Feeds
Artikel
Kommentare

Herzlich willkommen!

Als Dozent informiere ich Sie auf meiner Webpräsenz über meine Aktivitäten rings um die hochschulische Ausbildung angehender Medienmacher.

Als Mensch lasse ich Sie gern an meinen freizeitlichen Aktivitäten teilhaben, zu denen nicht zuletzt Kochen gehört ;-)

Als Bildungsbürger kommentiere/rezensiere ich außerdem vielerlei kulturelle Phänomene – vom Roman über den Musikergeburtstag bis zum Regisseurstod.

Und als (Ex-)Journalist blogge ich daneben unregelmäßig Betrachtungen zu Interessantem und Wissenswertem nicht nur aus der Welt der Medien.

Warum gerade Betrachtungen?

Ich empfinde dieses Genre – eine Meinungsdarstellungsform übrigens – als eins der zeitgemäßen schlechthin.

Eine Betrachtung soll durch Beschreibungen und Schilderungen, Vergleiche und Annäherungen bis hin zur Analyse einem Ereignis, einer Situation, einem Gegenstand oder auch einem (gesellschafts-) politischen Problem Individualität verleihen: Recherche darf in gewissem Maße substitutiert werden durch Subjektivität.

Die Betrachtung ist durchaus mit derselben eines Kunstwerks in einer Ausstellung vergleichbar: man wählt zunächst die Gesamtschau und wechselt dann zu einzelnen Aspekten.

Dabei ist dem Genre eigen, dass die Prioritäten dieser Aspekte oft im Vagen bleiben: aus der Betrachtung erwächst ein Gedanke, der das formale Ziel darstellt.

Der Gegenstand darf dabei Randerscheinung eines größeren Zusammenhangs bleiben: “die Bedeutung des Unbeachteten birgt den Kern ihrer Aussage” (Degen 2004).

Viel Spass beim Lesen – und natürlich beim Kommentieren!

Sänk ju, Karlheinz!

Die Duplizität der Ereignisse mit 24-Stunden-Frist ist ungewollt: einerseits bringt die AfD einen Antrag auf Verfassungsänderung in den Sächsischen Landtag ein, in dem die deutsche Sprache als Kulturgut verankert werden soll. Andererseits verleugnet VW seine Geschichte und Identität, in dem es ab 2021 Englisch als verbindliche Unternehmenssprache mit der Begründung einführen will, attraktiver für internationale Top-Manager zu werden. Warum ist das falsch und muss dringend überdacht werden?

Schlagzeilen vom 15.12.2016

Da Humor ist, wenn man trotzdem lacht, freue ich mich zunächst darüber, dass diese Ankündigung von Personalvorstand Karlheinz Blessing schon mal alle Integrationsbemühungen konterkariert, unseren vielen zugewanderten Fachkräften Deutsch beizubringen. Dann freue ich mich auf „Folk-Car“ oder „People-Wagon“. Und ich freue mich auch, dass amerikanische Ermittler dann die konzerninternen Emails nicht mal mehr übersetzen lassen müssen. Und was sagt eigentlich der Anteilseigner Niedersachsen dazu? Wird demnächst im niedersächsischen Landtag auch Englisch gesprochen?

Spass beiseite: Vorbei die Zeiten, da 2010 die Leser der Zeitschrift „Deutsche Sprachwelt“ eine Porsche AG noch zum „Sprachwahrer des Jahres“ wählten. Unternehmensberater und Angewandte Linguisten erklären ständig, dass der konsequente Einsatz des Deutschen als Unternehmenssprache aus vielen Gründen ein Erfolgsfaktor ist. Deutsch ist detailgenauer: unter ‚error‘ könnte sich Qualitätsmangel, Versehen oder Fehlplanung verbergen. Daneben benachteiligt Englisch automatisch alle, für die es nicht die Muttersprache ist. Gerade in den Entwicklungsabteilungen geht es um Vorstellungskraft, Denkschärfe und um reibungslose Verständigung: der Einfallsreichtum der Ingenieure ist in ihrer Muttersprache am größten. Der Trend zur englischen Sprache ist auch aus Imagegründen eher schädlich, denn ‚Made in Germany‘ ist nach wie vor ein Verkaufsgarant.

