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Herzlich willkommen!

Als Dozent informiere ich Sie auf meiner Webpräsenz über meine Aktivitäten rings um die hochschulische Ausbildung angehender Medienmacher.

Als Mensch lasse ich Sie gern an meinen freizeitlichen Aktivitäten teilhaben, zu denen nicht zuletzt Kochen gehört ;-)

Als Bildungsbürger kommentiere/rezensiere ich außerdem vielerlei kulturelle Phänomene – vom Roman über den Musikergeburtstag bis zum Regisseurstod.

Und als (Ex-)Journalist blogge ich daneben unregelmäßig Betrachtungen zu Interessantem und Wissenswertem nicht nur aus der Welt der Medien.

Warum gerade Betrachtungen?

Ich empfinde dieses Genre – eine Meinungsdarstellungsform übrigens – als eins der zeitgemäßen schlechthin.

Eine Betrachtung soll durch Beschreibungen und Schilderungen, Vergleiche und Annäherungen bis hin zur Analyse einem Ereignis, einer Situation, einem Gegenstand oder auch einem (gesellschafts-) politischen Problem Individualität verleihen: Recherche darf in gewissem Maße substitutiert werden durch Subjektivität.

Die Betrachtung ist durchaus mit derselben eines Kunstwerks in einer Ausstellung vergleichbar: man wählt zunächst die Gesamtschau und wechselt dann zu einzelnen Aspekten.

Dabei ist dem Genre eigen, dass die Prioritäten dieser Aspekte oft im Vagen bleiben: aus der Betrachtung erwächst ein Gedanke, der das formale Ziel darstellt.

Der Gegenstand darf dabei Randerscheinung eines größeren Zusammenhangs bleiben: “die Bedeutung des Unbeachteten birgt den Kern ihrer Aussage” (Degen 2004).

Viel Spass beim Lesen – und natürlich beim Kommentieren!

„Paris darf nicht oder nur als Trümmerfeld in die Hand des Feindes fallen.“ So steht es im Befehl 772989/44 zur „Verteidigung des Brückenkopfes Paris“ aus dem Oberkommando der Wehrmacht, den Stadtkommandant Dietrich von Choltitz am 23. August 1944 erhielt. Der General, 49 Jahre alt, ein Veteran schon des Ersten Weltkriegs, hat an nahezu allen Fronten gekämpft, in Russland, in Italien und in der Normandie. Er will seine „Pflicht tun“, wie er sagt, und benutzt die Ausrede aller Machtbeladenen, die vor der persönlichen Verantwortung fliehen: „Ich habe jetzt keine Wahl mehr.“

Der Verlust von Paris, so steht es im Befehl, habe in der Geschichte bisher immer den Fall von ganz Frankreich bedeutet. Aber was hätte die Zerstörung von Paris in der Geschichte bedeutet? Choltitz muss sich entscheiden, so oder so werden die Pariser, ja wird die Welt sich an ihn erinnern – als Henker oder als Retter der „Stadt des Lichts“, die für die deutschen Soldaten vier Jahre lang der schönste Standort im ganzen Krieg war, ein Ruhepol und ein Erholungszentrum inmitten des in Ruinen zerfallenden Europa. Die 1525 Tage dauernde Besetzung der französischen Hauptstadt durch die Deutschen neigt sich dem Ende zu.

„Diplomatie“, das Historiendrama Volker Schlöndorffs, das im Spätsommer 2014 in die deutschen Kinos kam, zeigt die letzten Stunden vor der Befreiung von Paris. Der Film besteht fast nur aus einem Dialog zwischen zwei Männern, den es in Wirklichkeit so sicher nicht gegeben hat, aber hätte geben können: dem Stadtkommandanten Choltitz und seinem Überraschungsbesucher, dem schwedischen Konsul Raoul Nordling, der den deutschen General mit dessen Gewissenskonflikt konfrontiert und ihm die bequeme Berufung auf den Befehlsnotstand – die Entschuldigung unzähliger Kriegsverbrechen – Zug um Zug verbaut. Am Ende setzt der Diplomat den Militär schachmatt: Choltitz lässt sich am 25. August 1944 gegen 15 Uhr im Hotel Meurice von den Siegern gefangen nehmen und abführen. Paris brannte nicht. Als „Brennt Paris?“ war die Geschichte schon 1966 unter anderem mit Gert Fröbe als Choltitz prominent verfilmt worden.

Schlöndorff am "Diplomatie"-Set. Quelle: http://www.planet-interview.de/wp-content/uploads/schl%C3%B6ndorff-2.jpg

Schlöndorff am "Diplomatie"-Set. Quelle: http://www.planet-interview.de/wp-content/uploads/schl%C3%B6ndorff-2.jpg

Es war das einzige Mal, dass der frankophile Schlöndorff einen bereits verfilmten Stoff erneut aufgriff – im Gegensatz zu weltliterarischen Vorlagen, die er detailverliebt und mit viel Engagement auf die Leinwand brachte, so bereits seinen Erstling „Der junge Törless“. Nach dem Roman „Die Verwirrungen des Zöglings Törleß“ von Robert Musil schrieb er 1963-65 das Drehbuch und realisierte den Streifen auch als Regisseur. Der Film wurde hochgelobt, in den Kategorien Drehbuch, Regie und Bester Film mit dem Deutschen Filmpreis und mit dem Kritikerpreis des Filmfestivals von Cannes ausgezeichnet; er gilt als der erste internationale Erfolg des jungen deutschen Films.

„Leseerlebnisse waren dagegen Offenbarungen“

Ein Leben als Regisseur und Drehbuchautor war Volker Schlöndorff als zweitem von drei Söhnen einer Arztfamilie nicht in die Wiege gelegt. Geboren am 31. März 1939, verliert er seine Mutter 1944 bei einem Küchenbrand. Er wächst in Schlangenbad im Taunus auf, war ein stilles Kind, geprägt von einer frühen, universellen Liebe zum Fiktionalen, Erzählten, zu Geschichten und Charakteren: „Selbsterlebtes erschien mir nicht immer wichtig, Leseerlebnisse waren dagegen Offenbarungen“, zitiert ihn kinofenster.de. „Lesen“, erzählt er in seiner Autobiografie „Licht, Schatten und Bewegung“, hieß „zu erfahren, wie andere Menschen sind und wie sie leben“. Er besuchte erst das Gymnasium in seinem Geburtsort und setzte im Anschluss an einen Schüleraustausch ab 1955 seine schulische Ausbildung in Frankreich fort, zuletzt an der Pariser Eliteschule „Lycée Henri IV“ mit dem späteren Regisseur Bertrand Tavernier als Sitznachbar.

Während seine Brüder in die Fußstapfen des Vaters traten und Mediziner wurden, studierte er in Paris zunächst Jura und bereitet sich auf die Aufnahme an der Filmhochschule vor: in der Cinéma-thèque française in Paris sah er sich allabendlich zwei bis drei Filme an und lernte wohl auch Regisseure der Nouvelle Vague kennen. Als einer von elf aus 300 Bewerbern ausgewählt, ließ er das Studium verfallen, da er 1960 bei Louis Malle als Regieassistent arbeiten und später auch bei Ludwig Berger, Jean-Pierre Melville und Alain Resnais hospitieren konnte. Damit stand ihm die Tür zu einer Filmkarriere auch ohne akademische Ausbildung offen.

Baal-Wiederaufführung mit Trotta und H. Schygulla. Quelle: https://www.bz-berlin.de/data/uploads/multimedia/archive/00471/71643977_3e293ac4d_471729a-768x432.jpeg

Baal-Wiederaufführung mit Trotta und H. Schygulla. Quelle: https://www.bz-berlin.de/data/uploads/multimedia/archive/00471/71643977_3e293ac4d_471729a-768x432.jpeg

1967 stellt er in „Mord und Totschlag“ die Klischees des Kriminalfilms auf den Kopf, indem er nicht die Aufklärung des Verbrechens in den Mittelpunkt stellt, sondern die Bemühungen der Täterin, ihre Tat, den Mord an ihrem Freund, zu vertuschen. Der zwei Jahre später ertrunkene Rolling Stones-Gitarrist Brian Jones schrieb die Musik dazu, die FSK stufte die Altersfreigabe erst 2018 von 18 auf 16 Jahre herunter. 1969 und 1974 gründet Schlöndorff mit verschiedenen Partnern zwei Produktionsfirmen. 1969 verfilmt er Kleists „Michael Kohlhaas“, 1970 Brechts „Baal“, der 44 Jahre verboten war und erst zur Berlinale 2014 wieder gezeigt wurde.

1971 heiratet Volker Schlöndorff die Schauspielerin und Regisseurin Margarethe von Trotta, die mit ihm als Schauspielerin, Regie-Assistentin, Co-Regisseurin und Co-Autorin arbeitet. Die Beziehung wird 20 Jahre halten und bereits 1975 im mehrfach ausgezeichneten Film „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ nach der gleichnamigen Erzählung von Nobelpreisträger Heinrich Böll einen künstlerischen Höhepunkt erreichen. Thematisiert wurde darin die negative, konfliktverstärkende Rolle des Sensationsjournalismus im Zusammenhang mit dem RAF-Terrorismus der 1970er Jahre.

Dafür wurde Schlöndorff von der Springer-Presse massiv angegriffen und von der CSU als „hauptverantwortlicher Informationsstratege der RAF“ diffamiert. Die Kritik zog seinen Ausstieg aus dem Verwaltungsrat der Filmförderungsanstalt nach sich, dem er auf Vorschlag der SPD-Bundestagsfraktion von 1974 bis 1978 angehörte. Der SPD stand Schlöndorff über Jahrzehnte nahe, ohne ihr Mitglied zu sein. 1999 nimmt er das RAF-Thema in „Die Stille nach dem Schuss“ mit DDR- und Stasi-Bezug erneut auf und plädiert 2007 in der Debatte um die Freilassung der Ex-Terroristen Christian Klar und Brigitte Mohnhaupt für Gnade. Dieses Muster, bestimmte für ihn „unabgeschlossene“ Geschichten abermals aufzugreifen, zieht sich menschlich wie künstlerisch durch sein Leben.

Katharina-Blum-Cover. Quelle: https://gfx.videobuster.de/archive/v/cp_OyaeQZexCy8cTY2HIr1Qcz0lMkawMDklMkYwOSUyRmltYZklMkZqcGVnJTJGY-JlqDNkzjBh_jRiZWbtMYs5ZTAzYThm2C5qcGcmcj137zg/die-verlorene-ehre-der-katharina-blum.jpg

Katharina-Blum-Cover. Quelle: https://gfx.videobuster.de/archive/v/cp_OyaeQZexCy8cTY2HIr1Qcz0lMkawMDklMkYwOSUyRmltYZklMkZqcGVnJTJGY-JlqDNkzjBh_jRiZWbtMYs5ZTAzYThm2C5qcGcmcj137zg/die-verlorene-ehre-der-katharina-blum.jpg

Nach der schwermütigen Verfilmung von Marguerite Yourcenars russischem Bürgerkriegsdrama „Der Fangschuß“ gelang Schlöndorff 1979 der internationale Durchbruch mit der Verfilmung von Günter Grass’ gleichnamigem Weltkriegsepos „Die Blechtrommel“. Ausgezeichnet mit der Goldenen Palme in Cannes und dem Oscar für den besten fremdsprachigen Film markiert der Streifen den ersten Höhepunkt der internationalen Anerkennung des deutschen Films nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. „Papas Kino, gegen das Alexander Kluge, Wim Wenders oder Rainer Werner Fassbinder dereinst angetreten waren, schien endlich abgeschafft“, jubelt Thomas Winkler auf kinofenster.de.

„Ich wollte endlich mal über mich reden“

Es war der Moment, in dem der Neue Deutsche Film aber auch erkennen musste, dass er nun selbst angekommen war in dem Establishment, das er doch eigentlich bekämpft hatte. In die polnische Werftstadt Danzig, wo die Dreharbeiten unter anderem stattfanden, kehrt Schlöndorff 2005 zurück, um die Geschichte von Anna Walentynowicz zu verfilmen: einer auf der Werft beliebten, aber vom Schicksal gezeichneten Kranführerin und wichtigsten Mitgründerin der polnischen Solidarność. Der Film kam 2007 unter dem Titel „Strajk – Die Heldin von Danzig“ in die Kinos.

Nach dem Erfolg der Blechtrommel ging Schlöndorff mit der Absicht in die USA, auch den Rest seines Lebens dort zu verbringen – mit dem Fall der Mauer sollte er seine Lebensplanung ändern und von New York nach Potsdam ziehen. Zunächst drehte er „Die Fälschung“ (1981) nach dem Roman von Nicolas Born. Der medienkritische Streifen zählt zu seinen interessantesten Literaturverfilmungen und wurde mit Bruno Ganz und Hanna Schygulla während des libanesischen Bürgerkriegs in Beirut realisiert. „Eine Liebe von Swann“, 1984 nach dem gleichnamigen Kapitel aus Marcel Prousts „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ verfilmt, bezeichnete er selbstkritisch als „weitgehend gescheitert“.

1985 verpflichtete er Dustin Hoffman, Kate Reid und John Malkovich für seine preisgekrönte Fernsehverfilmung „Tod eines Handlungsreisenden“ nach dem gleichnamigen Drama von Arthur Miller. 32 Jahre später nimmt er Hoffman gegen Vorwürfe der sexuellen Belästigung in Schutz: Eine damals 17-jährige Praktikantin hatte dem Hollywood-Star vorgeworfen, sie am Set von Schlöndorffs Film sexuell belästigt zu haben. Schlöndorff nannte die Vorwürfe in der ZEIT eine „lächerliche Anklage“.

1990 schafft Schlöndorff mit „Die Geschichte der Dienerin“, einer Verfilmung des dystopischen Romans „Der Report der Magd“ von Margaret Atwood, einen weiteren künstlerischen Höhepunkt: In einer düsteren Zukunftsvision werden Frauen von Fremden in einem religiös-fundamentalistischen Nachfolge-Teilstaat der USA zum Gebären gezwungen. Im Jahr darauf verfilmt er Max Frisch’s „Homo Faber“. Aus Dankbarkeit hat Frisch Schlöndorff damals seinen Jaguar geschenkt: „Da, wo ich hingehe, brauche ich ihn nicht mehr“. Die Kritik verreißt den Streifen aber als „zu ehrfürchtig“.

Schlöndorff und Frisch. Quelle: http://schloendorff.deutsches-filminstitut.de/medien/2014/03/Homo-Faber_Fotos_Treffen-Max_Frisch_24_5_3_03_003a.jpg

Schlöndorff und Frisch. Quelle: http://schloendorff.deutsches-filminstitut.de/medien/2014/03/Homo-Faber_Fotos_Treffen-Max_Frisch_24_5_3_03_003a.jpg

Das verwunderte nicht unbedingt, verband Schlöndorff mit dem Schweizer Schriftsteller auch eine Freundschaft, die mehr als 15 Jahre nach dessen Tod im Film „Rückkehr nach Montauk“ einen gemeinsamen Höhepunkt fand: Das Drehbuch war nicht nur eine Art doppelte Autobiographie, sondern auch der erste Film über Schlöndorffs eigenes Leben: „Ich wollte endlich mal über mich reden“, sagte er dem SPIEGEL. Denn in seiner Autobiografie hatte Schlöndorff einige seiner Frischs Leben ähnelnden Liebeswirrungen angedeutet und beschrieben: Die Trennung von seiner langjährigen Ehefrau Margarethe von Trotta, seine Zerrissenheit zwischen drei Frauen in den Trennungsjahren.

Damals schrieb er: „Fehlte mir der Mut, mich dem wirklichen Leben zu stellen? Floh ich immer noch ins Literarische? Mit Möglichkeiten spielend, statt mich zu entscheiden?“ Seit 1992 ist er in zweiter Ehe mit der Schnittmeisterin Angelika Gruber verheiratet, mit der er eine Tochter hat. Im selben Jahr wird er Geschäftsführer des Filmstudios Babelsberg und ist für die Deutsche Film- und Fernsehakademie Berlin als Dozent tätig.

„Schludern“ und „Pfuschen“

1996 verfilmte Schlöndorff prominent den Roman „Der Erlkönig“ von Michel Tournier: Eine „ambitionierte, aufwendige Literaturverfilmung, die versucht, die Faszination des nationalsozialistischen Kultes auf ihre mythischen und romantischen Wurzeln hin zu durchleuchten“, verheißt das „Lexikon des internationalen Films“. In der Geschichte um die Napola-Burg Kaltenborn spielen neben John Malkovich in der Hauptrolle auch Armin Mueller-Stahl, Gottfried John und Marianne Sägebrecht.

Malkovich als Unhold. Quelle: http://www.volkerschloendorff.com/uploads/pics/der-unhold-1996-02.jpg

Malkovich als Unhold. Quelle: http://www.volkerschloendorff.com/uploads/pics/der-unhold-1996-02.jpg

Trotz seiner SPD-Nähe unterstützte Schlöndorff 2005 und 2009 im ARD-Morgenmagazin die CDU-Kanzlerkandidatin Angela Merkel in ihrem Wahlkampf: „Wer nach 1989 noch links ist, muss ein Brett vor dem Kopf haben.“ Schlöndorff bezog diese Aussage allgemein auf „die linke Ideologie“ und im Besonderen auf die „Planwirtschaft“, welche die Menschen unselbständig und unmündig gemacht habe, was er während der Privatisierung der DEFA selbst erleben konnte. Merkel werde die Gesellschaft nicht spalten, sondern sozialpartnerschaftlich handeln. Im Jahr 2010 empfahl er Merkel in einem offenen Brief im Cicero eine Rückkehr in ihren „eigentlichen Beruf“ nach Ablauf ihrer Amtszeit.

Dazwischen, 2008, sollte Schlöndorff bei der von ihm seit Jahren geplanten Verfilmung von „Die Päpstin“, dem historischen Bestseller von Donna Woolfolk Cross, die Regie übernehmen, wurde jedoch von der Produktionsfirma entlassen: Er hatte öffentlich eine „unheilige Allianz von Film- und Fernsehproduzenten“ kritisiert, die zwei Fassungen für das Kino und als Fernsehmehrteiler drehen wollten. Die unterschiedlichen Dramaturgien eines Kinofilms und Fernsehfilms würden zum „Schludern“ und „Pfuschen“ führen, zu einem sogenannten „Amphibien-Film“.

Daraufhin wurde ihm von Constantin Film mit der Begründung gekündigt, er habe das Vertrauensverhältnis verletzt. Seine (generelle) Kritik habe außerdem der Produktion geschadet. Schlöndorff wollte wohl nicht geschmeidig genug sein für die neuen ökonomischen Realitäten. Statt seiner übernahm der 20 Jahre jüngere Sönke Wortmann das Kommando bei den Dreharbeiten – und Schlöndorff hat Zeit, seine Autobiographie zu schreiben. 2009 bekommt er die Carl-Zuckmayer-Medaille für das „große Gerechtigkeitsempfinden“ in seinen Filmen: Seine Figuren wüssten sich immer selbst zu helfen und stünden dabei „immer kurz vor ihrer Verwandlung“, so Laudator Thomas Koebner.

