Feeds
Artikel
Kommentare

Herzlich willkommen!

Als Dozent informiere ich Sie auf meiner Webpräsenz über meine Aktivitäten rings um die hochschulische Ausbildung angehender Medienmacher.

Als Mensch lasse ich Sie gern an meinen freizeitlichen Aktivitäten teilhaben, zu denen nicht zuletzt Kochen gehört ;-)

Als Bildungsbürger kommentiere/rezensiere ich außerdem vielerlei kulturelle Phänomene – vom Roman über den Musikergeburtstag bis zum Regisseurstod.

Und als (Ex-)Journalist blogge ich daneben unregelmäßig Betrachtungen zu Interessantem und Wissenswertem nicht nur aus der Welt der Medien.

Warum gerade Betrachtungen?

Ich empfinde dieses Genre – eine Meinungsdarstellungsform übrigens – als eins der zeitgemäßen schlechthin.

Eine Betrachtung soll durch Beschreibungen und Schilderungen, Vergleiche und Annäherungen bis hin zur Analyse einem Ereignis, einer Situation, einem Gegenstand oder auch einem (gesellschafts-) politischen Problem Individualität verleihen: Recherche darf in gewissem Maße substitutiert werden durch Subjektivität.

Die Betrachtung ist durchaus mit derselben eines Kunstwerks in einer Ausstellung vergleichbar: man wählt zunächst die Gesamtschau und wechselt dann zu einzelnen Aspekten.

Dabei ist dem Genre eigen, dass die Prioritäten dieser Aspekte oft im Vagen bleiben: aus der Betrachtung erwächst ein Gedanke, der das formale Ziel darstellt.

Der Gegenstand darf dabei Randerscheinung eines größeren Zusammenhangs bleiben: “die Bedeutung des Unbeachteten birgt den Kern ihrer Aussage” (Degen 2004).

Viel Spass beim Lesen – und natürlich beim Kommentieren!

Liebe Jana Hensel,

ich habe Sie noch nie gesehen. Auch war ich nicht auf dem Marktplatz von Finsterwalde. Aber ich habe Ihren „Offenen Brief“ an die Kanzlerin gelesen. Darin fordern Sie sie unter anderem auf, „mit den Pöblern, den Störern, den vielen Männern“ zu reden, sich „von den Rassisten der AfD, von ihren menschenverachtenden Parolen und Forderungen“ zu distanzieren und „denen“ zu sagen, „was es heißt, Deutscher zu sein.“ Aber damit nicht genug – in einem Interview mit dem DLF legten Sie noch mal nach und bezeichneten AfD-Anhänger als „ehemalige NPD-Anhänger. Für die ist Angela Merkel eine Hassfigur.“ So muss auch Diederich Heßling empfunden haben, wenn die verhassten, aber nützlichen Sozialdemokraten eine Rede seines Kaisers zu stören wagten. Das hätte ein FDJ-Wandzeitungsredakteur an der EOS nicht besser hinbekommen.

Schrieben Sie nun einen redaktionellen Beitrag im Auftrag der CDU-PR-Abteilung? Einen Bewerbungstext als Nachfolgerin von Steffen Seibert? Eine Leseprobe aus Ihrem nächsten Roman,  Arbeitstitel „Die Kindertränen von Finsterwalde“? Ich habe diesen Brief mehrfach gelesen, ja lesen müssen, und meine Gefühle waren jedes Mal andere: Staunen, Wut, Bestürzung… ein Potpourri, das mich zu einer ebenso offenen Antwort förmlich herausforderte, denn: ich bin erstens ein Mann und zweitens in der AfD – jener Partei, der Sie noch am 26. April in fünf politischen Punkten Recht gaben. Ich ließ mir für die Antwort bewusst Zeit – nicht nur, um nicht zu emotional zu retournieren, sondern auch, um mit unserem Wahlergebnis meine Argumentation abzurunden.

Habe ich wirklich den Text einer Autorin gelesen, die wie ich aus dem „falschen Land“ kommt, wie Sie eine Ihrer Figuren sagen ließen; die gerade mal 14 Jahre jünger ist als ich und dasselbe Fach studierte, in dem ich promovierte: Literaturwissenschaft? Die mich, ein ehemaliges LDPD-Mitglied, kurzerhand in die NPD schickt? Die eigentlich wissen muss, wo sie lebt und mit wem; die in verschiedenen Texten und Interviews die „Zone“ reflektierte, in „Zonenkinder“ die Mechanismen der DDR-Propaganda akribisch sezierte, die dafür plädierte, dass „wir Ostdeutschen anders bleiben“ sollten, die… nun ganz hin und weg von „Mutti“ ist?

Cover "Zonenkinder". Quelle: Rowohlt.de

Cover "Zonenkinder". Quelle: Rowohlt.de

Fehlte nur noch, dass diese sprachliche Liebedienerei mit der Grußformel „Untertänigst, Ihre Jana Hensel“ geendet hätte. Haben Sie sich die 1819 Kommentare unter Ihrem Brief angesehen? Ich habe es getan. Haben Sie sich die Kommentare unter ihren sonstigen Äußerungen in diesem Jahr angesehen? Auch das habe ich getan. Haben Sie sich eigentlich irgendetwas gedacht bei diesem Text; was muss geschehen sein, dass Sie so viel Realitätsverleugnung publizieren wollten?

Die Fabula beginnt damit, dass Sie mit ihrem Sohn von Berlin in die Niederlausitz zu Merkels Wahlkampfauftritt gefahren sind, „nicht nur, aber auch, weil er Sie sehen wollte. Für Martin Schulz wäre er nicht so weit gefahren.“ Auf die Idee muss man erstmal kommen: als Berlinerin mit einem Neunjährigen nach Finsterwalde zum Wahlkampf zu fahren. Als Beginn einer Satire hätte ich das gut gefunden. Alleine die Autofahrt muss man sich leisten können, bei vielen reicht heute das Geld dazu schon nicht mehr.

Überhaupt: ihr Sohn, der den Text rahmt. Dass Sie nicht wissen, „ob man von einem neunjährigen Kind schon sagen kann, dass er ein Fan ist“, lasse ich ebenso unkommentiert wie die eindeutige „schwarze“ Parteinahme wider den roten Buchhändler. Aber dass er „auf seine kindliche Art stets gut von“ Merkel spräche, während er „von Donald Trump nicht“ so rede, ist eine hanebüchene Aussage. Klar, ich hatte als 9-jähriger auch ganz profunde Vorstellungen von Ulbricht und Breshnew und Nixon und habe mit meinen Eltern ständig über sie gesprochen. Da mussten die Mathearbeit, das Atze-Heft oder das Fahrradfahren schon mal hinten anstehen. Mal im Ernst: ist das Ihr Ernst? Es bedurfte nicht dieser stilistischen Figuration, um pseudoliterarisch die kindliche Unschuld als Kontrast zum vermeintlich schuldigen Pöbel zu setzen, dem die gepeinigte Kanzlerin ausgesetzt ist. Aber ich gehöre auch nicht gerade zu der Zielgruppe, die in Politikern Mütterlichkeit, Güte und Gnade sucht.

Absurd wird es dann zum Ende des Textes: „…ich spürte sein Unwohlsein und wohl auch etwas wie Angst.“ Sie meinen, die zarte Kinderseele nähme durch dieses Erlebnis Schaden? Selbst Rosamunde Pilcher war nicht so kitschig und auch nicht so extrem in ihren Übertreibungen. Wie haben es meine Eltern und ihre Generation geschafft, aufgewachsen in den Nachkriegsjahren, nicht zum Soziopathen zu werden, zum Borderliner, zum AHDS-Junkie, und was man da noch so alles in schwieriger Kindheit erleben darf? Heute kümmert sich Sachsen darum, dass jede Schule einen Sozialarbeiter hat – früher brauchte man diese Art Geldverbrennung nicht. Politiker sind übrigens dem Volke verpflichtet und nicht umgekehrt. Wenn es der so „verletzlich“ wirkenden Frau auf der Bühne zu viel gewesen wäre, kann sie gerne zurücktreten und sich dann sozialpädagogisch betreuen lassen. Schule des Lebens halt. In Deutschland wird niemand gezwungen, Kanzlerin zu werden.

Vielleicht wäre Ihr Sohn von diesem Pfeifkonzert nicht so verängstigt, hätten Sie ihm auf der langen Autofahrt erklärt, dass Merkel vor Menschen sprechen wird, deren Anliegen sie seit Jahren ignoriert, Menschen, denen als Rassismus ausgelegt wird, wenn sie sich mit der deutschen Fahne in der Hand gegen ungezügelte Zuwanderung wehren, Menschen, die nicht mehr wollen, dass in unserem Land im Namen einer Religion unsere Mitbürger umgebracht werden. Hätten Sie ihn darüber aufgeklärt, dass diese Frau in nur einem Jahr eine Million Menschen ins Land gelassen hat, die einer Religion angehören, die Frauen und Nichtmuslime unterdrückt, Demokratie ablehnt sowie Religions-, Meinungs- und künstlerische Freiheit unterdrückt. All das hätten Sie tun können, aber taten es nicht.

Protest in Finsterwalde. Quelle: http://static.wn.de/var/storage/images/wn/startseite/welt/politik/2972191-protest-und-hasstiraden-hau-ab-merkels-schwere-wahlkampfauftritte-im-osten/86828521-3-ger-DE/Protest-und-Hasstiraden-Hau-ab-Merkels-schwere-Wahlkampfauftritte-im-Osten_image_630_420f.jpg

Protest in Finsterwalde. Quelle: http://static.wn.de/var/storage/images/wn/startseite/welt/politik/2972191-protest-und-hasstiraden-hau-ab-merkels-schwere-wahlkampfauftritte-im-osten/86828521-3-ger-DE/Protest-und-Hasstiraden-Hau-ab-Merkels-schwere-Wahlkampfauftritte-im-Osten_image_630_420f.jpg

„Auf der Autobahn rollte er sich in seinem Sitz zusammen und sagte zu mir, wie schön er es fand, Sie einmal mit eigenen Augen gesehen zu haben. Dann schlief er ein.“ Ich stelle mir gerade vor, wie Loriot diesen Text gelesen hätte… Abgesehen von der fötalen Haltung und davon, dass es zu meiner Zeit dafür das Sandmännchen gab (die Metapher des Sandstreuens beute ich hier nicht aus), liest sich das wie eine Ode auf die Erscheinung der Jungfrau Maria, die ob der politischen Profanitäten nur noch keine Möglichkeit hatte, in einer Wolke gen Himmel zu fahren. Kein Wunder, dass sie trotz aller Abwesenheit vorzeigbarer Erfolge bei solch hingebungsvoller Anbetung, ja Vergötterung doch wieder amtieren darf. Aber immerhin: Merkel ist die erste Bundeskanzlerin, die ins Amt gebuht und gepfiffen wurde! Andererseits passt dieses Ende zu dem distanzlosen, gefühligen Duktus, der mich an ein kleines Mädchen erinnert, das einer Prominenten einen Strauß Blumen überreicht und dazu ein Gedicht aufsagt.

***

Viele Kommentare zu ihrem Text sind notabene auch in der fiktiven Form eines Briefs und/oder jener Rede gehalten, die Sie einforderten, und ranken sich im Wesentlichen um drei Problemkreise: soziale Marktwirtschaft vs. Kapitalismus, Ostalgie vs. Demokratie und Politik vs. Kritik. „Liebe Ostdeutsche, dass viele von Euch nur den Mindestlohn zum Leben haben und sich auf einen Lebensabend in Armut einrichten müssen, ist mir völlig wumpe“, beginnt ein User etwa seinen sarkastischen Redeentwurf. „Dafür habt Ihr jetzt ja schöne Innenstädte. Und meinen neoliberalen Umbau der Gesellschaft hin zu einer marktkonformen Demokratie halten weder Ochs noch Esel auf. Warum ich das mache, weiß ich eigentlich selbst nicht so genau. Ich bin halt einfach nur gerne Kanzlerin…“  Und setzt als Pointe: „Sie muss das den Leuten gar nicht mehr sagen. Die wissen das schon.“ Da fällt mir sogleich ein literarischer Vorschlag in Form von Ringelnatz‘ Gedicht „An die Masse“ ein, das Sie hier hätten zitieren können:

„Ich halte zu euch, aber liebe euch nicht,
Weil ihr das niemals versteht.
Und ich liebe – ich liebe –  ich liebe euch doch,
Weil ihr solcher Liebe entgeht.
Wenn ihr einmal Gelegenheit habt,
Laut zu brüllen gegen Mauern,
Dann schweige ich. Ich bin mehr begabt
Als ihr. Und kann dann nur trauern.“ (1929)

Auf die Idee, dass die „schönen Innenstädte“ vielleicht die einzigen blühenden Landschaften inmitten einer Wüste vergilbter Hoffnungen und vertrockneter Träume sind, kamen Sie offenbar noch nicht. Auch nicht, dass wir uns statt um marktkonforme Demokratie vielleicht besser um demokratiekonforme Märkte kümmern sollten. Und erst recht nicht, dass die Lebensbedingungen vieler Menschen im Verhältnis zu den Lebenshaltungskosten – Stichworte Löhne, Miete, Rente… – vor 1990 besser waren als jetzt.

Einen bitteren Brief genau diesen Inhalts – ebenfalls an Angela Merkel – schrieb Anfang des Jahres eine 45jährige, völlig desillusionierte Ostdeutsche namens Heidi Langer (Sie finden ihn leicht im Netz), in dem sie die erlangte „Freiheit“ und den Kanzler-Amtseid („dem Wohle des deutschen Volkes“) reflektiert. Darin heißt es u.a.

„Wie kann man ‚den Nutzen eines Volkes mehren‘, indem man zulässt, dass Armut und Elend im Land um sich greifen, Rentner, die ihr ganzes Leben lang hart gearbeitet haben, ihre Renten über Hartz 4 aufstocken müssen, Kinderarmut um sich greift und gleichzeitig angeblich ein Wirtschaftswachstum zu verzeichnen ist? Wie kann man ‚Schaden von einem Volk abwenden‘, indem man die Interessen der Menschen denen von großen Wirtschaftskonzernen unterordnet…?“

Und das ist beileibe keine subjektiv empfundene Wahrheit, wie etwa in der Vorwahlwoche Jacob Augstein im SPIEGEL bestätigen musste:

„Dumm ist nur, wer glaubt, sein eigenes Wohl und das Wohl der ‚Wirtschaft‘ seien identisch. Denn die Volkswirtschaft hat sich vom Volk abgekoppelt. Was gut für VW ist, ist längst nicht mehr gut für die Deutschen. Wer also sagt, dass es ‚uns‘ gut gehe, der lügt. Aber nicht nur das. Er legt auch Zeugnis seiner eigenen politischen Fantasielosigkeit ab. Denn in diesem Satz steckt immer: Besser wird’s nicht. Für viele Menschen im Land ist das keine gute Nachricht.“

In einer echten sozialen Marktwirtschaft kippen die zu kurz Gekommenen nicht hinten runter, gehen persönliche Schicksalsschläge nicht mit sozialem Absturz und Existenzverlust einher und klafft die Schere zwischen arm und reich nicht immer weiter auf. Haben Sie einmal darüber nachgedacht, wie überhaupt in einem System, das auf Konkurrenz basiert, Konsens hergestellt werden kann?

