Feeds
Artikel
Kommentare

Herzlich willkommen!

Als Dozent informiere ich Sie auf meiner Webpräsenz über meine Aktivitäten rings um die hochschulische Ausbildung angehender Medienmacher.

Als Mensch lasse ich Sie gern an meinen freizeitlichen Aktivitäten teilhaben, zu denen nicht zuletzt Kochen gehört ;-)

Als Bildungsbürger kommentiere/rezensiere ich außerdem vielerlei kulturelle Phänomene – vom Roman über den Musikergeburtstag bis zum Regisseurstod.

Und als (Ex-)Journalist blogge ich daneben unregelmäßig Betrachtungen zu Interessantem und Wissenswertem nicht nur aus der Welt der Medien.

Warum gerade Betrachtungen?

Ich empfinde dieses Genre – eine Meinungsdarstellungsform übrigens – als eins der zeitgemäßen schlechthin.

Eine Betrachtung soll durch Beschreibungen und Schilderungen, Vergleiche und Annäherungen bis hin zur Analyse einem Ereignis, einer Situation, einem Gegenstand oder auch einem (gesellschafts-) politischen Problem Individualität verleihen: Recherche darf in gewissem Maße substitutiert werden durch Subjektivität.

Die Betrachtung ist durchaus mit derselben eines Kunstwerks in einer Ausstellung vergleichbar: man wählt zunächst die Gesamtschau und wechselt dann zu einzelnen Aspekten.

Dabei ist dem Genre eigen, dass die Prioritäten dieser Aspekte oft im Vagen bleiben: aus der Betrachtung erwächst ein Gedanke, der das formale Ziel darstellt.

Der Gegenstand darf dabei Randerscheinung eines größeren Zusammenhangs bleiben: “die Bedeutung des Unbeachteten birgt den Kern ihrer Aussage” (Degen 2004).

Viel Spass beim Lesen – und natürlich beim Kommentieren!

Ausschnitt aus meinem Vortrag zur AfD-Bildungsprogrammatik nach dem Stuttgarter Parteitag am 18. August in Zwickau. Auch wenn über manche Beispiele gelacht werden konnte – eigentlich ist es nur noch zum Davonlaufen…

Da gerade etwas beim Server nicht funktioniert, hier nur als Link; die Einbettung folgt später!

Mein Resümee zu meinem Kurztrip nach Breslau, das ich seit 12 Jahren mal wieder besuchte und wo ich das Angenehme sowohl mit dem Nützlichen als auch dem Politischen verband:

- es wird gefühlt doppelt so viel gebaut wie in Dresden. Dabei setzt die Stadt konsequent auf Tunnellösungen für Fußgänger/Radfahrer an großen Kreuzungen (was Dresden vor Jahrzehnten auch mal machte). Verkehrssicherheit und Verkehrsentlastung sind spürbar.

- die Anzugsordnung für Frauen bis 30 lautet: schwarze Strumpfhosen/Leggings, darüber einen schwarzen/pinken/roten/violetten Minirock. Diese Anzugsordnung gilt im öffentlichen Verkehr unabhängig von Alter und Beruf der Trägerin (als Staatsbahn-Angestellte ebenso wie als Studentin) und erst recht unabhängig vom Aussehen der Frau und/oder ihrer Beine, was ebenso ergötzliche wie schockierende Anblicke nach sich zieht.

- Polizei und Sicherheitskräfte sind präsent; in jeder Etage eines Einkaufszentrums („Galeria“) streift mindestens ein Wachmann. Andersfarbige Ausländer sind außer an den Hochschulen nicht wahrnehmbar. Es ist schizophren, dass ich mich in einem fremden Land sicherer fühle als im eignen.

- der gegrillte Karpaten-Quietschkäse schmeckt immer noch genial, ebenso wie Pirogen, Rote-Beete-Suppe und Krautwickel.

- An der Uni gibt es in jedem (!) Gebäude neben dem obligaten Pförtner eine kostenlose Garderobe mit Garderobenfrau! Die barocke Aula Leopoldina, erst recht die altehrwürdigen Seminarräume (teilw. 1638) lassen genau jenen Geist der „Sieben Freien Künste“ atmen, die viele heutige „Professoren“ gar nicht mehr kennen. Und die Germanistik hat dort mehr mit Linguistik zu tun als viele pseudolinguistischen Subjektivisten, die von ihrer Forschungsfacette zu keiner Gesamtschau mehr gelangen.

Aula Leopoldina

- Die „Galerianki“, die ich zu den Cottbusser „Tagen des Osteuropäischen Films“ in einem traurig-schockierenden Streifen vor Jahren kennen lernte, gibts es noch immer. Das sind teilweise minderjährige Mädchen, die sich von (älteren) Männern zum Shopping einladen lassen und dafür dann mit Sex bezahlen. Liebe als Ware, während die wahre Liebe verliert und selbstverschuldet stirbt – das Szenario ist nachvollziehbar. Dabei erscheinen sächsische Galerien wie der „Elbepark“ als Baby, die Breslauer „Galerie Dominikańska“ als KiTa-Kind und die Berliner „Alexa“ als Teenager gegenüber den Galerien bspw. in Dubai. Dabei schockierte mich anfangs und ärgerte mich später, dass diese Einkaufszentren bis auf den Namen der Supermärkte sich kaum bis gar nicht von deutschen unterscheiden: von Mister Minute über C&A bis Saturn  ist alles zu finden, was ich sowieso schon kenne. Das empfinde ich als beleidigend, gleichmacherisch, seelenlos. Welch ein Glück, daneben noch kleine Piekarnias oder Kioske zu finden, in denen man ohne Ärger sich individuell bedient und als Person und nicht als Kunde ernstgenommen fühlen kann.

- die Stadt ist nicht nur sehr sauber, sie ist auch jung, und die Menschen sind dabei werthaltiger.
+ Studenten kommen in den Zug, grüßen und fragen, ob sie sich setzen dürfen. Und dann holen sie tatsächlich Schnellhefter mit handschriftlichen Aufzeichnungen heraus und fragen sich ab.
+ Es gibt viel Grün und viele Spiel/Sportplätze. Viele Kinder darauf, die bolzen, sich balgen, Roller fahren, schaukeln, Basketball probieren… und nicht eins hat ein Handy in der Hand (es scheint mir eine internationale Regel zu sein, dass einsetzende Pubertät und Handynutzung hoch korrelieren, zumal bei Mädchen).

- der Bürokratieauswuchs ist in Polen immer noch spürbar: für die „grenzüberschreitende“ Fahrt zwischen Görlitz und Zgorzelec wird eine Null-Cent-Fahrkarte mit Kontrollabschnitt verteilt – als „Spezialangebot“.

Spezialangebot

- Das heutige Niederschlesische Woiwodschaftsamt befindet sich im von Feliks Bräuler entworfenen, 1945 provisorisch eingeweihten Gebäude von Gauleiter Karl Hanke – man stelle sich diese „Geschichtsvergessenheit“ sächsisch vor… Überhaupt: Geschichte – die ist sehr präsent, nicht nur die deutsche, auch die von Solidarnosc und dem bürgerlichen Widerstand. Der Gründer der Kukis-Partei (der sogar eine eigene Zeitung herausgibt) hält in seiner Kneipe (www.konspira.org/) dieses Andenken hoch.

- Neben Apotheken finden sich auffallend häufig Bestattungsinsitute… (überdies mit so klangvollen Namen wie „Gloria“).

- Sowohl das sächsich-schlesische Verbindungsbüro als auch die deutsche evangelische Gemeinde mit einem sehr royalistischen Pastor ;-) berichten von Wanderungsbewegungen privater UND unternehmerischer Art aus Sachsen hin nach Schlesien. Eine der Begründungen ist die Sicherheitslage.

- Der Bahnhofsgong vor den Ansagen bescherte mir ein Dejavu: es war der „Sanostol“-Dreiklang.

- die Polinnen sind wunderschöne Frauen, die ihre Augen oft und wetterunabhängig hinter pseudostylischen Sonnenbrillen verbergen.

- Polen lebt in wesentlichen Teilen analog. Zwar sieht es auf den Dörfern entlang der Bahnstrecke teilweise so aus wie in der DDR 1988. Aber man hat das Gefühl, wieder im ständigen Improvisationsmodus zu sein, der ebenso herausfordert wie Lust auf ein Ankommen in einer besseren Zukunft weckt. In Deutschland empfinde ich das Gegenteil: ein unperfektes Angekommensein, von dem aus es nur noch abwärts geht.

„Nun, Fräulein Rösler, das ist alles lange her. Und es interessiert keinen mehr. Ich bin ein alter Mann, und meine Welt ist längst versunken. Das ist vorbei, mein Fräulein. Vergangenheit. Abgeschlossenes Präteritum. Das war in der anderen Zeit. Verlassen Sie sich nicht auf die Erinnerungen alter Männer. Mit unseren Erinnerungen versuchen wir ein missglücktes Leben zu korrigieren, nur darum erinnern wir uns. Es sind die Erinnerungen, mit denen wir uns gegen Ende des Lebens beruhigen. Es sind diese fatalen Erinnerungen, die es uns schließlich erlauben, Frieden mit uns selbst zu schließen.“

Wie kann man leben, wenn einen mehrfach der Tod verfolgt? Der Tod nicht nur der Frau, des Kindes, die ja als Fremde ins eigene Leben traten; der Tod fremder Arbeiter, fremder Soldaten…; sondern vor allem der Tod des Vaters – der ja das eigene Leben verschuldete? Verschuldete? Schuld – ein Wort, dessen familiale Semantik gerade in politisch-ideologischen Zusammenhängen eine völlig neue Bedeutung erhält. Eine Bedeutung, die weit über das hinausweist, was als „Last vergangener Generationen“ schon in vielen Väterromanen bewältigt wurde.

Christoph Hein hat keinen Väterroman wie Härtling oder Meckel geschrieben – glücklicherweise. Er schrieb stattdessen den Roman des Sohnes: dass „authentische Vorkommnisse“ zugrunde liegen, die Figuren „nicht frei erfunden“ sind, teilt er vorab mit. Er schrieb einen Zwitter aus Autobiographie und Chronik, in dem es nach DDR riecht und nach BRD mieft; ein nicht nur kalkuliert-konstruiertes, sondern teilerlebtes Jahrhundertpanorama vom Weltkriegsende bis zum Nachwendeherbst, das mit jedwedem Schuldkult gnadenlos abrechnet; ein janusköpfiges Epos, in dem ständig Hoffnung und Lethargie konkurrieren; einen unbeirrbaren 500-Seiten-Text aus subjektivistischer Perspektive, ebenso grandios wie gnadenlos, dessen positivste Wirkung traurige Melancholie ist.