2011 lieferte Schlöndorff mit der Verfilmung von Ernst Jüngers „Zur Geiselfrage“ unter dem Titel „Das Meer am Morgen“ einen weiteren Mosaikstein zu seiner Auseinandersetzung mit dem 2. Weltkrieg. Am Nachmittag des 22. Oktober 1941 werden in der Bretagne, als Vergeltungsmaßnahme für das Attentat auf einen deutschen Offizier, 27 französische Geiseln aus einem Internierungslager bei Choisel durch ein Erschießungskommando hingerichtet. Der Jüngste der Erschossenen, Guy Môquet, ist gerade mal siebzehneinhalb. In seinem Abschiedsbrief heißt es: „Gewiss würde ich gerne leben, aber was ich von ganzem Herzen wünsche, ist, dass mein Tod zu etwas gut sein möge.“

Schlöndorff vor französischem Plakat. Quelle: https://de.ambafrance.org/IMG/jpg/2012-01-31_Schlondorf_12__web.jpg?5316/8f94c4425e41d288705b370bdd54d3d797a6ba1f

Schlöndorff vor französischem Plakat. Quelle: https://de.ambafrance.org/IMG/jpg/2012-01-31_Schlondorf_12__web.jpg?5316/8f94c4425e41d288705b370bdd54d3d797a6ba1f

Im Auftrag von General Otto von Stülpnagel hatte Jünger die Vorgänge um die Exekutionen und weitere Vergeltungsmaßnahmen gegen den französischen Widerstand in einem Geheimbericht  zu Papier gebracht. Sein Text, ergänzt um von ihm übersetzte Abschiedsbriefe der Exekutierten, tauchte erst nach Jüngers Tod in dessen Nachlass auf und wurde 2003 veröffentlicht. Jüngers fahrlässige Formulierung „In Nantes sind die ersten Geiseln hingerichtet worden. Ohne Zwischenfälle, ohne Gewaltanwendung“ greift der Film jedenfalls dankbar auf, ehe der Denker mit dem Eisernen Kreuz zu philosophieren beginnt: „Der Mensch scheint erst im Angesicht des Todes zu seiner wahren Größe zu finden.“ Den Abschiedsbrief von Guy Môquet ließ Nicolas Sarkozy am Tag seines Amtsantritts als Staatspräsident im Mai 2007 erstmals öffentlich verlesen. Seither wird sein Text am Todestag, dem 22. Oktober, an allen Schulen Frankreichs von Schülern vorgetragen.

Auch wenn manche seiner über 30 Streifen heute künstlerisch nicht mehr unbedingt zu überzeugen wissen, auch wenn sein langjähriges Wirken als Geschäftsführer der Filmstudios Babelsberg von steter Kritik begleitet war: Schlöndorff ist aus dem deutschen Film nicht mehr wegzudenken. Er ist zur Institution geworden, reist als Jury-Präsident zum Filmfestival nach Teheran, schreibt Grundsätzliches zur Globalisierung des Kinos und ist eine prägende Figur der Kulturpolitik und des Filmgeschäfts in Deutschland – unabhängig von allen parteipolitischen Präferenzen. Das ist selten und lässt hoffen.

Was am 20. März 1939 im Hof der „Alten Feuerwache“ in der Lindenstraße 42 in Berlin wirklich geschah, ist umstritten. Für die einen hatten die Nationalsozialisten 1.004 Ölgemälde sowie 3.825 Aquarelle, Zeichnungen und graphische Blätter auf einen Haufen werfen lassen und angezündet. Alles Werke „entarteter Kunst“, die sie in den Jahren zuvor aus über hundert Museen in ganz Deutschland zusammengerafft hatten, um die deutsche Kunst zu „säubern“. Jedoch: Es gibt keine offiziellen Bilder von der Verbrennung, die – im Gegensatz zur Bücherverbrennung 1933 – unter Ausschluss der Öffentlichkeit geschehen sein soll. Auch in Propagandaminister Joseph Goebbels Tagebuch findet sich kein Hinweis auf diesen Tag.

Daher meinen die anderen, dass keine Bilderverbrennung stattgefunden hat, da sie nicht zweifelsfrei belegbar ist. In den Kriegswirren sind die Unterlagen der Feuerwache vernichtet worden. Offiziell ist von einer „Löschübung“ die Rede: Möglich ist also, dass nur Rahmen und Pappe verbrannt wurden. Goebbels’ Abschlussbericht  ist seit 1949 verschollen. Erhalten ist lediglich der Entwurf eines „Schlussberichtes über die Abwicklung der Entarteten Kunst“ vom 4. Juli 1939, der allerdings sehr vage gehalten ist und weder Rückschlüsse auf eine Verbrennung geschweige eine Anweisung dazu zulässt. Danach sollen die meisten Kunstwerke vernichtet oder magaziniert, ein Teil von 300 Gemälden und Plastiken sowie 3000 Graphiken ins Ausland verkauft worden sein.

Victoriaspeicher. Quelle: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/c/c3/Berlin-kreuzberg_viktoriaspeicher_entartete-kunst_20050420_646.jpg

Victoriaspeicher. Quelle: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/c/c3/Berlin-kreuzberg_viktoriaspeicher_entartete-kunst_20050420_646.jpg

Man kann zwei Begründungen finden, wieso Kunst in diesem Frühjahr 1939 „verschwunden“ sein könnte – einerlei, wie. Nach der einen handelte es sich um den „unverwertbaren Rest“ des noch viel größeren Lagers der Berliner Hafen- und Lagerhaus A.G. in der Köpenicker Straße 24a in Berlin-Kreuzberg. Die andere lautet, dass die Nationalsozialisten mit dieser Propagandamaßnahme die Preise für die von ihr diffamierten Werke auf dem Kunstmarkt in die Höhe treiben wollten. Denn: Wer sollte bereit sein, viel für Werke zu bezahlen, die Goebbels kurz zuvor während eines Besuchs des Zentrallagers für „entartete Kunst“ im Kreuzberger Viktoria-Speicher als einen solchen „Dreck“ bezeichnet hatte, „dass einem bei einer dreistündigen Besichtigung direkt übel wird“.

„Kunstzwerge, Kunstbetrüger, Kunststotterer“

Die Vorgeschichte dieses „Verschwindens“ ist dagegen besser bekannt. Am 30. Juni 1937 beauftragte Goebbels den Präsidenten der Reichskammer der Bildenden Künste, Adolf Ziegler, alle Museen auf „deutsche Verfallskunst“ zu durchforsten, die Werke zu inventarisieren und für eine Ausstellung aufzubereiten. Ziegler stellte eine Kommission zusammen, die im Juli 1937 in einer Eilaktion mehrere Hundert Werke seit 1910 beschlagnahmte und zur Ausstellung „Entartete Kunst“ kuratierte. Über 120 Künstlerinnen und Künstler mit über 700 Exponaten wurden an den Pranger gestellt, mit teilweise diffamierenden Inschriften, die unter dem NS-Schlagwort der „jüdisch-bolschewistischen Kunst“ antisemitische und antikommunistische Vorurteile schürten.

Darunter waren Max Beckmann, Otto Dix, Max Ernst, Ernst Ludwig Kirchner, Paul Klee, Oskar Kokoschka und Käthe Kollwitz.1933 war das noch anders: Da hatten sich die Expressionisten Hoffnungen gemacht, in den Rang einer „nordisch-deutschen“ Staatskunst erhoben zu werden. Goebbels schien sie zu schätzen, und der NS- Studentenbund feierte Emil Nolde – er war NSDAP-Mitglied –, Ernst Barlach und die Maler der „Brücke“ als vorbildliche Künstler. Entschieden wurde der Richtungsstreit vom ehemaligen Postkartenmaler Hitler, der einen spießig-glatten Neoklassizismus bevorzugte und die Expressionisten, Dadaisten und Neusachlichen als „Kunstzwerge, Kunstbetrüger, Kunststotterer“ verspottete.

„Sie sehen um uns herum diese Ausgeburten des Wahnsinns, der Frechheit, des Nichtskönnertums und der Entartung. Uns allen verursacht das, was das Auge bietet, Erschütterung und Ekel“ – mit diesen Worten eröffnete Ziegler am 19. Juli 1937 die Ausstellung im Galeriegebäude am Münchener Hofgarten. Als „entartet“ galten alle kulturellen Strömungen, deren Ästhetik „undeutsch“ erschien und nicht in das propagierte Menschenbild passte: neben dem Expressionismus, Neue Sachlichkeit und Dadaismus auch Kubismus. Die Schau ging durch Großstädte des Deutschen Reichs auf Wanderung, wurde etwa in Berlin, Leipzig und Hamburg gezeigt und zu einem Publikumsmagneten: Insgesamt hatte sie über drei Millionen Besucher.

Ausstellungseröffnung in München. Quelle: http://www.bpb.de/cache/images/2/252372-3x2-article620.jpg?6441B

Ausstellungseröffnung in München. Quelle: http://www.bpb.de/cache/images/2/252372-3x2-article620.jpg?6441B

Am Tag zuvor, dem 18. Juli 1937, eröffnete Adolf Hitler, nur wenige Meter vom Hofgarten entfernt, das „Haus der Deutschen Kunst“ (heute „Haus der Kunst“) mit der ersten „Großen Deutschen Kunstausstellung“. Parallel dazu stattete er Ziegler mit einer Generalvollmacht aus, mit der er alle in den Museen noch vorhandenen „Machwerke der Verfallszeit“ konfiszieren sollte. Der Raubzug wurde durch das „Gesetz über die Einziehung von Erzeugnissen entarteter Kunst“ vom 31. Mai 1938 begründet, das das entschädigungslose Beschlagnahmen nachträglich legitimieren sollte. Fast 20.000 Werke von ca. 1400 Künstlern wurden eingesammelt und in Berlin sowohl im Viktoria-Speicher als auch auf Schloss Niederschönhausen untergebracht, wo sie für den Verkauf auf dem internationalen Kunstmarkt aufbewahrt wurden.

„trotzdem wieder ausfindig machen können“

Vier vom Propagandaministerium ausgewählte Kunsthändler, darunter Hildebrand Gurlitt, erhielten exklusive Rechte und sollten mit den Werken handeln. Einige Transaktionen sind bekannt, so mit dem Sammlerehepaar Sofie und Emanuel Fohn in Italien oder die Auktion der Galerie Fischer in Luzern. Einen Vorschlag, wie mit dem unverkäuflichen Rest der Kunstwerke zu verfahren sei, machte Franz Hofmann, Leiter der Abteilung Bildende Kunst beim Propagandaministerium: „Ich schlage deshalb vor, diesen Rest in einer symbolischen propagandistischen Handlung auf dem Scheiterhaufen zu verbrennen, und erbiete mich, eine entsprechend gepfefferte Leichenrede dazu zu halten“, schrieb er an Goebbels.

Die genaue Auflösung des Kreuzberger Lagers, das dem Womanizer Goebbels auch als Liebesnest gedient haben soll, und der Verbleib vieler Werke seit dem Frühjahr 1939 sind nur teilweise geklärt – auch bei Nazi-Größen selbst tauchten nach Kriegsende einige der verfemten Gemälde auf, so das „Bildnis des Dr. Gachet“ von Vincent van Gogh in der Privatsammlung von Hermann Göring. Die propagandistische Wirkung der Verbrennungssaga verfehlte allerdings nicht ihr Ziel: so kamen etwa Abgesandte des Basler Kunstmuseums mit 50.000 Schweizer Franken nach Berlin, um Kunstwerke zu kaufen – oder zu retten, je nach Perspektive.

Gachet von v. Gogh. Quelle: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/1/1e/Portrait_of_Dr._Gachet.jpg

Gachet von v. Gogh. Quelle: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/1/1e/Portrait_of_Dr._Gachet.jpg

Der Referent in der Abteilung Bildende Kunst, Rolf Hetsch, hatte alle Exponate der „entarteten Kunst“ bürokratisch genau dokumentiert, die Liste ist allerdings nur unvollständig überliefert. Die Kunsthistorikerin Meike Hoffmann von der Forschungsstelle „Entartete Kunst“ der FU Berlin hat mit ihrem Team die umfangreichste Datenbank mit über 21.000 Einträgen zur „entarteten Kunst“ aufgebaut. Immer wieder gibt es Überraschungen. „Im NS-Inventar haben all die Werke, die vernichtet werden sollten, ein ‚X‘ erhalten. Wir haben einige dieser Werke trotzdem wieder ausfindig machen können“, so Hoffmann gegenüber der Deutschen Welle.

Denn die ausgewählten Händler haben einzelne Werke auch für sich selbst reklamiert und privaten Handel betrieben. Das Ausmaß der Privatgeschäfte war lange unklar – bis zum „Schwabinger Kunstfund“ Ende 2013: In der Wohnung von Hildebrands Sohn Cornelius Gurlitt wurden rund 1400 Kunstwerke beschlagnahmt. Bei rund 500 davon wurde nicht ausgeschlossen, dass sie sogenannte NS-Raubkunst sind. Tatsächlich nachgewiesen werden konnte dies jedoch nur in fünf Fällen.

„wir haben die Hoffnung noch nicht verloren“

Neue Nahrung erhielt die Anti-Verbrennungsthese schon im Mai 2011, nachdem bei den Bauarbeiten zur U-Bahn-Linie 5 in der Königstraße 50 nahe dem Roten Rathaus mehr als ein Dutzend als verschollen geltende Skulpturen der „Entarteten Kunst“ gefunden wurden. Im Zuge der Aufklärung dieses Fundes war Hoffmann im Bundesarchiv auf ein Schreiben des Propagandaministeriums vom 14. August 1942 an die Reichspropagandaleitung gestoßen, die damals die Ausstellung in München organisiert hatte.

Daraus geht hervor, dass sich in dem 1944 bei einem Bombenangriff der Alliierten zerstörten Gebäude ein bisher unbekanntes Depot des Reichspropagandaministeriums befand, das für Erfassung, Verkauf und Lagerung der beschlagnahmten Kunstwerke zuständig war. Überliefert sei eine Notiz über „sieben Meter Ladung“, die sich wohl auf gedrängt aufgestellte Gemälde bezog, so Hoffmann.

Eins der entdeckten Exponate. Quelle. https://www.tagesspiegel.de/images/neuesmuseum/6328060/2-format43.jpg

Eins der entdeckten Exponate. Quelle. https://www.tagesspiegel.de/images/neuesmuseum/6328060/2-format43.jpg

Danach müssen Hunderte von Objekten in der Königsstraße 50 gelagert gewesen sein. Ungeklärt ist, warum es ein solches bislang unbekanntes Sonderdepot gab, obwohl die händlerische Verwertung durch das Ministerium als abgeschlossen galt, und wie groß das Lager tatsächlich war. Hoffmann glaubt dennoch, dass es die Verbrennung gab: „Die Nationalsozialisten waren große Bürokraten, aber sie hätten nicht eine angeordnete Vernichtung von mehr als 5000 Werken vertuschen können“.

Zudem gäbe es von dem Bilderbestand, der angeblich zur Vernichtung freigegeben wurde, keine Spuren in Dokumenten oder Sammlungsunterlagen. So gelten neben dem „Schützengraben“ von Otto Dix auch Franz Marcs 1913 entstandener „Turm der blauen Pferde“ bis heute als verschollen, obwohl sie angeblich nach dem Krieg erneut gesichtet worden sein sollen. Hoffmann bleibt optimistisch: „Aber wir haben die Hoffnung noch nicht verloren, auch weitere Werke, die als ‚X‘ gekennzeichnet waren, wieder aufzufinden.“

Hunderttausende jubelten ihr am 4. November 1989 auf dem Berliner Alex begeistert zu: Während der friedlichen Revolution wurde Christa Wolf gar das Amt des ersten freigewählten Staatsoberhaupts der DDR angetragen. Sie lehnte ab, unterschrieb aber mit anderen Autoren den Aufruf „Für unser Land“, den viele als Rettungsversuch für die DDR verstanden: „Wir hatten für einen sehr kurzen geschichtlichen Augenblick an ein ganz anderes Land gedacht, das keiner von uns je sehen wird“. Die sehr präzis formulierte Präambel für den Verfassungsentwurf des Runden Tisches, in der noch ein letztes Mal die „revolutionäre Erneuerung“ der DDR angemahnt wurde, stammt von ihr.

Wolf am 4.11.1989 auf dem Alex. Quelle: https://www.tagesspiegel.de/images/heprodimagesfotos82320111202wolf-jpg/5910620/2-format140.jpg

Wolf am 4.11.1989 auf dem Alex. Quelle: https://www.tagesspiegel.de/images/heprodimagesfotos82320111202wolf-jpg/5910620/2-format140.jpg

Zweiundzwanzig Jahre später, am 13. Dezember 2011, stehen dreihundert Trauernde dicht beieinander auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof in Berlin: Keine sechstausend, die ihr Verlag erwartet hat. Eine Weltliteratin wird zwei Wochen nach ihrem Tod zu Grabe getragen, von der politischen Führung der Bundesrepublik ist bis auf Linken-Chef Gregor Gysi niemand gekommen. Bundespräsident und Regierender Bürgermeister haben einen Kranz geschickt. Als Ernst Jünger („In Stahlgewittern“, „Der Waldgang“) starb, waren neben dem damaligen Ministerpräsident Erwin Teufel (CDU) auch Regierungsvertreter und fünf Bundeswehrgeneräle bei der Beisetzung dabei. Wo waren die vielen Leser, Bewunderer, die idealistisch jubelnden Retter einer selbstständigen DDR von einst?

„Stellvertretend für viele in Ost und auch in West, die an der Utopie einer gerechten Gesellschaft festhielten, bleibt Christa Wolf auch im vereinten Land Dissidentin“, brachte es im Freitag Daniela Dahn auf den Punkt. Das war manchen vielleicht zu unbequem, vielleicht auch zu altbacken: Wolf verkörperte eine Welt, in der Bücher noch etwas galten. In der Autoren ihren Lesern mehr waren als nur Verfasser von Texten. In der literarische Figuren weniger durch ihr Aussehen, ihre Hobbys, ihren Tonfall bedeutsam wurden. Es war nicht wichtig, wie eine Figur etwas sagte, sondern was sie sagte; nicht wichtig, wer es sagte, sondern dass es gesagt wurde – diesem Credo hing sie bis zuletzt an.

„Wo du nicht bist, da ist das Glück“

Geboren als Christa Ihlenfeld am 18. März 1929 in Landsberg an der Warthe, besuchte die Kaufmannstochter dort bis kurz vor Kriegsende die Schule. Ihre erste neue Heimat fand die Familie nach der Flucht vor den anrückenden Truppen der Roten Armee 1945 in Mecklenburg; Christa arbeitete als Schreibhilfe bei einem Dorfbürgermeister. Sie beendete die Oberschule 1949 mit dem Abitur in Bad Frankenhausen und trat im selben Jahr in die SED ein, die sie erst im Juni 1989 wieder verließ. Von 1949 bis 1953 studierte sie Germanistik in Jena und Leipzig und heiratete 1951 ihren Studienfreund, den späteren Lektor Gerhard Wolf, mit dem sie 1952 und 1956 je eine Tochter bekam.

