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Herzlich willkommen!

Als Dozent informiere ich Sie auf meiner Webpräsenz über meine Aktivitäten rings um die hochschulische Ausbildung angehender Medienmacher.

Als Mensch lasse ich Sie gern an meinen freizeitlichen Aktivitäten teilhaben, zu denen nicht zuletzt Kochen gehört ;-)

Als Bildungsbürger kommentiere/rezensiere ich außerdem vielerlei kulturelle Phänomene – vom Roman über den Musikergeburtstag bis zum Regisseurstod.

Und als (Ex-)Journalist blogge ich daneben unregelmäßig Betrachtungen zu Interessantem und Wissenswertem nicht nur aus der Welt der Medien.

Warum gerade Betrachtungen?

Ich empfinde dieses Genre – eine Meinungsdarstellungsform übrigens – als eins der zeitgemäßen schlechthin.

Eine Betrachtung soll durch Beschreibungen und Schilderungen, Vergleiche und Annäherungen bis hin zur Analyse einem Ereignis, einer Situation, einem Gegenstand oder auch einem (gesellschafts-) politischen Problem Individualität verleihen: Recherche darf in gewissem Maße substitutiert werden durch Subjektivität.

Die Betrachtung ist durchaus mit derselben eines Kunstwerks in einer Ausstellung vergleichbar: man wählt zunächst die Gesamtschau und wechselt dann zu einzelnen Aspekten.

Dabei ist dem Genre eigen, dass die Prioritäten dieser Aspekte oft im Vagen bleiben: aus der Betrachtung erwächst ein Gedanke, der das formale Ziel darstellt.

Der Gegenstand darf dabei Randerscheinung eines größeren Zusammenhangs bleiben: “die Bedeutung des Unbeachteten birgt den Kern ihrer Aussage” (Degen 2004).

Viel Spass beim Lesen – und natürlich beim Kommentieren!

Er sagt: „Ich war kein Nazi, aber auch kein Kämpfer gegen die Nazis.“ Er sagt: „Ich bin aus tiefster Seele Philosemit.“ Er sagt: „Ich wäre erledigt gewesen, wenn ich mich geweigert hätte.“ Die Zeit: Frühjahr 1949. Der Ort: das Hamburger Schwurgericht. Der Angeklagte: Veit Harlan. Als einziger Künstler aus der NS-Zeit wird er „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ beschuldigt. Er denkt und redet wie viele andere Nachkriegsdeutsche auch – und hat doch den antisemitischen Hetzfilm „Jud Süß“ gedreht. Der bis zuletzt umstrittene Regisseur wurde vor 70 Jahren freigesprochen.

Geboren am 22. September 1899 als Sohn des Bühnenschriftstellers Walter Harlan in Berlin, wuchs er mit sechs Geschwistern in einer kulturaffinen Familie auf. Die Tochter seines jüngeren Bruders Fritz heiratete US-Kultregisseur Stanley Kubrick („Odyssee im Weltraum“). Nach einer Silberschmiedlehre und Schauspielunterricht am Seminar von Max Reinhardt steht Harlan zum ersten Mal 1915 auf der Bühne. Nach dem Ersten Weltkrieg, den er als Kriegsfreiwilliger an der Westfront verbrachte, und einem Schauspiel-Volontariat an der Berliner Volksbühne sammelte er Provinzerfahrungen, darunter am Landestheater Meiningen, und übernahm erste Rollen im Film. 1922 heiratete er die jüdische Sängerin Dora Gerson, von der er sich bereits nach zwei Jahren scheiden ließ und die 1943 einen hilfesuchenden Bittbrief an ihn schrieb, bevor sie im KZ Auschwitz-Birkenau ermordet wurde. Den beantwortete er nicht, benutzte Dora später aber als Argument gegen den Vorwurf, Antisemit zu sein.

Körber mit den drei Kindern. Quelle: https://encrypted-tbn0.gstatic.com/images?q=tbn:ANd9GcRbMwA3g3PB76GKvQr3XU7wlS4NbdE7L1pyfHpCTrfC9hCAe0kmRw

Körber mit den drei Kindern. Quelle: https://encrypted-tbn0.gstatic.com/images?q=tbn:ANd9GcRbMwA3g3PB76GKvQr3XU7wlS4NbdE7L1pyfHpCTrfC9hCAe0kmRw

1929 heiratete er in zweiter Ehe die Schauspielerin Hilde Körber, mit der er bis zur Scheidung neun Jahre später drei Kinder hatte. Im März 1933 bekannte sich Harlan in einem Interview mit dem Völkischen Beobachter zur Politik der Nationalsozialisten. Nach seinem erfolgreichen Debüt als Regisseur mit „Krach im Hinterhaus“ wechselt er ganz ins Filmgeschäft und sorgt 1937 mit der Verfilmung von Tolstois „Kreutzersonate“ für einen Kassenerfolg. Sein Film „Jugend“ ist das Deutschlanddebüt der schwedischen Schauspielerin Kristina Söderbaum, die seine Geliebte und 1939 seine dritte Frau wird und künftig in fast allen seinen Filmen auftritt. Sie beging so viele Leinwandsuizide in Mooren oder Seen, dass sie der Volksmund „Reichswasserleiche“ nannte.  Mit ihr hat er zwei weitere Kinder.

„im Dienste unserer geistigen Kriegführung“

Nach der mit dem „Nationalen Filmpreis“ ausgezeichneten propagandistischen Hauptmann-Adaption „Der Herrscher“ wird Joseph Goebbels auf Harlan aufmerksam; er erhält den Auftrag für „Jud Süß“. Der kommt im September 1940 in die deutschen Kinos, wo er 20 Millionen Zuschauer fand und noch einmal 20 Millionen in Europa. Er gilt heute als „Film zur Endlösung“, denn die vom realen Schicksal des Joseph Süß Oppenheimer inspirierte Geschichte hatte einzig das Ziel, Antisemitismus zu fördern und zu stärken, damit die Demütigungen, die Deportationen und die industrielle Vernichtung der jüdischen Bevölkerung ungestört weiterlaufen konnten.

1942 glorifiziert Harlan mit dem monumentalen Heldenepos „Der große König“ über Friedrich II. Patriotismus, Pflichterfüllung und nationale Opferbereitschaft. Im selben Jahr gelingt ihm mit dem Blut-und-Boden-Melodram „Die goldene Stadt“ ein weiterer Kassenschlager. Seitdem durfte er seine Filme im teuren und aufwendigen Agfacolor drehen, das bis Kriegsende nur für Propaganda- und militärische Zwecke verfügbar war, was seinen Status unterstreicht. 1943 erhielt Harlan zum 25-jährigen Ufa-Jubiläum den Professorentitel.

Szene Jud Süß. Quelle: https://www.swp.de/imgs/07/6/9/4/0/7/2/6/tok_22ae0990ff46d9d57da543fb307958fa/w819_h461_x409_y220_d7306f15931ebfd7.jpg

Szene Jud Süß. Quelle: https://www.swp.de/imgs/07/6/9/4/0/7/2/6/tok_22ae0990ff46d9d57da543fb307958fa/w819_h461_x409_y220_d7306f15931ebfd7.jpg

Nach der Storm-Verfilmung „Immensee“ und dem Melodram „Opfergang“ dreht Harlan den Durchhaltefilm „Kolberg“ mit einem dringenden Appell, den Kampf bis zum Ende zu führen. Dieser Film ist mit 8,5 Millionen Reichsmark Kosten der bis dahin teuerste der deutschen Filmgeschichte. „Ich ermächtige Sie, alle Dienststellen von Wehrmacht, Staat und Partei, soweit erforderlich, um ihre Hilfe und Unterstützung zu bitten und sich dabei darauf zu berufen, dass der hiermit von mir angeordnete Film im Dienste unserer geistigen Kriegführung steht“, schreibt Goebbels dem Regisseur, der einen gigantischen Menschen- und Materialaufwand betreibt. Er ist der letzte Film, der mit dem Prädikat „Film der Nation“ ausgezeichnet wurde, und gehört heute wie „Jud Süß“ und „Der Herrscher“ zu den sog. „Vorbehaltsfilmen“, die nur unter strengen Auflagen der Murnau-Stiftung gezeigt werden dürfen.

„Ich freue mich darüber“

Als er sich nach Kriegsende in Richtung Hamburg absetzte, erhielt er eine sogenannte Unbedenklichkeitserklärung und wurde als „politisch unbelastet“ eingestuft. Das blieb nicht lange verborgen. Auf Antrag der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN) wurde Harlan nach dem Kontrollratsgesetz Nr. 10 der „Beihilfe zur Verfolgung“ angeklagt. Ihm wird vorgeworfen, durch „Jud Süss“ als psychologischer Wegbereiter des Holocaust gewirkt zu haben und somit eine Mitschuld an der Judenvernichtung zu tragen. Den Einsatzkommandos in Osteuropa wurde vor ihren Erschießungsaktionen der Kinostreifen ebenso vorgeführt wie den Wachmannschaften der SS in den Konzentrations- und Vernichtungslagern.

Der reale Oppenheimer war Opfer eines Justizmordes im 18. Jahrhundert. Ihm gelang der Aufstieg vom Kaufmann aus dem jüdischen Ghetto zum engsten Finanzberater des Herzogs Karl Alexander von Württemberg. Als der starb, wurde sein Finanzier unter falschen Anschuldigungen vor Gericht gestellt. Die Anklage lautete unter anderem Hochverrat, Schändung der protestantischen Religion und Vergewaltigung einer 14-Jährigen. 1738 wurde Oppenheimer zum Tode verurteilt und gehenkt, sein Leichnam sechs Jahre lang in einem Käfig zur Schau gestellt.

Oppenheimers Galgen. Quelle: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/b/bb/Joseph_S%C3%BC%C3%9F_Oppenheimer_-_Baeck_II.jpg

Nach dem Studium noch vorhandener Drehbuchfassungen ist davon auszugehen, dass die Grundlage des Films von 1940 die gleichnamige Novelle von Wilhelm Hauff war – Harlan hat zeitlebens bestritten, Lion Feuchtwangers Version des Stoffs gekannt zu haben. Dessen Verdacht, der Film basiere auf seinem Roman, mag daher rühren, dass sieben Schauspieler schon in dem gleichnamigen Theaterstück auf der Bühne gestanden hatten. Und die schrieb er in einem offenen Brief 1941 persönlich an: „Sie haben, meine Herren, aus meinem Roman ‚Jud Süß‘ mit Hinzufügung von ein bisschen ‚Tosca‘ einen wüst antisemitischen Hetzfilm im Sinne Streichers und seines ‚Stürmers‘ gemacht“.

Der handwerklich hervorragend gestaltete Streifen spielt virtuos mit kollektiven Ressentiments und verbotenen Gelüsten und bündelt alle Klischees, die Juden seit Jahrhunderten angehaftet wurden. Wenn das Licht wieder anging im Saal, waren die Gesichter vieler Zuschauer hassverzerrt. In manchen Städten kam es nach Vorstellungen zu anti-jüdischen Ausschreitungen. Beim Auschwitz-Prozess schilderten KZ-Überlebende, wie nach der Vorführung Hunde auf Gefangene gehetzt wurden. „Ein ganz großer, genialer Wurf. Ein antisemitischer Film, wie wir ihn uns nur wünschen können. Ich freue mich darüber“, schrieb Goebbels in seinem Tagebuch.

Der aber habe ihn gezwungen, quasi zwangsverpflichtet, den Film zu drehen, behauptet Harlan. Es gelang ihm, sich als unpolitischen Künstler darzustellen: „Meine Partei ist die Kunst.“ Für große Teile der Bevölkerung wurde er zur Symbolfigur. Zeugen, die gegen Harlan aussagten, wurden als „Judensau“ und „Kommunistenschwein“ beleidigt. Vor Gericht betonte Harlan, er sei nur untergeordnet tätig gewesen und habe die endgültige Schnittfassung nicht verantwortet. Er hielt sich im Sinne der Anklage, die ihm die Gesamtverantwortung unterstellt, für nicht schuldig.

Hamburg, Veit Harlan nach Prozess. Quelle: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/0/04/Bundesarchiv_Bild_183-R76220%2C_Hamburg%2C_Veit_Harlan_nach_Prozess.jpg

Hamburg, Veit Harlan nach Prozess. Quelle: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/0/04/Bundesarchiv_Bild_183-R76220%2C_Hamburg%2C_Veit_Harlan_nach_Prozess.jpg

Nach 52 Tagen und zahllosen Zeugenvernehmungen wurde am 23. April 1949 das Urteil verkündet und den Belastungszeugen das Belastende abgesprochen. Im Falle des Kronzeugen Norbert Wollheim etwa, dem Vorsitzenden der jüdischen Gemeinde der britischen Zone, hieß es: „Die Angst der Juden vor dem Film ist lediglich auf die aufreizende Reklame zurückzuführen, nicht aber auf den Film selbst, dessen so milde Form die Juden als eine Erleichterung empfunden haben“, so der Vorsitzende Richter Walter Tyrolf in seiner Begründung für Harlans Freispruch. Eine strafrechtlich relevante Kausalität zwischen Film und Völkermord sei nicht beweisbar. Harlan-Anhänger tragen ihn auf den Schultern aus dem Gerichtssaal.

„Man hat alles auf ihn geschoben“

Die Staatsanwaltschaft ging in Revision. Der Oberste Gerichtshof für die Britische Zone in Köln hob das Urteil auf. In einem weiteren Prozess vor dem Landgericht Hamburg führte Harlan aus, dass seine Weigerung, den Film zu machen, ihn in eine bedrohliche Lage gebracht hätte. Das Gericht folgte dieser Argumentation, erklärte gar einen „Befehlsnotstand“  und sprach Harlan am 29. April 1950 erneut frei. Richter Walter Tyrolf war während der NS-Zeit Staatsanwalt am Sondergericht Hamburg und hatte in mehreren Bagatellfällen wie leichtem Diebstahl und „Rassenschande“ für die Todesstrafe plädiert, die auch vollstreckt wurde. Auch er hatte nach dem Krieg eine Unbedenklichkeitserklärung erhalten und wurde unter anderem Vorsitzender Richter im Hamburger Euthanasieprozeß, der fast zeitgleich zum Harlan-Verfahren lief.

Harlan war keineswegs der dämonische Verbrecher, für den ihn Teile der Öffentlichkeit hielten. Und er war nie Mitglied der NSDAP, obwohl er sich zum Nationalsozialismus bekannt hatte. „Nach dem damaligen Kontrollratsgesetz hätte man Harlan verurteilen müssen“, sagt der Hamburger Filmkritiker und Staatsanwalt Dietrich Kuhlbrodt 1999 dem Hamburger Abendblatt, „wobei eine ganz große Ungerechtigkeit darin besteht, dass man ihn sich alleine rausgesucht hat. Der Prozess war – rückblickend gesehen – eine Alibiveranstaltung. Man hat alles auf ihn geschoben.“ „Die Welt ist rund. Eines Tages wird meine Frau wieder auf der Leinwand sein und ich neben der Kamera“, erklärt Harlan damals und behielt Recht.

Propaganda gegen Harlan. Quelle: https://heise.cloudimg.io/width/454/q30.png-lossy-30.webp-lossy-30.foil1/_www-heise-de_/tp/imgs/89/1/9/3/4/6/1/0/cc08665719c829f5.jpg

Propaganda gegen Harlan. Quelle: https://heise.cloudimg.io/width/454/q30.png-lossy-30.webp-lossy-30.foil1/_www-heise-de_/tp/imgs/89/1/9/3/4/6/1/0/cc08665719c829f5.jpg

Ein letztes Mal flackerte die juristische Diskussion 1951 auf. Als ihm mit „Unsterbliche Geliebte“ nach Theodor Storm sein Nachkriegs-Comeback als Regisseur gelingt, forderte der Hamburger Senatsdirektor Erich Lüth das deutsche Publikum auf, den Film zu boykottieren. In zwei Gerichtsverfahren wurde der Boykottaufruf als „sittenwidrig“ eingestuft, weswegen Zivilgerichte Unterlassungsverfügungen erließen. Während dieser Prozesse erklärte Harlan, dass „jede Art von Antisemitismus vom kulturellen, religiösen und moralischen Standpunkt abzulehnen“ sei. Gegen diese Gerichtsentscheide legte Lüth Verfassungsbeschwerde beim Bundesverfassungsgericht ein, das die Entscheidungen der Vorinstanzen in einer vielbeachteten und -zitierten Grundsatzentscheidung aufhob, dem später so genannten Lüth-Urteil, das die Meinungsfreiheit stärkt.

Harlan dreht dann noch mehrere Filme mit seiner Frau in den Hauptrollen, u.a. „Die blaue Stunde“ (1952), „Verrat an Deutschland“ (1954) oder „Das dritte Geschlecht“ (1957, auch „Anders als du und ich“). Dieser Film behandelte Probleme der Homosexualität und stieß nicht nur in Deutschland, sondern vor allem in der Schweiz, wo seit dem Krieg noch kein Harlan-Film aufgeführt worden war, laufend auf Proteste; 1962 wurde er dort endgültig verboten. Am 13. April 1964 stirbt Veit Harlan während eines Urlaubs auf Capri an einer Lungenentzündung und wird dort auch begraben.

Harlan mit Sohn. Quelle: https://www.wochenanzeiger.de/images/redaktion/grosseversion/107672.jpg

Harlan mit Sohn. Quelle: https://www.wochenanzeiger.de/images/redaktion/grosseversion/107672.jpg

Schuld gesteht Harlan öffentlich nie ein. Auf dem Totenbett soll ihm sein Sohn Thomas, selbst Regisseur, ein Schuldgeständnis abgerungen haben. Er wird zum schärfsten Kritiker des Vaters und zeigt an dessen Beispiel, wohin in einer Diktatur Besessenheit, Karrierismus sowie menschenfeindlicher Ehrgeiz führen können, und nennt es Verantwortung der Geschichte gegenüber. Den Namen „Harlan“ trägt er wie ein Stigma – im Gegensatz zu anderen Verwandten wie etwa seine Schwester Maria. Die rund 70 Kino- und Fernsehrollen verkörpernde Schauspielerin legte auf Anraten ihrer Agentin den Familiennamen des Vaters ab und nahm den der Mutter „Körber“ an. Begraben ließ sie sich 2018 in Berlin unter dem Namen Kerzel – so hieß ihr zweiter Ehemann.