Quelle: http://www.absatzwirtschaft.de/wp-content/uploads/2015/10/VW-1-626x352.jpg

Quelle: http://www.absatzwirtschaft.de/wp-content/uploads/2015/10/VW-1-626x352.jpg

Und vor allem entwickelt sich in Firmen im Vergleich zum normalen Englisch meist ein sogenanntes Bad Simple English (BSE) – ein einfacheres, oft fehlerhaftes Englisch, dass die Gefahr von Missverständnissen mit fatalen Folgen birgt. Schneider warnte 2013, dass die Internationalisierung zur Infantilisierung werden könne. Für Kaehlbrandt 2015 ist die Ursache dieser Entwicklung ein Drang nach wirtschaftlicher Effizienz durch kulturelle Vereinheitlichung und Vereinfachung hin zu einer niedrigschwelligen Massengesellschaft. Und dieser Drang führt leider dazu, dass entscheidende gesellschaftliche Bereiche wie Wissenschaft, Politik und eben auch Wirtschaft aus eigener Initiative zunehmend ans Englische abgegeben werden. Die Forderung  von Alexander Graf Lambsdorff (FDP) nach Englisch als weiterer deutscher Amtssprache ist ebenso Indiz wie der Plan des Münchner TU-Präsidenten Wolfgang A. Herrmann, alle Masterstudiengänge auf Englisch umzustellen.

Hinzu tritt, dass viele deutsche Geschäftsleute und Betriebe den Internationalitätsgrad der deutschen Sprache als ausgesprochen gering veranschlagen (vgl. Ammon 2015:427). Als wesentliches Indiz sieht Ammon die – nicht nur wirtschaftskommunikativ beobachtbare – Anbiederung  an den internationalen Konsumenten als „Fremdsprachennachteil“ – eine Perspektive, die also vom prinzipiell „schwächeren“  Deutsch ausgeht, und das ist das eigentlich Tragische jener Sprache, die Goethe, Novalis oder Rilke sprachen…

„Warum in der modernen Warenwirtschaft Anbieter sich sprachlich eher an Abnehmer anpassen als umgekehrt, erklärt sich einerseits aus der Marktstruktur, aufgrund deren sich erstere um letztere mehr bemühen müssen, und andererseits aus den Mühen des Fremdsprachengebrauchs und -erlernens, die der schwächere Kommunikationspartner auf sich nehmen muss, um sie dem stärkeren zu ersparen“ (ebd.:425).

Insgesamt, bilanziert Ammon in seiner lesenswerten, faktenreichen Untersuchung, könnten Unternehmen aus 37 Staaten mit deutschen Unternehmen auf Deutsch korrespondieren (ebd.:433). Diese Zahl habe sich seit 1989 zwar um zehn erhöht, was allerdings ausschließlich auf die Entstehung neuer Staaten in Ost- und Südosteuropa zurückzuführen sei, die früher Teil der UdSSR, Jugoslawiens oder der Tschechoslowakei waren: „In Wirklichkeit ist der Anwendungsbereich von Deutsch eher geschrumpft, da Island, Israel und die Türkei weggefallen sind“ (ebd.). Allerdings rangiert Deutsch damit immer noch auf Platz drei hinter Englisch (137 Staaten) und Französisch (58 Staaten) noch vor Spanisch (28), Russisch (23) und Arabisch (17) (ebd.:438).

Quelle: https://media.holidaycheck.com/data/urlaubsbilder/images/41/1157260125.jpg

Quelle: https://media.holidaycheck.com/data/urlaubsbilder/images/41/1157260125.jpg

Und diesen Schrumpfungsprozess befeuert nach Daimler, Siemens oder BASF nun auch VW. Daneben fürchte ich, dass es zu einer Trennung zwischen den oberen und unteren Unternehmensebenen kommen wird: nach und nach werden die Motivation der eigenen Mitarbeiter und in der Folge dann auch die Kunden ausbleiben. Es ist zum Haareraufen.

Wie Dildo-DUlitg

“Kopulieren statt masturbieren – dann klappts auch mit der Demographie”. Mein Talk mit der Vibrator-Innovatorin Julia Ryssel – übrigens eine ledige Mama, die mir am Ende etwas kleinlaut schien – und zwei eher mäßig humorvollen Moderatoren ist ab Minute 41.10 hier (unter dem Button “18.11.”) nachzuhören.

