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Herzlich willkommen!

Als Dozent informiere ich Sie auf meiner Webpräsenz über meine Aktivitäten rings um die hochschulische Ausbildung angehender Medienmacher.

Als Mensch lasse ich Sie gern an meinen freizeitlichen Aktivitäten teilhaben, zu denen nicht zuletzt Kochen gehört ;-)

Als Bildungsbürger kommentiere/rezensiere ich außerdem vielerlei kulturelle Phänomene – vom Roman über den Musikergeburtstag bis zum Regisseurstod.

Und als (Ex-)Journalist blogge ich daneben unregelmäßig Betrachtungen zu Interessantem und Wissenswertem nicht nur aus der Welt der Medien.

Warum gerade Betrachtungen?

Ich empfinde dieses Genre – eine Meinungsdarstellungsform übrigens – als eins der zeitgemäßen schlechthin.

Eine Betrachtung soll durch Beschreibungen und Schilderungen, Vergleiche und Annäherungen bis hin zur Analyse einem Ereignis, einer Situation, einem Gegenstand oder auch einem (gesellschafts-) politischen Problem Individualität verleihen: Recherche darf in gewissem Maße substitutiert werden durch Subjektivität.

Die Betrachtung ist durchaus mit derselben eines Kunstwerks in einer Ausstellung vergleichbar: man wählt zunächst die Gesamtschau und wechselt dann zu einzelnen Aspekten.

Dabei ist dem Genre eigen, dass die Prioritäten dieser Aspekte oft im Vagen bleiben: aus der Betrachtung erwächst ein Gedanke, der das formale Ziel darstellt.

Der Gegenstand darf dabei Randerscheinung eines größeren Zusammenhangs bleiben: “die Bedeutung des Unbeachteten birgt den Kern ihrer Aussage” (Degen 2004).

Viel Spass beim Lesen – und natürlich beim Kommentieren!

„Wider die Republik der Opfer-Sortierer“: unter diesem Titel hält Ulrich Schacht am 13. August 2005 eine bemerkenswerte Rede anlässlich des sechzigsten Jahrestages der Errichtung des Sowjetischen Speziallagers Nr. 7 Oranienburg-Sachsenhausen. Sein Vorwurf richtete sich gegen die „Opfer-Hierarchisierung“, den Unterschied von Entschädigungen gegenüber Geschädigten aus dem jüdi-schen Volk oder aus der DDR. Es gehe um einen weiteren geistigen Gesundungsprozess dieses Landes, dessen Pathologie

„eher ein Merkmal seiner Funktions-Eliten in Bildung, Politik und Medien ist. Aber vielleicht macht gerade das ja – seiner machtpathologischen Aspekte wegen – die Schwierigkeiten des notwendigen Heilungsprozesses aus. Bis dahin kann deshalb die durch uns zu verabreichende Medizin ebenso notwendig nur bitter sein.“

Diese Medizin verabreichte er gern: als Redakteur, Lyriker, Romancier, Essayist, Reisereporter und auch Herausgeber. Manchmal mit jener Wirkung, die er selbst „Glücksschmerz“ nannte, manchmal aber auch mit ungeahnten Nebenwirkungen. Die Süddeutsche tadelte den Publizisten ob einer „Haltung des ethischen Rigorismus, der jegliches politische und historische Denken negiert“, ja gar „einer Sympathie für totalitäre Gewalt“. Heiner Müller dagegen attestierte dem Lyriker eine „kristalline Melancholie“, die FAZ dem Romancier einen „gewissen Antiamerikanismus“, verbunden mit einem „Zug ins Elitäre, philosophisch Informierte“.

Ulrich Schacht. Quelle: https://www.kulturfalter.de/fileadmin/_processed_/csm_UlrichSchacht_fc_StefanieSchacht_8b60c3973c.jpg

Ulrich Schacht. Quelle: https://www.kulturfalter.de/fileadmin/_processed_/csm_UlrichSchacht_fc_StefanieSchacht_8b60c3973c.jpg

Und laut Ostsee-Zeitung genieße Schacht das leise Entsetzen der Zuhörer, wenn er von Joschka Fischer als einem spricht, der mit „Schaum vorm Maul“ gegen radikalen Kapitalismus gekämpft habe und jetzt „fett darin etabliert“ sei. Es waren wohl die Brüche und Unbehaustheitserfahrungen vor allem seiner eigenen Biographie, die Schachts eigentümlichen inneren Zwang begründeten, so und nicht anders zu sein, zu schreiben, zu provozieren.

„Verleitung zum Landeshochverrat“

Geboren im Jahre Zwo der DDR, traf er erst nach 48 Jahren in Moskau seinen Vater: den russischen Leutnant Wladimir Fedotow, der noch vor der Geburt seines Sohnes aus Wismar strafversetzt wurde an die mongolische Grenze des Landes, aus dem er Anfang 1950 als Besatzungssoldat gekommen war. „Mein Vater existierte in meinem eigenen Raum-Zeit-Verhältnis wie ein Fixstern: unendlich weit entfernt, sichtbar nur mit einem Restlicht“, schrieb er später in der Aufarbeitungsreportage „Vereister Sommer“. Dass die wortlose, innige Umarmung am 4. April 1999 von einer Filmkamera aufgenommen wurde, mag etwas Voyeuristisches, Unangemessenes haben. Für Vater und Sohn bleiben diese Aufnahmen, die der niederländische Regisseur John Albert Jansen zu dem bewegenden Film „Die Schacht-Saga“ verarbeitete, ein bleibendes Dokument des Glücks.

Schachts Geburt selbst geschah im Frauengefängnis Hoheneck im sächsischen Stollberg: seine Mutter war im August 1950 schwanger verhaftet und nach monatelanger Odyssee durch die Gefängnisse der DDR von einem Militär-Tribunal zu zehn Jahren Arbeitslager wegen „Verleitung zum Landeshochverrat“ verurteilt worden. Sie hatte dem Vater ihres Kindes gesagt, man könne ja in den Westen gehen, wenn man in der DDR nicht heiraten dürfe. Ein Freundespaar, das davon erfuhr, war auch ein Denunziantenpaar. Anfangs hatte die Mutter den Vater selbst im Verdacht des Verrats.

ehemaliges Frauengefängnis Hoheneck. Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Hoheneck_(Gef%C3%A4ngnis)#/media/File:Hoheneck-stollberg.jpg

ehemaliges Frauengefängnis Hoheneck. Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Hoheneck_(Gef%C3%A4ngnis)#/media/File:Hoheneck-stollberg.jpg

Der wenige Wochen alte Ulrich wurde dann zu seiner Schwester und seiner Großmutter nach Wismar geschafft, dem „Quellort meines ästhetischen Weltverhältnisses“. Der Tod Stalins brachte 1954 eine Amnestie, so dass die Familie mütterlicherseits wieder vereint war. Von „prägender Harmonie mit drei starken Frauen“ spricht Schacht, der – angeregt durch seine Großmutter – mit 13 einen ersten Text geschrieben hatte. Durch die Erfahrung politischer Verfolgung seiner Eltern sei er „zu einem besonders Wissenden“ geworden, ja früh ein Oppositioneller im SED-Staat gewesen. Nach einer Bäckerlehre und einem Pflegepraktikum in psychiatrischen Anstalten der evangelischen Kirche studierte er 1969 – 1972 Religionspädagogik in Schwerin, später evangelische Theologie in Rostock und Erfurt, arbeitete am Schweriner Staatstheater und schrieb.

Schon seit 1970 beobachtete ihn die Stasi und widmete ihm den Operativen Vorgang „Vereinigung“: nach einer Demonstration in Prag am Grab von Jan Palach wurde er erstmals kurzzeitig inhaftiert. Pallach war ein tschechoslowakischer Student, der sich aus Protest gegen die Niederschlagung des Prager Frühlings und gegen das Diktat der Sowjetunion selbst verbrannte und nach seinem Tod vielfach geehrt wurde. Bereits 1973 machte die DDR Schacht wegen „staatsfeindlicher Hetze“ in Form von Gedichten, Geschichten und Essays den Prozess und verurteilte ihn zu sieben Jahren Haft.

Anfangs in Brandenburg-Görden untergebracht, wurde er 1976 in die Stasi-Haftanstalt Karl-Marx-Stadt (Chemnitz) verlegt und am 17. November als „Freikaufsfall“ in die Bundesrepublik entlassen, wo er sofort der SPD bei– und 1992 wieder austrat. Schacht ließ sich in Hamburg nieder, studierte dort Politikwissenschaften und Philosophie und konnte 1979 auch seine Mutter in der Hansestadt begrüßen. Seit der Verleihung des Andreas-Gryphius-Förderpreises 1981 wurde er regelmäßig mit Preisen und Stipendien geehrt. 1984 begann er als Feuilleton-Redakteur der Welt bzw. der Welt am Sonntag und stieg bis 1998 zum Leitenden Redakteur und Chefreporter Kulturpolitik auf.

Seitdem wohnt und arbeitet er als freischaffender Autor und Publizist in Hamburg und seinem südschwedischen Refugium Förslöv. Geflohen vor dem „Augiasstall“, den die 68er als „Menschen vom gleichen Typus wie die bei der Stasi“ hinterlassen hätten, passe er als Typ „Nordischer Seebär“ durchaus gut dahin, so die MAZ. „Die Generation 68 hat das Land geistig, moralisch und finanzökonomisch in einem Ausmaß ruiniert, das in seiner destruktiven Potenzialität an die bekannten historischen ‚Erfolge‘ des SED-Staats fast heranreicht“, legte Schacht 2005 im Cicero nach.

„Gegen das Vergessen“

Dass er die „Wende“ kritisch sah, liegt auf der Hand. Sprach er anfangs von der „eingreifenden Heilsökonomie Gottes“, fand er später den Vereinigungsprozess „für Leute wie mich nur noch zum Kotzen“. Schacht wurde in der und durch die DDR zu einem eisenharten Verfechter fundamentaler Freiheit, wozu für ihn auch die Freiheit des Suchens und Scheiterns gehört. Besonders deutlich wird das in einem langen Gespräch, das er kurz nach dem Mauerfall mit jenem Richter führte, der ihn für sieben Jahre ins Gefängnis geschickt hatte:

„Als Christ musste ich es ihm abnehmen, dass es ihm Leid tat. Aber als Bürger konnte ich nur hoffen, dass so einer nie wieder politische Macht bekommt.“

Schacht brauchte bis 2017, bis zu seinem Roman „Notre Dame“, um seinem Unbehagen in Form einer glücklosen Liebesgeschichte (!) gültigen ästhetischen Ausdruck zu verleihen. Einer Geschichte, in der Skizzen von Freunden und Gegnern mindestens ebenso viel preisgeben wie Hauptfiguren und Handlung. So im Porträt des früheren Dissidenz-Gefährten Falluhn, Dorfpfarrer, der auch in die Bundesrepublik gegangen war – obwohl er „den Westen zutiefst verachtete, bis in den letzten Joghurt“. Die BRD ist ihm „ein materialistisches Nirwana, das die Menschen nur blendete, ja blöd machte“. Was ihn dennoch wegtrieb, war die Angst, die Bedrückung – die er auch in der weststaatlichen Freiheit nicht los wird.

Cover. Quelle: https://zeichenundzeiten.files.wordpress.com/2017/03/img_-ydrhfc.jpg

Cover. Quelle: https://zeichenundzeiten.files.wordpress.com/2017/03/img_-ydrhfc.jpg

Schacht schrieb nicht nur für Mainstream-Periodika wie Focus, Zeit oder Cicero, sondern auch für die Preußische Allgemeine Zeitung oder die Junge Freiheit und gab mit Heimo Schwilk 1994 und 1997 zwei Essaybände heraus. Im ersten „Die selbstbewusste Nation“ war auch der umstrittene Essay „Anschwellender Bocksgesang“ von Botho Strauß enthalten, der damals als „Avantgarde des Rückschritts“, wie Thomas Assheuer in der FAZ dekretierte, eine öffentliche Kontroverse auslöste und heute von „brutaler Gegenwärtigkeit“ zeugt, wie Alexander Grau im Cicero befindet.

Ein Jahr später gehörte Schacht mit Schwilk und Rainer Zitelmann zu den Initiatoren des Aufrufs „8. Mai 1945 – Gegen das Vergessen“, mit dem an die Unterdrückung im sowjetisch besetzten Osteuropa nach der Befreiung durch die Alliierten erinnert werden sollte. Auch der zweite Sammelband „Für eine Berliner Republik“ zog Kontroversen nach sich, Schacht wurde im „Handbuch des Deutschen Rechtsextremismus“ prompt als Akteur der „Neuen Rechten“ gesehen. Der Grund: im Erscheinungsjahr kandidierte er auch auf der Liste des als rechtsnational verunglimpften „Bundes freier Bürger“ als Parteiloser für die Hamburger Bürgerschaft.

Diese Einschätzung führte zehn Jahre später, nach seiner unter 90 Kandidaten einstimmig erfolgten Jury-Wahl zum Dresdner Stadtschreiber, zu Kritik seitens der SPD- und der Grünen-Stadtratsfraktion. So beschlich SPD-Stadtrat Wilm Heinrich laut taz ein „mulmiges Gefühl“. Der Dresdner Autor Norbert Weiß sagte als Jurymitglied ebenfalls der taz: „Die Auswahl unter 90 Bewerbern erfolgte nach literarischer Qualität.“ Er bekomme seinerseits ein „mulmiges Gefühl“, wenn der Stadtrat aus politischen Gründen erstmals eine Juryentscheidung für die Stadtschreiberstelle kippen würde. „Das muss die Stadt aushalten!“ Schacht selbst hatte gegenüber den DNN erklärt, die SPD habe sich bei der „Internet-Gestapo“ über ihn informiert, anstatt ihn zu lesen. „Dem generösen Amt des Stadtschreibers wurde aus billiger Political Correctness heraus Schaden zugefügt.“

„Große Maskerade des Bösen“

Seither hatte sich Schacht weiter politisiert: „Rechts und Links sind Stand-Punkte, auf die sich nur noch berufen kann, wer ein schlechtes Gedächtnis hat.“ 2006 unterzeichnete er den „Appell für die Pressefreiheit“ der Jungen Freiheit gegen deren Ausschluss von der Leipziger Buchmesse, 2018 die „Gemeinsame Erklärung“ von Künstlern und Wissenschaftlern gegen eine „Beschädigung Deutschlands“ durch „illegale Masseneinwanderung“. Doch bereits im Jahr zuvor unterschrieb er die „Charta 2017“: darin prangerte anlässlich der Zerstörung der Bestände „rechter“ Verlage auf der Frankfurter Buchmesse die Dresdner Buchhändlerin Susanne Dagen an, „wie unter dem Begriff der Toleranz Intoleranz gelebt, wie zum scheinbaren Schutz der Demokratie die Meinungsfreiheit ausgehöhlt wird“, und geschlussfolgert, dass „unsere Gesellschaft nicht mehr weit von einer Gesinnungsdiktatur entfernt“ sei.

Als das „Literaturhaus Dresden“ diese Charta in einem „Offenen Brief“, unterzeichnet von mehr als 100 Literatur- und Kulturschaffenden, verurteilte, wütete Schacht in der Sächsischen Zeitung gegen die

„intellektuellen Wasserträger in Parteien, Massenmedien, Universitäten und kulturellen Institutionen, die mit dürren Worten Rechtsstaatsnormen verteidigen, aber mit ungleich mehr Vokabeln die so terrorisierten Kritiker der im blockparteilichen Gleichschaltungswahn dahintaumelnden deutschen Merkel-Gesellschaft ins moralische Unrecht zu versetzen suchen, gegen das (fast) alles erlaubt ist.“

Schon zwei Jahre vorher erklärte er in „Grimsey“, einer poetisch-melancholischen Altersnovelle: „Das gedankenlose Mitglauben der jeweils neuesten Wahrheit, wie siegreich auch immer sie sich geben mochte, förderte, wie er überzeugt war, eine geistige Armut, die den Menschen zuletzt nur unglücklich machte“. Gerade seine Prosa, oft wie das Denken des Autors kaskadenhaft verschachtelt, ließ Schacht in den letzten Jahren zu einem Schriftsteller und Chronist reifen, der mit einem Tonfall, der zwischen jovial und schneidend jongliert, in ebenso „klarer wie kunstfertiger Sprache … den Blick öffnet und das Herz dauerhaft hebt“, so Katrin Schumacher im mdr.

Schacht beriet in den letzten Jahren auch die Vierteljahresschrift TUMULT, in deren Winterheft 2015/16 er dazu aufrief, das im Grundgesetz garantierte Bürgerrecht auf Widerstand in Anspruch zu nehmen, sollte der Verfassungsstaat als Schutzgarant des deutschen Volkes und der nationalen Identität versagen. Außerdem schrieb er für die Achse des Guten und warnte mit Blick auf die linksgrün vereinheitlichte Migrationspolitik noch Ende August vor dem dritten deutschen Akt der „großen Maskerade des Bösen“, einer „schauerlichen Staats- und Gesellschaftsvision“, die „bislang eher Objekt musealer Vitrinen zur mahnenden Erinnerung an üble politische Zeiten war“. Aktuell arbeitete er an einer Novelle mit dem Arbeitstitel „Der Gerichtssaal, das Mädchen und die Zeit“, in der es um eine Studentenliebe in einer nordostdeutschen Universitätsstadt gehen sollte – mit einem moralischen Happyend, kündigte er an.

Schacht in Förslöv. Quelle: http://exhibits.btk-fh.de/exhibits/3f058571_1308304420/SchwedenTRIP11.jpg

Schacht in Förslöv. Quelle: http://exhibits.btk-fh.de/exhibits/3f058571_1308304420/SchwedenTRIP11.jpg

Das Happyend muss ausfallen, die Novelle unvollendet bleiben. Am 16. September ist Ulrich Schacht an den Folgen eines Herzinfarkts in Förslöv gestorben, „im Lesesessel sitzend, mit dem Blick aufs Meer“, wie Michael Klonowsky weiß. Er wurde 67 Jahre alt.

Woher wir kommen

Woher wir kommen, bleibt unerschlossen:
Die Daten sind reine Zahl auf Papier.
Am Anfang des Lebens wird Blut vergossen;
am Ende erschrickt ein verwundetes Tier.

Auftauchen Verlöschen: Kometengewitter –
im Raum aller Spiele besiegt uns der Kreis.
Es gibt kein Gestade für jenen Ritter,
von dem unser Herz mit Gewißheit weiß.

Schweigen herrscht zwischen verlorenen Welten:
ihr Kreisen ist grundlose Trunkenheit.
Wann immer wir in unser Leben schnellten,
gewannen wir nichts und verloren die Zeit.

(Aus: „Platon denkt ein Gedicht“. Gedichte. Edition Rugerup, Berlin 2015)

Seine medialen Etikettierungen schwanken zwischen „Genosse Rockstar“ (Welt), „Jonny Cash des Kommunismus“ (New York Times), „singender Cowboy“ (Sächsische Zeitung), „Rock’n‘Roll-Bolschewist“ (Spiegel) oder „Elvis des Ostens“ (n-tv): Dean Reed – neben dem Folksänger Perry Friedman und dem Publizisten Victor Grossman der dritte prominente „Ami“ in der DDR. Er spielte in 20 Filmen mit, produzierte 13 Platten und gab Konzerte in 32 Ländern. Wer war dieser umtriebige Frauenheld, der einen einsamen Tod im Zeuthener See sterben musste?

Reed mit Allende. Quelle: https://www.goethe.de/resources/files/jpg574/dean-reed-con-allende.jpg

Reed mit Allende. Quelle: https://www.goethe.de/resources/files/jpg574/dean-reed-con-allende.jpg

Der Sohn eines erzkonservativen High-School-Lehrers, der 1938 auf einer Hühnerfarm in Wheat Ridge, einem Vorort von Denver am Fuße der Rocky Mountains, zur Welt gekommen war, bekommt mit zwölf Jahren seine erste Gitarre und bessert als Sänger und Rodeo-Reiter sein Taschengeld auf. Vater Reed hielt Popmusik für eine „internationale kommunistische Verschwörung“, sein Sohn erkor sie nach abgebrochenem Meteorologiestudium zum Beruf. Zuvor versuchte er sein Glück in Hollywood. Die Warner-Studios schickten ihn auf die „School Of Stars“ und ließen ihn in Seifenopern spielen.

1959 schaffte es sein süßlicher Sommerhit „Our Summer Romance“ bis auf Platz 2 der Charts eines Regionalsenders in Colorado. Bald wurden seine Schnulzen auch in Südamerika gespielt, wo ihn die Fans schon 1960 zum beliebtesten Popstar des Kontinents wählten – vor Elvis Presley, Paul Anka und Ray Charles. In Chile wurde er hysterischer als jeder andere Star begrüßt, die Ankunft in Santiago de Chile wurde live im Radio übertragen. Hier sang er für die Reichen in den Nachtclubs und, umsonst, für die Armen in Stadien und Elendsvierteln. Die Freiheitsbewegungen in den Ländern Südamerikas prägen ihn politisch. Als er sich 1962 zur Fußball-WM mit dem Sowjettorwart Lew Jaschin verbrüderte, wurde Reed erstmals bei der CIA aktenkundig. Er protestiert gegen das Wettrüsten in den USA ebenso wie er den amerikanischen Vietnamkrieg verurteilt.

Reed in den 60ern in der UdSSR. Quelle: http://weaponews.com/images/2017/04/28/8b31222a5feb42b9173c2cb883a5d6ff.jpg

Reed in den 60ern in der UdSSR. Quelle: http://weaponews.com/images/2017/04/28/8b31222a5feb42b9173c2cb883a5d6ff.jpg

Ab 1965 hatte er seine eigene „Dean-Reed-Show“ im argentinischen Fernsehen. Das Land schickte ihn im selben Jahr zum Weltfriedenskongress in Helsinki, wo seine Schlichtung eines Podiumsstreits zwischen der russischen Kosmonautin Valentina Tereschkowa, dem Dichter Pablo Neruda und Pfarrer Martin Niemöller legendär wurde: Er erhob sich, stimmte „We Shall Overcome“ an, der Kongress fiel glücklich ein. Anschließend begab er sich auf Tournee in die Sowjetunion. Die Argentinier schickten ihn danach als Russenfreund zurück in seine US-Heimat.

Im Oktober 1966 startete Reed in der Sowjetunion eine neue Karriere, nahm Platten auf, tourte durch die russischen Republiken sowie die Mongolei und wurde dortselbst neben Präsident Gerald Ford und Außenminister Henry Kissinger zum bekanntesten Amerikaner. Im Jahr darauf zog er mit seiner Frau Patricia nach Rom, eine Tochter kommt zur Welt. Bis 1973 spielte er in der Cinecittà in zwölf Filmen mit, vor allem in Italowestern, u.a. an der Seite von Yul Brunner. Und sein politisches Engagement setzte er auch fort: 1970 unterstützte er mit Konzerten in Chile den Wahlkampf der „Unidad Popular“ Salvador Allendes, der im September 1973 als Präsident entmachtet und ebenso erschossen wurde wie Folksänger Victor Jara, der Leiter der Künstlerabteilung der Kommunistischen Partei Chiles, der ihn sehr beeinflusste – als IM Victor spitzelte Reed übrigens später für die Stasi.

Read mit Brunner. Quelle: http://onceuponatimeinawestern.com/wp-content/uploads/2013/03/Ballantine-and-Sabata.jpg

Read mit Brunner. Quelle: http://onceuponatimeinawestern.com/wp-content/uploads/2013/03/Ballantine-and-Sabata.jpg

„best looking man of the world”

Im Herbst 1971 bekommt sein Leben eine neue Wendung. Reed ist zur Leipziger Dokumentar- und Kurzfilmwoche eingeladen, um einen Film über Chile zu zeigen, den er mitproduziert hatte. Im Publikum sitzt die junge grünäugige Lehrerin Wiebke Dorndeck. Beim Abschlussempfang prostete sie ihm nach dem zweiten Wodka zu: „You are the best looking man of the world“. Am Ende soll der große und schlanke, charmante und blendend aussehende Mann mit den blauen Augen sie gefragt haben: „Wollen wir von hier fliehen?“ Sie trennt sich von ihrem Mann und setzt die Pille ab; Reed verlässt Patricia und zieht 1972 in die DDR. 1973 Heirat und Abtreibung, 1976 dann doch die Geburt einer Tochter.

Das Land hieß ihn herzlich willkommen. Von einem beiderseitigen Missverständnis schreibt Michael Pilz in der Welt: „Während ihn die DDR für einen Weltstar hielt, hielt er die DDR für eine Keimzelle der Weltrevolution.“ „Die haben sich gegenseitig gebraucht und genutzt. Dean Reeds Bekenntnis zur  DDR war ja gleichzeitig auch ein Bekenntnis zur Inszenierung“, erzählt im MDR Leopold Grün, dessen Dokumentarfilm „Der Rote Elvis“ 2007 Premiere feierte. „Er hat sich einfach dorthin begeben, wo er mit offenen Armen empfangen wurde, wo er plötzlich neue Arbeitsfelder für sich gesehen hat. Das haben ihm ja auch viele vorgeworfen: Angela Davis hat ihn aufgefordert, lieber die kommunistische Partei in den USA zu unterstützen als im Osten rumzutanzen.“ Manche sprachen von Feigheit.

Reeds Hochzeit. Quelle: https://www.superillu.de/sites/default/files/styles/article_full_large/public/2017-05/suib20080520082_layout.jpg?h=715cb34a&itok=nlU6UCsp

Reeds Hochzeit. Quelle: https://www.superillu.de/sites/default/files/styles/article_full_large/public/2017-05/suib20080520082_layout.jpg?h=715cb34a&itok=nlU6UCsp

Innerhalb von sechs Jahren drehte Reed in der DDR fünf Filme, darunter „Aus dem Leben eines Taugenichts“ nach Joseph von Eichendorff, „Kit & Co.“ nach Jack London sowie „El Cantor“, eine Verfilmung des Lebens von Víctor Jara. Der „Mann aus Colorado“, wie seine ab 1977 ausgestrahlte DDR-Fernsehshow hieß, gibt zwei Jahre zuvor im DEFA-Streifen „Blutsbrüder“, für das er selbst das Drehbuch schreibt, an der Seite von DDR-Rothaut Gojko Mitic einen geläuterten US-Kavalleristen, der nach einem Massaker an Indianern erst die US-Standarte zerbricht und sich dann den Cheyenne anschließt. Der Film ist sein endgültiger Durchbruch in der DDR.

Zugleich gastiert er im Ostblock vor bis zu 70 000 Zuschauern und bringt mit seiner Ausstrahlung, die an den jungen Kennedy erinnert, ein bisschen Glanz der großen weiten Welt ins dröge Einerlei des sozialistischen Alltags. „Ich bin Marxist, was auch immer ich singe“, hat Reed später bekannt. „Und ich wirke überzeugender als Marxist, je besser ich als Showman bin.“ Von den Sowjets bekommt Reed als erster Ausländer den Lenin-Preis für Kunst und Literatur, eine von vielen Ehrungen. In der DDR erscheint eine offizielle Biografie, im vorpommerschen Pasewalk wird ein Bäckereikombinat nach ihm benannt, und sein Konterfei mit Gitarre zierte das Etikett für eine massenindustriell produzierte „Rum-Cola“ aus dem Getränkewerk Dessau.

„narzisstischer Salon-Bolschewik“

Obwohl Reed inzwischen Mieter eines Wassergrundstücks mit Haus und Motorboot in Rauchfangswerder wurde, einem Ortsteil von Berlin-Schmöckwitz, hielt ihn das nicht von exzessiven politischen Reisen ab, auf denen er, der seinen US-Pass nie abgab, seine Popularität in ideologische Dienste stellte. Bilder aus dem Libanon zeigen ihn mit Arafat, Gitarre und Kalaschnikow. 1978 erschien er plötzlich zu einem Solidaritätsauftritt für Farmer in Minnesota und wird festgenommen. Per Hungerstreik bringt er die Berichterstattung in Gang, Prominente wie Joan Baez und Pete Seeger appellieren an US-Präsident Jimmy Carter einzugreifen. Als Reed nach elf Tagen freikommt, ist er für Millionen Fans im ganzen Ostblock nicht mehr nur einfach ein Star, sondern ein Held.

Blutsbrüder (Szene). Quelle: https://www.superillu.de/sites/default/files/styles/full_width_large/public/2017-05/suib20060620004.jpg?itok=0mL_2ueI

Blutsbrüder (Szene). Quelle: https://www.superillu.de/sites/default/files/styles/full_width_large/public/2017-05/suib20060620004.jpg?itok=0mL_2ueI

Doch dieser Gefängnistourismus markiert den Anfang vom Ende: „Da stilisierte sich ein Sänger zum politischen Gefangenen, während man in der DDR sehr schnell vom Sänger zum politischen Gefangenen werden konnte“, bemerkt Pilz gallig, zumal Reed zwei Jahre zuvor die Unterschrift unter die Künstlerresolution für den ausgebürgerten Wolf Biermann verweigert hatte. Und als die Ostdeutschen vielfach Ausreiseanträge zu stellen begannen, wird der US-Bürger mit Wohnsitz Ost-Berlin zu einem seltsamen Anachronismus. „Viele empfanden ihn inzwischen als lächerlichen Anpasser und narzisstischen Salon-Bolschewiken“, der ausgiebig seine Reisefreiheit nutzte und zugleich die Mauer verteidigte, glaubt sein Biograph Stefan Ernsting. „Er wurde zum Opfer seiner eigenen Inszenierung“.

Zudem scheitert die Ehe mit Wiebke: „Er erklärte, dass er diese Trennung für seine Selbstverwirklichung brauche, und hat mich mit meiner Tochter vor die Tür gesetzt. Da konnte er knallhart und ohne Gefühl sein. Es wäre ihm egal, ob wir wieder nach Leipzig gingen oder in Berlin eine Bleibe nähmen. Für ihn stand nur fest, dass er das Haus am See behalten würde“, sagte sie 2007 der SuperIllu. Heute führt Wiebke Reed eine erfolgreiche Schauspieleragentur.

Daneben stürzen die Verkaufszahlen von Reeds Platten ab und floppt sein Western-Klamauk „Sing, Cowboy, sing“: In der DEFA wird von einer Blamage gesprochen, die Filmkritik zerreißt die Parodie, Reed selbst spricht von einer „Klamotte“, glaubt sie aber gut gemacht zu haben. Ein weiteres Filmprojekt platzt, innerlich entfremdet er sich von der DDR. 1982 berichteten Mitarbeiter der Stasi, dass Reed beim Streit mit einem Verkehrspolizisten „die DDR mit einem faschistischen Staat verglich und zum Ausdruck brachte, dass er, ebenso wie die 17 Millionen DDR-Bürger, es ‚bis oben hin satt‘ hätte“. Anschließend forderte er den Mann auf, ihn zu verhaften, was „hier ja gang und gäbe“ sei. Reed sang öffentlich Bettina Wegners regimekritisches Lied „Kinder“ und wurde von der SED ermahnt. Er wurde depressiv, begann unter Heimweh zu leiden, telefonierte regelmäßig mit Freunden in den USA.