Der Regisseur Géza von Cziffra behauptete in seiner Autobiografie „Kauf dir einen bunten Luftballon“ elf Jahre nach Harlans Tod, dass für die Regie von „Jud Süß“ ursprünglich der Produktionschef der Terra-Film, Peter Paul Brauer, vorgesehen gewesen sei, der unter anderem Kollegen wie Heinz Rühmann wegen Kontakten zu Juden denunziert hatte. Doch Harlan habe durch Interventionen im Propagandaministerium erfolgreich dafür gekämpft, den Film inszenieren zu können. Der Beweis, dass diese Behauptung eine Falschaussage ist, steht bis heute aus.

Die Rechtsprechung müsse auf der fortschrittlichen Wissenschaft des Leninismus-Stalinismus basieren und parteilich-klassenkämpferisch sein. Was ein Verbrechen sei, habe nicht mehr eine formale Gesetzesvorschrift zu bestimmen: Entscheidend sei allein, ob eine Handlung „gesellschaftsgefährlich“ ist. Für solche Aussagen, die einem heute noch – oder vielmehr wieder – das Blut gefrieren lassen, erhielt sie 1952 von der Ostberliner Humboldt-Universität die Würde eines „Ehrendoktors der Rechte“, da sie „besondere Leistungen bei der Fortentwicklung des neuen demokratischen Strafrechts“ vollbracht habe: Hilde Benjamin, damals Vizepräsidentin des Obersten Gerichts und später nicht nur erste Justizministerin der DDR, sondern weltweit. Sie starb am 18. April vor 30 Jahren in Berlin.

Geboren wurde Helene Marie Hildegard Lange 140 Kilometer südwestlich davon, am 5. Februar 1902 in Bernburg als Älteste von drei Kindern. Der Vater, ein kaufmännischer Angestellter, sympathisierte mit den Ideen der Freimaurer, die Mutter war eine selbstbewusste und gebildete Hausfrau. Schwester Ruth war Kugelstoß-Weltrekordlerin und wurde 1927 Deutsche Meisterin, Bruder Heinz Ingenieur in der DDR. Prägte ihr evangelisches Elternhaus ihre Vorlieben für Literatur und Musik, prägte Berlin, wohin die Familie 1908 zog, ihre politische Entwicklung: „Die Novemberrevolution erlebte ich bereits bewusst und stand gefühlsmäßig auf der Seite der Arbeiter. … Von entscheidender Bedeutung wurde die Ermordung von Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg, … und ich begann, mich immer aktiver für die politische Entwicklung zu interessieren und Partei zu ergreifen“, erinnert sie sich.

Benjamin als junge Anwältin. Quelle: https://www.mdr.de/zeitreise/gmd_benjamin100-resimage_v-variantBig24x9_w-960.jpg?version=42228

Benjamin als junge Anwältin. Quelle: https://www.mdr.de/zeitreise/gmd_benjamin100-resimage_v-variantBig24x9_w-960.jpg?version=42228

Mit 19 Jahren machte Hilde Lange Abitur und studierte als eine der ersten Frauen von 1921 bis 1924 Jura in Berlin, Heidelberg und Hamburg. Ihr Assessor-Examen folgte 1927, eine Dissertation blieb unvollendet. Außerdem lernte sie die russische Sprache. Sie heiratete 1926 den Arzt und Kommunisten Dr. Georg Benjamin, Bruder des berühmten Philosophen und Essayisten Walter Benjamin, ein wohlhabender jüdischer Kaufmannssohn, der sieben Jahre älter und wie sie von der Wandervogelbewegung beeinflusst war. Bis zur Heirat SPD-Mitglied, trat sie nun in die KPD ein, engagierte sich in der Roten Hilfe und als Lehrerin in der Marxistischen Abendschule.

„In dieser kurzen, glücklichen Zeit“

1929 eröffnete Hilde Benjamin ihre Kanzlei und trat im Jahr darauf erstmals in einem spektakulären Strafprozess in Berlin-Moabit auf: Horst Wessel („Die Fahne hoch, die Reihen fest geschlossen…“) war von Rotfrontkämpfern angeschossen worden und gestorben. Die Vossische Zeitung schrieb: „Bemerkenswert war das Auftreten eines weiblichen Verteidigers, nämlich Frl. Dr. Benjamin in diesem Prozess (weder Fräulein noch Doktortitel stimmen – T.S.). In interessanter Beweisführung plädierte sie für ihre Klienten auf Freispruch.“ Sie verteidigte fast nur Arbeiter und kleine Angestellte.

Benjamin mit Sohn. Quelle: https://cdn.mdr.de/zeitreise/gmd_benjamin102_v-variantBig16x9_w-576_zc-915c23fa.jpg?version=32226

Benjamin mit Sohn. Quelle: https://cdn.mdr.de/zeitreise/gmd_benjamin102_v-variantBig16x9_w-576_zc-915c23fa.jpg?version=32226

Nachdem ihr erstes Kind 1931 kurz nach der Geburt gestorben war, kam Ende 1932 Sohn Michael zur Welt. In ihrer Biographie über Georg Benjamin heißt es: „In dieser kurzen, glücklichen Zeit nach der Geburt von Mischa tauchte … schattenhaft der Wunsch auf: vier Kinder.“ Benjamin wurde direkt nach dem Reichstagsbrand ins KZ Sonnenburg „in Schutzhaft“ genommen und zu Weihnachten vorerst entlassen. Ihr selbst wurde die Anwaltszulassung entzogen. Das Dokument war – bittere Ironie der Geschichte – von Roland Freisler unterzeichnet, dem später berüchtigten Präsidenten des Volksgerichtshofs, mit dem sie in Zeiten des Kalten Kriegs manchmal als „weiblicher Freisler“ verglichen wurde. 1936 wurde Georg Benjamin wegen Hochverrat zu sechs Jahren Zuchthaus verurteilt.

Bis 1939 konnte sie als juristische Beraterin der Sowjetischen Handelsgesellschaft in Berlin arbeiten, danach wurde sie bis Kriegsende als Angestellte in der Konfektionsindustrie dienstverpflichtet. Ihr Schwager Walter Benjamin beging 1940 auf der Flucht vor der Gestapo an der französisch-spanischen Grenze Suizid. 1942 kommt ihr Mann im KZ Mauthausen ums Leben; „Selbstmord durch Berühren der Starkstromleitung“ hieß es offiziell. Ihr Sohn durfte als „Halbjude“ seit 1942 nicht mehr die höhere Schule besuchen. Hilde Benjamin unterrichtete ihn selbst und unterstützte in dieser Zeit bedrohte jüdische Freunde, darunter die später nach Auschwitz deportierte Lyrikerin Gertrud Kolmar. Sie vergrub Kolmars Gedichte und veröffentlichte sie 1977 unter dem Titel „Das Wort der Stummen“.

den „parteilichen Richter“ schaffen

Das zweite Leben der Hilde Benjamin begann am 12. Mai 1945 mit dem Auftrag des sowjetischen Kommandanten, das Gericht in Steglitz-Lichterfelde neu zu organisieren: „Nun begann das, wofür wir die vergangenen zwölf Jahre gekämpft, worauf wir uns die letzten Monate innerlich vorbereitet hatten,“ hieß es in ihren Erinnerungen. Bis heute wird gerätselt, ob es Rachsucht oder politischer Fanatismus war, der sie nach dem Krieg den Spieß einfach umdrehen ließ. Vor allem setzte sie sich für die Säuberung der Justiz von ehemaligen Nationalsozialisten ein: 80 % des Justizpersonals wurden entlassen. Eine vergleichbare Entlassungswelle in der Justiz hatte es noch nie in der deutschen Geschichte und auch nie wieder danach gegeben.

Prozeß gegen Spione der "Freiheitlichen Juristen" in der DDR. Quelle: http://www.taz.de/picture/2728590/948/Bundesarchiv_Bild_183-15600-0005__Prozess_gegen_Spione_der_.jpeg

Prozeß gegen Spione der "Freiheitlichen Juristen" in der DDR. Quelle: http://www.taz.de/picture/2728590/948/Bundesarchiv_Bild_183-15600-0005__Prozess_gegen_Spione_der_.jpeg

Hilde Benjamin versuchte die gewaltige Personallücke anfangs mit „Richtern im Soforteinsatz“, später mit „Volksrichtern“ zu schließen, hämisch „Galoppjuristen“ genannt. In Schnellkursen von anfangs sechs und zuletzt 18 Monaten wurden antifaschistisch gesinnte Menschen, meist SED-Mitglieder, ohne Abitur bis in die fünfziger Jahre in der DDR zum Richter ausgebildet und später zum Aufbaustudium verpflichtet. Hilde Benjamin wandte sich radikal gegen die bürgerliche Vorstellung vom „unpolitischen Richter“ und wollte einen neuen Richtertyp schaffen: den „parteilichen Richter“, der die „Dialektik von Parteilichkeit und Gesetzlichkeit“ verstanden hatte.

Mit Gründung der DDR – Hilde Benjamin war Mitglied der SED und der Volkskammer, hatte auch den Demokratischen Frauenbund mitgegründet und wurde 1949 Vizepräsidentin des Obersten Gerichts der DDR – wurde jedoch nicht sie Justizministerin, sondern Max Fechner. Als Vorsitzende des 1. Strafsenats von 1949 -1953 führte sie 13 große Verfahren wie den Bernburger Solvay-Prozess und sprach 67 Verurteilungen aus, darunter zwei Todesurteile, 15 Mal lebenslänglich und insgesamt ca. 550 Jahre Zuchthaus. Bei den Waldheimer Prozessen war sie beratend beteiligt: 3324 Angeklagte wurden damals wegen kriegs- bzw. nationalsozialistischer Verbrechen eingesperrt.

Verurteilt wurden politische Gegner anderer Parteien, Abenteurer und Kriminelle, wie sie der Kalte Krieg zwischen Ost und West hervorgebrachte, enteignete Industrielle, aber auch Mitglieder der Zeugen Jehovas, unliebsame Genossen aus den eigenen Reihen und Jugendliche, die sich den Neuanfang nach dem Untergang des 3. Reichs anders vorgestellt hatten. Allerdings haftet der Empörung über die Todesurteile gegen Johann Burianek und Wolfgang Kaiser bis heute ein G’schmäckle an: beide waren Mitglieder der „Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit“ (KgU), eine CIA-finanzierte, militante antikommunistische Organisation, die von West-Berlin aus den Widerstand gegen die SED-Diktatur unterstützte und Sabotageakte durchführte, wobei sie ihrerseits auch zivile Opfer in Kauf nahm.

Benjamins Verhöre waren demütigend: „Eine Woge von Hass kam über den Richtertisch“, zitiert ihre Biographin Marianne Brentzel eine junge Angeklagte. Sie begründete ihre Härte mit der Notwendigkeit, die DDR zu schützen. „Wahrscheinlich hätte ein Mann an ihrem Platz nicht diese negative Berühmtheit erlangt. Eine Frau auf dem Richterstuhl scheint in der öffentlichen Meinung ungleich heftiger be- und verurteilt zu werden“, mutmaßt Brentzel. Seitdem Drohbriefen und Anrufen ausgesetzt, bekam sie einen zweiköpfigen Personenschutz zugeordnet.

Ulbricht ernennt Benjamin. Quelle: https://www.journalistenwatch.com/wp-content/uploads/2018/05/Hilde-Benjamin-678x381.jpg

Ulbricht ernennt Benjamin. Quelle: https://www.journalistenwatch.com/wp-content/uploads/2018/05/Hilde-Benjamin-678x381.jpg

Die Ereignisse des 17. Juni 1953 brachten dann den Karrieresprung. Als Minister Fechner, ein sozialdemokratischer Werkzeugmacher, das „Streikrecht“ für verfassungsgemäß erklärt hatte, wurde er beim Rapport im Politbüro am 14. Juli als „Feind der Partei“ verhaftet und seiner Funktion enthoben, später gar zu acht Jahren Zuchthaus verurteilt. Die Ernennungsurkunde für den „Minister der Justiz Hilde Benjamin“ lag schon bereit. Obwohl sie lebenslang Mitglied des Zentralkomitees blieb, hat sie weitere Machtpositionen in der SED nie errungen: Das tiefsitzende Misstrauen der proletarischen Führungsspitze gegenüber einer bürgerlichen Intellektuellen stand wohl immer dagegen. Sie blieb auch in Pankow wohnen, als die oberste Spitze der SED sich in Wandlitz ihr Prominentenghetto schuf.

„Es hätte sie umgebracht“

Die Ministerjahre Hilde Benjamins waren von zwei widersprüchlichen Tendenzen gekennzeichnet. Einerseits repräsentierte sie weiterhin einen harten Kurs gegenüber allen „Feinden des Sozialismus“, unrühmliche Höhepunkte waren der Prozess um den Verleger Walter Janka sowie die Jagd auf Oppositionelle nach dem 13. August 1961. Ruchlos waren die drei Justizmorde an Erna Dorn, Manfred Smolka und Ernst Jennrich, die sie als Ministerin angeordnet hat. Infolge einer zweiten, von Chruschtschow im Oktober 1961 angestoßenen Entstalinisierungswelle wurde sie von Walter Ulbricht prompt „fortschrittsfeindlicher Umtriebe“ bezichtigt. Trotz „prinzipieller Korrekturen“ gebe es in der DDR-Justiz „noch immer Erscheinungen des Dogmatismus“. Benjamin wehrte sich und warnte, der Verzicht auf stalinistische Rechtspraktiken werde dem westlichen Klassenfeind Tür und Tor öffnen. Mit der Auslagerung wesentlicher Kompetenzen aus ihrem Ministerium begann damals ihre schrittweise Entmachtung.

Andererseits arbeitete sie an Reformwerken wie dem Familiengesetzbuch, das für die DDR-Bürger teilweise positive, gesellschaftliche Weichen stellten. Nachdem 1965 ein Entwurf in Millionenauflage verteilt wurde, kamen 23 737 Änderungsvorschläge im Ministerium an, im endgültigen Gesetzestext waren 230 davon berücksichtigt. Das Gesetz brachte Jahre vor vergleichbaren Veränderungen in Westdeutschland ein neues Namensrecht, die weitere rechtliche Gleichstellung außerehelicher Kinder und die Verankerung des Rechts auf Scheidung. Für die Förderung der Berufstätigkeit der Frauen wurde sie sogar in Westdeutschland gewürdigt.

Hilde Benjamins Rede zum Familiengesetz sollte ihr letzter großer Auftritt als Ministerin vor der Volkskammer sein. 1966 wurde der Stasi bekannt, dass sie Mitglied eines „lesbischen Kreises“ war. Das Jahr 1967 begann mit der Verleihung des Ordens „Held der Arbeit“ zu ihrem 65. Geburtstag – „Zweimal bekam sie den Karl-Marx-Orden sowie viele andere Auszeichnungen. Kaltgestellt mit Ordensblech und Ehrentiteln“, kommentierte Brentzel. Denn nach der Volkskammerwahl im Juli wurde Hilde Benjamin unerwartet und gegen ihren Willen von einem LDPD-Politiker abgelöst: Offiziell aus „gesundheitlichen Gründen“ und zur Verjüngung des Ministerrats.

Benjamin mit Jugendlichen. Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Hilde_Benjamin#/media/File:Bundesarchiv_Bild_183-50156-0006,_Steinpleis,_Jugendweihe,_Hilde_Benjamin.jpg

Benjamin mit Jugendlichen. Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Hilde_Benjamin#/media/File:Bundesarchiv_Bild_183-50156-0006,_Steinpleis,_Jugendweihe,_Hilde_Benjamin.jpg

Zu ihrer Genugtuung wurde ihr die Leitung der Gesetzgebungskommission nicht aus der Hand genommen, in der sie maßgeblich mit der Anpassung des Gerichtsverfassungsgesetzes, des Jugendgerichtsgesetzes und der Strafprozessordnung an eine kommunistisch orientierte Rechtslehre befasst war. Die Gesetzesneufassungen beseitigen unter anderem die Unabsetzbarkeit der Richter sowie die Unmittelbarkeit der Beweisaufnahme. Das neue Strafgesetz befreit zwar in Teilen von überkommenen Moralvorstellungen u.a. beim alten § 175 und dem Abtreibungsverbot, leitete aber im politischen Strafrecht eine weitere Verschärfung ein und hielt an der Todesstrafe fest.

Im selben Jahr übernahm sie den für sie geschaffenen Lehrstuhl „Geschichte der Rechtspflege“ an der Deutschen Akademie für Staats- und Rechtswissenschaft in Potsdam, den sie bis zu ihrem Tod innehatte. Sie erarbeitete eine dreibändige „Geschichte der Rechtspflege der DDR“ und schrieb die Biographie ihres Mannes. Als sie wenige Monate vor dem endgültigen Untergang der DDR an den Folgen eines Beinbruchs 87jährig starb, war sie keine sanft gewordene, weise Mutterfigur ihres Staates, sondern immer noch dessen Furie. „Hilde Benjamin und die DDR waren einander ähnlich geworden“, so Brentzel. Ihre Starrheit und Unbelehrbarkeit entsprachen der Erstarrung des gesamten Systems des realen Sozialismus. Ihr Sohn, befragt, wie sie mit dem Ende ihres Lebenswerkes umgegangen wäre, antwortete: „Es hätte sie umgebracht“.

„Mörderinnen keine Ehre!“

Brentzel würdigte sie 1997 zwar als Vorkämpferin für die Rechte der Frauen, kritisierte aber, dass ihr Umgang mit der Macht kein Vorbild für Frauen in Ost und West wurde: „Eher kann man sie als ‚negative Lehrmeisterin‘ ansehen.“ 21 Jahre später hat sich dieses Image gewandelt: Der schwarz-grün regierte Bezirk Steglitz-Zehlendorf legte die Broschüre „Starke Frauen 1945 – 1990“ auf, in der Hilde Benjamin neben unter anderem Verfassungsrichterin Jutta Limbach (SPD) gewürdigt wird. Die Broschüre war im Auftrag des Jobcenters von einem Verein „YOPIC“ (Young People for International Cooperation e.V.) als freier Träger erstellt sowie mit offiziellem Bezirkslogo und einem Vorwort des Stadtrats für Gleichstellung, Michael Karnetzki (SPD), versehen worden.