Christa und Gerhard Wolf 2010. Quelle: https://media101.tlz.de/content/90/81/91/5I/9081915ITOKSEPSHI_FH5VHRKPNQYTNUUAYDBZMRQ501082014/D942134209990.JPG

Christa und Gerhard Wolf 2010. Quelle: https://media101.tlz.de/content/90/81/91/5I/9081915ITOKSEPSHI_FH5VHRKPNQYTNUUAYDBZMRQ501082014/D942134209990.JPG

In den fünfziger Jahren probierte sie sich als wissenschaftliche Mitarbeiterin beim Deutschen Schriftstellerverband, als Verlagslektorin und als Redakteurin aus. 1961 debütierte Christa Wolf mit ihrer „Moskauer Novelle“ über die Liebesbeziehung einer Ostberliner Ärztin zu einem russischen Dolmetscher. In dieser Zeit lebte sie mit ihrer Familie in Halle und leitete im Waggonbauwerk Ammendorf einen „Zirkel Schreibender Arbeiter“: so viele Werktätige wie möglich sollten an Literatur herangeführt bzw. unter dem Motto „Greif zur Feder, Kumpel“ selbst zum Autor werden. Seit 1962 arbeitete sie als freie Schriftstellerin: bis 1976 in Kleinmachnow, danach in Berlin – insgesamt neunmal zieht sie um. Von einer „Chronik fortgesetzter Verabschiedungen“ schreibt Biograph Jörg Magenau, die DDR wird zu den Verabschiedeten gehören – was sie damals freilich noch nicht weiß.

Ihre Hallenser Erfahrungen verarbeitet sie in der Erzählung „Der geteilte Himmel“ (1963), in der eine Liebe an der deutschen Teilung scheitert: den Mann treibt es in den Westen, die Frau bleibt hier und unternimmt einen Suizidversuch. Später von Konrad Wolf verfilmt, war es damals eins der meistdiskutierten Bücher in der DDR. Unglücklich endet auch die grüblerische, philosophisch-tiefsinnige Collage „Nachdenken über Christa T.“ (1968), in die ihre niederschmetternden Erfahrungen von Aufmüpfigkeit beim künstlerischen „Kahlschlagsplenum“ der SED 1965 einfließen und der bis zur Veröffentlichung ein langer Zensurprozess vorausgeht.

Fast 50 Bücher – von Romanen über Essays bis hin zu ihren 15.000 Briefen – wird sie am Ende geschrieben und editiert haben, dazu Hörspiele und Filme. Seit den Siebzigern Mitglied der Akademie der Künste sowie der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, kann sie ungehindert auf Studien- und Lesereisen gehen, so nach Frankreich, Skandinavien oder in die USA, wo sie die Ohio State University zum Ehrendoktor machte.

1976 dann eine doppelte Zäsur. Erst bricht sie mit dem autobiographisch gefärbten Roman „Kindheitsmuster“ ein Tabu: In der DDR war damals die Beschäftigung mit Flucht und Vertreibung der Deutschen von 1944 bis 1950 mit Rücksicht auf die Sowjetunion und die sozialistischen Bruderstaaten ein absolutes No Go. Im selben Jahr gehört sie zu den Unterzeichnern des „offenen Briefes gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns“, wird aus dem Schriftstellerverband der DDR ausgeschlossen und erhält in einem SED-Parteiverfahren eine „strenge Rüge“. Aber Wolf verließ nie die DDR und ließ auch nicht zu, „dass ihr Land sie verlässt“, meint Suhrkamp-Verlegerin Ulla Unseld-Berkéwicz. Zur DDR gab es für Wolf keine Alternative. Und doch fühlte sie sich immer mehr heimatlos, wie sie es in der grandiosen Novelle „Kein Ort. Nirgends“ (1979) zusammenfasste.

Erstausgabe "Kein Ort. Nirgends" Quelle: https://images.booklooker.de/s/00qRdB/Christa-Wolf+Kein-Ort-Nirgends-EA.jpg

Erstausgabe "Kein Ort. Nirgends" Quelle: https://images.booklooker.de/s/00qRdB/Christa-Wolf+Kein-Ort-Nirgends-EA.jpg

Darin verhandelt sie anhand einer fiktiven Begegnung der deutschen Dichter Heinrich von Kleist und Karoline von Günderrode bei einer Teegesellschaft eines Kreises romantischer Dichter existentielle Fragen von Künstlertum und Scheitern, ja wie entfremdeten Verhältnissen Sinn abzuringen ist – beide Protagonisten schieden im wirklichen Leben kurz nach der ins Jahr 1804 gelegten Begegnung unabhängig voneinander durch Selbstmord aus dem Leben. Ein „Jahrhundertgefühl von transzendentaler Obdachlosigkeit“ konstatiert Iris Radisch in der ZEIT. Wer Sätze hinwirft wie „Wo du nicht bist, da ist das Glück“, konnte Unbehaustheit knapper nicht artikulieren. Woran noch glauben? Woraufhin leben? Viele DDR-Leser projizierten in Christa Wolfs Werk und ihre Persönlichkeit einen Mut, den sie sich erhofften und oft selbst nicht aufbrachten: die Erde bewohnbarer zu machen. Ihr Hauptthema war das Leiden an einer Gesellschaft, die weit hinter den Entwürfen einer besseren Welt zurückbleibt. Als Romantikerin wohnte sie zeitlebens im irreparablen Dissens zum Status quo.

„dieser grübelnde, rauschende Bewusstseinsstrom“

Spätestens seit dieser Novelle hat sie einerseits ihre Stoffe gefunden, die wohl mit „Frauen und Frieden“ auf den Punkt zu bringen sind, als auch andererseits ihre ganz eigene unverwechselbare Stimme. Radisch spricht von einem „in die Magengrube fahrenden, immer ein bisschen wehen Moll-Ton“, ja einem „keuschen pfarrhäuslichen Sehnsuchtston“, und Christoph Dieckmann gar von einem Christa-Wolf-„Sound“: „dieser grübelnde, rauschende Bewusstseinsstrom der Selbst- und Welterkundung“. Ihr Schreiben war kein Behaupten, sondern ein Suchen, Fragen, Sichvorantasten im scheinbar Ungewissen. Ein so dichtes, dabei rhythmisches Schreiben hat auch etwas Sperriges, manchmal schmerzlich Sentimentalisches: der Leser wird gezwungen, genau zu lesen. Sich einzulassen auf den Gedanken- und Gefühlskosmos, in den er da eintaucht.

Es ist dieser persönliche Erfahrungsweg, der allen sozialistischen Schreibdoktrinen zuwider lief und mit dem Wolf eine aufmerksame Leserschaft auch im Westen fand, der literarisch gerade auf die sogenannte „Neue Subjektivität“ zusteuerte. Stand das Authentische und Individuelle im Osten gegen die Repressionen des Systems, stand im Westen dieselbe Haltung für Kritik an Konsumismus und Hedonismus. Wolf wurde seither in beiden Deutschlands als widerständig gelesen, als Oppositionelle, die allerdings bis zur Friedlichen Revolution für einen Sozialismus mit menschlichem Antlitz eintrat. So überlagern sich die Urteile über ihr Werk und über sie als Person, Autorin, SED-Genossin.

Kassandra-Ausgaben Ost und West. Quelle: http://christa-wolf-gesellschaft.de/wp-content/uploads/Cover-doppel/O_Kassandra_DPL.jpg

Kassandra-Ausgaben Ost und West. Quelle: http://christa-wolf-gesellschaft.de/wp-content/uploads/Cover-doppel/O_Kassandra_DPL.jpg

1980 wird sie als erste in der DDR lebende Autorin mit dem Georg-Büchner-Preis ausgezeichnet – kaum ein Preis übrigens, den sie in beiden deutschen Staaten nicht bekommen hat. Wolfs Texte waren 1982, da sie ihre „Poetikvorlesungen“ zum Kassandrastoff im hoffnungslos überfüllten Frankfurter Hörsaal hält, bereits kanonisch, gelesen als geschichtspessimistische Erzählungen, als Auseinandersetzung eines Individuums mit einem die Bedürfnisse des Einzelnen einschränkenden Staats. Diese Konfrontation ist bei Wolf immer und vielleicht vornehmlich eine mit dem eigenen Ich: „Ich schreibe, um mich selber kennenzulernen, soweit es geht. Da kann man sich nicht schonen.“

1983 wird „Kassandra“ gleichzeitig in der DDR und der BRD veröffentlicht – ein Novum. In der Erzählung werden die Ereignisse des Trojanischen Krieges aus der Perspektive der trojanischen Königstochter und Seherin Kassandra reflektiert, die mit dem Fluch geschlagen ist, dass niemand ihren Prophezeiungen glaubt – eine Parabel auf sich als machtfern und einflusslos empfindende Intellektuelle. „Ich wartete gespannt, ob sie es wagen würden, die Botschaft der Erzählung zu verstehen, nämlich dass Troja untergehen muss. Sie haben es nicht gewagt und die Erzählung ungekürzt gedruckt. Die Leser in der DDR verstanden sie.“ 13 Jahre später wird sie im Roman „Medea: Stimmen“ erneut eine starke Frauenfigur aus der griechischen Mythologie aufnehmen und anhand der Themen Flucht, Fremdenhass und Sündenbock-Werdung das Kindsmördermotiv antipatriarchalisch umdeuten – die Reaktionen darauf waren umstritten.

1987 unternimmt sie in „Störfall. Nachrichten eines Tages“ den nächsten Tabubruch: am selben Tag im April 1986 wird der jüngere Bruder der Erzählerin am Gehirn operiert – und ereignet sich der Reaktorunfall von Tschernobyl. Der Kunstgriff ermöglichte, sich sowohl mit den schlechten als auch den guten Seiten von Technik auseinanderzusetzen – anhand eines in der DDR weitgehend verschwiegenen Themas. Im selben Jahr beginnt ihr gesamtdeutsches Image zu wanken. Wolf hatte zur Verleihung des Kleistpreises an Thomas Brasch, der 1976 aus der DDR ausgewandert war, die Behauptung aufgestellt, die DDR mit ihren Widersprüchen habe Brasch erst kreativ gemacht. Marcel Reich-Ranicki widersprach in der FAZ vehement, nannte Wolfs künstlerische und intellektuelle Möglichkeiten „bescheiden“, sprach ihr Mut und Charakterfestigkeit ab und prägte den Titel „DDR-Staatsdichterin“.

BRD-Erstausgabe. Quelle: https://juergenuhlendorf.files.wordpress.com/2017/08/img_0473-kopie.jpg

BRD-Erstausgabe. Quelle: https://juergenuhlendorf.files.wordpress.com/2017/08/img_0473-kopie.jpg

Dann die Erzählung, die Wolf parallel zu „Kein Ort. Nirgends“ begann, aber erst „in der Windstille zwischen zwei Epochen“ 1989 freigab: „Sommerstück“. Fritz J. Raddatz fordert dafür in der ZEIT explizit den Nobelpreis für die Autorin, den sie – nach Hertha Müllers Ehrung – absehbar nicht mehr erhalten würde. Eine faszinierende Endzeitnovelle, ein Abschiedsspiel mit autobiographischen Zügen, eine Midlife-Party der verlorenen Träume. Porträtiert werden anspruchsvolle Selbstverwirklicher, die einst dachten, ihnen stünde mehr Welt als je zuvor offen, und nun desillusioniert an ihren verbliebenen Sehnsüchten laborieren: „Ganz deutlich, bedrängend sogar, spürten sie doch bei aller Lebensfülle einen Vorrat in sich, der niemals angefordert wurde … Sie waren es, die nicht gebraucht wurden.“

„der immer wieder versuchte Rufmord“

Als die Wende aus dem Ruf „Wir sind das Volk“ den Ruf „Wir sind ein Volk“ werden ließ, verstummte Wolf kurz und ging dann mit der novellistischen Erzählung „Was bleibt“ in die Offensive. Die Handlung rankt sich um einen Tag im Leben einer Ostberliner Schriftstellerin, deren Wohnung und berufliche Aktivitäten von der Stasi ganz offen observiert werden, und thematisiert monologisch die emotionalen Folgen der Beobachtung im alltäglichen Leben der Frau. Der Text wurde nach Wolfs Angaben schon Ende 1979 verfasst. Das verspätete Erschienen wurde zum Anlass einer medienwirksamen Auseinandersetzung um die politische Glaubwürdigkeit und den literarischen Rang der Autorin.

Unter Missachtung von Sperrfristen erschienen hämische Rezensionen in der ZEIT von Ulrich Greiner und in der FAZ von Frank Schirrmacher. Greiner zweifelte die Glaubwürdigkeit der Erzählung an. Schirrmacher machte der Autorin den Vorwurf, die Erzählung zu spät veröffentlicht zu haben, nämlich zu einem Zeitpunkt, in der sie ihre Brisanz verloren habe. Er vermutete sogar, der Text hätte zehn Jahre zuvor – auf Grund der Prominenz und Unangreifbarkeit Wolfs – dem Überwachungssystem der DDR geschadet, und legte damit nahe, Christa Wolf habe aus Angst um ihre Privilegien geschwiegen.

SPIEGEL-Text zu IM Margarete. Quelle: http://magazin.spiegel.de/EpubDelivery/spiegel/pdf/13680284

SPIEGEL-Text zu IM Margarete. Quelle: http://magazin.spiegel.de/EpubDelivery/spiegel/pdf/13680284

Danach begannen zahlreiche Intellektuelle aus Ost und West, sich im Kampf um die Deutungshoheit auch der eigenen Biographie als politisch engagierte Schriftsteller gegenseitig anzugreifen. Wolf selbst gab in der BZ Anfang 1993 zu, dass sie in ihrer Hallenser Zeit von 1959 bis 1962, da sie viele Betriebskontakte hatte, als „IM Margarete“ bei der Stasi geführt worden war. Neben 42 Aktenordnern (!) über ihre Überwachung gab es auch ein sage und schreibe 130 Seiten (!) langes Faksimile über ihre eigene Stasitätigkeit mit sieben Treffen und drei ausschließlich positiven (!) Berichten.

„Die vorschnelle Verurteilung von Schriftstellern jedenfalls, sie wäre das Fatalste, was jetzt passieren kann“, positionierte sich Schirrmacher flugs um. Spektakulär war die Forderung der Münchner CSU, der Stadtrat möge der Autorin den 1987 für den „Störfall“ verliehenen Geschwister-Scholl-Preis wieder aberkennen, was nicht zuletzt die ältere Schwester von Hans und Sophie Scholl, Inge Aicher-Scholl, abwehrte. Wolf empfand die Kritik als Hexenjagd, ja ungerechtfertigte Abrechnung mit ihrem Wunsch nach einem demokratischen Sozialismus sowie ihrer DDR-Biographie und verglich ihre Situation mit ihrer Unterdrückung in der DDR. Sie ging für längere Zeit in die USA und veröffentlichte 1993 ihre vollständige IM-Akte unter dem Titel „Akteneinsicht Christa Wolf“.

Von ihrer Diskreditierung erholte sich die wohl bedeutendste deutschsprachige Prosa-Autorin nach 1945 nicht mehr. So war fast zwangsläufig die DDR, der gescheiterte Entwurf einer anderen Gesellschaftsordnung, bis zu ihrem letzten Buch „Stadt der Engel oder The Overcoat of Dr. Freud“ (2010), das ihr „USA-Exil“ in Los Angeles thematisierte, das Brennglas, durch das ihr Schreiben Genauigkeit und Schärfe gewonnen hatte. Günter Grass beklagte zu ihrem Tod bitter „Was ihr im eigenen, trotz allem geliebten Land von Staats wegen zugefügt worden war, wurde nun in ähnlicher Praxis fortgesetzt, sozusagen gesamtdeutsch und hinterm Schutzschild ‚Meinungsfreiheit‘: Verleumdungen, verfälschte Zitate, der immer wieder versuchte Rufmord. Als Schande wird auch das bleiben.“

Grass beim Begräbnis. Quelle: https://www.moz.de/fileadmin/_processed_/b/0/csm_1012359754_9dedd9707e.jpg

Grass beim Begräbnis. Quelle: https://www.moz.de/fileadmin/_processed_/b/0/csm_1012359754_9dedd9707e.jpg

In seiner berührend-tiefsinnigen Grabrede sagte Volker Braun „Sie ging bis an die Grenze, an der man sich als Fremde entgegenkommt.“ Ein „Sich-Heranarbeiten an die innere Grenzlinie“ nannte Wolf ihr Schreiben selbst. Radisch erkannte eine romantisch erweiterte Politikauffassung, „die das Persönliche öffentlich und das Öffentliche persönlich verstehen möchte“. Zu Zeiten von Grenzen, die ja in Deutschland seit 1990 offenbar nur noch zum Überschreiten gut sind, gaben ihre Texte Antworten auf drängende Fragen: die Zukunft einer bipolaren Welt, die Krise der Moderne, Perspektiven von Ökologie, sozialen Bewegungen und vor allem von Gerechtigkeit. Antworten auf viele dieser Fragen wären heute vonnöten. Ihre Stimme fehlt.

Bei seinem ersten Blick auf das grazile Fluggerät in einem isolierten Hangar am Rande des Flughafens der südfranzösischen Stadt Toulouse soll den französischen Testpiloten André Turcat Wehmut überkommen haben: Würden wir „diese Kreatur je in die Luft bringen?“ erinnerte er sich im SPIEGEL an seinen Moment des Zweifels, da der Jet „wie ein in einem Netz gefangener Vogel“ hockte, eingeschnürt in Gerüste und Leitern.

Am 2. März 1969 um 15.40 Uhr brachte er gemeinsam mit seinem Co-Piloten, einem Flugingenieur und einem Beobachter die „Concorde“ erstmals in die Luft. Die langen Landebeine ausgestreckt, den beweglichen, vogelgleichen Schnabel vor dem Cockpitfenster zur besseren Sicht erdwärts gesenkt, flog die Maschine einen ovalen Kurs in rund 3000 Metern Höhe mit ca. 400 km/h und setzte nach 29 Minuten wieder auf. Als „rauschenden Triumph“ feierte die damalige britische Staatsfluglinie BOAC den Moment; US-Konkurrent PanAm schwärmte in Zeitungsanzeigen: „Willkommen im Morgen.“

Die Konstruktionsgeschichte der Überschallmaschine reichte aber fast ein Jahrzehnt zurück. Nach wirtschaftlichen Überlegungen gab die britische Regierung am 9. März 1959 den Startschuss zur zielgerichteten Entwicklung eines „Super Sonic Jets“. Weil die Entwicklungskosten für ein Land allein zu hoch waren, ging Großbritannien auf Partnersuche und wurde, da die USA eigene Pläne hatten und Deutschland durch den Weltkrieg noch geschwächt war, aus politischen Gründen mit Frankreich rasch einig: Der britische Premier Harold Macmillan brauchte Charles de Gaulles Wohlwollen, um sein Land in die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft zu führen.

Concorde und de Gaulle postalisch gewürdigt. Quelle: http://echo-de-la-timbrologie.com/store/101240-3208-thickbox/charles-de-gaulle-et-concorde.jpg

Concorde und de Gaulle postalisch gewürdigt. Quelle: http://echo-de-la-timbrologie.com/store/101240-3208-thickbox/charles-de-gaulle-et-concorde.jpg

Am 29. November 1962 schlossen de Gaulle und Macmillan den Überschall-Pakt, der für die Ingenieure der beteiligten Luftfahrt- und Triebwerkkonzerne eine ungeheure Herausforderung bedeutete. Mit 2,2-facher Schallgeschwindigkeit sollte das Flugzeug in Höhen von rund 18.000 Metern doppelt so schnell wie eine Gewehrkugel fliegen. Ihre Außenhaut würde sich dabei bis auf 120 Grad Celsius erhitzen: „Man kann fühlen, wie sich die Kabinenfenster erwärmen, während sie bei einem normalen Flug ja richtig kalt werden“, erzählt der britische Flugingenieur Paul Akinton im DLF.

„bis heute als schön“

Der Sprung über den großen Teich gelingt seit der offiziellen Indienststellung am 21. Januar 1976 nun doppelt so schnell wie mit einem Jumbojet: London – New York in rund drei Stunden. Das ermöglichte manche bizarre Aktion: 1985 konnte Phil Collins beim Rockfestival Live Aid erst in London, dann in Philadelphia auftreten. Und zu den Jahreswechseln gab es Flüge, bei denen man zweimal Silvester feiern konnte: Erst in Paris, ein paar Stunden später in New York.

