Feeds
Artikel
Kommentare

Herzlich willkommen!

Als Dozent informiere ich Sie auf meiner Webpräsenz über meine Aktivitäten rings um die hochschulische Ausbildung angehender Medienmacher.

Als Mensch lasse ich Sie gern an meinen freizeitlichen Aktivitäten teilhaben, zu denen nicht zuletzt Kochen gehört ;-)

Als Bildungsbürger kommentiere/rezensiere ich außerdem vielerlei kulturelle Phänomene – vom Roman über den Musikergeburtstag bis zum Regisseurstod.

Und als (Ex-)Journalist blogge ich daneben unregelmäßig Betrachtungen zu Interessantem und Wissenswertem nicht nur aus der Welt der Medien.

Warum gerade Betrachtungen?

Ich empfinde dieses Genre – eine Meinungsdarstellungsform übrigens – als eins der zeitgemäßen schlechthin.

Eine Betrachtung soll durch Beschreibungen und Schilderungen, Vergleiche und Annäherungen bis hin zur Analyse einem Ereignis, einer Situation, einem Gegenstand oder auch einem (gesellschafts-) politischen Problem Individualität verleihen: Recherche darf in gewissem Maße substitutiert werden durch Subjektivität.

Die Betrachtung ist durchaus mit derselben eines Kunstwerks in einer Ausstellung vergleichbar: man wählt zunächst die Gesamtschau und wechselt dann zu einzelnen Aspekten.

Dabei ist dem Genre eigen, dass die Prioritäten dieser Aspekte oft im Vagen bleiben: aus der Betrachtung erwächst ein Gedanke, der das formale Ziel darstellt.

Der Gegenstand darf dabei Randerscheinung eines größeren Zusammenhangs bleiben: “die Bedeutung des Unbeachteten birgt den Kern ihrer Aussage” (Degen 2004).

Viel Spass beim Lesen – und natürlich beim Kommentieren!

Was mit einer Gutenachtgeschichte für den Fünfjährigen begonnen hatte, wurde zu seiner Obsession: Das Kindermädchen Resi hatte ihm die Geschichte von Nils Holgerssons Reise mit den Wildgänsen vorgelesen – worauf Konrad beschloss, unbedingt ein Wasservogel zu werden. Er gab sich mit einem frisch geschlüpften Entenküken zufrieden, das ihm überallhin folgte – die wissenschaftliche Erklärung für dieses Phänomen fand Lorenz erst Jahre später, als er bei der jungen Graugans Martina das nämliche Verhaltensmuster beobachtete. Spötter behaupten, das anhängliche Gänsekind in seinem fluffigen Daunenkleid habe im Gegenzug den jungen Lorenz auf das Federvieh festgelegt.

Dieses Phänomen nannte er „Prägung“: Einem nur kurze Zeit „offenen“ genetischen Programm folgend, fixiert der Jungvogel dasjenige Wesen zum Leittier, das sich ihm in dieser Lebensphase zuwendet – eine Verschränkung von Instinkt und Lernfähigkeit, die bis dahin kein Biologe für möglich gehalten hatte. Diese Beobachtung führte Lorenz zu der damals revolutionären Erkenntnis, dass nicht nur die körperlichen Merkmale einer Art, sondern auch ihre Verhaltensprogramme ein Ergebnis ihrer stammesgeschichtlichen Entwicklung sind. Nur wenn die Konstruktion des Körpers und die Instruktion des Verhaltens optimal aufeinander abgestimmt sind, kann eine Spezies im evolutionären Konkurrenzkampf überleben.

Auch viele der Spezies Mensch eigentümliche Verhaltensweisen hätten, so Lorenz, ihren Ursprung in einer früher einmal notwendig gewordenen biologischen Anpassung an diesen Selektionsdruck – die jeder Art offenkundig  aufgeprägten Muster, nach denen geworben, gebrütet, erlernt, gefüttert, kommuniziert, gekämpft und erobert wird. Damit begründete er die klassische vergleichende Verhaltensforschung (Ethologie), die er bis 1949 als „Tierpsychologie“ bezeichnete: „Einstein der Tierseele“ nannte ihn der SPIEGEL ehrfürchtig. Daneben gilt er als ein Urheber der „Evolutionären Erkenntnistheorie“, wonach Erkenntnisstrukturen mit den realen Strukturen teilweise übereinstimmen (müssen), weil nur eine solche Übereinstimmung das Überleben ermöglicht. Für seine Entdeckungen „betreffend den Aufbau und die Auslösung von individuellen und sozialen Verhaltensmustern“ bekam er mit zwei anderen Forschern 1973 den Nobelpreis für Medizin.

Gänsevater Lorenz. Quelle: https://klf.univie.ac.at/fileadmin/_processed_/csm_konrad-lorenz-gruenau_b66478c8df.jpg

Gänsevater Lorenz. Quelle: https://klf.univie.ac.at/fileadmin/_processed_/csm_konrad-lorenz-gruenau_b66478c8df.jpg

Erst bei dessen Verleihung bedauerte Lorenz in ziemlich gewundener Form bestimmte Studien, die er bis 1944 veröffentlicht hatte, aber „die zurückzunehmen seine Größe nicht ausreichte und die sein Fach bis heute belasten“, so die ZEIT. „Das Wenige, was ich schon von Untaten und Gräueln des neuen Regimes wusste, konnte ich nicht glauben und wollte es vor allem nicht glauben. Der Vorgang, den Sigmund Freud ‚Verdrängung‘ nannte, hat eine dämonische Macht über den Menschen, von der man sich keine Vorstellung macht“, rechtfertigte er sich lange danach. „Seine Karriere ist eng mit der Rassenideologie der Nazis verknüpft“, begründete Karljosef Kreter, Leiter des Bereichs Erinnerungskultur der Stadt Hannover, in der HAZ den Beschluss, den erst 1991 nach Konrad Lorenz umbenannten Platz erneut umzubenennen. Er habe sich an nationalsozialistischen Propagandabegriffen wie der „Ausmerzung“ und „Auslese“ von Rassen orientiert.

„paradiesische Kindheit in einem zauberschlossartigen Gebäude“

Diese Anschauungen seien ihm in die Wiege gelegt, erklärte Lorenz später: „Ich bin durch Vererbung von Eugenik besessen.“ Gemeint ist sein Vater, der weltberühmte  Orthopäde Adolf Lorenz, der als Verfechter von „Erbgesundheit“ für „die Sterilisierung weiblicher und männlicher Idioten, Gewohnheitsverbrecher und Trinker“ stritt. Er war fast 50 – und seine Frau 41 – als Konrad 1903 in der elterlichen Villa in Altenberg bei Wien geboren wurde. Biographen schreiben von einem herrisch-unnahbaren Vater und einer hysterisch-gefühlsarmen Mutter, einer „paradiesischen Kindheit in einem zauberschlossartigen Gebäude“, „umgeben von Luxus“, einem „Kometenschweif von Bediensteten“ und „jeder Menge Tiere“. Grenzenlose Verwöhnung und ein irreparables Defizit an emotionaler Geborgenheit hätten ihn geschädigt und zeitlebens die Welt durch die Augen eines „extrem verwöhnten Kindes“ sehen lassen. Mit seiner späteren Frau Gretl – sie kannten sich seit seinem dritten Lebensjahr – spielte der kleine Konrad Dinosaurier im elterlichen Park. Als Schwanz zog er einen Gartenschlauch hinter sich her. Ein „kindhafter Spieltrieb“ sei ihm auch als Wissenschaftler eigen geblieben. Als Ärztin gab ihm Gretl später den finanziellen Rückhalt für seine Studien.

Der Kindheitsfreund Karl Poppers begann 1922 auf Wunsch seines Vaters ein Medizinstudium in New York, kehrte jedoch schon ein Jahr später nach Wien zurück, wo er 1928 promovierte, dann als Assistent am II. Anatomischen Institut der Universität beschäftigt war und 1933 eine zweite Promotion ablegte. Danach beginnt er als Privatgelehrter seine tierischen Studien zu professionalisieren: Zeitweise hielt Lorenz in Altenberg 100 Dohlen, 20 Kolkraben, 32 Nacht- und 15 Seidenreiher sowie dutzendweise Enten, Graugänse und ein paar Hunde, gar nicht zu reden von den vielen hundert Fischen in zahlreichen Aquarien. Unablässig und mit spitzgeschliffener Neugier beobachtete er vor allem das Verhalten der Gänse, lebte schnatternd unter ihnen, schwamm mit ihnen an der Spitze ihrer familiären Geleitzüge und ließ manche sogar, nach menschlichen Maßstäben sicher etwas taktlos, unter der Daunendecke bei sich im Bett schlafen. 1936 habilitiert, erhielt er 1938 ein Forschungsstipendium.

Am 28. Juni 1938 stellte er, was er bis zu seinem Tode abstritt, handschriftlich sein Ansuchen auf Mitgliedschaft in der NSDAP. „Ich war als Deutschdenkender und Naturwissenschaftler selbstverständlich immer Nationalsozialist“, beteuert er darin. 1940 erhielt er eine Professur für Psychologie in Königsberg. Aus der Berufungsakte geht hervor, dass er schon kurz nach seinem Beitritt „Mitarbeiter des Rassenpolitischen Amtes RPA der NSDAP mit Redeerlaubnis“ war. In Aufsätzen beklagte der Biologe etwa die „Verhausschweinung“ des Menschen und verglich die „überzivilisierten Menschen“ der Großstädte mit ihren „Mopsköpfen“ und „Hängebäuchen“ mit überzüchteten Haustieren.

Propaganda der RPA zur Akzeptanzbereitung für Eugenik und Euthanasie. Quelle: https://www.dhm.de/fileadmin/medien/lemo/images/pli02843.jpg

Propaganda der RPA zur Akzeptanzbereitung für Eugenik und Euthanasie. Quelle: https://www.dhm.de/fileadmin/medien/lemo/images/pli02843.jpg

Der gleiche Prozess von Domestikation und Niedergang treffe auch auf den labilen, entwurzelten Stadtmenschen zu, weshalb – ganz im Duktus Spenglers – „die Zivilisation sich in einem Prozess des ‚Verfalls und Untergangs‘ befinde“, die zunehmende Domestikation des Menschen seine Menschlichkeit bedrohe. „Wie die Zellen einer bösartigen Geschwulst“ durchdrängen die „mit Ausfällen behafteten Elemente“ den „Volkskörper“, erreichten mit ihrem „moralischen Schwachsinn eine sehr viel höhere Fortpflanzungsquote als Vollwertige“ und raubten ihnen den Lebensraum, erläuterte Lorenz in seiner „Domestikations-Arbeit“ von 1940. Da helfe nur „ein Rassepfleger“, der „auf eine noch schärfere Ausmerzung ethisch Minderwertiger bedacht“ sei.

„Übereinstimmungen zwischen Psychoanalyse und Verhaltensphysiologie“

Bereits nach einem Jahr wurde er als Soldat zur Wehrmacht eingezogen, als Heerespsychologe einge- und ab 1942 als Militärarzt in ein Lazarett in Posen versetzt, wo ihm bis heute nicht völlig geklärte Aufgaben übertragen wurden. Er selbst hat sich über diese Zeit nie geäußert. Belegt ist lediglich seine Mitarbeit an einer rassekundlichen „Studie“ im Rahmen des Arbeitskreises „Eignungsforschung“. Dabei sollten 877 im „Reichsgau Wartheland“ lebende Menschen auf ihre „erbbiologische“ Eignung hin untersucht werden, weiterhin in ihrer Heimat verbleiben zu dürfen – mit dem Ziel, eine Beziehung zwischen Charaktereigenschaften und „völkischem Blutanteil“ nachzuweisen.  1944 wurde Lorenz an die Ostfront versetzt, geriet in Kriegsgefangenschaft, wo er als verbürgt heroische Leitfigur wirkte, die zahllosen Kameraden das Leben gerettet hat, und wurde 1948 nach Österreich entlassen.

Hier gründete der Enthusiast zunächst ein „Institut für vergleichende Verhaltensforschung“, das zur Österreichischen Akademie der Wissenschaften gehörte, und veröffentlicht zur Finanzierung seines Lebensunterhalts sein bis heute populäres Buch „Er redete mit dem Vieh, den Vögeln und den Fischen“, das in die engere Auswahl um das „beste populäre Wissenschaftsbuch aller Zeiten“ kam. Nachdem 1950 eine Professur in Graz scheiterte, richtete die deutsche Max-Planck-Gesellschaft in Buldern für ihn eine „Forschungsstelle für Vergleichende Verhaltensforschung“ als Außenstelle des Max-Planck-Instituts für Meeresbiologie Wilhelmshaven ein. Fünf Jahre später begann der Bau der legendären „Seewiesen“: Das Max-Planck-Institut für Verhaltensphysiologie am Eßsee in Oberbayern. Dort wurde Lorenz 1961 Direktor. Viele von ihm geprägte Begriffe wie Triebstau, Auslöser oder Instinkt wurden in dieser Zeit definiert, das Forschungsfach internationalisiert. In Münster und München wurden ihm zwei Honorarprofessuren zuteil.

Einer von vielen Bestsellern. Quelle: https://www.amazon.de/redete-mit-Vieh-V%C3%B6geln-Fischen/dp/3492029175#reader_3492029175

Einer von vielen Bestsellern. Quelle: https://www.amazon.de/redete-mit-Vieh-V%C3%B6geln-Fischen/dp/3492029175#reader_3492029175

Bis in die siebziger Jahre setzte er seine Arbeit fort und erregte immer wieder Aufsehen mit vehementer Zivilisationskritik, die den fortschreitenden Werteverlust des Industriezeitalters anprangerte. Er wurde weit über die Grenzen seines Fachgebietes hinaus bekannt, als er seine Studien in unterhaltsame und anekdotenreiche Tiergeschichten verpackte und damit auch für naturwissenschaftliche Laien, ja sogar für Kinder zugänglich machte. Auch seine drei Hauptwerke fielen in diese Zeit. Geprägt sind diese Schriften von seiner kulturpessimistischen Überzeugung, dass auch das Verhalten des Menschen weitgehend durch biologische, stammesgeschichtliche Vorgaben bestimmt wird.

Im Jahr 1963 erschien zunächst sein Bestseller „Das sogenannte Böse. Zur Naturgeschichte der Aggression“, das ein schlechtes Licht auf den Menschen warf. In aller Ausführlichkeit schloss Lorenz hier von der Gans aufs Ganze: Der menschliche Geist, so sein provozierender Befund, sei nicht frei, sondern gekettet an ein ererbtes Instinkt-Programm. Damit griff er seine seit den 30er Jahren entwickelte Instinktlehre wieder auf. „Diskussionen von Freuds Trieblehre ergaben unerwartete Übereinstimmungen zwischen den Ergebnissen der Psychoanalyse und der Verhaltensphysiologie“, sagte er später. So meint er, dass Sport als phylogenetisch entstandener „Kommentkampf“ die gemeinschaftsschädigenden Wirkungen der Aggression mildert und damit arterhaltend wirkt.

Für Lorenz begann mit der Veröffentlichung ein neuer Lebensabschnitt als ums Wohl der Menschheit besorgten Predigers, ja als internationale Kultfigur. Das bedrohliche Missverhältnis zwischen ererbten Sicht- und Handlungsbeschränkungen und geistigen Höhenflügen war fortan sein Lebensthema. Die Diskrepanz zwischen menschlichem Geist und natürlicher Veranlagung gipfelte in der Pointe, das „blöde Vieh“ Mensch sei „mit seinem Gehirn im Stande, sich selbst und alle anderen auszurotten“.

„Grundmuster faschistischer Menschenverachtung“

Im Jahr der Nobelpreisverleihung folgten zwei weitere Bestseller. In „Die acht Todsünden der zivilisierten Menschheit“, das bis 2009 als Taschenbuch 34 Auflagen erlebte, analysiert er „Vorgänge der Dehumanisierung“. So geißelte er neben der „Überbevölkerung“ und der „Verwüstung des natürlichen Lebensraums“ Hedonismus, Traditionsverlust und den „genetischen Verfall“, den für ihn unter anderem die wachsende Jugendkriminalität indiziert. Lorenz wich allerdings der Frage aus, wie sich denn der Zivilisationsmensch von seiner offenbar destruktiven Erblast befreien könnte, ja, ob er dazu überhaupt in der Lage wäre.  Zur Bevölkerungsentwicklung ergänzte er 1988: „Es zeigt sich, dass die ethischen Menschen nicht so viele Kinder haben und die Gangster sich unbegrenzt und sorglos weiter reproduzieren.“ „Grundmuster faschistischer Menschenverachtung“, ja „Ungeheuerlichkeiten“ hätten sich abgezeichnet, klagte nach seinem Tod sein Schüler Norbert Bischof, der den Text redigierte.

Nobelpreis-Übergabe. Quelle: https://www.br.de/themen/wissen/konrad-lorenz-nobelpreis-uebergabe-100~_v-img__3__4__xl_-f4c197f4ebda83c772171de6efadd3b29843089f.jpg

Nobelpreis-Übergabe. Quelle: https://www.br.de/themen/wissen/konrad-lorenz-nobelpreis-uebergabe-100~_v-img__3__4__xl_-f4c197f4ebda83c772171de6efadd3b29843089f.jpg

In seinem Hauptwerk „Die Rückseite des Spiegels – Versuch einer Naturgeschichte menschlichen Erkennens“ erörtert Lorenz das Zusammenspiel von genetischen und zivilisatorischen Einflüssen auf das Erkenntnisvermögen des Menschen; er hatte es bereits im Krieg angelegt. „Wie galvanisierte Ganter zuckten vor allem die Soziologen und die Psychologen auf, als Lorenz mit der These hervortrat, Kulturgeschichte sei nichts anderes als die Fortsetzung der Evolution mit anderen Mitteln: Der menschliche Geist sei das Ergebnis eines langen Prozesses von Auslese und Anpassung, die Fähigkeit des Menschen zu intelligentem Verhalten und wissenschaftlich-rationaler Erforschung der Natur eine stammesgeschichtliche Erwerbung“, fasste der SPIEGEL das Buch zusammen.

Sprachstruktur, begriffliches Denken, räumliches Vorstellungsvermögen sowie der Sinn für kausale und zeitliche Zusammenhänge – all diese Grundlagen jedweden exakten Wissens hielt Lorenz für eine Art „Vorweg“-Information über die Struktur der Umwelt, die im Laufe erdgeschichtlicher Zeiträume in die Erbmasse der höheren Arten eingegangen sei. Inzwischen hat die moderne Psychologie diese Hypothesen vom Erbwissen in manchem bestätigt. Bei Säuglingen beispielsweise stellten die Experten unmittelbar nach der Geburt stereotype Bewegungen fest, die darauf schließen lassen, dass Neugeborene über ein räumliches Vorstellungsvermögen verfügen.

„Wird die Metaphysik dem Menschen gleichsam in die Wiege gelegt“, fragt sich der SPIEGEL fast entsetzt. Für die in den Geisteswissenschaften beliebte scharfe Grenzziehung zwischen Stammesgeschichte und Kultur hat Lorenz nur Hohn. Die Herrschaften, meint er, möchten eben gern, dass alle „feineren Strukturen des sozialen Verhaltens“ kulturbedingt seien, das sogenannte Niedrige hingegen auf „instinktiven Reaktionen“ beruhe. Lorenz jedenfalls glaubte etwa in der Balz des Graugänserichs das alberne Werbegebaren des Menschenmännchens um die Frau wiederzuerkennen.

Zunehmend an Umweltfragen interessiert, wurde Lorenz unmittelbar vor seinem 75. Geburtstag zur Galionsfigur der erfolgreichen österreichischen Volksabstimmung gegen die Inbetriebnahme des Kernkraftwerks Zwentendorf. 1985 war er zudem Namensgeber des Konrad-Lorenz-Volksbegehrens gegen den Bau eines Wasserkraftwerks im Landschaftsschutzgebiet der Hainburger Auen und gilt damit als „nationales Gewissen“ Österreichs. Am Ende war er ein hoch umstrittener Wertkonservativer, der aber wesentlichen Anteil an der Entstehung der grünen Partei in Österreich hatte. 1988 erschien dann sein letztes großes Werk: „Hier bin ich – wo bist du?“, eine genaue ethologische Beschreibung von Graugänsen als Zusammenschau von rund 60 Jahren intensiver Verhaltensbeobachtung. Damit schloss sich der Lebenskreis des genialen Tier- und Menschenbeobachters: „Die Graugans ist mir das liebste aller Tiere“, schrieb er noch 1988.