Screenshot der Broschüre. Quelle: https://bilder.t-online.de/b/83/78/29/90/id_83782990/tid_da/screenshot-der-ersten-seite-des-artikels-ueber-hilde-benjamin-in-der-broschuere-starke-frauen-die-broschuere-wurde-inzwischen-zurueckgezogen-.jpg

Screenshot der Broschüre. Quelle: https://bilder.t-online.de/b/83/78/29/90/id_83782990/tid_da/screenshot-der-ersten-seite-des-artikels-ueber-hilde-benjamin-in-der-broschuere-starke-frauen-die-broschuere-wurde-inzwischen-zurueckgezogen-.jpg

Die Vereinschefin  Doris Habermann rechtfertigte das in der taz: „Menschen sind nicht nur schwarz und weiß. Wir haben ihre Taten ja nicht verheimlicht. Wir wollten ihre wichtige Arbeit für die Gleichberechtigung deshalb aber nicht vernachlässigen“. Auf die Frage, ob die Würdigung einer Frau, die Todesurteile gesprochen habe, nicht Grenzen überschreite, sagte Habermann: „Manche mögen das so sehen, aber das ist dann eine subjektive Einschätzung. Unserer Meinung nach sind Menschen auch für ihre positiven Eigenschaften zu würdigen. Benjamins Einsatz für die Gleichberechtigung zählt für uns dazu“. Hubertus Knabe, jüngst geschasster Leiter der Stasiopfer-Gedenkstätte in Berlin-Hohenschönhausen, machte in den sozialen Medien schon früh auf den Vorfall aufmerksam und bezeichnete ihn auf t-online.de als „bewusste Verklärung einer führenden Stalinistin.“ Erst auf den CDU-Dringlichkeitsantrag „Mörderinnen keine Ehre!“ hin wurde die Broschüre zurückgezogen.

Entsetzlich daran ist, dass es unter dem Label der „Gleichberechtigung“ eigentlich um „Gleichstellung“ und damit um ein Genderthema geht, wie u.a. weitere Projekte Habermanns beweisen, darunter „Fit in KMU“, das „mit konsequenter Nutzung moderner Informations- und Kommunikationstechnologien durch Frauen Wettbewerbsvorteile für die brandenburgische Wirtschaft“ schaffen will, um das „brachliegende weibliche Technik-Potenzial“ zu aktivieren. Aber dass es zwischen den Ideen heutiger Genderisten und einstiger Totalitaristen keinen Unterschied mehr gibt, konstatierte jüngst erst Heike Diefenbach auf sciencefiles: sie seien „Gemeinsame im Geist, vereint in ihrem Hass auf die Errungenschaften des Liberalismus und in ihrem Hass auf die Freiheit des Einzelnen, dessen Unabhängigkeit von dem, was sie für die richtige Gemeinschaft halten“. Die Würdigung Benjamins beweist das auf unerträgliche Weise.

Als CDU und AfD die Mecklenburger Punkrocker von „Feine Sahne Fischfilet“ als linksextremistisch kritisierten und „rechte“ Gruppen Proteste ankündigten, sagte die Bauhaus-Direktorin Claudia Perren das zdf@bauhaus-Konzert mit der Band zum 6. November 2018 ab: Das Bauhaus solle nicht zum Austragungsort politischer Agitation und Aggression werden. Prompt wurden politisch und medial Parallelen zur Bauhaus-Geschichte gezogen: Nach nur 14 Jahren Existenz wurde die Institution von den Nationalsozialisten durch Repressalien wie Hausdurchsuchungen, Versiegelung der Räume und Verhaftung von Studenten zur Selbstauflösung gezwungen. Vor 100 Jahren war sie gegründet worden.

Am 1. April 1919 unterzeichnete Walter Gropius, Mitbegründer der modernen Architektur, den Vertrag, mit dem die Großherzoglich-Sächsische Kunstschule Weimar mit der 1907 von Henry van de Velde gegründeten Großherzoglich-Sächsischen Kunstgewerbeschule fusionierte. Er richtete ein Dutzend Werkstätten ein und holte Künstler wie Johannes Itten, Lyonel Feininger oder Marianne Brandt. Seine Vision war die interdisziplinäre Zusammenführung von Kunst und Handwerk in der Tradition einer Dombauhütte als Werkstattverband: „Architekten, Bildhauer, Maler, wir alle müssen zum Handwerk zurück“, schrieb er in seinem Bauhausmanifest 1919, „der Künstler ist eine Steigerung des Handwerkers.“

Bauhaus Weimar. Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Bauhaus#/media/File:Bauhaus_weimar.jpg

Bauhaus Weimar. Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Bauhaus#/media/File:Bauhaus_weimar.jpg

Ein zentrales Ziel war eine enge Kooperation zwischen Kunst, Industrie und Wissenschaft, um neue ästhetische Prinzipien für die Massenherstellung von Gebrauchsgegenständen nutzbar zu machen. Zudem griff Gropius auch Ansätze des Deutschen Werkbundes und des Expressionismus auf: Schlichte Formen, neue Materialien und kunstvolles Handwerk. Dabei wurde die Idee entwickelt, dass ein Gegenstand zugleich einfach, schön, funktional und für alle zugänglich sein kann – eine Auffassung von Design, die heute allgegenwärtig ist. Als führendes intellektuelles und kreatives Zentrum des Modernismus legte das Bauhaus die Grundlagen des modernen Designs und wurde zur bedeutendsten Kunstschule des 20. Jahrhunderts.

Meister des Handwerks, Meister der Form

Ebenso wichtig wie neuartig war das kunstpädagogische Konzept, das eine sechsmonatige Vorlehre, eine dreijährige handwerkliche Werklehre in den Bereichen Metall, Weberei, Keramik, Möbel, Typographie oder Wandmalerei und eine abschließende künstlerische Ausbildung als Baulehre vorsah. Dabei blieb den Frauen die Weberei vorbehalten; nur wenige Studentinnen wie die Holzbildhauerin Alma Siedhoff-Buscher konnten diesen heute diskriminierend wirkenden Stereotyp durchbrechen.

Als Abschluss wurde ein Meisterbrief der Handwerkskammer und bei besonderer Begabung auch des Bauhauses vergeben. Einige der Schüler des Bauhauses arbeiteten nach ihrer Berufsausbildung als Meister am Bauhaus weiter. Die Bauhauslehrer im Bereich von Handwerk und Kunst waren der Idee nach als „Meister des Handwerks“ und „Meister der Form“ einander gleichgestellt, was sich in der Praxis indes nie ganz durchhalten ließ.

Bauhauslehrer, darunter Gropius, Klee, Feininger, Kandinsky und Schlemmer. Quelle: https://www.deutschlandfunkkultur.de/media/thumbs/f/fd1ece8e8d4a058b9d3aaa5ac66eb87av1_max_635x357_b3535db83dc50e27c1bb1392364c95a2.jpg?key=9731bc

Bauhauslehrer, darunter Gropius, Klee, Feininger, Kandinsky und Schlemmer. Quelle: https://www.deutschlandfunkkultur.de/media/thumbs/f/fd1ece8e8d4a058b9d3aaa5ac66eb87av1_max_635x357_b3535db83dc50e27c1bb1392364c95a2.jpg?key=9731bc

Allerdings galten die Lehrer und Schüler, selbst die Bewunderer des Bauhauses als „links“ und „internationalistisch“, weshalb es politisch rechte Kräfte ablehnten. Als sich die Machtverhältnisse nach der Landtagswahl in Thüringen im Februar 1924 geändert hatten und die Regierung unter Richard Leutheußer (DVP) den Etat um 50 % kürzte, boten sich andere Städte als neue Standorte an. Darunter war auch der Kölner Oberbürgermeister Konrad Adenauer, der dann aber lieber die Kölner Werkschulen gründete.

Als in Dessau der Flugzeugbauer Hugo Junkers eine Förderung anbot, folgte 1925 der Umzug und 1926 die Einweihung  des neuen, von Gropius entworfene Bauhausgebäudes mit seinem vollständig verglasten Werkstattflügel sowie der „Meisterhäuser“, in denen konsequent und mustergültig die entwickelten Vorstellungen von Wohnen und Arbeiten vereint waren. In dieser Zeit begann auch die Herausgabe der Buchreihe „Bauhausbücher“ sowie der vierteljährlichen Zeitschrift „bauhaus“, mit denen die neuen künstlerischen Konzepte rasch verbreitet werden konnten.

1927 wurden die sogenannten „freien Malklassen“ eingeführt, in denen Paul Klee und Wassily Kandinsky unterrichteten. Klee verfasste in seiner Zeit am Bauhaus das „Pädagogische Skizzenbuch“, Kandinsky seine bedeutendste kunsttheoretische Schrift „Von Punkt und Linie zur Fläche“. In der Bühnen-Abteilung werden unter Oskar Schlemmer neue Bühnenbilder und Darstellungsformen des Theaters entworfen. Ebenfalls seit diesem Jahr gab es eine Architekturabteilung, doch erst unter Ludwig Mies van der Rohe war ein reines Architekturstudium möglich, das der Disziplin zum Durchbruch in der Moderne verhalf.

"Villa Tugendhat" von van der Rohe. Quelle: https://architekten-scout.com/wordpress/wp-content/uploads/2015/06/640px-Villa_Tugendhat-20070429.jpeg

"Villa Tugendhat" von van der Rohe. Quelle: https://architekten-scout.com/wordpress/wp-content/uploads/2015/06/640px-Villa_Tugendhat-20070429.jpeg

Die Architekten des Bauhauses führten neue Baustoffe wie Stahl, Glas und Beton ein, ließen die ersten industrialisierten Wohnungsbauten für Menschen, auch aus ärmeren sozialen Schichten, entstehen. Bis heute wird das Bauhaus beschuldigt, mit seinem „Reduktionismus“ sogenannte „Arbeiterwohnregale“, Plattenbauten und Vorort-Tristesse erst ermöglicht zu haben: Der Chefplaner von Berlin-Gropiusstadt oder Halle-Neustadt, Richard Paulick, begann seine Architekten-Laufbahn am Bauhaus in Dessau. Die „Weißenhofsiedlung“ in Stuttgart von 1927 dagegen gilt bis heute als Paradebeispiel der „eigentlichen“ Bauhaus-Architektur und wurde 2016 UNESCO-Welterbe.

Handwerk vor der Industrialisierung retten

Dominierten bis etwa 1925 bildende Kunst und Kunsthandwerk, war danach eine zunehmende funktionalistische Ausrichtung und eine Stärkung des Industriedesigns zu beobachten. Es entstehen Prototypen zahlreicher Möbel und Gebrauchsgegenstände, die mit der Gründung der „Bauhaus GmbH“ 1925 auch in die industrielle Massenproduktion gehen können. Unter dem Leitgedanken „Volksbedarf statt Luxusbedarf“ entstanden Gegenstände für die künftige Gesellschaft – allerdings erst seit der Übernahme des Direktorenamts durch den Schweizer Architekten Hannes Meyer: Gropius war 1928 zurückgetreten.

Mart Stams Freischwingerstuhl. Quelle: https://www.timelessclassics.net/img/artikel/stam_freischwinger_011.jpg

Mart Stams Freischwingerstuhl. Quelle: https://www.timelessclassics.net/img/artikel/stam_freischwinger_011.jpg

Danach folgte der rasche Niedergang: Der Linkssozialist Meyer wurde bereits am 1. August 1930 durch den Oberbürgermeister von Dessau fristlos entlassen und durch Mies van der Rohe ersetzt. Als die NSDAP 1932 die Schließung des Bauhauses durchsetzte,  versuchte van der Rohe es durch einen Umzug in eine stillgelegte Telefonfabrik in Berlin als private Einrichtung fortzuführen, was rasch scheiterte. Kaum bekannt ist, dass einer der Chefarchitekten von Auschwitz, Fritz Ertl, Bauhausschüler war.

Viele Bauhausmitglieder emigrierten vor allem in die USA und trugen so zur internationalen Verbreitung der Ideen des Bauhauses bei. Als Professoren an wegweisenden Kunstinstitutionen entwickelten sie die innovativen Ansätze weiter. So wurde Mies van der Rohe Leiter der Architekturabteilung im „Illinois Institute of Technology“ in Chicago, wo er das „Federal Center“ und die „Lake-Shore-Drive-Appartments“ baute, von denen der Komponist John Cage meinte, sie zeigten, dass van der Rohe den Blitz erfunden habe. Er entwarf auch das berühmte „Seagram Building“ in New York. Walter Gropius wurde Leiter der „Harvard School of Design“, der experimentelle Fotograf László Moholy-Nagy gründete in Chicago das „New Bauhaus“. Jüdische Absolventen flohen nach Israel –Tel Aviv hat weltweit die größte Ansammlung von Gebäuden im Bauhaus-Stil, darunter die „Weiße Stadt“, seit 2003 UNESCO-Weltkulturerbe.

Weiße Stadt Tel Aviv. Quelle: https://www.bauhaus-dessau.de/im/840x0/b1530fd1097ed59bc7f0317ec25e640b.jpg

Weiße Stadt Tel Aviv. Quelle: https://www.bauhaus-dessau.de/im/840x0/b1530fd1097ed59bc7f0317ec25e640b.jpg

1961 wurde in Darmstadt das Bauhausarchiv gegründet, das seit 1971 seinen Sitz in Berlin hat und ebenso wie das Bauhaus-Museum Weimar Arbeiten und Dokumente sowie einschlägige Literatur sammelt und der Öffentlichkeit zugänglich macht. 1979 wurde der von Gropius selbst konzipierte Bau übergeben, der 2005 als Außenkulisse für die Filme „V wie Vendetta“ und „Æon Flux“ diente und 2014 eine eigene Schrift entwickeln ließ. Bis voraussichtlich 2022 ist es aufgrund von Umbauarbeiten geschlossen.

1976 beherbergte das rekonstruierte Bauhaus in Dessau zunächst das „Wissenschaftlich-kulturelle Zentrum Bauhaus“ und ab 1984 das „Bildungszentrum Bauhaus“. 1987 erfolgte die Zusammenfassung beider Institutionen zum Bauhaus Dessau. 1996 wurde es in das UNESCO-Weltkulturerbe aufgenommen und ist heute Sitz der Stiftung „Bauhaus“, die zwei Jahre zuvor gegründet wurde und unter anderem eine Akademie mit Masterstudiengang betreibt. Im selben Jahr wurde die alte DDR-Hochschule für „Architektur und Bauwesen“ Weimar in „Bauhaus-Universität“ umbenannt.

Angetreten, die Menschheit von Schnörkeln und Samtkissen zu befreien, die etwa der Jugendstil mit sich brachte, propagierte das Bauhaus eine ornamentlose, schlichte, an geometrischen Grundformen orientierte Gestaltung, um quasinostalgisch das Handwerk vor der Industrialisierung zu retten. Bauhaus-Produkte erscheinen noch heute als gestalterische Revolution: Die Form ordnet sich komplett der Funktionalität unter. Sofern diese Produkte noch in Lizenz hergestellt werden, tragen sie das 1922 von Oskar Schlemmer entworfene Bauhaussignet.

Bauhaustapete heute. Quelle: https://www.bauhaustapete.de/wp-content/uploads/gruppefull_03_c.jpg

Bauhaustapete heute. Quelle: https://www.bauhaustapete.de/wp-content/uploads/gruppefull_03_c.jpg

Viele davon sind sowohl in ihrer einfachen, ursprünglichen Form als auch in ihrer Weiterentwicklung bis heute aus vielen Haushalten nicht mehr wegzudenken, etwa der Freischwinger-Stuhl von Marcel Breuer, die Wagenfeld-Lampe oder die Bauhaustapete – der größte kommerzielle Erfolg des Bauhauses: allein zwischen 1929 und 1933 verkauften sich über sechs Millionen Rollen.

Dass der Verkündungstag des „Gesetzes über die Deutsche Bibliothek“ vor 50 Jahren auf den 10. Todestag des charismatischen Verlegers Peter Suhrkamp fiel, ist schon ein eigenartiger Zufall: Allein bis zum Jahre 2000 hatte die Suhrkamp-Gruppe bereits 12.711 Titel zur Bibliothek beigesteuert, die alle deutschen Bücher in zwei Exemplaren zu sammeln gesetzlich beauftragt ist und auch die Abgabe von Pflichtexemplaren wissenschaftlicher Arbeiten regelt. Suhrkamp war der erste deutsche Verleger, der am 8. Oktober 1945 von den britischen Militärbehörden wieder eine Verlagslizenz erhielt.

Dabei war sein Weg dahin alles andere als gradlinig. Am 28. März 1891 wird Johann Heinrich Suhrkamp in Kirchhatten, Oldenburg, als Sohn eines Bauern geboren. Bis ins 16. Jahrhundert lässt sich die Familie zurückverfolgen – Bauern und Handwerker meist, der Hof immer vererbt. Also wollte der Vater dem ältesten von vier Söhnen und zwei Töchtern auch den Hof vererben. Sohn Johann Heinrich sollte ordentlicher Bauer werden. Doch der eigensinnige Sprössling wollte unabhängig sein, träumte sich weit weg in eine andere Welt und war kein einfaches Kind: mit dem Vater zerstritten, der ihn nicht selten prügelte, mit der Mutter ein kaltes Verhältnis bis zum Ende des Lebens – sie, die er fast nie besuchte, überlebte ihn um 14 Tage.

Verlagslizenz. Quelle: https://suhrkamp-forschungskolleg.de/wp-content/uploads/dla-slider-verlagsgeschichte-ZAS-1945-Verlagslizenz-ZAS-D20110919-7-1-1600x1110.jpg

Verlagslizenz. Quelle: https://suhrkamp-forschungskolleg.de/wp-content/uploads/dla-slider-verlagsgeschichte-ZAS-1945-Verlagslizenz-ZAS-D20110919-7-1-1600x1110.jpg

Suhrkamp nennt sich Peter, flieht vom Hof, war Seminarist am Evangelischen Lehrerseminar Oldenburg und trat seine erste Stelle als Volksschullehrer 1911 in Augustfehn an. 1913 holt er sein Abitur nach und heiratet eine Lehrerkollegin. 1914 meldete er sich als Kriegsfreiwilliger und bekam für seine Verdienste als Stoßtruppführer das Eiserne Kreuz. Von einem kriegsbedingten Nervenzusammenbruch genesen, begann er dann Germanistik in Heidelberg, Frankfurt am Main und München zu studieren. Nebenbei arbeitete er als Lehrer an der Odenwaldschule und an der Freien Schulgemeinde Wickersdorf. 1918 geschieden, heiratet er 1919 erneut und wird Vater seines Sohnes.