Uff. Ich bin seit 30 Jahren bekennender Heinist, seit “Weiskern” erst recht, aber das musste jetzt raus. Denn nie zuvor las ich so dezidiert, wie der Wunsch auf ein selbstbestimmtes Leben unerfüllt bleibt, sich als Trugschluss, als Fantasie erweist – bei aller Tapferkeit, bei allem Ehrgeiz werden Lebenswege oft in ungewollte Richtungen gelenkt, die zu beeinflussen man ohnmächtig ist. Die Bilanz des Protagonisten als Rentner lautet: eine Emanzipation von der allgemeinen und der persönlichen Geschichte ist zum Scheitern verurteilt, die Verkettung von Vergangenheit und Gegenwart lässt aus dem „Glückskind“ der Mutter („Du warst mein Glückskind, Junge, denn da ich mit dir hochschwanger war, wagte der russische Offizier nicht, mich abführen zu lassen”) ein “Unglückskind” werden. Gerade dadurch vereint Heins Held die unterschiedlichen historischen Gegebenheiten Deutschlands politisch, sozial und privatim. Vielleicht erschrak Hein vor diesem Unheil so, dass er drei Anfänge brauchte, um in den Stoff und seinen Helden einzusteigen, und damit das Risiko in Kauf nahm, potentielle Leser zu verschrecken – einer der wenigen Minuspunkte, die ich verteile.

Christoph Hein 2012 in Chemnitz. Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:ChristophHein_2012.jpg

Konstantin Boggosch, pensionierter Lehrer in einer anhaltinischen Kleinstadt, scheint mit seiner Frau ein ruhiges, zurückgezogenes Leben zu führen, bis er eines Tages vom Kirchensteueramt als Konstantin Müller angeschrieben wird – und seine sorgsam gehütete Familiengeschichte vor seiner zweiten Frau auffliegt: er ist der Sohn eines Industriellen und SS-Führers, der in den letzten Kriegstagen von einem polnischen Standgericht hingerichtet wurde. Diese Vergangenheit lebt in Gegenwart und Zukunft fort: Konstantin wird zeitlebens in Sippenhaft genommen für seinen Vater, den er nie kennengelernt hat.

Jahrzehntelang versucht er, aus dessen Schatten zu treten: er verlässt die Mutter und entzweit sich mit dem Bruder, er flüchtet nach der Schule aus der DDR in den Westen, er arbeitet in Marseille, wo er ursprünglich Fremdenlegionär werden wollte, und kehrt pünktlich zur Sperrstunde deutscher Geschichte zurück, am Tag des Mauerbaus… Nichts davon bringt die erhoffte Befreiung: die Herkunft lässt sich nicht ablegen wie der Name. Es ist der Geburtsname der Mutter, den sie annahm im Glauben, damit die Vergangenheit verschwinden zu lassen. Aber aus dem „Glückskind ohne Vater“ wird prompt ein „Unglückskind mit Vater“: die Sportler-Karriere, das Abitur, das Studium an der Filmhochschule, ja die berufliche Beförderung werden dem Sohn immer verweigert, denn der Schatten des Vaters, eingebrannt in seiner Kaderakte, ist immer schneller. Ein Sohnesleben im steten Emanzipations-, ja Fluchtmodus: psychisch, physisch, beruflich, geographisch, selbst sexuell in seiner zweiten Ehe:

„Ich weiß, ich bekomme diesen Vater, dieses Erbe nicht los. Ich kann mich nicht frei machen, ich bin nicht frei. Seinetwegen. Seinetwegen habe ich keine Kinder, ich will es nicht. Ich hatte Angst, dass sich etwas fortsetzt. Ich wollte keine Kinder, weil ich Angst vor dem Bösen habe, vor den Geistern meines Vaters.“

Ein Sohnesleben, das einen Vatermord bräuchte, um sich zu befreien. Christoph Hein erzählt ein Leben in der DDR, in dem das Private nie privat bleiben durfte, sondern der Staat und dessen einzig richtige Ideologie ins Private eindringt, ja zum eigentlichen Gestalter des Lebens wird, indem er den Spielraum des einzelnen mehr und mehr verengt. In einer politischen Binnenwelt aus Bürokratie, Opportunismus und Rachsucht muss sich einer behaupten, der eigentlich nur sein Leben in Ruhe leben will und immer wieder die Rote Karte gezeigt bekommt. Die „WELT“ las einen „Roman in Sepia, eine Dystopie des Politischen und des Privaten“. Kann man, trotz widrigster Voraussetzungen, die Hoheit über das eigene Leben erlangen? Die „BZ“ erkennt richtig: „Der Weg aus dem Unheil  führt durch es hindurch. Es ist diese Erkenntnis, die Konstantin annehmen muss. Die Hoheit über die persönliche geht nicht mit der Hoheit über die gesellschaftliche Gegenwart einher. Die haben andere, weniger bedenkenvolle Gestalten.“

Dann: die Wende, und Boggosch wird – jetzt demokratisch von der Lehrerschaft gewählt – Schuldirektor. Zeitweise, denn hier geht’s ans Eingemachte. Ebenso wie Hein zeigt, dass eine mehr als oberflächliche NS-Aufarbeitung  in beiden deutschen Staaten nie stattfand, zeigt er nun die nochmal nicht oberflächliche Aufarbeitung der DDR im wieder vereinigten Deutschland: der Rektor wird zugunsten eines Westimports wieder „entfernt“, und der DDR-angepasste Bruder erhält das millionenschwere Erbe des SS-Vaters zurück, das Konstantin ausschlug. Vielleicht hat Suhrkamp mit dem Lob der „geschichtsdiagnostischen Kompetenz“ seines Autors diesen Modus gemeint. Ein Modus, den Sigrid Löffler mit den Worten beschrieb, dass sich Hein schon in der DDR nicht wohlfühlte, es ihm hier aber auch nicht besser ginge.

Cover. Quelle: http://www.suhrkamp.de/buecher/glueckskind_mit_vater-christoph_hein_42517.html

Ein Modus, der neben dem lakonischen, anrührenden, unsentimentalen Ton vor allem die beispiellos-beispielhaften Figuren und Wendungen, ja Brüche meint, die der dramatisch geübte Hein einbaut. Bei ersteren verteile ich weitere Minuspunkte: neben durchaus gelungenen Chargen wie Reichsbahnhucker Bruno oder dem moralisch verkommenen Münchner Westonkel, den zu entblößen die Beschreibung seiner Frühstückssitten reicht, gestaltet Hein gleich zweimal Antiquare als handlungswichtige Personen, was für mich etwas einfallslos wirkt (Gebildetheit und intellektuelles Milieu kann man auch anders zeichnen) – und ein Pauker als Held ist auch nicht unbedingt das literarische Nonplusultra, denn manches bleibt an ihm, wie auch an anderen Figuren, schablonenhaft, typisiert. Tragisch ist die Figur der Mutter, die im „Souterrain“ einer Villa wohnt, „so schön wie noch nie“, wie sie am Ende aus reinem Selbstschutz behauptet: es ist ein Keller im prächtigen, wiedererlangten Haus des nach dem Vater geratenen Sohnes Gunthardt, in dem die alte Frau verschrumpelt wie die Kartoffeln; die sich kleinmacht, bis sie stirbt „am Herzversagen der anderen“. Aus bildungsbürgerlichem  Haushalt stammend, studierte sie Sprachen, um schließlich vom schneidigen Unternehmertum ihres Mannes auf Lebenszeit als Putzfrau herabgewürdigt zu sein: lehren durfte sie in der DDR nie.

Bei den Wendungen bleibt vor allem der Tod von Boggoschs erster Frau und seiner neugeborenen Tochter haften: weiß die Laken über den zarten Körpern, das kleine Köpfchen über dem Saum: „Die beiden Engel meines Lebens waren bereits kalt.“ Am Ende erkennt er: „Man zerstört Träume, wenn man sie verwirklicht“. Trotz dieser dramatischen Ereignisse bleibt der Roman immer leise, behutsam, atmosphärisch dicht und lebt fast nur von der lakonischen Innenschau des Ich-Erzählers. Dass der immer wieder aufsteht und von vorn beginnt, mit immer weniger Träumen, ist mehr als anrührend.

„Die Welt ist groß genug, dass wir uns alle in ihr irren können, aber unser Leben ist nicht so lang, dass wir alles vergessen könnten.“

Was mich an dem Buch daneben frappierte, beschrieb die „BZ“ so: „Jeder Leser hat die Orte, die er nicht erreichte, und die er nicht erreichen wollte – jeder hat sein Magdeburg.“ In dieser Stadt, in der auch ich fast 11 Jahre meines Lebens verbrachte und an die ich sehr ambivalente Erinnerungen habe, spielt ca. ein Drittel der Handlung, inklusive dem Tod von Konstantins Familie. Insofern ist Hein mit diesem Buch ein Deutschlandroman gelungen, der sich über Partien als jeweils eigenes Lebensbuch lesen lässt: jeder Ostdeutsche, der 1989 älter als 20 Jahre war, wird in diesem Buch Konstellationen seiner eigenen Biografie finden; aber jeder Westdeutsche auch, denn die Muster des Mitmachens sind identisch.

Aus Anlass seines 70. Geburtstags schrieb unter der dussligen Überschrift „Epik für prekäre Leser“ vor einem Jahr die FAZ: „Was bleibt von der Lakonie eines Albert Camus, wenn man die algerische Sonne weglässt? Der vom pathetischen Schwarz in eine Palette von Grautönen überführte Existentialismus Christoph Heins. „Ich habe keine Botschaft, keine Zukunftsvisionen. Alles was ich mache, ist mitleidslos genau aufzuschreiben, was ich gesehen, erlebt, erfahren habe.“ Da ist viel Wahres dran. Dieser jüngste Roman, dem ich dringend die Aufnahme in den Oberstufenlehrplan sowohl in Literatur als auch Geschichte empfehle, ist lebensklug und zurückhaltend, deutlich und still, traurig und aufwühlend. Hein ist und bleibt der Meister der unaufgeregten Aufklärung, und wie ein guter Wein wird er umso besser, je älter er wird. Man kann sich an ihm berauschen, manchmal auch in ihm ertrinken. Ich habe die Geschichte an einem Tag verschlungen.

Christoph Hein: „Glückskind mit Vater”. Frankfurt (Suhrkamp) 2016. 527 Seiten, 22,95 €.

Langsam schälen sich nicht nur die Argumentationsmuster deutlich heraus, mit denen uns der ebenso undifferenzierte wie grundgesetzwidrige Flüchtlingszustrom verdaulich gemacht werden soll, sondern auch die Vorwürfe, die an die Kritiker desselben gerichtet werden. Und hier zeigt sich spätestens seit Köln: die beiden unterschiedlichen Wahrnehmungs- und Verarbeitungsmuster des Menschen für Informationen dürfen nicht mehr koexistieren.

Nein, das eine Muster wird gar als falsch verdammt und das andere als einzig richtiges verabsolutiert. Dumm nur, dass gerade die Staaten, die das „falsche“ als handlungsleitend favorisieren, gegenwärtig das Asylchaos am erfolgreichsten bewältigen – die Ostdeutschen gehörten dazu, hätten sie in der Krise etwas zu bestellen. Und dumm erst recht, dass eben jetzt auch Westdeutsche und darunter vor allem Frauen zu ahnen beginnen, was für Psychoexperimente da jahrzehntlang mit ihnen veranstaltet wurden, um ihnen den gesunden Menschenverstand auszutreiben.

Worum geht es? Die Psychologie kennt zwei Muster der Informationsverarbeitung: Bottom-Up und Top-Down. Beim ersten, eher wahrnehmungspsychologischen Ansatz wird die Informationsaufnahme und –verarbeitung als „reizgesteuert“ bezeichnet: als von außen (exogen) initiiert und determiniert; d.h. es sind rein stimulusgetriebene Prozesse. Ich sehe ein gelb-schwarz gestreiftes, fliegendes summendes Insekt, das mir gefällt und nach dem ich – weil ich noch kein anderes Insekt dieser Art kenne – greife. Resultat: ich lerne – natürlich in Verbindung mit anderen kognitiven Prozessen – dass es sich um eine Biene (oder Wespe oder Hummel oder Hornisse…) handelt, die mir die schmerzhafte Lektion erteilt, sie in Ruhe fliegen zu lassen.

