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Herzlich willkommen!

Als AfD-Landtagsfraktionspressesprecher und Freier Journalist für konservative Medien blogge ich unregelmäßig Betrachtungen zu Interessantem und Wissenswertem aus politischer und Alltagskultur. Ich schreibe regelmäßig für „Zuerst“ und habe unter dem Titel „Negerkuss und Nazistuss“ eine eigene Kolumne beim Tumult-Blog.

Als Bildungsbürger kommentiere/rezensiere ich vielerlei kulturelle Phänomene – vom Roman über den Musikergeburtstag bis zum Regisseurstod.

Als Dozent und Mitglied im Landesfachausschuss Bildung informiere ich Sie auf meiner Webpräsenz auch über meine Aktivitäten rings um die Themenkreise Hochschule, Wissenschaft Medien und Kultur.

Und als Mensch lasse ich Sie gern an meinen freizeitlichen Aktivitäten teilhaben, zu denen nicht zuletzt Kochen gehört 😉

Warum gerade Betrachtungen?

Ich empfinde dieses Genre – eine Meinungsdarstellungsform übrigens – als eins der zeitgemäßen schlechthin.

Eine Betrachtung soll durch Beschreibungen und Schilderungen, Vergleiche und Annäherungen bis hin zur Analyse einem Ereignis, einer Situation, einem Gegenstand oder auch einem (gesellschafts-) politischen Problem Individualität verleihen: Recherche darf in gewissem Maße substitutiert werden durch Subjektivität.

Die Betrachtung ist durchaus mit derselben eines Kunstwerks in einer Ausstellung vergleichbar: man wählt zunächst die Gesamtschau und wechselt dann zu einzelnen Aspekten.

Dabei ist dem Genre eigen, dass die Prioritäten dieser Aspekte oft im Vagen bleiben: aus der Betrachtung erwächst ein Gedanke, der das formale Ziel darstellt.

Der Gegenstand darf dabei Randerscheinung eines größeren Zusammenhangs bleiben: „die Bedeutung des Unbeachteten birgt den Kern ihrer Aussage“ (Degen 2004).

Viel Spass beim Lesen – und natürlich beim Kommentieren!

Die Bundesregierung fördert den „Kampf gegen Rechts“ mit sage und schreibe einer Milliarde Euro. Mit ideologischen Worthülsen sollen alle Kritiker und Andersdenkenden mundtot gemacht werden.

Meine neue Tumult-Kolumne, die gern verbreitet werden kann.

Der Stubenhocker

Als er einmal in Deutschland eine Rede hielt und aufgefordert wurde, Hochdeutsch zu sprechen, entgegnete er: „Ich kann nicht höher!“ Ganz selbstverständlich flossen in seine Texte Helvetismen ein. Legendär ist der Dialog zwischen Kaiser Romulus und Kammerdiener Pyramus im Theaterstück Romulus der Große, den er einfügte, nachdem sich ein Schauspieler über den Ausdruck „Morgenessen“ statt „Frühstück“ mokiert hatte. Als 1985 sein Roman Justiz im Stern vorabgedruckt wurde und man die Helvetismen aus dem Text strich, kam es sogar zum Prozess. Spätestens damit erhielten sie die höheren literarischen Weihen – und fanden wie „Kondukteur“ oder „Pneu“ auch den Weg in den Duden, wo sie als „schweizerische Variante“ gekennzeichnet sind: der Wortschöpfer als Sprachlehrer.

Er bewegte sich ungern, sah sich selbst als Stubenhocker. Die allermeiste Zeit saß er nur in seinem Arbeitszimmer und schrieb oder zeichnete. Ein Solitär und Solodenker, der sich immer über die Frauengeschichten seines Kollegen und Freundes Max Frisch pikiert zeigte – aber auch selbst welche hatte. Der Suizidversuch seiner ersten Frau Lotti nach einem dieser Seitensprünge nahm in mehr mit als er sich eingestehen wollte.  Als sie, die ihm drei Kinder gebar, 1983 starb, stürzt ihn der Tod in tiefe Verwirrung, er hält ihn auf kindliche Weise für einen bösen „Streich“, den ihm Lotti gespielt hat, für eine Art böswilliges Verlassen des gemeinsamen Ehestandes. Aus Ratlosigkeit, Verdüsterung und aus der Verfinsterung seiner Lebensumstände rettet er sich 1984 durch die Ehe mit der Journalistin und Schauspielerin Charlotte Kerr. Die zweite Ehe wird zu einer Wiedergeburt des Autors. Ein neuer Alltag, neue Beziehungen und neue Einsichten lösen einen Kreativschub aus.

Überhaupt – Kreativität. Ein Dörfler, geprägt von der Kindheit im Emmental, der sich schon dort als dicklicher Außenseiter empfindet und von den Mitschülern geprügelt wird. Seiner geordneten, kleinkarierten Wirklichkeit setzt er früh, wild um sich malend und dichtend, die Eigenwelt seiner überbordend monströsen, apokalyptischen Phantasie entgegen. Er fühlte sich als Kind oft eingesperrt in ein undurchschaubares Labyrinth, wie der Minotaurus, der nicht weiß, was auf ihn zukommt – eines der wichtigen Motive des bildenden Künstlers: „Zeichnen war für mich eine Abwehr, ein Umfunktionieren, ich konnte dann das irgendwie bildlich darstellen. Was hab ich gezeichnet? Ich habe immer Katastrophen gezeichnet, ich habe immer Kriege gezeichnet, ich hab immer Sintfluten gezeichnet.“ In guter Laune verewigt er sich als Erwachsener zeichnerisch sogar auf Weinflaschen – im Selbstporträt als „Minoromulus“, als Mischwesen aus „Romulus dem Großen“ und dem „Minotaurus“, das kräftig den Darm entleert.

Friedrich Dürrenmatt. Quelle: https://www.deutschlandfunk.de/media/thumbs/2/2938e248734c84b4735632f46816485av1_max_755x425_b3535db83dc50e27c1bb1392364c95a2.jpg?key=5e0170

Wenig Verständnis findet seine Welt beim Vater, einem Pfarrer und Gelehrten. Beide Eltern, erinnert sich seine jüngere Schwester Verena, seien ausgeprägte Persönlichkeiten gewesen, die ihre Welt gelebt haben, „wir waren ja eigentlich draußen und hatten unsere eigene zu entdecken“. Die Rebellion gegen den Vater führt zeitweise zu einem „nebulösen Parteinehmen für Hitler“, befindet sein Biograph Peter Rüedi, dessen Aufstieg anfangs noch als Gegenkraft zum Kommunismus von beiden Dürrenmatts gemeinsam mit Sympathie verfolgt wird. Das ändert sich beim Vater, der den Führer des Dritten Reiches zunehmend als Antichristen wahrnimmt, während der Sohn ihn als „Schutz gegen die väterliche Welt des Glaubens“ verwendet. Außerdem gefällt er sich von Anbeginn in der Rolle des Außenseiters und des provokanten Bürgerschrecks – laut Rüedi war er germanophil, aber kein Nazi, und am Ende seines Lebens gar linksliberal: Friedrich Reinhold Dürrenmatt, der vor 100 Jahren, am 5. Januar 1921 im kleinen Städtchen Konolfingen zur Welt kam.

Weltveränderer sind Narren

1935 zieht die Familie nach Bern, wo der Vater Pfarrer am Salemspital wird und Friedrich das Gymnasium besucht. Der Vater wollte, dass sein Sohn nach dem Abitur 1941 Theologie studiert, doch Friedrich hatte beschlossen, Maler zu werden. Doch zu einem Kunststudium kam es nie – seine magisch-surrealen Bilder stießen auf Ablehnung: „Das war eine Zeit, da ganz Bern impressionistisch malte; der Expressionismus existierte nicht“. So belegte er Theologie, Philosophie und Literatur; Homer und Aristophanes, Kierkegaard und Kafka werden ihm wichtig. Zwischendurch setzt er das Studium in Zürich fort, kehrt aber im Mai 1943 nach Bern zurück, wo er auch noch Psychologie, Nationalökonomie und Philosophie studiert. Parallel leistet er in jener Zeit den militärischen Hilfsdienst ab und vor allem – er malt und schreibt: Prosa, Lyrik, Dramatik, allesamt später veröffentlicht. Der Gedanke an einen künstlerischen Beruf beherrscht ihn. In Bern wohnte er bei seinen Eltern in einer Mansarde, die er mit großen Wandbildern ausstattete, die später übertüncht und erst Anfang der neunziger Jahre entdeckt, freigelegt, restauriert und zugänglich gemacht wurden.

Am 5. Januar 1945, als Hilfssoldat in einem Schweizer Grenzbataillon, fällt er die Entscheidung, als Autor zu arbeiten, und bricht nach 10 Semestern das Studium ab, ohne seine geplante Dissertation zu Søren Kierkegaard auch nur anzufangen. 1946 heiratet er Lotti und betritt 1947mit Getöse  die Bühne des Schauspielhauses Zürich. Die Premiere seines turbulenten Wiedertäufer-Spektakels Es steht geschrieben führt zu einem solchen Skandal, dass man sich in Zürich für etliche Jahre an kein neues Werk des Szenen-Berserkers wagt. „Die Welt rast dem Nichts entgegen, und Friedrich Dürrenmatt schreibt als Zeremonienmeister das Protokoll dazu“, fasst Roman Bucheli in der NZZ die literarische Existenz Dürrenmatts zusammen. Zeitlebens hat Dürrenmatt weiter gezeichnet, oft bedauerte er auch, nicht Maler geworden zu sein. Er hatte auch außerhalb der Schweiz viele Ausstellungen.

„Die Welt der Atlasse“ (Ausschnitt, 1965 – 1978). Quelle: https://www.duerrenmatt.net/fukushima-h5n1-und-jimmy-carter-durrenmatts-chilling-words/

Zuerst findet er im Theater seine Bestimmung. Hier konnte er Bilder auf die Bühne bringen und zugleich philosophische Denkmodelle mit handelnden Personen entwerfen. Mit 35 Jahren erlebte Dürrenmatt den Durchbruch. Die tragische Komödie Der Besuch der alten Dame wurde 1956 ein Welterfolg. Überall verfolgten die Zuschauer seine düstere Spielanordnung: Was würde geschehen, wenn ein Mensch – wie die alte Dame Claire Zachanassian – eine Milliarde für einen Mord böte? Und was, wenn die Formel zur Vernichtung der Welt in falsche Hände geriete, wie in Die Physiker? Auch dieses Stück, das 1962 uraufgeführt wurde, nannte Dürrenmatt eine Komödie, denn seiner Überzeugung nach konnten nur noch Komödien den grotesk-horrenden Zustand der Welt im Zeitalter der Atombombe abbilden: „Das Komödiantische ist meine dramaturgische, ich möchte fast sagen, wissenschaftliche Methode, mit der ich mit den Menschen experimentiere, um Resultate zu erhalte, die mich allerdings oft selber verblüffen.“

Kafka steht bei Dürrenmatt ebenso Pate wie Wedekind und Nestroy. In seinen politischen Themen wurde er auch von Bertolt Brecht inspiriert, aber anders als Brecht trieb Dürrenmatt seine Stoffe stets in die Groteske. Dürrenmatt lässt die Zuschauer lachen – und dann in den Abgrund blicken, der für ihn die Welt bedeutete. Seine Themen sind wahrlich nicht gemütlich: Prediger, Idealisten und zynische Mörder ringen in seinen Theaterstücken um Wahrheit und Macht. Seine Kriminalromane und Hörspiele handeln von meist ungesühnten Verbrechen, davon, wie man jemanden in einen Mord hineintreiben kann – oder in eine Schuld, wie in dem frühen Hörspiel Der Doppelgänger. Für Dürrenmatt sind Weltveränderer Narren, denn sie sind nicht nur ohne Erfolg, sondern auch der kleinste Zufall kann die menschlichen Bestimmungen zunichtemachen. Mit seiner literarischen Darstellungsweise als ein Gegenbild zur Realität verfolgte er moralische Zwecke, um die Menschen in ihrem Bewusstsein der Freiheit zu sensibilisieren. Einige seiner Theaterstücke wurden fest eingeplant in die Schullektüre. Im Porträt eines Planeten (1967) wird die Weltgeschichte zum Schlachthaus.

„Buhrufe statt Applaus“

„Wie besteht der Künstler in einer Welt der Bildung“, fragt er listig, als er sich nach besserem Verdienst umtut. „Vielleicht am besten, indem er Kriminalromane schreibt, Kunst da tut, wo sie niemand vermutet.“ 1950 erscheint Der Richter und sein Henker als Fortsetzungsroman in Der Schweizerische Beobachter und erreicht bis heute eine weltweite Auflage von rund 7 Millionen Exemplaren. Dürrenmatts Themen auch der folgenden Kriminalromane sind die des ketzerischen Protestanten; es geht stets um Schuld und Verrat, die unmögliche Gnade und die unmögliche Gerechtigkeit auf Erden. Die Welt erscheint Dürrenmatt als Paradoxon, als Absurdum, als faszinierende Sinnlosigkeit.

Filmplakat zur Adaption von „Das Versprechen“. Quelle: https://www.anankesreich.de/wp-content/uploads/2014/10/esgeschahamhellichtentag.jpg

In den nächsten Jahren publiziert er weitere Kriminalromane, die seinen Weltruhm mit begründen, etwa Der Verdacht (1953). Herausragend ist dabei Das Versprechen (1958). Für Rüedi ist das Buch, in dem ein pensionierter Kommissar einen von seiner Ehefrau traumatisierten Mädchenmörder sucht, der seine Opfer mit Schokolade anlockt,  ein „Meisterwerk über den Zufall.“ Der Stoff wird noch im Erscheinungsjahr unter dem Titel Es geschah am helllichten Tag mit Heinz Rühmann in der Rolle des Kommissars Matthäi und Gert Fröbe als Triebtäter Schrott verfilmt; Sean Penn dreht 2001 mit Jack Nicholson als Kommissar ein vielbeachtetes Remake.

Dürrenmatt schrieb unermüdlich weiter: Frank der Fünfte (1959), Der Meteor (1966), unternahm Reisen nach London, Mailand, Paris und Stockholm und erhielt zahlreiche Preise. So den „Hörspielpreis der Kriegsblinden“ für Die Panne (1957), den „Prix Italia“ für das Hörspiel Abendstunde im Spätherbst (1958) und den Preis der Schillerstiftung . 1968 hält Dürrenmatt den „Monstervortrag über Gerechtigkeit und Recht” in Mainz, im selben Jahr bekommt er den Grillparzer-Preis. 1973 scheiterte Friedrich Dürrenmatt spektakulär. Für sein Stück „Der Mitmacher“ gab es am Zürcher Schauspielhaus Buhrufe statt Applaus. Mit dieser Niederlage begann für Dürrenmatt eine langsame Abkehr vom Theater und eine komplette Hinwendung zur Prosa.

Er beginnt mit der Arbeit an den Stoffen und versucht eine umfassende Darstellung der Geschichte seiner Schriftstellerei zu schaffen – ein Werk, das sich keiner gängigen Literaturgattung zuordnen lässt: Teils Autobiografie, teils Erzählung, teils philosophische Reflexion. Es entstehen die Stoffe I – III (Labyrinth) und IV – IX (Turmbau). An dem Projekt arbeitet Dürrenmatt bis zu seinem Tod. Weitere erwähnenswerte Werke sind unter anderem Ein Engel kommt nach Babylon (1954), Herkules und der Stall des Augias (1954), Die Panne (1956), Frank der Fünfte. Oper einer Privatbank (1960), Der Mitmacher (1976), Durcheinandertal (1989) oder Midas oder die Schwarze Leinwand (1991).

Den inzwischen erworbenen Wohlstand weiß er zu genießen. Seine seit jeher bestehende Leidenschaft für Wein pflegt er nunmehr im großen Stil des Kenners. Es entsteht im Laufe der Jahre ein legendärer Weinkeller, nachdem er für diesen Luxus durch den Bau seines zweiten Hauses (1965) im großen Luftschutzkeller Platz geschaffen hat. Schon früh hat er sich mit Vorliebe an roten Bordeaux gehalten. Auch nach einer durchzechten Nacht war er spätestens morgens um neun wieder an der Arbeit. Er hat auch die Auffassung vertreten, dass sein Diabetes, an dem er seit Jahrzehnten litt, und der Anfälle von Müdigkeit und von Verstimmungen zu Folge hatte, für seine Arbeit förderlich sei. Er betrachtete die Krankheit als Widerstand, den er überwinden musste.

Dürrenmatt widmete ihr «Die Physiker»: Therese Giehse (vorne) als Irrenärztin. Uraufführung im Schauspielhaus Zürich 21.2.1962. Quelle: https://tageswoche.ch/wp-content/uploads/2012/02/imagescms-image-000040154-760×427.jpg

Seine Texte sind nicht Ausdruck seiner Persönlichkeit, wie bei den meisten Schriftstellern. Er ist ein Beobachter der Welt aus sicherer Distanz und hält dem Leser von dieser Welt das verzerrte Spiegelbild vor. Er war Ehrendoktor in den USA, Frankreich und Israel und ging mit seinen Kritikern nicht gerade sanft um. Selbst in seine Werke baute er Entgegnungen ein, etwa in der Dichterdämmerung (1980), in der er unter anderem Hellmuth Karasek, Joachim Kaiser oder Marcel Reich-Ranicki abfertigte. Am 14. Dezember 1990 stirbt Friedrich Dürrenmatt an den Folgen eines Herzinfarkts in Neuenburg. 1998 hat der Diogenes Verlag eine auf 37 Bände erweiterte Werkausgabe veröffentlicht.

Der Friedensgeneral

Selbst wenn er es nicht wollte: Er musste immer der erste sein. Der erste, den das Time Magazin zweimal zum Mann des Jahres kürte: 1943 und 1947. Der erste militärische Führer, der in den USA das Außenministerium leitete. Der erste General, der als vielfach prämierter Weltkriegsveteran von Senator Joseph McCarthy – der in der nach ihm benannten McCarthy-Ära vielerorts Kommunisten am Werk wähnte – als Verräter und „Helfer der Kommunisten auf ihrem Weg zur Weltherrschaft“ verdächtigt und beschimpft wurde. Und er war auch der erste Soldat, der den Friedensnobelpreis erhielt: George C. (Catlett) Marshall. Am 31. Dezember 1880 kam er in Uniontown, Pennsylvania, als Sohn eines wohlhabenden Kohlenhändlers zur Welt.

Die Familie konnte auf eine lange patriotische Linie zurückblicken, die einen Obersten Bundesrichter der USA einschloss. Obwohl er kein besonders guter Schüler war, erregten das Fach Geschichte seine Aufmerksamkeit – und illegale Hahnenkämpfe. Sein Vater hat seinen älteren Bruder Stuart und seine jüngere Schwester Margaret, eine bei weitem bessere Schülerin, stets bevorzugt. Nach einer unspektakulären Mittelschichtsjugend schlug er eine militärische Laufbahn ein und wurde von 1897 bis 1901 am Virginia Military Institute VMI ausgebildet. Er war ein „großer, schlanker, gutaussehender 20-Jähriger mit stechenden blauen Augen und einer gewissen Zurückhaltung“, wusste der Bostoner Historiker Lance Morrow. Stuart, der 1894 am VMI seinen Abschluss gemacht hatte, war gegen diese Wahl. Die beiden Brüder kamen nicht miteinander aus. Marshall erinnerte sich: „Ich hörte, wie Stuart mit meiner Mutter sprach und sie überreden wollte, mich nicht gehen zu lassen, weil er meinte, ich würde dem Familiennamen Schande bereiten. Das hat mich mehr beeindruckt als alle Lehrer, elterlicher Druck oder anderes. Ich beschloss an Ort und Stelle, ihn auszustechen.“

G.C. Marshall. Quelle: https://www.marshallfoundation.org/marshall/wp-content/uploads/sites/22/2020/04/Marshall-portrait-600×705.png

1902 trat er in die US Army ein und heiratete seine Jugendliebe Elizabeth Carter Coles. Die Ehe bleibt aufgrund einer Herzkrankheit „Lilys“ kinderlos. 1907 wurde er Captain First Lieutenant und bekleidete bis zum Ersten Weltkrieg verschiedene Positionen in den USA – er kartographierte den Südwesten von Texas – und auf den Philippinen: Hier sollte er vergeblich die gewaltsame Kolonialisierung durch Japan verhindern. Ab 1914 plante er sowohl Ausbildungs- als auch militärische Operationen, wurde 1916 zum Captain und 1917 zum Major befördert, kam im selben Jahr nach Frankreich und arbeitete ab 1918 im Hauptquartier der US-amerikanischen Expeditionsstreitkräfte. In Fort Douglas (Utah) machte der Kommandeur, Oberstleutnant Johnson Hagood, Marshall 1916 ein bemerkenswertes Kompliment in seiner Beurteilung: „Dieser Offizier ist sehr gut qualifiziert, in Kriegszeiten im Rang eines Generalmajors eine Division zu befehligen, und ich würde sehr gerne unter ihm dienen.“ Als Generalstabschef der 1. Armee war er maßgeblich an der Planung und Organisation der Meuse-Argonne-Offensive im Herbst 1918 in der Nähe von Verdun beteiligt, die Deutschland zu einem Friedensangebot zwang. Zu seinen Erfolgen zählten unter anderem die Verschiebung von 400.000 US-Soldaten, 3000 Kanonen, 40.000 Tonnen Munition und 90.000 Pferden über eine Entfernung von 100 Meilen.

