergesellen zum kritischen Schriftsteller nachzeichnet und an der er von den 50er Jahren bis ins Frühjahr 1978 schreibt. „Der Roman ist abgegeben, aber ich gehe umher wie ein Mörder, der bangt, dass man seine Tat bald entdecken wird“, notiert Strittmatter im April über den dritten Band.

Strittmatter auf der 1. Bitterfelder Konferenz. Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Erwin_Strittmatter#/media/File:Bundesarchiv_Bild_183-63679-0006,_1._Bitterfelder_Konferenz,_Strittmatter.jpg

Strittmatter auf der 1. Bitterfelder Konferenz. Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Erwin_Strittmatter#/media/File:Bundesarchiv_Bild_183-63679-0006,_1._Bitterfelder_Konferenz,_Strittmatter.jpg

Zwei Jahre lang wird er mit Vorladungen, „stilistischen“ Veränderungswünschen und Versprechungen, mit lauten Lobsprüchen und leisen Sabotagemaßnahmen hingehalten: Strittmatter hatte die Vergewaltigung einer jungen Ostdeutschen durch einen Rotarmisten geschildert und damit gegen ein DDR-Tabu verstoßen. Als das Buch schließlich gedruckt wird, kauft die Nationale Volksarmee fast die gesamte Auflage, einige 10 000 Exemplare, vom Markt weg. Nur ein kleiner Teil wird an die „Volksbuchhandlungen“ mit der strikten Anweisung ausgeliefert, das skandalöse Werk lediglich unter dem Ladentisch und an ausgewählte Parteikader abzugeben.

Danach begann er sein Alterswerk, das 1992 zu beenden er sich mit dem Erlebnis der Wende quälen musste: die drei Bände des „Laden“. Die Trilogie wurde fast 800.000-mal verkauft, mit Martin Benrath 1998 als Dreiteiler verfilmt und sowohl mit dem Deutschen Fernsehpreis als auch dem Adolf-Grimme-Preis gewürdigt. Strittmatter verwickelt darin in Lausitzer Dialekten und sorbischen Versatzstücken Menschen, Natur und Gegenstände zu unentwirrbaren Knäueln. Alles ist in Bewegung, beseelt von eigenartigen Energien. „In der Backstube vergart das Brot, der Teig verlässt die hölzernen Brotmulden und läuft, sich die Welt anzusehen“, heißt es darin, oder: „Im Fahrrad, zeigt sich, sammelt sich während des langen Stillstehens Übermut an.“ Seine Lesereise mit dem 3. Band wird ein Sensationserfolg. Wochenlang füllt der Achtzigjährige zwischen Rostock und Chemnitz die Säle, liest der rüstige Greis verhalten und ohne rhetorischen Aufwand.

Laden-DVD. Quelle: https://images-na.ssl-images-amazon.com/images/I/514kRw%2Bi5vL.jpg

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Schriftstellerkollege Erich Loest rezensierte: „Viel ist von schönen Frauenzähnen die Rede und von Dörflerbrunst, das Land der Güter wird verteilt, ,Espede‘ und ,Kapede‘ vereinigen sich; aber das kommt wie von ferne her, wird hingenommen wie das Geschehen der ,adolfinischen‘ Zeiten, wird nicht moralisch gewertet, wird aufgesogen vom Dorf.“ Gewiss war Strittmatter nie Dissident, aber ebenso wenig diente er dem Regime als willfähriger literarischer Propagandist.

Wenn er lange an die Verheißungen eines preußischen Sozialismus glaubte, so irrte er, wie nicht wenige seiner Landsleute, in gutem Glauben. Strittmatters politische Desillusionierung bezeugen Tagebuchaufzeichnungen aus den Jahren 1973 bis 1980, die er unter dem Titel „Die Lage in den Lüften“ veröffentlichte. Selbstkritisch beklagt der Autor darin die zahlreichen „Denkschranken“, die er in den langen Jahren seiner Parteizugehörigkeit verinnerlicht habe. Schon 1978 trat er als Vizepräsident des Schriftstellerverbandes zurück und bekleidete danach keine Ämter mehr.

Cover-Collage. Quelle: https://www.moz.de/uploads/tx_templavoila/strittmatter-kopf-dpa_02.jpg

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Sein Sujet wurde die Natur, seine Themen Ackerbau und Viehzucht, Land und Landleute, Partei und Boden, seine Personage Kinder und Käuze, Sonderlinge und Einzelgänger – aus der Erkundung der Nischen zog er Kraft und Popularität. „Er zeigt Menschen wie Bäume und Bäume wie Menschen“, hat ihn sein Freund Lew Kopelew gelobt. Dabei war er kein Sprachartist, „eher ein guter Handwerker. Der Bäckerssohn knetete die Sprache, bis sie sich fügte – dem Gegenstand und dem Leser. Dabei kamen dann immer wieder Spracherneuerungen zum Vorschein, keine ‚Erfindungen‘, sondern Worte, die sich ergaben, weil sie fehlten“, meint Martin Ahrends in der ZEIT. Marcel Reich-Ranicki charakterisiert den „volkstümlich-urwüchsigen“ Heimatdichter in der FAZ so:

„Handfest ist sein Humor, simpel und hausbacken. Er verschmäht weder geschmacklose noch vulgäre Scherze … aber zuweilen – am häufigsten im ‚Wundertäter‘ – wartet er auch mit treffenden satirischen Akzenten auf.“

„eine Mauer aus Ignoranz und Herablassung”

In seiner Biographie kristallisiert ein Stück deutscher Geschichte, und in seinem Werk haben die Hoffnungen und Enttäuschungen, die kleinen Siege und die großen Niederlagen eines ganzen „halben“ Volkes unverwechselbaren Ausdruck gefunden. Die Erfahrung, in der Bundesrepublik jahrzehntelang fast vollständig übersehen worden zu sein und nach der Wende gegen „eine Mauer aus Ignoranz und Herablassung“ anzulesen, hatte Spuren bei ihm hinterlassen: „Ich bin in einige Dutzend Sprachen übersetzt, nur ins Westdeutsche nicht.“ 38 Sprachen waren es, um genau zu sein. Als er starb und sein Tod den Tagesthemen keinen Nachruf wert war, musste sich Ulrich Wickert nach massiven Protesten entschuldigen. Begraben ist Strittmatter, natürlich, in Schulzenhof.

Eva und Erwin Strittmatters Grab. Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Schulzenhof#/media/File:Grabstelle_Strittmatter_Schulzenhof_Wiki.jpg

Eva und Erwin Strittmatters Grab. Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Schulzenhof#/media/File:Grabstelle_Strittmatter_Schulzenhof_Wiki.jpg

Was bleibt: Das Bild eines Mannes, der nach dem Krieg seine Soldatenzeit so darstellte, dass sie ins Bild des antifaschistischen DDR-Bürgers passte. Der versuchte, als Genosse bei den neuen Machthabern nicht anzuecken. Der vor den Frauen floh, wenn seine Leidenschaft Folgen hatte. Es ist das Bild eines Mannes, der seine Ruhe haben wollte. Ruhe, um zu schreiben. Ruhe, um sich seinen Tieren zu widmen. Ruhe vor dem Lärm der Stadt und den eigenen Kindern. Er wollte im Grunde auch von den Funktionären der SED in Ruhe gelassen werden. Und von den Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg.

Im „Laden“ schreibt er: „Der Stein unter der Birke hat sich in den Probe-Sommertagen durchwärmt. Er arbeitet und nutzt die Hitze, Regen und Kälte, um sich zu sprengen und Erde zu werden. Wenn er redselig wäre wie wir, würde er sagen: Ich mühe mich um mein Fortkommen“. Strittmatter hat sich gemüht. Aber er kommt nicht mehr fort. Er kommt weg. Das ist schade. Sehr schade.

337 Mal flimmert das Quiz von 1955 bis 1989 über die Bildschirme. Mit Millionen Zuschauern: vor genau fünf Jahrzehnten war die Sendung mit 75 % eingeschalteter Geräte die beliebteste im deutschen Fernsehen. „Was bin ich“, das „heitere Beruferaten“ mit Robert Lembke, ist ein Stück Fernsehgeschichte, ein immer wiederkehrendes Ritual, „gegen das ein katholischer Gottesdienst spontan erscheint: Jeder Zuschauer kennt die Tafel, an die der Gast seinen Namen schreibt und angibt, ob er selbständig ist oder angestellt“, bilanziert Sven Stillich im SPIEGEL.

Dabei war Lembke, der die Lizenzrechte am US-amerikanischen Ursprungsformat „What‘s my line“ 1954 erworben hatte, gar nicht als Moderator geplant. „Niemand wollte das damals machen“, erinnert er sich, „die Leute vom Radio wollten ihr Millionenpublikum nicht aufgeben für die Spinner vom Fernsehen. Ich war eigentlich nur eine Übergangslösung.“ Aus dieser Übergangslösung wurde der gute „Rateonkel dreier Nationen“ (Deutschlands, Österreichs und der Schweiz), der keine Skandale brauchte, um im Gespräch zu sein. „Wenn ich König von Deutschland wär“, singt Rio Reiser damals: „im Fernsehen gäb‘ es nur noch ein Programm: Robert Lembke, 24 Stunden lang“.

„eine Kirchensendung Samstagnachmittag aus dem Programm zu heben“

Lembke wurde als Robert Emil Weichselbaum 1913 in München als Sohn eines Herrenmode-Händlers geboren. Die Ehe hält nicht lange. Seine Mutter, deren Geburtsnamen „Lembke“ der Sohn annahm, betreibt ein Wäschereigeschäft. Der Vater, der ein Jurastudium für Robert vorsah, emigrierte aufgrund seiner jüdischen Herkunft 1936 nach Großbritannien. Der Sohn brach das Studium ab, heiratete und sammelte erste journalistische Erfahrungen als freier Mitarbeiter bei der satirischen Zeitschrift Simplicissimus und dem Berliner Tageblatt. Er will Journalist werden und über seine Leidenschaft Fußball schreiben. Von seinem ersten Honorar schenkt er seiner Mutter Blumen. 1938 wird er Vater eines Jungen. Weil er sich weigerte, während der Naziherrschaft eine „Loyalitätserklärung“ abzugeben, wurde er mit einem Berufsverbot belegt und arbeitete bis 1945 bei der I.G. Farben.

Lembke 1971. Quelle: https://www.t-online.de/unterhaltung/tv/id_65476766/si_1/robert-lembke-seine-schweinderl-machten-ihn-beruehmt-.html

Lembke 1971. Quelle: https://www.t-online.de/unterhaltung/tv/id_65476766/si_1/robert-lembke-seine-schweinderl-machten-ihn-beruehmt-.html

Nach dem Krieg beginnt seine „schönste Zeit“. Er baut mit Erich Kästner und Stefan Heym die Neue Zeitung in München auf, geht 1949 zum Bayerischen Rundfunk und macht dort schnell Karriere als Hörfunk-Chef, als Fernsehdirektor und schließlich als Chefredakteur. Und jetzt darf er ganz nah am Fußball sein: Bei der Weltmeisterschaft 1954 ist er beim „Wunder von Bern“ Assistent von Herbert Zimmermann. 1961 initiierte Lembke die „Sportschau“, die allerdings erst vier Jahre später auf den Samstag rücken konnte:

„Das war sehr schwierig, denn um diese Zeit lag eine Kirchensendung. Und jeder, der das Geschäft einigermaßen kennt, weiß, was das bedeutet, eine Kirchensendung Samstagnachmittag aus dem Programm zu heben.“

Er ließ es sich nicht nehmen, ab und zu aus dem Nähkästchen zu plaudern: „Bei den regelmäßigen Sitzungen der Hörfunkdirektoren, der Programmdirektoren hat sich halt dann herausgestellt, dass von den höheren Hierarchien der Rundfunkanstalten die meisten einen Tischtennisball nicht von einem Medizinball unterscheiden konnten.“ In den kommenden Jahren koordiniert er die Fernsehberichterstattung von den Olympischen Spielen, wird stellvertretender Programmdirektor der ARD und organisiert die Übertragungen von der Fußballweltmeisterschaft 1974 in Deutschland. Nebenher schreibt er Bücher mit Aphorismen, Gedichten und Erzählungen, macht teure Werbung, raucht wie ein Schlot und erleidet wie im Vorbeigehen einen Kreislaufkollaps wegen Überarbeitung.

Lembke mit Gong und Schweinderln- Quelle: https://img.nwzonline.de/rf/image_online/NWZ_CMS/Altdaten/2009/01/13/KULTUR/FERNSEHEN/Bilder/_heprod_images_fotos_1_5_22_20090113_0lnera00_c8_1896405.jpg

Lembke mit Gong und Schweinderln- Quelle: https://img.nwzonline.de/rf/image_online/NWZ_CMS/Altdaten/2009/01/13/KULTUR/FERNSEHEN/Bilder/_heprod_images_fotos_1_5_22_20090113_0lnera00_c8_1896405.jpg

Er erhält das Bundesverdienstkreuz erster Klasse, den Bambi und zweimal die Goldene Kamera. Vor allem aber führt er ebenso humorvoll wie souverän durch „seine“ Sendung, in der nach der einleitenden Xylophon-Erkennungsmelodie die staunenden Zuschauer von Berufen wie Fliegenbinder, Gasballonbauerin oder Schmetterlingsbetreuer erfuhren. Das Prinzip war simpel: ein semiprominentes, fast jahrzehntelang unverändertes Team aus je zwei männlichen und weiblichen „Ratefüchsen“ musste mit maximal 10 Entscheidungsfragen, auf die nur die Antworten „ja“ oder „nein“ zulässig waren, den Beruf von drei „Menschen wie du und ich“ sowie, mit verbundenen Augen, einen Promi erraten.

Die Gäste betreten jeweils nacheinander das Studio, stellen sich vor oder im Falle des Promis auch nicht, machen eine berufstypische Handbewegung und nehmen neben Lembke Platz, der seine in den Alltagsgebrauch übernommene Frage stellt: „Welches Schweinder’l hätten’S denn gern?“ Gemeint waren verschiedenfarbige Sparschweine, die Lembke für jedes „Nein“ bei der Raterunde mit einem Fünfmarkstück fütterte. Nach jedem „Nein“ wechselte der Ratefuchs, bei einem „Ja“ durfte er weiter fragen. Alle Versuche, etwas an der Sendung zu ändern, scheitern am Widerstand der Zuschauer. Selbst der Hauptgewinn wird in 34 Jahren nicht erhöht.

Rateteam. Quelle: https://www.br.de/service/programm/br-magazin/50-bfs-marianne-koch-102~_v-img__16__9__xl_-d31c35f8186ebeb80b0cd843a7c267a0e0c81647.jpg?version=1ff0d

Rateteam. Quelle: https://www.br.de/service/programm/br-magazin/50-bfs-marianne-koch-102~_v-img__16__9__xl_-d31c35f8186ebeb80b0cd843a7c267a0e0c81647.jpg?version=1ff0d

Die Sendung funktionierte, weil die Zuschauer zuvor, mit einem akustischen Signal für Mitrater gewarnt, den Beruf erfuhren und die Versuche des Rateteams belustigt verfolgen konnten: das Prinzip Schadenfreude aufgrund überlegenen Wissens. Als es einmal galt, auf den Beruf der Hausfrau zu kommen, und eine Frage lautete: „Könnte Ihr Beruf von einem Mann ausgeführt werden?“, blickt Lembke kurz zögernd zu der Dame neben sich und entscheidet dann grinsend: „Sagen wir nein.“ Die Hausfrau geht mit einem vollen Schwein nach Hause.

Bei einer Umfrage des Stern sieben Jahre vor seinem Tod gaben 96,5 Prozent der Deutschen an, ihn zu kennen – von solchen Werten trauen sich manche Politiker nochmal nicht zu träumen. Einmal nur lief er Gefahr, übertrumpft zu werden – von seinem Drahthaar-Foxterrier-Weibchen „Struppi“, die von Anbeginn mit dabei war und für die Gage von einer Wurst pro Sendung die 5-Mark-Stücke und die „Schweinderl“ bewachte. Struppi hatte nämlich einen Promi-Rategast in die Hand gebissen: den damaligen Bundesfinanzminister Fritz Schäffer. Mehr Fanpost bekam selbst Lembke nie, der das hinterher so kommentierte:

„Alle Steuerzahler empfanden, dass hier jemand etwas für sie getan hatte – und sie überhäuften Struppi mit Anerkennungsschreiben und Geschenken.“

„…ein bisschen Spaß gemacht“

Mit durchschnittlich 8,496 „Nein“ kam das Rateteam den Berufen auf die Spur, die Trefferquote lag bei 60 Prozent. Monatlich erreichen die Redaktion bis zu 6000 Briefe mit Vorschlägen origineller Berufe; bis zu 30 kommen für eine Sendung in die engere Wahl. „Wir könnten 4000 Jahre weitermachen“, sagt Lembke, und wenn „biologisch nichts dazwischenkommt, mache ich weiter.“ Dazwischen kommt am 14. Januar 1989 eine schwere Bypassoperation am offenen Herzen, die er nicht überlebt. Drei Tage vorher hatte er mit dem Rauchen aufgehört.

Lembke mit Struppi. Quelle: https://www.flickr.com/photos/mechtholdjin/5959070433

Lembke mit Struppi. Quelle: https://www.flickr.com/photos/mechtholdjin/5959070433

„Die Wahrheit über einen Menschen liegt auf halbem Wege zwischen seinem Ruf und seinem Nachruf“, hat Robert Lembke einmal gesagt. Seinem Ruf als Kopf der langlebigsten Quizsendung des deutschen Fernsehens wurde er bis heute gerecht: kein öffentlich-rechtliches oder privates Nachfolgeformat erreichte auch nur annähernd seinen Sende- und erst recht seinen Unterhaltungswert geschweige seine Quoten – trotz teilweise sehr prominenter Ratefüchse wie Feministin Alice Schwarzer, Torwartlegende Sepp Maier oder Ex-Arbeitsminister Norbert Blüm.

Lembke sagte aber auch „Mit der Fernsehgebühr erwirbt der Zuschauer ein Recht auf meine Arbeit, nicht auf mein Privatleben“. Wie schmerzhaft diese Wahrheit sein sollte, erwies sich am Tag der Beerdigung: BILD trat los, was man heute als „Schmutzkampagne“ verurteilen sollte. Das Blatt enthüllt nicht nur anklagend die jüdischen Wurzeln Lembkes, als hätte er das doch wohl sagen müssen. Noch schlimmer: der „Tele-Gott“ soll seit 20 Jahren nicht mehr mit seiner Frau zusammengelebt haben, sondern einer Sekretärin. Er habe ihr nur die Treue gehalten, weil sie ihn durch die Nazi-Zeit gebracht habe. Auch Monate später stürzt sich der Boulevard immer wieder auf die Geschichte. Die Familie leidet.

