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Herzlich willkommen!

Als Dozent informiere ich Sie auf meiner Webpräsenz über meine Aktivitäten rings um die hochschulische Ausbildung angehender Medienmacher.

Als Mensch lasse ich Sie gern an meinen freizeitlichen Aktivitäten teilhaben, zu denen nicht zuletzt Kochen gehört ;-)

Als Bildungsbürger kommentiere/rezensiere ich außerdem vielerlei kulturelle Phänomene – vom Roman über den Musikergeburtstag bis zum Regisseurstod.

Und als (Ex-)Journalist blogge ich daneben unregelmäßig Betrachtungen zu Interessantem und Wissenswertem nicht nur aus der Welt der Medien.

Warum gerade Betrachtungen?

Ich empfinde dieses Genre – eine Meinungsdarstellungsform übrigens – als eins der zeitgemäßen schlechthin.

Eine Betrachtung soll durch Beschreibungen und Schilderungen, Vergleiche und Annäherungen bis hin zur Analyse einem Ereignis, einer Situation, einem Gegenstand oder auch einem (gesellschafts-) politischen Problem Individualität verleihen: Recherche darf in gewissem Maße substitutiert werden durch Subjektivität.

Die Betrachtung ist durchaus mit derselben eines Kunstwerks in einer Ausstellung vergleichbar: man wählt zunächst die Gesamtschau und wechselt dann zu einzelnen Aspekten.

Dabei ist dem Genre eigen, dass die Prioritäten dieser Aspekte oft im Vagen bleiben: aus der Betrachtung erwächst ein Gedanke, der das formale Ziel darstellt.

Der Gegenstand darf dabei Randerscheinung eines größeren Zusammenhangs bleiben: “die Bedeutung des Unbeachteten birgt den Kern ihrer Aussage” (Degen 2004).

Viel Spass beim Lesen – und natürlich beim Kommentieren!

Unter dem Titel „#infokrieg – ANGRIFF AUF DIE MEDIEN“ (im Original Fraktur /Versalien auf braunem Grund) ist jüngst das neueste „Funkturm“-Pamphlet aus dem Hause Stawowy erschienen – DJV-Mitglieder finden es automatisch im Briefkasten. Waren die letzten Ausgaben schon grenzwertig-einseitig in Bezug auf Themenwahl und –aufbereitung sowie der O-Ton-Auswahl, schlägt diese Nr. 8 alles Dagewesene. Da nutzt es wenig, wenn Herausgeber Peter Stawowy im Editorial selbst antizipiert, dass die Darstellung „völlig überzogen, von Ideologie getrieben, eben linksgrün-versifft-gehirnwaschend“ wirken könne. Nein, das braune Heft ist eine Zumutung für jeden auch nur halbwegs gebildeten Leser, die sich unter der 4000er Auflage, ja, tatsächlich auch noch finden.

Die Zumutung beginnt bereits bei der Titelgeschichte des Herausgebers, deren Anreißer ernsthaft mit einer Anleihe an den ersten Satz des Aufrufs des „Neuen Forums“ 1989 beginnt: „Die Kommunikation zwischen Politik und Bürgern scheint massiv gestört“. Die Unverfrorenheit dieser behaupteten Traditionslinie wird dann ins Gegenteil verkehrt, wenn als Leidtragende dieser Kommunikationsstörung die „Bäckereifachverkäuferin vorn an der Ecke“ einerseits als medienunfähiges, emotionsgetriebenes Dummchen dargestellt wird („…will es einfach nicht glauben, dass das Land prächtig dasteht, die Steuereinnahmen sprudeln und die Arbeitslosigkeit auf einem Tiefstand angekommen ist“) und ihr andererseits als „Wutbürgerin“ nicht bewusst sei, dass „…ihre persönliche Situation – ein ausgesprochen dünner Rentenbescheid, die drohende Altersarmut nach 40 Jahren – sich mit einer AfD an der Macht nicht verbessern würde.“ Das ist, ungeachtet aller fehlenden Verweise auf Grundsatz- und Bundestagswahlprogramm, ebenso holzhammer-propagandahaft wie klischeetriefend, gepaart mit Klagen über eigene mediale Bedeutungsverluste und – das fällt inzwischen wirklich auf – der auch hier geäußerten Aufforderung, der AfD nicht „zuviel Aufmerksamkeit“ zu geben: Mache ich die Augen zu, verschwindet das Ärgernis schon von allein. Aber immerhin: von einer Diskursverweigerung, wie von der ZEIT gefordert, wird abgesehen.

Funkturm Nr. 8. Quelle: http://www.flurfunk-dresden.de/funkturm/

Funkturm Nr. 8. Quelle: http://www.flurfunk-dresden.de/funkturm/

In einem bebilderten Statistikteil werden nach dem Algorithmus „Das Gefühl – Hard Fact – Zum Vergleich – Nice to Know“ bestimmte „Ängste“ thematisiert, offenkundig, um sie als unbegründet darzustellen. Beispiel: „Die größte Angst der Deutschen 2017: Terrorismus – 2017: 1 Toter in Deutschland durch Terroranschläge – Jährlich gibt es etwa 20 Todesfälle durch Bienenstiche in Deutschland – 30.000 Tote durch multiresistente Keime in deutschen Krankenhäusern“. Absurder geht es nicht.

In einer Art Umfrage, warum Politiker so ein schlechtes Image haben und was sie tun können, um das Vertrauen der Bürger zurückzugewinnen, tauchen zwischen Linken-MdB und Sachsen-MP viele namhafte Altparteienköpfe auf – aber keiner der AfD. Wie war das doch mit dem Vertrauen? Wozu braucht man eigentlich so eine Umfrage – haben die alle ein schlechtes Image?

Andrea Hansen behauptet in einem Text anhand des Asylstreits zwischen CSU und Angela Merkel, dass sich „Politik in der Pubertät“ befinde, und geißelt vor allem die „neue harte Sprache“ aus Bayern: Söders „Asyltourismus“ sei eine „Erfindung“, Dobrindts „Anti-Abschiebe-Industrie“ würde den Staat als Rechtsstaat „brandmarken“, und Seehofer würde eine „Herrschaft des Unrechts“ sehen – was indiziert, dass das außer ihm niemand sonst tut. Am Ende steht die Warnung vor einer medialen Lagerbildung wie in den USA, und dass Journalisten Sprache eher „faktenneutral“ verwenden sollten statt Framing zu praktizieren. Wie man etwa einen Merkel-Satz „Alles, was noch nicht gewesen ist, ist Zukunft, wenn es nicht gerade jetzt ist“ faktenneutral thematisieren kann, mag das Geheimnis von Frau Hansen bleiben.

Benjamin Kutz will den Einfluss der sozialen Netzwerke auf die öffentliche Meinung beleuchten – und wählt natürlich Michael Kretschmers Tweet zur Hutbürger-Affäre als Aufhänger. Teilweise absurde Äußerungen von SPD-Politikern wie Ralf Stegner, der die jüdische Facebook-Chefin Sheryl Sandberg mit der mutmaßlichen rechtsextremen NSU-Terroristin Beate Zschäpe verglich, oder Sawsan Chebli oder gar Grünen-Politikern wie Kühnast oder Göring-Eckardt sind sicher sakrosankt.

Demuth-Text. Quelle: https://scontent-ber1-1.xx.fbcdn.net/v/t1.0-9/43475075_577947352635584_7950087509751365632_o.jpg?_nc_cat=100&oh=e9a4ca62d8f5e7812a461e312fdae65d&oe=5C4E38F6

Demuth-Text. Quelle: https://scontent-ber1-1.xx.fbcdn.net/v/t1.0-9/43475075_577947352635584_7950087509751365632_o.jpg?_nc_cat=100&oh=e9a4ca62d8f5e7812a461e312fdae65d&oe=5C4E38F6

Höhepunkt des Heftes: „Was passiert?“ – eine 6-Seiten-Geschichte des Politikwissenschaftlers Christian Demuth, in der die Veränderungen unseres Landes prognostiziert werden, „wenn Rechtspopulisten die Macht übernehmen“. Wozu er die Fraktur braucht, die Hitler 1941 als „Schwabacher Judenlettern“ verboten und stattdessen die Antiqua als „Normal-Schrift” im 3. Reich durchgesetzt hatte – geschenkt, man soll von einem Berater der sächsischen SPD-Fraktion ja nicht allzuviel Allgemeinbildung erwarten. Unter sieben Schlagworten wie „Demokratie“, „Sozialpolitik“ oder „Umgang mit Minderheiten“ werden dann 31 Mikroszenarien entworfen, die auf vorgeblich „rechten“ programmatischen Positionen basieren. Das Perfide daran: einige Szenarien weisen eine Quellenangabe auf, andere nicht – die sollen auf „Programmen“ der AfD beruhen. Bei den Quellenangaben sind unter der in Klammern gesetzten Aufforderung „vgl.“ zu lesen: Türkei und/oder Italien und/oder USA und/oder Polen und/oder Ungarn und/oder Österreich und/oder Großbritannien und/oder Russland. Jetzt bringt es der Autor tatsächlich fertig, all das in einen Topf zu werfen und daraus seine ideologische Melange zu fabrizieren.

So steht im AfD-Bundestagswahlprogramm der Passus „Die Einführung von Volksabstimmungen nach Schweizer Modell ist für die AfD deshalb nicht verhandelbarer Inhalt jeglicher Koalitionsvereinbarungen.“ Der Autor behauptet unter der Schlagzeile „Regierungsreferenden, keine Volksgesetzgebung“ jetzt nicht nur, dass es sich dabei um „von der Regierung erarbeitete Vorlagen“ handele, sondern einen Satz weiter, dass „Gesetzesinitiativen aus dem Volk heraus“ ausgebremst oder verhindert würden. Was ändert die diesen Satz beendende Angabe „(vgl. Ungarn)“ an der Aussage, dass die AfD keine Volksgesetzgebung will? Die Punkte ohne solche fehlinformierenden Vermischungen lassen sich an einer Hand abzählen! Solche Unredlichkeit schreit zum Himmel, ist aber typisch für eine Kleinstpartei, der vor Angst schon mehr als die Glieder schlottern. Die Krone setzt dem Text die *-Anmerkung auf, dass die „Durchsetzung dieser Szenarien in Deutschland teils zwar möglich, teils aber auch schwerer umsetzbar“ sei: Gemeint sind die Unterschiede zwischen den Verfassungen und gesetzlichen Regelungen der Länder, die teilweise nur mit einer Zweidrittelmehrheit umgesetzt werden können. Mehr heiße Luft war selten.

Ein Ranking unter der Schlagzeile „Inszeniert euch“ führt 10 politische „Influencer“ auf, die auf „Facebook, Twitter, Instagram & Co. die beste Figur“ machen. Dabei sind Bodo Ramelow und Sahra Wagenknecht (Linke), Dorothee Bär (CSU), Konstatin Kuhle und Christian Lindner (FDP) usw. usf. Die Kriterien der Bewertung bleiben ungenannt, und dass niemand von der AfD dabei ist, verwundert schon lange nicht mehr. Dass allein auf Facebook im Mai 2018 Alice Weidel und Jörg Meuthen vor Wagenknecht einkamen und sich unter den 10 erfolgreichsten Facebook-Profilen von Politikern gleich sechs von der AfD tummeln, stört da nur. Ganz abgesehen davon, dass “Inszenierung” gleich Blendung das Wort geredet wird – nicht etwa politischen Inhalten….

Anja Besand. Quelle: https://tu-dresden.de/gsw/phil/powi/dpb/ressourcen/bilder/illustrationen/IMG_1897.JPG/@@images/37094261-4e08-4f41-bf1a-dbdde1c7a446.jpeg

Anja Besand. Quelle: https://tu-dresden.de/gsw/phil/powi/dpb/ressourcen/bilder/illustrationen/IMG_1897.JPG/@@images/37094261-4e08-4f41-bf1a-dbdde1c7a446.jpeg

Das retardierende Moment des Heftes ist dann das Interview mit Anja Besand, Lehrstuhl für Didaktik der Politischen Bildung an der TU Dresden. Dass sich die Frau über verschobene Diskursgrenzen mokiert, weil über die „Verbrechen der Lebensretter der Lifeline“ oder über „Transitzentren“ diskutiert wird, und das als politische und demokratische Krise deutet – bittesehr. Diskurse über „Armlängen“, Vergewaltigungen oder Messermorde führen dann andere. Dass sich Besand über „aufsuchende Formate“ freut, wenn die Landeszentrale für Politische Bildung in Freiburg zum Jahrestag des ersten Weltkriegs Menschen mit blutigen T-Shirts durch die Innenstadt laufen lässt – bittesehr. Die Absage des Nachmittagsunterrichts durch drei Gymnasien, wenn AfD-Abgeordnete in Heilbronn einen Info-Stand für Schüler veranstalten, um ihnen „Einblick in die demokratischen Strukturen unserer Bundesrepublik“ zu geben, bemerken dann andere – und die bemerken auch, dass es offenbar auf die Aufsuchenden ankommt. Dass Besand auch noch „Russia Today“ unwidersprochen mit der BILD vor 20 Jahren vergleichen läßt – bittesehr. Dass diverse Titelblätter zum Thema „Sachsen“, allen voran von SPIEGEL und STERN, inzwischen “Stürmer”-Niveau aufweisen, bekommen andere ungefragt mit.

Aber es ist eine bodenlose Unverschämtheit – und unterstreicht zugleich die Entwicklung der letzten Wochen – wenn sie mit Bezug auf den „Beutelsbacher Konsens“ erklärt: „Aber das heißt nicht, dass wir zu irgendeiner Art politischer Neutralität verpflichtet sind“. Seit wann ist der Begriff „Neutralität“ interpretierbar, oder gibt es inzwischen verschiedene “Neutralitäten”?

Der Direktor des Münchner Instituts für Zeitgeschichte Andreas Wirschung fand es auf dem jüngsten Historikertag wichtig, „dass wir uns auch normativ äußern“. Das Normative scheint gerade als Positivum in der Meinungsausrichtung sehr in Mode zu kommen, wie auch Thomas Krüger (SPD), der Bundeschef der Zentrale für politische Bildung, im ZDF jüngst einer notwendigen normativen Auslegung des Beutelsbacher Konsens‘ das Wort redete und damit der früheren Neutralität des Lehrers in der politischen Bildungsvermittlung widersprach.

Sachsentitel. Quelle: eigene Darstellung

Sachsentitel. Quelle: eigene Darstellung

Lassen Sie sich gesagt sein, Frau Besand: Es ist Aufgabe der Lehrer, die Positionen aller demokratischen Parteien neutral nebeneinanderzulegen und den Rest den Schülern zu überlassen. Eigene Ansichten haben nur dann etwas im Unterricht verloren, wenn die Schüler danach fragen. Der Ludwigsburger Politikdidaktiker Helmut Däuble hat dies in der Frankfurter Rundschau so präzisiert, „dass in einem Politikunterricht, in dem es um Migrationspolitik geht, das Spektrum der parteipolitischen Standpunkte von der Offenen-Grenze-Position der Linken bis zur Geschlossenen-Tür-Haltung der AfD so dargestellt werden muss, dass diese für die Lernenden nachvollziehbar und abwägend analysierbar sind, und sie so zu einem eigenständigen Urteil kommen können.“ Wenn es eines letzten Beweises bedurfte, warum das AfD-Portal für eine neutrale Schule “lehrerSOS.de” wichtig und richtig ist – hier ist er.

Vorletzte Seite: ein paar abstrakte Veranstaltungsankündigungen von „neuen Formaten“, die „Parteien, Journalisten und Behörden“ ausprobieren: Katja Kippings „Rotes Wohnzimmer“, Martin Duligs „Küchentischtour“… Dass das AfD-Format „Fraktion vor Ort“ fehlt, braucht man nicht mehr zu erwähnen, das ahnt man inzwischen sowieso.

Letzte Seite: ein Kommunikationsknigge in der Art studentischer Anzeigen mit abreißbaren Kontaktdaten, mit dem eine „gebeutelte Gesellschaft“ Wege zu besserer politischer Kommunikation sucht. Dabei findet sich neben „Bleiben Sie sachlich!“ (vgl. Stawowy in dem Heft!) oder „Erklären Sie Zusammenhänge“ (vgl. Demuth in dem Heft!) auch „Nutzen Sie einfache Sprache“. Es lebe die Simplizität – denken war gestern.

Dazwischen politische Anzeigen. Von der linken Landtagsfraktion, die nah bei den Menschen, aber nicht mit dem Ohr am „Volk“ sein will, sondern lieber an „der Bevölkerung“. Von der CDU-Fraktion, bei der man „einfach anrufen“ solle, bevor man sich Fakten zusammengoogelt. Oder auch, ganzseitig, vom Ministerium für Soziales und Gleichstellung, das unter der Phrase vom „Weltoffenen Sachsen“ und dem Slogan „Von Mensch zu Mensch“ behauptet, „Mutbürger“ zu unterstützen. Wie war das doch mit dem Framing ;-) Die teils informativen, teils diskutablen Texte von Laboda, Honnigfort oder Heidig ändern am katastrophalen Gesamteindruck des Machwerks nichts.

Fazit: besser kann man die selbstgefällige Arroganz der – in diesem Fall vermeintlich – Herrschenden nicht illustrieren. Besser kann man das gesinnungsethische Meinungskartell der BRD 2018 nicht abbilden. Und besser kann man auch nicht erfahren, mit welchen Methoden heute Ideologie praktiziert wird. Wenn das ein Auftakt zum Wahlkampf sein soll, weiß die AfD aber, was und wer sie erwartet.

PS. Die mit diesem Text verbundene Aufwertung des Heftes nimmt der Verfasser in Kauf und warnt zugleich vor der Verauslagung der 8 Euro. Die kann man bspw. in eine antiquarische Ausgabe von Karlheinz Weißmanns “Faschismus” investieren. Der ideologische Zugewinn ist ein ungeheurer. Versprochen.

Die Deutsche Einheit – was hat es uns allen gebrach1? Das wollte Klaus Kelle wissen und interessierte sich dabei für Fragen, inwieweit sich Ost und West tatsächlich inzwischen angenähert haben. Oder ob die Mauer in unseren Köpfen immer noch da ist. Oder was man sich heute wünscht, das damals hinten runter fiel.

Angesichts der Okkupation, ja Umdeutung des Volks-Begriffs durch die Nomenklatura der Einheitsparteien ist das natürlich ein sehr aktuelles Thema – zu dem ich keine Jubelmeinung habe. Kohl sprach davon, dass es “niemandem schlechter, aber vielen besser” gehen sollte. Das exakte Gegenteil ist eingetreten, und den wenigstens teilweisen Beweis hatte ich im 2. Abschnitt meines offenen Briefs an Jana Hensel versucht anzutreten.