Phil Collins bei Live Aid. Quelle: https://i2.wp.com/thepointsguy.com/wp-content/uploads/2018/11/GettyImages-993662734.jpg

Phil Collins bei Live Aid. Quelle: https://i2.wp.com/thepointsguy.com/wp-content/uploads/2018/11/GettyImages-993662734.jpg

Es gab kaum einen Staatsmann von Bedeutung, der nicht die Chance nutzte, einmal mit einer Concorde zu fliegen. Margaret Thatcher fühlte sich an Bord genauso wohl wie Queen Elizabeth oder Papst Johannes Paul II, der mit einer französischen Concorde am 2. Mai 1989 von La Reunion nach Lusaka in Sambia flog. Stars und Sternchen waren Dauergäste, allen voran Formel 1-Fahrer und Tennisstars. Auch Claudia Schiffer, Paul McCartney, Sting oder Elton John sollen gern Platz genommen haben. Bei Ticketpreisen von zuletzt 6000 – 8000 Euro wurden Champagner und Gänseleber gereicht.

Die pfeilförmige Form der Überschallmaschine gilt bis heute als Sinnbild für technischen Fortschritt und die Leistungsfähigkeit der Luftfahrtindustrie sowie als Inbegriff des Jetsets. Der schlanke Rumpf, seine spitze Nase und die deltaförmigen Flügel waren dem Primat der Geschwindigkeit geschuldet. „Weil alle Geschöpfe, gleich, ob Tiere, Schiffe oder Flugzeuge, die sich schnell durch Wasser oder Luft bewegen, ästhetisch wirken“, so der britische Physiker Brian Cox im SPIEGEL, „empfinden wir die Concorde bis heute als schön“.

Doch während Ästhetik und Schnelligkeit des außergewöhnlichen Flugzeugs nie in Frage standen, war seine Rolle im internationalen Luftverkehr von Anfang an fragwürdig. Bis 1970 hatten zwar 16 Fluggesellschaften weltweit insgesamt 74 Concordes bestellt. Doch viele stornierten wegen der ersten Ölkrise 1973 ihre Bestellungen für den Jet wieder, der bis zu 23.000 Liter Kerosin in der Stunde verbrannte – und das bei einer Kapazität von nur etwa 100 Passagieren. Ein moderner Airbus A320 mit Platz für 150 Reisende kommt fast mit einem Zehntel dieser Menge aus. Schon beim ersten Linienflug 1976 zeichnete sich also ein exklusives Nischendasein ab.

Die Queen an Bord. Quelle: https://www.welt.de/img/vermischtes/mobile101262532/5481622987-ci23x11-w960/concorde-76-queen-DW-Wirtschaft-Frankfurt-Archiv-jpg.jpg

Die Queen an Bord. Quelle: https://www.welt.de/img/vermischtes/mobile101262532/5481622987-ci23x11-w960/concorde-76-queen-DW-Wirtschaft-Frankfurt-Archiv-jpg.jpg

Zudem war die Concorde laut: Der charakteristische Knall beim Durchbrechen der Schallmauer führte dazu, dass die meisten Länder dem Jet nur eine Überfluggenehmigung für Geschwindigkeiten unter der Schallgrenze erteilte. So konnte der Pilot nach dem Start in Europa erst auf dem Atlantik richtig Gas geben, was Einsatzmöglichkeiten und Zeitgewinn einschränkte. Außerdem entsprach die Reichweite mal gerade eben dem Sprung von Europa über den Atlantik. Zu den vielen kühnen Projekten gehörte in den Anfangsjahren der erste Linienflug zwischen Paris und Rio de Janeiro; wenig später wurde die Strecke Paris ­ Caracas mit einem technischen Aufenthalt in Santa Maria gestartet. Beide Dienste wurden jedoch am 1. April 1982 schon wieder eingestellt.

zuletzt nur noch nach New York

Obwohl das Flugzeug als außerordentlich sicher galt, gab es immer Zwischenfälle. Oft waren Reifen schuld, so im Juni 1979, als das Fahrwerk nicht mehr eingefahren werden konnte und eine Maschine nach Washington zurückkehren musste. Ebenfalls recht häufig traten Vibrationen im Flugbetrieb auf. Mehrere Male verloren Concordemaschinen auch Teile des Seitenruders. Der damalige Lufthansa-Chef Herbert Culmann spottete im SPIEGEL: „Sagen Sie mir, wann ich für die Lufthansa Konkurs anmelden soll, und ich sage Ihnen, wie viele Concordes ich dafür brauche.“

Letzter Concorde-Unfall. Quelle: http://cdn3.spiegel.de/images/image-55006-galleryV9-aeny-55006.jpg

Letzter Concorde-Unfall. Quelle: http://cdn3.spiegel.de/images/image-55006-galleryV9-aeny-55006.jpg

So flogen mit Air France und British Airways nur zwei Airlines das modernste Flugzeug der Welt, das doch schon irgendwie ein Dinosaurier war: den Flugbetrieb stützte der französische Staat mit Zuschüssen von bis zu 90 Prozent. Ähnlich großzügig hielten die britischen Steuerzahler ihre Überschallflotte aus. 1981, als umgerechnet bereits gut 4 Milliarden Euro in das Projekt geflossen waren, berichtete die Pariser Tageszeitung “Le Figaro”, Staatspräsident François Mitterand sei entschlossen, den unrentablen Passagierjet aus dem Verkehr zu ziehen. Die 16 Maschinen verkehrten zuletzt nur noch auf der lukrativen Nordatlantik-Strecke nach New York.

Im Juli 2000 wollten auch 96 deutsche Touristen dorthin, um das Kreuzfahrtschiff „MS Deutschland“ zu besteigen. Doch ihre Concorde rollt beim Start in Paris über ein Metallteil, das ein kurz zuvor abgehobenes Flugzeug verloren hatte und das links einen Reifen zerfetzte. Dessen Reste werden gegen die linke Tragfläche geschleudert und beschädigen Tank Nummer 5. Herausströmendes Kerosin entzündet sich, die bereits brennend abhebende Maschine taumelt etwa eine Minute in einer Höhe von 60 Metern, neigt sich dann nach links und stürzt auf ein Hotel im Pariser Vorort Gonesse. Alle Passagiere und Besatzungsmitglieder sowie vier Menschen am Boden werden getötet. Die Behörden entzogen der Concorde die Typenzulassung, Air France und British Airways stellten Flüge mit dem Überschalljet nach diesem ersten – und einzigen – Absturz bis auf weiteres ein.

Beide Flieger in Sinsheim. Quelle: https://img.fotocommunity.com/concord-tupolev-144-museum-sinsheim-114a3dbe-d919-448c-82d0-2187bbc6999c.jpg

Beide Flieger in Sinsheim. Quelle: https://img.fotocommunity.com/concord-tupolev-144-museum-sinsheim-114a3dbe-d919-448c-82d0-2187bbc6999c.jpg

Zwar steckten beide Airlines noch einmal Millionen in eine Umrüstung ihres prestigeträchtigen Flaggschiffs, das seine Zulassung wiedererhält. Doch wie schon 25 Jahre zuvor der Erstflug kommt Ende 2001 auch das Comeback der Concorde zur falschen Zeit: Kurz nach den Terroranschlägen von New York und Washington steckt die Luftfahrtbranche in der Krise. Am 24. Oktober 2003 startete in New York der letzte Linienflug nach London; der „Donnervogel“ wurde über dem Ärmelkanal von einem Verband der britischen Kunstflugstaffel Red Arrows begleitet. Damit endete auch der zivile Überschallflug: die USA haben ihre Pläne nie realisiert, die russische TU 144, schelmisch „Concordski“ genannt, flog nach mehreren Pannen schon seit 1983 nicht mehr. Zwei Exemplare beider Überschallschönheiten stehen heute im Auto- und Technikmuseum Sinsheim einträchtig beieinander.

„Blicke ich auf meine geistige Entwicklung, so meine ich, etwas von Kindheit an Gleichbleibendes zu sehen. Die Grund-Verfassung der Jugend hat sich im Laufe des Lebens geklärt, im Stoff des Weltwissens bereichert, aber es hat niemals Wandlungen der Überzeugung gegeben, keinen Bruch, keine Krise und Wiedergeburt.“ Der das als 70jähriger durchaus selbstgewiss von sich behauptete, hat nicht nur der Psychiatrie ein Standardwerk geschenkt, sondern auch die Existenzphilosophie mitbegründet, die These der Kollektivschuld bestritten, die Wiedervereinigung abgelehnt und mehr direkte Demokratie gefordert. Was sich wie ein politisches Sammelsurium liest, offenbart sich als schweres Leben.

Karl Jaspers wurde am 23. Februar 1883 in Oldenburg als Sohn eines Bankdirektors und Landtagsabgeordneten sowie Urenkel eines Schmugglers geboren. Von Kindheit an litt er an Bronchiektasen, unheilbaren Lungenmissbildungen, die seine körperliche Leistungsfähigkeit erheblich beeinträchtigten, ihn anfällig für Infektionen machten und ihn sein Werk buchstäblich dem Tod abtrotzen ließen: „Für mich selber war die Krankheit ein Schicksal.“ Diese Einschränkungen sowie familiäre Umstände sensibilisierten ihn für psychologische Fragen. Er studierte Jura und Medizin, wurde 1908 in Heidelberg promoviert und heiratete 1910 die jüdische Krankenpflegerin Gertrud Mayer.

Jaspers mit seiner Frau. Quelle: https://pima1963.files.wordpress.com/2014/11/jaspers-and-wife.jpg?w=1000&h=689

Jaspers mit seiner Frau. Quelle: https://pima1963.files.wordpress.com/2014/11/jaspers-and-wife.jpg?w=1000&h=689

1913 legte Jaspers als gerade Dreißigjähriger sein „Lehrbuch der Allgemeinen Psychopathologie“ in Heidelberg als Habilitationsschrift vor, die bis heute als richtungsweisendes Standardwerk gilt und ihm 1916 die Ernennung zum außerordentlichen Professor einbringt. Schon 1919 begründete er mit der „Psychologie der Weltanschauungen“ die „Existenzphilosophie“ und erntet damit ersten philosophischen Ruhm: Eine Typologie des Wunderns, Reflektierens, ja der Fragwürdigkeiten des Daseins. 1920 rückte er zum Extraordinarius auf, begann seine Freundschaft mit Martin Heidegger („Sein und Zeit“) und wurde 1921 als Doktor der Medizin auf einen Lehrstuhl der Philosophie berufen.

Seitdem ermöglichte er in schwergewichtigen Schriften erstmals das Gespräch unter den „Menschenwissenschaften“. Eine dreibändige Philosophie erschien 1932/33, zuvor stieß die Schrift „Die geistige Situation der Zeit“ (1931) mitten in die Existenzangst der Weltwirtschaftskrise vor. Wissenschaft und Technik, so Jaspers, sind zwar für jedes Handeln nützlich, sie können jedoch das, „was wirklich geschieht … nicht ändern“. Zu ändern vermag nur das „überschreitende Denken, durch das der Mensch er selbst werden möchte“, eben die „Existenzphilosophie“. Als Appell an die Freiheit („Existenzerhellung“) führt es aber „zu keinem Ergebnis“; es bleibt „gegenstandslos“. Jaspers: „Ich bin nicht, was ich erkenne, und erkenne nicht, was ich bin.“ 1932 promovierte er Golo Mann.

„Größe abendländischer Überlieferung“

Nach Hitlers Machtergreifung konstituierte sich an der Universität Heidelberg ein Kreis, dem auch Jaspers angehörte, mit dem Ziel, für die badischen Universitäten nach den Prinzipien des NS-Regimes eine neue Verfassung zu entwerfen. Jaspers selbst schuf einen Entwurf nach dem Führerprinzip: für ihn ist die Universität eine Stätte der Erziehung und Ausbildung einer geistesaristokratischen Elite, die sich von der „Vermassung“ und vom bloßen Wissenschaftsmanagement abhob. Der Kontakt zu Heidegger brach nach dessen NSDAP-Eintritt ab. 1950 hat der Jaspers gegenüber brieflich seine Scham darüber eingestanden: „Ich bin seit 1933 nicht deshalb nicht mehr in Ihr Haus gekommen, weil eine jüdische Frau dort wohnte, sondern weil ich mich einfach schämte.“ Jaspers war jedoch nicht bereit, die frühere Vertrautheit wiederzubeleben.

Dabei verdrängte der Philosoph anfangs die politischen Realitäten: Als man ihm prophezeite, man werde die Juden „eines Tages in Baracken bringen und die Baracken anzünden“, hielt er es für Phantasterei: „Das ist ja ganz unmöglich.“ Seine Schülerin und Freundin Hannah Arendt ließ er wissen, das Ganze sei „eine Operette. Ich will kein Held in einer Operette sein.“ Ihre Emigration erschien ihm als übereilte „Dummheit“. Arendt konnte Jaspers‘ Deutschtum nachvollziehen, aber hielt ihm auch deutlich vor, dass er aus naivem Vertrauen in die politische Reife seiner Mitbürger nicht in der Lage war, die Bedrohung des Nationalsozialismus zu erkennen. Er bejahe die deutsche Macht, weil er meinte, Deutschland solle zwischen dem russischen Despotismus und dem angelsächsischem „Konventionalismus“ ein drittes Reich werden und „den Geist der Liberalität, der Freiheit und Mannigfaltigkeit persönlichen Lebens, der Größe abendländischer Überlieferung“ vertreten.

Aufgrund der Maßnahmen zur „Gleichschaltung“ der Universitäten in Deutschland wurde Jaspers zunächst aus der Universitätsverwaltung ausgeschlossen, aber erst Ende September 1937 mit Ruhebezügen zwangspensioniert. 1938 wurde ihm zunächst ein inoffizielles, ab 1943 ein offizielles Publikationsverbot auferlegt. Er resümierte später: „Ich habe von Hitler acht Jahre Urlaub bekommen.“ Mehrere Male dachte er an Emigration und hoffte auf einen Ruf ins Ausland. Von Freunden unternommene Versuche scheiterten jedoch. Eigentlich hatte er sich für die innere Emigration entschieden, im Namen der Zugehörigkeit zu einer Schicksalsgemeinschaft: „Niemand verlässt ohne Einbuße sein Land.“ Man laufe im Exil Gefahr, der „Bodenlosigkeit“ zu verfallen.

Jaspers. Quelle: http://mythosandlogos.com/Jaspers2.jpg

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Nach 1945 gehörte Jaspers zu den profiliertesten Wissenschaftlern, die zur Neubegründung und Wiedereröffnung der Universität Heidelberg beitrugen, und wurde 1946 zum Ehrensenator gewählt. In der Schrift „Die Schuldfrage“, zugleich seine erste Vorlesung, entwickelte er ein vierdimensionales Verständnis von Schuld, das auch heute noch die politische Diskussion maßgeblich beeinflusst: die kriminelle, die politische, die moralische und die metaphysische Schuld. Die erste zu verurteilen ist Sache der Gerichte, die zweite Sache des Siegers. Gleichzeitig wandte er sich gegen die These von der Kollektivschuld und hielt es für „sinnwidrig“, ein Volk als Ganzes eines Verbrechens zu beschuldigen oder moralisch anzuklagen: „Verbrecher ist immer nur der einzelne. […] Moralisch kann immer nur der einzelne, nie ein Kollektiv beurteilt werden.“

„den notwendigen Weg der legalen Revolution vorbereiten“

1947 veröffentlichte er sein mit Abstand wichtigstes Buch „Von der Wahrheit“, das Menschen aus dem Klammergriff der „Existenz“ in die Wechselfälle des Lebens freisetzte. „Der Mensch ist unvollendet und nicht vollendbar“, lautet einer seiner Grundthesen. Enttäuscht von der weiteren allgemein- und hochschulpolitischen Entwicklung im Nachkriegsdeutschland nahm Jaspers 1948 einen Ruf als Professor nach Basel an: der neuen deutschen Wirklichkeit könne er nicht vertrauen.

„Überhaupt war er zwar in der Bundesrepublik ein Star-Intellektueller, doch innerhalb der Universitäten wurde er weitgehend ignoriert“, meint Thomas Meyer in der ZEIT. Er gab immer wieder stark beachtete Stellungnahmen zu Zeitfragen wie auch zu wissenschaftlichen Themen ab, seine Rundfunk- und Fernsehinterviews „wurden von Konrad Adenauer und seinen Bonner Kollegen genauso beachtet und kommentiert wie von Walter Ulbricht und dessen Genossen in Ost-Berlin“, so Meyer.

Jaspers-Haus in Oldenburg. Quelle: https://uol.de/fileadmin/_processed/c/c/csm_Bild1_03_3df9605ad3.jpg

Jaspers-Haus in Oldenburg. Quelle: https://uol.de/fileadmin/_processed/c/c/csm_Bild1_03_3df9605ad3.jpg

Auf über 1000 Seiten konnte man sich 1957 über „Die großen Philosophen“ belehren lassen, was, wie sich Jahre nach Jaspers’ Tod herausstellte, nur ein Teil eines mindestens zwei weitere Bände umfassenden gigantischen Unternehmens war. 1958 schrieb er in „Die Atombombe und die Zukunft des Menschen“, die weißen Völker könnten die zur Unabhängigkeit gelangenden Völker nicht daran hindern zu verhungern, wenn diese partout nicht lernen wollten, sich redlich aus dem Land zu ernähren. Auch müsse der Krieg mit Atomwaffen „unvermeidlich augenblicklich zur Apokalypse führen“. Der Sowjetunion, in der Schrift noch als unverbesserlich totalitär eingeschätzt, empfahl er acht Jahre später, mit den USA zusammen die chinesische Atomrüstung ultimativ auszuschalten.

Zeitlebens der Idee eines deutschen Nationalstaats nicht gerade zugetan, schrieb er 1960 in „Freiheit und Wiedervereinigung“, die Bundesrepublik müsse, um ihre hitlerische Vergangenheit zu sühnen, auf die Wiedervereinigung verzichten. Die Anerkennung der DDR und der Grenze an Oder und Neiße forderte er nicht aus Zweckmäßigkeit, sondern als angemessene, als verdiente Quittung für den willkürlich begonnenen, verbrecherisch geführten Weltkrieg. Prompt wurde er als „Vaterlandsverräter“ und „Handlanger des Kommunismus“ beschimpft.

1966 erhob er in „Wohin treibt die Bundesrepublik?“ seine Stimme gegen Machtpolitik und Parteienstaat und trat für eine Verfassungsänderung zugunsten von mehr direkter Demokratie ein. So regte er Rudolf Augstein am 9. Juli 1966 zu einer Recherche an: „Beherrschen uns am Ende 10 000 oder noch viel weniger? Wie funktioniert die Parteienhierarchie, und wie operieren die Parteifunktionäre? Durch welche Mittel behaupten sie ihre Macht? Welche Solidaritäten verbinden sie? Wie wirken sich ihre Rivalitäten aus? Dass wir Untertanen dieser kleinen Parteien-Oligarchie sind, scheint mir zweifellos. Man müsste es nur viel deutlicher sehen. Mir scheint, dass solches Wissen den notwendigen Weg der legalen Revolution vorbereiten könnte, um uns noch rechtzeitig zu befreien.“ Das klingt fast verschwörungstheoretisch und brächte Jaspers heute den Vorwurf von AfD-Nähe ein.