Inzwischen ist alles, was mit dem Begriff „sozial-“  verbunden war, in Bausch und Bogen diskreditiert und nach dem Motto „wenn jeder an sich selber denkt, ist an alle gedacht“ eine Kultur der Ellenbogen und ungezügelten Profit-Egomanie auf allen Ebenen etabliert worden, deren Folgen wir heute gesamteuropäisch ausbaden dürfen: privatisierte Gewinne, sozialisierte Verluste – einerlei, ob in Griechenland, der Commerzbank oder Air Berlin.

Auch Daniel Grüneke, ein 32 Jahre alter Konstruktionsmechaniker Schiffbau, Vater eines kleinen Sohnes und bei einem Dutzend Leiharbeitsfirmen tätig, schrieb vor zwei Wochen einen Offenen Wutbrief nicht nur an Merkel, sondern gleich an die ganze CDU (Sie finden auch den leicht im Netz), im dem er angesichts eines vollmundigen Wahl-O-Mat-Zitats versuchte, einen „Einblick in das Ausmaß der Demütigungen, Perspektivlosigkeit, Entrechtungen, Nötigungen, Erpressungen, Drohungen, Lohn- und Nebenkostenbetrug und den völligen Entzug der Lebensgrundlage bis hin unterhalb des Anpruches auf Arbeitslosengeld 2“ zu liefern. Ein Kernsatz lautet:

„…einen Monatslohn von maximal 1600€ netto. Zum Vergleich: Dies entspricht exakt dem ALG2-Anspruch meiner dreiköpfigen Familie. Entgegen der Werktätigkeit hätte ich im Falle der Arbeitslosigkeit jedoch 365 Tage Urlaub und jede Menge Zeit der Welt zu erklären, warum Arno Dübel Recht hatte.“

Ansgar Neuhof verallgemeinerte ebenfalls in der Vorwahlwoche:

„Deutschland, das Land mit dem niedrigsten privaten Median-Haushaltsvermögen der EU, mit der (zweit)höchsten Steuer-/Abgabenquote der OECD-Staaten, mit einem der EU-weit geringsten Rentenniveaus, mit nicht oder nur wenig über der Preissteigerung liegenden Lohnzuwächsen, mit den (zweit)höchsten Strompreisen in der EU, mit der höchsten Zunahme an Leiharbeit und Erwerbsarmut in der EU, dafür aber mit einer sich überproportional bedienenden politischen Kaste,  mit der höchsten Zuwanderung in die Sozialsysteme und deutlich zunehmender Kriminalität, mit einer trotz sprudelnder Steuereinnahmen teilweise verfallenden Schul- und Verkehrsinfrastruktur und unterfinanzierter Polizei und Bundeswehr.“

Und all das soll kein Grund sein, der Kanzlerin mal richtig die Meinung zu sagen? Dieser Politik und diesem Politikstil entgegenzuwirken, ist nicht nur ein ehrenwertes, sondern auch überaus dringendes und notwendiges Unterfangen, dessen Lautheit mangels einer parlamentarischen Opposition dabei fast unausweichlich war.

***

Dann: die „Zone“. Sie schrieben einst selbst, dass in keinem anderen Land die Wirtschaft so stark zusammengebrochen war nach Währungsunion und Wiedervereinigung: sie verlor 27 Prozent gegenüber dem Wert von vor 1989. Nur in Bosnien und Herzegowina findet man ähnliche Zahlen – allerdings nach dem Jugoslawienkrieg. Sie schrieben einst selbst, dass das Nettovermögen westdeutscher Haushalte den Wert im Osten um mehr als das Doppelte übertrifft, Stichwort Wohlstandsgefälle. Und dabei wurde Ihnen doch nachgeschrieben, dass man mit einer „Bewusstseinsführung“ wie der in „Zonenkinder“ niedergelegten nirgends in einem Leben ankäme. Da sollen alle anderen also angekommen sein? Aber wo?

Ein Kommentator schrieb pauschalisierend vom „Wessi“ als „neuer Besatzungsmacht“, der alle Schaltstellen der Gesellschaft besetze: „…ihm gehören Häuser, Boden, Betriebe … er stellt die Professoren, Bürgermeister, Chefs… Und eine Menge Ostdeutscher fühlen sich inzwischen wie Gastarbeiter im eigenen Land. Hätten sie das gewusst, hätten viele wohl auf Bananen und Reisefreiheit, die sie sich eh nicht leisten können, verzichtet…“ Die Ostgebiete wurden also doch noch erobert – wenn auch anders und nicht in erhoffter Quanti- und Qualität.

Ein anderer konstatierte, dass auch 27 Jahr nach der Wende, „die wir Ossis mit unseren Demos erzwungen haben“, der Arbeitsmarkt im Osten noch immer weit abgehangen sei, Stichwort „Niedriglohnkolonie“. Da verstünde niemand, warum mit Massenzuwanderung ungelernter Wirtschaftsflüchtlinge Konkurrenzprobleme geschaffen werden müssten. Ich sehe auf der ganzen Welt kein Land, in dem die Wirtschaft die Arbeiter mit sittenwidrigen Löhnen abspeist und zugleich nach mehr Arbeitern ruft. Sachsens Ministerpräsident Stanislaw Tillich wirbt mit „Niedriglohn als Standortvorteil“ und faselt zugleich etwas von „Respekt“ und einer „Kultur des Miteinanders“ – vor bzw. mit wem eigentlich?

„Die Bundesregierung ist dem deutschen Volke verpflichtet, im Grundgesetz kann ich nicht entdecken, dass damit Mulikulti gemeint ist“, lese ich bei demselben Schreiber weiter. Der Osten habe nach 1945 an die UdSSR Reparationsleistungen erbringen müssen, aber keinen Marshallplan gehabt: „Hier haben unsere Großeltern und Eltern in die Hände gespuckt und aufgebaut. Hier wurde nach dem Krieg gehungert!“ Und ein dritter ärgert sich, dass seit nun bald 27 Jahren die Menschen im Osten Staatsbürger 2. Klasse seien: „Sie haben die gleichen Steuern und Abgaben, aber niedrigere Löhne und Renten“. Dagegen zu protestieren sei nicht „rechts“. Richtig.

Das ist aber nur die aktuelle Hälfte der Wahrheit. Hinzu kommt eine historische Hälfte, die viel viel schwerer wiegt und etwas zu tun hat mit Schweigen als psychologischer Kategorie. Mit Verstummtheit, auch, aber eher mit Sprachlosigkeit – die jetzt, nach über zweieinhalb Jahrzehnten, überwunden wird, wie Stefan Locke in der FAZ fast erstaunt feststellen musste. Gemeint sind die erschütternden Geschichten aus der erschütternden (Nach)Wendezeit, die Verletzungen, Demütigungen, Ohnmächte. Der weiß Gott nicht konservative Locke sieht sich gezwungen, einen Diplomingenieur mit dem Satz zu zitieren: „Nur die Erinnerung an die Geborgenheit im Sozialismus und meine Familie haben mir geholfen, das alles zu überstehen.“ Ein Technischer Direktor habe, ohne je wieder einen richtigen Job zu erhalten, eine ABM nach der anderen absolviert und sich dann „durchgewurschtelt bis zur Frühverrentung“. Ein weiterer Ingenieur erzählt, wie er auf dem Bau landete, bis auch dort nach dem ersten Boom Schluss war, dann ebenfalls: ABM, Vorruhestand… Ich habe auch nach der 221. Bewerbung aufgehört, die Absagen zu zählen. 2014 war jeder 6. Ostdeutsche immer noch überqualifiziert und unterbezahlt.

Ein Aspekt ist also die Umwertung: auch tausende Kumpel etwa wurden in der DDR verehrt als Helden an der Kohlefront, heute sind sie arbeitslose Umweltzerstörer. Ein anderer Aspekt ist die zumal finanzielle Abwertung. Es geht um Bergleute und Krankenschwestern, deren Rentenbeiträge aus der DDR heute nicht mehr anerkannt werden, um in der DDR geschiedene Frauen, die heute vielfach in Altersarmut leben, weil es keinen Versorgungsausgleich gab, um DDR-Eisenbahner, deren Betriebsrenten, für die sie Beiträge zahlten, „einfach weggewischt“ wurden, die aber die Renten der West-Bahner zu ihren Lasten mitzahlen – und in der mehrheitlich westdeutschen Gewerkschaft keinerlei Unterstützung finden. Übrigens holt all diese Geschichten in Sachsen witzigerweise gerade die SPD aus der Verdrängung – obwohl sie die entsprechenden Linken-Gesetzentwürfe zur Rentenanpassung alle ablehnt hatte.

Einerlei: es bleibt die Bitternis einer endgültigen Ankunft in einem System, das für viele nichts von dem einlöste, was ihnen vor 27 Jahren verheißen wurde. Einem System, dass über Nacht vom gelernten Klassenfeind zum erhofften Menschenfreund werden sollte und vor dem gerade, aber vergeblich Intellektuelle warnten (hören Sie sich bspw. nochmal die Reden von Wolf, Hein oder Müller am 4. November auf dem Berliner Alex an). Einem System, das im Gegensatz zu den „Selbstwirksamkeitserfahrungen“ der Wende jetzt zunehmende Abstiegs- und Verlustängste, Entheimatungsgefühle (der Begriff stammt von Wolfgang Thierse, SPD) und Unkontrollierbarkeitsempfindungen verantwortet, Enttäuschung auf Enttäuschung häuft und damit die Prophezeiung, dass es niemandem schlechter, aber vielen besser gehen sollte, mehr und mehr ad absurdum führt.

Demo auf dem Alex, 4.11.1989. Quelle: http://www.mdr.de/damals/archiv/bild170604-resimage_v-variantSmall16x9_w-1792.jpg?version=1725

Demo auf dem Alex, 4.11.1989. Quelle: http://www.mdr.de/damals/archiv/bild170604-resimage_v-variantSmall16x9_w-1792.jpg?version=1725

Und genau das ist der Knackpunkt. Sie kennen ebenso wie ich den Begriff der „Inneren Emigration“, mit dem u.a. die Literaturwissenschaft jene Autoren bezeichnet, die sich aus welchen Motiven auch immer zwischen 1933 und 1945 nicht ins Ausland absetzten, sondern in Deutschland blieben. Aber die mussten nur 12 Jahre ertragen und hatten danach Alternativen. Wir mussten inzwischen 27 Jahre ertragen und haben keine Alternativen! Žižek hat mit seiner Einschätzung der „Freiheit der politischen Wahl“ Recht: eigentlich gab es diese Wahl nie, und an dem Punkt, an man wählen könnte, hatte man bereits gewählt. Genau das ist es, was die Bürger der Neuen Länder im Erlebnis zweier Systeme mit Stärken und Schwächen unbequem sein lässt! Selbst Helmut Kohl gab gegenüber dem Historiker Fritz Stern auf die Frage, welche Fehler er bei der Wiedervereinigung gemacht habe, nach einigem Zögern zu, dass er es versäumt habe, offen darüber zu reden, dass nicht alles in der DDR falsch war und im Westen nicht alles richtig. Ich will die DDR nicht zurück, aber diese sogenannte Bundesrepublik will ich erst recht nicht!

Und diese von Millionen jahrzehntlang verdrängte und nun eingestandene Gewissheit, um seine Träume, sein Leben betrogen worden zu sein, die bricht sich jetzt Bahn, und zwar laut Bahn gegen eine Frau, die offensichtlich all das repräsentiert, von dem die Betrogenen, Entwerteten enttäuscht sind, ja was sie hassen. Ist die „beleidigte Entschlossenheit“, die einmal die ZEIT konstatierte, nichts weiter als die trotzige Entschlossenheit, die nicht erfolgte oberflächliche Einheit, die in Wirklichkeit PR-Sprech des “Beitritts” war, nun zu Ende zu bringen als Wiederaneignung von Entwendetem, ja als Sehnsucht, im eigenen Land endlich anzukommen? Was meinen Sie denn, warum gerade die AfD mit dem Slogan „Hol dir dein Land zurück“ so erfolgreich ist? Christoph Dieckmann hat den psychologischen Mechanismus schon 1998 (!) analysiert:

“Bar aller Psychologie schien der Westen zu glauben, der DDR-Anschluss nach Artikel 23 des Grundgesetzes habe nicht nur das Verfahren der Vereinigung geregelt, sondern auch ihr Wesen. Die Ostdeutschen wollten die Einheit, also würde Einheit werden. Sie hatten ihre Eigenstaatlichkeit beendet, also war da nichts Eigenes. Sie wünschten parlamentarische Demokratie, also würden sie Demokraten sein… Aber wer heiratet, vermählt sich nicht mit der eigenen Geschichte, sondern mit einer fremden. Das gilt für Aschenputtel und Prinz.”

Und auch das alles ist nur eine Seite der Medaille. Die andere ist die gegenwärtige bundesrepublikanische Darreichungsform von „Demokratie“ als „Freiheitlich-Demokratische Grundordnung“. Und genau die sehe ich wie viele andere, nicht nur AfD-Mitglieder, seit geraumer Zeit außer Kraft gesetzt. Wenn nämlich erstens zum Verständnis dieser freiheitlich-demokratischen Grundordnung die Zumutung gehört, hunderttausende Eindringlinge ungeordnet in unser Land zu lassen; sie undifferenziert mit dem schon länger hier lebenden „Pack“ gleichzustellen, das dieses Land und sein Sozialsystem erst erschuf; hunderttausende „Schutzsuchende“, vor denen Frauen Schutz suchen müssen, wenn also statt Grenzen Weihnachtsmärkte gesichert werden, vor Trinkwasseranschlägen gewarnt wird; wenn Zumutungen wie TBC, Anti-Vergewaltigungsshorts oder gar der Islam zu Deutschland gehören sollen, ja wenn ich plötzlich ungefragt Bewohner eines Einwanderungslands sein soll, dann ist dieses Verständnis von Grundordnung nicht mein Verständnis von Grundordnung. Das ist im Gegenteil das Chaos einer poststalinistischen Psychopathin und ihrer durchgeknallten Pseudoelite! Unsere schöne deutsche Sprache unterscheidet Gäste und Flüchtlinge, Heuchler und Helden, Verfolgte, die Asyl suchen und Asylsuchende, die ganz andere Dinge finden wollen. In einem Kommentar, der mich sehr erschreckte, las ich den Satz „Ich habe jüdische Freunde, die mich fragen, warum habt ihr uns vergast und die bewerft ihr mit Bananen?“

Bananen für Flüchtlinge. Quelle: http://www.rbb-online.de/content/dam/rbb/rbb/Bilder%20Infoportal-------/2015/201508/Bildfunk-aktuell/60706484.jpg.jpg/size=708x398.jpg

Bananen für Flüchtlinge. Quelle: http://www.rbb-online.de/content/dam/rbb/rbb/Bilder%20Infoportal-------/2015/201508/Bildfunk-aktuell/60706484.jpg.jpg/size=708x398.jpg

Wenn zweitens zum Verständnis dieser freiheitlich-demokratischen Grundordnung Zumutungen gehören wie das Denunzieren Andersdenkender, die private und berufliche Vernichtung wegen abweichender Meinungen oder AfD-Engagements, das Einführen gesetzlich ungedeckter Straftatbestände wie Hass-Kommentare oder Fake News, und das Verstoßen gegen europäisches Recht, ja das Grundgesetz, wie zwei Tage vor der Wahl selbst der Wissenschaftliche Dienst des Bundestages zugeben musste, dann ist dieses Verständnis von Demokratie nicht mein Verständnis von Demokratie! Sowas hatten wir schon, ich will es nie wieder!