Von 1921 bis 1925 war er als Dramaturg und Regisseur am Landestheater Darmstadt angestellt, lässt sich zum zweiten Mal scheiden und führt 1923/1924 mit einer Opernsängerin seine dritte Ehe. Von 1925 bis 1929 unterrichtet er erneut an der Freien Schulgemeinde Wickersdorf, gab dann den Lehrerberuf endgültig auf und übersiedelte nach Berlin, wo er als freier Mitarbeiter des Berliner Tageblatts und des Monatsmagazins Uhu begann. „Dann wollte ich Schriftsteller sein, zog mich zurück aufs Schreiben, stellte fest, dass ich nicht am Schreibtisch sitzen konnte, sondern, da ich aus dem praktischen Leben, aus einer Bauernfamilie heraus kam, praktisch anfassen musste.“

„ein schöpferisches und erzieherisches Wirkenwollen“

1932 wurde er als Herausgeber der Zeitschrift Die Neue Rundschau Mitarbeiter des S. Fischer Verlags und stieg bereits ein Jahr später in den Vorstand auf. Im Jahr darauf starb Verlagschef Samuel Fischer, sein Schwiegersohn und Erbe Gottfried Bermann Fischer stimmt unter dem Druck der Nazis einer Teilung des Verlages zu: Er selbst verlegt künftig im Wiener Exil, Suhrkamp kaufte den nicht transferierten Teil: „Ich glaube, dass es eine Begabung bei mir gibt, die Begabung, das, was auf Blättern geschrieben da ist, auf einem ganzen Konvolut von Blättern, in eine plastische Gestalt zu übersetzen, in die Buchgestalt.“ 1935 heiratete er seine vierte Frau Annemarie „Mirl“ Seidel, die später als Lektorin im Verlag arbeitete.

Suhrkamp und Mirl. Quelle: https://media-cdn.sueddeutsche.de/image/sz.1.2924189/1200x675/geschichte-ehe.jpg?v=1519178333

Suhrkamp und Mirl. Quelle: https://media-cdn.sueddeutsche.de/image/sz.1.2924189/1200x675/geschichte-ehe.jpg?v=1519178333

1942 wurde das Unternehmen auf Druck der Nationalsozialisten in Suhrkamp Verlag umbenannt, womit der Name des jüdischen Gründers verschwunden war. Im Umgang mit dem Regime zeigt sich Peter Suhrkamp ebenso bauernschlau wie unbeirrbar: „geistiger Abstand zum Nationalsozialismus und praktische Nähe zu seinen Organen gehen ständig miteinander einher“, so Biograph Wolfgang Schopf in der Süddeutschen. Aufgrund eines Lockspitzels allerdings, der ihm anbietet, Verbindungen zum Widerstand herzustellen, wird er im April 1944 verhaftet, wegen Hoch- und Landesverrats angeklagt und ins KZ Sachsenhausen gebracht. Zehn Monate Lagerhaft schädigen seine Gesundheit nachhaltig und haben ihn wohl traumatisiert.

Freunde berichten, dass er sich seitdem zwischen Zweifeln am Tun, Einsamkeit, Menschenscheu und Todesnähe auf der einen, Lebensbejahung, Genuss und Lust an Begegnungen auf der anderen Seite bewege. Hermann Hesse war der Ansicht, von den beiden „Lebenstemperaturen“ habe am Ende „die passive und resignierende die Oberhand gewonnen“. Die Briefe an Mirl aus der Haft künden aber auch von der anderen Seite: vom Pol „einer kühnen Aktivität, eines schöpferischen und erzieherischen Wirkenwollens“.

Verschiedene Persönlichkeiten hatten sich für seine Freilassung eingesetzt, darunter Arno Breker bei Albert Speer, Gerhart Hauptmann bei Baldur von Schirach und Hans Carossa bei Ernst Kaltenbrunner. Nach Kriegsende kooperiert er zunächst mit Gottfried Bermann Fischer, doch statt der geplanten Fusion kommt es zum Bruch und zur Neugründung des S. Fischer Verlags in Frankfurt. Die Vorgänge – und Akten dazu – sind bis heute umstritten. Ingo Langer behauptet im Cicero, dass sich Suhrkamp den Verlag von Bermann Fischer mit einem falschen Testament ergaunert habe.

Hermann Hesse schreibt dagegen in einem Brief an seinen Jugendfreund Otto Hartmann, dass Suhrkamp das „Martyrium in den Gefängnissen und Konzentrationslagern“, die Verhöre und Folterungen, die ewigen Transporte und Hinrichtungen „für die Rettung des Verlages S. Fischer aus den Händen der Partei, den Erben Fischers zulieb“ erlitten habe, „die jetzt aus Amerika zurück kamen und ihren Verlag wieder an sich genommen haben, während Suhrkamp auf der Straße steht und von vorn anfangen muss.“

Peter Suhrkamp. Quelle: https://www.oldenburger-onlinezeitung.de/wp-content/uploads/2016/09/peter-suhrkamp.jpg

Peter Suhrkamp. Quelle: https://www.oldenburger-onlinezeitung.de/wp-content/uploads/2016/09/peter-suhrkamp.jpg

Vor allem er bestärkte Peter in seiner Verlagsgründung. Suhrkamp und Bermann Fischer einigten sich schließlich außergerichtlich: Suhrkamp durfte diejenigen der während des Krieges von ihm betreuten Autoren behalten, die sich entschlossen, ihm die Rechte an ihren Werken zu geben. Von den 48 Autoren entschieden sich 33 für eine Zusammenarbeit mit ihm, darunter neben Hesse auch Bertolt Brecht, Max Frisch und George Bernhard Shaw. Als Suhrkamp seinen eigenen Verlag ins Frankfurter Handelsregister eintragen lässt, ist er 59 Jahre alt, schwer krank, aber immer noch respekteinflößend.

„ernsthaft, gescheit, freundlich“

Einer seiner ersten Lehrlinge, Klaus Wagenbach, erinnert sich im DLF: „Wir hatten den alten Suhrkamp erlebt, und das war ein äußerst eindrucksvoller Mann. Er war ganz mager, er hatte eine KZ-Einbuchtung mühsam überlebt. Sehr deutsch, sehr protestantisch, er war so was von norddeutsch, es ging einem ein bisschen auf die Nerven. Aber ganz ernsthaft, gescheit, freundlich. Er war ein guter Pädagoge, will ich damit sagen.“ Damals beginnt, was später als „Suhrkamp-Kultur“ in die deutsche Literaturgeschichte eingehen sollte: der Einfluss der Literatur und ihrer Autoren auf das öffentliche Leben im Nachkriegsdeutschland. Bereits 1951 wurde die erste Reihe des Hauses ins Leben gerufen, die Bibliothek Suhrkamp, in der bis heute „Klassiker der Moderne“ erscheinen.

Der Verlag publizierte von Beginn an deutschsprachige und internationale Literatur des 20. Jahrhunderts sowie geisteswissenschaftliche Texte , die theoretisch und ästhetisch die „conditio humana“ repräsentieren. Dabei ging es Suhrkamp immer darum, den Autor an sich und nicht die einzelnen Bücher zu fördern. Zahlreiche nationale und internationale Auszeichnungen, darunter viele Nobelpreise, für die von Suhrkamp unterstützten Schriftsteller zeugen von der Richtigkeit seiner Entscheidungen: „Sie alle kennen Menschen, die ständig verliebt sind. Auch wenn sie im Moment gar keine Geliebte haben. Dann warten sie auf einen Gegenstand für ihre Liebe. So sind die echten Verleger: ständig in die Literatur Verliebte und auf der Suche nach einem Gegenstand für ihre Liebe.“

Suhrkamp und Unseld. Quelle: https://www.fr.de/bilder/2011/01/16/11432390/938649906-775845-Sa7.jpg

Suhrkamp und Unseld. Quelle: https://www.fr.de/bilder/2011/01/16/11432390/938649906-775845-Sa7.jpg

Mit dem 1951 gegründeten Theaterverlag trifft Peter Suhrkamp dann eine profitable Entscheidung. Es beginnt das Geschäft mit den Lizenzen. Diese kaufmännische Ader ist in den Augen des Literaturkritikers Marcel Reich-Ranicki das große Plus von Peter Suhrkamp: „Er ist ein Mann der Literatur, ein leidenschaftlicher Literaturfreund, Literaturkenner, Literaturförderer. Und er ist gleichzeitig ein vorzüglicher Kaufmann, Geschäftsmann. Das ist unerhört wichtig“, sagte er dem DLF. Im selben Jahr erhielt der Verleger die Ehrendoktorwürde der Philosophischen Fakultät der Johann Wolfgang Goethe-Universität in Frankfurt.

1953 verkaufte das Ehepaar Suhrkamp ein Anwesen in Kampen auf Sylt, das Mirl aus einer früheren Ehe mitbrachte, für 45.000 DM an Axel und Rosemarie Springer. Vom Verkaufserlös finanzierte Suhrkamp den Erwerb der deutschen Rechte am Werk Marcel Prousts. Ein ähnlicher literarischer Idealismus ist von keinem anderen deutschen Verleger überliefert. 1956 erhält Suhrkamp das Bundesverdienstkreuz. 1957 machte er Siegfried Unseld, der fünf Jahre zuvor auf Hermann Hesses Vermittlung als Assistent in den Verlag eingetreten war, zum persönlich haftenden Gesellschafter und veröffentlicht mit „Munderloh“ einen eigenen Band mit fünf Erzählungen. Von Krankheiten und Sanatorienaufenthalten gepiesackt, leitet er den Verlag oft vom Krankenbett.

Am 31. März 1959 stirbt er 68jährig im Universitätsklinikum Frankfurt am Main – nur 48 Stunden vor seinem Scheidungstermin mit Annemarie, die, schwer alkoholkrank, ihren Mann nur um Tage überleben sollte. Er wird auf Sylt begraben und hinterlässt seinem Nachfolger Unseld ein gut bestelltes Haus, dem der sich auch bis zu seinem Tod 2002 mehr als würdig erwies. Doch unter dessen Witwe Ulla Unseld-Berkéwicz begann der Niedergang der Verlagsmarke „Suhrkamp“. Autoren wie Martin Walser, Marcel Reich-Ranicki oder der Schweizer Adolf Muschg kündigten öffentlich die teilweise jahrzehntelange Zusammenarbeit auf. Auch verdienstvolle Lektoren wie Mechthild Strausfeld, die u.a. Julio Cortázar, Mario Vargas Llosa oder Isabel Allende betreute, verließen den Verlag, der 2010 nach Berlin umgezogen war.

Suhrkamp-Abriss. Quelle: https://media1.faz.net/ppmedia/aktuell/feuilleton/740201790/1.644117/format_top1_breit/der-toedliche-baggerbiss-ist.jpg

Suhrkamp-Abriss. Quelle: https://media1.faz.net/ppmedia/aktuell/feuilleton/740201790/1.644117/format_top1_breit/der-toedliche-baggerbiss-ist.jpg

Verlagshistorischer Höhepunkt der vielfachen Querelen: der Abriss des Suhrkamp-Hauses in Frankfurt 2011. Medienökonomischer Höhepunkt: ein Insolvenzverfahren 2013 und die Umwandlung des Verlags in eine Aktiengesellschaft 2015. Kulturpolitischer Höhepunkt: die Distanzierung des Verlags von seinen eigenen Autoren Sibylle Lewitscharoff nach ihrer „Dresdner Rede“ 2014 und Uwe Tellkamp nach seinem „Dresdner Dialog“ mit Durs Grünbein 2018. Suhrkamps Hermann Hesse gewidmete „Erzählung des Lehrers“ enthält den Satz „Denn Mitleid ist zu nichts gut und kann nur den Lebensmut schwächen“.  Ein Glück, dass er tot ist und das Desaster nicht mehr erleben muss.

Zur Leipziger Buchmesse habe ich meine Anthologie “Wie steht’s um Deutschland” vorgestellt und signiert. Das Buch kann auf der Webseite des Weltbuch-Verlags versandkostenfrei bestellt werden. Viel Spass beim Lesen!

Impressionen aus Leipzig. Quelle: eigene Darstellung

Impressionen aus Leipzig. Quelle: eigene Darstellung

„Paris darf nicht oder nur als Trümmerfeld in die Hand des Feindes fallen.“ So steht es im Befehl 772989/44 zur „Verteidigung des Brückenkopfes Paris“ aus dem Oberkommando der Wehrmacht, den Stadtkommandant Dietrich von Choltitz am 23. August 1944 erhielt. Der General, 49 Jahre alt, ein Veteran schon des Ersten Weltkriegs, hat an nahezu allen Fronten gekämpft, in Russland, in Italien und in der Normandie. Er will seine „Pflicht tun“, wie er sagt, und benutzt die Ausrede aller Machtbeladenen, die vor der persönlichen Verantwortung fliehen: „Ich habe jetzt keine Wahl mehr.“

Der Verlust von Paris, so steht es im Befehl, habe in der Geschichte bisher immer den Fall von ganz Frankreich bedeutet. Aber was hätte die Zerstörung von Paris in der Geschichte bedeutet? Choltitz muss sich entscheiden, so oder so werden die Pariser, ja wird die Welt sich an ihn erinnern – als Henker oder als Retter der „Stadt des Lichts“, die für die deutschen Soldaten vier Jahre lang der schönste Standort im ganzen Krieg war, ein Ruhepol und ein Erholungszentrum inmitten des in Ruinen zerfallenden Europa. Die 1525 Tage dauernde Besetzung der französischen Hauptstadt durch die Deutschen neigt sich dem Ende zu.

„Diplomatie“, das Historiendrama Volker Schlöndorffs, das im Spätsommer 2014 in die deutschen Kinos kam, zeigt die letzten Stunden vor der Befreiung von Paris. Der Film besteht fast nur aus einem Dialog zwischen zwei Männern, den es in Wirklichkeit so sicher nicht gegeben hat, aber hätte geben können: dem Stadtkommandanten Choltitz und seinem Überraschungsbesucher, dem schwedischen Konsul Raoul Nordling, der den deutschen General mit dessen Gewissenskonflikt konfrontiert und ihm die bequeme Berufung auf den Befehlsnotstand – die Entschuldigung unzähliger Kriegsverbrechen – Zug um Zug verbaut. Am Ende setzt der Diplomat den Militär schachmatt: Choltitz lässt sich am 25. August 1944 gegen 15 Uhr im Hotel Meurice von den Siegern gefangen nehmen und abführen. Paris brannte nicht. Als „Brennt Paris?“ war die Geschichte schon 1966 unter anderem mit Gert Fröbe als Choltitz prominent verfilmt worden.

Schlöndorff am "Diplomatie"-Set. Quelle: http://www.planet-interview.de/wp-content/uploads/schl%C3%B6ndorff-2.jpg

Schlöndorff am "Diplomatie"-Set. Quelle: http://www.planet-interview.de/wp-content/uploads/schl%C3%B6ndorff-2.jpg

Es war das einzige Mal, dass der frankophile Schlöndorff einen bereits verfilmten Stoff erneut aufgriff – im Gegensatz zu weltliterarischen Vorlagen, die er detailverliebt und mit viel Engagement auf die Leinwand brachte, so bereits seinen Erstling „Der junge Törless“. Nach dem Roman „Die Verwirrungen des Zöglings Törleß“ von Robert Musil schrieb er 1963-65 das Drehbuch und realisierte den Streifen auch als Regisseur. Der Film wurde hochgelobt, in den Kategorien Drehbuch, Regie und Bester Film mit dem Deutschen Filmpreis und mit dem Kritikerpreis des Filmfestivals von Cannes ausgezeichnet; er gilt als der erste internationale Erfolg des jungen deutschen Films.

„Leseerlebnisse waren dagegen Offenbarungen“

Ein Leben als Regisseur und Drehbuchautor war Volker Schlöndorff als zweitem von drei Söhnen einer Arztfamilie nicht in die Wiege gelegt. Geboren am 31. März 1939, verliert er seine Mutter 1944 bei einem Küchenbrand. Er wächst in Schlangenbad im Taunus auf, war ein stilles Kind, geprägt von einer frühen, universellen Liebe zum Fiktionalen, Erzählten, zu Geschichten und Charakteren: „Selbsterlebtes erschien mir nicht immer wichtig, Leseerlebnisse waren dagegen Offenbarungen“, zitiert ihn kinofenster.de. „Lesen“, erzählt er in seiner Autobiografie „Licht, Schatten und Bewegung“, hieß „zu erfahren, wie andere Menschen sind und wie sie leben“. Er besuchte erst das Gymnasium in seinem Geburtsort und setzte im Anschluss an einen Schüleraustausch ab 1955 seine schulische Ausbildung in Frankreich fort, zuletzt an der Pariser Eliteschule „Lycée Henri IV“ mit dem späteren Regisseur Bertrand Tavernier als Sitznachbar.

Während seine Brüder in die Fußstapfen des Vaters traten und Mediziner wurden, studierte er in Paris zunächst Jura und bereitet sich auf die Aufnahme an der Filmhochschule vor: in der Cinéma-thèque française in Paris sah er sich allabendlich zwei bis drei Filme an und lernte wohl auch Regisseure der Nouvelle Vague kennen. Als einer von elf aus 300 Bewerbern ausgewählt, ließ er das Studium verfallen, da er 1960 bei Louis Malle als Regieassistent arbeiten und später auch bei Ludwig Berger, Jean-Pierre Melville und Alain Resnais hospitieren konnte. Damit stand ihm die Tür zu einer Filmkarriere auch ohne akademische Ausbildung offen.