Als Reaktion auf die Wahl des ehemaligen NSDAP-Mitglieds Kurt Georg Kiesinger zum Bundeskanzler sowie auf die Verabschiedung der Notstandsgesetze 1968 erwarb er auch die Schweizer Staatsbürgerschaft. Am 26. Februar 1969 starb Jaspers in Basel. Sein Werk umfasst über 30 Bücher mit etwa 12.000 Druckseiten, die meisten international übersetzt, und einen Nachlass von 35.000 Blättern mit einigen tausend Briefen. Man geht von einer deutschsprachigen Gesamtauflage von mehr als einer Million Exemplaren aus. Es gibt weltweit sieben Jaspers-Gesellschaften, in der Schweiz eine Karl-Jaspers-Stiftung, die Universität Heidelberg vergibt den Karl-Jaspers-Preis. Und seit 1990 veranstaltet die Universität in Oldenburg die jährlichen Karl Jaspers Vorlesungen zu Fragen der Zeit. Er war Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels, Erasmus- und Goethe-Preisträger sowie mehrfacher Ehrendoktor, darunter an der Pariser Sorbonne.

Lesespuren: Jaspers` Exemplar von Kants „Kritik der reinen Vernunft“. Quelle: https://uol.de/fileadmin/_processed/c/0/csm_Jaspers_fuer_Web_8a765c0a1a.jpg

Lesespuren: Jaspers` Exemplar von Kants „Kritik der reinen Vernunft“. Quelle: https://uol.de/fileadmin/_processed/c/0/csm_Jaspers_fuer_Web_8a765c0a1a.jpg

„Keiner, Kant eingeschlossen, hat sich mit so wenig Schonung für die eigene Person in die Helle der Öffentlichkeit hineingeworfen, um der Philosophie zu sichern, was sie doch niemals beherbergen kann: tiefere Einsicht vom Standort einer höheren Moral“, schrieb Rudolf Augstein im SPIEGEL. Aber dieses „Hineinwerfen“ hat für Augstein vor allem mit „Appellieren“ zu tun, nichts mit „Aussagen“ – weshalb Jaspers eigentlich nur Anregung sei, nicht aber Bedeutung hätte. „Welche Wirkung konnte solch moralisches Appellieren haben? Die Frage wäre sinnvoll, wenn irgendein moralisches Appellieren in der Bundesrepublik je sinnvoll gewesen wäre“, so Augstein bitter. Darüber mag man ein Weilchen nachsinnen.

Den Weihnachtsabend 1976 hat Lothar Loewe sicher zeitlebens nicht vergessen: Zwei Tage zuvor zur „unerwünschten Person“ erklärt, musste der ARD-Korrespondent für Ost-Berlin binnen 48 Stunden die DDR verlassen. Während in den Häusern ringsum beschert wird, passiert er die Grenze nach Westberlin. Anlass war ein Tagesschau-Bericht mit der Aussage: „Hier in der DDR weiß jedes Kind, dass die Grenztruppen den strikten Befehl haben, auf Menschen wie auf Hasen zu schießen“. Den Satz wertete die DDR-Regierung als „grobe Einmischung in die inneren Angelegenheiten der DDR“.

In seinen Lebenserinnerungen schrieb er später: „Das war, was wohl als der ‚Hasen-Kommentar‘ in die Mediengeschichte eingehen wird. Ich gestehe, dass ich den Satz geschickter und präziser hätte formulieren können. Aber die Mauer vor Augen, an der Grenzpolizisten erst kurz zuvor auf einen Ost-Berliner Jungen geschossen hatten, den mysteriösen Autounfall, die ständige Konfrontation mit Stasi-Männern und Volkspolizisten – war es ein Wunder, dass ich plötzlich für ein paar Sekunden die Fassung und die ruhige Überlegung verlor?“

Loewe bei der Ankunft in Westberlin. Quelle: http://www.bpb.de/cache/images/8/54188-3x2-facebook.jpg

Loewe bei der Ankunft in Westberlin. Quelle: http://www.bpb.de/cache/images/8/54188-3x2-facebook.jpg

Ebenso wie 1975, als der SPIEGEL-Korrespondent Jörg Mettke wegen seiner Berichte über Zwangsadoptionen in der DDR ausgewiesen wurde, endet auch das Jahr 1976 mit einem journalistischen Zwischenfall, der die Beziehungen zwischen Bonn und Ost-Berlin vorübergehend erheblich belastete. Weitere folgten fast im Jahrestakt: Anfang 1978 wird das SPIEGEL-Büro in Berlin geschlossen, im Frühjahr 1979 ZDF-Korrespondent Peter van Loyen ausgewiesen. Doch kein anderer Journalist konnte es mit Loewes Bekanntheit – und Direktheit – aufnehmen.

aus seinem Herzen keine Mördergrube gemacht

Am 9. Februar 1929 in Berlin-Wilmersdorf geboren, wächst Lothar bis Januar 1945 in Landsberg an der Warthe auf, wohin sein Vater, ein Postbeamter, versetzt wurde. Die Schlacht um Berlin erlebte er als 16jähriger Hitlerjunge mit der Panzerfaust in der Hand. „Bis ich sie endlich wegschmissen habe und mit der letzten Straßenbahn nach Hause gefahren bin“, sagte er der WELT. Beim Berliner Abend fing er dann zusammen mit dem späteren Bild-Chef und Springer-Vorstandvorsitzenden Günter Prinz „learning by doing“ als Polizeireporter an – kulinarisch bestens versorgt von Mutter Prinz, „die trotz der schlechten Zeit so wunderbare Butterbrote schmieren konnte“.

Er entwickelt sich in verblüffender Geschwindigkeit zum Vollblutjournalisten: Neugierig, respektlos, bestens informiert, immer zur Stelle, dazu witzig und charmant. Obendrein fleißig, ehrgeizig und pfiffig, wurde er zum Chronisten des Kalten Krieges und damit der Weltgeschichte. Zunächst erlebt er den Aufstand vom 17. Juni 1953 in Ost- Berlin mit, nur drei Jahre später als einer von wenigen West-Journalisten auch den Ungarn- Aufstand. Auf seine eindrucksvollen Reportagen wurde die noch im Aufbau befindliche ARD aufmerksam und schickte den Mann mit der markigen Stimme und dem unüberhörbaren Berliner Akzent gleich als Korrespondenten nach Washington, wo er erst die Kuba-Krise, dann die Ermordung John F. Kennedys und schließlich die Reaktionen auf den Bau der Berliner Mauer begleitete. Damals sei er Atlantiker geworden, behauptet die WELT.

Loewe mit Günter Gaus. Quelle: http://www.bpb.de/cache/images/3/54193-3x2-galerie_gross.jpg

Loewe mit Günter Gaus. Quelle: http://www.bpb.de/cache/images/3/54193-3x2-galerie_gross.jpg

Von Washington nach Moskau als Nachfolger von Gerd Ruge – für Lothar Loewe 1967 die nächste,  wiederum prestigeträchtige Herausforderung. Aus nicht ganz geklärten Gründen musste er 1970 seine Koffer packen: Angeblich hatte er ein Gespräch zwischen den Außenministern Walter Scheel und Andrej Gromyko zu belauschen versucht. Die drei Jahre schärften allerdings sein Weltbild und sensibilisierten ihn zugleich. Dank seines profunden Wissens vor allem auch in militärstrategischen Fragen war als Gesprächspartner geschätzt, seiner Deutlichkeit wegen aber auch gefürchtet: er habe aus seinem Herzen, aus seinen politischen Überzeugungen keine Mördergrube gemacht, meint Joachim Stoltenberg in der WELT.

Ab Ende 1974 berichtete er dann als erster ARD-Fernsehkorrespondent aus Ost-Berlin. Zwei Ziele stehen dabei nebeneinander: Den westdeutschen Fernsehzuschauern zeigen, wie die Deutschen im anderen Teil Deutschlands leben, und den DDR-Bürgern eine Alternative zur staatlich gelenkten Berichterstattung zugänglich zu machen. Gerade mal 20 West-Akkreditierungen ließ die DDR gleichzeitig zu: Denn für die SED waren die Westkorrespondenten nichts anderes als Agenten des Klassenfeinds.

„Wir waren der DDR-Journalistenverordnung unterworfen“, erzählte Loewe. „Diese forderte Selbstverständlichkeiten wie das Einhalten der Gesetze der DDR, umfasste aber auch eine Beschränkung der Bewegungsfreiheit. Waren wir außerhalb von Ost-Berlin tätig, hatten wir dies dem DDR-Außenministerium zu melden. Wollten wir etwa bei einer Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft oder in einem Volkseigenem Betrieb filmen, musste das auch beantragt werden.“

„Nagel in den Sarg der DDR geschlagen“

Durch Loewes Berichterstattung wird im Sommer 1976 die Selbstverbrennung des Pfarrers Oskar Brüsewitz in Zeitz aus Protest gegen die Schul- und Jugendpolitik der SED überhaupt erst in der DDR bekannt. Spätestens ab diesem Zeitpunkt ist Loewe für die DDR-Führung eine persona non grata. Vor einer Ausweisung schreckte sie aber offenbar noch zurück und will die Verantwortung dafür lieber anderen in die Schuhe schieben. Bemühungen, die ARD dazu zu bewegen, Loewe unauffällig abzuziehen, bleiben aber erfolglos, ebenso Versuche, das auf politischem Weg zu erreichen. Loewes Berichterstattung über die Ausbürgerung Biermanns und den Hausarrest Havemanns im Herbst 1976 tragen nicht zu einer Entspannung der Lage bei, bevor dann die „Tagesschau“ am 21. Dezember den willkommenen Anlass bietet, ihn loszuwerden.

Lothar Loewe. Quelle: https://www.bz-berlin.de/data/uploads/multimedia/archive/00258/lothar-loewe-tot_258629a-768x432.jpg

Lothar Loewe. Quelle: https://www.bz-berlin.de/data/uploads/multimedia/archive/00258/lothar-loewe-tot_258629a-768x432.jpg

„Die Korrespondenten, vor allem von Rundfunk und Fernsehen, haben einen entscheidenden Beitrag zum Zusammengehörigkeitsgefühl der Deutschen und zur deutschen Einheit geleistet. Mit der Berichterstattung aus der DDR in die DDR hat besonders das Fernsehen einen dicken Nagel in den Sarg der DDR geschlagen“, bilanziert er. 1979 bekam er das Verdienstkreuz am Bande der Bundesrepublik Deutschland.

Nachdem er sich überraschend zur Wahl gestellt hatte, wurde er im März 1983 tatsächlich zum Intendanten des Senders Freies Berlin SFB gewählt. Er war als Reporter aber vor allem Einzelkämpfer, kein Teamworker. Sein Führungsstil war umstritten, viele im Sender warfen ihm vor, selbstherrlich zu regieren. Das Vertrauen, das besonders die CDU in ihn gesetzt hatte, war schnell verspielt. Sein Ende sollte durch einen Abwahlantrag herbeigeführt werden – einmalig in der Geschichte des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Loewe kam diesem Verfahren 1986 durch eine Vertragsauflösung zuvor. Er sei mit Leib und Seele ein leidenschaftlicher Journalist gewesen, wird ihn später RBB-Intendantin Dagmar Reim würdigen, eine seiner Nachfolger.  „Er war und blieb immer Reporter. Sobald die Aktualität rief, war er da“, sagte sie der Frankfurter Rundschau.

Nach dem Fall der Mauer erfuhr Loewe Rehabilitierung und Genugtuung. Er wurde 1992 Hörfunkbeauftragter für den Deutschlandsender Kultur der DDR, der mit dem Deutschlandfunk und dem Sender Rias 1994 in ein neues nationales Hörfunksystem mit Deutschlandradio und Deutschlandfunk überführt wurde. Loewe genoss aber nicht nur seinen Job, sondern auch das Leben: Er schätzte sein schnelles Cabrio, fuhr sehr gut Ski und spielte auf gutem Niveau Tennis, bis ein Hüftleiden den sportlichen Ausgleich beendete.

Loewe in seinem Element. Quelle: https://www.welt.de/img/kultur/mobile101575793/7912506657-ci102l-w1024/bs-loewe-005-DW-Kultur-Berlin-jpg.jpg

Loewe in seinem Element. Quelle: https://www.welt.de/img/kultur/mobile101575793/7912506657-ci102l-w1024/bs-loewe-005-DW-Kultur-Berlin-jpg.jpg

Wer Lothar Loewe näher kannte, sagte von ihm, er sei in seinen letzten Jahren ruhiger und milder geworden; der weiche Kern, der stets hinter seiner rauen Schale verborgen lag, habe sich nun öfter offenbart. Aber immer wieder trat er als Zeitzeuge der Entwicklung in Ost und West oder als Kolumnist auf, so zuletzt der BILD. Und aus der las er seiner Frau am Berliner Frühstückstisch am 23. August 2010 vor und lachte noch kurz, bevor sein Herz zu schlagen aufhörte.

Was mit einer Gutenachtgeschichte für den Fünfjährigen begonnen hatte, wurde zu seiner Obsession: Das Kindermädchen Resi hatte ihm die Geschichte von Nils Holgerssons Reise mit den Wildgänsen vorgelesen – worauf Konrad beschloss, unbedingt ein Wasservogel zu werden. Er gab sich mit einem frisch geschlüpften Entenküken zufrieden, das ihm überallhin folgte – die wissenschaftliche Erklärung für dieses Phänomen fand Lorenz erst Jahre später, als er bei der jungen Graugans Martina das nämliche Verhaltensmuster beobachtete. Spötter behaupten, das anhängliche Gänsekind in seinem fluffigen Daunenkleid habe im Gegenzug den jungen Lorenz auf das Federvieh festgelegt.

Dieses Phänomen nannte er „Prägung“: Einem nur kurze Zeit „offenen“ genetischen Programm folgend, fixiert der Jungvogel dasjenige Wesen zum Leittier, das sich ihm in dieser Lebensphase zuwendet – eine Verschränkung von Instinkt und Lernfähigkeit, die bis dahin kein Biologe für möglich gehalten hatte. Diese Beobachtung führte Lorenz zu der damals revolutionären Erkenntnis, dass nicht nur die körperlichen Merkmale einer Art, sondern auch ihre Verhaltensprogramme ein Ergebnis ihrer stammesgeschichtlichen Entwicklung sind. Nur wenn die Konstruktion des Körpers und die Instruktion des Verhaltens optimal aufeinander abgestimmt sind, kann eine Spezies im evolutionären Konkurrenzkampf überleben.

Auch viele der Spezies Mensch eigentümliche Verhaltensweisen hätten, so Lorenz, ihren Ursprung in einer früher einmal notwendig gewordenen biologischen Anpassung an diesen Selektionsdruck – die jeder Art offenkundig  aufgeprägten Muster, nach denen geworben, gebrütet, erlernt, gefüttert, kommuniziert, gekämpft und erobert wird. Damit begründete er die klassische vergleichende Verhaltensforschung (Ethologie), die er bis 1949 als „Tierpsychologie“ bezeichnete: „Einstein der Tierseele“ nannte ihn der SPIEGEL ehrfürchtig. Daneben gilt er als ein Urheber der „Evolutionären Erkenntnistheorie“, wonach Erkenntnisstrukturen mit den realen Strukturen teilweise übereinstimmen (müssen), weil nur eine solche Übereinstimmung das Überleben ermöglicht. Für seine Entdeckungen „betreffend den Aufbau und die Auslösung von individuellen und sozialen Verhaltensmustern“ bekam er mit zwei anderen Forschern 1973 den Nobelpreis für Medizin.

Gänsevater Lorenz. Quelle: https://klf.univie.ac.at/fileadmin/_processed_/csm_konrad-lorenz-gruenau_b66478c8df.jpg

Gänsevater Lorenz. Quelle: https://klf.univie.ac.at/fileadmin/_processed_/csm_konrad-lorenz-gruenau_b66478c8df.jpg

Erst bei dessen Verleihung bedauerte Lorenz in ziemlich gewundener Form bestimmte Studien, die er bis 1944 veröffentlicht hatte, aber „die zurückzunehmen seine Größe nicht ausreichte und die sein Fach bis heute belasten“, so die ZEIT. „Das Wenige, was ich schon von Untaten und Gräueln des neuen Regimes wusste, konnte ich nicht glauben und wollte es vor allem nicht glauben. Der Vorgang, den Sigmund Freud ‚Verdrängung‘ nannte, hat eine dämonische Macht über den Menschen, von der man sich keine Vorstellung macht“, rechtfertigte er sich lange danach. „Seine Karriere ist eng mit der Rassenideologie der Nazis verknüpft“, begründete Karljosef Kreter, Leiter des Bereichs Erinnerungskultur der Stadt Hannover, in der HAZ den Beschluss, den erst 1991 nach Konrad Lorenz umbenannten Platz erneut umzubenennen. Er habe sich an nationalsozialistischen Propagandabegriffen wie der „Ausmerzung“ und „Auslese“ von Rassen orientiert.

„paradiesische Kindheit in einem zauberschlossartigen Gebäude“

Diese Anschauungen seien ihm in die Wiege gelegt, erklärte Lorenz später: „Ich bin durch Vererbung von Eugenik besessen.“ Gemeint ist sein Vater, der weltberühmte  Orthopäde Adolf Lorenz, der als Verfechter von „Erbgesundheit“ für „die Sterilisierung weiblicher und männlicher Idioten, Gewohnheitsverbrecher und Trinker“ stritt. Er war fast 50 – und seine Frau 41 – als Konrad 1903 in der elterlichen Villa in Altenberg bei Wien geboren wurde. Biographen schreiben von einem herrisch-unnahbaren Vater und einer hysterisch-gefühlsarmen Mutter, einer „paradiesischen Kindheit in einem zauberschlossartigen Gebäude“, „umgeben von Luxus“, einem „Kometenschweif von Bediensteten“ und „jeder Menge Tiere“. Grenzenlose Verwöhnung und ein irreparables Defizit an emotionaler Geborgenheit hätten ihn geschädigt und zeitlebens die Welt durch die Augen eines „extrem verwöhnten Kindes“ sehen lassen. Mit seiner späteren Frau Gretl – sie kannten sich seit seinem dritten Lebensjahr – spielte der kleine Konrad Dinosaurier im elterlichen Park. Als Schwanz zog er einen Gartenschlauch hinter sich her. Ein „kindhafter Spieltrieb“ sei ihm auch als Wissenschaftler eigen geblieben. Als Ärztin gab ihm Gretl später den finanziellen Rückhalt für seine Studien.

Der Kindheitsfreund Karl Poppers begann 1922 auf Wunsch seines Vaters ein Medizinstudium in New York, kehrte jedoch schon ein Jahr später nach Wien zurück, wo er 1928 promovierte, dann als Assistent am II. Anatomischen Institut der Universität beschäftigt war und 1933 eine zweite Promotion ablegte. Danach beginnt er als Privatgelehrter seine tierischen Studien zu professionalisieren: Zeitweise hielt Lorenz in Altenberg 100 Dohlen, 20 Kolkraben, 32 Nacht- und 15 Seidenreiher sowie dutzendweise Enten, Graugänse und ein paar Hunde, gar nicht zu reden von den vielen hundert Fischen in zahlreichen Aquarien. Unablässig und mit spitzgeschliffener Neugier beobachtete er vor allem das Verhalten der Gänse, lebte schnatternd unter ihnen, schwamm mit ihnen an der Spitze ihrer familiären Geleitzüge und ließ manche sogar, nach menschlichen Maßstäben sicher etwas taktlos, unter der Daunendecke bei sich im Bett schlafen. 1936 habilitiert, erhielt er 1938 ein Forschungsstipendium.