Beim zweiten, eher kognitionspsychologischen Ansatz wird die Informationsaufnahme und –verarbeitung als „wissensgesteuert“ bezeichnet: als von innen (endogen) initiiert und willensdeterminiert. Ich sehe ein Rudel schwarzgelber Insekten, etwa einen Wespenschwarm, und suche eingedenk meiner schmerzhaft erlernten Erfahrung das Weite. Die kommunikations- und auch werbepsychologische Entsprechung ist der Primacy-Recency-Effekt als psychologisches Gedächtnisphänomen, das dazu führt, dass entweder die früher erfasste Information gegenüber der späteren (Primäreffekt) oder umgekehrt die später erfasste Information gegenüber der früher eingegangenen (Rezenzeffekt) bevorteilt wird. Die Effekte sind für unterschiedliche Beurteilungsobjekte in unterschiedlicher Intensität nachgewiesen.

Den erstgenannten Ansatz nenne ich subjektivistisch: jeder Mensch macht seine spezifischen Erfahrungen und sieht Phänomene der Realität anders: als Einzelfälle. Im Normalfall schält sich mit dem Lebensalter und den erworbenen (angelesenen, anerlebten, eben gemachten) Erfahrungen ein Weltbild heraus, ein System, in das man die Phänomene der Realität, diese „Einzelfälle“ einordnet. Dabei kommt es zu Adaptionen und Modifikationen, aber nicht zu einer grundlegenden Systemänderung – denn andere Menschen scheinen ja auch diesem System zu folgen und darin problemlos zu leben. Solange also diese Einordnung funktioniert, solange ist das System gültig und hat Regel-, ja Gesetzeskraft, zumal als Naturgesetz (bspw. „schwarz-gelb ist gefährlich“ :-D ).

Den zweiten Ansatz nenne ich systemisch: die erworbenen Erfahrungen geben der Informationsaufnahme und –verarbeitung eine Richtung vor, um diese Informationen in das System einzuordnen und handhabbar zu machen, d.h. adäquat zu handeln. Zu einer Systemänderung kommt es erst, wenn zu viele neue Informationen mit der alten Regel nicht mehr handelbar sind und eine neue aufgestellt werden muss. Und dieser Ansatz nun ist es, der schon früher, aber jetzt explizit mit Blick auf das Flüchtlingschaos als falsch, ja ideologisch remotiviert als „populistisch“ bis „nazistisch“ diffamiert wird mit den Wortkeulen „Pauschalisierung“, „Generalisierung“, „Verallgemeinerung“ und dergleichen mehr.

Nehmen wir ein weiteres Beispiel aus dem Tierreich. Ich lerne als Kind den Löwen als fleischfressende, jagende Großkatze kennen und erfahre rasch, dass meine an der Hauskatze erlernten Bewältigungsstrategien (Zureden, Streicheln, Füttern…) bei einer eventuellen Begegnung falsch wären: durch Erzählungen, Filme, Bilder, Zoobesuche, Afrikareisen etc. werde ich mich als Systemiker zuerst für die Flucht oder, je nach Situation, sogar für die präventive Verteidigung mit einer Waffe entscheiden. Der Subjektivist wird diesen Ansatz sofort verdammen und mir vorhalten, dass der jeweils individuelle Löwe doch gezähmt, satt oder auch krank sein könnte, mithin immer erst die konkrete Gefahrensituation abzuwarten sei, bevor man reagiert. Und wenn sich ein satt geglaubter Löwe doch als hungrig entpuppen und mich vertilgen sollte, dann hätte ich halt Pech gehabt.

Diese hanebüchenen Mechanismen werden jetzt in Merkels gesinnungsethisches System des Moralimperativismus auf Flüchtlinge übertragen. So darf ein katholischer Philosoph uneingeordnet fabulieren, dass „eine feste Meinung zu haben ja in vielen Fällen eigentlich nur zeigt, dass man nicht ausreichend informiert ist.“ Selbstverständlich waren dann Galilei, Newton und Einstein auch nicht ausreichend informiert – komisch, dass dann ihre Postulate heute noch gelten.

Aber lassen wir Merkel doch selbst sprechen:„Wir sind alle der Überzeugung, dass wir alle, die wir nicht kennen, auch respektieren“ soll sie am Dienstag gesagt und dabei auf das Grundgesetz verwiesen haben, nach dem die Würde des Menschen unantastbar ist: „Das gilt nicht nur für die Deutschen, sondern das gilt für alle Menschen.“

Da ist es wieder, dieses unsägliche Changieren zwischen einem quasidemokratischen „Ich spreche für mein Volk“ und einem monarchischen Pluralis majestatis – Kohler schrieb in der FAZ von der Paarung von Naivität mit Allmachtsphantasien. Welchem Grundgesetz folgen denn die Ankömmlinge, haben sie ein eigenes und/oder kennen sie unseres? Diese unreife, nachgeradezu naive Übertragung des eigenen Menschenbilds auf das der Fremden, als säßen wir alle im selben Sandkasten, hat Safranski jüngst als „moralistische Infantilisierung“ gegeißelt. Zudem beklagt er, dass Merkel einfach nicht das demokratische Mandat habe, ein Land so zu verändern, wie das der Fall ist, wenn binnen kurzem Abermillionen islamische Einwanderer im Land sind. Immerhin habe sie sich beim Amtseid verpflichtet, Schaden vom deutschen Volk abzuwehren. Und weiter:

“Menschenwürde fällt nicht vom Himmel, sondern setzt einen funktionierenden Staat voraus, der sie in seinen Grenzen garantieren kann. Und dann muss man sich die Frage stellen: Wie kann man dieses Staatsgebilde erhalten? Das gelingt nur mit sehr strikten Regeln, sonst verliert der Staat seine integrierende, die Menschenrechte garantierende Kraft. Ich habe große Befürchtungen, dass unser Staat diese Kraft verliert, wenn wir in bestimmten Teilen der Gesellschaft eine islamische Mehrheit mit einer völlig anderen Wertvorstellung haben. Kurz: Man muss die gesellschaftliche Kohärenz stabil halten, damit der Staat die Menschenrechte garantieren kann. Wenn man sich das nicht klarmacht, so ist das verantwortungslos: Man will helfen und schwächt dabei die Institutionen, die überhaupt helfen können.”

Das weiß aber eben nicht nur Safranski, das wissen auch viele andere Menschen – und eben nicht nur Politiker – die über einen Bildungs-, Erfahrungs- und Kenntnishorizont verfügen, der unserer gegenwärtigen politmedialen Kaste in ihrer Berufslosigkeit und Berliner Scheinrealität offenbar völlig abgeht. Aber Merkel setzt noch eins drauf und beweist ihren kindlichen Subjektivismus mit Sätzen wie

„Das heißt, ich muss erst einmal offen sein, mir etwas Neues anzuschauen, einen Menschen, einen Gegenstand. Und wenn ich einen Menschen anschaue, dann muss ich bereit sein, dass ich mich überraschen lasse. Dass ich etwas entdecke, was ich bisher noch nicht gekannt habe.“

Entsprechend sekundiert Thomas de Maizière, der „schlechteste aller schlechten Innenminister“, dass auch die offensichtliche Beteiligung von Menschen mit Migrationshintergrund an den Taten nicht dazu führen dürfe, dass nun Flüchtlinge gleich welcher Herkunft, die bei uns Schutz vor Verfolgung suchen, unter einen Generalverdacht gestellt werden. Nikolaus Fest ärgert sich weiter:

„Natürlich, DAS ist die Hauptsorge. Denn hier läge die wahre Sprengkraft der Debatte: Ob nämlich ein Generalverdacht gegenüber Leuten aus einem Kulturkreis, in dem Frauen und ‚Ungläubige’ bestenfalls als zweitrangig gelten, nicht gerechtfertigt wäre – und was das für die ‚Flüchtlings’-Politik bedeutet. Kaum notwendig zu erwähnen: Auch bei dieser Debatte versagen bisher die Medien. Am meisten aber deprimiert, dass all diese Entwicklungen so vorhersehbar waren. Schon vor Monaten schrieb ich an dieser Stelle, dass sich hinter dem ‚Flüchtling’ auch ein Vergewaltiger als Aleppo, hinter dem ‚Schutzsuchenden’ ein Kinderschänder aus Lagos verbergen könne. Das scheint sich nun zu bestätigen.“

Es ist genau dieses systemische Denken, das bislang alles, was AfD, Pegida & Co. prophezeiten, eintreffen ließ – aufgrund eben jener Bildungs-, Erfahrungs- und Kenntnisstände, deren Existenz von den bildungsfernen Erfahrungslosen abgesprochen wird – die überdies mehrheitlich aus den alten Ländern kommen, was Bände über deren Bildungsstand spricht! Wenn bspw. von 10, bestenfalls 15 % Zuzüglern auszugehen ist, die uns im wahrsten Wortsinn bereichern können, interessiert – um in Safranskis Logik zu bleiben – die moralisch sicher hochstehende Minderheit, die im Einzelfall sogar Kant, Fichte oder Hegel kennen mag, für ein funktionierendes Gemeinwesen nicht im Geringsten. Es interessieren dagegen die mindestens 85 %, die uns eben nicht be-, sondern im wahrsten (finanziellen) Wortsinn entreichern und deren Bildungs- sowie Moralstandards mit unseren inkompatibel sind. In dieser Situation, da eine Regierung nicht mehr individuell gesinnungs-, sondern kollektiv verantwortungsethisch zu handeln hat, ist systemische Abstraktion, sind Generalisierung und Pauschalisierung nicht nur statthaft, sondern dringend nötig!!! Jedes Curriculum verallgemeinert Bildungsfähigkeiten, jede Krankenkasse Erkrankungen, jeder Versicherer Versicherungsfälle, das ist ein völlig normaler Vorgang! So hält selbst der Ex-Justizminister Niedersachsen, Christian Pfeiffer (SPD!), eine

„Gruppenbezeichnung für sinnvoll, dass es Männer sind, die stark von Machokultur geprägt sind, die Übergriffe für etwas völlig Normales und ihnen Zustehendes halten, gerade wenn sie angetrunken sind, wenn sie in der Gruppe agieren und dann die Hemmungen sich noch stärker abbauen. Und bisher war zu hören, dass es sich um Männer gehandelt hat, die wohl aus Nordafrika oder aus arabischen Ländern stammen von ihrem Aussehen her oder davon, wie sie sich miteinander verständigt haben“.

Deshalb muss ganz klar gesagt werden: Wer davor warnt, ist nicht ausländerfeindlich, sondern rechtsstaatsbewusst! Genau das hatte Björn Höcke umgetrieben, als er vor wenigen Wochen vor einer Zunahme von sexuellen Übergriffen gegen Frauen in Folge der laufenden Welle irregulärer Zuwanderung warnte. Die für die Zuwanderung Verantwortlichen reagierten

“…noch mit einer Mischung aus Leugnung und Denunziation des Warnenden. Allen voran versuchte Bundesjustizminister Heiko Maas, Höckes Warnungen als „widerlich“ und als „Beispiel für rhetorische Brandstiftung“ abzutun. Die ARD behauptete flankierend dazu, Berichte über sexuelle Gewalt von Migranten seien „einfach erfunden“.”