Und wenn drittens zum Verständnis dieser freiheitlich-demokratischen Grundordnung Zumutungen gehören, die Millionen ach so unfreier DDR-Bürger nur aus Geschichtsbüchern kannten, Zumutungen wie Arbeitslosigkeit, Obdachlosigkeit, Kinderarmut, Altersarmut, Analphabetismus und dergleichen mehr, dann ist dieses Verständnis von Freiheit nicht mein Verständnis von Freiheit! Dem Menschen ist Verstand gegeben, um die Widrigkeiten des Lebens bestmöglich zu kontrollieren und zu eliminieren – hier werden diese Widrigkeiten bei vollstem Verstand befördert. Ich sage nur: rechtsfreie Räume, unerfüllbare Rentenversprechen, Existenzängste des Mittelstands, unkontrollierte Zuwanderung – was ist das für ein Land, das mit Flüchtlingen besser zurecht kommt als mit dem eigenen Volk? Auf unseren Schultern lastet nicht das Elend dieser Welt!

Stellvertretend für viele ähnliche Statements in den Wochen vor der Wahl sei ein 76jähriger Wolgaster angeführt, den die Berliner Zeitung so zitiert „Blühende Landschaften? Stattdessen ist die Arbeitslosigkeit zuerst gekommen – und die Armut. Man hätte die Verhältnisse angleichen müssen, nicht den Westen übernehmen. Das brauchen wir nicht.“ Die Fehler seien bis heute nicht eingestanden worden und auch nicht korrigierbar. Im Gegenteil, in Wolgast etwa seien nach den Industriebetrieben das Kreisgericht, das Arbeitsgericht, das Finanzamt und die Krankenkassen geschlossen worden. Und „jetzt steht das Krankenhaus auf der Kippe“.

Viele andere Menschen, nicht nur ich,  empfinden, dass wir uns seit Jahren zurück entwickeln! Wir wurden entbildet, entsozialisiert, entsolidarisiert, entwertet, ja entwürdigt von jenen, die uns zu repräsentieren vorgaben und -geben. Es gab keinen Aufbau Ost, nur einen Umbau Ost als Nachbau West. Den wollte ich nicht, den wollte keiner! Früher sprachen wir von allseitig gebildeten Menschen, heute müssen wir von einseitig verbildeten, ach was, einseitig verblödeten Objekten sprechen – selbst ein Subjekt setzt ja ein Ich voraus! Nein, Objekte sind es, inhaltsleere, wesenlose Hüllen, die man in beliebigen politischen Koordinatensystemen beliebig hin und her verschieben kann! „Auf und nieder, auf und nieder, wer nicht hüpft, der ist Pegida“ – das ist kein Ausdruck irgendeines ebenso lauten wie sportiven Protests verbildeter Dresdner Studenten. Das ist auch kein Ausdruck irgendeiner Ideologie. Das ist einfach nur infantil!

Anti-Pegida-Protest 26.10.2015. Quelle http://www.dnn.de/Dresden/Fotostrecken-Dresden/Pegida-und-Gepida-am-26.10.2015#n12665878-p22

Anti-Pegida-Protest 26.10.2015. Quelle http://www.dnn.de/Dresden/Fotostrecken-Dresden/Pegida-und-Gepida-am-26.10.2015#n12665878-p22

„Die über Nacht sich umgestellt, zu jedem Staate sich bekennen, das sind die Praktiker der Welt; man kann sie auch Halunken nennen“ wusste schon Heinrich Heine. Nichts hat sich seitdem geändert! Die Systemlemminge von einst mutierten zu Wendehälsen, die Wendehälse wurden die Systemlemminge von heute und können im sächsischen Landtag besichtigt werden: dieser Bodensatz der Diktatur darf heute als Fettfilm der sogenannten Demokratie wieder oben schwimmen! Und zu diesem Nachbau West müssen wir die CDU als demokratie- und politikunfähige Machterhaltungsmaschinerie im Stile einer SED 2.0 addieren. Zusammen mit Linksgrün bildet dieser Chaotisch-Diktatorische Unfall der deutschen Parteienlandschaft das Konsensmeinungskartell eines Landes, in dem sich in einer Dresdner Ortsbeiratssitzung eine grüne Bürgermeisterin nicht entblödet, das Mantra „Wir schaffen das“ der schwarzen Kanzlerin zu verteidigen! Dieses Land ist ebenso schizophren wie seine durchgeknallte Pseudoelite!

Haben Sie sich mal ernsthaft mit unseren MdEP, MdB und unseren Bundesministern befasst? Da tummeln/tummelten sich zunehmend mehr Doktorschwindler (Guttenberg, CSU; Schavan, CDU; Chatzimarkakis, FDP…), Lebenslauferfinder (Hinz, SPD) oder gar ungelernte Hilfsarbeiter wie Claudia Roth (Grüne), die als Bundestagsvize in meinen schlechtesten Zeiten mehr Einkommen im Monat hatte als ich in meiner Selbständigkeit mit zwei akademischen Graden im Jahr – obwohl ich teilweise das Doppelte des Deputats eines FH-Professors schrubbte. Ganz zu schweigen von Bonusmeilenbetrügern (Özdemir, Grüne), Kinderpornographen (Edathy, SPD), Drogenjunkies (Beck, Grüne) usw. usf. Was sollte ich mit einem System am Hut haben, das derlei zu- und solcherart Personal hochkommen lässt? Von solchen Menschen würde ich mir nochmal nicht die Uhrzeit oder gar irgendetwas anderes sagen geschweige mich regieren lassen!

Diejenigen dagegen, die sich ihren bildungsbürgerlichen Humanismus, der einst per definitionem links war (!), ihre aufgeklärte Klassizität, ihre Verantwortungsethik über alle Ideologie und erst recht alle Staatswesen oder besser gesagt Staatsunwesen hinweg bewahrt haben und sich in diesem Land engagieren wollen, um es voranzubringen, die werden für all das, was ihnen generationenlang „normal“ vorkam, jetzt günstigstenfalls als Konservative, aber viel schlimmer als Rechte, Nazis, Faschisten und Rassisten diffamiert! In wie vielen falschen Filmen kann man eigentlich noch sein? Ich bewohne meine Wohnung, du nicht. Ich fahre mit meinem Fahrrad, du nicht. Ich telefoniere mit meinem Handy, du nicht. Bin ich jetzt Rassist, weil ich für mich „Dinge“ beanspruche, die ich anderen vorenthalte? Und all das soll kein Grund sein, der Kanzlerin mal richtig die Meinung zu sagen?

***

Letztens: Kritik und Politik. Proteste mit Trillerpfeifen gegen Merkel gab es schon immer, in den Jahren zuvor von Grünen, Linken, DGB & Co. Da habe ich allerdings keinen Brandbrief von Ihnen gelesen. Selbst Helmut Kohl musste Pfiffe ertragen, schon am 10. November 1989 bei einer Rede vor dem Schöneberger Rathaus. Er wurde im Osten gar ausgebuht, als nicht die blühenden Landschaften kamen, sondern das Arbeitsamt, und durfte in Halle sogar ein paar rohe Eier vom Revers klauben. Nur weil ich satt bin und ein Dach über dem Kopf besitze, muss ich nicht grundsätzlich jeden politischen Irrweg beklatschen. Dazu mehrt gerade ein gewisser Wohlstands- oder Sicherheitsgrad immer die Sorge darum, dass dieser nicht Bestand haben könnte, zumal für spätere Generationen.

Kohl-Protest in Halle, 10.05.1991. Quelle: http://www.mz-web.de/image/24030752/2x1/940/470/69b5804fe742d89ead337e1c771ced6/pj/71-99277123--null--09-05-2016-21-26-57-448-.jpg

Kohl-Protest in Halle, 10.05.1991. Quelle: http://www.mz-web.de/image/24030752/2x1/940/470/69b5804fe742d89ead337e1c771ced6/pj/71-99277123--null--09-05-2016-21-26-57-448-.jpg

Aber 2017, konstatiert Tilo Sarrazin völlig zu Recht, sind Pfeifkonzerte, laute Zwischenrufe und Hau-ab-Chöre nur eine Gefahr für die Demokratie, wenn sie Angela Merkel oder Heiko Maas gelten. In allen anderen Fällen leisten die Störer dagegen einen Beitrag zur Rettung der Demokratie. Dazu passt Ihr beleidigt-weinerlicher Ton in Richtung Protestierer einerseits, und Ihre sich bereitwillig für andere entschuldigende, devote Stimme („Sie sind doch so mächtig, Sie standen doch auf einer großen Bühne“) in Richtung Merkel andererseits. Wehren Sie vielleicht die Wucht der Volkswut ab? So dürften sich auch die Tintenstrolche der DDR-Journaille im friedlichen Herbst 1989 gefühlt haben.

Denn immerhin sind Sie mit ihrem Fahrzeug wieder nach Hause gekommen, ohne dass es von „Demonstranten“ durch Feuer zerstört, Sie durch Steine oder andere Wurfgeschosse verletzt, ja körperlich angegriffen wurden, wie es einem 73jährigen Mitglied meiner AfD-Ortsgruppe am Wochenende vor der Wahl im Dresdner Umland geschah. Auch wurde die Bühne der Kanzlerin oder gar sie selbst weder „betortet“ noch mit Farbe oder Ähnlichem beworfen, der Veranstalter des Auftritts nicht bedroht… es gab lediglich Unmutsbekundungen und Äußerungen von Nicht-Zustimmung zur Politik der Rednerin. Googeln Sie doch einfach mal, wie viele AfD-Veranstaltungen durch Pöbeleien, Trillerpfeifen oder sonstige „Events“ gestört wurden. Ja, Gleiches mit Gleichem zu vergelten ist keineswegs die feine englische Art, zumal wir bürgerliche Wähler erreichen wollten (und das leider nur zum Teil schafften, sonst wäre die FDP nicht so stark geworden), die sich von lautstarkem Geschrei eben nicht angesprochen fühlen.

Der Vergeltungsgedanke widerspricht zwar der (christlichen) Gesinnungsethik, ist aber im so genannten „gesunden Volksempfinden“ tief verwurzelt. Das können sie erbärmlich nennen, müssen es aber nicht. Es braucht die eigene Toleranz, dem Andersdenkenden zumindest einmal zuzuhören, freie Meinungsäußerung darf nicht die Meinung anderer missachten. Es braucht aber erst recht die Akzeptanz der Regierung, die Themen der Bevölkerung endlich aufzugreifen und sich nicht nur die Rosinen der Gefälligkeit heraus zu picken. Sie könnten sich fragen, wie ohnmächtig und verzweifelt diese Menschen sein müssen, weil sie, ihre Interessen, ihre Bedürfnisse einfach nicht gehört werden. Sie könnten aber auch einfach nur feststellen, dass viele Bürger mit der Politik der Bundeskanzlerin unzufrieden sind und das friedlich, aber laut zum Ausdruck brachten.

Finden Sie es nicht auch erstaunlich, dass Merkel bei vielen ihrer Wahlkampfveranstaltungen ausgebuht und ausgepfiffen wird – auf YouTube gibt es Aufzeichnungen zu fast jedem dieser wenig schmeichelhaften Auftritte, zuletzt am 22. September in München. Finsterwalde ist ein Symptom, kein Einzelfall. Ich erwarte daher von Ihnen, wenn AFD-Politiker Reden halten und von einer wütenden Antifa-Meute ausgepfiffen werden, dass Sie das Pfeifkonzert der Antifa, das undemokratische Stören des Rederechts künftig auch verurteilen. Andernfalls messen Sie mit zweierlei Maß, so dass man Ihren Text schon aus diesem Grund nicht mehr ernst nehmen kann und Sie als Merkel-Groupie ansehen muss, oder haben schlimmstenfalls das Prinzip der Meinungsfreiheit nicht verstanden. Sie kennen ebenso gut wie ich Günter Eich, in dessen Gedicht „Wacht auf“ es u.a. heißt:

„Schlaft nicht,
während die
Ordner der Welt
geschäftig sind!
Seid misstrauisch gegen ihre Macht,
die sie vorgeben
für euch erwerben zu müssen!
Wacht darüber,
dass Eure Herzen nicht leer sind,
wenn mit der Leere Eurer Herzen
gerechnet wird!
Tut das Unnütze, singt die Lieder,
die man aus eurem Mund
nicht erwartet!
Seid unbequem,
seid Sand,
nicht das Öl
im Getriebe der Welt!“ (1950)

Früher waren gute Autoren, ja Intellektuelle natürliche Opposition, wenn nicht gar kratzbürstige Dissidenten. Heute schreibt man ex-post Ergebenheitsadressen („Sie hingegen sind mehr als nur ein Symbol, Sie sind weiter gekommen als jeder andere von uns, der nach dem Mauerfall in die freie Welt aufgebrochen ist…“), wenn sich die Postkartenidylle nicht wie gewünscht einstellen will. Es bleibt ein sentimentales Rührstück ohne wirkliche Pointe: Merkel will doch nicht diskutieren. Sie will regieren. Nebenbei: vielleicht hätte Merkel diskutiert – so sie dazu in der Lage gewesen wäre. Sie herrscht, ohne zu regieren. Die Sprache der Macht ist Schweigen. „Vor einem Putin oder Trump geben Sie doch auch nicht klein bei“ -  vor einem Erdogan aber auf jeden Fall.

Letzter Punkt: die Lautstärke, die neben anderen paraverbalen Aspekten wie Artikulation, Sprechtempo  oder Sprachmelodie nicht von Stimme und Sprache zu trennen ist. Und was der gemeine Wähler, in Ostdeutschland, gar im deutschen „Schandfleck“ Sachsen (Hamburger Morgenpost) zumal, seit einigen Jahren sprachlich aushalten muss, ist an Perfidie nicht zu überbieten.

  • Der CDU-Politiker Albert Stegemann (MdL) kommentierte das Abschneiden der AfD in Mecklenburg-Vorpommern mit „Scheiss Nazis!!!“ auf seiner Facebook-Seite
  • „Herr lass Hirn vom Himmel fallen“ rief Claudia Roth (Grüne) zu Demonstranten vor der Dresdner Frauenkirche am Tag der deutschen Einheit.
  • Die linke Landtagsvizepräsidentin von Mecklenburg-Vorpommern, Mignon Schwenke, erklärte die AfD-Fraktion während einer Regionalkonferenz zu potentiellen Mördern.
  • Der nordrhein-westfälische Innenminister Ralf Jäger (SPD) sieht hinter Pegida „Neonazis in Nadelstreifen“.
  • Bundesvize Ralf Stegner ließ aus Anlass des Kölner Reker-Attentats  seine Follower auf Twitter wissen, dass Pegida in Köln „mitgestochen“ habe. Auch warnte er, „anständige Deutsche“ dürften niemals die „rechtsextreme AfD-Bande“ wählen, denn diese sei „verantwortlich für rechte Gewalt“. Außerdem forderte er, man müsse „Positionen und Personal der Rechtspopulisten attackieren“, weil diese „gestrig, intolerant, rechtsaußen und gefährlich“ seien.
  • CSU-Generalsekretär Andreas Scheuer bezeichnete die AfD als „Lügenpartei“, kurze Zeit später warnte sein Parteikollege Joachim Hermann in einem Welt-Interview, in der AfD seien „Wölfe unterwegs“.
  • SPD-Chef Sigmar Gabriel hat Demonstranten aus Sachsen als „Pack“, welches „eingesperrt werden muss“, bezeichnet. Außerdem behauptete er erst in der Vorwahlwoche „Wenn die AfD in den Bundestag einzieht, haben wir zum ersten Mal nach Ende des Zweiten Weltkriegs im deutschen Reichstag wieder echte Nazis.“

Soll reichen. Wer die Menschenwürde verteidigen will, darf sie niemandem absprechen, das nur nebenbei. Wer so diffamiert wird, soll sich nicht lautstark wehren dürfen? Die Kehrseite dieser Beschimpfungen ist nicht nur das Verkünden teils haltloser Schönwetterbotschaften, denen die Demonstranten den Donner der Realität entgegen schleuderten, sondern die volkserzieherisch intendierte semantische Verengung vieler Wörter aus Gründen der Politischen Korrektheit. Der Tagesspiegel behauptete, Worte wie Krise, Welle oder Lawine seien „Pegidasprache“. Gehören dann Atheisten wie ich als Ketzer auf den Scheiterhaufen, wenn ich mal „Gott sei Dank“ sage? Die „Zeit“ will uns einreden, dass „Flüchtling“ allein wegen der Negativendung „ling“ diskriminierend  sei. Und der Präsident des Landtags von Rheinland-Pfalz, Hendrik Hering, verstieg sich gar zu der Behauptung, dass „Pegida-Versteher“ Prof. Dr. Patzelt wie die Nazis für eine Verrohung der Sprache verantwortlich sei.