Klaus Kelle Sendungslogo: Quelle: https://www.radiob2.de/wp-content/uploads/2018/08/Klaus_Kelle-1.jpg

Klaus Kelle Sendungslogo: Quelle: https://www.radiob2.de/wp-content/uploads/2018/08/Klaus_Kelle-1.jpg

Das Gespräch könnt ihr hier nachhören: ab Minute 15.00 bis 21.00.

Dem Schweizer Pädagogen Johann Heinrich Pestalozzi verdanken wir seit rund 200 Jahren die Einsicht, dass Lernen nur ganzheitlich mit „Kopf, Herz und Hand“ wirklich sinnvoll ist und allem Begreifen das Greifen vorausgeht. Wer allerdings nur wenige Möglichkeiten hat, Hand – und Fuß – zu trainieren, beschränkt sich auf die Kopfsinne Hören und Sehen, die vor allem durch Medienkonsum bedient werden. Doch zu viel Mediennutzung im jungen Alter wirkt sich ungünstig auf die Entwicklung aus, warnt das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) mit Blick auf Daten des Nationalen Bildungspanels.

Häufig seien Übergewicht, Schlafstörungen oder ein aggressiveres Sozialverhalten die Folge, sagt IW-Familienexperte Wido Geis in der ZEIT. Problematisch: vor allem Kinder aus bildungsfernen Familien verbringen besonders viel Zeit vor Bildschirmen. Das Institut unterschied bei der Auswertung zwischen Müttern mit und ohne berufsqualifizierenden Bildungsabschluss – also zum Beispiel nur mit abgeschlossener Hauptschule. Demnach verbrachten fast 60 Prozent der Viertklässler mit einer Mutter ohne berufsqualifizierenden Abschluss mehr als zwei Stunden am Tag vor Bildschirmen. Bei den Kindern von Müttern mit Hochschulabschluss war dies hingegen nur bei knapp 30 Prozent der Fall. Den Grund für die Diskrepanz sieht Geis darin, dass sich Kinder an ihren Eltern orientierten: „Erwachsene aus bildungsfernen Haushalten konsumieren mehr Fernsehen“. Eltern aus bildungsnahen Haushalten besäßen hingegen deutlich mehr Bücher, weshalb das Lesen eine größere Rolle spiele.

Von einem „klaren Alarmsignal“ spricht auch der AOK-Vorstandsvize Jens Martin Hoyer bei der Vorstellung der aktuellen Familienstudie seiner Krankenkasse. Danach bewegt sich jede dritte Familie zu wenig, auch seien mehr als die Hälfte der Eltern, oft die Väter, zu dick. Wenn auch unter anderem Untersuchungsdesign, kommt eine Studie der Krankenversicherung DKV ebenfalls zu dem Schluss, dass nur noch 43 Prozent der deutschen Erwachsenen das empfohlene Mindestmaß an körperlicher Aktivität erreichen. Der Trend der vergangenen Jahre sei rückläufig. 2010 hätten noch 60 Prozent der Bundesbürger genügend Bewegung bekommen. Jeder Zehnte gab an, überhaupt keiner körperlichen Aktivität nachzugehen, die länger als zehn Minuten am Stück dauert. Der Nachwuchs macht‘s nach.

Johann Heinrich Pestalozzi. Quelle: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/d/d3/Johann_Heinrich_Pestalozzi.jpg

Johann Heinrich Pestalozzi. Quelle: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/d/d3/Johann_Heinrich_Pestalozzi.jpg

Statt rauszugehen spielen Kinder besonders an freien Tagen auf Smartphone und Tablet: 59 Prozent der Kinder von vier bis sechs Jahren nutzen Medien länger als die von Experten empfohlene halbe Stunde am Tag, am Wochenende liegt dieser Wert sogar bei 84 Prozent, so Hoyer. Bei Kindern von sieben bis elf Jahren sind die Zahlen ähnlich. Siebzehnjährige schauen 135-mal am Tag auf das Smartphone. Nützlich wären gesicherte Fahrradwege, gut erreichbare Sportplätze, Schwimmbäder oder Spielplätze. Kinder, die laut Eltern in einem attraktiven Wohnumfeld leben, bewegen sich im Schnitt an 3,8 Tagen pro Woche und damit 27 Prozent mehr als Kinder, die diese Bedingungen gar nicht vorfinden (3,0 Tage pro Woche).

Ähnlich sehe es auch beim gemeinsamen Radfahren aus. Prompt schlug hier eine Mitteilung der Landesverkehrswacht Nordrhein-Westfalen Alarm. Wir Direktor Burkhard Nipper der Rheinischen Post sagte, müssen mittlerweile fünf bis zehn Kinder nach der Fahrradprüfung nachgeschult werden. Vor zehn Jahren hätten im Durchschnitt nur zwei Kinder pro Klasse einer Nachschulung bedurft. Den Schülerinnen und Schülern fehlt es nach Ansicht Nippers an der nötigen Motorik: „Die Beweglichkeit der Kinder ist deutlich zurückgegangen. Manche können nicht einmal mit einer Hand fahren oder fahren selbst beidhändig Schlangenlinien.“ So beherrschen immer mehr Kinder wichtige Alltagssituationen des Radfahrens nicht, beispielsweise das Spurhalten beim Blick zur Seite oder nach hinten. Dabei fallen vor allem Stadtkinder, Mädchen mit Migrationshintergrund, übergewichtige und überbehütete Kinder auf. Gefährlich sei diese Entwicklung vor allem deshalb, weil die Kinder mit dem Fahrrad nicht mehr sicher am Straßenverkehr teilnehmen könnten und, da es allem in Städten oftmals an sicheren Radwegen mangelt, Kinder immer weniger mit dem Fahrrad fahren,  weshalb sie es natürlich auch nicht richtig können, so Nipper. Die Fahrradprüfung absolvieren bundesweit ca. 95 % der Grundschüler.

„Das ist eine problematische Entwicklung“

Eine aktuelle Untersuchung des Kinderhilfswerks kommt in Sachen Spielverhalten auch zu negativen Befunden. So spiele nur jedes zweite Kind selbst bei schönem Wetter an drei oder mehr Tagen der Woche im Freien. Knapp die Hälfte der Stubenhocker führen als Grund an, dass es in ihrem Wohngebiet keine anderen Kinder zum Spielen gibt. Mehr als ein Viertel hat keine geeigneten Spielmöglichkeiten oder sagt, dass der Straßenverkehr zu gefährlich ist. „Dadurch haben sie weniger soziale Erfahrungen mit Gleichaltrigen und einen deutlich höheren Medienkonsum als Kinder in spielfreundlichen Stadtteilen. Das ist eine problematische Entwicklung“, erklärt Holger Hofmann, Bundesgeschäftsführer des Deutschen Kinderhilfswerks, in der Sächsischen Zeitung.

Fahrradprüfung in Sachsen. Quelle: https://www.verkehrswacht-medien-service.de/fileadmin/_processed_/a/4/csm_uebung_strasse_97613b5bf3.jpg

Fahrradprüfung in Sachsen. Quelle: https://www.verkehrswacht-medien-service.de/fileadmin/_processed_/a/4/csm_uebung_strasse_97613b5bf3.jpg

Dabei könne das Draußenspielen für die persönliche Entwicklung der Kinder gar nicht hoch genug eingeschätzt werden, so Claudia Neumann vom Kinderhilfswerk im selben Blatt: „Für ein gesundes Aufwachsen sind Kopf, Herz, Hand und Fuß wichtig“. Es beuge Haltungsproblemen, Übergewicht und Konzentrationsstörungen vor, wenn Kinder häufiger und länger aktiv im Freien spielten. Nur über den Nutzen aufzuklären und zu mehr Bewegung anzuregen, reiche aber nicht mehr aus: „In der Gesellschaft müssen prinzipielle Möglichkeiten geschaffen werden, um Sport im Alltag zu integrieren“, so Christian Andrä, Sportpädagoge der Uni Leipzig. Verschiedene Initiativen versuchen seit geraumer Zeit, den laut Andrä „seit Jahrzehnten präsenten Trend“ zum Bewegungsmuffel aufzuhalten.

So hat das Kinderhilfswerk, weil in vielen Kommunen die Voraussetzungen für ausagierendes Spielen noch fehlen oder nicht mehr vorhanden sind, anlässlich der Etablierung eines „Weltspieltags“ vor 10 Jahren das Bündnis „Recht auf Spiel“ gegründet. „Wir brauchen dringend eine auf Kinder bezogene Stadtentwicklungs- und Verkehrspolitik. Gerade in Wohngebieten fahren die Autos zu schnell oder nehmen parkend den Kindern den Platz zum Spielen“, sagt Hofmann.

Nach seinen Worten spielten Kinder aus sehr kinderfreundlichen Stadtteilen täglich durchschnittlich fast zwei Stunden alleine ohne Aufsicht draußen, Kinder unter schlechten Bedingungen nur eine Viertelstunde. Die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt mindestens eine Stunde täglich. Das Kinderhilfswerk appelliert aber nicht nur an Stadtplaner, sondern auch an die Eltern, die ihren Kindern den nötigen Freiraum zum Draußenspielen geben müssten.

„Kinder werden immer mehr zu Stubenhockern“, erklärt Hofmann. „Sie werden zur Schule gefahren, verbringen dort die meiste Zeit im Sitzen, bleiben zunehmend auch am Nachmittag unter dem Dach der Schule oder machen es sich vorm heimischen Computer bequem.“ Es gebe heute immer mehr Kinder, die sich nicht mehr trauen, über einen schmalen Bach zu springen. Sie bewegten sich bei Regen nicht von der Stelle, bis das Elterntaxi kommt. Und das, obwohl 61 Prozent der für die Studie des Kinderhilfswerks befragten Eltern die Bewegung im Freien als sehr wichtig ansahen. Von den Kindern und Jugendlichen fanden das aber nur zwölf Prozent.

„Zutrauen in die eigenen Fähigkeiten“

Inzwischen ist unstrittig, dass sich durch körperliche Aktivität Sauerstoffversorgung und Stoffwechsel im Gehirn verbessern und Denkprozesse effizienter laufen, weil das Gehirn durch regelmäßige körperliche Aktivität lernt, ökonomischer zu arbeiten. „Diese Trainingswirkung ist durchaus mit der auf Herz und Kreislauf vergleichbar“, fand Wildor Hollmann vom Institut für neurologische Forschung in Köln heraus. Viele Kognitionswissenschaftler vertreten heute die Embodiment-These, nach der alle geistigen Prozesse in sensomotorischen Interaktionen des Körpers mit seiner Umwelt wurzeln.

Weltspieltag. Quelle https://www.recht-auf-spiel.de/images/modules/aufruf.jpg

Weltspieltag. Quelle https://www.recht-auf-spiel.de/images/modules/aufruf.jpg

Eine pädagogische Initiative, die darauf baut, ist Andrä‘s Konzept zum „bewegten Lernen“, in das vielfältige Forschungsergebnisse über das Zusammenwirken von körperlicher und geistiger Fitness einflossen. „Durch den Bewegungssinn steht dem Gehirn ein zusätzlicher Informationszugang zur Verfügung“, so Andrä. Aktivität trainiere also auch den Geist. „Gute Mathenoten erzielen nicht unbedingt Kinder, die besonders viele Mathe üben, sondern vor allem die Kinder, die gut auf Bäume klettern und balancieren können“, weiß auch Hofmann. Immer mehr Bildungseinrichtungen in Sachsen lassen sich als „Bewegte Schule“ oder „Bewegte Kita“ zertifizieren, um die in der Freizeit nicht ausgeglichenen Bewegungsdefizite zu mildern.

So heißt es etwa in den Empfehlungen zur Unterrichtseinheit „Wähle die richtige Bindungsart!“ im Fach Chemie: „Die Ecken des Raumes stehen für die Bindungsarten: Polare Atombindung, unpolare Atombindung, Ionenbindung, metallische Bindung. Der Lehrer nennt Begriffe oder Sachverhalte bzw. stellt Fragen, die den Bindungsarten zugeordnet werden können und die Schüler begeben sich in die dazugehörige Ecke. Im Anschluss wird das Ergebnis diskutiert.“

Das „bewegte Lernen“ scheint in Sachsen umso nötiger, als sich die Regierungspartner CDU und SPD im Frühjahr auf die abstrakte Formel einigten, die vergleichsweise hohe Stundenlast der sächsischen Schüler „um vier Prozent“ zu senken und „alle Fächergruppen“ in die Prüfung einzubeziehen. Damit sollen letztlich 770 volle Lehrerstellen weniger nötig sein. Das Ergebnis verkündete Kultusminister Christian Piwarz (CDU) im Juni: Statt Kunst trifft es nun auch Deutsch, Biologie, Englisch – und Sport.

Der Aufschrei des Landessportbunds (LSB) ließ nicht lange auf sich warten. Statt – wie einst geplant – den Sportunterricht „einheitlich für alle Klassenstufen und Schularten auf zwei Wochenstunden“ zu begrenzen, bleibt zwar die dritte Stunde für die Erst- bis Drittklässler genauso wie für die Fünft- und Sechstklässler erhalten. Aber die Kürzung um je eine Sportstunde für alle Viert- und Siebtklässler sowie an den Oberschulen für alle Acht- bis Zehntklässler widerspreche dem Ziel „Gesund aufwachsen“ des Freistaates. Vor allem die Streichung für Viertklässler sei „nicht nachvollziehbar“, hieß es.

Sie ist es umso weniger, als die Schuleingangsbefunde des Schuljahres 2018/19 Erschreckendes offenbarten: nicht einmal jedes fünfte Kind hatte die Kriterien für eine altersgerechte Entwicklung erfüllt. Nicht nur, dass ein Drittel der angehenden Erstklässler in Sachsen nicht richtig sprechen kann. Probleme gebe es auch in der Körperkoordination sowie bei der Visuomotorik, der Fähigkeit, Sehen mit Bewegungen des Körpers zu koordinieren. Sozialministerin Barbara Klepsch (CDU) appellierte in der Sächsischen Zeitung an die Eltern, sich mehr Zeit für ihren Nachwuchs zu nehmen: beim Essen, Spielen und bei Ausflügen. „Screen-free-parenting“ heißt das in den USA und gilt dort als Trend.

Außerdem wurde bei fast zehn Prozent der angehenden Erstklässler Übergewicht bis hin zu Adipositas diagnostiziert. Untersuchungen hätten weiter ergeben, dass sich die Gewichtszunahme mit dem Alter nochmals verschärft: Laut Ministerium ist jeder sechste Sechstklässler übergewichtig. Auch eine australische Studie von 2017 legt einen Zusammenhang zwischen Bildschirmnutzung bei Jugendlichen und späterer Fettleibigkeit nahe. „Mir ist es besonders wichtig, dass sich unsere Kinder gesund ernähren und Spiel und Bewegung wieder zum Alltag der Kinder gehören. Setzen das Kinder und Eltern jeden Tag um, ist präventiv schon viel getan“, betonte Klepsch. Kinder sähen ihre Bildschirme oft häufiger und länger als Familien, Freunde oder Lehrer. Inzwischen haben Forscher vom Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig gar die beunruhigende Entdeckung gemacht, dass Übergewicht das Gehirn schrumpfen lässt und so das  Denken einschränkt.

Bewegte Schule. Quelle: https://www.schulsport.sachsen.de/img/img_sport/Bewegte_Schule_275.JPG

Bewegte Schule. Quelle: https://www.schulsport.sachsen.de/img/img_sport/Bewegte_Schule_275.JPG

„Erfolgserlebnisse im Bewegungsbereich fördern auch das Zutrauen in die eigenen Fähigkeiten. Eltern, die ihre Kinder aus Angst in ihrem natürlich vorhandenen Bewegungsdrang behindern, können deren Entwicklung entscheidend hemmen“, befindet auch die Psychologin Britta Zander in ihrem Elternratgeber „Liebe allein reicht nicht“. Aus eigenen Erfahrungen in kritischen Situationen lernten Kinder oft mehr als durch andauernde elterliche Warnungen und Verbote.

Aber ein positives Studienresultat für Eltern ist doch noch zu vermelden: Der Mann in Vollzeit als Ernährer, die Frau vor allem als Hausfrau und Mutter mit einem Hinzuverdienst – ausgerechnet dieses traditionell-einfache, im linksgrünen Weltverständnis fast schon als überkommen geltende, ja als „heteronormativ“ herabgewürdigte Familienmodell scheint aus wissenschaftlicher Sicht das Glück der Familie zu mehren. Eine arbeitssoziologische Studie der Universität Marburg ergab, dass es nicht die Zahl der gearbeiteten Stunden an sich sei, die Väter und Mütter glücklicher mache, sondern die damit verbundene, klare Rollenzuweisung. Studienautor Martin Schröder vermutet in der ZEIT: „Sich gegen stereotype Rollenbilder zu stemmen kostet viele Menschen möglicherweise Lebenszufriedenheit“. Dass Arbeit und Bewegung in tradiertem Rahmen also glücklich machen, ist so neu aber nicht.

Ist die Korrelation zulässig, dass die künstliche Intelligenz immer besser, die menschliche dagegen immer schlechter wird? Ja! Das schließen zunehmend mehr Experten aus Studien, wonach die Leistung bei IQ-Tests in den letzten Jahrzehnten kontinuierlich abgenommen habe. Zuletzt registrierten Bernt Bratsberg und Ole Rogeberg von der Universität Oslo Mitte Juni, nachdem sie 730.000 IQ-Tests überprüften, ein konstantes Absinken der Leistung in den letzten Jahrzehnten.

Die Tests stammen von jungen Männern und Frauen der Jahrgänge 1962 bis 1991, die bei der norwegischen Armee zum Militärdienst antraten. Kamen die Armee-Neulinge bis zum Jahrgang 1975 beim Eingangstest auf mehr als 102 IQ-Punkte, erreichten die Jahrgänge bis 1991 nur noch knapp 100 Punkte. Das Absinken erfolgte kontinuierlich. Bratsberg und Røgeberg prognostizierten, dass der durchschnittliche IQ-Wert im nächsten Jahrhundert um bis zu zehn Punkte fallen wird.

Der Aufsatz der beiden Norweger ordnet sich als vorläufig letzter in eine Reihe von Aufsätzen ein, die mehr oder weniger alarmistisch einem europäischen Siegeszug der Dummheit das Wort reden. In Dänemark wurde ebenfalls die militärische Tauglichkeit aller jungen Männer untersucht – auch wenn nur einige von ihnen den Wehrdienst tatsächlich ableisten. Diese Untersuchung umfasst auch einen IQ-Test. Seit 1998 sind die Werte im Schnitt um 1,5 Punkte gefallen, berichtet der NewScientist im Sommer 2014 und rechnet auch mit einer Senkung von sieben bis zehn IQ-Punkten pro Jahrhundert.