Während Lembke von vielen Menschen die Frage „Was bin ich“ zu beantworten half, nahm er für sich selbst das Recht heraus, die Frage nach „Wer bin ich?“ nicht zu beantworten. Worum es ihm gegangen ist, hat er am Ende jeder Folge seiner Sendung selbst formuliert: „Ich hoffe, es hat ihnen ein bisschen Spaß gemacht.“

Familiengrab in München. Quelle: http://www.oliverbarchewitz.de/ALLE%20BILDER/Westfriedhof%204.jpg

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Familiengrab in München. Quelle: http://www.oliverbarchewitz.de/ALLE%20BILDER/Westfriedhof%204.jpg

„Wieviel politisches Engagement ist gut für die Marke“ – unter dieser Schlagzeile sah sich jetzt auch die führende Marketing-Fachzeitschrift Absatzwirtschaft (AW) genötigt, Stellung zu beziehen. Anlass war die aktuelle Verpackung der bunten „Erdnuß Chocs“ der REWE-Eigenmarke „ja“, auf der unter dem Slogan „ja! zu Vielfalt und Toleranz“ die Nascherei einen bunten Erdkreis samt bunter Kontinente bildet. Damit warb das Unternehmen zum UNESCO-Welttag für Toleranz am 16. November für Vielfalt, Respekt und ein friedliches Miteinander. Beim Kauf der limitierten Beutel gingen automatisch 40 Cent an die Organisation „Über den Tellerrand“. Die engagiert sich für das „Kennenlernen und den Aufbau von nachhaltigen Freundschaften zwischen Menschen mit und ohne Fluchterfahrung als Grundlage für Integration“ mit gemeinsamen Aktivitäten wie beispielsweise Kochen und Essen. In Deutschland arbeiten 254.000 Menschen aus über 140 Nationen bei der Handelsgruppe.

Das Echo auf die Aktion in sozialen Medien war erwartbar ambivalent: allein bei Facebook fast 1.000.000 Mal aufgerufen und über 700 Mal kommentiert, reicht das Spektrum von „Solche plumpe Agitation gab es ja nicht mal in der DDR!“ bis „Wir sind alle Menschen, egal wo wir herkommen“. Einer erbost sich gar: „Im Dritten Reich gab es überall Hitlerbildchen dabei! Wir sollten uns freuen, dass auf der Packung keine Bilder der Kanzlerin zu sehen sind“. Lukas Steinwandter verwies in der Jungen Freiheit darauf, dass das Unternehmen mit seinen Supermärkten und Discountern 2017 fast 29 Milliarden Euro einnahm und also einen stattlichen Betrag hätte spenden können – „auch ohne plumpe Polit-Slogans auf Süßigkeitenverpackungen zu drucken und seine Kunden mit links-grünen Botschaften zu ködern.“

rewe-Kampagne. Quelle: https://assets.jungefreiheit.de/2018/11/Bildschirmfoto-2018-11-08-um-15.37.44.png

rewe-Kampagne. Quelle: https://assets.jungefreiheit.de/2018/11/Bildschirmfoto-2018-11-08-um-15.37.44.png

Ein hartes politisches Statement sei das allerdings nicht, meint Anne-Kathrin Velten in der AW und erkennt in der Einmischung in die aktuelle Diskussion zumeist wirtschaftliche Gründe. Zum einen sei eine solche Kampagne aufgrund internationaler Mitarbeiterschaft und Kundschaft eine Chance, sich positiv zu positionieren. Zum anderen zwinge der demografische Wandel Rewe und Co., sich als attraktiver Arbeitgeber für Flüchtlinge zu positionieren: Andernfalls bekämen sie mittelfristig kein Personal. Dass der Grat zwischen Nicht-Einmischen, positiver Positionierung und Marken-Authentizität schmal ist, beweise Drogeriechef Dirk Rossmann, der sich als Privatmann mit politischen Statements nicht zurückhält. Stelle sein Unternehmen sich aber öffentlich gegen die AFD, hätte es 13 Prozent weniger Kunden.

„Gegen braune Flaschen“

Explizit politisch verhielt sich bspw. sixt. Der Autovermieter kreierte 2016 eine Kampagne gegen Alexander Gauland „Für alle, die einen Gauland in der Nachbarschaft haben“. Der AfD-Vorsitzende meinte, dass man neben jemandem wie dem farbigen Fußballer Boateng „nicht leben wolle“. Die Berliner Metallfirma Mutanox erlangte im September 2015 zweifelhaften Ruhm, als sie ein 500.000-Euro-Geschäft mit der ungarischen Regierung ablehnte und keinen Stacheldraht zur Grenzsicherung lieferte. Aber schon 2001 hatten Mitarbeiter der Softwarefirma Nextra die Initiative „IT-Unternehmen gegen rechte Gewalt und Ausländerfeindlichkeit“ ins Leben gerufen.

Auch im Verlagswesen gibt es seit der Frankfurter Buchmesse 2017 die Initiative „Verlage gegen rechts“. Und kürzlich brachte der FC St. Pauli gemeinsam mit seinem Partner Budni das neue Duschgel „Anti-Fa – die wilde Frische der Straße“ heraus: „In Zeiten, in denen Nazis auf ihren Demos ungehindert und unbehelligt rechtsextreme Parolen schreien dürfen und in denen geflüchtete Menschen bedroht und gejagt werden, ist es wichtiger denn je, Haltung zu zeigen.“ Der Verein preist es als „Das erste Duschgel mit Haltung“ auf seiner Homepage und teilt als Verwendungszweck der Erlöse aus dem Verkauf mit, dass die Initiative „Laut gegen Nazis“ unterstützt wird.

Anti-Fa-Kampagne. Quelle: https://www.horizont.net/news/media/26/St.-Pauli-Anti-Fa-256189-detailnp.jpeg

Anti-Fa-Kampagne. Quelle: https://www.horizont.net/news/media/26/St.-Pauli-Anti-Fa-256189-detailnp.jpeg

Doch die Hamburger bekommen Ärger. „Unsere Marke Fa ist in vielen Ländern weltweit erhältlich, und als internationales Unternehmen stehen Henkel und seine Marken von jeher für Vielfalt, Toleranz und Weltoffenheit“, schrieb Henkel, Hauptsponsor von Erstligist Fortuna Düsseldorf, bei Twitter. „Der Verkauf eines Duschgels mit dem Produktnamen „Anti-Fa“ beziehungsweise die Verbindung des Begriffs „Anti“ mit einem unserer Markennamen ist grundsätzlich nicht in unserem Sinne – ganz unabhängig davon, in welchen Kontext dies gestellt wird oder welche politische Haltung damit verbunden ist.“

Der weltweit erfolgreiche Konsumgüterriese fühlt sich vom FC St. Pauli hintergangen – und wehrt sich gegen die Kritik der eigenen Kunden. „Das Feedback von Konsumenten und die Diskussionen in sozialen Netzwerken zeigen, dass der Produktname ‚Anti-Fa‘ für ein Duschgel Irritation und Unverständnis auslöst. Auch vor diesem Hintergrund ist es uns wichtig zu betonen, dass diese Aktion ohne unser Wissen erfolgte“, heißt es in der Stellungnahme. „Wir behalten uns vor, gegebenenfalls auch rechtlich gegen diese Anlehnung an unseren Markennamen vorzugehen.“

In ähnlicher „Gegen“-Tradition steht seit Herbst auch die Initiative „Brands gegen rechts“ (im Original in Fraktur) der Berliner Fair Fashion-Designerin Natascha von Hirschhausen. Nach ihren Worten setzten sich damit „Unternehmen gemeinsam für Demokratieförderung und gegen Faschismus ein. Durch das Spenden von Produkten soll Geld gesammelt werden, um politische Bildung zu unterstützen.“ 20 Marken beteiligen sich, darunter „Dzaino“, ein Berliner Zwei-Frau-Unternehmen, das Taschen und Accessoires aus gebrauchten Textilien entwickelt, seine Produktion als „lokal, fair, transparent, sozial und umweltfreundlich“ preist und als Unternehmenswerte „klar, strukturiert, minimalistisch und achtsam“ angibt: Materialien werden von der Berliner Stadtmission gekauft, die Produktion findet in Berliner Werkstätten für Menschen mit Beeinträchtigung statt, und alle Transportwege innerhalb Berlins werden per Fahrradkurier zurückgelegt. Im Rahmen eines ersten Testlaufs wurde für den „City Point“ in der „NSU-Stadt Zwickau“ gesammelt, der mit Kindern und Jugendlichen aus mehr als 30 Nationen arbeitet. Über das Ergebnis der Aktion hüllen sich die Beteiligten bislang in Schweigen.

Brands gegen Rechts. Quelle: https://scontent-ams.cdninstagram.com/vp/ee03db17bd7af856ca7ad1f0df1efdd8/5CD0FF10/t51.2885-15/e35/43816531_167248307563768_5100428931569190064_n.jpg?_nc_ht=instagram.fdtm2-1.fna.fbcdn.net&se=7&ig_cache_key=MTkwMzYyNzYyNDY3MDc5MTAyMg%3D%3D.2

Brands gegen Rechts. Quelle: https://scontent-ams.cdninstagram.com/vp/ee03db17bd7af856ca7ad1f0df1efdd8/5CD0FF10/t51.2885-15/e35/43816531_167248307563768_5100428931569190064_n.jpg?_nc_ht=instagram.fdtm2-1.fna.fbcdn.net&se=7&ig_cache_key=MTkwMzYyNzYyNDY3MDc5MTAyMg%3D%3D.2

Andere Unternehmen agieren zwar einmischend-positionierend, aber nicht so heftig, dass sie Shitstorms oder gar messbare Einbußen erleiden. So wollte die Brauerei Becks im August als „Label der Woche“ im Rahmen der „deinbecks“-Kampagne mit dem Spruch „Gegen braune Flaschen“ ein Zeichen setzen – und nahm damit in Kauf, dass sie gegen etwaige Konkurrenz stichelt: Becks Flaschen sind traditionell grün. Denselben Slogan nutzte im selben Kontext auch „Happiness Naturradler“. „fritz-kola“ entwarf im Mai unter dem Slogan „lieber fritz als horst“ eine Kampagne gegen Heimatminister Horst Seehofer (CSU), in dem sie ihre bunten Getränke („Heimat“) uniformierten schwarz-weißen Flaschen gegenüberstellte („Heimatministerium“).

Fritz-Kampagne. Quelle: https://scontent-ber1-1.xx.fbcdn.net/v/t1.0-9/31949786_10156332860372460_2422557942323609600_n.jpg?_nc_cat=105&_nc_eui2=AeHLH3khnZCoshtE-uyKxc70oXrtJ0wjvniLG7mZCBTyr2pHw2W33CuLmAFqybC20NYlEhbTsjXMcved6RTRUQvvKlH7FHXpfCkxKm4WVRXKDw&_nc_ht=scontent-ber1-1.xx&oh=4fc707f57281e6838579832168169307&oe=5C8CDC06

Fritz-Kampagne. Quelle: https://scontent-ber1-1.xx.fbcdn.net/v/t1.0-9/31949786_10156332860372460_2422557942323609600_n.jpg?_nc_cat=105&_nc_eui2=AeHLH3khnZCoshtE-uyKxc70oXrtJ0wjvniLG7mZCBTyr2pHw2W33CuLmAFqybC20NYlEhbTsjXMcved6RTRUQvvKlH7FHXpfCkxKm4WVRXKDw&_nc_ht=scontent-ber1-1.xx&oh=4fc707f57281e6838579832168169307&oe=5C8CDC06

Eine weitere Gruppe von Unternehmen liefert eher Statements mit Aktionen, die im weiten Sinn der Corporate Social Responsibility (CSR: Unternehmerische Gesellschafts- oder auch Sozialverantwortung) angehören und in Sachsen wirken sollen. So hat sich der Energieversorger Vattenfall eine Null-Toleranz-Politik gegen Rassismus verordnet und veranstaltet Integrationskurse für eingewanderte Arbeitnehmer sowie einen Jugend-Austausch mit polnischen Azubis.

Der Autobauer Porsche sponsert die Konzertreihe „Courage zeigen“ und unterstützt den Leipziger Flüchtlingsrat. Die Uhrenmanufaktur Nomos im sächsischen Glashütte hat am Firmensitz ein Plakat aufgehängt „Nein zu rechtem Gedankengut. Ja zu Toleranz und Weltoffenheit“ und bietet der Belegschaft steuergeldfinanzierte Seminare an, wie sie mit Pegida und „Rechten“ umgehen könne. Der Bass-Gitarrenbauer Warwick aus dem Vogtland vertreibt in seinem Online-Shop T-Shirts mit der Aufschrift „Bassists against racists“.

politisches Engagement ist produktabhängig

Noch freier ist die deutsche Agenturszene: So gaben „Scholz & Friends“ (S&F) und „TLGG“ den Mitarbeitern beispielsweise „nazifrei“, um in Chemnitz gegen „rechts“ zu demonstrieren. Die Agenturchefs betonten zwar, dass dies keine Dienstverpflichtung wäre, machten aber zugleich deutlich, dass die Teilnahme willkommen sei, fertigten Plakate und rührten die Medientrommel.

Nun sollte man allerdings wissen, dass zu den aktuellen Kunden von S&F zahlreiche Verbände und Bundesministerien gehören und sie schon im Dezember 2016 auf Grund der privaten Kampagne „#KeinGeldFürRechts“ des damaligen Strategy Directors Gerald Hensel in der Kritik stand. Die Kampagne versuchte Werbetreibende zu beeinflussen, Werbebannerschaltungen auf Webseiten zu unterlassen, die Hensel als „rechts“ bewertete. Darunter war der Blog Achgut mit Autoren wie Henryk M. Broder, Vera Lengsfeld oder Thilo Sarrazin. Der Mann betrieb damals auch eine Website, die unter einem roten Sowjetstern und dem Namen davaidavai.com firmierte – mit dem Ruf trieben die russischen Wachmannschaften die Gefangenen in den Gulags zur Arbeit.

Positionierung TLGG. Quelle: http://www.absatzwirtschaft.de/wp-content/uploads/2018/11/TLGG.jpg

Positionierung TLGG. Quelle: http://www.absatzwirtschaft.de/wp-content/uploads/2018/11/TLGG.jpg

Andererseits ist die sehr seltene, gegenteilige Positionierung noch nicht als geschäftsschädigend bekannt geworden – im Gegenteil. So organisiert der Bautzner Bauunternehmer Jörg Drews in der Initiative „Wir sind Deutschland“ Demonstrationen gegen die Asylpolitik, was seiner Firma „Hentschke Bau“ nicht im Geringsten schadet. Auch TRIGEMA-Chef Wolfgang Grupp lehnte von Anbeginn Angela Merkels Flüchtlingskurs ab und wird dafür hochgeachtet.

Eine klare Antwort, wie stark sich Unternehmen positionieren dürfen, gibt es für Velten nicht: Die Größe entscheide, und das politische Engagement sei stark vom Produkt abhängig. So sei für Unternehmen aus der Nachhaltigkeitsbranche eine Haltung zu Umweltthemen Pflicht. Bei Themen wie Migration, Rechts- oder Linksextremismus bleibe Zurückhaltung der Königsweg. Laut Meinungsforschungsinstitut Civey will fast jeder zweite Konsument zwar Produkte häufiger kaufen, wenn sich die politischen Äußerungen von Unternehmen mit den eigenen Auffassungen decken. Letztlich wünsche sich aber nur jeder dritte Konsument (31,4 %) eine klare Haltung von Unternehmen; 58,6 % dagegen sprechen sich für Neutralität aus.

Befragung. Quelle: http://www.absatzwirtschaft.de/wp-content/uploads/2018/11/Bildschirmfoto-2018-11-08-um-09.51.39.png

Befragung. Quelle: http://www.absatzwirtschaft.de/wp-content/uploads/2018/11/Bildschirmfoto-2018-11-08-um-09.51.39.png

Rauchprodukte auf Grabstätten sind als Trauergaben verbreiteter als man denkt. Bei Jim Morrison und Bob Marley sammeln sich Joints, bei Altkanzler Helmut Schmidt Mentholzigaretten. An Heiner Müllers Grab auf dem Dorotheenstädtischen Kirchhof an der Berliner Chausseestraße sind es Zigarren, abgelegt in einer Schale innerhalb der steinernen Umrandung, eine Art Aschenbecher für die Ewigkeit. Wenn es regnet, sammelt sich toxische braune Brühe zwischen den Stumpen und sickert, überlaufend, dann hinunter auf seine morschen Knochen.

Das hätte ihm sicher gefallen, dem „Katastrophenliebhaber und hellseherischen Schwarzmaler“ (Peter von Becker), ja dem „letzten Apokalyptiker von Format“ (Matthias Matussek). „Das Massengrab geht mit der Zukunft schwanger“, ließ er Stalin in seinem letzten Stück „Germania 3 – Gespenster am toten Mann“ sagen, das lange als unspielbar galt. Es ist diese geradezu prophetische Gabe, die sich oft unvermutet in seinen Texten ausdrückt, die häufig fragmentarischen Szenenfolgen, Traktaten, Demonstrationen, ja Vexierspielen gleichen. „Schwierig, ideologisch und verdammt düster sind die meisten seiner Werke, und deshalb spielen viele Theater sie am liebsten gar nicht mehr“, befand Anke Dürr schon vor Jahren im SPIEGEL.

Müllers Grab. Quelle: https://seitenfluegel.files.wordpress.com/2014/11/mueller_2.jpg?w=700&h=

Müllers Grab. Quelle: https://seitenfluegel.files.wordpress.com/2014/11/mueller_2.jpg?w=700&h=

Dass der am 9. Januar 1929 im sächsischen Eppendorf als Beamtensohn geborene Junge überdurchschnittlich begabt war, wurde auf der Mittelschule klar, wo er infolge guter Noten eine Freistelle in der Oberschule bekam. Nach eigener Aussage war Müller ab 1940 in der Hitlerjugend und wurde kurz vor Kriegsende zum Reichsarbeitsdienst und zum Volkssturm eingezogen. 1946 trat er in die SPD ein, der sein Vater auch angehörte, wurde aber wegen fehlenden Engagements und nicht gezahlter Mitgliedsbeiträge bald wieder ausgeschlossen. Müllers Vater wurde nach der Zwangsvereinigung mit der KPD SED-Mitglied und Bürgermeister in Frankenberg/Sachsen, verließ jedoch 1951 aus Protest zusammen mit seiner Frau und dem zweiten Sohn, Heiner Müllers zwölf Jahre jüngerem Bruder Wolfgang, die DDR.