Wundert Sie da, dass sich Bürger nicht nur die Deutungshoheit über ihr Leben, sondern auch über ihre Sprache zurückholen wollen? Eine offene Gesellschaft ist mit einem geschlossenen Sprachsystem nicht vereinbar. Für Mohrenkopf, Zigeunerschnitzel & Co. muss man nicht kämpfen, das muss man einfach nur sagen, denn es gibt nichts Unsagbares, sondern nur Unsägliches. Unsäglich ist, dass die AfD „marschiert“, während normale Menschen demonstrieren; dass die AfD „pöbelt“ oder „hetzt“, während normale Menschen fordern oder kritisieren; dass AfD-Politiker „brüllen“, während normale Politiker sprechen und rufen. Aber wer uns mit solchen Beschimpfungen als geistige Brandstifter diffamiert, betreibt genau jene Menschenfeindlichkeit, die er anderen vorwirft, um dann scheinheilig zu fragen, wo bloß der Hass herkommt.

Und all das soll kein Grund sein, der Kanzlerin mal richtig die Meinung zu sagen? Und vor allem: all das wollen Sie nicht gewusst geschweige beim Abfassen Ihres Textes nicht mit bedacht haben? So naiv kann man gar nicht sein. Nicht nur, dass die sogenannten Volksparteien das Volk nicht mehr verstehen, auch die Autoren dieses Volkes tun das nicht mehr. Wenn sie es überhaupt wollen.

***

Nun also: eine Wahl, wie sie nicht im (Dreh)buch stand. Fast 13 % haben ihre Stimme, ja, auch uns gegeben, aber vor allem gegen Merkel erhoben. In Sachsen haben wir bei den Zweitstimmen Platz 1 errungen, mit den Erststimmen drei Direktmandate und mit den Zweitstimmen weitere acht  geholt. Über einige der Gründe habe ich jetzt 10 Seiten lang nachgedacht. Wir wollen 2019 diesen Sieg verteidigen und die schon länger hier Regierenden ablösen, die nur noch die Macht verwalten, aber keine Zukunft gestalten. Um die hat der Sachse nämlich keine Angst, sondern kämpft dafür. Wenn Sie das auch tun, im Interesse Ihres Sohnes beispielsweise, freut sich

Ihr
Dr. Thomas Hartung
Stellv. Landesvorsitzender AfD Sachsen

ASA-Editorial 32-2017

In der Woche vor der Wahl müssen wir schon wieder über Literatur nachdenken. Genauer: über politische Literatur. Das ist eigentlich ein unscharfer Sammelbegriff für literarische Werke vom Gedicht bis zum Drama, die sich mit politischen Themen, Ideen oder Ereignissen befassen. Ihr Spektrum reicht von historischen Avantgarden wie etwa dem Vormärz (Freiligrath, Herwegh, Weerth…) bis zu Beispielen staatlicher Propaganda in Diktaturen. Auch der Literatur der beiden deutschen Staaten war oft eine politische Dimension eigenen, manche Texte ohne sie kaum verständlich, das betraf etwa die frühe DDR-Science Fiction (del Antonio, Weise…) ebenso wie die Agit-Prop-Szene der BRD (Kittner, Süverkrüp…).

Von Anbeginn steht dabei der Begriff „Tendenzdichtung“ im Raum: solche Texte seien nicht mit den Ansprüchen autonomer Kunst zu vereinbaren, denn die affirmative Rhetorik von „Parteilichkeit“ lässt immer die Instrumentalisierung unterschiedlicher Macht- und Interessengruppen durchblicken. So sei Dichtung kein angemessenes Medium für Politik, Politik kein angemessener Inhalt für Dichtung. Die Tage kurz vor der Bundestagswahl zeigen anhand zweier Jugendbücher, dass diese Vorwürfe durchaus gerechtfertigt sind, befassen sie sich doch mehr oder weniger explizit mit der AfD und verfolgen ganz eindeutig eine politische Mission: vor dieser Partei zu warnen.

Cover "Der Schuss". Quelle: dtv

Cover "Der Schuss". Quelle: dtv

„Der Schuss“ von Christian Linker (nomen est omen) handelt vom 17-jährigen Robin, einem unpolitischen Schluffi, der zufällig Zeuge eines Mordes an einem Rechtsextremisten wird. Die Täter sind selber Rechte, wollen den Mord aber einem stadtbekannten „Intensivtäter“ mit Migrationshintergrund unterschieben, um damit die Wahlergebnisse ihrer „Deutschen Alternativen Partei“ zu befeuern. Zwar durchaus gut charakterisierte, ambivalente Figuren können nicht darüber hinwegtäuschen, dass „Der Schuss“ eher eine Geschichte über die NPD ist. Es geht um rechtsextreme Kameradschaften, die ganze Viertel terrorisieren, um Politiker, die solche Gruppen zu ihrem Vorteil nutzen. Dirigieren wir irgendwelche Kameradschaften? Selbst der wahrlich nicht konservative Martin Machowecz muss in der ZEIT einräumen, dass die AfD so nicht ist, erst recht nicht so eindimensional.

Der zweite Roman, „Endland“ von Martin Schäuble (nomen est omen), spielt in einem Deutschland, in dem schon seit einer Weile die „Nationale Alternative“ regiert. Anton, ein junger Soldat und glühender Anhänger dieser Partei, soll im Auftrag der neuen Herrscher einen Anschlag im Flüchtlingslager verüben – auch hier, um die Tat hernach Migranten unterzujubeln. Allerdings wird Antons Überzeugung auf die Probe gestellt, als er sich mit dem äthiopischen Flüchtlingsmädchen Fana anfreundet, das, natürlich, in Deutschland Medizin studieren will. Es soll nicht darum gehen, dass diese Art Science Fiction völlig misslingt, da „Endland“ die Welt holzschnittartig in Gut und Böse einteilt. Auch nicht, dass „Endland“ von einer Mauer umschlossen ist, D-Mark und Wehrpflicht wieder eingeführt hat und Flüchtlinge „Invasoren“ nennt. Schlimm ist, dass „Fana“ keine andere Funktion erfüllt als Anton moralisch niederträchtig und intellektuell unbedarft erscheinen zu lassen, bevor er, natürlich, doch noch auf die „richtige Seite“ gezogen wird.

Cover "Endland". Quelle: Hanser

Cover "Endland". Quelle: Hanser

Beide Machwerke sind unerträgliche Gehirnwäsche. Bei Linker kein Wunder, der Theologe war in Köln fast ein Jahrzehnt hauptamtlicher Diözesanvorsitzender des Bundes der Deutschen Katholischen Jugend. Während sein Text bei amazon noch unrezensiert ist, verzeichnet „Endland“ schon fünf Kritiken. „Das Buch ist etwas für junge Antifanten, die ‚Gründe‘ für zukünftige Gewaltausbrüche suchen“, erbost sich einer, der bei vier positiven Wertungen allerdings untergeht.

Jenny Erpenbeck, die 2015 selbst mit „Gehen, ging, gegangen“ einen Roman vorlegte, der von afrikanischen Geflüchteten handelt, gab schon vor Monaten in der ZEIT unumwunden zu, dass Literatur für sie „Welterklärungskompetenz“ im Sinne von „Weltanschauungskompetenz“, ja gar eine „interventionistische Aufgabe“ besäße. Auf die ZEIT-Unterstellung, dass das politische Statement ihres Buches „Gegen Dublin II beziehungsweise Dublin III, gegen ein Grenzregime, das sich vor den Flüchtlingsströmen abriegelt“ laute und in der Forderung „Macht die Grenzen auf“ gipfele, antwortete sie „Ja, warum nicht?“. Solcherart ideologische Zumutungen waren zuletzt zu Zeiten des Kalten Kriegs salonfähig.

Aber da waren die Frontverläufe ganz andere, meint

Mit siegesgewissen Grüßen

Ihr

Dr. Thomas Hartung

Stellv. Landesvorsitzender

Ungeheuerliches ist geschehen. Bereits zwei AfD-Bundesvorstände haben zugegeben, dass sie Döner lieben. DÖNER! Wo kämen wir denn da hin, wenn die Spitze einer ach so homophoben Partei eine Muselspeise mag? Die mediale Aufregung war eine maßlose. Aber der Reihe nach.

Zuletzt legte Philip Manow dar, dass sich am Essen ebenso wie an der Kleidung unseres politischen Führungspersonals ablesen ließe, dass tendenziell alle Verhaltensweisen, die in der Lage sind, sozial eine Unterscheidung zu markieren, in der voll demokratisierten Gesellschaft politisch unter Verdacht geraten können: „In der Demokratie lässt sich keine Karriere auf Extravaganz gründen.“ Grund: jede soziale Distinktion sei ein potenzielles politisches Ausschließungskriterium, während der Repräsentationsanspruch in der Demokratie ja immer ein unbegrenzter sein müsse.

Döner. Quelle: flickr

Döner. Quelle: flickr

Bei den politischen Essgewohnheiten signalisiere folglich die erklärte Vorliebe für die einfache Küche Volksnähe und Bodenständigkeit, weshalb politisch die Landesküche und vergleichsweise rustikale Hausmannskost vorherrschten: „Regionale Gerichte bieten die Gelegenheit, mit einem zusätzlichen Bekenntnis zur jeweiligen Herkunft zu punkten“, meint Manow und nennt „Dicke Bohnen“ (Konrad Adenauer), „Pichelsteiner Eintopf“ (Ludwig Erhard) und natürlich den „Saumagen“ (Helmut Kohl).

So resümiert er:

„Die typische politische Klischeespeise ist also im Inland wie im Ausland eine glatte, gediegene Sache, die sich gut in eine Zeichenordnung des Soliden, Bewährten und Bescheidenen einfügt und damit auch eine Sehnsucht nach Herkunft und Identität erfüllt, auf ein nostalgisches Bedürfnis antwortet: sie soll zur Assoziation jeden und zur Dissoziation keinen Anlass bieten.“

Und obwohl er einräumt: „Das Essen ist immer politisch codiert, aber überall anders“, erklärt er nicht zuletzt mit Blick auf Barack Obama und dessen Burger-Vorliebe den „Schnellimbiss“ als besonders demokratiekompatibel.

B.v.Storch mit Döner. Quelle: Twitter

B.v.Storch mit Döner. Quelle: Twitter

Im Mai 2016 nun tauchte bei Twitter ein Foto auf, das Beatrix von Storch in einem solchen Schnellimbiss in Brüssel zeigt. Genauer: einem Döner-Imbiss. Für die Twitter-Community passte das nicht zusammen. Von Storch aber findet: Unbedingt. Dem „Tagesspiegel“ sagte sie: „Ich hab nichts gegen Döner, sondern gegen Scharia.“ Die AfD wende sich gegen den „gesellschaftsfeindlichen politischen Islam“, nicht aber gegen in der Gesellschaft integrierte Muslime: „Nur, wer das nicht differenzieren kann, hält es für skandalös, dass ich gerne Döner mit scharfer Soße mag.“

Die Belustigung um das Foto fasst der Tweet des Users James Hall wohl am besten zusammen: „Der Islam mag laut der AfD nicht zur BRD zu gehören, aber der Döner laut Beatrix von Storch sehr wohl!“ Die Tiefendimension, dass Migration solange unproblematisch ist, wie der Migrant das Risiko selbst trägt – in diesem Falle als freiwillig nach Deutschland eingewanderter Bürger türkischer/ muslimischer Herkunft, der ebenso freiwillig als Imbissunternehmer arbeitet – hat Hall nicht verstanden. Viele andere übrigens, darunter die diesen Schnappschuss  skandalisierenden Medien, auch nicht.

„Frau Merkel isst ihren Döner immer so wie wir Türken ihn essen“

Nun war von Storch aber keineswegs die erste Politikerin, die diese Mahlzeit verspeiste. Keine Geringere als Angela Merkel soll während ihrer Zeit als CDU-Vorsitzende einmal pro Woche Döner gegessen haben. Und zwar im „Café Motiv“ in der Wilhelmstraße im Berliner Regierungsviertel. „Frau Merkel isst ihren Döner immer so wie wir Türken ihn essen – ohne Soße, nur mit Fleisch, Salat, Zwiebeln, Tomaten, Weiß- und Rotkraut“, hat der Chef des Cafés mal der „Berliner Zeitung“ gesagt. 2009 ließ sie sich bei einem Sommerfest der Union in Berlin gar am Stand eines Döner-Produzenten fotografieren – das Bild zierte später den Internet-Auftritt eines Odessaer Restaurants als Werbe-Trick, der den Betreibern zwar mehr Besucher bescherte („Alle wollen wissen, ob Merkel wirklich bei uns war“), aber auch diplomatischen und urheberrechtlichen Ärger.

A. Merkel mit Döner. Quelle: Süddeutsche.de

A. Merkel mit Döner. Quelle: Süddeutsche.de

Woher also die Aufregung um diesen Snack, den 1972 Kadir Nurman in der Berliner Hardenbergstraße als erster in der Bundesrepublik kreierte, mit Hackfleisch von Kalb und Rind, Zwiebeln und grünem Salat, und für 1,50 Mark verkaufte? Mit den Jahren ist eine Industrie gewachsen mit 16.000 Buden, 60.000 Mitarbeitern, die rund drei Millionen Döner täglich verkaufen, und 3,5 Milliarden Euro Jahresumsatz (2011). Versuche, den Döner „deutscher Art“ (tatsächlich wird dieser in China als deutsche Spezialität vermarktet!) mit ähnlichem Erfolg in der Türkei zu etablieren, sind dagegen lange gescheitert.

Als eine Erklärung muss die seit Jahren gebrauchte mediale Floskel herhalten, dass „Döner-Essen“ nicht Integration und /oder Integration mehr als „Döner-Essen“ sei. „Er sollte nicht auf die Idee kommen, in Schöneberg oder in Wedding einen Döner zu essen, um seine Bemühungen für Integration zu zeigen. Das wäre albern – und würde ihm kein Mensch abnehmen“, kommentierte ein Malik Fathi online beim „Tagesspiegel“ 2004 zum designierten Bundespräsidenten Horst Köhler.

Als weitere Erklärung muss die NPD herhalten. So wurde Safet Babic, ein Trierer NPD-Politiker mit Migrationshintergrund, im September 2015 beim Verdrücken dieser türkischsten aller germanischen Speisen ertappt. Der gebürtige Deutsche mit bosnischen Wurzeln verstieß damit gegen die deutschnationalen Speisegesetze, hatte doch die NPD Stuttgart ihre Mitglieder aufgefordert, „lieber kalte schwäbische Maultaschen als warmen Döner“ zu essen. Die anonyme Aktionskünstlerin „Barbara“ reimte darauf: „Islamophobie, das ist bekannt, endet oft hungrig am Dönerstand“. Aber auch “Deutschland ist schön doch noch viel schöner ist es mit Pizza, Sushi und Döner” wird ihr zugeschrieben.