„meine zitternden Hände zu halten“

1919 wurde er Adjutant von Sechs-Sterne-General John Pershing, organisierte die Besetzung des Rheinlands durch US-Truppen und konzentrierte sich, inzwischen Lieutenant Colonel, bis 1924 auf Ausbildung und Lehre in moderner mechanisierter Kriegführung. Bis 1927 war er als Befehlshaber des 15. Infanterie Regiments in Tientsin in China stationiert. Der Tod seiner Frau durch Herzinfarkt im letzten Jahr des Fernost-Aufenthalts traf ihn sehr. Bis 1932 war er an der US-Infanterie-Schule in Fort Benning als stellvertretender Kommandeur zuständig für die Ausbildung. Hier erwarb Marshall auch den Ruf, Offiziere skrupellos zu beurteilen und sogar die erfahrensten Männer zugunsten junger Offiziere zu entlassen, die seines Erachtens ein modernes Heer führen konnten. Dieser Ruf wurde später zu einer bisweilen traurigen Heereslegende.

In dieser Zeit heiratete er 1930 Katherine Boyce Tupper, die aus ihrer ersten Ehe drei Kinder mitbrachte und ihm damit seinen Wunsch nach einer Familie erfüllte. Seine Enkelin Kitty Winn gewann 1971 in Jerry Schatzbergs „The Panic in Needle Park“ die Goldene Palme als beste Darstellerin. 1933 wurde Marshall Colonel, 1936 Brigadier General und 1938 Leiter der Abteilung für Kriegsplanung im US-Kriegsministerium. Als sich Brigadegeneral Marshall im Kriegsministerium in Washington zum Dienst meldete, begrüßte ihn Stabschef Craig, ein alter Freund aus dem Ersten Weltkrieg, mit den Worten: „Gott sei Dank, George, dass Sie gekommen sind, meine zitternden Hände zu halten.“

Marshall 1941. Quelle: https://images.squarespace-cdn.com/content/v1/5497331ae4b0148a6141bd47/1514791411371-NTSTS97J135NXWMEPGMO/ke17ZwdGBToddI8pDm48kERAlRbCkGazH9JlzlNLhWgUqsxRUqqbr1mOJYKfIPR7LoDQ9mXPOjoJoqy81S2I8N_N4V1vUb5AoIIIbLZhVYxCRW4BPu10St3TBAUQYVKcM-012eKQk-Gu6Wdb3X6NruQJGUqRPK7kBrOeNl_PeOs1uo5b3xCLDBd7H1daQGyB/geo.jpg?format=1500w

Am 1. September 1939 ernannte ihn Roosevelt zum Generalstabschef des Heeres –  eine Position, die er bis zum Kriegsende innehatte. Er leitet den Aufbau der amerikanischen Streitkräfte, begann mit einem absurd schlecht ausgerüsteten Heer von 174.000 Mann, das an 17. Stelle weltweit hinter Nationen wie Bulgarien und Portugal stand, und machte es zu einer globalen Streitmacht von mehr als acht Millionen Soldaten – einer Armee, ohne die die Alliierten Nazi-Deutschland und Japan nicht hätten besiegen können. „Keine kriegerische Extravaganz, sondern Logistik rettete die Welt in den Jahren von 1939-45, obwohl die Welt vielleicht immer noch nicht reif genug ist, um das zu verstehen“, weiß Morrow.

„Mann des Jahres“

Als Stabschef und wichtigster amerikanischer Kriegsplaner setzt sich Marshall nachdrücklich für eine Initiative der Alliierten gegen die NS-Streitkräfte über den Ärmelkanal ein, und plante die Operation Roundup, die die Vorstufe zur späteren Operation Overlord war, der Invasion in der Normandie am 6. Juni 1944. „Letztlich war es Marshalls meisterhafter Umgang mit den neuen Gegebenheiten – die Notwendigkeit, schnell zu denken und zu improvisieren, im Feld einen sicheren Schnellschussinstinkt zu haben und von hervorragend organisierter Logistik und Kriegsstärke unterstützt zu werden – der ihn zum letzten beherrschenden Genie des Zweiten Weltkriegs machte“, lobt Morrow. Churchill nannte ihn den „Organisator des alliierten Sieges“, im Time Magazine wurde er erstmals „Mann des Jahres“. 1944 wurde er zum Fünf-Sterne-General des Heeres befördert. Da er selbst nach Ansicht Roosevelts in Washington unentbehrlich ist, setzt er sich dafür ein, dass sein Protegé Dwight D. Eisenhower die alliierten Streitkräfte in Europa anführt: „Ich habe das Gefühl, dass ich nachts nicht schlafen kann, wenn Sie nicht im Land sind“, soll Roosevelt gesagt haben.

1945 nimmt er an den Konferenzen von Jalta und Potsdam teil, tritt als Stabschef zurück und wird von Präsident Truman aufgrund seiner Fernost-Erfahrungen beauftragt, als Sonderbotschafter in China im dortigen Bürgerkrieg zu vermitteln. Diese Mission blieb ohne Erfolg, er erkannte er bald, dass Mao Tse-tungs Sieg nicht aufzuhalten war. So wurde er 1947 zurückgerufen und unter Präsident Truman als erster militärischer Führer in den USA Außenminister. Das Time Magazine erkor ihn zum zweiten Mal zum „Mann des Jahres“.

Time-Cover. Quelle: https://img.timeinc.net/time/magazine/archive/covers/1948/1101480105_400.jpg

Marshall weist seine Mitarbeiter an, ein Programm für den wirtschaftlichen Wiederaufbau Europas, das European Recovery Programm (ERP), zu konzipieren, das er am 5. Juni in einer historischen Rede vor den Absolventen der Havard-Universität vorstellt – anlässlich der Verleihung der Ehrendoktorwürde. Die Ehre, erzählte Universitätspräsident James B. Conant den 8.000 Anwesenden im Hof der Universität, ging an „einen Amerikaner, dem die Freiheit andauernde Dankbarkeit schuldet, einen Soldaten und Staatsmann, dessen Fähigkeit und Charakter nur mit einem Mann in der Geschichte dieser Nation vergleichbar ist.“ Mit dem Vergleich war George Washington gemeint.

Marshall misstraute Eloquenz. Er sagte, er könne schlecht mit Worten umgehen und dachte, ein Offizier solle sich durch seine Taten ausdrücken. Er blickte auf den Hof von Harvard, rückte seine Lesebrille zurecht und begann: „Ich muss Ihnen nicht sagen, dass die Lage der Welt sehr ernst ist…“ Damit legte Marshall das europäische Gesundungsprogramm dar, oder – wie alle es bald nannten – den Marshallplan. Als der Kalte Krieg begann, leitete er ein Programm in die Wege, das Westeuropa vor dem wirtschaftlichen und politischen Chaos und dem Totalitarismus retten würde, der China und die Ostblockländer erfasste.

„der letzte große Amerikaner“

Aus dem Außenministerium zog er sich 1949 zurück und wurde nun Präsident des Amerikanischen Roten Kreuzes. 1950 wurde das George-C.-Marshall-Haus auf dem Gelände der Messe Berlin im Rahmen der ersten Deutschen Industrieausstellung eröffnet. Das von Bruno Grimmek entworfene Gebäude beherbergt einen Kino- sowie einen Ausstellungssaal. Im selben Jahr wurde er zum Verteidigungsminister ernannt, zog sich jedoch am 12. September 1951 nach den Vorwürfen McCarthys für immer aus der Politik zurück. 1953 erhielt er für den Marshallplan den Friedensnobelpreis, 1959 den Karlspreis. Zu dieser Zeit war Marshalls Gesundheit schon rapide verfallen, er wurde taub und litt an Gedächtnisschwund. Während er im Walter-Reed- Militärkrankenhaus in Washington lag, erlitt er mehrere Schlaganfälle. Stellvertretend für ihn nahm seine Frau Catherine die Auszeichnung am 4. Mai 1959 entgegen. Im selben Jahr starb der langjährige Freimaurer und wurde auf dem Nationalfriedhof Arlington beigesetzt.

Marshall-Denkmal in Wien. Quelle: https://www.geschichtewiki.wien.gv.at/images/8/82/Denkmal_George_Catlett_Marshall%2C_1220_Am_Kaiserm%C3%BChlendamm_1-5.jpg

Morrow nannte ihn den „letzten großen Amerikaner“. Er hat in seiner 50-jährigen Laufbahn acht Präsidenten gedient. In der Historischen Rangordnung der höchsten Offiziere der Vereinigten Staaten wird er auf dem hohen 15. Rang geführt. 1994 wird das George C. Marshall Europäisches Zentrum für Sicherheitsstudien als „Marshall Center“ in Garmisch-Partenkirchen eingeweiht. Die historische Leistung des „Friedensgenerals“ war der Plan, den Präsident Truman am 3. April 1948 in Höhe von 12,4 Milliarden Dollar unterzeichnete. In den Vereinten Nationen und anderen internationalen Organisationen hatte sich Marshall für Verträge mit den besiegten Mächten eingesetzt, durch die sie wieder einen Platz als geachtete und gleichberechtigte Mitglieder in der Staatengemeinschaft erhalten sollen. Marshall befürwortet die Wiederbewaffnung Westeuropas, um die Region vor einer möglichen sowjetischen Aggression zu schützen.

Er hatte nicht nur eine Anhörung vor dem Kongress – er reiste durch das Land und erklärte geduldig. Es sei kein kostenloses Programm, sagte er den Geschäftsleuten. Die Länder, die finanzielle Unterstützung wünschten, hatten praktische Vorschläge für die wirtschaftliche Gesundung vorgelegt. Die Hilfe hatte eine zeitliche Begrenzung und eine festgesetzte Obergrenze für die Kosten. Sie würde von einem amerikanischen Geschäftsmann – keinem Bürokraten – verwaltet, und die Rechenschaftspflicht war gesichert. Zweimal in 50 Jahren, erinnerte er die Isolationisten, war Amerika in den Krieg gezogen, um Europa vor der „Beherrschung durch eine einzige Macht“ zu bewahren – ein klarer Beweis dafür, wieviel Europa Amerika bedeutete.

In Deutschland erhielt allein die Kohleindustrie rund 40 Prozent der Marshall-Mittel. Das Konzept war einfach: Firmen, die diese Mittel zur Verfügung gestellt bekamen, sollten diese Darlehen an den Staat zurückzahlen, um hieraus Förderungen für andere Unternehmen zu ermöglichen. Der Marshall-Plan beinhaltete zusätzlich ein technisches Unterstützungsprogramm: Ingenieure und Unternehmer wurden in die Vereinigten Staaten geholt, umgekehrt wurden auch amerikanische Ingenieure nach Europa entsandt. Nach vier Jahren hatte der Plan alle Erwartungen übertroffen. Jedes Mitgliedsland erwirtschaftete ein größeres Bruttoinlandsprodukt als in der Vorkriegszeit. Hunger und Not, unter denen so viele entwurzelte Menschen gelitten hatten, verschwanden fast über Nacht.

Medaille zur Erinnerung an Marshalls Verdienste 1982. Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/George_C._Marshall#/media/Datei:MedalGeorgeMarshall1982.jpg

Nur wenige Jahre danach vereinten sich mit der Unterzeichnung der Römischen Verträge 1957 Belgien, Frankreich, Italien, Luxemburg, die Niederlande und die Bundesrepublik Deutschland zur „Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft“. Mit der wachsenden Entwicklung innerhalb Europas, neu hinzu gekommenen Mitgliedern und dem Vertrag von Maastricht am 1. November 1993 wurde die Europäische Union geschaffen. Ob der Moloch, zu dem die Institution inzwischen mutierte, in Marshalls Sinne gewesen wäre, darf getrost bezweifelt werden.

Wie es lange Zeit um sein Ansehen stand, illustriert treffend der Streit über die „Goldmaske des Agamemnon“, die er 1876 bei Ausgrabungen in Mykene fand. Ernst Curtius, der das historische Olympia ausgegraben hatte, meinte, das Gold der Maske sei viel zu dünn, um einen so mächtigen Herrscher damit auszustatten, und folgerte, dass das Grab aus der byzantinischen Ära stammen müsste. Der Privatgelehrte Ernst Bötticher behauptete sogar, dass er den Schmuck selbst habe herstellen lassen, um ihn heimlich zu vergraben. Aufgrund seines Geizes habe er nicht mehr Gold verwenden wollen. Beide hatten Unrecht – auch wenn sich später herausstellte, dass er nicht das Grab Agamemnons, sondern das eines mykenischen Fürsten einer vorhergehenden Dynastie gefunden hatte.

Glaubt man dem SAT 1- Zweiteiler „Der geheimnisvolle Schatz von Troja“ (2007), ist seine Lebensgeschichte genau das Märchen, das viele auch heute noch mit seiner Person verbinden: Ein Dorfjunge in Mecklenburg verträumt die Tage über Homers Epen. Aus dem versponnenen Buben wird ein kühl rechnender Großkaufmann, der sechzehn Sprachen beherrscht, als deutscher Generalkonsul in Sankt Petersburg amtiert und ein riesiges Vermögen anhäuft. Auf der Höhe des Erfolgs besinnt er sich der Kindheitsträume, entdeckt 1870 Troja, gräbt später, von deutschen und europäischen Gelehrten fortwährend verspottet, Agamemnons Mykene aus und Tyrins, den legendären Fürstensitz des Nestor. In zweiter Ehe heiratet er eine schöne junge Griechin, die ihm bei seiner Arbeit zur Seite steht. Die Krönung ihrer Mühen sind Goldschätze, die sie in Troja und Mykene finden. Er schenkt Trojas Gold dem Deutschen Reich und wird endlich anerkannt.

Heinrich Schliemann. Quelle: https://www.planet-wissen.de/geschichte/archaeologie/troja/tempxtrojagjpg104~_v-gseapremiumxl.jpg

Doch seine Biographie liest sich nicht nur wie ein Märchen, sondern ist es teilweise auch, erfunden und niedergeschrieben von ihm selbst. „Diese ruhmsüchtige Fabulierlust war gekoppelt an die verbissene Buchstabengläubigkeit des Mannes, der – oft wider besseres Wissen – jede Zeile der Ilias beim Wort nahm und so die Wirklichkeit zwang, ihm zu Willen zu sein“, erklärt Dieter Bartetzko in der FAZ. Was nicht in sein Bild der homerischen Epoche und nicht in sein Selbstbild passte, habe er ausgeblendet. In seinem romantischen Fanatismus sei er „ein für jene Ära typischer Deutscher“ gewesen, „ein faszinierendes Gemisch aus Empfindsamkeit und Härte“: Heinrich Schliemann, der am 26. Dezember 1890 starb.

Vom Kaufmann zum Studenten

Der Pastorensohn kam am 6. Januar 1822 fünftes von neun Kindern in Neubukow im Großherzogtum Mecklenburg-Schwerin zur Welt und wuchs in Ankershagen auf. Es sei nicht die Ilias gewesen, sondern „Die Weltgeschichte für Kinder“ von Georg Ludwig Jerrer, die er zu Weihnachten 1828 geschenkt bekam, aus der nach eigenen Angaben sein Entschluss zur Suche nach der antiken Stadt Troja erwuchs. Als die Mutter 1831 nach der Geburt des neunten Kindes starb, kam Heinrich in die Familie seines Onkels, der ebenfalls Pastor war. Als Schliemanns Vater das Schulgeld für das Gymnasium Carolinum in Neustrelitz nicht bezahlen konnte, musste er nach nur drei Monaten den Weg zum Abitur abbrechen und auf die Realschule wechseln. Ostern 1836 begann er eine Kaufmannslehre als Handelsgehilfe in Fürstenberg/Havel und wollte nach Beendigung seiner Lehrzeit zu Ostern 1841 gemeinsam mit einem Schulfreund nach Nordamerika auswandern.

In Rostock erlernt er zunächst Englisch und Buchführung und beschließt, krank und verarmt nach vergeblicher Arbeitssuche in Hamburg, nach Venezuela auszuwandern. Doch vor der holländischen Küste erleidet er Schiffbruch und sucht nun in den Niederlanden sein Glück. Zum Jahreswechsel 1841/42 findet er eine Anstellung als Kontorbote bei der Firma F.C. Quien in Amsterdam und beginnt, sich autodidaktisch Fremdsprachen anzueignen. Auf Englisch, Französisch, Niederländisch, Spanisch, Italienisch und Russisch folgen später u.a. Portugiesisch, Schwedisch, Polnisch und Neugriechisch. Bis zum Beginn seiner Grabungsleidenschaft 1870 erlernt er 16 moderne Fremdsprachen in Wort und Schrift, verwendet sie für Korrespondenzen und Tagebücher und übt sie immer wieder systematisch auf Reisen. Daneben eignet er sich Altgriechisch, Lateinisch, Hebräisch und Sanskrit an. Man vermutet eine Inselbegabung.

Museum im Wohnhaus Ankershagen. Quelle: https://aid-magazin.de/wp-content/uploads/sites/3/2020/06/Schliemann-Museum-Ausstellung.jpg

1844 wird er beim Amsterdamer Handelshaus B.H. Schröder & Co. zunächst Korrespondent und Buchhalter, dann als Handelsagent nach St. Petersburg geschickt. Bereits ein Jahr später eröffnete er dort ein eigenes Handelshaus auf dem Newski-Prospekt und erwarb 1847 die russische Staatsbürgerschaft. Besonders erfolgreich wurde Heinrich im Kolonialwarenhandel, vor allem mit Indigo, Genussmitteln und Industrierohstoffen. Der Briefwechsel mit seinem Bruder Ludwig, der in Kalifornien Goldsucher war, zog ihn 1850 bis 1852 nach Amerika. Er gründete eine Bank für Goldhandel in Sacramento und begann, erfolgreich in amerikanische, später auch kubanische Eisenbahnprojekte zu investieren.

Zurück in Europa heiratete er am 12. Oktober 1852 in der Isaakskathedrale eine russische Kaufmannstochter. Die nach russisch-orthodoxem Ritus geschlossene Ehe führt zu drei Kindern und festigte seine gesellschaftliche Stellung. Sein geschäftlicher Glücksfall sollte der Krimkrieg 1853 – 1856 werden: Unter geschickter Umgehung der Seeblockade lieferte er große Mengen von Munitionsrohstoffen wie Blei, Schwefel und Salpeter über den Landweg an die zaristische Armee und wurde reich. 1855 notierte er an der Petersburger Börse als Kaufmann mit dem höchsten Handelsumsatz und einem Geschäftsvolumen von einer Million Talern. Nach Kriegsende erwägt Schliemann, aus dem Handel auszusteigen, zu reisen, Land zu erwerben und erwähnt erstmals, „das Vaterland meines Lieblings Homer“ besuchen zu wollen.

Bereits 1858/59 unternimmt er Reisen nach Europa und den Nahen Osten. 1861 wird er für drei Jahre zum Richter beim St. Petersburger Handelsgericht gewählt und danach, gemeinsam mit seiner Frau, erblicher Ehrenbürger Russlands. 1864 gab er seinen russischen Wohnsitz auf und ging auf ausgedehnte Studienreisen nach Asien sowie Nord- und Mittelamerika. Im Jahr darauf verfasste er sein erstes Buch und begann mit 42 Jahren 1866 Sprachen, Literatur und Altertumskunde an der Sorbonne in Paris zu studieren. Er nimmt seinen Wohnsitz in der französischen Hauptstadt und erwirbt Mietshäuser im Wert von 1,7 Millionen Francs.