Aber bereits 2012 hat die University of Hartford eine Berechnung veröffentlicht, nach der der durchschnittliche IQ für das Jahr 2011 bei 88,54 gelegen hat – ein deutlicher Rückgang im Vergleich zu den vorangegangenen Jahren. Studien in Ländern wie Neuseeland, Australien, Brasilien und Mexiko haben außerdem gezeigt, dass es einen direkten Zusammenhang zwischen Bevölkerungswachstum und dem Rückgang des IQ gibt. Es wird angenommen, dass der durchschnittliche IQ bis zum Jahr 2050 auf 86,32 fällt, wenn die Weltbevölkerung mit anhaltend hoher Geschwindigkeit wächst. Im Jahr 1950 lag er noch bei 91,64 – mehr als 5 Punkte höher.

Normalverteilung des Intelligenzquotienten in der Bevölkerung, Quelle:  https://www.begabtenpaedagogik.de/images/gauszsche-normalverteilung.jpg

Normalverteilung des Intelligenzquotienten in der Bevölkerung, Quelle: https://www.begabtenpaedagogik.de/images/gauszsche-normalverteilung.jpg

Ähnliche Berechnungen stellten im Januar 2018 Forscher vom Ulster Institut für Sozialforschung um den Anthropologen Edward Dutton an. Danach sei der IQ in vielen westlichen Nationen alle zehn Jahre um etwa zwei Punkte gesunken. Die Ergebnisse scheinen im Widerspruch dazu zu stehen, dass – politisch gewollt – immer mehr junge Menschen an die Universitäten drängen und der technische Fortschritt unaufhaltsam voranschreitet. Nun hatte der Begriff „Hochschulreife“ in den 50er und 60er Jahren des 20. Jahrhunderts noch eine besondere Aura, „weil er die Beherrschung eines anspruchsvollen Bildungskanons in neun Disziplinen versprach“, erklärte der Altphilologe Gerhard Wolf 2016. Heute dagegen ist er auf eine bloße Hochschulzugangsberechtigung reduziert, die mit „Studierfähigkeit“ nichts mehr gemein haben muss.

Tests zur Messung des IQ verändert

Parallel dazu stehen einerseits die Konzepte von IQ-Tests sowie andererseits die Gründe für den Intelligenzschwund auf dem Prüfstand. Seit die Psychologen Alfred Binet und Théodore Simon 1905 einen Intelligenztest entwickelten, begannen Forscher den Intelligenzquotienten (IQ) zu messen, der den Unterschied ausdrücken soll zwischen Talent (150) und Trantüte (70). Die standardisierten Tests überwiegend in Bereichen des verbalen und mathematischen Verständnisses ließen nicht nur Rückschlüsse auf den IQ einzelner Menschen zu, sondern auch auf den Durchschnittswert der Bevölkerung, der bis ca. 1980 stetig gestiegen war.

Für die Psychologin Professor Elsbeth Stern von der Eidgenössischen Technischen Hochschule in Zürich ist Intelligenz „vorwiegend die Fähigkeit zum schlussfolgernden Denken und zur effizienten Informationsverarbeitung.“ Die brauche man vor allen Dingen dann, so Stern im DLF, „wenn man eben komplexe Aufgaben lösen muss. Und dann haben Menschen, die das effizienter können, die also besser aktuell mehr Information parallel halten können, die haben dann einen Vorteil.“ Um das logische Denken zu beurteilen, gibt es in Intelligenztests Fragen wie: 2,4,6,8 – was ist die nächste Zahl? In diesem sehr einfachen Beispiel: die 10. Oder: Wald verhält sich zu Bäumen wie Wiese zu Grün – Gräsern – Weite – Blumen? Richtig ist: Gräser.

1988 veröffentlichte Robert Flynn sein Buch „Der Flynn-Effekt“, in dem er den steigenden IQ in vielen westlichen Ländern zwischen 1930 und 1980 als eine Folge der besseren Ernährung und verbesserter Lebensbedingungen einschließlich der medizinischen Versorgung sowie der besseren Bildung und Förderung von Kindern erklärt. Gerade der Zusammenhang von Bildung und Intelligenz ist ein kontroverses Thema. Doch hat sich mittlerweile die Erkenntnis durchgesetzt, dass eine höhere Bildung auch Auswirkungen auf den IQ hat. Die US-Neurowissenschaftler Daniel Ansari und Aaron Berkowitz wiesen anhand einer Improvisations-Aufgabe nach, dass die Hirntätigkeit bei musikalisch gebildeten Testpersonen anders ist und zu besseren Ergebnissen führt als bei musikalischen Laien. Die Ergebnisse wurden von anderen Untersuchungen bestätigt, etwa in Österreich. Die Forscher glauben, dass die Ergebnisse nicht nur auf den Bereich der Musik zutreffen, sondern auch auf andere Branchen. Vor allem in kreativen Branchen ist Bildung eine entscheidende Voraussetzung zur Lösung von komplexen Aufgabenstellungen.

Flynn hatte überdies zwischen der phänotypischen (umweltbedingten) Intelligenz und der genotypischen (vererbten) Intelligenz unterschieden und bereits entdeckt, dass die genotypische Intelligenz um 0,57 Punkte pro Generation fällt. In der entwickelten Welt wurde bis vor rund 15 Jahren der Rückgang der genotypischen Intelligenz durch einen Anstieg der phänotypischen Intelligenz ausgeglichen. Die These ist aus mehreren Gründen nicht mehr haltbar. So gibt es möglicherweise einen direkten Zusammenhang zwischen dem Rückgang des IQ und Armutsquoten, die heute auf einem historisch hohen Stand sind. Dadurch entgehen vielen Menschen Bildungschancen, sie können ihren Kindern keine Möglichkeit bieten, sich auf hohem Niveau zu entwickeln.

Flynn-Effekt. Quelle: https://www.aau.at/wp-content/uploads/2017/10/5-INTELLIGENZ-2.pdf

Flynn-Effekt. Quelle: https://www.aau.at/wp-content/uploads/2017/10/5-INTELLIGENZ-2.pdf

Andere Experten weisen darauf hin, dass sich in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten die Tests zur Messung des IQ leicht verändert hätten und der Rückgang dadurch bedingt sei. Dieser These gingen 2017 Forscher um Robin Morris (Kings College London) im Fachblatt „Intelligence“ nach und analysierten für ihre Studie zunächst rund 1.750 verschiedene Intelligenztests seit dem Jahr 1972, und zwar im Speziellen nach zwei Testteilen: jenen, die das Kurzzeitgedächtnis, und jene, die das Arbeitsgedächtnis messen. Letzteres ist komplexer als das Kurzzeitgedächtnis und befähigt zur Manipulation der Erinnerungen, außerdem sind damit andere Hirnteile befasst.

natürliche Auslese begünstigt intelligente Menschen

Zunächst zeigte sich, dass in den vergangenen Jahrzehnten immer mehr Menschen IQ-Tests unterzogen wurden, die bereits über 60 Jahre alt waren. Da ältere Personen an einem nachlassenden Arbeitsgedächtnis leiden, während das Kurzzeitgedächtnis annähernd konstant bleibt, könnte das eine Erklärung für rückläufige Testergebnisse sein. Im Hauptbefund ergaben sich Verbesserungen des Kurzzeitgedächtnisses analog zum Flynn-Effekt, während die Testergebnisse in Sachen Arbeitsgedächtnis abnahmen.

Eine weitere Erklärung: Spätestens 2012 stand nach Untersuchungen des US-Neurowissenschaftlers Read Montague von der Universität Virginia Tech fest, dass Intelligenz offenbar weniger eine stabile, gleichbleibende und vererbbare Eigenschaft ist, sondern immer auch eine Momentaufnahme. Seine Begründung: bei direktem Feedback zu Lernergebnissen schrumpfe der IQ.

„In Kleingruppen sinkt die geistige Leistungsfähigkeit“, wird Montague auf dem Portal alltagsforschung.de zitiert, „erst recht, wenn man glaubt, schlechter zu sein als die anderen.“ Offenbar erhöhen kleine, intime Gruppen den sozialen Druck. Man ist nicht anonym, jeder bemerkt die Leistung des anderen, es entsteht eine unbewusste Hackordnung. Mit der Konsequenz, dass Stress und Einschüchterung nicht nur aufs Gemüt, sondern auch die Intelligenz schlagen. Das müsste Konsequenzen für das Design jeder Art von Assessment Center haben.

Intelligenz und Maßstab. Quelle: https://islieb.de/blog/wp-content/uploads/2015/07/islieb-intelligenz.png

Intelligenz und Maßstab. Quelle: https://islieb.de/blog/wp-content/uploads/2015/07/islieb-intelligenz.png

Ähnlich argumentiert auch Edward Dutton. Der IQ-Test sei sehr ungenau und „ein schlechtes Maß für Intelligenz“. Mit der industriellen Revolution sei zwar die Umwelt des Menschen zunehmend von Wissenschaft dominiert worden, was das analytische Denken angeregt habe. Analytische Fähigkeiten seien aber nur bedingt zur eigentlichen Intelligenz zu zählen, der Flynn-Effekt aber allein dieser Ursache geschuldet gewesen, sagt er der Website sputniknews.com: „Das würde im Umkehrschluss bedeuten, dass es in einhundert Jahren bereits 30 Punkte gewesen sind. Und das würde wiederum heißen, dass der durchschnittliche Mensch im 19. Jahrhundert im Vergleich zum durchschnittlichen Menschen aus dem Jahr 2000 geistig behindert gewesen war, was offensichtlich nicht stimmt.“

„Intelligenz ist zu 80 Prozent vererbbar“

Allerdings unterscheidet sich Duttons Erklärung fundamental vom akademischen Mainstream. So kamen Bratsberg und Rogeberg zu dem Ergebnis, dass der Grund für den Intelligenz-Abstieg primär im modernen Lebensstil läge. Da auch bei Geschwistern in Norwegen der IQ ab dem Geburtsjahrgang 1975 herunterging, bedeute dies, „dass nicht die Gene, sondern irgendein Umwelteinfluss die Intelligenz beeinflusst haben muss. Und zwar abhängig davon, in welchem Jahr die Kinder geboren wurden. Es geht nicht um Gene – sonst gäbe es keine Unterschiede zwischen Kindern, die die gleichen Eltern haben“, so die Norweger im DLF. Als Ursachen vermuten sie eine veränderte Mediennutzung, aber auch die Ernährung mit viel ungesundem Fastfood. Auch Umweltfaktoren sollen eine Rolle spielen. Unter besonderem Verdacht stehen dabei Umwelthormone, die in hormonelle Abläufe im Körper eingreifen, die auch kognitive Fähigkeiten betreffen.

Dutton dagegen beschreibt genetische Gründe, für ihn gilt: „Intelligenz ist zu 80 Prozent vererbbar.“ In der Praxis habe früher eine starke natürliche Auslese intelligente Menschen begünstigt: Wer intelligenter war, wurde innerhalb einer Gesellschaft wohlhabender, und wer wohlhabender war, pflanzte sich erfolgreicher fort. Der Prozentanteil der Menschen, die eine genetische Veranlagung für eine hohe Intelligenz mitbringen, sei in den vergangenen Generationen aber gesunken: „Bis zur industriellen Revolution hatten in jeder Generation die 50 reicheren Prozent der Bevölkerung 40 Prozent mehr überlebende Kinder als die ärmeren 50 Prozent. Das bedeutet, dass in jeder Generation die Intelligenz anstieg. Das ging so vom Mittelalter bis etwa 1800. Um 1800 war die Intelligenz dann so hoch, dass es diesen massiven Durchbruch gab mit den vielen Erfindungen, die industrielle Revolution eben“.

Damit änderte sich jedoch die Situation der Menschen: „Es kamen Dinge wie Impfungen auf und senkten die Kindersterblichkeit immer weiter“, erklärt Dutton. Außerdem wurden Verhütungsmittel entwickelt, und da gelte: „Menschen, die intelligenter sind, neigen dazu, mehr Verhütungsmittel einzusetzen, weil sie weiter vorausdenken und weniger impulsiv handeln. Sie können besser planen. Während also bei armen Familien immer mehr Kinder überlebten, produzierten die wohlhabenden Familien immer weniger Nachkommen.“ Diese Tendenz sei noch durch den Feminismus verstärkt worden: Intelligentere Frauen hätten damit immer mehr Zeit für Bildung aufgewendet und dadurch weniger bis gar keine Kinder produziert – eine Erklärung, die auch andere Experten vertreten. Lässt da etwa Sarrazin grüßen? Der Liedermacher Manfred Maurenbrecher kehrte die Relation drastisch, aber durchaus treffend in seinem Hit „Dumm fickt gut“ auf dem Album „Glück“ (2007) um.

Intelligenz und Gegenüber. Quelle: https://lolin.files.wordpress.com/2007/06/garfield_intelligenz.jpg?w=450

Intelligenz und Gegenüber. Quelle: https://lolin.files.wordpress.com/2007/06/garfield_intelligenz.jpg?w=450

Und auch die Religionen hätten ihre Rolle gespielt, mit ihrer Aufforderung: „Seid fruchtbar und mehret euch“. Infolgedessen würden religiöse Familien tendenziell mehr Kinder in die Welt setzen: Laut Dutton geht Religiosität mit einer niedrigen Intelligenz einher. Der Flynn-Effekt, der nur die umweltbedingten Aspekte des Denkens betreffe und nicht seine vererbbare Seite, habe also in den 90er Jahren seine natürliche Grenze erreicht und sich seitdem ins Negative gekehrt.

„Wir werden also definitiv weniger intelligent“

Welche intellektuellen Fähigkeiten im Laufe der Zeit gefallen sind, weiß Dutton auch: In Sachen Reaktionszeit schneiden die Menschen immer schlechter ab. Bereits im Winter 2013 ergab eine multinationale europäische Studie, dass sich die Reaktionszeit moderner Menschen, die als ein Indiz für den IQ (weil ein Teilaspekt einer höheren Intelligenz) gilt, im Vergleich zum Viktorianischen Zeitalter erhöht hat. Im späten 19. Jahrhundert betrug diese Reaktionszeit auf einen bestimmten Reiz durchschnittlich 194 Millisekunden, im Jahr 2004 dagegen schon 275 Millisekunden. Auch das Vermögen, Farben zu unterscheiden, verschlechtere sich. Zahlenreihen werden schlechter wiedergegeben. Und die Kreativität baut ab. „Und alle diese Veränderungen können wir über hundert Jahre in die Vergangenheit zurückverfolgen. Wir werden also definitiv weniger intelligent – und das aus genetischen Gründen“.

Damit reiht sich Dutton in eine geschichtspessimistische Tradition ein, die Oswald Spengler in seinem Opus magnum „Der Untergang des Abendlandes“ zu ihrer deutschen Blüte führte. Für Spengler erstarrt am Ende der Zivilisation jede Kultur, nähme eine versteinerte Gestalt an und gleite ab in einen nur noch interessensgeleiteten Vernunftgebrauch. Spengler weissagte auch, dass Wissenschaft und Technik nur solange aufrecht erhalten, weiterentwickelt und von Nutzen sein würden, solange es Menschen gibt, die ihre Funktionsweise verstehen. Nimmt deren Zahl allmählich ab – wie es die von ihm prophezeite Kinderlosigkeit zwangsläufig mit sich bringen wird, weil „die bis zum äußersten gesteigerte Intelligenz keine Gründe für ihr Vorhandensein mehr findet“ – so wird auch die von ihnen aufrechterhaltene Technik bald verschwunden sein.

Pikant: Für eine Arte-Dokumentation, die am 7.11.2017 gesendet und den genetischen Erklärungsansatz verfolgen sollte, wurde auch Dutton interviewt – und fiel der redaktionellen Schere zum Opfer. „Ich weiß nicht, ob sie Angst hatten, meine Erklärung zu präsentieren“, kommentiert er Monate danach. Ähnliche Erfahrungen habe er schon mit Gutachtern seiner wissenschaftlichen Arbeiten gemacht, die ihn in die Nähe von Eugenik rücken wollten. In einem Fall habe gar der Verleger auf die Bremse gedrückt, „weil die Leser das nicht mögen würden“.

Duttons einfache Erklärung: Dass wir alles „zum Guten wenden können“, stimme bei Umwelteinflüssen, bei genetischen Ursachen dagegen wäre eine Korrektur „so monströs und schrecklich, dass niemand das ernsthaft in Erwägung ziehen würde“. Denn der einzige Weg, den Intelligenz-Abbau aufzuhalten, wäre, weniger intelligenten Menschen zu verbieten, sich fortzupflanzen. Solche Forderungen stellt Dutton als Wissenschaftler, dem es darum geht, die wirklichen Ursachen für einen Prozess darzustellen – egal wie unbequem sie sind – natürlich nicht. Wie man diesen Prozess aufhalten könne, sei eine andere Frage, die Dutton im Stile Spenglers sehr defätistisch beantwortet: „Es gibt nichts, was wir in dieser Sache ändern können.“

Die Meldung schaffte es im Juni in alle Medien: Der Onlinehändler Amazon vernichtet massenhaft Retouren und neuwertige Produkte, berichteten das ZDF-Magazin „Frontal 21“ und die „WirtschaftsWoche“. Eine anonyme Amazon-Mitarbeiterin sagte, dass sie jeden Tag Waren im Wert von 23.000 € vernichtet habe: Kühlschränke, Wasch- und Spülmaschinen, Handys, Tablets, Matratzen und Möbel. Kollegen der Frau hätten die Aussage bestätigt; dabei gehe es nicht nur um unbrauchbare, sondern auch funktionstüchtige, teilweise sogar neue Produkte.

Das Unternehmen bestritt die Praxis nicht: „Wenn Produkte nicht verkauft, weiterverkauft oder gespendet werden können, arbeiten wir mit Aufkäufern von Restbeständen zusammen, die diese Waren weiterverwenden.“ Deutschlands größter Onlinehändler bietet daneben externen Anbietern, die den Logistikservice „Versand durch Amazon“ nutzen, die Möglichkeit, unverkaufte oder umgetauschte Ware zu vernichten: „Sie können Ihren Lagerbestand auf Wunsch von uns entsorgen lassen“, heißt es in einer Angebotsübersicht. Nach internen Dokumenten wird der Service offenbar rege genutzt.

Warenvernichtung. Quelle: eigene Darstellung

Warenvernichtung. Quelle: eigene Darstellung

Die Empörung ließ nicht lange auf sich warten. Jochen Flasbarth, Staatssekretär im Bundesumweltministerium, fordert Amazon in harschen Worten auf, die Vorwürfe aufzuklären: „Das ist ein riesengroßer Skandal, denn wir verbrauchen auf diese Weise Ressourcen mit allen Problemen auf der ganzen Welt. Ich bin überzeugt, dass viele Verbraucher von einem solchen Verhalten schockiert sind und es auch nicht akzeptieren werden“. Ex-Umweltminister Klaus Töpfer (CDU) nennt die Praxis „unverantwortlich“. Gar „ein gesetzliches Verschwendungs- und Vernichtungsverbot für neuwertige und gebrauchsfähige Ware“, forderte die Greenpeace-Konsumexpertin Kirsten Brodde.