Döner Barbara. Quelle: kraftfuttermischwerk.de

Döner Barbara. Quelle: kraftfuttermischwerk.de

„Kartoffeln statt Döner“ stand auf einem Transparent, das ein Kögida-Demonstrant hochhielt. Prompt ließ sich nicht nur der Oldenburger Imbissbesitzer Hani Alhay, ein gebürtiger Libanese, zu einem „Kartoffeldöner“ inspirieren, den er sich beim Münchner Patentamt schützen ließ, sondern war auch „Nazis essen heimlich Döner“ in schwarzen Großbuchstaben auf einem Pappschild zu lesen, das zwei Aachener Studentinnen zur „Köln stellt sich quer“-Demo mitbrachten. Der Slogan wurde rasch zum Dauerbrenner, der unter anderem Basecaps und T-Shirts zierte, weil ihm ein bestimmter Symbolwert zugeschrieben werden konnte, der sich linksgrün bestens semantisieren ließ, sicher auch (mit) hervorgerufen durch die anfängliche Titulierung der NSU-Mordserie als „Döner-Morde“.

„Während täglich von besetzten Häusern Gewalttaten ausgehen, rückte der Staatsschutz zum Dönereinsatz aus.“

N-tv zitierte im April 2016 genüsslich ein Statement von Tilo Sarrazin:

„Ich habe in meinem Leben natürlich schon mal einen Döner gegessen. Aber seitdem ich 2011 von einem Mob aus einem türkischen Restaurant in Kreuzberg vertrieben wurde und mich der Besitzer weder schützen wollte noch konnte, sehe ich keinen Anlass, türkische Restaurants zu besuchen.“

Monate später rauscht dann die „rassistische“ Geschichte eines Berliner Busfahrers durch den Blätterwald, der nach mehrfacher Ermahnung ein dennoch weiter Döner essendes vierzehnjähriges Sarrazin’sches Kopftuchmädchen seines Busses verwies. Die junge Frau lamentierte nach ihrem Rauswurf an der Haltestelle, dies sei wegen ihres Kopftuchs geschehen.

Döner-Schild. Quelle: ruhrnachrichten.de

Döner-Schild. Quelle: ruhrnachrichten.de

Absurd allein die Vorstellung, ein Berliner Busfahrer, der täglich Hunderte von Kopftüchern transportiert, würde es – wenn überhaupt gewollt – wagen, so seinen Job zu gefährden. Diese Logik hinderte aber keineswegs einen guten Menschen daran, dem renitenten Kind zu glauben und Strafanzeige zu stellen. Tatsächlich, und das ist die eigentliche Botschaft, machte sich nicht die BvG oder die Polizei, sondern der Staatsschutz an die Arbeit. Konrad Kustos bilanzierte bitter:

„Während täglich von besetzten Häusern Gewalttaten ausgehen, während einheimische und eingewanderte Terroristen ihre Pläne schmieden, während radikale Ideologen an den Rändern der Gesellschaft oder in Regierungsverantwortung die Grundlagen unserer Gesellschaft und unserer Freiheit infrage stellen, rückte der Staatsschutz zum Dönereinsatz aus.“

Und nun, im Wahlkampfsommer 2017? Da wird Alice Weidels Profilseite im Absolventenbuch der Universität Bayreuth aus dem Jahr 2004 ausgegraben. Die frisch graduierten Diplom-Kaufleute und Volkswirte antworten dort unter anderem auf die Frage nach ihrem persönlich furchtbarsten Erlebnis während der Studienzeit. Mancher beichtet Prüfungsängste, andere geben die Trennung vom Ex oder peinliche Saufeskapaden preis. Alice Weidel aber hat einen anderen „furchtbarsten Tag“ in Erinnerung. Sie schreibt: „Dönerbude Istanbul geschlossen.“ Au weia.

Die „Wirtschaftswoche“ lässt sich zu dem Satz hinreißen

„Von der Spitzenkandidatin einer national gesinnten Partei, die im Bundestagswahlkampf auch mal vor ‚Grapsch-Migranten‘ warnt, würde man kein so sympathisches Bekenntnis zu der populären türkischen Grillspezialität erwarten, dem zwangsläufigen Grundnahrungsmittel vieler küchenscheuer Studenten und gestressten Arbeitnehmer.“

Aha. Was würde „man“ denn sonst erwarten? Ein Bekenntnis zum „Nudeln machen“, das für „küchenscheue“ Studenten auch „Kochen“ ist? Oder ein Bekenntnis zu Bockwurst, Brötchen und Senf, dem Drei-Gänge-Menü „gestresster Arbeitnehmer“?

Currywurst ist SPD. Quelle: Ruhrbarone.de

Currywurst ist SPD. Quelle: Ruhrbarone.de

In Nordrhein-Westfalen übrigens war die Landes-SPD in den Landtagswahlkampf 2012 mit dem Slogan „Currywurst ist NRW“ gestartet – gerade im Ruhrpott ein Symbol für besondere Volksnähe. Der Slogan ging als Sieger aus einem Wettbewerb hervor, zu dem die Partei im Internet aufgerufen hatte. In der Parteizentrale gab es damals Currywurst für alle. Gratis, versteht sich. Resultat: Hannelore Kraft gewann, und zwar haushoch.

Jetzt stelle man sich kurz eine AfD-Kampagne „Döner ist Deutschland“ vor. Auf Plakaten zeigt die Partei blonde Übermodels, darunter Heidi Klum, Eva Padberg und Tatjana Patitz, unter dem Motto „Döner macht schöner“. In den Wahlkampfspots lässt sie hunderte integrierte Dönerbudenbetreiber zur Hymne „Mit dem Döner in der Hand retten wir das Vaterland“ (Melodie und Text: Xavier Naidoo) durch Kreuzberg marschieren. Und ein bundesweiter Aktionstag „Döner essen gegen links“, weltweit live übertragen von Al Jazeera, vereint 28 000 Parteimitglieder zwischen Flensburg und Berchtesgaden. Beim Barte des Propheten: 51 % wären der Partei sicher gewesen.

P.S.: Aller guten Dinge sind drei. Ende August postete Jana Schneider, Thüringer Landeschefin der „Jungen Alternative“, in einem ca. 12.00 Uhr abgesetzten Facebook-Status „Döner zum Frühstück .“

„Die AfD will den Einfluss der Parteien auf das Kulturleben zurückdrängen, gemeinnützige private Kulturstiftungen und bürgerschaftliche Kulturinitiativen stärken und die Kulturpolitik generell an fachlichen Qualitätskriterien und ökonomischer Vernunft anstatt an politischen Opportunitäten ausrichten.“ Wie ich diesen Satz unseres Programms beim MDR verteidigte, ist hier nachzuhören; das Interview entstand an einem Samstag im September in Klotzsche beim Wahlkampf.

Je kürzer, desto besser

Der Psychoanalytiker Karl Abraham hat schon vor 100 Jahren behauptet, dass der Name oft zum Schicksal seiner Patienten passt. Da könnte was dran sein. So sorgte vor acht Jahren eine Studie der Uni Oldenburg für Aufsehen. Sie kam zu dem Ergebnis, dass viele Grundschullehrer einen Jungen mit dem Namen Kevin als verhaltensauffällig abstempeln. Als eher freundlich und leistungsstark sahen die Lehrer hingegen Jungen mit den Namen Alexander, Maximilian, Simon, Lukas und Jakob. Positiv bewertete Mädchennamen waren Charlotte, Nele, Marie, Emma und Katharina. Auf der Negativliste standen Mandy, Chantal und Jaqueline. „Kevin ist kein Name, sondern eine Diagnose“, kommentierte ein teilnehmender Lehrer damals. Auch wenn die Nationalität nicht explizit angegeben ist, versteige ich mich gern zu der These, dass es mehrheitlich deutsche Lehrer waren, die Kindern mit deutschen Namen mehr Leistung unterstellten als solchen mit englischen.

Jetzt wurde im STERN-Auftrag untersucht, ob der Vorname mit dem Erfolg im Beruf zusammenhängt. Erwartbares Ergebnis: ja. Je kürzer der Vorname, desto mehr Geld und Erfolg habe der Arbeitnehmer im Job. Deutschlands Top-Verdiener heißen dem aktuellen Gehaltsranking zufolge „Dirk“ und „Sabine“: der Durchschnitts-Dirk kommt demnach auf 120.200 Euro im Jahr, die Durchschnitts-Sabine auf 83.638 Euro. Auch Rainer, Jürgen, Susanne und Claudia gehen als überdurchschnittlich gut bezahlte Arbeitskräfte aus dem Ranking der Jobsuchmaschine Adzuna hervor.

Beliebte deutsche Vornamen. Quelle: Abendzeitung.de

Beliebte deutsche Vornamen. Quelle: Abendzeitung.de

Insgesamt verdienen Mitarbeiter, deren Vorname nur eine Silbe hat, meist mehr als ihre Kollegen mit einem zwei- oder dreisilbigen Vornamen: Namen mit zwei Silben bringen acht Prozent, solche mir drei Silben sogar 18 Prozent weniger Gehalt ein. Ein Grund: ist ein Name leicht zu schreiben, bleibt er auch leicht in Erinnerung. Umgekehrt schließen offenbar viele Menschen von einem komplizierten Namen auf eine komplizierte Persönlichkeit. Bernd Samland von der Kölner Namensagentur „Endmark“: „Echte Karrierekiller sind auch Doppelvorname und Doppelnachname, z. B. Ann-Katrin Müller-Lüdenscheid.“

Angaben des Namenkundlichen Zentrums der Universität Leipzig zufolge ist aber eher der Gegentrend beobachtbar, greifen Eltern immer öfter zu unkonventionellen, längeren Vornamen. Eine dpa-Liste standesamtlich beurkundeter Jungen- und Mädchennamen liest sich geradezu wie eine Figurenliste aus einer Fantasy-Komödie: Don Armani Karl-Heinz, Camino Santiago Freigeist oder Eisi Faust Erik bei den Jungen; Ferrara Melody Maxima, Frangi-Pany oder Sueann-Presess bei den Mädchen. „Trotz des Traditionsbewusstseins wird die Bundesrepublik bei den Vornamen immer bunter”, sagt die Leipziger  Namensforscherin Gabriele Rodriguez.

Vornamen 2017. Quelle: Gesellschaft für deutsche Sprache e.V.

Vornamen 2017. Quelle: Gesellschaft für deutsche Sprache e.V.

Nun aber kommts: ein kurzer deutscher Vorname, nämlich „Adolf“, ist jetzt politisch korrekt in absoluten Verruf geraten – wovon ein „betroffener“ Journalist in der FAZ berichtet. Der Name ist althochdeutsch und bedeutet Edelwolf. Das ist doch schön, wäre da nicht jener Adolf aus Braunau am Inn, der dem Namen die Unschuld geraubt hat und noch raubt (ebenso wie natürlich dessen in Israel verurteilter Vernichtungsbeamter). So kamen 2006 in Deutschland über 672.720 Babys zur Welt, nur ein einziges wurde (allerdings mit zweitem Vornamen) Adolf genannt. Noch Ende des 19. Jahrhunderts war Adolf sehr geläufig, besonders in Süd- und Westdeutschland. 1890 stand der Name an dreizehnter Stelle auf der Beliebtheitsskala aller männlichen Vornamen (hinter Fritz, Franz oder Emil).

Deutschland hat keine schwarze Liste

Vielleicht dachten Eltern an Adolf von Knigge, der seit Mitte des 18. Jahrhunderts für Anstand und gutes Benehmen steht, oder an Gustav Adolf, den protestantischen König aus Schweden. Auch Adolph Kolping genoss hohen Respekt, vor allem bei Katholiken, die dem sozial engagierten Kirchenmann mit Achtung entgegentraten. „Solche Leitbilder wie Adolph Kolping brauchen wir für die Kirche von heute“, sagte Papst Johannes Paul II. 1991 bei der Seligsprechung, aber er hat damals vermutlich nicht an den kontaminierten Vornamen gedacht.

Die Vergabe dieses Vornamens ist jedoch in Deutschland nicht grundsätzlich verboten. Die Standesämter haben keine allgemeingültige schwarze Liste mit Namen, die sie auf jeden Fall ablehnen. Sie sind lediglich dazu angehalten, das Persönlichkeitsrecht des Kindes zu wahren. Der Säugling kann bei fragwürdigen Ideen seiner Eltern ja nicht intervenieren, diese Aufgabe müssen deshalb die Standesbeamten übernehmen, und die entscheiden individuell. Dabei müssen sie auf verschiedene Faktoren achten, vor allem: Namensgrundsatz, Geschlechtseindeutigkeit und „Anstößigkeit“.

Ob Adolf also eintragungsfähig ist, hänge von den Beweggründen der Eltern ab, erklärt N-tv bereits im März 2016. Bei einer eindeutig rechtsextremen Gesinnung der Eltern sei die Eintragung dieses Vornamens vom Standesamt abzulehnen; könnten die Eltern hingegen eine andere Motivation für die Vergabe des Vornamens Adolf glaubhaft machen, so sei er eintragungsfähig. Gesinnungsprüfung für die Namensgebung – wie soll das gehen? Dass jemals jemand um den Namen prozessiert hätte, ist bis dato nicht bekannt.

"Adolf". Quelle: eigene Darstellung

"Adolf". Quelle: eigene Darstellung

Kein Wunder. Mit Adolf Butenandt (Chemie-Nobelpreisträger 1939), Adolf „Adi“ Dassler (Gründer von Adidas), Adolf Fick (Entdecker der Diffusionsgesetze), Adolf Hennecke (DDR-Aktivist), Adolph Menzel (Maler), Adolf Merckle (Pharmazie-Unternehmer) oder Adolf Muschg (Schriftsteller, wenn auch aus der Schweiz, dennoch Bundesverdienstkreuzträger) gibt es genug Adolfe, die eine Normalisierung des Anthroponyms rechtfertigten. Denn was ist eigentlich mit Josef? Josef Mengele, Josef Stalin, Josef Goebbels …

Wobei: Josef ist harmlos, beginnt er doch mit „J“, einem völlig uninteressanten Buchstaben. Ganz anders sieht das aus mit dem „H“. Zum ersten mit Horst. Der Name sei während der Herrschaft des Naziregimes zum Ausweis einer regimetreuen Gesinnung geworden: „außergewöhnlich viele Eltern nutzten diese Gelegenheit, der Diktatur ihre Ergebenheit zu demonstrieren, indem sie ihre Kinder nach dem Heiligen der braunen Herren nannten“ – dem SA-Mann Horst Wessel, der am 14. Januar 1930 von einer Gruppe Kommunisten ermordet worden war und dessen Lied „Die Fahne hoch“ quasi zur zweiten Nationalhymne wurde. Vorausgesetzt die Korrelation stimmt: die Erklärung, warum die Beliebtheit des Namens seit 1941 abnahm, steht bis heute ebenso aus wie die, warum keiner der prominentesten Nazis eines seiner Kinder Horst taufte.