Erfolgreicher Schatzsucher

Im April 1868 begann Schliemann seine erste Forschungsreise nach Griechenland. Zunächst suchte er auf Korfu nach Spuren der Phäaken, bei denen Odysseus laut Homer strandete, und erreichte Ende Juli 1868 Ithaka.  Erstmals versuchte er sich als Ausgräber, heuerte örtliche Hilfskräfte an und suchte neun Tage lang vergeblich nach dem in der Ilias beschriebenen Palast des Odysseus. Anfang August reiste er dann in die Troas, wo er den dort ansässigen amerikanischen Konsul Frank Calvert kennen lernt. Nach intensiven Ortsbegehungen zur vermutlichen Lage der legendären Stadt des Priamos teilte er die Meinung Calverts, dass sich die Burg unter dem Hisarlık verbergen müsse, und beantragte eine Grabungserlaubnis.

Mykenische Schachtgräber. Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Heinrich_Schliemann#/media/Datei:MiceneCircoloTombeReali.jpg

Im September 1868 reiste Schliemann zurück nach Paris und schrieb dort sein Buch „Ithaka, der Peloponnes und Troja“, für die ihm die Universität Rostock 1869 den Doktortitel zuerkennt. Im selben Jahr reiste er in die USA, um die amerikanische Staatsbürgerschaft zu erlangen, mit der er seine damals in Europa unauflösbare russisch-orthodoxe Ehe scheiden lassen konnte. Gleichzeitig ließ er sich von einem befreundeten Athener Erzbischof Fotografien griechischer Heiratskandidatinnen zusenden. Nach seiner Rückkehr nach Griechenland heiratete er die 17-jährige Sophia Engastroménos am 24. September 1869 nach griechisch-orthodoxem Ritus in der Meletios-Kirche in Kolonos, dem Geburtsort des Sophokles. Nach der Hochzeitsreise kehrte das Ehepaar Anfang 1870 nach Athen zurück und bezog zunächst eine Stadtvilla.

Im selben Jahr wählte ihn die griechische philologische Gesellschaft in Konstantinopel zum korrespondierenden Mitglied. Da die Grabungserlaubnis auf sich warten ließ, begann Heinrich illegal mit Hilfsarbeitern im April einen 20 Meter langen und bis zu 3 Meter tiefen Graben auszuheben, der bereits zur Entdeckung mehrerer Siedlungsschichten führte. 1871 begann er nach den Plänen des Architekten Ernst Ziller ein Stadthaus in Athen zu erbauen, das er „Iliou Melathron“ („Palast von Ilios“) nennen, ganz nach der griechischen Mythologie einrichten und zu einem Zentrum der Athener Gesellschaft machen wird. Aus der Ehe mit Sophia gehen zwei Kinder hervor, die er nach Protagonisten der Homerischen Dichtung Andromache und Agamemnon nennt.

Mit der inzwischen erteilten Grabungserlaubnis führt er 1871, 72 und 73 drei Grabungskampagnen in Troja durch. Während der letzten entdeckt er am 31. Mai einen Goldschatz aus Waffen, Vasen, Kelchen und Schmuck, den er „Schatz des Priamos“ nennt und illegal außer Landes schafft. In diesem Schatz sieht er das Beweismittel für die Wahrhaftigkeit Homers und die Existenz des legendären Troja. Tatsächlich ist dieser Grabungsbereich, Troja II, weitaus älter; die „Burg des Priamos“ aus der mykenischen Zeit wird bei späteren Grabungen unter der Leitung seines ehemaligen Assistenten Wilhelm Dörpfeld in einer anderen Schicht verortet. Unstrittig ist aber von nun an, dass sich das legendäre Troja auf dem Berg Hisarlık befindet.

Maske des Agamemnon. Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Goldmaske_des_Agamemnon#/media/Datei:MascheraDiAgammenone.jpg

Mit dem Schatz verfuhr er genauso hemdsärmelig wie mit all seinen Unternehmungen: Obwohl durch die Grabungserlaubnis zur Abgabe verpflichtet, brachte er ihn heimlich über die Grenze nach Athen und schickte an die wichtigen wissenschaftlichen Gesellschaften Europas Depeschen, in denen er seine Entdeckung bekanntgab. Die Türkei verklagte ihn vor einem griechischen Gericht auf die Herausgabe der Hälfte der Funde. Der ein Jahr dauernde Prozess endete mit dem Urteil auf Zahlung von 10.000 Goldfranken. Kulanzhalber zahlte er jedoch 50.000 Goldfranken an das Kaiserliche Museum in Konstantinopel und trat einige weniger bedeutsame Fundstücke ab.

Nachdem sowohl der Louvre als auch die Eremitage einen Ankauf ablehnten, stellte Heinrich den Schatz 1877 bis 1880 in London aus und schenkte ihn auf Initiative seines Freundes Rudolf Virchow, der an vierten Troja-Kampagne 1879 persönlich teilnahm, schließlich 1881 „dem Deutschen Volke zu ewigem Besitze und ungetrennter Aufbewahrung in der Reichshauptstadt“. Gleichzeitig wurde er Ehrenmitglied der Berliner Gesellschaft für Anthropologie, Ethnologie und Urgeschichte und erhielt die Ehrenbürgerschaft der Stadt Berlin. Kaiser Wilhelm I. bedankte sich in einem persönlichen Brief an Schliemann und entschied, dass der Schatz im gerade im Bau befindlichen Museum für Völkerkunde Berlin ständig ausgestellt werden solle.

„Vater der mykenischen Archäologie“

Zwischendurch hatte Heinrich auch in Mykene, wo er die Goldmaske fand, sowie in Alba Longa und Motye in Italien gegraben und war auf eine Vortrags- und Museumsreise durch Europa gegangen. In London erscheint „Mykenae“ mit einem Vorwort des ehemaligen und künftigen britischen Premierministers William Ewart Gladstone. Die englische, deutsche und amerikanische Ausgabe erscheinen gleichzeitig, die französische folgt ein Jahr später. In den USA wird „Mykenae“ 1878 zum Buch des Jahres. 1880 veröffentlicht er „Ilios. Stadt und Land der Trojaner“ mit einem Vorwort von Rudolf Virchow in Leipzig, London und New York und beginnt den Text mit einer „Selbstbiografie“, in der er zahlreiche Legenden um seine Person rankt.

Ehemaliges Wohnhaus Schliemanns in Athen. Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Heinrich_Schliemann#/media/Datei:Deutsches_Arch%C3%A4ologisches_Institut_Athen_28.jpg

1882 beginnt er seine sechste Grabungskampagne in Troja 1882 mit Hilfe des Architekten Wilhelm Dörpfeld und wird Ehrenmitglied der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, im Jahr darauf auch Ehrendoktor der Universität Oxford. „Troja. Ergebnisse meiner neuesten Ausgrabungen“ erscheint in Leipzig und London. 1884 wendet er sich gemeinsam mit Dörpfeld der Ausgrabung des Palasts auf der Burg von Tiryns zu, das Buch dazu veröffentlicht er im Jahr darauf in Leipzig, Paris, London und New York. Königin Victoria verleiht ihm in London die „Große Goldene Medaille für Kunst und Wissenschaft“. 1888 nimmt Heinrich nach einer Nilreise gemeinsam mit Virchow auch Grabungen im ägyptischen Alexandria in Angriff, um vergebens das Grab Alexanders des Großen zu suchen.

1889 und 90 organisiert er zwei Trojakonferenzen in Hisarlık unter Beteiligung hochrangiger Gutachter sowie seines Kritikers Bötticher. Die Konferenzprotokolle verschaffen ihm volle Genugtuung, er beginnt eine erneute Grabungskampagne in Troja mit Dörpfeld und Virchow. Im April 1890 reist er mit Virchow durch die Troas zum Berg Ida, zu den Quellen des Skamander, und zieht sich eine Erkältung zu, in deren Folge er fast taub wird. Am 13. November unterzieht er sich einer Ohrenoperation in Halle/Saale und verlässt gegen den dringenden Rat des Arztes die Klinik vier Wochen später. Auf der Rückreise nach Athen stirbt er in Neapel an den Operationsfolgen. Sein Leichnam wird überführt und im Januar zunächst beigesetzt, bevor er 1892 im prächtigen, wiederum von Ziller entworfenen neoklassizistischen Mausoleum im Stile eines Heroentempels auf dem Ersten Friedhof von Athen seine endgültige Ruhe findet.

Schliemann-Mausoleum auf dem „Ersten Athener Friedhof“. Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Heinrich_Schliemann#/media/Datei:Schliemanngrab.jpg

Sein unbekümmertes Vorgehen bei den ersten Grabungen in Hisarlık – er konnte sich auf keinerlei Vorbilder stützen – hat Heinrich anfangs viel Kritik eingebracht. Dass er seine Methoden grundlegend geändert hat, machte ihn neben Dörpfeld zu einem der Wegbereiter der Archäologie als Feldarbeit und der wissenschaftlich-methodischen Grabungstechnik, die bis dahin lediglich in der schatzsucherhaften Aushebung wertvoller Einzelobjekte bestand, nicht aber in der nun systematischen Freilegung eines Grabungsareals. Zu den von ihm eingeführten neuen Forschungsmethoden gehören unter anderem die Voruntersuchung des Geländes durch Sondagen (Suchgräben), die Beachtung der Stratigraphie (Schichtenfolge) sowie die Suche nach der Leitkeramik („Leitfossil“) für die einzelnen Schichten. Auch die interdisziplinäre Zusammenarbeit mit anderen Wissenschaften wie Paläographie, Topographie und Chemie geht auf ihn zurück. Zudem rückten seine Berichte über die Zusammenhänge zwischen Tiryns, Mykene und Kreta diese Stätten erst in das Bewusstsein der Geschichtswissenschaft, weshalb er heute als „Vater der mykenischen Archäologie“ anerkannt ist.

Heute tragen Schulen ebenso seinen Namen wie das Institut für Altertumswissenschaften der Universität Rostock, ein Asteroid und ein Mondkrater. Sein Elternhaus in Ankershagen beherbergt seit 1980 das Heinrich-Schliemann-Museum. 1990 gaben sowohl die DDR als auch die Deutsche Bundespost gemeinsam mit der griechischen Post ELTA eine Sondermarke aus Anlass von Schliemanns 100. Todestag aus. Schlecht erging es unterdessen seinem Schatz, um dessen Rückkehr nach Troja sich inzwischen die Türkei bemüht: 1945 als Beutekunst in die Sowjetunion gebracht, wurde sein Aufenthalt geheim gehalten, erst 1993 bestätigt und seit 1996 in der ständigen Sammlung des Puschkin-Museums gezeigt. Im Schliemann-Saal des Museums für Vor- und Frühgeschichte Berlin sind seit 2009 wichtige Teile als Kopie sowie die wenigen, von der Sowjetunion an die DDR sowie von Russland 1992 an Deutschland zurückgegebenen Teile im Original ausgestellt. „Talent bedeutet Energie und Ausdauer. Weiter nichts“, schrieb Schliemann einst. Daran hielt er sich. Bis zuletzt.

„Ich verpuffe“

Ob ihn erfreut hätte, dass die Deutsche Post eine Briefmarkenserie mit fünf Motiven von ihm auflegte, ist wohl fraglich. Die Sache mit dem Krokodil aber hätte ihm sicher gefallen. Fast sechs Meter lang, lebte es vor etwa 164 Millionen Jahren und war „eine der bösesten Kreaturen, die jemals die Erde bewohnt haben“, sagte die Londoner Museumskuratorin Lorna Steel dpa. Lemmysuchus obtusidens wurde das gigantische Reptil getauft. Auch ein Asteroid und ein ausgestorbener Wurm sind nach ihm benannt worden, nicht aber eins von vier neuen superschweren Elementen des Periodensystems. Eine Petition, die dazu aufrief und über 150.000 Unterstützer fand, begründete das so: „Lemmy war eine Naturgewalt und verkörperte das Wesen des Heavy Metal“.

Er galt als einer der Pioniere der Gegenkultur und seltenen Vertreter der letzten authentischen Rocker-Generation: Der Spiegel sieht in ihm „einen britischen Exzentriker, der seinen Feinsinn und seine Sanftmut hinter mächtigen Verstärkern und martialischen Zeichen verbarg.“ 2014 befragt, ob er sich nun endlich auf der Bühne das Recht erworben habe, Ohrenstöpsel zu tragen, antwortete er: „Wenn man sich entscheidet, diese Art Lärm zu machen, hat man eine gewisse Verantwortung. Nur andere Menschen zuzudröhnen und sich selbst fein rauszuhalten gilt nicht. Ohrenstöpsel sind unfair.“ Und er galt als belesener, ja mindestens freizeitphilosophischer Freigeist, der mit lockeren Sprüchen wie diesem überraschen konnte: „Einen Kater vermeidest du am besten, indem du nie aufhörst zu trinken.“

Lemmy 2015. Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Lemmy_Kilmister#/media/Datei:Mot%C3%B6rhead_-_Rock_am_Ring_2015-0343.jpg

Seine Band nannte er Motörhead – für die New York Times die lauteste der Welt, 140 dB wurden auf manchen Konzerten gemessen. Dabei blieb er Realist: „Wir sind an der Spitze der zweiten Liga, und das reicht mir vollkommen.“ Die Musik bezeichnete er einmal als „Unfall, bei dem Motorrad, Auto und Bulldozer aufeinander krachen. Nur der Motorradfahrer überlebt.“ Markus Lanz schockte er im ZDF mit der Beschreibung „Meine Musik hört sich an wie der dritte Weltkrieg in einer Telefonzelle.“ Mit dem ö in Motörhead wollte er niemanden ärgern: „Es sah einfach gemeiner aus. Deutscher.“ Die Kriegs- und Deutschenmetaphorik war seiner Herkunft geschuldet und sollte ihn zeitlebens nicht nur musikalisch prägen: Bandleader Lemmy Kilmister. Am 24. Dezember 1945 kam er in Stoke-on-Trent zur Welt: Als „Christkind des Hardrock“, heißt es später.

„Macht ist Versuchung“

Seine Mutter war Bibliothekarin, sein leiblicher Vater Feldkaplan der Royal Air Force im Zweiten Weltkrieg: „Mein Vater wollte ein Kind zeugen, bevor er in den Krieg zog. Ich bin, so gesehen, eine direkte Konsequenz des Kriegs.“ Er verließ die Familie drei Monate nach Lemmys Geburt: „Er hat den Soldaten fromme Sprüche vorgebetet und Werte gepredigt, die er dann selber nicht gelebt hat“, ärgert er sich noch Jahrzehnte später. Religion hält er zeitlebens für einen Fehler: „Und zwar alle Religionen. Es ist wie mit den Politikern: Die Partei ist völlig egal. Sobald sie an der Macht sind, vermasseln sie es. Macht ist Versuchung. Und Priester und Politiker sind eben auch nur Menschen.“ Und überhaupt: „Gott kommt sowieso nie vorbei. Er zeigt sich höchstens in der Musik, die er Auserwählte schreiben lässt. Etwa Beethoven.“

Seine früheste Erinnerung beschreibt er augenzwinkernd: „Ich steh im Laufstall, klammere mich an den Stäben fest und brülle. Ich muss wohl geprobt haben“. Kilmister besuchte die Grundschule in Madeley, einem Dorf nahe seiner Geburtsstadt. „Ich wurde von meiner Mutter und meiner Oma großgezogen, sie lehrten mich, höflich zu Frauen zu sein und ihnen mit Respekt zu begegnen“. Mit zehn Jahren zog er nach Benllech, einem Seebad auf der zu Wales gehörenden Insel Anglesey, wo seine Mutter den ehemaligen Profifußballer und Fabrikanten George Willis geheiratet hatte. 1957 nahm Kilmister erstmals eine Gitarre in die Hand, es war die Hawaiigitarre seiner Mutter, weil er damit den Mädchen seiner Schule imponieren wollte. Er hatte nie Gitarrenunterricht, sondern brachte sich das Spielen selber bei.

Paläoart-Rekonstruktion von Lemmysuchus obtusidens. Quelle: https://www.augsburger-allgemeine.de/img/wissenschaft/crop42344711/1689678073-cv3_2-w1880/Palaeoart-Rekonstruktion-von-dem-Meereskrokodil-Lemmysuchus-obtusidens.jpg

Nachdem Kilmister mit 15 Jahren ohne Abschluss der Schule verwiesen worden war, jobbte er in einer Fabrik am Fließband und in einer Reitschule: „Ich besaß eine Farm in Wales mit zwei Hengsten, die ich für 34 Pfund gekauft und selbst zugeritten hatte. Dann hörte ich Little Richard, verkaufte die Pferde, und los ging‘s.“ Er erkannte, dass Rock‘n Roll ihm die Chance bot, einem eintönigen Leben in der Provinz zu entkommen und ein Abenteuer mit offenem Ausgang zu beginnen. Mit 16 verließ er sein Elternhaus und zog nach Manchester, wo er bei verschiedenen Bands spielte. Seine erste eigene Truppe, die „Rockin‘ Vickers“, mit der er drei Singles aufnahm, brachte es zu einigem lokalen Erfolg.

1967 traf Kilmister in London ein, wohnte im Haus der Mutter des späteren „Rolling Stones“-Gitarristen Ron Wood, teilte sich eine Wohnung mit Noel Redding, dem Bassisten von „Jimi Hendrix Experience“, und hielt sich zunächst mit Gelegenheitsjobs über Wasser, unter anderem als Roadie bei Hendrix und Keith Emersons „The Nice“. Nach Gastauftritten etwa bei P.P. Arnold wurde er 1968 Sänger bei „Sam Gopal“, mit der er 1969 das Album „Escalator“ aufnahm, für das er einige Songs unter dem Namen „Ian Willis“ beisteuerte, dem Nachnamen seines Stiefvaters. Das Projekt scheiterte wie auch sein nächstes „Opal Butterfly“. 1971 bekam er dann Kontakt zur Spacerockband „Hawkwind“, wollte als Gitarrist einsteigen – und wurde schließlich neuer Bassist.

Dabei verhalf ihm ein Zufall zu seinem ersten Instrument: „Es war ein deutsches Instrument, ein Bass von ‚Hopf‘. Del Dettmar, der Keyboarder von Hawkwind hat ihn am Flughafen Heathrow bei einem Preisausschreiben gewonnen. Seitdem bin ich Bassist – was für ein Zufall.“ Später bevorzugte er Instrumente von Rickenbacker, die er selbst „Rickenbastard“ nannte. In dieser Zeit soll sein Spitzname Lemmy entstanden sein: der oft exzessive Spieler litt an chronischer Münzknappheit und ging seine Kollegen mit den Worten „Can you lem’me five?“ oder „Lemme a fiver“ („Kannste mir ’nen Fünfer leihen?“) um Geld an. In seiner Autobiographie „White Line Fever“ (München 2006) erklärt er allerdings, dass er bereits als zehnjähriger Grundschüler diesen Spitznamen erhalten habe. Er sang die erfolgreichste Single der Band, „Silver Machine“, die bis auf Platz 2 der Charts gelangte – und wurde 1975 vom Management gefeuert, nachdem er wegen Drogenbesitzes durch den kanadischen Zoll festgenommen worden war.

„eine Hiobsbotschaft“

Irgendwann im Sommer desselben Jahres gründete er seine eigene Band, da konnte ihn niemand feuern, und wollte sie „Bastard“ nennen. Auf Anraten seines Managers, der ihm sagte, dass er damit kaum ins Fernsehen käme, benannte er sie in Anlehnung an den Titel des letzten Songs, den er für „Hawkwind“ geschrieben hatte, um. Bis zu seinem Tod war die Band mit ihm als musikalischem Kopf aktiv; die letzten 23 Jahre in konstanter Besetzung. Weil die drei Motörhead-Musiker – Kilmister, Gitarrist Phil Campbell und Schlagzeuger Mikkey Dee – auf den Tourneen so viel Zeit miteinander verbrachten, gingen sie sich ansonsten aus dem Weg, wann immer es ging. Alle drei hatten eigene Garderoben und im Tourbus ihre eigene Ecke.

Motörhead 2015. Quelle: https://www.rollingstone.de/wp-content/uploads/2016/12/07/14/getty-motorhead-463000442.jpg

Vor jedem Auftritt trat der Mann in Schwarz mit den hohen Cowboystiefeln, dem Eisernen Kreuz oder Indianerkunsthandwerk um den Hals, mit den markanten Fibromen, dem unverwechselbaren Westernbackenschnauzer, dem schnurgeraden langen Haar unter einem Cowboyhut und der Pik-Ass-Tätowierung auf dem Arm an den Mikrofonständer und erklärte allen, auch denen, die es schon wussten: „We are Motörhead. We play Rock and Roll.“ Ihrem Klang war die Band über die Jahre und die 22 Alben, die sie veröffentlichte, immer treu. Rau musste es sein und schnell. „Ich kann Heavy Metal eigentlich nicht leiden“, sagte Kilmister. „Die Beatles sind die beste Band.“ Manche Marketing-Gags seiner Truppe wurden legendär, etwa Babystrampler mit Logo und dem Aufdruck „Everything Louder than Everything Else“ oder Kondome „Go to Bed with Motörhead“.