Tage danach wurden weitere Unternehmen identifiziert, die Waren vernichten: Modegrößen wie Zalando, Otto, H&M, Burberry… von Lebensmittelhändlern ganz zu schweigen, die abgelaufene Produkte nicht mehr verkaufen dürfen. Abgesehen davon, dass 2017 eine Luxusmarke wie Burberry Mode- und Kosmetik-Produkte im Wert von etwa 32,5 Millionen Euro verbrannte, um exklusiv zu bleiben (hier wäre Flasbarths Kritik berechtigt), wird dabei übersehen: Händler vernichten nicht aus Spaß an der Freud, sondern wenn es keine andere Option mehr gibt. Wenn das Produkt nicht mehr verkaufsfähig ist, wenn ein benutztes Produkt nicht mehr rabattiert verkauft werden kann – und wenn Restpostenaufkäufer und Endkunden auch bei einem Schnäppchen nicht mehr zugreifen wollen. Das hat neben Platz- auch etwas mit Steuergründen zu tun, also mit der Gesetzgebung und natürlich auch mit Ökonomie. Die Empörung sei nicht nur populistisch und naiv, sondern gar „heuchlerisch, verlogen und entbehrt größtenteils einer sinnvollen Grundlage“, kommentiert Jochen G. Fuchs auf t3n.de.

Rücksendungen und Abschreibungen

Denn die angeprangerte Ressourcen-Verschwendung entsteht durch eine Konsumgesellschaft, deren Ansprüche an die Produkt-Qualität schneller gestiegen sind – und teilweise auch normiert wurden – als die Produkte, oft außerhalb Deutschlands, produziert werden. Wirtschaftlichkeit steht dabei als oberster Grundsatz. Viele Retouren sind Artikel, deren Reparatur und/oder Wiederaufbereitung mehr kostet als die Herstellung. Das geschieht meist auf Anweisung des Herstellers, dessen Vereinbarung mit dem Händler vorsieht, dass defekte Geräte nicht zurückgeschickt, sondern vernichtet werden sollen. Dann erhält der Händler eine Gutschrift über den Einkaufspreis des vernichteten Gerätes. Wenn Instandsetzung, Rückversand und Fehlerprüfung zusammengenommen teurer wären als der einfache Austausch eines Gerätes, wählt der Hersteller oft diesen Weg.

In der durchschnittlichen Service-Datenbank eines Händlers mit Elektrogeräten, schätzt Fuchs, sei mindestens ein hoher zweistelliger Prozentsatz solcher Vereinbarungen zu finden: Wenn etwa für den Onlinehändler die Reinigung, Prüfung und Verpackung des Artikels bereits mehr Kosten verursachen würden als der erneute Verkauf einbrächte. Wenn aber allein Rücksendung und Wiederaufbereitung eines Artikels schon hohe Kosten verursachen, wird auch hier ein Händler seine Kunden eher um Entsorgung bitten und Ersatz oder Erstattung anbieten.

Andere Produkte sind nicht mehr benutzbare Hygieneartikel sowie Lagerüberhänge warenwirtschaftlich unbewegter Artikel, deren Lagerplatz das Unternehmen jährlich Unsummen kosten würde. Die beiden größten Gruppen von Waren, deren Vernichtung branchenabhängig aber stark schwankt, sind zum einen klassische Retouren („Rücksendungen“) und zum anderen vollständige Abschreibungen.

Bei den Rücksendungen praktiziert das Online-Modehaus Zalando, das 100 Tage Rückgaberecht bietet, branchenunübliche Transparenz. Das Berliner Unternehmen hat 300.000 Artikel von 2000 verschiedenen Marken im Sortiment und verschickte 2017 über 90 Millionen Sendungen in 15 europäische Länder. Bekleidung und Schuhe werden besonders häufig zurückgesandt:  „Über alle Märkte liegt die Retourenquote bei durchschnittlich 50 Prozent“, sagt eine Sprecherin dem Stern – die Retourenquote im Modebusiness ist höher als bei anderen Produkten. Der Großteil kommt unbeschädigt zurück und wird wieder verkauft. Leicht beschädigte Ware wird billiger abgegeben, manches gespendet. „Zalando vernichtet Waren nur in Ausnahmefällen, z.B. wenn dies aus gesundheitlichen Gründen – Schädlingsbefall, Schadstoffbelastung oder ähnliches -notwendig ist. Dies betrifft etwa 0,05 Prozent aller Artikel“, so die Sprecherin.

Zalando. Quelle: https://www.ksta.de/image/1703444/2x1/940/470/1e6371be6333f551850209b5cc1f2f30/JK/130301-docdata-g-jpg.jpg

Zalando. Quelle: https://www.ksta.de/image/1703444/2x1/940/470/1e6371be6333f551850209b5cc1f2f30/JK/130301-docdata-g-jpg.jpg

Amazon und Otto nennen keine Zahlen, betonen aber, dass retournierte Ware nur in Ausnahmefällen vernichtet werde. „Alle Waren werden in so genannten Retourenbetrieben sorgfältig geprüft. Die ganz große Mehrheit der Waren kann sofort wieder zum Verkauf gestellt werden“, teilte Otto dem Stern mit. „Ein kleiner Teil der Waren muss optisch aufbereitet werden - zum Beispiel Entfernen von Fingerspuren an TV-Bildschirmen - und wird dann ebenfalls zum Verkauf gestellt.“ Ein „ganz geringer Prozentteil“ der Retouren könne nicht mehr in einen neuwertigen Zustand versetzt werden, erklärt Otto, das ebenso wie Amazon derlei beschädigte Ware an Verwertungsfirmen verkauft, die die Ware dann auf eigene Rechnung weiter vertreiben. Amazon hat nach Unternehmensangaben mehrere Programme, um die Zahl der entsorgten Produkte zu reduzieren. Dazu gehören der verbilligte Verkauf von Retouren („Warehouse-Deals“), Produktspenden an gemeinnützige Organisationen, Recycling oder die Veräußerung an Aufkäufer: „absolut vorbildlich“, urteilt Stefan Grimm, Geschäftsführer der Schnäppchenplattform „restposten.de“, in einem Interview mit Internet World Business.

mehrere Millionen Artikel entsorgt

Mangels verlässlicher Daten bleibt dennoch unklar, wie viel beschädigte oder retournierte Ware tatsächlich entsorgt wird. Nach Zahlen des Versandhandel-Fachverbands bevh verschickten die deutschen Online-Händler im vergangenen Jahr Waren für 58 Milliarden Euro. Die Zahl der Kurier-, Express- und Paketsendungen im Jahr 2015 schätzte die Unternehmensberatung MRU in einer Studie für die Bundesnetzagentur auf 2,8 Milliarden.

Die Arbeitsgruppe Retourenforschung an der Universität Bamberg ging für das Jahr 2013 von 250 Millionen Retouren aus, eine neuere Schätzung gibt es noch nicht. Da der Online-Handel in den vergangenen fünf Jahren stark zugelegt hat, ist auch mit einer zunehmenden Zahl der Rücksendungen zu rechnen, so Björn Asdecker, einer der Bamberger Retourenforscher, im Stern. Legt man die von Zalando angegebene sehr niedrige Entsorgungsquote von 0,05 Prozent als Schätzbasis für die Branche zugrunde, würde das europaweit die Entsorgung mehrerer Millionen Artikel jährlich bedeuten.

Doch damit sticht der Online-Handel rein mengenmäßig keineswegs hervor, eher im Gegenteil. Die Umweltorganisation WWF schätzte 2017, dass allein in Deutschland jedes Jahr 18 Millionen Tonnen Lebensmittel im Müll landen. Produkte mit abgelaufenem Mindesthaltbarkeitsdatum bilden nur eine Teilmenge – die meisten Verbraucher wissen, dass „mindestens haltbar bis“ nicht „sofort tödlich ab“ heißt. Im Onlinehandel setzt der Entsorgungsprozess bei diesen Produkten unter anderem aufgrund der Versandlaufzeiten früher ein.

Dabei werden, obwohl noch genießbar, Lebensmittel auf allen Stufen der Kette von Anbau bis Verkauf weggeworfen. Zu große oder zu kleine Kartoffeln werden ebenso entsorgt wie krumme Karotten, weil der Verbraucher sie nicht so gut schälen kann, oder krumme Gurken, weil sich die geraden leichter verpacken lassen. Auch für andere Obst- und Gemüsesorten gelten die Vermarktungsnormen der EU, die ästhetische Kriterien wie Größe und Form festlegen.

MHD von Lebensmitteln. Quelle: https://static.lusini.de/data/_Infografiken/speisenhaltbarkeit/embed%20code/lusini-infografik_haltbarkeit.png

MHD von Lebensmitteln. Quelle: https://static.lusini.de/data/_Infografiken/speisenhaltbarkeit/embed%20code/lusini-infografik_haltbarkeit.png

In besonders großen Mengen werden Brot und andere Backwaren weggeworfen, denn hier erwartet der Kunde bis abends das volle Sortiment. Manche Supermarktketten schreiben den Pächtern der Backstuben deshalb vor, wie viele verschiedene Brote und Brötchen sie bis zum Ladenschluss vorrätig halten müssen. Rund zehn Prozent der Tagesproduktion werfen Bäckereien deshalb im Schnitt weg, fand Felicitas Schneider für Österreich heraus. In Deutschland sind es jedes Jahr etwa 500 000 Tonnen Brot – eine Menge, mit der ganz Niedersachsen versorgt werden könnte.

Ursachen entlang der gesamten Wertschöpfungskette

Bei den vollständigen Abschreibungen nun sind die Ursachen vielfältig und lassen sich entlang der gesamten Wertschöpfungskette beobachten, erklärt die Geschäftsführerin des Sachspenden-Start-ups „Innatura“, Juliane Kronen, im Spiegel.

„Es sind falsch abgefüllte oder fehlerhaft beschriftete Produkte, Marktforschungsmuster, Waren mit Farbabweichungen und Webfehlern oder Reste von Sortimentswechseln, Saison- und Aktionsangebote oder einfach Übermengen. Eine andere Quelle sind sogenannte Relaunches: Wenn ein Markenhersteller seinen Schriftzug leicht ändert, holt er zu einem Stichtag alle Artikel mit der alten Aufmachung aus den Regalen.“

Ein weiteres Problem seien defekte Umverpackungen, erklärt Kronen an einem Beispiel: „Ein Lagerist fährt mit seinem Gabelstapler aus Versehen gegen eine mit Schrumpffolie umwickelte Palette Windeln. Die Ware bleibt unbeschädigt – trotzdem nimmt der Handel die Palette nicht an. Er müsste sie nämlich prüfen und rügen – und dazu ist er in den standardisierten Prozessen, die wir heute haben, nicht mehr in der Lage.“ Jedes Jahr würden hierzulande Konsumgüter im Wert von mehr als zwei Milliarden Euro vernichtet, schätzt sie. Und das in einem Land, in dem laut Armutsbericht der Bundesregierung mehr als zwölf Millionen Menschen von Armut bedroht, drei Millionen arbeitslos und etwa 300 000 obdachlos sind.

Diesen unhaltbaren Zustand erkannte 1996 in England schon Prinz Charles und gründete das Unternehmen „In Kind Direct“. Es sammelt überschüssige Ware bei mehr als 900 Händlern und Herstellern ein und verteilt sie nach Bestellung gegen eine Vermittlungsgebühr an rund 7000 wohltätige und/oder gemeinnützige Organisationen. Diese Idee adaptierte 2013 Juliane Kronen mit „Innatura“ für Deutschland. Inzwischen sind bei ihr mehr als 70 Spenderunternehmen gelistet, von denen in den ersten fünf Jahren Produkte im Wert von 15 Millionen Euro vermittelt wurden. Darunter sind Branchenriesen wie Beiersdorf mit Marken wie Nivea und Hansaplast. Dem Geschäftsmodell steht allerdings ein großes Hindernis entgegen: das Finanzamt.

Denn Sachspenden an gemeinnützige Organisationen unterliegen der Umsatzsteuer, weshalb die Vernichtung neuwertiger Waren für Unternehmen in vielen Fällen billiger ist als sie zu spenden – eine unentgeltliche Wertabgabe, und das ist eine Sachspende, wird steuerlich behandelt wie ein Verkauf. Das bedeutet: Steuerrechtlich steigert eine Spende den Unternehmensertrag. Für die Ertragsteuer spielt das keine Rolle, da durch die Spendenquittung der Umsatz um denselben Betrag reduziert wird. Anders bei der Umsatzsteuer. „Zwar erhält das spendende Unternehmen eine Spendenquittung in Höhe des Warenwertes zuzüglich Umsatzsteuer. Die Umsatzsteuer kann das Unternehmen aber nur anteilig absetzen, es bleibt also auf dem größten Teil sitzen“, erklärt Wolfgang Pfeffer von „vereinsknowhow.de“ Brand eins. Das Argument des Gesetzgebers: Der Unternehmer habe ja die Ware mit Vorsteuerabzug eingekauft.

Innatura. Quelle: https://www.nexteconomyaward.de/wp-content/uploads/2016/07/bild_innatura_1064x598px.png

Innatura. Quelle: https://www.nexteconomyaward.de/wp-content/uploads/2016/07/bild_innatura_1064x598px.png

Im selben Blatt rechnete Kronen vor: Würde ein Unternehmen 80 Tonnen falsch etikettiertes Shampoo im Wert von 160 000 Euro verschenken wollen, würden dafür 19 Prozent Umsatzsteuer fällig, also 30 400 Euro, die das Unternehmen abführen muss. Für die Schenkung erhält das Unternehmen eine Spendenbescheinigung über den Gesamtbetrag, also 190 400 Euro. Doch absetzen lässt sich nur die bezahlte Umsatzsteuer. Der Warenwert fließt nicht in die Berechnung ein. Das bedeutet, bei einem Durchschnittssteuersatz von 30 Prozent kann sich das Unternehmen nur 30 Prozent der bezahlten Umsatzsteuer zurückholen, also 9120 Euro. Auf 21 280 Euro bleibt das Unternehmen sitzen.

Würde das Shampoo vernichtet, kostete das gerade 3200 Euro. Kronens Fazit: „Es ist günstiger, Waren zu vernichten, als sie an Bedürftige zu geben. Bei manchen Produkten ist es sogar sieben- bis achtmal so teuer. Ich kenne Hersteller, die ihre Sachen Woche für Woche in die Müllverbrennung fahren, obwohl wir sie dringend benötigen. Sie sagen: Sorry, solange es mehr kostet, können wir nichts machen. Die Bereitschaft zu spenden ist groß. Aber wenn der Unternehmer selber noch Geld mitbringen muss, ist das ein Problem.“ Beiersdorf bspw., das sich dazu entschlossen hat, zu spenden statt wegzuwerfen, hatte ein internes Budget eingerichtet, aus dem die Steuerschuld beglichen wird, damit die zu entrichtende Umsatzsteuer nicht die Erfolgsrechnungen belastet.

„Spenden nirgendwo in der EU teurer als Wegwerfen“

Ein weiteres Problem ist die korrekte Bewertung der Sachspenden. Laut Umsatzsteuergesetz ist als Bemessungsgrundlage der Wiederbeschaffungswert heranzuziehen. Das heißt, neuwertige Waren können entweder zum Einkaufspreis (zuzüglich Nebenkosten wie etwa Lagerhaltung) oder zu den Herstellungskosten bewertet werden. Noch schwieriger wird es, wenn die Waren gebraucht sind. Denn wie lässt sich da der korrekte Wiederbeschaffungswert ermitteln?

Es geht aber auch anders. „In Großbritannien sind Sachspenden von der Umsatzsteuer befreit“, sagt James William, Strategiechef von In Kind Direct, Brand eins. „Und in den USA kann man für Sachspenden in manchen Fällen sogar den zweifachen Betrag der Herstellungskosten steuerlich geltend machen.“ Das fordert auch Kronen:

„Idealerweise sollte das Spenden nirgendwo in der EU teurer sein als das Wegwerfen. Auf EU-Ebene bekommt man das aber kurzfristig nicht durch. In Deutschland könnte man den Paragraf 3 des Einkommensteuergesetzes ändern und sagen, dass die Umsatzsteuerpflicht bei Abgabe an gemeinnützige Organisationen entfällt.“

Zu einer Ausnahme hat sich Deutschland allerdings doch durchgerungen: Als der sächsische Bäckermeister Roland Ermer altes Brot an die „Tafeln“ verschenkte und daraufhin im Zuge einer Steuerprüfung 2012 vom Finanzamt zu kräftigen Umsatzsteuernachzahlungen verdonnert wurde, hat diese Praxis das Bundesfinanzministerium mit dem sogenannten „Bäckererlass“ gestoppt – der sich aber ausschließlich auf verderbliche Backwaren bezieht. Warum dieser Erlass nicht auf den gesamten gemeinnützigen Sektor ausgedehnt wird – dazu schweigt das Ministerium bislang.

„Wider die Republik der Opfer-Sortierer“: unter diesem Titel hält Ulrich Schacht am 13. August 2005 eine bemerkenswerte Rede anlässlich des sechzigsten Jahrestages der Errichtung des Sowjetischen Speziallagers Nr. 7 Oranienburg-Sachsenhausen. Sein Vorwurf richtete sich gegen die „Opfer-Hierarchisierung“, den Unterschied von Entschädigungen gegenüber Geschädigten aus dem jüdi-schen Volk oder aus der DDR. Es gehe um einen weiteren geistigen Gesundungsprozess dieses Landes, dessen Pathologie

„eher ein Merkmal seiner Funktions-Eliten in Bildung, Politik und Medien ist. Aber vielleicht macht gerade das ja – seiner machtpathologischen Aspekte wegen – die Schwierigkeiten des notwendigen Heilungsprozesses aus. Bis dahin kann deshalb die durch uns zu verabreichende Medizin ebenso notwendig nur bitter sein.“

Diese Medizin verabreichte er gern: als Redakteur, Lyriker, Romancier, Essayist, Reisereporter und auch Herausgeber. Manchmal mit jener Wirkung, die er selbst „Glücksschmerz“ nannte, manchmal aber auch mit ungeahnten Nebenwirkungen. Die Süddeutsche tadelte den Publizisten ob einer „Haltung des ethischen Rigorismus, der jegliches politische und historische Denken negiert“, ja gar „einer Sympathie für totalitäre Gewalt“. Heiner Müller dagegen attestierte dem Lyriker eine „kristalline Melancholie“, die FAZ dem Romancier einen „gewissen Antiamerikanismus“, verbunden mit einem „Zug ins Elitäre, philosophisch Informierte“.