PS: ich habe noch kein Angebot bekommen, wie mir resp. der AfD die kostenlose PR für “Laviu” honoriert wird…

Link

Der Beitrag vom RTL-Nachtjournal ist hier zu finden…

Link

Ich erfuhr soeben, dass Lutz Bachmann öffentlich eine Klarstellung meiner PEGIDA-Aktivitäten forderte; die liefere ich doch gern.

1) Vom 20. Dezember 2014 bis zur Spaltung am 28. Januar 2015 habe ich für PEGIDA die schriftliche Pressearbeit geleistet. Genauer und besser: für (und mit) Katrin Oertel, die als Pressesprecherin des PEGIDA e.V. fungierte, sowie Achim Exner, damals ebenso wie ich Kreisvorstand der AfD Dresden. Dass ich die Pressemitteilungen in diesem Zeitraum verfasst habe, versichere ich gern an Eides Statt – schizophren, dafür jetzt angegriffen zu werden. Als Beispiel eine PM:

PM Bachmann

PM Bachmann

1a) Die ersten zehn PEGIDA-Forderungen waren zehn aus unserem AfD-Landtagswahlprogramm zusammengeschriebene Forderungen.

1b) Pressesprecher werden gewählt, um im Auftrag der sie gewählt Habenden (!) mit der Presse zu sprechen. Anbei drei STERN-Ausrisse, die nicht nur Zitate meiner obigen PM wiedergeben, sondern auch zeigen, dass Bachmann meine PM selbst auf Facebook geteilt hat.

2) Mir waren einige Journalisten auf der Spur, die mir anhand formaler und stilistischer Analysen unterstellten, diese Pressemitteilungen geschrieben zu haben, bzw. mich dazu drängen wollten, das zuzugeben. Ich habe diese Unterstellungen aus Gründen, die heute irrelevant sind, zurückgewiesen. Es folgt die obige PM im Vergleich zu einer meiner Landes-PM:

PM-Vergleich

2a) Ich hatte in meiner Rede am Sonntag Dieter Wonka (LVZ) zitiert, der sogar Siegmar Gabriel instrumentalisierte, um mich zu dieser Zugabe zu drängen.

2b) Wie u.a. dieser “Freie Presse”-Text zeigt, wurde die damalige Annäherung von AfD und Pegida sehr wohl wahrgenommen.

3) Der entscheidende Passus meiner gern auch nachzuhörenden Rede lautete: „Aber auch ein Herr Bachmann wird irgendwann sich klar und eindeutig zur AfD bekennen müssen, wenn er einen Platz in den sächsischen Geschichtsbüchern haben will. Das Leben bestraft nicht nur, wer zu spät kommt, sondern manchmal auch, wer zu spät geht.“

3a) Es gilt also: „Wenn ihr mich wählt, wird Pegida mit im Bundestag sitzen. Sicher nicht die Pegida, die Woche für Woche immer denselben, denselben viel zu langen und denselben redundanten Reden lauscht, dieselben Parolen skandiert und mit Spaziergängen meint, die Politik zu ändern. Nein, es sitzt dann die Pegida im Bundestag, die tatsächlich die Politik ändert, die unser Land ändert, die unser Land dieser poststalinistischen Psychopathin und ihrer durchgeknallten Pseudoelite entreißt und wieder zu unserem Land macht.“

3b) Danke allen Lesern und Followern.

Mein Auftritt auf der Aufstellungsversammlung zur Bundestagswahl des Wahlkreises DD II / BZ II ist hier nachzusehen: Bewerbungsrede als AfD-Direktkandidat zur BTW 2017

Mein Interview kann am Textende auch nachgehört werden: „Auf die Frage, wie geeint seiner Meinung nach Deutschland nach 26 Jahren nun ist, antwortete Thomas Hartung: „Das, was uns heute als Einheit verkauft wird, war ja letztendlich ein Beitritt, den die letzte DDR-Volkskammer nicht einstimmig beschlossen hat. Und genau diese Art der Aufarbeitung, die danach hätte stattfinden müssen, die von sehr vielen Intellektuellen auch angemahnt wurde, hat einfach noch nicht stattgefunden.“ Diese fehlende Aufarbeitung schlage nun zurück.“

Da war ich heute mal im Elbland stoppeln und habe gebackenen Blumenkohl gezaubert. Dem Minimalismus in Rezept und Aufwand steht ein Maximalismus an Genuß gegenüber. Den Kohl halbieren, den Strunk entfernen, die Hälften von allen Seiten sowie auch das Backblech mit Öl bepinseln, dann Salz, Pfeffer, Muskat und Zitronensaft darüber geben, je ein halbes Lorbeerblatt unter die Röschen stecken und schließlich 45 min bei 200 Grad im unteren Drittel des Ofens backen.