Aber es kommt noch besser: mit Verweis auf einen Namenserlass von Innenminister Hermann Göring vom 18. August 1938 (Kinder deutscher Staatsangehöriger sollten grundsätzlich nur deutsche Vornamen erhalten, weil dies der Förderung des Sippengedankens diene) seinen vor allem biblische Jungen- und christliche Heiligen- zugunsten germanischer Namen gewichen. Die Kinder Helga, Hildegard, Helmut, Holdine, Hedwig und Heidrun von Goebbels und seiner Frau Magda wären eine Referenz an, natürlich, Hitler gewesen, womit sich der Kreis zu “Adolf” schließt.

Und nun? Ein namhafter DDR-Sportreporter verhalf einst dem deutschen Namen „Waldemar“ zu ungeahnter Karriere: angesichts des zweiten Olympiasiegs des Marathonläufers Waldemar Cierpinski 1980 in Moskau sprach Heinz Florian Oertel live die legendären Sätze „Liebe junge Väter oder angehende, haben Sie Mut! Nennen Sie Ihre Neuankömmlinge des heutigen Tages ruhig Waldemar! Waldemar ist da!“. Zu solchem Aufruf versteige ich mich nicht.

Aber unseren deutschen Namen mit Respekt zu begegnen kann nicht schaden angesichts der Tatsache, dass auf der Gesamtliste mit allen Namen aus den 650 deutschen Standesämtern der islamisch geprägte Mohammed einen weiten Sprung nach vorne geschafft hat – von Platz 41 im Jahr 2015 auf Platz 26 im Jahre 2016. Dicht gefolgt von Ali und Yusuf. Dazu muss noch ergänzt werden, dass in Deutschland der Name „Mohammed“ prozentual weitaus häufiger für neu geborene Jungs gewählt wird als in der Hitliste der Vornamen in der Türkei. Unter den Namen, die 2016 um mehr als 100 Plätze gestiegen sind, waren die ersten sechs übrigens Samir, Leano, Ismail, Aras, Wilhelm und Amar. Ein Schelm, der jetzt von Islamisierung spricht.

Zum Monatsbeginn machten in der Presse zwei Briefe an zwei Kinder die Runde, die gegensätzlicher nicht sein könnten. Den einen, fiktiven, an Fraukes Sohn Ferdinand dachte sich im Namen der Mutter (!!!) ein FAZ-Redakteur aus, der nicht den Arsch in der Hose hatte, seinen Namen preiszugeben. Den anderen, realen an das afghanische Flüchtlingsmädchen Modina schrieb Eva Quistorp, 72jährige, ledige, kinderlose Grünen-Mitgründerin, und publizierte ihn in der WELT (die schon mehrere Texte zu diesem Vorzeigekind im Portfolio hat). In der Zusammenschau beider Texte ergibt sich ein verheerendes Bild unserer bundesdeutschen Demokratie, die sich offenbar darin gefällt, von moralisierenden, gesinnungsethischen Traumtänzern bespaßt, nicht aber, realpolitisch angemessen regiert zu werden. Das ASA-Editorial 31 ist übrigens eine Kurzfassung dieses Textes, daher teile ich es diese Woche nicht.

„Lieber Ferdinand“ beginnt eine gehässige, perfide, ja bösartige Groteske, die der anonyme Schreiberling sicher als erlaubte, spaßig-unterhaltsame Ironie oder gar Satire verteidigen mag. Sie entpuppt sich aber als infame, subtile Hetze, die lächerlich macht, wofür die Partei mit ihrem plakativem Motiv einsteht: für eine gute Zukunft der Kinder, auch dafür, dass Deutschland Kinder braucht und Kinder willkommen zu heißen sind. Das Pamphlet im Wortlaut:

„…ist das nicht ein schönes Foto von uns beiden? So liebenswert, so friedlich kann es in unserem wunderbaren Deutschland sein, wenn man einfach nur unter sich ist. Und weil ich möchte, dass das so bleibt, habe ich dieses schöne Foto ganz groß auf ein schönes Plakat unserer schönen Partei drucken lassen. Tiere und Kinder, weißt Du, kommen nämlich immer gut an, sogar bei unseren Wählern, zumindest solange sie keine dunkle Haut haben. Also die Kinder, die Tiere dürfen das schon.

Frauke Petry & Ferdinand. Quelle: afd.de

Frauke Petry & Ferdinand. Quelle: afd.de

Es gibt aber, und da, lieber Ferdinand, will ich ganz ehrlich zu Dir sein, noch einen zweiten Grund dafür, dass ich mich auf meinem Wahlplakat mit Dir zeige: Von den anderen aus meiner Partei wollte sich keiner mit mir fotografieren lassen. Politik ist nicht immer ganz einfach zu verstehen, auch nicht für Erwachsene – aber ein wenig hast Du vielleicht schon was kapiert. Wie Du, als ich Dich den anderen vorstellte, dem Gauland aufs Jackett gespuckt hat, das hat mir jedenfalls gut gefallen.

Auf unserem Foto schläfst Du so süß, lieber Ferdinand. Und wenn Du Deine Augen öffnest, dann erkennst Du sofort, wie bunt und vielfältig unsere Welt ist – und dass man dagegen natürlich was tun muss. Mehr Farben als Schwarz-Rot-Gold brauchen wir nämlich nicht. Denn weißt Du: Diese ganzen Migranten haben immer ganz viele Kinder, die Dir den Brei wegfressen und Dich vom Töpfchen verdrängen wollen. Du und Deine acht Halbgeschwister, lieber Ferdinand, Ihr braucht schließlich schon genug Platz. Und um diesen Platz müssen wir kämpfen, Ferdinand, und damit Du selbst mitkämpfen kannst, habe ich Dir schon mal eine schöne Wasserpistole gekauft. Die Steinschleuder kriegst Du später.

Und falls Dir, wenn Du eines Tages groß bist, dieser Brief nicht gefällt und Du sauer auf mich bist, dann sollst Du wissen: Das ist alles von mir überhaupt nicht so gemeint gewesen und völlig aus dem Zusammenhang gerissen worden.

Deine Mutter Dr. Frauke Petry“

Pseudorassistisch angehauchte Küchenpsychologie, gemixt mit fabuliertem Vorstandsbashing, dazu eine Prise unterstellter Sozialdarwinismus, garniert mit einer biblischen Verteidigungsmetapher, angerichtet auf dem Relativierungsteller – zugegeben: das ist ein unterhaltsames, kabarettistisches Kabinettstückchen, das man in einer Wochenendausgabe als solches durchgehen lassen könnte… wäre nicht Wahlkampf und würden sich nicht beide Frankfurter Blätter in ihrer Einseitigkeit überbieten. Solider Journalismus, wie er auch bei anderen Themen nötig wäre, ist das nicht. Und dann wundern sich die Blätter, dass sie immer mehr Leser fluchtartig verlassen, und versuchen, diese Flucht allein auf das Internet zu schieben – obwohl gerade in diesem speziellen Fall in derselben FAS-Ausgabe, zwei Seiten zuvor, die Redaktion ihren Lesern ebenfalls eine Anti-AfD-Hetze vorsetzte. Der Beitrag von (diesmal nicht anonym) Jan Grossarth stellt die AfD als „Empörungsjunkies“ hin, die „einen Volkssport daraus gemacht [haben], aus der Anonymität des Internets auf alles zu schießen, was nicht in ihr kleinkariertes Weltbild passt.“ Als Beispiele werden Sarrazin (nanu, ich dachte, der sei SPD-Mitglied) und natürlich Gauland genannt.

Mehrfache Offenbarung

„Liebe Modina“ beginnt dagegen der Text an ein afghanisches Flüchtlingskind, um das sich die Autorin seit 2015 intensiv gekümmert, sie „ermutigt und bestärkt“ hatte. Das Mädchen ist in Berlin eingeschult worden; ihr 24jähriger Vater möchte den Umgang mit der alten Dame einschränken. Scheinbar tief gekränkt schrieb sie diesen Brief an ihren Schützling, der eine mehrfache Offenbarung ist, über 100 Kommentare nach sich zog und zunächst ungekürzt wiedergegeben werden soll.

„…ich freue mich so, dass du nun Anfang September in Berlin in die Schule kommst und hoffentlich nette Mitschüler und Lehrerinnen hast, von denen du so viel lernen kannst, wie du in den letzten zwei Jahren von und mit mir gelernt hast. Die kleine Schultüte, die ich dir zu deinem 6. Geburtstag geschenkt habe, fandest du ein bisschen klein. Nun ja.

Modina. Quelle: welt.de

Modina. Quelle: welt.de

Ich habe dir Buntstifte zum Malen und Schreiben, einen Radiergummi, einen lustigen Anspitzer, glitzernde Herzchen, Gummibärchen, die ihr alle so liebt, und die grimmschen Märchen hineingetan, die ich dir viele Abende und Nächte, als du bei mir geschlafen hast, vorgelesen habe. Immer habe ich mich gefreut, dass du nie, wie die anderen arabischen Kinder, mich bei den Gummibärchen gefragt hast, ob die auch „halal“ sind.

Du bist auch sonst gerne großzügig und lebensfroh und willst dich durch strenge Kleider oder Sittenregeln nicht einengen lassen. Auch wenn du meintest, dass du, wenn du groß bist, ein Kopftuch anziehen würdest, aber mit Farben. Dass dein Vater dich früh verheiraten will, wie mir Ali zu meinem Erschrecken gesagt hat, der mit euch aus Istanbul über Serbien nach Berlin geflohen ist, hat er dir wohl noch nicht gesagt.

Hat er dich denn in den letzten Monaten geschlagen? Leider konnte ich nicht viel dagegen machen, liebe Modina. Denn die vom Kinderschutzbund, die eine Afghanin im Heim angerufen hat, konnten dich ja nicht allein fragen, und du hättest auch, wie dir dein Vater eingebläut hat, das niemals vor Fremden zugegeben.

Ich aber war keine Fremde für dich. Ich war weder der Ersatz für deine Mutter, die du bei einem Verkehrsunfall im Iran verloren hast, noch für deine Oma, die noch im Iran mit vielen Verwandten lebt. Irgendwie war ich immer nur Eva, und du hast monatelang gesagt, dass ich sieben Jahre alt sei, denn älter als dein Vater durfte ich nicht sein, der erst 21 war, als ihr in Berlin ankamt.

Mit deinem Vater hast du so gern geturnt wie mit mir, und am liebsten hast du zwischen uns beiden gehampelt und dich tragen und schwingen lassen. Es tut mir leid, dass ich dir nie erklären konnte, warum ich nicht zu euch ins Heim ziehen konnte, was du dir, als du kleiner warst, gewünscht hast. Noch weniger kann ich dir klarmachen, warum dein Vater nicht mehr will, dass du mich besuchst und du nicht mehr mit mir in Ferien fahren darfst, wie letzten Sommer und Silvester.

Wir können nicht einmal mehr auf dem Spielplatz oder im Grunewald zusammen spielen oder in ein Konzert oder zum Kindertanz gehen. Dein Papa hat behauptet, ich würde dir alles erlauben. Hast du ihm das ahnungslos gesagt? Ich habe dir doch im Unterschied zu ihm nicht alles erlaubt! Schon gar nicht mit dem Handy zu spielen, wo du dann Autorennen, Superman oder sogar Blondinen mit dickem Busen gucken kannst, die viele Afghanen auf ihrem Handy haben.

Modina. Quelle: welt.de

Modina. Quelle: welt.de

Du hast bei mir deine Schrei-, Wein- und Tobsuchtsanfälle, die du manchmal hattest, nicht ausleben dürfen. Ich habe dich abgelenkt, dich getröstet, dich die Treppen hochgetragen, dich oft auf den Arm genommen, damit du dich behütet fühlst und weißt, dass ich dich lieb habe. Du hast bei mir Gitarre und Flöte und Xylofon spielen üben dürfen und mit mir die ersten Schlaf- und Sommerlieder gesungen.

Dein Vater hat wohl gemerkt, dass du so viel schneller und besser Deutsch gelernt hast, als er in der Schule und mit seinem Handy und den Büchern. Doch er hat mein Angebot, jede Woche mit ihm zu üben, nie angenommen. Dein Papa scheint Angst zu haben, dass du zu klug und willensstark wirst und ihn nicht mehr für den Größten überhaupt hältst und ihm gehorchst. Verstehst du das?

Du liebst natürlich deinen Vater, wie jedes Kind, vor allem, wenn du immer mit ihm allein wohnst. Er ist mir dir über die Berge und durch die Tomatenfelder geflohen, hat dich dabei immer auf den Schultern getragen und hat sich mit dir versteckt. Damals hatte er dir die Haare kurz geschnitten, damit du wie ein Junge aussiehst und geschützter bist.

Ja, ich glaube, dein Vater sieht mich als Konkurrenz und ist eifersüchtig auf mich. Er will wohl seinen afghanischen Freunden zeigen, dass er das Sagen hat und eine ältere deutsche alleinstehende Frau nicht so wichtig für dich sein darf.

Modina. Quelle: welt.de

Modina. Quelle: welt.de

Vielleicht wirst du das später verstehen, wenn du einige Jahre in der Schule warst und wenn ihr hoffentlich etwas über die Rechte der Mädchen und Frauen in Deutschland lernt, dass Väter, Onkel und die Großfamilie nicht mehr alles entscheiden dürfen in Deutschland, nicht, wen du heiratest und wann, nicht ob du einen deutschen Freund hast oder wie du die Haare trägst, welchen Beruf du lernen willst, in welche Moschee du gehst oder wie du betest.

Wir haben so viel zusammen erlebt, und ich freue mich, dass du dich an einiges erinnern kannst. Irgendwann habe ich dir eine Karte von Deutschland gezeigt, wo wir überall schon zusammen waren: in Hamburg, Lübeck, Stettin und Templin. Du hast in der Templiner Kirche mit euren Puppen getanzt, als der Chor so schön gesungen hat.

Dort hast du auch das erste Mal die Krippe mit dem Jesuskind und Maria kennen gelernt, bist sogar auf den Kirchturm hochgestiegen. „Das habe ich geschafft“, sagst du gern zu mir, da ich das immer sagte, als wir die ersten Treppen zusammen stiegen und ich dich getragen habe. Dabei hast du die Zahlen gelernt von eins bis 30.

Ich hoffe, du lernst gut lesen, schreiben und rechnen. Ich würde dir so gern dabei helfen und auch sehen, dass du wirklich schwimmen und Fahrrad fahren lernst, was dein Papa anscheinend nicht richtig mit dir übt. Du willst gern alles gleich können. Aber nicht alles ist so leicht wie Seilhüpfen. Du musst üben, üben, üben!

Hoffentlich lernst du in der Schule auch Geduld. Deine ungestüme, wilde Art hat mir immer gefallen, aber auch, wie du dich an mich geschmiegt hast und wir sangen: „Der Mond ist aufgegangen“. Nie werde ich vergessen, wie wir auf der Terrasse bei Kerzenschein saßen und du ein iranisches Lied vorgesungen hast, es war traurig und schön zugleich.

Ich hoffe, dass du eine gute Schülerin wirst, vielleicht Polizistin wirst, wie du mir bei der afghanischen Trauerfeier für deinen Opa, als wir Frauen in einem Extrazimmer sitzen mussten, gesagt hast. Du wirst in deinem Mädchen- und Frauenleben noch lernen, dass leider viele Männer Angst vor klugen und starken Frauen haben und sie deswegen oft schlagen, ihnen weniger erlauben als den Jungen und das mit dem Koran begründen. Ich hoffe, du lässt dich nicht unterkriegen, obwohl du manchmal so traurig aussiehst.