Sein Bass, den er wie eine Rhythmusgitarre spielte, korrespondierte dabei mit seiner Stimme, die genauso klang, wie er lebte, nach Zigaretten und Whiskey. Kilmister hat die Freiheiten, die ihm seine Karriere bot, genossen. Einmal behauptete er von sich, dass er seit seinem 30. Geburtstag jeden Tag eine Flasche Whiskey getrunken habe: „Wenn ich ins Röhrchen puste, würde das Gerät wahrscheinlich zu Staub zerfallen.“ In Interviews war das Glas mit der Jack-Daniels-Cola-Mischung sein ständiger Begleiter. Sex, Drogen, Alkohol, Nikotin – Lemmy nahm alles mit; außer Heroin, das er hasste, weil seine große und einzige Liebe mit 19 daran zugrunde gegangen war.

Lemmys Sammlung. Quelle: https://www.schnittberichte.com/schnittbericht.php?ID=353700

Obwohl kolportiert wird, dass er tausend Frauen gehabt habe, wird er nie heiraten, allerdings mit zwei Frauen zwei Söhne bekommen. Der eine, Paul, arbeitet in den USA als Musiker und Produzent; beide sehen sich gelegentlich. Über den Verbleib seines anderen Sprösslings weiß er nicht viel: „Mein anderer Sohn ist ein Jahr jünger und wohnt, glaube ich, noch in England“, erzählt er dem Spiegel. „Ich bin mir aber nicht sicher. Ich habe ihn nie getroffen, weil er direkt nach der Geburt zur Adoption freigegeben wurde. Die Mutter war damals 15. Das war vielleicht eine Hiobsbotschaft…“

„Wir mögen die bösen Buben“

Kilmister hatte manche Eigenart. Oft stieg er, während die Konzertbesucher schon in die Halle eingelassen wurden, mit einem Beutel Münzen in ein Taxi und ließ sich zu einem Spielcasino fahren. Dort verdaddelte er das Kleingeld an Automaten. Zwei Stunden später, wenn die Vorgruppen ihren Auftritt beendet hatten, kam er zurück und trat auf. Auch positionierte er sein Mikrofon stets etwas zu hoch, sodass er seinen Kopf während der Gesangspassagen anheben musste. Das war ein Markenzeichen seiner Bühnenpräsenz, diente nach seinen Aussagen der Bequemlichkeit und sollte ein Relikt aus den Anfangstagen sein, als die Band nur wenige Zuschauer hatte und er „so das Elend im Publikum nicht mitansehen musste“. Der erfolgreichste Song der Band war „Ace of Spades“ vom gleichnamigen Album aus dem Jahr 1980. 25 Jahre später gab‘s für eine Metallica-Adaption den einzigen Grammy.

Die Inhalte der Songs waren dabei trotz mancher Monotonie und erst recht Lautstärke nie zu vernachlässigen. Lemmy war ein durchaus politischer Mensch, der in den Texten Themen wie Religion („Don‘t Need Religion“, „Bad Religion“), Kindesmissbrauch („Don´t let Daddy kiss me“) und vor allem Krieg („1916“) aufgriff. Diesen unpathetisch-melancholischen Song, in dem ein schwerverletzter Soldat in der Schlacht an der Somme in Dreck, Blut und Eingeweiden nach seiner Mutter schreit, die jedoch nie kommt, singt er nur begleitet von einer Orgel, dem Marschrhythmus eines Schlagzeugs und im Mittelteil von einem klagenden Cello. Das Kriegsthema war nicht nur eine Eigenart: „Der Zweite Weltkrieg“ antwortet er der Süddeutschen Zeitung auf die Frage, welche die tief gehende Katastrophe in seinem Leben war, auf die seine Musik die logische Antwort ist.

Lemmys zweite Leidenschaft. Quelle: https://classicrock.net/wp-content/uploads/2018/12/lemmy-mot%C3%B6rhead-clean-your-clock-press.jpg

Seine Beschäftigung mit diesem Geschichtskapitel kann man fast manisch nennen. Seine Wohnung ist vollgestopft mit Andenken und Trophäen aus Hitlerdeutschland, darunter einem Aschenbecher von Eva Braun und einem Jagdmesser von Hermann Göring: „Kultur ist alles, was das Bewusstsein der Bevölkerung erweitert“. In Deutschland bekam er polizeilichen Ärger: „Auf einem Zeitungsfoto trug ich einen Nazi-Hut. Ich wusste aber nicht, dass der Kram in Deutschland verboten ist. Eigentlich ist das ja logisch. Aber die Bösen haben nun mal einfach die schöneren Uniformen.“

Er fand nichts dabei, auf einer Kostümparty in Hollywood in voller SS-Uniform aufzutreten. Hitler war für ihn „der zwingende Redner des zwanzigsten Jahrhunderts. Nach Hitlers Charisma kam nur noch Ozzy Osbourne, aber – Ozzy kann singen!“ Die Süddeutsche Zeitung fragte Lemmy direkt: „Weshalb lieben die Engländer Hitler so wahnsinnig?“ Seine Antwort: „Wir mögen die bösen Buben. Du möchtest nichts über langweilige Landwirtschaftsreformen hören. Du willst, dass Mackie Messer wieder zuschlägt.“ Sein Lieblingsmoment im Zweiten Weltkrieg war: „Als sie Frankreich überrannten. In nur drei Wochen.“

 „etwas ruhiger angehen“

1990 hatte er sich in Los Angeles niedergelassen, in einem Zweizimmer-Apartment gegenüber seiner geliebten „Rainbow Bar” am Sunset Boulevard 9015, in dem er bis zuletzt wohnte: „Ich kann nicht 30 Zimmer bewohnen, Mann! Stress! In 28 Zimmern herrscht dann Totenstille. Wozu?“ Oft wurde er erkannt und um Selfies gebeten: „Wenn man sich sein ganzes Leben lang wünscht, berühmt zu sein, dann sollte man auch nicht anfangen zu meckern, wenn man es dann ist“, sagte er der Welt.

Trauerfeier. Quelle: https://www.laut.de/bilder/upload/2016/01/11/motorchurch.jpg

Eigenen Angaben zufolge hat Lemmy versucht, dem als unmusikalisch geltenden Sex-Pistols-Mitglied Sid Vicious das Bassspielen beizubringen, und nach drei Tagen aufgegeben: „Sid war ein hoffnungsloser Fall.“ Er hatte einige kleine bis mittlere Filmrollen, so mit vielen anderen Musikerkollegen in der Sozialgroteske „Eat the Rich“, für die er den Titelsong schrieb, sowie in Videoclips diverser Bands, bemerkenswert oft als Fahrer oder Fahrgast. Zudem sprach er in „Brütal Legend“ eine Videospiel-Rolle und ist spielbarer Charakter im Musikspiel „Guitar Hero: Metallica“.

Natürlich hat ein Leben, wie er es führte, seinen Preis, und Kilmister klagte nicht, als es daranging, ihn zu zahlen. 2000 wurde bei ihm, der für sein Leben gern Marzipan nascht, ein Diabetes diagnostiziert. 2013 bekam er einen Herzschrittmacher, der ihn auf der Bühne nicht beeinträchtigte: „Unser Geheimnis ist wohl, dass wir eigentlich immer noch Kinder sind. Mehr muss man da nicht hineindichten. Wir stehen immer noch gern auf der Bühne und toben nun mal gern herum.“ Kilmister beglich dabei immer cash, weil, wie er in der ihm eigenen Nonchalance bemerkte, die Krankenversicherung, die ihn nehmen würde, erst noch erfunden werden müsste.

Befragt nach seiner Angst, tot umzufallen, antwortete er: „Ich fall‘ nicht um. Ich verpuffe“. Wegen seiner anhaltenden gesundheitlichen Probleme mussten 2013 viele Konzerte und die Promotiontour des letzten Albums „Aftershock“ abgesagt, ein Auftritt beim Wacken Open Air abgebrochen werden. Kurz nach seinem 70. Geburtstag wurden bei ihm Tumore im Kopf- und Nackenbereich diagnostiziert. Er verstarb schließlich am 28. Dezember 2015 in seiner Wohnung an einer aggressiven Prostatakrebserkrankung. Sein Begräbnis wurde live im Internet übertragen.

Lemmys Grab. https://www.udiscover-music.de/wp-content/uploads/sites/21/2018/01/2017-06-08-14.51.05-Grab-Lemmy_preview-1024×768.jpeg

Auf der „anderen Seite“ solle er es „etwas ruhiger angehen“, scherzte Motörhead-Schlagzeuger Mikkey Dee dabei. „Unser Mitgefühl gilt dem Gehörnten, der sich von nun an dort unten mit Dir wird messen lassen müssen“, schrieb Jörg Scheller in der Süddeutschen Zeitung. Lemmy wurde auf dem Forest Lawn Memorial Park in Hollywood beigesetzt. Obwohl man sein Vermögen auf mehrere Millionen schätzte, hinterließ er dem Haupterben, seinem Sohn Paul, laut Mirror nur ungefähr 600.000 Euro. „Es ist nicht wirklich schwierig, zu überleben – du darfst nur nicht aufgeben“, sagte er 2002. Daran hat er sich gehalten. Bis zum Ende.

Fürst Karl Lichnowsky gehörte zu seinen größten Gönnern: er bewilligte ihm eine Unterstützung von 600 Gulden jährlich, die solange gezahlt werden sollte, bis er eine feste Anstellung als Musiker erlangt – was aber nie geschah. Lichnowskys Zahlungen endeten infolge eines schweren Zerwürfnisses, als er im Herbst 1806 zu Gast auf Schloss Grätz war und sich auf seine „typische Art“ weigerte, für französische Offiziere zu musizieren, die beim Fürsten zu Besuch waren. Nach zeitgenössischen Quellen hatte er „den Stuhl schon aufgehoben, um ihn auf des Fürsten Kopf in seinem eigenen Hause zu zerbrechen, nachdem der Fürst die Zimmerthür, die B. nicht aufmachen wollte, zertreten hatte, wenn Graf Oppersdorf ihm nicht in die Arme gefallen wäre“.

Diese typische Art hat auch Goethe nach nur wenigen Stunden ihres ersten und einzigen Treffens im Juli 1812 in Teplitz erkannt: „Sein Talent hat mich in Erstaunen gesetzt; allein er ist leider eine ganz ungebändigte Persönlichkeit, die zwar gar nicht unrecht hat, wenn sie die Welt detestabel findet, aber sie freilich dadurch weder für sich noch für andre genußreicher macht. … Ich begreife recht gut, wie er gegen die Welt wunderlich stehen muß.“ Der so Beschriebene teilte seinem Verleger nur mit: „Göthe behagt die Hofluft sehr, mehr als einem Dichter ziemt. Es ist nicht vielmehr über die Lächerlichkeiten der Virtuosen hier zu reden, wenn Dichter, die als die ersten Lehrer der Nation angesehen sein sollten, über diesem Schimmer alles andere vergessen können.“

Beethoven. Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Ludwig_van_Beethoven#/media/Datei:Beethoven.jpg

Legendär wurden aber auch seine Frauengestalten – mindestens zehn mehr oder weniger langjährige Beziehungen haben seine Biographen nachgewiesen, darunter zur minderjährigen Sängerin Elisabeth Röckel, für die er 1810 sein Albumblatt „Für Elise“ komponierte. Die bezaubernde Gräfin Josephine Deym könnte nicht nur die Mutter seines einzigen Kindes sein, einer Tochter, die sie Minona nannte (was rückwärts gelesen „anonym“ hieße), sondern 1812 auch die Adressatin seines Briefs an die „Unsterbliche Geliebte“, der mit der Anrede „Mein Engel, mein alles, mein Ich“ begann. Der Brief hat wegen des Fehlens unzweifelhafter Anhaltspunkte für die Identität der Adressatin zahlreiche und andauernde Spekulationen ausgelöst. Sein Verfasser war Ludwig van Beethoven, der am 17. Dezember 1770 in Bonn getauft wurde.

„Lied an einen Säugling“

Sein Vater Johann war Tenor an der kurkölnischen Hofkapelle sowie Musiklehrer und sollte mit seiner Frau Maria Magdalena sieben Kinder haben, von denen nur drei das Säuglingsalter überlebten. Ludwig war der zweiälteste und hatte das musikalische Talent geerbt, das der Vater früh erkannte – prompt wollte er aus ihm mit teilweise rabiaten Methoden einen zweiten Mozart machen. Die erste echte Förderung erfuhr er durch den Hoforganisten Christian Gottlob Neefe. Schon als Kind lernte er Klavier, Orgel und Bratsche, trat mit sieben erstmals öffentlich als Pianist auf und komponierte ab zwölf bereits Stücke mit lustigen Namen wie etwa das „Lied an einen Säugling“ oder die „Elegie auf den Tod eines Pudels“.

Ludwigs Schulbildung ging über Grundlegendes wie Lesen, Schreiben und Rechnen kaum hinaus. Zusätzlich erhielt er aber zeitweise Privatunterricht in Latein, Französisch und Italienisch. 1782 wurde er Stellvertreter Neefes an der Orgel, zwei Jahre später erhielt er eine feste Anstellung als Organist. Darüber hinaus wirkte er als Cembalist und Bratschist in der Hofkapelle. Ende Dezember 1786 brach Beethoven vergebens zu einer Reise nach Wien auf, um Kompositionsschüler Mozarts zu werden. Wenige Wochen danach starb im Frühjahr 1787 seine Mutter, der Vater wurde zum Trinker und konnte nicht mehr für seine drei Söhne sorgen. 1789 wurde er vom Dienst suspendiert und Ludwig die Verfügungsgewalt über die Hälfte der Pension des Vaters erteilt, wodurch ihm faktisch die Rolle des Familienoberhaupts zufiel.

Der Künstler als Kind, ca. 1783. Quelle: https://www.kinderzeitmaschine.de/fileadmin/user_upload/Neuzeit/Franzoesische_Revolution/Beethoven_als_Kind.jpg

1792 wurde ein zweiter Studienaufenthalt in Wien mit und bei Joseph Haydn vereinbart. Noch im November des Jahres brach Ludwig auf – und blieb für den Rest seines Lebens. Denn im Dezember starb sein Vater, und als 1794 französische Truppen das Rheinland besetzten und der kurfürstliche Hof floh, war ihm nicht nur der Boden für die Rückkehr nach Bonn entzogen, auch die Gehaltszahlungen des Kurfürsten blieben nun aus. Seine beiden Brüder folgten ihm nach. In Wien fand er bald die Unterstützung adliger Musikliebhaber, darunter Fürst Lobkowitz und eben Lichnowsky, der ihn anfangs sogar bei sich wohnen ließ. Das Verhältnis zwischen dem renommierten Lehrer Haydn und ihm war nicht einfach, er war mit Haydn als Lehrer unzufrieden und nahm heimlich Unterricht bei anderen, darunter Antonio Salieri in Gesangskomposition.

„Allegro di Confusione“

In den ersten zehn Jahren in Wien entstanden allein 20 seiner 32 Klaviersonaten. Am 29. März 1795 trat Beethoven mit seinem Klavierkonzert B-Dur op. 19 erstmals als Pianist an die Wiener Öffentlichkeit. Besonderes Aufsehen erregte er auch durch seine herausragende Fähigkeit zum freien Fantasieren. 1796 unternahm der junge Virtuose eine Konzertreise nach Prag, Dresden, Leipzig und Berlin, die ein großer künstlerischer und finanzieller Erfolg wurde. Die von Lichnowsky initiierte Tournee folgte der Route der Reise, die der Fürst 1789 schon mit Mozart unternommen hatte. Die ersten Kompositionen, die Ludwig drucken ließ, waren drei 1794/95 entstandene Klaviertrios, die er mit der Opusnummer 1 versah. Zwischen 1798 und 1800 komponierte er, nach intensivem Studium der Quartette Haydns und Mozarts, eine erste Serie von sechs Quartetten, kurz darauf präsentierte er sich auch als Sinfoniker mit seinen ersten beiden Sinfonien. Schon 1800 rissen sich die Musikverlage um sein Musik: „ich fordere und man zahlt“. Ein genialer Coup war sein erstes selbst veranstaltetes Konzert am 2. April 1800 im Hofburgtheater mit Stücken von Mozart und Haydn neben seinen.

Noten der 1. Sinfonie. Quelle: https://cdn.shortpixel.ai/client/q_glossy,ret_img,w_1200/https://www.michael-schoenstein.com/wp-content/uploads/foto-noten-beethoven-1-c-dur-001-1200×624.png

Seine Musik galt als neuartig, interessant, bewunderungswürdig – aber schwierig. Manche Werke, so hieß es, verstehe man erst nach mehrmaligem Hören. Wertkonservativen Zeitgenossen war sie schon mal etwas über. Ein Kritiker fand „des Grellen und Bizzarren allzu viel“, ein anderer hörte nur noch „wirklich gräßliche Harmonie“. Angeblich verstieß Beethoven gegen das Schönheitsideal der Natürlichkeit. 1828 befand ein Kritiker „Gewiss keine von allen jemals bekannt gemachten Sinfonien ist so kolossal und kraftvoll, so tief und kunstreich wie die Zweite von Beethoven“, ein anderer nannte sie dagegen immer noch „ein krasses Ungeheuer“. Für ihn waren derlei Anwürfe nicht mehr als „Mückenstiche“: lästig, aber vorübergehend. Er beharrte darauf: „Wahre Kunst ist eigensinnig und lässt sich nicht in schmeichelnde Formen zwingen.“

Leider legte sich auf seine Karriere ab 1797 ein Schatten: er wurde taub. Hohe Töne aus der Ferne hörte er 1801 nicht mehr, dazu quälte ihn Tinnitus. „Nur die Kunst“, schrieb er 1802 im „Heiligenstädter Testament“, halte ihn vom Selbstmord ab. 1808 konnte er noch öffentlich konzertieren. 1813 dirigiert er die 7. Symphonie, ohne die leisen Stellen zu hören. Ab 1814 benutzte er Hörrohre, ab 1818 die „Konversationshefte“, in die seine Besucher ihre Äußerungen schreiben, so dass er antworten konnte. Über 100 davon sind erhalten, „einzigartige Zeugnisse der Alltäglichkeiten des Verkehrs eines der größten Genien der Menschheit“, so sein Biograph Walter Riezler. Bei der Uraufführung der 9. Symphonie (1824) hörte er den tosenden Applaus nicht mehr.

Beim Komponieren beeinträchtigte ihn die Schwerhörigkeit aufgrund seines absoluten Gehörs nicht, am meisten litt Ludwig an der sozialen Isolation. Er wurde mürrisch und argwöhnisch, neigte immer mehr zu sinnlosen Zornesausbrüchen und zog sich zunehmend von den Mitmenschen zurück. Er galt als Sonderling mit wirren Haaren, der brummend durch die Gassen stapft und Noten in die Luft malt. Das hatte Auswirkungen bis in den Alltag hinein. Auf dem Flügel häufen sich Notenblätter und Staub, darunter steht ein voller Nachttopf, auf dem Tisch Frühstücksreste nebst halbleeren Weinflaschen, auf dem Boden große Pfützen von der Morgenwäsche: So berichten Besucher, und er selbst gab zu, sein Haushalt sei ein „Allegro di Confusione“. Haushälterin und Köchin mussten her, deren Erziehung allerdings wieder Unordnung in die Wohnung brachte: „Die Nany ist ganz umgewandelt, seit ich ihr das halb dutzend Bücher an den Kopf geworfen. Es ist wahrscheinlich durch Zufall etwas davon in ihr Gehirn geraten. Der Baberl warf ich meinen schweren Sessel auf den Leib. Da hatte ich den ganzen Tag Ruhe.“

„wacker herumtummeln“

Vage Heiratsabsichten sind erstmals Ende 1801 dokumentiert: Ein „liebes zauberisches Mädchen“, hinter dem sich wohl seine gräfliche Klavierschülerin Giulietta Guicciardi verbirgt, könne ihn glücklich machen. Aber die sei nicht „von meinem Stande“, und außerdem müsse er sich noch „wacker herumtummeln“. Sein Freund Franz Gerhard Wegeler schreibt: „In Wien war Beethoven immer in Liebesverhältnissen“. Am Standesunterschied scheiterte auch die lange, komplexe Beziehung zur verwitweten Gräfin Deym. Sehnlichst wünschte sich Beethoven eine Familie. Nun sollte ein Freund ihm die Frau suchen. 1810 fand sich die Kaufmannstocher Therese Malfatti. Beethoven hatte schon die Papiere für die Trauung, als er die Absage erhielt.