Blumenkohl vorher / nachher

Blumenkohl vorher / nachher

Grandioser Hauptgang, Beilagen finde ich nicht nötig. Ebenso kann man übrigens auch den Sellerie zubereiten.

Ausschnitt aus meinem Vortrag zur AfD-Bildungsprogrammatik nach dem Stuttgarter Parteitag am 18. August in Zwickau. Auch wenn über manche Beispiele gelacht werden konnte – eigentlich ist es nur noch zum Davonlaufen…

Da gerade etwas beim Server nicht funktioniert, hier nur als Link; die Einbettung folgt später!

Für alle Interessenten: das war mein Editorial aus dem ASA Nr. 20/2016 (Juni).

Wir müssen über unseren Umgang mit Pegida nachdenken. Auf einem Stammtisch in Dresden forderten jüngst 51 von 63 anwesenden Mitgliedern, dass der Kreisvorstand die Bundesvorstandsampfehlung dazu zurückweisen und den Bundesvorstand zum gemeinsamen Gespräch nach Dresden einladen soll, um sich ein Bild von Pegida und dem KV Dresden zu machen. Abgesehen von dem Fakt, dass zu unserem letzten Kreisparteitag die Anwesenden gerade mal an der „30“ kratzten: diese Zurückweisung halte ich aus folgenden Gründen für falsch.

1. Pegida starb langsam vor sich hin, HT. Tillschneider in Dresden (der damit unseren Landesvorstand und die Bundesvorsitzende gleichermaßen düpierte) und S. Däbritz in Erfurt wirkten wie ein Defibrillator. Diese Aufwertung eines heillos zerstrittenen und für mich politikunfähigen Haufens hatten wir gar nicht nötig. Selbst Werner Patzelt hat dem Orgateam in seinem jüngsten Buch fehlende politische Führungsfähigkeiten bescheinigt: die Bewegung sei „von politisch nicht sonderlich begabten Anführern in eine Sackgasse geführt worden“. Wir marschierten also von Anbeginn getrennt, aber in der Hauptsache vereint. Warum sollten wir das ohne Not anderthalb Jahre vor der Bundestagswahl ändern? Es sei denn, man lebt in einer Parallelwelt, in der als veritable Politik gilt, monatelang einmal wöchentlich mehr oder weniger gehaltvolle Reden zu halten und durch eine Stadt zu spazieren ‐ übrigens monatelang auch ich; die Beweggründe sind hier unter dem Datum „17. Dezember 2014“ nachzulesen.

2. Politik ist selten eindimensional. Im Falle von Pegida gehören die Ebenen von Sach‐, Personal‐ und Parteipolitik dazu. Laut BuVo‐Beschluss sollen AfD-Mitglieder weder als Redner noch mit Parteisymbolen bei PEGIDA‐Veranstaltungen auftreten. Wer in diesen Satz ein Demoverbot von AfD‐Mitgliedern, gar eine inhaltliche Distanzierung von den PEGIDA‐Forderungen hinein interpretiert, will das interpretieren – es steht aber nicht da! Zur Erinnerung: nicht nur aufgrund der Mitgliedschaft des Dresdner Kreisvorstands Achim Exner waren PEGIDA‐Forderungen immer und von Anbeginn AfD‐Forderungen. Die zuletzt 19 Pegida‐Forderungen, wie im „Offenen Brief“ der Dresdner beklagt, standen nie zur Debatte. Es geht also nicht um Sachpolitik, sondern um Personalpolitik, denn was teilweise Festerling oder gar „der Franzose“ in verschiedenen Reden äußerten, zumal gegen die AfD, war mehr als grenzwertig. Von der Gegenkandidatur zu Stefan Vogel sowie den Phantastereien einer eigenen Partei, die die AfD „kontrollieren“ (!) wollte und jetzt gegründet werden soll, schweige ich; und Bachmanns Ego nebst seiner Zerstrittenheit mit seinen Vereinsmitgliedern und seinem Umgang mit Spenden ist auch kein Grund, aktiv den Kontakt mit einer Trümmertruppe zu suchen. Es sei denn, man lebt in einer Parallelwelt, in der ein kurzzeitiger Besitzer eines Balles wichtiger ist als Mannschaft, Spiel und Stadion.