Noch im fortgeschrittenen Alter gefiel er sich in bubenhaften Despektierlichkeiten, indem er etwa die „Gesellschaft Deutscher Naturforscher und Ärzte“ als eine von „Naturforzern und Ärschen“ veralberte. Selbst in seiner letzten Stunde, so berichtet Biograph Norbert Bischof, sei der 85jährige kauzig gewesen: „Sie stören mich“, blaffte er eine Krankenschwester an, „Sie sehen doch, ich bin beim Sterben.“ Dann starb er, am 27. Februar 1989 in Wien. Am Ende bleibt das Kaleidoskop einer vielschichtigen und widersprüchlichen Persönlichkeit. Als bahnbrechender Wissenschaftler, mutiger Mahner und Grünengründer gilt er den einen, als schlichter Biologist, noch dazu einer mit NS-Vergangenheit, den anderen. Dazwischen scheint je nach Perspektive zunehmend mehr oder weniger Platz zu sein.

Vor fast genau 70 Jahren wird in Pommern ein offizielles Verbot der „Swing- und Niggermusik“ erlassen: „Jaulende Orchester und swingende Paare gehören in den Urwald.“ Wilhelm Frick, der erste Landesminister der NSDAP, erließ für Thüringen bereits 1930 ein Jazz-Verdikt. Einer der Verbotsgründe: ein Instrument namens Saxophon. Der national-protestantische „Deutsche Frauenkampfbund gegen Entartung im Volksleben“ verlangte neben dem Verbot von „Negertänzen“ auch ein „Verbot von Saxofonen“. 1929 hatte die Deutsche Tonkünstler-Zeitung ebenso ein „Verbot der Saxofone“ gefordert. Alfred Rosenberg, Chef-Ideologe der NSDAP, schimpfte 1930 ebenfalls auf „das Getute der Saxofone und anderer für Niggertrommelfelle gefertigter Instrumente“.

"Entartete Musik". Quelle: https://www.deutschlandfunkkultur.de/media/thumbs/b/b7ec4c98f6724d1d0c3ca2948da38a4dv1_max_635x357_b3535db83dc50e27c1bb1392364c95a2.jpg?key=3cd181

"Entartete Musik". Quelle: https://www.deutschlandfunkkultur.de/media/thumbs/b/b7ec4c98f6724d1d0c3ca2948da38a4dv1_max_635x357_b3535db83dc50e27c1bb1392364c95a2.jpg?key=3cd181

Die angesehene Allgemeine Musikzeitung diffamierte das Instrument 1932 in einem ausführlichen „Traktat“ als „Monstrum“, „bizarre Maschine“, „groteskes Instrument“ und als „modulationsarmes, näselndes, nörgelndes, der Erzeugung eines falschen Sentiments in der Musik dienendes Tonwerkzeug“, das dem „Zeitgeist in Quäklauten“ Stimme gebe. Einem Autor der Zeitschrift Die Musik war 1936 „das Gedudel und Gequietsche“ des Instruments  „ein Greuel“. Und in Musik im Kriege hieß es 1943 über das Saxofon in der Konzertmusik: „Es muss doch wohl seinen besonderen Grund haben, wenn dieses Instrument in der langen Zeit seit seiner Erfindung so wenig in der höheren Musik verwertet wurde.“ Der Grund wurde auch gleich mitgeliefert: Er liegt nämlich im „weichlichen, qualligen, zuweilen ungesunden, schwülen Klang“ des Instruments.

Der Erfinder desselben wäre über solche Charakterisierungen sicher mehr als verdutzt gewesen, wurde es zu seinen Lebzeiten wegen seiner „Freilufttauglichkeit“ doch vor allem als Militärinstrument verwendet: Adolphe Sax. Geboren am 6. November 1814 im belgischen Dinant an der Maas als eines von elf Kindern eines Kunsttischlers, überlebte er eine ganze Reihe schauriger Unfälle: Er wurde von einem Ziegelstein erschlagen, verschluckte eine Nadel, stürzte eine Treppe hinab, fiel auf einen brennenden Herd und trank Schwefelsäure. Die Mutter zweifelte an seiner Lebenskraft, in der Nachbarschaft nannten sie den kleinen Sax „das Gespenst“. Doch Adolphe Sax, geschaffen für Leiden und Gegenwind, zeigte bis ins Alter unbändigen Überlebenswillen: So überstand er einen Lippenkrebs, eine üblicherweise tödliche Diagnose.

Adolphe Sax. Quelle: https://2018.saxwelt.de/images/2017/12/16/adolphe-sax-intro-682x1024.jpg

Adolphe Sax. Quelle: https://2018.saxwelt.de/images/2017/12/16/adolphe-sax-intro-682x1024.jpg

Die Familie zog 1835 nach Brüssel, wo der Vater eine Instrumentenbauwerkstatt eröffnete. Adolphe, der das Brüsseler Konservatorium besuchte und dort Flöte, Klarinette, Gesang und Harmonie studierte, ging daneben bei seinem Vater in die Lehre. Seine erste selbstständige Arbeit als Instrumentenbauer war eine 1838 patentierte Vervollkommnung der Klarinette, die er hervorragend spielte. Nur mit einem Exemplar des von ihm 1840 entwickelten, völlig neuen und nach sich selbst benannten Instruments ausgestattet, begab er sich zwei Jahre später mittellos nach Paris und erregte die Aufmerksamkeit verschiedener Persönlichkeiten des Pariser Musiklebens, darunter Hector Berlioz.

„melancholisch wie ein abklingendes Echo“

Der Komponist der „Symphonie fantastique“ prophezeite der Neuheit 1844 aufgrund ihrer Eigenschaften eine große Zukunft: „…bald feierlich-ernst und ruhig, bald leidenschaftlich, dann träumerisch oder melancholisch wie ein abklingendes Echo oder wie die unbestimmten Klagen des Wehens im Walde [...]. Kein anderes mir bekannte Musikinstrument besitzt diesen seltsamen Klang, der bis an die Grenzen der Stille geht.“ Am 21. März 1846 wurde es in Paris unter der Nummer 3226 patentiert.

Die besonderen Eigenschaften ergeben sich einerseits aus dem konischen Rohr, das sich zum Ende hin weitet und damit etwa von der zylindrischen Klarinette unterscheidet, und andererseits aus der Tatsache, dass sein Ton mit Hilfe eines Rohrblatts erzeugt wird und es darum, anders als sein Messing-Korpus vermuten lässt, zur Familie der Holzblasinstrumente gehört. Laut Patentantrag bewege sich das Instrument klanglich zwischen dem „wärmend-biegsamen“ Klang der Klarinette und dem eher durchdringenden, näselnden Sound der Oboe.

Saxophon-Bauarten. Quelle: https://hobbeasy.de/wp-content/uploads/2018/09/Saxophon-Bauarten.jpg

Saxophon-Bauarten. Quelle: https://hobbeasy.de/wp-content/uploads/2018/09/Saxophon-Bauarten.jpg

1845 empfahl Sax sein Instrument der königlichen Familie zur Aufnahme in die Militärorchester. Daraufhin rief König Louis Philippe einen Wettstreit zwischen einer herkömmlichen und einer mit Sax-Instrumenten ausgestatteten Militärkapelle aus: Ein gewaltiges Spektakel auf dem Champ de Mars, dem 25.000 Besucher beiwohnten. Das Saxophon konnte sich nicht nur besser gegen die Trompeten und Posaunen behaupten als die leiseren Holzblasinstrumente wie Oboe und Fagott. Mit seinem Metallkorpus erwies es sich auch als robuster gegen Temperatur- und Feuchtigkeitsschwankungen als seine wetterfühligen Kollegen aus Holz. Das Instrument bekam fortan einen festen Platz in der Militärmusik und sein Erfinder das Monopol auf dessen Bau.

Deswegen hatte sich Sax zeitlebens mit neidischen Konkurrenten herumzuschlagen. Die gerichtlichen Entscheidungen fielen zwar immer zu seinen Gunsten aus, kosteten aber viel Geld. Und nicht nur das: Seine Rivalen entführten Arbeitskräfte, stahlen Sax‘ Pläne und bezeichneten den Erfinder als Verrückten, ja Besessenen. Einige Pariser Instrumentenbauer bildeten gar einen Verein mit dem Ziel der systematischen Verfolgung von Adolphe Sax. Auf dem Höhepunkt ihrer Aktivitäten brachten sie sogar seinen Diener um, der das Pech hatte, seinem Herrn ähnlich zu sehen.

Sax' Werkstatt 1855. Quelle: https://orf.at/static/images/site/news/20141041/adolphe_sax_200_body_werkstatt_p.4581777.jpg

Sax' Werkstatt 1855. Quelle: https://orf.at/static/images/site/news/20141041/adolphe_sax_200_body_werkstatt_p.4581777.jpg

Der Musikkritiker Marc Navet erklärte den Neid im Saarländischen Rundfunk mit Sax‘ technischer Begabung: „Er wusste, wie lang die Luftsäule war, die durch das Instrument strömte. Und daher wusste er auch genau, wo er die Löcher für die Klappen bohren musste. Daher waren alle Instrumente, die seine Fabrik verließen, exakt gestimmt. Bis dahin konnte man beim Instrumentenbau oft erst nach der Fertigstellung prüfen, ob das Instrument gut oder schlecht war. Adolphe Sax hingegen besaß das Genie, mathematische und physikalische Formeln beim Instrumentenbau anzuwenden.“

„nur einige Stunden des Friedens“

Obwohl seine Werkstatt mit zeitweilig 100 Mitarbeitern über 20.000 Instrumente in acht verschiedenen Größen gebaut haben soll, ging Sax dreimal Bankrott: was er verdiente, gab der fünffache Vater mit vollen Händen auch wieder aus. Er wurde 1857 Saxophon-Lehrer am Pariser Konservatorium und 1858 Direktor des Bühnenorchesters der Pariser Oper. „Ich beklage, dass ich nur einige Stunden des Friedens in einem von Sorge verschlungenen Leben erreichen konnte“, schrieb Sax 1867, lange vor seinem Tod. Nach der Niederlage Frankreichs 1871 und der darauf folgenden wirtschaftlichen Depression wurde die Stelle als Saxophon-Lehrer gestrichen, auch die Nachfrage nach den Instrumenten ging stark zurück.

Denn außerhalb des Militärs setzte es sich nur zögerlich durch. Als eines der wohl bekanntesten, seltenen Beispiele aus dem 19. Jahrhundert gilt Georges Bizets „L’Arlésienne“ (1872). Im folgenden Jahrhundert änderte sich das – nicht zuletzt, weil das „wollüstige“ Instrument 1903 von Papst Pius X. mit einem Bann belegt wurde. Bekannte Beispiele aus dem 20. Jahrhundert sind u. a. George Gershwins „Rhapsody in Blue“, Maurice Ravels „Boléro“, Alban Bergs „Lulu“ oder die „Sinfonia domestica“ von Richard Strauss.

Sax-Denkmal in Dinant. Quelle: https://adolphesax.be/wp-content/uploads/2015/07/adolphe-sax-maison.jpg

Sax-Denkmal in Dinant. Quelle: https://adolphesax.be/wp-content/uploads/2015/07/adolphe-sax-maison.jpg

Mit dem Aufkommen von Jazz und Swing zumal in New Orleans begann die eigentliche Blütezeit des Instruments – im Glenn-Miller-Sound feierte es triumphale Erfolge. Und allen musikalischen Befindlichkeiten zum Trotz erhielten auch die Musikkorps der Deutschen Luftwaffe ab 1940 einen fünf Instrumente umfassenden Saxophon-Satz, in guten Tanzorchestern waren vier vertreten. An der Berliner Musikhochschule wurde das Saxophonspiel weiterhin gelehrt, auch die deutsche Saxophonindustrie konnte aufatmen. Hans Hinkel vom Reichspropagandaministerium stellte 1942 fest, dass das Saxophon nur „fälschlich als Negerinstrument“ bezeichnet wird.

Im zaristischen Russland war es allerdings ebenso wie in Japan verboten, in den 50er-Jahren kam „The Devils‘ Horn“ selbst in der Traumfabrik Hollywood wegen seiner „offensichtlichen Sexualität“ auf die schwarze Liste – man erkannte darin ein Phallussysmbol. Doch die Verbote reizten nur. Ohne des „Teufels Horn“ sind weder Soul noch Blues und erst recht der Rock ’n’ Roll, namentlich der Twist, oder die New-Wave-Punkmusik in den 70er- und 80er-Jahren vorstellbar. Ex-US-Präsident Bill Clinton spielte es ebenso begeistert wie des „braunen“ Bautzens Ex-Oberbürgermeister Christian Schramm; Foreigner, Pink Floyd und Supertramp etablierten es in der Rockmusik, heute sind Candy Dulfer und Jan Garbarek gefeierte Stars auf dem Instrument.

Jan Garbarek. Quelle: http://www.neuepresse.de/var/storage/images/np/nachrichten/kultur/jan-garbarek-verzaubert-im-pavillon/708442449-1-ger-DE/Jan-Garbarek-verzaubert-im-Pavillon_big_teaser_article.jpg

Jan Garbarek. Quelle: http://www.neuepresse.de/var/storage/images/np/nachrichten/kultur/jan-garbarek-verzaubert-im-pavillon/708442449-1-ger-DE/Jan-Garbarek-verzaubert-im-Pavillon_big_teaser_article.jpg

Mehr als 30 Erfindungen ließ Sax im Laufe seines Lebens patentieren, darunter sogar eine Dampforgel, eine Signalanlage für die Eisenbahn, eine Kanone und einen Apparat zur Lungengymnastik; allesamt versunken in der Zeit – bis auf eine. Ihr Erfinder starb verarmt und nahezu vergessen am 7. Februar 1894 in einer Pariser Gnadenpension. Den weltweiten Siegeszug seines Instruments erlebte er nicht mehr. Seit 1936 trägt der Asteroid 3534 seinen Namen. Sein Geburtshaus ist heute ein Museum.

Eine „Fatwa“ ist eigentlich nur eine Rechtsauskunft, mit der eine muslimische Autorität auf Anfrage ein religiöses oder rechtliches Problem unter Angehörigen des Islam klärt. Aus westlicher Perspektive sind viele nicht zu beanstanden, ja können durchaus progressiv gewertet werden: die Fatwa gegen die Unvereinbarkeit jeglicher Terroranschläge mit dem Islam vom Londoner Rat der Sunniten etwa oder die Fatwa gegen die Genitalverstümmelung an Frauen auf Initiative des Obermuftis von Mauretanien, beide 2005. Die Tabak-Fatwa vom Großmufti von Ägypten zur Unterstützung der nationalen Antiraucherkampagne von 2000 mag man vielleicht auch befürworten.

Anders sieht das aus mit der Fatwa des iranischen Ajatollah Chomeini vom Valentinstag 1989, dem 14. Februar, gegen den indobritischen Autor Salman Rushdie, die einem Todesurteil gleichkam.  Darin verlangte der Schiitenführer, dass Rushdies „Blut vergossen werden“ müsse wegen angeblicher Gotteslästerung in dessen Roman „Satanische Verse“: „Ich ersuche alle tapferen Muslime, ihn, gleich wo sie ihn finden, schnell zu töten, damit nie wieder jemand wagt, die Heiligen des Islam zu beleidigen. Jeder, der bei dem Versuch, Rushdie umzubringen, selbst ums Leben kommt, ist, so Gott will, ein Märtyrer.“ Obwohl Chomeini schon im Juni 1989 starb, wird das Todesurteil, da nur er es hätte lösen können, aufrechterhalten – bis heute. Die halbstaatliche iranische Chordat-Stiftung setzte ein Kopfgeld von zunächst einer Million US-Dollar aus, das sie 1991 verdoppelte und 2012 noch einmal auf 3,3 Millionen aufstockte. 2016 haben vierzig staatliche iranische Medien das Kopfgeld auf insgesamt mittlerweile fast 4 Millionen Dollar erhöht.

Die Kontrahenten. Quelle: https://www1.wdr.de/stichtag/stichtag-fadwa-khomeini-rushdie-100~_v-ARDFotogalerie.jpg

Die Kontrahenten. Quelle: https://www1.wdr.de/stichtag/stichtag-fadwa-khomeini-rushdie-100~_v-ARDFotogalerie.jpg

Der Tagesspiegel zitiert den stellvertretenden iranischen Kulturminister Sayyed Abbas Salehi mit dem Satz „Chomeinis Fatwa ist ein religiöses Dekret, das niemals seine Kraft verlieren oder verblassen wird“. Auch Chomeinis Nachfolger Ajatollah Chāmene’ī sowie die Iranische Revolutionsgarde halten daran fest – obwohl religiöse Autoritäten in Saudi-Arabien und Ägypten die Fatwa als illegal und dem Islam widersprechend verwarfen, da kein Mensch ohne Gerichtsverfahren zum Tode verurteilt werden könne. Bereits im März 1989 hatten alle Mitgliedsstaaten der Organisation der Islamischen Konferenz außer dem Iran der Fatwa widersprochen. Der Autor wurde dennoch zum lebenden Beweis für die Intoleranz des Islam.

„Die Welt war schon immer voller Geisteskranker“

Der damals 42jährige Rushdie, der zuvor mit „Mitternachtskinder“ und „Scham und Schande“ bereits zwei Bestseller vorgelegt hatte, soll von seinem Todesurteil durch eine BBC-Reporterin am Telefon erfahren haben. Das Buch machte ihn vorübergehend zum bekanntesten, umstrittensten und bestbewachten Autor der Welt. Er lebte lange in erzwungener Isolation an ständig wechselnden Wohnorten unter Polizeischutz, kommt erst seit rund fünf Jahren wieder ohne Leibwächter aus und wird auch nicht mehr rund um die Uhr bewacht.

Andere überlebten nicht. Sein italienischer Übersetzer Ettore Capriolo wurde am 3. Juli 1991 in seiner Wohnung in Mailand durch Stiche verletzt, sein japanischer Kollege Hitoshi Igarashi nur eine Woche später im Gebäude seines Büros an der Universität Tsukuba erstochen. Während eines alevitischen Kulturfestivals im türkischen Sivas versammelten sich 20.000 Sunniten vor dem Festivalhotel, in dem auch sein türkischer Herausgeber Aziz Nesin nächtigte, und warfen am 2. Juli 1993 Brandsätze. 35 Menschen starben, Nesin wurde nur leicht verletzt. Sein norwegischer Verleger William Nygaard, 2010 durch Schüsse schwer verletzt, hatte ebenfalls Glück.

Die Opfer waren der Höhepunkt einer in der modernen Literaturgeschichte beispiellosen Kampagne, nachdem der 700-Seiten-Roman Anfang September 1988 im Verlag Viking Press erschien und nur Wochen später den Whitbread-Preis errang. Der komplexe, postmoderne Text mit vielen weltliterarischen Anleihen von Ovid über Shakespeare bis Bulgakow ist dem magischen Realismus zuzuschlagen. Er schildert die miteinander verwobenen Schicksale zweier indischer Muslime, die als Satan und Erzengel Gabriel entschlüsselbar sind, und verschmilzt Themen wie Migration und Identität, Religion und Okkultismus, Prophetie und Islam sowie Erotik und Gewalt zu einer fantastischen Melange mit Traumsequenzen.

Anschlag von Sivas. Quelle: https://www1.wdr.de/radio/cosmo/sivas-katliami-madimak-100~_v-ARDFotogalerie.jpg

Anschlag von Sivas. Quelle: https://www1.wdr.de/radio/cosmo/sivas-katliami-madimak-100~_v-ARDFotogalerie.jpg

Schon wenige Tage nach Veröffentlichung des Buchs wurde seine Einfuhr nach Indien verboten. Am 14. Januar 1989 wurde es auf einer Demonstration von Muslimen in Bradford symbolisch verbrannt – woraufhin Buchhändler dazu übergingen, den Roman nicht mehr auszustellen. Auf einer Demonstration am 27. desselben Monats im Londoner Hyde Park richteten Muslime eine Petition an die Verlagsgruppe Penguin, zu der Viking gehört.