Und diese Warnungen entfalten ihr antizipatorisches Potential vor allem, wenn jetzt bspw. auf einer muslimischen Facebookseite solcherart „Statement“ zu den Vorgängen von Köln abgegeben wird:

„Generell trägt die Frau aufgrund ihrer Beschaffenheit eine Verantwortung, wenn sie sich aus dem Haus begibt. Man kann nicht vor einem Löwen eine nackte Antilope werfen und erwarten, dass bei dem Löwen sich nichts regt. Es ist erstaunlich, dass im Biologieunterricht so viel über das Paarungs- und Sexualverhalten der Lebewesen unterrichtet wird, aber diese Regeln im Alltag komplett missachtet werden.“

Abgesehen von der Ambivalenz sächlicher „Beschaffenheit“ und naturalistischer Antilopenmetapher sprechen hier das maskuline Löwenverständnis und die implizierte animalische Sexualität (die auch noch mit dem weiteren Primärbedürfnis “Hunger” in eins gesetzt wird – Stichwort “Einverleibung”, aber das führt hier zu weit) Bände – nicht unser Menschenbild ist es, dass das Handeln der Flüchtlinge bestimmt, sondern ihres, das mit unserem bestenfalls erklärbar, aber keinesfalls akzeptabel ist. Dieses Statement im Hinterkopf, muss man sich folgende Aussage eines Sascha Lobo im Großhirn zergehen lassen:

„Differenzierung ist Zivilisation. Zivilisiert zu sein bedeutet, nacheinander neun Schwarzhaarigen zu begegnen, die sich alle als Arschlöcher erweisen, und trotzdem dem zehnten Schwarzhaarigen nicht deshalb in die Fresse zu hauen.“

Aha. Wenn ich also neunmal von „schwarzhaarigen Löwen“ vergewaltigt wurde, kann ich ja immer noch darauf hoffen, dass der zehnte kein „Arschloch“ ist. Rechnet man die Relation auf die obige Verteilung von Be- und Entreicherern herunter, könnte das sogar stimmen. Vorausgesetzt, man hat zuvor die neun ohne bleibende Schäden überstanden, ja wenigstens überlebt.

“Durch Vernunft, nicht durch Gewalt soll man Menschen zur Wahrheit führen”, wusste schon Denis Diderot. Ein Land, das nur noch durch Schmerzen lernen kann, ist rettungslos verloren.

Edit 20.12 Uhr: laut MoPo 24 habe sich Merkel HEUTE (07.01.2015) positioniert und erklärt, dass sich aus den Geschehnissen einige sehr ernsthafte Fragen ergäben, die über Köln hinausgingen. Es stelle sich etwa die Frage nach Verbindungen, Verhaltensmustern und danach, ob es “in Teilen von Gruppen” Frauenverachtung gebe. Dem sei mit aller Entschiedenheit entgegenzutreten. “Denn ich glaube nicht, dass es nur Einzelfälle sind.”
Soso.

Edit 08.01.2016, 07.50 Uhr: Nicolaus Fest hat angesichts der sowohl formal als auch inhaltlich fragwürdigen Berichterstattung der BZ nochmals nachgelegt und Pfeiffers “Gruppierungsthese” unterstützt:

“Wenn, wie überall zu lesen und von der Polizei bestätigt, die Täter aus dem arabischen und nordafrikanischen Raum stammen, handelt es sich in jedem Fall um Migranten. Und genau das ist das entscheidende Faktum. Ob sie hingegen irgendeinen Flüchtlings- oder Asylstatus hatten oder erst vor kurzem eingewandert sind, spielt keine Rolle. Sollten die Täter schon länger in Köln leben, wäre das eher ein Grund zu noch größerer Beunruhigung.”

Edit 09.01.2016, 09.50 Uhr: Hamed Abdel-Samad, gefragter ägyptischer Politikwissenschaftler, Historiker und Autor, hat jetzt auf den religiösen Zusammenhang der Kölner Taten hingewiesen:

Die junge Generation in der islamischen Welt ist in einer Dualität aufgewachsen. Zuhause und in der Moschee wird sie moralisch streng erzogen. Männer und Frauen haben kaum eine Chance, eine gesunde, symmetrische Beziehung zueinander aufzubauen. Im Internet dagegen erleben sie eine Welt, in der es keine Grenzen zwischen Mann und Frau, in der es keine festgeschriebene Moral gibt. Islamische Länder sind beim Konsum von Porno-Videos ganz oben auf der Liste. Diese Dualität schafft ein gestörtes Verhältnis der Männer zu Frauen. Von dieser Dualität sind auch viele junge Muslime betroffen, die in geschlossenen Communities in Europa leben und dennoch den Verführungen einer offenen Gesellschaft ausgesetzt sind.”

Langsam pirschen sich die Kritiker der Asylpolitik (und nicht nur der) an ein Kernproblem, wenn nicht gar an das Kernproblem des gegenwärtigen Flüchtlingschaos heran. Es ist die Frage politischen Handelns unter „christlichem Duktus“ – oder besser die (Un)Möglichkeit christlichen Handelns unter politischem Duktus.

Heinz Theisen, Politikwissenschaftler an der Katholischen Hochschule Köln, hat das Dilemma erstmals – und noch relativ unbeachtet – am 4. Oktober mit dem bemerkenswerten Satz „Wir können nicht länger von ‚Religionsfreiheit‘ reden, wo wir einer totalitären Herausforderung gegenüberstehen“ in den Diskurs eingebracht. Dass er in seinem Text nicht die Islamkritiker als „rechts“ einsortierte, sondern den Islamismus, der von der Ablehnung individueller Freiheiten bis zur Befürwortung von Ungleichheit dafür alle Voraussetzungen erfülle, soll nur am Rande erwähnt sein. Wichtiger ist seine Religionskritik, die die moralischen Entgrenzungen von „Glauben“ mit der physischen Begrenztheit jeden Seins in Verbindung setzte:

„Letztlich war es der universalistische Geist des Westens selbst, der zur Destabilisierung seiner Nachbarschaft beigetragen hatte. Hinter unserem politischen Universalismus verbirgt sich nicht weniger als der Liebesuniversalismus des Christentums, allerdings in einer profanierten, verkitschten Form ohne Erbsünde, ohne irdisches Jammertal. Solche Direktübertragungen des Himmels auf die Erde gehen immer schlecht aus, weil sie Absolutes mit Relativem und Unendliches mit Endlichem verwechseln. Wer sich quasi-religiös legitimiert, hält bereits Warnungen vor einem grenzenlosen Europa und vor Überdehnungen unseres individuellen Menschenrechtsverständnis für „rechts“. Wenn jede differenzierte Argumentation moralisierend abgewürgt wird, kommt es auch zu keinem differenzierten Handeln. Auch das derzeitige sprachliche Durcheinander über Asylbewerber, Kriegsflüchtlinge, Migranten, Zuwanderer und Einwanderer ist aus der Moralisierung heraus erklärbar.”

Sein Schluss ist naheliegend:

„Erst die verspätete Anerkennung der Notwendigkeit von Grenzen und Begrenzungen würde den moralisierenden Universalismus des Westens überwinden helfen und zu einer neuen realpolitischen Strategie überleiten. Diese müsste von Träumen über eine unipolare westliche Weltordnung Abstand nehmen.“

Zur Begründung klarer Grenzziehung und damit klarer Strukturen bemühte er auch den seiner Meinung nach gescheiterten Begriff der Leitkultur, den er entsprechend substituieren will:

„Nach der jahrzehntelang gefeierten ‚Offenheit Europas‘ für die Vielfalt an Kulturen und Religionen kann es keine Leitkultur mehr geben. Je liberaler wir hinsichtlich kultureller Unterschiede in der Gesellschaft sind, desto wichtiger wird die politische Integration in die Leitstruktur der staatlichen Ordnung. Dazu gehört neben dem Gesetzesgehorsam der Respekt vor staatlichen Institutionen, von den Schulen bis zu den Gerichten, unabhängig davon, ob man deren Werte und Urteile teilt. Erst die Anerkennung der gemeinsamen staatlichen Leitstruktur ermöglicht unterschiedliche gesellschaftliche Kulturen.“

Einen Monat später legte der Autor in der NZZ nach, indem er das Ende der „bipolaren Weltordnung“ auf den Kampf zweier Thesen zurückführte: die vom „Ende der Geschichte“ (Francis Fukuyama) im Sinne einer unaufhaltsamen Ausdehnung der westlichen Demokratie – und die vom „Kampf der Kulturen“ (Samuel P. Huntington) im Sinne eines über diese westliche Ausdehnung entstehenden Zusammenpralls unterschiedlicher Werteordnungen bei zugleich westlicher Verabsolutierung weltlicher Machtziele. Sein Credo:

„Das Scheitern des Westens jenseits seiner Grenzen spricht nicht gegen westliche Werte, wohl aber gegen unsere Fähigkeit, diese Werte zu universalisieren.“

Leider drückt er sich darum, dieses „unser“ europäisch und erst recht national zu differenzieren: meint er den Glauben, die Regierung, die Bevölkerung oder alles zusammen? Und wie verhält sich „unsere Fähigkeit“ zum Wunsch, ja zum Willen, diese Universalisierung vorzunehmen, zu gestalten, wenn in Sachsen (und den anderen neuen Ländern) drei Viertel der Bevölkerung eben nicht „gläubig“ sind? Dennoch erkennt er richtig, dass mit der Verbreitung nach außen eine Vernachlässigung nach Innen einherging:

„Der häufige Mangel an Konsequenz in der Verteidigung des Eigenen hat mancherorts dazu geführt, dass das Monopol der Staatsgewalt gefährdet ist. Eine wehrhafte Gesetzgebung und ihre konsequente Umsetzung sind kein Mangel an Liberalität, sondern die Voraussetzung ihrer Bewahrung. Selbstverständlich muss auch das Asylrecht Grenzen haben. Es steht – so Rupert Scholz – nicht über anderen Verfassungsnormen, sondern funktioniert nur im Rahmen der verfassungsmässigen Ordnung, vor allem der Rechts- und Sozialstaatlichkeit.“

Was nun? „Selbstbehauptung braucht Selbstbegrenzung“ meint Theisen, denn die „Grundelemente jeder Staatlichkeit – Staatsgebiet und Staatsvolk – werden nicht (wie von vielen erhofft) in einem interkulturellen Regenbogen aufgehoben, sondern von einer Verstrickung der Kulturen infrage gestellt.“ Der Schluss liegt nahe: der Westen muss seine Universalitätsansprüche zurücknehmen, was letztlich auch bedeutet, anderen ihr individuelles Welt- und Menschenbild zuzubilligen und nicht das eigene (gutmenschliche) zum Maß aller Dinge zu erheben.

Mit mehrwöchiger Verspätung ist das Problem dann in der Publizistik angekommen: es rückte realpolitisch erstmals wirklich ins Bewusstsein Vieler, als die grüne Vizeregierungschefin Schwedens vor laufender Kamera in Tränen ausbrach, da sie Ende November den Paradigmenwechsel der schwedischen Flüchtlingspolitik im Sinne verschärfter Asylgesetze verkünden musste. Åsa Romson hatte sich noch im Sommer so sehr für Flüchtlinge eingesetzt, dass sie die Flüchtlingskatastrophe im Mittelmeer gar mit Auschwitz verglich. Menschen ertrinken zu lassen sei nach ihrer Logik also faschistische Vernichtungspolitik – die sie jetzt Monate später selbst vertreten müsse? Dass hier entweder der Vergleich oder die Politik falsch ist, liegt auf der Hand.