Neffe Karl van Beethoven. Quelle: https://en.wikipedia.org/wiki/Karl_van_Beethoven#/media/File:Karl_van_Beethoven.jpg

Als anfänglicher Anhänger der Französischen Revolution widmete er Napoleon seine 3. Sinfonie, die „Eroica“. Nachdem sich Napoleon 1804 allerdings zum Kaiser gekrönt hatte, löschte Beethoven diese Widmung wutentbrannt aus dem Titelblatt der Partitur. Als 1808 König Jerôme von Westfalen ihn für seinen Hof zu gewinnen sucht, setzten ihm drei Freunde und Gönner, darunter Erzherzog Rudolf, ein Jahresgehalt von 4000 Gulden aus, um ihn in Wien zu halten. Im selben Jahr beendet er die 5., die Schicksalssinfonie: „So pocht das Schicksal an die Pforte“, beschreibt er das legendäre Eingangsmotiv. Am 22. Dezember 1808 packte er die Fünfte mit der Sechsten nebst anderen gewichtigen Werken in ein vierstündiges Konzert in einem unbeheizten Theater. Das war dann selbst für aufgeschlossene Besucher „des Starken zu viel“. Die größten Triumphe erntete er in den Festkonzerten zum Wiener Kongress 1815, wo neben Gelegenheitswerken seine 7. und 8. Sinfonie uraufgeführt wurden. Im Jahre zuvor hatte er mit dem umgearbeiteten „Fidelio“ großen Erfolg. Daraus stammt das musikalische Pausenzeichen („Es sucht der Bruder seine Brüder“), das jahrzehntelang im DW-Hörfunkprogramm zu hören war.

Nach dem Tod seines Bruders Caspar 1815 erkämpfte Beethoven vor Gericht das alleinige Sorgerecht für seinen Neffen Karl, den er 1818 zu sich holt, vielleicht ein letzter, verzweifelter Versuch, so etwas wie eine Familie zu haben. An ihm wollte er sein Ideal eines „höheren Menschen“ verwirklichen, ihn zu einem großen Künstler oder Gelehrten machen. Das Erziehungsprojekt scheiterte. Karl, der einfach nur Soldat werden wollte, war hoffnungslos überfordert und litt an der fast schon psychotischen Bevormundung durch den Onkel. 1826 versuchte er, sich zu erschießen. Nicht unzutreffend erklärte er: „Ich bin schlechter geworden, weil mich mein Onkel besser haben wollte.“

Er war Perfektionist, komponierte nicht für seine Zeitgenossen, sondern für die Nachwelt. Immer wieder feilte er, überarbeitete und korrigierte die Partituren bis spät in die Nacht. Bei dieser Sorgfalt verwundert nicht, dass er manche Stücke, gerade Auftragskompositionen, zu spät fertig stellte. Die „Missa Solemnis“, eine grandiose Messe zur Inthronisation des Erbbischofs von Olmütz 1820, wurde erst 1823 fertig. Im Jahr danach folgte dann der Höhepunkt seines Schaffens: am 7. Mai fand im Theater am Kärntnertor die Uraufführung der 9. Sinfonie statt. Geleitet von Kapellmeister Michael Umlauf, stand Ludwig mit ihm zur Unterstützung am Dirigentenpult. Einen Chor hatte es in einer klassischen Sinfonie bis dato nicht gegeben, der Applaus war frenetisch. Umso mehr ärgerte ihn der billige Ring, den Preußenkönig Friedrich Wilhelm III. für die Widmung des Jahrtausendwerks zu schicken geruhte: Er hat ihn gleich verscherbelt. Die Zahl Neun in Bezug auf Sinfonien schien die Nachwelt zu prägen: Gustav Mahler oder Anton Bruckner etwa kamen über eine neunte Symphonie nicht hinaus.

9. Sinfonie in der Christuskirche Karlsruhe. Quelle: https://provocal.eu/wp-content/uploads/2018/01/2018-01-27_Beethoven_Foto-Bernadette-Fink_web-1024×683.jpg

Nach 1945 nahm das Gewandhausorchester in Leipzig seine Tradition wieder auf, das Silvesterkonzert mit Beethovens Neunter zu beenden. Seit 1972 gelten die einschlägigen 16 Takte („Freude, schöner Götterfunken“) als „Europahymne“. Zehn Jahre zuvor hatten dieselben Takte den englischen Schriftsteller Anthony Burgess und mehr noch 1971 den amerikanischen Filmregisseur Stanley Kubrick zu gänzlich anderen Assoziationen verleitet: In „A Clockwork Orange“ sind sie der dynamisierende Begleitsound zu Vergewaltigung und Totschlag. Die Sinfonie hat 1982 auch die Entwicklung der CD mit einer Speicherkapazität von 80 Minuten beeinflusst: Herbert von Karajan, der von Produktentwicklern dazu befragt wurde, sagte, dass es möglich sein müsse, Beethovens Neunte an einem Stück zu hören. Und im Dezember 1989, kurz nach dem Mauerfall, dirigierte der amerikanische Superstar Leonard Bernstein die 9. Sinfonie im Ostberliner Konzerthaus am Gendarmenmarkt mit einem Orchester, das Musiker aus Ost und West vereinte. Das Konzert wurde in 20 Länder übertragen. Die Originalpartitur wurde 2001 als erste Komposition Weltkulturerbe. 2003 versteigerte Sothebys die von Beethoven korrigierte Druckvorlage für drei Millionen Euro.

„Schade, schade – zu spät!“

Zur Zeit der Uraufführung war Ludwig bereits erschöpft und von der Leberzirrhose gezeichnet, an der er letztlich sterben wird. Sein letztes Werk, das fünfte einer Serie von Streichquartetten, vollendete er 1826. Pläne wie eine dritte Messe, eine zehnte Sinfonie oder ein Oratorium blieben ungeschrieben – rund 240 Werke sind von ihm überliefert. Die Bauchwassersucht machte ihm die letzten drei Monate zur Qual. Mehr zum Trost als zur Heilung verschrieb ihm der Arzt eine Kiste Rheinwein, deren Ankunft er sehnlich erwartete. Beethoven war nicht zwingend ein klassischer Alkoholiker, und eine Leberzirrhose kann auch andere Ursachen haben. Aber er trank sicher mehr, als ihm gut tat: Ein Fläschchen zum Essen, ein paar Fläschchen unter Freunden… Auch bleihaltigen Billigwein verschmähte er nicht: Weißwein wurde von den Winzern damals mit Bleizucker statt mit teurem Rohrzucker gesüßt. Die Ärzte schufen ihm noch manche Erleichterung, so dass er immer noch Besuche von Freunden empfangen konnte. Zu retten war er nicht mehr. Er wusste um seinen Zustand, machte sein Testament zugunsten des Neffen und lag schon im Sterben, als die Kiste endlich eintraf. Seine letzten Worte sollen gewesen sein: „Schade, schade – zu spät!“

Beethovens Begräbnis. Quelle: https://www.sepulkralmuseum.de/ressources/images/leichenzug_1591800069_SUPERHERO_xl.jpg

Er starb am 26. März 1827 während eines Schneegewitters. Die Obduktion ergab eine stark geschrumpfte Leber, „lederartig fest, grünlichblau gefärbt“; später wird an Knochenstücken seines Schädels auch eine abnorm hohe Bleikonzentration gemessen. Am Tag seiner Beerdigung blieben die Schulen in Wien geschlossen, mindestens 20.000 Menschen gaben ihm das letzte Geleit. Franz Grillparzer hielt die Grabrede. Unter den Musikern, die Fackeln tragend den Sarg umgaben, war der jüngste Franz Schubert – der ihm schon nach einem Jahr in den Tod folgte. „Was in den Herzen der Menschen lebt, ist die Gewalt des menschlichen Ausdrucks in seiner Musik, aus der ein unendlicher Reichtum an Gefühlen auf den Hörer eindringt, und damit verbunden das – freilich sehr verzeichnete – Bild des Menschen, des einsamen ‚tauben Musikers‘, der mit dem Schicksal ringt“, bilanziert Riezler.

Mit seinem Aufbegehren gegen die Form, seiner Konzentration auf die persönliche Aussage in der Musik, seinem dramaturgischen Komponieren und der Wahl kurzer Motive mit hohem Wiedererkennungswert vollendete der Rebell die Klassik und schlug die Brücke zur Romantik. Mit ihm beginne die „Vervollkommnung der Tendenz zu deutscher Einsamkeit“, befand Carl Schmitt: „Seitdem die Instrumente reden, können die Menschen nicht mehr reden; ein stummes, musikalisches Volk.“ Neben Romanen und Gedichten thematisierten zahlreiche Bühnenstücke und Filme das Leben des Komponisten, der unter anderem von Karlheinz Böhm, Donatas Banionis, Gary Oldman, Ian Hart und Ed Harris verkörpert wurde. Anlässlich des runden Jubiläums hatten die Bundesrepublik, das Land Nordrhein-Westfalen, der Rhein-Sieg-Kreis und die Bundesstadt Bonn eine Beethoven Jubiläums gGmbH gegründet, die das ganze Jahr lang Ausstellungen, Konzerte, Performances und Kongresse organisierte – die im Corona-Lockdown versandeten. Im weltweiten Klassikranking führt er immer noch vor Mozart und Bach die Liste der meistgespielten Komponisten an, über 13% aller klassischen Konzerte rings auf der Erde hatten 2019 ein Werk von Beethoven im Programm.

Sein bekanntestes Bauwerk ist das Looshaus am Wiener Michaelerplatz für das Bekleidungsunternehmen Goldman & Salatsch, das 1910 zu einer auch im Ausland viel beachteten öffentlichen Auseinandersetzung über die ornamentlose Fassade führte. Es steht gegenüber der Hofburg und wird aufgrund seiner fehlenden Fenstergesimse auch „Haus ohne Augenbrauen“ genannt. „Das Haus hat allen zu gefallen. Zum Unterschiede zum Kunstwerk, das niemandem zu gefallen hat. … Das Kunstwerk will die Menschen aus ihrer Bequemlichkeit reißen. Das Haus hat der Bequemlichkeit zu dienen. Das Kunstwerk ist revolutionär, das Haus konservativ.“ heißt es dazu etwa in seinem 1910 veröffentlichten Essay „Architektur“. Kaiser Franz Joseph gefiel es schon mal nicht – angeblich weigerte er sich den Rest seines Lebens, von der Hofburg zum Michaelerplatz zu sehen, und ließ alle Fenster seines Palastes in diese Richtung zunageln.

Sein bekanntester Text ist das Manifest „Ornament und Verbrechen“ (1908), in dem er in durchgängiger Kleinschreibung argumentiert, dass Funktionalität ein Zeichen hoher Kulturentwicklung sei und der moderne Mensch wirkliche Kunst allein im Sinne der Bildenden Kunst erschaffen könne. Ornamentale Verzierungen oder andere besondere künstlerische Gestaltungsversuche an einem Gebrauchsgegenstand seien eine ebenso unangemessene wie überflüssige Arbeit: „gewiss, die kultivierten erzeugnisse unserer zeit haben mit kunst keinen zusammenhang. die barbarischen zeiten, in denen kunstwerke mit gebrauchsgegenständen verquickt wurden, sind endgültig vorbei … ornament ist vergeudete arbeitskraft und dadurch vergeudete gesundheit … heute bedeutet es auch vergeudetes material, und beides bedeutet vergeudetes kapital … der moderne mensch, der mensch mit den modernen nerven, braucht das ornament nicht, er verabscheut es.“

Loos ca. 1911. Quelle: https://www.geschichtewiki.wien.gv.at/images/7/76/Adolfloos.jpg

Aus diesem Grund hasst er auch Tätowierungen: „der moderne mensch, der sich tätowiert, ist ein verbrecher oder ein degenerierter. es gibt gefängnisse, in denen achtzig prozent der häftlinge tätowierungen aufweisen. die tätowierten, die nicht in haft sind, sind latente verbrecher oder degenerierte aristokraten. wenn ein tätowierter in freiheit stirbt, so ist er eben einige jahre, bevor er einen mord verübt hat, gestorben.“ Sein Rationalismus war manchmal schneidend einseitig: „Alles, was einem Zweck dient, ist aus dem Reiche der Kunst auszuschließen!“ Der solche starken Worte nutzte, hatte niemals Spiel-, Trink- oder Wettschulden, wohl aber Schulden beim Schneider: Adolf Loos. Der Architekt, Architekturkritiker und Kulturpublizist wurde am 10. Dezember 1870 in Brünn geboren.

Kritiker der angewandten Kunst

Von seinem Vater, einem Bildhauer, erbte er nicht nur seine künstlerische Begabung, sondern auch seine Schwerhörigkeit. Nach seinem frühen Tod führte die Mutter den Steinmetz-Betrieb in der Friedhofgasse in Brünn weiter. Ab 1880 wechselte Adolf Loos mit schlechten Sittennoten von Gymnasium zu Gymnasium. Am Stiftsgymnasium Melk etwa blieb er nur ein Jahr – aufgrund schlechtester Noten in Zeichnen und Betragen weigerte man sich dort, ihn erneut aufzunehmen. 1889 schloss er die k.k. deutsche Staatsgewerbeschule in Brünn mit der Matura ab und studierte nach einem Intermezzo an der Akademie für angewandte Kunst Wien, vom Militärdienst als Einjährig-Freiwilliger unterbrochen, bis 1893 an der Hochbauabteilung der Technischen Hochschule in Dresden. Während seines Studiums wurde er 1891 Mitglied der Burschenschaft Cheruscia Dresden, aus der er 1892 jedoch wieder austrat.

Nur mit einem Schiffsbillet und 50 Dollar in der Tasche reiste Loos 1893 in die USA, wo ein Bruder seines Vaters lebte. Bis 1896 schlug er sich mit verschiedenen, vorwiegend handwerklichen Berufen durch, als Hilfsarbeiter, Tellerwäscher, Musikkritiker und erst im letzten Jahr als Möbelzeichner und Architekt. Die „organische Architektur“ von Frank Lloyd Wright inspirierte ihn. Nach seiner Rückkehr ließ er sich endgültig in Wien nieder und begann als Journalist und Architekt zu arbeiten. Seit 1898 publizierte der laut Le Corbusier „wohl größte Literat unter den modernen Architekten“ seine Auffassungen in diversen Zeitungen und Verlagen und gibt später sein eigenes Periodikum „Das Andere“ heraus, dessen Untertitel lautet: „Ein Blatt zur Einführung abendländischer Kultur in Österreich“.

Cafe Museum vor 2010 nach Originalplänen von Loos saniert. Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Caf%C3%A9_Museum#/media/Datei:Cafe_Museum_innen.jpg

Parallel dazu machte er sich als Innenarchitekt einen Namen, etwa beim Café Museum am Karlsplatz (1899), das dann wegen der Kargheit der Einrichtung von Zeitgenossen „Café Nihilismus“ genannt wurde, oder bei der auch überregional bekannten „American Bar“ in einer Seitengasse der Kärntner Straße, die auch als Loos-Bar bezeichnet wird und bis heute existiert. 1902 heiratete er die Schriftstellerin und Schauspielerin Lina Obertimpfler, von der er sich 1905 schon wieder trennte. Um sich leichter von ihr scheiden zu lassen, bemühte er sich vergeblich, die ungarische Staatsbürgerschaft zu erhalten. Nach seiner Scheidung verband ihn eine langjährige Beziehung mit der englischen Tänzerin Bessie Bruce. Noch zwei Ehen werden folgen.

Loos galt von Anbeginn als energischer Gegner des Jugendstils und scharfer Kritiker der angewandten Kunst und aller zeitgenössischen Ideen, die Kunst in Gestalt des Kunstgewerbes mit dem Alltag zu versöhnen, also Gebrauchsgegenstände in besonderer Weise künstlerisch zu gestalten. Er grenzte sich damit insbesondere von den Künstlern der Wiener Werkstätte ab, die seit 1903 eine Verbindung von Alltag und Kunst umzusetzen versuchten. 1904 besuchte er erstmals die Insel Skyros und wurde mit der kubischen Architektur der griechischen Inselwelt konfrontiert. Als Architekt privater Villen, erstmals bei der Villa Karma in Clarens bei Montreux, entwickelt er prompt das Konzept des „Raumplans“, der Größe und Anordnung von der Funktion der Räume abhängig machte, sie dazu mehrgeschossig mit unterschiedlichen Zimmerhöhen teilweise ineinander schachtelt und äußerlich zunehmend der Kubusform annähert.

„Los von Loos“

Ab 1909 entwirft er auch Geschäftslokale wie den Herrenmodesalon Kniže & Comp. Am Graben in Wien, der seit den 1920er Jahren als erste Herrenmodemarke der Welt galt und auch die erste Herrenduftserie „Knize Ten“ kreierte. 1910 kamen dann Wohnbauten hinzu, darunter die Wiener Siedlungen Hirschstetten und Friedensstadt, aber auch zwei Einfamilien-Doppelhäuser für die Werkbundsiedlung. Nach dem Zerfall Österreich-Ungarns 1918 wurde er tschechoslowakischer Staatsbürger, 1921 Chefarchitekt des Wiener Siedlungsamtes. 1922 entstand sein bekannter Wettbewerbsentwurf für das Redaktionsgebäude der Chicago Tribune: Eine „überdimensionierte dorische Säule, die in ihrer selbstreferentiellen Überhöhung die gesamte Postmoderne vorwegzunehmen scheint“, schrieb Robert Kaltenbrunner auf telepolis. 1924 trat er von seiner Stelle im Siedlungsamt zurück, lässt sich für vier Jahre in Paris nieder und pflegte dort zahlreiche Kontakte zur Künstleravantgarde. Er baute unter anderem ein Haus für Tristan Tzara, dem Mitbegründer des Dadaismus, und entwarf auch eine Villa für die Tänzerin Josephine Baker mit einer ganz in horizontalen schwarzen und weißen Streifen gehaltenen Fassade. Der Wegzug nach Frankreich hatte auch das Ende seiner privaten Bauschule mit ca. acht Schülern bedeutet, darunter Paul Engelmann, der für den Cousin Stefan Zweigs, Max, in Israel ein Haus baute.

Das „Haus ohne Augenbrauen“. Quelle: https://www.geschichtewiki.wien.gv.at/Datei:Looshaus.jpg

Von 1918 bis 1926 war er mit der Tänzerin Elsie Altmann, von 1929 bis 1931 mit der Fotografin Claire Beck verheiratet. Der Charismatiker war, was man heute „Salonlöwe“ nennen sollte, gehörte zur Wiener Boheme, war eng mit Künstlern wie Arnold Schönberg und Oskar Kokoschka befreundet, aber auch mit Karl Kraus und Peter Altenberg, für die er sogar als Taufpate fungierte. Daneben spielte er begeistert Schach. Ende der 20er Jahre begann er sich mit dem Werkstoff Glas auseinanderzusetzen. Ein 12-teiliges Barset mit Karaffe für die Wiener Firma J. & L. Lobmeyr wurde 2010 noch hergestellt und verkauft. Ein Becherservice für die American Bar in Wien, ebenfalls von J. & L. Lobmeyr geschaffen, wurde sogar noch 2017 produziert und vertrieben. Auch diverse Beleuchtungskörper, Kleiderständer sowie eine Kaminuhr werden von der Wiener Firma WOKA heute noch in Handarbeit hergestellt und verkauft.

Im Spätsommer 1928 zeichnete er an fünf Tagen privat drei acht- bis zehnjährige Mädchen nackt. Aufgrund der Anzeige einer bis heute anonym gebliebenen Frau wurden Ermittlungen gegen ihn eingeleitet und in seiner Wohnung eine Sammlung von über 300 pornografischen Fotografien gefunden, deren Besitz damals allerdings nicht strafbar war. Verurteilt wurde er schon im Dezember „des Verbrechens der Verführung zur Unzucht“, begangen dadurch, dass er „die ihm zur Aufsicht anvertrauten Mädchen zur Begehung und Duldung unzüchtiger Handlungen verleitete, indem er sie veranlasste, als Modelle unzüchtige Stellungen einzunehmen und sich in diesen zeichnen zu lassen“. Die Strafe belief sich auf vier Monate Arrest, die zur Bewährung ausgesetzt wurden. Die Strafakte dazu wurde später gestohlen und tauchte erst Jahrzehnte später in Privatbesitz wieder auf. Das Wiener Stadt- und Landesarchiv hat sie 2015 zurückerhalten und im Wiener Archivinformationssystem komplett veröffentlicht.