Müller arbeitete, nachdem er das Abitur nachgeholt hatte, als Hilfsbibliothekar in Frankenberg, nahm an einem Schriftstellerlehrgang bei Dresden teil und beginnt 1950 journalistisch als Literaturkritiker bei der Zeitschrift „Sonntag“, ab 1953 bei der Zeitschrift „Neue deutsche Literatur“ zu arbeiten. 1954 wurde er Mitglied des Deutschen Schriftstellerverbandes und heiratet ein Jahr später, nachdem er bereits in eine doppelte Ehe samt doppelter Scheidung mit derselben Frau gestolpert war, die schon zweimal verheiratete Autorin Inge Schwenkner. Biographen sprechen von einem prekären Leben.

„unzureichende Darstellung der Wirklichkeit“

Nach weiteren Stationen als Wissenschaftlicher Mitarbeiter bspw. am Gorki-Theater Berlin arbeitet er ab 1958 als freischaffender Autor und erlebt im selben Jahr die Uraufführung der Stücke „Der Lohndrücker“ und „Die Korrektur“, die sich mit dem sozialistischen Aufbau befassen. Sie schildern einerseits den Konflikt zwischen Partei und Arbeiterschaft und andererseits den zwischen Sachzwängen der Produktion und privaten Interessen. Bekommt er dafür 1959 noch den Heinrich-Mann-Preis, wird er bereits zwei Jahre später aus dem Schriftstellerverband ausgeschlossen und erst 1988 wieder aufgenommen.

Grund ist das Stück „Die Umsiedlerin“, das sich mit der Landwirtschaft zwischen Bodenreform und Kollektivierung befasst. Es wird nach der ersten Aufführung abgesetzt und Müller „unzureichende Darstellung der Wirklichkeit“ vorgeworfen. Jahre später schreibt er das Stück um, erst 1976 feiert es als „Die Bauern“ in der DDR wirklich Premiere. In dieser Zeit beginnt sich ein Grundzug seines Wirkens zu manifestieren: Staatsdichter und Dissident zugleich zu sein. Fremdheit und Selbstentfremdung, die überzeitliche Kraft des Scheiterns, dazu die Absurdität einer Existenz ohne Utopie und höhere Heilsgewissheit, verursacht durch die Unfähigkeit, aus der Geschichte Lehren zu ziehen – das waren Müllers Themen, die er aus konsequent linker, fast vulgärmarxistischer Perspektive anfasste.

Müller-Texte. Quelle: https://pictures.abebooks.com/TAUTENHAHN/30014641485.jpg

Müller-Texte. Quelle: https://pictures.abebooks.com/TAUTENHAHN/30014641485.jpg

Seine These war, dass die Kunst, vor allem die des Theaters, ohne Gewalt und Tragik oder zumindest jene blutige Komik, die er „Humor des Fleischers“ nannte, gar nicht zur Blüte kommen könne. „Müller war ganz vernarrt in eine dialektische Bildsprache, die im Kessel von Stalingrad bereits die Erstarrung des real existierenden Sozialismus erkennt, den Pyrrhussieg des Bolschewismus. Seine Besessenheit galt einer mythengetränkten Logik, die noch den Hitler-Stalin-Pakt mit Kriemhilds Rache in Verbindung bringt: ‚Die Vergangenheit aufheben‘ nannte er das in schwerdeutsch-Hegelscher Tradition“, dekretiert Reinhard Mohr im SPIEGEL.

Es folgten Arbeiten für Rundfunk, DEFA und Fernsehen, meist unter dem Pseudonym „Max Messer“ – die Alliteration verweist auf operieren, sezieren, Skalpell, Rohheit, Gewalt. 1965 wurde Müller auf dem 11. SED-Plenum erneut kritisiert, dem „Kahlschlagsplenum“, in dessen Folge zahlreiche Filme, Theaterstücke, Bücher und Musikgruppen verboten wurden. Die Partei ließ auch die Aufführung von Müllers „Der Bau“ absetzen, das sich mit dem schwierigen Aufbau des Sozialismus befasst. In dieser Zeit kommt sein Bruder Wolfgang hinüber, um im Auftrag der Eltern herauszufinden, wie es seinem großen Bruder geht. Es kommt zu einer Dreiecksbeziehung mit Inge.

„Und dann habe ich noch lange auf einem U-Bahnsteig mit Adolf Dresen über die Zukunft oder Nicht-Zukunft des Marxismus diskutiert. Als ich nach Hause kam, war sie tot“, schildert Heiner in seinen Memoiren „Krieg ohne Schlacht. Leben in zwei Diktaturen“ den Selbstmord der kriegstraumatisierten Frau am 1. Juni 1966. Bruder Wolfgang wird später Katja Lange heiraten, die ungehorsame Tochter von Inge Lange, Mitglied des Politbüros der SED, die sich dann Lange-Müller nennt, später in den Westen geht und Heiners Memoiren schreibt. Man flüstert erneut von einer Dreiecksbeziehung.

1970 heiratet er die bulgarische Regisseurin Ginka Tscholakowa und wird festangestellter Dramaturg am Berliner Ensemble – die verspätete Erfüllung eines Lebenstraums. Sein Drama „Mauser“, das sich an Bertolt Brechts „Maßnahme“ anlehnt und nach der Rechtfertigung von Grausamkeit als politisches Mittel für eine Revolution fragt, wird für DDR-Aufführungen verboten, 1975 in den USA ur- und erst 1980 in Köln auf Deutsch erstaufgeführt. Die Aufführung weiterer eigener Stücke oder Übersetzungen, bspw. Sophokles‘ „Ödipus Tyrann“, verdankte er vor allen Dingen Benno Besson, dem Leiter der Berliner Volksbühne, und Ruth Berghaus, der Intendantin des Berliner Ensembles.

Probe zu Ödipus, Tyrann, 1967. Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Heiner_M%C3%BCller#/media/File:Bundesarchiv_Bild_183-P0131-0202-004,_Berlin,_Proben_%22%C3%96dipus_Tyrann%22,_Besson,_D%C3%BCren,_Hiemer.jpg

Probe zu Ödipus, Tyrann, 1967. Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Heiner_M%C3%BCller#/media/File:Bundesarchiv_Bild_183-P0131-0202-004,_Berlin,_Proben_%22%C3%96dipus_Tyrann%22,_Besson,_D%C3%BCren,_Hiemer.jpg

1976 wechselt er als Dramaturg an die Volksbühne, gehört zu den Mitunterzeichnern der Petition gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns und widmet sich nun verstärkt mythischen Stoffen aus der Antike, um der SED-Kritik zu entgehen. Zudem werden viele seiner Stücke im Ausland uraufgeführt, so „Germania Tod in Berlin“ 1978 an den Münchner Kammerspielen. Darin wird Geschichte als Schlachthaus dargestellt, Frühphasen der DDR werden mit Rückgriffen auf die germanisch-preußische Historie verbunden, um die Kontinuität zerstörerischer Kräfte zu verdeutlichen. „Die Hamletmaschine“ wird 1979 in Paris ur- und dann in Essen erstaufgeführt: Das Stück stellt eine Absage an jedes vernunftorientierte Geschichtsmodell dar. In „Der Auftrag“, 1982 in Bochum inszeniert, richtet sich Müllers revolutionäre Hoffnung auf die ausgebeuteten Völker der Dritten Welt.

„an Blaubarts verbotene Tür geklopft“

Seit den 80er Jahren kann sich Müller ungehindert in beiden deutschen Staaten bewegen und profiliert sich auch zunehmend als Regisseur – was verstärkte künstlerische und nun auch politische Anerkennung nach sich zieht. Er wird Mitglied der Akademie der Künste der DDR und West-Berlins, erhält den Georg-Büchner-Preis und den Nationalpreis I. Klasse für Kunst und Kultur – diesen von Erich Honecker persönlich. Die späte Rehabilitierung sah Müller selbst als Zeichen des nahenden Untergangs des Staates, in dem zu leben ihm für sein Schreiben Bedingung war: „Die DDR ist mir wichtig, weil alle Trennlinien der Welt durch dieses Land gehen. Das ist der wirkliche Zustand der Welt, und der wird ganz konkret in der Berliner Mauer.“ Eine Kompilation mit Stücken, die erstmals auch diejenigen Dramen enthielt, die Müllers internationalen Ruhm begründet hatten, erschien in der DDR erst 1988. Im Oktober 1989 ist er Mitinitiator der Initiative für unabhängige Gewerkschaften.

Müller auf dem Alex, 4.11.1989. Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Heiner_M%C3%BCller#/media/File:Bundesarchiv_Bild_183-1989-1104-047,_Berlin,_Demonstration,_Rede_Heiner_M%C3%BCller.jpg

Müller auf dem Alex, 4.11.1989. Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Heiner_M%C3%BCller#/media/File:Bundesarchiv_Bild_183-1989-1104-047,_Berlin,_Demonstration,_Rede_Heiner_M%C3%BCller.jpg

Unvergessen seine kurze Rede am 4. November 1989 auf dem Alex – der Dramatiker hatte einen seiner düsteren Orakel-Auftritte, als er, leicht angetrunken, nach vielen kämpferischen Optimisten an der Reihe war und den Hunderttausenden Sätze zuwarf wie: „Die nächsten Jahre werden für uns kein Zuckerschlecken. Die Daumenschrauben sollen angezogen werden. Die Preise werden steigen und die Löhne kaum.“ Später wird Müller über diesen Tag sagen: „Ich hatte das ungute Gefühl, dass da ein Theater inszeniert wird, das von der Wirklichkeit schon überholt ist, das Theater der Befreiung von einem Staat, der nicht mehr existiert“.

Er war nicht besonders überrascht, dass er ausgepfiffen wurde: „Als mir am Fuß der improvisierten Tribüne eine Welle von Hass entgegenschlug, wusste ich, dass ich an Blaubarts verbotene Tür geklopft hatte, die Tür zu dem Zimmer, in dem er seine Opfer aufbewahrt“, kommentierte er die wütende Reaktion auf seinen Beitrag zur friedlichen Revolution – und beklagt weiter die Versteinerung der Verhältnisse, an der auch der Epochenwechsel von 1990 nichts geändert habe.

1980 von Tscholakowa geschieden, lernt er auf der Frankfurter Buchmesse 1990 die Fotografin Brigitte Maria Mayer kennen. Zwei Monate später zieht sie zu ihm in seine Ost-Berliner Plattenbauwohnung. Fünf Jahre „Liebe ohne Bedingung“ (Mayer) bleiben den beiden, genug, um 36 Jahren Altersunterschied, den deutschen Einigungswirren und Müllers Todkrankheit Speiseröhrenkrebs zum Trotz zu heiraten, durch die Welt zu reisen und ein Kind zu bekommen – sein viertes. Wie getrieben von dem Drang, das Gemeinsame festzuhalten, dokumentiert das Paar von Anfang an auf Polaroidfotografien Liebe, Sex, Familienleben und das Sterben des krebsgezeichneten Mannes: publiziert in Mayers Bildband „Der Tod ist ein Irrtum“.

Müllers mit Tochter. Quelle: https://www.bz-berlin.de/data/uploads/2017/04/332479_1492293345-1920x1080.jpg

Müllers mit Tochter. Quelle: https://www.bz-berlin.de/data/uploads/2017/04/332479_1492293345-1920x1080.jpg

In diesen fünf Jahren veranstaltet Frankfurt das 6. Festival „Experimenta“ zu Ehren Heiner Müllers mit zahlreichen Gast-Produktionen seiner Stücke aus dem In- und Ausland, wird er zum Präsidenten der Akademie der Künste gewählt, übernimmt er zunächst in einem Fünferteam und später allein die Leitung des Berliner Ensembles, bekommt er den Europäischen Theaterpreis und feiert er in Bayreuth seine Premiere als Opernregisseur mit „Tristan und Isolde“, die in der Fachwelt als „genial“ gerühmt wird. Seine letzte Inszenierung, Brechts „Arturo Ui“, läuft bis heute im Berliner Theater am Schiffbauerdamm und kommt inzwischen auf über 400 Vorstellungen.

Allerdings muss Müller auch mit der Nachricht leben, dass ihn das Ministerium für Staatssicherheit als „Inoffiziellen Mitarbeiter“ geführt hat. Er gibt regelmäßigen Kontakt zu, eine tatsächliche Zusammenarbeit zum Schaden Dritter bestätigt sich aber nicht. Am 30. Dezember 1995 stirbt er in Berlin: „Krebs, mein Geliebter“ hatte er schon 1982 in „Quartett“ getextet. Als „Totenfeier“ veranstaltete das Berliner Ensemble 1996 einen achttägigen „Müller-Marathon“.

„der letzte große Konservative“

„Er fehlt heute, wo die Linke nur noch vom Kündigungsschutz redet und die Rechte von der Pendlerpauschale. Müller dachte planetarisch“ klagt Matussek im SPIEGEL.

„Für ihn war der Kommunismus ja kein utopisches Projekt, sondern lediglich die Verlangsamung auf unserm Weg in die Katastrophe. Nun sah Müller den Wegfall aller kommunistischen Bremsen, er sah die Zunahme des Tempos, die Überhitzung, das Verglühen. Man könnte sagen, dass der Linke Heiner Müller der letzte große Konservative war. Er begriff den Verlust der alten Welt als globales Verhängnis.“

Die Tendenz des Kapitalismus sei die Vereinheitlichung, die sich auch auf der Oberfläche der Technisierung abzeichnet und zur Nivellierung führt, erklärte Müller: „Es ist der allgemeine Grundirrtum, dass der Kapitalismus den Individualismus fördert. Das Gegenteil ist der Fall. Der Kommunismus vereinzelt, der Kapitalismus uniformiert.“ Seine Prognose heraufziehender Verteilungskämpfe wurde im Taumel der Wende ebenso oft belächelt wie zurückgewiesen. Mit dem Ausbrechen barbarisch geführter Terrorkriege und den daraus resultierenden Flüchtlingsströmen ist sie allerdings Realität geworden. „Es reicht völlig, wenn sich Millionen Verelendeter in Bewegung setzen“, schrieb er schon 1991. „Man kann nicht sofort wieder eine Mauer bauen. Man weiß nur, und erfährt jede Woche neu: Man braucht sie“, wusste er 1994.

Performance „Die Müller-Matrix“ 2016. Quelle: http://www.interrobang-performance.com/wp-content/uploads/2016/02/NEUHeiner_Gulli.jpg

Performance „Die Müller-Matrix“ 2016. Quelle: http://www.interrobang-performance.com/wp-content/uploads/2016/02/NEUHeiner_Gulli.jpg

Die eigentümliche Dialektik seines Denkens begreift man erst mit Blick auf seine lebensgeschichtliche Situation mit der Allgegenwärtigkeit des Krebses: im Körper, im System, in der Zeit. Prompt gilt sein ganzer Hass der Allgegenwärtigkeit des Kapitals und dessen Verwertungsgesetzen: „Der versäumte Angriff auf die Intershops mündete in den Kotau vor der Ware … das unterdrückte Gewaltpotential bricht sich Bahn im Angriff auf die Schwächeren, Asylanten und Ausländer; keinem Immobilienhai, gleich welcher Nation, wird ein Haar gekrümmt.“ Folglich ruft er seinem Publikum schon in „Der Lohndrücker“ zu: „Schlagt euch nicht die Schädel ein, zerbrecht euch lieber den Kopf!“

Frappierend sind seine nach heutigem Verständnis „rechtsextremen“ Perspektiven, mit denen Müller auf die Welt blickt; bspw. 1992 auf die Jugend: „Nach der Zerstörung einer Infrastruktur, die wesentlich auf ihre Beruhigung ausgerichtet war, übergangslos in die Freiheit des Marktes entlassen, der sie mehrheitlich ausspuckt, weil er nur an Gegenwart und nicht an Zukunft interessiert sein kann, ist sie jetzt auf die Wildbahn verwiesen.“ Die „Randalierer“ von Rostock und anderen Orten sind für ihn prompt „die Sturmabteilung der Demokratie, die radikalen Verteidiger der Festung Europa, gerade weil ihnen auf kurze oder lange Sicht nur der Dienstboteneingang offensteht.“

Starke Worte. Sicherheitshalber hatte Müller auch noch an den vierten Weltkrieg geglaubt. Eine friedliche Welt vermochte er sich jenseits der – gescheiterten – Utopien kaum vorzustellen. Und als nach der Wende manche vom Ende aller Konflikte und der Geschichte fabulierten, konnte Müller nur den schwarzbebrillten Schädel schütteln. Auf der Tagesordnung stünde jetzt

„der Krieg um Schwimmwesten und Plätze in den Rettungsbooten, von denen niemand weiß, wo sie noch landen können, außer an kannibalischen Küsten. Mit der Frage, wie man diese Lage seinem Kind erklärt, ist jeder allein.“

Mal war er unerhört hellsichtig: Den weißen Südafrikanern drohe, „wenn sie zur ewigen Minderheit verdammt“ würden, das „Los der Juden in Deutschland“. Mal war er einfach nur provokant: er erwog, den Berliner Bürgermeister Willy Brandt, der wenig später auf „Wandel durch Annäherung“ setzte, wegen Landesverrats anzuzeigen. Mal war er für und mal gegen ein einheitliches Deutschland; mal glühender Antikommunist, und mal verklärte er die DDR; mal verehrte er Preußen und mal verdammte er es. Mal verglich er den „widerwärtigen“ Ulbricht mit Hitler und nannte ihn einige Jahre später einen „Politiker ersten Ranges“; mal bezeichnete er die Bundesrepublik als Bastion der Rechtsstaatlichkeit und dann als ein Gemeinwesen, das nach „Peitschenleder“ und „Pogrom“ roch.