Im April 1986 hat Reed seinen letzten großen Auftritt: eigentlich als erneute Bekanntmachung seiner Person in den USA geplant, verteidigte er in der CBS-Sendung „60 Minutes“ neuerlich die Berliner Mauer und wirft Ronald Reagan Staatsterrorismus vor. Nach der Sendung, mit der er sich seine Rückkehr in die USA endgültig verbaute, erhält Reed wilde Drohbriefe und wird als Verräter beschimpft. Tagelang habe er sich mit den Briefen in seinem Zimmer eingeschlossen, so Ernsting.

Hochzeit mit Renate Blume. Quelle: http://nd06.jxs.cz/222/914/411454e333_103050068_o2.jpg

Hochzeit mit Renate Blume. Quelle: http://nd06.jxs.cz/222/914/411454e333_103050068_o2.jpg

Vor allem aber macht ihm Renate Blume zu schaffen, mit der er in den 70er Jahren bereits gedreht hatte. Die dunkle, geheimnisvolle Schönheit war fünf Jahre mit dem Erfolgsregisseur Frank Beyer („Spur der Steine“, „Jakob der Lügner“) verheiratet, lebt dann zwei Jahre mit Gojko Mitic zusammen, dem sportlichen „Häuptling vom Dienst“ zahlreicher DDR-Indianer-Filme – und heiratet schließlich 1981, ganz in weiße Plauener Spitze gehüllt, den schillernden Kollegen, dessen Romantik sie beeindruckte.

Fünf Jahre später schreibt Reed mit schlechtem Deutsch in seinem letzten Brief: „Ich habe sie gebeten, mich in Ruhe zu lassen, aber sie hat immer weiter angeschrien, dass ich war nur ein schlechter amerikanischer showman. Sie quält mich und foltert mich seit Jahren, weil sie ist krank. Eifersüchtig auf alle die Leute, die ich liebe oder die mich lieben. Aber besonders meine ehemalige Frau Wiebke und meine Tochter… Sie und Wiebke sollen meine Feinde sein. ich weigere mich jemand zu hassen, die ich einmal als Ehefrau gehabt habe. Ich liebe Renate. Trotz ihrer Krankheit, aber ich kann keinen Weg finden aus von meinen Problem. … Sei nicht böse. Es gibt keinen anderen Weg. Ich wollte bis der Tod uns scheidet mit Renate leben – aber sie hat mich umgebracht – Tag für Tag – und heute mir zu sagen, dass ich zu feige bin, mich umzubringen.“

Mein Tod hat nichts mit Politik zu tun“

Am 13. Juni 1986 verschwindet der Sänger aus seinem Haus, in dem er zusammen mit Blume lebt. Nach zwei Tagen wird Reeds Auto keine zehn Gehminuten vom Haus entfernt an einem Waldweg unweit des Zeuthener Sees gefunden – mit dem 15seitigen Abschiedsbrief, in zittrigen Großbuchstaben verfasst. Wiederum zwei Tage später findet die Wasserschutzpolizei die Leiche. Die Ermittler erfahren, dass der singende Cowboy schon zwei Tage vor seinem Verschwinden versucht hatte, sich die Pulsadern aufzuschneiden. Die Leichenschau bestätigt das später, aber die Schnitte sind nur oberflächlich. Vermutlich hatte ihn der Mut verlassen. Das ergibt sich auch aus seinem Abschiedsbrief. Die Gerichtsmediziner stellen als Todesursache „am ehesten Ertrinken unter toxischer medikamentöser Beeinflussung“ fest. Er hatte eine Überdosis Beruhigungsmittel geschluckt.

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Reed 1985 im DDR-Fernsehen. Quelle: https://www.welt.de/img/kultur/mobile100411865/1491626537-ci23x11-w960/Dean-Reed-DW-Kultur-Berlin-jpg.jpg

Renate Blume, die sich bis zuletzt weigerte, ihn zurück in die USA zu begleiten, und ihm Szenen machte, schweigt bis heute zu den Vorwürfen. Weil die menschliche Tragödie eines Friedenskämpfers wie Dean Reed nicht ins Bild passte, erklärt Honecker persönlich den Selbstmord zur Geheimsache: „…niemand soll davon erfahren, auch nicht Deans Frau, um ihr die Enttäuschung zu ersparen“, zitiert der Tagesspiegel aus einer ungenannten Quelle. Als Todesursache vermelden die DDR-Abendnachrichten einen „tragischen Unglücksfall“, auch in den Traueranzeigen ist von einem „tragischen Unfall“ die Rede. Geglaubt haben das die wenigsten, dafür waren rasch Gerüchte vom Selbstmord und sogar von einem Mordkomplott ausländischer Geheimdienste in der Welt. Der Brief ist übrigens nicht an Blume gerichtet, sondern an seinen „Freund und Genossen“ Eberhard Fensch, der von 1968 bis 1989 im SED-Zentralkomitee für Rundfunk und Fernsehen zuständig war.

Erst 1990 lässt der letzte DDR-Innenminister Peter-Michael Diestel den Fall nochmals untersuchen, das Ergebnis wird nur tröpfchenweise bekannt. Anfang der 90er Jahre tauchen erste Auszüge aus dem Abschiedsbrief in Boulevardblättern auf. Fensch mutmaßt im Tagesspiegel, dass das Schreiben aus dem Panzerschrank des Innenministeriums heraus verkauft worden sein muss: „Ich denke, es gibt mindestens zehn Leute, die eine Ablichtung haben“. Deutlich wird, dass Reed bis zuletzt seiner Haltung treu blieb: „Ich bin nicht mit alles einverstanden, aber Sozialismus ist noch nicht erwachsen. Es ist die einzigste Lösung für die Hauptprobleme für die Menschheit der Welt.“ Reed lässt auch Grüße an SED-Chef Erich Honecker ausrichten und betont explizit „Mein Tod hat nichts mit Politik zu tun.“

Reeds Grab. Quelle: http://nd06.jxs.cz/631/813/a4be562330_103050078_o2.jpg

Reeds Grab. Quelle: http://nd06.jxs.cz/631/813/a4be562330_103050078_o2.jpg

Doch obwohl – oder vielleicht weil – ihn im siegreichen Westen niemand wirklich kannte, zieht der „Mann aus Colorado“ auch mehr als dreißig Jahre nach seinem Tod Interesse auf sich – wenngleich heute sogar sein Grab verwaist ist, denn 1991 hat seine Mutter die sterblichen Überreste ihres Sohnes nach Boulder in die USA überführen lassen – „American Rebel“ steht dort auf seinem Grabstein. Im Web pflegt eine aktive Fangemeinde noch immer sein Andenken, Dutzende von Büchern und Dokumentarfilmen haben sich seit 1990 des Falls angenommen. Als Ritterschlag hätte sicher die Verfilmung „Comrade Rockstar“ gelten können, die Hollywoodstar Tom Hanks mit sich in der Hauptrolle drehen wollte. Er hatte Renate Blume die Filmrechte für eine unbekannte Summe abgekauft, 2012 aber das Projekt aus Finanzgründen für eingestellt erklärt. Damit bleibt Reed endgültig verwehrt, das zu werden, was er schon zu Zeiten des Kalten Krieges nie war: ein Weltstar.

„Wenn sie nicht mit dem Zug vom Flughafen gekommen, sondern zu Fuß gegangen wären, hätte das zwar Tage gedauert, aber sie hätten wahrscheinlich einige dieser wunderbaren geheimen Brunnen und Teile vom keltischen London entdeckt. Oder den Fluss Fleet überquert, der unter fünf Kilometer dickem Beton verläuft. Da sind so viele schöne Dinge, und ich schätze mich glücklich, dass ich genug Zeit habe, in solchen Sachen herumzustochern.“

Der das einem DLF-Reporter ins Mikrophon sprach, heißt Robert Plant, war Rock-Ikone, wurde wegen seiner wallenden blonden Mähne einst „Golden God“ genannt und hält magische Steine, Energiefelder und Bäume noch immer für Portale zu einer vergessenen Welt. Das gälte vor allem für jene weißblättrige Eiche auf der Grenze zwischen Hereford, Gloucester und Worcester. Sie bilde, sagte er dem Rockmagazin eclipsed, die Basis der

„ewigen Chöre“, welche „alle zwei Stunden einen Punkt erreichten, an dem sie von einem anderen Chor abgelöst wurden und der dann von dort weitermarschierte und weitersang, sodass der Gesang nie unterbrochen wurde. Das ist eine irre Sache. Und ich erwähne sie, weil das der Ursprung der Zivilisation in Großbritannien ist. Die Menschen haben sich an diesen Punkten niedergelassen und ein Netz aus Siedlungen und Wegen errichtet. Das ist heute komplett in Vergessenheit geraten. Aber es gab mal eine sehr, sehr starke Bindung zwischen Mensch und Natur.“

"Löwe" Robert Plant. Quelle: http://cdn4.spiegel.de/images/image-1200897-galleryV9-qmvc-1200897.jpg

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Nicht nur wegen solcher Sätze, sondern auch wegen seiner grauen Locken, Gesichtsfurchen und seinem weißen Bart erinnert Plant heute eher an Gandalf: ein grantiger, alter Löwe, der seinem Sternzeichen immer ähnlicher wird. Weniges noch erinnert an den Meister der großen Pose, dem man die 70 zwar ansieht, aber kaum anhört, und der es vorzüglich verstand, nicht nur Groupies zu entflammen. „Ohne die wallende Mähne, seinen flehenden Gesang, ohne diese leicht brüchig-krächzige Stimme, deren Pathos aus dem Blues herausquoll und in immer neue Regionen vorzudringen wagte, wären die Rock’n’Roll-Hymnen nicht so monumental geworden“, schrieb Jens Meyer in der DeWeZet.

„Ich war vollkommen normal“

Diese Karriere war als Kind nicht abzusehen. Geboren in West Bromwich, Staffordshire, verbrachte er im ländlichen Kidderminster eine relativ unbeschwerte Kindheit. „Ich war vollkommen normal, keineswegs auffällig. Ich habe viele Bücher gelesen, am liebsten Fantasyromane, habe Bilder gemalt, hatte eine Briefmarkensammlung. Mit meinen Eltern habe ich oft Wandertouren gemacht, in den Hügeln und Bergen von Wales mit ihren Burgen und Brücken. Für mich als glühenden Fan von J.R.R. Tolkien waren das die ‚Misty Mountains‘ aus ‚Der Herr der Ringe‘. Und zu Wales habe ich bis heute eine besondere Beziehung“, erklärte Plant im Spiegel.

Der Vater war Wasserbau-Ingenieur, die Mutter hatte Roma-Wurzeln. Sein erstes musikalisches Vorbild war sein Großvater: „Er spielte Geige, Piano und Posaune. Ein witziger Typ, der immer bodenständig blieb, obwohl er ziemlich bekannt war. Von ihm muss ich mein musikalisches Talent geerbt haben, sicher nicht von meinen Eltern.“ Seit frühester Jugend entwickelte er eine Leidenschaft für englische Folklore, fernöstliche Musik und den Southern Blues von Willie Dixon und Robert Johnson. Mit 13 begann er sich heimlich in Folk-Clubs zu schmuggeln und die Musikerszene zu beobachten.

Nach dem Schulabgang versuchte sich Plant lustlos in verschiedenen Jobs, für zwei Wochen sogar bei einer Steuerberatung. Parallel dazu reifte in ihm der Berufswunsch des Rock-Sängers: Plant stieg in der „Delta Blues Band“ zunächst als Waschbrettspieler ein und hatte 1966 und 1967 erste Aufnahmen für die Plattenfirma CBS mit der Band „Listen“. Ohne jede Gesangsausbildung, wohlbemerkt: „Mein einziger Gesangsunterricht besteht darin, dass ich ein Paar sehr große Ohren habe“, kokettiert er bis heute mit seiner Begabung. „Wenn ich beispielsweise den Tuareg-Musikern zusehe, bin ich immer wieder ein Student. Wenn ich Lieder einsinge, nehme ich bei den Aufnahmen, beim Ausprobieren, alle möglichen Rollen an“, gibt er in der Welt zu.

Celebration Day. Quelle: https://www.rollingstone.com/wp-content/uploads/2018/06/rs-7086-20120912-zep-624x420-1347546869.jpg?crop=900:600&width=860

Celebration Day. Quelle: https://www.rollingstone.com/wp-content/uploads/2018/06/rs-7086-20120912-zep-624x420-1347546869.jpg?crop=900:600&width=860

Als nach der Trennung der „Yardbirds“ deren Gitarrist Jimmy Page 1968 eine neue Besetzung zusammenstellte, bekam er von seinem Wunschkandidaten Terry Reid den Hinweis auf Robert Plant, der inzwischen Sänger der kaum bekannten Gruppe „Band Of Joy“ war. Auf Anraten seines Mentors Alexis Korner nahm Plant das Angebot an und wurde Sänger von Led Zeppelin. Für die nächsten 12 Jahre erwies sich das um Bassist John Paul Jones und Drummer John Bonham ergänzte Quartett als Maß aller Dinge der Rockmusik: „die härteste und erfolgreichste Heavy-Rock-Gruppe der Welt“ textete die „Bravo“ im Dezember 1972 euphorisch, als gerade das vierte Album kursierte. Bis heute verkaufte die Band über 300 Millionen Alben, 20 Millionen Menschen wollten 2007 der einmaligen Reunion zum “Celebration Day” beiwohnen – nur ein Tausendstel von ihnen durfte schließlich live dabei sein.

„ich gehe Risiken ein“

Als Texter und Frontmann war der Charismatiker, der einst von den Lesern der Musikzeitschrift „Rock Scene“ zur „Brust des Jahres“ gekürt wurde, nicht nur maßgeblich am Erfolg der Band beteiligt, sondern wurde mit seinem Gesangsstil, seinen Outfits und seiner Bühnenpräsenz zum Vorbild einer ganzen Generation von Hard-Rock-Sängern.„Ich singe immer einfach mitten hindurch. Meine Phrasierungen sind oft wild und variieren, ich gehe Risiken ein. Wenn Sie Bass oder Schlagzeug spielen, dann geht das nicht. Sie müssen präzise sein, wenn Sie eine andere Welt beschwören wollen. Die Stimme kann dabei helfen, aber auch stören. Sie ist ein Refugium, ein Idyll im Brausen der Welt“, so Plant.

Dass er in den Siebzigerjahren „so hoch und manchmal schlampig, jedenfalls eher angestrengt als souverän gesungen“ habe, erklärt Plant mit der Tonart vieler Zeppelin-Songs: dem heroischen E-Dur, für Franz Schubert die Tonart der Liebe, ja die „Gottestonart“. Sowohl Beethovens Leonoren-Arie im „Fidelio“ als auch Carl Maria von Webers Agathen-Arie im „Freischütz“ sind auch darin komponiert.

Led Zeppelins Texte – vor allem die frühen auf den Alben I und II – sind stark von traditionellen bluesigen Plots voll sexueller Anspielungen und unerfüllter Liebe beeinflusst. Doch Plant begann auch andere Themen einzuführen und mythologische, ja okkulte Dinge nahtlos mit Rock ‘n Roll auf einzigartige Weise zu verknüpfen. Paradebeispiel dafür ist der „Immigrant Song“ auf „Led Zeppelin III“, der – nach einem Konzert in Reykjavík geschrieben – dem isländischen Entdecker Leif Ericson gewidmet und aus der Perspektive eines Wikingers gesungen ist, der in Skandinavien neues Land sucht. Die Marvel-Studios bemühten sich erfolgreich, für ihr „Thor: Ragnarok“-Spektakel über den hammerschwingenden nordischen Donnergott die Rechte daran zu bekommen. Die Los Angeles Times berichtete 2012 von siebenstelligen Lizenzgebühren – Plant rangiert unter den 1000 reichsten Briten.

1. Strophe "Immigrant Song"

1. Strophe "Immigrant Song"

Aber schon „Ramble On“ auf „Led Zeppelin II“ enthielt Referenzen an Tolkiens „Herr der Ringe“: Man könnte das Lied als Klage des Sängers auffassen, Gollum habe ihm in Mordor die Geliebte ausgespannt. „Der Song war mein Baby, und ich hoffte, jeder würde dahintersteigen und erkennen, dass ich mehr in diese Richtung wollte“, sagt Plant damals. „The Battle of Evermore“,  „Over the Hills and Far Away” und „Misty Mountain Hop“ beziehen sich ebenfalls explizit auf die Saga. Schließlich gab Plant seinem Hund den Namen „Strider“, einem Pseudonym Aragorns.

Seit dem vierten Album finden sich auf den Zeppelin-Platten außerdem mysteriöse Zeichen, für jeden Musiker eines. Plants Federsymbol geht zurück auf eine Wahrheitssigille aus James Churchwards okkultem Buch „The Sacred Symbols of Mu“ (1933). Als die Band 1973 bei ihrem Stadion-Konzert in Tampa (Florida) mit 56.800 Fans den Zuschauerrekord der Beatles überbot, mutete die Bühnenkulisse mit ihren Pappmache-Steinen an wie ein Import von Stonehenge. Im selben Jahr fand sich im Song „No Quarter“ vom Album „Houses Of The Holy“ erneut eine nordische Referenz: „The snow falls hard and don’t you know/ The winds of Thor are blowing cold“.

Stonehenge in Tampa. Quelle: http://cdn4.spiegel.de/images/image-1200903-galleryV9-tntg-1200903.jpg

Stonehenge in Tampa. Quelle: http://cdn4.spiegel.de/images/image-1200903-galleryV9-tntg-1200903.jpg

Etwas Geheimnisvolles in der Art einer dunklen Aura umwittert „Led Zeppelin“ bis heute. So habe Jimmy Page, was dieser natürlich dementiert, einen Pakt mit dem Teufel geschlossen, der ihm die Melodie zu „Stairway to Heaven“ eingab. Man könne eine satanische Botschaft hören, wenn man den Hit rückwärts abspielte, der seit Jahren fast ununterbrochen Platz 1 der SWR1 Hitparade belegt. 1970 kaufte Page das sagenumwobene Boleskine-Haus am Loch Ness, im dem einst Aleister Crowley lebte und in dem die Band Fantasy-Szenen für ihren Film „The Song Remains The Same“ drehte. Als dort zehn Jahre später John Bonham nach einem Trinkexzess an seinem eigenen Erbrochenen erstickt, erklären die überlebenden Mitglieder die Gruppe für aufgelöst. Seitdem sei Plant damit beschäftigt, vor dem „überdimensionalen Schatten dieser Band, deren Sänger ich mal war“, zu fliehen.

„ich bin ja nur ein Sänger“

Nun deckten nordische Mythologie und Tolkien natürlich nicht alle Themen Led Zeppelins ab. „Unsere Schatten sind größer als unsere Seelen“ – diese Zeile im achtminütigen genreverändernden Crescendo „Stairway to Heaven“, inspiriert von einem Text des Mythenforschers Lewis Spencer auf der Suche nach der mystischen Dame mit spiritueller Vollkommenheit, beschreibt das Erbe eher. Plant thematisiert das in Interviews aber kaum:

„Ich habe Probleme damit, über meine Musik zu reden. Nicht, weil ich mich dafür schäme. Sondern weil da eine starke Intimität herrscht. Natürlich geht es um das, was heute passiert. Aber: Es zu analysieren wäre ein bisschen, wie zu Architektur zu tanzen. Und ich bin ja nur ein Sänger. Ich äußere mich in Reimen und in dreieinhalb Minuten. Wobei ich nichts ändern oder reparieren kann.“

Nach der Auflösung der Band veröffentlichte er zusammen mit Page zwei Alben und spielte regelmäßig Soloalben ein. Mit Alison Krauss veröffentlichte Plant „Raising Sand“, 2009 ausgezeichnet mit fünf Grammys. Im selben Jahr schlug Prince Charles den Sänger feierlich zum Ritter: Der einstige Protagonist von „Sex, Drugs & Rock’n'Roll“ ist nun ein „Commander of the British Empire“. Vor seiner Tour zum Album „Lullaby and … the Ceaseless Roar“ 2014 hat er einen kleinen Film ins Internet gestellt. „Tales From the Planet Earth“ zeigt seine Band „Sensational Space Shifters“ auf Reisen, unterlegt mit Bildern und orchestraler Musik aus „Herr der Ringe“. Inzwischen ist Plant mit „Carry Fire“ bei Album Nr. elf angekommen – mit Led Zeppelin waren es weniger – und tourt gerade durch Europa.

Robert Plant als Ritter. Quelle: http://cdn3.spiegel.de/images/image-1200916-galleryV9-kyip-1200916.jpg

Robert Plant als Ritter. Quelle: http://cdn3.spiegel.de/images/image-1200916-galleryV9-kyip-1200916.jpg

Rockmusik, bilanzierte er 2017, müsse einem Anspruch folgen und frische, originelle Ideen aufweisen. Heute aber hat sie „an Dampf verloren. Das damit verbundene Gedankengut hat seinen Höhepunkt überschritten und das Genre hat erreicht, was es erreichen konnte. Jetzt versuchen sich alle an einem Hybrid – was stellenweise auch gut klingt. Nur: Es ist kein Rock. Oder zumindest nicht das, was ich darunter verstehe.“ Musik sei eh kein Medium, um die Welt zu retten. Sie sei Unterhaltung, aber auch Medizin, „Heilmittel für so viele Dinge“.

Einen aber konnte er nicht heilen: Karac Pendragon, seinen 1972 geborenen Sohn – eines von vier Kindern, die er mit zwei Frauen hatte. Benannt hat er ihn – neben Uther Pendragon, dem Vater von Artus – nach Caractacus, einem sagenumwobenen keltischen Heroen, der die britischen Stämme im Jahre 43 gegen die Römer unter Aulus Plautius führte, in der Schlacht am Medway besiegt, in Ketten nach Rom transportiert und dort aufgrund seiner trotzigen Courage von Kaiser Claudius begnadigt wurde. Im Exmoor in der Grafschaft Somerset wird ihm bis heute mit einem Menhir gedacht. Als Karac im Alter von fünf Jahren an den Folgen einer Virusinfektion starb, stürzte Plant in eine tiefe Krise, erwog zum ersten und einzigen Mal, seine Karriere zu beenden, und widmete den Song „All My Love“ vom letzten Zeppelin-Album „In Through the Out Door“ (1979) seinem verstorbenen Sohn.

Plant mit Karac. Quelle: http://societyofrock.com/wp-content/uploads/2015/08/plant-karac1-735x413.jpg

Plant mit Karac. Quelle: http://societyofrock.com/wp-content/uploads/2015/08/plant-karac1-735x413.jpg

“Die Gezeiten haben die Flamme gedimmt“, dichtete er damals. Inzwischen beschäftigen sich Plants Texte wieder mit dem „Dimmen der Lichter“, dem „Geschmack des Sommerabschieds“, mit Erinnerung und Vergänglichkeit. Das klingt selten sentimental, dafür öfter, als wundere er sich darüber, wo er inzwischen angekommen ist:

„Ich denke, dass wir hier alle nur auf der Durchreise sind. Dieser Transfer in andere Sphären ist für mich etwas völlig Normales. Man muss ein gewisses Alter erreichen, um wirklich in sich reinschauen zu können. Ich kann meine Vergangenheit besuchen, sie umarmen. Nur: Ich lebe nicht in ihr.“

Happy Birthday!

„Damit hat keiner mehr eine Ausrede, nicht am Unterricht teilzunehmen.“ Mit diesen Worten rechtfertigte Mitte Juni der Schulleiter des Pestalozzi-Gymnasiums im nordrhein-westfälischen Herne, Volker Gößling, in der WAZ den Erwerb von 20 Burkinis für den aus Glaubensgründen oft verweigerten Schwimmunterricht mit moslemischen Schülerinnen. Nach seinen Angaben haben bereits 15 Mädchen von der 400 Euro teuren Anschaffung Gebrauch gemacht, die durch einen schulinternen Spendenlauf für Flüchtlinge sowie Fördermittel von Stadt und Land finanziert wurde. Die Burkinis werden kostenlos verliehen, Badehosen oder Bikinis dagegen nicht.

Nachdem Gößling dafür angefeindet worden war, kam Tage später Rückendeckung von Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD). „Das Wichtigste ist ja das Wohl der Kinder, und das heißt nun mal, dass alle schwimmen lernen“, betonte Giffey auf einer Veranstaltung der Zeit in Hamburg. Wenn die Teilnahme am Schwimmunterricht dadurch gefördert würde, dass Schulen Burkinis anschafften und an moslemische Schülerinnen ausgäben, sei dies vertretbar, sagte die Familienministerin. Es sei dabei nur wichtig, dass der Bildungsauftrag im Vordergrund stehe und die Sache „nicht hochstilisiert wird zum Untergang des Abendlandes“.

Franziska Giffey. Quelle https://www.facebook.com/franziska.giffey/photos/a.592987064171506.1073741829.591089474361265/1368363813300490/?type=3&theater

Franziska Giffey. Quelle https://www.facebook.com/franziska.giffey/photos/a.592987064171506.1073741829.591089474361265/1368363813300490/?type=3&theater

Abgesehen davon, dass sich Giffey damit in die Bildung und damit in Länderbelange einmischt: ihre Äußerungen missachten zunächst den Gleichheitsgrundsatz des Grundgesetzes, wonach alle Schüler ungeachtet von Geschlecht und Religionszugehörigkeit gleich zu behandeln sind. Nachgeben in der Burkini-Debatte hält auch die türkischstämmige Schauspielerin Sema zu Sayn-Wittgenstein in der WELT für falsch, weil das Recht auf Gleichheit und Freiheit über dem Bildungsauftrag stehe. Von der Familienministerin wünscht sie sich, dass sie Abstand vom Burkini nimmt. Daneben ist nicht Aufgabe der Schule, Sportbekleidung zu stellen: deutsche Schüler müssen Badehosen oder Badeanzüge auch selbst beschaffen. Doch auch darüber hinaus konnten die Reaktionen konträrer kaum sein.

„Dies hier ist Deutschland“

So wird laut CDU-Vize Julia Klöckner damit ein Frauen diskriminierendes Rollenverständnis an einem Ort zementiert, an dem Kinder und Jugendliche gerade das Gegenteil lernen und sich frei entfalten sollten. Giffeys Äußerungen sind insofern ein Schlag ins Gesicht der europäischen Emanzipation. Es gab mal eine Zeit, da haben Frauen für den Bikini gekämpft: noch 1968 war es in Teilen Bayerns verboten, im Bikini zu baden. Insofern werden Frauenrechte ad absurdum geführt und die Gesellschaft gespalten: Einerseits wird Frühsexualisierung an den Schulen gefördert, andererseits für mittelalterliche Badebekleidung geworben. Das ist schizophren.

Giffeys Äußerungen sind weiter ein Indiz von Feigheit, sich der Islamisierung entgegen zu stellen: wer nicht im Burkini schwimmt, gilt als verfügbares Luder. Denn damit würde den Mädchen, kritisierte die Vorsitzende des Zentralrats der Ex-Muslime, Mina Ahadi, in der Neue Rhein/Neue Ruhr Zeitung NRZ, nicht nur durch den Druck von Eltern, sondern auch das Verhalten der Schule bedeutet: „Wenn ich nicht den Burkini nehme, bin ich eine schlechte Muslimin und ein schlechter Mensch.“ Stattdessen hätte die Schule den betroffenen Schülerinnen und deren Eltern sagen müssen: „Dies hier ist Deutschland, hier sind Männer und Frauen gleichberechtigt.“

Giffeys Äußerungen sind auch ein Schlag ins Gesicht aller Unabhängigkeitsbestrebungen von Musli-ma. In Saudi-Arabien dürfen Frauen jetzt Auto fahren. Im Iran durften Frauen gemeinsam mit Män-nern Stadien zum Public Viewing der WM betreten, in Russland gar Iranerinnen ohne Kopftuch in den Stadien mitjubeln – und in Deutschlands Schulen wird ein Burkini gut geheißen. Das betont in der NRZ auch die zuständige Düsseldorfer Integrations-Staatssekretärin Serap Güler (CDU): „Ich halte dies für das absolut falsche Signal und für völlig falsch verstandene Toleranz. Es ist fatal vor allem aus emanzipatorischer Sicht. Während in Saudi-Arabien Frauen für ein bisschen Freiheit ihr Leben riskieren, sollten wir nicht in Deutschland auf Burkinis für Mädchen setzen“.

Klöckner sieht das in der WAZ ähnlich: „Das ist vorauseilender Gehorsam und ein Einknicken vor fundamentalistischen Elternhäusern – ein Einknicken auf dem Rücken der Mädchen. Gerade in Schulen müssen Mädchen und Jungen in einem gesunden Geschlechterbild und dem Gefühl der Gleichwertigkeit bestärkt werden“. Für den palästinensischen Publizisten Ahmad Mansour gibt Deutschland damit patriarchalischen Familienstrukturen und konservativen religiösen und Sexual-Vorstellungen nach. Kinder sollen am Schwimmunterricht teilnehmen, aber nach den Regeln der Schule, nicht nach den Regeln einer Religion.

Julia Klöckner. Quelle: https://www.watson.de/imgdb/d4be/Qx,A,0,0,2000,1386,833,577,333,231/5000331230719873

Julia Klöckner. Quelle: https://www.watson.de/imgdb/d4be/Qx,A,0,0,2000,1386,833,577,333,231/5000331230719873

Sogar der Zentralrat der Muslime gab sich skeptisch: „Solche Burkini-Pseudodebatten, die nebenbei die Rechten weiter stärken, lenken wieder von den eigentlichen Problemen ab“, sagte der Zentralratsvorsitzende Aiman Mazyek der NOZ. Selbst Giffeys Berliner Parteikollegin, Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD), schließt zwar den Burkini im Schwimmunterricht nicht aus. Aber für die Anschaffung der Badebekleidung seien die Eltern selbst zuständig, sagte Scheeres dem Tagesspiegel. Außerdem spiele in Berlin, wo Schwimmunterricht in Grundschulen bis zur dritten Klassenstufe stattfindet, der Burkini keine große Rolle: Vor der Geschlechtsreife erlaubt es Musliminnen ihre Religion meist noch am gemeinsamen Schwimmen teilzunehmen.