Am 28. Juni 1938 stellte er, was er bis zu seinem Tode abstritt, handschriftlich sein Ansuchen auf Mitgliedschaft in der NSDAP. „Ich war als Deutschdenkender und Naturwissenschaftler selbstverständlich immer Nationalsozialist“, beteuert er darin. 1940 erhielt er eine Professur für Psychologie in Königsberg. Aus der Berufungsakte geht hervor, dass er schon kurz nach seinem Beitritt „Mitarbeiter des Rassenpolitischen Amtes RPA der NSDAP mit Redeerlaubnis“ war. In Aufsätzen beklagte der Biologe etwa die „Verhausschweinung“ des Menschen und verglich die „überzivilisierten Menschen“ der Großstädte mit ihren „Mopsköpfen“ und „Hängebäuchen“ mit überzüchteten Haustieren.

Propaganda der RPA zur Akzeptanzbereitung für Eugenik und Euthanasie. Quelle: https://www.dhm.de/fileadmin/medien/lemo/images/pli02843.jpg

Propaganda der RPA zur Akzeptanzbereitung für Eugenik und Euthanasie. Quelle: https://www.dhm.de/fileadmin/medien/lemo/images/pli02843.jpg

Der gleiche Prozess von Domestikation und Niedergang treffe auch auf den labilen, entwurzelten Stadtmenschen zu, weshalb – ganz im Duktus Spenglers – „die Zivilisation sich in einem Prozess des ‚Verfalls und Untergangs‘ befinde“, die zunehmende Domestikation des Menschen seine Menschlichkeit bedrohe. „Wie die Zellen einer bösartigen Geschwulst“ durchdrängen die „mit Ausfällen behafteten Elemente“ den „Volkskörper“, erreichten mit ihrem „moralischen Schwachsinn eine sehr viel höhere Fortpflanzungsquote als Vollwertige“ und raubten ihnen den Lebensraum, erläuterte Lorenz in seiner „Domestikations-Arbeit“ von 1940. Da helfe nur „ein Rassepfleger“, der „auf eine noch schärfere Ausmerzung ethisch Minderwertiger bedacht“ sei.

„Übereinstimmungen zwischen Psychoanalyse und Verhaltensphysiologie“

Bereits nach einem Jahr wurde er als Soldat zur Wehrmacht eingezogen, als Heerespsychologe einge- und ab 1942 als Militärarzt in ein Lazarett in Posen versetzt, wo ihm bis heute nicht völlig geklärte Aufgaben übertragen wurden. Er selbst hat sich über diese Zeit nie geäußert. Belegt ist lediglich seine Mitarbeit an einer rassekundlichen „Studie“ im Rahmen des Arbeitskreises „Eignungsforschung“. Dabei sollten 877 im „Reichsgau Wartheland“ lebende Menschen auf ihre „erbbiologische“ Eignung hin untersucht werden, weiterhin in ihrer Heimat verbleiben zu dürfen – mit dem Ziel, eine Beziehung zwischen Charaktereigenschaften und „völkischem Blutanteil“ nachzuweisen.  1944 wurde Lorenz an die Ostfront versetzt, geriet in Kriegsgefangenschaft, wo er als verbürgt heroische Leitfigur wirkte, die zahllosen Kameraden das Leben gerettet hat, und wurde 1948 nach Österreich entlassen.

Hier gründete der Enthusiast zunächst ein „Institut für vergleichende Verhaltensforschung“, das zur Österreichischen Akademie der Wissenschaften gehörte, und veröffentlicht zur Finanzierung seines Lebensunterhalts sein bis heute populäres Buch „Er redete mit dem Vieh, den Vögeln und den Fischen“, das in die engere Auswahl um das „beste populäre Wissenschaftsbuch aller Zeiten“ kam. Nachdem 1950 eine Professur in Graz scheiterte, richtete die deutsche Max-Planck-Gesellschaft in Buldern für ihn eine „Forschungsstelle für Vergleichende Verhaltensforschung“ als Außenstelle des Max-Planck-Instituts für Meeresbiologie Wilhelmshaven ein. Fünf Jahre später begann der Bau der legendären „Seewiesen“: Das Max-Planck-Institut für Verhaltensphysiologie am Eßsee in Oberbayern. Dort wurde Lorenz 1961 Direktor. Viele von ihm geprägte Begriffe wie Triebstau, Auslöser oder Instinkt wurden in dieser Zeit definiert, das Forschungsfach internationalisiert. In Münster und München wurden ihm zwei Honorarprofessuren zuteil.

Einer von vielen Bestsellern. Quelle: https://www.amazon.de/redete-mit-Vieh-V%C3%B6geln-Fischen/dp/3492029175#reader_3492029175

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Bis in die siebziger Jahre setzte er seine Arbeit fort und erregte immer wieder Aufsehen mit vehementer Zivilisationskritik, die den fortschreitenden Werteverlust des Industriezeitalters anprangerte. Er wurde weit über die Grenzen seines Fachgebietes hinaus bekannt, als er seine Studien in unterhaltsame und anekdotenreiche Tiergeschichten verpackte und damit auch für naturwissenschaftliche Laien, ja sogar für Kinder zugänglich machte. Auch seine drei Hauptwerke fielen in diese Zeit. Geprägt sind diese Schriften von seiner kulturpessimistischen Überzeugung, dass auch das Verhalten des Menschen weitgehend durch biologische, stammesgeschichtliche Vorgaben bestimmt wird.

Im Jahr 1963 erschien zunächst sein Bestseller „Das sogenannte Böse. Zur Naturgeschichte der Aggression“, das ein schlechtes Licht auf den Menschen warf. In aller Ausführlichkeit schloss Lorenz hier von der Gans aufs Ganze: Der menschliche Geist, so sein provozierender Befund, sei nicht frei, sondern gekettet an ein ererbtes Instinkt-Programm. Damit griff er seine seit den 30er Jahren entwickelte Instinktlehre wieder auf. „Diskussionen von Freuds Trieblehre ergaben unerwartete Übereinstimmungen zwischen den Ergebnissen der Psychoanalyse und der Verhaltensphysiologie“, sagte er später. So meint er, dass Sport als phylogenetisch entstandener „Kommentkampf“ die gemeinschaftsschädigenden Wirkungen der Aggression mildert und damit arterhaltend wirkt.

Für Lorenz begann mit der Veröffentlichung ein neuer Lebensabschnitt als ums Wohl der Menschheit besorgten Predigers, ja als internationale Kultfigur. Das bedrohliche Missverhältnis zwischen ererbten Sicht- und Handlungsbeschränkungen und geistigen Höhenflügen war fortan sein Lebensthema. Die Diskrepanz zwischen menschlichem Geist und natürlicher Veranlagung gipfelte in der Pointe, das „blöde Vieh“ Mensch sei „mit seinem Gehirn im Stande, sich selbst und alle anderen auszurotten“.

„Grundmuster faschistischer Menschenverachtung“

Im Jahr der Nobelpreisverleihung folgten zwei weitere Bestseller. In „Die acht Todsünden der zivilisierten Menschheit“, das bis 2009 als Taschenbuch 34 Auflagen erlebte, analysiert er „Vorgänge der Dehumanisierung“. So geißelte er neben der „Überbevölkerung“ und der „Verwüstung des natürlichen Lebensraums“ Hedonismus, Traditionsverlust und den „genetischen Verfall“, den für ihn unter anderem die wachsende Jugendkriminalität indiziert. Lorenz wich allerdings der Frage aus, wie sich denn der Zivilisationsmensch von seiner offenbar destruktiven Erblast befreien könnte, ja, ob er dazu überhaupt in der Lage wäre.  Zur Bevölkerungsentwicklung ergänzte er 1988: „Es zeigt sich, dass die ethischen Menschen nicht so viele Kinder haben und die Gangster sich unbegrenzt und sorglos weiter reproduzieren.“ „Grundmuster faschistischer Menschenverachtung“, ja „Ungeheuerlichkeiten“ hätten sich abgezeichnet, klagte nach seinem Tod sein Schüler Norbert Bischof, der den Text redigierte.

Nobelpreis-Übergabe. Quelle: https://www.br.de/themen/wissen/konrad-lorenz-nobelpreis-uebergabe-100~_v-img__3__4__xl_-f4c197f4ebda83c772171de6efadd3b29843089f.jpg

Nobelpreis-Übergabe. Quelle: https://www.br.de/themen/wissen/konrad-lorenz-nobelpreis-uebergabe-100~_v-img__3__4__xl_-f4c197f4ebda83c772171de6efadd3b29843089f.jpg

In seinem Hauptwerk „Die Rückseite des Spiegels – Versuch einer Naturgeschichte menschlichen Erkennens“ erörtert Lorenz das Zusammenspiel von genetischen und zivilisatorischen Einflüssen auf das Erkenntnisvermögen des Menschen; er hatte es bereits im Krieg angelegt. „Wie galvanisierte Ganter zuckten vor allem die Soziologen und die Psychologen auf, als Lorenz mit der These hervortrat, Kulturgeschichte sei nichts anderes als die Fortsetzung der Evolution mit anderen Mitteln: Der menschliche Geist sei das Ergebnis eines langen Prozesses von Auslese und Anpassung, die Fähigkeit des Menschen zu intelligentem Verhalten und wissenschaftlich-rationaler Erforschung der Natur eine stammesgeschichtliche Erwerbung“, fasste der SPIEGEL das Buch zusammen.

Sprachstruktur, begriffliches Denken, räumliches Vorstellungsvermögen sowie der Sinn für kausale und zeitliche Zusammenhänge – all diese Grundlagen jedweden exakten Wissens hielt Lorenz für eine Art „Vorweg“-Information über die Struktur der Umwelt, die im Laufe erdgeschichtlicher Zeiträume in die Erbmasse der höheren Arten eingegangen sei. Inzwischen hat die moderne Psychologie diese Hypothesen vom Erbwissen in manchem bestätigt. Bei Säuglingen beispielsweise stellten die Experten unmittelbar nach der Geburt stereotype Bewegungen fest, die darauf schließen lassen, dass Neugeborene über ein räumliches Vorstellungsvermögen verfügen.

„Wird die Metaphysik dem Menschen gleichsam in die Wiege gelegt“, fragt sich der SPIEGEL fast entsetzt. Für die in den Geisteswissenschaften beliebte scharfe Grenzziehung zwischen Stammesgeschichte und Kultur hat Lorenz nur Hohn. Die Herrschaften, meint er, möchten eben gern, dass alle „feineren Strukturen des sozialen Verhaltens“ kulturbedingt seien, das sogenannte Niedrige hingegen auf „instinktiven Reaktionen“ beruhe. Lorenz jedenfalls glaubte etwa in der Balz des Graugänserichs das alberne Werbegebaren des Menschenmännchens um die Frau wiederzuerkennen.

Zunehmend an Umweltfragen interessiert, wurde Lorenz unmittelbar vor seinem 75. Geburtstag zur Galionsfigur der erfolgreichen österreichischen Volksabstimmung gegen die Inbetriebnahme des Kernkraftwerks Zwentendorf. 1985 war er zudem Namensgeber des Konrad-Lorenz-Volksbegehrens gegen den Bau eines Wasserkraftwerks im Landschaftsschutzgebiet der Hainburger Auen und gilt damit als „nationales Gewissen“ Österreichs. Am Ende war er ein hoch umstrittener Wertkonservativer, der aber wesentlichen Anteil an der Entstehung der grünen Partei in Österreich hatte. 1988 erschien dann sein letztes großes Werk: „Hier bin ich – wo bist du?“, eine genaue ethologische Beschreibung von Graugänsen als Zusammenschau von rund 60 Jahren intensiver Verhaltensbeobachtung. Damit schloss sich der Lebenskreis des genialen Tier- und Menschenbeobachters: „Die Graugans ist mir das liebste aller Tiere“, schrieb er noch 1988.

Noch im fortgeschrittenen Alter gefiel er sich in bubenhaften Despektierlichkeiten, indem er etwa die „Gesellschaft Deutscher Naturforscher und Ärzte“ als eine von „Naturforzern und Ärschen“ veralberte. Selbst in seiner letzten Stunde, so berichtet Biograph Norbert Bischof, sei der 85jährige kauzig gewesen: „Sie stören mich“, blaffte er eine Krankenschwester an, „Sie sehen doch, ich bin beim Sterben.“ Dann starb er, am 27. Februar 1989 in Wien. Am Ende bleibt das Kaleidoskop einer vielschichtigen und widersprüchlichen Persönlichkeit. Als bahnbrechender Wissenschaftler, mutiger Mahner und Grünengründer gilt er den einen, als schlichter Biologist, noch dazu einer mit NS-Vergangenheit, den anderen. Dazwischen scheint je nach Perspektive zunehmend mehr oder weniger Platz zu sein.

Vor fast genau 70 Jahren wird in Pommern ein offizielles Verbot der „Swing- und Niggermusik“ erlassen: „Jaulende Orchester und swingende Paare gehören in den Urwald.“ Wilhelm Frick, der erste Landesminister der NSDAP, erließ für Thüringen bereits 1930 ein Jazz-Verdikt. Einer der Verbotsgründe: ein Instrument namens Saxophon. Der national-protestantische „Deutsche Frauenkampfbund gegen Entartung im Volksleben“ verlangte neben dem Verbot von „Negertänzen“ auch ein „Verbot von Saxofonen“. 1929 hatte die Deutsche Tonkünstler-Zeitung ebenso ein „Verbot der Saxofone“ gefordert. Alfred Rosenberg, Chef-Ideologe der NSDAP, schimpfte 1930 ebenfalls auf „das Getute der Saxofone und anderer für Niggertrommelfelle gefertigter Instrumente“.

"Entartete Musik". Quelle: https://www.deutschlandfunkkultur.de/media/thumbs/b/b7ec4c98f6724d1d0c3ca2948da38a4dv1_max_635x357_b3535db83dc50e27c1bb1392364c95a2.jpg?key=3cd181

"Entartete Musik". Quelle: https://www.deutschlandfunkkultur.de/media/thumbs/b/b7ec4c98f6724d1d0c3ca2948da38a4dv1_max_635x357_b3535db83dc50e27c1bb1392364c95a2.jpg?key=3cd181

Die angesehene Allgemeine Musikzeitung diffamierte das Instrument 1932 in einem ausführlichen „Traktat“ als „Monstrum“, „bizarre Maschine“, „groteskes Instrument“ und als „modulationsarmes, näselndes, nörgelndes, der Erzeugung eines falschen Sentiments in der Musik dienendes Tonwerkzeug“, das dem „Zeitgeist in Quäklauten“ Stimme gebe. Einem Autor der Zeitschrift Die Musik war 1936 „das Gedudel und Gequietsche“ des Instruments  „ein Greuel“. Und in Musik im Kriege hieß es 1943 über das Saxofon in der Konzertmusik: „Es muss doch wohl seinen besonderen Grund haben, wenn dieses Instrument in der langen Zeit seit seiner Erfindung so wenig in der höheren Musik verwertet wurde.“ Der Grund wurde auch gleich mitgeliefert: Er liegt nämlich im „weichlichen, qualligen, zuweilen ungesunden, schwülen Klang“ des Instruments.

Der Erfinder desselben wäre über solche Charakterisierungen sicher mehr als verdutzt gewesen, wurde es zu seinen Lebzeiten wegen seiner „Freilufttauglichkeit“ doch vor allem als Militärinstrument verwendet: Adolphe Sax. Geboren am 6. November 1814 im belgischen Dinant an der Maas als eines von elf Kindern eines Kunsttischlers, überlebte er eine ganze Reihe schauriger Unfälle: Er wurde von einem Ziegelstein erschlagen, verschluckte eine Nadel, stürzte eine Treppe hinab, fiel auf einen brennenden Herd und trank Schwefelsäure. Die Mutter zweifelte an seiner Lebenskraft, in der Nachbarschaft nannten sie den kleinen Sax „das Gespenst“. Doch Adolphe Sax, geschaffen für Leiden und Gegenwind, zeigte bis ins Alter unbändigen Überlebenswillen: So überstand er einen Lippenkrebs, eine üblicherweise tödliche Diagnose.

Adolphe Sax. Quelle: https://2018.saxwelt.de/images/2017/12/16/adolphe-sax-intro-682x1024.jpg

Adolphe Sax. Quelle: https://2018.saxwelt.de/images/2017/12/16/adolphe-sax-intro-682x1024.jpg

Die Familie zog 1835 nach Brüssel, wo der Vater eine Instrumentenbauwerkstatt eröffnete. Adolphe, der das Brüsseler Konservatorium besuchte und dort Flöte, Klarinette, Gesang und Harmonie studierte, ging daneben bei seinem Vater in die Lehre. Seine erste selbstständige Arbeit als Instrumentenbauer war eine 1838 patentierte Vervollkommnung der Klarinette, die er hervorragend spielte. Nur mit einem Exemplar des von ihm 1840 entwickelten, völlig neuen und nach sich selbst benannten Instruments ausgestattet, begab er sich zwei Jahre später mittellos nach Paris und erregte die Aufmerksamkeit verschiedener Persönlichkeiten des Pariser Musiklebens, darunter Hector Berlioz.

„melancholisch wie ein abklingendes Echo“

Der Komponist der „Symphonie fantastique“ prophezeite der Neuheit 1844 aufgrund ihrer Eigenschaften eine große Zukunft: „…bald feierlich-ernst und ruhig, bald leidenschaftlich, dann träumerisch oder melancholisch wie ein abklingendes Echo oder wie die unbestimmten Klagen des Wehens im Walde [...]. Kein anderes mir bekannte Musikinstrument besitzt diesen seltsamen Klang, der bis an die Grenzen der Stille geht.“ Am 21. März 1846 wurde es in Paris unter der Nummer 3226 patentiert.

Die besonderen Eigenschaften ergeben sich einerseits aus dem konischen Rohr, das sich zum Ende hin weitet und damit etwa von der zylindrischen Klarinette unterscheidet, und andererseits aus der Tatsache, dass sein Ton mit Hilfe eines Rohrblatts erzeugt wird und es darum, anders als sein Messing-Korpus vermuten lässt, zur Familie der Holzblasinstrumente gehört. Laut Patentantrag bewege sich das Instrument klanglich zwischen dem „wärmend-biegsamen“ Klang der Klarinette und dem eher durchdringenden, näselnden Sound der Oboe.

Saxophon-Bauarten. Quelle: https://hobbeasy.de/wp-content/uploads/2018/09/Saxophon-Bauarten.jpg

Saxophon-Bauarten. Quelle: https://hobbeasy.de/wp-content/uploads/2018/09/Saxophon-Bauarten.jpg

1845 empfahl Sax sein Instrument der königlichen Familie zur Aufnahme in die Militärorchester. Daraufhin rief König Louis Philippe einen Wettstreit zwischen einer herkömmlichen und einer mit Sax-Instrumenten ausgestatteten Militärkapelle aus: Ein gewaltiges Spektakel auf dem Champ de Mars, dem 25.000 Besucher beiwohnten. Das Saxophon konnte sich nicht nur besser gegen die Trompeten und Posaunen behaupten als die leiseren Holzblasinstrumente wie Oboe und Fagott. Mit seinem Metallkorpus erwies es sich auch als robuster gegen Temperatur- und Feuchtigkeitsschwankungen als seine wetterfühligen Kollegen aus Holz. Das Instrument bekam fortan einen festen Platz in der Militärmusik und sein Erfinder das Monopol auf dessen Bau.