Dass er sein Millionenpublikum oftmals in die Irre führte, hat ihn kaum gestört. Er hatte die Chuzpe, historische Bücher, die er im Alter von weit über 50 Jahren veröffentlichte, als „Jugendsünden“ abzutun. Für alles, was noch weiter zurücklag, nahm er das „Prinzip der Verjährung“ in Anspruch: Ein Achtzigjähriger könne nicht mehr für das verantwortlich gemacht werden, was er als Dreißigjähriger getan habe. „Das sind zwei verschiedene Menschen, obwohl sie denselben Namen tragen.“

Unerreicht bis heute sind seine sarkastischen Schilderungen Hitlers, bspw. die in der postum erschienen „Geschichte eines Deutschen“:

„Die Zuhälterfrisur; die Talmieleganz; der Wiener Vorstadtdialekt; das viele und lange Reden überhaupt, das Epileptikergehaben dazu, die wilde Gestikulation, der Geifer, der abwechselnd flackernde und stierende Blick … Kein Mensch hätte sich gewundert, wenn dieses Lebewesen bei seiner ersten Rede von einem Schutzmann am Kragen genommen und irgendwo abgestellt worden wäre, wo man nie wieder etwas von ihm sah und wohin es ohne Zweifel gehörte.“

Sebastian Haffner. Quelle: https://www.tagesspiegel.de/images/bildnummer-56648098-datum-01-11-1984-copyright-imago-teutopresssebastian-haffner-autor-11-84-ries-mann-autor-buch-auto-biografie-autobiografie-geschichte-eines-deutschen-erinnerungen-1914-1933-dunkelhaarig-kurzhaarig-halbglatze-serioes-jackett-strick-jacke-strickjacke-hemd-krawatte-sitzend/14002708/2-format1007.jpg

Sebastian Haffner. Quelle: https://www.tagesspiegel.de/images/bildnummer-56648098-datum-01-11-1984-copyright-imago-teutopresssebastian-haffner-autor-11-84-ries-mann-autor-buch-auto-biografie-autobiografie-geschichte-eines-deutschen-erinnerungen-1914-1933-dunkelhaarig-kurzhaarig-halbglatze-serioes-jackett-strick-jacke-strickjacke-hemd-krawatte-sitzend/14002708/2-format1007.jpg

Der Mann, der das schrieb, liebte zwar sein Land, wusste aber mit dem Volk wenig anzufangen, von dem nur eine Minderheit etwas vom Leben verstünde:

„Ungefähr zwanzig Jahrgänge junger und jüngster Deutscher waren daran gewöhnt worden, ihren ganzen Lebensinhalt, allen Stoff für tiefere Emotionen, für Liebe und Hass, Jubel und Trauer, aber auch alle Sensationen und jeden Nervenkitzel sozusagen gratis aus der öffentlichen Sphäre geliefert zu bekommen – sei es auch zugleich mit Armut, Hunger, Tod, Wirrsal und Gefahr … So empfanden sie das Aufhören der öffentlichen Spannung und die Wiederkehr der privaten Freiheit nicht als Geschenk, sondern als Beraubung …

Und sie warteten schließlich geradezu gierig auf die erste Störung … um die ganze Friedenszeit zu liquidieren und neue kollektive Abenteuer zu starten“, so sein Befund über die Stresemann-Jahre der Weimarer Republik.

„Es ist mir lieb, wenn das vergessen wird“

Zu dieser Zeit war der 1907 als Raimund Pretzel in Berlin geborene Lehrersohn Gymnasiast und erfuhr eine lebenslang anhaltende schulische Prägung von Vorurteilsfreiheit, ja aristokratischer Vornehmheit: Er besuchte zuerst das Königstädtische Gymnasium nahe dem Alexanderplatz, viele seiner Klassenkameraden waren jüdische Deutsche, begabte Söhne von Geschäftsleuten. Unter ihnen, so Haffner, war „ich ziemlich links“. Dann wurde der Vater versetzt, sein Sohn wechselte ans Schillergymnasium in Lichterfelde, wo viele Militärs wohnten. Hier, so Haffner, „wurde ich rechts“. Für die Nazis hatten die Soldatensöhne nichts übrig, für die Weimarer Republik allerdings auch nichts. Er studiert dann Jura, entscheidet sich nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten im Frühjahr 1933, mit der für ihn Rechtsstaat gestorben war, aber gegen eine juristische Laufbahn. Um seine Doktorarbeit zu schreiben, ging Haffner 1934 ein paar Wochen nach Paris.

Der junge Jurist, der nur noch gelegentlich, meist als Vertreter anderer Anwälte, in seinem Metier arbeitet, sucht eine Nische und findet sie im Feuilleton von Frauenzeitschriften des Ullstein-Verlags, wo er hofft, dass der braune Spuk bald vorbei ist. Doch 1938 erwartet seine Freundin, die aus einer zum Protestantismus konvertierten jüdischen Familie stammt, ein Kind. Nach den Rassegesetzen war die Liebesbeziehung strafbar. So ließ er sich im Sommer mit einem Auftrag der Ullstein-Presse nach England schicken und bat dort mit Verweis auf seine schwangere Verlobte, die ihm nach England vorausgereist war, um Asyl. Das Paar heiratete, Pretzel erhielt eine zunächst für ein Jahr gültige Aufenthaltserlaubnis. In der Frist brach der Zweite Weltkrieg aus – er durfte bleiben.

Britisches Cover. Quelle: https://exlibris.azureedge.net/covers/9781/8421/2660/8/9781842126608xxl.jpg

Britisches Cover. Quelle: https://exlibris.azureedge.net/covers/9781/8421/2660/8/9781842126608xxl.jpg

Da er seine Jurakenntnisse im britischen Rechtssystem nicht anwenden kann, beschließt der 31-Jährige, ein Buch über Nazi-Deutschland zu schreiben, das den Briten den kommenden Feind erklären soll, und beginnt seine „Geschichte eines Deutschen“. Der Verleger Frederic Warburg war von den ersten Seiten so angetan, dass er Haffner wöchentlich einen kleinen Vorschuss zahlte. Dabei blieb es auch, als er sich nach dem deutschen Angriff auf Polen 1939 entschloss, ein anderes Buch zu schreiben: „Germany: Jekyll & Hyde“. Dafür wählte der geborene Pretzel sein später berühmtes musikalisches Pseudonym: Sebastian nach Johann Sebastian Bach, und Haffner nach Mozarts Haffner-Musiken, von denen die Symphonie D-Dur (KV 385) in Großbritannien beliebt war. Das Erstlingswerk begeisterte die Kritiker und öffnete dem Autor die Karrieretür, Leitartikler des neu gegründeten deutschsprachigen Blatts Die Zeitung zu werden, das vom britischen Informationsministerium finanziert und kontrolliert wurde.

1942 stellt ihn die einflussreiche britische Sonntagszeitung Observer ein. In einem seiner ersten Texte schlug er vor, man solle nach Kriegsende über eine halbe Million SS-Männer einfach hinrichten. Dem gelernten Juristen Haffner waren solche Äußerungen im hohen Alter peinlich: „Es ist mir lieb, wenn das vergessen wird.“ In einer Charakterisierung des Autors, die aus unbekannten Gründen die polnische Botschaft in London 1943 dem Foreign Office zukommen ließ, hieß es bereits, Haffner zeige „eine starke Verworrenheit und ein Schwanken von einem Extrem ins andere“. Die Polen erklärten sich das damit, dass er „weltfremd, nicht bösartig“ sei.

„mit einer seltsam kalten Flamboyance“

Nach dem Krieg ließ sich Haffner in Großbritannien einbürgern und kehrte schließlich 1954 als Korrespondent des Observer nach Berlin zurück. 1961 verließ er die Zeitung, schrieb frei für die Welt und steuerte von 1962 bis 1975 eine wöchentliche Kolumne im Stern bei. In der deutschen Öffentlichkeit wird der unter Kollegen hochgeachtete Mann mit der hohen, knarzigen Stimme durch Werner Höfers „Internationalen Frühschoppen“ bekannt. Joachim Fest beschrieb den deutschen Gast-Briten in seinem launigen Porträt-Essay „Der fremde Freund“ als „Gentleman mit Weste und Einstecktuch, der das Publikum in seinen Bann zwingt. Er spricht langsam und eindringlich, und egal, was er sagt, es klingt einleuchtend und selbstverständlich“.

Nach dem Mauerbau schimpft Haffner auf die Amerikaner, sie seien wie ein „überzahmer Pudel“, der sich vom Kreml-Chef Chruschtschow „den Knochen aus dem Maul nehmen ließ“. Seiner Regierung in London wirft er sogar vor, wie einst in München 1938 gegenüber Hitler in der Sudetenfrage, gekuscht zu haben. Nie war Haffner so sehr Kalter Krieger wie nach der Errichtung des „antifaschistischen Schutzwalls“. Und er will unbedingt die Wiedervereinigung; fordert sogar einen „entschlossenen Partisanenkrieg“ in der DDR, „bis der große Aufstand kommt“, und ein eigenes Atomwaffenpotenzial für die Bundesrepublik. Dann wieder mal eine Kehrtwende: Um bei den Bundestagswahlen 1972 für Willy Brandt stimmen zu können, nimmt Haffner wieder die deutsche Staatsangehörigkeit an.

Haffner in der ZDF-Sendung „Literarisches Colloquium“. Quelle: https://www.welt.de/img/kultur/literarischewelt/mobile101835101/7081627827-ci23x11-w1136/zel-haffner2-DW-Kultur-Aschaffenburg-jpg.jpg

Haffner in der ZDF-Sendung „Literarisches Colloquium“. Quelle: https://www.welt.de/img/kultur/literarischewelt/mobile101835101/7081627827-ci23x11-w1136/zel-haffner2-DW-Kultur-Aschaffenburg-jpg.jpg

Den streitbaren Querdenker, den es lebenslang immer auch ins Rampenlicht drängte, charakterisierte Fest so: „Nicht selten schien es, er wende sich nicht nur den Anwesenden zu, sondern plädiere vor dem eigenen Innern, um die Widerstandsfähigkeit eines fast absurd waghalsigen Einfalls zu erproben. Mit einem souveränen Überblick, der die Beweisführungen gern mit historischen Ereignissen schmückte und stützte, trug er zunächst die Lage vor, wog dann die materiellen wie die psychischen Kräfte der Parteien ab und zog anschließend mit einer seltsam kalten Flamboyance die politischen Folgerungen.“ Womöglich war die oftmals radikale Vehemenz seiner Äußerungen, etwa die RAF als „Steigbügelhalter des heraufziehenden Faschismus“ zu sehen, nicht zuletzt der Versuch, „im Wald des Lebens das Misstrauen gegen sich selbst wegzupfeifen“, vermutet Fest.

Auch als Sachbuchautor befasst er sich mit zeithistorischen Themen, so mit den „Sieben Todsünden des Deutschen Reiches im Ersten Weltkrieg“, dem „Teufelspakt: 50 Jahre deutsch-russische Beziehungen“ oder mit Winston Churchill. Kontrovers diskutiert wurde „Die verratene Revolution – Deutschland 1918/19“: Darin warf er als einer der ersten namhaften westdeutschen Publizisten einen kritischen Blick auf die Rolle der „Mehrheits-SPD“ um Ebert, Noske und Scheidemann als Blockierer der Revolution. Schon in diesen Werken trat seine Fähigkeit zutage, komplizierte geschichtliche Zusammenhänge einem breiten Publikum verständlich zu machen.

„nicht einmal Hass, nur Ekel“

1978 dann der große Wurf: die „Anmerkungen zu Hitler“. Fünf Jahre nach dem 1000-Seiten-Spektakel seines Freundes Joachim Fest, das aber, vielkritisiert, das Judenthema nur randständig würdigte, gelang Haffner auf gerade mal 200 Seiten ein allgemeinverständlicher Essay, der, ruhig und kühl geschrieben, trotzdem nicht vereinfacht und auch keine bedeutenden Aspekte aus Hitlers Leben und Wirken unberücksichtigt lässt.

Der Autor wurde dafür mit dem Heinrich-Heine-Preis der Stadt Düsseldorf und dem Friedrich-Schiedel-Literaturpreis ausgezeichnet. Golo Mann würdigte im SPIEGEL den Text: „Sehr klar bringt Haffner die Beispiellosigkeit des Phänomens heraus: in der Weltgeschichte so viel angerichtet zu haben – ‚ausgerichtet‘ allerdings nichts – und doch für sich selbst kein Interesse, nicht Sympathie, nicht Respekt, nicht einmal Hass, nur Ekel zu erwecken.“ Das Buch hielt sich 43 Wochen lang auf Platz 1 der SPIEGEL-Bestsellerliste.

Zwei Jahre später erregte er nochmal Aufmerksamkeit mit seinen „Überlegungen eines Wechselwählers“. Später wurde es stiller um Haffner, der die Rolle des hochgebildeten, einzelgängerischen Querkopfs, die er so lange Zeit mit provokanter Laune gespielt hatte, im Fortgang der Jahre zusehends hinter sich ließ. Zeitlebens aber unterschied er zwischen „moderner“ und „richtiger“ Literatur: Thomas Mann, Fontane, Stendhal, Tolstoi… – „ich bin nun einmal hoffnungslos konservativ.“ Er war so gern „umstritten“ gewesen: „Das ist der Lauf der Welt – Man beginnt als Genie und endet als Redakteur für die Rätselecke.“

Cover 1980. Quelle:  https://www.welt.de/img/kultur/literarischewelt/mobile101835541/2482507827-ci102l-w1024/zel-haffner5-DW-Kultur-Hamburg-jpg.jpg

Cover 1980. Quelle: https://www.welt.de/img/kultur/literarischewelt/mobile101835541/2482507827-ci102l-w1024/zel-haffner5-DW-Kultur-Hamburg-jpg.jpg

Den Fall der Mauer empfand Haffner als verheerend: er fühle sich „lächerlich“ gemacht und müsse mit der „entsetzlichsten Niederlage“ zurechtkommen, die ihm je widerfahren sei. Was jetzt ende, sei die Möglichkeit politischen Urteilens: „Ich bin überflüssig. Das hat nicht einmal Hitler erreicht. Aber der Herr Generalsekretär, den alle Welt so sympathisch und umgänglich findet – dem ist es gelungen“ – gemeint ist Gorbatschow. Zu Kohl kein Wort.

Am  2. Januar 1999 stirbt er im Alter von 91 Jahren. Seine Urne wurde im Familiengrab auf dem Parkfriedhof Berlin-Lichterfelde West beigesetzt; es gehört zu den Ehrengräbern des Landes Berlin. An vorderster Stelle bleibt von ihm, so Fest,

„gewiss seine rhetorische Brillanz. Dann aber auch die Radikalität seiner Auffassungen mitsamt der Neigung, selbst im Abseitigen weiterzulaufen. Die Vorliebe für das Denken in sozusagen freier Luft und ohne die Kettengewichte der Realität an den Füßen. Zuletzt immer wieder die großen Brüche mit dem Ableugnen oder Vergessen dessen, was gestern war. […] Nicht selten hatte man den Eindruck, Haffner begrüße jeden politischen Szenentausch schon deshalb, weil er dadurch die Maske abwerfen und das alte Textbuch loswerden konnte, das ihn allmählich zu langweilen begann.“

Auch wegen dieser Schwankungen wollte er seine alten Schriften zu Lebzeiten lieber nicht noch einmal veröffentlicht sehen. Doch schon drei Jahre nach seinem Tod steht der Name Haffner für ein Millionengeschäft. Da wird schon mal ein Haffner-Buch einfach umbenannt und mit einem neuen Vorwort versehen – flugs lässt es sich abermals verkaufen. Haffners Geschichte der Revolution von 1918/19 stand unter vier verschiedenen Titeln in den Bibliotheken.

Die Verlage warfen auf den Markt, was sie finden konnten – knapp zwei Dutzend Veröffentlichungen in 18 Monaten. Seit der spektakulären Entdeckung seiner Erinnerungen „Geschichte eines Deutschen“ überzog ein beispielloser Haffner-Boom die Republik. Innerhalb von gerade drei Jahren wurden allein von diesem Buch über 500 000 Exemplare verkauft. Er wurde gefeiert als ein „Solitär unter Historikern“ (WamS), „politischer Ästhet“ (taz), weitsichtiger Prophet und unbestechlicher Analytiker, gar als „Publizist und Mensch ein Vorbild“ (Guido Knopp).

Spiegel-Nachruf. Quelle: http://magazin.spiegel.de/EpubDelivery/spiegel/pdf/28210137

Spiegel-Nachruf. Quelle: http://magazin.spiegel.de/EpubDelivery/spiegel/pdf/28210137

Im Blick aufs Ganze gleicht das Leben Sebastian Haffners einem Puzzle, dessen Teile nicht zusammenpassen. Klaus Wiegrefe nannte ihn im SPIEGEL den „umstrittensten Infotainer Deutschlands“ – und lag damit sicher am nächsten.

Wenn sich je ein Politiker in die Weltgeschichte stammelte, gebührt ihm der Thron: „Das tritt nach meiner Kenntnis … ist das sofort, unverzüglich“ sagte Günter Schabowski am 9. November 1989 auf die Journalistenfrage, wann die neue Reiseverordnung der DDR in Kraft trete. „Morgen früh“, hätte er sagen sollen. Er selbst „ahnte in diesem Augenblick nicht“, schrieb der immer etwas schwammig und farblos wirkende Funktionär später, dass er „im Namen der SED-Führung der DDR gerade das endgültige Verfallsdatum aufdrückte“. Mit seiner Antwort löste er die überraschendste Völkerwanderung der Neuzeit aus – obwohl man sie seit Herbst 2015 vielleicht zur zweitüberraschendsten zurückstufen müsste.

Der am 4. Januar 1929 in Anklam geborene Sohn eines Klempners wuchs in der preußischen Provinz Pommern auf und brachte es in der Hitlerjugend bis zum Scharführer. Nach Abitur und Volontariat in Berlin arbeitete er ab 1947 als Redakteur der Gewerkschaftszeitung Tribüne und wurde 1953 deren stellvertretender Chefredakteur. Als Mitglied in FDGB, FDJ und SED und erfolgreicher Absolvent eines Fernstudiums als Diplomjournalist an der Universität Leipzig war sein politischer Aufstieg fast vorprogrammiert. Nach der Ausbildung an der Parteihochschule der KPdSU in Moskau arbeitete Schabowski beim SED-Zentralorgan Neues Deutschland (ND), von 1978 bis 1985 als Chefredakteur. Stationen als Mitglied des Zentralkomitees (ZK) der SED und Chef der SED-Bezirksleitung Ost-Berlin folgten.

Günter Schabowski. Quelle:  https://de.wikipedia.org/wiki/G%C3%BCnter_Schabowski#/media/File:Bundesarchiv_Bild_183-1982-0504-421,_G%C3%BCnter_Schabowski.jpg

Günter Schabowski. Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/G%C3%BCnter_Schabowski#/media/File:Bundesarchiv_Bild_183-1982-0504-421,_G%C3%BCnter_Schabowski.jpg

Seit 1986 Sekretär des ZK, unterstand er direkt Generalsekretär Erich Honecker und war zeitweise als sein Nachfolger im Gespräch. Von 1981 bis 1990 war Schabowski zudem Abgeordneter der Volkskammer. Befragt, wie er auf die kommunistische Ideologie hereinfallen konnte, sagte Schabowski: „Wer sich einmal auf den geistigen Holzweg einer politischen Sekte begeben hat und mit seinesgleichen in Klassenschlachtordnung marschiert ist, kommt so schnell nicht wieder davon los.“ Prompt vertrat er diesen Holzweg mit schneidender Überzeugung und diskreditierte jene, die ihn nicht unbeirrt mitgehen wollten.