Die Lehrergewerkschaft GEW sah hingegen in den Leih-Burkinis eine pragmatische Lösung: „Damit werden Brücken zu den Elternhäusern gebaut“, so Düsseldorfs GEW-Landesvize Maike Finnern. Der Vorsitzenden des Herner Integrationsrats, Muzaffer Oruc, hält die Anschaffung der Burkinis sogar für sinnvoll, denn: „Wenn junge Frauen aus Glaubensgründen nicht mit Männern schwimmen wollen, muss man das akzeptieren.“ Schulen sollten „kultursensibel“ handeln: „Wenn die Schüler fern bleiben, ist das auch keine Integration.“

2017 waren übrigens von 404 Ertrunkenen bundesweit 23 Asylbewerber, die meist nicht schwimmen gelernt hatten, darunter ein siebenjähriges Mädchen. Um sie über die Gefahren aufzuklären, hat die Deutsche Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG) ihre Baderegeln in mehr als 25 Sprachen übersetzt und bietet Schwimmkurse gezielt für Migranten an. Erkenntnisse zur Resonanz dieser Kurse liegen noch nicht vor.

„Wir müssen aber sehr konsequent darin sein“

NRW-Schulministerin Yvonne Gebauer (FDP) dagegen betonte, dass sich die Schulpflicht ohne Aus-nahmen für muslimische Mädchen auch auf den Schwimmunterricht erstrecke: „Es ist juristisch eindeutig geklärt, dass auch muslimische Schülerinnen dieser Verpflichtung zum Schwimmunterricht nachkommen müssen. Einen Anspruch auf geschlechtergetrennten Schwimmunterricht gibt es nicht“, erklärte die Ministerin in der NRZ. Auch gehöre die Beschaffung von Burkinis nicht zu den steuerfinanzierten Grundaufgaben einer Schule, selbst wenn sie „vor Ort auf verschiedene Herausforderungen lebenspraktisch“ reagieren müssten. Generell verfolge die Landesregierung das Ziel, dass alle Schüler am Schwimmunterricht teilnehmen und sicher schwimmen lernen.

Burkini. Quelle: https://www.ksta.de/image/30973962/2x1/940/470/12e5e7500b042b586309969aad1e8787/Xc/pic-burkini.jpg

Burkini. Quelle: https://www.ksta.de/image/30973962/2x1/940/470/12e5e7500b042b586309969aad1e8787/Xc/pic-burkini.jpg

Noch Wochen später fiel ihr sogar die neue Bildungsministerin Anja Karliczek (CDU!) in den Stuttgarter Nachrichten in den Rücken. Jedes Kind müsse Schwimmen lernen: Was das Kind dabei anziehe, sei zwar nicht egal, aber „da ist Flexibilität gefragt“. Es sei Aufgabe der Schulen, das harmonisch zu klären. „Natürlich muss man auf unsere Standards hinweisen“, fügte die Ministerin hinzu. „Aber es hat keinen Sinn, einem Mädchen unsere Kleidervorschriften aufzuzwingen, wenn es zu Hause in einer ganz anderen Welt lebt.“ Ihr Parteifreund Ismail Tipi (MdL) erklärte dagegen auf Tichys Einblick, dass Burkini und Vollverschleierung in unserer westlichen Welt an keinen Strand, in kein Schwimmbad und in keine Einkaufsstraße gehörten – sie sind schlichtweg kein Teil unserer Gesellschaft, unserer Kultur und unserer Werte.

Die juristische Klärung war übrigens sogar doppelt herbeigeführt worden. Zum einen Ende 2013 durch das Bundesverwaltungsgericht, das in einem Urteil den staatlichen Bildungs- und Erziehungs-auftrag über die Glaubensfreiheit gestellt – und auf den Burkini als akzeptablen Kompromiss verwiesen hatte. Damit scheiterte die Klage einer muslimischen Schülerin aus Hessen, die in der Schule die Note Sechs kassiert hatte, weil sie sich dem Schwimmunterricht verweigerte. Das Mädchen marokkanischer Abstammung hatte es auch abgelehnt, einen Burkini zu tragen – dieser lasse nass trotzdem die Körperkonturen erkennen, erklärte sie.

Und zum anderen durch den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR), der im Januar 2017 befand, Schulen dürften muslimische Mädchen zum gemeinsamen Schwimmunterricht ver-pflichten. Die Richter argumentierten, die Schule spiele bei der sozialen Integration eine besondere Rolle, vor allem für Kinder ausländischer Eltern. Geklagt hatte ein türkischstämmiges Ehepaar aus Basel in der Schweiz. Daneben ist zu bedenken, dass in Belgien, diversen katalanischen Städten, Frankreich, den Niederlanden, Bulgarien, Lettland, Österreich und seit diesem Jahr Dänemark ein Anti-Gesichtsverhüllungsgesetz in Kraft ist. Selbst im islamischen Tunesien ist das Tragen von Schleiern in Schulen verboten.

Ob so viel Gegenwind musste Giffey wenige Tage danach auf Facebook klarstellen, dass sie keines-wegs das Tragen von Burkinis im Schwimmunterricht befürworte. „Wir müssen aber sehr konse-quent darin sein, dafür zu sorgen, dass alle Kinder schwimmen lernen, egal welcher Herkunft sie sind und welche Religion sie haben. Schwimmen ist Teil des Sportunterrichts und damit Teil der Schulpflicht. Diese ist durchzusetzen.“ Das mag zwar stimmen. Aber sich zum Schwimmen so weit wie möglich zu entkleiden hat nicht zuletzt etwas mit Leichtigkeit und Sicherheit zu tun (nur Rettungsschwimmer müssen das können und üben) sowie mit einem gesunden Verhältnis zum Körper. Gunnar Schupelius würdigte ebendiese Leichtigkeit in der BZ:

„Das Schöne am Baden ist doch, das Wasser auf der Haut zu spüren, dieses unnachahmliche Gefühl der Frische zu erleben, sich frei zu bewegen. Und ein Kind? Das sollte im Wasser doch spielen, tauchen und springen können, ohne dass ihm ein nasses Tuch um den Körper schlägt.“

Judith Luig. Quelle: http://www.pi-news.net/wp-content/uploads/2018/06/burkini1.jpg

Judith Luig. Quelle: http://www.pi-news.net/wp-content/uploads/2018/06/burkini1.jpg

Genau dieses Körperverhältnis stellte mit Judith Luig in der Zeit inzwischen die erste Journalistin in Frage. Der Burkini sei nur die chlorwassergetränkte Variante des Kopftuchs und könne nicht zum reinen Ausdruck von Unterdrückung und sexistischer Strukturen erklärt werden: „Freiheit wird nicht erlernt, indem man Unfreiheit verbietet.“ Ihr erwartbarer Schluss: „Burkinis für alle. Dann werden weder religiöse noch exhibitionistische Gefühle zu sehr gekränkt. Das würde auch anderen Menschen zugutekommen, die ihren Körper nicht gerne präsentieren.“ Je länger man über solche surrealen Sätze nachdenkt, desto mehr muss man um den Zustand nicht nur der Publizistik, sondern dieses Landes fürchten.

Sie tragen teilweise profane Namen wie „Deutscher Schulpreis“, aber auch klangvolle wie „Morgengrün – Der Umweltschreibwettbewerb“:  Schul- oder Schüler-Wettbewerbe in Berlin. Fast zwei Dutzend sind 2018 ausgeschrieben und harren auf Bewerbungen: von Grundschule bis Gymnasium, auf Landes- bis Europaebene, in Sparten von Sprache bis Sport. Für die alle fünf Jahre veranstalteten Schulinspektionen dagegen kann sich keine Schule bewerben – die sucht die Senatsverwaltung aus. Das Ergebnis der zweiten Inspektionsrunde: knapp 50 Schulen wird „erheblicher Entwicklungsbedarf“ bescheinigt. Das sind rund 60 Prozent mehr als nach der ersten Runde zwischen 2005 und 2011.

Dabei durchleuchtet ein Team von Schulinspektoren Abläufe, Lernerfolge, Unterrichtsstunden und die Führungsqualitäten der Schulleiter. Wenn eine Schule „durchgefallen“ ist, bekommt sie eine zweijährige Hilfestellung in Gestalt eines Team von „Pro Schule“: meist erfahrene Pädagogen, die imstande sein sollen, die Schulleiter zu coachen. Wenn es eher im fachlichen Bereich im Argen liegt, kann man auch spezielle fachliche Hilfe bekommen.

Von sechs Verliererschulen, die mindestens zweimal vor den Augen der Prüfer nicht bestehen konnten, hat es inzwischen nur eine geschafft, sich aus dieser untersten Liga hochzuarbeiten. Nach Informationen des Tagesspiegel wurde die Leitung des Pro-Schul-Teams 2017 ausgewechselt. Ob dieser personelle Wechsel damit zu tun hat, dass die Beratung in einigen Fällen erfolglos war, ist unklar.

Das wenig schmeichelhafte Ergebnis wurde nun am Schuljahresende ins Absurde gekippt. Ein dreiköpfiges Inspektionsteam erklärte die Friedrich-Bergius-Schule in Tempelhof-Schöneberg nun auch zur Problemschule. Das Lehrerkollegium der Integrierten Sekundarschule ist perplex, Schüler und Eltern sind es nicht minder. Die Erklärung: hier treffen zwei Auffassungen von Schule aufeinander – eine pädagogische und eine ideologische. Die ideologische hat die Machtfrage entschieden. Leider.

„Nicht jedes A führt zu einer Bewertung als Stärke“

Das Team um Schulleiter Michael Rudolph, der jeden Morgen seine Schüler persönlich beim Hereinkommen um 7.30 Uhr begrüßt, darf sich zwar anrechnen, dass hier überdurchschnittlich viele Schüler einen Abschluss, fast die Hälfte sogar einen MSA mit Gymnasialempfehlung schaffen. Erster Vorwurf der Senatsschulverwaltung: die Abbrecherquote läge aber mit sechs Prozent über dem Bezirksdurchschnitt, der rund fünf Prozent beträgt. Dass die Quote an anderen Schulen über 20 Prozent liegt, ist lässlich.

Michael Rudolph begrüßt seine Schüler. Quelle: https://img.morgenpost.de/img/politik/crop214757423/8202601917-w820-cv16_9-q85/ABA-1109.jpg

Michael Rudolph begrüßt seine Schüler. Quelle: https://img.morgenpost.de/img/politik/crop214757423/8202601917-w820-cv16_9-q85/ABA-1109.jpg

Dabei sind die Voraussetzungen alles andere als gut. Der traditionsreiche Bau am Perelsplatz stand vor einigen Jahren wegen zu viel Gewalt kurz vor der Schließung. Zwei Drittel der Schüler haben Migrationshintergrund, über die Hälfte kommt aus Familien, die von staatlichen Sozialtransfers leben. Daneben bekommt die Schule vom Schulamt jährlich 16 Schüler mit Förderbedarf: Autisten, Kinder mit psychischen Problemen oder mit körperlicher Behinderung wie Gehörlose. Es gibt auch eine Willkommensklasse mit Flüchtlingskindern. All das schaffen die Lehrer, ohne jemals dafür ausgebildet worden zu sein, sogar ohne jede Unterstützung von Sonderschulpädagogen.

Der negative Befund wurde von den Inspektoren erteilt, obwohl laut Bericht das Klima im Unterricht zu annähernd 100 Prozent als „freundlich und zugewandt“ dargestellt und die „konzentrierte und störungsfreie Arbeitsatmosphäre“ im Unterricht gelobt wird, niemand ausgegrenzt werde, man morgens pünktlich beginne, die Lernatmosphäre „angstfrei“ und der Unterricht für die Schüler nachvollziehbar sei und Wissen gut vermittelt werde. Es gibt keine Meldungen von Gewalt oder von Mobbing, und da Schulschwänzen sofort geahndet wird, tritt das kaum auf. Die Prüfer müssen zugeben, im Inspektionsbericht die Schulleistung mit „A“ bewertet zu haben.

Aber: „Nicht jedes A führt zu einer Bewertung als Stärke“, zitiert die Morgenpost aus dem Prüfbericht. Denn jetzt kommt die Pädagogik ins Spiel. So werden vorwurfsvoll 84 Prozent Frontalunterricht vermerkt. Gruppenarbeit finde nur in homöopathischen Dosen statt. Meist beginne der Unterricht, der zu „lehrerzentriert“ sei, mit Wiederholungen des Stoffes vom letzten Mal. Statt „individuell zu fördern“, teile man die Klasse auf, verkleinere sie so und dann gäbe dann allen mehr oder weniger dieselbe Aufgabe: „Dies trägt weder zu einer individuellen Förderung der Jugendlichen bei noch zur Umsetzung des Inklusionsgedankens“, so der Bericht.

Das ist kein Witz, sondern Ausdruck der Vorstellung von Schule als Ort, an dem Schüler zu besseren Menschen erzogen werden sollen. „Das Schulgesetz sieht Demokratieerziehung, Partizipation und andere Werte vor“, argumentiert die Schulverwaltung. Da passiere zu wenig an der Schule. Auch deshalb sei sie nun bei der Schulinspektion durchgefallen. „Ein bisschen fühlt man sich an sozialistische Planwirtschaft erinnert, wenn beanstandet wird, dass ein ‚Zeit-Maßnahme-Plan‘ fehle“, erbost sich Susanne Leinemann in der Morgenpost.

Was also können wir aus den Schulinspektionsberichten für andere Teile des Lebens lernen? Es kommt überwiegend auf die richtigen Prozesse, deren Steuerung und schriftliche Dokumentation an. Das Ergebnis ist zweitrangig. Wartet man wieder einmal auf eine Bahn,weil sie zu spät kommt oder ausfällt, dann darf der ÖPNV natürlich nicht negativ bewertet werden, denn die Prozesssteuerung ist gut, da Fahrpläne auf einander abgestimmt sind und schriftlich vorliegen…

Zwar urteilt Christian Zander von der CDU-Fraktion Tempelhof-Schöneberg in der Berliner Woche: „Das ist doch verkehrte Welt.“ Die Bewertung der Schulinspektion sei ein Armutszeugnis für die Berliner Schulpolitik und ein klares Zeichen für eine verfehlte Schwerpunktsetzung in der Bildungspolitik. In seltener Eintracht mit der CDU kommentiert im selben Blatt die schulpolitische Sprecherin der Grünen, Martina Zander-Rate:

„Wenn eine Schule unter schwierigsten Bedingungen überdurchschnittliche Lernerfolge erzielt, hat sie es verdient, von der Schulverwaltung zum Weitermachen ermutigt zu werden und braucht keine Nackenschläge durch ungerechtfertigte Negativ-Bewertungen.”

Dass Frontalunterricht, Lehrerzentriertheit oder stundeneröffnende Stoffwiederholungen methodisch herabgewürdigt werden, hätte eigentlich zu einem Aufschrei in der pädagogischen Fachwelt führen müssen. Schon dass der ausblieb, ist bezeichnend.

Grenzen setzen als Rechtsverstoß

Denn ob das, was die Schulinspektion als Qualität definiert – Individualisierung im Unterricht, Gruppenarbeit, Stationsarbeit, Kompetenzstufen – zu einer messbaren Verbesserung der Schulsituation in der Stadt führt, ist nichts als eine unbewiesene Behauptung. Die Schule dagegen versteht sich selbst als Kernort von Bildung, die tut, was eine gute Schule tun soll: Schülern in Eigenverantwortung innerhalb eines akzeptierten, seit Jahrzehnten bewährten Rahmens etwas beibringen. Zur Diskreditierung dieses Rahmens findet sich im Inspektionsbericht prompt noch ein schwerwiegender Vorwurf: Die Bergius-Schule verstoße gegen das Recht.

Bergius-Schule. Quelle: https://img.morgenpost.de/img/politik/origs214757425/1351061232-w1280-h800/ABA-1137.jpg

Bergius-Schule. Quelle: https://img.morgenpost.de/img/politik/origs214757425/1351061232-w1280-h800/ABA-1137.jpg

Das zielt primär auf den Schulalltag mit klaren Regeln. So wird jedes Zuspätkommen geahndet: säumige Schüler müssen zum Hausmeister und, mit Müllzange bewaffnet, auf dem Perelsplatz Abfall einsammeln, bevor sie zur zweiten Stunde in den Unterricht dürfen. Die Idee: Früh kleine Grenzen setzen, an denen sich die Schüler abarbeiten können, damit es nicht zu den ganz großen Eskalationen kommt, die man von anderen Schulen kennt. Sekundär geht es um kleine Eigenmächtigkeiten, um Unterrichtsausfall zu minimieren und mehr Mathe- und Deutschunterricht zu ermöglichen, da dort die Defizite vieler Kinder am größten sind. Der Trick: Lehrer unterrichten regulär weniger Stunden als vorgeschrieben, um als feste Vertretungskräfte zur Verfügung zu stehen. Was für ein Fauxpas!

Die Senatsschulverwaltung, zitiert die Morgenpost, erwartet von Schulen, dass sie Kindern das Rüstzeug an die Hand gibt, „eine bessere Gesellschaft aufzubauen“. Soziales Handeln sei entscheidend. „Die Schule soll Kenntnisse, Fähigkeiten, Fertigkeiten und Wertehaltungen vermitteln“, damit die Schüler selbstständig denken lernen. Es geht weniger um Wissen als um übergreifende Themen, die sich durch alle Schulfächer ziehen sollen. „Kompetenzen“ lautet das Schlüsselwort: Sprachkompetenz, Medienkompetenz, Fächerkompetenz.

Wie das Arbeitgeber finden, scheint der Senatsschulverwaltung egal zu sein. Die Berliner Polizei bspw. hätte es gewiss lieber gesehen, dass von ihren Azubis, wie im Juni geschehen, weniger als zwei Drittel beim Übungsdiktat auf der Polizeiakademie eine glatte Sechs schrieben. Denn das hat nichts mit „Schreib-“ oder „Sprachkompetenz“ zu tun, sondern ganz einfach etwas mit Deutschkenntnissen.  Davon führt dieser „Berliner Weg“ allerdings ganz weit weg – in eine bildungslose soziale Sackgasse.

Der Untergang der westlichen Gesellschaft ist sicher, sich diesem Untergang entgegenzustellen zwecklos, und wer an eine dauerhafte Zukunft des Okzidents glaubt, ist für die Wahrheit zu ängstlich. „Nur Träumer glauben an Auswege. Optimismus ist Feigheit“, hat Oswald Spengler sein Opus Magnum „Der Untergang des Abendlandes. Umrisse einer Morphologie der Weltgeschichte“ selbst  zusammengefasst. Die 1. Auflage des 1. Bands „Gestalt und Wirklichkeit“ erschien im Juli 1918 im Braumüller-Verlag Wien. Rund 200 000 Mal verkauft, wurde es das meistgelesene Sachbuch der Weimarer Republik.

Spengler-Titel. Quelle: privat

Spengler-Titel. Quelle: privat

Schon der Titel entblößt ein Reizwort. Die Romantiker um Novalis stellten sich unter „Abendland“ alle Länder vor, die als Wertegemeinschaft durch ihr romanisches, germanisches und christliches Erbe seit Karl dem Großen zu einem einzigen europäischen Kulturraum vereint waren. Trotz dieser Tradition wurde Spengler als Nazi-Vordenker gegeißelt: In der Schlacht von Stalingrad 1943 verbot Hitler die Kapitulation der 6. Armee, weil sie „durch ihr heldenhaftes Ausharren einen unvergesslichen Beitrag zum Aufbau der Abwehrfront und zur Rettung des Abendlandes“ leisten sollte.

In „guter Tradition“ dagegen bemächtigten sich danach erneut Konservative des Begriffs: „Rettet die abendländische Kultur. Wählt CDU“, hieß es 1949 auf einem Wahlplakat der Adenauer-Partei. Danach wurde es still um das Reizwort – bis im Spätherbst 2014 in Dresden, selbstredend wieder in „schlechter“ Tradition als Trotz- und Abwehrwort, Bürger gegen den unkontrollierten Zustrom islamischer Flüchtlinge unter dem Label „Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes“ – als Akronym „Pegida“ – protestierten. Mit dem Aufschwung „rechter“ Parteien sowie Denkverwandter wie Sieferle und Houellebecq ging auch ein Aufschwung der „Abendland“-Rezeption einher: „Der vergessene Spengler rächt sich, indem er droht, recht zu behalten“, orakelte Adorno schon 1950.

CDU-Plakat. Quelle: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/c/ca/KAS-Kulturpolitik-Bild-3145-1.jpg

CDU-Plakat. Quelle: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/c/ca/KAS-Kulturpolitik-Bild-3145-1.jpg

Spengler wurde mit seinem Buch nicht nur berühmt, sondern zum „Meisterdenker der Konservativen Revolution“, so Thomas Assheuer in der „Zeit“. Es verlangt neben mehrmaligem Lesen Zeit, Geduld, geistige Anstrengung und Vorwissen bis hin zu „Verschwörungstheorien“. Seine perspektivreichen Behauptungen, Analogien, Assoziationen und effektvollen Zuspitzungen lesen sich teilweise frappierend. Mit seiner heroischen Pose kündet der Text zugleich von tiefem Misstrauen dem Menschen gegenüber, vor allem der „Masse“, einer skeptisch-verächtlichen Haltung gegenüber der Demokratie und einer starken Vorliebe für autoritäre Gesellschaftsordnungen: „Munition“ für Dietmar Gottfried in „Telepolis“, „die Demokratie von Weimar für den Nationalsozialismus geistig reifzuschießen“,

„…ich müsste eine Art Messias werden“

Der apodiktische Herrenton ist kein Zufall bei einem, der seine intellektuelle Entwicklung gegen den bücherfeindlichen und geistfernen Vater, einen Postangestellten, erkämpfen musste und schon früh zwischen Minderwertigkeitsgefühlen und Selbstüberhöhung schwankte. 1880 als zweites von fünf Kindern in Blankenburg/Harz geboren, empfand Spengler die Atmosphäre im Elternhaus als bedrückend und ersann Traumreiche wie „Afrikasien“:

„Ich habe schon als Kind immer die Idee in mir getragen, ich müsste eine Art Messias werden. Eine neue Sonnenreligion stiften, ein neues Weltreich, ein Zauberland, ein neues Deutschland, eine neue Weltanschauung…“

Nach Staatsexamen und Promotion in Halle sowie einigen Referendariatsstationen wird er Studienrat an einem Gymnasium in Hamburg, bis eine Erbschaft 1910 dafür sorgt, dass er den Lehrerberuf aufgeben und sich in Schwabing als einsamer Einzelgänger ganz seinen publizistischen Projekten widmen kann: „Ich sehe schärfer als andere, weil ich unabhängig denke, von Parteien, Richtungen und Interessen frei.“

Wegen Untauglichkeit nicht zum Krieg eingezogen, hat er Zeit, sein Buch zu beenden. Es schlägt ein wie eine Bombe und trifft „die blankliegenden Nerven einer deutschen Intelligenz, die nach der Niederlage des Kaiserreiches im Weltkrieg für Untergangsszenarien sehr offen“ war, meint Gottfried. 1922 folgt der zweite Band und etabliert seinen Ruf als Intellektueller, der später als „Philosoph der Schwerindustrie“ bezeichnet wurde und sich selbst in der Rolle eines Wissenschafts- oder Kulturministers in einem „Nationalen Direktorium“ sah, das Deutschland statt Kanzler Stresemann führen sollte. Nach dem Scheitern des Hitlerputsches 1923 besann er sich wieder auf die Wissenschaft.

Oswald Spengler. Quelle: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/a/ae/Bundesarchiv_Bild_183-R06610%2C_Oswald_Spengler.jpg

Oswald Spengler. Quelle: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/a/ae/Bundesarchiv_Bild_183-R06610%2C_Oswald_Spengler.jpg

Das Verhältnis Spenglers zum aufkommenden Nationalsozialismus ist distanziert. Für ihn muss die Arbeiterschaft integriert werden, notfalls mit Gewalt: „Der deutsche, genauer: preußische Instinkt war: die Macht gehört dem Ganzen. Der einzelne dient ihm. Jeder erhält seinen Platz.“ Führung und Gefolgschaft bleiben lebenslang Spenglers militärisch orientiertes Sozialmodell. Hitler dagegen sah er als „Prolet-Arier“, trifft ihn im Juli 1933 aber trotzdem. „Wir wollten alle Parteien loswerden. Die schlimmste ist geblieben“, pointierte er dann Hoffnung, Ernüchterung und Enttäuschung der Konservativen ob der NSDAP, in der er die „Organisation der Arbeitslosen durch die Arbeitsscheuen“ sah.

Im selben Jahr weist er den Rassismus und Antisemitismus der Nazis zurück: „…Rasse, die man hat, nicht eine Rasse, zu der man gehört. Das eine ist Ethos, das andere – Zoologie.“ Er wirft ihnen Effekthascherei, Angeberei, eine fatale Augenblicksfixierung und mangelnden Realitätssinn vor, der über das Ziel der „nationalen Erneuerung“ hinausschieße: „Richtige Gedanken werden von Fanatikern bis zur Selbstaufhebung übersteigert. Was als Anfang Großes versprach, endet in Tragödie oder Komödie.“ Solche Sätze lassen das Verhältnis des Regimes zu ihm ebenso erkalten wie umgekehrt der Mord am „linken“ NS-Politiker Gregor Strasser – für ihn der fähigste Führer der Rechten – während des Röhm-Putschs 1934. Kein Wunder, ist Sozialismus für Spengler doch eine ethische Haltung, kein materialistisches Wirtschaftsprinzip. Zwei Jahre später stirbt er an Herzversagen.

Zurück zum zyklischen Geschichtsverständnis

Eher ein poetisches denn wissenschaftliches Buch, verlässt Spengler im „Untergang“ das hegemoniale lineare Geschichtsverständnis von Christentum und Aufklärung, wonach sich der Mensch nach dem Fall aus einem paradiesischen Urzustand durch die Zeit auf ein Reich Gottes zubewege: Was mit einer apokalyptischen Krise für die Gläubigen beginnt, endet, wie auch im Marxismus, mit einem Happy End. Spengler kehrt vielmehr zurück zum zyklischen Geschichtsverständnis der Hindus oder antiken Stoiker und arbeitet auch Nietzsches These von der ewigen Wiederkunft des Gleichen ein.

Danach seien Kulturen Organismen mit einem sie belebenden metaphysischen Prinzip, unterlägen den Gesetzen von Werden, Wandel und Verfall und durchliefen Entwicklungsstufen analog der menschlichen zwischen Kindheit und Greisentum. Nach ca. 1000 Jahren sei ihnen der Tod wie allen Lebewesen gewiss. Jede Kultur entstünde urplötzlich und tauche nicht erklärbar und zufällig auf.

Tibetisches Chakra in Form des Rads des Schicksals. Quelle: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/c/c5/Tibetan_chakra.jpg?1530957200068

Tibetisches Chakra in Form des Rads des Schicksals. Quelle: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/c/c5/Tibetan_chakra.jpg?1530957200068

Dabei entfalte sie sich nach der Zeit des Erwachens und langsamen Aufstiegs, entwickle eine eigene Religion, eigene Künste und Wissenschaften und begänne schließlich nach dem Höhepunkt ihrer Gestaltungskraft zu altern, würde künstlich und schwächer – trotz retardierender erneuter Blüten. Dabei fasziniert Spengler das Moment der nicht kausalen, aber formalen, funktionalen Gleichzeitigkeit: So sei Konfuzius der Immanuel Kant Chinas oder Napoleon der Alexander der Große Europas.

Am Ende erstarre die Kultur, nähme ihre endgültige, versteinerte, monadische Gestalt an, die sie aus eigener Kraft nicht mehr verändern könne, und vollzöge den Wiedereintritt in eine geschichtslose Zeit. Es kehre das zoologische Auf und Ab des primitiven Zeitalters zurück, und sei es auch in noch so durchgeistigte religiöse, philosophische oder politische Formen gehüllt: ein Sich-gehen-lassen ohne höhere Ansprüche, ein Abgleiten in die „Wonnen der Gewöhnlichkeit“, in Vermassung, Geldanbetung, Entwurzelung, ja dem nur interessegeleiteten Vernunftgebrauch. Heute könnte man hinzufügen: in das schale Glück des unendlichen Konsumentendaseins.

Ein zentraler Punkt in Spenglers Terminologie ist die Unterscheidung zwischen Kultur und Zivilisation. Der Begriff Kultur bezeichne nur jene Phasen des Erwachsens, Aufsteigens bis hin zur Blütezeit als Hochkultur. Sobald die ihren Zenit überschritten habe, werde sie zur Zivilisation. Dieses Stadium sei durch generelle Dekadenzerscheinungen gekennzeichnet, die Künstlichkeit von Architektur und Kunst, auch das Anwachsen der großen Weltstädte, in deren Steinmassen die „uralten Wurzeln des Daseins verdorrt“ seien. Spengler schreibt somit der Kulturphase alles Positive innerhalb der Entwicklung zu, während die Zivilisationsphase mit allen negativen Verfallserscheinungen verknüpft ist.

Die großen Themen jeder beginnenden Zivilisation seien Wissenschaft, Atheismus und Rationalismus, der Verstand, der alles überprüfen und nichts mehr glauben will. Die alten Formen der Blütezeit würden als Zwang empfunden, die man durchbrechen müsse – „dekonstruieren“ würde man heute sagen. Es fänden nur mehr Moden statt, pure Abwechslung, die für Entwicklung gehalten wird. Alte Stile würden wiederbelebt und verschmolzen, aber es entstünde nichts großes Neues. Das letzte Ergebnis sei ein feststehender, unermüdlich kopierter Formenschatz. Kennzeichnend dafür sei auch die Erscheinung einer „zweiten Religiosität“ in Form von Sekten und esoterischen Manifestationen.

Spengler weissagte auch, dass Wissenschaft und Technik nur solange aufrecht erhalten, weiterentwickelt und von Nutzen sein würden, solange es Menschen gibt, die ihre Funktionsweise verstehen. Nimmt deren Zahl allmählich ab – wie es die von ihm prophezeite Kinderlosigkeit zwangsläufig mit sich bringen wird, weil „die bis zum äußersten gesteigerte Intelligenz keine Gründe für ihr Vorhandensein mehr findet“ – so wird auch die von ihnen aufrechterhaltene Technik bald verschwunden sein. Welcher Ägypter versteht heute eigentlich noch eine Pyramide zu bauen? Belustigend modern lesen sich die Gegensätze zwischen dem „Bauernweib“ und seiner Mutterschaft und dem „Ibsenweib“, das statt Kinder seelische Konflikte habe und die Ehe als „kunstgewerbliche Aufgabe“ ansähe.