Ulrich Schacht. Quelle: https://www.kulturfalter.de/fileadmin/_processed_/csm_UlrichSchacht_fc_StefanieSchacht_8b60c3973c.jpg

Ulrich Schacht. Quelle: https://www.kulturfalter.de/fileadmin/_processed_/csm_UlrichSchacht_fc_StefanieSchacht_8b60c3973c.jpg

Und laut Ostsee-Zeitung genieße Schacht das leise Entsetzen der Zuhörer, wenn er von Joschka Fischer als einem spricht, der mit „Schaum vorm Maul“ gegen radikalen Kapitalismus gekämpft habe und jetzt „fett darin etabliert“ sei. Es waren wohl die Brüche und Unbehaustheitserfahrungen vor allem seiner eigenen Biographie, die Schachts eigentümlichen inneren Zwang begründeten, so und nicht anders zu sein, zu schreiben, zu provozieren.

„Verleitung zum Landeshochverrat“

Geboren im Jahre Zwo der DDR, traf er erst nach 48 Jahren in Moskau seinen Vater: den russischen Leutnant Wladimir Fedotow, der noch vor der Geburt seines Sohnes aus Wismar strafversetzt wurde an die mongolische Grenze des Landes, aus dem er Anfang 1950 als Besatzungssoldat gekommen war. „Mein Vater existierte in meinem eigenen Raum-Zeit-Verhältnis wie ein Fixstern: unendlich weit entfernt, sichtbar nur mit einem Restlicht“, schrieb er später in der Aufarbeitungsreportage „Vereister Sommer“. Dass die wortlose, innige Umarmung am 4. April 1999 von einer Filmkamera aufgenommen wurde, mag etwas Voyeuristisches, Unangemessenes haben. Für Vater und Sohn bleiben diese Aufnahmen, die der niederländische Regisseur John Albert Jansen zu dem bewegenden Film „Die Schacht-Saga“ verarbeitete, ein bleibendes Dokument des Glücks.

Schachts Geburt selbst geschah im Frauengefängnis Hoheneck im sächsischen Stollberg: seine Mutter war im August 1950 schwanger verhaftet und nach monatelanger Odyssee durch die Gefängnisse der DDR von einem Militär-Tribunal zu zehn Jahren Arbeitslager wegen „Verleitung zum Landeshochverrat“ verurteilt worden. Sie hatte dem Vater ihres Kindes gesagt, man könne ja in den Westen gehen, wenn man in der DDR nicht heiraten dürfe. Ein Freundespaar, das davon erfuhr, war auch ein Denunziantenpaar. Anfangs hatte die Mutter den Vater selbst im Verdacht des Verrats.

ehemaliges Frauengefängnis Hoheneck. Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Hoheneck_(Gef%C3%A4ngnis)#/media/File:Hoheneck-stollberg.jpg

ehemaliges Frauengefängnis Hoheneck. Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Hoheneck_(Gef%C3%A4ngnis)#/media/File:Hoheneck-stollberg.jpg

Der wenige Wochen alte Ulrich wurde dann zu seiner Schwester und seiner Großmutter nach Wismar geschafft, dem „Quellort meines ästhetischen Weltverhältnisses“. Der Tod Stalins brachte 1954 eine Amnestie, so dass die Familie mütterlicherseits wieder vereint war. Von „prägender Harmonie mit drei starken Frauen“ spricht Schacht, der – angeregt durch seine Großmutter – mit 13 einen ersten Text geschrieben hatte. Durch die Erfahrung politischer Verfolgung seiner Eltern sei er „zu einem besonders Wissenden“ geworden, ja früh ein Oppositioneller im SED-Staat gewesen. Nach einer Bäckerlehre und einem Pflegepraktikum in psychiatrischen Anstalten der evangelischen Kirche studierte er 1969 – 1972 Religionspädagogik in Schwerin, später evangelische Theologie in Rostock und Erfurt, arbeitete am Schweriner Staatstheater und schrieb.

Schon seit 1970 beobachtete ihn die Stasi und widmete ihm den Operativen Vorgang „Vereinigung“: nach einer Demonstration in Prag am Grab von Jan Palach wurde er erstmals kurzzeitig inhaftiert. Pallach war ein tschechoslowakischer Student, der sich aus Protest gegen die Niederschlagung des Prager Frühlings und gegen das Diktat der Sowjetunion selbst verbrannte und nach seinem Tod vielfach geehrt wurde. Bereits 1973 machte die DDR Schacht wegen „staatsfeindlicher Hetze“ in Form von Gedichten, Geschichten und Essays den Prozess und verurteilte ihn zu sieben Jahren Haft.

Anfangs in Brandenburg-Görden untergebracht, wurde er 1976 in die Stasi-Haftanstalt Karl-Marx-Stadt (Chemnitz) verlegt und am 17. November als „Freikaufsfall“ in die Bundesrepublik entlassen, wo er sofort der SPD bei– und 1992 wieder austrat. Schacht ließ sich in Hamburg nieder, studierte dort Politikwissenschaften und Philosophie und konnte 1979 auch seine Mutter in der Hansestadt begrüßen. Seit der Verleihung des Andreas-Gryphius-Förderpreises 1981 wurde er regelmäßig mit Preisen und Stipendien geehrt. 1984 begann er als Feuilleton-Redakteur der Welt bzw. der Welt am Sonntag und stieg bis 1998 zum Leitenden Redakteur und Chefreporter Kulturpolitik auf.

Seitdem wohnt und arbeitet er als freischaffender Autor und Publizist in Hamburg und seinem südschwedischen Refugium Förslöv. Geflohen vor dem „Augiasstall“, den die 68er als „Menschen vom gleichen Typus wie die bei der Stasi“ hinterlassen hätten, passe er als Typ „Nordischer Seebär“ durchaus gut dahin, so die MAZ. „Die Generation 68 hat das Land geistig, moralisch und finanzökonomisch in einem Ausmaß ruiniert, das in seiner destruktiven Potenzialität an die bekannten historischen ‚Erfolge‘ des SED-Staats fast heranreicht“, legte Schacht 2005 im Cicero nach.

„Gegen das Vergessen“

Dass er die „Wende“ kritisch sah, liegt auf der Hand. Sprach er anfangs von der „eingreifenden Heilsökonomie Gottes“, fand er später den Vereinigungsprozess „für Leute wie mich nur noch zum Kotzen“. Schacht wurde in der und durch die DDR zu einem eisenharten Verfechter fundamentaler Freiheit, wozu für ihn auch die Freiheit des Suchens und Scheiterns gehört. Besonders deutlich wird das in einem langen Gespräch, das er kurz nach dem Mauerfall mit jenem Richter führte, der ihn für sieben Jahre ins Gefängnis geschickt hatte:

„Als Christ musste ich es ihm abnehmen, dass es ihm Leid tat. Aber als Bürger konnte ich nur hoffen, dass so einer nie wieder politische Macht bekommt.“

Schacht brauchte bis 2017, bis zu seinem Roman „Notre Dame“, um seinem Unbehagen in Form einer glücklosen Liebesgeschichte (!) gültigen ästhetischen Ausdruck zu verleihen. Einer Geschichte, in der Skizzen von Freunden und Gegnern mindestens ebenso viel preisgeben wie Hauptfiguren und Handlung. So im Porträt des früheren Dissidenz-Gefährten Falluhn, Dorfpfarrer, der auch in die Bundesrepublik gegangen war – obwohl er „den Westen zutiefst verachtete, bis in den letzten Joghurt“. Die BRD ist ihm „ein materialistisches Nirwana, das die Menschen nur blendete, ja blöd machte“. Was ihn dennoch wegtrieb, war die Angst, die Bedrückung – die er auch in der weststaatlichen Freiheit nicht los wird.

Cover. Quelle: https://zeichenundzeiten.files.wordpress.com/2017/03/img_-ydrhfc.jpg

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Schacht schrieb nicht nur für Mainstream-Periodika wie Focus, Zeit oder Cicero, sondern auch für die Preußische Allgemeine Zeitung oder die Junge Freiheit und gab mit Heimo Schwilk 1994 und 1997 zwei Essaybände heraus. Im ersten „Die selbstbewusste Nation“ war auch der umstrittene Essay „Anschwellender Bocksgesang“ von Botho Strauß enthalten, der damals als „Avantgarde des Rückschritts“, wie Thomas Assheuer in der FAZ dekretierte, eine öffentliche Kontroverse auslöste und heute von „brutaler Gegenwärtigkeit“ zeugt, wie Alexander Grau im Cicero befindet.

Ein Jahr später gehörte Schacht mit Schwilk und Rainer Zitelmann zu den Initiatoren des Aufrufs „8. Mai 1945 – Gegen das Vergessen“, mit dem an die Unterdrückung im sowjetisch besetzten Osteuropa nach der Befreiung durch die Alliierten erinnert werden sollte. Auch der zweite Sammelband „Für eine Berliner Republik“ zog Kontroversen nach sich, Schacht wurde im „Handbuch des Deutschen Rechtsextremismus“ prompt als Akteur der „Neuen Rechten“ gesehen. Der Grund: im Erscheinungsjahr kandidierte er auch auf der Liste des als rechtsnational verunglimpften „Bundes freier Bürger“ als Parteiloser für die Hamburger Bürgerschaft.

Diese Einschätzung führte zehn Jahre später, nach seiner unter 90 Kandidaten einstimmig erfolgten Jury-Wahl zum Dresdner Stadtschreiber, zu Kritik seitens der SPD- und der Grünen-Stadtratsfraktion. So beschlich SPD-Stadtrat Wilm Heinrich laut taz ein „mulmiges Gefühl“. Der Dresdner Autor Norbert Weiß sagte als Jurymitglied ebenfalls der taz: „Die Auswahl unter 90 Bewerbern erfolgte nach literarischer Qualität.“ Er bekomme seinerseits ein „mulmiges Gefühl“, wenn der Stadtrat aus politischen Gründen erstmals eine Juryentscheidung für die Stadtschreiberstelle kippen würde. „Das muss die Stadt aushalten!“ Schacht selbst hatte gegenüber den DNN erklärt, die SPD habe sich bei der „Internet-Gestapo“ über ihn informiert, anstatt ihn zu lesen. „Dem generösen Amt des Stadtschreibers wurde aus billiger Political Correctness heraus Schaden zugefügt.“

„Große Maskerade des Bösen“

Seither hatte sich Schacht weiter politisiert: „Rechts und Links sind Stand-Punkte, auf die sich nur noch berufen kann, wer ein schlechtes Gedächtnis hat.“ 2006 unterzeichnete er den „Appell für die Pressefreiheit“ der Jungen Freiheit gegen deren Ausschluss von der Leipziger Buchmesse, 2018 die „Gemeinsame Erklärung“ von Künstlern und Wissenschaftlern gegen eine „Beschädigung Deutschlands“ durch „illegale Masseneinwanderung“. Doch bereits im Jahr zuvor unterschrieb er die „Charta 2017“: darin prangerte anlässlich der Zerstörung der Bestände „rechter“ Verlage auf der Frankfurter Buchmesse die Dresdner Buchhändlerin Susanne Dagen an, „wie unter dem Begriff der Toleranz Intoleranz gelebt, wie zum scheinbaren Schutz der Demokratie die Meinungsfreiheit ausgehöhlt wird“, und geschlussfolgert, dass „unsere Gesellschaft nicht mehr weit von einer Gesinnungsdiktatur entfernt“ sei.

Als das „Literaturhaus Dresden“ diese Charta in einem „Offenen Brief“, unterzeichnet von mehr als 100 Literatur- und Kulturschaffenden, verurteilte, wütete Schacht in der Sächsischen Zeitung gegen die

„intellektuellen Wasserträger in Parteien, Massenmedien, Universitäten und kulturellen Institutionen, die mit dürren Worten Rechtsstaatsnormen verteidigen, aber mit ungleich mehr Vokabeln die so terrorisierten Kritiker der im blockparteilichen Gleichschaltungswahn dahintaumelnden deutschen Merkel-Gesellschaft ins moralische Unrecht zu versetzen suchen, gegen das (fast) alles erlaubt ist.“

Schon zwei Jahre vorher erklärte er in „Grimsey“, einer poetisch-melancholischen Altersnovelle: „Das gedankenlose Mitglauben der jeweils neuesten Wahrheit, wie siegreich auch immer sie sich geben mochte, förderte, wie er überzeugt war, eine geistige Armut, die den Menschen zuletzt nur unglücklich machte“. Gerade seine Prosa, oft wie das Denken des Autors kaskadenhaft verschachtelt, ließ Schacht in den letzten Jahren zu einem Schriftsteller und Chronist reifen, der mit einem Tonfall, der zwischen jovial und schneidend jongliert, in ebenso „klarer wie kunstfertiger Sprache … den Blick öffnet und das Herz dauerhaft hebt“, so Katrin Schumacher im mdr.

Schacht beriet in den letzten Jahren auch die Vierteljahresschrift TUMULT, in deren Winterheft 2015/16 er dazu aufrief, das im Grundgesetz garantierte Bürgerrecht auf Widerstand in Anspruch zu nehmen, sollte der Verfassungsstaat als Schutzgarant des deutschen Volkes und der nationalen Identität versagen. Außerdem schrieb er für die Achse des Guten und warnte mit Blick auf die linksgrün vereinheitlichte Migrationspolitik noch Ende August vor dem dritten deutschen Akt der „großen Maskerade des Bösen“, einer „schauerlichen Staats- und Gesellschaftsvision“, die „bislang eher Objekt musealer Vitrinen zur mahnenden Erinnerung an üble politische Zeiten war“. Aktuell arbeitete er an einer Novelle mit dem Arbeitstitel „Der Gerichtssaal, das Mädchen und die Zeit“, in der es um eine Studentenliebe in einer nordostdeutschen Universitätsstadt gehen sollte – mit einem moralischen Happyend, kündigte er an.

Schacht in Förslöv. Quelle: http://exhibits.btk-fh.de/exhibits/3f058571_1308304420/SchwedenTRIP11.jpg

Schacht in Förslöv. Quelle: http://exhibits.btk-fh.de/exhibits/3f058571_1308304420/SchwedenTRIP11.jpg

Das Happyend muss ausfallen, die Novelle unvollendet bleiben. Am 16. September ist Ulrich Schacht an den Folgen eines Herzinfarkts in Förslöv gestorben, „im Lesesessel sitzend, mit dem Blick aufs Meer“, wie Michael Klonowsky weiß. Er wurde 67 Jahre alt.

Woher wir kommen

Woher wir kommen, bleibt unerschlossen:
Die Daten sind reine Zahl auf Papier.
Am Anfang des Lebens wird Blut vergossen;
am Ende erschrickt ein verwundetes Tier.

Auftauchen Verlöschen: Kometengewitter –
im Raum aller Spiele besiegt uns der Kreis.
Es gibt kein Gestade für jenen Ritter,
von dem unser Herz mit Gewißheit weiß.

Schweigen herrscht zwischen verlorenen Welten:
ihr Kreisen ist grundlose Trunkenheit.
Wann immer wir in unser Leben schnellten,
gewannen wir nichts und verloren die Zeit.

(Aus: „Platon denkt ein Gedicht“. Gedichte. Edition Rugerup, Berlin 2015)

Seine medialen Etikettierungen schwanken zwischen „Genosse Rockstar“ (Welt), „Jonny Cash des Kommunismus“ (New York Times), „singender Cowboy“ (Sächsische Zeitung), „Rock’n‘Roll-Bolschewist“ (Spiegel) oder „Elvis des Ostens“ (n-tv): Dean Reed – neben dem Folksänger Perry Friedman und dem Publizisten Victor Grossman der dritte prominente „Ami“ in der DDR. Er spielte in 20 Filmen mit, produzierte 13 Platten und gab Konzerte in 32 Ländern. Wer war dieser umtriebige Frauenheld, der einen einsamen Tod im Zeuthener See sterben musste?

Reed mit Allende. Quelle: https://www.goethe.de/resources/files/jpg574/dean-reed-con-allende.jpg

Reed mit Allende. Quelle: https://www.goethe.de/resources/files/jpg574/dean-reed-con-allende.jpg

Der Sohn eines erzkonservativen High-School-Lehrers, der 1938 auf einer Hühnerfarm in Wheat Ridge, einem Vorort von Denver am Fuße der Rocky Mountains, zur Welt gekommen war, bekommt mit zwölf Jahren seine erste Gitarre und bessert als Sänger und Rodeo-Reiter sein Taschengeld auf. Vater Reed hielt Popmusik für eine „internationale kommunistische Verschwörung“, sein Sohn erkor sie nach abgebrochenem Meteorologiestudium zum Beruf. Zuvor versuchte er sein Glück in Hollywood. Die Warner-Studios schickten ihn auf die „School Of Stars“ und ließen ihn in Seifenopern spielen.

1959 schaffte es sein süßlicher Sommerhit „Our Summer Romance“ bis auf Platz 2 der Charts eines Regionalsenders in Colorado. Bald wurden seine Schnulzen auch in Südamerika gespielt, wo ihn die Fans schon 1960 zum beliebtesten Popstar des Kontinents wählten – vor Elvis Presley, Paul Anka und Ray Charles. In Chile wurde er hysterischer als jeder andere Star begrüßt, die Ankunft in Santiago de Chile wurde live im Radio übertragen. Hier sang er für die Reichen in den Nachtclubs und, umsonst, für die Armen in Stadien und Elendsvierteln. Die Freiheitsbewegungen in den Ländern Südamerikas prägen ihn politisch. Als er sich 1962 zur Fußball-WM mit dem Sowjettorwart Lew Jaschin verbrüderte, wurde Reed erstmals bei der CIA aktenkundig. Er protestiert gegen das Wettrüsten in den USA ebenso wie er den amerikanischen Vietnamkrieg verurteilt.

Reed in den 60ern in der UdSSR. Quelle: http://weaponews.com/images/2017/04/28/8b31222a5feb42b9173c2cb883a5d6ff.jpg

Reed in den 60ern in der UdSSR. Quelle: http://weaponews.com/images/2017/04/28/8b31222a5feb42b9173c2cb883a5d6ff.jpg

Ab 1965 hatte er seine eigene „Dean-Reed-Show“ im argentinischen Fernsehen. Das Land schickte ihn im selben Jahr zum Weltfriedenskongress in Helsinki, wo seine Schlichtung eines Podiumsstreits zwischen der russischen Kosmonautin Valentina Tereschkowa, dem Dichter Pablo Neruda und Pfarrer Martin Niemöller legendär wurde: Er erhob sich, stimmte „We Shall Overcome“ an, der Kongress fiel glücklich ein. Anschließend begab er sich auf Tournee in die Sowjetunion. Die Argentinier schickten ihn danach als Russenfreund zurück in seine US-Heimat.