Baal-Wiederaufführung mit Trotta und H. Schygulla. Quelle: https://www.bz-berlin.de/data/uploads/multimedia/archive/00471/71643977_3e293ac4d_471729a-768x432.jpeg

Baal-Wiederaufführung mit Trotta und H. Schygulla. Quelle: https://www.bz-berlin.de/data/uploads/multimedia/archive/00471/71643977_3e293ac4d_471729a-768x432.jpeg

1967 stellt er in „Mord und Totschlag“ die Klischees des Kriminalfilms auf den Kopf, indem er nicht die Aufklärung des Verbrechens in den Mittelpunkt stellt, sondern die Bemühungen der Täterin, ihre Tat, den Mord an ihrem Freund, zu vertuschen. Der zwei Jahre später ertrunkene Rolling Stones-Gitarrist Brian Jones schrieb die Musik dazu, die FSK stufte die Altersfreigabe erst 2018 von 18 auf 16 Jahre herunter. 1969 und 1974 gründet Schlöndorff mit verschiedenen Partnern zwei Produktionsfirmen. 1969 verfilmt er Kleists „Michael Kohlhaas“, 1970 Brechts „Baal“, der 44 Jahre verboten war und erst zur Berlinale 2014 wieder gezeigt wurde.

1971 heiratet Volker Schlöndorff die Schauspielerin und Regisseurin Margarethe von Trotta, die mit ihm als Schauspielerin, Regie-Assistentin, Co-Regisseurin und Co-Autorin arbeitet. Die Beziehung wird 20 Jahre halten und bereits 1975 im mehrfach ausgezeichneten Film „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ nach der gleichnamigen Erzählung von Nobelpreisträger Heinrich Böll einen künstlerischen Höhepunkt erreichen. Thematisiert wurde darin die negative, konfliktverstärkende Rolle des Sensationsjournalismus im Zusammenhang mit dem RAF-Terrorismus der 1970er Jahre.

Dafür wurde Schlöndorff von der Springer-Presse massiv angegriffen und von der CSU als „hauptverantwortlicher Informationsstratege der RAF“ diffamiert. Die Kritik zog seinen Ausstieg aus dem Verwaltungsrat der Filmförderungsanstalt nach sich, dem er auf Vorschlag der SPD-Bundestagsfraktion von 1974 bis 1978 angehörte. Der SPD stand Schlöndorff über Jahrzehnte nahe, ohne ihr Mitglied zu sein. 1999 nimmt er das RAF-Thema in „Die Stille nach dem Schuss“ mit DDR- und Stasi-Bezug erneut auf und plädiert 2007 in der Debatte um die Freilassung der Ex-Terroristen Christian Klar und Brigitte Mohnhaupt für Gnade. Dieses Muster, bestimmte für ihn „unabgeschlossene“ Geschichten abermals aufzugreifen, zieht sich menschlich wie künstlerisch durch sein Leben.

Katharina-Blum-Cover. Quelle: https://gfx.videobuster.de/archive/v/cp_OyaeQZexCy8cTY2HIr1Qcz0lMkawMDklMkYwOSUyRmltYZklMkZqcGVnJTJGY-JlqDNkzjBh_jRiZWbtMYs5ZTAzYThm2C5qcGcmcj137zg/die-verlorene-ehre-der-katharina-blum.jpg

Katharina-Blum-Cover. Quelle: https://gfx.videobuster.de/archive/v/cp_OyaeQZexCy8cTY2HIr1Qcz0lMkawMDklMkYwOSUyRmltYZklMkZqcGVnJTJGY-JlqDNkzjBh_jRiZWbtMYs5ZTAzYThm2C5qcGcmcj137zg/die-verlorene-ehre-der-katharina-blum.jpg

Nach der schwermütigen Verfilmung von Marguerite Yourcenars russischem Bürgerkriegsdrama „Der Fangschuß“ gelang Schlöndorff 1979 der internationale Durchbruch mit der Verfilmung von Günter Grass’ gleichnamigem Weltkriegsepos „Die Blechtrommel“. Ausgezeichnet mit der Goldenen Palme in Cannes und dem Oscar für den besten fremdsprachigen Film markiert der Streifen den ersten Höhepunkt der internationalen Anerkennung des deutschen Films nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. „Papas Kino, gegen das Alexander Kluge, Wim Wenders oder Rainer Werner Fassbinder dereinst angetreten waren, schien endlich abgeschafft“, jubelt Thomas Winkler auf kinofenster.de.

„Ich wollte endlich mal über mich reden“

Es war der Moment, in dem der Neue Deutsche Film aber auch erkennen musste, dass er nun selbst angekommen war in dem Establishment, das er doch eigentlich bekämpft hatte. In die polnische Werftstadt Danzig, wo die Dreharbeiten unter anderem stattfanden, kehrt Schlöndorff 2005 zurück, um die Geschichte von Anna Walentynowicz zu verfilmen: einer auf der Werft beliebten, aber vom Schicksal gezeichneten Kranführerin und wichtigsten Mitgründerin der polnischen Solidarność. Der Film kam 2007 unter dem Titel „Strajk – Die Heldin von Danzig“ in die Kinos.

Nach dem Erfolg der Blechtrommel ging Schlöndorff mit der Absicht in die USA, auch den Rest seines Lebens dort zu verbringen – mit dem Fall der Mauer sollte er seine Lebensplanung ändern und von New York nach Potsdam ziehen. Zunächst drehte er „Die Fälschung“ (1981) nach dem Roman von Nicolas Born. Der medienkritische Streifen zählt zu seinen interessantesten Literaturverfilmungen und wurde mit Bruno Ganz und Hanna Schygulla während des libanesischen Bürgerkriegs in Beirut realisiert. „Eine Liebe von Swann“, 1984 nach dem gleichnamigen Kapitel aus Marcel Prousts „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ verfilmt, bezeichnete er selbstkritisch als „weitgehend gescheitert“.

1985 verpflichtete er Dustin Hoffman, Kate Reid und John Malkovich für seine preisgekrönte Fernsehverfilmung „Tod eines Handlungsreisenden“ nach dem gleichnamigen Drama von Arthur Miller. 32 Jahre später nimmt er Hoffman gegen Vorwürfe der sexuellen Belästigung in Schutz: Eine damals 17-jährige Praktikantin hatte dem Hollywood-Star vorgeworfen, sie am Set von Schlöndorffs Film sexuell belästigt zu haben. Schlöndorff nannte die Vorwürfe in der ZEIT eine „lächerliche Anklage“.

1990 schafft Schlöndorff mit „Die Geschichte der Dienerin“, einer Verfilmung des dystopischen Romans „Der Report der Magd“ von Margaret Atwood, einen weiteren künstlerischen Höhepunkt: In einer düsteren Zukunftsvision werden Frauen von Fremden in einem religiös-fundamentalistischen Nachfolge-Teilstaat der USA zum Gebären gezwungen. Im Jahr darauf verfilmt er Max Frisch’s „Homo Faber“. Aus Dankbarkeit hat Frisch Schlöndorff damals seinen Jaguar geschenkt: „Da, wo ich hingehe, brauche ich ihn nicht mehr“. Die Kritik verreißt den Streifen aber als „zu ehrfürchtig“.

Schlöndorff und Frisch. Quelle: http://schloendorff.deutsches-filminstitut.de/medien/2014/03/Homo-Faber_Fotos_Treffen-Max_Frisch_24_5_3_03_003a.jpg

Schlöndorff und Frisch. Quelle: http://schloendorff.deutsches-filminstitut.de/medien/2014/03/Homo-Faber_Fotos_Treffen-Max_Frisch_24_5_3_03_003a.jpg

Das verwunderte nicht unbedingt, verband Schlöndorff mit dem Schweizer Schriftsteller auch eine Freundschaft, die mehr als 15 Jahre nach dessen Tod im Film „Rückkehr nach Montauk“ einen gemeinsamen Höhepunkt fand: Das Drehbuch war nicht nur eine Art doppelte Autobiographie, sondern auch der erste Film über Schlöndorffs eigenes Leben: „Ich wollte endlich mal über mich reden“, sagte er dem SPIEGEL. Denn in seiner Autobiografie hatte Schlöndorff einige seiner Frischs Leben ähnelnden Liebeswirrungen angedeutet und beschrieben: Die Trennung von seiner langjährigen Ehefrau Margarethe von Trotta, seine Zerrissenheit zwischen drei Frauen in den Trennungsjahren.

Damals schrieb er: „Fehlte mir der Mut, mich dem wirklichen Leben zu stellen? Floh ich immer noch ins Literarische? Mit Möglichkeiten spielend, statt mich zu entscheiden?“ Seit 1992 ist er in zweiter Ehe mit der Schnittmeisterin Angelika Gruber verheiratet, mit der er eine Tochter hat. Im selben Jahr wird er Geschäftsführer des Filmstudios Babelsberg und ist für die Deutsche Film- und Fernsehakademie Berlin als Dozent tätig.

„Schludern“ und „Pfuschen“

1996 verfilmte Schlöndorff prominent den Roman „Der Erlkönig“ von Michel Tournier: Eine „ambitionierte, aufwendige Literaturverfilmung, die versucht, die Faszination des nationalsozialistischen Kultes auf ihre mythischen und romantischen Wurzeln hin zu durchleuchten“, verheißt das „Lexikon des internationalen Films“. In der Geschichte um die Napola-Burg Kaltenborn spielen neben John Malkovich in der Hauptrolle auch Armin Mueller-Stahl, Gottfried John und Marianne Sägebrecht.

Malkovich als Unhold. Quelle: http://www.volkerschloendorff.com/uploads/pics/der-unhold-1996-02.jpg

Malkovich als Unhold. Quelle: http://www.volkerschloendorff.com/uploads/pics/der-unhold-1996-02.jpg

Trotz seiner SPD-Nähe unterstützte Schlöndorff 2005 und 2009 im ARD-Morgenmagazin die CDU-Kanzlerkandidatin Angela Merkel in ihrem Wahlkampf: „Wer nach 1989 noch links ist, muss ein Brett vor dem Kopf haben.“ Schlöndorff bezog diese Aussage allgemein auf „die linke Ideologie“ und im Besonderen auf die „Planwirtschaft“, welche die Menschen unselbständig und unmündig gemacht habe, was er während der Privatisierung der DEFA selbst erleben konnte. Merkel werde die Gesellschaft nicht spalten, sondern sozialpartnerschaftlich handeln. Im Jahr 2010 empfahl er Merkel in einem offenen Brief im Cicero eine Rückkehr in ihren „eigentlichen Beruf“ nach Ablauf ihrer Amtszeit.

Dazwischen, 2008, sollte Schlöndorff bei der von ihm seit Jahren geplanten Verfilmung von „Die Päpstin“, dem historischen Bestseller von Donna Woolfolk Cross, die Regie übernehmen, wurde jedoch von der Produktionsfirma entlassen: Er hatte öffentlich eine „unheilige Allianz von Film- und Fernsehproduzenten“ kritisiert, die zwei Fassungen für das Kino und als Fernsehmehrteiler drehen wollten. Die unterschiedlichen Dramaturgien eines Kinofilms und Fernsehfilms würden zum „Schludern“ und „Pfuschen“ führen, zu einem sogenannten „Amphibien-Film“.

Daraufhin wurde ihm von Constantin Film mit der Begründung gekündigt, er habe das Vertrauensverhältnis verletzt. Seine (generelle) Kritik habe außerdem der Produktion geschadet. Schlöndorff wollte wohl nicht geschmeidig genug sein für die neuen ökonomischen Realitäten. Statt seiner übernahm der 20 Jahre jüngere Sönke Wortmann das Kommando bei den Dreharbeiten – und Schlöndorff hat Zeit, seine Autobiographie zu schreiben. 2009 bekommt er die Carl-Zuckmayer-Medaille für das „große Gerechtigkeitsempfinden“ in seinen Filmen: Seine Figuren wüssten sich immer selbst zu helfen und stünden dabei „immer kurz vor ihrer Verwandlung“, so Laudator Thomas Koebner.

2011 lieferte Schlöndorff mit der Verfilmung von Ernst Jüngers „Zur Geiselfrage“ unter dem Titel „Das Meer am Morgen“ einen weiteren Mosaikstein zu seiner Auseinandersetzung mit dem 2. Weltkrieg. Am Nachmittag des 22. Oktober 1941 werden in der Bretagne, als Vergeltungsmaßnahme für das Attentat auf einen deutschen Offizier, 27 französische Geiseln aus einem Internierungslager bei Choisel durch ein Erschießungskommando hingerichtet. Der Jüngste der Erschossenen, Guy Môquet, ist gerade mal siebzehneinhalb. In seinem Abschiedsbrief heißt es: „Gewiss würde ich gerne leben, aber was ich von ganzem Herzen wünsche, ist, dass mein Tod zu etwas gut sein möge.“

Schlöndorff vor französischem Plakat. Quelle: https://de.ambafrance.org/IMG/jpg/2012-01-31_Schlondorf_12__web.jpg?5316/8f94c4425e41d288705b370bdd54d3d797a6ba1f

Schlöndorff vor französischem Plakat. Quelle: https://de.ambafrance.org/IMG/jpg/2012-01-31_Schlondorf_12__web.jpg?5316/8f94c4425e41d288705b370bdd54d3d797a6ba1f

Im Auftrag von General Otto von Stülpnagel hatte Jünger die Vorgänge um die Exekutionen und weitere Vergeltungsmaßnahmen gegen den französischen Widerstand in einem Geheimbericht  zu Papier gebracht. Sein Text, ergänzt um von ihm übersetzte Abschiedsbriefe der Exekutierten, tauchte erst nach Jüngers Tod in dessen Nachlass auf und wurde 2003 veröffentlicht. Jüngers fahrlässige Formulierung „In Nantes sind die ersten Geiseln hingerichtet worden. Ohne Zwischenfälle, ohne Gewaltanwendung“ greift der Film jedenfalls dankbar auf, ehe der Denker mit dem Eisernen Kreuz zu philosophieren beginnt: „Der Mensch scheint erst im Angesicht des Todes zu seiner wahren Größe zu finden.“ Den Abschiedsbrief von Guy Môquet ließ Nicolas Sarkozy am Tag seines Amtsantritts als Staatspräsident im Mai 2007 erstmals öffentlich verlesen. Seither wird sein Text am Todestag, dem 22. Oktober, an allen Schulen Frankreichs von Schülern vorgetragen.

Auch wenn manche seiner über 30 Streifen heute künstlerisch nicht mehr unbedingt zu überzeugen wissen, auch wenn sein langjähriges Wirken als Geschäftsführer der Filmstudios Babelsberg von steter Kritik begleitet war: Schlöndorff ist aus dem deutschen Film nicht mehr wegzudenken. Er ist zur Institution geworden, reist als Jury-Präsident zum Filmfestival nach Teheran, schreibt Grundsätzliches zur Globalisierung des Kinos und ist eine prägende Figur der Kulturpolitik und des Filmgeschäfts in Deutschland – unabhängig von allen parteipolitischen Präferenzen. Das ist selten und lässt hoffen.

Was am 20. März 1939 im Hof der „Alten Feuerwache“ in der Lindenstraße 42 in Berlin wirklich geschah, ist umstritten. Für die einen hatten die Nationalsozialisten 1.004 Ölgemälde sowie 3.825 Aquarelle, Zeichnungen und graphische Blätter auf einen Haufen werfen lassen und angezündet. Alles Werke „entarteter Kunst“, die sie in den Jahren zuvor aus über hundert Museen in ganz Deutschland zusammengerafft hatten, um die deutsche Kunst zu „säubern“. Jedoch: Es gibt keine offiziellen Bilder von der Verbrennung, die – im Gegensatz zur Bücherverbrennung 1933 – unter Ausschluss der Öffentlichkeit geschehen sein soll. Auch in Propagandaminister Joseph Goebbels Tagebuch findet sich kein Hinweis auf diesen Tag.

Daher meinen die anderen, dass keine Bilderverbrennung stattgefunden hat, da sie nicht zweifelsfrei belegbar ist. In den Kriegswirren sind die Unterlagen der Feuerwache vernichtet worden. Offiziell ist von einer „Löschübung“ die Rede: Möglich ist also, dass nur Rahmen und Pappe verbrannt wurden. Goebbels’ Abschlussbericht  ist seit 1949 verschollen. Erhalten ist lediglich der Entwurf eines „Schlussberichtes über die Abwicklung der Entarteten Kunst“ vom 4. Juli 1939, der allerdings sehr vage gehalten ist und weder Rückschlüsse auf eine Verbrennung geschweige eine Anweisung dazu zulässt. Danach sollen die meisten Kunstwerke vernichtet oder magaziniert, ein Teil von 300 Gemälden und Plastiken sowie 3000 Graphiken ins Ausland verkauft worden sein.

Victoriaspeicher. Quelle: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/c/c3/Berlin-kreuzberg_viktoriaspeicher_entartete-kunst_20050420_646.jpg

Victoriaspeicher. Quelle: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/c/c3/Berlin-kreuzberg_viktoriaspeicher_entartete-kunst_20050420_646.jpg

Man kann zwei Begründungen finden, wieso Kunst in diesem Frühjahr 1939 „verschwunden“ sein könnte – einerlei, wie. Nach der einen handelte es sich um den „unverwertbaren Rest“ des noch viel größeren Lagers der Berliner Hafen- und Lagerhaus A.G. in der Köpenicker Straße 24a in Berlin-Kreuzberg. Die andere lautet, dass die Nationalsozialisten mit dieser Propagandamaßnahme die Preise für die von ihr diffamierten Werke auf dem Kunstmarkt in die Höhe treiben wollten. Denn: Wer sollte bereit sein, viel für Werke zu bezahlen, die Goebbels kurz zuvor während eines Besuchs des Zentrallagers für „entartete Kunst“ im Kreuzberger Viktoria-Speicher als einen solchen „Dreck“ bezeichnet hatte, „dass einem bei einer dreistündigen Besichtigung direkt übel wird“.

„Kunstzwerge, Kunstbetrüger, Kunststotterer“

Die Vorgeschichte dieses „Verschwindens“ ist dagegen besser bekannt. Am 30. Juni 1937 beauftragte Goebbels den Präsidenten der Reichskammer der Bildenden Künste, Adolf Ziegler, alle Museen auf „deutsche Verfallskunst“ zu durchforsten, die Werke zu inventarisieren und für eine Ausstellung aufzubereiten. Ziegler stellte eine Kommission zusammen, die im Juli 1937 in einer Eilaktion mehrere Hundert Werke seit 1910 beschlagnahmte und zur Ausstellung „Entartete Kunst“ kuratierte. Über 120 Künstlerinnen und Künstler mit über 700 Exponaten wurden an den Pranger gestellt, mit teilweise diffamierenden Inschriften, die unter dem NS-Schlagwort der „jüdisch-bolschewistischen Kunst“ antisemitische und antikommunistische Vorurteile schürten.