Die Causa Romson führte in Deutschland nun allerdings nicht zu einer Richtungsänderung des Diskurses und vor allem der Politik hin zum richtiger- und logischerweise eingeforderten begrenzenden Pragmatismus, sondern dem Gegenteil: einer Bekräftigung jener christlichen Kaninchenhaltung, sich der Schlange freiwillig an die Giftzähne zu schmeißen. Da wird nämlich Merkels Rede auf dem Karlsruher Parteitag nicht nur als größte gefeiert, die sie je gehalten habe, sondern ihre Haltung gewürdigt, die auf dem christlichen Menschenbild basiere: „Das ist das Fundament der Partei. Die Menschen sind froh, wenn das ausgesprochen wird.“ Merkel führte Politik also wieder auf Moral und Glaube zurück, in dem sie das Wort vom „humanitären Imperativ” in den Mund nahm: „Eine Partei, die im C ihre Grundlage findet. In der Würde des einzelnen Menschen. Es kommen deshalb keine Menschenmassen, sondern einzelne Menschen zu uns.”

Diese gelinde gesagt schräge, für eine Volkswirtschaft gar schädliche Aussage wurde von kaum einem Medium relativiert, Werner Patzelt gehörte anfangs zu den wenigen Kritikern:

„Man kann religiös gerne einen Widerpart setzen. Aber bloß, weil jemand religiös etwas anders sieht, als es andere sehen, ändert sich nicht die Weise, wie Politik funktioniert und wieviel eine Volkswirtschaft verkraften kann. An dieser Stelle ist gerade die Union aufgefordert, eine Balance zwischen dem zu halten, was christlich-religiös wünschenswert ist, und dem, was politisch möglich ist.“

Hier wurde zwar erstmals verdeutlicht (wenn auch noch nicht ausgesprochen), dass eine verantwortungsvolle Politik sich nicht auf die bestenfalls 15 % Ankömmlinge berufen kann, die (eventuell) rasch integrierbar sind, sondern sich auf die relevante Mehrheit von mindestens 85 % konzentrieren muss, die uns eben nicht be-, sondern entreichern. Das hat gestern erst wieder die WELT thematisiert:

„Ab dem kommenden Jahr wird sich die neue Armut nach und nach auch in den offiziellen Statistiken niederschlagen, erwarten Forscher und Sozialverbände: zuerst in Form steigender Hartz-IV-Empfänger und dann in einem wachsenden Anteil der unteren Einkommensschicht. “Die Armutsgefährdungsschwelle liegt in Deutschland bei knapp 1000 Euro im Monat. Der Großteil der Flüchtlinge wird voraussichtlich noch jahrelang ein niedrigeres Einkommen haben”, sagt der Politologe Klaus Schroeder von der Freien Universität Berlin voraus. “Die Armutsgefährdungsquote wird deshalb in den kommenden Jahren zwangsläufig spürbar ansteigen.”

Dennoch wurden mehrheitlich die hinter den Worten der Kanzlerin stehende Haltung gelobt und die Kritiker diffamiert: „Im sächsischen Schkeuditz schlug ihr erst Unverständnis und dann Wut entgegen, als sie an die christliche Nächstenliebe appellierte. … Die Remissionierung des deutschen Ostens ist eine Operation, die Jahrzehnte in Anspruch nehmen würde.“ Remissionierung? Ist nur ein gläubiger Christ ein guter Staatsbürger? Pseudoreligiöse Diffamierung trifft es wohl eher.

Aber entlang dieser beiden Raster „Religion vs. Politik“ sowie „religiöser Westen vs. atheistischer Osten“ verlaufen genau jene Scheidelinien, die als Grenzen zu akzeptieren nur die wenigsten bereit sind. Immerhin hat Heiner Rank konstatiert, dass das Recht gebrochen wird, um den Traum grenzenloser Solidarität zu verwirklichen, obwohl Grenzen für eine offene Gesellschaft unverzichtbar sind – man kann nun mal nicht alle lieben. Und weiter:

„Geldpolitik wie Migrationspolitik unterliegen der Illusion der Grenzenlosigkeit. Mario Draghis „Whatever it takes“, sein unbegrenztes Schutzversprechen für den Euro, ist das monetaristische Pendant der Migrationsökonomik: einer vermeintlich unbegrenzten Aufnahmekapazität Europas für die Fremden ohne Obergrenze. Uneingeschränkt kann immer nur die Hilfsbereitschaft sein, nicht aber die tatsächliche Hilfe.“

Denn in einer Welt ohne Grenzen kann man den Gültigkeitsbereich verschiedener Rechtsnormen nicht mehr definieren. Schon in Parallelwelten wie in Gelsenkirchen steht die kaputtgesparte Polizei machtlos bestens organisierten Familienclans gegenüber, hier gilt bereits das Recht des Stärkeren. Härtere, potentiell Gewalt legitimierende „Rechtsnormen“ sind in direkter Konkurrenz kurzfristig anderen nun mal überlegen. Die moralischste und höchste Zivilisation nutzt nichts, wenn wir steinzeitlichen Vorstellungen nicht adäquat entgegentreten wollen und können, so dass es uns ergehen wird wie den Römern. Wenn ein absolut gesetzter Wille nach äußerem Frieden zum Verlust  des inneren Friedens führt, muss man Prioritäten setzen. Ist diese Priorität nicht der innere Friede, stirbt der Staat und wird von anderen einverleibt. Das zuzugeben ist offenbar eine Hürde, die westsozialisierte Mitbürger nicht überspringen können – ob noch nicht, sei dahingestellt. Rank ist kurz vor dem Sprung:

„Europa wird nicht mehr durch das Recht integriert, – sondern durch den Rechtsbruch, falls man dies noch Integration nennen darf und nicht besser als Zeichen des Zerfalls deuten muss. Die Krise Europas resultiert nicht aus überzogener, sondern aus unzureichender Rechtstreue. Wer dies beklagt, wird entweder als Legalist verspottet oder, schlimmer noch, mit Achselzucken übergangen.“

Entsprechend deutlich verweist er auf den illusionären Charakter, der jedem Glauben eignet:

„Die Utopie der vollkommenen Entgrenzung ist die große Illusion des herrschenden Universalismus. Von Schillers Ode an die Freude (‚Seid umschlungen, Millionen‘) führt ein direkter Weg in die Eine-Welt-Läden Westdeutschlands. „Alle Menschen werden Brüder“ mag gut gedichtet sein, aber es ist schlecht praktiziert. Inzwischen beginnt die Erste Welt, sich vor den Folgen ihres Universalismus zu fürchten. Der menschenrechtliche Moralismus scheitert am ökonomischen Gesetz der Knappheit.“

Fürchten ist wiederum eine abgeschwächte Form von ängstigen – und trotz der jüngst konstatierten Wiederkehr der „German Angst“ ist genau diese Emotion das Letzte, womit die politmediale Kaste umgehen will. Deutlich wird das an den Grenzen, die jenen gesetzt werden, von denen man die Übertretung einkalkuliert und sie sofort auf eine nie in Betracht gezogene Perspektive verengt, bspw. die eines „kulturalistischen Rassismus“. Eine Keule, die jetzt sogar Patzelt hervorholt, weil er seine Weltprinzipien offenbar nicht relativieren will und/oder kann und sein schon bei Merkel zu beobachtender Grundsatz „Einzelner vor Allgemeinheit“ eben jede Grenzziehung verhindert. Aber das ist hanebüchen, denn darum geht es nicht. Es geht darum, was Beatrix von Storch in einem Interview exzellent so formulierte:

„Nächstenliebe ist ein christliches Gebot. Aber das ist ein Appell an die einzelne Person. Frau Merkel und jeder, der sich dazu berufen fühlt, kann und darf gerne so viel helfen, wie er mag. Aber es kann nicht sein, dass eine Regierung und eine Kanzlerin einer ganzen Nation Nächstenliebe aufzwingen wollen. Christliche Nächstenliebe geht nicht auf Befehl.

Eine Bundesregierung kann also nicht christlich handeln?

Storch: Eine Bundesregierung kann nicht von jedem Individuum im Staat Nächstenliebe einklagen. Genau wie Liebe lässt sich das nicht erzwingen. Es muss von den Menschen kommen und es soll von den Menschen kommen.“

Was uns hier unter christlichem Deckmantel befohlen wird, ist letztlich dieselbe „Solidarität“, die unter weltanschaulichem Deckmantel bereits die DDR auszeichnete: damals allerdings richtete sie sich nur an einzelne Länder (Vietnam, Nicaragua usw.), heute dagegen soll sie die ganze Welt umfassen – zu dem Preis, dass sich Fremdenfreundlichkeit in Bürgerfeindlichkeit kehrt. Und das ist eine Linie, die nur zum Preis der Selbstaufgabe überschritten werden kann, aber: “Es gibt keine moralische Pflicht zur Selbstzerstörung” erklärte Sloterdijk.

Daher muss man die Frage, die Beatrix von Storch noch nicht eindeutig beantworten wollte, unmissverständlich bejahen: eine Bundesregierung hat nicht nur das Recht, sondern auch die Pflicht, unchristlich zu handeln, wenn es das Interesse eines Volkes bedarf, das sich unchristlichen Eindringlingen gegenübersieht, gegen die weder legislative noch judikative Mittel eingesetzt werden, da die Exekutive in selbstverschuldeter Agonie treibt. Selbstliebe statt Nächstenliebe (vgl. 3. Buch Mose) und Freundesliebe statt Feindesliebe (vgl. Bergpredigt; Mt 5–7) heißen die spirituellen Gebote der Stunde. Ja sogar die eigene zweite Wange nicht hinzuhalten, sondern die erste des anderen anzugehen sollten dann kein Tabu mehr sein dürfen. Und eben diese Selbstbehauptung zu leben, die ihnen abgesprochen, dieses Recht auf Selbstverteidigung zu beanspruchen, das ihnen verweigert wird – dafür schließen sich mehr und mehr Menschen in Bürgerbewegungen zusammen, um meistens wöchentlich ihre Stimme zu erheben.

Edit 11.01.2016: Erst jetzt bin ich auf das Weihnachtsinterview aufmerksam geworden, dass der tschechische Kardinal Dominik Duka der slowakischen Tageszeitung “Dennik N” gab. Darin heißt es – und mehr muss man dazu auch nicht sagen -:

“Mitgefühl und Emotion ohne vernünftiges Verhalten führen in die Hölle”, sagte Duka in dem Interview. In dieser “Flüchtlingswelle ohne jede Kontrolle, in der die dazu verpflichteten Staaten völlig versagt” hätten, müsse sorgfältig geprüft werden, “wer tatsächlich hilfsbedürftig und im Leben bedroht ist oder wer auch eine bestimmte andere Mission erfüllt”, so der böhmische Primas, der wie Kardinal Schönborn dem Dominikanerorden angehört. Die Flüchtlingswelle bediene bekanntermaßen “auch bestimmte Pläne und Programme der Dschihadisten”.