So kritisierte ihm gegenüber der Generaldirektor des Kombinats Schienenfahrzeugbau die Vorschrift, jeder Betrieb müsse einen bestimmten Prozentsatz an Konsumgütern produzieren, als unsinnig – sie hatte dazu geführt, dass selbst Schwermaschinenbetriebe Wäscheständer und Partygrills herstellten. Der Mann wurde kurz darauf strafversetzt. Als 1988 einige Schüler der Berliner Ossietzky-Oberschule sich auf Transparenten gegen Neonazis in der DDR und gegen die traditionellen Militärparaden der Nationalen Volksarmee sowie zu Gunsten der Solidarność aussprachen, befürwortete er den Ausschluss der Schüler. Und Christa Wolf berichtete im Naumburger Tageblatt: „Ich erinnere mich an einige der wenigen Auftritte Schabowskis im Schriftstellerverband. Vor dem hatte man Angst“, er sei „wirklich einer der Schlimmsten vor der Wende“ gewesen“.

für einen Sozialismus, der stark macht“

Seine Front war die der Agitation. Letztlich gab er die Richtlinien für die Medien vor, die von willfährigen Adlaten in der Agitationskommission an die SED-Presse und vom Presseamt bei der Regierung an die Zeitungen der Blockparteien „durchgestellt“ wurden. Seine Überzeugung von der Rolle der Medien fußte stets auf der Lenin‘schen Prämisse von der Presse als kollektivem Agitator, Propagandist und Organisator: Die Zeitungen haben der Sache des Sozialismus zu dienen, basta. In einem Brief an Honecker regte er sich beispielsweise darüber auf, dass immer mehr Bürger den „Drecksender Sat 1“ empfangen wollten und sich deshalb größere Fernsehantennen wünschten.

Schabowski am 4.11.89 auf dem Alex. Quelle: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/a/a7/Bundesarchiv_Bild_183-1989-1104-041%2C_Berlin%2C_Demonstration%2C_Rede_G%C3%BCnter_Schabowski.jpg

Schabowski am 4.11.89 auf dem Alex. Quelle: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/a/a7/Bundesarchiv_Bild_183-1989-1104-041%2C_Berlin%2C_Demonstration%2C_Rede_G%C3%BCnter_Schabowski.jpg

Gleichwohl gehörte er zu dem kleinen Kreis von „Verschwörern“, die 1989 den langjährigen Staats- und Parteichef Honecker stürzen wollten – nicht als konterrevolutionäre Abrechnung mit dem System, sondern vielmehr zur Stabilisierung und Reformierung der DDR: Sie opferten Honecker, um sich selbst zu retten. 2009 nennt er Egon Krenz, den damaligen Karl-Marx-Städter SED-Bezirkschef Siegfried Lorenz und sich selbst als jene Politbüromitglieder, die „bei geheimen Treffen überein“ gekommen seien, weitere Meinungsführer zu gewinnen, um Honecker auf einer der nächsten Sitzungen zu stürzen. Am 17. Oktober 1989 war es dann so weit – kurioserweise stimmte Honecker selbst seiner Absetzung zu. Hauptziel war, Reiseerleichterungen durchzusetzen, die eine Generalentlastung für Partei und Regierung bringen sollten. Damit würde, so das Konzept, der Druck herausgenommen, um in Ruhe Veränderungen einleiten zu können. Es ging bekanntlich nicht auf.

So hatte sich Schabowski zwar innerhalb und außerhalb der Partei Feinde geschaffen, die den bisweilen cholerischen „Schah Bowski“ nun „ab ins Exil“ wünschten – aber die Kurve bekam er flinker als alle anderen. Als erstes Mitglied des Politbüros ging er auf die Straße und diskutierte mit empörten Demonstranten. Als erster aus der Parteispitze empfing er demonstrativ zwei Abgesandte des „Neuen Forum“, den Biologen Jens Reich und den Physiker Sebastian Pflugbeil – und verhalf so der Opposition zu einer gewissen Anerkennung. Und er ließ sich neben dem vom pensionierten Agentenführer zum SED-Vordenker gewendeten Markus Wolf am 4. November bei der Künstler-Demo auf dem Alexanderplatz als opportunistischer Anpasser ausbuhen: „Regen wir heute die Hände für unser Land, für einen Sozialismus, der stark macht, weil die Menschen ihn wollen!“, lautete der letzte Satz seiner kurzen, ausgepfiffenen Rede.

Zwei Tage später wurde die Position eines Sekretärs des ZK der SED für Informationswesen geschaffen – in etwa vergleichbar mit einem Regierungssprecher – und mit Schabowski besetzt, der wiederum drei Tage später Geschichte machte. Nicht ganz freiwillig. Riccardo Ehrmann, Korrespondent der italienischen Nachrichtenagentur Ansa mit 20-jähriger Erfahrung im DDR-Propaganda- und Nachrichtenverhinderungsbetrieb fragt 18.57 Uhr nach einer kurzen Zeit atemloser Stille nach, ab wann das neue Reisegesetz gelte – mit der epochalen Reaktion Schabowskis.

Live-PK. Quelle: https://www.dw.com/image/18028489_303.jpg

Live-PK. Quelle: https://www.dw.com/image/18028489_303.jpg

Er sei aber etwa eine Stunde vor der Pressekonferenz „von einem hohen SED-Funktionär, einem Mitglied des Zentralkomitees“ aus dem „Unterseeboot“, dem fensterlosen Büro des Chefs der amtlichen DDR-Nachrichtenagentur ADN angerufen und dringend gebeten worden, bei der Pressekonferenz nach dem Reisegesetz zu fragen, offenbarte Ehrmann 2009 dem MDR. Ob der Chef der DDR-Nachrichtenagentur ADN Günter Pötschke, seit 1986 Mitglied des Zentralkomitees, selbst dieser Tippgeber war, wollte Ehrmann mit Rücksicht auf den Informanten und dessen Familie nicht verraten. Pötschke kann darüber nicht mehr Auskunft geben, er ist 77-jährig im September 2006 gestorben.

„vor der Wirklichkeit versagt“

Nahezu live den Medien der ganzen Welt verkündet, führte der gestammelte Satz noch am selben Abend zur Maueröffnung, weil er tausende Berliner veranlasste, an die Grenzübergangsstellen zu kommen und unter Bezugnahme auf Schabowskis Äußerungen massiv deren Öffnung zu verlangen. Die Grenzer am Übergang Bornholmer Straße kamen dieser Forderung zuerst nach – eine Kettenreaktion an allen Grenzübergängen in und um Berlin kam in Gang. „Ich war eher überrascht davon, dass sich das alles so relativ vernünftig entwickelte. Das war ja noch alles verbunden mit der Vorstellung, die DDR bleibe erhalten, Kapitalismus und Sozialismus würden sich vertragen, es gibt eine Möglichkeit des Arrangements zwischen beiden Systemen“, kommentierte Schabowski später den Abend. Tonaufnahmen der Pressekonferenz gehören inzwischen zum Weltdokumentenerbe der UNESCO. Im Jahr 2015 erwarb das Bonner Haus der Geschichte den originalen Notizzettel der Pressekonferenz.

„Mit erstaunlichem Geschick“, wie Norbert F. Pötzl im SPIEGEL anerkannte, mutierte der gelernte Partei-Propagandist dann zum PR-Manager: „Er arrangierte Homestories mit den neuen Regenten, vermarktete die Abrechnung mit dem alten Regime und inszenierte publikumswirksam – ‚Krenz zieht aus Wandlitz aus‘ – den Verzicht der Nachfolger auf ihre Privilegien.“ Da hatte Schabowski allerdings noch die Illusion, ein DDR-Reformsozialismus könne überleben. Erst später merkte er, dass „das System, dessen politischer Klasse und Führung“ er angehörte, „vor dem Leben, vor der Wirklichkeit versagt“ hatte. Seinen Umdenkprozess leitete die erste Fernsehrede des neu gewählten Generalsekretärs Egon Krenz ein: „Das war noch die blecherne Diktion des SED-Zeitalters, allenfalls geeignet, die konservativen Genossen zu beruhigen.“

PK-Notizzettel. Quelle https://www.tagesspiegel.de/images/schabows_oliver-berg_dpa_6/11645072/2-format1012.jpg

PK-Notizzettel. Quelle https://www.tagesspiegel.de/images/schabows_oliver-berg_dpa_6/11645072/2-format1012.jpg

Als Gregor Gysi die Führung der SED/PDS übernahm, fiel er zugleich mit seinem Verbündeten Krenz aus allen Ämtern, verlor seinen Sitz in der Volkskammer und wurde aus der Partei ausgeschlossen. Die Schiedskommission vermerkte, dass Schabowski zwar versucht hätte, „eine Veränderung im Politbüro herbeizuführen“, sei aber an Inkonsequenz gescheitert: „Dieses Zaudern und Zögern hat mit zu jener Krise geführt, die unser Volk zwang, die Wende auf der Straße durchzusetzen.“ Später gab Schabowski an, diese Vorwürfe und den Ausschluss zunächst mit Enttäuschung und Wut über die Heuchelei, später allerdings als Beginn seiner geistigen Freiheit empfunden zu haben.

Von 1992 an wirkte der gelernte Journalist wieder in seinem alten Metier: als Mitgesellschafter eines Anzeigenblatts im südhessischen Rotenburg. Danach lebt er als Rentner in Berlin. Er schreibt eine Autobiografie, in der er kompromisslos mit seiner Vergangenheit und dem Kommunismus abrechnet. Damit und in zahlreichen Interviews zieht er einen Schlussstrich unter seine sozialistische Sozialisation und einen Trennstrich zu den einstigen Kampfgefährten – und gehört zu denen, die aufrichtig zu bereuen vorgeben, zumal während des 1996 begonnenen Prozesses wegen Totschlags auf Grund des Todes von DDR-Flüchtlingen: „Als einstiger Anhänger und Protagonist dieser Weltanschauung empfinde ich Schuld und Schmach bei dem Gedanken an die an der Mauer Getöteten“, betont der frühere ND-Chefredakteur. „Ich bitte die Angehörigen der Opfer um Verzeihung.“

Den Vorwurf des Totschlags weist der 68jährige zurück. „Wir haben keine Tötungen gefordert und gebilligt”, betont er. Er sei immer davon ausgegangen, dass die Schüsse gesetzlich geregelt gewesen seie. Bei Toten habe er geglaubt, die Grenzsoldaten hätten in Notwehr gehandelt. Einstigen Kampfgefährten gilt Schabowski als Verräter. So hat er sich unbequem zwischen alle Stühle gesetzt: Er wird, so sein Anwalt im Plädoyer, „von den Kommunisten als Schwein, vom Solidaritätskomitee als Ratte, von großen Teilen der Bevölkerung als Wendehals, von der Nebenklage als Waschlappen beschimpft“.

„Es gibt keine ideale Gesellschaft“

Obwohl Schabowski erst ins Politbüro aufgenommen wurde, als das Grenzregime längst beschlossen war, wird er zu drei Jahren Haft wegen Totschlags verurteilt. Unmittelbar vor Weihnachten 1999 tritt er die Strafe in Hakenfelde an, sitzt ein unter Betrügern, Räubern und Vergewaltigern – und verlässt das Gefängnis ein Jahr später, nachdem er von Berlins Regierendem Bürgermeister Eberhard Diepgen begnadigt worden ist. In der sich anschließenden dreijährigen Bewährungszeit muss er sich wöchentlich bei der Polizei melden. Er lebte nach mehreren Infarkten und Schlaganfällen in einem Berliner Pflegeheim, starb dort am 1. November 2015 im Alter von 86 Jahren und wurde auf dem Waldfriedhof Dahlem beerdigt. Seine russische Frau hatte die Todesnachricht verbreitet.

Schabowski mit seinem Anwalt. Quelle: https://www.rbb-onli-ne.de/content/dam/rbb/rbb/fernsehen/kontraste/ueber_den_tag_hinaus/2010/vor_dem_urteil__der.jpg.jpg/size=708x398.jpg

Schabowski mit seinem Anwalt. Quelle: https://www.rbb-onli-ne.de/content/dam/rbb/rbb/fernsehen/kontraste/ueber_den_tag_hinaus/2010/vor_dem_urteil__der.jpg.jpg/size=708x398.jpg

„Mir war klar, dass wir uns in dem Augenblick, in dem die Bürger der DDR in die Bundesrepublik reisen konnten, mit der Bundesrepublik versöhnen würden“, sagte er kurz vor seinem Tod dem Tagesspiegel. Und ihm war klar, dass sich eine Gesellschaft von selbst entwickelt und dabei Fortschritte und Fehler macht: „Wenn man ihr Vorschriften machen wollte, wie sie zu existieren hat, würde das früher oder später zum Scheitern führen … Es gibt keine ideale Gesellschaft. Es gibt nur eine mit mehr oder weniger Einwänden. Die Konsequenz ist: Jeder Versuch, eine sozialistische Gesellschaft, eine Gesellschaft nach einer Rezeptur zu bilden, ist zum Scheitern verurteilt.“

Mit Blick auf die Linke, denen er den Abschied von sozialistischen Vorstellungen vorwirft, weil sie nur das abschöpfen möchte, was von den sozialistischen Träumen übrig geblieben ist, um daraus politischen Gewinn zu ziehen, erklärte er die DDR zum Experiment, das „ich bis zum Exzess ausgekostet“ habe. „Wir hatten die Zeit und die Möglichkeiten, dieses sozialistische Experiment einzugehen. Und nicht nur wir. Man kann sagen: Von der Oder bis nach Kamtschatka, dieses ungeheure Gebiet mit all seinen – auch materiellen – Möglichkeiten war der Ansatz für eine sozialistische Gesellschaft. Und sie ist von Kamtschatka bis an die Oder gescheitert. 80 Jahre hat der Kommunismus existiert und herausgekommen ist die Pleite, die wir erlebt haben.“

Grab in Dahlem. Quelle: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/9/91/G%C3%BCnter_Schabowski_-_Mutter_Erde_fec.JPG/1280px-G%C3%BCnter_Schabowski_-_Mutter_Erde_fec.JPG

Grab in Dahlem. Quelle: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/9/91/G%C3%BCnter_Schabowski_-_Mutter_Erde_fec.JPG/1280px-G%C3%BCnter_Schabowski_-_Mutter_Erde_fec.JPG

Dass ihm Hemingway bei einer Kriegsbegegnung 1944 in Paris „teuflisches Talent“ bescheinigte und aus lauter Begeisterung sogleich einem Huhn den Kopf abschoss, ist eine der besseren Legenden, die sich um Jerome David (J.D.) Salinger ranken. Dass sich einige seiner Fans als Mörder und Attentäter hervortaten, darunter Satanist Charles Manson und Mark Chapman, der nach dem Mord an John Lennon mit dem „Fänger im Roggen“ in der Hand festgenommen wurde, ist eine der schlechteren. Und dass er seinen unsterblichen Romanhelden Holden Caulfield seine rote Mütze verkehrt herum tragen ließ, was letztlich einen Jugendtrend begründete, ist gar keine Legende, sondern Realität.

Hemingway und Salinger. Quelle: https://pbs.twimg.com/media/Cn6PmTfUMAElW4f.jpg

Hemingway und Salinger. Quelle: https://pbs.twimg.com/media/Cn6PmTfUMAElW4f.jpg

Selten hat eine „Lebensbibel für Generationen“, so Marc Pitzke im Spiegel, junge Menschen derart beeinflusst wie „The Catcher in the Rhy“. Mit mehr als 65 Millionen verkauften Exemplaren war der Roman noch 2013 der drittgrößte US-Bestseller aller Zeiten (nach Henry Rider Haggards „She: A History of Adventure“ und Dan Browns „The Da Vinci Code“). Der Roman war zumal in der Übersetzung von Nobelpreisträger Heinrich Böll einer der wenigen Texte, die Gymnasiasten dies- und jenseits der Elbe lasen und der bis heute mehrfach adaptiert wurde: Der DDR-Longseller „Die neuen Leiden des jungen W.“ von Ulrich Plenzdorf (1973) ist ebenso wenig ohne das Salinger-Vorbild zu denken wie die Romane „Faserland“ von Christian Kracht (1995) oder „Crazy“ von Benjamin Lebert (1999).

Bis heute könne es bestenfalls Tom Sawyer an Popularität mit dem Teenager Holden Caulfield aufnehmen, der sich schnoddrig und munter-vulgär – allein 44-mal sagt er „Fuck“ – über seine Adoleszenzprobleme auslässt, meint Wolfgang Höbel im Spiegel. Obwohl Salinger nur diesen einen Roman und 35 Kurzgeschichten veröffentlichte, gilt er bis heute als einer der größten und meistrezensierten US-Autoren der Nachkriegszeit, der oft mit „feierlichem Ernst“ verehrt wird, so Höbel. Sein literarischer Mythos wirkte so stark, dass manche Kritiker gleich ein ganzes Jahrzehnt der amerikanischen Literaturgeschichte – die Jahre von 1948 bis 1959 – als „Ära Salinger“ bezeichnet haben.

egal wie lange du lebst“

Diese Berühmtheit war nicht absehbar, als Salinger am 1. Januar 1919 als einziger Sohn eines wohlhabenden jüdischen Käsehändlers litauischer Herkunft in New York City geboren wurde. Seine Mutter, eine irisch-schottische Katholikin, war wegen des Vaters zum Judentum konvertiert. Biographen schreiben von einer „verwöhnten Kindheit“. Erste Versuche als Autor unternahm er als junger Kadett in einer Militärschule, als Student veröffentlichte er Kurzgeschichten und Filmkritiken und bereitete sich 1937 in Europa vor, das väterliche Geschäft zu übernehmen. Den Uni-Abschluss erwarb er nicht.