„Alles Faustische will Alleinherrschaft“

Spengler entdeckt in der Weltgeschichte acht große Kulturen mit der abendländischen als letzte; für ihn die „westlich-faustische“, die dynamisch nach Grenzüberschreitung strebt – im Gegensatz etwa zur sinnlich-diesseitsbezogen und geschichtsvergessenen apollinisch-antiken. Jeder Kultur wohne ein „Wille zur Macht“ inne, der sie dazu antreibt, ihre Kernidee zu verwirklichen, wobei die der abendländischen Kultur der „unendliche Raum“ sei: „Alles Faustische will Alleinherrschaft.“

Kultur des Abendlands. Quelle: http://www.hubert-brune.de/kulturkreise.html

Kulturkreise vor dem Abendland. Quelle: http://www.hubert-brune.de/kulturkreise.html

Prompt sei der Kampf identisch mit den Urtatsachen des Lebens, ja das Leben selbst. Die Verbindung von Sozialdarwinismus und Lebensphilosophie grundiere fast alle Schriften Spenglers, so Albrecht Betz im DLF. „Menschengeschichte ist Kriegsgeschichte“ lautet folgerichtig Spenglers prophetische Diagnose universaler Friedlosigkeit. „Der Krieg ist die Urpolitik alles Lebendigen“, schreibt er. „Das Leben ist hart, wenn es groß sein soll. Es lässt nur die Wahl zwischen Sieg und Niederlage, nicht zwischen Krieg und Frieden.“ Denn während der kultivierte Mensch seine Energie nach innen richte, in die Tiefe, ins Schöpferische, tue das der zivilisierte nach außen, ziele auf Machtentfaltung und Beherrschung. Der „Pressefeldzug“ entstünde übrigens „als die Fortsetzung – oder Vorbereitung – des Krieges mit anderen Mitteln“. Die Presse „verbreitet nicht, sondern sie erzeugt die freie Meinung“.

Da derzeit der „nationale Sinn“ schwände, werde in den Parlamenten geschwätzt, aber nicht mehr heroisch entschieden. „Apostel des Weltfriedens“ bestimmten den Zeitgeist und wollten „Tatsachen durch abstrakte Gerechtigkeit und Schicksal durch Vernunft ersetzen“. Entsprechend sieht er Kausalität skeptisch: „Kausalität ist das Verstandesmäßige, Gesetzhafte, Aussprechbare, das Merkmal unsres gesamten verstehenden Wachseins. Schicksal ist das Wort für eine nicht zu beschreibende innere Gewissheit.“ Er spricht von Urgewalt des Wollens und stählerner Energie praktischen Nachdenkens. Die negative deutsche Aktualisierung dieses Befunds löste erst im Mai politische Kontroversen aus.

So erklärte im „Tagesspiegel“ Ex-Verteidigungsminister Rupert Scholz (CDU): „Der deutsche Pazifismus wird im Ausland als Kneifen gesehen. Wir erklären ihn aus unserer Geschichte heraus. Aber andere Staaten verstehen das heute nicht mehr, für sie ist er verantwortungsscheu“. „Anstatt zu lernen, dass das Böse bekämpft werden muss, habt Ihr gelernt, dass kämpfen böse ist“, dekretiert der US-Journalist Dennis Prager. Geschichtspessimist Spengler trennt nicht zwischen Gut und Böse, sondern zwischen Gut und Schlecht; für ihn zählt allein: „Erfolg, das bedeutet den Triumph eines Daseinsstroms über die anderen“. Schlecht ist, was nicht zum Triumph führt.

Moralische Maßstäbe sind da eher hinderlich: „Jede moralische Handlung ist im tiefsten Grunde ein Stück Askese und Abtötung des Daseins.“ Kampf, Leben und Geschichte bilden eine positive, metaphysische Trias gegen die erstarrte westliche Ratio: „Wir glauben nicht mehr an die Macht der Vernunft über das Leben. Wir fühlen, dass das Leben die Vernunft beherrscht. Menschenkenntnis ist uns wichtiger als abstrakte und allgemeine Ideale … Herr der Tatsachen bleiben ist uns wichtiger als Sklave von Idealen werden.“ Für Kritiker drängt diese Ideologie zu Opfer, Gewalt und Krieg.

Heraufkunft formloser Gewalten

Parallel dazu verlagere sich die wahre Macht vom Vordergrund der Parteienherrschaft in den Hintergrund immer privaterer Kreise, die den parlamentarischen Parteienzirkus inszenierten, um hinter der Bühne ungestört ihre finanziellen Interessen zu verfolgen. Parteien lösten sich langsam und anfangs unbemerkt in persönliche Gefolgschaften auf, seien nur noch scheinbar Mittelpunkt entscheidender Aktionen, die nach unten die illusionäre Fassade einer Selbstbestimmung des Volkes aufrechterhielten, zürnt Spengler. Seine Parlamentarismus- und Demokratie-Antipathie erwächst dabei aus Kritik am plutokratischen Kapitalismus: Kultur bedeutet Geldbenutzung, bspw. zum Handeln, Zivilisation dagegen Geldanbetung. Er spricht gar vom „Verzweiflungskampf des technischen Denkens um seine Freiheit gegenüber dem Denken in Geld“ und würde heute Hedgefonds und Derivate meinen.

Geldteufel; französische Radierung des frühen 18. Jahrhunderts. Quelle: http://www.dreifaltigkeit-altdorf.de/Le_diable_d'argent.jpg

Geldteufel; französische Radierung des frühen 18. Jahrhunderts. Quelle: http://www.dreifaltigkeit-altdorf.de/Le_diable_d'argent.jpg

Das sei die Geburtsstunde des „Cäsarismus“, in der die Führerpersönlichkeit, der kalte Herrschaftstechniker die lebendige Tradition ersetze. Übrig bliebe eine geschichtslose Regierungsart als Heraufkunft formloser Gewalten, die gleichzeitig die Heraufkunft von Zufallsregimentern bedeute, deren Bedeutung und Erfolg davon abhängt, ob sich ein geeigneter Nachfolger findet. Bei Putin, Jinping, Erdoğan, Trump, selbst Macron fänden sich Elemente cäsarischen Herrschaftsstils, erkennt Dirk Kurbjuweit im „Spiegel“.

Als politisches Testament kann Spenglers Antwort kurz vor seinem Tod auf die Frage eines US-Maga-zins gelten, ob er den Weltfrieden für möglich halte: Sollten die weißen Völker des Krieges müde sein und aus dem Strom der Geschichte aussteigen, dann würde die Welt, „wie das römische Reich den Germanen zufiel“, das Opfer der „farbigen Völker“ werden. Was ahnte Spengler da voraus? Eine Nation müsse sich, auch auf Kosten anderer, ausdehnen, „denn man wächst oder stirbt ab“. In der Demokratie aber „stirbt man an etwas, nicht für etwas.“ Und was geschähe, spann Betz den Faden weiter, wenn sich die weiße Revolution von innen – der Klassen – mit der farbigen Revolution von außen – der Rassen – verbünde? Das konnte selbst der elitäre Untergangsprophet nicht voraussehen.

Huntington in der Karikatur. Quelle: http://www.kunstsam.de/samuel_huntington.jpg

Huntington in der Karikatur. Quelle: http://www.kunstsam.de/samuel_huntington.jpg

Der Einfluss des Buches und seines Autors sind gar nicht hoch genug zu schätzen. Thomas Mann hat in seinem Tagebuch eine „erschreckende Nähe“ konstatiert und in seinen beiden wichtigsten Romanen, dem „Zauberberg“ und „Doktor Faustus“, jeweils Spengler’sche Untergangsszenarien entworfen. Der letzte große Universalhistoriker Arnold Joseph Toynbee wäre ohne Spengler ebenso undenkbar wie der französische Vitalismus (Henri Bergson, Gilles Deleuze) oder die anthropologische und ethnologische Forschung (Claude Lévi-Strauss). Gottfried Benn galt als „Poet des Spenglerschen Lebensgefühls“, Samuel P. Huntington mit seinen Thesen vom „Kampf der Kulturen“ als metaphysischer Nachfolger, und Ex-US-Außenminister Henry Kissinger widmete Spengler in seiner voluminösen Abschlussarbeit ein eigenes Kapitel unter der Überschrift „Geschichte als Intuition“.

Der „Untergang des Abendlandes“ gemahnt beharrlich an die mephistophelische Weisheit, dass alles, was entsteht, wert ist, dass es untergeht. „Spengler schrieb so fiebernd und suggestiv, so süchtig nach Blut, Opfer und Untergang, als habe ihn das Unheil persönlich in die Welt geschickt“, fasst Assheuer seine Lektüre zusammen. Das ist eine Perspektive. Man könne zwar über Spenglers biologischen Geschichtsbegriff streiten, nicht jedoch über seinen glänzenden Stil, markierte Jorge Luis Borges bereits im Todesjahr des Autors die andere. Für den ästhetischen Sinn, für Sprach- und Stilgefühl ist das Buch ein Fest, schrieb Andreas Kilb schon 1993 in der „Zeit“. Und Feste soll man feiern, wie sie fallen. Das 100. Erscheinungsjubiläum des Buches, das Deutschland wie wenige andere veränderte, wäre ein Anlass.

Spenglers Grab. Quelle: https://kinicounty.blogspot.com/2014/05/am-8-mai-war-alles-vorbei.html

Spenglers Grab. Quelle: https://kinicounty.blogspot.com/2014/05/am-8-mai-war-alles-vorbei.html

Lang lebe welches Deutschland – das „Heilige“ oder das „Geheime“? Die Debatte um die letzten Worte Stauffenbergs, bevor er in der Nacht des 20. Juli 1944 nach seinem Attentatsversuch auf Hitler standrechtlich erschossen wurde, blieb auch durch Tom Cruise‘ Film „Operation Walküre“ (2008) ungeklärt. Im amerikanischen Original vernehmen die Kinogänger den Ruf: „Long live secret Germany!“, in der deutschen Synchronfassung wird „secret“ dagegen als „heilig“ übersetzt – wie üblich.

Bei dem Streit geht es um die Frage, ob Stauffenberg selbst kurz vor seinem Tod nochmals explizit auf seine Prägung durch Stefan George hinweisen wollte – ist „Geheimes Deutschland“ doch ein Gedicht von George, an dessen Sarg der junge Graf Claus mit Bruder Berthold Totenwache hielt. „Das Kapitel deutscher Geistesgeschichte, das ‚George – Hitler – Stauffenberg‘ heißt, wartet noch darauf, geschrieben zu werden“, notierte Sebastian Haffner 1978 in seinen „Anmerkungen zu Hitler“. Da es bis heute ungeschrieben ist, bietet Georges 150. Geburtstag am 12. Juli Anlass zu einer Spurensuche.

„Des sehers wort ist wenigen gemeinsam“

Geboren als Sohn eines Gastwirts und Weinhändlers in Büdesheim (heute Bingen), galt George schon als Kind für reserviert, eigenbrötlerisch und dünkelhaft. Er war zwar kein besonders guter Schüler, aber sehr sprachbegabt, lernte selbstständig bis zu 10 Sprachen, darunter Hebräisch, Griechisch und Norwegisch, und entwickelte eigene Geheimsprachen, von denen eine bis heute nicht entschlüsselt ist. Außerdem ging er oft ins Theater und schrieb erste Gedichte, in denen sein Sendungsbewusstsein und seine eigenwillige Schreibung bereits anklangen: „Des sehers wort ist wenigen gemeinsam…“

Georges erster Gedichtband „Hymnen“, von dem er 1890 im Selbstverlag 100 Exemplare drucken ließ, ging nur ein einziges Mal über den Ladentisch. Mit den folgenden Bänden lief es kaum besser. Nach dem Abitur bereiste er die europäischen Metropolen London, Wien und Paris, wo er auf den Symbolisten Stéphane Mallarmé und dessen Dichterkreis traf, der ihn nachhaltig beeinflusste, seine elitäre Kunstauffassung des l’art pour l’art entwickeln und seine Abneigung gegen den Realismus wachsen ließ. Begeistert kehrte er nach Deutschland zurück und begann weitere moderne Franzosen wie Baudelaire, Verlaine oder Rimbaud zu übersetzen. Sein Studium in Berlin brach er ab.

Rasch gewann er Gleichgesinnte und bildete einen ersten Freundeskreis mit Künstlern, Bohémiens und Schöngeistern, die in einer Art „aristokratischer Opposition“ gegen Materialismus, Konsumideologie und saturiertes Bürgertum protestierten und durch die konspirative Idee verbunden waren, eine neue Kunst zu schaffen. Die fand Ausdruck in der von George 1892 gegründeten Zeitschrift „Blätter für die Kunst“, die bis 1919 erschien und zum publizistischen Kern des Kreises wurde. Über 500 lag die Auflage zwar selten, beeinflusste die akademische, zumal germanistische Elite aber sehr.

Blätter für die Kunst 1899. Quelle: https://www.zvab.com/servlet/BookDetailsPL?bi=22706977413&searchurl=hl%3Don%26sortby%3D7%26an%3DStefan%2BGeorge

Blätter für die Kunst 1899. Quelle: https://www.zvab.com/servlet/BookDetailsPL?bi=22706977413&searchurl=hl%3Don%26sortby%3D7%26an%3DStefan%2BGeorge

Mit einem ausreichenden Erbe versehen, blieb der Dichter sein Leben lang ohne festen Wohnsitz, reiste wie ein staufischer Kaiser zwischen den Städten hin und her, in denen seine Anhänger, Freunde oder Verleger wohnten, und hielt dort Audienz. Meist zog er sich in ein Zimmer zurück, um dort mit auserwählten Gästen einzeln zu sprechen. Jünger traten dem Kreis nun nicht mehr einfach bei, sondern wurden nach Prüfung ihrer Würdigkeit berufen. Zu Stauffenbergs Initiation ist nichts bekannt.

Zugleich aber habe er unter dem Zwang von Inszenierung zeitlebens Wände um sich aufgerichtet, durch die hindurch nicht leicht war, die „Person zu erkennen mit all ihren Schwächen, mit ihren Ängsten, mit ihren Sensibilitäten, […] weil diese Inszenierung in einem Pathos stattgefunden hat, das zum Teil bis heute anhält“, so im DLF Georges Biograph Thomas Karlauf, der 2019 auch eine Stauffenberg-Biographie vorlegen will. Hinzu traten homosexuelle Züge in den Beziehungen innerhalb des Kreises.

„Zu jubeln ziemt nicht: kein triumf wird sein“

1904 – 1906 verwandelte eine Krise den Dichter in einen Mann zwischen Narziss und Tyrann: zum einen durch den Bruch mit dem parareligiös-esoterischen Kreis der Kosmiker, denen er viele mythische Anregungen verdankte, zum zweiten durch den Bruch mit Hugo von Hofmannsthal, der sich 15 Jahre lang bei aller Wertschätzung der dichterischen Genialität Georges gegen persönliche Vereinnahmung gewehrt hatte, vor allem aber durch den Tod seiner posthum zur „Gottheit“ glorifizierten Muse Maximilian „Maximin“ Kronberger, der gerade 16jährig an Meningitis starb.

Einer Brieffreundin klagte George vom „klaffenden abstand zwischen unserem säglichen wort und unserm unsäglichen herzen“. Mit der 1907 veröffentlichten Sammlung „Der siebente Ring“ und dem 1913 erschienenen formstrengen Gedichtband „Der Stern des Bundes“ zeigte er sich auf dem Zenit seines Schaffens. Der „Stern“ sei allerdings der „ungeheuerliche Versuch, die Päderastie mit pädagogischem Eifer zur höchsten geistigen Daseinsform zu erklären“, dekretierte, vielfach zitiert, Karlauf.

Den ersten Weltkrieg sah George skeptisch: „Zu jubeln ziemt nicht: kein triumf wird sein, / Nur viele untergänge ohne würde…“ In der Weimarer Republik wurde er teilweise kultisch verehrt, darunter vom später bedeutenden Historiker Ernst Kantorowicz, der gleichsam unter Georges Anleitung eine Biographie des deutschen Staufer-Kaisers Friedrich II. schrieb, und seit Mai 1923 auch von den Stauffenberg-Brüdern. Die Verleihung des ersten Goethepreises der Stadt Frankfurt 1927 lehnte der Dichter, der inzwischen Schulstoff war, ab. Für Klaus Mann verkörperte George seinerzeit „eine menschlich-künstlerische Würde, in der Zucht und Leidenschaft, Anmut und Majestät sich vereinen.“

George und die Staufenberg-Brüder 1924. https://www.tagesspiegel.de/kultur/literatur/stefan-george-biografie-wer-die-flamme-je-umschritt/1036668.html

George und die Staufenberg-Brüder 1924. https://www.tagesspiegel.de/kultur/literatur/stefan-george-biografie-wer-die-flamme-je-umschritt/1036668.html

In seiner letzten Gedichtsammlung „Das neue Reich“ nahm George 1928 vor allem die Rolle eines prophetischen Verkünders ein. Neben der Aufwertung von Irrationalität führten gerade die Begrifflichkeiten in diesem Band dazu, dass der Dichter zu einem ideologischen Vorläufer des Nationalsozialismus stigmatisiert wurde: „Die Unsicherheit, ob George eine gefährliche Verherrlichung der skrupellosesten Machtausübung lieferte oder nur kalten Auges das Teuflische an die Wand malte, ändert nichts an der Tatsache, dass seine Gedichte einige der schrecklichsten Visionen von Grausamkeit und Vernichtung bergen, die die abendländische Literatur aufzubieten hat“, dröhnt Robert Norton angesichts von Zeilen wie: „Wollt uns bewahren vor zu leichtem schlusse / Und vor der ärgsten · vor der Blutschmach! Stämme / Die sie begehn sind wahllos auszurotten“.

Karlauf relativiert, dass Spengler, Heidegger oder Schmitt in den 20er Jahren die Begriffe Reich, Nation, Führerschaft diskutierten, doch: „In dieser Diskussion ist er ein wichtiger Stichwortgeber, aber als Wegbereiter des Nationalsozialismus sollte man ihn nicht sehen.“ Da George keine politische Verwirklichung seines hierarchisch-totalitären Systems wollte, trotzte er allen Avancen der Nationalsozialisten: er lehnte die Präsidentschaft einer neuen deutschen Akademie für Dichtung, die ihm Göbbels antrug, ebenso ab wie er der von NSDAP-Seite pompös inszenierten Feier zu seinem 65. Geburtstag fernblieb. Schwerkrank begab er sich in die Schweiz und starb am 4. Dezember 1933 nahe Locarno.

„Die art, wie ihr bewahrt, ist ganz verfall“

Die Welt existierte für George nur, um als Veredelung der Schöpfung in einem schönen Werk Gestalt anzunehmen: „Strengstes maass ist zugleich höchste freiheit.“ Die strenge Bildung seiner Gedichte war für Wolfgang Graf Vitzthum die Reaktion auf eine „ungeordnete, chaotische, fließende Welt. Die geistig-kultische, integrierende Lebensgemeinschaft des George-Kreises bildete ein Korrektiv für die materialistische Deformierung und soziale Desintegration der pluralistischen Massengesellschaft.“

Dabei fallen zwei Dinge besonders auf. Zum ersten begründete George, von seinen Jüngern „Ehrwürdiger Meister“ angesprochen, mit Führerzeremonien unter der Devise „Dichten ist Herrschen“ ein Reich des Geistes, aus dem heraus er eine neue Jugendelite erschaffen wollte. Mit sich als Prophet, Patriarch und Pädagoge sollte diese nach seiner Ansicht dringend benötigte Jugendelite Deutschland kulturell erneuern: „Die art, wie ihr bewahrt, ist ganz verfall“. Die Handlungsautorität lag beim Dichter-Führer, der in fester Ordnung und gebundener Freiheit gleichsam „übergeschlechtlich“ seinen „Staat“ zu führen trachtete: „Wer je die flamme umschritt / Bleibe der flamme trabant!“

Teil des George-Kreises in Heidelberg 1919. Quelle http://www.ub.uni-heidelberg.de/bilder/ausstellung/gothein2014/virtuelleausstellung/exponate/sektion2/II_06f.jpg

Teil des George-Kreises in Heidelberg 1919. Quelle http://www.ub.uni-heidelberg.de/bilder/ausstellung/gothein2014/virtuelleausstellung/exponate/sektion2/II_06f.jpg

Ziel war, zu einem „Schönen Leben“ zu finden als eine von „vielen artistischen Fluchtbewegungen jener Zeit“ (Norbert Bolz). Dieses Leben wurde zu einem einzigartigen pädagogischen Modell als Antwort auf die künstlich-rationale Entzauberung der natürlich-idealen Welt für jene, die von George erzogen werden wollten. Es war zunächst durch Exklusivität gekennzeichnet, die sich auch in einer eigenen jugendstilnahen Ästhetik bis hin zu einer eigenen Schrift in gemäßigter Kleinschreibung niederschlug: nur Versanfängen, Eigennamen und Betonungen wurden Versalien spendiert. Ab 1904 erschienen Georges Drucke nur noch in seiner eigenen Schrifttype „StG-Schrift“, die auf seiner Handschrift basierte als Repräsentantin seines geistigen Wirkens mit reduzierten Oberlängen, minimierter Interpunktion und Punkten für Pausen in Form sinnvollen Innehaltens.

Damit – Stichwort „Geheimsprache“, die ihn zeitlebens beschäftigte – hatte George ein Mittel der Vereinheitlichung, der „Vergemeinschaftung“ geschaffen, das seine Kunst und Ideologie von allen anderen Kunstrichtungen eindeutig unterscheiden, die Geistesaristokratie von der Masse trennen und eine neue ästhetische Wirklichkeit hermetisieren sollte: „Bei George hatte die Schrift Repräsentationscharakter und stellte ein Instrument der Herrschafts- und Machtform dar“, der es gelang, geistige Homogenität zu projizieren und damit den Kreis zu stabilisieren, befand Martin Roos.

Georges Schrift. Quelle: http://www.fontblog.de/wp-content/uploads/2010/06/george_2.jpg

Georges Schrift. Quelle: http://www.fontblog.de/wp-content/uploads/2010/06/george_2.jpg

Dieses Modell war aber auch durch bestimmte Modi kommunikativer Weltaneignung gekennzeichnet: George pflegte oft im Priestergewand zu deklamieren und spezifische Arten der Rezeption von Gedichten zu zelebrieren: Abschreiben, Auswendiglernen, Hersagen, Übersetzen, Singen… „sie wurden gelebt, nicht nur gelesen“, beschrieb Vitzthum die förmlich ein Arkanum konstituierenden Rituale. „Wenn jemand in diesem Alter etwas hat, dann sind das Probleme. Probleme mit der Gesellschaft, Probleme mit Eltern, mit der Schule, mit Mädchen. Aus all diesen Problemen hat sie George durch diese Suggestion einer kleinen verschworenen Schar herausgerissen“, erklärt Karlauf.

„Leben die Bücher bald?“

Zum zweiten wirft der Charakter eines Korrektivs für „Deformierung“ und „Desintegration“ zwingend die Frage nach der programmierenden Wirkung des poetischen Wortes auf, ja des Verhältnisses von „Dichterwort und Tatentschluss“ (Vitzthum): für Edgar Salin bspw. ist die Tat vom 20. Juli vollständig aus Georgeschem Geist erwachsen. Laut Karlauf hatte George die Ambition, „dass die Dichtung die Welt verändern muss. Für ihn waren Gedichte Bomben, Attentate, Taten; und der Begriff der Tat – ein ganz anarchischer Begriff – ist einer der zentralen Begriffe in Georges Leben und führt ja dann am Ende auch zu dem Attentat vom 20. Juli. Verschwörung, Umsturz, Staatsstreich gehörten zu den zentralen Vorstellungen seines Weltbildes“.

Sein heroisch-idealistischer Anspruch sei gewesen, das eigentliche Deutschland zu verkörpern, „nicht die Bruttoregistertonnen der Schiffspassagen oder die Stahlquoten“, so Karlauf. In diesem Ethos hätte der Dichter seine jungen Freunde erzogen, unter denen man Exilanten, Mitläufer und Attentäter gleichermaßen findet – die nach Georges Tod nie wieder zusammenfanden. Dabei konnte er sich auf sein großes Vorbild Hölderlin berufen, der 1789 „An die Deutschen“ dichtete: „Oder kömmt, wie der Strahl aus dem Gewölke kömmt,/Aus Gedanken die Tat? Leben die Bücher bald?“

Dieser metaphorische Kosmos „lebender Bücher“ bestand neben der griechischen Antike auch aus Kunst und Kultur des deutschsprachigen Raumes: die Heldensagen um Siegfried und Dietrich von Bern zählten dazu, das mittelalterliche Rittertum und das Rolandslied, ebenso große Künstler und Philosophen wie Goethe, Herder und natürlich Nietzsche. Ein gemeinsamer Nenner all dieser Elemente ist nicht leicht zu finden: heldenhafte Gesinnung, mutiges Einstehen für moralische Werte gehören sicher dazu, Selbstlosigkeit, die Kraft, gegen den Strom zu schwimmen sowie ein ganzheitliches Menschenbild, wie es in der Antike und in der deutschen Klassik propagiert worden war.

Tom Cruise als Stauffenberg, kurz vor dem Anschlag. Quelle: https://www.kino.de/film/operation-valkyrie-the-stauffenberg-plot-to-kill-hitler-2008/

Tom Cruise als Stauffenberg, kurz vor dem Anschlag. Quelle: https://www.kino.de/film/operation-valkyrie-the-stauffenberg-plot-to-kill-hitler-2008/

Gerade Marion Gräfin Dönhoff vertrat entschieden die These, Stauffenberg habe „Es lebe das geheime Deutschland!“ gerufen. „Vor allem anderen war ihnen die Erneuerung der moralisch-ethischen Maßstäbe wichtig“, charakterisierte sie 1994 den „Kreisauer Kreis“ mit Stauffenberg, dessen Pläne sie bis zu einem gewissen Grade kannte. „Sie waren sich einig darin, dass ohne metaphysische Dimension weder das Individuum noch die Nation leben können“. Von „romantischer Sinnsuche“ schreibt Holger Löttel. Außerdem habe Stauffenberg in den Tagen vor dem Attentat mehrfach Georges Gedicht „Der Widerchrist“ mit seiner Warnung vor dem „Fürst des Geziefers“ rezitiert.

„Geloben wir, glücklich zu sein“

In dieser metaphysischen Dimension, meint Vitzthum, hätte Stauffenberg „…die innere Autonomie, die Distanz und die Kraft, sich dem Verhaltensdruck der gleichmacherischen ‚Projekt-‘ und ‚Volksgemeinschaft‘ und der ideologischen Einsinnigkeit der meisten Kameraden, Kollegen und Standesgenossen zunehmend zu entziehen“, gefunden. In dieser Dimension läge gar der Schlüssel für die Tat Stauffenbergs, behauptet Rüdiger Sünner und beruft sich auf einen Text aus Stauffenbergs Nachlass, der erst 1992 komplett veröffentlicht wurde und programmatisch umreißt, wie er sich das „Geheime Deutschland“, ja eine „Neue Ordnung“ nach einem geglückten Putsch vorgestellt hätte.

Es handelt sich um einen in sieben Thesen formulierten „Schwur”, der die Widerstandskämpfer zu einer festen – auch spirituellen – Einheit verschmelzen sollte. Darin heißt es in Ton und Duktus von George z.B.: „Wir bekennen uns im Geist und in der Tat zu den großen Überlieferungen unseres Volkes, das durch die Verschmelzung hellenischer und christlicher Ursprünge in germanischem Wesen das abendländische Menschentum schuf.“

Dazu passt der gemeinsame Schwur von Berthold Stauffenberg und Rudolf Fahrner, zu dem sich am Vorabend des 20. Juli die Verschwörer noch einmal versammelten: „Wir glauben an die Zukunft der Deutschen. Wir wissen im Deutschen die Kräfte, die ihn berufen, die Gemeinschaft der abendländischen Völker zu schönerem Leben zu führen“, heißt es darin, ebenfalls im Duktus von Stefan George.

Georges Grab in Minusio. Quelle http://kurt-hutterli.ch/ein-manuskript-zerfaellt-zweiter-teil/

Georges Grab in Minusio. Quelle http://kurt-hutterli.ch/ein-manuskript-zerfaellt-zweiter-teil/

Wer also war nun dieser Ästhetizist, den für Stefan Bliemel bis heute „eine über Jahrzehnte wirkende Befangenheit“ umgibt?

  • Ein Urheber „überzogener Heilserwartungen“ im Kreis seiner Jünger, deren „unausweichliche Folge Stauffenbergs Opfergang“ war (Karlauf)
  • Der „Vollender der Dekadenzdichtung“ (Walter Benjamin)
  • „Das großartigste Durchkreuzungs- und Ausstrahlungsphänomen, das die deutsche Geistesgeschichte je gesehen hat“ (Gottfried Benn)?
  • Stauffenbergs „Seelenführer im kultischen Wortsinn“ (Manfred Riedel)?
  • Oder einfach nur ein Autor von „Formungen unvergänglicher Schönheit“ (Thomas Mann)?

Wie gut, dass Kunst sich definitiven Antworten verweigert.

„Verschweigen wir, was uns verwehrt ist;
Geloben wir, glücklich zu sein,
Wenn auch nicht mehr uns beschert ist
Als noch ein rundgang zu zwein.“ (1896)

Die Nachricht las sich Ende Juni wie eine Verhöhnung aller Bildungsdebatten: mit der Deutschen Bahn verzichtet ein Staatskonzern künftig auf das Anschreiben von Lehrlingsbewerbern – vorgeblich aus Gründen der Vereinfachung. Ab Herbst müssen Bewerber nur noch ihren Lebenslauf und Zeugnisse schicken – und das auch nur noch online. „Wir wollen es den Bewerbern so einfach wie möglich machen“, begründet die DB-Leiterin Talent Acquisition Baden-Württemberg, Carola Hennemann, das Vorgehen gegenüber der dpa. Da bei der Bahn in den kommenden Jahren Tausende Mitarbeiter in Rente gehen, will der Konzern pro Jahr knapp 20 000 Mitarbeiter einstellen, darunter rund 3500 Azubis.

„Für Schüler ist das Verfassen von Motivationsschreiben besonders schwierig“, sagt Hennemann. Auch andere seien froh, wenn sie weniger schreiben müssten. Die Frage nach der Motivation stelle man dann im persönlichen Gespräch. Bahnsprecher Achim Stauss ergänzt in der ARD, dass Anschreiben immer standardisierter würden. Wenn das Verfahren gut funktioniert, will die Bahn prüfen, bei welchen Berufsgruppen es ebenfalls gut passen würde. Doch damit nicht genug. In Regionen mit Vollbeschäftigung wie in Bayern und Baden-Württemberg reicht auch eine Handykamera im ersten Schritt: Bewerben könne man sich dann mit einem 30-Sekunden-Video.

Auch andere Unternehmen überdenken das Anschreiben. Die Lufthansa verlangt es noch von Azubis, verzichtet darauf aber bei verschiedenen Berufsgruppen wie Flugbegleitern oder IT-Mitarbeitern. Auch bei der Drogeriemarktkette Rossmann brauchen es Azubis noch, manche Gruppen seit rund einem Jahr aber nicht mehr: „Letztendlich liegt es beim Bewerber, ob er uns ein Anschreiben schicken möchte“, erklärt Sprecherin Nadine Leinewerber in der Westfalenpost. Nach eigenen Angaben legt auch der Softwarekonzern SAP weniger Wert auf alte Formalitäten und achtet darauf, „was Kandidaten als Individuum“ ausmacht, so SAP-Personalchef Cawa Younosi ebenfalls in der Westfalenpost. „Die Form, wie das transportiert wird, ist nachrangig. Wir wollen keine Barrieren schaffen, die besten Talente für uns zu gewinnen.“

Die Berliner Verkehrsbetriebe BVG prüfen ebenfalls, ob sie bei Azubis das Anschreiben streichen. Henkel und Otto verzichten schon komplett auf den Begleitbrief. Andere Unternehmen halten dagegen am Bewerbungsschreiben fest, neben der Post etwa Daimler, die Berliner Stadtreinigung und der Medizinkonzern Fresenius. Die Bundesvereinigung der Arbeitgeberverbände erklärte in der Schwäbischen Post: „Jeder Arbeitgeber muss seinen eigenen Weg finden, um sich gutes Personal zu sichern.“

Will die Bahn die Dummen?