Mit diesem Tenor publizierte die AfD-Stadtratsfraktion Dresden heute ihre Kritik an der Verweigerung des Rederechts von mir durch die RGRO-Mehrheit gestern abend im Stadtrat. Auch wenn die Verweigerung mit 30 zu 29 Stimmen knapp ausfiel und keine Begründung zu erfolgen brauchte, hat Fraktionschef Stefan Vogel völlig Recht: wer die Meinungsfreiheit beschränkt, zerstört die Demokratie. Die Linken vertiefen durch ihr Verhalten, das Bürgerbeteiigung ad absurdum führt, die Gräben, die die Bürgerschaft Dresdens in der Flüchtlingspolitik teilen, immer mehr.

Da ich mir eine weitere Ablehnung im Januar nicht geben muss (unsere Strategie wird dann eine andere sein) und die Vorlagen sowie die Redner andere sein werden, stelle ich hier meine Reden zu den geplanten TOP 12 (Unterbringung Containersiedlung Washingtonstraße) sowie 15 (Anmietung Immobilien Großenhainer Straße) zur Verfügung, damit der Kontext nicht verloren geht. Der Stand entsprach dem 10.12.2015, 13.30 Uhr. Meinungen dazu sind gern gesehen.

1) Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister,
verehrte Stadträte,
sehr geehrte Damen und Herren,

am Dienstagabend stellte Oberbürgermeister Hilbert im Ortsbeirat Pieschen das vor, was er für ein „Konzept“ für den Standort Washingtonstraße hielt. Viele Bürger fühlten sich von seinen Ausführungen – euphemistisch gesagt – nicht ernst genommen. Doch arbeiten wir uns mal Schritt für Schritt zum Wesentlichen vor:

Dass jetzt sogar die Grünen das Containerkonzept des Oberbürgermeisters kritisieren und – hört, hört – eine Vergleichsrechnung zu den Kosten der Unterbringung zu dem Satz aufmachen, der für Hartz-IV-Empfänger angesetzt wird, sei hier nur erwähnt.

Dass der Verein für Deutsche Schäferhunde nach einem Jahrzehnt vor dem Aus steht und eine Entschädigung sowie ein Ausgleichsangebot ebenfalls als zusätzlicher Antrag unter 11. zur Vorlage eingebracht werden mussten, ist nur das oberflächliche Phänomen. Dass die privat geschaffenen Werte im hohen fünfstelligen Bereich – saniertes Vereinsheim, Zaun, Flutlichtanlage – verloren sind, dass mit dem Verein in dünkelhafter, juristisch fragwürdiger Weise umgegangen wurde, ja dass damit auch das Training für Wachschutz- und Polizeidiensthunde torpediert und damit die eigene Sicherheit abgegraben wird, interessierte den Oberbürgermeister nicht.

Dass bislang kein kommunaler Vertreter mit den Betroffenen – angrenzende Kleingärtner, Gewerbetreibende etc. – geredet hat und diese Selbstverständlichkeit als zusätzlicher Antrag unter 12. zur Vorlage eingebracht werden musste, ist nur das oberflächliche Phänomen. Dass vor allem die teilweise seit Jahrzehnten ansässigen Kleingärtner massive Verluste ihrer Lebensqualität, aber auch ihrer Grundstücksqualität befürchten und sich viele mit Kündigungsgedanken tragen, interessierte den OB nicht. Ebenso wenig nahm sich Oberbürgermeister Hilbert den Sicherheits- und Umsatzbedenken der umliegenden Mittelständler an. Die Befürchtungen der Übigauer, die ihr gewohntes Tages-, Freizeit- und Wochenendverhalten massiv gestört sehen, sieht Oberbürgermeister Hilbert auch nicht: direkt neben dem Areal liegt bspw. eine Bushaltestelle, die auch von vielen Schülern genutzt wird. Wenigstens hat der Ortsbeirat im Sinne der Bürgerinitiative „Wir sind Übigau“ die Ziffer 10 der Vorlage so verändert, dass die Sporthalle Thäterstraße wieder zügig ihrer originären Verwendung zugeführt werden soll. Dass da aus der Garantiebelegung von 59 jetzt 78 Plätze geworden sind und die Initiative für die Washingtonstraße ähnliche Steigerungen befürchtet, soll Randnotiz bleiben.

Nein, stattdessen wurden Stichworten wie Vermüllung oder Lärmbelästigung durch die erwartet 75 % jungen Männer das Konzept eines „Erwachsenenspielplatzes“ entgegengesetzt – das ist kein Witz, schauen Sie sich den Lageplan, Anlage 1 an.

Was dagegen interessiert den Oberbürgermeister? Die Integration der jungen Männer. Und jetzt wird es sportlich: Da prophezeit Herr Hilbert tatsächlich, dass bis zu 15 % der Flüchtlinge sofort, die Hälfte nach 5 und 70 % nach 10 Jahren in den lokalen Arbeitsmarkt zu integrieren sind – ob das übrigens Flüchtlinge, Migranten, Asylsuchende, Geduldete oder tatsächlich anerkannte Asylbewerber sind, wurde an keiner Stelle unterschieden. Abgesehen von der völlig falschen Relevanz – es interessieren die 85 %, die nicht sofort integriert werden können, denn die sind der Kostenfaktor – sollte Herrn Hilbert mal jemand über den Bundestagsauftritt von Andrea Nahles am 10. September berichten. Nach deren Worten bringt nicht einmal jeder Zehnte die Voraussetzungen mit, um in eine Arbeit oder Ausbildung vermittelt zu werden. Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung spricht von „allenfalls acht bis zwölf Prozent im ersten Jahr“.

Vielleicht legt auch mal jemand Herrn Hilbert das Interview der ZEIT mit dem Bildungsökonomen Ludger Wößmann vom 3. Dezember vor. Dort lesen wir: syrische Achtklässler hinken im Mittel fünf Schuljahre hinter etwa gleichaltrigen deutschen Schülern hinterher. Dort lesen wir weiter: zwei Dritteln der jungen Syrer, die nach internationalen Bildungsstandards als funktionale Analphabeten gelten müssen, wird die nötige Ausbildungsreife für die hiesigen Betriebe fehlen. Und dort lesen wir auch: zwei Drittel der Asylbewerber aus allen Kriegsländern haben keine berufsqualifizierende Ausbildung, nur 10 % der Flüchtlinge sind Akademiker. Weitere Quellen liefere ich gern.

All das ficht Oberbürgermeister Hilbert nicht an. Was sagt er stattdessen: „Die Prognosen der Integration beruhen auf den Erfahrungen mit den Ostdeutschen nach der Wiedervereinigung.“ Das muss man erstmal sacken lassen.

Selbst der CDU-Wirtschaftsrat warnte jüngst in einem Positionspapier: „Die soziale Sprengkraft einer hohen Zahl schlecht in Beschäftigung und Gesellschaft integrierter Immigranten ist gewaltig.“ Also muss vor jedem Integrations- ein Sicherheits- und Betreuungskonzept stehen. Meine Frage nach dem Sicherheits- und Betreuungskonzept für die Washingtonstraße ließ der Oberbürgermeister unbeantwortet. Den verfehlten Bezug zu den Ostdeutschen wollte Herr Hilbert auch nicht klar stellen, ausräumen oder sich gar dafür entschuldigen, sondern bezeichnete meine Forderung danach als „Pöbelei“. Soviel zum lokalpolitischen Debattenniveau.

Es scheint, dass sich Oberbürgermeister Hilbert nicht dem Wohl der Dresdner Bürgerschaft verpflichtet fühlt, sondern dem Wohl anderer.

Im Interesse Dresdens lehnt die AfD diese Vorlage ab. Vielen Dank. 

++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++

2) Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister,
verehrte Stadträte,
sehr geehrte Damen und Herren,

dass in einem der Gebäude eine junge Familie „vergessen“ wurde, wie Dresdner Medien titelten, und jetzt erst eine gemeinsame Lösung gesucht wird, die der Ortsbeirat als Zusatzantrag aufgeben musste – geschenkt.

Dass die Stadt jenseits jedes Pieschener Mietspiegels dem horrenden Mietpreis zustimmt, der die Mietpreisentwicklung in Dresden weiter anheizen wird, sei ebenso nur erwähnt wie die Gefahr, vor der vorgestern unser MdL Detlef Spangenberg warnte, nämlich dass Vermieter Hartz-4-Empfänger auf die Straße setzen, weil mit Asylbewerbern deutlich mehr Geld zu verdienen ist.

Dass dieses Procedere jede Mietpreisbremse ad absurdum führt – auch geschenkt. Hier aber zeigt sich, wie die chaotische Asylpolitik die Bevölkerung spaltet in wenige Profiteure und viele Verlierer. Gewinner der Asylkrise ist vor allem die Asyllobby, bestehend aus Sozialarbeitern, Hilfsdiensten, Heimbetreibern und Eigentümern von Schrottimmobilien. Verlierer ist der Rest der Bevölkerung, die mit den Zuwanderern um bezahlbaren Wohnraum, Kinderbetreuung, Jobs und kulturelle Vormacht konkurrieren muss – bei gleichzeitig steigenden Sozialabgaben und Steuern, um diese unkontrollierte Zuwanderung zu finanzieren.

Dass mir der Oberbürgermeister auf meine Nachfrage, für welche Wohnungen wie viele Prämien flossen, die Antwort verweigerte – ebenfalls geschenkt, dass kannte ich ja schon.

Dass – wie für den Standort Washingtonstraße – keinerlei Sicherheits- und erst recht kein Betreuungskonzept vorgelegt wurde und wenigstens letzteres als Zusatzantrag an einem Standort beschlossen werden musste, dem ein Gymnasium genau gegenüber liegt – auch geschenkt.

Nicht aber geschenkt, was Ortsbeirat Thomas Bergmann (FDP) dem Oberbürgermeister öffentlich vorrechnete. Teilt man nämlich den laufenden Aufwand von 257.256 Euro durch die angegebenen 1.276 qm, ergibt sich statt der 10 Euro ein Preis von 13,74 Euro. Was ist hier passiert? Nach Akteneinsicht unseres Fraktionsvorsitzenden scheint die qm-Zahl zu stimmen. Bleiben als Alternativen: entweder sind die Wohnungen mit Marmorbädern, güldenen Armaturen und Kristalllüstern ausgestattet – dann wäre dieser qm-Preis vielleicht zu vertreten; oder seitens der Stadtverwaltung liegt ein simpler Rechenfehler vor?

Hier wurde der Oberbürgermeister durch einen Ortsbeirat seiner Partei am Nasenring durch die Manege geführt! So sieht es mit seinem Rückhalt aus!

Diese Vorlage ist ein weiterer Mosaikstein, der die Verstetigung der Unzulänglichkeiten beweist, die die Stadtverwaltung in der Flüchtlingspolitik an den Tag legt. Da niemand die Ursache des Fehlers kennt, kommt ein Änderungsantrag nicht in Frage. Aufgrund ihrer Fehlerhaftigkeit ist die Vorlage eigentlich zu vertagen, zu korrigieren und zur nächsten Sitzung erneut vorzulegen – ansonsten ist auch sie abzulehnen. Danke.

Wie unsäglich erbärmlich die Presse manipuliert, ist an dieser von der SäZ abgedruckten Agenturmeldung nachzuvollziehen:

A) Die Schlagzeile suggeriert etwas Positives, einen Erfolg. Das Gegenteil ist richtig: mehr als 75 % werden eben NICHT übernommen.