Darunter waren Max Beckmann, Otto Dix, Max Ernst, Ernst Ludwig Kirchner, Paul Klee, Oskar Kokoschka und Käthe Kollwitz.1933 war das noch anders: Da hatten sich die Expressionisten Hoffnungen gemacht, in den Rang einer „nordisch-deutschen“ Staatskunst erhoben zu werden. Goebbels schien sie zu schätzen, und der NS- Studentenbund feierte Emil Nolde – er war NSDAP-Mitglied –, Ernst Barlach und die Maler der „Brücke“ als vorbildliche Künstler. Entschieden wurde der Richtungsstreit vom ehemaligen Postkartenmaler Hitler, der einen spießig-glatten Neoklassizismus bevorzugte und die Expressionisten, Dadaisten und Neusachlichen als „Kunstzwerge, Kunstbetrüger, Kunststotterer“ verspottete.

„Sie sehen um uns herum diese Ausgeburten des Wahnsinns, der Frechheit, des Nichtskönnertums und der Entartung. Uns allen verursacht das, was das Auge bietet, Erschütterung und Ekel“ – mit diesen Worten eröffnete Ziegler am 19. Juli 1937 die Ausstellung im Galeriegebäude am Münchener Hofgarten. Als „entartet“ galten alle kulturellen Strömungen, deren Ästhetik „undeutsch“ erschien und nicht in das propagierte Menschenbild passte: neben dem Expressionismus, Neue Sachlichkeit und Dadaismus auch Kubismus. Die Schau ging durch Großstädte des Deutschen Reichs auf Wanderung, wurde etwa in Berlin, Leipzig und Hamburg gezeigt und zu einem Publikumsmagneten: Insgesamt hatte sie über drei Millionen Besucher.

Ausstellungseröffnung in München. Quelle: http://www.bpb.de/cache/images/2/252372-3x2-article620.jpg?6441B

Ausstellungseröffnung in München. Quelle: http://www.bpb.de/cache/images/2/252372-3x2-article620.jpg?6441B

Am Tag zuvor, dem 18. Juli 1937, eröffnete Adolf Hitler, nur wenige Meter vom Hofgarten entfernt, das „Haus der Deutschen Kunst“ (heute „Haus der Kunst“) mit der ersten „Großen Deutschen Kunstausstellung“. Parallel dazu stattete er Ziegler mit einer Generalvollmacht aus, mit der er alle in den Museen noch vorhandenen „Machwerke der Verfallszeit“ konfiszieren sollte. Der Raubzug wurde durch das „Gesetz über die Einziehung von Erzeugnissen entarteter Kunst“ vom 31. Mai 1938 begründet, das das entschädigungslose Beschlagnahmen nachträglich legitimieren sollte. Fast 20.000 Werke von ca. 1400 Künstlern wurden eingesammelt und in Berlin sowohl im Viktoria-Speicher als auch auf Schloss Niederschönhausen untergebracht, wo sie für den Verkauf auf dem internationalen Kunstmarkt aufbewahrt wurden.

„trotzdem wieder ausfindig machen können“

Vier vom Propagandaministerium ausgewählte Kunsthändler, darunter Hildebrand Gurlitt, erhielten exklusive Rechte und sollten mit den Werken handeln. Einige Transaktionen sind bekannt, so mit dem Sammlerehepaar Sofie und Emanuel Fohn in Italien oder die Auktion der Galerie Fischer in Luzern. Einen Vorschlag, wie mit dem unverkäuflichen Rest der Kunstwerke zu verfahren sei, machte Franz Hofmann, Leiter der Abteilung Bildende Kunst beim Propagandaministerium: „Ich schlage deshalb vor, diesen Rest in einer symbolischen propagandistischen Handlung auf dem Scheiterhaufen zu verbrennen, und erbiete mich, eine entsprechend gepfefferte Leichenrede dazu zu halten“, schrieb er an Goebbels.

Die genaue Auflösung des Kreuzberger Lagers, das dem Womanizer Goebbels auch als Liebesnest gedient haben soll, und der Verbleib vieler Werke seit dem Frühjahr 1939 sind nur teilweise geklärt – auch bei Nazi-Größen selbst tauchten nach Kriegsende einige der verfemten Gemälde auf, so das „Bildnis des Dr. Gachet“ von Vincent van Gogh in der Privatsammlung von Hermann Göring. Die propagandistische Wirkung der Verbrennungssaga verfehlte allerdings nicht ihr Ziel: so kamen etwa Abgesandte des Basler Kunstmuseums mit 50.000 Schweizer Franken nach Berlin, um Kunstwerke zu kaufen – oder zu retten, je nach Perspektive.

Gachet von v. Gogh. Quelle: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/1/1e/Portrait_of_Dr._Gachet.jpg

Gachet von v. Gogh. Quelle: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/1/1e/Portrait_of_Dr._Gachet.jpg

Der Referent in der Abteilung Bildende Kunst, Rolf Hetsch, hatte alle Exponate der „entarteten Kunst“ bürokratisch genau dokumentiert, die Liste ist allerdings nur unvollständig überliefert. Die Kunsthistorikerin Meike Hoffmann von der Forschungsstelle „Entartete Kunst“ der FU Berlin hat mit ihrem Team die umfangreichste Datenbank mit über 21.000 Einträgen zur „entarteten Kunst“ aufgebaut. Immer wieder gibt es Überraschungen. „Im NS-Inventar haben all die Werke, die vernichtet werden sollten, ein ‚X‘ erhalten. Wir haben einige dieser Werke trotzdem wieder ausfindig machen können“, so Hoffmann gegenüber der Deutschen Welle.

Denn die ausgewählten Händler haben einzelne Werke auch für sich selbst reklamiert und privaten Handel betrieben. Das Ausmaß der Privatgeschäfte war lange unklar – bis zum „Schwabinger Kunstfund“ Ende 2013: In der Wohnung von Hildebrands Sohn Cornelius Gurlitt wurden rund 1400 Kunstwerke beschlagnahmt. Bei rund 500 davon wurde nicht ausgeschlossen, dass sie sogenannte NS-Raubkunst sind. Tatsächlich nachgewiesen werden konnte dies jedoch nur in fünf Fällen.

„wir haben die Hoffnung noch nicht verloren“

Neue Nahrung erhielt die Anti-Verbrennungsthese schon im Mai 2011, nachdem bei den Bauarbeiten zur U-Bahn-Linie 5 in der Königstraße 50 nahe dem Roten Rathaus mehr als ein Dutzend als verschollen geltende Skulpturen der „Entarteten Kunst“ gefunden wurden. Im Zuge der Aufklärung dieses Fundes war Hoffmann im Bundesarchiv auf ein Schreiben des Propagandaministeriums vom 14. August 1942 an die Reichspropagandaleitung gestoßen, die damals die Ausstellung in München organisiert hatte.

Daraus geht hervor, dass sich in dem 1944 bei einem Bombenangriff der Alliierten zerstörten Gebäude ein bisher unbekanntes Depot des Reichspropagandaministeriums befand, das für Erfassung, Verkauf und Lagerung der beschlagnahmten Kunstwerke zuständig war. Überliefert sei eine Notiz über „sieben Meter Ladung“, die sich wohl auf gedrängt aufgestellte Gemälde bezog, so Hoffmann.

Eins der entdeckten Exponate. Quelle. https://www.tagesspiegel.de/images/neuesmuseum/6328060/2-format43.jpg

Eins der entdeckten Exponate. Quelle. https://www.tagesspiegel.de/images/neuesmuseum/6328060/2-format43.jpg

Danach müssen Hunderte von Objekten in der Königsstraße 50 gelagert gewesen sein. Ungeklärt ist, warum es ein solches bislang unbekanntes Sonderdepot gab, obwohl die händlerische Verwertung durch das Ministerium als abgeschlossen galt, und wie groß das Lager tatsächlich war. Hoffmann glaubt dennoch, dass es die Verbrennung gab: „Die Nationalsozialisten waren große Bürokraten, aber sie hätten nicht eine angeordnete Vernichtung von mehr als 5000 Werken vertuschen können“.

Zudem gäbe es von dem Bilderbestand, der angeblich zur Vernichtung freigegeben wurde, keine Spuren in Dokumenten oder Sammlungsunterlagen. So gelten neben dem „Schützengraben“ von Otto Dix auch Franz Marcs 1913 entstandener „Turm der blauen Pferde“ bis heute als verschollen, obwohl sie angeblich nach dem Krieg erneut gesichtet worden sein sollen. Hoffmann bleibt optimistisch: „Aber wir haben die Hoffnung noch nicht verloren, auch weitere Werke, die als ‚X‘ gekennzeichnet waren, wieder aufzufinden.“

Hunderttausende jubelten ihr am 4. November 1989 auf dem Berliner Alex begeistert zu: Während der friedlichen Revolution wurde Christa Wolf gar das Amt des ersten freigewählten Staatsoberhaupts der DDR angetragen. Sie lehnte ab, unterschrieb aber mit anderen Autoren den Aufruf „Für unser Land“, den viele als Rettungsversuch für die DDR verstanden: „Wir hatten für einen sehr kurzen geschichtlichen Augenblick an ein ganz anderes Land gedacht, das keiner von uns je sehen wird“. Die sehr präzis formulierte Präambel für den Verfassungsentwurf des Runden Tisches, in der noch ein letztes Mal die „revolutionäre Erneuerung“ der DDR angemahnt wurde, stammt von ihr.

Wolf am 4.11.1989 auf dem Alex. Quelle: https://www.tagesspiegel.de/images/heprodimagesfotos82320111202wolf-jpg/5910620/2-format140.jpg

Wolf am 4.11.1989 auf dem Alex. Quelle: https://www.tagesspiegel.de/images/heprodimagesfotos82320111202wolf-jpg/5910620/2-format140.jpg

Zweiundzwanzig Jahre später, am 13. Dezember 2011, stehen dreihundert Trauernde dicht beieinander auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof in Berlin: Keine sechstausend, die ihr Verlag erwartet hat. Eine Weltliteratin wird zwei Wochen nach ihrem Tod zu Grabe getragen, von der politischen Führung der Bundesrepublik ist bis auf Linken-Chef Gregor Gysi niemand gekommen. Bundespräsident und Regierender Bürgermeister haben einen Kranz geschickt. Als Ernst Jünger („In Stahlgewittern“, „Der Waldgang“) starb, waren neben dem damaligen Ministerpräsident Erwin Teufel (CDU) auch Regierungsvertreter und fünf Bundeswehrgeneräle bei der Beisetzung dabei. Wo waren die vielen Leser, Bewunderer, die idealistisch jubelnden Retter einer selbstständigen DDR von einst?

„Stellvertretend für viele in Ost und auch in West, die an der Utopie einer gerechten Gesellschaft festhielten, bleibt Christa Wolf auch im vereinten Land Dissidentin“, brachte es im Freitag Daniela Dahn auf den Punkt. Das war manchen vielleicht zu unbequem, vielleicht auch zu altbacken: Wolf verkörperte eine Welt, in der Bücher noch etwas galten. In der Autoren ihren Lesern mehr waren als nur Verfasser von Texten. In der literarische Figuren weniger durch ihr Aussehen, ihre Hobbys, ihren Tonfall bedeutsam wurden. Es war nicht wichtig, wie eine Figur etwas sagte, sondern was sie sagte; nicht wichtig, wer es sagte, sondern dass es gesagt wurde – diesem Credo hing sie bis zuletzt an.

„Wo du nicht bist, da ist das Glück“

Geboren als Christa Ihlenfeld am 18. März 1929 in Landsberg an der Warthe, besuchte die Kaufmannstochter dort bis kurz vor Kriegsende die Schule. Ihre erste neue Heimat fand die Familie nach der Flucht vor den anrückenden Truppen der Roten Armee 1945 in Mecklenburg; Christa arbeitete als Schreibhilfe bei einem Dorfbürgermeister. Sie beendete die Oberschule 1949 mit dem Abitur in Bad Frankenhausen und trat im selben Jahr in die SED ein, die sie erst im Juni 1989 wieder verließ. Von 1949 bis 1953 studierte sie Germanistik in Jena und Leipzig und heiratete 1951 ihren Studienfreund, den späteren Lektor Gerhard Wolf, mit dem sie 1952 und 1956 je eine Tochter bekam.

Christa und Gerhard Wolf 2010. Quelle: https://media101.tlz.de/content/90/81/91/5I/9081915ITOKSEPSHI_FH5VHRKPNQYTNUUAYDBZMRQ501082014/D942134209990.JPG

Christa und Gerhard Wolf 2010. Quelle: https://media101.tlz.de/content/90/81/91/5I/9081915ITOKSEPSHI_FH5VHRKPNQYTNUUAYDBZMRQ501082014/D942134209990.JPG

In den fünfziger Jahren probierte sie sich als wissenschaftliche Mitarbeiterin beim Deutschen Schriftstellerverband, als Verlagslektorin und als Redakteurin aus. 1961 debütierte Christa Wolf mit ihrer „Moskauer Novelle“ über die Liebesbeziehung einer Ostberliner Ärztin zu einem russischen Dolmetscher. In dieser Zeit lebte sie mit ihrer Familie in Halle und leitete im Waggonbauwerk Ammendorf einen „Zirkel Schreibender Arbeiter“: so viele Werktätige wie möglich sollten an Literatur herangeführt bzw. unter dem Motto „Greif zur Feder, Kumpel“ selbst zum Autor werden. Seit 1962 arbeitete sie als freie Schriftstellerin: bis 1976 in Kleinmachnow, danach in Berlin – insgesamt neunmal zieht sie um. Von einer „Chronik fortgesetzter Verabschiedungen“ schreibt Biograph Jörg Magenau, die DDR wird zu den Verabschiedeten gehören – was sie damals freilich noch nicht weiß.

Ihre Hallenser Erfahrungen verarbeitet sie in der Erzählung „Der geteilte Himmel“ (1963), in der eine Liebe an der deutschen Teilung scheitert: den Mann treibt es in den Westen, die Frau bleibt hier und unternimmt einen Suizidversuch. Später von Konrad Wolf verfilmt, war es damals eins der meistdiskutierten Bücher in der DDR. Unglücklich endet auch die grüblerische, philosophisch-tiefsinnige Collage „Nachdenken über Christa T.“ (1968), in die ihre niederschmetternden Erfahrungen von Aufmüpfigkeit beim künstlerischen „Kahlschlagsplenum“ der SED 1965 einfließen und der bis zur Veröffentlichung ein langer Zensurprozess vorausgeht.

Fast 50 Bücher – von Romanen über Essays bis hin zu ihren 15.000 Briefen – wird sie am Ende geschrieben und editiert haben, dazu Hörspiele und Filme. Seit den Siebzigern Mitglied der Akademie der Künste sowie der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, kann sie ungehindert auf Studien- und Lesereisen gehen, so nach Frankreich, Skandinavien oder in die USA, wo sie die Ohio State University zum Ehrendoktor machte.

1976 dann eine doppelte Zäsur. Erst bricht sie mit dem autobiographisch gefärbten Roman „Kindheitsmuster“ ein Tabu: In der DDR war damals die Beschäftigung mit Flucht und Vertreibung der Deutschen von 1944 bis 1950 mit Rücksicht auf die Sowjetunion und die sozialistischen Bruderstaaten ein absolutes No Go. Im selben Jahr gehört sie zu den Unterzeichnern des „offenen Briefes gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns“, wird aus dem Schriftstellerverband der DDR ausgeschlossen und erhält in einem SED-Parteiverfahren eine „strenge Rüge“. Aber Wolf verließ nie die DDR und ließ auch nicht zu, „dass ihr Land sie verlässt“, meint Suhrkamp-Verlegerin Ulla Unseld-Berkéwicz. Zur DDR gab es für Wolf keine Alternative. Und doch fühlte sie sich immer mehr heimatlos, wie sie es in der grandiosen Novelle „Kein Ort. Nirgends“ (1979) zusammenfasste.

Erstausgabe "Kein Ort. Nirgends" Quelle: https://images.booklooker.de/s/00qRdB/Christa-Wolf+Kein-Ort-Nirgends-EA.jpg

Erstausgabe "Kein Ort. Nirgends" Quelle: https://images.booklooker.de/s/00qRdB/Christa-Wolf+Kein-Ort-Nirgends-EA.jpg

Darin verhandelt sie anhand einer fiktiven Begegnung der deutschen Dichter Heinrich von Kleist und Karoline von Günderrode bei einer Teegesellschaft eines Kreises romantischer Dichter existentielle Fragen von Künstlertum und Scheitern, ja wie entfremdeten Verhältnissen Sinn abzuringen ist – beide Protagonisten schieden im wirklichen Leben kurz nach der ins Jahr 1804 gelegten Begegnung unabhängig voneinander durch Selbstmord aus dem Leben. Ein „Jahrhundertgefühl von transzendentaler Obdachlosigkeit“ konstatiert Iris Radisch in der ZEIT. Wer Sätze hinwirft wie „Wo du nicht bist, da ist das Glück“, konnte Unbehaustheit knapper nicht artikulieren. Woran noch glauben? Woraufhin leben? Viele DDR-Leser projizierten in Christa Wolfs Werk und ihre Persönlichkeit einen Mut, den sie sich erhofften und oft selbst nicht aufbrachten: die Erde bewohnbarer zu machen. Ihr Hauptthema war das Leiden an einer Gesellschaft, die weit hinter den Entwürfen einer besseren Welt zurückbleibt. Als Romantikerin wohnte sie zeitlebens im irreparablen Dissens zum Status quo.