Erste Kopien kursierten auch rasch im Iran, eine Buchbesprechung und Auszüge wurden im iranischen Rundfunk verbreitet, deren Sendungen Chomeini regelmäßig verfolgte. Ein unbekannter Geistlicher übersetzte auf eigene Initiative eine 700-Seiten-Version, die er dem Büro Chomeinis sandte. Chomeinis Kommentar nach dem Lesen habe gelautet: „Die Welt war schon immer voller Geisteskranker, die Unsinn geredet haben. Es lohnt sich nicht, auf so etwas zu reagieren. Nehmt es nicht ernst.“ Ein Importverbot wurde nicht verhängt.

„Paranoia eine Vorbedingung des Überlebens“

Drei Ursachenbündel dürften es sein, die Chomeinis Zorn dann doch heraufbeschworen haben mögen. Zum ersten sind es Passagen, in denen der Koran und der Prophet Mohammed (angeblich) beleidigt werden. So imaginierte Rushdie ein Bordell in Mekka, in dem sich Huren zu Werbezwecken die Namen aller Prophetengattinnen zulegten. Außerdem habe Rushdie die semantischen Unklarheiten um die 53. Sure des Korans seiner subjektiven, satirischen Interpretation unterworfen: Es geht um drei Göttinnen, die neben dem Hochgott Allah in der Kaaba zu Mekka verehrt worden sein sollen, also das strikte Prinzip des Monotheismus verletzen. Die verschiedenen Versionen einiger Verse dieser Sure, die die anderen Göttinnen legitimierten, seien statt vom Erzengel Gabriel von Satan eingeflüstert („satanische Verse“) und erst in einer späteren Offenbarung durch den Engel richtiggestellt worden.

Zum zweiten habe sich Chomeini in bestimmten figuralen Charakterisierungen wiedererkannt, bspw. „…der bärtige, beturbante Imam. Wer ist er – Ein Verbannter, ein Mann im Exil“ oder „Für den Mann im Exil ist Paranoia eine Vorbedingung des Überlebens“. Sauer stieß dem islamischen Revolutionsführer sicher auch die Beschreibung Mohammeds als geschickter Politiker auf („Wie praktisch, ein Prophet zu sein“), der sich bei Unstimmigkeiten auf einen Berg zurückzog und dort – dies deckt sich mit den koranischen Angaben – im Traum vom Erzengel Gabriel den Willen Allahs erfuhr. Günstigerweise vertrat der Erzengel im Roman dabei immer diejenige Auffassung, die Mohammed bereits hatte. Und zum dritten habe Chomeini offensichtlich die Meinungsführerschaft innerhalb der islamischen Welt angestrebt, weswegen er religiöse und damit ideologische Pflöcke einschlagen wollte.

Unruhen um Rushdie. Quelle: https://www.welt.de/img/kultur/mobile100762439/6951622847-ci23x11-w1600/rush6-vo-BM-Berlin-Islamabad-jpg.jpg

Unruhen um Rushdie. Quelle: https://www.welt.de/img/kultur/mobile100762439/6951622847-ci23x11-w1600/rush6-vo-BM-Berlin-Islamabad-jpg.jpg

Als am 12. Februar 1989 erste Unruhen mit Todesopfern wegen des Buches aus Pakistan und Indien publik wurden, reagierte der Iran sehr rasch – mit dem bekannten Resultat, das eine politische und diplomatische Krise ohnegleichen auslöste, denn die Fatwa war auch Todesurteil für alle, die an der Veröffentlichung beteiligt waren und den Inhalt des Buchs kannten. Die in London ansässige Nichtregierungsorganisation „Article 19“ gründete das Rushdie Defence Committee und veröffentlichte am 2. März 1989 einen von mehr als 1000 Autoren weltweit unterzeichneten Aufruf zum Schutz der Meinungsfreiheit – eben die regelt die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte im Artikel 19. Am 7. März 1989 brach der Iran seine diplomatischen Beziehungen zu Großbritannien ab.

Der bis dahin schweigende Rushdie wies am 4. Februar 1990 im Independent den Vorwurf der Gotteslästerung zurück und gab an, kein Muslim zu sein. Iran und Großbritannien nahmen ihre diplomatischen Beziehungen am 28. September wieder auf. In Deutschland wurde laut Handelsregister am selben Tag der Fatwa der „Artikel 19 Verlag“ gegründet mit dem einzigen Unternehmenszweck, das Buch auf Deutsch zu veröffentlichen. Es beteiligten sich Verleger aus Deutschland, Österreich und der Schweiz. Rund neunzig Verlage und weit über hundert Herausgeber fanden sich bis August 1989; seit  17. Oktober desselben Jahres gibt es „Die satanischen Verse“ in deutscher Sprache im Handel.

„dem Verlagsgewerbe schwersten Schaden zugefügt“

Nach der Gewaltwelle 1991 – 1993 kehrte teilweise Ruhe um Text und Autor ein. Auf seiner Flucht hatte Rushdie für seinen Sohn das Märchen „Harun und das Meer der Geschichten“ verfasst, in dem ein Märchenerzähler die Fähigkeit verliert, Geschichten zu erzählen, weil ihm der „Geschichtenhahn“ abgedreht wird und er keinen Zugang mehr zum „Erzählwasser“ hat. Der Sohn macht sich auf den Weg, seinen Vater zu retten. Das Buch ist das vielleicht poetischste des Autors, der mit „Des Mauren letzter Seufzer“, das in Mumbai auf den Zensur-Index gesetzt wurde, „Der Boden unter ihren Füßen“, „Fury“ und „Shalimar der Narr“ weitere lesenswerte Romane schrieb.

1995 kam es in Deutschland zu einer Kontroverse anlässlich der Verleihung des Friedenspreises des deutschen Buchhandels an die renommierte Islamwissenschaftlerin und Übersetzerin Annemarie Schimmel (1922 – 2003). In einem Fernsehinterview hatte sie Verständnis für die Empörung in der islamischen Welt über das Buch Rushdies geäußert, das auf eine „sehr üble Art“ die Gefühle gläubiger Muslime verletzt habe. Es kam zu einer Protestinitiative innerhalb des Börsenvereins gegen die Preisverleihung, die u.a. von Henryk M. Broder, Alice Schwarzer und Elfriede Jelinek unterstützt wurde, aber auch ihrem ehemaligen Schüler Gernot Rotter. Der Hamburger Orientalist erklärte in der ZEIT, dass Schimmel „dem Ansehen nicht nur der Islamwissenschaft, sondern dem gesamten im Börsenverein vertretenen Verlagsgewerbe schwersten Schaden zugefügt“ hat. Die Preisvergabe wurde mit sehr großer Mehrheit bestätigt, Schimmel jedoch noch im Jahr vor ihrem Tod für ihre Toleranz gegenüber dem Islam von feministischen Islamkritikern angegriffen.

Roman Herzog und Annemarie Schimmel während der Vergabe des Friedenspreises 1995 in der Frankfurter Paulskirche. Quelle: https://de.qantara.de/sites/default/files/styles/editor_large/public/uploads/2013/01/24/Herzog-und-Schimmel-dpa.JPG?itok=GZGOrmU1

Roman Herzog und Annemarie Schimmel während der Vergabe des Friedenspreises 1995 in der Frankfurter Paulskirche. Quelle: https://de.qantara.de/sites/default/files/styles/editor_large/public/uploads/2013/01/24/Herzog-und-Schimmel-dpa.JPG?itok=GZGOrmU1

Für sein Lebenswerk wurde Rushdie vielfach ausgezeichnet, 1999 erhielt er von der Freien Universität Berlin die Ehrendoktorwürde. Als 2007 Elisabeth II. ihre Absicht mitteilte, ihn zusammen mit 945 Sportlern, Kulturgrößen und Repräsentanten der Wirtschaft in den Ritterstand zu erheben (was sie dann auch tat), löste das erneut offizielle diplomatische Proteste im Iran und in Pakistan aus; in beiden Ländern wurden die britischen Botschafter einbestellt. Das iranische Außenministerium nannte die Entscheidung einen eindeutigen Beweis für Islamophobie unter hochrangigen britischen Beamten: „Eine der meistgehassten Personen der islamischen Welt auszuzeichnen, zeigt Großbritanniens Feindschaft gegenüber dem Islam“, sagte Mohammad-Ali Hosseini, Sprecher des iranischen Außenministeriums, laut der ZEIT. In Iran, Pakistan und Malaysia kam es anschließend zu teilweise gewalttätigen Straßenprotesten, in Kaschmir kam gar die Wirtschaft einen Tag lang zum Erliegen.

Nach zahlreichen Drohungen mit Gewaltausschreitungen und Mordaufrufen von Islamisten sagte Rushdie die Teilnahme am größten Literaturfestival Indiens in Jaipur im Januar 2012 ab – er hätte die Eröffnungsrede halten sollen. Und noch auf Rushdies Präsenz bei der Auftakt-Pressekonferenz der Frankfurter Buchmesse 2015 reagierte die iranische Regierung mit einer offiziellen Teilnahmeabsage. Kaum ein neuzeitlicher Text der Weltliteratur hat solche weltweiten, lange währenden Reaktionen hervorgerufen.

„Man kann Ideen nicht einzäunen“

Bis heute wundert sich der überzeugte Atheist Rushdie, wie naiv er war ein Buch zu schreiben, in dem der Prophet Mohammed an verschiedene Götter glaubt und seine Frauen in einem Bordell arbeiten. Niemand wäre heute überrascht, wenn es deshalb zu Protesten in der islamischen Welt käme. „Wir lebten damals in unbedarfteren Zeiten“, sagt Rushdie dem STERN. „Ich habe keine Lust mehr, über den Iran und die Fatwa zu reden. Das ist ein alter Hut“, erklärte er weiter. „Es ist, als wäre etwas weltberühmt, das ich nicht bin“. Über diese Zeit auf der Flucht hatte er 2012 eine Autobiographie geschrieben, die zeitgleich in 27 Ländern ausgeliefert wurde, allein in Deutschland in 100.000 Exemplaren.

Autor und Werk. Quelle: https://secure.i.telegraph.co.uk/multimedia/archive/02344/rushdie_2344419b.jpg

Autor und Werk. Quelle: https://secure.i.telegraph.co.uk/multimedia/archive/02344/rushdie_2344419b.jpg

Er ist sich sicher, dass das Buch heute keinen Verleger mehr fände, sagte er der BBC. Aber: „Ich bestehe auf dem Recht der Meinungsäußerung – auch gegenüber Religionen.“ Die seien für ihn „Gift für das Herz“. Rücksicht auf die Meinung von Millionen Gläubigen zu nehmen, hält er für falsch. „Man kann Ideen nicht einzäunen. Ich halte Gott nun mal für eine lächerliche Idee. Und ich sollte das Recht haben, das auch zu sagen.“ Rushdie bedauert ein wenig, die im islamischen Paradies versprochenen Freuden nicht zu erlangen: „Heute erwarte ich keine Jungfrauen mehr im Himmel“, schmunzelt der viermal verheiratete Autor der Weltwoche. „Ich brauche, um ein moralisches Wesen zu sein, keinen obersten Schiedsrichter.“

Er würde seinen Roman genauso wieder schreiben. „Zum Glück muss ich es nicht mehr“, sagte er in einem Interview mit dem SPIEGEL. Auch die umstrittenen Traumpassagen über den Propheten, in dem Huren nach den Ehefrauen des Propheten Mohammed benannt sind, würde er so lassen. „Ich finde, sie gehören zu den besten Passagen des Buchs (…) Diese Passagen sind ernsthaft und legen an keiner Stelle nahe, dass die Frauen des Propheten sich unangemessen verhalten hätten.“ Bereut hat Rushdie sein Buch nie: Wer es nicht mag, müsse es ja auch nicht lesen.

Dass sie an gebrochenem Herzen stirbt und ihn der Schmerz über den Verlust in den Wahnsinn treibt, gehört zu den oft kolportierten literarischen Standardmotiven all jener, die sich als Nachfolger der Romantiker verstehen. Aber da ist was dran. Nur wenige Wochen blieben einer großen Liebe, die an der Kluft zwischen Eros und Moral, an den kleingeistigen gesellschaftlichen Konventionen und ökonomischen Erwartungen ihrer Zeit zerbrach: Friedrich Hölderlin war ein mittelloser Hauslehrer, der keine Familie ernähren konnte, Susette Gontard Bankiersfrau und Mutter von vier Kindern, die ihre Familie nicht verlieren wollte. Vor allem aus 20 wunderbaren, erschütternden Briefen, 17 von ihr und drei von ihm, haben wir heute Kunde von einer unirdischen Beziehung, die Hölderlins Schaffen ebenso beflügelte wie sie ihn traumatisierte und die allein hierzulande zweimal verfilmt wurde – bei sechs deutschen Hölderlin-Filmen, darunter gar eine Trilogie.

Susette und Friedrich. Quelle: https://www.br.de/radio/bayern2/sendungen/radiowissen/deutsch-und-literatur/hoelderlin-gontard-100~_v-img__16__9__l_-1dc0e8f74459dd04c91a0d45af4972b9069f1135.jpg

Susette und Friedrich. Quelle: https://www.br.de/radio/bayern2/sendungen/radiowissen/deutsch-und-literatur/hoelderlin-gontard-100~_v-img__16__9__l_-1dc0e8f74459dd04c91a0d45af4972b9069f1135.jpg

Susette Borkenstein wird am 9. Februar 1769 in Hamburg als Kaufmannstochter geboren. Über ihre Kindheit ist kaum etwas bekannt. Sie heiratete am 9. Juli 1786 gerade siebzehnjährig den fünf Jahre älteren Frankfurter Bankier Jakob Friedrich Gontard, Spross hugenottischer Immigranten, die im Wollhandel und mit Bankgeschäften reich geworden waren. Jacob spielte eine wichtige Rolle in Frankfurts Patriziat, soll aber laut Rudolf Ilbel, dem Herausgeber von Susettes Briefen, von Jugend auf unter nervösen Störungen gelitten und mindestens geschielt haben, wenn nicht gar einäugig gewesen sein. Ilbel bezweifelt wie viele andere eine Liebesheirat, außerdem werde Gontard die „Welt des Geistes- und Seelenlebens … nicht viel bedeutet haben, was sich auch in seinem Verhältnis zu den Kindern auswirkte“.

In kurzem Abstand kommen Henry, Henriette, Helene und Amalie im vornehmen Haus „Weißer Hirsch“ zur Welt. Ein Hauslehrer und Hofmeister wird gesucht und in Hölderlin gefunden, der zuvor nach Studium und gescheiterten Hauslehrerstellen – depressiv und aus Minderwertigkeitskomplexen gegenüber Friedrich Schiller – von Jena geflohen war: „Ich friere und starre in den Winter, der mich umgibt. So eisern mein Himmel ist, so steinern bin ich“, schreibt er Schiller in einem Brief. Im Januar 1796 tritt er 26jährig die Stelle an: „Er gefiel allen und erfüllte selbst die gespanntesten Anforderungen. Sein Äußeres war höchst einnehmend … Auch die Kinder des Hauses, obgleich noch sehr jung, hingen bald mit großer Liebe an ihm“, schreibt der Frankfurter Buchhändler Carl Jügel. „Wie oft lag er mit uns auf der Erde und lehrte uns spielend mancherlei“, erinnerte sich Henriette im Alter.

Weisser Hirsch mit Garten. Quelle: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/e/e2/Frankfurt_Am_Main-Weissfrauenkirche-Anlage_mit_Garten_des_Weissen_Hirschs_nach_Westen_aus_der_Vogelschau-Reiffenstein-1872.png/1920px-Frankfurt_Am_Main-Weissfrauenkirche-Anlage_mit_Garten_des_Weissen_Hirschs_nach_Westen_aus_der_Vogelschau-Reiffenstein-1872.png

Weisser Hirsch mit Garten. Quelle: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/e/e2/Frankfurt_Am_Main-Weissfrauenkirche-Anlage_mit_Garten_des_Weissen_Hirschs_nach_Westen_aus_der_Vogelschau-Reiffenstein-1872.png/1920px-Frankfurt_Am_Main-Weissfrauenkirche-Anlage_mit_Garten_des_Weissen_Hirschs_nach_Westen_aus_der_Vogelschau-Reiffenstein-1872.png

Wie schnell der ledige, in Sachen Frauen eher unerfahrene, muttergeprägte Poet sich in die Mutter des Hauses verliebte, ist unklar; heftig war es in jedem Fall: „Lange tot und tiefverschlossen / Grüßt mein Herz die schöne Welt“, jubelt er in einem Gedicht. In einem Brief schrieb er: „Majestät und Zärtlichkeit, und Fröhlichkeit und Ernst, und süßes Spiel und hohe Trauer und Leben und Geist, alles ist in und an ihr zu Einem göttlichen ganzen vereint.“

„Du bist unvergänglich in mir“

Über die Natur des innigen Verhältnisses rätseln viele Biographen bis heute. Pierre Bertaux schreibt nach Ausbreitung einiger Dokumente: „Wer da noch an eine ‚platonische Liebe‘ … glauben will … dem sei es nicht verwehrt.” Dagegen Irma Hildebrand: „…dieses beglückende Zusammensein, ist … nicht von dieser Welt, es haben sich zwei Seelen, nicht zwei Körper gefunden.“ „Die Liebe ist ein Fest – es muss nicht nur vorbereitet, sondern auch gefeiert werden“, so Susette selbst in einem Brief.

Ein Sommer ungetrübten, vollkommenen Glücks in dem westfälischen Städtchen Bad Driburg wird beiden geschenkt: Susettes Ehemann hat sie dorthin vor den napoleonischen Truppen in Sicherheit gebracht und hält selbst in Frankfurt die Stellung. Wieder zurückgekehrt, muss Hölderlin den Bediensteten spielen und Susette ihren Familien- und Repräsentationspflichten nachkommen. Anfangs kann er die Anspannung produktiv nutzen. Als „Diotima“, eine Figur, die einst Platon als Verkörperung des „lehrenden Eros“ in die Weltliteratur eingeführt hatte, besingt er die Geliebte in Gedichten („Herz! an deine Himmelstöne / Ist gewohnt das meine nicht“) und beginnt den „Hyperion“.

Susette mit Kindern in "Hälfte des Lebens". Quelle: https://www.filmfriend.de/media/catalog/product/cache/8/image/700x456/17f82f742ffe127f42dca9de82fb58b1/h/_/h_lfte-des-lebens_12.jpg

Susette mit Kindern in "Hälfte des Lebens". Quelle: https://www.filmfriend.de/media/catalog/product/cache/8/image/700x456/17f82f742ffe127f42dca9de82fb58b1/h/_/h_lfte-des-lebens_12.jpg

In dem Briefroman thematisiert er den Kampf des Helden um die Befreiung Griechenlands von der osmanischen Herrschaft und die Rolle seiner Geliebten, die er wiederum Diotima nennt. Sie liebt Hyperion und ermutigt ihn als Verkörperung seines Ideals vollendeter Schönheit zugleich zur Ablösung von einseitiger Bindung an konkrete Einzelerscheinungen, um den Weg in eine höhere Dimension zu finden – sonst könne er seine Lebensaufgabe nicht erfüllen. Nach ihrem Tod, an dem er Mitschuld trägt, muss er sein Leben neu gestalten und findet Frieden in der Natur.

In der realen Stadt Frankfurt aber findet er auf der einen Seite die Hausherrin, die mit ihm in einer geheimen eigenen Welt lebte, beschäftigt mit Kunst, Erziehung, dem Erlebnis der Natur und erfüllt von ihrer Liebe, auf der anderen Seite den ungeliebten Ehemann, den Bourgeois mit der Devise: „Les affaires avant tout“ – diese Spannung hält er dann doch nicht mehr aus, zumal das Verhältnis ruchbar wird: im September 1798 kommt es zum großen Krach. Jakob Gontard erteilt ihm Hausverbot. Nach dem Hinauswurf schreibt der kleine Henry: „Komm‘ bald wieder bei uns, mein Holder; bei wem sollen wir denn sonst lernen“. Holder war für enge Vertraute der Spitzname Hölderlins.