Nach Einschätzung der Marketingdirektorin Katrin Luzar von der Jobbörse „Monster.de“ nimmt aber nicht nur die Bedeutung des Anschreibens ab, sondern verschiebe sich mittlerweile auch das Machtverhältnis zwischen Bewerbern und Unternehmen. Denn die Lage auf dem Arbeitsmarkt ist für viele Menschen gut wie seit Anfang der 1990er Jahre nicht mehr. „Die Kandidaten wissen sehr gut, wie viel sie wert sind – sie werden passiver. Gerade in Bereichen wie IT und Ingenieurswesen herrscht bei den Bewerbern recht viel Zuversicht, dass man einen guten Job findet“, so Luzar.

Bewerbung. Quelle: http://www.karikatur-cartoon.de/mobbing/mobbing5_bwerbung.htm

Bewerbung. Quelle: http://www.karikatur-cartoon.de/mobbing/mobbing5_bwerbung.htm

Die Entscheidung wird allerdings auch kritisiert. So entgeht laut Maja Skubella von der Hamburger Beratungsfirma „Karriere & Entwicklung“ den Bewerbern dadurch eine Möglichkeit, im Vorfeld etwas über sich zu erzählen. Sie sagt der Südwestpresse: „Um beurteilen zu können, ob eine Bewerbung passen könnte, gehört mehr dazu, als nur die Zahlen und Fakten zu kennen.“ Richtig sei: Das Texten des Anschreibens für viele das Schwierigste.

Aber Ansprüche wegen des Fachkräftemangels so weit herunter zu schrauben, bis sie passen, ist einerseits zwar konsequent, andererseits mehr als bedenklich. Jugendliche sind es, leider, kaum noch gewohnt, in einer Art Aufsatz zu beschreiben, warum sie etwa Lokomotivführer werden wollen – im Gegenteil finden sie Spaß daran, alles Wesentliche (und Unwesentliche) in Gruppenchats in Sekundenschnelle ohne Rücksicht auf Stil und Rechtschreibung mitzuteilen. Da zugleich ihre Aufmerksamkeitsspanne schrumpft und darunter auch die Fähigkeit leidet, die eigenen Gedanken zu ordnen, kann sich das bei einer Bewerbung um einen Ausbildungsplatz verheerend auswirken. Denn hier geht es um einen wohldurchdachten Start ins Berufsleben, nicht um die Alltagskommunikation von Befindlichkeiten.

Die Radikallösung der Bahn ist kein gutes Signal: weder für andere Firmen, mit denen damit ein Wettlauf um die niedrigsten Hürden für Bewerber eröffnet wird, noch für den Bildungsstandort Deutschland und erst recht nicht für die Bewerber, die sich mit gutem Recht fragen, ob es noch auf Individualität ankommt oder nur noch auf Passgenauigkeit. Die wirklich Motivierten schreckt das Unternehmen damit nämlich ab. Wieso sollte ich für einen solchen Konzern arbeiten, wenn der jeden nimmt, dürften die sich fragen und eher einen Arbeitgeber wählen, wo Qualität mehr geschätzt wird.

Kann jemand mit millionenschweren Maschinen umgehen und zugleich die Sicherheit hunderter Menschen anhand –zigseiter Dienstvorschriften gewährleisten, wenn er keinen zusammenhängenden Text mit geordneten Gedanken mehr herstellen, kreative Mühe nachweisen kann? Die Bahn wertet sich als Arbeitgeber ab, indem sie das Image einer Firma kultiviert, bei der man sich nicht mal mehr richtig bewerben muss. Die Idee mag verführerisch sein, es allen so leicht wie möglich zu machen. Doch die Realität ist es nicht. Wenn die Bahn die Dummen will, macht sie alles richtig. Aber will sie das?

Wenn Russland in den 1. Weltkrieg einträte, endeten die Romanows in einem Blutbad. Sie endeten auch so, wenn ein Verwandter der Romanows sich an seinem Leben vergriffe. Beide Prophezeiungen verkündete Nikolai II. Romanow ein sibirischer Mönch namens Rasputin. Er hatte sich als Wunderheiler das Vertrauen der Zarin Alexandra erschlichen, die in steter Sorge um den an der damals noch unheilbaren Hämophilie erkrankten Thronfolger Alexej war, und soll, welche Ironie der Geschichte, von Putins Großvater Spiridon beköstigt worden sein, der später auch Lenin und Stalin bekochte.

Beide Orakel trafen auf schreckliche Weise ein. Das zweite in Gestalt von Großfürst Dmitri Romanow: mit ihm war ein Cousin von Nikolai II. unter den drei Rasputin-Attentätern. Das erste in Gestalt der elf Schergen des Erschießungskommandos: neben vier russischen Bolschewiki sieben ungarischen Kriegsgefangenen unter der Leitung des jüdischen Tschekisten Jankel Chaimowitsch (Jakow) Jurowski – russische Soldaten könnten sich weigern, die Zarenfamilie zu erschießen, so die Befürchtung.

Mit dem Tod von Nikolai II. endete nach 300 Jahren die erfolgreichste russische Zarendynastie am 17. Juli 1918. Die Tragödie des letzten Zaren begann mit seiner Thronentsagung am 2. März 1917: „Um mich her sehe ich Verrat, Feigheit und Betrug“, schrieb er in sein Tagebuch. Es war vor allem die seit längerem vorbereitete Revolution von oben, die den Zaren zu Fall brachte, angeführt vom späteren Präsidenten der Übergangsregierung Alexander Kerenski, der den Zaren zunächst ins Exil schicken wollte. Da die Familie selbst aber nie den Wunsch äußerte, ins Exil zu gehen, verbannte er die Romanows samt kleinem Gefolge im August 1917 ohne jede juristische Handhabe ins sibirische Tobolsk.

Rechtfertigung vor den Augen der Weltöffentlichkeit

Der Sturz der Kerenski-Regierung Ende Oktober 1917 und die damit einhergehende Machtübernahme der Bolschewiki verschlechterte die Situation für die Verbannten. Denn: spätestens seit der gescheiterten ersten russischen Revolution 1905 mit dem „Petersburger Blutsonntag“ und vor allem dem Eintritt Russlands in den 1. Weltkrieg hatten der wie sein Vater autokratisch agierende Nikolai II. und seine Familie jeden Bezug zum Volk verloren, das in bitterster Armut dahin vegetierte.

Familienbild 1913. Quelle: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/f/f9/Family_in_1913.jpg/1280px-Family_in_1913.jpg

Familienbild 1913. Quelle: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/f/f9/Family_in_1913.jpg/1280px-Family_in_1913.jpg

Den Ausschlag zur Radikalisierung Rußlands gab die laut Armin Jähne „im Volke tiefsitzende Überzeugung von der Schuld des Zaren und der Romanows am russischen Kriegsdesaster, an sozialer Ungerechtigkeit und der so vielgesichtigen Willkür in der russischen Gesellschaft. Hinzu kam das im Bewusstsein der breiten Masse fest verankerte Bild von Nikolai II. als ‚Blut‘- und ‚Hungerzar‘. Verständlich, dass eine jetzt freie Presse sensationslüstern über die Zarenfamilie herfiel“. Sie berichtete über Rasputin ebenso genüsslich wie sie aus der deutschen Abstammung der Zarin „Deutschenliebe“, ja Hochverrat konstruierte, also die Weitergabe militärischer Geheimnisse an Wilhelm II. Es gab mehrfach Versuche, die Verbannungs-Aufenthalte der Zarenfamilie zu stürmen und sie zu liquidieren.

Wilhelm II. wollte seinen Cousin nicht im Stich lassen und verfolgte im Frühjahr 1918 im Bemühen, ihm eine Brücke aus Russland heraus zu bauen, die merkwürdige Idee, dass der demütigende Brester Friedensvertrag im Nachhinein auch durch den ehemaligen Zaren in Moskau mitunterzeichnet werden sollte. Die geplante Rückverlegung in die Hauptstadt scheiterte, der Zug wurde in Omsk gestoppt und nach Jekaterinburg zurückgeleitet, wo die Familie am 30. April das Ipatjew-Haus beziehen musste – womit sie von nun an dem direkten Zugriff der Moskauer Regierung unter Lenin endgültig entzogen war. In Russland existierten nämlich mehrere revolutionäre Zentren, die nominell zwar der Regierung in Moskau unterstanden, aber unabhängig handelten. Der Ural war eins davon.

Von einem starken Industrieproletariat geprägt, war Jekaterinburg aber nur eine von mehreren revolutionären Zitadellen im Ural. Der „Besitz“ der inhaftierten Zarenfamilie stellte einen hohen Prestigewert dar, der sich auch als Druckmittel gegen die Zentralregierung in Moskau verwenden ließ, erkannte Jähne. Hinzu kam, dass in Perm, einer weiteren Zitadelle, der Zarenbruder Großfürst Michail nach einer fingierten Entführung am 13. Juni von der örtlichen Tscheka ermordet wurde.

Kurz darauf forderte Trotzki, um Nikolai und das von ihm repräsentierte politische System vor aller Welt anzuprangern, einen öffentlichen Schauprozess möglichst in Moskau. Angesichts der prekären Situation im Lande ließ sich ein solcher Vorschlag aber nicht verwirklichen: Nach den Siegen der Konterrevolution in Westsibirien wurde am 23. Juni in Omsk die Provisorische Sibirische Regierung ausgerufen, dennoch rückten weissgardistische Truppen stetig vor.

Zudem, erklärt Jähne, „dürften die juristisch geschulten Revolutionsführer um Lenin, wie schon Kerenski, gewusst haben, wie schwer es werden würde, den ehemaligen Zaren auf gerichtlichem Wege zu belangen und namentlich des Hochverrats zu überführen. Außerdem hätte die zu erwartende exemplarisch hohe Strafe im Falle Nikolais vor den Augen einer weltweiten Öffentlichkeit gerechtfertigt werden müssen.“

Ipatiev-Haus. Quelle: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/f/f9/Family_in_1913.jpg/1280px-Family_in_1913.jpg

Ipatiev-Haus. Quelle: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/f/f9/Family_in_1913.jpg/1280px-Family_in_1913.jpg

Anfang Juli übernahm die Bewachung der Romanows die örtliche Tscheka unter Jurowski – „sein Gesicht ist sehr unangenehm“, notiert die Zarin in ihrem Tagebuch. Der Vorsitzende des Uraler Gebietssowjets der Arbeiter- und Soldatendeputierten, der am 12. Juli aus Moskau zurückgekehrt war, brachte die Weisung mit, dass angesichts des nicht mehr zu stoppenden Vormarschs der weissgardistischen Armeen die flexibleren örtlichen Organe über das Schicksal der Zarenfamilie entscheiden sollten. Am 14. Juli beschloss das Exekutivkomitee des Uraler Sowjets auf einer außerordentlichen Sitzung den Tod aller im Ipatjew-Haus inhaftierten Personen.

Der eigentliche Mordbefehl kam am 16. Juli als verschlüsseltes Telegramm aus Perm an. „Ob die Moskauer Zentralregierung den Hinrichtungsbeschluss initiiert, ihm Vorschub geleistet, davon gewusst und ihn von vornherein für richtig befunden hat, kann bei der jetzigen Quellenlage nicht eindeutig beantwortet werden“, weiß Jähne.

„wegen seiner Verbrechen gegen das Volk“

Die Gefangenen haben die Ereignisse der letzten Monate ihres Lebens in Tagebüchern minutiös festgehalten: Alle Privilegien sind abgeschafft, die Lebensmittel rationiert. Bei Tisch herrscht Redeverbot. Immer neue Schikanen bedrücken das alltägliche Leben: „Wir leben wie im Kerker!“, notiert der ehemalige Zar empört und hilflos zugleich. Erstmals liest Nikolaus den Roman „Krieg und Frieden“ von Leo Tolstoj – und versteht zu spät die Lektion der Geschichte. „Mit Nicky Karten gespielt. 10 Uhr zu Bett. 15 Grad.“, so lautete Alexandras letzter Tagebucheintrag.

In der Mordnacht wird zunächst Leibarzt Botkin geweckt: In der Stadt gäbe es Unruhen, alle sollen in den Keller gehen. Der Arzt macht neben der Zarenfamilie noch den Diener, das Kammermädchen und den Koch munter. Insgesamt werden elf Menschen in dem leeren Kellergeschoss versammelt. Nikolaus II. trägt seinen kranken Sohn auf dem Arm. Gegen 1.30 Uhr betritt Jurowski mit seinen Gehilfen den Raum, lässt die Familie sich für ein „Foto“ aufstellen, verliest das Urteil und erschießt den Zaren.

Sofort eröffnen die anderen Bewaffneten das Revolverfeuer auf die ihnen zugeteilten Personen. Allerdings prallten vom in die Korsagen eingenähten Schmuck der Frauen viele Kugeln ab – die „Blutdiamanten“ sind seitdem zur begehrtesten Trophäe einer weltweiten Jagd nach dem Zarenschatz geworden. Bajonette mussten also eingesetzt werden. Die Prozedur dauerte 20 grausame Minuten.

Anschließend wurden die entkleideten Leichen in einen 15 km entfernten Schacht geworfen, jedoch am nächsten Tag wieder herausgeholt. Alexandra und Alexei sollten verbrannt werden, die Zarin wurde allerdings mit Maria verwechselt und beide an Ort und Stelle begraben. Anschließend ließ Jurowski die restlichen Leichen in eine Grube bringen, mit Schwefelsäure unkenntlich machen, mit Erde überschütten und die Stelle mit Baumstämmen beschweren, über die mehrmals ein Lkw fuhr.

Baumstämme auf dem Grab. Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Ermordung_der_Zarenfamilie#/media/File:Bridge_on_Koptyaki_Road_photographed_by_Sokolov.jpg

Baumstämme auf dem Grab. Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Ermordung_der_Zarenfamilie#/media/File:Bridge_on_Koptyaki_Road_photographed_by_Sokolov.jpg

Am 19. Juli meldete die Moskauer „Iswestija“, der Zar sei „wegen seiner Verbrechen gegen das Volk“ hingerichtet worden. Man habe Nikolai II. vor ein Gericht stellen wollen, was eine weissgardistische Verschwörung jedoch verhindert habe, so die bolschewistische Erklärung. Die Gattin und der Sohn des Zaren, hieß es weiter, seien „an einen sicheren Ort“ gebracht worden. Von den Töchtern kein Wort. Während sich nur Kreise der Monarchisten schockiert zeigten, blieb im Land die öffentliche Reaktion auf die Todesnachricht verhalten. Dies zeugt für viele Historiker davon, wie unbeliebt, ja verhasst der Ex-Zar war.

„weil viele Revolutionäre aus dem Lumpenproletariat stammten“

Das Verschwinden der Familie war zugleich der Nährboden für zahlreiche Gerüchte, die sich schnell verbreiteten. Viele Gläubige wollten, trotz der öffentlichen Bekanntmachung seiner Erschießung, den Tod Nikolais weder glauben noch wahrhaben. Erst recht unfassbar gerade im Ausland war die grausame Ermordung der gesamten Familie. Die Bolschewiki hielten an ihrer Darstellung fest. Als die Weißen gerade eine Woche später Jekaterinburg einnahmen und mit der Tatsache des Zarenmordes konfrontiert waren, setzten sie mit Nikolai Sokolow sofort einen Sonderermittler ein.

Alle Mutmaßungen und auch Hoffnungen, die den gleichsam unfassbaren Tatbestand negieren oder wenigstens relativieren wollten, erwiesen sich bis zum Beginn der 1990er Jahre als außerordentlich zählebig und ranken sich um drei Narrative: die gesamte Zarenfamilie blieb am Leben und wurde an einen geheimen Ort gebracht (Simulation ihres Todes); nur der Zar wurde exekutiert, die Familie aber verschont und an einen geheimen Ort (Kloster, die Stadt Perm) gebracht; aus der Familie überlebten einzelne Kinder das Massaker, nach der einen Version der Thronfolger, nach der anderen Anastasia.

Dennoch erschien paradox, wie rasch sich die Untat propagandistisch zu Gunsten der Konterrevolution ausschlachten ließ, „um die Bolschewiki als blutrünstige, gesetzlose Mörderbande zu brandmarken, die keine Gnade verdient: Der tote Zar konnte politisch leichter und nutzbringender instrumentalisiert werden als die vage Hoffnung, dass der ungeliebte und überflüssige Ex-Monarch noch am Leben sei und der Befreiung harre“, wundert sich Jähne.

Schon die Veröffentlichung des Buches von Sokolow 1924 ließ keinen Zweifel mehr an der Ermordung der gesamten Zarenfamilie: Bei seinen Ermittlungen fand er den Schacht, in den die Leichname in der Nacht der Ermordung geworfen wurden, entdeckte auch zahlreiche persönliche Gegenstände der Zarenfamilie, Revolverkugeln, Knochenstücke und Asche.

Keller nach der Bluttat. https://de.wikipedia.org/wiki/Ermordung_der_Zarenfamilie#/media/File:Ipatyev_house_basement.jpg

Keller nach der Bluttat. https://de.wikipedia.org/wiki/Ermordung_der_Zarenfamilie#/media/File:Ipatyev_house_basement.jpg

Der Gorbatschow-Intimus und Perestrojka-Architekt Alexander Jakowljew stellte die Tat 1992 in einen größeren Zusammenhang von „rotem Terror“, der zugenommen habe, „weil viele Revolutionäre aus dem Lumpenproletariat stammten. Das waren Menschen, die nichts besaßen, denen es an allem mangelte – die ‚Erniedrigten‘, um einen Ausdruck von Lew Tolstoj aus seinem Roman ‚Auferstehung‘ zu benutzen. Das Gefühl der Erniedrigung schlug in Extremismus der verschiedenen Spielarten um – ein Ausdruck des Willens, alles zu zerstören und tabula rasa mit der Vergangenheit zu machen.“ Er sprach von einer Eigendynamik, deren Mechanismen sich weitgehend verselbständigten und streckenweise politischer Vernunft entzogen; auch weil „die Massen ohne jede organische Struktur und Disziplin sich selbst überlassen worden waren, nachdem man sie zunächst mobilisiert hatte.“

„Unendliche Kette voller Mystifikationen“

Das Massaker im Keller des Ipatjew-Hauses war eine barbarische Dummheit im für die Bolschewiki unpassendsten Moment. Sie zwang sie zur Manipulation der Wahrheit und zog damit immer neue Lügen nach sich: „bis auf den heutigen Tag eine unendliche Kette voller Mystifikationen, Zweifeln, Hoffnungen, Hochstapeleien, voller falscher Gefühle, Heuchelei, nationalistischer Geisterbeschwörung und neuerlicher Verklärung einer fragwürdigen Vergangenheit“, wie Jähne zu Recht bemerkt.

Eine der zentralen Figuren für Hochstapeleien ist Anastasia, die jüngste Zarentochter: Verschiedene Frauen wie die Amerikanerin Eugenia Smith und eine Frau, die sich später Anna Anderson nannte, gaben sich als die überlebende Zarentochter aus. Allein acht Filme basieren auf diesem Plot. Anastasia Romanowa ist zudem ein spielbarer Charakter in zwei Videospielen.

Der Tod machte den verachteten Zaren noch einmal groß und zum Märtyrer. Deshalb sollte nichts mehr von ihm künden, und die Leichname sollten für immer unauffindbar sein. Selbst das zum Museum umgestaltete Ipatjew-Haus wurde am 27. Juli 1977 auf Weisung Boris Jelzins, damals örtlicher Parteisekretär, abgerissen. Als 1978 ein Jekaterinburger Einwohner eine Wegbefestigung aus Baumstämmen als Grab enttarnte und menschliche Schädel mit Säurespuren entdeckte, weigerten sich alle Experten, die Schädel zu untersuchen, so dass sie der Finder wieder an der Fundstelle vergrub.

Romanow-Begräbnis. Quelle: https://hips.hearstapps.com/toc.h-cdn.co/assets/16/40/4000x2586/gallery-1475677457-romav-burial.jpg?resize=980:*

Romanow-Begräbnis. Quelle: https://hips.hearstapps.com/toc.h-cdn.co/assets/16/40/4000x2586/gallery-1475677457-romav-burial.jpg?resize=980:*

Erst nach dem Ende der Sowjetunion wurden 1991 bei offiziellen Ausgrabungen Schädel und Skelettteile von neun Opfern gefunden: fünf weiblichen und vier männlichen, die sich als sterbliche Überreste von Nikolaus II., seiner Frau Alexandra, der Zarentöchter Olga, Tatjana und Anastasia sowie der vier Bediensteten der Zarenfamilie erwiesen. Laut Chefermittler Wladimir Solowjow wurde dazu sogar eine Blutprobe von Prinz Philipp, Prinzgemahl der britischen Königin Elisabeth II., genommen, da er ein entfernter Verwandter von Zarin Alexandra Fjodorowna war.

Die so identifizierten Romanows wurden in ihrer Familiengruft in St. Petersburg im Juli 1998 mit einem Staatsbegräbnis beigesetzt. Der damalige russische Präsident Jelzin besuchte die Zeremonie, während der damalige Patriarch der Russisch-Orthodoxen Kirche Alexei II. seine Teilnahme verweigerte. Allerdings sprach die Kirche am 20. August 2000 Nikolai und seine Familie aufgrund ihres Märtyrertodes heilig und errichtete 2003 am Platz des Ipatjew-Hauses die „Kathedrale auf dem Blut“, heute ein Wallfahrtsort und wichtiger Touristenmagnet vor allem für Reisende mit der Transsibirischen Eisenbahn. Die Zarenfamilie ist überlebensgroß um ein orthodoxes Steinkreuz gruppiert, ihre erstarrten Gesten wehren unsichtbare Angreifer ab, ihre Gesichter spiegeln ewige Todesangst.

Die Überreste von Kronprinz Alexej und Großherzogin Maria wurden erst im Jahr 2007 unweit von Jekaterinburg gefunden und in Österreich identifiziert. Sie befinden sich im russischen Staatsarchiv und sind trotz mancher Ankündigung bislang nicht offiziell beigesetzt worden. Die Untersuchungen zur Identität der Überreste der königlichen Familie wurden 2015 auf Antrag der Russisch-Orthodoxen Kirche wieder aufgenommen: Die Kirche erkennt die exhumierten Knochen nicht als Überbleibsel der Romanows an, denn dann wären sie Reliquien. Das Untersuchungsergebnis sei von Politikern bestellt worden, die ihre historische Schuld am Zarenmord verschleiern wollten. Die Kirche könne nicht zulassen, dass in ihrem Namen häretische Heiligtümer verehrt werden. Das Ende des Streits ist offen.

Jekaterinburg: Kathedrale. Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Ermordung_der_Zarenfamilie#/media/File:Yekaterinburg_cathedral_on_the_blood_2007.jpg

Jekaterinburg: Kathedrale. Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Ermordung_der_Zarenfamilie#/media/File:Yekaterinburg_cathedral_on_the_blood_2007.jpg

Bleibt noch das Ende von Zarenmörder Jurowski nachzutragen: 1920 brachte er den Schmuck der toten Romanows nach Moskau, was ihm der neue sowjetische Staat mit mittelwichtigen Posten dankte: als Verwaltungsdirektor in der Arbeiter- und Bauerninspektion, dann als Direktor des Staatlichen Polytechnischen Museums. Er starb 20 Jahre nach der Tat an einem Magengeschwür.

In einem von Rankings und Quoten befeuerten „kulturellen Kapitalismus“ habe die Gesellschaft ihre Bindungskraft verloren – im Gegenteil gehe es jedem Individuum um die narzisstische Anhäufung von – überdies versatzstückhaftem – „Singularitätskapital“. Gewandelt zu einer globalisierten und digitalisierten „Superstar-Ökonomie“, die ihr Geld mit der Bewirtschaftung von Images und Narrativen macht, gehört in diesem Kapitalismus zu den Verlierern, wer oder was nicht als etwas Besonderes wahrgenommen wird. Im gnadenlosen Profilierungswettbewerb auf Märkten, die sich also weniger nach Leistungs- denn nach Attraktivitätskriterien definieren, leben die Gewinner, die eine hochqualifizierte, jedoch nicht klassisch vermögende neue Mittelklasse bilden, das eigene Leben nicht mehr, sondern legen aus Statusgründen mehr Wert darauf, ihr Leben zu „kuratieren“.

Die Märkte, Marktakteure und Marktmechanismen eines so entworfenen zeitgenössischen Vergesellschaftungssystems zu beschreiben ist das Anliegen von Andreas Reckwitz‘ Pamphlet „Die Gesellschaft der Singularitäten“. Dabei ist „Pamphlet“ bewusst gewählt, exerziert das Buch doch beispielhaft, was passiert, wenn ein Text auf einer falschen, aber politisch korrekt ausbeutbaren  Annahme gründet, die der Autor für wahr befindet und selbst bei deren Mehrfachversagen nicht revidiert, sondern blindlings zu Ende schreibt: hier in die Falschheit eines dekretierten Radikal-Individualismus hinein, der die psychische Gesundheit des Individuums unterminiert und damit letztendlich dessen Da-Sein als Mensch-Sein negiert.

Diese falsche Annahme ist die Unterstellung, dass seit ca. den 70er Jahren das quantitative Selektionsprinzip medialer Informationspräsentation zum qualitativen Existenzprinzip sozialer Informationsrepräsentation mutiert sei. Das Selektionsprinzip brachte ein Lokalredakteur der amerikanischen „Sun“, John B. Bogart, schon 1880 so auf den Punkt: „When a dog bites a man, that’s not news, but when a man bites a dog, that’s news.“ Oder, ebenfalls in Bogarts Worten: „News is what’s different“. Das Existenzprinzip wiederum formuliert Reckwitz bereits im ersten Satz seines Buchs: „Wohin wir schauen in der Gesellschaft der Gegenwart: Was immer mehr erwartet wird, ist nicht das Allgemeine, sondern das Besondere.“ Ist die Realität zum Massenmedium verkommen, sind wir alle zu (schlechten) Journalisten, im BILD-Sprech „Leserreportern“ degeneriert?

Es scheint in Reckwitz‘ Logik formal zu passen, diesen Mutationsprozess zunächst simpel als verabsolutierte Medialisierung zu begreifen: gerade Massenmedien transportieren inzwischen weniger Informationen denn Affekte. Das Buch offenbart da auch (ungewollt?)  kommunikationswissenschaftliche Gedankengänge, zumal man mit Bezug auf Novalis‘ Theorie des „Prozeß der Geschichte“, den jener gleichsam als Verbrennungsprozess interpretiert, auch elegant das Burn-out-Potential seines „Aktivismus-Diktats“ und der damit einhergehenden „Verzichtaversion“ mit seinen vielen Krisensymptomen (Depression als neue Volkskrankheit, Verlust von Gerechtigkeits- und anderen Maßstäben, Orientierungslosigkeit, Überforderung, ja Verabschiedung aus dem anstrengenden Dauerwettbewerb…) erklärt hätte, das der Autor seitenlang ausbreitet und dabei eine interessante psychologische These entwirft. Denn während gemeinhin gilt, dass eine Enttäuschung durch ein nicht erfülltes Erdachtes zur Depression führt, postuliert Reckwitz spezifischer ein „Enttäuschungsrisiko, wenn man den hohen Anforderungen an sich selbst nicht genügt.“

Allerdings nimmt Reckwitz keine der gängigen Prozessdifferenzierungen vor (bspw. nach kausalen, deterministischen und zufälligen, stochastischen) noch erklärt er die Instanz des „was“, die das Besondere erwartet. Dieses Weglassen alles Essentiellen, das die Gedankengänge und damit auch die Richtung des Textes beeinflussen könnte, ist ein leider immer wiederkehrender Aspekt des Buchs, das sich darin gefällt, die eine Oberflächlichkeit mit der anderen zu ersetzen: wir treffen viele außensichtige Schilderungen, die fast krampfhaft innensichtige Reflexionen zu vermeiden trachten.

Natürlich kommen dem Bewanderten sofort die dialektischen Gesetze in den Kopf, insbesondere das vom Umschlagen von Quantitäten in eine neue Qualität. Dass aber viele „Besonderheiten“ zu einem neuen Speziellen aufsteigen, hatte Engels damit nicht gemeint. Mit andern Worten: Reckwitz hört immer dann auf zu schreiben, wenn es wehtun könnte. „Insgesamt herrscht der Eindruck vor: Reckwitz bleibt erstaunlich gelassen angesichts seiner Diagnosen“, findet auch Andreas Richartz auf dem artblogcologne.

Ein Beispiel. Eine „digitale Bewirtschaftung“ der Gesellschaft konstatierend, fragt der Autor, was und wie im Internet bewertet würde, welche Bücher, Filme, Musikstücke als besonders und welche als bloße Massenware gälten. Da tobten Valorisierungs- und also Bewertungskonflikte, bei denen die Bedeutung der Gefühle nicht zu unterschätzen sei: Das Besondere zeichne sich dadurch aus, dass es uns anziehe und berühre. In diesem Sinne könne man von einem „affective turn“, einem starken Bedeutungsgewinn der Affekte in der Spätmoderne sprechen. Zu verstehen sei der auch als Reaktion auf einen Affektmangel in der Massengesellschaft der klassischen Moderne. Ermöglicht worden sei dieser Strukturwandel hin zur Gesellschaft der Singularitäten vor allem durch eine starke Kulturalisierung und Globalisierung der Ökonomie und einen Innovationsschub bei der digitalen Technologie.