„dieser grübelnde, rauschende Bewusstseinsstrom“

Spätestens seit dieser Novelle hat sie einerseits ihre Stoffe gefunden, die wohl mit „Frauen und Frieden“ auf den Punkt zu bringen sind, als auch andererseits ihre ganz eigene unverwechselbare Stimme. Radisch spricht von einem „in die Magengrube fahrenden, immer ein bisschen wehen Moll-Ton“, ja einem „keuschen pfarrhäuslichen Sehnsuchtston“, und Christoph Dieckmann gar von einem Christa-Wolf-„Sound“: „dieser grübelnde, rauschende Bewusstseinsstrom der Selbst- und Welterkundung“. Ihr Schreiben war kein Behaupten, sondern ein Suchen, Fragen, Sichvorantasten im scheinbar Ungewissen. Ein so dichtes, dabei rhythmisches Schreiben hat auch etwas Sperriges, manchmal schmerzlich Sentimentalisches: der Leser wird gezwungen, genau zu lesen. Sich einzulassen auf den Gedanken- und Gefühlskosmos, in den er da eintaucht.

Es ist dieser persönliche Erfahrungsweg, der allen sozialistischen Schreibdoktrinen zuwider lief und mit dem Wolf eine aufmerksame Leserschaft auch im Westen fand, der literarisch gerade auf die sogenannte „Neue Subjektivität“ zusteuerte. Stand das Authentische und Individuelle im Osten gegen die Repressionen des Systems, stand im Westen dieselbe Haltung für Kritik an Konsumismus und Hedonismus. Wolf wurde seither in beiden Deutschlands als widerständig gelesen, als Oppositionelle, die allerdings bis zur Friedlichen Revolution für einen Sozialismus mit menschlichem Antlitz eintrat. So überlagern sich die Urteile über ihr Werk und über sie als Person, Autorin, SED-Genossin.

Kassandra-Ausgaben Ost und West. Quelle: http://christa-wolf-gesellschaft.de/wp-content/uploads/Cover-doppel/O_Kassandra_DPL.jpg

Kassandra-Ausgaben Ost und West. Quelle: http://christa-wolf-gesellschaft.de/wp-content/uploads/Cover-doppel/O_Kassandra_DPL.jpg

1980 wird sie als erste in der DDR lebende Autorin mit dem Georg-Büchner-Preis ausgezeichnet – kaum ein Preis übrigens, den sie in beiden deutschen Staaten nicht bekommen hat. Wolfs Texte waren 1982, da sie ihre „Poetikvorlesungen“ zum Kassandrastoff im hoffnungslos überfüllten Frankfurter Hörsaal hält, bereits kanonisch, gelesen als geschichtspessimistische Erzählungen, als Auseinandersetzung eines Individuums mit einem die Bedürfnisse des Einzelnen einschränkenden Staats. Diese Konfrontation ist bei Wolf immer und vielleicht vornehmlich eine mit dem eigenen Ich: „Ich schreibe, um mich selber kennenzulernen, soweit es geht. Da kann man sich nicht schonen.“

1983 wird „Kassandra“ gleichzeitig in der DDR und der BRD veröffentlicht – ein Novum. In der Erzählung werden die Ereignisse des Trojanischen Krieges aus der Perspektive der trojanischen Königstochter und Seherin Kassandra reflektiert, die mit dem Fluch geschlagen ist, dass niemand ihren Prophezeiungen glaubt – eine Parabel auf sich als machtfern und einflusslos empfindende Intellektuelle. „Ich wartete gespannt, ob sie es wagen würden, die Botschaft der Erzählung zu verstehen, nämlich dass Troja untergehen muss. Sie haben es nicht gewagt und die Erzählung ungekürzt gedruckt. Die Leser in der DDR verstanden sie.“ 13 Jahre später wird sie im Roman „Medea: Stimmen“ erneut eine starke Frauenfigur aus der griechischen Mythologie aufnehmen und anhand der Themen Flucht, Fremdenhass und Sündenbock-Werdung das Kindsmördermotiv antipatriarchalisch umdeuten – die Reaktionen darauf waren umstritten.

1987 unternimmt sie in „Störfall. Nachrichten eines Tages“ den nächsten Tabubruch: am selben Tag im April 1986 wird der jüngere Bruder der Erzählerin am Gehirn operiert – und ereignet sich der Reaktorunfall von Tschernobyl. Der Kunstgriff ermöglichte, sich sowohl mit den schlechten als auch den guten Seiten von Technik auseinanderzusetzen – anhand eines in der DDR weitgehend verschwiegenen Themas. Im selben Jahr beginnt ihr gesamtdeutsches Image zu wanken. Wolf hatte zur Verleihung des Kleistpreises an Thomas Brasch, der 1976 aus der DDR ausgewandert war, die Behauptung aufgestellt, die DDR mit ihren Widersprüchen habe Brasch erst kreativ gemacht. Marcel Reich-Ranicki widersprach in der FAZ vehement, nannte Wolfs künstlerische und intellektuelle Möglichkeiten „bescheiden“, sprach ihr Mut und Charakterfestigkeit ab und prägte den Titel „DDR-Staatsdichterin“.

BRD-Erstausgabe. Quelle: https://juergenuhlendorf.files.wordpress.com/2017/08/img_0473-kopie.jpg

BRD-Erstausgabe. Quelle: https://juergenuhlendorf.files.wordpress.com/2017/08/img_0473-kopie.jpg

Dann die Erzählung, die Wolf parallel zu „Kein Ort. Nirgends“ begann, aber erst „in der Windstille zwischen zwei Epochen“ 1989 freigab: „Sommerstück“. Fritz J. Raddatz fordert dafür in der ZEIT explizit den Nobelpreis für die Autorin, den sie – nach Hertha Müllers Ehrung – absehbar nicht mehr erhalten würde. Eine faszinierende Endzeitnovelle, ein Abschiedsspiel mit autobiographischen Zügen, eine Midlife-Party der verlorenen Träume. Porträtiert werden anspruchsvolle Selbstverwirklicher, die einst dachten, ihnen stünde mehr Welt als je zuvor offen, und nun desillusioniert an ihren verbliebenen Sehnsüchten laborieren: „Ganz deutlich, bedrängend sogar, spürten sie doch bei aller Lebensfülle einen Vorrat in sich, der niemals angefordert wurde … Sie waren es, die nicht gebraucht wurden.“

„der immer wieder versuchte Rufmord“

Als die Wende aus dem Ruf „Wir sind das Volk“ den Ruf „Wir sind ein Volk“ werden ließ, verstummte Wolf kurz und ging dann mit der novellistischen Erzählung „Was bleibt“ in die Offensive. Die Handlung rankt sich um einen Tag im Leben einer Ostberliner Schriftstellerin, deren Wohnung und berufliche Aktivitäten von der Stasi ganz offen observiert werden, und thematisiert monologisch die emotionalen Folgen der Beobachtung im alltäglichen Leben der Frau. Der Text wurde nach Wolfs Angaben schon Ende 1979 verfasst. Das verspätete Erschienen wurde zum Anlass einer medienwirksamen Auseinandersetzung um die politische Glaubwürdigkeit und den literarischen Rang der Autorin.

Unter Missachtung von Sperrfristen erschienen hämische Rezensionen in der ZEIT von Ulrich Greiner und in der FAZ von Frank Schirrmacher. Greiner zweifelte die Glaubwürdigkeit der Erzählung an. Schirrmacher machte der Autorin den Vorwurf, die Erzählung zu spät veröffentlicht zu haben, nämlich zu einem Zeitpunkt, in der sie ihre Brisanz verloren habe. Er vermutete sogar, der Text hätte zehn Jahre zuvor – auf Grund der Prominenz und Unangreifbarkeit Wolfs – dem Überwachungssystem der DDR geschadet, und legte damit nahe, Christa Wolf habe aus Angst um ihre Privilegien geschwiegen.

SPIEGEL-Text zu IM Margarete. Quelle: http://magazin.spiegel.de/EpubDelivery/spiegel/pdf/13680284

SPIEGEL-Text zu IM Margarete. Quelle: http://magazin.spiegel.de/EpubDelivery/spiegel/pdf/13680284

Danach begannen zahlreiche Intellektuelle aus Ost und West, sich im Kampf um die Deutungshoheit auch der eigenen Biographie als politisch engagierte Schriftsteller gegenseitig anzugreifen. Wolf selbst gab in der BZ Anfang 1993 zu, dass sie in ihrer Hallenser Zeit von 1959 bis 1962, da sie viele Betriebskontakte hatte, als „IM Margarete“ bei der Stasi geführt worden war. Neben 42 Aktenordnern (!) über ihre Überwachung gab es auch ein sage und schreibe 130 Seiten (!) langes Faksimile über ihre eigene Stasitätigkeit mit sieben Treffen und drei ausschließlich positiven (!) Berichten.

„Die vorschnelle Verurteilung von Schriftstellern jedenfalls, sie wäre das Fatalste, was jetzt passieren kann“, positionierte sich Schirrmacher flugs um. Spektakulär war die Forderung der Münchner CSU, der Stadtrat möge der Autorin den 1987 für den „Störfall“ verliehenen Geschwister-Scholl-Preis wieder aberkennen, was nicht zuletzt die ältere Schwester von Hans und Sophie Scholl, Inge Aicher-Scholl, abwehrte. Wolf empfand die Kritik als Hexenjagd, ja ungerechtfertigte Abrechnung mit ihrem Wunsch nach einem demokratischen Sozialismus sowie ihrer DDR-Biographie und verglich ihre Situation mit ihrer Unterdrückung in der DDR. Sie ging für längere Zeit in die USA und veröffentlichte 1993 ihre vollständige IM-Akte unter dem Titel „Akteneinsicht Christa Wolf“.

Von ihrer Diskreditierung erholte sich die wohl bedeutendste deutschsprachige Prosa-Autorin nach 1945 nicht mehr. So war fast zwangsläufig die DDR, der gescheiterte Entwurf einer anderen Gesellschaftsordnung, bis zu ihrem letzten Buch „Stadt der Engel oder The Overcoat of Dr. Freud“ (2010), das ihr „USA-Exil“ in Los Angeles thematisierte, das Brennglas, durch das ihr Schreiben Genauigkeit und Schärfe gewonnen hatte. Günter Grass beklagte zu ihrem Tod bitter „Was ihr im eigenen, trotz allem geliebten Land von Staats wegen zugefügt worden war, wurde nun in ähnlicher Praxis fortgesetzt, sozusagen gesamtdeutsch und hinterm Schutzschild ‚Meinungsfreiheit‘: Verleumdungen, verfälschte Zitate, der immer wieder versuchte Rufmord. Als Schande wird auch das bleiben.“

Grass beim Begräbnis. Quelle: https://www.moz.de/fileadmin/_processed_/b/0/csm_1012359754_9dedd9707e.jpg

Grass beim Begräbnis. Quelle: https://www.moz.de/fileadmin/_processed_/b/0/csm_1012359754_9dedd9707e.jpg

In seiner berührend-tiefsinnigen Grabrede sagte Volker Braun „Sie ging bis an die Grenze, an der man sich als Fremde entgegenkommt.“ Ein „Sich-Heranarbeiten an die innere Grenzlinie“ nannte Wolf ihr Schreiben selbst. Radisch erkannte eine romantisch erweiterte Politikauffassung, „die das Persönliche öffentlich und das Öffentliche persönlich verstehen möchte“. Zu Zeiten von Grenzen, die ja in Deutschland seit 1990 offenbar nur noch zum Überschreiten gut sind, gaben ihre Texte Antworten auf drängende Fragen: die Zukunft einer bipolaren Welt, die Krise der Moderne, Perspektiven von Ökologie, sozialen Bewegungen und vor allem von Gerechtigkeit. Antworten auf viele dieser Fragen wären heute vonnöten. Ihre Stimme fehlt.

Bei seinem ersten Blick auf das grazile Fluggerät in einem isolierten Hangar am Rande des Flughafens der südfranzösischen Stadt Toulouse soll den französischen Testpiloten André Turcat Wehmut überkommen haben: Würden wir „diese Kreatur je in die Luft bringen?“ erinnerte er sich im SPIEGEL an seinen Moment des Zweifels, da der Jet „wie ein in einem Netz gefangener Vogel“ hockte, eingeschnürt in Gerüste und Leitern.

Am 2. März 1969 um 15.40 Uhr brachte er gemeinsam mit seinem Co-Piloten, einem Flugingenieur und einem Beobachter die „Concorde“ erstmals in die Luft. Die langen Landebeine ausgestreckt, den beweglichen, vogelgleichen Schnabel vor dem Cockpitfenster zur besseren Sicht erdwärts gesenkt, flog die Maschine einen ovalen Kurs in rund 3000 Metern Höhe mit ca. 400 km/h und setzte nach 29 Minuten wieder auf. Als „rauschenden Triumph“ feierte die damalige britische Staatsfluglinie BOAC den Moment; US-Konkurrent PanAm schwärmte in Zeitungsanzeigen: „Willkommen im Morgen.“

Die Konstruktionsgeschichte der Überschallmaschine reichte aber fast ein Jahrzehnt zurück. Nach wirtschaftlichen Überlegungen gab die britische Regierung am 9. März 1959 den Startschuss zur zielgerichteten Entwicklung eines „Super Sonic Jets“. Weil die Entwicklungskosten für ein Land allein zu hoch waren, ging Großbritannien auf Partnersuche und wurde, da die USA eigene Pläne hatten und Deutschland durch den Weltkrieg noch geschwächt war, aus politischen Gründen mit Frankreich rasch einig: Der britische Premier Harold Macmillan brauchte Charles de Gaulles Wohlwollen, um sein Land in die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft zu führen.

Concorde und de Gaulle postalisch gewürdigt. Quelle: http://echo-de-la-timbrologie.com/store/101240-3208-thickbox/charles-de-gaulle-et-concorde.jpg

Concorde und de Gaulle postalisch gewürdigt. Quelle: http://echo-de-la-timbrologie.com/store/101240-3208-thickbox/charles-de-gaulle-et-concorde.jpg

Am 29. November 1962 schlossen de Gaulle und Macmillan den Überschall-Pakt, der für die Ingenieure der beteiligten Luftfahrt- und Triebwerkkonzerne eine ungeheure Herausforderung bedeutete. Mit 2,2-facher Schallgeschwindigkeit sollte das Flugzeug in Höhen von rund 18.000 Metern doppelt so schnell wie eine Gewehrkugel fliegen. Ihre Außenhaut würde sich dabei bis auf 120 Grad Celsius erhitzen: „Man kann fühlen, wie sich die Kabinenfenster erwärmen, während sie bei einem normalen Flug ja richtig kalt werden“, erzählt der britische Flugingenieur Paul Akinton im DLF.

„bis heute als schön“

Der Sprung über den großen Teich gelingt seit der offiziellen Indienststellung am 21. Januar 1976 nun doppelt so schnell wie mit einem Jumbojet: London – New York in rund drei Stunden. Das ermöglichte manche bizarre Aktion: 1985 konnte Phil Collins beim Rockfestival Live Aid erst in London, dann in Philadelphia auftreten. Und zu den Jahreswechseln gab es Flüge, bei denen man zweimal Silvester feiern konnte: Erst in Paris, ein paar Stunden später in New York.

Phil Collins bei Live Aid. Quelle: https://i2.wp.com/thepointsguy.com/wp-content/uploads/2018/11/GettyImages-993662734.jpg

Phil Collins bei Live Aid. Quelle: https://i2.wp.com/thepointsguy.com/wp-content/uploads/2018/11/GettyImages-993662734.jpg

Es gab kaum einen Staatsmann von Bedeutung, der nicht die Chance nutzte, einmal mit einer Concorde zu fliegen. Margaret Thatcher fühlte sich an Bord genauso wohl wie Queen Elizabeth oder Papst Johannes Paul II, der mit einer französischen Concorde am 2. Mai 1989 von La Reunion nach Lusaka in Sambia flog. Stars und Sternchen waren Dauergäste, allen voran Formel 1-Fahrer und Tennisstars. Auch Claudia Schiffer, Paul McCartney, Sting oder Elton John sollen gern Platz genommen haben. Bei Ticketpreisen von zuletzt 6000 – 8000 Euro wurden Champagner und Gänseleber gereicht.

Die pfeilförmige Form der Überschallmaschine gilt bis heute als Sinnbild für technischen Fortschritt und die Leistungsfähigkeit der Luftfahrtindustrie sowie als Inbegriff des Jetsets. Der schlanke Rumpf, seine spitze Nase und die deltaförmigen Flügel waren dem Primat der Geschwindigkeit geschuldet. „Weil alle Geschöpfe, gleich, ob Tiere, Schiffe oder Flugzeuge, die sich schnell durch Wasser oder Luft bewegen, ästhetisch wirken“, so der britische Physiker Brian Cox im SPIEGEL, „empfinden wir die Concorde bis heute als schön“.

Doch während Ästhetik und Schnelligkeit des außergewöhnlichen Flugzeugs nie in Frage standen, war seine Rolle im internationalen Luftverkehr von Anfang an fragwürdig. Bis 1970 hatten zwar 16 Fluggesellschaften weltweit insgesamt 74 Concordes bestellt. Doch viele stornierten wegen der ersten Ölkrise 1973 ihre Bestellungen für den Jet wieder, der bis zu 23.000 Liter Kerosin in der Stunde verbrannte – und das bei einer Kapazität von nur etwa 100 Passagieren. Ein moderner Airbus A320 mit Platz für 150 Reisende kommt fast mit einem Zehntel dieser Menge aus. Schon beim ersten Linienflug 1976 zeichnete sich also ein exklusives Nischendasein ab.