3. Zur Personalpolitik gehört andererseits klar zu machen: die AfD ist eine Partei, bestehend aus 16 Landesverbänden. Die haben alle partikulare Interessen, klar, erst recht die einzelnen Landesfürsten, aber die politische Richtung muss stimmen. Und unsere heißt jetzt vor allem: Bundestagseinzug vorbereiten; das sah übrigens auch der Landesvorstand diese Woche so. Die Wahlen nächstes Jahr werden aber weder in Dresden noch Sachsen noch Mitteldeutschland entschieden. Also muss A. Poggenburg (der übrigens vom Ausflug seines Abgeordneten und Landesvorstands gar nichts wusste) und B. Höcke klar gemacht werden: es gibt neben euch noch 14 andere Landesverbände, also lasst eure Alleingänge. Es sei denn, man lebt in einer Parallelwelt, in der Teile des KV Dresden gemeinsam mit den Landesverbänden TH und SA die AfD bilden.

4. An dieser Stelle der Personal‐ spielt auch erstmals die Parteipolitik hinein. Bundestagseinzug sichern heißt Nichtwähler gewinnen und Wähler anderer Parteien umstimmen. Und hier brauchen wir nicht die Ränder, die uns sowieso wählen (Pegida zähle ich dazu), sondern die viel größere Gruppe der Unentschlossenen, die aufgrund fehlender und/oder Desinformation Pegida skeptisch gegenüberstehen – und die sich vor allem in den alten Ländern finden. Um die nicht zu verprellen, gehört ein bestimmtes Maß an Symbolpolitik dazu – der Beschluss ist ebenda einzuordnen. Übrigens genauso wie Marcus Pretzells Ausruf „Wir sind Pegida‐Partei“ in Essen. Dass Symbolpolitik ein Instrument der Konsensparteien in der Mediengesellschaft ist: geschenkt, wir leben alle in derselben Gesellschaft. Dass man damit einer bestimmten Zahl an Dresdner/sächsischen Mitgliedern gelinde geschrieben „vor den Koffer scheißt“, halte ich für völlig normal: allen Menschen recht getan ist eine Kunst, die niemand kann. Diesen politischen Weitblick unterstelle ich unserem Dresdner Kreisverband, und ich hoffe nicht, einem Trugschluss zu unterliegen. Die Wahlen werden im Westen gewonnen! Allein in NRW gibt es mit 13,8 Mio. mehr Wahlberechtigte als in den fünf NBL zusammen (11 Mio.). Eine Wahlbeteiligung von 100% unterstellt: Geben uns in Sachsen 10 % ihre Stimme, haben wir 340 000; tun das ebenso viele in NRW, haben wir 1.380 000. Selbst wenn uns in allen NBL 10 % wählen, sind das immer noch weniger als allein in NRW! Es sei denn, man lebt in einer Parallelwelt, in der in Sachsen 13,8 Mio. Wahlberechtigte leben und in NRW 3,4 Mio.

5. Zur Parteipolitik gehört aber neben der politischen auch die strukturelle Geschlossenheit (siehe Landesverbände). Basisdemokratie hat für mich nichts mit Anarchie zu tun. Wenn jetzt aber ein Kreisverband aufgrund minderheitlich empfundener basisdemokratischer Defizite des Bundes im Umgang mit Pegida Sonderparteitage, Resolutionen und ähnliche Dinge gegen Berlin ins Spiel bringt, können wir einpacken. Das schwächt nicht nur unsere Landesvorsitzende, ja zerstört sie auf Bundesebene (wenn die Dresdner Basisdemokraten ein wie auch immer geartetes „Zeichen“ wofür oder wogegen auch immer setzen wollten: das war der „Offene Brief“ in jedem Fall), sondern sendet Spaltungssignale und erfreut die Medien. Und das kann nicht das Ziel des größten sächsischen Kreisverbandes sein. Es sei denn, man lebt in einer Parallelwelt, in der Höcke und Poggenburg die sächsischen bzw. Bundesvorsitzenden sind und HT. Tillschneider Fraktionsmitglied in Sachsen.