Er flieht ins benachbarte Homburg zu seinem Studienfreund Isaac von Sinclair. Es beginnt ein verzweifeltes und entwürdigendes Ringen der beiden Liebenden um Kontaktmöglichkeiten. Zunächst sind noch einige heimliche Treffen möglich, danach reicht es nur noch zum verängstigten Austausch von Briefen durch eine Hecke – Susette ist dauernd unter Beobachtung und kann sich keine Unregelmäßigkeiten erlauben. „So lieben wie ich Dich, wird Dich nichts mehr, so lieben wie Du mich, wirst Du nichts mehr“, schrieb sie ahnungsvoll, an einer Stelle zieht sie gar einen gemeinsamen Freitod in Betracht.

Hölderlinpfad. Quelle: https://klaus-herzmann.de/wp-content/uploads/2018/03/H%C3%B6lderlinpfad_Fotos-Klaus-Herzmann-12.jpg

Hölderlinpfad. Quelle: https://klaus-herzmann.de/wp-content/uploads/2018/03/H%C3%B6lderlinpfad_Fotos-Klaus-Herzmann-12.jpg

Manche Biographen mutmaßen, er habe mit seinem schwärmerischen Überschwang die bis dahin verborgenen Gefühle einer empfindsamen Seele geweckt, und wissen von „gestohlenen Momenten geheimer Lust“. „Drei Stunden soll er für die Strecke von Bad Homburg nach Frankfurt gebraucht haben. Jeden ersten Donnerstag im Monat, so war es verabredet, machte er sich auf den Weg, zu fast noch nachtschlafender Zeit, denn wenn die Kirchturmglocken zehn Uhr schlugen, wollten sie sich sehen“, beschreibt Freddy Langer in der FAZ den Zustand, der beiden unerträglich ist – ihm zumal, weil er am selben Tag wieder zurück muss. Auf dem „Hölderlin-Pfad“, einem ausgeschilderten Regionalparkweg, kann man die Strecke seit 2008 nachwandern – 22 Kilometer hin, 22 Kilometer retour.

„Es waren schöne Tage“

Nach zwei Jahren dann die endgültige Trennung, die noch unerträglicher ist und beide als gebrochene Menschen hinterlässt: „…denn die Hoffnung hält uns allein im Leben … Lebe wohl! Lebe wohl! Du bist unvergänglich in mir! und bleibst so lang ich bleibe“, schreibt Susette im Mai 1800. Im Jahr darauf nimmt Hölderlin eine Hauslehrerstelle in der Schweiz an, wird gekündigt und findet 1802 eine ähnliche Tätigkeit in Bordeaux. Im Juni reist er aus unbekannten Gründen zurück nach Deutschland, in angeblich so verwahrlostem und verwirrtem Zustand, dass Freunde ihn zunächst kaum wiedererkannten, als er Ende des Monats in Stuttgart eintrifft.

Feuerreiter. Quelle: https://www.skip.at/media/_versions/filme/8453/pger/1_zoom.jpg

Feuerreiter. Quelle: https://www.skip.at/media/_versions/filme/8453/pger/1_zoom.jpg

Spätestens hier muss ihn die Nachricht vom Tod der lungenkranken Susette erreicht haben, die sich seit der Trennung dem Leben verweigert haben soll und am 22. Juni 1802 in Frankfurt an den Röteln ihrer Kinder starb. Aber die Ereignisse dieses Monats sind in Hölderlins Leben bis heute unklar und werden von den Biographen auch verschieden beschrieben – einzig belegt ist gemäß dem Eintrag in seinem Pass, dass er am 7. Juni 1802 die Rheinbrücke bei Kehl überquerte. Was seitdem bis zu seiner Ankunft in Stuttgart geschah, liegt im Dunkeln und bietet Raum für viele Spekulationen. In den beiden deutschen Filmen „Hälfte des Lebens“ (1985, DDR) und „Feuerreiter“ (1997, BRD) hat er die tote Susette noch einmal in den Armen gehalten. Nur ein poetisches Wunschbild von Filmemachern?

Hölderlin stürzt sich in Arbeit, übersetzt Sophokles und Pindar, beginnt einen großangelegten Zyklus vaterländischer Gesänge (u.a. „Der Rhein“) und schreibt noch manches Gedicht: „So komm! Dass wir das Offene schauen, / Dass ein Eigenes wir suchen, so weit es auch ist“ – dieser Wunsch blieb ihm ewig versagt, zumal mit ihr. 1806 wird er als „wahnsinnig“ im Tübinger Klinikum erst zwangsbehandelt und muss dann ab 1807 die zweite Hälfte seines Lebens als „unheilbar geisteskrank“ in Pflege bei der Schreinermeisterfamilie Zimmer in einem Tübinger Turmstübchen verbringen. In einem Gedichtfragment heißt es: „Ach! wehe mir! / Es waren schöne Tage. Aber / Traurige Dämmerung folgte nachher“.  Er starb 1843 – im selben Jahr wie Jakob Friedrich Gontard, der nicht wieder heiratete und 41 Jahre Witwer blieb.

Büste Susettes von L. Ohmacht. Quelle: http://www.liebieghaus.de/sites/default/files/styles/col-lg-2/public/media/image/sammlung_neuzeit_buestesusettegontard_ohmacht_4_0.jpg

Büste Susettes von L. Ohmacht. Quelle: http://www.liebieghaus.de/sites/default/files/styles/col-lg-2/public/media/image/sammlung_neuzeit_buestesusettegontard_ohmacht_4_0.jpg

Eine Büste Susettes von Landolin Ohmacht erinnert durch die Glätte der Modellierung, die ebenmäßigen Gesichtszüge, die zu einem Knoten zusammengeführten Haare, das antikisierende, mit Akanthusmotiven verzierte Gewand, die ruhige Haltung und auch durch den weißen Alabaster an antike Göttinnenbildnisse. Sie galt als sensible, faszinierende und kluge Frau, belesen, lebenslustig und pädagogisch interessiert, die in dem zeremoniellen Rahmen des bourgeoisen Frankfurter Gesellschaftslebens emotional und intellektuell völlig unterfordert war.

Wie sie aber zum Maßstab von Hölderlins „Schönheitssinn“ wurde und warum der kopflastige schwermütige Schwärmer gerade sie als „Diotima“ zur irdischen Zeugin des Göttlichen und einer schöneren geschichtlichen Zukunft sowohl im „Hyperion“-Roman als auch in seiner Lyrik stilisierte – das gehört zu den großen Rätseln der deutschen Literatur, die wohl kaum je gelöst werden.

Mitte Januar 1944 entsteigt ein kleiner Mann mit spitzbübischem Gesicht und fünf Kartons unter dem Arm dem Nachtzug nach Ostpreußen und steht Minuten später am Schlagbaum des Führerhauptquartiers: Heinz Rühmann, Produzent und Hauptdarsteller der „Feuerzangenbowle“, deren Filmrollen er im Gepäck hat. Am Tag zuvor hatte er erfahren, dass Reichserziehungsminister Bernhard Rust die Freigabe des Streifens verhinderte, weil durch den Krieg Lehrer an den Schulen fehlten und die ordnungsgemäße Schulerziehung dadurch ohnehin schon erschwert sei: Ein solcher Film würde die Autorität der Schule und der Lehrer geradezu gefährden. Nicht mit Rühmann, der prompt beginnt, seine Beziehungen spielen zu lassen.

Ein Adjutant von Reichsmarschall Hermann Göring nimmt dem Starschauspieler den Film ab und weist ihm eine Unterkunft in den Offiziersquartieren zu. Nach zwei Tagen erhält er die Nachricht, dass Göring den Film im Kreise seines Stabes sich angesehen, darüber köstlich ergötzt und mit Hitler gesprochen habe. Der soll lakonisch gefragt haben: „Ist dieser Film zum Lachen?“ Als Göring bejahte, erwiderte Hitler nur: „Dann ist dieser Film sofort für das deutsche Volk freizugeben.“ Propagandaminister Joseph Goebbels notiert am 25. Januar in sein Tagebuch:

„Der neue Rühmann-Film ‚Feuerzangenbowle‘ soll unbedingt aufgeführt werden. Der Führer gibt mir den Auftrag, mich nicht durch Einsprüche von Lehrerseite oder von Seiten des Erziehungsministeriums einschüchtern zu lassen.“

Tauentzienpalast. Quelle: http://photos.cinematreasures.org/production/photos/165150/1461081144/large.jpg?1461081144

Tauentzienpalast. Quelle: http://photos.cinematreasures.org/production/photos/165150/1461081144/large.jpg?1461081144

Nur drei Tage später feiert der Pennälerklamauk in den beiden Berliner UFA-Kinos „Tauentzienpalast“ und „Königstadt“ Premiere; letzterer war mit 1500 Plätzen eins der größten Lichtspielhäuser Deutschlands. Die Zahl der Premierenbesucher ist nicht überliefert, könnte aber durchaus stattlich gewesen sein: Wurden 1939 bereits erstaunliche 624 Millionen Besucher gezählt, lösten 1943 – dem Jahr, in dem der Krieg mit Stalingrad seine Wende erlebt – insgesamt 1,116 Milliarden Zuschauer eine Kinokarte. Während deutsche Städte im Bombenkrieg in Schutt und Asche gelegt werden, schöpfen die Zuschauer Hoffnung in der heilen Kinotraumwelt. Auch in Berlin, wo in der Nacht zuvor 1077 englische Flugzeuge 3715 Tonnen Bomben abwarfen.

Nach dem Krieg sollte es Jahrzehnte dauern, bis der Streifen wieder aufgeführt und auch im Fernsehen gespielt werden konnte: zu Weihnachten 1964 im DDR-Fernsehfunk, zu Weihnachten 1969 im ZDF. Dort erreichte er eine Einschaltquote von 53 %, das entsprach damals 20 Millionen Zuschauern. Nach einem umstrittenen Deal der Murnau-Stiftung, die seit 1966 das „reichseigene Filmvermögen“ der 1953 aufgelösten deutschen Filmproduktionsgesellschaften auswertet, mit Medienmogul Leo Kirch behielt der zwar Fernseh- und DVD-Rechte, lizenzierte den Film aber für öffentliche Aufführungen an Dr. Cornelia Meyer zur Heyde, eine Kleinunternehmerin aus dem westfälischen Münster – die hier im Kreisvorstand der AfD sitzt. Ihre „Goldie-Film“ verleiht den Streifen pro Stadt nur einmal im Jahr, weil sie „ihren Schatz nicht verschleißen“ wolle, so zur Heyde in der WELT. „Warum jede Vorführung des Klassikers einer AfD-Politikerin Geld bringt“, schlagzeilt prompt der verärgerte juvenile SPIEGEL-Ableger Bento. Inzwischen ist er der meistgezeigte deutsche Film der Vierzigerjahre.

Studentenparty. Quelle: https://scontent-lhr3-1.cdninstagram.com/vp/079435848414dbac3e111b99d30e1edb/5CCA8C49/t51.2885-15/e35/46616780_374398819994877_2736351767328113577_n.jpg?_nc_ht=scontent-lhr3-1.cdninstagram.com

Studentenparty. Quelle: https://scontent-lhr3-1.cdninstagram.com/vp/079435848414dbac3e111b99d30e1edb/5CCA8C49/t51.2885-15/e35/46616780_374398819994877_2736351767328113577_n.jpg?_nc_ht=scontent-lhr3-1.cdninstagram.com

Und Geld bringt er besonders in Hochschulstädten: Der Klamaukstreifen gilt noch immer als absoluter Studi-Kult. Jahr für Jahr finden sich in der Vorweihnachtszeit zehntausende Studenten in Hörsälen der ganzen Republik zusammen, um den Film zu sehen. Diese Vorführungen sind Event-Kino im „Rocky Horror“-Format: Zeigt Pfeiffer verkleidet als Professor Crey anhand eines Feuerwerks, wie Radium im Dunkeln leuchtet, entzündet auch die Studentenschaft Wunderkerzen. Verschläft Pauker Schnauz, weil Pfeiffer seine Uhren verstellt hat, klingeln im Auditorium die mitgebrachten Wecker. Wird im Chemieunterricht die Vergärung von Alkohol anhand von selbstgebrautem Heidelbeerwein behandelt („Aber jähder nohr einen wähnzigen Schlock“), knallen im Publikum die Sektkorken. Und taucht der zackige Geschichtslehrer Dr. Brett auf, wird er als Nazi ausgebuht.

„Vertreter einer verlorenen Individualität“

„Das seltsame Glück dieses Films steckt in der vollständigen Rückkehr des Helden in eine unschuldige Kindheit. Stellvertretend für sein Publikum unternimmt er den Rückzug aus der Wirklichkeit, indem er noch einmal jenen magischen Ort aufsucht, an dem alles noch einmal beginnen und sich vielleicht ganz anders entwickeln könnte“, versucht sich Georg Seeßlen in epd Film der Faszination zu nähern, die dem Streifen bis heute innewohnt. Ein Faktor ist die Präsenz des Hauptdarstellers, dem sein enger Freund Heinrich Spoerl das Drehbuch nach seinem eigenen Roman „auf den Leib“ schrieb. Ein weiterer ist die Geschichte an sich, die in einer undatierten „guten alten Zeit“ um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert spielt und Schülermützen, Pickelhauben und Kutschen kennt.

Rühmann als Pfeiffer. Quelle: https://www.prisma.de/cdn/img/default/13/120298_b51194fb0606bcb73ff1c6b2d7777c69_1280re0.jpg

Rühmann als Pfeiffer. Quelle: https://www.prisma.de/cdn/img/default/13/120298_b51194fb0606bcb73ff1c6b2d7777c69_1280re0.jpg

In der Rahmenhandlung tauscht eine Herrenrunde bei einer Feuerzangenbowle gerührt und amüsiert Erinnerungen an Schülerstreiche aus. Einer der Herren, der 41jährige Schriftsteller Dr. Johannes Pfeiffer („Mit drei F – ein F vor dem Ei, zwei F hinter dem Ei“), lernte allerdings als Privatschüler die Freuden des öffentlichen Schullebens nie aus eigener Anschauung kennen: „Der arme Pfeiffer, er hat den besten Teil seiner Jugend verpasst.“ Die Runde beschließt, ihn in die Oberprima eines Kleinstadtgymnasiums einzuschleusen. Hier darf er dann, so die Binnenhandlung, in steter Auseinandersetzung mit kauzig-komischen Lehrern seinen Nachholbedarf an Streichen und Pennälervergnügungen befriedigen.

Der unzeitgemäße Klassenclown bekommt am Ende, zur Belohnung für die Rückkehr in die Wirklichkeit, quasi zur Versöhnung mit dem Leben noch die minderjährige Tochter des Direktors zur Braut, der nicht zufällig „Zeus“ genannt wird und genau wie der Göttervater aussieht. Diese Passgenauigkeit der Schauspieler zu ihren Typen ist ebenfalls ein Erfolgsfaktor des Films, allen voran die drei Sachsen Erich Ponto als Professor Schnauz („Sätzen Se säch“), Hans Leibelt als Direktor Knauer und Walter Werner als Pfeiffers Hausdiener. Hier spielt unbedingt das gezeichnete Pädagogenbild mit hinein: die Lehrer als unheldische, von altmodischer Väterlichkeit bestimmte Sachwalter einer vom Nationalsozialismus nicht infizierten Generation, die zugleich verspottet und geliebt werden. „Sie sind Vertreter einer verlorenen Individualität; jeder zelebriert seine gestischen, logischen und vor allem sprachlichen Macken mit einer Reinheit, die sozusagen bereits die vorweggenommene Parodie ist“, meint Seeßlen.

Erich Ponto als Schnauz. Quelle: https://media1.faz.net/ppmedia/aktuell/2813190580/1.3812157/article_multimedia_overview/professor-schnauz-und-sein.jpg

Erich Ponto als Schnauz. Quelle: https://media1.faz.net/ppmedia/aktuell/2813190580/1.3812157/article_multimedia_overview/professor-schnauz-und-sein.jpg

Der Film stammt von einem „Regisseur, dessen großes Verdienst es wohl war, den Schauspielern nicht im Weg zu stehen“, mokiert sich Seeßlen: Helmut Weiß, ein guter Freund von Rühmann. Der Streifen war Weiß‘ Regiedebüt und ist bis auf den heutigen Tag seine bekannteste und erfolgreichste Arbeit geblieben. Er war auch der erste Regisseur, der nach Kriegsende in Westdeutschland wieder einen Film drehen durfte: „Sag’ die Wahrheit“, ebenfalls ein Rühmann-Projekt, das dieser 1945 begonnen hatte, wegen des Krieges jedoch nicht zu Ende bringen konnte. Sein erfolgreichster Nachkriegsfilm als Regisseur war das Lustspiel „Drei Mann in einem Boot“, in dem Hans-Joachim Kulenkampff, Heinz Erhardt und Walter Giller drei Freunde spielen, die für ein paar Tage Reißaus vor dem Alltag und ihren Frauen nehmen: in Seeßlens Augen „belangloser Unfug“.

Und die „Feuerzangenbowle“ wurde gefilmt von Ewald Daub: Ihm ist es zu verdanken, dass Heinz Rühmann überhaupt die Rolle Pfeiffers spielte, denn der fand sich zu alt, um einen Primaner glaubhaft darstellen zu können. Erst Daubs Probeaufnahmen überzeugten ihn. Der Braunschweiger hatte eine Fotoausbildung absolviert, war Kriegsberichterstatter an der französischen Front und arbeitete zwischen 1927 und 1934 mit dem Sensationsdarsteller und Regisseur Harry Piel zusammen. Nach dem Krieg führte er in Berlin ein Fotogeschäft, seine Filmographie zählte über 140 Filme. Da er Vollwaise war, unterstellen ihm Branchenkenner eine aktive Sehnsucht nach „schönen Bildern“, die sich im Film durchaus vermittelt und auch zu seinem Erfolg beigetragen haben dürfte.

„Sehnsucht nach Frieden und Versöhnung“

Die nostalgische Rückkehr in die Jugendzeit hat dem Film freilich eine Debatte nicht erspart, die Mitte der Siebzigerjahre mit einem provozierenden Aufsatz Karsten Wittes begann. „Wie faschistisch ist die ‚Feuerzangenbowle’?“ fragte Witte, der später als Erster die neu geschaffene Professur für Filmwissenschaft an der Freien Universität Berlin übernahm und die gesammelten Schriften Siegfried Kracauers herausgab. Mitte der Neunziger folgte Georg Seeßlens Verdikt, sie sei kein guter und kein böser Film, aber „leider auch kein unschuldiger“.

So heißt es im Begleittext des Deutschen Historischen Museums: „Nur wenige Wochen nach der Kapitulation der 6. Armee in Stalingrad begannen die Dreharbeiten für ‚Die Feuerzangenbowle‘. Während immer neue Jahrgänge von Schülern zur Armee mussten, die Juden Europas deportiert und ermordet wurden und Bomben auf deutsche Städte fielen, flüchtete der Film aus der Gegenwart“. Für Seeßlen gehört er

„zu jenen schizophrenen Filmen aus der Spätzeit des Nationalsozialismus, die zugleich dem Regime dienen und über sein Ende hinausblicken wollen, die voller offener oder unterschwelliger Nazi-Ideologeme sind, und zugleich von einer Sehnsucht nach Frieden und Versöhnung zeugen, die sozusagen schon mit der Verdrängung der Schuld beginnt, während sie noch geschieht.“

Brett und Bömmel. Quelle: http://3.bp.blogspot.com/-CKAKnlILjxs/UV1mJL8bAzI/AAAAAAAAFdk/aCYqsxOMujQ/s1600/vlcsnap-2013-04-04-13h19m48s143.png

Brett und Bömmel. Quelle: http://3.bp.blogspot.com/-CKAKnlILjxs/UV1mJL8bAzI/AAAAAAAAFdk/aCYqsxOMujQ/s1600/vlcsnap-2013-04-04-13h19m48s143.png

Als ein solches „Nazi-Ideologem“ benennt Hanns-Georg Rodek vor sechs Jahren in der WELT die Erziehungsmethoden, wie sie Oberlehrer Dr. Brett Lehrer Bömmel („Da stelle mer uns ma janz dumm“) erläutert: „Junge Bäume, die wachsen wollen, muss man anbinden, dass sie schön gerade wachsen, nicht nach allen Seiten ausschlagen, und genauso ist es mit den jungen Menschen. Disziplin muss das Band sein, das sie bindet – zu schönem geraden Wachstum!“ Allerdings, so der Autor unter der bezeichnenden Schlagzeile „Schmunzelt! Lacht! Aber denkt nicht an Stalingrad!“, ließe sich das Ideal vom „schönen geraden Wachstum“ nicht nur mit der NS-Ideologie assoziieren, welche die Arier als überlegen propagierte: Es ließe sich auch assoziieren mit einem „geraden Wirtschaftswachstum“, in dessen Namen junge Leute „vom Sprachenlernen im Kindergarten über das Zwölfjahresabitur bis zum durchreglementierten Studium“  wieder rigoros angebunden würden.