B) Dieser Fakt findet sich überdies am Ende der Agenturmeldung – nach journalistischem Pyramidenprinzip (lernt man das eigentlich noch?) dort, wo das Unwichtigste, Weglassbare steht. Hier wurde dramaturgisch eine Nebensächlichkeit zur Hauptsache umgeschrieben.

C) Gerechtfertigt wird Zeitarbeit, weil man „im nationalen und internationalen Wettbewerb bestehen“ müsse und „auf ein flexibles Personalmanagement angewiesen“ sei. Diese Begründung nimmt die Globalisierung der Wirtschaft als alternativlos und befestigt damit außerdem die Spaltung einer Wirtschaftssphäre, in der der Einzelne nichts zählt, von einer Sozialsphäre, die nichts als wirtschaftsdienliche Individuen bereitstellen soll. Zum Glück gibt es die AfD, deren sächsischem Landtagswahlprogramm der Satz „Die Wirtschaft muss dem Volke dienen“ eingeschrieben ist.

D) Zusammenhangslos wird „berichtet“, dass zwischen 2007 und 2014 die Zahl der neueingestellten Zeitarbeiter die aller Beschäftigten um mehr als das Doppelte übertraf (9,4 % vs. 4,6 %). Das bedeutet: der Trend zur Zeitarbeit wird als normal angesehen und bleibt uneingeordnet.

E) Der Satz „Im IHK-Bezirk Chemnitz beschäftigen 19 Prozent der Unternehmen Zeitarbeiter.“ bedeutet, dass bereits ein Fünftel der Arbeitgeber sich dieser lohn- und gehaltsmäßig angenehmen Alternative bedient. Andererseits wissen wir: 18,9 Prozent der Menschen in Sachsen lebten schon 2012 unterhalb der Armutsgrenze, ebenso wie ein Fünftel aller sächsischen Kinder. Offenbar sollen wir mit der Zumutung leben lernen, dass mindestens ein Fünftel unserer Mitbürger für die „Zivil-“, „Stadt-“ oder sonstige Konstruktionen von „Gesellschaft“ dauerhaft verloren ist, während ein anderes Fünftel mit den Verlorenen tun und lassen kann, was es will. Thukydides hatte in seiner „Geschichte des Peloponnesischen Krieges“ das Verhalten der Athener mit einfachen klaren Worten beschrieben:

  • „Die Starken machen, was sie wollen und die Schwachen erleiden, was sie müssen.“
  • Dieses Staatswesen ist unheilbar krank.

    Und die Staatsmedien sind nicht etwa das Antibiotikum geschweige der Chirurg. Nein, sie sind der unsterile OP-Saal.

    Die K 8553 von der B 101 Richtung Priestewitz nach Kmehlen ist ein Birnenparadies. Ich verband jüngst das Angenehme mit dem Nützlichen und nahm auf einer Fahrradtour Pflücker und Satteltaschen mit. Heraus kam neben Kompott diese leckere Suppe, deren Grundrezept ich irgendwo im Netz fand und ein wenig variierte.

    Birnenstraße. Screenshot von Google

    Birnenstraße. Screenshot von Google

    1 kg Birnen
    50 gr. Sushi-Ingwer
    Ca. 300 ml Wasser
    ¼ Stange Zimt
    1 Prise Muskat
    ½ TL Curry
    Ca. 10 Nelken

    25 gr. Speck
    1 kl. Zwiebel
    1 Knoblauchzehe
    1 große Kartoffel
    ½ TL Salz
    ½ TL Weißer Pfeffer

    500 gr. Mozzarella
    ½ TL getrocknete Chili
    ½ TL Kardamom

    Kmehlener Birnen

    Kmehlener Birnen

    Die Birnen schälen, entkernen und klein schneiden. Mit dem ebenfalls kleingeschnittenen Ingwer und den Gewürzen ins Wasser geben und kurz aufkochen lassen.

    Derweil den Speck sehr fein würfeln und in eine Pfanne geben, darin Zwiebel und Knoblauch anschwitzen, die rohe Kartoffel schälen, sehr fein würfeln und in der Pfanne salzen, pfeffern und anbraten. Dann in die nur zart köchelnde Suppe geben, erneut kurz aufkochen und alles pürieren.

    Zum Schluss in die sehr heiße Suppe den kleingeschnittenen Mozzarella geben, durchrühren und zerlaufen lassen und die Suppe mit Chili und Kardamom abschmecken. Dazu passt Toastbrot.

    Guten Appetit!

    Seit einigen Wochen kann man auf den Seiten der MoPo eine – überdies von der GAGFAH gesponserte, mit vielen Bildern untersetzte – Serie lesen, die die Mieter also mitfinanzieren und die meistens so angeteast wird: „Die Welt schaut in diesen Monaten auf unsere Stadt. Es heißt, hier herrsche Misstrauen gegenüber Fremden. Doch das stimmt nicht! Unsere Stadt ist weltoffen. Mit der Serie „Willkommen in Dresden“ treten wir hier jeden Mittwoch den Beweis an. Heute:…“ – und es folgt ein Kurzsatzporträt.

    Als kürzlich das 25. Porträt erschien, fragte ich mich, was diese Serie eigentlich soll. Will die Zeitung beweisen, dass Dresden weltoffen ist, und wenn ja, wem? Will sie es ihren Lesern einreden, denen sie damit unterstellt, es nicht zu sein? Oder will sie abstrahierend Beispiele gelungener Integration vorstellen, um zu zeigen, dass alle anderen jetzt Dresden überflutenden Ankömmlinge aus ähnlichem Schrot und Korn sind resp. sein können, ach was, sein müssen?

    Schauen wir zunächst, was zu erwarten wäre: „Der durchschnittliche Flüchtling kommt aus Syrien, ist jünger als 30 – und ein Mann“, so der Spiegel. Laut offizieller Rathausstatistik liegen in Dresden Kosovo, Syrien und Irak ganz vorn.

    Bei der Altersstruktur hilft der Sachverständigenrat deutscher Stiftungen für Integration und Migration. Danach ist über die Hälfte der Asylbewerber (53,8 %) unter 25 Jahre alt, während diese Altersgruppe in der deutschen Bevölkerung nur ein knappes Viertel (24,1 %) ausmacht. Die Altersstruktur der Asylsuchenden in Deutschland unterscheidet sich jedoch stark nach Herkunftsländern. So sind Asylsuchende aus Eritrea und Somalia ganz überwiegend (zu 79,0 % bzw. 70,1 %) im jungen Erwachsenenalter (18 bis 34 Jahre), Antragsteller aus Serbien und dem Kosovo dagegen zu höheren Anteilen (46,0 % bzw. 44,0 %) minderjährig. Ältere Personen finden sich unter den  Asylbewerbern herkunftslandübergreifend kaum.

    Bei Ausbildung und Qualifikation gilt der mdr-zitierte Satz „Vom Universitätsprofessor bis zum Analphabeten sei alles dabei“; gesicherte Statistiken dazu gibt es nicht. Aber wenn selbst A. Nahles zugibt, das der syrische Arzt nicht der Normalfall ist, ja das nicht einmal jeder Zehnte die Voraussetzungen mitbringe, um direkt in eine Arbeit oder Ausbildung vermittelt zu werden, dann werden die Befunde des aktuellen Bildungsberichts 2014 verständlich, wonach unter den 30- bis 35-jährigen Migranten fünf Mal so viele keinen allgemeinbildenden Schulabschluss und drei Mal so häufig keinen beruflichen Bildungsabschluss haben wie gleichaltrige Deutsche.

    Ich begann also zu lesen und wurde von Text zu Text wütender. Hauptgrund neben der gefühlsduseligen, adjektivgeschwängerten, positivierenden Sprache: die Protagonisten (deswegen hatte ich vor ein paar Tagen schon mal den mdr attackiert). Ich fertigte, um meinen Emotionen eine rationale Grundlage zu geben, eine winzige Inhaltsanalyse, deren wichtigste Resultate sind:

    • Insgesamt ist von 17 Ländern die Rede, darunter übrigens zweimal auch Deutschland-West: offenbar antizipierte das Blatt die unsägliche Entgleisung Göring-Eckardts von dieser Woche. Die Ukraine ist 3 mal vertreten, ebenso Iran, Spanien 2 mal. Immerhin: einmal auch Syrien, Kosovo und Irak dagegen fehlen.
    • Porträtiert werden 15 Männer und 12 Frauen. 1 im Alter bis 25, 7 im Alter bis 35, 8 im Alter bis 45, 9 im Alter bis 55, 2 sind noch älter.
    • Vom Status her finden wir 15 Migranten, 2 Asylbewerber (!), 6 Gastarbeiter/-studenten/-forscher auf Zeit sowie einen Wirtschaftsflüchtling.
    • Wir haben es mit 11 Selbständigen, 13 Angestellten, einem Studenten sowie gerade mal 2 Arbeitssuchenden zu tun.
    • Von den Protagonisten weisen eine 4 Berufsausbildung und 17 ein abgeschlossenes Studium auf; 4 befinden sich in Ausbildung/Studium, bei zweien ist der Status unklar.
    • Bei den Branchen führt 11 mal Religion/Kunst/Kultur (hm…) vor 6 mal Gastronomie (hm…) – und 6 mal Wissenschaft/Forschung.

    Fazit: diese Serie ist der leicht durchschaubare Versuch, anhand von Musterbiographien in der Regel gestandener Persönlichkeiten, die etwas geleistet haben/leisten, die Entwicklung der Gesellschaft voranbringen und dafür überwiegend auch ins deutsche Sozialsystem einzahlen und gegen die in ihrer überwältigenden Mehrzahl KEIN MENSCH auch nur irgendetwas hat geschweige protestiert (von irgendwelchen persönlichen Aversionen oder Branchenabneigungen vielleicht abgesehen – ich sage nur: wer nichts wird, wird Wirt), ein publizistisches Klima herbeizuschreiben, das um ALLE weiteren Ankommenden dieselbe verdienstvoll-bereichernde Atmosphäre konstruieren soll – unabhängig von Alter, Herkunft, Qualifikation etc. Differenzierung oder gar kritische Berichterstattung: Fehlanzeige. Stattdessen werden unkritisch konkrete Lebensumstände blumig beschrieben und mit positiv besetzen Worten in Szene gesetzt.

    Um dieses Mosaiksteinchen der gegenwärtigen Propagandamaschine abzurunden, hier die Porträtierten zum Nachlesen.

    27 – Mona Sedigh, 29 Jahre alte Iranerin, die seit vier Jahren an der TU ihre Promotion in Physik schreibt.

    Gast

    26 – Juliano Razafindramora, 37 Jahre alter Madagasse, der in Frankreich in Physik promovierte, seit 2011 bei Globalfoundries arbeitet und die deutsche Staatsbürgerschaft erlangen will

    Migrant

    25 – Mercedes Moraiz, 50 Jahre alte Argentinierin, die seit 24 Jahren in Deutschland und 20 Dresden lebt, als Spanischlehrerin arbeitete und seit 2013 ein Neustadt-Cafe betreibt

    Migrant

    24 – Juan Ariel Luizaga Ruiz, 30 Jahre alter Bolivianer, der seit dem 14. Lebensjahr in Spanien lebte, dort Elektriker lernte und aufgrund der grassierenden Arbeitslosigkeit ohne seine Frau und seinen Sohn nach Dresden kam.