Im Oktober 1966 startete Reed in der Sowjetunion eine neue Karriere, nahm Platten auf, tourte durch die russischen Republiken sowie die Mongolei und wurde dortselbst neben Präsident Gerald Ford und Außenminister Henry Kissinger zum bekanntesten Amerikaner. Im Jahr darauf zog er mit seiner Frau Patricia nach Rom, eine Tochter kommt zur Welt. Bis 1973 spielte er in der Cinecittà in zwölf Filmen mit, vor allem in Italowestern, u.a. an der Seite von Yul Brunner. Und sein politisches Engagement setzte er auch fort: 1970 unterstützte er mit Konzerten in Chile den Wahlkampf der „Unidad Popular“ Salvador Allendes, der im September 1973 als Präsident entmachtet und ebenso erschossen wurde wie Folksänger Victor Jara, der Leiter der Künstlerabteilung der Kommunistischen Partei Chiles, der ihn sehr beeinflusste – als IM Victor spitzelte Reed übrigens später für die Stasi.

Read mit Brunner. Quelle: http://onceuponatimeinawestern.com/wp-content/uploads/2013/03/Ballantine-and-Sabata.jpg

Read mit Brunner. Quelle: http://onceuponatimeinawestern.com/wp-content/uploads/2013/03/Ballantine-and-Sabata.jpg

„best looking man of the world”

Im Herbst 1971 bekommt sein Leben eine neue Wendung. Reed ist zur Leipziger Dokumentar- und Kurzfilmwoche eingeladen, um einen Film über Chile zu zeigen, den er mitproduziert hatte. Im Publikum sitzt die junge grünäugige Lehrerin Wiebke Dorndeck. Beim Abschlussempfang prostete sie ihm nach dem zweiten Wodka zu: „You are the best looking man of the world“. Am Ende soll der große und schlanke, charmante und blendend aussehende Mann mit den blauen Augen sie gefragt haben: „Wollen wir von hier fliehen?“ Sie trennt sich von ihrem Mann und setzt die Pille ab; Reed verlässt Patricia und zieht 1972 in die DDR. 1973 Heirat und Abtreibung, 1976 dann doch die Geburt einer Tochter.

Das Land hieß ihn herzlich willkommen. Von einem beiderseitigen Missverständnis schreibt Michael Pilz in der Welt: „Während ihn die DDR für einen Weltstar hielt, hielt er die DDR für eine Keimzelle der Weltrevolution.“ „Die haben sich gegenseitig gebraucht und genutzt. Dean Reeds Bekenntnis zur  DDR war ja gleichzeitig auch ein Bekenntnis zur Inszenierung“, erzählt im MDR Leopold Grün, dessen Dokumentarfilm „Der Rote Elvis“ 2007 Premiere feierte. „Er hat sich einfach dorthin begeben, wo er mit offenen Armen empfangen wurde, wo er plötzlich neue Arbeitsfelder für sich gesehen hat. Das haben ihm ja auch viele vorgeworfen: Angela Davis hat ihn aufgefordert, lieber die kommunistische Partei in den USA zu unterstützen als im Osten rumzutanzen.“ Manche sprachen von Feigheit.

Reeds Hochzeit. Quelle: https://www.superillu.de/sites/default/files/styles/article_full_large/public/2017-05/suib20080520082_layout.jpg?h=715cb34a&itok=nlU6UCsp

Reeds Hochzeit. Quelle: https://www.superillu.de/sites/default/files/styles/article_full_large/public/2017-05/suib20080520082_layout.jpg?h=715cb34a&itok=nlU6UCsp

Innerhalb von sechs Jahren drehte Reed in der DDR fünf Filme, darunter „Aus dem Leben eines Taugenichts“ nach Joseph von Eichendorff, „Kit & Co.“ nach Jack London sowie „El Cantor“, eine Verfilmung des Lebens von Víctor Jara. Der „Mann aus Colorado“, wie seine ab 1977 ausgestrahlte DDR-Fernsehshow hieß, gibt zwei Jahre zuvor im DEFA-Streifen „Blutsbrüder“, für das er selbst das Drehbuch schreibt, an der Seite von DDR-Rothaut Gojko Mitic einen geläuterten US-Kavalleristen, der nach einem Massaker an Indianern erst die US-Standarte zerbricht und sich dann den Cheyenne anschließt. Der Film ist sein endgültiger Durchbruch in der DDR.

Zugleich gastiert er im Ostblock vor bis zu 70 000 Zuschauern und bringt mit seiner Ausstrahlung, die an den jungen Kennedy erinnert, ein bisschen Glanz der großen weiten Welt ins dröge Einerlei des sozialistischen Alltags. „Ich bin Marxist, was auch immer ich singe“, hat Reed später bekannt. „Und ich wirke überzeugender als Marxist, je besser ich als Showman bin.“ Von den Sowjets bekommt Reed als erster Ausländer den Lenin-Preis für Kunst und Literatur, eine von vielen Ehrungen. In der DDR erscheint eine offizielle Biografie, im vorpommerschen Pasewalk wird ein Bäckereikombinat nach ihm benannt, und sein Konterfei mit Gitarre zierte das Etikett für eine massenindustriell produzierte „Rum-Cola“ aus dem Getränkewerk Dessau.

„narzisstischer Salon-Bolschewik“

Obwohl Reed inzwischen Mieter eines Wassergrundstücks mit Haus und Motorboot in Rauchfangswerder wurde, einem Ortsteil von Berlin-Schmöckwitz, hielt ihn das nicht von exzessiven politischen Reisen ab, auf denen er, der seinen US-Pass nie abgab, seine Popularität in ideologische Dienste stellte. Bilder aus dem Libanon zeigen ihn mit Arafat, Gitarre und Kalaschnikow. 1978 erschien er plötzlich zu einem Solidaritätsauftritt für Farmer in Minnesota und wird festgenommen. Per Hungerstreik bringt er die Berichterstattung in Gang, Prominente wie Joan Baez und Pete Seeger appellieren an US-Präsident Jimmy Carter einzugreifen. Als Reed nach elf Tagen freikommt, ist er für Millionen Fans im ganzen Ostblock nicht mehr nur einfach ein Star, sondern ein Held.

Blutsbrüder (Szene). Quelle: https://www.superillu.de/sites/default/files/styles/full_width_large/public/2017-05/suib20060620004.jpg?itok=0mL_2ueI

Blutsbrüder (Szene). Quelle: https://www.superillu.de/sites/default/files/styles/full_width_large/public/2017-05/suib20060620004.jpg?itok=0mL_2ueI

Doch dieser Gefängnistourismus markiert den Anfang vom Ende: „Da stilisierte sich ein Sänger zum politischen Gefangenen, während man in der DDR sehr schnell vom Sänger zum politischen Gefangenen werden konnte“, bemerkt Pilz gallig, zumal Reed zwei Jahre zuvor die Unterschrift unter die Künstlerresolution für den ausgebürgerten Wolf Biermann verweigert hatte. Und als die Ostdeutschen vielfach Ausreiseanträge zu stellen begannen, wird der US-Bürger mit Wohnsitz Ost-Berlin zu einem seltsamen Anachronismus. „Viele empfanden ihn inzwischen als lächerlichen Anpasser und narzisstischen Salon-Bolschewiken“, der ausgiebig seine Reisefreiheit nutzte und zugleich die Mauer verteidigte, glaubt sein Biograph Stefan Ernsting. „Er wurde zum Opfer seiner eigenen Inszenierung“.

Zudem scheitert die Ehe mit Wiebke: „Er erklärte, dass er diese Trennung für seine Selbstverwirklichung brauche, und hat mich mit meiner Tochter vor die Tür gesetzt. Da konnte er knallhart und ohne Gefühl sein. Es wäre ihm egal, ob wir wieder nach Leipzig gingen oder in Berlin eine Bleibe nähmen. Für ihn stand nur fest, dass er das Haus am See behalten würde“, sagte sie 2007 der SuperIllu. Heute führt Wiebke Reed eine erfolgreiche Schauspieleragentur.

Daneben stürzen die Verkaufszahlen von Reeds Platten ab und floppt sein Western-Klamauk „Sing, Cowboy, sing“: In der DEFA wird von einer Blamage gesprochen, die Filmkritik zerreißt die Parodie, Reed selbst spricht von einer „Klamotte“, glaubt sie aber gut gemacht zu haben. Ein weiteres Filmprojekt platzt, innerlich entfremdet er sich von der DDR. 1982 berichteten Mitarbeiter der Stasi, dass Reed beim Streit mit einem Verkehrspolizisten „die DDR mit einem faschistischen Staat verglich und zum Ausdruck brachte, dass er, ebenso wie die 17 Millionen DDR-Bürger, es ‚bis oben hin satt‘ hätte“. Anschließend forderte er den Mann auf, ihn zu verhaften, was „hier ja gang und gäbe“ sei. Reed sang öffentlich Bettina Wegners regimekritisches Lied „Kinder“ und wurde von der SED ermahnt. Er wurde depressiv, begann unter Heimweh zu leiden, telefonierte regelmäßig mit Freunden in den USA.

Im April 1986 hat Reed seinen letzten großen Auftritt: eigentlich als erneute Bekanntmachung seiner Person in den USA geplant, verteidigte er in der CBS-Sendung „60 Minutes“ neuerlich die Berliner Mauer und wirft Ronald Reagan Staatsterrorismus vor. Nach der Sendung, mit der er sich seine Rückkehr in die USA endgültig verbaute, erhält Reed wilde Drohbriefe und wird als Verräter beschimpft. Tagelang habe er sich mit den Briefen in seinem Zimmer eingeschlossen, so Ernsting.

Hochzeit mit Renate Blume. Quelle: http://nd06.jxs.cz/222/914/411454e333_103050068_o2.jpg

Hochzeit mit Renate Blume. Quelle: http://nd06.jxs.cz/222/914/411454e333_103050068_o2.jpg

Vor allem aber macht ihm Renate Blume zu schaffen, mit der er in den 70er Jahren bereits gedreht hatte. Die dunkle, geheimnisvolle Schönheit war fünf Jahre mit dem Erfolgsregisseur Frank Beyer („Spur der Steine“, „Jakob der Lügner“) verheiratet, lebt dann zwei Jahre mit Gojko Mitic zusammen, dem sportlichen „Häuptling vom Dienst“ zahlreicher DDR-Indianer-Filme – und heiratet schließlich 1981, ganz in weiße Plauener Spitze gehüllt, den schillernden Kollegen, dessen Romantik sie beeindruckte.

Fünf Jahre später schreibt Reed mit schlechtem Deutsch in seinem letzten Brief: „Ich habe sie gebeten, mich in Ruhe zu lassen, aber sie hat immer weiter angeschrien, dass ich war nur ein schlechter amerikanischer showman. Sie quält mich und foltert mich seit Jahren, weil sie ist krank. Eifersüchtig auf alle die Leute, die ich liebe oder die mich lieben. Aber besonders meine ehemalige Frau Wiebke und meine Tochter… Sie und Wiebke sollen meine Feinde sein. ich weigere mich jemand zu hassen, die ich einmal als Ehefrau gehabt habe. Ich liebe Renate. Trotz ihrer Krankheit, aber ich kann keinen Weg finden aus von meinen Problem. … Sei nicht böse. Es gibt keinen anderen Weg. Ich wollte bis der Tod uns scheidet mit Renate leben – aber sie hat mich umgebracht – Tag für Tag – und heute mir zu sagen, dass ich zu feige bin, mich umzubringen.“

Mein Tod hat nichts mit Politik zu tun“

Am 13. Juni 1986 verschwindet der Sänger aus seinem Haus, in dem er zusammen mit Blume lebt. Nach zwei Tagen wird Reeds Auto keine zehn Gehminuten vom Haus entfernt an einem Waldweg unweit des Zeuthener Sees gefunden – mit dem 15seitigen Abschiedsbrief, in zittrigen Großbuchstaben verfasst. Wiederum zwei Tage später findet die Wasserschutzpolizei die Leiche. Die Ermittler erfahren, dass der singende Cowboy schon zwei Tage vor seinem Verschwinden versucht hatte, sich die Pulsadern aufzuschneiden. Die Leichenschau bestätigt das später, aber die Schnitte sind nur oberflächlich. Vermutlich hatte ihn der Mut verlassen. Das ergibt sich auch aus seinem Abschiedsbrief. Die Gerichtsmediziner stellen als Todesursache „am ehesten Ertrinken unter toxischer medikamentöser Beeinflussung“ fest. Er hatte eine Überdosis Beruhigungsmittel geschluckt.

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Reed 1985 im DDR-Fernsehen. Quelle: https://www.welt.de/img/kultur/mobile100411865/1491626537-ci23x11-w960/Dean-Reed-DW-Kultur-Berlin-jpg.jpg

Renate Blume, die sich bis zuletzt weigerte, ihn zurück in die USA zu begleiten, und ihm Szenen machte, schweigt bis heute zu den Vorwürfen. Weil die menschliche Tragödie eines Friedenskämpfers wie Dean Reed nicht ins Bild passte, erklärt Honecker persönlich den Selbstmord zur Geheimsache: „…niemand soll davon erfahren, auch nicht Deans Frau, um ihr die Enttäuschung zu ersparen“, zitiert der Tagesspiegel aus einer ungenannten Quelle. Als Todesursache vermelden die DDR-Abendnachrichten einen „tragischen Unglücksfall“, auch in den Traueranzeigen ist von einem „tragischen Unfall“ die Rede. Geglaubt haben das die wenigsten, dafür waren rasch Gerüchte vom Selbstmord und sogar von einem Mordkomplott ausländischer Geheimdienste in der Welt. Der Brief ist übrigens nicht an Blume gerichtet, sondern an seinen „Freund und Genossen“ Eberhard Fensch, der von 1968 bis 1989 im SED-Zentralkomitee für Rundfunk und Fernsehen zuständig war.

Erst 1990 lässt der letzte DDR-Innenminister Peter-Michael Diestel den Fall nochmals untersuchen, das Ergebnis wird nur tröpfchenweise bekannt. Anfang der 90er Jahre tauchen erste Auszüge aus dem Abschiedsbrief in Boulevardblättern auf. Fensch mutmaßt im Tagesspiegel, dass das Schreiben aus dem Panzerschrank des Innenministeriums heraus verkauft worden sein muss: „Ich denke, es gibt mindestens zehn Leute, die eine Ablichtung haben“. Deutlich wird, dass Reed bis zuletzt seiner Haltung treu blieb: „Ich bin nicht mit alles einverstanden, aber Sozialismus ist noch nicht erwachsen. Es ist die einzigste Lösung für die Hauptprobleme für die Menschheit der Welt.“ Reed lässt auch Grüße an SED-Chef Erich Honecker ausrichten und betont explizit „Mein Tod hat nichts mit Politik zu tun.“

Reeds Grab. Quelle: http://nd06.jxs.cz/631/813/a4be562330_103050078_o2.jpg

Reeds Grab. Quelle: http://nd06.jxs.cz/631/813/a4be562330_103050078_o2.jpg

Doch obwohl – oder vielleicht weil – ihn im siegreichen Westen niemand wirklich kannte, zieht der „Mann aus Colorado“ auch mehr als dreißig Jahre nach seinem Tod Interesse auf sich – wenngleich heute sogar sein Grab verwaist ist, denn 1991 hat seine Mutter die sterblichen Überreste ihres Sohnes nach Boulder in die USA überführen lassen – „American Rebel“ steht dort auf seinem Grabstein. Im Web pflegt eine aktive Fangemeinde noch immer sein Andenken, Dutzende von Büchern und Dokumentarfilmen haben sich seit 1990 des Falls angenommen. Als Ritterschlag hätte sicher die Verfilmung „Comrade Rockstar“ gelten können, die Hollywoodstar Tom Hanks mit sich in der Hauptrolle drehen wollte. Er hatte Renate Blume die Filmrechte für eine unbekannte Summe abgekauft, 2012 aber das Projekt aus Finanzgründen für eingestellt erklärt. Damit bleibt Reed endgültig verwehrt, das zu werden, was er schon zu Zeiten des Kalten Krieges nie war: ein Weltstar.

Seine Fruchtsorten tragen so klangvolle Namen wie Leikora, Askola oder Habego, und in ihrem Hit „Du hast den Farbfilm vergessen“ hat ihn 1974 sogar Nina Hagen besungen: „Hoch stand der Sanddorn am Strand von Hiddensee …“ Doch um das Ölweidengewächs, das hierzulande noch bis Ende September geerntet wird, steht es schlecht: „Mecklenburg-Vorpommern droht offenbar ein Sanddornsterben”, vermeldete Ende Juni das Landesamt für Lebensmittelsicherheit und Fischerei (LaLLF) Güstrow, das im Sommer 2015 erstmals abgestorbene Sanddornpflanzen beobachtete.

Der Schweriner Agrarminister Till Backhaus (SPD) sagte im Nordkurier: „Am Hochufer von Ahrenshoop sind bereits ganze Bestände tot. In Teilen der Insel Rügen und zwischen Börgerende und Heiligendamm gibt es ebenfalls abgestorbene Sanddornsträucher.“ Auch rings um Warnemünde sowie in den Sanddorn-Plantagen in den Landkreisen Vorpommern-Greifswald und Ludwigslust-Parchim gebe es Pflanzenschäden: „Das ist dramatisch! Wir müssen uns dieses Problems jetzt verstärkt annehmen“, schlug der Minister Alarm.

https://www.gartenjournal.net/wp-content/uploads/Sanddorn-schneiden1.jpg

Küsten-Sanddorn. Quelle: https://www.gartenjournal.net/wp-content/uploads/Sanddorn-schneiden1.jpg

Er ist nicht allein. 90 Prozent der Sanddorn-Pflanzen in der Lübecker Bucht sind abgestorben, erklärt Matthias Braun vom Vorstand des Landschaftspflegevereins Dummersdorfer Ufer in den Lübecker Nachrichten: „Wir beobachten das seit etwa vier Jahren – und jetzt mit sehr großer Sorge“. Damit hat sich das Phänomen, von dem das Kieler Umweltministerium bis Ende Juni 2018 nichts gewusst haben will, auf einer inzwischen mehrere hundert Kilometer langen Küstenlinie ausgedehnt; ob von Ost nach West oder umgekehrt, ist unklar.

„kein Hinweis auf eine Übersäuerung“

Die Gründe liegen im Dunkeln. Braun vermutet einen Befall der Pflanzen mit der Verticillium-Welke, eine Pflanzenkrankheit, die durch Pilze verursacht wird und über den Boden in das Gewächs kommt. Die Blätter bleiben klein, werden gelblich und sterben ab. „Auch nach einem Rückschnitt wächst der Pilz immer weiter ein. Es gibt keine Behandlungsmöglichkeiten, einmal befallene Pflanzen sind nicht mehr zu retten“, so Braun. Sanddornpflanzen hingen unterirdisch über ihre Wurzeln zusammen. „Wenn eine Pflanze vom Pilz betroffen ist, werden andere in der Nähe ebenfalls befallen“, weiß der Biologe.