Benjamin Maack hatte sich im SPIEGEL schon fünf Jahre zuvor mit der Rolle Heinz Rühmanns auseinander gesetzt, der 1940 zum Staatsschauspieler ernannt worden war und für den während der Herrschaft Hitlers – obwohl er nie in die NSDAP eintritt – die Zeit seiner größten Erfolge anbricht, während andere wie Billy Wilder und Marlene Dietrich dem Reich längst den Rücken gekehrt haben. Rühmann selbst, so betonte er später stets, wollte immer nur Filme machen, die das Publikum erfreuen. Einige der jungen Schauspieler, die seine Klassenkameraden gespielt hatten, erlebten die Premiere nicht mehr – sie waren nach dem Dreh direkt an die Front geschickt worden und gefallen. Um das zu verhindern, hatte Rühmann noch versucht, die Dreharbeiten möglichst lange hinauszuzögern – vergeblich.

Im Chemieunterricht. Quelle: https://static.kino.de/wp-content/gallery/die-feuerzangenbowle-1944/feuerzangenbowle-die-heinz-rhmann-8-rcm950x0.jpg

Im Chemieunterricht. Quelle: https://static.kino.de/wp-content/gallery/die-feuerzangenbowle-1944/feuerzangenbowle-die-heinz-rhmann-8-rcm950x0.jpg

„Vielleicht hat sich Rühmann damals wirklich manchmal gewünscht, noch einmal wie in der ‚Feuerzangenbowle‘ einfach ein Schüler zu sein, in einer heilen, überschaubaren Welt und frei von jeder Verantwortung“, mutmaßt Maack. Für ihn hat der Schülerklamauk seinen glaubwürdigsten und wehmütigsten Moment in seiner letzten Szene, da sich Pfeiffers Ausflug zurück in die Schulzeit als Traum entpuppt: „Wahr sind nur die Erinnerungen, die wir in uns tragen, die Träume, die wir spinnen, und die Sehnsüchte, die uns treiben. Damit wollen wir uns bescheiden.“ Solche Bescheidenheit hätte auch den Urhebern gut gestanden, die sich 1970 an einer Neuverfilmung und 2004 an einem Musical versuchten – beide Werke blieben ebenso uncharmant wie erfolglos.

Die Auflösung des Online-Prangers setzte einer ereignisreichen Woche die Krone der Frechheit auf: Das „Zentrum für Politische Schönheit“ ZPS um den Aktionskünstler Philipp Ruch schaltete sein Denunziationsportal „soko-chemnitz.de“ mit dem Hinweis ab, es habe sich um einen sogenannten „Honigtopf“ gehandelt, der seine Funktion erfüllt hätte. In nur drei Tagen hätten 2,5 Millionen Nutzer die Seite besucht, so sei ein „riesiger Datenschatz“ entstanden. Über einen Algorithmus könne nun ein breites Netzwerk des Rechtsextremismus in Deutschland abgebildet werden.

„Das ist das Relevanteste, was es an Daten in Sachen Rechtsextremismus in Deutschland aktuell gibt“, erklärte Ruch in Berlin. Dafür könnten sich auch zahlreiche Behörden interessieren. „Wenn zum Beispiel der Bundesinnenminister mehr wissen will und Lust auf einen Kaffee mit uns hat, dann soll er vorbeikommen.“ Und setzte, strotzend vor Selbstbewusstsein, hinzu, Horst Seehofer (CSU) müsse sich dann vom ZPS-Team allerdings „auch ein paar kritische Töne anhören für das, was er in diesem Jahr geliefert hat“. Insgesamt seien etwa 1.500 Beteiligte an den rechten Demonstrationen in Chemnitz von Ende August identifiziert worden. „Richtig“, bejubelt die taz die Aktion.

„Wo arbeiten diese Idioten?“

Rückblende: am Vormittag des ersten Dezembermontags schaltete das ZPS eine Denunziationsplattform im Internet frei, mit der nach Teilnehmern der Demonstrationen gesucht wurde, die im Nachhall der tödlichen Messerattacke beim Stadtfest in Chemnitz Ende August stattgefunden hatten. Ein Deutscher war mutmaßlich von Flüchtlingen erstochen worden. „Denunzieren Sie noch heute Ihren Arbeitskollegen, Nachbarn oder Bekannten und kassieren Sie Sofort-Bargeld“, warb die Aktion reißerisch und zeigte hunderte Fotos von mutmaßlich rechten Demonstranten. Das ZPS will dafür nach eigener Aussage drei Millionen Bilder von 7000 Verdächtigen ausgewertet haben. „Während normale Menschen arbeiten, treiben tausende Arbeitnehmer oder Staatsdiener Ausländer durch Chemnitz, attackieren Presse und Polizeibeamte und grüßen Hitler“, heißt es weiter.

"Soko Chemnitz". Quelle: https://www.hna.de/bilder/2018/12/03/10791771/550786611-soko-chemnitz-zentrum-fuer-politische-schoenheit-4bMCH2Lbza7.jpg

"Soko Chemnitz". Quelle: https://www.hna.de/bilder/2018/12/03/10791771/550786611-soko-chemnitz-zentrum-fuer-politische-schoenheit-4bMCH2Lbza7.jpg

Die Fotos wurden mit abgekürzten Namen und steckbriefartigen Informationen benannt, ihre Fotos mit Augenbalken unkenntlich gemacht. Eine weitere Galerie zeigt unverpixelte Nahaufnahmen einzelner Personen, angeblich aus dem Demogeschehen, und fragt nach Namen und Arbeitgeber. Damit soll der Rechtsextremismus 2018 systematisch erfasst, identifiziert und unschädlich gemacht werden: „Helfen Sie uns, die entsprechenden Problemdeutschen aus der Wirtschaft und dem öffentlichen Dienst zu entfernen“. Für Hinweise loben die Künstler „Kopfgelder“ aus, die sich die Tippgeber ab Donnerstag an einer Adresse in der Chemnitzer Innenstadt abholen können: einem Ladenlokal, dessen Schaufenster mit steckbriefartigen Postern von 18 Demonstrationsteilnehmern beklebt waren. Darunter waren führende AfD-Politiker, auch Landtagsabgeordnete und weitere Mandatsträger.

Vermieterin ist die Grundstücks- und Gebäudewirtschaftsgesellschaft (GGG), eine Tochter der Stadt Chemnitz. Nach Hinweisen von Passanten kündigte sie noch am Montag den Mietvertrag, weil sie sich zur Nutzung der Räume getäuscht sah, und ließ das Lokal von einem Schlüsseldienst öffnen, um die Steckbriefe zu entfernen. Die Räume seien als Popup-Store für die Dauer weniger Wochen angemietet worden. „Durch die Aushängung von selbst kreierten Fahndungsplakaten, was für uns als Vermieter im Vorfeld nicht erkennbar war, sehen wir den vertraglich vereinbarten Nutzungszweck verletzt und beenden die Überlassung der Gewerbefläche umgehend“, so ein GGG-Sprecher.

Die ebenfalls eingeschaltete Polizei verwies am Abend auf „Gefahrenabwehr“ als Grund für die Öffnung des Lokals: Immerhin war der Laden zuvor von Gruppen teils kopfschüttelnder, teils empörter Passanten umlagert. „Die Polizei Chemnitz droht uns gerade, unser Recherchebüro … aufzubrechen und die Kunst zu stehlen!“, twitterte das ZPS. „Die Wut der ‚Bürger‘ wog schwerer als unsere Eigentumsrechte, ein gültiger Mietvertrag und das Recht auf Kunstfreiheit“, hieß es dann in einer Stellungnahme. Von der sächsischen Landesregierung wurde die Gruppe abgemahnt, weil sie auf ihrer Website das Marketing-Logo „So geht sächsisch“ verwendet hat. Laut MDR will der Berliner Verband Jüdisches Forum wegen unautorisierten Verwendens von Filmmaterial gegen die Aktion klagen. Insgesamt neun Anzeigen gingen ein. Laut Polizeisprecher Andrzej Rydzik steht als mögliches Delikt das Kunsturhebergesetz im Raum sowie Beleidigung.

Soko-Chemnitz-"Steckbrief". Quelle: https://files.newsnetz.ch/story/3/0/2/30285949/14/topelement.jpg

Soko-Chemnitz-"Steckbrief". Quelle: https://files.newsnetz.ch/story/3/0/2/30285949/14/topelement.jpg

Die Künstlergruppe erläuterte ihre Aktion mit rußverschmierten Gesichtern auf einer Pressekonferenz als ein Angebot „für die Strafverfolgung des Freistaats Sachsen und den Allgemeinen Arbeitgeberverband Sachsen e.V.“ Die Rede ist von einem „Katalog der Gesinnungskranken“. Denn Ziel der Aktion sei, über den Arbeitgeber Druck auf „rechtsextreme Beschäftigte“ auszuüben. So hieß es gleich oben auf der Seite: „Wo arbeiten diese Idioten?“ Weiter unten gibt es Felder, um angeblich direkt den Chef eines bestimmten Rechtsextremen zu kontaktieren. Zugleich gibt es für sächsische Unternehmer das Angebot, ihre Werbeanzeigen auf der Seite zu platzieren. Gesucht würden die „Fahnenflüchtigen von Chemnitz“.

„es ist Zeit für eine Entnazifizierung“

Die „Künstler“ veröffentlichten neben den Fotos und dem Beruf der, wie sie sie nennen, „Verdächtigen“, auch persönliche Angaben: Hobbys, Ernährungsgewohnheiten, Lieblingsverein und vieles mehr. Dazu hat man die Fotografierten offenbar bis ins Privateste ausspioniert. Die Vorwürfe reichten von Mitgliedschaft in der AfD über das Teilen kritischer Beiträge über Angela Merkel bis hin zu knallhartem Rechtsextremismus. Wie rechts jemand in den Augen des Zentrums ist, wurde einem anhand eines entsprechend ausschwenkenden Gesinnungs-Barometers angezeigt.

In der Konsequenz machte dies aber keinen Unterschied für die Betroffenen. Denn der Pauschalvorwurf gegen alle aufgeführten Personen hieß: „Verdacht auf unerlaubte Entfernung von der Demokratie.“ Die Gemeldeten können selbst ihre Daten entfernen lassen, solange sie sich in einer Erklärung zur freiheitlich demokratischen Grundordnung und gegen die AfD bekennen. Gefragt, warum gerade sie sich berufen fühlten, Staatsschutz zu spielen, antworteten die Initiatoren auf der Pressekonferenz: „Weil es sonst keiner macht.“ Nebenbei: der DDR-Geborene Ruch nutzt mit der Wendung „unerlaubte Entfernung“ (U.E.) eine aus der Disziplinarsprache der DDR-Volksarmee. Finanziert würden alle Aktionen des ZPS ausschließlich aus Spenden, so auch diese.

Mietlokal der Soko-Chemnitz. Quelle: https://pics.freiepresse.de/DYNIMG/42/93/6594293_M650x433.jpg

Mietlokal der Soko-Chemnitz. Quelle: https://pics.freiepresse.de/DYNIMG/42/93/6594293_M650x433.jpg

Die als solche deklarierte „Satire“ bestätigt genau die Logik der Ausgrenzung und Einschüchterung, gegen die sie sich angeblich richtet: Statt Andersdenkende politisch zu stellen, werden sie pathologisiert, statt Demokratie als ständigen Konflikt zu begreifen, wird sie als Sektengesinnung inszeniert. Diese Inszenierung lebt von der Fiktion eines Ausnahmezustands, in dem Philipp Ruch und die Seinen vorgeblich gezwungen sind, die Aufgaben von Verfassungsschutz, Polizei, Justiz und Presse zugleich zu übernehmen, regt sich Jens Bisky in der Süddeutschen auf: „Sie maßen sich in dieser Aktion die Rolle eines Souveräns an, der im Besitz der Wahrheit agiert.“

Das ZPS spricht von: „Volksverrätern“, „rechten Deutschlandhassern“ oder „Drückebergern“ und setzt diese in Gegensatz zu den „Normalen“. Diese Sprache hätte man in den Achtzigerjahren „faschistoid“ genannt. Als Kunstsanktion taugt die Pranger-Denunziations-Inszenierung politisch folgenreich dazu, sich demokratiefreundliche Eigenschaften abzutrainieren, von der Gesprächsfähigkeit über die Kompromissbereitschaft bis hin zur Lust an der Differenzierung, ärgert sich Bisky. Mit Verweis auf die Nachkriegsjahre sprach Philipp Ruch von einer „Entnazifizierung“, die es nun wieder durchzuführen gelte. Seine Hauptstrategie ist: soziale Ächtung und Ausschluss der Verdächtigen. Dabei gewinnt die Omnipotenzfantasie des Künstlerkollektivs.

Stefan Pelzer, „Eskalationsbeauftragter“ des ZPS, machte zwar deutlich, dass sich die Gruppe vor dem Start des Portals rechtlich hat beraten lassen, besonders was Bild- und Persönlichkeitsrechte anbelangt. Juristisch heikel dürfte die Anschwärzungsfunktion dennoch sein, mit der Mitarbeiter bei ihrem Arbeitgeber gemeldet werden sollen. Die Berliner Beauftragte für Datenschutz, Maja Smoltczyk, wird sich mit der Kunstaktion beschäftigen: Die Berliner Behörden seien zuständig, da die Künstlergruppe auf der Internetseite einen Ansprechpartner in Berlin nenne. Voraussichtlich Mitte/Ende Januar werde dann die Datenschutzbeauftragte eine Einschätzung zum konkreten Fall abgeben.

„Kunst ist frei, hat aber Verantwortung“

ZPS-Gründer Philipp Ruch erklärt in Floskeln der Politikersprache, das Portal sei ein Beitrag, um an einem anderen Bild von Chemnitz zu arbeiten, „von einem Chemnitz, das weltoffen ist, das interkulturell ist“. Dann betont Ruch: „Wir denken, es ist Zeit für eine Entnazifizierung.“ Dies sei „ein gesamtgesellschaftlicher Prozess“, in den jetzt mit dem Online-Portal alle eintreten könnten. „Es ist ein Angebot an die Bevölkerung, sich intensiv mit Intensivtätern auseinanderzusetzen.“ Und fährt fort: „Eine Schlüsselrolle kommt der Wirtschaft bei der Entnazifizierung zu. Wir müssen sie in die Lage versetzen, zu handeln.“ Es gehe darum, ein Gegenbild zu zeichnen, „für die Wirtschaft der Region ist das existenziell“. Das Portal sei ein Angebot an die Wirtschaft, rechtsextreme Gewalttäter im eigenen Unternehmen „zu erkennen und möglicherweise dagegen vorzugehen“.

PK des "Zentrums". Quelle: https://www.deutschlandfunkkultur.de/media/thumbs/6/6a03155d47783ee0cf751d17924fa87av1_max_635x357_b3535db83dc50e27c1bb1392364c95a2.jpg?key=b715f0

PK des "Zentrums". Quelle: https://www.deutschlandfunkkultur.de/media/thumbs/6/6a03155d47783ee0cf751d17924fa87av1_max_635x357_b3535db83dc50e27c1bb1392364c95a2.jpg?key=b715f0

Zudem wolle das ZPS mithelfen, damit „marodierende Nazis“ nicht jenes Ereignis seien, welches über Jahre im kollektiven Gedächtnis mit dem Namen Chemnitz verbunden bleibe. Das Signal an rechtsextreme Demonstranten sei: „Wir haben Euch gesehen, und es war kein Ausrutscher. Es ist uns nicht egal, was ihr mit unserer Stadt und unserem Land macht. Wir lassen uns das nicht gefallen.“ Wohlbemerkt: Ruch ist Berliner. Aber er freute sich, bislang drei „Belohnungen“ ausbezahlt zu haben. „Übrigens: Die Tippgeber stammten nicht gerade aus der linken Szene. Und: Die Tipps waren derart relevant, dass wir sie den Strafverfolgungsbehörden weiterleiten werden“, erklärte er auf bazonline.

„Christoph Schlingensief für geistig Arme“, kontert Boris T. Kaiser in der Jungen Freiheit. „Worüber muss man sich als Akteur eigentlich klar sein, um eine Denunziation von einer Anzeige unterscheiden zu können? Es ist ja wirklich allein der politische Geist, in dessen Hand die Videos der einmal installierten Überwachungstechnologie sind, der bestimmt, wer ‚Gefährder‘ ist“, zürnt Tim Hofmann in der Freien Presse Chemnitz(!). „Soko-Chemnitz.de“ sei so derb unangenehm, dass man trotz einiger unwillig satirischer Farbspritzer schon gehörige Wut bräuchte, um sie gebräuchlich zu finden: „Was macht diese Wut nun mit einem? Kann man das Falsche tun, um das Richtige zu erreichen?“, fragt er und kritisiert einen protofaschistischen Grundansatz mit Begriffen wie „Gesinnungskranken“. Ein „totalitäres Vokabular der Selbstbehauptung“, erkennt Kolja Reichert in der FAZ.

Der Geschäftsführer des Deutschen Kulturrates, Olaf Zimmermann, sprach von einer problematischen Kunstaktion, die nicht zur Aufklärung beitrage, sondern nur der Spaltung der Gesellschaft weiter Vorschub leiste. „Es spielt keine Rolle, ob der Pranger real oder Fake ist und schon gar nicht rechtfertigt das Ziel dieses Mittel“, erklärte Zimmermann und warnte: „Wie wird unsere Gesellschaft in fünf Jahren aussehen, wenn solche Pranger-Aktionen im Netz weiter Schule machen? Kunst ist frei, hat aber Verantwortung.“ Auch der sächsische Innenminister Roland Wöller (CDU) warf dem ZPS vor, mit der Aktion den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu gefährden.

„schnelle politische Triebabfuhr“

„Ist man nicht schlicht versucht, ein gravierendes Gesellschaftsproblem mit einem mühelos schmerzfreien Mausklick lösen zu wollen? Was will man denn erreichen: Offenheit? Oder schnelle politische Triebabfuhr?“ fragt Hofmann in seinem sehr lesenswerten Kommentar weiter. „‘Soko Chemnitz‘ illustriert eindringlich die aktuelle Hilflosigkeit im gesellschaftlichen Gegeneinander – und die Notwendigkeit, Phrasen gegen echte Argumente zu tauschen.“ Der aus Israel stammende Firmenchef der Cabka Group GmbH, Gat Ramon, erwartet in einem Offenen Brief, dass diese Art der Hetze und Denunziation unterbleibe. „Eine öffentliche Denunziation ist für mich persönlich und auch für unser Unternehmen nicht die geeignete Antwort.“ Einer seiner Mitarbeiter war auf einem Foto gezeigt und namentlich genannt worden. Auf seiner Facebook-Seite war ein Banner zu sehen, auf dem in altdeutscher Schrift stand: „Weniger Lohn! Weniger Rente! Mehr Flüchtlinge! Heil Merkel!“

Der schreckliche Zufall wollte es, dass am Tag von Ruchs ruchlosem Kampagnenstart der Tod eines 17-jährigen Mädchens in einem Bonner Flüchtlingsheim bekannt wurde. Die Meldungen über beide Ereignisse seien leider charakteristisch für den Zustand geistiger Verwahrlosung, den wir in Deutschland haben, klagt Vera Lengsfeld auf ihrem Blog. Während der Tod des Mädchens in vielen Medien nur eine Randnotiz war, wurde Ruchs Aktion als eine von „Künstlern gegen rechts“ bejubelt, über deren kleine Schönheitsfehler man um der guten Sache willen hinwegsehen müsse.