Prag-Smichov, Villa Winternitz. Quelle: https://image.kurier.at/images/cfs_932w/4282094/46-163529103.jpg

Der Skandal hielt sich in Grenzen, zumal Loos inzwischen vollständig ertaubt war und kurz danach die Vorbereitungen zu seinem 60. Geburtstag begannen – der vor allem in Prag gefeiert werden sollte. Hier kam es zu einer einmaligen Allianz zwischen James Joyce, Karl Kraus, Valéry Larbaud, Heinrich Mann und Arnold Schönberg, die einen Aufruf zur Gründung einer „Adolf-Loos-Schule“ in Wien veröffentlichten: „Adolf Loos, den einmal kommende Geschlechter den großen Wohltäter der Menschheit seiner Zeit nennen werden, da er diese von der Sklaverei überflüssiger Arbeit befreite, wird im Dezember 60 Jahre alt. Die Ornamentiker, deren Überflüssigkeit und Schädlichkeit Loos sein ganzes Leben hindurch nachgewiesen hat, wollten sich dieses unbequemen Mannes durch Totschweigen entledigen … Ihm, dem geborenen Lehrer, wurde kein Lehramt zuteil … Wir wissen, dass wir ihm die größte Freude bereiten würden, wieder seine Lehre verkünden zu können.“ Angefragt waren auch Albert Einstein und Thomas Mann, die winkten ab.

Ornamentlosigkeit als „Schandtat“

Aus dem Unternehmen wurde nichts mehr. Der extrovertierte Gesellschaftsmensch vereinsamte, als ihn ein Nervenleiden in den Rollstuhl zwang. Loos starb am 23. August 1933 umnachtet im Sanatorium Kalksburg bei Wien. Er ruht auf dem Wiener Zentralfriedhof in einem Grab, dessen schlichten Grabstein er selbst entworfen hat; er steht noch heute da. Friedensreich Hundertwasser veröffentlichte 1968 eine polemische Generalabrechnung unter dem Titel „Los von Loos“, in der er ihm vorwirft, die Ornamentlosigkeit als „Schandtat in die Welt gesetzt“ zu haben. „Sicher hat er es gut gemeint. Auch Hitler hat es gut gemeint. Aber Adolf Loos war unfähig, fünfzig Jahre vorauszudenken. Der Teufel, den er rief, den wird die Welt nun nicht mehr los.“

Villa Duschnitz, 1915-1916, Blick aus dem Musikzimmer ins Speisezimmer mit Wintergarten. Quelle: https://image.architonic.com/imgTre/10_09/adolf_loos_duschnitz.jpg

„Man darf nur dann etwas Neues machen, wenn man etwas besser machen kann“, lautete ein Lebensmotto des Meisters. Die Wirkung vieler seiner Bauten ergäbe sich aus „dem Spannungsfeld zwischen der oft provozierenden Kargheit der Fassade und dem taktil-sensualistischen Reichtum des Interieurs“, befand Kaltenbrunner. Neben Straßen wurde auch ein Asteroid nach ihm benannt. Seit 1992 wird von einer Jury der von der Raiffeisenlandesbank Niederösterreich-Wien gestiftete Adolf-Loos-Architekturpreis vergeben. In Tschechien gibt es mehr als 30 Gebäude und Wohnungen, an deren Gestaltung er beteiligt war. Zu seinen bekanntesten Werken gehört eine Prager Villa, die er 1930 für den Bauunternehmer František Müller bauen ließ und in der aus Anlass seines Jubiläums im Januar 2020 ein tschechisches Adolf-Loos-Jahr eröffnet wurde, an dem sich auch Museen in Pilsen und Brünn beteiligten.

Mit der „Thingbewegung“ startete das noch junge Dritte Reich ein kulturelles Großvorhaben. Der Name knüpfte an die historische Bezeichnung nordisch-germanischer Versammlungsplätze an, hatte damit allerdings wenig zu tun. Vielmehr ging es um ein umfassendes Theatererlebnis in freier Natur, das unter Bezug auf ein imaginäres Germanentum den Geist einer deutschen Volks- und Schicksalsgemeinschaft beschwor. Aufführungsorte waren eigens dafür angelegte Theater; Bergketten, Täler und der deutsche Wald gaben das natürliche Bühnenbild ab. Die Thing-Euphorie entfachte eine gigantische Masseninitiative: Errichtet aus Natursteinen, entstanden in ausgewählter Lage sogenannte Thingstätten – weltweit die größte Anzahl neu geschaffener Freilichtbühnen seit der Antike.

400 waren vom Propagandaministerium geplant, mit exakten Vorgaben: Ausgerichtet nach Norden und eingebettet in die Landschaft sollten die Zuschauerränge im Halbkreis ansteigen, durchzogen von breiten Treppen sowie Quergängen für Auf- und Abmärsche. Häufig gab es noch einen vorgelagerten Aufmarschplatz sowie ein Ehrenmal für die Gefallenen des Ersten Weltkriegs. Neben dem offiziellen Bauprogramm sprühten NS-Funktionäre auf Gemeindeebene vor Eigeninitiative. Ca. 60 existieren so oder so heute noch – die Bad Segeberger Karl-May-Bühne ist sicher die bedeutendste, die Berliner „Waldbühne“ wohl die bekannteste.

Die Geschichte der Thingbewegung beschreibt der Historiker Gerwin Strobl als Coup von vier Theaterenthusiasten, die mit den Nationalsozialisten ursprünglich nichts am Hut hatten, sondern lediglich die Gunst der Stunde nutzten, um gemeinsam einer Idee zum Durchbruch zu verhelfen, die schon aus Weimarer Tagen stammte: Alle vier wollten das Freilichtspiel als „Volkstheater“ wiederbeleben. Neben dem Regisseur Hanns Niedecken-Gebhard und dem Schriftsteller Hans Brandenburg muss Wilhelm Karl Gerst als zeitgeschichtlich sicher namhaftester unter den vieren gelten. Der Architekt, Theatermacher und Begründer des Katholischen Bühnenvolksbundes war nach Kriegsende Mitbegründer der „Frankfurter Rundschau“.

Niessen 1955. Quelle: https://www.koelner.de/wp-content/uploads/2016/07/nl-niessen_portrait_foto-stuckmann_300dpi_0071.jpg

Und da war noch Carl Niessen – der Theaterwissenschaftler ist Schöpfer des Ausdrucks „Thingspiel“, das Festspiel und Kundgebung in einem sein sollte: Thingspiele sollten hauptsächlich ein emotionales und ethisches Aufgehen des Einzelnen in Heimat und Volksgemeinschaft erleben lassen. Die Bezeichnung „Thing“ wurde von der Jugendbewegung übernommen; einige Jugendbünde (Pfadfinder, Quickborn und andere) hatten Versammlungen so bezeichnet. Der Begriff wurde, obwohl nur von 1933 bis 1936 mit Leben erfüllt, später als der bedeutendste Beitrag bezeichnet, den das 3. Reich zur Kunstform des Theaters und der Literatur leistete und der im Vergleich der Konfigurationen zum Arbeitermassenspiel zu einer Körpergeschichte sozialer Bewegungen einerseits, ja einem „propagandistischen Architekturtheater“ andererseits führte. Am 7. Dezember vor 130 Jahren kam Niessen in Köln als Sohn eines Hotelbesitzers zur Welt.

Mitbegründer der „Rheinischen Landesbühne“

Über seine Kindheit und Jugend ist wenig bekannt außer dass er, wie viele begüterte Einzelkinder jener Zeit, eher ästhetisch denn körperlich aktiv aufwuchs und in Köln das Realgymnasium besuchte. Er studierte dann Kunst- und Kulturgeschichte in Heidelberg, Bonn, München, Berlin und schließlich Rostock, wo er 1913 promovierte. Im Mai 1914 gründete er eine Bühne in Oberhausen und bespielt mit seinem Ensemble außerdem eine von ihm ins Leben gerufene Freilichtbühne. Mit dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges 1914 endet dieses erste Engagement, er leistet als Freiwilliger Kriegsdienst, zuletzt als Leutnant der Reserve.

1919 erfolgte seine Habilitation für deutsche Literatur und Theatergeschichte an der Universität Köln, wo er bis 1929 als Privatdozent, bis 1938 als apl. Professor lehrte. An theaterwissenschaftlichen und -praktischen Aufgaben gleichermaßen interessiert, wirkte er in verschiedenen kulturpolitischen Gremien und zeitweise in der Theaterpraxis selbst. Während des Studiums und in den ersten Jahren seiner Privatdozententätigkeit war er an Bühnen in Köln, Wuppertal, Beuthen, Koblenz, Siegburg und Antwerpen als Schauspieler und Regisseur engagiert. Regen Anteil nahm er nach dem 1. Weltkrieg an der Schaffung von staatlich geförderten Volksbildungseinrichtungen wie Wanderbühnen: Die Gründung der „Rheinischen Landesbühne“ 1920 mit Sitz in Düren ist wesentlich auf seine Initiative zurückzuführen.

Niessen vor rheinischen Puppen in den 1920er Jahren. Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Carl_Niessen#/media/Datei:NL_Niessen_300dpi_003.jpg

Mit Nachdruck setzte sich Niessen für die Erhaltung bzw. Wiederbelebung des rheinischen Puppenspiels ein, insbesondere für die Rettung des Kölner „Hänneschen-Theaters“. Auf zahlreichen Auslandsreisen erwarb er wesentliche Teile seiner Bibliothek und einer Sammlung von Bilddokumenten, Modellen, Masken, Porzellanen u. a. zur Geschichte des Theaters, die rasch als eine der größten Privatsammlungen dieser Art galt und internationalen Ruf erlangte. Vereinigt mit universitätseigenen Beständen, wurde die Sammlung schon 1927 auf der „Deutschen Theaterausstellung“ in Magdeburg gezeigt, 1932 fand eine erste Ausstellung mit Zeugnissen zur Weltgeschichte des Theaters in eigenen Museumsräumen in Köln statt.

Seine Bekanntschaft mit Gerst, der 1931 den „Reichsausschuss für deutsche Volksschauspiele“ organisierte und viele Theaterautoren wie Ödön von Horvath oder Carl Zuckmayer zur Mitarbeit gewann, führte ihn dann kurzzeitig ins Zentrum der Macht. Gerst hatte nach der Wirtschaftskrise, die auch viele Theaterleute in Existenznöte brachte, ein neues Medienformat gesucht, bei dem sie gemeinsam mit Laien dramatisches Geschehen öffentlich gestalten sollten. Nach dem Vorbild von Schillers „Schaubühne als moralische Anstalt“ sollte das gemeinsam gestaltete und erlebte dramatische Geschehen alle Teilnehmer (auf der Bühne, dahinter und davor) emotional, moralisch und politisch einen, ihre Gesinnung festigen, ja sogar umstimmen.

Am 22. Dezember 1932 gründeten die vier Enthusiasten den „Reichsbund zur Förderung der Freilichtspiele“, der als Verein sieben Tage vor der Machtergreifung ins Vereinsregister eingetragen wurde. Nach der Machtergreifung sorgte der Schauspieler und NS-Funktionär Otto Laubinger, späterer Präsident der Reichstheaterkammer, dafür, dass der Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda die junge Vereinigung anerkannte. Damit war der Reichsbund einerseits unter den Schutz von Goebbels gestellt, andererseits aber dessen Einfluss ausgesetzt.

sozialistische Vorwärtsbewegung

Niessens Schrift Thingplätze als Spielplätze der Nation (1934) bildete die Grundlage des „Thingspiels“, dessen Idee sich aus vielerlei Quellen speiste. In den zwanziger Jahren inszenierte die sozialistische Bewegung Arbeitermassenspiele von neuartiger Qualität. Hunderte oder Tausende von Akteuren traten mit Zehntausenden von Zuschauern über Sprechchöre und Bewegungschöre in Interaktion. Sie wurden als „Massenspiele“, „Festspiele“ oder auch – mit quasi-religiösen Untertönen – als „Weihespiele“ bezeichnet, waren häufig mit der Freidenkerbewegung verbunden und thematisierten im Schnittfeld zwischen Massengymnastik, Agitpropgruppen und „proletarischer Feierkultur“ die Richtung der sozialistischen „Vorwärtsbewegung“ über den Sturz der kapitalistischen Verhältnisse hin zum Sieg allgemeiner Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit.

Waldbühne – Aufführung von „Das Frankenburger Würfelspiel“ von Eberhard Wolfgang Möller am 29. Juli 1936 vor der NS-Kulturgemeinde. Quelle: https://www.akg-images.co.uk/Docs/AKG/Media/TR3_WATERMARKED/1/2/d/0/AKG61156.jpg

Anregungen kamen vom jugendbewegten Laienspiel, teils von den Massenspielen des sowjetischen Proletkults und vom expressionistischen Revolutionstheater. Thematisch inszenierten sie etwa den Spartakus-Aufstand im alten Rom, den deutschen Bauernkrieg und die Französische Revolution, später mehr symbolisch-abstrakte Kämpfe um Krieg und Frieden. Im Massenspiel „Flammende Zeit“, das 1929 in Magdeburg mit tausend Statisten auf einer Naturbühne vor Zehntausenden von Zuschauern stattfand, hieß es etwa

„Wer den wuchtigen Hammer schwingt 
Wer im Felde mäht die Ähren
Wer ins Mark der Erde dringt
Weib und Kinder zu ernähren (…)
Jedem Ehre – jedem Preis
Ehre jeder Hand voll Schwielen
Ehre jedem Tropfen Schweiß
Der in Hütten fiel und Mühlen (…)

Der französische Publizist Stefan Priarcel kennzeichnete in Les Nouvelles Littéraires die gewissermaßen „energetische“ Ausstrahlung solcher Spiele: „Glaube … Rhythmus … Disziplin … all dies löst einen Kraftstrom aus, dem gegenüber niemand unempfindlich bleiben kann“. Die Stimmung des Massenspiels war eine Energie oder Ausstrahlung, die allein über räumliche und zeitliche Kategorien nicht erfasst werden kann, meint der dänische Soziologe Henning Eichberg, weswegen sie analytisch schwerer greifbar sei und unterschiedlich erlebt und interpretiert werden könne. „Oft wurde sie als rauschhaft und als Begeisterung beschrieben. Die Atmosphäre des Festspiels kam im Gemeinschaftsgesang zum Ausdruck, in Musik, Sprechchor und Sprechbewegungschor. Durch das Massenspiel geschah Gefühlsbildung. Diese Gefühle waren typisch von ‚religiöser‘ Ernsthaftigkeit. Das Massenspiel war kein Ort des Lachens.“

Unter dem Begriff „Thingspiel“ fasste Niessen nun alle Initiativen zusammen, die Festspiele in Stadien und den neu eingerichteten Freilichtbühnen arrangierten, um die „nationale Revolution“ zu feiern. Federführend war innerhalb der nazistischen Kulturpolitik die eher dem Expressionismus zuneigende Gruppe um Joseph Goebbels, während die mehr völkische Gruppe um Alfred Rosenberg sich kritisch bis abweisend verhielt. Sie bemühte sich um die Etablierung konkurrierender, mehr archaisierender „Thingstätten“. Ein dritter Akteur in dieser Konkurrenz wurde die Organisation „Kraft durch Freude“ unter dem DAF-Führer Robert Ley, die sogenannte „Werkspiele“ veranstaltete und für jedwedes Ereignis Zuschauer und Beteiligte in Bataillonsstärke garantieren konnte.

Thingstätte Heidelberg. Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Thingst%C3%A4tte_(Heidelberg)#/media/Datei:Thingst%C3%A4tte_Draufsicht.jpg

Neben und zwischen diesen Fraktionen gab es ferner die Laienspiele und „Spielscharen“, die sich um HJ, SA und im „Reichsbund Volkstum und Heimat“ unter dem Hitler-Stellvertreter Rudolf Heß sammelten; dieser Reichsbund wurde später als „Amt Volkstum und Heimat“ der KdF untergeordnet. Die Dimension der Spiele lag zum Teil bei 3000 Akteuren und 60.000 Zuschauern. Sogar einige Verfasser sozialistischer Festspiele begaben sich auf dieses neue Feld und steuerten Texte mit Untertönen sozialer Erweckung bei. Als Thema kristallisierte sich nun die jüngere deutsche Geschichte heraus, besonders die „Schmachgeschichte“ seit 1918.

chorische Massentheaterstücke

Gezeigt wurde, wie „das Volk“ (vorgestellt wie der Chor im altgriechischen Theater) politisch „handelte“. Nur wenige Spieler hatten Einzelrollen, darunter die Chorführer – man kann, im Gegensatz zu dem von den Nationalsozialisten verfemten linksliberalen Elitentheater, von chorisch-patriotischen Massentheaterstücken sprechen: Mythos, Heroismus und ein völkisches Gemeinschaftserlebnis unter freiem Himmel. „Thingspiele waren eine Mischung aus Tanz, Gesang, Dichtung und Laienspiel, stilistisch zwischen expressionistischer Bühnenkunst, mittelalterlichem Mysterienspiel und Nürnberger Parteitag“, erkannte Solveig Grothe im Spiegel. Selbst die Anreise war durchdacht, Straßen und neue Bahnhöfe wurden entsprechend geplant, weiß sie: „Der gemeinsame Weg hinauf zur Thingstätte als Teil der Inszenierung sollte das Gefühl der gemeinsamen Herkunft und Zusammengehörigkeit vermitteln.“

Bei der örtlichen Bevölkerung und auch innerhalb der NSADP konnte sich der beabsichtigte Thing-Kult jedoch nicht durchsetzen. Zum einen stockten viele Bauvorhaben, zum anderen kamen die gezeigten Stücke nicht an. Hinzu kam, dass mit der Niederschlagung des Röhm-Putschs die politische Entwicklung der NSDAP und damit des Reichs in eine neue Phase eingetreten war: Die sozialistische Komponente wurde schwächer, die nationalistische nahm zu.

Standorte der ersten 66 vom Reichspropagandaministerium geplanten Thingplätze. Quelle: https://cdn.prod.www.spiegel.de/images/cea876b4-05ee-44ab-a079-92839a0d704b_w1528_r1.5227272727272727_fpx29.56_fpy49.jpg

Propagandaminister Goebbels sah in Film und Radio wesentlich bessere Möglichkeiten der Massenbeeinflussung als in den ideologisch plakativ überladenen Thingspielen und setzte von nun an wieder auf die herkömmlichen Muster der faschistischen Parade und der Reichsparteitage einerseits – und auf den „unpolitischen“ Unterhaltungsfilm andererseits: „Diese Formen erforderten nicht mehr Spontaneität und Mitwirkung von unten, sondern entweder quasimilitärische Organisation von oben oder Konsumverhalten“, meint Eichberg.

Goebbels erkannte auch, dass Veranstaltungen der „Bewegung“ eher schadeten, wenn sie als Kult durchschaut wurden. Die in Heidelberg als Thingstätte geplante Anlage wurde nach Fertigstellung nur noch als Feierstätte bezeichnet, was auf ein Verbot des Begriffes Thing durch Goebbels 1935 zurückzuführen ist. Von da an hießen sie auch Weihestätte oder Freilichtbühne. Ohne die Förderung durch die Partei führten Thingspiele von da an nur noch ein Schattendasein bei der Hitlerjugend und in eher sektiererischen Splittergruppen innerhalb der NSDAP wie den Artamanen. Das bekannteste und meistgespielte Thingspiel war das Frankenburger Würfelspiel von Eberhard Wolfgang Möller, es wurde auch bei den Olympischen Sommerspielen 1936 in Berlin aufgeführt.

Seit 1933 Truppführer der SA, wurde Niessen mit der Abspaltung des Fachs in eine selbständige, von der Literaturwissenschaft unabhängige Disziplin 1938 zum nichtbeamteten, außerordentlichen Professor für Theaterwissenschaft an der Universität zu Köln berufen – als erster in Deutschland. Er trat nachdrücklich für eine praxisorientierte wissenschaftliche Ausbildung ein und zählt hierzulande neben Max Herrmann und Artur Kutscher zu den Begründern der Disziplin. Warum er seine volkstheatralischen Ideen nicht weiterverfolgte, ist bis dato offen.