Deswegen hatte sich Sax zeitlebens mit neidischen Konkurrenten herumzuschlagen. Die gerichtlichen Entscheidungen fielen zwar immer zu seinen Gunsten aus, kosteten aber viel Geld. Und nicht nur das: Seine Rivalen entführten Arbeitskräfte, stahlen Sax‘ Pläne und bezeichneten den Erfinder als Verrückten, ja Besessenen. Einige Pariser Instrumentenbauer bildeten gar einen Verein mit dem Ziel der systematischen Verfolgung von Adolphe Sax. Auf dem Höhepunkt ihrer Aktivitäten brachten sie sogar seinen Diener um, der das Pech hatte, seinem Herrn ähnlich zu sehen.

Sax' Werkstatt 1855. Quelle: https://orf.at/static/images/site/news/20141041/adolphe_sax_200_body_werkstatt_p.4581777.jpg

Sax' Werkstatt 1855. Quelle: https://orf.at/static/images/site/news/20141041/adolphe_sax_200_body_werkstatt_p.4581777.jpg

Der Musikkritiker Marc Navet erklärte den Neid im Saarländischen Rundfunk mit Sax‘ technischer Begabung: „Er wusste, wie lang die Luftsäule war, die durch das Instrument strömte. Und daher wusste er auch genau, wo er die Löcher für die Klappen bohren musste. Daher waren alle Instrumente, die seine Fabrik verließen, exakt gestimmt. Bis dahin konnte man beim Instrumentenbau oft erst nach der Fertigstellung prüfen, ob das Instrument gut oder schlecht war. Adolphe Sax hingegen besaß das Genie, mathematische und physikalische Formeln beim Instrumentenbau anzuwenden.“

„nur einige Stunden des Friedens“

Obwohl seine Werkstatt mit zeitweilig 100 Mitarbeitern über 20.000 Instrumente in acht verschiedenen Größen gebaut haben soll, ging Sax dreimal Bankrott: was er verdiente, gab der fünffache Vater mit vollen Händen auch wieder aus. Er wurde 1857 Saxophon-Lehrer am Pariser Konservatorium und 1858 Direktor des Bühnenorchesters der Pariser Oper. „Ich beklage, dass ich nur einige Stunden des Friedens in einem von Sorge verschlungenen Leben erreichen konnte“, schrieb Sax 1867, lange vor seinem Tod. Nach der Niederlage Frankreichs 1871 und der darauf folgenden wirtschaftlichen Depression wurde die Stelle als Saxophon-Lehrer gestrichen, auch die Nachfrage nach den Instrumenten ging stark zurück.

Denn außerhalb des Militärs setzte es sich nur zögerlich durch. Als eines der wohl bekanntesten, seltenen Beispiele aus dem 19. Jahrhundert gilt Georges Bizets „L’Arlésienne“ (1872). Im folgenden Jahrhundert änderte sich das – nicht zuletzt, weil das „wollüstige“ Instrument 1903 von Papst Pius X. mit einem Bann belegt wurde. Bekannte Beispiele aus dem 20. Jahrhundert sind u. a. George Gershwins „Rhapsody in Blue“, Maurice Ravels „Boléro“, Alban Bergs „Lulu“ oder die „Sinfonia domestica“ von Richard Strauss.

Sax-Denkmal in Dinant. Quelle: https://adolphesax.be/wp-content/uploads/2015/07/adolphe-sax-maison.jpg

Sax-Denkmal in Dinant. Quelle: https://adolphesax.be/wp-content/uploads/2015/07/adolphe-sax-maison.jpg

Mit dem Aufkommen von Jazz und Swing zumal in New Orleans begann die eigentliche Blütezeit des Instruments – im Glenn-Miller-Sound feierte es triumphale Erfolge. Und allen musikalischen Befindlichkeiten zum Trotz erhielten auch die Musikkorps der Deutschen Luftwaffe ab 1940 einen fünf Instrumente umfassenden Saxophon-Satz, in guten Tanzorchestern waren vier vertreten. An der Berliner Musikhochschule wurde das Saxophonspiel weiterhin gelehrt, auch die deutsche Saxophonindustrie konnte aufatmen. Hans Hinkel vom Reichspropagandaministerium stellte 1942 fest, dass das Saxophon nur „fälschlich als Negerinstrument“ bezeichnet wird.

Im zaristischen Russland war es allerdings ebenso wie in Japan verboten, in den 50er-Jahren kam „The Devils‘ Horn“ selbst in der Traumfabrik Hollywood wegen seiner „offensichtlichen Sexualität“ auf die schwarze Liste – man erkannte darin ein Phallussysmbol. Doch die Verbote reizten nur. Ohne des „Teufels Horn“ sind weder Soul noch Blues und erst recht der Rock ’n’ Roll, namentlich der Twist, oder die New-Wave-Punkmusik in den 70er- und 80er-Jahren vorstellbar. Ex-US-Präsident Bill Clinton spielte es ebenso begeistert wie des „braunen“ Bautzens Ex-Oberbürgermeister Christian Schramm; Foreigner, Pink Floyd und Supertramp etablierten es in der Rockmusik, heute sind Candy Dulfer und Jan Garbarek gefeierte Stars auf dem Instrument.

Jan Garbarek. Quelle: http://www.neuepresse.de/var/storage/images/np/nachrichten/kultur/jan-garbarek-verzaubert-im-pavillon/708442449-1-ger-DE/Jan-Garbarek-verzaubert-im-Pavillon_big_teaser_article.jpg

Jan Garbarek. Quelle: http://www.neuepresse.de/var/storage/images/np/nachrichten/kultur/jan-garbarek-verzaubert-im-pavillon/708442449-1-ger-DE/Jan-Garbarek-verzaubert-im-Pavillon_big_teaser_article.jpg

Mehr als 30 Erfindungen ließ Sax im Laufe seines Lebens patentieren, darunter sogar eine Dampforgel, eine Signalanlage für die Eisenbahn, eine Kanone und einen Apparat zur Lungengymnastik; allesamt versunken in der Zeit – bis auf eine. Ihr Erfinder starb verarmt und nahezu vergessen am 7. Februar 1894 in einer Pariser Gnadenpension. Den weltweiten Siegeszug seines Instruments erlebte er nicht mehr. Seit 1936 trägt der Asteroid 3534 seinen Namen. Sein Geburtshaus ist heute ein Museum.

Eine „Fatwa“ ist eigentlich nur eine Rechtsauskunft, mit der eine muslimische Autorität auf Anfrage ein religiöses oder rechtliches Problem unter Angehörigen des Islam klärt. Aus westlicher Perspektive sind viele nicht zu beanstanden, ja können durchaus progressiv gewertet werden: die Fatwa gegen die Unvereinbarkeit jeglicher Terroranschläge mit dem Islam vom Londoner Rat der Sunniten etwa oder die Fatwa gegen die Genitalverstümmelung an Frauen auf Initiative des Obermuftis von Mauretanien, beide 2005. Die Tabak-Fatwa vom Großmufti von Ägypten zur Unterstützung der nationalen Antiraucherkampagne von 2000 mag man vielleicht auch befürworten.

Anders sieht das aus mit der Fatwa des iranischen Ajatollah Chomeini vom Valentinstag 1989, dem 14. Februar, gegen den indobritischen Autor Salman Rushdie, die einem Todesurteil gleichkam.  Darin verlangte der Schiitenführer, dass Rushdies „Blut vergossen werden“ müsse wegen angeblicher Gotteslästerung in dessen Roman „Satanische Verse“: „Ich ersuche alle tapferen Muslime, ihn, gleich wo sie ihn finden, schnell zu töten, damit nie wieder jemand wagt, die Heiligen des Islam zu beleidigen. Jeder, der bei dem Versuch, Rushdie umzubringen, selbst ums Leben kommt, ist, so Gott will, ein Märtyrer.“ Obwohl Chomeini schon im Juni 1989 starb, wird das Todesurteil, da nur er es hätte lösen können, aufrechterhalten – bis heute. Die halbstaatliche iranische Chordat-Stiftung setzte ein Kopfgeld von zunächst einer Million US-Dollar aus, das sie 1991 verdoppelte und 2012 noch einmal auf 3,3 Millionen aufstockte. 2016 haben vierzig staatliche iranische Medien das Kopfgeld auf insgesamt mittlerweile fast 4 Millionen Dollar erhöht.

Die Kontrahenten. Quelle: https://www1.wdr.de/stichtag/stichtag-fadwa-khomeini-rushdie-100~_v-ARDFotogalerie.jpg

Die Kontrahenten. Quelle: https://www1.wdr.de/stichtag/stichtag-fadwa-khomeini-rushdie-100~_v-ARDFotogalerie.jpg

Der Tagesspiegel zitiert den stellvertretenden iranischen Kulturminister Sayyed Abbas Salehi mit dem Satz „Chomeinis Fatwa ist ein religiöses Dekret, das niemals seine Kraft verlieren oder verblassen wird“. Auch Chomeinis Nachfolger Ajatollah Chāmene’ī sowie die Iranische Revolutionsgarde halten daran fest – obwohl religiöse Autoritäten in Saudi-Arabien und Ägypten die Fatwa als illegal und dem Islam widersprechend verwarfen, da kein Mensch ohne Gerichtsverfahren zum Tode verurteilt werden könne. Bereits im März 1989 hatten alle Mitgliedsstaaten der Organisation der Islamischen Konferenz außer dem Iran der Fatwa widersprochen. Der Autor wurde dennoch zum lebenden Beweis für die Intoleranz des Islam.

„Die Welt war schon immer voller Geisteskranker“

Der damals 42jährige Rushdie, der zuvor mit „Mitternachtskinder“ und „Scham und Schande“ bereits zwei Bestseller vorgelegt hatte, soll von seinem Todesurteil durch eine BBC-Reporterin am Telefon erfahren haben. Das Buch machte ihn vorübergehend zum bekanntesten, umstrittensten und bestbewachten Autor der Welt. Er lebte lange in erzwungener Isolation an ständig wechselnden Wohnorten unter Polizeischutz, kommt erst seit rund fünf Jahren wieder ohne Leibwächter aus und wird auch nicht mehr rund um die Uhr bewacht.

Andere überlebten nicht. Sein italienischer Übersetzer Ettore Capriolo wurde am 3. Juli 1991 in seiner Wohnung in Mailand durch Stiche verletzt, sein japanischer Kollege Hitoshi Igarashi nur eine Woche später im Gebäude seines Büros an der Universität Tsukuba erstochen. Während eines alevitischen Kulturfestivals im türkischen Sivas versammelten sich 20.000 Sunniten vor dem Festivalhotel, in dem auch sein türkischer Herausgeber Aziz Nesin nächtigte, und warfen am 2. Juli 1993 Brandsätze. 35 Menschen starben, Nesin wurde nur leicht verletzt. Sein norwegischer Verleger William Nygaard, 2010 durch Schüsse schwer verletzt, hatte ebenfalls Glück.

Die Opfer waren der Höhepunkt einer in der modernen Literaturgeschichte beispiellosen Kampagne, nachdem der 700-Seiten-Roman Anfang September 1988 im Verlag Viking Press erschien und nur Wochen später den Whitbread-Preis errang. Der komplexe, postmoderne Text mit vielen weltliterarischen Anleihen von Ovid über Shakespeare bis Bulgakow ist dem magischen Realismus zuzuschlagen. Er schildert die miteinander verwobenen Schicksale zweier indischer Muslime, die als Satan und Erzengel Gabriel entschlüsselbar sind, und verschmilzt Themen wie Migration und Identität, Religion und Okkultismus, Prophetie und Islam sowie Erotik und Gewalt zu einer fantastischen Melange mit Traumsequenzen.

Anschlag von Sivas. Quelle: https://www1.wdr.de/radio/cosmo/sivas-katliami-madimak-100~_v-ARDFotogalerie.jpg

Anschlag von Sivas. Quelle: https://www1.wdr.de/radio/cosmo/sivas-katliami-madimak-100~_v-ARDFotogalerie.jpg

Schon wenige Tage nach Veröffentlichung des Buchs wurde seine Einfuhr nach Indien verboten. Am 14. Januar 1989 wurde es auf einer Demonstration von Muslimen in Bradford symbolisch verbrannt – woraufhin Buchhändler dazu übergingen, den Roman nicht mehr auszustellen. Auf einer Demonstration am 27. desselben Monats im Londoner Hyde Park richteten Muslime eine Petition an die Verlagsgruppe Penguin, zu der Viking gehört.

Erste Kopien kursierten auch rasch im Iran, eine Buchbesprechung und Auszüge wurden im iranischen Rundfunk verbreitet, deren Sendungen Chomeini regelmäßig verfolgte. Ein unbekannter Geistlicher übersetzte auf eigene Initiative eine 700-Seiten-Version, die er dem Büro Chomeinis sandte. Chomeinis Kommentar nach dem Lesen habe gelautet: „Die Welt war schon immer voller Geisteskranker, die Unsinn geredet haben. Es lohnt sich nicht, auf so etwas zu reagieren. Nehmt es nicht ernst.“ Ein Importverbot wurde nicht verhängt.

„Paranoia eine Vorbedingung des Überlebens“

Drei Ursachenbündel dürften es sein, die Chomeinis Zorn dann doch heraufbeschworen haben mögen. Zum ersten sind es Passagen, in denen der Koran und der Prophet Mohammed (angeblich) beleidigt werden. So imaginierte Rushdie ein Bordell in Mekka, in dem sich Huren zu Werbezwecken die Namen aller Prophetengattinnen zulegten. Außerdem habe Rushdie die semantischen Unklarheiten um die 53. Sure des Korans seiner subjektiven, satirischen Interpretation unterworfen: Es geht um drei Göttinnen, die neben dem Hochgott Allah in der Kaaba zu Mekka verehrt worden sein sollen, also das strikte Prinzip des Monotheismus verletzen. Die verschiedenen Versionen einiger Verse dieser Sure, die die anderen Göttinnen legitimierten, seien statt vom Erzengel Gabriel von Satan eingeflüstert („satanische Verse“) und erst in einer späteren Offenbarung durch den Engel richtiggestellt worden.

Zum zweiten habe sich Chomeini in bestimmten figuralen Charakterisierungen wiedererkannt, bspw. „…der bärtige, beturbante Imam. Wer ist er – Ein Verbannter, ein Mann im Exil“ oder „Für den Mann im Exil ist Paranoia eine Vorbedingung des Überlebens“. Sauer stieß dem islamischen Revolutionsführer sicher auch die Beschreibung Mohammeds als geschickter Politiker auf („Wie praktisch, ein Prophet zu sein“), der sich bei Unstimmigkeiten auf einen Berg zurückzog und dort – dies deckt sich mit den koranischen Angaben – im Traum vom Erzengel Gabriel den Willen Allahs erfuhr. Günstigerweise vertrat der Erzengel im Roman dabei immer diejenige Auffassung, die Mohammed bereits hatte. Und zum dritten habe Chomeini offensichtlich die Meinungsführerschaft innerhalb der islamischen Welt angestrebt, weswegen er religiöse und damit ideologische Pflöcke einschlagen wollte.

Unruhen um Rushdie. Quelle: https://www.welt.de/img/kultur/mobile100762439/6951622847-ci23x11-w1600/rush6-vo-BM-Berlin-Islamabad-jpg.jpg

Unruhen um Rushdie. Quelle: https://www.welt.de/img/kultur/mobile100762439/6951622847-ci23x11-w1600/rush6-vo-BM-Berlin-Islamabad-jpg.jpg

Als am 12. Februar 1989 erste Unruhen mit Todesopfern wegen des Buches aus Pakistan und Indien publik wurden, reagierte der Iran sehr rasch – mit dem bekannten Resultat, das eine politische und diplomatische Krise ohnegleichen auslöste, denn die Fatwa war auch Todesurteil für alle, die an der Veröffentlichung beteiligt waren und den Inhalt des Buchs kannten. Die in London ansässige Nichtregierungsorganisation „Article 19“ gründete das Rushdie Defence Committee und veröffentlichte am 2. März 1989 einen von mehr als 1000 Autoren weltweit unterzeichneten Aufruf zum Schutz der Meinungsfreiheit – eben die regelt die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte im Artikel 19. Am 7. März 1989 brach der Iran seine diplomatischen Beziehungen zu Großbritannien ab.

Der bis dahin schweigende Rushdie wies am 4. Februar 1990 im Independent den Vorwurf der Gotteslästerung zurück und gab an, kein Muslim zu sein. Iran und Großbritannien nahmen ihre diplomatischen Beziehungen am 28. September wieder auf. In Deutschland wurde laut Handelsregister am selben Tag der Fatwa der „Artikel 19 Verlag“ gegründet mit dem einzigen Unternehmenszweck, das Buch auf Deutsch zu veröffentlichen. Es beteiligten sich Verleger aus Deutschland, Österreich und der Schweiz. Rund neunzig Verlage und weit über hundert Herausgeber fanden sich bis August 1989; seit  17. Oktober desselben Jahres gibt es „Die satanischen Verse“ in deutscher Sprache im Handel.

„dem Verlagsgewerbe schwersten Schaden zugefügt“

Nach der Gewaltwelle 1991 – 1993 kehrte teilweise Ruhe um Text und Autor ein. Auf seiner Flucht hatte Rushdie für seinen Sohn das Märchen „Harun und das Meer der Geschichten“ verfasst, in dem ein Märchenerzähler die Fähigkeit verliert, Geschichten zu erzählen, weil ihm der „Geschichtenhahn“ abgedreht wird und er keinen Zugang mehr zum „Erzählwasser“ hat. Der Sohn macht sich auf den Weg, seinen Vater zu retten. Das Buch ist das vielleicht poetischste des Autors, der mit „Des Mauren letzter Seufzer“, das in Mumbai auf den Zensur-Index gesetzt wurde, „Der Boden unter ihren Füßen“, „Fury“ und „Shalimar der Narr“ weitere lesenswerte Romane schrieb.

1995 kam es in Deutschland zu einer Kontroverse anlässlich der Verleihung des Friedenspreises des deutschen Buchhandels an die renommierte Islamwissenschaftlerin und Übersetzerin Annemarie Schimmel (1922 – 2003). In einem Fernsehinterview hatte sie Verständnis für die Empörung in der islamischen Welt über das Buch Rushdies geäußert, das auf eine „sehr üble Art“ die Gefühle gläubiger Muslime verletzt habe. Es kam zu einer Protestinitiative innerhalb des Börsenvereins gegen die Preisverleihung, die u.a. von Henryk M. Broder, Alice Schwarzer und Elfriede Jelinek unterstützt wurde, aber auch ihrem ehemaligen Schüler Gernot Rotter. Der Hamburger Orientalist erklärte in der ZEIT, dass Schimmel „dem Ansehen nicht nur der Islamwissenschaft, sondern dem gesamten im Börsenverein vertretenen Verlagsgewerbe schwersten Schaden zugefügt“ hat. Die Preisvergabe wurde mit sehr großer Mehrheit bestätigt, Schimmel jedoch noch im Jahr vor ihrem Tod für ihre Toleranz gegenüber dem Islam von feministischen Islamkritikern angegriffen.