Anlass der "Kunstaktion": Chemnitzer Demo. Quelle: https://cdni.rt.com/deutsch/images/2018.12/article/5c08eb504c96bb95608b4568.JPG

Anlass der "Kunstaktion": Chemnitzer Demo. Quelle: https://cdni.rt.com/deutsch/images/2018.12/article/5c08eb504c96bb95608b4568.JPG

Genau diesen Jubel praktizierte leider auch der SPIEGEL, das „Sturmgeschütz der herrschenden politisch korrekten, toleranten, vielfältigen Borniertheit“, so Lengsfeld. „Aktivisten wollen über eine Onlineplattform Rechtsextreme identifizieren. Die Macher halten das nicht für Denunziantentum. Sondern für Kunst. Richtig so.“, heißt es da. Das war das Motto der fatalen Großväter: „Pardon wird nicht gegeben“. Ihr Geist ist zurück und zerstört die Grundlagen unserer demokratischen Gesellschaft, indem Recht, Gesetz und Verfassung unter ideologischen Vorbehalt gestellt werden“, klagt Lengsfeld. Zum Vergleich: Als BILD nach mutmaßlichen G20-Randalierern suchen ließ, „obwohl die Behörden nach denen gar nicht fahnden“, textete das Blatt: „Da hat jemand den Rechtsstaat nicht verstanden“. Die Grenzen zwischen Aktivismus und Vandalismus sind inzwischen ins Irreale, ja Surreale gekippt.

Das ZPS sorgte bereits in der Vergangenheit mit provokanten Aktionen für Aufmerksamkeit, zuletzt vor rund einem Jahr mit einem Nachbau des Holocaust-Mahnmals vor dem Haus von Thüringens AfD-Landeschef Björn Höcke. Hintergrund war dessen Rede, in der er Anfang 2017 das Holocaust-Mahnmal als „Denkmal der Schande“ bezeichnet und eine „erinnerungspolitische Wende um 180 Grad“ gefordert hatte. Nachdem Höcke vor dem Kölner Landgericht mit einer Klage auf Verletzung der Privatsphäre gescheitert war, stellte zuletzt auch die Staatsanwaltschaft Mühlhausen ihre Ermittlungen wegen Verdachts auf gemeinschaftliche Nötigung ein. Es blieb der Beigeschmack der Feme, der in der neuesten Aktion des Zentrums potenziert wurde. Einen „Anschlag von Gesinnungsterroristen auf unser Grundgesetz“ nannte das ein Kommentator. Das ist leider richtig. Richtig schlimm.

Wenn man einen DDR-Autor „Volksschriftsteller“ nennen kann, dann Erwin Strittmatter: urbäurisch, knorrig, humorig, mit Schiebermütze und Vollbart, inmitten seiner Araber im brandenburgischen Schulzenhof. Eine oft bemühte Anekdote geht so: Vor einer Lesung in Leipzig hatten junge Leute erkundet, dass jemand unweit auf dem Lande einen Hengst besaß, den er vom Pferdehof des Schriftstellers gekauft hatte. Während der Signierstunde rief ein Begleiter Strittmatter heraus: Ein Besucher warte auf ihn. Es war der Hengst. Der Dichter herzte ihn, meinte aber, das Tier habe ihn nicht erkannt. Die Presse, die anderer Ansicht war, komplimentierte das Pferd hinein. Es kam dieser Bitte auch nach. Weitere Pferdebesuche in DDR-Buchhandlungen sind nicht überliefert.

Doch der deutsche Autor mit sorbischen Wurzeln hatte auch andere, dunkle Seiten, die erst nach seinem Tod am 31. Januar 1994 vollständig offen gelegt wurden. So wurde 1996 bekannt, dass er einerseits von 1958 bis 1964 als Geheimer Informator „Dollgow“ der Staatssicherheit arbeitete, später wurden daraus die Inoffiziellen Mitarbeiter (IM). Noch in den 1970er Jahren befürwortete er laut Stasi-Akte des Schriftstellers Reiner Kunze („Deckname Lyrik“) dessen Ausweisung aus der DDR. Andererseits verschwieg er, dass er 1941 als Freiwilliger zur Schutzpolizei ging, die später der SS angegliedert wurde. 1942 musste er auf dem Balkan als Oberwachtmeister des „Gebirgsjäger-Regiment 18“ im Rahmen der „Operation Enzian“ mindestens Kenntnis vom Massaker in Bistrica pri Kranju gehabt haben – wenn er nicht gar daran beteiligt war.

Erwin Strittmatter. Quelle: https://www.berliner-kurier.de/image/23730466/2x1/940/470/7c8a7332323b495dd92843687817f07/xf/digas-102685355-mds-bez-201.jpg

Erwin Strittmatter. Quelle: https://www.berliner-kurier.de/image/23730466/2x1/940/470/7c8a7332323b495dd92843687817f07/xf/digas-102685355-mds-bez-201.jpg

„Endlich einer aus dem Osten!“, frohlockte Oliver Jungen am 09.06.2008 in der FAZ, als die Recherche öffentlich wurde, und hielt Strittmatters literarisches Schicksal längst für besiegelt. Aus dem Nachlass wurden Briefe bekannt, die ihm im Mai 1971 eine frühere Geliebte schickte – einst zur Aufbewahrung überlassen und längst „verloren und vernichtet“ geglaubt. Der Schriftsteller hielt in seinem Tagebuch fest, es handle sich um „abgestoßene Seelenhäute, die man halb neugierig, halb ängstlich betrachtet“. Wie aber die Wiederentdeckung auf ihn gewirkt, ob er sich überhaupt in den Fund vertieft hat, ist nicht zu erfahren. So schrieb Strittmatter Anfang Januar 1942 seinen Eltern aus der Oberkrain in Slowenien „Dann nehmen wir es (das Dorf) endlich und brannten alles nieder“. Und weiter: „Nun holen wir zum Hauptschlag aus. Die Banden sind immer noch nicht ganz aufgerieben.“ Was Strittmatter dabei genau getan hat, ist bis heute nicht bekannt.

„aus Lust und innerlichem Zwang“

Seitdem knirscht es im literarischen Erinnerungsgebälk. Der 1994 vom Potsdamer Landwirtschaftsministerium gestiftete „Erwin-Strittmatter-Preis“ wird seit 2008 nur noch als „Brandenburgischer Literaturpreis Umwelt“ verliehen. Und im Januar 2012 beschloss die Stadtverordnetenversammlung der Stadt Spremberg, von einer offiziellen Würdigung aus Anlass des 100. Geburtstages ihres Ehrenbürgers abzusehen. Rechnet man nun noch hinzu, dass ihm einige seiner acht Söhne, die er mit drei Frauen hatte, sowie eine Enkelin vorwarfen, er sei ein hartherziger, prügelnder Egomane und Familientyrann gewesen, der zwar die Geburtstage seiner Pferde, nicht aber die seiner Kinder kennt, wird deutlich, dass der „Nationalautor einer halben Nation“ (SPIEGEL) gerade eine Persona non grata wird.

Strittmatter als Pferdezüchter. Quelle: https://www.tagesspiegel.de/images/heprodimagesfotos82320120814stritt-jpg/6996298/5-format1012.jpg

Strittmatter als Pferdezüchter. Quelle: https://www.tagesspiegel.de/images/heprodimagesfotos82320120814stritt-jpg/6996298/5-format1012.jpg

Der am 14. August 1912 geborene Bäckersohn verbringt seine Kindheit in Bohsdorf nahe Spremberg (Niederlausitz), wo seine Eltern eine Bäckerei mit Kolonialwarenhandlung betrieben – Laden und Dorf wurden später in seiner Romantrilogie „Der Laden“ unsterblich. Strittmatter verlässt das Realgymnasium ohne Abschluss, lernt Bäcker und ist auch als Kellner, Hilfsarbeiter und Tierpfleger tätig. Er schloss sich noch vor 1933 der SPD an, heiratet 1937 erstmals und arbeitet in der Thüringischen Zellwolle-AG in Rudolstadt-Schwarza. 1939 meldet er sich als Alternative zum Kriegsdienst bei besagter Schutzpolizei. Im Sommer 1944 wurde Strittmatter, der auch als einer der Schreiber seines Bataillons fungierte, zur Film- und Bildstelle des Hauptamtes der Ordnungspolizei nach Berlin versetzt.

Nach Kriegsende arbeitete Strittmatter zuerst wieder als Bäcker, später als Lokalredakteur der Märkischen Volksstimme in Senftenberg, heiratet erneut, wird 1947 Amtsvorsteher mehrerer Gemeinden in der Niederlausitz sowie SED-Mitglied. In seiner Freizeit übt er sich als Schriftsteller, der „aus Lust und innerlichem Zwang“ niederschrieb, was er „erlebt, gesehen und gefühlt hatte“. 1950 erschien sein Erstlingswerk „Ochsenkutscher“, ein Roman über einen heranwachsenden Dorfjungen, der sich mit dem Zustand seiner Welt nicht abfinden will. Bis 1953 ist er am Berliner Ensemble Assistent bei Bertolt Brecht, der sogar sein Stück „Katzgraben“ aufführt. Darin findet sich das damals bekannte „LPG-Lied“: „Wenn Melk-Marie in kühler Früh‘ / Huscht zu den Küh‘n und Ochsen / Dann öffnen wir auf der Station / Geschwind die Traktorboxen.“ Eine „Sünde wider die Kunst“ sagt er später.

Strittmatter-Grundstück in Schulzenhof. Quelle: https://www.moz.de/fileadmin/_processed_/6/5/csm_1025812768_ef50c4e5c4.jpg

Strittmatter-Grundstück in Schulzenhof. Quelle: https://www.moz.de/fileadmin/_processed_/6/5/csm_1025812768_ef50c4e5c4.jpg

Seit 1954 lebte er in Schulzenhof im Ruppiner Land als Schriftsteller und Pferdezüchter, seit 1956 gemeinsam mit seiner dritten Ehefrau, der 18 Jahre jüngeren Dichterin Eva Strittmatter, die auch seine Lektorin wird. Sie fand von Anfang an den richtigen Ton: „Deine Arbeit wird immer der Mittelpunkt unserer Tage und Quelle für unsere Liebe sein“. Wie ihr Mann Auflagenmillionär, räumt sie nach Erwins Tod massive Eheprobleme ein und stirbt 2011 tablettensüchtig. Beide zogen vier Kinder auf, davon drei gemeinsame Söhne. Die Kinderbücher „Tinko“ und „Pony Pedro“ entstehen.

Der erstgeborene Sohn, der homosexuelle Autor und Schauspieler Erwin Berner (* 1953) ist es dann, der in seinen „Erinnerungen an Schulzenhof“ (2016) die Landidylle als „Albtraum in schöner Landschaft“ dekonstruiert, um seine in Suizidversuchen gipfelnden Traumata aufzuarbeiten. Er und seine Brüder durften erst als Halbwüchsige zu den Eltern ziehen. Vorher hatten sie – gegen Bezahlung – bei der Großmutter in Neuruppin wohnen müssen, weil der Vater lieber in Ruhe arbeiten wollte. Die bedrückende Atmosphäre auf dem Schulzenhof umschreibt er mit den Verben schweigen (über alles Persönliche), drohen (mit Schlägen und Kontaktabbruch) und lügen (über Familie und Geld): Das war „ein System, das der Herrschsucht Raum gab“. Jähe Wutausbrüche, Züchtigungen, die Erwin selbst in seinen Tagebüchern thematisiert, und Demütigungen bestimmen den Alltag.

Strittmatter-Söhne Ilja, Erwin und Jakob (v. l.) 2011. Quelle: https://media101.tlz.de/content/59/91/91/5I/5991915ITOMV4DB_V4RHRGTRYAXAWHGDHCPTTN529042016202/D0R0004280240.JPG

Strittmatter-Söhne Ilja, Erwin und Jakob (v. l.) 2011. Quelle: https://media101.tlz.de/content/59/91/91/5I/5991915ITOMV4DB_V4RHRGTRYAXAWHGDHCPTTN529042016202/D0R0004280240.JPG

Dabei galt der Schulzenhof viele Jahrzehnte als vielfach thematisiertes Öko-Refugium des gefeierten Paares. Generationen von Journalisten pilgerten auf das entlegene Vorwerk und schrieben salbungsvolle Reportagen über das glückliche Landleben: „Der Schulzenhof schien alles auf sich zu vereinen: DDR-Identität und Geselligkeit, Poesie und Erfolg, Weisheit und SED-Politik, Kreativität und Liebe, Kultur und Natur, Familie und eine einträgliche Ponyzucht“, meint Karim Saab in der MAZ.

Enkelin Judka Strittmatter stieß parallel in dasselbe Horn. Sie beschrieb Strittmatter in der Berliner Zeitung als fremden, herzlosen Opa und rechnete mit ihm in ihrem Roman „Die Schwestern“ ab: „Wie musste es ihm gutgegangen sein, dem Onkel Kurt, so geliebt zu werden. Er musste sich groß und einzigartig gefühlt haben. Und warum hatte ihn das nicht abgehalten, ein schlechter Vater zu sein?“ Im Roman ist der Onkel kein Schriftsteller, sondern Schauspieler – noch eine Rache, wurde Strittmatter doch oft mit dem Schauspieler Erwin Geschonnek verwechselt, was den durchaus eitlen Autor nicht amüsierte. Knut Strittmatter, ein Sohn aus erster Ehe, erklärte ebenfalls, dass sein Vater auch nach Jahren „keine Toleranz für Schwiegertochter und Enkelkinder aufbringen konnte“.

Erwin und Eva. Quelle: https://biblog.fh-zwickau.de/wp-content/uploads/strittmatter.jpg

Erwin und Eva. Quelle: https://biblog.fh-zwickau.de/wp-content/uploads/strittmatter.jpg

Nach einem Intermezzo als 1. Sekretär des Deutschen Schriftstellerverbandes erscheint 1963 „Ole Bienkopp“, eins der meistgelesenen Bücher der DDR, das auch Schulstoff wurde. Anfangs trug das Werk dem Verfasser scharfe Parteikritik ein, da Strittmatters Held auf eigene Faust und gegen den Willen der Funktionäre eine „Neue Bauerngemeinschaft“ gründet und schließlich am Starrsinn der Parteibürokratie zerbricht. Es wurde 1964 mit dem Nationalpreis ausgezeichnet – vier weitere Nationalpreise, mehrere Vaterländische Verdienstorden, Kunstpreise und andere Ehrungen folgen. Daran schließt sich das sogenannte „novellistische Jahrzehnt“ an: kleine naturverbundene Prosastücke wie in „Schulzenhofer Kramkalender“, „Ein Dienstag im September“ und „3/4 hundert Kleingeschichten“.

„ich gehe umher wie ein Mörder“

Später wird seine Kurzprosa vor allem aus Reflexionen („Selbstermunterungen“, „Wie ich meinen Großvater kennenlernte“) und Tiergeschichten („Ponyweihnacht“, „Flikka“) bestehen. Sein umfangreichstes Werk neben dem „Laden“ ist die ebenfalls autobiographisch geprägte Trilogie „Der Wundertäter“, die den dornenreichen Weg des Stanislaus Büdner aus Waldwiesen vom poetisierenden Bäckergesellen zum kritischen Schriftsteller nachzeichnet und an der er von den 50er Jahren bis ins Frühjahr 1978 schreibt. „Der Roman ist abgegeben, aber ich gehe umher wie ein Mörder, der bangt, dass man seine Tat bald entdecken wird“, notiert Strittmatter im April über den dritten Band.

Strittmatter auf der 1. Bitterfelder Konferenz. Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Erwin_Strittmatter#/media/File:Bundesarchiv_Bild_183-63679-0006,_1._Bitterfelder_Konferenz,_Strittmatter.jpg

Strittmatter auf der 1. Bitterfelder Konferenz. Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Erwin_Strittmatter#/media/File:Bundesarchiv_Bild_183-63679-0006,_1._Bitterfelder_Konferenz,_Strittmatter.jpg

Zwei Jahre lang wird er mit Vorladungen, „stilistischen“ Veränderungswünschen und Versprechungen, mit lauten Lobsprüchen und leisen Sabotagemaßnahmen hingehalten: Strittmatter hatte die Vergewaltigung einer jungen Ostdeutschen durch einen Rotarmisten geschildert und damit gegen ein DDR-Tabu verstoßen. Als das Buch schließlich gedruckt wird, kauft die Nationale Volksarmee fast die gesamte Auflage, einige 10 000 Exemplare, vom Markt weg. Nur ein kleiner Teil wird an die „Volksbuchhandlungen“ mit der strikten Anweisung ausgeliefert, das skandalöse Werk lediglich unter dem Ladentisch und an ausgewählte Parteikader abzugeben.

Danach begann er sein Alterswerk, das 1992 zu beenden er sich mit dem Erlebnis der Wende quälen musste: die drei Bände des „Laden“. Die Trilogie wurde fast 800.000-mal verkauft, mit Martin Benrath 1998 als Dreiteiler verfilmt und sowohl mit dem Deutschen Fernsehpreis als auch dem Adolf-Grimme-Preis gewürdigt. Strittmatter verwickelt darin in Lausitzer Dialekten und sorbischen Versatzstücken Menschen, Natur und Gegenstände zu unentwirrbaren Knäueln. Alles ist in Bewegung, beseelt von eigenartigen Energien. „In der Backstube vergart das Brot, der Teig verlässt die hölzernen Brotmulden und läuft, sich die Welt anzusehen“, heißt es darin, oder: „Im Fahrrad, zeigt sich, sammelt sich während des langen Stillstehens Übermut an.“ Seine Lesereise mit dem 3. Band wird ein Sensationserfolg. Wochenlang füllt der Achtzigjährige zwischen Rostock und Chemnitz die Säle, liest der rüstige Greis verhalten und ohne rhetorischen Aufwand.

Laden-DVD. Quelle: https://images-na.ssl-images-amazon.com/images/I/514kRw%2Bi5vL.jpg

Laden-DVD. Quelle: https://images-na.ssl-images-amazon.com/images/I/514kRw%2Bi5vL.jpg

Schriftstellerkollege Erich Loest rezensierte: „Viel ist von schönen Frauenzähnen die Rede und von Dörflerbrunst, das Land der Güter wird verteilt, ,Espede‘ und ,Kapede‘ vereinigen sich; aber das kommt wie von ferne her, wird hingenommen wie das Geschehen der ,adolfinischen‘ Zeiten, wird nicht moralisch gewertet, wird aufgesogen vom Dorf.“ Gewiss war Strittmatter nie Dissident, aber ebenso wenig diente er dem Regime als willfähriger literarischer Propagandist.

Wenn er lange an die Verheißungen eines preußischen Sozialismus glaubte, so irrte er, wie nicht wenige seiner Landsleute, in gutem Glauben. Strittmatters politische Desillusionierung bezeugen Tagebuchaufzeichnungen aus den Jahren 1973 bis 1980, die er unter dem Titel „Die Lage in den Lüften“ veröffentlichte. Selbstkritisch beklagt der Autor darin die zahlreichen „Denkschranken“, die er in den langen Jahren seiner Parteizugehörigkeit verinnerlicht habe. Schon 1978 trat er als Vizepräsident des Schriftstellerverbandes zurück und bekleidete danach keine Ämter mehr.