Jerome D. Salinger. Quelle: https://img.thedailybeast.com/image/upload/c_crop,d_placeholder_euli9k,h_1439,w_2560,x_0,y_0/dpr_2.0/c_limit,w_740/fl_lossy,q_auto/v1492718071/articles/2013/09/02/15-revelations-from-new-j-d-salinger-biography/130901-salinger-tease_iqjaxj

Jerome D. Salinger. Quelle: https://img.thedailybeast.com/image/upload/c_crop,d_placeholder_euli9k,h_1439,w_2560,x_0,y_0/dpr_2.0/c_limit,w_740/fl_lossy,q_auto/v1492718071/articles/2013/09/02/15-revelations-from-new-j-d-salinger-biography/130901-salinger-tease_iqjaxj

1941 durchlebte er eine traumatische Beziehung mit der noch minderjährigen Tochter des Dramatikers Eugene O’Neill, Oona, seiner großen Liebe, die ihn verließ, um 1943 mit 18 Jahren lieber den 54-jährigen Charlie Chaplin zu heiraten. Sicher auch daher schmerzte den Vater zweier Kinder, der dann doch dreimal verheiratet war, darunter kurzzeitig mit einer deutschen Ärztin, jede biografische Annäherung an seine Person. Nach Oona zeitlebens der Pädophilie verdächtigt, weil er junge Geliebte hatte und mit weiblichen Teenagern Brieffreundschaften pflegte, wird er zum stillen Exzentriker, dessen Texte in zunehmendem Maße introvertiert wie die eines Mannes scheinen, „der für immer auf seine Kindheit zurückblickt“, so der Guardian.

Viele Stories zeigen eine Vorliebe für nahezu ausschließlich kindliche und pubertäre Helden und Heldinnen, beschreiben die Erlebnisse von Kindern, Studentinnen, Schülern und jugendlichen Ehefrauen und bemühen sich dennoch, hinter profanem Jargon und hinter Alltagshandlungen subtilere psychische Regungen erkennbar zu machen. Es sind Figuren, denen oft zum Heulen ist, deren Nerven gefährlich zerrüttet sind und deren Welt bevölkert ist mit heuchlerischen Erwachsenen, abstoßenden Gleichaltrigen und mit toten oder weit entfernten oder hilflosen oder unendlich geliebten Geschwistern. Die jugendlichen, oft störrischen Verbündeten, die hier zusammenfinden, seien „jedoch beseelt von einem anrührenden Glauben an die Möglichkeit einer freundlicheren, klügeren, helleren Welt“, befand Höbel.

1942 trat Salinger in die US-Army ein, nahm an fünf Feldzügen in Frankreich teil, erlebte die berüchtigte deutsche Ardennen-Offensive mit – und seine nächsten Traumata: Die Qual des Krieges zog sich später als Motiv durch viele durchaus düstere Geschichten Salingers. Das erste verursachte die Schlacht im Hürtgenwald, die wegen ihres blutigen Gemetzels und mindestens 22.000 gefallenen US-Soldaten traurige Berühmtheit erlangte. „Ein Soldat und Autor, der im Zweiten Weltkrieg dem Tod entkam, doch das Überleben nie vollends annahm“, erklärt sein Biograph David Shields. Sein Leben sei „eine Selbstmordmission in Zeitlupe“.

Salinger im Krieg. Quelle: https://img.zeit.de/kultur/literatur/2015-03/salinger-jerome-d/wide__820x461__desktop

Salinger im Krieg. Quelle: https://img.zeit.de/kultur/literatur/2015-03/salinger-jerome-d/wide__820x461__desktop

Das zweite Trauma folgte Ende April 1945, als er das eben befreite Konzentrationslager Kaufering IV besuchte und dort offenbar erlebte, dass die nicht gehfähigen Insassen vor dem Heranrücken der alliierten Streitkraft bei lebendigem Leib verbrannt worden waren. Nach dem Krieg war Salinger infolge eines Nervenzusammenbruchs in psychotherapeutischer Behandlung; seine Tochter Margaret schrieb in ihren Erinnerungen, dass ihr Vater einmal gesagt haben soll: „Du bekommst nie wirklich den Geruch von brennendem Fleisch aus deiner Nase, egal wie lange du lebst“.

„Er war emotional und warmherzig“

Direkt nach Kriegsende war Salinger, der gut Deutsch sprach, für sechs Monate im fränkischen Gunzenhausen als ziviler „Investigator“ für eine Abteilung des Nachrichtendienstes tätig und begann spätestens hier mit den Arbeiten am „Fänger im Roggen“, der 1951 erscheint. Eine literarische Sensation, die William Faulkner später das „beste Buch der gegenwärtigen Schriftstellergeneration“ nennen sollte. Es war zwei Jahre auf dem Markt, als Salinger eine Flucht ähnlich seinem Romanhelden Caulfield antrat: in die waldigen Hügel Neu-Englands, nach Cornish. Überwältigt und – nach eigenem Eingeständnis – eingeschüchtert von seinem eigenen Erfolg zog er sich aus der Öffentlichkeit zurück, lebte in seinem abgelegenen, geräumigen Holzhaus im Staat New Hampshire.

Von hier setzte er gegen Biografen und Plagiatoren wie den nicht minder geheimnisvollen Schwedenamerikaner John D. California, der eine Fortsetzung von Caulfields Leben schreiben wollte, teure Anwälte in Gang. Gegen Neugierige, die in seinem Müll wühlten, soll er manchmal gar zur Schrotflinte gegriffen haben. Dem Buddhismus stand er ebenso nahe wie Ron L. Hubbards Scientology. Seit 1965 kam keine Zeile mehr von ihm auf den Markt – Briefe allerdings schrieb er noch: Mit trockenem Witz, eleganter Syntax und klarem Rhythmus. Etwa an seinen Armeefreund Werner Kleeman, die melancholisch, fast sanft klingen: „Er war sehr bescheiden“, zitiert der Spiegel Kleeman. Und: „Er war emotional und warmherzig.“

Werner Kleeman mit Briefen. Quelle: http://cdn2.spiegel.de/images/image-64229-860_poster_16x9-dysm-64229.jpg

Werner Kleeman mit Briefen. Quelle: http://cdn2.spiegel.de/images/image-64229-860_poster_16x9-dysm-64229.jpg

1974 brach Salinger einmal sein Schweigen, er telefonierte mit einem Reporter und sagte: „Ich schreibe gerne. Ich liebe das Schreiben. Aber nur für mich und zu meinem eigenen Vergnügen.“ Eine ehemalige Geliebte etwa wusste von zwei fertigen Büchern zu berichten und davon, dass er täglich bis zu 100 Seiten zu Papier bringe. „Ich will alleingelassen werden“, murrte der Eremit 1980 in einem allerletzten, widerspenstigen Zeitungsinterview, „absolut.“ 2010 starb er eines natürlichen Todes als rätselumwobene Legende, laut New York Times berühmt dafür, nicht berühmt sein zu wollen. Nach Salingers Tod gab es Vermutungen, denen zufolge bis zu 15 unveröffentlichte Romane existieren – ein Geheimnis, das Salingers Erben bis heute nicht gelüftet haben. Lange hielt sich auch die Hypothese, er veröffentliche unter dem Pseudonym seines Kollegen Thomas Pynchon.

„so verdammt deprimiert und einsam“

„Ein üblicher Roman würde über einem solchen Stoff verhungern“, rezensierte die Süddeutsche Zeitung 1962 die damals neue Böll-Übersetzung des „Fängers“. „Nicht was er mitzuteilen hat, sondern wie er es mitteilt, das macht seine Geschichte und seinen Fall aus.“ Getrieben von Fantasie, Sehnsucht, unbestechlicher Beobachtungsgabe und von bisweilen gnadenlosem Frust, changierend zwischen Sarkasmus und Selbstmitleid, Selbsthass und Überheblichkeit berichtet ein Schulversager lakonisch, wie er an der Welt zu zerbrechen droht. „Mit ihm sprach endlich jemand aus, was wir dachten – nur besser“, so Philip Meinhold im Spiegel.

Salingers Anti-Held rebelliert gegen Zivilisation, Respektabilität und Langeweile, die Konventionen der Erwachsenen sowieso, gegen alles, was „phony“ (unecht) ist und Holdens Gerechtigkeitssinn widerspricht. Nachdem er bereits von drei Schulen verwiesen worden ist, bekundet er auch in Pencey, einem exklusiven Internat, sein Desinteresse durch mangelhafte Leistungen und soll mit Beginn der Weihnachtsferien ausgeschlossen werden. Er flieht jedoch und treibt sich, hinreichend mit Geld versehen, aus Furcht vor seinen Eltern zwei Tage und zwei Nächte lang in New York herum.

US-Einbände. Quelle: https://d1u4oo4rb13yy8.cloudfront.net/article/38075-riaohdhcpg-1469203755.jpg

US-Einbände. Quelle: https://d1u4oo4rb13yy8.cloudfront.net/article/38075-riaohdhcpg-1469203755.jpg

Trotz weltmännischer Attitüde und Schlagfertigkeit fühlt sich Holden in der nächtlichen Großstadt allerdings recht verlassen. Er besucht Tanzsäle und Bars, streitet sich mit Taxifahrern, betrinkt sich, entgeht eben noch dem Abenteuer mit einer Prostituierten, beobachtet die Aktivität eines ergrauten Transvestiten, wird von einem Liftführer ausgeraubt und gesteht sich ein, das die Erwachsenenwelt ihm eher als ein Alptraum erscheint: „Ich fühlte mich so verdammt deprimiert und einsam.“ Vor allem pädagogischen Domestizierungsbemühungen gilt Holdens Abneigung: „Man braucht nicht allzu sehr nachzudenken, wenn man sich mit einem Lehrer unterhält.“ Und: „Sogar die paar netten Lehrer waren Heuchler.“ Dass er auswandern will und ein neues Leben anfangen möchte, ist da folgerichtig.

Aber was sollte aus jemandem werden, der so konsequent und unbeugsam war? Wie kam er durchs Leben, welchen Beruf wählte er? Holden hatte selbst keinen Schimmer: „Wie soll man denn wissen, was man tun wird, bevor man es wirklich tut?“ Merkwürdig alterslos kommt die Geschichte daher, erzählt von der Suche nach einem Platz in der Welt, von einer „fast rührenden Rebellion“ (Marcel Reich-Ranicki). Zu bewundern ist Holden für seine Kompromisslosigkeit: in seinem Urteil, seinen Träumen, seinem Anspruch an sich und die Welt. Dabei sind die Grundthemen des Romans bis heute aktuell; und diese Aktualität lässt die Alterslosigkeit der Geschichte im Licht der immer gleichen Pubertät erstrahlen: Das mit der Liebe ist nicht leichter geworden, das mit der Schule auch nicht, und das mit der Scheinheiligkeit der Welt erst recht nicht.

„Wir schreiben das Jahr 50 vor Christus. Ganz Gallien ist von den Römern besetzt… Ganz Gallien? Nein! Ein von unbeugsamen Galliern bevölkertes Dorf hört nicht auf, den Eindringlingen Widerstand zu leisten…“ Mit dieser mittlerweile fast legendären Eröffnung startete vor fast 60 Jahren eine der meist gelesenen Comicserien in Europa. Und seit einem halben Jahrhundert, genau seit dem 18. Dezember 1968, erschien „Asterix der Gallier“ im Egmont-Ehapa-Verlag in deutscher Übersetzung – bis heute, da im deutschsprachigen Raum ein Drittel der weltweiten Gesamtauflage von sagenhaften 370 Millionen Alben gekauft, gelesen, verschlungen wurde.

Als verfrühte Jubiläumsausgabe legte der Verlag schon Anfang Oktober eine Ausgabe dieses ersten Asterix-Albums wieder auf – und verschwieg dabei nicht, dass es davor bereits ein deutschsprachiges Kapitel des um Obelix vervollständigten Comics gab. Ein Kapitel, das ein bezeichnendes Licht sowohl auf die Genese des deutsch-französischen Verhältnisses als auch der beginnenden allseitigen politischen Korrektheit in der deutschen Kulturlandschaft wirft. Denn Asterix sollte zunächst ein französischer Comic mit französischen Themen für französische Kinder sein, der, ausgehend von einer Vercingetorix-Parodie, in höchst ironischer Manier einen zentralen Entstehungsmythos Frankreichs aufgriff: Trotz Niederlage habe es nie eine vollständige Kapitulation gegeben.

Asterix und die Goten. Quelle: https://www.asterix.com/bd/albs/03de.jpg

Asterix und die Goten. Quelle: https://www.asterix.com/bd/albs/03de.jpg

Die Gallier jenes kleinen Dorfes kämpften gegen eine nur vermeintlich übermächtige römische Besatzung in verschiedensten Varianten und trafen die Vorväter westeuropäischer Staaten als Angehörige fremder Stämme mit erstaunlich neuzeitlich-nationalen Stereotypisierungen, die aber lediglich zur Ironisierung aktueller Lebensumstände dienten. Folgenlose Gewalt in Form von Prügeleien war als zentrales Slapstick-Element die treibende Kraft der Geschichtsgroteske. Begleitet wurde diese brachiale Völkerverständigung von erstaunlich (selbst-)ironischen Sprachwitzen und lateinischen Sprüchen, die wohl überwiegend dem „Zitatenschatz der französischen Schuljugend“ entsprachen, konstatierte Christine Gundermann in Zeithistorische Forschungen.

Die Starautoren René Goscinny (1926–1977, Texte) und Albert Uderzo (* 1927, Zeichnungen) waren bemüht, eine ausgewogenen Kombination von subtilem bis anspielungsreichem Humor mit grobem Klamauk zu produzieren, um eine breite Leserschaft in vielen Altersgruppen und sozialen Schichten anzusprechen – seit den 1970er-Jahren gar Schulkinder, die mit den Alben Fremdsprachen wie Latein und Altgriechisch lernten, in die die Hefte auch übersetzt wurden. Überliest man die ironischen Sprachwitze von Goscinny, bleibt – im französischen Original – ein offenkundiger französischer Chauvinismus übrig, hinter dem man von deutscher Seite teilweise die verbildlichte und verspätete Rache der französischen Résistance gegen die deutsche Okkupation vermutete und der in „Asterix und die Goten“ (1965) seinen Ausdruck findet.

„kriegslüsterne und herrschsüchtige Neurotiker“

Darin wird thematisiert, wie die Westgoten in Gallien einfallen, den Sieger des jährlichen Druidenwettstreits entführen und mit seiner Hilfe auf Eroberungszug gehen wollen. Im gotischen Kerker schmiedet Wettstreitgewinner Miraculix mit Asterix und Obelix den Plan, einen Bürgerkrieg zu initiieren, damit die Goten für die nächsten Jahrhunderte nicht mehr auf die Idee verfallen, ihre Nachbarn zu überfallen. Die „asterixinischen Kriege“ brechen prompt aus, und die drei Gallier kehren unbehelligt in ihr Dorf zurück, wo man sie schon für tot gehalten hat und ihre Wiederkehr mit der traditionellen Feier unter Sternenhimmel zelebriert.

Die Asterix-Autoren Goscinny und Uderzo. Quelle: https://img.theweek.in/content/dam/week/webworld/feature/society/2017/april/asterix-1.jpg

Die Asterix-Autoren Goscinny und Uderzo. Quelle: https://img.theweek.in/content/dam/week/webworld/feature/society/2017/april/asterix-1.jpg

Diese Episode war die dritte, die als „Siggi und die Ostgoten“ in Deutschland in den „Lupo“-Bänden von Rolf Kauka (1917-2000), dem Verleger von „Fix und Foxi“, in Lizenz erschien: nach „Siggi und die goldene Sichel“ („Die goldene Sichel“) und „Kampf um Rom“ („Asterix als Gladiator“) sowie noch gefolgt von „Siggi der Unverwüstliche“ („Asterix der Gallier“, alle 1965-1966). Deutlich wird bereits an den Titeln, dass der Kauka-Verlag die weltweit sicher stärkste Umdeutung des Originalcomics vornahm. Denn getreu der zeitgenössischen Manier, importiertes Comic-Material einem vorgestellten deutschen Leserhorizont anzupassen, machen die Texter aus den drolligen Galliern wackere Germanen mit Namen Siggi und Babarras, die im rheinischen „Bonnahalla“ den Besatzern in „NATOlien“ tapfer die Stirn bieten, unterstützt von einem „Hexenmeister Konradin“ in Anspielung auf den ersten Kanzler der jungen Bundesrepublik, Konrad Adenauer, zu dem der Druide Miraculix mutiert war.

Die römischen Feinde reden sich übrigens mit „Boys“ an und kommen sprachlich auch sonst recht angloamerikanisch daher: „You forget wohl, dass we are the winner“. Die Kritik an der Bonner Republik war überdeutlich: Kauka sei „deutschnational und stockreaktionär“, so Matthias Heine in der WELT. Im schwierigen Prozess des sprachlichen und kulturellen Transfers einer Übersetzung des Comics wurde durch nationaldeutsche, xenophobe und teilweise antisemitische Interpretationen aus der Eindeutschung eine mitunter witzlose Germanisierung. Über Babarras’ Hinkelstein sagt ­Siggi etwa: „Musst du denn ewig diesen Schuldkomplex mit rumschleppen? Germanien braucht deine Kraft wie nie zuvor.“ Aus dem Hinkelstein war eine Auschwitzkeule geworden.

Zu einer antisemitischen Karikatur wird in Kaukas Fassung von „Die goldene Sichel“ der Schieber und Kneipier Avoranfix: Er nennt ihn Schieberus und macht ihn zum Kollaborateur der Besatzer, durch seine jiddisierende Sprache („No, nemmt se fest“) klar als Jude erkennbar. Da treffen sich die Propaganda vom wuchernden Juden – er verkauft Sicheln zu überhöhten Preisen – und die „Dolchstoß-Legende“: Der jüdische Feind fällt der Nation im eigenen Land in den Rücken. Darüber hinaus enthielten die Übersetzungen kaum verschlüsselte Wertungen gegenwärtiger Verhältnisse. So wurde die DDR als Heimstatt hungernder Sklaven dargestellt. Amerikaner, Franzosen, Engländer, Juden und Russen erschienen als „kriegslüsterne und herrschsüchtige Neurotiker“, so Gundermann.

Asterix und die Ostgoten. Quelle: https://trift.org/wp-content/uploads/2015/11/20151117_diary498_doppelseite-asterix-sigi-goten.jpg

Asterix und die Ostgoten. Quelle: https://trift.org/wp-content/uploads/2015/11/20151117_diary498_doppelseite-asterix-sigi-goten.jpg

In der verfälschenden Kauka-Übersetzung „Siggi und die Ostgoten“ wurden in Anlehnung an die deutsch-deutsche Teilung allzu offensichtlich die Westgoten zu Westdeutschen und die Ostgoten zu Ostdeutschen umgeschrieben: Sie sprachen mit sächsischem Dialekt, redeten sich mit „Genosse“ an und sprachen in ihren Sprechblasen mit roter Antiqua. Goscinny und Uderzo hatten sich ursprünglich für die gotische Schrift, die Fraktur, entschieden, um die Sprache vom Gallischen und Römischen, der Normalschrift Antiqua, abzugrenzen.