Modina. Quelle: welt.de

Modina. Quelle: welt.de

Ich bin so stolz auf dich, wie du bei mir gutes Hochdeutsch und singen, malen, deinen und meinen Namen schreiben gelernt hast, mit mir ins Museum gegangen bist und auf viele Spielplätze, teilen gelernt hast und helfen. Leider konnte ich dich nicht mehr in die neue Moschee meiner Freundin Seyran Ates mitnehmen. Das hätte dir gefallen.

Dir, deinem Vater und seinen Freunden würde diese Moschee guttun, damit sie vom Koran nicht nur wissen: kein Schweinefleisch, kein Alkohol, die Frauen unter das strenge Kopftuch und den Ramadan einhalten strikt ohne jede Rücksicht auf die Moderne und die demokratische Welt, in der sie jetzt ein gutes Leben suchen.

Du weißt, dass die Kinder in der Kita oder Schule auch manchmal dumme Sachen sagen, auf Kinder schimpfen, die Schweinefleisch essen, nur um andere zu ärgern und sich wichtig zu finden. Ich hoffe, du plapperst nicht alles auf dem Schulhof nach und wirst nie das Wort „Jude“ als Schimpfwort gebrauchen.

Ich wünsche mir, dass du dich gegen Gewalt und Dummheit einsetzt und eine Vermittlerin wirst, dich dabei innerlich gestärkt fühlst von mir, die du manchmal „Eva-Maria“ genannt hast. Ich tröste mich damit, dass du mich nicht vergisst und groß wirst wie Dornröschen oder Schneewittchen.

„Erinnerst du dich?“ das hast du mich neulich schon gefragt, denn wir haben ein gemeinsames Gedächtnis. An deinem sechsten Geburtstag sagtest du zu deinem Vater: „Papa, ich will auch mal bescheiden“. Ich korrigierte dich, und du sagtest dann: „Ich will auch mal entscheiden“ und bautest dich vor ihm auf. Doch selbst am Geburtstag war dein Vater nicht zu erweichen. Er wollte zeigen, dass er sich gegen mich durchsetzt, verfinsterte sein Gesicht und versuchte wie oft, dich damit einzuschüchtern.

Modina. Quelle: welt.de

Modina. Quelle: welt.de

Liebe Modina, ich hoffe, du traust dich trotzdem öfter zu sagen, dass du entscheidest. Und zwar Dinge, die für dich und deine Zukunft wichtig sind, nicht nur, ob du ein Eis essen oder Handyfilme gucken darfst. Die Erinnerungen an alles Schöne, das wir zusammen erlebt haben, bleiben hoffentlich bei dir. Lass sie dir nicht ausreden.“

Zwischen Naivität und Überheblichkeit

Erste Offenbarung: hier spricht grenzenlose Naivität. Die wenigsten Kinder werden sich für das „Leben in Deutschland“ entgegen der Wünsche ihrer Eltern und Familienmitglieder entscheiden. Die „Werte“ unserer „offenen und toleranten“ Gesellschaft sind lediglich die Antithese zu den Werten der islamisch-fundamentalistischen Stammesgesellschaft des mittleren Ostens. Um dagegen anzukommen, bräuchte man zuerst einmal eine eigene definierte Identität. Möglich, dass sich auch Modina davon früher oder später eher abgestoßen fühlt.

Zweite Offenbarung: manche Menschen haben ihren Helferkomplex nicht unter Kontrolle und dürsten nach Bestätigung und Dankbarkeit für ihr Engagement – und sind verstimmt, wenn das von ihnen erwartete Maß an Wertschätzung ausbleibt. Aber selbst wenn die Autorin noch so viel Zeit und materielle Güter zu Verfügung stellt: eine familiäre Bindung kann das nicht ersetzen. Auch wenn sie vielleicht aus ihrer Sicht die Liebe des Kindes zum Vater (und Erziehungsberechtigten!) nicht nachvollziehen kann, nur weil der auch in der Fremde an seiner Kultur und Lebensweise festhält. Er wird, kaum im Westen angekommen, nicht alles für besser halten als in seiner Heimat, und daher kaum seine Identität aufgeben; das ist das große Integrationsproblem, das übrigens den Begriff der „bunten Vielfalt“ ad absurdum führt: da ist es nun bunt und auch wieder nicht recht.

Denn: während die Autorin davon ausgeht, dass in Deutschland nur die Regeln herrschen, die sie seit ihrer Kindheit kennt und für die einzig richtigen hält, denkt genau das der Vater des Mädchens aber auch. Die Ankömmlinge wollen ihre Tradition, Kultur, Sprache und Religion nicht nur behalten, sondern auch leben und an ihre Kinder weitergeben. Unsere Kultur und Denkweise steht diesem Weltbild vollkommen konträr gegenüber. Damit können und wollen sich diese Menschen nicht abfinden geschweige identifizieren. Das sollte jedem Politiker, jedem Idealisten zumal, so langsam klar werden. Was wir hier betreiben, ist eine Förderung paralleler Gesellschaften – was in machiavellistischem Sinne vielleicht auch so gewünscht sein könnte.

Dritte Offenbarung: hier enttarnt sich die Selbstüberheblichkeit, dass die Ankommenden, angelockt von überhöhten Erwartungen an sich und die aufnehmende Gesellschaft, sich und ihre Kinder aus ihrer Kultur herausreißen und entwurzeln lassen, die sich aber eben nicht in einigen Äußerlichkeiten wie Musik, Essen, Kleidung erschöpft. Im Gegenteil: wir, die wir stückchenweise unsere Kultur aufgeben, werden selbst zu Entwurzelten. Warum schreibt Quistorp eigentlich nicht an den Vater, der, in wehrfähigem Alter nicht in seiner Armee oder in seiner Polizei für die Sicherheit in seinem Land kämpft und stattdessen unsere Soldaten für sich kämpfen und ihr Leben lassen lässt?

Modina. Quelle: welt.de

Modina. Quelle: welt.de

Und vorausgesetzt, dass die Deutschkenntnisse des Vaters überhaupt zum Lesen des Briefes ausreichen – wird er über die Zeilen nachdenken? Ich kann mir gut vorstellen, dass auch den meisten deutschen Vätern solche Einmischung zu viel wäre. Vielleicht will er irgendwann tatsächlich zurückkehren und sieht durch die Integration westlicher Werte eine Chancenminderung für seine Tochter. Unter dem Deckmantel hoher Fürsorge und höchster Moral scheint nicht das Kindswohl an erster Stelle zu stehen, sondern die egoistischen Ziele und die Befriedigung der urgrünen Nanny. Zusätzlich finde ich es eine Unterstellung, dass er sein Kind schlägt und das Schweigen des Kindes nur negativ interpretiert werden kann. Der Vater möchte sein Kind vielleicht einfach nur schützen (siehe auch Haare schneiden)? Ist jemand wirklich so naiv anzunehmen, besser und stärker zu sein als die Gene, die Herkunft, die Erziehung, die Mentalität, der Glaube und die vermeintliche Ehre der Neubürger? Mit ein paar Integrationsstunden können keine Jahrhunderte übersprungen werden.

Es gibt übrigens auch ausreichend Kinder von „länger hier lebenden“, die sozial benachteiligt sind und Unterstützung bräuchten. Diese werden ebenfalls in eine Welt geboren, die Ihnen nur begrenzte Möglichkeiten gibt und eingeschränkten Zugang zu Bildung, Kultur, Sport: weil ihre Eltern es nicht besser wissen und nur ihre eigene Welt kennen. Es ist natürlich deutlich schwieriger, diese auszumachen und ihnen zu helfen. Vermutlich auch deutlich weniger „rewarding“, die Welt gerettet zu haben. Soll uns das zeigen, wie toll muslimisch sozialisierte Mädchen sind, damit wir noch mehr aufnehmen? Oder soll uns das sagen, dass man die Kinder besser von den Vätern trennt?

Dieser vor Selbstmitleid triefende Brief einer Frau, die keinen Selbstschutz mehr gelernt hat und sich familienfremd trotzdem ungefragt ins Leben anderer drängt, zeigt deutlich die Gesinnungsethik jener, die sich über die realen Folgen ihres „ehrenwerten Verhaltens“ keinerlei Gedanken machen. Im Bemühen, eine andere, bessere Gesellschaft zu erzeugen, hat sie nichts gelernt: die eine Zerstörung wird durch die nächste, wesentlich nachhaltigere ersetzt. Aus Bismarcks Kulturkampf wurde der Glaube an die Macht des Gutzuredens. Toleranz der Intoleranz gegenüber endet in der Katastrophe. Wohlstand macht einfach nur naiv. Grenzenlos naiv.

ASA-Editorial 30-2017

Wir sollten mal wieder über Literatur, genauer: über „Konkrete Poesie“ nachdenken. Das ist eine lyrische Form, bei der es weniger um den Inhalt von Sprache geht und mehr darum, Wörter anschaulich aneinanderzureihen. Der Dichter Eugen Gomringer, einer der bedeutendsten Autoren der deutschen Gegenwartsliteratur seit den Fünfzigerjahren, gilt als ihr Initiator und gewann u.a. 2011 den Poetik-Preis der Berliner Alice Salomon Hochschule in Berlin-Hellersdorf, an der mehr als 2500 Studenten Bachelor- sowie Masterstudiengänge für Soziale Arbeit, den Gesundheitsbereich sowie Erziehung und Bildung belegen. Der heute 92jährige gab eines seiner berühmtesten (vor rund 70 Jahren in Spanisch geschriebenen) Gedichte für die Südfassade der Hochschule her, in schwarzen Lettern ragt es dort in den Himmel. Der Inhalt: Alleen und Blumen und Frauen und ein Bewunderer. Dieses Gedicht soll jetzt, nennen wir es: modifiziert werden – wegen Sexismus-Vorwürfen.

Sie lesen richtig. Der Allgemeine Studierendenausschuss (ASTA) schreibt in einem offenen Brief an die Hochschulleitung: „Ein Mann, der auf die Straßen schaut und Blumen und Frauen bewundert. Dieses Gedicht reproduziert nicht nur eine klassische patriarchale Kunsttradition, in der Frauen ausschließlich die schönen Musen sind, die männliche Künstler zu kreativen Taten inspirieren … Es erinnert zudem unangenehm an sexuelle Belästigung, der Frauen alltäglich ausgesetzt sind.“ Das Gedicht wirke „wie eine Erinnerung daran, dass objektivierende und potentiell übergriffige und sexualisierende Blicke überall sein können“. Der Asta befürchte für Frauen angesichts des Gedichts eine „Degradierung zu bewunderungswürdigen Objekten im öffentlichen Raum, die uns Angst macht“.

Eugen Gomringer, Quelle: http://www.deutschlandfunkkultur.de/media/thumbs/8/8f600d0b5d60885ec24d035998394fe2v1_max_635x357_b3535db83dc50e27c1bb1392364c95a2.jpg?key=b900c7

Eugen Gomringer, Quelle: http://www.deutschlandfunkkultur.de/media/thumbs/8/8f600d0b5d60885ec24d035998394fe2v1_max_635x357_b3535db83dc50e27c1bb1392364c95a2.jpg?key=b900c7

Zwei Monate später stellten Studenten den Antrag, das Gedicht zu übermalen und die Fassade neu zu gestalten, woran sich alle Angehörigen der Hochschule beteiligen dürfen sollten. Der Akademische Senat nahm den Antrag an, doch Rektor Uwe Bettig war dagegen. Seitdem ringt die Hochschule um den richtigen Umgang mit dem Gedicht – und kam jetzt auf die Idee, es durch eine Erweiterung in einen anderen Kontext zu rücken. Denkbar wäre zum Beispiel eine weitere Strophe, für die auf der Fassade auch noch Platz sei und bis Mitte Oktober per interner Ausschreibung Vorschläge gemacht werden können.

Sie lesen immer noch richtig. Mona Lisa, die Venus von Milo, Andy Warhols Marilyn Monroe – dass seit Jahrhunderten Künstler die Schönheit der Frauen feiern, ist offenbar ein abzuschaffender Missstand. Die literarisierte Bewunderung für Frauen setzte mit den Minnesängern ein. Neomarxisten allerdings kennen weder Tradition noch Schönheit geschweige Geschichte. So viele Fragen, wie dieser Unsinn aufwirft, kann man gar nicht beantworten. Wie konnte die doch offensichtliche Frauenfeindlichkeit dieses Machwerks 6 Jahre unentdeckt bleiben? Wie konnte sich die damalige Rektorin, eine FRAU, zur Komplizin dieses frauenverachtenden Akts machen, indem sie sich über dieses Geschenk gefreut hat? Diese Geschichte erinnert mich an Bilderstürmerei; betrieben weil Kunstwerke nicht ins eigene, irrsinnig beschränkte Weltbild passen.

Der Text. Quelle: http://media-cdn.sueddeutsche.de/image/sz.1.3654809/940x528?v=1504678055000

Der Text. Quelle: http://media-cdn.sueddeutsche.de/image/sz.1.3654809/940x528?v=1504678055000

Allein die sich hinter dem Anliegen versteckende Geisteshaltung ist als faschistoid zu betrachten – man denke an die berühmten Buddha-Statuen von Bamiyan, die von den Taliban gesprengt wurden, weil sie nicht in deren Weltbild passten. Wäre ich Künstler, würde ich mir zudem verbitten, ergänzt oder „in Kontext“ gesetzt zu werden. Und dann die Studienbereiche: Erziehung und Bildung. Soll diese Gurkentruppe, die die Bewunderung von Frauen gleichsetzt mit sexueller Belästigung, mal dafür sorgen, dass unser Nachwuchs in der Weltspitze mithalten kann? „Wenn AStA-Studenten ihre politisch-korrekte Mittelmäßigkeit zum Maßstab dessen machen, was Kunst sein darf, dann ist die Kunst in diesem Land am Ende. Kleine Geister schaffen keine große Kunst“, kommentierte Bastian Behrens. Ich ergänze: „dieses Land“ will ich mir zurückholen. Und schlage vor, die Fassade zu verhüllen.

Dann entsteht ein neues, sicher asexuelles Kunstwerk, meint

Mit freundlichen Grüßen, Ihr

Dr. Thomas Hartung

Stellv. Landesvorsitzender

Die Kulturgeschichte der Toilette ist lang. Auf den Gemeinschaftsklos im alten Rom hat man im doppelten Wortsinn große Geschäfte gemacht: es wurde nicht nur gekotet, sondern auch gehandelt. Auf Kaiser Vespasians Latrinensteuer geht die Redewendung „Pecunia non olet“ (Geld stinkt nicht) zurück. Sicher nahm Sachsens Grünen-Fraktion diese Tradition zum Anlass, im August in einem Schreiben an die Landtagsverwaltung ihre Wünsche hinsichtlich des steuerzahlerfinanzierten Umbaus des Plenargebäudes 2018 zu äußern. Sie wünscht sich in den Toiletten: Aktenablagen.

Ein Witz? Keineswegs. Im Bürgerzentrum „Alte Feuerwache“ in Köln wird bereits gebaut: eine „kultursensible Toilette“, sprich eine Art Plumpsklo für Muslime, vom Land gefördert. Konrad Müller vom Vorstand des Bürgerzentrums sagt „Wir möchten den Menschen aus diesen Ländern damit das Gefühl geben, dass sie hier zu Hause sind.“ Klar sei ebenso, dass diese Toilette nicht in Ost-West-, sondern in Nord-Süd-Richtung gebaut werden müsse: „Nach Mekka kacken geht gar nicht“. Auch der Politologe Hans-Georg Lützenkirchen, ebenfalls Vorstand der Feuerwache, freut sich. „Unser Verein hat sich auch dem interkulturellen Lernen verschrieben. Und hier kann die einheimische Bevölkerung etwas über andere Kulturen lernen“, lässt er sich wie Müller im Kölner „Express“ zitieren.