Cover. Quelle: https://www.suhrkamp.de/cover/640/58706.jpg

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All das ist zunächst einleuchtend und folgerichtig dargestellt. Entscheidend ist aber nicht dass, sondern wie und warum Bücher, Filme, Musikstücke… so positiv oder so negativ bewertet werden und von wem (Stichwort Fake-Accounts). Wer nur eine „Wertzuweisung“ konstatiert, ohne Werte, Wertende und Wertmaßstäbe in den Blick zu nehmen, kann notgedrungen nicht zu Tiefenbefunden gelangen. Man stelle sich vor, dass man bei einer halbstündigen Fahrt durch eine vormittägliche, studentisch geprägte Großstadt 20 Ampelkreuzungen passiert, und bei 15 davon erlebt man junge männliche Radfahrer, die rote Ampeln missachten. Am Nachmittag darauf sind es 3 an 13 Kreuzungen. Und zwei Tage später mittags wieder 7 an 16, und so geht das vielleicht ein paar Wochen fort. Natürlich kann man dann ein verkehrspsychologisches Buch über die Aggressivität junger männlicher Großstadt-Radler schreiben und darin behaupten, dass heute als normaler Verkehrsteilnehmer gilt, wer Rot für das neue Grün hält. Aber diese Behauptung ändert halt nichts an der Bedeutung der Farben oder setzt gar die StVO außer Kraft. Genau dieser Ansatz aber scheint der „Gesellschaft der Singularitäten“ zugrunde zu liegen. „In seiner Theorie der Spätmoderne verknüpft Reckwitz so ziemlich alle ärgerlichen und verwirrenden Auswüchse der Gegenwart zu einem logischen System“, tadelt Meredith Haaf in der SüZ. Mir fällt kein Buch ein, während und nach dessen Lektüre ich in den letzten Jahren so ratlos, verärgert, teilweise auch wütend war und dem Autor gedanklich mehrfach „Kehr um“ zugerufen habe.

Singularität als logischer Endpunkt der Standardisierung

„Was heute als exzeptionell gilt, kann morgen schon entwertet und als konformistisch oder gewöhnlich eingestuft werden“, lautet ein eher selbstverständlicher Befund in der Einleitung, dem sich bereits auf Seite 11 Reckwitz’ leitende These anschließt:

„In der Spätmoderne findet ein gesellschaftlicher Strukturwandel statt, der darin besteht, dass die soziale Logik des Allgemeinen ihre Vorherrschaft verliert an die soziale Logik des Besonderen. Dieses Besondere, das Einzigartige, also das, was als nicht austauschbar und nichtvergleichbar erscheint, will ich mit dem Begriff der Singularität umschreiben.“

In der Folge überträgt Reckwitz Phänomene singularistischer Lebensführung auf Lebensstile, Klassen sowie Subjekt- und Politikformen. Die Themenkreise, die jeweils einzelnen Kapiteln entsprechen, scheinen zunächst keiner logischen Selektion oder Reihung zu folgen: soziale Moderne, postindustrielle Ökonomie, singularisierte Arbeitswelt, digitalisierte Kulturmaschine, singularistische Lebensführung und „differenzieller Liberalismus“ als Ausdruck des neuen „Politischen“.

Der Autor erläutert zunächst das Entstehen und die Ursachen der von ihm so bezeichneten Singularitäten und stellt die Inhalte der einzelnen Kapitel vor. Auch im weiteren Verlauf des Buches werden den neuen Abschnitten kurze Zusammenfassungen des Vorhergesagten voran- sowie wichtige Kennwörter und Formulierungen kursiv dargestellt. Den formalen Leseerleichterungen stehen allerdings manche Wortungetüme („Authentizitätsperformanz“, S. 137, „apertistisch-differenzieller Liberalismus“, S. 373; oder „vernakuläre Kulturalisierung“, S. 385), ja ganze Schwurbelsätze gegenüber: „Kultur im starken Sinne hat in ihrer Valorisierungs- und Affizierungsstruktur immer die Form eines Nichtrationalen beziehungsweise eines Mehr-als-Rationalen jenseits der produktiven oder intersubjektiven Nützlichkeit.“ Nun ja.

„Prozesse der Singularisierung, Valorisierung und Kulturalisieriung“ würden in der Spätmoderne „leitend und strukturbildend“: Sie lösen eine „Logik des Allgemeinen“ ab, die noch für die alte, industrielle Moderne kennzeichnend war. Fließbandfertigung, Massenkonsum und Sozialstaat, so Reckwitz, hemmten und eliminierten in der industriellen Moderne das Außergewöhnliche zugunsten des Funktionellen, begünstigten das Kollektive zulasten des Individuellen – es herrsche der Geist einer normierten Normalität, in der „außengeleitete Charaktere“, „sozial angepasste Persönlichkeiten“ (Riesman)  ein regelhaftes Leben führten und an ihrer „Einpassung“ in die „nivellierte Mittelstandsgesellschaft“ (Helmut Schelsky) arbeiteten. Das kann man so sehen.

Die Orientierung am Besonderen könne allerdings für die Einzelnen auch zum Zwang werden. Durch die Abwertung des Mittelmäßigen und Konformen sei ein großer Profilierungsdruck entstanden, der nicht nur alle Lebensbereiche erfassen, sondern auch die Schere zwischen erfolgreichen und erfolglosen Menschen immer größer werden lassen könne. Ein Grund dafür sei, dass erbrachte Leistungen heute Erfolg nicht mehr garantierten. Auch das ist zunächst nicht falsch.

Für Reckwitz ist der Wandel vom Allgemeinen zum Besonderen, vom „Standardisierten“ zum „Einzigartigen“ der Kulturalisierung des Sozialen aber die einzige Ursache, die zur Entstehung der von ihm bezeichneten Singularitäten von Individuen, Dingen und Ereignissen führt. Diese Monokausalität negiert eine Vielzahl historischer Entwicklungen, die der Autor mit Ausnahme der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung (warum gerade der?) so gut wie nicht anspricht: das Verschwinden von Adel und Großbürgertum als richtungsweisender, kulturell-normativer Kraft;  der Siegeszug der Populärkultur, die sich mit Beginn der fünfziger Jahre sintflutartig ausbreitete; die Nachkriegsgeneration, die Entbehrungen nur vom Hörensagen kannte und für die Werte wie Pflichterfüllung und Aufopferungsbereitschaft keine Bedeutung mehr hatten; ein daraus resultierendes Hedonistentum, das einen Mangel an Lebensnotwendigem nicht kennt, da alles im Überfluss vorhanden war und ist – all das findet auf den über 400 Seiten nicht statt, leider nicht statt.

Denn wir haben es nicht nur mit einer Welt zu tun, in der zum Zwecke der Optimierung, Berechenbarkeit und Effizienzsteigerung normiert, typisiert, standardisiert und generalisiert wurde. Nein, systemische Abstraktion und Generalisierung ist zunächst das Grundprinzip von Wissenschaft. Das wiederum wirft sofort die Frage auf, ob eine Gesellschaft wünschenswert ist, die – überdies künstlich – erzeugte individuelle Gefühle dem objektivierten, wissenschaftlichen Verstand unterordnet, ja die eine „Klickökonomie der Wahrnehmung“ einer „Relevanzökonomie der Verarbeitung“ vorzieht. Diese Frage, wie viele andere auch, stellt Reckwitz gar nicht geschweige beantwortet er sie.

Generalisierung ist aber auch ein kognitiver Wahrnehmungsmodus: erworbene Erfahrungen geben der Informationsaufnahme und –verarbeitung eine Richtung vor, um diese Informationen ins System einzuordnen und handhabbar zu machen, d.h. adäquat zu handeln. Zu einer Systemänderung kommt es erst, wenn zu viele neue Informationen mit der alten Regel nicht mehr handelbar sind und eine neue aufgestellt werden muss. Jedes Curriculum verallgemeinert Bildungsfähigkeiten, jede Krankenkasse Erkrankungen, jeder Versicherer Versicherungsfälle, das ist ein völlig normaler Vorgang – der in Reckwitz‘ Kosmos aber denormalisiert, oder neudeutsch: dekonstruiert wird.

Der Autor spannt in der Einleitung auch ein kompliziertes Koordinatensystem auf, das den sechs Kapiteln eine nachvollziehbare Ordnung geben soll. So könnten zunächst fünf Einheiten des Sozialen zum Gegenstand von Prozessen der Singularisierung werden: Objekt und Dinge, menschliche Subjekte, Kollektive, Räumlichkeiten und Zeitlichkeiten – man kann durchaus von kompositorischer Singularität sprechen. Diese Prozesse ließen sich in – auch mehrfach auftretende – Praktiken der Beobachtung, der Bewertung, der Hervorbringung und der Aneignung differenzieren, die die Praxis des bloßen „Lebensstandards“ als Ziel in der alten Industriegesellschaft deutlich übersteige.

Die Einheiten des Sozialen wiederum ließen sich mit fünf – nicht trennscharfen – Qualitäten unterscheiden und qualifizieren: der ästhetischen, narrativ-hermeneutischen, ethischen, gestalterischen und ludischen (spielerischen). In jedem Kapitel werden dann pro Einheit, Praxis und Qualität die Phänomene aufgegriffen, die der Autor jeweils für relevant hält. Diese wiederholen sich nicht nur oft, es liegt auch in der Logik von Reckwitz‘ Kosmos, dass er alles mit allem verbindet, beschreibt, im Raum stehen lässt, 2 oder 20 Seiten später wieder aufgreift… daher ist die Besprechung nach Kapiteln auch nur eine hilfsweise, die die Stofffülle bändigen und zu viel Redundanz verhindern mag.

1 Der Themenkreis „soziale Moderne“

Die Industrie-Moderne war nach Reckwitz eine „Standardisierungsmaschine“, die Lebensläufe einander anglich – heute sei der Durchschnittsangestellte mit Durchschnittsfamilie eine „konformistisch erscheinende Negativfolie“. Dass ausgerechnet dieses traditionelle, fast schon als überkommen geltende Familienmodell aus wissenschaftlicher Sicht das Glück der Familie zu mehren scheint, wie die ZEIT jetzt, wissenschaftlich bestätigt, zugeben musste, ist da sicher eine lässliche Sünde. Der kulturelle Kapitalismus hingegen verlange von seinen Mitspielern, dass sich jeder als Besonderheit, als Singularität, als Individuum mit Alleinstellungsmerkmal vermarkte – man könnte auch „seriell eingeforderte Einzigartigkeit“ sagen, der Autor nennt das „Singularitätsprestige“. Allerdings: da nur dann in der Welt etwas gelte, wenn es interessant und wertvoll ist, herrsche in der von den sozialen Medien unterfütterten Überflussgesellschaft nicht mehr ein Mangel an Gütern und Informationen, sondern an Aufmerksamkeit und Wertschätzung.

Der fundamentale Strukturwandel unserer Zeit liege also in der Verschiebung der sozialen Logik: Das Singuläre – das Einzelne, Besondere, Hyperindividuelle – dominiere das Allgemeine. Während also die Moderne mit all ihrer Normativität, ihren Standardisierungen von Abläufen, ihren Ideal-Typen, ihrer Formatierung und ihren sozialen Begrenzungsmechanismen eine einzige „Generalisierungsmaschine“ war (Reckwitz‘ Hang zu Maschinenmetaphorik fällt durchaus auf), würden seit etwa den Achtzigerjahren die Global Player von Wirtschaft und Kultur daran arbeiten, Güter, Leistungen und Subjekte in den gegenteiligen Zustand zu bringen. Dazu könnte man fast „ökonomischer Machiavellismus“ sagen. Reckwitz spricht von der Kulturalisierung der Ungleichheit.

Insofern fände in unseren zeitgenössischen Arbeits-, Konsum- und Kommunikationsstrukturen nur gut Platz, wer ein Einzelner sein kann – mit bestmöglich ausgebildeten Kapazitäten und Kompetenzen. Gesellschaft ist in dieser Logik nicht mehr vorrangig dazu da, um Teil von ihr zu sein, sondern um vor ihr zu glänzen: man könnte das Zeitalter des Hyper-Individuums ausrufen. Reckwitz versteigt sich zu der These, dass wir das nicht der Selbstoptimierung wegen machen, sondern weil wir es auch so wollten. Wer uns umgibt, tut das nicht in erster Linie als potentieller Partner, Verbündeter oder Kontrahent, es gehe gar nicht so sehr darum, sich in ein Verhältnis zum anderen zu setzen. Wer uns umgibt, dient eher dem eigenen Wertabgleich. Da kann man auch gleich das Ende jeder Beziehung ausrufen bzw., um in Reckwitz‘ Diktion zu bleiben, von Entzweiungsmaschine reden. Ein fürchterliches Szenario: Schon Fortpflanzung ist auf eine (Zweier)Gemeinschaft gegründet, bei einer Familie sind es mindestens drei, die ein Verhältnis, auch ein Wertverhältnis, eingehen und leben, nicht aber sich in dasselbe „setzen“. Ein neues Entfremdungsbuch also? Ja, aber noch weit mehr.

„Das spätmoderne Subjekt“, schreibt Reckwitz, strebe „für sich und sein Leben nach Befriedigung im Besonderen“. Wertschätzung ist dann eine Erfahrung, die – in beruflichen, politischen, aber auch privaten Kontexten – aber immer seltener etwas mit Zugehörigkeitsgefühlen oder Sicherheiten zu tun hat, sondern immer häufiger mit eher flüchtigen Zuwendungen von Aufmerksamkeit. Auf dem Arbeitsmarkt ist das vor allem für diejenigen spürbar, die mit befristeten Verträgen oder als Sub-Unternehmer oder freie Mitarbeiter beschäftigt sind.

Denn: „Als singulär können dabei sämtliche Eigenschaften und Aktivitäten des Subjekts erscheinen: seine Handlungen und kulturellen Produkte, seine Charakterzüge, sein Aussehen und andere körperliche Eigenschaften, auch seine Biografie. Sie müssen jedoch in irgendeiner Weise performt werden, um nicht bloße Idiosynkrasie zu sein, sondern als Einzigartigkeit anerkannt zu werden” (S. 80). Die entstandene neue Mittelklasse sei stark geprägt von einem doppelgesichtigen Liberalismus. Zum einen habe der Wirtschaftsliberalismus zu einer Öffnung und Deregulierung der Märkte geführt. Zum anderen habe die Neue Mittelklasse sich aber auch kulturell und politisch geöffnet, einem linksliberal geprägten Kulturkosmopolitismus zugewandt. Im Gegenzug werde das Provinzielle stark abgewertet.

Auf diese doppelte Öffnung gebe es nun verstärkte Gegentendenzen. Reckwitz sieht hier ein Erstarken des „Kulturessenzialismus“. Rechtspopulistische, nationalistische, religiös-fundamentalistische, teilweise auch ethnische Gruppen würden kollektive Identitäten wieder stark machen. Sie setzten auf das Eigene, das Heimische und eine in sich homogene wie abgeschlossene Gemeinschaft. Diese Reaktionen würden vor allem getragen von der Neuen Unterklasse und der alten Mittelschicht.

Das liest sich wie eine soziologische Erklärung der Heimatbesinnung: den Phänomenen der Singularisierung wollen die singularisierungsunwilligen Neu- und Alt-Armen also eine erneute soziale, aber auch räumliche „Kollektivierung“ entgegensetzen. Indirekt bestätigt das Reckwitz durch seine Feststellung, dass sich auch andere „Kollektive“ formierten, die unter den Begriff der „Neogemeinschaften“ gebracht werden könnten. Was postmigrantische, regionale, aber auch nationalistische Kollektive verbinde, sei die starke Profilierung einer eigenen, besonderen Identität. Deutschland ist aber keine Neogemeinschaft!

Teile der Gesellschaft aber erwarten und verlangen Regulierung. Zum einen wirtschaftspolitisch, das gilt als „links“ und heißt „Obergrenze für Managergehälter“. Zum anderen gesellschaftspolitisch, das gilt als „rechts“ und heißt „Obergrenze für Einwanderung“. Nun zeigen aber die populistischen Wählerwanderungen in Frankreich und Italien, aber erst recht die von der Linkspartei oder der SPD zur AfD, dass diese Regulierungsbedürfnisse nicht klar in gut/links und böse/rechts zu trennen sind, sondern sich überschneiden: Reckwitz spricht von „Kommunitariern“. Es geht nicht nur um soziales Abgehängtsein, sondern auch um das Gefühl kultureller Herabsetzung im Sinne von Verächtlichmachung alles Tradierten.

2 Der Themenkreis „postindustrielle Ökonomie“

Dieses Kapitel kommt wie auch das nächste ohne die Fundierung bedeutsamer wirtschaftspolitischer Machtakte wie zum Beispiel die Deregulierung des Finanzsektors aus, wirkt teilweise harmlos und bleibt insgesamt eher bei einer Analyse des Verhaltens von Konsumenten und Arbeitnehmern. Reckwitz betont zunächst, dass „Singularisierung“ unter ökonomischer Perspektive ein funktionales Standardprodukt in ein Einzigartigkeitsgut verwandelt, indem sie dieses ästhetisch, affektiv und narrativ auflädt.

Andreas Reckwitz. Quelle: http://www.thomasius-club.de/wp-content/gallery/2016-05-andreas-reckwitz/Reckwitz_2.jpg

Andreas Reckwitz. Quelle: http://www.thomasius-club.de/wp-content/gallery/2016-05-andreas-reckwitz/Reckwitz_2.jpg

Er konstatiert einen systemischen Wandel der Ökonomie, einen Wandel von der Industriewirtschaft hin zu einem kulturellen Kapitalismus, der immer mehr zu einem Kapitalismus der Zeichen und Erlebnisse sowie der kreativen Objekte wird. Da dieser Wandel neue Konsumentenschichten und Absatzmärkte erschließe, habe die Ökonomie selbst ein Interesse an ihm. Gegründet sei er zum einen auf der medientechnologischen Entwicklung der Digitalisierung: Das Internet sei eine Plattform zur Profilierung von Singularitäten, denn nur diese zögen Aufmerksamkeit auf sich. Gegründet sei er zum anderen auf der Trägergruppe der neuen Mittelklasse als Produkt von Bildungsexpansion und postmaterialistischem Wertewandel, die die Singularisierung als zentralen Antrieb ihres Lebensstils begreife. Das deutet zwei Problemkreise an: die mediale Aufmerksamkeitsschlacht und den personalen Wertewandel.

„Noch bevor sich die Frage der Kommerzialisierung und des finanziellen Profits stellt“, bringt Reckwitz die Funktionsweise des „Kulturkapitalismus“ auf den Punkt, „wird die Einzigartigkeit selbst kapitalisierbar, das heißt, sie kann zum akkumulierbaren Kapital werden, das Erträge ganz ohne zusätzliche Arbeit abwirft.“ Man könnte das auch „soziale Fabrikation des Einzigartigen“ nennen. Denn Güter finden ihre Bewertung eher über die Art, wie sie sich präsentieren, weniger über die Frage ihrer tatsächlichen Nützlichkeit. Im alten Industriekapitalismus gab es Standardmärkte und Güter, die leicht über den Preis oder den Nutzen vergleichbar waren. Der kulturelle Kapitalismus lebt dagegen von Gütern, die den Anspruch haben, einzigartig zu sein.

Dieser Anspruch hänge jedoch von teilweise unberechenbaren Formen des Erlebens und Bewertens ab. Das beginnt bei den traditionsreichen Märkten für kulturelle Güter wie Kunstwerke, Literatur oder Musik: Hier herrscht, was Ökonomen als „the winner takes it all“-Märkte bezeichnen. Es gibt also Güter, die viel Aufmerksamkeit auf sich ziehen und als einzigartig valorisiert werden – wie bekannte große Musikstücke oder vielgelesene Romane. Und es gibt andere, denen die „Vermarktlichung“ ihrer Güter nicht gelingt, was dann eine Polarisierung nach sich zieht.

Wenn das Publikum als Zertifizierungsinstanz auftritt, verhält es sich widersprüchlich und unberechenbar. Die Unberechenbarkeit der Anerkennung, auf der der Erfolg von Singularitätsgütern als ungewisse Güter auf Nobody-knows-Märkten beruht, bedingt eine „Überraschungsökonomie“, da niemand vorhersagen kann, welcher neue Roman zum Bestseller oder welches Computerspiel zum Hit des Weihnachtsgeschäfts wird. Herausragende kreative Leistungen werden nicht immer erkannt und mit Wert bemessen, oft führen sie nicht zum Erfolg. Wenn Kreativität gesellschaftliche Anerkennung ermöglicht, kann ein Nachlassen der Fähigkeit die soziale Herabstufung oder den Ausschluss mit sich bringen.

Fast ist man an das Bonmot des legendären Bundestrainers Sepp Herberger erinnert: „Die Leute gehen ins Stadion, weil sie nicht wissen, wie es ausgeht“. Nicht mehr der Kampf um knappe Güter ist für die Spätmoderne konstitutiv, sondern der Kampf um die Aufmerksamkeit des Publikums und dessen Mobilisierung. Aufmerksamkeit muss gelenkt, intensiviert und gefiltert werden, ein höchst dynamischer Prozess. In diesem Sinne ist die Singularitätskultur im Unterschied zum auf Standardisierung und Marktförmigkeit ausgerichteten Spätkapitalismus eine höchst riskante Kultur.

So hat Klaus-Dieter Felsmann im Blättchen richtig erkannt, dass einen höheren Status erlangt, wer kulturelle Singularitätsgüter verfertigt, als jene, die sich um das Profane, Nichtsinguläre kümmern. Divergierende Lebensstile führen dann aber auch zur Polarisierung sozialer Räume. Die Orientierung am Wertvollen versuche die neue Mittelklasse in alle Bereiche ihres Alltags, weit über die klassische Kunst hinaus, einzubauen. Aber diese Wertzuschreibung ist mitunter hochgradig umstritten. Was ist denn wertvoll? Vegane Ernährung, eine Netflix-Serie, ein Reiseziel? Die Dynamik der Valorisierung des Wertvollen und Singulären prägt das soziale Leben aber in großen Bereichen, wovon bspw. Bewertungsportale im Internet künden. Dass man Bewertungen aber auch kaufen kann, lässt Reckwitz ebenso außer acht auch wie Andersons Theorie vom „long tail“, wonach Anbieter virtualisierbarer Produkte den Großteil ihrer Umsätze mit Nischenprodukten machen.

Wenn also Einzigartiges von Aufmerksamkeit und Bewertungsdiskursen abhängt, sind das soziale Prozesse, die ein bestimmtes Zufallselement aufweisen, das zu ergründen ebenso spannend wie nötig ist. Worauf richtet sich die Aufmerksamkeit, wem gelingt ihr Signalement, wie wird valorisiert? Mit industriegesellschaftlichen Kriterien der Leistungsgerechtigkeit sind diese Prozesse kaum mehr vereinbar. Das gilt für viele Bereiche der Ökonomie, ja der Gesellschaft insgesamt. Allerdings vermeidet Reckwitz sowohl die Frage, ob „Leistungsgerechtigkeit“ ein natürlich empfundener oder ein imaginierter, erdachter Zustand ist, als auch die Ergründung an sich.

Die Folgen allerdings thematisiert er sehr wohl: da im Unterschied zur organisierten Moderne, die Standardprodukte und (wachsenden) Lebensstandard zum Ziel hatte, die Ökonomie der Spätmoderne auf Singularität und Lebensqualität ausgerichtet sei, ist sie nicht leistungs-, sondern erfolgsorientiert und bringt für viele die frustrierende Erfahrung mit sich, dass sich Arbeitseinsatz und -erfolg entkoppelt haben. Es reiche nun nicht mehr, sein Arbeitspensum zu erfüllen – der „Selbstverwirklichungsimperativ“ verpflichte zu einem interessanten und erfüllenden Beruf, andernfalls man als Langeweiler aus den Aufmerksamkeitsmärkten aussortiert wird. Kein Wunder also, dass die Erschöpfungsdepression zum „emblematischen Krankheitsbild“ der Spätmoderne geworden ist. Es ist dies freilich ein Bessergestelltenleiden, quasi die Pathologie der Gewinner.

Der Kult des Singulären, Abweichenden, Besonderen erweist sich als eine der erfolgreichsten Strategien im Kampf um eine Aufmerksamkeit, die auch ökonomisch messbar ist: ein und dasselbe Tattoo etwa ziert nicht nur „viele“, sondern auch Fußballspieler oder Rockstar, emblematischen Figuren des Wilden und Ungezähmten, bei denen sich inszenierte Dissidenz und ökonomischer Erfolg verbinden. Gerade solche Stars aus Sport und Pop könnte man als Speerspitze jener Ökonomie der Singularisierung begreifen, die sämtliche Bereiche spätmoderner Gesellschaften durchziehen. Aber die Identifikation von Frustrierten mit Etablierten ist ebenso kurzfristig wie fraglich, und: Aufmerksamkeit setzt Reckwitz als Wert per se, vermeidet aber jede Diskussion darüber, wofür oder besser worin man diese investiert.

Vor allem aber: Laut Reckwitz ist das spätmoderne Subjekt zur Performanz in Permanenz angehalten. Es muss sich als einzigartig und attraktiv inszenieren, und das auch noch glaubhaft. Das Einzigartige aber existiert nur, indem es aufgeführt wird. Danach ist die Aufführung ebenso wie die damit verbundene Einzigartigkeit vorbei, die Existenz Geschichte, der Mensch geschichtslos. Wie könnte er da noch „Existenz“ beanspruchen? „Das Rating ist die narzisstische Introspektion eines Systems, das sich nicht mehr entwickeln kann. So wie jemand, dem nichts mehr einfällt, außer das Angesammelte immer wieder neu zu sortieren.“ (Metz/Seeßlen 2012)

3 Der Themenkreis „singularisierte Arbeitswelt“

Der eben angedeutete personale Wertewandel wird in diesem Kapitel unter arbeitsweltlichen Aspekten vertieft. Die Krise der Entkopplung meint auch eine Abwertung von Arbeitsweisen, die nicht der Idee des Besonderen entsprechen: Sie würden nicht mehr ernst genommen und auf diese Weise der Anerkennung beraubt. Auch so verhärten sich neue Grenzen zwischen Gruppen von Menschen. Auf der einen Seite stehen diejenigen, die an der kreativen – und doch gar nicht so kreativen – Industrie mitwirken, eigene Vorstellungen guten Lebens produzieren, die soziomedial zur Norm erhoben werden. Auf der anderen Seite stehen weit abgeschlagen diejenigen, die nicht an dieser Form der Produktion mitwirken können.

So wird das Besondere, was kreative und wissensproduzierende Berufe antreibt, zum Distinktionsmerkmal. Diejenigen, die nicht kreativ, besonders, innovativ sind, sondern „nur“ ihrer Arbeit nachgehen, verdienen in der Gesellschaft der Singularisierung keine Anerkennung:

„Grundlegend  ist nun ein Dualismus zwischen den hochqualifizierten Tätigkeiten in der Wissens- und Kulturökonomie einerseits und den einfachen Dienstleistungen sowie sonstigen standardisierten Tätigkeiten andererseits. Die qualifizierten Wissensberufe, die kulturelle Singularitätsgüter verfertigen, können in der Spätmoderne Legitimität, Status und Ressourcen beanspruchen, während die funktionalen, ‚profanen‘ Arbeiten an Legitimität, Status und Ressourcen verlieren.“

Das muss man erstmal sacken lassen.

In den fünfziger und sechziger Jahren dominierten sogenannte Pflicht- und Akzeptanzwerte: Es ging darum, so zu sein wie die anderen. Seit den siebziger Jahren werden Selbsterfüllung und Selbstverwirklichung immer wichtiger. Da spielt 68 eine Rolle, aber auch die lange historische Tradition der Romantik. Digitalisierung fördert die Singularisierung. Data-Tracking ermöglicht, den einzelnen Konsumenten zu adressieren. Vor allem aber ist das Internet ein Sichtbarkeitsmarkt in einer Radikalität, wie sie vorher nie da war. Man könnte sagen: Das Internet trainiert einen auf das Singuläre hin.

„Kein Arbeitnehmer mehr, nirgends“, erschrickt Berthold Vogel auf soziopolis. „Nur noch kulturalisierte Einzelkämpfer, die ihre singularisierte Marke zu Markte tragen und zuvorderst an sich selbst zu denken haben“, setzt er fort und zitiert – Schröders „Ich-AG’s“ lassen grüßen – das „unternehmerische Selbst“ ebenso wie den „Arbeitskraftunternehmer“ oder das „Kreativsubjekt“ bis hin zum projektgebeutelten „Netzwerker“.

Arbeit werde also nur noch nach dem Gelingen ihrer Performance und damit der Valorisierung durch das Publikum bewertet, nicht mehr unter dem Aspekt sachlicher Korrektheit. Indiz dafür seien z.B. die neuen Instanzen des Casting und des Assessment, die klassische Prüfungen nach formellen Korrektheits-Indizes abgelöst haben. Nicht das Können, sondern der Erfolg ist das letztlich entscheidende Kriterium sowohl in der Arbeits- als auch in der Produktionswelt. Aber da er unberechenbar, unvorhersehbar, unprognostizierbar sei, sind Arbeit und Produktion um ein vielfaches risikobehafteter als in der traditionellen Industriewelt. Ob diese Risiken andere, schwerwiegendere sind als zu nicht-singularistischen Zeiten, diskutiert Reckwitz – wir ahnen es – nicht.

Die Risiken seien gar unvermeidbar: Anders als im fordistischen Kapitalismus verlangt die neue junge Klasse des arrivierten Mittelstandes in ihrer Berufswelt mehr als das bloße routinemäßige Anfertigen und Abliefern von standardisierten Produkten. Andererseits sei die Herstellung von Gütern, die publikumswirksam sein wollen und damit in der Aufmerksamkeit mit vielen anderen Singularitäts-Gütern konkurrieren, ein hohes Wagnis. Gerade Individuen mit gesteigertem Selbstverwirklichungsanspruch bewegen sich in einer Spirale ständiger Auf- und Abwertung, in der sie sich nicht selten erschöpfen, weil der schnelldrehende Plattformkapitalismus nur wenige Stars und Unternehmen prämiert.

Man übersetze das mal in die Logik von „DSDS“ (RTL): vorgeblich Singende wetteifern vor vorgeblich Sangeskundigen, um nicht in ihren (profanen?) Berufen, sondern in der von ihnen gefühlten bis gewollten Berufung jene auch materielle Anerkennung zu finden, die andererseits nur ein kulturkapitalistisches Unterhaltungssystem gewähren kann, das sich der vorgenommenen Wertzuschreibung durch „Fremde“ sicher sein muss. Einem Glücksgriff stehen dann Unmengen von Misserfolgen gegenüber; und da die Länge dieses Erfolgs kaum planbar ist, muss nach einem Jahr der nächste „Glücksgriff“ her.

So gewann 2011 eben diese Casting-Show mit „Call My Name“ der damals 18jährige Pietro Lombardi, ein Schulabbrecher mit italienischen Wurzeln, der im Rahmen eines Minijobs auf 400-Euro-Basis als Swarovski-Steinleger in der Werkstatt eines Schmuckgeschäfts arbeitete. Seitdem macht er weniger Schlagzeilen mit vier teilweise verrissenen, eher erfolglosen Alben, sondern vor allem als Teilnehmer von Reality-Shows und Doku-Soaps sowie mit der multimedialen digitalen Vermarktung seiner Beziehung, Hochzeit, Vaterschaft und Scheidung (u.a. als Buchautor „Heldenpapa im Krümelchaos: Mein neues Leben“).