Roman Herzog und Annemarie Schimmel während der Vergabe des Friedenspreises 1995 in der Frankfurter Paulskirche. Quelle: https://de.qantara.de/sites/default/files/styles/editor_large/public/uploads/2013/01/24/Herzog-und-Schimmel-dpa.JPG?itok=GZGOrmU1

Roman Herzog und Annemarie Schimmel während der Vergabe des Friedenspreises 1995 in der Frankfurter Paulskirche. Quelle: https://de.qantara.de/sites/default/files/styles/editor_large/public/uploads/2013/01/24/Herzog-und-Schimmel-dpa.JPG?itok=GZGOrmU1

Für sein Lebenswerk wurde Rushdie vielfach ausgezeichnet, 1999 erhielt er von der Freien Universität Berlin die Ehrendoktorwürde. Als 2007 Elisabeth II. ihre Absicht mitteilte, ihn zusammen mit 945 Sportlern, Kulturgrößen und Repräsentanten der Wirtschaft in den Ritterstand zu erheben (was sie dann auch tat), löste das erneut offizielle diplomatische Proteste im Iran und in Pakistan aus; in beiden Ländern wurden die britischen Botschafter einbestellt. Das iranische Außenministerium nannte die Entscheidung einen eindeutigen Beweis für Islamophobie unter hochrangigen britischen Beamten: „Eine der meistgehassten Personen der islamischen Welt auszuzeichnen, zeigt Großbritanniens Feindschaft gegenüber dem Islam“, sagte Mohammad-Ali Hosseini, Sprecher des iranischen Außenministeriums, laut der ZEIT. In Iran, Pakistan und Malaysia kam es anschließend zu teilweise gewalttätigen Straßenprotesten, in Kaschmir kam gar die Wirtschaft einen Tag lang zum Erliegen.

Nach zahlreichen Drohungen mit Gewaltausschreitungen und Mordaufrufen von Islamisten sagte Rushdie die Teilnahme am größten Literaturfestival Indiens in Jaipur im Januar 2012 ab – er hätte die Eröffnungsrede halten sollen. Und noch auf Rushdies Präsenz bei der Auftakt-Pressekonferenz der Frankfurter Buchmesse 2015 reagierte die iranische Regierung mit einer offiziellen Teilnahmeabsage. Kaum ein neuzeitlicher Text der Weltliteratur hat solche weltweiten, lange währenden Reaktionen hervorgerufen.

„Man kann Ideen nicht einzäunen“

Bis heute wundert sich der überzeugte Atheist Rushdie, wie naiv er war ein Buch zu schreiben, in dem der Prophet Mohammed an verschiedene Götter glaubt und seine Frauen in einem Bordell arbeiten. Niemand wäre heute überrascht, wenn es deshalb zu Protesten in der islamischen Welt käme. „Wir lebten damals in unbedarfteren Zeiten“, sagt Rushdie dem STERN. „Ich habe keine Lust mehr, über den Iran und die Fatwa zu reden. Das ist ein alter Hut“, erklärte er weiter. „Es ist, als wäre etwas weltberühmt, das ich nicht bin“. Über diese Zeit auf der Flucht hatte er 2012 eine Autobiographie geschrieben, die zeitgleich in 27 Ländern ausgeliefert wurde, allein in Deutschland in 100.000 Exemplaren.

Autor und Werk. Quelle: https://secure.i.telegraph.co.uk/multimedia/archive/02344/rushdie_2344419b.jpg

Autor und Werk. Quelle: https://secure.i.telegraph.co.uk/multimedia/archive/02344/rushdie_2344419b.jpg

Er ist sich sicher, dass das Buch heute keinen Verleger mehr fände, sagte er der BBC. Aber: „Ich bestehe auf dem Recht der Meinungsäußerung – auch gegenüber Religionen.“ Die seien für ihn „Gift für das Herz“. Rücksicht auf die Meinung von Millionen Gläubigen zu nehmen, hält er für falsch. „Man kann Ideen nicht einzäunen. Ich halte Gott nun mal für eine lächerliche Idee. Und ich sollte das Recht haben, das auch zu sagen.“ Rushdie bedauert ein wenig, die im islamischen Paradies versprochenen Freuden nicht zu erlangen: „Heute erwarte ich keine Jungfrauen mehr im Himmel“, schmunzelt der viermal verheiratete Autor der Weltwoche. „Ich brauche, um ein moralisches Wesen zu sein, keinen obersten Schiedsrichter.“

Er würde seinen Roman genauso wieder schreiben. „Zum Glück muss ich es nicht mehr“, sagte er in einem Interview mit dem SPIEGEL. Auch die umstrittenen Traumpassagen über den Propheten, in dem Huren nach den Ehefrauen des Propheten Mohammed benannt sind, würde er so lassen. „Ich finde, sie gehören zu den besten Passagen des Buchs (…) Diese Passagen sind ernsthaft und legen an keiner Stelle nahe, dass die Frauen des Propheten sich unangemessen verhalten hätten.“ Bereut hat Rushdie sein Buch nie: Wer es nicht mag, müsse es ja auch nicht lesen.

Dass sie an gebrochenem Herzen stirbt und ihn der Schmerz über den Verlust in den Wahnsinn treibt, gehört zu den oft kolportierten literarischen Standardmotiven all jener, die sich als Nachfolger der Romantiker verstehen. Aber da ist was dran. Nur wenige Wochen blieben einer großen Liebe, die an der Kluft zwischen Eros und Moral, an den kleingeistigen gesellschaftlichen Konventionen und ökonomischen Erwartungen ihrer Zeit zerbrach: Friedrich Hölderlin war ein mittelloser Hauslehrer, der keine Familie ernähren konnte, Susette Gontard Bankiersfrau und Mutter von vier Kindern, die ihre Familie nicht verlieren wollte. Vor allem aus 20 wunderbaren, erschütternden Briefen, 17 von ihr und drei von ihm, haben wir heute Kunde von einer unirdischen Beziehung, die Hölderlins Schaffen ebenso beflügelte wie sie ihn traumatisierte und die allein hierzulande zweimal verfilmt wurde – bei sechs deutschen Hölderlin-Filmen, darunter gar eine Trilogie.

Susette und Friedrich. Quelle: https://www.br.de/radio/bayern2/sendungen/radiowissen/deutsch-und-literatur/hoelderlin-gontard-100~_v-img__16__9__l_-1dc0e8f74459dd04c91a0d45af4972b9069f1135.jpg

Susette und Friedrich. Quelle: https://www.br.de/radio/bayern2/sendungen/radiowissen/deutsch-und-literatur/hoelderlin-gontard-100~_v-img__16__9__l_-1dc0e8f74459dd04c91a0d45af4972b9069f1135.jpg

Susette Borkenstein wird am 9. Februar 1769 in Hamburg als Kaufmannstochter geboren. Über ihre Kindheit ist kaum etwas bekannt. Sie heiratete am 9. Juli 1786 gerade siebzehnjährig den fünf Jahre älteren Frankfurter Bankier Jakob Friedrich Gontard, Spross hugenottischer Immigranten, die im Wollhandel und mit Bankgeschäften reich geworden waren. Jacob spielte eine wichtige Rolle in Frankfurts Patriziat, soll aber laut Rudolf Ilbel, dem Herausgeber von Susettes Briefen, von Jugend auf unter nervösen Störungen gelitten und mindestens geschielt haben, wenn nicht gar einäugig gewesen sein. Ilbel bezweifelt wie viele andere eine Liebesheirat, außerdem werde Gontard die „Welt des Geistes- und Seelenlebens … nicht viel bedeutet haben, was sich auch in seinem Verhältnis zu den Kindern auswirkte“.

In kurzem Abstand kommen Henry, Henriette, Helene und Amalie im vornehmen Haus „Weißer Hirsch“ zur Welt. Ein Hauslehrer und Hofmeister wird gesucht und in Hölderlin gefunden, der zuvor nach Studium und gescheiterten Hauslehrerstellen – depressiv und aus Minderwertigkeitskomplexen gegenüber Friedrich Schiller – von Jena geflohen war: „Ich friere und starre in den Winter, der mich umgibt. So eisern mein Himmel ist, so steinern bin ich“, schreibt er Schiller in einem Brief. Im Januar 1796 tritt er 26jährig die Stelle an: „Er gefiel allen und erfüllte selbst die gespanntesten Anforderungen. Sein Äußeres war höchst einnehmend … Auch die Kinder des Hauses, obgleich noch sehr jung, hingen bald mit großer Liebe an ihm“, schreibt der Frankfurter Buchhändler Carl Jügel. „Wie oft lag er mit uns auf der Erde und lehrte uns spielend mancherlei“, erinnerte sich Henriette im Alter.

Weisser Hirsch mit Garten. Quelle: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/e/e2/Frankfurt_Am_Main-Weissfrauenkirche-Anlage_mit_Garten_des_Weissen_Hirschs_nach_Westen_aus_der_Vogelschau-Reiffenstein-1872.png/1920px-Frankfurt_Am_Main-Weissfrauenkirche-Anlage_mit_Garten_des_Weissen_Hirschs_nach_Westen_aus_der_Vogelschau-Reiffenstein-1872.png

Weisser Hirsch mit Garten. Quelle: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/e/e2/Frankfurt_Am_Main-Weissfrauenkirche-Anlage_mit_Garten_des_Weissen_Hirschs_nach_Westen_aus_der_Vogelschau-Reiffenstein-1872.png/1920px-Frankfurt_Am_Main-Weissfrauenkirche-Anlage_mit_Garten_des_Weissen_Hirschs_nach_Westen_aus_der_Vogelschau-Reiffenstein-1872.png

Wie schnell der ledige, in Sachen Frauen eher unerfahrene, muttergeprägte Poet sich in die Mutter des Hauses verliebte, ist unklar; heftig war es in jedem Fall: „Lange tot und tiefverschlossen / Grüßt mein Herz die schöne Welt“, jubelt er in einem Gedicht. In einem Brief schrieb er: „Majestät und Zärtlichkeit, und Fröhlichkeit und Ernst, und süßes Spiel und hohe Trauer und Leben und Geist, alles ist in und an ihr zu Einem göttlichen ganzen vereint.“

„Du bist unvergänglich in mir“

Über die Natur des innigen Verhältnisses rätseln viele Biographen bis heute. Pierre Bertaux schreibt nach Ausbreitung einiger Dokumente: „Wer da noch an eine ‚platonische Liebe‘ … glauben will … dem sei es nicht verwehrt.” Dagegen Irma Hildebrand: „…dieses beglückende Zusammensein, ist … nicht von dieser Welt, es haben sich zwei Seelen, nicht zwei Körper gefunden.“ „Die Liebe ist ein Fest – es muss nicht nur vorbereitet, sondern auch gefeiert werden“, so Susette selbst in einem Brief.

Ein Sommer ungetrübten, vollkommenen Glücks in dem westfälischen Städtchen Bad Driburg wird beiden geschenkt: Susettes Ehemann hat sie dorthin vor den napoleonischen Truppen in Sicherheit gebracht und hält selbst in Frankfurt die Stellung. Wieder zurückgekehrt, muss Hölderlin den Bediensteten spielen und Susette ihren Familien- und Repräsentationspflichten nachkommen. Anfangs kann er die Anspannung produktiv nutzen. Als „Diotima“, eine Figur, die einst Platon als Verkörperung des „lehrenden Eros“ in die Weltliteratur eingeführt hatte, besingt er die Geliebte in Gedichten („Herz! an deine Himmelstöne / Ist gewohnt das meine nicht“) und beginnt den „Hyperion“.

Susette mit Kindern in "Hälfte des Lebens". Quelle: https://www.filmfriend.de/media/catalog/product/cache/8/image/700x456/17f82f742ffe127f42dca9de82fb58b1/h/_/h_lfte-des-lebens_12.jpg

Susette mit Kindern in "Hälfte des Lebens". Quelle: https://www.filmfriend.de/media/catalog/product/cache/8/image/700x456/17f82f742ffe127f42dca9de82fb58b1/h/_/h_lfte-des-lebens_12.jpg

In dem Briefroman thematisiert er den Kampf des Helden um die Befreiung Griechenlands von der osmanischen Herrschaft und die Rolle seiner Geliebten, die er wiederum Diotima nennt. Sie liebt Hyperion und ermutigt ihn als Verkörperung seines Ideals vollendeter Schönheit zugleich zur Ablösung von einseitiger Bindung an konkrete Einzelerscheinungen, um den Weg in eine höhere Dimension zu finden – sonst könne er seine Lebensaufgabe nicht erfüllen. Nach ihrem Tod, an dem er Mitschuld trägt, muss er sein Leben neu gestalten und findet Frieden in der Natur.

In der realen Stadt Frankfurt aber findet er auf der einen Seite die Hausherrin, die mit ihm in einer geheimen eigenen Welt lebte, beschäftigt mit Kunst, Erziehung, dem Erlebnis der Natur und erfüllt von ihrer Liebe, auf der anderen Seite den ungeliebten Ehemann, den Bourgeois mit der Devise: „Les affaires avant tout“ – diese Spannung hält er dann doch nicht mehr aus, zumal das Verhältnis ruchbar wird: im September 1798 kommt es zum großen Krach. Jakob Gontard erteilt ihm Hausverbot. Nach dem Hinauswurf schreibt der kleine Henry: „Komm‘ bald wieder bei uns, mein Holder; bei wem sollen wir denn sonst lernen“. Holder war für enge Vertraute der Spitzname Hölderlins.

Er flieht ins benachbarte Homburg zu seinem Studienfreund Isaac von Sinclair. Es beginnt ein verzweifeltes und entwürdigendes Ringen der beiden Liebenden um Kontaktmöglichkeiten. Zunächst sind noch einige heimliche Treffen möglich, danach reicht es nur noch zum verängstigten Austausch von Briefen durch eine Hecke – Susette ist dauernd unter Beobachtung und kann sich keine Unregelmäßigkeiten erlauben. „So lieben wie ich Dich, wird Dich nichts mehr, so lieben wie Du mich, wirst Du nichts mehr“, schrieb sie ahnungsvoll, an einer Stelle zieht sie gar einen gemeinsamen Freitod in Betracht.

Hölderlinpfad. Quelle: https://klaus-herzmann.de/wp-content/uploads/2018/03/H%C3%B6lderlinpfad_Fotos-Klaus-Herzmann-12.jpg

Hölderlinpfad. Quelle: https://klaus-herzmann.de/wp-content/uploads/2018/03/H%C3%B6lderlinpfad_Fotos-Klaus-Herzmann-12.jpg

Manche Biographen mutmaßen, er habe mit seinem schwärmerischen Überschwang die bis dahin verborgenen Gefühle einer empfindsamen Seele geweckt, und wissen von „gestohlenen Momenten geheimer Lust“. „Drei Stunden soll er für die Strecke von Bad Homburg nach Frankfurt gebraucht haben. Jeden ersten Donnerstag im Monat, so war es verabredet, machte er sich auf den Weg, zu fast noch nachtschlafender Zeit, denn wenn die Kirchturmglocken zehn Uhr schlugen, wollten sie sich sehen“, beschreibt Freddy Langer in der FAZ den Zustand, der beiden unerträglich ist – ihm zumal, weil er am selben Tag wieder zurück muss. Auf dem „Hölderlin-Pfad“, einem ausgeschilderten Regionalparkweg, kann man die Strecke seit 2008 nachwandern – 22 Kilometer hin, 22 Kilometer retour.

„Es waren schöne Tage“

Nach zwei Jahren dann die endgültige Trennung, die noch unerträglicher ist und beide als gebrochene Menschen hinterlässt: „…denn die Hoffnung hält uns allein im Leben … Lebe wohl! Lebe wohl! Du bist unvergänglich in mir! und bleibst so lang ich bleibe“, schreibt Susette im Mai 1800. Im Jahr darauf nimmt Hölderlin eine Hauslehrerstelle in der Schweiz an, wird gekündigt und findet 1802 eine ähnliche Tätigkeit in Bordeaux. Im Juni reist er aus unbekannten Gründen zurück nach Deutschland, in angeblich so verwahrlostem und verwirrtem Zustand, dass Freunde ihn zunächst kaum wiedererkannten, als er Ende des Monats in Stuttgart eintrifft.

Feuerreiter. Quelle: https://www.skip.at/media/_versions/filme/8453/pger/1_zoom.jpg

Feuerreiter. Quelle: https://www.skip.at/media/_versions/filme/8453/pger/1_zoom.jpg

Spätestens hier muss ihn die Nachricht vom Tod der lungenkranken Susette erreicht haben, die sich seit der Trennung dem Leben verweigert haben soll und am 22. Juni 1802 in Frankfurt an den Röteln ihrer Kinder starb. Aber die Ereignisse dieses Monats sind in Hölderlins Leben bis heute unklar und werden von den Biographen auch verschieden beschrieben – einzig belegt ist gemäß dem Eintrag in seinem Pass, dass er am 7. Juni 1802 die Rheinbrücke bei Kehl überquerte. Was seitdem bis zu seiner Ankunft in Stuttgart geschah, liegt im Dunkeln und bietet Raum für viele Spekulationen. In den beiden deutschen Filmen „Hälfte des Lebens“ (1985, DDR) und „Feuerreiter“ (1997, BRD) hat er die tote Susette noch einmal in den Armen gehalten. Nur ein poetisches Wunschbild von Filmemachern?

Hölderlin stürzt sich in Arbeit, übersetzt Sophokles und Pindar, beginnt einen großangelegten Zyklus vaterländischer Gesänge (u.a. „Der Rhein“) und schreibt noch manches Gedicht: „So komm! Dass wir das Offene schauen, / Dass ein Eigenes wir suchen, so weit es auch ist“ – dieser Wunsch blieb ihm ewig versagt, zumal mit ihr. 1806 wird er als „wahnsinnig“ im Tübinger Klinikum erst zwangsbehandelt und muss dann ab 1807 die zweite Hälfte seines Lebens als „unheilbar geisteskrank“ in Pflege bei der Schreinermeisterfamilie Zimmer in einem Tübinger Turmstübchen verbringen. In einem Gedichtfragment heißt es: „Ach! wehe mir! / Es waren schöne Tage. Aber / Traurige Dämmerung folgte nachher“.  Er starb 1843 – im selben Jahr wie Jakob Friedrich Gontard, der nicht wieder heiratete und 41 Jahre Witwer blieb.

Büste Susettes von L. Ohmacht. Quelle: http://www.liebieghaus.de/sites/default/files/styles/col-lg-2/public/media/image/sammlung_neuzeit_buestesusettegontard_ohmacht_4_0.jpg

Büste Susettes von L. Ohmacht. Quelle: http://www.liebieghaus.de/sites/default/files/styles/col-lg-2/public/media/image/sammlung_neuzeit_buestesusettegontard_ohmacht_4_0.jpg

Eine Büste Susettes von Landolin Ohmacht erinnert durch die Glätte der Modellierung, die ebenmäßigen Gesichtszüge, die zu einem Knoten zusammengeführten Haare, das antikisierende, mit Akanthusmotiven verzierte Gewand, die ruhige Haltung und auch durch den weißen Alabaster an antike Göttinnenbildnisse. Sie galt als sensible, faszinierende und kluge Frau, belesen, lebenslustig und pädagogisch interessiert, die in dem zeremoniellen Rahmen des bourgeoisen Frankfurter Gesellschaftslebens emotional und intellektuell völlig unterfordert war.

Wie sie aber zum Maßstab von Hölderlins „Schönheitssinn“ wurde und warum der kopflastige schwermütige Schwärmer gerade sie als „Diotima“ zur irdischen Zeugin des Göttlichen und einer schöneren geschichtlichen Zukunft sowohl im „Hyperion“-Roman als auch in seiner Lyrik stilisierte – das gehört zu den großen Rätseln der deutschen Literatur, die wohl kaum je gelöst werden.

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