Cover-Collage. Quelle: https://www.moz.de/uploads/tx_templavoila/strittmatter-kopf-dpa_02.jpg

Cover-Collage. Quelle: https://www.moz.de/uploads/tx_templavoila/strittmatter-kopf-dpa_02.jpg

Sein Sujet wurde die Natur, seine Themen Ackerbau und Viehzucht, Land und Landleute, Partei und Boden, seine Personage Kinder und Käuze, Sonderlinge und Einzelgänger – aus der Erkundung der Nischen zog er Kraft und Popularität. „Er zeigt Menschen wie Bäume und Bäume wie Menschen“, hat ihn sein Freund Lew Kopelew gelobt. Dabei war er kein Sprachartist, „eher ein guter Handwerker. Der Bäckerssohn knetete die Sprache, bis sie sich fügte – dem Gegenstand und dem Leser. Dabei kamen dann immer wieder Spracherneuerungen zum Vorschein, keine ‚Erfindungen‘, sondern Worte, die sich ergaben, weil sie fehlten“, meint Martin Ahrends in der ZEIT. Marcel Reich-Ranicki charakterisiert den „volkstümlich-urwüchsigen“ Heimatdichter in der FAZ so:

„Handfest ist sein Humor, simpel und hausbacken. Er verschmäht weder geschmacklose noch vulgäre Scherze … aber zuweilen – am häufigsten im ‚Wundertäter‘ – wartet er auch mit treffenden satirischen Akzenten auf.“

„eine Mauer aus Ignoranz und Herablassung”

In seiner Biographie kristallisiert ein Stück deutscher Geschichte, und in seinem Werk haben die Hoffnungen und Enttäuschungen, die kleinen Siege und die großen Niederlagen eines ganzen „halben“ Volkes unverwechselbaren Ausdruck gefunden. Die Erfahrung, in der Bundesrepublik jahrzehntelang fast vollständig übersehen worden zu sein und nach der Wende gegen „eine Mauer aus Ignoranz und Herablassung“ anzulesen, hatte Spuren bei ihm hinterlassen: „Ich bin in einige Dutzend Sprachen übersetzt, nur ins Westdeutsche nicht.“ 38 Sprachen waren es, um genau zu sein. Als er starb und sein Tod den Tagesthemen keinen Nachruf wert war, musste sich Ulrich Wickert nach massiven Protesten entschuldigen. Begraben ist Strittmatter, natürlich, in Schulzenhof.

Eva und Erwin Strittmatters Grab. Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Schulzenhof#/media/File:Grabstelle_Strittmatter_Schulzenhof_Wiki.jpg

Eva und Erwin Strittmatters Grab. Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Schulzenhof#/media/File:Grabstelle_Strittmatter_Schulzenhof_Wiki.jpg

Was bleibt: Das Bild eines Mannes, der nach dem Krieg seine Soldatenzeit so darstellte, dass sie ins Bild des antifaschistischen DDR-Bürgers passte. Der versuchte, als Genosse bei den neuen Machthabern nicht anzuecken. Der vor den Frauen floh, wenn seine Leidenschaft Folgen hatte. Es ist das Bild eines Mannes, der seine Ruhe haben wollte. Ruhe, um zu schreiben. Ruhe, um sich seinen Tieren zu widmen. Ruhe vor dem Lärm der Stadt und den eigenen Kindern. Er wollte im Grunde auch von den Funktionären der SED in Ruhe gelassen werden. Und von den Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg.

Im „Laden“ schreibt er: „Der Stein unter der Birke hat sich in den Probe-Sommertagen durchwärmt. Er arbeitet und nutzt die Hitze, Regen und Kälte, um sich zu sprengen und Erde zu werden. Wenn er redselig wäre wie wir, würde er sagen: Ich mühe mich um mein Fortkommen“. Strittmatter hat sich gemüht. Aber er kommt nicht mehr fort. Er kommt weg. Das ist schade. Sehr schade.

In der DDR-Literatur wurde Anfang der achtziger Jahre ein Begriff zum geflügelten Wort, der in Besinnung auf Immanuel Kant das Bild eines freien, gleichberechtigten und nicht bevormundenden Diskurses zwischen Autor, Text und Empfänger verbreitete: der des „mündigen Lesers“. In der BRD–Kulturpolitik gibt ein SPD-Kultursenator vor, auf die Mündigkeit der Bibliotheksnutzer in Bremen zu vertrauen, und erklärt zugleich, dass Medien, die „eindeutig dem rechten Spektrum zuzuordnen“ sind, weder „aktiv über das Lektorat bestellt noch auf Kundenwunsch für die Stadtbibliothek erworben“ werden: Gemeint sind die Verlage Antaios, Manuscriptum, Orion-Heimreiter, Jungeuropa und Kopp. Hat sich unsere Demokratie auf dem Niveau der DDR-Diktatur anno 1970 eingependelt?

JF-Stand auf der Buchmesse Frankfurt. Quelle: http://www.taz.de/picture/3085463/948/Anne-Dedert-rechte-verlage-frankfurter-messe-hinten-im-rechten-eckchen-dpa.jpeg

JF-Stand auf der Buchmesse Frankfurt. Quelle: http://www.taz.de/picture/3085463/948/Anne-Dedert-rechte-verlage-frankfurter-messe-hinten-im-rechten-eckchen-dpa.jpeg

Ruchbar wurde die Zensur nach einer Anfrage des Grünen Kulturdeputierten Robert Hodonyi, der den Bremer Kultursenator Carsten Sieling bereits im August aufgefordert hatte, den Umgang der Bibliothek mit den Publikationen „rechter Verlage“ zu untersuchen. Darin fragt er auch, ob und wie Publikationen aus rechten Verlagen „kontextualisiert“ sprich gekennzeichnet werden. Als der Bericht, zugleich eine Sitzungsvorlage, drei Monate später vorliegt, springt nur ein einziges und natürlich linkes Medium drauf an: die taz, bei der Hodonyi selbst zwei Jahre Redakteur war (was der normale Leser nicht erfährt). Und die thematisiert natürlich nicht, dass sich Bremens Grüne damit aus dem demokratischen Grundkonsens verabschiedet haben. Im Gegenteil: unter Schlagzeilen wie „Gehören Bücher aus rechten Verlagen ins Bibliotheksregal?“ oder „Wird so eine demokratische Diskussion ermöglicht oder gefährliche Ideologie erst verbreitet?“ macht sie sich mit solch offenkundigem Gesinnungsfaschismus auch noch gemein.

„nicht einmal das kleine Einmaleins der Demokratie beherrschen“

Der Bericht legt zunächst drei Dinge offen. Zum ersten gibt es keinen entsprechenden „Umgang“: unter den rund 550.000 Titeln in der Stadtbibliothek hat es lediglich der Kopp-Verlag geschafft, vier seiner Bücher in das Angebot der Bremer Gesinnungsfestung zu schleusen; darunter Stefan Schuberts „Die Destabilisierung Deutschlands“. Darin würden „krude Verschwörungstheorien als kritische Recherche“ verkauft. Dass das Buch überhaupt zu haben ist, liegt aber an seinem Erscheinen auf der Spiegel-Bestseller-Liste. Denn damit Kunden gefragte Titel möglichst schnell in den Regalen fänden, gelte für diese und andere Listen die sogenannte „Standing Order“, eine Art Dauerauftrag, auf dessen Grundlage gelistete Bücher direkt an die Bibliothek geliefert werden.

Zum zweiten wird der totalitären Forderung der Grünen zwar eine klare Absage erteilt: „Eine Kennzeichnung ‚rechter‘ oder ‚linker‘ Literatur erfolgt nicht. Die Stadtbibliothek Bremen wird keine Extra-Präsentationen einführen, da dies die Kontextualisierung durch den Fachbestand ad absurdum führt“, heißt es in dem Bericht. „Die Medien aus den o.g. rechten Verlagen stehen im Fachbestand der Bibliotheken in einem hinreichenden Kontext anderer Titel zur Politik, Geschichte und Soziologie und Sozialwissenschaften.“

Zum dritten aber wird eben erklärt: „Für den Umgang mit rechten Publikationen und anderen fragwürdigen Inhalten gibt es kein Patentrezept und keine Norm.“ Ein umfassendes Informationsangebot schließe auch kontrovers diskutierte Titel ein. Das Statement bestätigt zwar jenes der Bibliotheksverbände vom Mai 2016, die sich für Meinungsvielfalt und Informationsfreiheit in Bibliotheken einsetzen und „insbesondere die Bereitstellung von gesellschaftlich und politisch kontrovers diskutierten Werken in ihren Mitgliedsbibliotheken, die einen politisch, weltanschaulich und religiös ausgewogenen Bestand und ein vielfältiges Spektrum an Meinungen gewährleisten“, befürworten.

Kopp-Buch. Quelle: https://images-na.ssl-images-amazon.com/images/I/51QqrlGzSxL._SX318_BO1,204,203,200_.jpg

Kopp-Buch. Quelle: https://images-na.ssl-images-amazon.com/images/I/51QqrlGzSxL._SX318_BO1,204,203,200_.jpg

Auf einer Podiumsdiskussion im Rahmen des Bibliothekartags im Juni bekräftigen die progressiven Verbandskräfte im Juni, das Bibliotheken die informationelle Grundversorgung garantieren müssten, wozu auch Werke aus rechten Verlagen gehörten. So schaffte beispielsweise die Stadt- und Landesbibliothek Potsdam einen großen Schwung an „rechten Büchern“ an, darunter Werke von Kopp und Antaios.

Das Statement bestätigt aber auch, dass die Stadtbibliothek Bremen meint, sie könnte die Mündigkeit der Bürger im Mund führen und dennoch für sich entscheiden, welche Publikationen sie gerade einmal für fragwürdig oder rechts erklären will. Oder darüber, dass dieselben Personen der Ansicht sind, individuelle Wünsche an das Sortiment stellten eine Gefährdung von Meinungsfreiheit „im Grundsatz“ dar. Wie wirr kann man eigentlich sein, zumal bei der taz, die sich für diese Agenda instrumentalisieren lässt, ohne die zur Rede stehenden, angeblich verschwörungsideologischen Bücher überhaupt gelesen zu haben?

Denn in der Annotation der Stadtbibliothek wird zu Schuberts Buch informiert: Mit Beispielen unterstreiche der Autor seine Überzeugung, dass Deutschland „islamistisch unterwandert“ wäre. „Die Ursache sieht er in der angeblichen Tatenlosigkeit der Bundesregierung, die sich amerikanischen Interessen gebeugt habe“, heißt es dann aber in der linken Zeitung. Diese Aussage ist inhaltlich jedoch vollkommen falsch, da in dem Buch keinerlei Zusammenhang zwischen Islamisierung und dem Handeln der Bundesregierung nach amerikanischen Interessen hergestellt wird. „Gesinnungskontrolle, durchgeführt von Leuten, die offenkundig nicht einmal das kleine Einmaleins der Demokratie beherrschen“, empört sich Stefan Klein auf sciencefiles.de.

„Weniger Anmaßung tut hier dringend not“

In Bremen finanzieren die Steuerzahler somit eine Bibliothek, in der sich die Angestellten, die von den Steuerzahlern gleich mit finanziert werden, dazu aufschwingen, denen, die sie finanzieren, vorzuschreiben, was sie zu lesen und was sie vor allem nicht zu lesen haben. In der Kultursitzung Ende November behauptet Barbara Lison, Direktorin der Bremer Stadtbibliothek, keck: „Eine Zensur findet nicht statt“. Warum außer den vier Kopp-Werken kein Text sonst entleihbar ist, verschwieg sie aber. Bibliotheken sind aber nicht dazu gegründet worden und werden mit Sicherheit auch nicht dazu finanziert, Zensur auszuüben und die Bevölkerung zur richtigen Lektüre zu erziehen.

Bibliothek Bremen. Quelle: https://www.weser-kurier.de/cms_media/module_img/5584/2792217_1_articledetailpremium_FTK3046.jpg

Bibliothek Bremen. Quelle: https://www.weser-kurier.de/cms_media/module_img/5584/2792217_1_articledetailpremium_FTK3046.jpg

Und in Bremen finanzieren die Steuerzahler einen grünen Kulturdeputierten, für den jedes Buch aus einem rechten Verlag „ein Buch zu viel“ ist und der sich lieber in der Bibliothek informieren will, als einen rechten Verlag durch Buchkauf finanziell zu unterstützen. Denn Hodonyi erklärt, die Stadtbibliothek gehe einen „nachvollziehbaren, sehr guten Weg“, weil keine Selbstverständlichkeit sei, dass sie „rechte Titel nicht selbstständig einkaufe“. Und überhaupt gehöre es zur Strategie der neuen Rechten, in den politischen Kanon einzusickern – also auch in Bibliotheken präsent zu sein. Seine Parteikollegin Kai Wargalla regte gar an, Titel nicht ungeprüft in den Bestand zu übernehmen.

Aber „warum sollten im Gegenzug nicht auch Publikationen irgendwie linksgerichteter Verlage auf den Prüfstand, und welche würden die Grünen als solche betrachten?“, fragt Iris Hetscher im Weserkurier und kritisiert die herablassende Haltung, die „Nutzerinnen und Nutzer offenbar für nicht besonders helle“ zu halten: „Ein merkwürdiges Menschenbild offenbart sich da, eins, das anderen abspricht, kritisch lesen und denken zu können. Weniger Anmaßung tut hier dringend not.“ Solche Abschottungsaktionen seien geradezu Dünger für Verschwörungstheorien.

Sie merkte völlig zu Recht an, dass es niemand etwas angehe, dass gerade diese vier Titel gut nachgefragt werden: „Auch die Grünen und andere Berufs-Besorgte nicht, die immer gleich den Satz ‚wehret den Anfängen‘ im Mund führen, wenn es um Publikationen geht, die ‚rechts‘ oder ‚populistisch‘ sind – und diese Vokabeln werden ja immer häufiger, immer schneller, immer lauter als Urteil gesprochen. Genau definiert sind sie schon lange nicht mehr, sie sind in einen schwammartigen Zustand übergegangen.“

Bücher in Gesinnungsketten. Quelle: https://ef-magazin.de/media/assets/article/2018/11/shutterstock_50695834.jpg.940x450_q75_box-0%2C487%2C4288%2C2542_crop_detail.jpg

Bücher in Gesinnungsketten. Quelle: https://ef-magazin.de/media/assets/article/2018/11/shutterstock_50695834.jpg.940x450_q75_box-0%2C487%2C4288%2C2542_crop_detail.jpg

Was kommt als Nächstes – eine grüne Landesschrifttumskammer, die zu jedem Buch ihr „Imprimatur” geben muss? Gar eine neue Bücherverbrennung? Denn: „Es geht weder die taz noch die Grünen etwas an, was in Bücherregalen öffentlicher Bibliotheken steht“, schimpft Klein berechtigt weiter. „So lautet die einzige Antwort, mit der man diesem prätentiösen Anspruch, den Lesestoff von Bürgern kontrollieren zu wollen, begegnen kann. Wo leben wir eigentlich, wenn Halbgebildete aus einer grünen Partei meinen, sie könnten darüber entscheiden, welche Bücher andere zu lesen bekommen? Im Faschismus.“ Das klingt beängstigend. Und ist es auch.

Beim deutschen Kunst-Guru Joseph Beuys spielte die Blutwurst eine große Rolle. Seit den mittleren 1960er Jahren hat er das Samurai-Schwert als Symbol für die Kultur des Ostens häufig in Gestalt einer Blutwurst gestaltet und so zu einem Mischobjekt mit Bezügen zur asiatischen Kampfkultur und einem europäischen Lebensmittel gemacht. In dieser Verschmelzung steckt Beuys’ Eurasia-Gedanke – seine Vorstellung einer Verbindung zwischen der europäischen und der asiatischen Gesellschaft, in der das rationalistische und materialistische Denken Europas in der intuitiven und geistig geprägten Lebensweise Asiens aufgehoben werden soll. Und zur Zeitgeist-Ausstellung 1982 hängte er an einen Mast von der Höhe eines Maibaums eine Blutwurst und schrieb einen Essay mit dem berühmten Zitat „Die Wurst ist Ausdruck für das Ganze“.  Er wurde dann von einem Journalisten gefragt, wie er das meine. Beuys antwortete lachend: „Schneiden Sie mal ein Stück ab, dann ist sie nicht mehr ganz.“

Beuys' Blutwurst. Quelle: https://www.randomhouse.de/leseprobe/Es-geht-um-die-Wurst/leseprobe_9783813507102.pdf

Beuys' Blutwurst. Quelle: https://www.randomhouse.de/leseprobe/Es-geht-um-die-Wurst/leseprobe_9783813507102.pdf

Ob das Innenministerium, ja Minister Horst Seehofer (CSU) selbst diesen artifiziellen Hintergrund parat hat, sei dahingestellt. Ob das Angebot von Blutwurst neben 12 weiteren beschilderten Speisen – sowohl halal und vegetarisch als auch mit anderem Fleisch und Fisch – der Versuch war, in Beuys‘ Sinne eine Verbindung zwischen der europäischen und der islamischen Gesellschaft zu schaffen, sei auch dahingestellt: Insgesamt waren immerhin rund 250 Personen auf der 4. Deutschen Islam-Konferenz (DIK) geladen. Entsprechend gab es bei der Abendveranstaltung verschiedenste Speisen zur Auswahl, die sich laut dem Ministerium nach der „religiös-pluralen Zusammensetzung“ der Konferenz richtete. Und erst recht sei dahingestellt, ob Seehofer damit Verachtung oder Gedankenlosigkeit bewies, wie Alan Posener in der WELT unterstellte – oder Provokation und Respektlosigkeit, wie der Redakteur der deutsch-türkischen Online-Zeitung Daily Sabah, Burak Altun, mutmaßte.

Fakt ist: Der WDR-Reporter Tuncay Özdamar hatte die Causa auf Twitter kritisiert – sonst wäre sie gar nicht bekannt geworden. „Es wurde Blutwurst serviert. İnşallah halal. Welches Zeichen will Seehofers Innenministerium damit setzen? Ein wenig Respekt vor Muslimen, die kein Schweinefleisch essen, wäre angebracht.” Einige pflichteten Özdamar bei, unter anderem Grünen-Politiker Volker Beck: „Vielfalt wahrnehmen heißt auch unterschiedliche Gewohnheiten berücksichtigen“, twitterte er.

Blutwurst-Tweet. Quelle: Twitter

Blutwurst-Tweet. Quelle: Twitter

Mehrere deutsche Medien griffen den „Fall“ prompt auf, warfen der deutschen Politik „Unsensibilität“ und mangelndes „Feingefühl“ vor: das „Blutwurst-Gate“ war geboren. Der Focus etwa schreibt unter Berufung auf den SWR: „Es ist nicht der erste Häppchen-Eklat bei der Islamkonferenz. Bereits 2006, bei der ersten Tagung seien Schinkenstücke gereicht worden“. Dabei sei an der Blutwurst nicht nur das Fleisch problematisch, bekräftigt der Tagesspiegel: Das umstrittene Schächten soll sichern, dass die Tiere möglichst komplett ausbluten, da Muslimen auch Tierblut zu essen untersagt ist.

„Jeder konnte selbst entscheiden“

Blamabel daran ist nicht nur die Tatsache, dass die meisten deutschen Dönerbuden nicht zertifiziert halal sind und nicht einmal das Restaurant im Jüdischen Museum Berlin, das Zehntausende jüdische Besucher hat, koscher kocht. Blamabel daran ist vor allem die Tatsache, dass überhaupt darüber diskutiert wird, dass es in Deutschland Schweinefleisch-Produkte auf einer offiziellen Veranstaltung gibt, an der auch Nichtmoslems teilnehmen. Für die halbgare Rechtfertigung des Bundesinnenministeriums, man bedaure, „sollten sich einzelne Personen in ihren religiösen Gefühlen gekränkt gesehen haben“, müsste man sich fast fremdschämen – zudem das Buffet deutlich ausgezeichnet und das Personal entsprechend instruiert gewesen sei.

Laut dem Ahlener Grünen-Politiker Ali Baş sei das aber gerade bei den Blutwursthäppchen nicht der Fall gewesen: „Das Fingerfood war nicht gekennzeichnet und bei den schlechten Lichtverhältnissen schwer zu erkennen“, erzählte er dem Online-Magazin Watson. Einige Teilnehmer hätten bereits zugreifen wollen, als Baş erst auf Nachfrage erfahren habe, worum es sich bei der Speise handelte. Am zweiten Tag der Konferenz sei das Buffet dann laut Baş frei von Schweinefleisch gewesen. Aber: „Niemand wurde gezwungen, etwas zu essen oder zu trinken. Jeder konnte selbst entscheiden, ob und was er zu sich nahm“, zitiert die Sächsische Zeitung die muslimische SPD-Frau Lale Akgün. „Also was soll der Quatsch mit den Gefühlen der Muslime?“

Die nordrhein-westfälische Integrations-Staatssekretärin Serap Güler (CDU) reagierte eher genervt: „Lese nur noch Blutwurst, Blutwurst“, schrieb sie auf Twitter. Aber schließlich sei niemand gezwungen worden, sie zu essen: „Wie wäre es denn mit Nachsicht statt Hetze?“ „Was wir brauchen, ist eine Debatte, wie man fundamentalistische Strukturen möglichst effizient zurückdrängt. Was wir bekommen, ist eine Debatte, ob man in Anwesenheit von Muslimen #Blutwurst essen darf“, twitterte die Berliner Frauenrechtlerin Seyran Ates verärgert.