Die Freilichtbühne „Stedingsehre“ in Bookholzberg, heute Gemeinde Ganderkesee im Oldenburger Land, wurde am 27. Mai 1934 eröffnet. Den Namen erhielt die bis zu 20.000 Menschen fassende Thingstätte in Anlehnung an das Theaterstück „De Stedinge“, zu dessen Aufführung sie eigens gebaut worden war. Der Oldenburger Autor August Hinrichs hatte das „Volksschauspiel“ zum 700. Jahrestag der Schlacht von Altenesch verfasst. Quelle: https://www.spiegel.de/geschichte/nazi-freilichttheater-und-thingbewegung-das-thing-ging-schief-a-34e879ae-ad60-4a1d-97cd-2002d50a79ed#fotostrecke-9c30bb5d-c353-4529-b6b0-5ff51bdf360c

Wenngleich nicht Mitglied der NSDAP und deshalb gelegentlich der „politischen Unzuverlässigkeit“ geziehen, war er von der Reichstheaterkammer als „Dekan auf Lebenszeit“ einer Theaterakademie vorgesehen, die allerdings nie verwirklicht wurde. Er war neben seiner Tätigkeit als Institutsleiter Autor zahlreicher theaterwissenschaftlicher Fachbücher, darunter Die Schaubühne (1928) und An der Wiege des Hänneschen (1937) und schrieb für die Zeitschrift Musik im Kriege. Deutlich nationalistische Töne klingen in Publikationen wie Der Film, eine unabhängige deutsche Erfindung (1934) oder Theater im Kriege (1940) an.

Von der Euphorie zum Vergessen

Nach dem Zweiten Weltkrieg setzte er seine wissenschaftliche Tätigkeit nahtlos fort. Im Laufe der Zeit verbreiterte er die methodische Basis seiner Forschung durch die Integration von vergleichender Völkerkunde, Religions- und Kulturwissenschaft mit dem Ziel, eine allgemeine „Theorie des Mimus“ zu erstellen, wie er sie in seinem unvollendeten Hauptwerk, dem Handbuch der Theaterwissenschaft (3 Bde., 1949 – 1958) zu skizzieren versuchte.

Bis zu seiner Emeritierung 1959 veranstaltete er auch weitere Theaterausstellungen. 1955 erwarb die Landesregierung von Nordrhein-Westfalen die „Sammlung Niessen“, die heute einen Bestandteil des Theatermuseums der Universität in Porz-Wahn bildet. Den Erlös verwandte Niessen für eine Studienstiftung, die die Publikation wissenschaftlicher Arbeiten zu Theater, Film, Funk und Fernsehen unterstützt. Erst 1962 feierte er mit einer 24 Jahre jüngeren Schauspielerin Hochzeit und starb am 6. März 1969 in Troisdorf.

Das Ensemble des alten Kölner Hänneschen-Theaters im Jahr 1925: Niessen vorne links. Quelle: https://www.ksta.de/image/22845934/2×1/940/470/d9cb78c145645c6f8e8dd11dde2e8175/qN/71-88275591–das-ensemble-d–24-08-2015-14-06-18-500-.jpg

Niessen ist, ebenso wie die meisten Thingspiele und Thingstätten, heute vergessen, die Gründe sind trotz der einst regelrechten Thingeuphorie unklar. Akten, die Aufschluss darüber geben könnten, existieren nicht mehr. Im erwähnten Geheimerlass Goebbels‘ vom 23. Oktober 1935 wurde der Begriff „Thing“ mit einem Tabu belegt. Die Presse erhielt Anweisung, das Wort notfalls auch aus den Reden angesehener Persönlichkeiten zu tilgen. 1936 wurde den Thingspielen dann die „Reichswichtigkeit“ aberkannt. Öffentlich thematisiert wurde diese Kehrtwende in der Kulturpolitik aber nie.

Auch in der Sowjetunion trat an die Stelle der frühen Massenspiele inzwischen die stalinistische Parade. Die späteren sowjetischen Rituale zum 1. Mai, zu Weltjugendfestspielen und Spartakiaden hatten als von oben her inszenierte Massengeometrie und Aufmärsche einen anderen Charakter als die Erweckungsspiele des frühen Proletkults. In der Frühzeit der DDR gab es zunächst einzelne Versuche, das Fest- und Massenspiel wiederzubeleben, aber sie bestätigten eher, dass dessen Zeit abgelaufen war. 1959 wurde die dramatische Ballade Klaus Störtebeker von Kurt Barthel im Rahmen der Rügenfestspiele in Ralswiek aufgeführt, laut Eichberg der „bisher gelungenste Versuch einer Massenspielinszenierung“. Es gibt sie bis heute.

Die germanistischen Darstellungen zu diesem Kapitel der deutschen Literaturgeschichte seien „ziemlich knapp“, befand der Bochumer Emeritus Uwe-K. Ketelsen schon 2004 in der Kritischen Ausgabe: „Solche Selbstbeschränkung dürfte vor allem der Ratlosigkeit gegenüber diesen Texten und den zu ihnen gehörenden theatralen Praktiken entspringen. So bleibt es meist bei konsensfähigen Geschmacksurteilen und politisch korrekten, manipulationstheoretisch fundierten Einschätzungen.“ Er verwies darauf, dass sich die einschlägigen Texte als belletristische Aufarbeitungen von Hitler-, Goebbels-, Rosenberg-, etc.-Zitaten lesen und damit in den Horizont des III .Reichs einschränken ließen.

Störtebecker-Festspiele in Ralswiek. https://www.auf-nach-mv.de/images/njyvtjsvdim-/naturbuehne-ralswiek-in-action.jpeg

„Aber ließe sich die Blickrichtung nicht auch umkehren und konstatieren, dass Hitler, Goebbels, Rosenberg etc. mit den Verfassern dieser Texte an einem gemeinsamen Pool von Vorstellungen, Bildern und Argumenten partizipieren, der aus älteren historischen Beständen stammt?“, fragt er ketzerisch. Eine solche Umkehrung verletze ein Tabu, „indem sie den Panzer sprengt, der beruhigend um das III. Reich gelegt worden ist; sie macht es zu einem integralen Bestandteil unserer Geschichte“.

Zuletzt versuchte die Bielefelder Kunstprofessorin Katharina Bosse aus eher linker Perspektive, diesen Panzer interdisziplinär zu sprengen, und veröffentlichte neben dem Bildband „Thingstätten“ (Bielefeld:Kerber 2020) auch eine zugehörige Internetseite www.thingstaetten.info, die ein umfangreiches Archiv werden, Regionalforschungen vernetzen und Dokumentationen zusammenführen soll. Interessierte können das Portal mit Material und Erkenntnissen ergänzen.

Sobald Hitler einen Narren an einem Film, Schauspieler oder Regisseur gefressen hatte, war der erste Antisemit im Staate ideologisch erstaunlich flexibel: Obwohl Halbjude, trug er dem Meisterregisseur 1933 via Goebbels die Leitung des deutschen Filmwesens an, ließ sich von „Metropolis“ zu Begeisterungsstürmen hinreißen und soll nach Angaben seines Leibfotografs Heinrich Hoffmann den „Siegfried“-Film mindestens 20-mal gesehen haben. Das laut Branchenportal Filmdienst „monumentale Rührstück von unerfüllter Liebe und grenzenloser Rache, von schwülstiger Poesie und destruktiver Megalomanie, von selbstverleugnender Aufopferung und schließlich der berühmten Nibelungentreue, die aus Kriemhild ein gewissenloses Monster macht, das die Burgunder und die Hunnen mit sich in den Abgrund reißt“, sei exakt nach seinem Geschmack gewesen. Der Macher dieses „Rührstücks“, Friedrich Christian Anton „Fritz“ Lang, wurde am 5. Dezember 1890 in Wien geboren.

Der Sohn des Architekten und Stadtbaumeisters Anton Lang und dessen jüdischer Frau Pauline begann nach dem Abschluss der Realschule 1907 auf Wunsch seines Vaters ein Architekturstudium an der Technischen Hochschule in Wien, wechselte jedoch ein Jahr später an die Wiener Akademie der bildenden Künste, um dort Malerei zu studieren. Außerdem war er an der Staatlichen Gewerbeschule in München eingeschrieben und trat während des Studiums nebenbei als Kabarettist auf. Von 1910 an unternahm er wie ein unsteter Bohème Reisen in die Mittelmeerländer und nach Afrika, ging 1911 erneut nach München, um diesmal an der Kunstgewerbeschule zu studieren, und begann wieder zu reisen. 1913/14 setzte er seine Ausbildung in Paris beim Maler Maurice Denis fort und entdeckte dort für sich den Film.

Fritz Lang. Collage von Agata Marszałek. Quelle: https://d2ycltig8jwwee.cloudfront.net/features/222/fullwidth.3b62e943.jpg

Er meldete sich 1914 als Kriegsfreiwilliger und wohnte 1915 während der Einjährig-Freiwilligen-Schule in der Steiermark im Hause des intellektuellen Anwalts Karl Grossmann, der selbst künstlerisch arbeitete. Angeregt durch örtliche, traditionelle Töpfereien, stellte er zwei (Selbstporträt?-)Büsten und zwei Gartenvasen aus Terrakotta her, die von Grossmanns Familie bewahrt werden – wahrscheinlich Langs einzige erhaltene Werke der bildenden Kunst. Nach zwei Verwundungen für kriegsuntauglich erklärt, war der Artillerie-Offizier im Rahmen der Truppenbetreuung bei einer Theatergruppe des „feldgrauen Spiels“ zum ersten Mal als Regisseur tätig und knüpfte Kontakte zu Filmleuten wie Joe May (Julius Otto Mandl), für den er ab 1917 als Drehbuchschreiber zu arbeiten begann, so für „Die Hochzeit in Exzentricclub“ und „Hilde Warren und der Tod“. Dabei lernte er die Autorin Thea von Harbou kennen und bald auch lieben, mit der er später gemeinsam die Drehbücher für Mays „Die Herrin der Welt“ und „Das indische Grabmal“ schreiben wird.

„Dem deutschen Volke zu eigen“

1919 realisierte er für die Decla seine ersten eigenen Streifen, darunter die fernöstlichen Romanze „Harakiri“ mit der jungen Lil Dagover und „Halbblut“, für die er auch das Drehbuch schrieb. Er lebt inzwischen in Berlin und heiratet die Schauspielerin Elisabeth Rosenthal. Schon im folgenden Jahr, am 25. September 1920 fand sie den Tod durch einen Schuss aus Langs Browning-Pistole. Es wird heute davon ausgegangen, dass sie sich spontan das Leben nahm, nachdem sie Zeugin der Affäre ihres Mannes mit Thea von Harbou geworden war. Die genauen Umstände bleiben jedoch zeitlebens im Dunkeln, als Todesursache wurde „Unglücksfall“ statt „Selbsttötung“ angegeben. Lang hielt diese erste Ehe sein weiteres Leben lang geheim, doch hat deren Ende mutmaßlich seine künftigen Filmthemen von Schuld, Verstrickung, Tod und Suizid stark beeinflusst.

Die fruchtbare Zusammenarbeit zwischen Lang und von Harbou – beide heirateten im August 1922 und galten als Glamourpaar –, nahm mit dem Melodram „Das wandernde Bild“ (1920) ihren Anfang und sollte bis 1933 währen. Sie brachte eine ganze Reihe von Filmen hervor, die heute als Klassiker des deutschen Stummfilms gelten. In „Der müde Tod“ (1921) wird eine dreifach variierte Geschichte über Liebe und Tod erzählt. Der Zweiteiler „Dr. Mabuse, der Spieler“ (1922) nach einem Kolportage-Roman führte die Hauptfigur als vom „Caligarismus“ geprägtes Verbrechergenie vor, das seine Opfer durch Hypnose beherrscht und am Ende dem Wahnsinn verfällt.

Lang und Harbou. Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Fritz_Lang_und_Thea_von_Harbou,_1923_od._1924.jpg

Bei den Dreharbeiten verlor er sein linkes Auge und kaschierte das durch ein Monokel. Die Streifen bescherten ihm schließlich auch auf internationaler Ebene den künstlerischen und kommerziellen Durchbruch. Zwei Jahre später feierte er mit dem Nibelungen-Epos einen weiteren großen Publikumserfolg. Die Widmung „Dem deutschen Volke zu eigen“ sollte einige nationalistische Spekulationen auslösen. Das Ornamentale, etwa in Bildaufbau und Massenregie – Siegfried Kracauer sah die „Massenornamente“ der Nürnberger Reichsparteitage vorgebildet – wurde in diesem Film für Lang zum Kompositionsprinzip.

Ein Prinzip, das er in seinem nächsten Film, dem monumentalen „Metropolis“ (1926), noch perfektionieren sollte. Die visuell eindrucksvolle, ideologisch jedoch oft als fragwürdig kritisierte Technikutopie, die er im Anschluss an eine Kreativpause drehte, die ihn zwischen Oktober und Dezember 1924 nach New York, wo ihn die Wolkenkratzer gewiss inspirierten, und Hollywood geführt hatte, sprengte vom Aufwand her jedes Maß, fiel aber bei Kritikern durch und hatte auch beim Publikum keinen Erfolg. Im  August 1927 lief eine auf knapp zwei Stunden verkürzte Version in Deutschland neu an; etwa ein Viertel des Originals wurde vernichtet. Seit 1961 wurden mehrfach Versuche unternommen, die Originalfassung wiederherzustellen. In der Rekonstruktion von 2001 wurde der Film als erster überhaupt ins Weltdokumentenerbe der UNESCO aufgenommen. Die restaurierte Fassung der Murnau-Stiftung, die mit einer 2008 in Buenos Aires gefundenen Kopie hergestellt wurde, feierte 2010 Premiere bei der Berlinale.

Maschinenmensch aus „Metropolis“. Quelle: https://cdn.prod.www.spiegel.de/images/94da4ddd-0001-0004-0000-000001091924_w1528_r1.42781875658588_fpx46.92_fpy54.98.jpg

Sie führte aber zum Bruch zwischen der Direktion der finanziell angeschlagenen Ufa und Lang, der sich mit der Fritz Lang-Film GmbH selbständig machte ließ seine Filme von der Ufa künftig nur noch verleihen ließ. Nach einer Rückkehr ins Milieu der Superverbrecher mit „Spione“ (1927) nahm er die Technikaffinität seiner Zeit zum Anlass, um mit „Frau im Mond“ (1929) einen filmischen Flug zum Mond zu inszenieren. Kolportiert wird, dass der eine wahre Raketenbegeisterung in Deutschland auslöste, zu der auch Langs technische Berater, die Raketenpioniere Hermann Oberth und Willy Ley, beitrugen. „Frau im Mond“ markierte zugleich das Ende von Langs Stummfilmzeit und seine Hinwendung zum Tonfilm.

Zwischen Tonfilm und Exil

„M“ (1931), Langs erster Tonfilm, nutzte geschickt die Möglichkeiten der neuen Technik: Geräusche und ein von Lang persönlich gepfiffenes Grieg-Motiv („In der Halle des Bergkönigs“) untermalen die Geschichte eines psychopathischen Kindermörders (Peter Lorre), der eine Stadt in Angst und Schrecken versetzt, woraufhin sich die Unterwelt seiner annimmt. Der Film, der damalige Zuschauer an die reale Hysterie um den Massenmörder Peter Kürten erinnerte, wurde von der linksliberalen Presse als Plädoyer für die Todesstrafe missverstanden, während Lang in Wirklichkeit die verminderte Schuldfähigkeit eines Zwanghaften hervorzuheben versuchte.

Mit dem Kriminalfilm „Das Testament des Dr. Mabuse“ (1933) kehrte er zu seiner Figur des manipulierenden Machtmenschen zurück und schuf eine kunstvolle Parabel auf Machtmissbrauch und Herrschaftswahn: Die Titelfigur schreibt, während sie in einer Zelle in der Psychiatrie einsitzt, ein Handbuch für Verbrecher. Kracauer sah darin eine deutliche Anspielung auf Hitlers „Mein Kampf“, was Lang später bestritt. Die Machtergreifung der Nationalsozialisten verhinderte die Uraufführung: Der Film wurde am 29. März 1933 von der Filmprüfstelle verboten. Beide Streifen gelten nicht zuletzt wegen ihrer kunstvollen Montage als handwerkliche Höhepunkte in Langs filmischem Schaffen.

Mabuse-Szenenbild. Quelle: http://www.filmstarts.de/kritiken/2890/bilder/?cmediafile=18447452

Lang, der den Nazis lange Zeit indifferent gegenüberstand und noch am 27. März 1933 zusammen mit Carl Boese, Victor Janson und Luis Trenker die Regie-Gruppe der Nationalsozialistischen Betriebsorganisation (NSBO) gegründet hatte, entschied sich nach einem Treffen mit Goebbels Anfang April dafür, Deutschland zu verlassen, und ging über Österreich und Belgien nach Paris ins Exil. Parallel dazu war am 20. April 1933 seine Ehe mit Thea von Harbou geschieden worden – das Paar lebte da allerdings nach einer Affäre Langs mit der Schauspielerin Gerda Maurus schon eine Weile nicht mehr zusammen. Nach der sowohl in einer französisch- als auch deutschsprachigen Version gedrehten Sozialschmonzette „Liliom“  kam Lang in London mit dem US-Filmproduzenten David O. Selznik zusammen und unterzeichnete einen Vertrag über einen Film für MGM. Er reiste in die USA, wobei ihn seine neue Lebensgefährtin Lily Latté an Bord der Île de France begleitete, wurde 1939 US-amerikanischer Staatsbürger und sollte erst 22 Jahre später wieder einen Fuß auf deutschen Boden setzen.

In der Zwischenzeit drehte er nach anfänglichen Startschwierigkeiten in Hollywood zahlreiche Filme. Sein Debüt war „Fury“ (1936), eine Variante von „M“ mit Spencer Tracy in der Hauptrolle. Es folgten unter anderem „You and Me“ (1938), zu dem Kurt Weill einige Songs verfasste, die Farbwestern „The Return of Frank James“ (1940) mit Henry Fonda und „Western Union“ (1940) mit Robert Young und Randolph Scott sowie die reißerische Agentengeschichte „Man Hunt“ (1941), in der auch die gegenwärtige Lage in Nazi-Deutschland thematisiert wurde.

Während der Arbeiten an „Hangmen Also Die“ über den Anschlag auf Heydrich zerstritt sich Lang 1942 mit Co-Drehbuchautor Bertolt Brecht. Doch die Bekanntschaft mit diesem und Hanns Eisler sowie der auf einem Graham-Greene-Roman basierende Anti-Nazi-Film „The Ministry of Fear“ (1944) brachte ihn später ins Visier des Komitees gegen unamerikanische Aktivitäten. Für seine mit Partnern gegründete Firma „Diana Productions“ dreht er dann  düstere Thriller wie „Secret Beyond the Door“ (1947) sowie films noirs wie „The Big Heat“ (1953), die heute als späte Höhepunkte der „klassischen Ära“ gelten. Dazwischen inszenierte er den Western „Rancho Notorious“ (1952) mit Marlene Dietrich.

„definitiv die Idee aufgegeben“

1956 kehrte Lang nach Deutschland zurück, dem er vier Jahre später enttäuscht und entnervt endgültig den Rücken kehrte. Zunächst musste er erleben, wie einige seiner Projekte, etwa über die Ereignisse des 20. Juli oder den Seeräuber Störtebeker, nicht zur Herstellungsreife gelangten: „Die Leute, mit denen man da arbeiten muss, sind wirklich unerträglich. Nicht nur, dass sie keine Versprechen halten, schriftlich oder nicht, es ist auch noch so, dass die Filmindustrie, wenn es überhaupt noch möglich ist, den kümmerlichen Rest dessen, was das Land einmal in seiner Filmproduktion weltberühmt gemacht hat, so zu nennen, heute geleitet wird von ehemaligen Rechtsanwälten, SS-Männern oder Exporteuren von Gott weiß was. Ihre Hauptarbeit besteht darin, Koproduktionen unter solchen Bedingungen zustande zu bringen, dass ihre Kassenbücher bereits Überschüsse aufweisen, bevor man den Film überhaupt angefangen hat.“

„Indian-Edition“. Quelle: https://blob.cede.ch/catalog/16221000/16221820_1_92.jpg?v=1

Für den Produzenten Artur Brauner dreht er dann doch zwei Filme, seine letzten. Dem Zweiteiler „Der Tiger von Eschnapur / Das indische Grabmal“ (1959), der auf einem stark abgewandelten Lang-Drehbuch von 1921 basierte, folgte mit „Die 1000 Augen des Dr. Mabuse“ (1960) ein weiterer Mabuse-Film. Darin zeichnete Lang ein Sittenbild der frühen Bundesrepublik: Große, scheinbar tote, vergessene Verbrecher, die im Hintergrund weiter wirken; ein Hotel als Beobachtungsapparat und Metapher für Totalitarismus; willige Handlanger und Vollstrecker; ein scheinbarer Frieden, der nur mühsam schwelende Konflikte verdeckt; eine Atmosphäre der Künstlichkeit und großspurig gespielten Lockerheit. Alle drei erwiesen sich vor allem als kommerzielle, jedoch nicht als künstlerische Erfolge. „Ich habe diese Filme nicht gemacht, weil ich sie für wichtig hielt, sondern weil ich hoffte, dass ich, wenn ich jemandem einen großen finanziellen Erfolg machen würde, wieder die Chance haben würde, so wie bei ‚M‘, ohne irgendwelche Einschränkungen zu arbeiten. Ein Fehler. Nach 14monatiger Arbeit dort habe ich schließlich definitiv die Idee aufgegeben, noch einmal einen Film in Deutschland zu machen.“

Seine Gesundheit verschlechtert sich, zuletzt ist er fast blind. 1963 trat er in Jean-Luc Godards „Le Mépris“ als alternder Filmregisseur, der sich wegen einer Verfilmung von Homers „Odyssee“ mit seinem Produzenten überwirft, noch einmal selbst vor die Kamera. Daneben reiste er, gab Interviews und besuchte Filmfestivals. 1971 heiratete er in Amerika seine langjährige Lebensgefährtin Lily Latté, starb am 2. August 1976 in Beverly Hills und wurde auf dem Forest-Lawn-Friedhof in Hollywood beigesetzt. Im September 2010 gehörte Lang zu den ersten vierzig Großen des deutschen Bewegtbilds, die in Berlin mit einem Stern auf dem unweit des Potsdamer Platzes neu installierten „Boulevard der Stars“ geehrt wurden, einem wachsenden Denkmal nach dem Vorbild des „Walk of Fame“ in Los Angeles.