Außerdem wurde bei den gotischen Namen aus dem Suffix –ix ein –ik: Cholerik, Holperik, Elektrik, Lyrik, Mickerik, Rhetorik usw. In Anlehnung an die damalige DDR-Nomenklatur hießen ihre Führer und Agenten aber Hulberick (nach Walter Ulbricht), Stooferick (Willy Stoph) oder Benjaminick (Hilde Benjamin). Das Missionsziel von Häuptling Hullberick las sich so: „Mir ham den besten westgot‘schen Druiden zu kaschen und zurück ower die Grenze zu bringen, vorschtand‘n! Mit seinen Kunststückchen muß‘r uns dann bei der Invasion nach Bonnhalla gegen die Kapitalisten helfen.“ Die Übersetzung führte zu einer politischen Debatte und dazu, dass der Comic der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften vorgelegt wurde – ohne Ergebnis.

Schließlich wurden auch Uderzo und Goscinny auf die zu offensichtliche „Germanisierung“ aufmerksam. „Wir kauften uns eine Ausgabe, und dann ist uns der Himmel wirklich auf den Kopf gefallen“, erinnert sich Uderzo. Auf sein und Goscinnys Betreiben kündigte der Verlag den Vertrag mit Kauka, und der Egmont-Verlag erwarb die freigewordenen Rechte. Kauka und seine Redakteure allerdings waren so überzeugt von ihrer Idee, dass sie mit „Fritze Blitz und Dunnerkiel“ eine in der Tendenz ähnliche Nachfolgeserie schufen. So ziehen die Protagonisten in „Der Ochsenkrieg“ gegen „Hulberick“ und die „Ostzonalen“ zu Felde, während in „Der liebe Gott von Gallien“ Revanche an den Landsleuten der ehemaligen Lizenzgeber genommen wird.

Asterix auf Ostdeutsch. Quelle: Screenshot https://www.youtube.com/watch?v=zGHX5CDtbKs

Asterix auf Ostdeutsch. Quelle: Screenshot https://www.youtube.com/watch?v=zGHX5CDtbKs

In seiner 1969 erschienenen Fassung der „Spirou und Fantasio“-Geschichte „QRN ruft Bretzelburg“ machte Kauka aus einem korrupten Operetten-Kleinstaat mit Pickelhaubensoldaten die DDR. Die Hauptstadt heißt „Berlin-O.“. Die Menschen dort tragen Anzüge aus Zeitungspapier und stehen unter der Knute des skrupellosen Marschalls „Iwan Sownjet“, der den sächselnden „Staatsratsvorsitzenden“ von Bretzelburg, im Original ein König, gefangen hält und Krieg gegen „Bonnhalla“ (!) führen will. Das pseudopatriotische Konzept findet sich auch in anderen Serienversuchen dieser Zeit, wie etwa dem Steinzeit-Comic „Die Pichelsteiner“ oder den „Hermann Teutonus“-Episoden. Anklang beim Leser fand es indessen nicht. Es klingt wie traurige Selbstironie: Die endgültig letzte „Fritze Blitz“-Episode trägt den Titel: „Das haut den stärksten Krieger um“.

„Ich muss den Chef fragen“

Der Egmont-Verlag begann ab 1968 mit der Publikation der Asterix-Alben in neuer Übersetzung und publizierte 1970 „Asterix und die Goten“ erstmals als siebten Band der numerisch vom Original abweichenden deutschen Edition. Diese und 28 weitere Egmont-Übersetzungen stammen dann von Gudrun Penndorf, die zuvor „Walt Disney’s Lustige Taschenbücher“ aus dem Italienischen übersetzte, sich von Erika Fuchs, der legendären Donald-Duck-Übersetzerin, anlernen ließ und der der deutsche Asterix seinen Witz verdankt. So machte sie aus dem französischen „Ils sont fous, ces Romain!“ das heute sprichwörtliche „Die spinnen, die Römer!“ – bei Kauka hatte es noch reichlich holprig geheißen: „Uii, die Römer sind doof.“

Gudrun Penndorf. Quelle: https://www.moz.de/fileadmin/_processed_/6/0/csm_1020684465_8b4df1dfb3.jpg

Gudrun Penndorf. Quelle: https://www.moz.de/fileadmin/_processed_/6/0/csm_1020684465_8b4df1dfb3.jpg

Philipp Spreckels hat auf yellowcomic akribisch analysiert, welche Eigenschaften Goscinny und Uderzo beim Volk der Goten zutage treten ließen und wie sie diese mit der deutsch-französischen Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts zusammendachten. So erkennt er eine Autoritätsfixierung vieler Goten, die er als Verweis auf den Führerkult und die Massenpsychologie des Dritten Reiches, aber auch auf die Befehlshörigkeit im Deutschen Kaiserreich deutet. Das Verhältnis der Goten zu Autorität steht damit in krassem Gegensatz zu dem der Gallier, deren Oberhaupt Majestix eher durch Tollpatschigkeit denn Durchsetzungskraft auffällt. Ale Beispiele nennt er die ständigen Jubelrufe der untergebenen Goten für ihren Anführer „Es lebe Rhetorik, unser Chef!!!“ oder die Weigerung eines gotischen Grenzwächters, ausländische Waren ohne Genehmigung seines Vorgesetzten passieren zu lassen: „Nein, nein! Ich muss den Chef fragen.“

Vor dem Hintergrund von Asterix‘ und Obelix‘ üblichen Methoden der Konfliktlösung (Piff! Paff! Bumm! Klatsch!) erscheinen die Goten zunächst ähnlich. Anders sieht es jedoch aus, betrachtet man das langfristige Ziel der Gewaltanwendung: Während sich die Gallier gegen die Belagerung der Römer verteidigen und durchaus auch Freude an einer kleinen Schlägerei haben, wollen die Goten ihr Herrschaftsgebiet dauerhaft erweitern. Das weckt natürlich Erinnerungen an die Eroberungskriege der Deutschen im 19. und 20. Jahrhundert, wenn dann Rhetorik seinen Männern das Ziel ihrer Mission so erklärt: „Es geht uns darum, das wir den besten Druiden von Gallien fangen. Wir bringen ihn über die Grenze. Dann bereiten wir mit Hilfe seiner Zauberkunst die Invasion von Gallien und Rom vor.“

Das disziplinierte, militärische Verhalten der Goten bildet einen Gegenpol zu den individualistischen, undisziplinierten Galliern. Die soldatischen Tugenden, der Drill und die Disziplin der Truppe werden üblicherweise mit dem preußisch-deutschen Militär assoziiert. So wird unter den Goten sich angeschrien, salutiert, marschiert und exerziert, zum Appell geblasen und gemeinsam in der Kaserne Kohl  gegessen. Die Goten werden aber auch physisch von den Galliern abgegrenzt; die Grenze erscheint so, wie man sie aus politischen Karten kennt, und wird auch durch den Straßenbelag illustriert – während auf römischer Seite mit Stein gepflastert wird, was Zivilisation verheißt, geht es in Germanien auf einem unbefestigten Pfad weiter, der für Wildnis steht.

Pickelhauben. Quelle: https://rdl.de/sites/default/files/styles/rdl_big/public/legacy/images/Focus/asterix.jpg?itok=XYSBgHzf

Pickelhauben. Quelle: https://rdl.de/sites/default/files/styles/rdl_big/public/legacy/images/Focus/asterix.jpg?itok=XYSBgHzf

Die Helme der Goten erinnern durch ihre Spitzen an die Pickelhauben des Ersten und durch ihre Form und dunkelgrüne Farbe an die Stahlhelme des Zweiten Weltkrieges. Mit den Galliern haben sie Federschmuck und Hörner gemein. Sonst sind die Goten etwas „barbarischer“ gekleidet: Statt bunter, gallischer Stoffe tragen sie erdfarbene Felle als Hosen und Umhänge. Ihre Schultern und Arme erscheinen stärker behaart als bei den Galliern, und sie haben alle Glatze. In der französischsprachigen Originalversion sind sogar Hakenkreuze in einer Sprechblase und auf einer Flagge zu sehen.

Entsprechend kritisch fällt der Blick André Stolls in seinem Buch „Asterix – Das Trivialepos Frankreichs: Bild- und Sprachartistik eines Besteller-Comics“ (1974) aus. Das in eine „barbarische Antike verlagerte Goten-Panorama“ mit „grotesk überzeichneten Klischees“ entspreche dem Bild, das nach der Abtretung von Elsaß-Lothringen 1871 „mit Unterbrechungen und wechselnden Akzenten von den offiziellen Bildungs- und Informationsmedien verbreitet wurde“.

Während der Name der Engländer, „Bretons“, alte ethnische Gemeinsamkeiten betone, ersetze umgekehrt die Bezeichnung „Goten“ für Deutsche den eher positiven Begriff „Germanen“ („cousins germains“ – „Kinder der Geschwister“). Speziell in den „Kasernenhofszenen“, die Asterix und Obelix kostümiert miterleben, sieht Stoll eine „Allegorie der gerafften Entwicklung des deutschen Militarismus von Bismarck über Hindenburg, Hitler und zu dem Desaster von 1945, das in der Vision einer ‚Schlacht der beiden Besiegten‘ prophetisch seiner Vollendung zugeführt wird.“ Alfred Grosser, einer der intellektuellen Wegbereiter im Vorfeld des Elysée-Vertrags, nennt diese Ausgabe dennoch „ein wichtiges politisches Werk“.

„Brutus Rapidus“, „Kandidatus“ und „Feminax“

Allerdings konnten selbst Penndorfs bis heute wenig gewürdigte Schöpfungen diverse Markenrechtsstreitigkeiten nicht verhindern: Asterix ist nicht nur urheberrechtlich geschützt, sondern die Figuren auch als Marke. Und sobald irgendetwas in Anspielung darauf auf dem deutschen Markt erscheint, wurde sofort abgemahnt und geklagt. Das ging so weit, das man auch gegen die Mobilgeräte-Unix-Website „MobiliX“ aufgrund einer angeblich gegebenen Verwechslungsgefahr mit „Obelix“ klagte und vor dem Oberlandesgericht München Recht bekam. Das ungleich finanzstärkere und damit klageresistentere Telekommunikationsunternehmen Orange A/S, das Mobiltelefone unter dem gleichen Namen anbot, zog dagegen bis vor den EuGH, wo Uderzos Ansprüche schließlich abgewiesen wurden.

ASTERIX in BOMBENSTIMMUNG. Quelle: https://www.picclickimg.com/d/w1600/pict/283158458469_/ASTERIX-in-BOMBENSTIMMUNG-alternativ-comic.jpg

ASTERIX in BOMBENSTIMMUNG. Quelle: https://www.picclickimg.com/d/w1600/pict/283158458469_/ASTERIX-in-BOMBENSTIMMUNG-alternativ-comic.jpg

Trotzdem entstanden vor allem in den 1980er Jahren zahlreiche – heute würde man sagen – „Mashups“, in denen Asterix-Motive bildlich weitgehend unverändert neu kombiniert und mit anderen, häufig politischen Texten versehen wurden. Die bekanntesten dieser Hefte sind neben „Asterix und das Atomkraftwerk“ der Bewegung „Kein AKW in St. Tropez“ aus dem „plutonium“-Verlag, in dem Julius Caesar das gallische Dorf abreißen und einen „Brutus Rapidus“ errichten will, außerdem:

+ „Asterix in Bombenstimmung“, in dem die Friedensbewegung den NATO-Doppelbeschluss der 1980er Jahre aufs Korn nahm;

+ „Asterix im Hüttendorf“ der „Edition Waldgeist“, mit dem gegen den Bau der Startbahn West protestiert werden sollte; oder

+ „Asterix gegen Rechts“ mit „Kandidatus“ Franz-Josef Strauß von den Autoren Demokratix und Interpretix, hinter denen sich die damalige Frankfurter Stadtzeitung „Plasterstrand“ verborgen haben soll.

Ralf Palandt äußerte in einer Studie über diese Mashups die Vermutung, dass sich dieser Comic besonders für solche Zwecke eignete, weil es darin um Widerstand gegen eine Übermacht ging: das gängige Asterix-Narrativ. Anders Richard Herzinger, der bereits 2009 in der Welt eine sehr eigene These entwarf: die Geschichten aus der kleinen, völkischen Dorfgemeinschaft nähmen in trivialisierter Form jenes Ideal von der reinen Rasse auf, das einst nicht nur in Deutschland verbreitet war und nicht erst durch die Nazis in die Welt gekommen ist. Ihre Botschaften riefen in spielerischer Form alte Sehnsüchte wach, die in tiefsten Schichten des europäischen kollektiven Bewusstseins vergraben zu sein schienen, erklärt er unter Verweis auf die Studie „Der arische Mythos“ des französischen Kulturhistorikers Léon Poliakov.

Danach halte die ethnisch homogene Dorfgemeinschaft starr an ihren archaischen Stammesstrukturen fest: „Wissenschaft“ ist dort allein dem Druiden Miraculix vorbehalten, der seine magischen Köcheleien vor der Dorfgemeinschaft streng geheim hält. Handel und Wandel seien auf den Verkauf meist schon unangenehm riechender Fische beschränkt, und als technologisches Spitzenprodukt hat die Stammesgemeinschaft den grob behauenen Hinkelstein zu bieten, von denen sich Obelix zwanghaft niemals trennt. Das könne auch als antiamerikanische Spitze verstanden werden: Das kleine gallische Dorf wirke wie der diametrale Gegenentwurf zu der kosmopolitischen US-Metropole Entenhausen, wo frei laufende, individualisierte Enten mit Auto fahrenden Mäusen und dem Landleben entfremdeten Hühnern und Kühen in bunter ethnischer Vielfalt zusammenleben. „Asterix“ feiere hingegen das putzige Idyll der kleinen Einheit, die sich den Geißeln von Konsum und Fortschritt verweigert – und deshalb bei den Ökopax-Fundamentalisten der 70er- und 80er-Jahre bestens ankäme.

Feminax. Quelle: https://www.tagesspiegel.de/images/8cffb5b4d9/5903786/3-format43.jpg

Feminax. Quelle: https://www.tagesspiegel.de/images/8cffb5b4d9/5903786/3-format43.jpg

Im Zusammenhang damit taucht der Name eines Mannes auf, der es später zu eigener Berühmtheit brachte: Günter Freiherr von Gravenreuth. Der Anwalt war damals in einer von Uderzo beauftragten Kanzlei beschäftigt und ließ „Werkstudenten“ in Kleinanzeigen und mittels Anfragen nach solchen Comics suchen, auf die er mit einer Abmahnung reagierte. Allerdings ging Uderzo auch in Deutschland nicht gegen ausnahmslos jede Adaption vor: Als 1992 im Verlag der Zeitschrift EMMA Franziska Beckers feministische Asterix-Anlehnung „Feminax & Walkürax“ erschien, zog er den Schwanz ein und ließ sie unbehelligt. Die Gründe liegen bis heute im Dunkeln.

Die Bedeutung der Asterix-Comics nach 50 Jahren ist, neben dem Unterhaltungs- und Fremdsprachlern-Effekt, auch in Deutschland kaum gering zu schätzen. Thomas Kramer zeigt für die DDR eindrucksvoll, wie Szenengestaltungen, Zeichenstile und -techniken in die populäre DDR-Comicserie „Mosaik“ eingeflossen sind; auch die sprachliche Ähnlichkeit der Hauptprotagonisten „Abrax, Brabax, Califax“ mit Asterix, Obelix und Miraculix gibt er zu bedenken. Und Grosser hat einmal gesagt: „In Frankreich herrscht eine tief verwurzelte Sportfeindlichkeit. Schlau ist, wer schmächtig wirkt – und dumm, wer stark ist.“ Asterix und Obelix beweisen das: Was Kraftprotz Obelix nicht erreicht, schafft Kerlchen Asterix mit List und Tücke. Das Geheimnis des Erfolgs ist das Anderssein, nicht der Mainstream. Dieses Geheimnis und der siegreiche Kampf der wenigen Kleinen gegen die vielen Großen: das macht die Faszination der ungleichen Kumpels aus – über alle nationalen Grenzen hinweg.

Die umstrittenste Adaption des Stoffs „Jud Süß“ geht nicht auf Lion Feuchtwangers Roman zurück: Nach dem Studium noch vorhandener Drehbuchfassungen ist davon auszugehen, dass die Grundlage des Films von 1940 die gleichnamige Novelle von Wilhelm Hauff war. Regisseur Veit Harlan hat zeitlebens bestritten, Feuchtwangers Version des Stoffs gekannt zu haben. Des Autors Verdacht, der Film basiere auf seinem Roman, mag daher rühren, dass sieben Schauspieler schon in dem gleichnamigen Theaterstück auf der Bühne gestanden hatten. Und die schrieb er in einem offenen Brief 1941 persönlich an: „Sie haben, meine Herren, aus meinem Roman ‚Jud Süß‘ mit Hinzufügung von ein bißchen ‚Tosca‘ einen wüst antisemitischen Hetzfilm im Sinne Streichers und seines ‚Stürmers‘ gemacht“. Anzuschreiben gegen antisemitische Hetze war das Lebensthema Feuchtwangers, der zu den meistgelesenen deutschsprachigen Autoren des 20. Jahrhunderts zählte und vor 60 Jahren starb.

Hauff's Text. Quelle: https://media1.jpc.de/image/w600/front/0/9783861998211.jpg

Hauff's Text. Quelle: https://media1.jpc.de/image/w600/front/0/9783861998211.jpg

Der älteste Sohn des Münchner jüdisch-orthodoxen Margarinefabrikanten Sigmund Feuchtwanger galt als schüchtern, aber fleißig und begabt und wurde meist fünf Uhr morgens von einem Privatlehrer in der hebräischen Bibel und dem aramäischen Talmud unterwiesen, bevor er in die Schule ging. Nach dem Abitur 1903 studiert er Geschichte, Philosophie und Deutsche Philologie in München und Berlin und verbringt mit der pedantischen Mutter sowie den acht Geschwistern die Ferien in Starnberg oder Kochel. 1907 promovierte er über Heinrich Heine, lehnt eine Habilitation aufgrund der Beschränkungen für Juden ab – die können an einer bayerischen Universität nicht ordentlicher Professor werden – und beginnt stattdessen schreibend zu experimentieren.

Zwischen 1906 und 1910 schrieb er mit „Kleine Dramen“ sechs Theaterstücke, mit „Der Fetisch“ ein Schauspiel sowie mit „Der tönerne Gott“ einen Roman und kreierte daneben mit „Der Spiegel“ sein eigenes Kulturmagazin, das später mit der von Siegfried Jacobsohn herausgegebenen Zeitschrift „Die Schaubühne“ fusionierte. In allen – relativ unbeachtet bleibenden – Texten kommt eine ästhetische Antibürgerlichkeit zum Ausdruck, die in der Münchner Bohème verbreitet war: „Magarinebarönchen“ verspottete ihn die Münchner Post.