Bereits vor zwei Jahren hatte der Verein aufgrund von Hinweisen von den ostfriesischen Inseln, auf denen ebenfalls der Sanddorn vertrocknet, auf dem Priwall Bodenproben entnommen und diese untersuchen lassen. „Wir haben allerdings keinen Hinweis auf eine Übersäuerung gefunden“, so Braun. Eine letzte Chance, dass der Sanddorn nicht vollständig ausstirbt, sieht der Experte darin, dass einige Pflanzen gegen den Pilz resistent sind und deshalb für weiteren Wuchs sorgen könnten. „Ansonsten wird es für viele Jahre keinen Sanddorn mehr hier geben.“ Die vertrockneten Büsche und Bäume müssten großflächig entsorgt werden, vor allem wegen der drohenden Brandgefahr.

Der Pflanzenschutzdienst des LaLLF habe inzwischen gleich mehrere Schadpilze identifiziert, die beim Absterben von Sanddorn in anderen Regionen allerdings nicht in Erscheinung getreten seien. Möglich sei das Zusammenwirken mehrerer Ursachen. Neben Phytoplasmen – Bakterien, die sich als Parasiten in Pflanzen ansiedeln – könnten laut der Experten des LaLLF auch klimatische Faktoren eine Rolle spielen. Bei Deutschlands größtem Sanddorn-Anbauer,  der Storchennest GmbH bei Ludwigslust, ging der Ertrag seit dem „Supersommer 2011“ von rund 100 Tonnen um rund die Hälfte zurück, so Geschäftsführerin Silvia Hinrichs im Nordkurier.

Sanddornernte. Quelle: https://www.lr-onli-ne.de/imgs/16/4/8/6/0/3/3/1/tok_37c685936ddc1b61d95a297f10130c0f/w950_h655_x480_y331_20141003239-GVT56AMUP.1-ORG-3807e9f097dc67e9.jpg

Sanddornernte. Quelle: https://www.lr-onli-ne.de/imgs/16/4/8/6/0/3/3/1/tok_37c685936ddc1b61d95a297f10130c0f/w950_h655_x480_y331_20141003239-GVT56AMUP.1-ORG-3807e9f097dc67e9.jpg

Die Ludwigsluster, die sogar eine Sanddornkönigin wählen, hatten Anfang der 80er Jahre eine Pionierrolle inne: auf den sandigen, eher mageren Böden ließ die DDR-Führung Sorten für den kommerziellen Anbau entwickeln und pflanzen. Der Sanddorn stammt ursprünglich aus dem eurasischen Raum, er wächst in Tibet, China und der Mongolei. „Es ist die heimische Obstart mit dem höchsten Wirkstoffgehalt“, so Friedrich Höhne von der LaLLF in der Lausitzer Rundschau. So sei der Vitamin-C-Gehalt siebenmal höher als jener der Zitrone. Das interessierte die DDR-Führung, die von teuren Zitrusfrucht-Importen unabhängig werden wollte.

Zitrone des Nordens

Heute wird vor allem in Mecklenburg-Vorpommern, aber auch Brandenburg und Sachsen-Anhalt, auf rund 600 ha Fläche Sanddorn kultiviert; allein 120 davon entfallen auf das Storchennest. Erlebnis-Bauernhöfe auf Rügen bieten inzwischen sogar Ernteurlaube an. „Wir geben unseren Gästen die Möglichkeit, mehr über die Zitrone des Nordens zu erfahren“, sagt Putgartens Bürgermeister Ernst Heinemann im Nordkurier. Wer wolle, könne sich seinen Sanddornsaft sogar selbst pressen.

2,4 ha des deutschen Anbaugeländes entfallen seit zehn Jahren aber auch auf das Frauengefängnis in Vechta: Gefangene im Offenen Vollzug können hier für ca. 12 €/Tag ihre Arbeitspflicht ableisten. Das Anbaugebiet ist das größte in den alten Bundesländern. Weil im Gefängnis keine Lebensmittel verarbeitet werden dürfen, wird die Ernte ans Storchennest verkauft – und diverse Sanddornprodukte unter der Marke „Justiz-Irrtum“ im JVA-Onlineshop angeboten, darunter ein „Jailhouse-Jam“.

So anspruchslos und robust die Pflanze eigentlich ist, so aufwändig stellt sich die Ernte der Beeren dar. Die tragenden, vielfach bedornten Zweige werden abgeschnitten und in flüssigem Stickstoff bei – 90 Grad Celsius schockgefrostet. So können die Früchte dann von den Zweigen geschlagen, in einer Art Fleischwolf zermust und schließlich zu Saft gepresst werden. Bei derart rabiaten Erntemethoden kann ein Strauch nur alle paar Jahre beerntet werden und muss sich dazwischen erholen. Das macht die Beeren teuer.

Sanddorn-Produkte. Quelle: http://www.sanddorn-storchennest.de/images/index/hochwertige-sanddornprodukte.jpg

Sanddorn-Produkte. Quelle: http://www.sanddorn-storchennest.de/images/index/hochwertige-sanddornprodukte.jpg

Inzwischen kann man aus den Früchten, die eher Nüsse als Beeren sind, weit mehr fabrizieren als nur Sanddornsaft, -torte, -eis oder -marmelade. Mittlerweile haben die kleinen Vitamin-Bomben auch die Supermärkte und Drogerien erobert: als Bonbons, getrocknet in Tees, mit Apfel zu Kompott vermischt, als Körper-Öl oder in Cremes. Denn die Super-Früchte enthalten neben viel Vitamin C auch den Vitamin-B-Komplex, Karotin, wichtige Mineralien und Spurenelemente sowie ungesättigte Fettsäuren. Liebenswerter Nebeneffekt: da nach dem Genuss der Beeren die Lust auf Süßigkeiten, aber auch auf Nikotin und Koffein schwindet, funktionieren sie als natürliche Gewichtsreduzierer. Außerdem wirkt ihr Öl haarkräftigend und entzündungshemmend. Fast 200 Sanddorn-Produkte, fast alle öko-zertifiziert, sind inzwischen auf Märkten erhältlich – nicht nur die auf der Insel Rügen würden an Attraktivität sehr verlieren, müssten sie darauf verzichten.

Nach dem gehäuften Auftreten der aus Osteuropa eingewanderten Sanddornfliege vor fünf Jahren droht der Pflanze nun erneut Ungemach. „Wichtig ist jetzt ein umfangreiches Monitoring im Land mit zielgerichteten Probeentnahmen und -untersuchungen. In der Diagnostik arbeiten wir bereits mit dem Julius-Kühn-Bundesforschungsinstitut für Kulturpflanzen und mit Laboren anderer Bundesländer zusammen“, verspricht Backhaus. Das ist auch dringend geboten, um einerseits eine touristisch beliebte Küstenattraktion zu erhalten und andererseits nach Strandgerste, Lichtnelke und einigen Brombeerarten nicht eine weitere Pflanzenart in Norddeutschland für immer zu verlieren.

„Wenn sie nicht mit dem Zug vom Flughafen gekommen, sondern zu Fuß gegangen wären, hätte das zwar Tage gedauert, aber sie hätten wahrscheinlich einige dieser wunderbaren geheimen Brunnen und Teile vom keltischen London entdeckt. Oder den Fluss Fleet überquert, der unter fünf Kilometer dickem Beton verläuft. Da sind so viele schöne Dinge, und ich schätze mich glücklich, dass ich genug Zeit habe, in solchen Sachen herumzustochern.“

Der das einem DLF-Reporter ins Mikrophon sprach, heißt Robert Plant, war Rock-Ikone, wurde wegen seiner wallenden blonden Mähne einst „Golden God“ genannt und hält magische Steine, Energiefelder und Bäume noch immer für Portale zu einer vergessenen Welt. Das gälte vor allem für jene weißblättrige Eiche auf der Grenze zwischen Hereford, Gloucester und Worcester. Sie bilde, sagte er dem Rockmagazin eclipsed, die Basis der

„ewigen Chöre“, welche „alle zwei Stunden einen Punkt erreichten, an dem sie von einem anderen Chor abgelöst wurden und der dann von dort weitermarschierte und weitersang, sodass der Gesang nie unterbrochen wurde. Das ist eine irre Sache. Und ich erwähne sie, weil das der Ursprung der Zivilisation in Großbritannien ist. Die Menschen haben sich an diesen Punkten niedergelassen und ein Netz aus Siedlungen und Wegen errichtet. Das ist heute komplett in Vergessenheit geraten. Aber es gab mal eine sehr, sehr starke Bindung zwischen Mensch und Natur.“

"Löwe" Robert Plant. Quelle: http://cdn4.spiegel.de/images/image-1200897-galleryV9-qmvc-1200897.jpg

"Löwe" Robert Plant. Quelle: http://cdn4.spiegel.de/images/image-1200897-galleryV9-qmvc-1200897.jpg

Nicht nur wegen solcher Sätze, sondern auch wegen seiner grauen Locken, Gesichtsfurchen und seinem weißen Bart erinnert Plant heute eher an Gandalf: ein grantiger, alter Löwe, der seinem Sternzeichen immer ähnlicher wird. Weniges noch erinnert an den Meister der großen Pose, dem man die 70 zwar ansieht, aber kaum anhört, und der es vorzüglich verstand, nicht nur Groupies zu entflammen. „Ohne die wallende Mähne, seinen flehenden Gesang, ohne diese leicht brüchig-krächzige Stimme, deren Pathos aus dem Blues herausquoll und in immer neue Regionen vorzudringen wagte, wären die Rock’n’Roll-Hymnen nicht so monumental geworden“, schrieb Jens Meyer in der DeWeZet.

„Ich war vollkommen normal“

Diese Karriere war als Kind nicht abzusehen. Geboren in West Bromwich, Staffordshire, verbrachte er im ländlichen Kidderminster eine relativ unbeschwerte Kindheit. „Ich war vollkommen normal, keineswegs auffällig. Ich habe viele Bücher gelesen, am liebsten Fantasyromane, habe Bilder gemalt, hatte eine Briefmarkensammlung. Mit meinen Eltern habe ich oft Wandertouren gemacht, in den Hügeln und Bergen von Wales mit ihren Burgen und Brücken. Für mich als glühenden Fan von J.R.R. Tolkien waren das die ‚Misty Mountains‘ aus ‚Der Herr der Ringe‘. Und zu Wales habe ich bis heute eine besondere Beziehung“, erklärte Plant im Spiegel.

Der Vater war Wasserbau-Ingenieur, die Mutter hatte Roma-Wurzeln. Sein erstes musikalisches Vorbild war sein Großvater: „Er spielte Geige, Piano und Posaune. Ein witziger Typ, der immer bodenständig blieb, obwohl er ziemlich bekannt war. Von ihm muss ich mein musikalisches Talent geerbt haben, sicher nicht von meinen Eltern.“ Seit frühester Jugend entwickelte er eine Leidenschaft für englische Folklore, fernöstliche Musik und den Southern Blues von Willie Dixon und Robert Johnson. Mit 13 begann er sich heimlich in Folk-Clubs zu schmuggeln und die Musikerszene zu beobachten.

Nach dem Schulabgang versuchte sich Plant lustlos in verschiedenen Jobs, für zwei Wochen sogar bei einer Steuerberatung. Parallel dazu reifte in ihm der Berufswunsch des Rock-Sängers: Plant stieg in der „Delta Blues Band“ zunächst als Waschbrettspieler ein und hatte 1966 und 1967 erste Aufnahmen für die Plattenfirma CBS mit der Band „Listen“. Ohne jede Gesangsausbildung, wohlbemerkt: „Mein einziger Gesangsunterricht besteht darin, dass ich ein Paar sehr große Ohren habe“, kokettiert er bis heute mit seiner Begabung. „Wenn ich beispielsweise den Tuareg-Musikern zusehe, bin ich immer wieder ein Student. Wenn ich Lieder einsinge, nehme ich bei den Aufnahmen, beim Ausprobieren, alle möglichen Rollen an“, gibt er in der Welt zu.

Celebration Day. Quelle: https://www.rollingstone.com/wp-content/uploads/2018/06/rs-7086-20120912-zep-624x420-1347546869.jpg?crop=900:600&width=860

Celebration Day. Quelle: https://www.rollingstone.com/wp-content/uploads/2018/06/rs-7086-20120912-zep-624x420-1347546869.jpg?crop=900:600&width=860

Als nach der Trennung der „Yardbirds“ deren Gitarrist Jimmy Page 1968 eine neue Besetzung zusammenstellte, bekam er von seinem Wunschkandidaten Terry Reid den Hinweis auf Robert Plant, der inzwischen Sänger der kaum bekannten Gruppe „Band Of Joy“ war. Auf Anraten seines Mentors Alexis Korner nahm Plant das Angebot an und wurde Sänger von Led Zeppelin. Für die nächsten 12 Jahre erwies sich das um Bassist John Paul Jones und Drummer John Bonham ergänzte Quartett als Maß aller Dinge der Rockmusik: „die härteste und erfolgreichste Heavy-Rock-Gruppe der Welt“ textete die „Bravo“ im Dezember 1972 euphorisch, als gerade das vierte Album kursierte. Bis heute verkaufte die Band über 300 Millionen Alben, 20 Millionen Menschen wollten 2007 der einmaligen Reunion zum “Celebration Day” beiwohnen – nur ein Tausendstel von ihnen durfte schließlich live dabei sein.

„ich gehe Risiken ein“

Als Texter und Frontmann war der Charismatiker, der einst von den Lesern der Musikzeitschrift „Rock Scene“ zur „Brust des Jahres“ gekürt wurde, nicht nur maßgeblich am Erfolg der Band beteiligt, sondern wurde mit seinem Gesangsstil, seinen Outfits und seiner Bühnenpräsenz zum Vorbild einer ganzen Generation von Hard-Rock-Sängern.„Ich singe immer einfach mitten hindurch. Meine Phrasierungen sind oft wild und variieren, ich gehe Risiken ein. Wenn Sie Bass oder Schlagzeug spielen, dann geht das nicht. Sie müssen präzise sein, wenn Sie eine andere Welt beschwören wollen. Die Stimme kann dabei helfen, aber auch stören. Sie ist ein Refugium, ein Idyll im Brausen der Welt“, so Plant.

Dass er in den Siebzigerjahren „so hoch und manchmal schlampig, jedenfalls eher angestrengt als souverän gesungen“ habe, erklärt Plant mit der Tonart vieler Zeppelin-Songs: dem heroischen E-Dur, für Franz Schubert die Tonart der Liebe, ja die „Gottestonart“. Sowohl Beethovens Leonoren-Arie im „Fidelio“ als auch Carl Maria von Webers Agathen-Arie im „Freischütz“ sind auch darin komponiert.

Led Zeppelins Texte – vor allem die frühen auf den Alben I und II – sind stark von traditionellen bluesigen Plots voll sexueller Anspielungen und unerfüllter Liebe beeinflusst. Doch Plant begann auch andere Themen einzuführen und mythologische, ja okkulte Dinge nahtlos mit Rock ‘n Roll auf einzigartige Weise zu verknüpfen. Paradebeispiel dafür ist der „Immigrant Song“ auf „Led Zeppelin III“, der – nach einem Konzert in Reykjavík geschrieben – dem isländischen Entdecker Leif Ericson gewidmet und aus der Perspektive eines Wikingers gesungen ist, der in Skandinavien neues Land sucht. Die Marvel-Studios bemühten sich erfolgreich, für ihr „Thor: Ragnarok“-Spektakel über den hammerschwingenden nordischen Donnergott die Rechte daran zu bekommen. Die Los Angeles Times berichtete 2012 von siebenstelligen Lizenzgebühren – Plant rangiert unter den 1000 reichsten Briten.

1. Strophe "Immigrant Song"

1. Strophe "Immigrant Song"

Aber schon „Ramble On“ auf „Led Zeppelin II“ enthielt Referenzen an Tolkiens „Herr der Ringe“: Man könnte das Lied als Klage des Sängers auffassen, Gollum habe ihm in Mordor die Geliebte ausgespannt. „Der Song war mein Baby, und ich hoffte, jeder würde dahintersteigen und erkennen, dass ich mehr in diese Richtung wollte“, sagt Plant damals. „The Battle of Evermore“,  „Over the Hills and Far Away” und „Misty Mountain Hop“ beziehen sich ebenfalls explizit auf die Saga. Schließlich gab Plant seinem Hund den Namen „Strider“, einem Pseudonym Aragorns.

Seit dem vierten Album finden sich auf den Zeppelin-Platten außerdem mysteriöse Zeichen, für jeden Musiker eines. Plants Federsymbol geht zurück auf eine Wahrheitssigille aus James Churchwards okkultem Buch „The Sacred Symbols of Mu“ (1933). Als die Band 1973 bei ihrem Stadion-Konzert in Tampa (Florida) mit 56.800 Fans den Zuschauerrekord der Beatles überbot, mutete die Bühnenkulisse mit ihren Pappmache-Steinen an wie ein Import von Stonehenge. Im selben Jahr fand sich im Song „No Quarter“ vom Album „Houses Of The Holy“ erneut eine nordische Referenz: „The snow falls hard and don’t you know/ The winds of Thor are blowing cold“.

Stonehenge in Tampa. Quelle: http://cdn4.spiegel.de/images/image-1200903-galleryV9-tntg-1200903.jpg

Stonehenge in Tampa. Quelle: http://cdn4.spiegel.de/images/image-1200903-galleryV9-tntg-1200903.jpg

Etwas Geheimnisvolles in der Art einer dunklen Aura umwittert „Led Zeppelin“ bis heute. So habe Jimmy Page, was dieser natürlich dementiert, einen Pakt mit dem Teufel geschlossen, der ihm die Melodie zu „Stairway to Heaven“ eingab. Man könne eine satanische Botschaft hören, wenn man den Hit rückwärts abspielte, der seit Jahren fast ununterbrochen Platz 1 der SWR1 Hitparade belegt. 1970 kaufte Page das sagenumwobene Boleskine-Haus am Loch Ness, im dem einst Aleister Crowley lebte und in dem die Band Fantasy-Szenen für ihren Film „The Song Remains The Same“ drehte. Als dort zehn Jahre später John Bonham nach einem Trinkexzess an seinem eigenen Erbrochenen erstickt, erklären die überlebenden Mitglieder die Gruppe für aufgelöst. Seitdem sei Plant damit beschäftigt, vor dem „überdimensionalen Schatten dieser Band, deren Sänger ich mal war“, zu fliehen.