Die Queen an Bord. Quelle: https://www.welt.de/img/vermischtes/mobile101262532/5481622987-ci23x11-w960/concorde-76-queen-DW-Wirtschaft-Frankfurt-Archiv-jpg.jpg

Die Queen an Bord. Quelle: https://www.welt.de/img/vermischtes/mobile101262532/5481622987-ci23x11-w960/concorde-76-queen-DW-Wirtschaft-Frankfurt-Archiv-jpg.jpg

Zudem war die Concorde laut: Der charakteristische Knall beim Durchbrechen der Schallmauer führte dazu, dass die meisten Länder dem Jet nur eine Überfluggenehmigung für Geschwindigkeiten unter der Schallgrenze erteilte. So konnte der Pilot nach dem Start in Europa erst auf dem Atlantik richtig Gas geben, was Einsatzmöglichkeiten und Zeitgewinn einschränkte. Außerdem entsprach die Reichweite mal gerade eben dem Sprung von Europa über den Atlantik. Zu den vielen kühnen Projekten gehörte in den Anfangsjahren der erste Linienflug zwischen Paris und Rio de Janeiro; wenig später wurde die Strecke Paris ­ Caracas mit einem technischen Aufenthalt in Santa Maria gestartet. Beide Dienste wurden jedoch am 1. April 1982 schon wieder eingestellt.

zuletzt nur noch nach New York

Obwohl das Flugzeug als außerordentlich sicher galt, gab es immer Zwischenfälle. Oft waren Reifen schuld, so im Juni 1979, als das Fahrwerk nicht mehr eingefahren werden konnte und eine Maschine nach Washington zurückkehren musste. Ebenfalls recht häufig traten Vibrationen im Flugbetrieb auf. Mehrere Male verloren Concordemaschinen auch Teile des Seitenruders. Der damalige Lufthansa-Chef Herbert Culmann spottete im SPIEGEL: „Sagen Sie mir, wann ich für die Lufthansa Konkurs anmelden soll, und ich sage Ihnen, wie viele Concordes ich dafür brauche.“

Letzter Concorde-Unfall. Quelle: http://cdn3.spiegel.de/images/image-55006-galleryV9-aeny-55006.jpg

Letzter Concorde-Unfall. Quelle: http://cdn3.spiegel.de/images/image-55006-galleryV9-aeny-55006.jpg

So flogen mit Air France und British Airways nur zwei Airlines das modernste Flugzeug der Welt, das doch schon irgendwie ein Dinosaurier war: den Flugbetrieb stützte der französische Staat mit Zuschüssen von bis zu 90 Prozent. Ähnlich großzügig hielten die britischen Steuerzahler ihre Überschallflotte aus. 1981, als umgerechnet bereits gut 4 Milliarden Euro in das Projekt geflossen waren, berichtete die Pariser Tageszeitung “Le Figaro”, Staatspräsident François Mitterand sei entschlossen, den unrentablen Passagierjet aus dem Verkehr zu ziehen. Die 16 Maschinen verkehrten zuletzt nur noch auf der lukrativen Nordatlantik-Strecke nach New York.

Im Juli 2000 wollten auch 96 deutsche Touristen dorthin, um das Kreuzfahrtschiff „MS Deutschland“ zu besteigen. Doch ihre Concorde rollt beim Start in Paris über ein Metallteil, das ein kurz zuvor abgehobenes Flugzeug verloren hatte und das links einen Reifen zerfetzte. Dessen Reste werden gegen die linke Tragfläche geschleudert und beschädigen Tank Nummer 5. Herausströmendes Kerosin entzündet sich, die bereits brennend abhebende Maschine taumelt etwa eine Minute in einer Höhe von 60 Metern, neigt sich dann nach links und stürzt auf ein Hotel im Pariser Vorort Gonesse. Alle Passagiere und Besatzungsmitglieder sowie vier Menschen am Boden werden getötet. Die Behörden entzogen der Concorde die Typenzulassung, Air France und British Airways stellten Flüge mit dem Überschalljet nach diesem ersten – und einzigen – Absturz bis auf weiteres ein.

Beide Flieger in Sinsheim. Quelle: https://img.fotocommunity.com/concord-tupolev-144-museum-sinsheim-114a3dbe-d919-448c-82d0-2187bbc6999c.jpg

Beide Flieger in Sinsheim. Quelle: https://img.fotocommunity.com/concord-tupolev-144-museum-sinsheim-114a3dbe-d919-448c-82d0-2187bbc6999c.jpg

Zwar steckten beide Airlines noch einmal Millionen in eine Umrüstung ihres prestigeträchtigen Flaggschiffs, das seine Zulassung wiedererhält. Doch wie schon 25 Jahre zuvor der Erstflug kommt Ende 2001 auch das Comeback der Concorde zur falschen Zeit: Kurz nach den Terroranschlägen von New York und Washington steckt die Luftfahrtbranche in der Krise. Am 24. Oktober 2003 startete in New York der letzte Linienflug nach London; der „Donnervogel“ wurde über dem Ärmelkanal von einem Verband der britischen Kunstflugstaffel Red Arrows begleitet. Damit endete auch der zivile Überschallflug: die USA haben ihre Pläne nie realisiert, die russische TU 144, schelmisch „Concordski“ genannt, flog nach mehreren Pannen schon seit 1983 nicht mehr. Zwei Exemplare beider Überschallschönheiten stehen heute im Auto- und Technikmuseum Sinsheim einträchtig beieinander.

„Blicke ich auf meine geistige Entwicklung, so meine ich, etwas von Kindheit an Gleichbleibendes zu sehen. Die Grund-Verfassung der Jugend hat sich im Laufe des Lebens geklärt, im Stoff des Weltwissens bereichert, aber es hat niemals Wandlungen der Überzeugung gegeben, keinen Bruch, keine Krise und Wiedergeburt.“ Der das als 70jähriger durchaus selbstgewiss von sich behauptete, hat nicht nur der Psychiatrie ein Standardwerk geschenkt, sondern auch die Existenzphilosophie mitbegründet, die These der Kollektivschuld bestritten, die Wiedervereinigung abgelehnt und mehr direkte Demokratie gefordert. Was sich wie ein politisches Sammelsurium liest, offenbart sich als schweres Leben.

Karl Jaspers wurde am 23. Februar 1883 in Oldenburg als Sohn eines Bankdirektors und Landtagsabgeordneten sowie Urenkel eines Schmugglers geboren. Von Kindheit an litt er an Bronchiektasen, unheilbaren Lungenmissbildungen, die seine körperliche Leistungsfähigkeit erheblich beeinträchtigten, ihn anfällig für Infektionen machten und ihn sein Werk buchstäblich dem Tod abtrotzen ließen: „Für mich selber war die Krankheit ein Schicksal.“ Diese Einschränkungen sowie familiäre Umstände sensibilisierten ihn für psychologische Fragen. Er studierte Jura und Medizin, wurde 1908 in Heidelberg promoviert und heiratete 1910 die jüdische Krankenpflegerin Gertrud Mayer.

Jaspers mit seiner Frau. Quelle: https://pima1963.files.wordpress.com/2014/11/jaspers-and-wife.jpg?w=1000&h=689

Jaspers mit seiner Frau. Quelle: https://pima1963.files.wordpress.com/2014/11/jaspers-and-wife.jpg?w=1000&h=689

1913 legte Jaspers als gerade Dreißigjähriger sein „Lehrbuch der Allgemeinen Psychopathologie“ in Heidelberg als Habilitationsschrift vor, die bis heute als richtungsweisendes Standardwerk gilt und ihm 1916 die Ernennung zum außerordentlichen Professor einbringt. Schon 1919 begründete er mit der „Psychologie der Weltanschauungen“ die „Existenzphilosophie“ und erntet damit ersten philosophischen Ruhm: Eine Typologie des Wunderns, Reflektierens, ja der Fragwürdigkeiten des Daseins. 1920 rückte er zum Extraordinarius auf, begann seine Freundschaft mit Martin Heidegger („Sein und Zeit“) und wurde 1921 als Doktor der Medizin auf einen Lehrstuhl der Philosophie berufen.

Seitdem ermöglichte er in schwergewichtigen Schriften erstmals das Gespräch unter den „Menschenwissenschaften“. Eine dreibändige Philosophie erschien 1932/33, zuvor stieß die Schrift „Die geistige Situation der Zeit“ (1931) mitten in die Existenzangst der Weltwirtschaftskrise vor. Wissenschaft und Technik, so Jaspers, sind zwar für jedes Handeln nützlich, sie können jedoch das, „was wirklich geschieht … nicht ändern“. Zu ändern vermag nur das „überschreitende Denken, durch das der Mensch er selbst werden möchte“, eben die „Existenzphilosophie“. Als Appell an die Freiheit („Existenzerhellung“) führt es aber „zu keinem Ergebnis“; es bleibt „gegenstandslos“. Jaspers: „Ich bin nicht, was ich erkenne, und erkenne nicht, was ich bin.“ 1932 promovierte er Golo Mann.

„Größe abendländischer Überlieferung“

Nach Hitlers Machtergreifung konstituierte sich an der Universität Heidelberg ein Kreis, dem auch Jaspers angehörte, mit dem Ziel, für die badischen Universitäten nach den Prinzipien des NS-Regimes eine neue Verfassung zu entwerfen. Jaspers selbst schuf einen Entwurf nach dem Führerprinzip: für ihn ist die Universität eine Stätte der Erziehung und Ausbildung einer geistesaristokratischen Elite, die sich von der „Vermassung“ und vom bloßen Wissenschaftsmanagement abhob. Der Kontakt zu Heidegger brach nach dessen NSDAP-Eintritt ab. 1950 hat der Jaspers gegenüber brieflich seine Scham darüber eingestanden: „Ich bin seit 1933 nicht deshalb nicht mehr in Ihr Haus gekommen, weil eine jüdische Frau dort wohnte, sondern weil ich mich einfach schämte.“ Jaspers war jedoch nicht bereit, die frühere Vertrautheit wiederzubeleben.

Dabei verdrängte der Philosoph anfangs die politischen Realitäten: Als man ihm prophezeite, man werde die Juden „eines Tages in Baracken bringen und die Baracken anzünden“, hielt er es für Phantasterei: „Das ist ja ganz unmöglich.“ Seine Schülerin und Freundin Hannah Arendt ließ er wissen, das Ganze sei „eine Operette. Ich will kein Held in einer Operette sein.“ Ihre Emigration erschien ihm als übereilte „Dummheit“. Arendt konnte Jaspers‘ Deutschtum nachvollziehen, aber hielt ihm auch deutlich vor, dass er aus naivem Vertrauen in die politische Reife seiner Mitbürger nicht in der Lage war, die Bedrohung des Nationalsozialismus zu erkennen. Er bejahe die deutsche Macht, weil er meinte, Deutschland solle zwischen dem russischen Despotismus und dem angelsächsischem „Konventionalismus“ ein drittes Reich werden und „den Geist der Liberalität, der Freiheit und Mannigfaltigkeit persönlichen Lebens, der Größe abendländischer Überlieferung“ vertreten.

Aufgrund der Maßnahmen zur „Gleichschaltung“ der Universitäten in Deutschland wurde Jaspers zunächst aus der Universitätsverwaltung ausgeschlossen, aber erst Ende September 1937 mit Ruhebezügen zwangspensioniert. 1938 wurde ihm zunächst ein inoffizielles, ab 1943 ein offizielles Publikationsverbot auferlegt. Er resümierte später: „Ich habe von Hitler acht Jahre Urlaub bekommen.“ Mehrere Male dachte er an Emigration und hoffte auf einen Ruf ins Ausland. Von Freunden unternommene Versuche scheiterten jedoch. Eigentlich hatte er sich für die innere Emigration entschieden, im Namen der Zugehörigkeit zu einer Schicksalsgemeinschaft: „Niemand verlässt ohne Einbuße sein Land.“ Man laufe im Exil Gefahr, der „Bodenlosigkeit“ zu verfallen.

Jaspers. Quelle: http://mythosandlogos.com/Jaspers2.jpg

Jaspers. Quelle: http://mythosandlogos.com/Jaspers2.jpg

Nach 1945 gehörte Jaspers zu den profiliertesten Wissenschaftlern, die zur Neubegründung und Wiedereröffnung der Universität Heidelberg beitrugen, und wurde 1946 zum Ehrensenator gewählt. In der Schrift „Die Schuldfrage“, zugleich seine erste Vorlesung, entwickelte er ein vierdimensionales Verständnis von Schuld, das auch heute noch die politische Diskussion maßgeblich beeinflusst: die kriminelle, die politische, die moralische und die metaphysische Schuld. Die erste zu verurteilen ist Sache der Gerichte, die zweite Sache des Siegers. Gleichzeitig wandte er sich gegen die These von der Kollektivschuld und hielt es für „sinnwidrig“, ein Volk als Ganzes eines Verbrechens zu beschuldigen oder moralisch anzuklagen: „Verbrecher ist immer nur der einzelne. […] Moralisch kann immer nur der einzelne, nie ein Kollektiv beurteilt werden.“

„den notwendigen Weg der legalen Revolution vorbereiten“

1947 veröffentlichte er sein mit Abstand wichtigstes Buch „Von der Wahrheit“, das Menschen aus dem Klammergriff der „Existenz“ in die Wechselfälle des Lebens freisetzte. „Der Mensch ist unvollendet und nicht vollendbar“, lautet einer seiner Grundthesen. Enttäuscht von der weiteren allgemein- und hochschulpolitischen Entwicklung im Nachkriegsdeutschland nahm Jaspers 1948 einen Ruf als Professor nach Basel an: der neuen deutschen Wirklichkeit könne er nicht vertrauen.

„Überhaupt war er zwar in der Bundesrepublik ein Star-Intellektueller, doch innerhalb der Universitäten wurde er weitgehend ignoriert“, meint Thomas Meyer in der ZEIT. Er gab immer wieder stark beachtete Stellungnahmen zu Zeitfragen wie auch zu wissenschaftlichen Themen ab, seine Rundfunk- und Fernsehinterviews „wurden von Konrad Adenauer und seinen Bonner Kollegen genauso beachtet und kommentiert wie von Walter Ulbricht und dessen Genossen in Ost-Berlin“, so Meyer.

Jaspers-Haus in Oldenburg. Quelle: https://uol.de/fileadmin/_processed/c/c/csm_Bild1_03_3df9605ad3.jpg

Jaspers-Haus in Oldenburg. Quelle: https://uol.de/fileadmin/_processed/c/c/csm_Bild1_03_3df9605ad3.jpg

Auf über 1000 Seiten konnte man sich 1957 über „Die großen Philosophen“ belehren lassen, was, wie sich Jahre nach Jaspers’ Tod herausstellte, nur ein Teil eines mindestens zwei weitere Bände umfassenden gigantischen Unternehmens war. 1958 schrieb er in „Die Atombombe und die Zukunft des Menschen“, die weißen Völker könnten die zur Unabhängigkeit gelangenden Völker nicht daran hindern zu verhungern, wenn diese partout nicht lernen wollten, sich redlich aus dem Land zu ernähren. Auch müsse der Krieg mit Atomwaffen „unvermeidlich augenblicklich zur Apokalypse führen“. Der Sowjetunion, in der Schrift noch als unverbesserlich totalitär eingeschätzt, empfahl er acht Jahre später, mit den USA zusammen die chinesische Atomrüstung ultimativ auszuschalten.

Zeitlebens der Idee eines deutschen Nationalstaats nicht gerade zugetan, schrieb er 1960 in „Freiheit und Wiedervereinigung“, die Bundesrepublik müsse, um ihre hitlerische Vergangenheit zu sühnen, auf die Wiedervereinigung verzichten. Die Anerkennung der DDR und der Grenze an Oder und Neiße forderte er nicht aus Zweckmäßigkeit, sondern als angemessene, als verdiente Quittung für den willkürlich begonnenen, verbrecherisch geführten Weltkrieg. Prompt wurde er als „Vaterlandsverräter“ und „Handlanger des Kommunismus“ beschimpft.

1966 erhob er in „Wohin treibt die Bundesrepublik?“ seine Stimme gegen Machtpolitik und Parteienstaat und trat für eine Verfassungsänderung zugunsten von mehr direkter Demokratie ein. So regte er Rudolf Augstein am 9. Juli 1966 zu einer Recherche an: „Beherrschen uns am Ende 10 000 oder noch viel weniger? Wie funktioniert die Parteienhierarchie, und wie operieren die Parteifunktionäre? Durch welche Mittel behaupten sie ihre Macht? Welche Solidaritäten verbinden sie? Wie wirken sich ihre Rivalitäten aus? Dass wir Untertanen dieser kleinen Parteien-Oligarchie sind, scheint mir zweifellos. Man müsste es nur viel deutlicher sehen. Mir scheint, dass solches Wissen den notwendigen Weg der legalen Revolution vorbereiten könnte, um uns noch rechtzeitig zu befreien.“ Das klingt fast verschwörungstheoretisch und brächte Jaspers heute den Vorwurf von AfD-Nähe ein.

Als Reaktion auf die Wahl des ehemaligen NSDAP-Mitglieds Kurt Georg Kiesinger zum Bundeskanzler sowie auf die Verabschiedung der Notstandsgesetze 1968 erwarb er auch die Schweizer Staatsbürgerschaft. Am 26. Februar 1969 starb Jaspers in Basel. Sein Werk umfasst über 30 Bücher mit etwa 12.000 Druckseiten, die meisten international übersetzt, und einen Nachlass von 35.000 Blättern mit einigen tausend Briefen. Man geht von einer deutschsprachigen Gesamtauflage von mehr als einer Million Exemplaren aus. Es gibt weltweit sieben Jaspers-Gesellschaften, in der Schweiz eine Karl-Jaspers-Stiftung, die Universität Heidelberg vergibt den Karl-Jaspers-Preis. Und seit 1990 veranstaltet die Universität in Oldenburg die jährlichen Karl Jaspers Vorlesungen zu Fragen der Zeit. Er war Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels, Erasmus- und Goethe-Preisträger sowie mehrfacher Ehrendoktor, darunter an der Pariser Sorbonne.

Lesespuren: Jaspers` Exemplar von Kants „Kritik der reinen Vernunft“. Quelle: https://uol.de/fileadmin/_processed/c/0/csm_Jaspers_fuer_Web_8a765c0a1a.jpg

Lesespuren: Jaspers` Exemplar von Kants „Kritik der reinen Vernunft“. Quelle: https://uol.de/fileadmin/_processed/c/0/csm_Jaspers_fuer_Web_8a765c0a1a.jpg

„Keiner, Kant eingeschlossen, hat sich mit so wenig Schonung für die eigene Person in die Helle der Öffentlichkeit hineingeworfen, um der Philosophie zu sichern, was sie doch niemals beherbergen kann: tiefere Einsicht vom Standort einer höheren Moral“, schrieb Rudolf Augstein im SPIEGEL. Aber dieses „Hineinwerfen“ hat für Augstein vor allem mit „Appellieren“ zu tun, nichts mit „Aussagen“ – weshalb Jaspers eigentlich nur Anregung sei, nicht aber Bedeutung hätte. „Welche Wirkung konnte solch moralisches Appellieren haben? Die Frage wäre sinnvoll, wenn irgendein moralisches Appellieren in der Bundesrepublik je sinnvoll gewesen wäre“, so Augstein bitter. Darüber mag man ein Weilchen nachsinnen.

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