Islamgerechte Toilette. Quelle: zurzeit.eu

Islamgerechte Toilette. Quelle: zurzeit.eu

Machen wir es also freiwillig ein bisschen mittelalterlicher für Menschen, die teilweise gar nicht wissen, was „Akten“ sind? Auch das ist leider kein Witz, sondern Symptom für einen retardierenden Zeitgeist, der sich anschickt, die Gesellschaft in ihre anale Phase zurückzubeordern. Es gibt weltweit etwa 2,5 Milliarden Menschen, die derzeit keinen Zugang zu Toiletten haben. Deutschland dagegen, wo 1860 auf Schloss Ehrenburg in Coburg die erste, heute selbstverständliche Toilette mit Wasserspülung in Betrieb ging, leistet sich Luxusprobleme, die ob ihrer Dekadenz in der Regel nur grünen Hirnen entspringen konnten.

So forderte Dennis Pirdzuns, Vertreter der Grünen Hochschulgruppe, im AStA (Allgemeiner Studierendenausschuss) der Bergischen Universität Wuppertal im Juni 2016 die Anschaffung von Tampons auf Männertoiletten für „unter anderem trans, inter und nonbinary Personen“. Der Beschluss ging mit zwei Enthaltungen bei null Gegenstimmen durch.

Man rechnet, dass rund einer von 5000 Menschen eine derartige sexuelle Orientierung hat; das macht bei ca. 21 000 Studenten sage und schreibe vier, die einen solchen „Toilettenservice“ nutzen dürften. Damit wurde der überwältigenden Mehrheit der männlichen und weiblichen Studenten zugemutet, mit einem Teil des Semesterbeitrags von 286,22 € eine mehr als fragwürdige Anzahl von Personen zu alimentieren.

Tampons auf Männertoiletten. Quelle: bayerndepesche.de

Tampons auf Männertoiletten. Quelle: bayerndepesche.de

Brauchen wir aber wirklich Tampons auf Männertoiletten, nicht eher Angebote wie die Wuppertaler „Krabbelgruppe Uni-Zwerge“, die sich eine bessere Vereinbarkeit von Studium und Lehre mit Kind zum Ziel gesetzt hat? Die grüne Familienpolitikerin Doris Wagner nun missverstand das offenbar und verlangte im Oktober 2016 mit Bezugnahme auf einen Gesetzentwurf der Obama-Administration eine Wickeltischpflicht auf Herrentoiletten. Dass sich vor allem Mütter um das Kind kümmern, entspräche einem Elternbild aus der Steinzeit, zitiert sie der FOCUS.

„Zweitoilettige Lösung immer ein Problem“

Im Januar 2017 nahm prompt die Debatte um All-Gender-Toiletten an Fahrt auf. Für Andrea Roedig, Ex-Geschäftsführerin der Grünen Akademie der Heinrich-Böll-Stiftung, geht der Trend zur Unisex-Toilette. Sie bezeichnete im Deutschlandradio Kultur die Berliner Alice-Salomon-Hochschule als vorbildhaft, die neben den üblichen Toiletten auch vier All-Gender-Toiletten habe. „Wenn man unbedingt das geschlechtsspezifische Klo benutzen möchte, muss man gegebenenfalls etwas weiter laufen oder suchen.“ Für Trans-Personen sei es immer eine Beschämung, fürs falsche Geschlecht gehalten zu werden. „Aus dieser Perspektive ist die zweitoilettige Lösung immer ein Problem.“

Wer glaubt, dass dieser Nonsens nicht mehr komparierbar sei, hat seine Rechnung ohne den rot-rot-grünen Senat in Berlin gemacht. Im neuen 97seitigen „Toilettenkonzept“ (in Zusammenarbeit mit der Firma Zebralog und der Technischen Universität Berlin) heißt es, „dass es ungerecht sei, wenn nur Männer im Stehen urinieren dürfen, Frauen aber nicht“. Infolgedessen soll die öffentliche Toilette künftig eine „geschlechtsneutrale Einzelkabine“ sein, mit einem Sitzbecken und je einem Urinal für Frauen und Männer. „Wir wollen sicherstellen, dass es keine Versorgungslücke gibt“, sagt Senatssprecher Matthias Tang Anfang August zum „Berliner Kurier“. Statt sich mit der Mängelbeseitigung an den Berliner Schultoiletten, gar dem Pannenflughafen oder der Verfolgung von Drogendelikten zu befassen, nimmt man lieber irrelevante Themen, um einem allerkleinsten Prozentsatz von Bürgern meint gerecht werden zu müssen.

All Gender Toilette. Quelle: flickr

All Gender Toilette. Quelle: flickr

Es wird übrigens mit Kosten bis zu 130 Millionen Euro gerechnet. Die Finanzierung der Klosetts soll durch sogenannte GRW-Mittel aus der „Gemeinschaftsaufgabe Verbesserung der regionalen Wirtschaftsstruktur“ erfolgen, für die Wirtschaftssenatorin Ramona Pop zuständig ist – wir ahnen es, eine Grüne. Eine überforderte, fäkalfixierte Partei macht neuerdings mehr Politik für den Arsch als für das Volk. Wir brauchen uns nicht abzuschaffen. Wir scheißen uns ab. Als neuer Nationalfeiertag wird dann der 19. November eingeführt: der Welttoilettentag.

Wir sollten mal wieder über den Öffentlich-Rechtlichen Rundfunk nachdenken. Erst hatte es das ZDF in die Schlagzeilen des Boulevards geschafft: mit der Meldung, dass eine Schmonzette im vietnamesischen Dschungel nicht fertig gedreht werden konnte. Grund: die sehr hohen Temperaturen verursachten bei der Hauptdarstellerin einen Hitzschlag. Die Produktion und ihr Ausfall kosten den Gebührenzahler mehrere hunderttausend Euro, eine genaue Zahl will das ZDF nicht nennen. Da allerdings in allen Reiseberichten, Hotelsuchmaschinen, bei Urlaubsanbietern etc. nachgelesen werden kann, dass von Reisen nach Vietnam in den Monaten Juni, Juli und August wegen ungünstiger Wetterbedingungen abgeraten wird, bleibt nur der Schluss, dass die Verantwortlichen in Mainz nicht in der Lage sind, zu recherchieren und/oder Wetterberichte korrekt zu lesen – abgesehen von der erneuten Zwangsfinanzierung einer teuren Großproduktion, mit der den Zuschauern eine heile Welt vorgegaukelt werden soll.

Screenshot: BILD.de

Screenshot: BILD.de

Wenige Tage später hatte die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung Ausgabe berichtet, dass ARD, ZDF und Deutschlandradio bis 2029 einen Anstieg des Rundfunkbeitrags von derzeit 17,50 auf 21 Euro anstreben. ARD-Sprecher Steffen Grimberg hatte diesen Bericht als „frei erfunden“ dementiert. Daraufhin schrieb eine Deutschlandfunk-Autorin einen „Liebesbrief“ an die FAZ, der vor öffentlich-rechtlicher Arroganz nur so trieft. Höhepunkt ist der Passus „Natürlich haben wir mehr Geld als Ihr. Aber diese finanzielle Sicherheit ist, im Grundsatz natürlich, nicht in der Höhe, so von der Verfassung gewollt. Sie ist eine Marktverzerrung, zugegeben – aber eine, die sich dieses Land leistet, um eine Grundversorgung an Information sicher zu stellen.“

Ach? Als wüssten das die FAZ-Journalisten nicht, das mit der Grundversorgung. Wirklich arrogant wirkt aber der Satz „Natürlich haben wir mehr Geld als ihr“ vor allem vor dem Hintergrund, dass die „Marktverzerrung“ auch noch zugegeben wird. Prompt legte jetzt Jürgen Kaube in der FAZ mit einem Text unter dem Credo: „Wer behauptet, jeder müsse alles bezahlen, weil sonst das Gemeinwesen gefährdet sei, der verkauft die Bürger für dumm“ nach, der es in sich hat.

So schreibt er „Die größenwahnsinnige Bezeichnung der Fernsehgebühren als ‚Demokratieabgabe‘ durch einen Moderator, der vor allem durch das Vorlesen von Wählerumfragen hervorgetreten ist, unterstreicht die Fusion von Politik und Funk in den Köpfen der Begünstigten. Man hält sich für die Öffentlichkeit der Demokratie und zieht daraus den Schluss, einen Beitrag selbst von denen eintreiben zu dürfen, die sich andernorts oder gar nicht informieren wollen.“ Und resümiert „Nichts gegen Spaßköche, Heimatklänge und Länderspiele, nichts gegen Unterhaltung unter dem eigenen Niveau, nichts gegen Schlager von morgens bis abends und auf zig Radiosendern. Doch viel gegen das Für-dumm-Verkaufen der Bürger, sie hätten das alles unabhängig von der Nutzung teuer – etwa mit Versorgungsleistungen oft deutlich über denen des öffentlichen Dienstes, wie die Finanzkontrolleure seit Jahren monieren – zu bezahlen, weil sonst das Gemeinwesen gefährdet wäre.“

Donnerwetter. So deutlich las man das selten. Die AfD fordert seit langem eine grundlegende Reform des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Im Rahmen eines neuen Bürgerrundfunks sollen die momentanen Angebote verschlankt und auf objektive Berichterstattung, Vielfalt in der Kommentierung sowie kulturelle und bildende Inhalte konzentriert werden. Reine Unterhaltung soll zum großen Teil den Privaten überlassen werden. Eine Zwangsfinanzierung wie bisher wird abgelehnt.

Und als eine weitere vieler Rechtfertigungen dieser Forderung knallte am Wochenende die Meldung, dass der ehemalige ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender Angela Merkel vorwarf, das TV-Duell am 3. September durch massiven Druck ihrer Vertrauten zu einem reinen Kanzlerformat gemacht zu haben. „Solche Vereinbarungen nennt man sittenwidrig. Als Fernsehformat ist das eine Missgeburt.“

Bessere Wahlkampfmunition kann man nicht geliefert bekommen, meint

Mit freundlichen Grüßen, Ihr

Dr. Thomas Hartung
Stellv. Landesvorsitzender

Wir sollten über unsere Wahlplakate nachdenken. Oder besser darüber, warum die Ideologisierung unserer Gesellschaft (um nicht Verblödung zu sagen) an der Resonanz auf jene bestens beweisbar ist.

So hat im Juni der jüdische Autor Shahak Shapira fünf Plakate in Bildmontagen „ironisch optimiert“, wie er behauptet, darunter auch das Motiv „,Burkas?’ Wir steh’n auf Bikinis“, das im Vordergrund die halbnackten Rückseiten dreier junger Frauen zeigt. Shapira nun zeigt Björn Höcke, wie er zu dem Slogan ein Kalenderfoto von Hitler im Bikino präsentiert. Donnerwetter. Der Tweet hatte sage und schreibe 728 Likes und 14 Kommentare. Frauke Petrys Wahlplakat-Posting auf Facebook schaffte immerhin die siebenfach Like- und 25fache Kommentarzahl…

Dann hat Rostocks Gleichstellungsbeauftragte Brigitte Thielk dieses Motiv als „sexistisch und fremdenfeindlich“ kritisiert und die Landeswahlbeauftragte und den Bundeswahlbeauftragten ersucht, die Plakate abhängen zu lassen, weil sie dem Bekenntnis der BRD zu den Menschenrechten, Artikel 1 des Grundgesetzes, widersprächen. Wohlbemerkt, in einer Küstenstadt mit nahen FKK-Stränden. Während nicht nur die AfD, sondern auch die CDU Thielks Forderung zurückwiesen, haben sie SPD und Bürgerschaftspräsident dagegen unterstützt.

Dass Thielk der Kommentar der Landeswahlleiterin, wonach der Inhalt der Plakate nicht gegen Strafgesetze verstößt, „nicht befriedigt“, legt den Schluss nahe, dass sie ihr eigenes Recht durchsetzen und der Demokratie aufzwingen will. Offenbar findet sie Vollverschleierung gut und hätte lieber Burkas gesehen – eine entsprechende Verballhornung bereits aufgesteller Palakte legt das nahe. Wie aber kann man in derselben Republik einerseits so prüde und verklemmt sein, Frauen in Bikinis für sexistisch zu halten, und andererseits zugleich die Frühsexualisierung von Kindern in den Schulen einzuführen?

Die SPD Berlin-Pankow kleidete ihren Internet-Protest zu dem Motiv in den Kalauer „Lieber ein Eis in der Hand als Populisten am Strand“. Kein Gedanke mehr an den nackten Parteikollegen Thomas Krüger („Eine ehrliche Haut“). Über ein Plakat der Grünen in Kaarst, das unter dem Slogan „Der einzige Grund, schwarz zu wählen“ zwei hellhäutige Frauenhände auf dem Hintern eines offenkundig negroiden Mannes zeigt, hatten sich nur wenige so medienwirksam aufgeregt. Auch das Plakat der JU Wittmund mit dem Slogan „Wir gehen tiefer“, auf dem zwei Hände in den Slip einer Frau greifen, schlug kaum Wellen.

Gleich die ganze Plakatlinie aufs Korn nimmt die „Travestie für Deutschland“ (TfD) – ein Berliner Kunstprojekt, das „die Ästhetik der Partei nutzt, um sie gegen sie zu wenden“, wie es heißt. Statt des roten, nach oben rechts gerichteten geschwungenen AfD-Pfeils prangt ein roter Stöckelschuh im Bild: denn als Protagonisten treten ausschließlich Transen („Drag-Queens“) auf. Das Motiv „,Burka?‘ Ich steh mehr auf Burgunder!“ bspw. kontert eine Gisela Sommer mit „Sauft euren Scheißburgunder doch alleine“, um dann kleingedruckt zu verkünden, dass sie lieber Sekt trinkt. Mehr Dummheit war selten.

Bildmontage TfD

Bildmontage TfD

Die Kollegen der blaugelben Merkel-Anbiederungspartei dagegen kritisierten gar nicht erst, sondern anerkannten gleich die Richtigkeit unserer Politik und plagiierten schamlos. Mit dem unverschämten Untertitel „Denken wir neu“ inszeniert sich FDP-Chef Lindner mit dem geklauten AfD-Slogan „Einwanderung braucht klare Regeln“. Ich traute der Bübchenunkultur ja viel zu, aber solch erbärmliche Wendehälsigkeit dann doch nicht. Ein gnadenloser Plakatkonter auf die FDP-Meile an der A 4-Abfahrt Hellerau/Radeburger Straße durch mich und Kreisvorstand Arndt Noack war die Folge.

Bildmontage FDP

Bildmontage FDP

Überhaupt: Plakat-Konter. Seit dem anfangs verregneten Wochenende darf nun auch der größte sächsische Kreisverband plakatieren. Mit wechselndem Erfolg: während aus Cotta, Wilschdorf oder den Hellerbergen kaum Verluste gemeldet wurden, sah das in Mickten und Altstadt leider anders aus. Und dem Team Jürgen Schulz/Reinhardt Günzel wurden gar 11 Plakate von einer Zecke buchstäblich unterm Hintern weggeklaut – zum Glück ohne Verletzung für unsere beiden wackeren Wahlkämpfer. „Weiß Gott, es sind uns nicht alle Mitmenschen wohlgesonnen“, resümierte der Dresdner Kreischef, und das meint auch

Mit freundlichen Grüßen
Ihr

Thomas Hartung

Stellv. Landesvorsitzender

Ältere Artikel »