Noch in den 70er Jahren wäre ein berufsloser Mittzwanziger wie er von der Gesellschaft als geschiedener und gescheiterter Hallodri wahrgenommen worden. Nach einer wenige Wochen dauernden mediengestützten, singularisierenden Performance gilt er heute als deutscher TV-Star. Während man früher in seinem Leben ein Ziel verfolgte und so dem Leben einen Sinn gab, ist man heute der Kurator der permanenten Ausstellung seiner eigenen Biografie und erhebt deren Perfektionierung zum eigentlichen Lebenssinn. Es ist eine sehr stark nach außen gerichtete Lebensweise, die den Menschen in der Spätmoderne und durch ihre Faszination für das Singuläre gefangen hält. Sollten es tatsächlich solche Narrative wie die Lombardis sein, die der Autor unwidersprochen als kultur-, ja inzwischen gesellschaftsdeterminierend ansieht?

Pietro & Sarah Lombardi. Quelle: https://image.gala.de/20236164/uncropped-0-0/a8edbc88ed5abe6e005825c7d7f48716/ut/engels-ge--8970314-.jpg

Pietro & Sarah Lombardi. Quelle: https://image.gala.de/20236164/uncropped-0-0/a8edbc88ed5abe6e005825c7d7f48716/ut/engels-ge--8970314-.jpg

Die „neue Unterklasse“ nun entwirft Reckwitz so, als sei sie erst durch den singularistisch-kulturalen Strukturwandel besonders beleidigt, befindet Richartz, und nicht etwa durch die Tatsache, dass sie durch die Demütigungen z.B. des Hartz-IV-Systems permanent an ihre Minderwertigkeit erinnert wird. Interessanterweise räumt der Wissenschaftler der Beschreibung eben dieser „Abgehängten“ mit ihrem Hang zu populistischen Kultur-Essentialismen und neo-gemeinschaftlichen Identitäts-Bünden den geringsten Raum ein, obwohl es einem Soziologen innerhalb seines Entwurfs doch insbesondere um die Verantwortung einer Befriedung eben jener Gruppen als Vielheiten gehen sollte.

Doch Reckwitz beschreibt die neue singularistische Mittelklasse so repetitiv, bis der Leser ahnt, dass sich der Autor mit ihr am besten auskennt, weil er ihr entstammt: Bei ihm erscheinen alle akademisierten Subjekte mit wie auch immer gearteten kulturellen Berufshintergrund als Gewinner der Stunde. Das blendet nicht nur die Massen arbeitsloser Künstler, Musiker, Schauspieler und anderer Wettbewerber im Kreativ-Feld unserer Gesellschaft aus, sondern auch das Bildungs-Prekariat an sich. So absolut, wie Reckwitz den Einfluss der heutigen Akademikerklasse für den von ihm ausgemachten Strukturwandel der Moderne setzt, ist er faktisch wohl nicht. Ob da ein wenig private Rechtfertigung, gar Selbstgefälligkeit dahinter steckt? Dass die Bildungsexpansion Akademisierung bedeutet, was umgekehrt die mittlere Ausbildung entwertet, bleibt ebenso unreflektiert wie die Tatsache, dass durch das Überangebot von Akademikern und das Fehlen angemessener Arbeitsplätze die Unzufriedenheit innerhalb dieser Akademikerschicht zunimmt.

Das Primat des singularistischen Strukturwandels fußt für Reckwitz also auf drei Faktoren:

  • Die sozio-kulturelle Authentizitätsrevolution („Die Spätmoderne erweist sich so als eine Kultur des Authentischen, die zugleich eine Kultur des Attraktiven ist“ – auch diese interessante Gleichsetzung wird leider nicht diskutiert),
  • die Transformation zu einer postindustriellen Ökonomie der Singularitäten, die nicht nur die Sphäre der Güterproduktion umfasst, sondern auch „events“ wie etwa globale Sportereignisse, Konzerte, Filmfestivals mit ihrem mondialen Publikum (singuläre Ereignisse gestalten sich immer im Hinblick auf ein Publikum und ein Gesehenwerden – sie werden performt) und
  • die technische Revolution der Digitalisierung, die einerseits die Performance erst sichtbar macht und zur Geltung bringt, andererseits den (deutschen?) Arbeitsmarkt in Jobs für Hoch- und Niedrigqualifizierte spaltet.

Dabei sind Singularitäten keine statischen Faktoren in der Kultur, sie müssen immer wieder aufs Neue kreiert werden – durch die Praktiken Beobachten, Bewerten, Hervorbringen und Aneignen. Dadurch lösen sie in ihrer Prominenz die traditionelle Güterproduktion ab: Nicht mehr die Warenwelt ist jetzt begrenzt, sondern die Aufmerksamkeit und Anerkennung des Publikums. Güter – im umfassenden Sinne – sind in der gegenwärtigen Kultur nicht mehr knapp, sondern im Überfluss vorhanden. An ihnen herrscht kein Mangel, sondern eher Verschwendung, wie jüngst Berichte zeigen, wonach Amazon Ladenhüter und Rückläufer einfach vernichtet.

Dieser kulturelle Paradigmenwechsel bringt viele neue Probleme mit sich, die Reckwitz im Vortrag „Die Analyse des Kreativitätsdispositivs“ auf Vimeo genauer beschrieb: Sobald Kreativität gesellschaftlich eingefordert wird, gehen damit Leistungszwang und dauerhafte Konkurrenz einher. Bei einer Überproduktion kultureller Güter kann davon nur ein kleiner Teil vom Publikum wahrgenommen werden, vieles bleibt unsichtbar. Wer regelmäßig ästhetische Leistungen konsumiert und darin Genuss und Befriedigung findet, verliert bei Reizüberflutung seine Aufmerksamkeit und Konzentrationsfähigkeit. Es entsteht ein Gefühl, das Reckwitz eine „widersprüchliche Unbefriedigtheit“ nennt: man leidet darunter, dass es gleichzeitig zu viel und zu wenig Neues gibt, dass im Meer des vermeintlich Neuartigen nichts wirklich Neues mehr nachkommt. Letztendlich hat es das Kreativitätsdispositiv bisher nicht geschafft, tatsächlich neue Gesellschaftsmodelle zu entwickeln und durchzusetzen.

4 Der Themenkreis „digitalisierte Kulturmaschine“

Ein Schlüsselbegriff von Reckwitz, den er schon in seinem Buch „Gesellschaft und Ästhetik“ einführte, lautet „Kulturkapitalismus“ – der Prozess, an dessen Ende bestimmte Dienstleistungen oder Waren, Erfahrungen oder Räume kulturalisiert worden sind: Eine Bar mit den richtigen Gästen, ein neues Hotel in einem besonderen Space, eine bestimmte Handtasche – Aufenthaltsräume und Gebrauchsgegenstände erhalten im Kulturkapitalismus eine sakrale Qualität, eine Art „Aura“ (Walter Benjamin). Ihnen wird Einzigartigkeit zugeschrieben, sie werden als optimaler Ausdruck des Besonderen aufgefasst – und hochwertiger als einzigartig geht nicht. In Zeiten der technischen Reproduzierbarkeit wird nicht nur das Kunstwerk zur Ware. Nein, die Ware wird, wenn sie geschickt genug mit Bedeutung angereichert und im aktuellen Attraktivitätsdiskurs platziert wurde, zur Kunst.

Gesellschaft und Ästhetik. Quelle: https://www.suhrkamp.de/cover/640/29718.jpg

Gesellschaft und Ästhetik. Quelle: https://www.suhrkamp.de/cover/640/29718.jpg

„Die Gesellschaft der Singularitäten betreibt eine tiefgreifende Kulturalisierung des Sozialen. Sie spielt ein großes soziales Spiel von Valorisierung und Singularisierung einerseits, von Entwertung und Entsingularisierung andererseits und lädt Objekte und Praktiken mit einem Wert jenseits von Funktionalität auf“, schreibt Reckwitz und beschreibt damit, dass auch Kunstwerke zu einmaligen und wertvollen werden können. Aber wie genau das vor sich geht, erklärt der Autor eben nicht. Sein Modell bleibt ein deskriptives. Dafür überträgt er es vom Kunstmarkt auf andere Bereiche: kreative Arbeit, temporäre Projekte, persönliche Performance.

Die „creative economy“ sei das Vorbild, die „alte Mittelklasse“ der Angestellten und die Unterklasse der Dienstleister und Arbeiter gälten nichts mehr. Auch wenn man die Bedeutung der Kulturökonomie nicht ganz so hoch veranschlagt, lässt sich die mentalitätsprägende und gesellschaftlich polarisierende Kraft der beschriebenen Phänomene nicht abstreiten. Die creative economy ist nach Auffassung des Autors „von jenem Künstlerdilemma geprägt, das sich im 19. Jahrhundert ausgebildet hat“: Ihre Arbeit soll ihr, wie dem Künstler sein Werk, Sinn und Befriedigung geben. Gleichzeitig aber funktioniert dies nur, wenn sie den Bedürfnissen des Marktes und der Konsumenten entspricht. In der Arbeitswelt erwirtschaftet die Kreativbranche wesentlich weniger als die Automobilbranche.

Sozialer Träger dieses kreativen Wandels ist bei Reckwitz die „Creative Class“, die er aber nur vage definiert. Kreativ ist hier alles: das kulinarische Gewerbe, die IT-Unternehmen, die Wissenschaft. Wie sehr Reckwitz ein spezielles Segment im Auge hat, wird deutlich, wenn er das Spitzenrestaurant als Beispiel der Kreativbranche nennt. Allerdings spricht er bei der Beschreibung dieser kulturtragenden Schicht die Sprache von Trendbüros und Eventmanagern: Man liest von einzigartigen Kompetenzbündeln, einmaligen, gleichwohl seriellen Events, Kreativindividuen, die mühelos zwischen Schubert und Sneakers wechseln, und von Projektarbeitern, die ihre ganze Persönlichkeit in ihre Tätigkeit setzten. Die durchaus stupide Arbeit in diesen Branchen fällt unter den Tisch, denn Reckwitz’ Kulturbegriff zielt auf das, was von den Akteuren oder ihren Arbeitgebern selbst als besonders gewertet wird – ob auch originell, sei dahingestellt.

Reckwitz hält daran fest, dass Wirtschaft und Gesellschaft flächendeckend dem ästhetischen Imperativ der Kulturökonomie unterstehen. Warum fortbestehende Routinen als bloßer Hintergrund der Singularisierung zu betrachten sind, begründet er nicht. Ebenso wenig, dass es eigentlich um eine Doppelbewegung von Standardisierung und Singularisierung geht, wie sie sich beispielhaft in den Rasterbildungen des Big-Data-Sektors ausdrückt. Stattdessen führt er aus, dass die Selbstdarstellung als Mittel zum Zweck der Vermehrung des eigenen kulturellen und sozialen Kapitals das Zentrum dieses neuen Gesellschaftsspiels bildet. Wer nicht dabei sein will oder kann, muss sich letztlich auch politisch artikulieren. Reckwitz sieht in diesem schleichenden Prozess der Ausgrenzung der prekären oder eher konservativ eingestellten Bevölkerungsanteile auch einen wichtigen Grund für das Erstarken neuer Parteien am rechten Rand des politischen Spektrums.

Ein interessanter Gedankengang, denn auch Gemeinschaften bewegen sich zu großen Teilen auf kulturellen Märkten: Identitätspolitik, Kulturnationalismen, selbst religiöse Fundamentalismen sind alles andere als ausschließlich mit sich selbst beschäftigte Subkulturen, sondern konkurrieren mit Gütern, Waren und anderen politischen Instanzen auf einem Sichtbarkeitsmarkt der Identitäten um Attraktivität und Anhänger. Da sind nun allerdings die Grenzen zur Gleichmacherei von allem und jedem fließend; das ist weder kulturspezifisch noch politisch hilfreich.

Außerdem berge dieser Trend zur Selbstverwirklichung und permanenten Selbstdarstellung jede Menge Enttäuschungspotenzial: Wer den Sinn seines Lebens nicht in sich selbst, sondern in seinem Erscheinungsbild und dem schwankenden Urteil der Anderen sucht, muss sich auf Rückschläge gefasst machen. Die Welt der Spätmoderne ist aber eine Welt im Getriebensein durch einen Zwang zu Selbstvergewisserung und Bewertung, eine Welt der permanenten Sucht nach Anerkennung: durch Selfies, Kommentare und Facebook-Einträge, Instagram-Feeds, Votes und Likes. Ohne diese permanenten Bestätigungs-Rituale fehle der Existenz die quantifizierbare Rückversicherung und der Selbstbestätigung der Nachweis von außen. Lieber Kinderbilder liken als selbst Kinder haben, ist man versucht zu behaupten.

Indem man dem Zwang zu bewerten nachgäbe, nähme man teil an dem großen Spiel der gegenseitigen Bestätigungen, und indem man sich möglichst schillernd, aufregend und singulär präsentiert, sublimiere man den Verlust allgemeiner und gemeinschaftlicher Merkmale, die früher tragfähig und Identität stiftend waren, heute jedoch nicht mehr ausreichen, um einen entsprechend hohen Preis für eine (imaginierte) Attraktivität zu erzielen. Daneben ist dieser neue urbane, kosmopolitische und auf neuen kulturellen Praktiken basierende Lebensstil nicht in allen Gesellschaftsschichten angekommen. Der Trend zum Besonderen wird bei Reckwitz von der Digitalisierung und der Kultur jener neuen Mittelklasse vorangetrieben, die ganz auf Selbstentfaltung setzt und im „authentischen“ Konsum zu sich selbst findet.

Den Widerspruch zur Kuratierung sieht er nicht, wohl aber Thomas Steiner, der in der Badischen Zeitung völlig zu Recht darauf verweist, dass es bspw. im Kino nicht darum geht, den neuesten Umweltfilm eines Ex-US-Vizepräsidenten zu sehen, sondern vielleicht nur darum, sich einen schönen Abend zu machen: Thriller oder Komödie ist keine Frage der Singularität, sondern des bevorzugten Genre. In allen diesen Fällen geht es nicht um das Besondere, sondern um das Gleiche, das Gemeinsame, das Gewohnte. Konformität statt Singularisierung.

Im Kampf um Sichtbarkeit vor allem in den sozialen Medien wird zur Gretchenfrage, was die Menschen antreibt – oder ob sie vielmehr Getriebene sind. Eine interessante Ferienreise kann man machen, weil man selbst für sich neue Impulse und Erlebnisse sucht; andererseits kann man die Fotos davon auf Instagram verbreiten. Und nur wenn diese unvergleichlich sind, haben sie eine Chance auf Sichtbarkeit. Beide Motivationen können sich gegenseitig verstärken, aber auch in einen Widerspruch münden. Denn in der gegenwärtigen Hyperkultur gehe es nur um Versatzstücke, die man sich von außen nimmt und dann anzueignen versucht, so Reckwitz in einem Interview. Die Singularisierung sei kein Spiel mit Etiketten, sondern eine Praxis, die einen die Dinge anders betrachten, in ihrer Komplexität wahrnehmen lässt.

Der Kampf um Absatz und Aufmerksamkeit in der globalen Konkurrenz und die Vermarktlichung des staatlichen Sektors machten dennoch den „Performer“ zum Leitbild, der, um seinen Markenwert zu halten, auf sich aufmerksam machen muss. Statt „nur“ eine bestimmte Qualifikation zu haben, sollte es ihm vielmehr darum gehen, „unvergleichliche Profile und außergewöhnliche Leistungen zu erbringen“. Der Laufsteg der Besonderheiten ist das personalisierte Internet, das eine narzisstische Subjektbildung fördert und über den digitalen Plattformkapitalismus eine Spirale ständiger Auf- und Abwertung am Laufen hält. Im Grau versinken darüber die Tugenden der industriellen Moderne: Konstanz, Pflichtbewusstsein, Gewohnheitsethos.

5 Der Themenkreis „singularistische Lebensführung“

In diesem Kapitel, das durchaus als Verlängerung des Kulturkapitels und dramaturgischer Höhepunkt in einem Buch zu lesen ist, in dem insgesamt kaum ein Spannungsbogen angelegt scheint, kulminieren die Thesen von Reckwitz. Aus meiner Sicht stehen drei im wissenschaftlichen Fokus, die auch andere Rezensenten mehr oder minder ähnlich gewichtet wiederspiegelten:

  • 1) die auch demokratietheoretisch bedeutsame Begründung der Um- und Neu-Schichtung von Klassen mit Gewinnern und Verlierern,
  • 2) der Diskurs um das „Kuratieren“ des eigenen Lebens, oft unter Einbezug der Touristik,
  • 3) die Argumentation zur Um- und Abwertung tradierter Vorstellungen u.a. im Bildungssektor.

Zu 1) Während bis etwa Mitte der 1970er Jahre die gesellschaftlichen Unterschiede so gering waren, dass  Helmut Schelsky den Ausdruck der „nivellierten Mittelstandsgesellschaft“ prägen konnte, hätten wir es heute mit einer diversifizierten, durch den Prozess der Digitalisierung befeuerten kulturellen Klassengesellschaft zu tun, in der eine singularistische, medial narzisstische Lebensführung ebenso ermöglicht wie erwartet wird, um einen Attraktivitätsmarkt zu bedienen. Es entstehe eine kulturelle Klassengesellschaft, in der es Gewinner und Verlierer gibt.

Gab es einst in der nivellierten Mittelstandsgesellschaft eine Art Fahrstuhleffekt, bei dem alle in gewisser Weise vom wirtschaftlichen Aufschwung profitierten und die Lebensstile eher konformistisch ausgerichtet waren, dominiert in der kulturellen Klassengesellschaft ein „Paternostereffekt“, d. h. es kommt zur Vergrößerung der Abstände zwischen einer neuen Mittelklasse mit hohen Bildungsabschlüssen als diffuse Summe von Einzelkämpfern und einer neuen Unterklasse mit niedrigen formalen Abschlüssen, wie Reckwitz schon zuvor formuliert: „Diese Polarisierung auf der Ebene von Bildung und kulturellem Kapital ist das zentrale Merkmal, welches die Sozialstruktur der spätmodernen Gesellschaft prägt“ (S. 280). Dabei bediene sich die neue Mittelklasse ungeniert im gesamten kulturellen Ressourcenhaushalt, inklusive der Vergangenheit, so Reckwitz in einem Zeit-Interview:

„Man wohnt in Altbauwohnungen, hat ein Tattoo und macht Tai-Chi – historische Tradition, geografische Fremdheit und fremde Klasse werden sich angeeignet, alles drei übrigens ein sehr guter Fundus für das Singularisierungsspiel.“

Neben diesen beiden Klassen unterscheidet Reckwitz noch eine sehr kleine Oberklasse und die „alte“, d. h. nicht-akademische Mittelklasse. Superreichtum ist zwar unter Gerechtigkeitsaspekten skandalös, aber nicht das prägende Element für die Sozialstruktur der westlichen Gesellschaften. Mit einer Oberschicht müsste allerdings über eine Viertelgesellschaft gesprochen werden, was wiederum die wohlgeordneten Koordinaten im vorliegenden Theoriegebäude leicht durcheinander bringen würden, konstatiert Felsmann. Die Mittelklasse ist gekennzeichnet durch ein mittleres kulturelles und ökonomisches Kapital und bildet ca. ein (tendenziell schrumpfendes) Drittel der Bevölkerung.

Eingezwängt zwischen ca. je einem Drittel Unter- und einem Drittel neuer Akademikerklasse versucht die alte Mittelklasse wie ein soziales Auslaufmodell noch einen „normalen“ Lebensstil zu führen, der allerdings immer weniger „allgemeingültig ist, er ist nicht mehr Mitte und Maß, sondern lediglich Mittelmaß“ (S. 282). Einst etwas Positives, Allumfassendes, würde „Mitte“ heute eher mit dem Durchschnittlichen assoziiert. Diese Defensive der alten Mittelklasse greift er in seinen politischen Betrachtungen erneut auf, um damit Wahlerfolge populistischer Parteien zu erklären.

Gesellschaftlich wirkt sich das Gebot des attraktiven Lebensstils als Kulturalisierung der Ungleichheit  aus. Weniger Vermögensverhältnisse als die soziale Norm der Auffälligkeit führen dazu, dass sich eine in der alten Pflichtethik gefangene Unterschicht mühsam durch ein als wertlos empfundenes Leben kämpft. Der Lebensstil der „Kulturalisierungsverlierer“ ist defizitär, ohne Perspektive auf Lebensqualität und Anerkennung. Sie leben ein Leben mit zerstückelten kurzen Einzel-Zeithorizonten, bei dem es nur darum geht, Störfälle zu vermeiden bzw. zu überwinden. Ein besonderer krasser Fall sind Attentäter, die den gesteigerten Wert des Besonderen usurpieren und ins Makabre verkehren. Reckwitz versteht sie als Rache der Deklassierten an einer als erdrückend empfundenen Meritokratie.

Der Autor konzentriert sich – worauf er ausdrücklich hinweist – auf jene neue akademische Mittelschicht und deren Versuch, gegenüber den neuen Anforderungen an die individuelle Persönlichkeit (Identität, Authentizität), Performance im gesellschaftlichen Umfeld und in der Arbeitswelt zu bestehen. Gleichzeitig wird auf das sich ändernde Verhältnis bzw. auf die wachsende Kluft der sozialen Schichten zueinander und deren Ursachen hingewiesen: Ein Drittel Akademiker – das gab es zuvor nicht. In den fünfziger Jahren war das noch eine winzige Elite von fünf Prozent der deutschen Gesellschaft. Diese große neue Gruppe forciere einen Wertewandel, weg von Normen und Pflichten hin zu Selbstentfaltung und Liberalisierung.

An dieser Stelle bereits kommen mindestens drei Schlüsse in den Sinn – dem Leser intensiver als Reckwitz. Zum ersten bedingt das Verschwinden der Mitte eine politische Krise: Eine Gesellschaft, die einer sozialen Logik der Besonderheit folgt, die permanent damit beschäftigt ist, Eigenschaften zu bewerten, verliert die Dynamik der Gemeinsamkeit. Und ganz ohne die ist demokratische Handlungsfähigkeit nicht denkbar. Was hält da ein Gemeinwesen noch zusammen? Distinktion statt Solidarität – sollte das wirklich die Verhaltensmaxime der spätmodernen Gesellschaft sein, stehen wir am Anfang neuer Klassenkämpfe. Zwar wurde in der Folge der emanzipatorischen Revolte von 1968 normierter gesellschaftlicher Pflicht- und Verbotskanon hinweggefegt, dabei aber auch das Allgemeine dereguliert und durch einen radikalen Selbstverwirklichungs- und Besonderheitsanspruch des Einzelnen ersetzt, der jetzt bittere Früchte trägt.

Die extremen Unterschiede zwischen Arm und Reich verschärfen die Entwicklung drastisch und lassen, was verbindet, immer mehr in den Hintergrund treten. Das ist Gift für eine soziale und politische Landschaft und eine reale Gefahr für die Demokratie – zumal Reckwitz an keiner Stelle die Grenze zwischen Individualismus und Egoismus thematisiert: aus dem Text lässt sich eine solche ebenso wenig herausfiltern wie die negativ konnotierte Charaktereigenschaft. In der DDR lebte die Mehrheit der Bevölkerung ein „gesamtgesellschaftliches Verantwortungsgefühl“, das sich zunehmend als völliger Gegenentwurf zum Egoismus entpuppt und seine populistisch-patriotische Anverwandlung nicht leugnen kann: wer asozial unverantwortlich handelt und nicht an die Zukunft der Kinder und des Landes denkt, gilt als End-Gegner.

Die Kehrseite solcher Entwicklung ist das Risiko, dass die neue Mittelklasse, die alte Mittelklasse und die neue Unterklasse selbst wie Parallelgesellschaften nebeneinander existieren, weil es wenig gemeinsamen Erfahrungs- und Diskursraum mehr gibt, gesteht Reckwitz selbst ein. Aber ist die Idee wirklich ein „populistischer Mythos“, das Rad zurückzudrehen „in die kulturell homogenen, staatlich regulierten Gesellschaften der industriellen Moderne“? Der Autor relativiert selbst, dass in der Gesellschaft der Singularitäten zwar immer mehr Besonderheiten, Außergewöhnlichkeiten, kulturelle Partikularismen florieren, aber die Politik hier stärker regulierend eingreifen sollte mittels einer Reform des Liberalismus: von einer auf Differenzen und Öffnung setzenden Variante zu einer stärkeren Regulierung des Sozialen und Kulturellen, da  es letztlich darum gehe, „das Allgemeine gegenüber dem Besonderen neu auszutarieren“. Wie diese Regulierung aber vonstattengehen kann, ohne zugleich historisierend zu sein… An dieser Stelle drängt sich dem Leser, wieder mal, der Begriff „Wunschbild“ auf.

Zum zweiten die unausgesprochene Synonymität von „besonders“ und „erfolgreich“, deren abstruse Auswüchse oben schon bei Lombardi gezeigt wurden. Ist der, der heraussticht, auch gut? Dass er der bessere Selbstdarsteller und -vermarkter und damit Aufmerksamkeitsfänger ist – klar. Aber ist er auch der bessere Arbeiter, Angestellte, Künstler, ja Politiker – oder ist es nicht eher so, dass Fristigkeit im Effekt auch Fristigkeit im Erfolg nach sich zieht? Denn das Singuläre wendet sich gegen Verallgemeinerungs- und Angleichungsbestrebungen einer routinisierten Arbeiter- und Angestelltentätigkeit, wie sie in der fordistischen Moderne vorangetrieben wurden: Effizienz, Rationalität, Sachlichkeit, Standardisierung, Routine, Normativität und Affektarmut; ja kippt sie ins Gegenteil.

Das zeitgenössische Subjekt, welches laut Reckwitz das Neue gegenüber dem Alten, das Abweichende gegenüber dem Standard, das Andere gegenüber dem Gleichen bevorzugt, bezieht aus der Arbeit an der Besonderheit das Gefühl einer Souveränität, die es nicht nötig hat, sich an überkommene Regeln zu halten. Doch die neuen Sieger sollten nicht allzu früh frohlocken, da sie der Paternoster-Effekt ganz schnell wieder nach unten führen kann, wenn sie im großen Präsentationsspiel der Einzigartigen nicht dauernd am Ball bleiben.

Zudem sind nach Reckwitz‘ Rechnung zwei Drittel gegenüber einem avantgardistischen Drittel in die Defensive geraten, d.h. die mediale Präsenz dieses einen Drittels begründet deren kulturelle Dominanz – mit dem auch oben schon erwähnten Phänomen erfahrener kultureller Entwertung und Herabsetzung. Denn während die alte Mittelklasse sich zwar materiell behauptet, gerät sie kulturell ins Hintertreffen und empfindet dies in einem kulturalisierten Kapitalismus als Niederlage. Die „neue Unterschicht“, die weder durch Bildung noch durch Geschäft ihren Status festigen kann, ist es, die an allen Fronten verliert.

Und zum dritten mag man vielleicht statistisch eine akademisches Drittel konstatieren – das aber sagt nichts über das Niveau dieser Akademiker aus und erst recht nicht, dass damit oft die bestenfalls Mittelmäßigen zur Elite werden, die dazu nicht berufen sind. Die Klagen über die Studierfähigkeit von Abiturienten samt ihren desaströsen Deutschkenntnissen gehörten hier ebenso hin wie die Trennung von Leistungs- und Funktionseliten: letztere maßen sich als Verwalter die Rolle von Gestaltern an. Im Westen gibt es mehr Menschen mit akademischen Abschlüssen als je zuvor, und auch wenn sie nicht die materiell reichste Schicht bilden, so verfügen sie aber über Einfluss, Deutungshoheit und Geschmacksherrschaft. Es sind ihre Werte und Ideale, die in den Medien überrepräsentiert sind, ihre Interessen, die politisch geltend gemacht werden, ihre Ideen, die Diskurse prägen.

Zu 2) „Die neue Mittelklasse kann nicht nur auf berufliche Anerkennung zählen, sondern entfaltet eine kulturorientierte kuratierte Lebensführung, in der sie in allen Bereichen – von der Gesundheit bis zum Kosmopolitismus, von der Bildung und Erziehung bis zum Wohnumfeld – am hohen (ethischen und ästhetischen) Wert arbeitet und als Trägerin eines wertvollen ‚guten Lebens‘ erscheint“, lautet ein Diktum von Reckwitz. Ein anderes:

„Die geschmackliche Dichte des Essens, die Vielseitigkeit eines Reiseziels, die Besonderheit des Kindes mit all seinen Begabungen, die ästhetische Gestaltung der eigenen Wohnung – überall geht es um Originalität und Interessantheit, Vielseitigkeit und Andersheit“.

Das Gute wird zum guten Gewissen; das Schöne zum ethisch Korrekten, könnte man zusammenfassen. Diese Doppelhelix des ausgestellten Schönen und Guten, bspw. als gutes Gewissen in geschmackvollem Wohnumfeld, das Ineinssetzen des Satten und Selbstgerechten kann auch Abscheu hervorrufen. Den Sozialtypus identifizierte der amerikanische Essayist David Brooks schon vor über 20 Jahren, in den Jugendjahren des kulturellen Kapitalismus, mit ironisch gebrochener Zustimmung als „Bobo“: bourgeoise Bohemiens, deren anspruchsvoller (und preisintensiver) Lifestyle das ethisch Korrekte mit einschließt und nach einer originellen Synthese des zugleich Saturierten und Liberal-Offenen sucht.

Solche Originalität stellt sich allerdings nicht von selbst ein, sie muss „kuratiert“ werden, ob es nun um Essen, Reisen, die Wohnung oder auch die Partnerschaft geht. Wo früher die Querschnittspraxis das Konsumieren als „Verbrauchen“ war, ist heute die Querschnittspraxis das Kuratieren als „Gebrauchen“. Früher befand sich der Konsument in der Rolle des Wählenden, heute findet die Wahl nicht mehr nach zweckrationalen, sondern nach kulturellen Kriterien statt. Die Optionen sind nicht mehr vorgegeben oder normativ zwingend, sondern konkurrieren als Möglichkeiten zueinander, für die man sich nur unter bestimmten Umständen wirklich entscheiden muss.

Eine der entscheidenden Erklärungen von Reckwitz lautet: „Singularisierung meint aber mehr als Selbstständigkeit und Selbstoptimierung. Zentral ist ihr das kompliziertere Streben nach Einzigartigkeit und Außergewöhnlichkeit, die zu erreichen freilich nicht nur subjektiver Wunsch, sondern paradoxe gesellschaftliche Erwartung geworden ist. Markant ausgeprägt ist dies in der neuen, der hochqualifizierten Mittelklasse, also in jenem sozialen Produkt von Bildungsexpansion und Postindustrialisierung, das zum Leitmilieu der Spätmoderne geworden ist. An alles in der Lebensführung legt man hier den Maßstab der Besonderung an: Wie man wohnt, was man isst, wohin und wie man reist, wie man den eigenen Körper oder den Freundeskreis gestaltet. Im Modus der Singularisierung wird das Leben nicht einfach gelebt, es wird kuratiert.“ Auffällig ist erneut, dass bei der „paradoxen gesellschaftlichen Erwartung“ kein Agens präsentiert wird.