Ein anderer Twitterer schrieb: „Große Aufregung über Speck und Blutwurst bei der #Islamkonferenz – wäre schön, wenn sich die Islam-Verbände mal ähnlich über Ehrenmorde, Unterdrückung von Frauen, Todesdrohungen gegen Apostaten, islamischen Antisemitismus etc. aufregen würden.“ Auch der Hamburger CDU-Politiker Ali Ertan Toprak kritisierte, dass die mediale Debatte über den Umstand, dass auch Blutwurst und Häppchen mit Schweinefleisch zur Speisenauswahl zählten, die Wahrnehmung der Tagung dominierte.

Blutwurst-Gate. Quelle: https://video-images.vice.com/articles/5bffdc725c8de400065b4fff/lede/1543494874256-blutwurst.jpeg?crop=1xw%3A0.9997037914691943xh%3Bcenter%2Ccenter&resize=2000%3A*

Blutwurst-Gate. Quelle: https://video-images.vice.com/articles/5bffdc725c8de400065b4fff/lede/1543494874256-blutwurst.jpeg?crop=1xw%3A0.9997037914691943xh%3Bcenter%2Ccenter&resize=2000%3A*

Mehmet Ünal (CDU), türkischstämmiger Beirat im Bremer Ausschuss für Integration, sorgte am Wochenende nach der DIK auf Twitter für einen Eklat, als er Toprak dafür als „islamophobe Ratte” bezeichnete, welche „den Ball flach” halten solle. Für zahlreiche Twitter‐User ging der Ausfall Ünals entschieden zu weit; sie forderten teilweise sogar die CDU auf, den Mann aus der Partei zu werfen. Die Bremer CDU stellte auf Facebook klar, Ünals Äußerungen „in keiner Weise” zu billigen und „scharf” zu kritisieren. Auf mehrfache Aufforderung zur Rücknahme seiner Aussagen sei Ünal der Parteiaustritt nahegelegt worden. Ünal leistete Folge.

„unterdurchschnittlich intelligente Schimpansen“

Apropos „Wahrnehmung der Tagung“: zum ersten Mal war die DIK mehr als nur eine Schauveranstaltung, bei der die Vertreter der Muslime vage Erklärungen abgaben und sich ansonsten über Islamfeindlichkeit aufregten. Zum ersten Mal wurde unter Muslimen darüber gestritten, was Integration bedeutet. Dass man sich nicht einig wurde, gehört zu den Leistungen der Konferenz, auf der Innenminister Seehofer mit seinem Bekenntnis zu einem „Islam für Deutschland“ mal wieder eine Volte hinlegte: Die zentrale Frage der Islamkonferenz in dieser Wahlperiode sei für ihn, wie ein Islam in Deutschland gefördert werden könne, „der in unserer Gesellschaft verwurzelt ist“.

Zwischen Muslimen und Nichtmuslimen gebe es viele Beispiele für harmonisches Miteinander, aber auch „Fremdheit und Konflikte“, sagte Seehofer. Muslime und Nichtmuslime stünden vor der Herausforderung, islamische Bräuche mit der deutschen Kultur „in Einklang zu bringen“. Die Bundesregierung wolle künftig gezielt Projekte fördern, die den „gelebten Alltag“ von Muslimen in der deutschen Gesellschaft und die Begegnung mit Nichtmuslimen unterstütze. Wie viel Geld für das Programm „Moscheen für Integration – Öffnen, Kooperieren, Vernetzen“ zur Verfügung stehen werden, sagte er nicht, bekräftigte aber seine Absicht, ausländische Einflüsse auf Moscheen in Deutschland zu ersetzen durch eigene Strukturen, auch bei der praktischen Imam-Ausbildung. Es sei Angelegenheit muslimischer Gemeinschaften, das zu organisieren.

Seehofer betonte, dass Muslime gleichberechtigt zu Deutschland gehörten: „Daran kann es wohl keinen vernünftigen Zweifel geben.“ Die Bundesregierung wolle Brücken bauen, damit Muslime besser in Deutschland heimisch werden können. Sollte man „Blutwurst-Gate“ nun als ersten Pflock ansehen – der prompt ins islamische Herz traf? Es geht dabei nicht um Blut und Schweinefleisch in der Wurst. Es geht um Souveränität und behauptete Identität. Hätte sich die Politik auch entschuldigt, hätte irgendeine vegetarische Interessenvertretung einen derartigen Zirkus veranstaltet? Im arabisch-orientalischen Raum gilt es übrigens als ungeheuerlicher Affront, die Speisen seines Gastgebers abzulehnen oder gar zu kritisieren. Umgekehrt nimmt man sich dieses Recht gerne heraus.

Fehlende Sensibilität wird den Veranstaltern der Islamkonferenz vorgeworfen. Das Gegenteil aber ist richtig: Wir leben in einer Kultur der Hypersensibilität, die nur Folge einer starken kollektiven Verunsicherung sein kann. Es gibt starkes Schuldbewusstsein, das die Deutschen zu einer Überservilität, einem ständig vorauseilenden Gehorsam verleitet, ja zu einer Überanpassung: es immer allen Recht zu machen – als ob man das ganze Land und alle Aspekte des Lebens zu einem „Safe-Space“ für muslimische Befindlichkeiten machen, ja an Ramadan mitfasten will.

"Akademiker"-Post. Quelle: https://scontent-ber1-1.xx.fbcdn.net/v/t1.0-9/47249485_10155905712561198_587033711950692352_n.jpg?_nc_cat=107&_nc_ht=scontent-ber1-1.xx&oh=730b6f92ce0916f7310a4c34aeeea784&oe=5CF8FAC0

"Akademiker"-Post. Quelle: https://scontent-ber1-1.xx.fbcdn.net/v/t1.0-9/47249485_10155905712561198_587033711950692352_n.jpg?_nc_cat=107&_nc_ht=scontent-ber1-1.xx&oh=730b6f92ce0916f7310a4c34aeeea784&oe=5CF8FAC0

Wer daran etwas auszusetzen hat, gilt inzwischen als islamophober Rassist. Wenn dieser angebliche Eklat etwas gezeigt hat, dann die Integrationsunwilligkeit von Islamvertretern auf der Konferenz. Die ungefilterte deutsche Realität ist für Muslime unzumutbar. Aber wer sich an einer Blutwurst abarbeitet, um die vermeintliche Wichtigkeit seiner als Staatsform verstandenen Religion zu demonstrieren, führt in Wahrheit einen Kulturkampf mit dem Ziel, die Gesellschaft, in der er lebt, radikalen religiösen Vorstellungen zu unterwerfen – die bösen Rechten sagen „Islamisierung“ dazu. Niemand wurde zwangsernährt.

Denn wer in Deutschland leben möchte, hat sich anzupassen und nicht umgekehrt.  Wie wichtig diese Forderung ist, bewies die Gruppierung „Deutsch-Türkische Akademiker“ e.V. (DTA), die auf Facebook ein gepfeffertes Statement zur Islamkonferenz veröffentlichte. In diesem Posting und den Kommentaren sprengen die „Akademiker“ sämtliche Tabus der feinen Integrationsdebatte und hetzen unter anderem gegen Frauen, Schwule, liberale Muslime, Polizeibeamte und die Institutionen der Bundesrepublik Deutschland. Roger Letsch schreibt auf seinem Blog Unbesorgt von einem „Konvolut aus Beleidigungen, schlechtem Deutsch und pubertären Unverschämtheiten“.

So wurde gemutmaßt, dass Seehofer „die Organisation des Caterings einem unterdurchschnittlich intelligenten Schimpansen überlassen“ habe, und Islamkritiker wie Hamed Abdel Samet als „obskure Gestalten“, „rassistisch und islamophob“ bezeichnet. Nimmt man an, dass die Autoren einigermaßen diplomatisch formuliert haben dürften, zeichnet dieser Brief ein geradezu vernichtendes Bild von seinen Autoren und der Organisation, die sie repräsentieren. Hätten sich „Akademiker mit Migrationshintergrund“ aus einem nicht-muslimischen Kulturraum zu ähnlich primitiven Respektlosigkeiten gegen alles und jeden hinreißen lassen? Das Posting war Stunden später wieder verschwunden – im Gegensatz zu dessen Urhebern: Die bleiben. Die Blutwurst hoffentlich auch.

337 Mal flimmert das Quiz von 1955 bis 1989 über die Bildschirme. Mit Millionen Zuschauern: vor genau fünf Jahrzehnten war die Sendung mit 75 % eingeschalteter Geräte die beliebteste im deutschen Fernsehen. „Was bin ich“, das „heitere Beruferaten“ mit Robert Lembke, ist ein Stück Fernsehgeschichte, ein immer wiederkehrendes Ritual, „gegen das ein katholischer Gottesdienst spontan erscheint: Jeder Zuschauer kennt die Tafel, an die der Gast seinen Namen schreibt und angibt, ob er selbständig ist oder angestellt“, bilanziert Sven Stillich im SPIEGEL.

Dabei war Lembke, der die Lizenzrechte am US-amerikanischen Ursprungsformat „What‘s my line“ 1954 erworben hatte, gar nicht als Moderator geplant. „Niemand wollte das damals machen“, erinnert er sich, „die Leute vom Radio wollten ihr Millionenpublikum nicht aufgeben für die Spinner vom Fernsehen. Ich war eigentlich nur eine Übergangslösung.“ Aus dieser Übergangslösung wurde der gute „Rateonkel dreier Nationen“ (Deutschlands, Österreichs und der Schweiz), der keine Skandale brauchte, um im Gespräch zu sein. „Wenn ich König von Deutschland wär“, singt Rio Reiser damals: „im Fernsehen gäb‘ es nur noch ein Programm: Robert Lembke, 24 Stunden lang“.

„eine Kirchensendung Samstagnachmittag aus dem Programm zu heben“

Lembke wurde als Robert Emil Weichselbaum 1913 in München als Sohn eines Herrenmode-Händlers geboren. Die Ehe hält nicht lange. Seine Mutter, deren Geburtsnamen „Lembke“ der Sohn annahm, betreibt ein Wäschereigeschäft. Der Vater, der ein Jurastudium für Robert vorsah, emigrierte aufgrund seiner jüdischen Herkunft 1936 nach Großbritannien. Der Sohn brach das Studium ab, heiratete und sammelte erste journalistische Erfahrungen als freier Mitarbeiter bei der satirischen Zeitschrift Simplicissimus und dem Berliner Tageblatt. Er will Journalist werden und über seine Leidenschaft Fußball schreiben. Von seinem ersten Honorar schenkt er seiner Mutter Blumen. 1938 wird er Vater eines Jungen. Weil er sich weigerte, während der Naziherrschaft eine „Loyalitätserklärung“ abzugeben, wurde er mit einem Berufsverbot belegt und arbeitete bis 1945 bei der I.G. Farben.

Lembke 1971. Quelle: https://www.t-online.de/unterhaltung/tv/id_65476766/si_1/robert-lembke-seine-schweinderl-machten-ihn-beruehmt-.html

Lembke 1971. Quelle: https://www.t-online.de/unterhaltung/tv/id_65476766/si_1/robert-lembke-seine-schweinderl-machten-ihn-beruehmt-.html

Nach dem Krieg beginnt seine „schönste Zeit“. Er baut mit Erich Kästner und Stefan Heym die Neue Zeitung in München auf, geht 1949 zum Bayerischen Rundfunk und macht dort schnell Karriere als Hörfunk-Chef, als Fernsehdirektor und schließlich als Chefredakteur. Und jetzt darf er ganz nah am Fußball sein: Bei der Weltmeisterschaft 1954 ist er beim „Wunder von Bern“ Assistent von Herbert Zimmermann. 1961 initiierte Lembke die „Sportschau“, die allerdings erst vier Jahre später auf den Samstag rücken konnte:

„Das war sehr schwierig, denn um diese Zeit lag eine Kirchensendung. Und jeder, der das Geschäft einigermaßen kennt, weiß, was das bedeutet, eine Kirchensendung Samstagnachmittag aus dem Programm zu heben.“

Er ließ es sich nicht nehmen, ab und zu aus dem Nähkästchen zu plaudern: „Bei den regelmäßigen Sitzungen der Hörfunkdirektoren, der Programmdirektoren hat sich halt dann herausgestellt, dass von den höheren Hierarchien der Rundfunkanstalten die meisten einen Tischtennisball nicht von einem Medizinball unterscheiden konnten.“ In den kommenden Jahren koordiniert er die Fernsehberichterstattung von den Olympischen Spielen, wird stellvertretender Programmdirektor der ARD und organisiert die Übertragungen von der Fußballweltmeisterschaft 1974 in Deutschland. Nebenher schreibt er Bücher mit Aphorismen, Gedichten und Erzählungen, macht teure Werbung, raucht wie ein Schlot und erleidet wie im Vorbeigehen einen Kreislaufkollaps wegen Überarbeitung.

Lembke mit Gong und Schweinderln- Quelle: https://img.nwzonline.de/rf/image_online/NWZ_CMS/Altdaten/2009/01/13/KULTUR/FERNSEHEN/Bilder/_heprod_images_fotos_1_5_22_20090113_0lnera00_c8_1896405.jpg

Lembke mit Gong und Schweinderln- Quelle: https://img.nwzonline.de/rf/image_online/NWZ_CMS/Altdaten/2009/01/13/KULTUR/FERNSEHEN/Bilder/_heprod_images_fotos_1_5_22_20090113_0lnera00_c8_1896405.jpg

Er erhält das Bundesverdienstkreuz erster Klasse, den Bambi und zweimal die Goldene Kamera. Vor allem aber führt er ebenso humorvoll wie souverän durch „seine“ Sendung, in der nach der einleitenden Xylophon-Erkennungsmelodie die staunenden Zuschauer von Berufen wie Fliegenbinder, Gasballonbauerin oder Schmetterlingsbetreuer erfuhren. Das Prinzip war simpel: ein semiprominentes, fast jahrzehntelang unverändertes Team aus je zwei männlichen und weiblichen „Ratefüchsen“ musste mit maximal 10 Entscheidungsfragen, auf die nur die Antworten „ja“ oder „nein“ zulässig waren, den Beruf von drei „Menschen wie du und ich“ sowie, mit verbundenen Augen, einen Promi erraten.

Die Gäste betreten jeweils nacheinander das Studio, stellen sich vor oder im Falle des Promis auch nicht, machen eine berufstypische Handbewegung und nehmen neben Lembke Platz, der seine in den Alltagsgebrauch übernommene Frage stellt: „Welches Schweinder’l hätten’S denn gern?“ Gemeint waren verschiedenfarbige Sparschweine, die Lembke für jedes „Nein“ bei der Raterunde mit einem Fünfmarkstück fütterte. Nach jedem „Nein“ wechselte der Ratefuchs, bei einem „Ja“ durfte er weiter fragen. Alle Versuche, etwas an der Sendung zu ändern, scheitern am Widerstand der Zuschauer. Selbst der Hauptgewinn wird in 34 Jahren nicht erhöht.

Rateteam. Quelle: https://www.br.de/service/programm/br-magazin/50-bfs-marianne-koch-102~_v-img__16__9__xl_-d31c35f8186ebeb80b0cd843a7c267a0e0c81647.jpg?version=1ff0d

Rateteam. Quelle: https://www.br.de/service/programm/br-magazin/50-bfs-marianne-koch-102~_v-img__16__9__xl_-d31c35f8186ebeb80b0cd843a7c267a0e0c81647.jpg?version=1ff0d

Die Sendung funktionierte, weil die Zuschauer zuvor, mit einem akustischen Signal für Mitrater gewarnt, den Beruf erfuhren und die Versuche des Rateteams belustigt verfolgen konnten: das Prinzip Schadenfreude aufgrund überlegenen Wissens. Als es einmal galt, auf den Beruf der Hausfrau zu kommen, und eine Frage lautete: „Könnte Ihr Beruf von einem Mann ausgeführt werden?“, blickt Lembke kurz zögernd zu der Dame neben sich und entscheidet dann grinsend: „Sagen wir nein.“ Die Hausfrau geht mit einem vollen Schwein nach Hause.

Bei einer Umfrage des Stern sieben Jahre vor seinem Tod gaben 96,5 Prozent der Deutschen an, ihn zu kennen – von solchen Werten trauen sich manche Politiker nochmal nicht zu träumen. Einmal nur lief er Gefahr, übertrumpft zu werden – von seinem Drahthaar-Foxterrier-Weibchen „Struppi“, die von Anbeginn mit dabei war und für die Gage von einer Wurst pro Sendung die 5-Mark-Stücke und die „Schweinderl“ bewachte. Struppi hatte nämlich einen Promi-Rategast in die Hand gebissen: den damaligen Bundesfinanzminister Fritz Schäffer. Mehr Fanpost bekam selbst Lembke nie, der das hinterher so kommentierte:

„Alle Steuerzahler empfanden, dass hier jemand etwas für sie getan hatte – und sie überhäuften Struppi mit Anerkennungsschreiben und Geschenken.“

„…ein bisschen Spaß gemacht“

Mit durchschnittlich 8,496 „Nein“ kam das Rateteam den Berufen auf die Spur, die Trefferquote lag bei 60 Prozent. Monatlich erreichen die Redaktion bis zu 6000 Briefe mit Vorschlägen origineller Berufe; bis zu 30 kommen für eine Sendung in die engere Wahl. „Wir könnten 4000 Jahre weitermachen“, sagt Lembke, und wenn „biologisch nichts dazwischenkommt, mache ich weiter.“ Dazwischen kommt am 14. Januar 1989 eine schwere Bypassoperation am offenen Herzen, die er nicht überlebt. Drei Tage vorher hatte er mit dem Rauchen aufgehört.

Lembke mit Struppi. Quelle: https://www.flickr.com/photos/mechtholdjin/5959070433

Lembke mit Struppi. Quelle: https://www.flickr.com/photos/mechtholdjin/5959070433

„Die Wahrheit über einen Menschen liegt auf halbem Wege zwischen seinem Ruf und seinem Nachruf“, hat Robert Lembke einmal gesagt. Seinem Ruf als Kopf der langlebigsten Quizsendung des deutschen Fernsehens wurde er bis heute gerecht: kein öffentlich-rechtliches oder privates Nachfolgeformat erreichte auch nur annähernd seinen Sende- und erst recht seinen Unterhaltungswert geschweige seine Quoten – trotz teilweise sehr prominenter Ratefüchse wie Feministin Alice Schwarzer, Torwartlegende Sepp Maier oder Ex-Arbeitsminister Norbert Blüm.

Lembke sagte aber auch „Mit der Fernsehgebühr erwirbt der Zuschauer ein Recht auf meine Arbeit, nicht auf mein Privatleben“. Wie schmerzhaft diese Wahrheit sein sollte, erwies sich am Tag der Beerdigung: BILD trat los, was man heute als „Schmutzkampagne“ verurteilen sollte. Das Blatt enthüllt nicht nur anklagend die jüdischen Wurzeln Lembkes, als hätte er das doch wohl sagen müssen. Noch schlimmer: der „Tele-Gott“ soll seit 20 Jahren nicht mehr mit seiner Frau zusammengelebt haben, sondern einer Sekretärin. Er habe ihr nur die Treue gehalten, weil sie ihn durch die Nazi-Zeit gebracht habe. Auch Monate später stürzt sich der Boulevard immer wieder auf die Geschichte. Die Familie leidet.

Während Lembke von vielen Menschen die Frage „Was bin ich“ zu beantworten half, nahm er für sich selbst das Recht heraus, die Frage nach „Wer bin ich?“ nicht zu beantworten. Worum es ihm gegangen ist, hat er am Ende jeder Folge seiner Sendung selbst formuliert: „Ich hoffe, es hat ihnen ein bisschen Spaß gemacht.“

Familiengrab in München. Quelle: http://www.oliverbarchewitz.de/ALLE%20BILDER/Westfriedhof%204.jpg

height=”800″ />

Familiengrab in München. Quelle: http://www.oliverbarchewitz.de/ALLE%20BILDER/Westfriedhof%204.jpg

Ältere Artikel »