„Ob unter all diesem Wust ein poetischer Kern sich birgt?“, notiert Feuchtwanger unsicher in seinem Tagebuch am 11. Januar 1906. „Merkwürdig, dass ich die unschönen Züge so vieler Dichter in mir vereine: die knabenhafte Verlegenheit Grillparzers, die Koketterie und Zerrissenheit Heines, die Eitelkeit Schlegels, die lioness und Haltlosigkeit Wildes, die Selbstzerfaserung Hebbels mit einem Stich ins Affektierte…“ Er schreibt viel für wenig Geld, da er, nicht zuletzt wegen seiner Spielleidenschaft, oft in finanziellen Nöten steckt. Zudem muss er seit 1910 für die jüdische Kaufmannstochter Marta Löffler sorgen, die er 1912, bereits schwanger, heiratete. Die Tochter starb wenige Monate nach einer schweren Geburt während der Hochzeitsreise in Italien an Typhus. Es sollte das einzige Kind des Paares bleiben.

Feuchtwanger und Brecht. Quelle: https://www.wienerzeitung.at/_em_daten/147962/_/1x6C6mNvhD5UXMunvHO6oDeZ4Ob7_BAJNt6Mi5E4gPGxqAejcnzHSM2QZc0e77Ynxo2qmacLOzCYS1iSk36S0m4UiKgv220xHD53SbzX-wB3c/140708-1656-948-0960-147242.jpg

Feuchtwanger und Brecht. Quelle: https://www.wienerzeitung.at/_em_daten/147962/_/1x6C6mNvhD5UXMunvHO6oDeZ4Ob7_BAJNt6Mi5E4gPGxqAejcnzHSM2QZc0e77Ynxo2qmacLOzCYS1iSk36S0m4UiKgv220xHD53SbzX-wB3c/140708-1656-948-0960-147242.jpg

Den ersten Weltkrieg erlebt Feuchtwanger zuerst als Ersatzreservist und dann wegen diverser Gebrechen, darunter starker Kurzsichtigkeit, als wehruntauglich. Er schreibt weiter, schließt Bekanntschaft mit Bertolt Brecht und Arnold Zweig. Die streit- und fruchtbare Freundschaft zu Brecht hielt den Rest seines Lebens an, mehrere gemeinsame Stücke gingen daraus hervor.

„nicht wegnehmen konnte er mir meinen bayerischen Dialekt“

Feuchtwanger spezialisiert sich auf die Rolle progressiver Intellektueller in einer zumal jüdisch geprägten Geschichte. Aus gutem Grund: 1555 wurden die Feuchtwangers aus jenem mittelfränkischen Städtchen verjagt, dessen Namen sie tragen. Bereits 1920 antizipierte er in dem satirischen Text „Gespräche mit dem Ewigen Juden“ hellsichtig die Gefahren durch die NSDAP: „Türme von hebräischen Büchern verbrannten, und Scheiterhaufen waren aufgerichtet, hoch bis in die Wolken, und Menschen verkohlten, zahllose…“ Eine seiner Schwestern sollte 1942 in Theresienstadt ermordet werden.

Mitte der zwanziger Jahre verbessert sich seine materielle Lage, denn er ist aufgrund zweier Romane bereits auf dem Weg zum Weltruhm. Der erste erschien 1923 unter dem Titel „Die häßliche Herzogin Margarete Maultasch“ – gemeint ist die Gräfin Margarete von Tirol-Görz, die im 14. Jahrhundert lebte und auf grausame Weise zu erlangen sucht, was der Schönheit von selbst zufällt: Macht und Liebe. Der zweite war geplant als Drama um den ermordeten deutschen Außenminister Walter Rathenau. Entstanden ist ein auf wahren Begebenheiten fußender Roman um den halb vergessenen „Hofjuden“ Süß Oppenheimer, der um 1700 zum Berater des württembergischen Herzogs aufsteigt und nach Irrungen und Intrigen zum Tode verurteilt wird. Der Text stößt zwei Jahre lang auf Desinteresse und erscheint 1925 schließlich in einem Theaterverlag. Für den englischen Literaturpapst Arnold Bennett „Book of the Year“, wurde er wenig später ein Bestseller, der in 15 Sprachen eine Auflage von drei Millionen erreicht.

Aus der judenfeindlichen Atmosphäre Münchens ziehen die Feuchtwangers 1925 weg ins liberalere Berlin. Hier nutzt er den Abstand zur Heimat, um den Zeit- und Schlüsselroman „Erfolg“ zu schreiben: ein leicht erkennbares Porträt Hitlers mitsamt der satirischen Abhandlung des Hitler-Ludendorff-Putschs von 1923, verkleidet in der Figur Rupert Kutzners: „Schwieg … Kutzner, so gaben die dünnen Lippen mit dem winzigen, dunklen Schnurrbart und das pomadig gescheitelte Haar über dem fast hinterkopflosen Schädel dem Gesicht eine maskenhafte Leere“. Entstanden ist ein grandioses Sittenbild Oberbayerns und seiner Hauptstadt, in dem von Brecht über Ganghofer bis Valentin alle Zeitgrößen einen Auftritt erhalten und das ihn 1930 auf die Vorschlagsliste für den Nobelpreis gelangen ließ.

Ende 1932 brach Feuchtwanger, der sich als Hindenburg-Wähler zu erkennen gab, zu Vorträgen nach London und in die USA auf – und kam nie mehr nach Deutschland zurück, denn er galt den Nationalsozialisten als einer ihrer intellektuellen Hauptgegner. „Chaplin ist hingerissen von meinen Ideen über einen Hitlerfilm“, notiert er am 11. Januar 1933 nach einem gemeinsamen Lunch in Los Angeles. Nach der Machtergreifung wird er aus dem „Schutzverband Deutscher Schriftsteller“ ausgeschlossen. Seine Bücher werden verboten und verbrannt, sein Name taucht in der am 25. August 1933 im Deutschen Reichsanzeiger veröffentlichten ersten Ausbürgerungsliste auf.

Feuchtwanger und Stalin. Quelle: https://www.akg-images.de/Docs/AKG/Media/TR5/0/9/5/4/AKG3962756.jpg

Feuchtwanger und Stalin. Quelle: https://www.akg-images.de/Docs/AKG/Media/TR5/0/9/5/4/AKG3962756.jpg

„Hitler hat mir das Bürgerrecht weggenommen, doch nicht wegnehmen konnte er mir meinen bayerischen Dialekt“, so Feuchtwanger in Amerika, als er von seiner Ausbürgerung und der Beschlagnahmung seines Vermögens erfährt. Das besteht nicht nur aus der neuen Villa in Berlin-Grunewald, die ein SA-Trupp auf der vergeblichen Suche nach dem Besitzer verwüstet; da sind auch die stattlichen Konten beim Bankhaus J. L. (Jakob Löw) Feuchtwanger in der Münchner Dienerstraße. Eine literarische Frucht dieser Phase war die laut Klaus Mann „wirkungsvollste, meistgelesene Darstellung der deutschen Kalamität“: Der Roman „Die Geschwister Oppermann“ (1933).

Kosmopolitismus als prägendes Element

Die erste Station seines Exils war Sanary-sur-Mer, das Zentrum der deutschen literarischen Emigration in Frankreich, wo er sich aktiv daran beteiligt, die antifaschistische Volksfront zu organisieren. Es sind vor allem diese Erfahrungen von der inneren Zerrissen- und Zerstrittenheit der deutschen Emigration, die in den Roman „Exil“ (1939) eingehen. Er bildet mit den „Geschwistern Oppermann“ und „Erfolg“ die „Wartesaal-Trilogie“: Feuchtwangers Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus, die noch um die Satire „Der falsche Nero“ (1936) ergänzt wurde.

Parallel begann er die „Josephus-Trilogie“, bestehend aus den drei historischen Romanen „Der jüdische Krieg“ (1932), „Die Söhne“ (1935) und „Der Tag wird kommen“ (1942). Sie widmen sich chronologisch dem Leben und Wirken des antiken Geschichtsschreibers Flavius Josephus, der vor allem durch die „Geschichte des jüdischen Krieges“ sowie die 20 Bücher „Jüdische Altertümer“ bekannt wurde. Er kann sich weder für die jüdische noch die römische Kultur entscheiden und versucht vergeblich, einen Ausgleich zwischen den Kulturen herbeizuführen. Dieser Kosmopolitismus sollte, verbunden mit einer Absage an jüdischen Nationalismus ebenso wie an den Historischen Materialismus von Marx, ein prägendes Element von Feuchtwangers Wirken sein.

Spätestens mit diesen Werken ist der Münchner in der Weltliteratur angekommen: „Nearly like Feuchtwanger“ war, sehr zum Missvergnügen Thomas Manns, seit 1929 Nobelpreisträger, die größte Auszeichnung, die die internationale Kritik damals einem deutschsprachigen Autor verleihen konnte. Die sehr hohen Auflagen seiner Bücher im angelsächsischen Sprachraum sicherten dem ständig zwischen Bestseller und Kunstwerk changierenden Vielschreiber ein gutes Auskommen: Marcel Reich-Ranicki bezeichnet Feuchtwangers Sprache als „bisweilen eindringlich und zugleich aufdringlich“.

1936/37 ereignete sich dann eine biographische Episode, die Feuchtwangers Rezeption in Ost und West nach 1945 entscheidend beeinflusste: Enttäuscht von den Demokratien des Westens, die für ihn entschiedener gegen das nationalsozialistische Regime Front machen müssten, ließ er sich mit editorischen Versprechungen in die UdSSR einladen, auf die er seine politischen Hoffnungen setzte. So sollten einige seiner Werke verfilmt sowie eine vierzehnbändige Werkausgabe gedruckt werden. Begleitet von seiner Geliebten, wohnte er zwei Schauprozessen bei und wurde von Stalin empfangen.

Resultat der Reise war das unkritisch-lobpreisende Buch „Moskau 1937“, das anfangs zu Hunderttausenden auf Russisch gedruckt wurde, bei deutschsprachigen Exilschriftstellern wie Arnold Zweig oder Franz Werfel aber auf Empörung stieß. Klaus Mann spricht gar von einer „reinen Stalin-Ode“ angesichts von Sätzen wie „War Lenin der Cäsar der Sowjet-Union gewesen, so wurde Stalin zu ihrem Augustus …“. Sein Biograph Wilhelm von Sternburg nimmt Feuchtwanger in der Frankfurter Rundschau in Schutz: „Auch die Demokraten Roosevelt, Churchill oder de Gaulle paktierten mit dem Teufel aus Moskau, um den deutschen Satan zu besiegen.“

Hitler und Hanussen. Quelle: https://segundaguerra.net/o-nazismo-e-o-ocultismo-parte-2/

Hitler und Hanussen. Quelle: https://segundaguerra.net/o-nazismo-e-o-ocultismo-parte-2/

Obwohl in antisemitischen Kampagnen nach 1945 die Bücher Feuchtwangers bis zum politischen Tauwetter nach 1956 sogar aus sowjetischen Bibliotheken verbannt wurden, ließ sich Feuchtwanger selbst nach der Geheimrede Chruschtschows über Stalins Verbrechen nicht von seinen Lobpreisungen des sowjetische Regimes abbringen. Als „jüdischer Kommunist“ war er seither bei vielen verschrien – zu Unrecht, erklärt Sabine Dutz im Merkur: „…dazu ist er viel zu sehr Luxus gewohnter Großbürger. Eher ließe er sich als ‚linker Optimist‘ einstufen, der sein Judentum nie aus den Augen verliert und der seine Leser auf kapitalistischer wie sozialistischer Seite findet.“

In den USA

1940 wurde Feuchtwanger in das Internierungslager Les Milles in Frankreich eingewiesen und später in ein provisorisches Zeltlager nahe Nîmes verlegt. In Frauenkleidern und unter abenteuerlichen Umständen gelangte er mit Hilfe von Angestellten des amerikanischen Konsulats in Marseille gerade noch rechtzeitig aus dem Lager heraus und über Spanien und Portugal mit seiner Frau nach Kalifornien, wo er die “Villa Autora” in Pacific Palisades kauft, die er bis zu seinem Tod 1958 bewohnt und in der sein Alterswerk entstand. Sie dient seit 1995 als Künstlerresidenz und „deutsches Kulturdenkmal des Exils“.

Ein erster Höhepunkt ist der Zeitroman „Die Brüder Lautensack“ (1943), in dem wie schon in „Erfolg“ mehrere Figuren erkennbar historischen Personen nachgebildet sind und der die Geschichte des eitlen Telepathen und Hellsehers Oskar Lautensack erzählt. Der wird nach rasantem Aufstieg zum Berater Hitlers und sieht während einer Sitzung mit dem SA-Stabschef, der deutlich an Ernst Röhm erinnert, den Reichstagsbrand voraus. Als er sich zwischen seinen privaten Interessen und den Erwartungen der politischen Machthaber verzettelt, wird er auf Geheiß von höchster Stelle ermordet – wie auch Erik Jan Hanussen, ein Okkultist, dessen Lebensgeschichte dem Text zugrunde liegt.

Villa Aurora in Pacific Palisades. Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Villa_Aurora#/media/File:Villa_Aurora_11_14_01.JPG

Villa Aurora in Pacific Palisades. Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Villa_Aurora#/media/File:Villa_Aurora_11_14_01.JPG

Feuchtwanger begründete dann 1944 den Aurora-Verlag in New York mit, um deutschen Exil-Autoren in den USA eine neue publizistische Heimat zu schaffen. Bis 1947 werden 12 Werke veröffentlicht, darunter von Brecht, Bloch, Döblin und Seghers sowie sein eigener Roman „Venedig“ (1946). Neben „Waffen für Amerika“ (1948) vollendete er, zweiter Höhepunkt, die „Revolutions-Trilogie“ mit „Goya oder der arge Weg der Erkenntnis“ (1951), „Die Jüdin von Toledo“ (1955) sowie „Jefta und ihre Töchter“ (1957).

Im selben Jahr erkrankte er an Magenkrebs und starb nach mehreren Operationen Ende 1958 an inneren Blutungen. Marta überlebte ihn um knapp drei Jahrzehnte und stiftete zum Andenken an ihren Mann den Lion-Feuchtwanger-Preis für historische Prosa, der von 1971 an jährlich aus Anlass von Feuchtwangers Geburtstag am 7. Juli von der Akademie der Künste der DDR verliehen wurde. Seit den 90er Jahren wird der mit 7500 € dotierte Preis von einer dreiköpfigen Jury unregelmäßig vergeben.

„dass man irgendwo plötzlich nicht so erwünscht ist“

Bezeichnend für Feuchtwangers fast lebenslange Flucht und die ihn auf diesen Weg zwingenden Umstände war die Tatsache, dass er die Länder, in denen er sich aufhielt, nie wirklich als sein zu Hause bezeichnen durfte. Nach 1945 wurde er als Linksintellektueller von den US-Behörden der McCarthy-Ära ständig und kritisch beobachtet und sein Telefon abgehört. Wegen des Verdachts auf unamerikanische Umtriebe erhielt er nie die Staatsbürgerschaft der USA.

In der DDR dagegen wurde er 1950 nach Heinrich Mann zweiter Träger des Nationalpreises 1. Klasse für Kunst und Literatur und als Antifaschist sowie wegen seiner Sympathien für den Kommunismus in Ehren gehalten: das Land habe „ein mehr erdrückendes denn herzliches ‚Er ist unser‘ um den Autor geschlungen“, erklärt Klaus Modick im SPIEGEL. Bei aller Sympathie hatte Feuchtwanger aber stets Distanz zum Sozialismus als Staatsform gehalten, besonders zum sozialistischen Realismus als Kunstform.

Goya-Version der DEFA mit Donatas Banionis. Quelle: http://media.kika-dresden.de/filmbilder_gross/1867/Goya_2.jpg

Goya-Version der DEFA mit Donatas Banionis. Quelle: http://media.kika-dresden.de/filmbilder_gross/1867/Goya_2.jpg

In der Bundesrepublik wiederum galt Feuchtwanger lange als persona non grata und war für die lesende Öffentlichkeit praktisch nicht existent. Auch das Verhältnis seiner Heimatstadt München zu ihm bleibt kompliziert, obwohl sie ihm 1957 ihren Literaturpreis verleiht, was Oskar Maria Graf brieflich so kommentiert: „Endlich scheint dieses Münchner Volk, das Sie in Ihrem ,Erfolg‘ so großartig präzis geschildert haben, einen Lichtblick gehabt zu haben.“

In beiden deutschen Staaten aber wurden seine Stoffe gern verfilmt. Schon 1972 gelang DDR-Regisseur Konrad Wolf mit „Goya“ ein bemerkenswerter Wurf und überraschte Egon Monk 1982 mit seinem viel gelobten ZDF-Zweiteiler „Die Geschwister Oppermann“. Gleich dreimal durfte „Exil“ herhalten: Der von der DEFA unter anderem mit Horst Schulze und Rolf Hoppe verfilmte Roman feierte 1973 seine DDR-Fernsehpremiere. Knapp 20 Jahre später dreht Franz Seitz junior mit Bruno Ganz und Mathieu Carrière eine mit dem Bayrischen Filmpreis prämierte Westversion.

Egon Günther. Quelle: https://m.pnn.de/images/heprodimagesfotos96220120330egonguenther-jpg/21853238/2-format11.jpg

Egon Günther. Quelle: https://m.pnn.de/images/heprodimagesfotos96220120330egonguenther-jpg/21853238/2-format11.jpg

Dazwischen liegt die Fassung von Egon Günther: Er lieferte nach seinem Weggang aus der DDR 1980 für die Bavaria in München eine mit Klaus Löwitsch und Vadim Glowna famos besetzte Verfilmung in sieben Teilen. Seinen Antrieb beschrieb Günther, der seinen DDR-Pass nie abgab, später so: „Diese Emigration, die da geschildert wird, gilt noch, immer wieder. Mich betrifft sie insofern auch, als ich hier in einer Art unscharfem Exil lebe. Es gibt immer noch das Exil, es gibt immer noch das Gefühl, dass man irgendwo plötzlich nicht so erwünscht ist und man annimmt, man lebt woanders leichter oder besser.“ Unbehaustheit als Thema, das vor Religionen oder Systemen nicht Halt macht: wie viele deutsche Intellektuelle im 20. Jahrhundert hat das auch Feuchtwanger unfreiwillig bestätigt.

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