Hartmut Rosa hat zur Besonderung allerdings alles Wesentliche geschrieben: „Etwa wenn ich von den Büchern, die ich kaufe, ein paar auch wirklich lese; wenn ich das Teleskop, das ich mir geleistet habe, auch wirklich benutze, oder von den Opernhäusern, die ich in Reichweite habe, auch eines besuche. Die Illusion gründet darin, dass viele Menschen inzwischen ihr Glück allein daran bemessen, wie viele Optionen sie haben. Ihre ganze Libido hängt mittlerweile am Erschließen von Optionen. Das aber ist ein kultureller Irrtum, denn das Leben wird erst dann gut, wo man eine Möglichkeit auch tatsächlich umsetzt.“

Rosa's opus magnum. Quelle: https://images-na.ssl-images-amazon.com/images/I/41UrgrhT7wL._SX299_BO1,204,203,200_.jpg

Rosa's opus magnum. Quelle: https://images-na.ssl-images-amazon.com/images/I/41UrgrhT7wL._SX299_BO1,204,203,200_.jpg

Apropos Reisen: auffällig ist, wie oft Reckwitz – und auch seine Rezensenten – bei der Erklärung des Kuratierens Phänomene der Touristik in den Blick nehmen. „Verreisen“ kann zwar aus der Perspektive des Reisenden entweder als oberflächlicher Besuch oder tiefenstrukturelles Erkunden des Fremden gefasst werden – aus der des Publikums dagegen „nur“ als bebilderter und/oder kommentierter Aufenthalt im Fremden, den man so oder so wahrnimmt. Für primär muss Reckwitz‘ Feststellung gelten, dass der Massentourismus in die Defensive gerät. Menschen wollen immer mehr besondere Orte aufsuchen, die Reise zu einem besonderen Ereignis machen. Es geht nicht mehr um den Urlaub von der Stange, sondern um die einzigartige Erlebnistour.

„Menschen, Waren, Städte, Reiseziele, Konsumgüter und Karrieren – schlicht alles ist für Reckwitz heutzutage einzigartig, authentisch, außeralltäglich und exzeptionell, aufgeladen mit Ästhetik, Exklusivität und Eigensinn“, befindet Dieter Schnaas in der Wirtschaftswoche. „Entsprechend müssen in der Spätmoderne der Arbeitsplatz und die Abendgestaltung, der distinktive Einkauf und die allgemeine Lebensführung für Bewunderungen und Ergriffenheiten offen sein – müssen die Menschen jeweils selbst und ihre Mitmenschen affizieren, sei es nun ein Opernbesuch oder ein Eröffnungsspiel, ein Bungee-Sprung oder eine Städtereise, ein Sushi-Essen oder ein Facebook-Post.“

Im Kulturkapitalismus zähle nicht das meiste Geld, sondern, was man Besonderes damit anstellt, befand Peter Unfried in der taz. Ging es in der aufsteigenden Industriegesellschaft darum, dass sich jeder von der Schrankwand über den VW bis zum Adria-Urlaub Ähnliches leisten konnte, müsse heute alles singulär sein:

„Die Arbeit, der Bekanntenkreis mit Literaten und Schauspielern, der unvergessliche Iglu-Urlaub in Grönland, die Superschule der Kinder mit Bio-Catering, alles muss sorgsam kuratiert sein und einen hohen ästhetischen und ethischen Wert haben, bis hin zum einzigartigsten Kartoffelsalat, angemacht mit dem Öl einer griechischen Biobäuerin namens Danae.“

Es existiere also ein gewaltiger Unterschied zwischen „Urlaub machen“ und „Verreisen“, Reckwitz versteigt sich gar  zur Formulierung „Imperativ zur Herausstellung von Einzigartigkeit“. Denn während der Pauschalurlaub eine sichere Bank war, verlangt die Individualreise Eigeninitiative und Kraft, sie beansprucht schon im Voraus und kann doch leicht enttäuschen: Die außergewöhnlichen Momente stellen sich nicht ein, die außerordentlichen Orte lassen einen unbeeindruckt. Die Verheißung ist groß, die Möglichkeit des Scheiterns ebenso: Selbst das Reisen spiegelt eine Grunderfahrung des Individuums in der „Gesellschaft der Singularitäten“.

Zu 3) Dass unter solcher Perspektive die Diversifizierung der Gesellschaft in ungezählte Reise-, aber eben auch Geschlechter-, Ernährungs- und Mobilitätstypen als völlig normal gilt, verwundert fast angesichts der Reckwitz’schen Klassenstruktur, die sich weniger mit harten Grenzen wie Wohlstand und Einkommen messen lasse, sondern entlang der nur vermeintlich durchlässigen Bildungsmembran geschehe. Dabei macht für Reckwitz die Diversifizierung selbst vor den Bildungsstätten nicht Halt: Viele Schulen versuchen, ein einzigartiges Profil, eine besondere Schulkultur und ein ausgewiesenes Spektrum an Bildungsangeboten auszubauen statt nur den allgemeinen Bildungskanon zu vermitteln.

Dass der Autor als Trägerschicht des Wandels die neue „hochqualifizierte Mittelklasse“ als „soziales Produkt von Bildungsexpansion und Postindustrialisierung, das zum Leitmilieu der Spätmoderne geworden ist“, stilisiert, der er selbst angehört, wurde bereits angemerkt. Das zeitigt aber zwei interessante Konstellationen. Zum einen den auch verschiedentlich angemerkten Vorwurf, mit Sätzen wie „Was diese Gruppe zusammenhält, ist weniger die Höhe des Einkommens – die durchaus schwankt – als die Kultur ihres Lebensstils“ betreibe Reckwitz eine Homogenisierung dieser Akademikerschicht. Damit werden die sozioökonomisch Unzufriedenen unter den Akademikern und damit die Statusinkonsistenz einfach eliminiert. Oder anders formuliert: Dahinter steht die Vorstellung, dass das ökonomische Kapital durch das kulturelle Kapital kompensiert werden soll.

In der Zeit bekräftigte der Autor etwas plakativ, dass der sich prekär fühlende Doktorand mit Freunden in Kalifornien, Paris und Barcelona heute in Wahrheit zur herrschenden Klasse gehöre. Trivial: ich habe zwar kaum Geld, gebe es aber für dieselben Dinge aus wie mein Professor. Wenn das nicht affirmativ ist, was dann? Reckwitz begründet das mit einem „kosmopolitischen Gefühl kultureller Selbstermächtigung“ im Sinne einer „anspruchsvollen Haltung gegenüber dem Leben“: Man fühle sich nicht nur berechtigt, die Welt zu bereisen und sich Fremdes kulturell anzueignen.

„Man hat den Anspruch an das eigene Leben, es ästhetisch und ethisch durchzustrukturieren: das gesunde Essen, die Pflege des Körpers, vielseitige Freizeit und interessanter Beruf, die guten Schulen für die Kinder, von denen man mehr erwartet, ebenso vom Partner.“

Diese Sichtweise übertüncht aber völlig, dass der „Firnis der Kultur“ sofort zu bröckeln beginnt, wenn der Abstieg aus der „Kulturoberschicht“ droht, sich die eigene Lebensführung als Lüge entpuppt, weil man sich Erwartungen ausdenkt und das Leben ein ganz anderes ist. Der Selbstverwirklichung folgt ihre Krise auf dem Fuß. Denn wer dieses gesellschaftliche Spiel des Präsentierens und Optimierens nicht mitspielt, verliert schnell sein Restguthaben an sozialem Kapital und landet im Off (bzw. Offline) der digitalen Spiegelkabinette.

Das kann sich auch darum sehr rasch vollziehen, weil es nach der singulären „Performance“ als Highlight oft nur noch abwärts geht, wie Sebastian Engelmann auf literaturkritik.de diagnostiziert:

„Wer sein Leben stets performativ als besonders, spannend, herausragend gestalten und hervorbringen soll, stößt schnell an die Grenzen der Leistungsfähigkeit. Das Primat der Selbstverwirklichung durch Besonderheit verurteilt die Subjekte regelrecht zum Scheitern. Immer attraktiv und interessant zu sein, lässt alles, was vielleicht an der Langeweile positiv sein mag, verschwinden. Selbstverwirklichung wird somit zur stetigen Aufgabe, die zum Scheitern verurteilt ist, da die Ressourcen für den Umgang mit Enttäuschungen und dem Leiden an unglücklichen Erfahrungen nicht mehr vorhanden sind – sie wurden bereits zur Aufrechterhaltung des Besonderen verbraucht.“

Zum anderen ergibt sich, dass das neue Bildungsbürgertum ebenfalls enttäuscht werden wird, wenn es am Trugschluss festhält, mit universitären Abschlüssen bleibe es automatisch im vorderen Drittel. Die Akademiker forcieren zwar den Wertewandel, verantworten aber gleichzeitig den Kulturkapitalismus. Und der macht die „ungebildeten“ Dienstleister zur neuen Unterklasse, die sich durch ein als wertlos empfundenes Leben wursteln muss und mit Umverteilungen, Steuerreformen und Solidaritätsaufrufen nicht erreichen oder in ihrer Wut besänftigen lassen wird.

Insofern müsste man eigentlich von zwei Kulturalisierungen in der Spätmoderne sprechen. Die eine ist die Kulturalisierung der Lebensformen in Gestalt von „Lebensstilen“, die sich nach dem Muster eines Wettbewerbs kultureller Güter auf einem kulturellen Markt zueinander verhalten, also um die Gunst der nach individueller Selbstverwirklichung strebenden Subjekte wetteifern. Die andere richtet sich, wie eben angedeutet, auf Kollektive und baut sie als moralische Identitätsgemeinschaften auf, arbeitet mit einem strikten Innen-Außen-Dualismus und gehorcht dem Modell homogener Gemeinschaften, die durch bestimmte, teilweise gewollte Gemeinsamkeiten als einzigartig gekennzeichnet sind – und sei es durch ein bestimmtes Bildungs-, Gehalts- oder Lebensniveau, ja selbst durch Schuluniformen. Stefan Lüddemann spricht in der NOZ von einer Art Individualismus der Gemeinschaften, von denen jede anders sein will. Der Konflikt dieser beiden Kulturalisierungsregimes, die in einer widersprüchlichen Konstellation von Öffnung und Schließung münden, dürfte den künftigen „Kulturkampf“ maßgeblich beeinflussen, wenn nicht gar dominieren.

Mit einem extranationalen Blick differenziert Katrin Kruse in der NZZ auch die Kulturalisierung des Lebensstils als zweifachen Kulturkampf. Einerseits wolle man sich selbst entfalten, was sicherlich auch ein Freiheitsmodell bedeute. Hier sei es egal, was die anderen sagen. Andererseits müsse die Selbstverwirklichung nach außen dargestellt werden, dort kämen soziale Erwartungen dazu: Das Statusinteresse der neuen Mittelklasse ist ja nicht verschwunden. Idealerweise passten die zwei Ebenen der Selbstentfaltung und des Erfolghabenwollens zueinander.

„Sie können das Subjekt aber auch in zwei verschiedene Richtungen treiben. Das macht die Problematik, aber auch die Dynamik aus. Es hält das Subjekt am Laufen, weil es zwischen diesen zwei Richtungen pendelt.“

6 Der Themenkreis „‚differenzieller Liberalismus‘ als Ausdruck des neuen ‚Politischen‘“.

Die interessanteste Anmerkung zu diesem Komplex ist anonym auf Amazon zu finden: „Wie der neue Gesellschaftsvertrag im Kulturkapitalismus aussehen muss, steht nicht in diesem Buch. Aber wer die Analysen und Thesen von Andreas Reckwitz aufmerksam liest, weiß danach wenigstens, wo er mögliche Antworten suchen muss. Sicher nicht in den Parteiprogrammen der bisherigen Volksparteien … Ob es überhaupt möglich sein wird, das spätmoderne Subjekt für ein Zugehörigkeitsgefühl zu gewinnen, wird sich zeigen.“ Damit ist der wichtigste politische Diskussionspunkt angerissen: Gesellschaftsvertrag oder auch „Zugehörigkeitsgefühl“ (gleichwohl beides nicht identisch ist).

Denn der Staat sei immer weniger Garant für die Erhaltung des Gemeinwohls: „Angepasst an die Konsumbedürfnisse der Bürger, versteht sich der spätmoderne Staat als Einrichtung der Ermöglichung privaten Konsums und weniger der Verfolgung gesamtgesellschaftlicher Ziele. (S. 435) Die gesellschaftspolitische Herausforderung für die Zukunft sieht Reckwitz unter anderem darin, innerhalb einer Gesellschaft der Singularitäten wieder etwas zu rekonstituieren, das – zumindest provisorisch – allgemein anerkannt wird. Ebenso wichtig erscheint „angesichts der Parzellierung von medialen Teilöffentlichkeiten die Frage nach einer Rekonstitution allgemeiner Öffentlichkeit…, in denen Subjekte aus den unterschiedlichen Klassen und Milieus der Gesellschaft aufeinandertreffen“ (S. 440).

Für die Milieus, die diesen Prozess tragen, ergeben sich neue Freiheits- und Befriedigungsgewinne ebenso wie man angesichts der neuen Polarisierungen, des Spiels der Besonderheiten auf individueller und kollektiver Ebene eine Krise des Allgemeinen ausmachen muss: Das Strukturprinzip der Besonderung lässt eben dieses Allgemeine als das verbindende Element zwischen allen, auch das Gemeinwohl ins Hintertreffen geraten. Zu fragen ist also, ob es um die Freiheit von „Milieus“, von bestenfalls einem Drittel geht, oder um die Freiheit der vielen, der steuererwirtschaftenden Mehrheit?

Zwar weist Reckwitz explizit auf die gesamtgesellschaftlichen und gesamtstaatlichen Auswirkungen seiner Singularitäten und die dadurch hervorgerufenen Konflikte hin und erkennt Krisen der Anerkennung, der Selbstverwirklichung und des Politischen, wozu Kulturkonflikte, religiöser Fundamentalismus, ja insgesamt eine zunehmende Fragmentierung der Gesellschaft gehörten. Auf die verweist drastisch auch Götz Kubitschek mit einer Kritik am Bundesverfassungsgericht, das in seiner neueren Rechtsprechung ein atomistisches, die Existenz eines Volkes leugnendes Menschenbild entwickle. Damit würde sich Karlsruhe auf juristischer Ebene einer seit Jahrzehnten herrschenden Politik anpassen, deren wesentliches Kennzeichen es sei, die Rechte des einzelnen gegen die Rechte der Gemeinschaft künstlich in Stellung zu bringen, was am Ende zu einer Auflösung aller Strukturen und Institutionen führt, in denen der Mensch Halt finden konnte (Ehe, Familie, Stamm, Volk usw.).

Allerdings macht sich Reckwitz die Antwort – wie alle Idealisten – sehr leicht, viel zu leicht, wenn er sie in eine unbestimmte erdachte Zukunft verlagert und fragt, ob die Gesellschaft der Singularitäten überhaupt noch ein Teil der Moderne oder ob sie nicht vielmehr unterwegs zu etwas ganz anderem ist, nämlich einer „nachmodernen Formation“. Einen Gegenpol zu bspw. Fukuyama einnehmend, ist für ihn die Moderne keine Universalie, sondern selbst durch und durch geschichtlich; sie habe nicht nur eine Entstehungs- und Verlaufsgeschichte, sondern sie wird irgendwann auch eine Geschichte des Verschwindens und der Transformation in andere, ihr nachfolgende Gesellschaftsformationen haben.

Übrig bleiben der Eindruck, dass die einen die anderen nicht verstehen können, ja wollen; und die Negierung, dass „diversity“ – und die Toleranz dafür – nicht ohne Individualismus und Differenzierung zu haben ist, kurz dass man keine Pluralität predigen, aber Singularität leben kann. Das ist mehr als ein Ausdruck der Schizophrenie der westlichen Rationalität. Es ist der Ausdruck der Krise des Allgemeinen im Politischen, der Verlust des Vertrauens in die Volksparteien, der sich geringstenfalls als Kulturnationalismus und schlimmstenfalls als Fundamentalismus äußert, ja als Kritik am westlichen Universalismus, der die eigenen Werte als weltweit gültig und richtig unterstellt.

Reckwitz macht dafür einen Liberalismus verantwortlich, der in Wirtschaft und Politik auf Deregulierung setzt und in der Gesellschaftspolitik die Identitätsrechte sämtlicher Minderheiten stärkt, Kultur aber gleichzeitig als Ressource der globalen Wettbewerbsfähigkeit instrumentalisiert. Von allen geschlossenen Gemeinschaften, und das sind Minderheiten in der Regel, werden die Identitätsangebote dankbar aufgegriffen und dogmatisch interpretiert. Und wenn nun bestimmte Minderheiten aufgrund kultureller Ungleichheit zugleich auch Verlierer sind, fänden die sich mehr und mehr bei „Populisten“ wieder und vice versa.

Ergo breiteten sich Parteien an den Rändern aus, die jene ansprechen, die im knallharten Rennen um Aufmerksamkeit nicht mithalten können – und die sich in den etablierten Parteien nicht mehr zu Hause fühlen, weil diese sich ihrerseits mehr und mehr für Randgruppen interessieren. Sexuellen, konfessionellen, ethnischen Minderheiten ist die Aufmerksamkeit auch der etablierten Parteien sicher. Die Vielen, die sich ihnen bislang anvertrauten, finden sich und ihre Anliegen nicht mehr angemessen vertreten.

Wohin diese Krise des Allgemeinen oder auch der Repräsentanz führt, schreibt Reckwitz, ist alles andere als ausgemacht. Das stimmt und mag für die einen beängstigend, für die anderen hoffnungsfroh anmuten. Eine ganz besondere Illustration fügte dieser Krisendiskussion das Koalitionshickhack nach dem 24. September 2017 zu. Felsmann schreibt lapidar:

„Wer die hier vorliegende Charakterisierung einer neuen Mittelschicht, die deutlich wahrnehmbar den öffentlichen Diskurs hierzulande bestimmt, ernst nimmt, dem muss Jamaika geradezu als logische Konstellation erscheinen.“

Koalitionspoker 2017. Quelle: https://image.stern.de/7638230/16x9-940-529/1e39ffcb6e9ed80b17307c7566e549a7/mW/jamaika.jpg

Koalitionspoker 2017. Quelle: https://image.stern.de/7638230/16x9-940-529/1e39ffcb6e9ed80b17307c7566e549a7/mW/jamaika.jpg

Für Reckwitz setzt gerade ein Rechtspopulismus auch auf das Register des Besonderen, in dem er etwa das eigene Volk und die Zugehörigkeit zu einer Nation betont, kehre dabei aber gleichzeitig die Ideale des Liberalismus der neuen Mittelklasse um, indem er auf Schließung und Regulierung plädiere, zwischen innen und außen trenne, das Eigene gegenüber dem Fremden betone, wo sie für Globalisierung, Öffnung der Märkte und Identitäten stehe. Er erkennt das durchaus richtig als Reaktion auf Entwertungstendenzen: Durch die kulturelle Entwertung und Kränkungserfahrung gerate die alte Mittelklasse gegenüber der neuen gebildeten kosmopolitischen Schicht in die Defensive und befürchte, nicht mehr mithalten zu können, woraus durchaus politische Sprengkraft erwachsen könne.

Es sei eine Trauer um das Verlorene, das die Ideologie des Rechtspopulismus bediene, schließt der Autor. Das aber ist zu simpel. Denn die Ausbreitung der Singularitätskultur macht vor keiner Politik halt, allerdings weniger auf dem Markt konkurrierender Parteienangebote, sondern z.B. in Spannungsfeld zwischen urbanen und ländlichen Räumen (Metropolen und Provinz), auf dem Gebiet neuer gesellschaftlicher Phänomene wie dem religiösen Fundamentalismus oder gar der Gewalt-Fokussierung mittels gezielter Terrorakte.

Vogel verweist weiterhin darauf, dass die von Reckwitz beschriebene neue Mittelklasse der Kreativen und Akademiker, die nun den Takt in der Singularitätsgesellschaft angibt, doch offensichtlich durch und durch ein Staatsprodukt ist. Das staatliche Bildungssystem habe sie geprägt, sie leben von und in den Bildungsapparaten, sie ernähren sich von öffentlich finanzierten Projekten. Staatlich finanzierte Fördertöpfe treiben die „kulturellen Singularitätsmärkte“ an. Denn zum guten Leben, zum richtigen Wohnen und zum korrekten Essen gehört ja auch ein auskömmliches Einkommen. Die von Reckwitz unter der Überschrift „Die Politik des Besonderen“ verbuchten Schlagworte der „kulturorientierten Gouvernementalität“ sowie des „Singularitätsmanagements“ (S. 388ff.) klingen für ihn nach einigem Aufwand an Steuergeldern.

Zudem erkennt er, dass der Wohlfahrts- und Rechtsstaat heute immer stärker partikulare Bedürfnisse beachtet und bedient, ja dass Staatlichkeit heute sehr viel selektiver agiert als in der Vergangenheit. Das alles spräche dafür, dem Staat analytische Aufmerksamkeit zu schenken, wenn es um Prozesse der Singularisierung geht. Aber auch hier schätze Reckwitz die Schematisierung – der Staat erscheint als der Agent der Massenkultur, der Vereinheitlichung, des „doing generality“. Dabei gibt es gestern wie heute vermutlich keine erfolgreichere Institution der sozialen Logik des Besonderen und der Selektion als den modernen Staat und seine Institutionen und Behörden. Das zu erkennen, fiele aber der Soziologie insgesamt sehr schwer.

Differenzen begrenzen, sollte die Devise lauten, womit Reckwitz einen „regulativen Liberalismus“ meint. Ein Liberalismus, der die geschwächten staatlichen Institutionen als Stellvertreter des Allgemeinen wieder aufwertet und an den richtigen Stellen – etwa in der Plattformökonomie – Regeln setzt. Allgemein hält Reckwitz eine Arbeit an geteilten Normen und Gütern für notwendig, um dem irrationalen Sog der Singularisierung entgegenzuwirken. Die Beschreibungen dieses Liberalismus, zumal der Inhalte, die er leisten sollte, bleiben aber mehr als vage. Eine weitere von vielen verschenkten Potenzen des Textes, zumal Bernd Ulbrich in der Zeit inzwischen auch dieses ideologische System infrage stellt: „Ist der Liberalismus wirklich eine Lebensweise für alle oder doch bloß die Herrschaftsideologie einer globalisierten Klasse?“

Fazit

In seinem abschließenden Resümee kontrastiert Reckwitz das normative Ideal eines gesellschaftlichen Fortschritts, dass die klassische Moderne bis in die 70er Jahre geprägt hat, mit der neuen Gesellschaft der Singularitäten. Prägend seien nun die „kleinen Erzählungen“ des privaten Erfolges und guten Lebens, nicht mehr die „große Erzählung“ der alten (kapitalistischen) Fortschrittsgesellschaft. Maßgeblich ist nicht mehr die immer auf Zukunft rekurrierende Zeitperspektive der alten Fortschrittsgesellschaft, sondern in der Spätmoderne herrscht ein radikales Regime des Neuen, das „momentanistisch“ ist, also nicht an langfristigen Innovationen, gar Revolutionen orientiert, sondern an der Affektivität des Hier und Jetzt. Was in der Spätmoderne „Fortschritt“ ist, lässt sich weitaus weniger einfach beantworten als in früheren Zeiten: Fortschritt und Regression, Aufwertung und Entwertung verteilen sich ungleich zwischen konträren gesellschaftlichen Gruppen: zwischen Kreativen und Arbeitern, Einheimischen und Emigranten, Kosmopoliten und Sesshaften…

Kulturalisierung, Singularisierung und Affektivierung gehen in Reckwitz’ Ansatz Hand in Hand: Sie prägen eine soziale Logik des Besonderen aus, die im Kontrast zur rationalisierenden Logik des Allgemeinen steht. Beide zusammen bildeten die konstitutiven Strukturprinzipien einer Spätmoderne, in der sich das soziale Primat von der Logik des Allgemeinen zur Logik des Besonderen verschiebt. Wo Mittel zum Zweck stärker wertgeschätzt werden als die Zwecke selbst, herrscht nicht etwa keine, sondern eine andere Kultur, eben die Kultur des Technischen, Ingenieurhaften, Bürokratischen etc., zumal die (Un-)Kultur der Algorithmen.

Im Raum steht damit, ob diese Entwicklung tatsächlich so und vor allem unumkehrbar eintritt, inwieweit sie nicht nur akademisch, sondern vor allem in der Bevölkerung akzeptiert und willkommen geheißen wird und welche weiteren – vor allem sozialen – Auswirkungen sie zeitigt. Wenn Anerkennung nur noch diejenigen finden, die Einzigartiges produzieren, und Verlierer diejenigen sind, die langweilige Routinejobs haben; aber auch die Gewinner auf den Singularitätsmärkten sich in einer Krise der Selbstverwirklichung gefangen sehen, da die Selbstoptimierung ihre Kinder frisst, da Singualisierung alleine nicht glücklich macht. Schließlich die Krise des Politischen, das jede Steuerungsmächtigkeit, ja -fähigkeit eingebüßt hat und der Eigendynamik der Ökonomie, der Medientechnologie und die Kultur der Lebensstile Platz machen musste. Öffentlichkeit, Staat sowie Recht scheinen da nur noch etwas für notorische Melancholiker der Gesellschaftssteuerung zu sein.

Von Siegern im neuen „Klassenkampf der Mitte“ mag man da ebenso wenig sprechen wie vom Projekt Gesellschaftsgestaltung, das als gestrig daherkommt. Hierfür steht nach vielen hundert Seiten die Conclusio von Reckwitz:

„Die sozialen Asymmetrien und kulturellen Heterogenitäten, welche dieser Strukturwandel der Moderne potenziert, seine nichtplanbare Dynamik von Valorisierungen und Entwertungen, seine Freisetzung positiver und negativer Affekte lassen Vorstellungen einer rationalen Ordnung, einer egalitären Gesellschaft, einer homogenen Kultur und einer balancierten Persönlichkeitsstruktur, wie sie manche noch hegen mögen, damit als das erscheinen, was sie sind: pure Nostalgie.“ (S. 442)

„Das Allgemeine hat immer weniger einen Ort innerhalb der Spätmoderne, auch die Frage nach dem, was Menschen gemeinsam haben, die Frage nach dem Allgemeinwohl, die Frage nach dem Universalen ist in diesem ständigen Wettbewerb um Einzigartigkeit, oder auch in dieser ständigen Profilierung von Gruppen besonders in den Hintergrund geraten. Wir müssen uns fragen, wo wir wieder Orte des Allgemeinen, auch der Frage des Allgemeinen schaffen können“, meint Reckwitz in einem DLF-Interview und bringt damit das wesentliche Dilemma seines Buchs auf den Punkt, das viele Rezensenten auch sahen.

Dieter Schnaas fragt sich etwa in der Wirtschaftswoche, „ob Reckwitz nicht zuweilen zum Opfer seinen eigenen Diagnose wird – und dem Zwang zur Überakzentuierung seiner originellen These erliegt. Sein soziologisches Raster ist für die Erschließung der mannigfaltigen Singularitäten etwa zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Kunst und Wissenschaft zu grob. Es schließt einen historischen Zugang zur Wirklichkeit der Moderne nicht auf. Sondern verstellt ihn.“ Dirk Hohnsträter ergänzt auf Soziopolis, „wie die Sozial- und/oder Kulturwissenschaft/en der Logik des Besonderen gerecht werden können und wie ein sozusagen singularitätenadäquater Wissenschaftsstil – bei der Wissenserzeugung ebenso wie beim wissenschaftlichen Sprechen – eigentlich aussähe.“

Eine „Begriffsarchitektur mit immer wieder denselben Thesen“, bemängelt Thomas Steiner in der Badischen Zeitung.

„Wer so abstrakt bleibt, kann auch aus einer Tendenz umstandslos eine umfassende Gesellschaftstheorie machen: ‚In der Spätmoderne wird die soziale Logik der Singularisierungen, die zugleich eine der Kulturalisierung und der Affektintensivierung ist, zu einer für die gesamte Gesellschaft strukturbildenden Form.‘ So einfach ist das. Wenn man die einmal justierte Begrifflichkeit über alles stülpt.“

Engelmann macht darauf aufmerksam, dass desto mehr der beunruhigende Eindruck entstand, dass die Beharrungs- und Absicherungskräfte des Verallgemeinernden an Boden gewännen, je schneller sich das Neue und Innovative in Allgemeines zurückverwandelte. Aber

„der Staat ist laut Reckwitz nicht mehr die Einrichtung, welche gesamtgesellschaftliche Ziele aushandelt, definiert und umsetzt. Stattdessen ermögliche der Staat einen Rahmen, in dem Konsum stattfinden und damit auch Singularisierung hervorgebracht werden kann. Die schützende Funktion des Sozialstaates tritt dabei immer weiter zurück – denn das besondere Leben braucht die Unterstützung des Staates nicht mehr. Alle Krisen laufen – so die These – auf eine Krise des Allgemeinen hinaus. Statt einer Bewältigung von Krisen steuert die Gesellschaft jedoch in eine Dauerkrise, die selbst wiederum aufgrund der neuen normativen Maßstäbe in Bewegung gehalten werden muss.“

Richartz geht mit dem Autor wohl am schärfsten ins Gericht:

„Das Konzept der ‚Authentizität‘, das kritisch betrachtet als ein weiterer Modus der Selbstdarstellung gewertet werden könnte, welches eben Verschleierung und nicht Aufrichtigkeit zum Ziel hat, wäre eine Steilvorlage für eine tendenziell kritische Haltung gewesen. Reckwitz schlägt allerdings jede kritische Autorendynamik aus, er will im Elfenbeinturm der Soziologie ankommen.“

Vereinzelung. Quelle: https://media-cdn.sueddeutsche.de/image/sz.1.968680/860x860?v=1528252767000&method=resize&cropRatios=0:0-Zoom-www

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Den letzten Satz würde ich sogar noch steigern: Reckwitz hat eine subjektivistische Theorie der Vereinzelung vorgelegt, die in letzter Konsequenz bedeutet, dass wir statt Soziologie künftig eine Individuologie haben werden, in der jeder alles sagen kann und damit gleich richtig oder falsch liegt. Dass so ein anmaßender Text just 130 Jahre nach Ferdinand Tönnies „Gemeinschaft und Gesellschaft“ erscheint, das als erstes sozialwissenschaftliches Grundlagenwerk Deutschlands gilt und untersuchte, wie aus den traditionellen Kleinst-Einheiten von Familie, Glaubensgemeinde oder Dorf der Zusammenhalt in dem entsteht, was man als „moderne Gesellschaft“ begreifen kann, ist da ein zufälliger Lapsus, der die Destruktivität der entworfenen Theorie noch unterstreicht.

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