Langs Stern auf dem Berliner Boulevard der Stars. Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Fritz_Lang#/media/Datei:Fritz_Lang_-_Boulevard_der_Stars.jpg

Er hat in 40 Jahren 40 Filme gedreht, von denen viele als Meilensteine der Filmgeschichte gelten, ja die zu „Sensationsfilmen“ wurden, wenn sie den Aufstand des Individuums gegen die Macht der Organisationen, den Terror des Staats, die blinde Wut der Masse darstellten. In den 20er Jahren war Regie führen „Erfinden, Ausprobieren, Zaubern; der Regisseur ein Ingenieur des Sehens, Maler, Erzähler und Architekt zugleich“, meinte Michael Althen in der Zeit. Dem selbstverständlichen Bilderfluss, oberstes Gebot in Hollywood, setzte Lang die statische Kamera und den spürbaren Schnitt entgegen: Geometrisch konturierte Szenen, in denen die Helden nur „Sklaven des Bildrahmens“ sind, wie Claude Chabrol einst kritisierte. „Träume von der Welt, die sich durch minimale Erweiterung des Blicks zu Alpträumen wandeln: Darin liegt Langs eigentliche Kunst“, befindet Althen und trifft damit ins Schwarze.

„Die neuzeitliche Gepflogenheit, dass wir Deutsche immer einen größten Dichter haben müssen – gewissermaßen einen Langen Kerl der Literatur – ist eine üble Gedankenlosigkeit, die nicht wenig Schuld daran trägt, dass seine Bedeutung nicht erkannt worden ist. Weiß Gott, woher sie stammt! Sie kann ebenso gut vom Goethekult kommen wie vom Exerzieren“, schimpft durchaus unfein Robert Musil am 16. Januar 1927 im Renaissance-Theater Berlin, wo die „Gruppe der 25“, übrigens gegen den erklärten Willen Bertolt Brechts, eine Gedenkfeier ihm zu Ehren veranstaltete: Rainer Maria Rilke. Als René Karl Wilhelm Johann Josef Maria Rilke wurde er am 4. Dezember 1875 in Prag geboren.

Vater Josef gelang die angestrebte militärische Karriere nicht, er war Eisenbahninspektor geworden. Seine Mutter „Phia“ (Sophie), die einer wohlhabenden Prager Fabrikantenfamilie entstammte und ihre Hoffnungen auf ein vornehmes Leben in der Ehe nicht erfüllt sah, galt als ambitionierte und dominierende Frau, deren Ehrgeiz auf den Wohlstand der Familie gerichtet war – den sie nun nicht erreichen konnte, was zu einer angespannten Familiensituation führte. Zudem hatte sie bei seiner Geburt den Tod ihrer älteren Tochter noch nicht verkraftet, die 1874 im Alter von einer Woche gestorben war. Rilkes Mutter übertrug nicht nur ihre unerfüllten Ambitionen auf den einzigen Sohn, sondern drängte ihn auch in die Rolle der verstorbenen Schwester. Bis zu seinem sechsten Lebensjahr wurde er als Mädchen erzogen, frühe Fotografien zeigen René – französisch für „der Wiedergeborene“ – mit langem Haar im Kleidchen. Er wuchs ohne nennenswerte Kontakte zu Gleichaltrigen auf.

Das Verhältnis zwischen dem Überbehüteten und der Mutter, die ihren Sohn noch um fünf Jahre überleben sollte, überschattete sein Leben. Mit sechs Jahren besuchte Rilke eine katholische Volksschule im vornehmsten Viertel von Prag und brachte trotz kränklicher Konstitution gute Leistungen. 1884 zerbrach die Ehe der Eltern, die fortan ohne Scheidung getrennt lebten. Eine kurze Zeit wurde René von seiner Mutter allein erzogen, bevor seine Eltern ihn in die Kadettenanstalt St. Pölten zur Vorbereitung auf eine Offizierslaufbahn gaben. Die Zumutungen militärischen Drills und die Erfahrungen einer reinen Männergesellschaft traumatisierten den zarten Knaben zusätzlich, nach sechs Jahren brach er die Ausbildung, die er dichtend und zeichnend zu bewältigen versuchte, krankheitshalber ab.

Rilke. Quelle: https://img.br.de/8e31ebce-c060-4147-bf9a-8790d53dfe30.jpeg?width=525&q=85

1891 besuchte er die Handelsakademie von Linz, wo allerdings eine Affäre mit einem Kindermädchen, das mehrere Jahre älter war, einen weiteren Akademiebesuch verhinderte. Der militärischen als auch der kaufmännischen Karriere gleichermaßen beraubt, bereitete er sich mittels Privatunterricht auf das Abitur vor und bestand es 1895. Kurz darauf schrieb er sich in Prag zum Studium für Kunstgeschichte, Literatur und Philosophie ein, wechselte 1896 an die juristische Fakultät in Prag und bereits im September desselben Jahres an die Universität von München. Nach halbherzigen Studienambitionen entschloss er sich, nachdem bereits 1894 sein erster Gedichtband „Leben und Lieder“ erschienen war, kurzerhand dazu, sein Studium abzubrechen und fortan als freier Dichter zu arbeiten.

„sachliches Sagen“

Mit dieser Entscheidung begann für ihn ein unkonventionelles, unstetes Reiseleben: Nirgends hielt es ihn länger, ständig zog es ihn weiter. Er wohnte in dubiosen Mietswohnungen ebenso wie bei Freunden und Gönnern auf Schlössern. Sein lyrisches Frühwerk („Larenopfer“, 1895; „Advent“, 1898) wird der Neuromantik zugerechnet und ist durch Formtreue und subjektive Einfühlsamkeit gekennzeichnet. Ornamentale und sentimentale Züge sowie das dialoghafte Ansprechen eines geliebten Gegenübers finden sich dort ebenso wie das Einssein des Dichters mit der Natur. Im März 1897 führten ihn seine Wege erstmals nach Venedig und zwei Monate darauf, wie der zurück in München, zu Lou Andreas-Salomé. Die um einiges ältere Schriftstellerin und spätere Psychoanalytikerin wurde nicht nur für drei Jahre zu seiner erotischen Freundin, sondern auch zeitlebens zur emanzipierten und geistigen Lebenspartnerin.

Kurze Zeit nach der Begegnung änderte er seinen ursprünglichen Namen René in Rainer: Lou empfand den Namen als männlicher und passender für einen Dichter. Sigmund Freud berichtet 1937, „dass sie dem großen, im Leben ziemlich hilflosen Dichter Rainer Maria Rilke zugleich Muse und sorgsame Mutter gewesen war“. Im Herbst 1897 zog Rilke um nach Berlin in direkte Nachbarschaft von Lou. 1899 und 1900 war er mit ihr zweimal in Russland unterwegs, betrieb Studien für eine geplante, aber nie geschriebene Monografie über russische Maler, traf Tolstoi und Pasternak, der daraus die autobiografische Geschichte „Der Schutzbrief“ machte. Als Rilke von Lous Trennungsabsichten erfuhr, hielt er sich gerade in der Künstlerkolonie Worpswede bei Heinrich Vogeler auf, der ihn zu einem längeren Aufenthalt eingeladen hatte. Im Haus von Vogeler verkehrte unter anderen auch die Bildhauerin Clara Westhoff, die im Frühjahr 1901 Rilkes Frau wurde.

Rilke mit Clara. Quelle: https://de.m.wikipedia.org/wiki/Datei:Rainer_Maria_Rilke_und_Clara_Rilke-Westhoff_1901.jpg

Im Dezember desselben Jahres kam seine Tochter Ruth zur Welt. Doch Rilke entzog sich allen seiner zahlreichen Liebesbeziehungen, bevor sie zu seinem Schicksal werden konnten. Sobald Zuneigung und Liebe für ihn zur Verpflichtung zu werden drohten, verließ er seine Beziehungen. Trotzdem versuchte er bei Westhoff zu einem familiären Leben zu gelangen – vergebens. Schon 1902 trennte er sich von ihr – Mittellosigkeit zwingt ihn zur Auflösung des Hausstandes und zur Übernahme monographischer Auftragsarbeiten – und ging nach Paris, blieb jedoch über alle weiteren Lebensjahre mit ihr verbunden.

Der „Panther“, das erste der „Neuen Gedichte“, entsteht; und seine Monografie über den Bildhauer Auguste Rodin. Dessen Bekanntschaft sowie weitere Reisen nach Paris, Rom und Skandinavien verändern Rilkes poetische Produktionsweise zugunsten eines „sachlichen Sagens“, man spricht später von „Dinglyrik“. 1905 erscheint das „Stunden-Buch“; Rilke nimmt sein Philosophiestudium in Berlin bei Georg Simmel wieder auf. Im Jahr darauf ist er für kurze Zeit Privatsekretär bei Rodin, mit dem er sich überwirft, und veröffentlicht die zur Zeit der Jahrhundertwende entstandene und durch den Jugendstil beeinflusste „Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke“. In einer Nacht herunter geschrieben, wurde sie später Nummer 1 der Insel-Bücherei und sofort – wie auch viele andere Werke dieser Reihe – zum Bestseller: Allein zu Lebzeiten Rilkes wurden 200.000 Stück verkauft. Für den Leipziger Insel Verlag, dessen Leitung Anton Kippenberg 1905 übernommen hatte, wurde Rilke zum wichtigsten zeitgenössischen Autor: Kippenberg erwarb für den Verlag bis 1913 die Rechte an allen bis dahin verfassten Werken Rilkes.

Die lyrisch-impressionistische Prosa vermittelt Gefühle von Jugend und Lebenshunger, Liebe und Tod. Besonderer Popularität erfreute sich das romantisierte Soldatentum  aus dem 17. Jahrhundert in der Zeit der beiden Weltkriege. Das letztlich zeitlos-universelle Schicksal des jungen Soldaten schwankt zwischen Glorifizierung des Heldentodes und der Sinnlosigkeit (jungen) Sterbens, Gefühlen von überzogener Ehre, Verlust und Traurigkeit. Dem Langemarck-Mythos zufolge hatten die „jungen“ Regimenter das Deutschlandlied auf den Lippen und „Rilkes Cornet im Tornister“. 1908 schreibt er zur Erinnerung an die verstorbene Paula Modersohn-Becker das „Requiem für eine Freundin“, vollendet „Der neuen Gedichte anderer Teil“ (1908) sowie die beiden „Requiem“-Gedichte (1909) und veröffentlicht 1910 seinen Tagebuchroman „Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge“, an dem er seit 1904 gearbeitet hat.

„die Welt synthetisch generieren“

Dieser gehört fraglos zum Kanon der klassischen Moderne, befindet Rilkes Biograph Ralph M. Köhnen. Ausgehend von tagebuchähnlichen Aufzeichnungen mit Großstadtimpressionen, entwickle er in avantgardistischer Weise den Versuch, „durch Vielfalt des Erzählens, Polyperspektive, Montagetechnik und Aufbau synthetischer Raum- und Zeitbegriffe der Erfahrung des heterogenen modernen Lebens und des akzelerierten Großstadttempos eine Langerzählung an die Seite zu stellen“. Fragment geblieben, zeigt der Roman auch formal die Krisis der Moderne, die er trotz Reizüberflutung, Gewalt, Krankheit, Armut, Angst und Tod bei aller Fremdheit aber nicht ablehnt. Rilkes Modernität erweise sich vielmehr darin, dass er den Weltzweifel als dichterische Chance wertet: „Wenn die innere und die äußere Welt mit Sprache nicht adäquat dargestellt werden können, so kann man aus sprachlichen Entwürfen diese Welten schöpfen bzw. aus sprachlichen Einzelteilen die Welt synthetisch generieren“, so Köhnen.

Schloß Duino. Quelle: http://www.fondation-rilke.ch/wp-content/uploads/2015/01/Duino.jpg

Seine anschließende Schaffenskrise sucht er wiederum mit Reisen zu kompensieren. 1910/11 reiste er nach Nordafrika, was sich ebenso auf sein Spätwerk auswirkte wie der Aufenthalt auf Schloß Duino bei Triest bis Mai 1912, zu dem ihn seine bedeutendste Förderin, Fürstin Marie von Thurn und Taxis, eingeladen hatte und wo er die „Duineser Elegien“ begann. Anschließend reiste er nach Spanien, hielt sich erneut in Paris auf, um 1914 nach München überzusiedeln. Es sollten fünf Jahre werden: Der Ausbruch des Ersten Weltkrieges überraschte ihn. Nach Paris konnte er nicht mehr zurückkehren; sein dort zurückgelassener Besitz wurde beschlagnahmt und versteigert. Zu Beginn schreibt er fünf „Kriegsgesänge“, doch seine anfängliche Kriegsbegeisterung weicht der Erschütterung.

So beginnt er Übersetzungen zu verfertigen, und überträgt Werke von Michelangelo, Petrarca, Paul Valery, Paul Verlaine, Stephane Mallarme und André Gide ins Deutsche. Auf der Suche nach neuer Inspiration setzte er sich erstmals auch intensiver mit dem Werk Goethes und Shakespeares auseinander. Von 1914 bis 1916 hatte er eine stürmische Affäre mit der Malerin Lou Albert-Lasard. Anfang 1916 wurde Rilke eingezogen und musste in Wien eine militärische Grundausbildung absolvieren, wo er in der Breitenseer Kaserne im Westen der Stadt stationiert war. Auf Fürsprache einflussreicher Freunde wurde er zur Arbeit ins Kriegsarchiv und ins k.u.k. Kriegspressequartier überstellt und am 9. Juni 1916 aus dem Militärdienst entlassen. Das traumatische Erlebnis des Militärdienstes, empfunden auch als eine Wiederholung in der Militärschulzeit erfahrener Schrecken, sowie weitere für ihn enttäuschende Liebschaften ließen Rilke als Dichter danach nahezu völlig verstummen. Allerdings erkannte er diese scheinbar verlorenen Jahre später selbst als Inkubationszeit und Bedingung für weiteres Reifen.

Rilke vor der Kulisse des Kreml. Ölgemälde Leonid Pasternaks. Quelle: https://cdn1.stuttgarter-zeitung.de/media.media.2f330667-c252-4fa0-b2fc-4244faebf38e.original1024.jpg

Er macht die Bekanntschaft von Hanns Eisler und Ernst Toller und verlässt München 1919, um an wechselnden Orten in der Schweiz zu wohnen, zuletzt im Chateau de Muzot im Kanton Wallis, das ihm sein Schweizer Mäzen Werner Reinhart mietfrei zur Verfügung stellte. Hier vollendete er auf dem Höhepunkt seines Schaffens 1922/23 die „Duineser Elegien“ und die „Sonette an Orpheus“. Er versuche, seine Existenzverzweiflung dichterisch aufzulösen, indem er in der Kunstsprache Innen- und Außenwelt zum „Weltinnenraum“ verwebt, in dem die festen Zeitstufen und Raumkategorien aufgelöst sind, meint Köhnen. Diese „neue Mythologie“ spiegele sich in den Gedichtfiguren: Engelsfiguren treten auf, Liebende, Verzweifelnde und Hoffende, jung Verstorbene, die im dichterischen Eingedenken lebendig werden, schließlich Orpheus, der mythische Liebende und Sänger, der zugleich Selbstbild des Dichters wird.

„Differenz zur Alltagssprache“

1924 erkrankte Rilke an einer seltenen Form der Leukämie, was häufige Sanatoriumsaufenthalte zur Folge hatte. Der lange Paris-Aufenthalt von Januar bis August 1925 war ein Versuch, der Krankheit durch Ortswechsel und Änderung der Lebensumstände zu entkommen. Indes entstanden in den letzten Jahren zwischen 1923 und 1926 noch zahlreiche wichtige Einzelgedichte (etwa „Gong“ und „Mausoleum“) sowie ein umfangreiches lyrisches Werk in französischer Sprache, das an die Lyrik des französischen Spätsymbolisten Paul Valéry anknüpfte.

Im Januar und Februar 1926 schrieb Rilke der Mussolini-Gegnerin Aurelia Gallarati Scotti drei Briefe nach Mailand, in denen er die Herrschaft Mussolinis lobte, den Faschismus als „Heilmittel“ pries und staatliche „Gewalt“ billigte: Er war bereit, eine gewisse, vorübergehende Gewaltanwendung und Freiheitsberaubung zu akzeptieren, um über Ungerechtigkeiten hinweg zur Aktion zu schreiten. Italien sah er als das einzige Land, dem es gut gehe und das im Aufstieg begriffen sei. Mussolini sei zum Architekten des italienischen Willens geworden, zum Schmied eines neuen Bewusstseins, dessen Flamme sich an einem alten Feuer entzünde. „Glückliches Italien!“ rief Rilke aus, während er den Ideen der Freiheit, der Humanität und der Internationale eine scharfe Absage erteilte. Sie seien nichts als Abstraktionen, an denen Europa beinahe zusammengebrochen wäre.

Er starb am 29. Dezember 1926 im Sanatorium Valmont sur Territet bei Montreux und wurde am 2. Januar 1927 – seinem Wunsch entsprechend – in der Nähe seines letzten Wohnorts auf dem Bergfriedhof von Raron beigesetzt. Auf seinem Grabstein steht der von Rilke selbst verfasste Spruch:

Grab mit Grabspruch. Quelle: http://www.fondation-rilke.ch/wp-content/uploads/2015/01/Tombe-Rilke.jpg

Postum erschienen sein Buch „Dichtungen des Michelangelo“ und sein umfangreiches Briefwerk. Rilke verstand sich nicht als Schulengründer und ist so auch kaum rezipiert worden, sieht man von der Naturlyrik der 1920er bis 1950er Jahre und von einzelnen Autoren wie Peter Handke ab. Populär wurde insbesondere sein von neuromantischer Schwärmerei und Dichteremphase getragenes Frühwerk. Die Rubrizierung seines Œuvres unter eine Epoche oder eine bestimmte Richtung ist kaum möglich; akzeptiert ist allenfalls die Zurechnung zum Symbolismus. Eine Perspektive, die sich bis heute durchgesetzt hat, zielt über die Motive hinaus „auf jene Besonderheiten der Dichtungssprache bei Rilke, deren Differenz zur Alltagssprache nach wie vor Entdeckungen zulässt“, so Köhnen. Seine kühne Metaphorik rings um Abstrakta wie Gott, Stille, Existenz, Trauer oder Zeit gilt bis heute als unerreicht.

Seine Werke sind häufig vertont oder musikalisch bearbeitet worden: In der langen und illustren Reihe seiner Adepten finden sich etwa Alban Berg, Arnold Schönberg, Leonard Bernstein, Dmitri Schostakowitsch und selbst Udo Lindenberg. Populär geworden ist vor allem die musikalische Annäherung an Rilkes lyrisches Werk durch das „Rilke Projekt“, das im Jahr 2001 begonnen wurde. In bisher vier CD-Veröffentlichungen interpretieren bekannte zeitgenössische Schauspieler und Musiker Texte von Rilke. Die ersten drei CDs erreichten Goldstatus. Zu den bekanntesten Mitwirkenden gehören Ben Becker, Mario Adorf, Iris Berben, Nina Hagen und Xavier Naidoo. „Generationen deutscher Leser galt und gilt er als Verkörperung des Dichterischen, sein klangvoll-rhythmischer Name wurde zum Inbegriff des Poetischen“, befand 2007 Kritikerpapst Marcel Reich-Ranicki. Damit hat er 13 Jahre später immer noch Recht.

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