    Gutwillig Migrant, eigentlich Wirtschaftsflüchtling

    23 – Cristina Rosillo López, 37 Jahre alte Spanierin, die als Forschungsstipendiatin zeitweilig an der TU tätig ist, ebenso wie ihr Mann

    Gast

    22 – Miia Kajander, 34 Jahre alte Finnin (Sprachwissenschaftlerin), die seit 15 Jahren mit Mann in Dresden lebt, derzeit als Reisekauffrau arbeitet und u.a. so zitiert wird: „Ich weiß nicht, ob ich in Dresden bleibe, oder ob ich irgendwann nach Finnland zurückgehe.“ Und das scheint Miia aber nicht mehr so einfach. „Denn in Deutschland bin ich die Finnin. Und in Finnland bin ich die Deutsche…”

    Offener Gast-/Migrantenstatus

    21 – Leila Moghadam, 33 Jahre alte ledige Iranerin (Politikwissenschaftlerin), die vor 20 Monaten als Asylbewerberin kam, seitdem auf ihr Verfahren wartet, als Bäckerei-Aushilfe arbeitet und im September eine Konditorlehre beginnt

    Offener Asylstatus, überqualifiziert auf heimischem Ausbildungsplatz

    20 – nicht (mehr?) online

    19 – Hussein Jinah, 57 Jahre alter alleinerziehender indischer Witwer (promovierter Elektroingenieur, diplomierter Sozialpädagoge) und Vorsitzender des Ausländerrates, der noch zu DDR-Zeiten nach Dresden zum Studium kam, keinen Job in Ost und West erhielt, nach Zweitstudium als Streetworker arbeitete und jetzt als freigestelltes Mitglied im Personalrat der Stadtverwaltung tätig ist.

    Migrant

    18 – Alina Urbanek, 48 Jahre alte Ukrainerin (Hütteningenieurin), die kurz nach der Wende der Liebe wegen nach Dresden kam, als Arbeitslose Friseuse lernte, seit 15 Jahren selbständig ist und sich mit Mann und zwei Kindern in der Neustadt engagiert.

    Migrant; zuvor überqualifiziert auf heimischem Ausbildungsplatz

    17 – Ali Habiballah, 47 alter lediger Palästinenser mit israelischem Pass (Wirtschaftsinformatiker), der 1990 zum Studium nach Dresden kam, seit 15 Jahren das „Cafe 100“ betreibt und Mitglied der Grünen ist.

    Migrant

    16 – Jason Beechey, 44 Jahre alter lediger Kanadier, der als Tänzer in Russland, USA, England und Belgien arbeitete und seit 2006 Rektor der Palucca-Schule ist.

    Migrant/Gast (?)

    15 – Andreas Sauerzapf, 41 Jahre alter Österreicher, der seit 2010 mit befristeten Verträgen an der Staatsoperette singt. Beitrag mit Restaurantwerbung

    Gast

    14 – Olga Kratka, 38 Jahre alte ledige, vielsprachige Ukrainerin, die Jura studierte, nach unklarer Biographie in Dresden landete, sich bei Schaustellerfamilie Müller-Milano verdingte und seit 2010 Geschäftsführerin des „Dresdner Weihnachts-Circus“ ist. Beitrag mit Zirkuswerbung

    Migrant

    13 – Igor Skalazki, 48 Jahre alter Moldawier, der als Sportlehrer international arbeitete, seit unklarem Zeitraum Kampfsportlehrer im Sportclub „K1-Dresden“ ist und mit moldawischer Frau und 2 Kindern in Meißen lebt

    Migrant

    12 – Lilia Babina, 52 Jahre alte Ukrainerin, die 1998 – 2004 an der Semperoper tanzte, seitdem eine eigene Ballettschule leitet und mit Mann in Dresden lebt

    Migrant

    11 – Babak Nayebi, 53 Jahre alter lediger Iraner, der (1986 in die BRD ausgereist) 1993 in Dresden Malerei zu studieren begann und seitdem als freischaffender Künstler lebt.

    Migrant

    10 – Gert Scharf, 57 Jahre alter Kölner (!!!), der seit 2011 der Dresdner Heilsarmee vorsteht

    ???

    9 – Philip Townley, 22 Jahre alter Brite, der Musik studiert und 2017 nach seinem Abschluss wieder heim will

    Gast

    8 – Michael „Miguel“ Matthes, 55 Jahre alter Berliner (!!!), der Kaufmann lernte, Jahrzehnte in Spanien lebte, zur Finanzkrise zurück nach Deutschland kam und 2011 in Dresden die Wein- und Tapas-Bar „Barceloneta“ schuf.

    ???

    7 – Lela Mtchedlishvili, 30 Jahre alte Georgierin (Restauratorin), die – ledig und schwanger – seit 2014 in Dresden bei einem Kunstprojekt mitmacht und Asyl beantragte „weil mir in Georgien Gewalt angetan wurde“, mehr will Lela darüber nicht sagen.

    Offener Asylstatus

    6 – Rao Fu (36) und seine Frau Yini Tao (36), Chinesen, die seit 2003 in Dresden Kunst studierten, 2008 heirateten und ein „Studio für chinesische Kultur“ leiten

    Migranten

    5 – Vanessa Bruno, 39 Jahre alte Spanierin, die in Spanien Romanistik und Literaturwissenschaften studierte, nun an der TU auch Romanistik und Literaturwissenschaften lehrt, mit ihrem mexikanischen Mann die Eismanufaktur „Pau Pau“ betreibt und mit ihren Kindern in der Neustadt wohnt. Beitrag mit Eiswerbung

    Migranten (?); Gäste

    4 – Maria Luisa Tapia de Kordt, 48 Jahre alte Nicaraguanerin, kam 1990 zum Studium nach Dresden, bleibt wegen die Liebe, betreibt seit 2003 den lateinamerikanischen Laden „El mercadito“ auf dem Bischofsweg, wohnt mit Mann und 2 Kindern in der Neustadt

    Migrantin

    3 – Sylwester Wydra, 37 Jahre alter Pole, der als Steyler Missionar seit 2014 Pfarrer in der katholischen Kirche St. Marien in Cotta ist.

    Gast ???

    2 – Aleh „Oleg“ Antonenka, 30 Jahre alter Weißrusse, der – als rückkehrender Garnissonssohn –  „Wirtschaft“ studierte und als „Assistent der Geschäftsführung im Unternehmen „Sushi & Wein“ von Wolfgang Förster“ arbeitet. Der musste ein Bruttoeinkommen von 37.752 Euro pro Jahr nachweisen sowie, dass sich kein geeigneter Arbeitnehmer auf dem heimischen Arbeitsmarkt gefunden hatte und Oleg dank besonderer Qualifikation unentbehrlich für das Unternehmen ist. Kein Kommentar.

    Migrant (???)

    1 – Younes Bahram, 47 Jahre alter syrischer Kurde, der 1985 zum Studium nach Dresden kam, Radiologie an der TU studerite, danach Politikwissenschaften und Soziologie, später als medizinisch-technischer Assistent arbeitete, Dolmetscher und Journalist wurde und heute eine Basar betreibt sowie mit Familie in Stetzsch wohnt.

    Migrant

    Mir reichts!

    Gleich drei Fälle journalistischer Manipulation sind mir heute morgen binnen weniger Stunden aufgefallen.

    I) Mit Ausnahme der Passage „…als Aktivisten der Bewegung am helllichten Tag die verhasste EU-Flagge vom Fahnenmast auf dem Stadtschloss holten und das ganze auch noch in einem Video dokumentierten“ geht es in diesem Text nicht ein einziges Mal um Worte oder Taten der IB – und diese Aktion ist wahrlich keiner Erwähnung wert; nebenbei: wie kommt der Autor zur Wertung “verhasst”?. Am Ende dann aber taucht dieser behauptende Satz auf: „Wer beim Thema Rassismus auf Ruhe setzt, der schafft nichts anderes als ein ruhiges Hinterland für Rechtsextremisten.“ Wo aber geht es in diesem Text um „Rassismus“??? Und wo um Rechtsextremismus???

    II) Man rechne einfach mal die Prozentzahlen dieses Artikels zusammen, vor allem bei den Sprachkenntnissen.

    Info-Grafik soziokulturelle Flüchtlingsintegration. Quelle: http://www.welt.de/wirtschaft/article142840681/Fluechtlinge-mit-Ausbildung-sollen-bleiben-duerfen.html

    Info-Grafik soziokulturelle Flüchtlingsintegration. Quelle: http://www.welt.de/wirtschaft/article142840681/Fluechtlinge-mit-Ausbildung-sollen-bleiben-duerfen.html

    III) Der mdr hat sich der Hörerfrage angenommen, warum „fast nur männliche Asylbewerber“ nach Deutschland kommen. Im Teaser heißt es „Wir haben recherchiert und sind einem typischen Betroffenen begegnet.“ Es geht um einen 45jährigen verheirateten palästinensischen Bauingenieur aus dem Gaza-Streifen, der Frau und 2 Kinder zurückließ, hier Asyl beantragte und dessen Haus dreimal zerstört worden sei – er habe es bis dato auch dreimal wieder aufgebaut.
    - Die Personalisierung ist schon darum manipulativ, da (wie aus dem Text selbst hervorgeht!) der Männeranteil bei 18- bis 35-Jährigen knapp 75 Prozent beträgt – ein 45 jähriger Verheirateter ist nicht typisch, aber besser zum Emotionalisieren geeignet: die zurückgelassene Familie lebt jetzt offenbar in Ruinen.
    - Sie ist manipulativ, da “Palästina” in der Liste der Hauptherkunftsländer von Asylbewerbern in Deutschland unter den ersten 10 Plätzen (2015) gar nicht auftaucht – hier führt in dieser Reihenfolge Syrien vor dem Kosovo und Albanien.
    - Sie ist auch darum manipulativ, weil außer dem Schluss, dass es der Mann offenbar leid ist, in einem Gebiet des Nahostkonflikts zu leben, keinerlei Asylgründe mitgeteilt werden. Wären unsere Vorfahren immer ausgewandert, weil deren Häuser zerstört wurden…
    - Sie ist erst recht manipulativ ob des Satzes „In traditionelleren Gesellschaften kommt hinzu, dass Familien oft einen Sohn aussuchen, um alleine vorauszugehen.“ – hier aber geht es um den Vater.
    - Und sie ist manipulativ, da ein Hochschulabsolvent mit zudem „künstlerischer Zweitqualifikation“ die Ausnahme darstellt (warum eigentlich wird sein „hochqualifizierter Beruf als Bauingenieur“ betont, sind unsere Ingenieure nicht hochqualifiziert?). Allein laut dem aktuellen Bildungsbericht 2014 haben allein unter den 30- bis 35-jährigen Migranten fünf Mal so viele keinen allgemeinbildenden Schulabschluss und drei Mal so häufig keinen beruflichen Bildungsabschluss wie gleichaltrige Deutsche (u.a. hier und hier).
    Mit einem Wort: UNSÄGLICH!

    Wofür es seit 2009 ein Rechercheteam beim mdr gibt, weiß sicher niemand zu beantworten. Und warum wir immer noch solcherart “Journalismus” mit unseren Gebühren zwangsalimentieren, auch nicht.

    Ältere Artikel »