„ich bin ja nur ein Sänger“

Nun deckten nordische Mythologie und Tolkien natürlich nicht alle Themen Led Zeppelins ab. „Unsere Schatten sind größer als unsere Seelen“ – diese Zeile im achtminütigen genreverändernden Crescendo „Stairway to Heaven“, inspiriert von einem Text des Mythenforschers Lewis Spencer auf der Suche nach der mystischen Dame mit spiritueller Vollkommenheit, beschreibt das Erbe eher. Plant thematisiert das in Interviews aber kaum:

„Ich habe Probleme damit, über meine Musik zu reden. Nicht, weil ich mich dafür schäme. Sondern weil da eine starke Intimität herrscht. Natürlich geht es um das, was heute passiert. Aber: Es zu analysieren wäre ein bisschen, wie zu Architektur zu tanzen. Und ich bin ja nur ein Sänger. Ich äußere mich in Reimen und in dreieinhalb Minuten. Wobei ich nichts ändern oder reparieren kann.“

Nach der Auflösung der Band veröffentlichte er zusammen mit Page zwei Alben und spielte regelmäßig Soloalben ein. Mit Alison Krauss veröffentlichte Plant „Raising Sand“, 2009 ausgezeichnet mit fünf Grammys. Im selben Jahr schlug Prince Charles den Sänger feierlich zum Ritter: Der einstige Protagonist von „Sex, Drugs & Rock’n'Roll“ ist nun ein „Commander of the British Empire“. Vor seiner Tour zum Album „Lullaby and … the Ceaseless Roar“ 2014 hat er einen kleinen Film ins Internet gestellt. „Tales From the Planet Earth“ zeigt seine Band „Sensational Space Shifters“ auf Reisen, unterlegt mit Bildern und orchestraler Musik aus „Herr der Ringe“. Inzwischen ist Plant mit „Carry Fire“ bei Album Nr. elf angekommen – mit Led Zeppelin waren es weniger – und tourt gerade durch Europa.

Robert Plant als Ritter. Quelle: http://cdn3.spiegel.de/images/image-1200916-galleryV9-kyip-1200916.jpg

Robert Plant als Ritter. Quelle: http://cdn3.spiegel.de/images/image-1200916-galleryV9-kyip-1200916.jpg

Rockmusik, bilanzierte er 2017, müsse einem Anspruch folgen und frische, originelle Ideen aufweisen. Heute aber hat sie „an Dampf verloren. Das damit verbundene Gedankengut hat seinen Höhepunkt überschritten und das Genre hat erreicht, was es erreichen konnte. Jetzt versuchen sich alle an einem Hybrid – was stellenweise auch gut klingt. Nur: Es ist kein Rock. Oder zumindest nicht das, was ich darunter verstehe.“ Musik sei eh kein Medium, um die Welt zu retten. Sie sei Unterhaltung, aber auch Medizin, „Heilmittel für so viele Dinge“.

Einen aber konnte er nicht heilen: Karac Pendragon, seinen 1972 geborenen Sohn – eines von vier Kindern, die er mit zwei Frauen hatte. Benannt hat er ihn – neben Uther Pendragon, dem Vater von Artus – nach Caractacus, einem sagenumwobenen keltischen Heroen, der die britischen Stämme im Jahre 43 gegen die Römer unter Aulus Plautius führte, in der Schlacht am Medway besiegt, in Ketten nach Rom transportiert und dort aufgrund seiner trotzigen Courage von Kaiser Claudius begnadigt wurde. Im Exmoor in der Grafschaft Somerset wird ihm bis heute mit einem Menhir gedacht. Als Karac im Alter von fünf Jahren an den Folgen einer Virusinfektion starb, stürzte Plant in eine tiefe Krise, erwog zum ersten und einzigen Mal, seine Karriere zu beenden, und widmete den Song „All My Love“ vom letzten Zeppelin-Album „In Through the Out Door“ (1979) seinem verstorbenen Sohn.

Plant mit Karac. Quelle: http://societyofrock.com/wp-content/uploads/2015/08/plant-karac1-735x413.jpg

Plant mit Karac. Quelle: http://societyofrock.com/wp-content/uploads/2015/08/plant-karac1-735x413.jpg

“Die Gezeiten haben die Flamme gedimmt“, dichtete er damals. Inzwischen beschäftigen sich Plants Texte wieder mit dem „Dimmen der Lichter“, dem „Geschmack des Sommerabschieds“, mit Erinnerung und Vergänglichkeit. Das klingt selten sentimental, dafür öfter, als wundere er sich darüber, wo er inzwischen angekommen ist:

„Ich denke, dass wir hier alle nur auf der Durchreise sind. Dieser Transfer in andere Sphären ist für mich etwas völlig Normales. Man muss ein gewisses Alter erreichen, um wirklich in sich reinschauen zu können. Ich kann meine Vergangenheit besuchen, sie umarmen. Nur: Ich lebe nicht in ihr.“

Happy Birthday!

„Damit hat keiner mehr eine Ausrede, nicht am Unterricht teilzunehmen.“ Mit diesen Worten rechtfertigte Mitte Juni der Schulleiter des Pestalozzi-Gymnasiums im nordrhein-westfälischen Herne, Volker Gößling, in der WAZ den Erwerb von 20 Burkinis für den aus Glaubensgründen oft verweigerten Schwimmunterricht mit moslemischen Schülerinnen. Nach seinen Angaben haben bereits 15 Mädchen von der 400 Euro teuren Anschaffung Gebrauch gemacht, die durch einen schulinternen Spendenlauf für Flüchtlinge sowie Fördermittel von Stadt und Land finanziert wurde. Die Burkinis werden kostenlos verliehen, Badehosen oder Bikinis dagegen nicht.

Nachdem Gößling dafür angefeindet worden war, kam Tage später Rückendeckung von Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD). „Das Wichtigste ist ja das Wohl der Kinder, und das heißt nun mal, dass alle schwimmen lernen“, betonte Giffey auf einer Veranstaltung der Zeit in Hamburg. Wenn die Teilnahme am Schwimmunterricht dadurch gefördert würde, dass Schulen Burkinis anschafften und an moslemische Schülerinnen ausgäben, sei dies vertretbar, sagte die Familienministerin. Es sei dabei nur wichtig, dass der Bildungsauftrag im Vordergrund stehe und die Sache „nicht hochstilisiert wird zum Untergang des Abendlandes“.

Franziska Giffey. Quelle https://www.facebook.com/franziska.giffey/photos/a.592987064171506.1073741829.591089474361265/1368363813300490/?type=3&theater

Franziska Giffey. Quelle https://www.facebook.com/franziska.giffey/photos/a.592987064171506.1073741829.591089474361265/1368363813300490/?type=3&theater

Abgesehen davon, dass sich Giffey damit in die Bildung und damit in Länderbelange einmischt: ihre Äußerungen missachten zunächst den Gleichheitsgrundsatz des Grundgesetzes, wonach alle Schüler ungeachtet von Geschlecht und Religionszugehörigkeit gleich zu behandeln sind. Nachgeben in der Burkini-Debatte hält auch die türkischstämmige Schauspielerin Sema zu Sayn-Wittgenstein in der WELT für falsch, weil das Recht auf Gleichheit und Freiheit über dem Bildungsauftrag stehe. Von der Familienministerin wünscht sie sich, dass sie Abstand vom Burkini nimmt. Daneben ist nicht Aufgabe der Schule, Sportbekleidung zu stellen: deutsche Schüler müssen Badehosen oder Badeanzüge auch selbst beschaffen. Doch auch darüber hinaus konnten die Reaktionen konträrer kaum sein.

„Dies hier ist Deutschland“

So wird laut CDU-Vize Julia Klöckner damit ein Frauen diskriminierendes Rollenverständnis an einem Ort zementiert, an dem Kinder und Jugendliche gerade das Gegenteil lernen und sich frei entfalten sollten. Giffeys Äußerungen sind insofern ein Schlag ins Gesicht der europäischen Emanzipation. Es gab mal eine Zeit, da haben Frauen für den Bikini gekämpft: noch 1968 war es in Teilen Bayerns verboten, im Bikini zu baden. Insofern werden Frauenrechte ad absurdum geführt und die Gesellschaft gespalten: Einerseits wird Frühsexualisierung an den Schulen gefördert, andererseits für mittelalterliche Badebekleidung geworben. Das ist schizophren.

Giffeys Äußerungen sind weiter ein Indiz von Feigheit, sich der Islamisierung entgegen zu stellen: wer nicht im Burkini schwimmt, gilt als verfügbares Luder. Denn damit würde den Mädchen, kritisierte die Vorsitzende des Zentralrats der Ex-Muslime, Mina Ahadi, in der Neue Rhein/Neue Ruhr Zeitung NRZ, nicht nur durch den Druck von Eltern, sondern auch das Verhalten der Schule bedeutet: „Wenn ich nicht den Burkini nehme, bin ich eine schlechte Muslimin und ein schlechter Mensch.“ Stattdessen hätte die Schule den betroffenen Schülerinnen und deren Eltern sagen müssen: „Dies hier ist Deutschland, hier sind Männer und Frauen gleichberechtigt.“

Giffeys Äußerungen sind auch ein Schlag ins Gesicht aller Unabhängigkeitsbestrebungen von Musli-ma. In Saudi-Arabien dürfen Frauen jetzt Auto fahren. Im Iran durften Frauen gemeinsam mit Män-nern Stadien zum Public Viewing der WM betreten, in Russland gar Iranerinnen ohne Kopftuch in den Stadien mitjubeln – und in Deutschlands Schulen wird ein Burkini gut geheißen. Das betont in der NRZ auch die zuständige Düsseldorfer Integrations-Staatssekretärin Serap Güler (CDU): „Ich halte dies für das absolut falsche Signal und für völlig falsch verstandene Toleranz. Es ist fatal vor allem aus emanzipatorischer Sicht. Während in Saudi-Arabien Frauen für ein bisschen Freiheit ihr Leben riskieren, sollten wir nicht in Deutschland auf Burkinis für Mädchen setzen“.

Klöckner sieht das in der WAZ ähnlich: „Das ist vorauseilender Gehorsam und ein Einknicken vor fundamentalistischen Elternhäusern – ein Einknicken auf dem Rücken der Mädchen. Gerade in Schulen müssen Mädchen und Jungen in einem gesunden Geschlechterbild und dem Gefühl der Gleichwertigkeit bestärkt werden“. Für den palästinensischen Publizisten Ahmad Mansour gibt Deutschland damit patriarchalischen Familienstrukturen und konservativen religiösen und Sexual-Vorstellungen nach. Kinder sollen am Schwimmunterricht teilnehmen, aber nach den Regeln der Schule, nicht nach den Regeln einer Religion.

Julia Klöckner. Quelle: https://www.watson.de/imgdb/d4be/Qx,A,0,0,2000,1386,833,577,333,231/5000331230719873

Julia Klöckner. Quelle: https://www.watson.de/imgdb/d4be/Qx,A,0,0,2000,1386,833,577,333,231/5000331230719873

Sogar der Zentralrat der Muslime gab sich skeptisch: „Solche Burkini-Pseudodebatten, die nebenbei die Rechten weiter stärken, lenken wieder von den eigentlichen Problemen ab“, sagte der Zentralratsvorsitzende Aiman Mazyek der NOZ. Selbst Giffeys Berliner Parteikollegin, Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD), schließt zwar den Burkini im Schwimmunterricht nicht aus. Aber für die Anschaffung der Badebekleidung seien die Eltern selbst zuständig, sagte Scheeres dem Tagesspiegel. Außerdem spiele in Berlin, wo Schwimmunterricht in Grundschulen bis zur dritten Klassenstufe stattfindet, der Burkini keine große Rolle: Vor der Geschlechtsreife erlaubt es Musliminnen ihre Religion meist noch am gemeinsamen Schwimmen teilzunehmen.

Die Lehrergewerkschaft GEW sah hingegen in den Leih-Burkinis eine pragmatische Lösung: „Damit werden Brücken zu den Elternhäusern gebaut“, so Düsseldorfs GEW-Landesvize Maike Finnern. Der Vorsitzenden des Herner Integrationsrats, Muzaffer Oruc, hält die Anschaffung der Burkinis sogar für sinnvoll, denn: „Wenn junge Frauen aus Glaubensgründen nicht mit Männern schwimmen wollen, muss man das akzeptieren.“ Schulen sollten „kultursensibel“ handeln: „Wenn die Schüler fern bleiben, ist das auch keine Integration.“

2017 waren übrigens von 404 Ertrunkenen bundesweit 23 Asylbewerber, die meist nicht schwimmen gelernt hatten, darunter ein siebenjähriges Mädchen. Um sie über die Gefahren aufzuklären, hat die Deutsche Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG) ihre Baderegeln in mehr als 25 Sprachen übersetzt und bietet Schwimmkurse gezielt für Migranten an. Erkenntnisse zur Resonanz dieser Kurse liegen noch nicht vor.

„Wir müssen aber sehr konsequent darin sein“

NRW-Schulministerin Yvonne Gebauer (FDP) dagegen betonte, dass sich die Schulpflicht ohne Aus-nahmen für muslimische Mädchen auch auf den Schwimmunterricht erstrecke: „Es ist juristisch eindeutig geklärt, dass auch muslimische Schülerinnen dieser Verpflichtung zum Schwimmunterricht nachkommen müssen. Einen Anspruch auf geschlechtergetrennten Schwimmunterricht gibt es nicht“, erklärte die Ministerin in der NRZ. Auch gehöre die Beschaffung von Burkinis nicht zu den steuerfinanzierten Grundaufgaben einer Schule, selbst wenn sie „vor Ort auf verschiedene Herausforderungen lebenspraktisch“ reagieren müssten. Generell verfolge die Landesregierung das Ziel, dass alle Schüler am Schwimmunterricht teilnehmen und sicher schwimmen lernen.

Burkini. Quelle: https://www.ksta.de/image/30973962/2x1/940/470/12e5e7500b042b586309969aad1e8787/Xc/pic-burkini.jpg

Burkini. Quelle: https://www.ksta.de/image/30973962/2x1/940/470/12e5e7500b042b586309969aad1e8787/Xc/pic-burkini.jpg

Noch Wochen später fiel ihr sogar die neue Bildungsministerin Anja Karliczek (CDU!) in den Stuttgarter Nachrichten in den Rücken. Jedes Kind müsse Schwimmen lernen: Was das Kind dabei anziehe, sei zwar nicht egal, aber „da ist Flexibilität gefragt“. Es sei Aufgabe der Schulen, das harmonisch zu klären. „Natürlich muss man auf unsere Standards hinweisen“, fügte die Ministerin hinzu. „Aber es hat keinen Sinn, einem Mädchen unsere Kleidervorschriften aufzuzwingen, wenn es zu Hause in einer ganz anderen Welt lebt.“ Ihr Parteifreund Ismail Tipi (MdL) erklärte dagegen auf Tichys Einblick, dass Burkini und Vollverschleierung in unserer westlichen Welt an keinen Strand, in kein Schwimmbad und in keine Einkaufsstraße gehörten – sie sind schlichtweg kein Teil unserer Gesellschaft, unserer Kultur und unserer Werte.

Die juristische Klärung war übrigens sogar doppelt herbeigeführt worden. Zum einen Ende 2013 durch das Bundesverwaltungsgericht, das in einem Urteil den staatlichen Bildungs- und Erziehungs-auftrag über die Glaubensfreiheit gestellt – und auf den Burkini als akzeptablen Kompromiss verwiesen hatte. Damit scheiterte die Klage einer muslimischen Schülerin aus Hessen, die in der Schule die Note Sechs kassiert hatte, weil sie sich dem Schwimmunterricht verweigerte. Das Mädchen marokkanischer Abstammung hatte es auch abgelehnt, einen Burkini zu tragen – dieser lasse nass trotzdem die Körperkonturen erkennen, erklärte sie.

Und zum anderen durch den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR), der im Januar 2017 befand, Schulen dürften muslimische Mädchen zum gemeinsamen Schwimmunterricht ver-pflichten. Die Richter argumentierten, die Schule spiele bei der sozialen Integration eine besondere Rolle, vor allem für Kinder ausländischer Eltern. Geklagt hatte ein türkischstämmiges Ehepaar aus Basel in der Schweiz. Daneben ist zu bedenken, dass in Belgien, diversen katalanischen Städten, Frankreich, den Niederlanden, Bulgarien, Lettland, Österreich und seit diesem Jahr Dänemark ein Anti-Gesichtsverhüllungsgesetz in Kraft ist. Selbst im islamischen Tunesien ist das Tragen von Schleiern in Schulen verboten.

Ob so viel Gegenwind musste Giffey wenige Tage danach auf Facebook klarstellen, dass sie keines-wegs das Tragen von Burkinis im Schwimmunterricht befürworte. „Wir müssen aber sehr konse-quent darin sein, dafür zu sorgen, dass alle Kinder schwimmen lernen, egal welcher Herkunft sie sind und welche Religion sie haben. Schwimmen ist Teil des Sportunterrichts und damit Teil der Schulpflicht. Diese ist durchzusetzen.“ Das mag zwar stimmen. Aber sich zum Schwimmen so weit wie möglich zu entkleiden hat nicht zuletzt etwas mit Leichtigkeit und Sicherheit zu tun (nur Rettungsschwimmer müssen das können und üben) sowie mit einem gesunden Verhältnis zum Körper. Gunnar Schupelius würdigte ebendiese Leichtigkeit in der BZ:

„Das Schöne am Baden ist doch, das Wasser auf der Haut zu spüren, dieses unnachahmliche Gefühl der Frische zu erleben, sich frei zu bewegen. Und ein Kind? Das sollte im Wasser doch spielen, tauchen und springen können, ohne dass ihm ein nasses Tuch um den Körper schlägt.“

Judith Luig. Quelle: http://www.pi-news.net/wp-content/uploads/2018/06/burkini1.jpg

Judith Luig. Quelle: http://www.pi-news.net/wp-content/uploads/2018/06/burkini1.jpg

Genau dieses Körperverhältnis stellte mit Judith Luig in der Zeit inzwischen die erste Journalistin in Frage. Der Burkini sei nur die chlorwassergetränkte Variante des Kopftuchs und könne nicht zum reinen Ausdruck von Unterdrückung und sexistischer Strukturen erklärt werden: „Freiheit wird nicht erlernt, indem man Unfreiheit verbietet.“ Ihr erwartbarer Schluss: „Burkinis für alle. Dann werden weder religiöse noch exhibitionistische Gefühle zu sehr gekränkt. Das würde auch anderen Menschen zugutekommen, die ihren Körper nicht gerne präsentieren.“ Je länger man über solche surrealen Sätze nachdenkt, desto mehr muss man um den Zustand nicht nur der Publizistik, sondern dieses Landes fürchten.

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