Aber vielleicht lebe ja ich in der Parallelwelt?

Mein Resümee zu meinem Kurztrip nach Breslau, das ich seit 12 Jahren mal wieder besuchte und wo ich das Angenehme sowohl mit dem Nützlichen als auch dem Politischen verband:

- es wird gefühlt doppelt so viel gebaut wie in Dresden. Dabei setzt die Stadt konsequent auf Tunnellösungen für Fußgänger/Radfahrer an großen Kreuzungen (was Dresden vor Jahrzehnten auch mal machte). Verkehrssicherheit und Verkehrsentlastung sind spürbar.

- die Anzugsordnung für Frauen bis 30 lautet: schwarze Strumpfhosen/Leggings, darüber einen schwarzen/pinken/roten/violetten Minirock. Diese Anzugsordnung gilt im öffentlichen Verkehr unabhängig von Alter und Beruf der Trägerin (als Staatsbahn-Angestellte ebenso wie als Studentin) und erst recht unabhängig vom Aussehen der Frau und/oder ihrer Beine, was ebenso ergötzliche wie schockierende Anblicke nach sich zieht.

- Polizei und Sicherheitskräfte sind präsent; in jeder Etage eines Einkaufszentrums („Galeria“) streift mindestens ein Wachmann. Andersfarbige Ausländer sind außer an den Hochschulen nicht wahrnehmbar. Es ist schizophren, dass ich mich in einem fremden Land sicherer fühle als im eignen.

- der gegrillte Karpaten-Quietschkäse schmeckt immer noch genial, ebenso wie Pirogen, Rote-Beete-Suppe und Krautwickel.

- An der Uni gibt es in jedem (!) Gebäude neben dem obligaten Pförtner eine kostenlose Garderobe mit Garderobenfrau! Die barocke Aula Leopoldina, erst recht die altehrwürdigen Seminarräume (teilw. 1638) lassen genau jenen Geist der „Sieben Freien Künste“ atmen, die viele heutige „Professoren“ gar nicht mehr kennen. Und die Germanistik hat dort mehr mit Linguistik zu tun als viele pseudolinguistischen Subjektivisten, die von ihrer Forschungsfacette zu keiner Gesamtschau mehr gelangen.

Aula Leopoldina

- Die „Galerianki“, die ich zu den Cottbusser „Tagen des Osteuropäischen Films“ in einem traurig-schockierenden Streifen vor Jahren kennen lernte, gibts es noch immer. Das sind teilweise minderjährige Mädchen, die sich von (älteren) Männern zum Shopping einladen lassen und dafür dann mit Sex bezahlen. Liebe als Ware, während die wahre Liebe verliert und selbstverschuldet stirbt – das Szenario ist nachvollziehbar. Dabei erscheinen sächsische Galerien wie der „Elbepark“ als Baby, die Breslauer „Galerie Dominikańska“ als KiTa-Kind und die Berliner „Alexa“ als Teenager gegenüber den Galerien bspw. in Dubai. Dabei schockierte mich anfangs und ärgerte mich später, dass diese Einkaufszentren bis auf den Namen der Supermärkte sich kaum bis gar nicht von deutschen unterscheiden: von Mister Minute über C&A bis Saturn  ist alles zu finden, was ich sowieso schon kenne. Das empfinde ich als beleidigend, gleichmacherisch, seelenlos. Welch ein Glück, daneben noch kleine Piekarnias oder Kioske zu finden, in denen man ohne Ärger sich individuell bedient und als Person und nicht als Kunde ernstgenommen fühlen kann.

- die Stadt ist nicht nur sehr sauber, sie ist auch jung, und die Menschen sind dabei werthaltiger.
+ Studenten kommen in den Zug, grüßen und fragen, ob sie sich setzen dürfen. Und dann holen sie tatsächlich Schnellhefter mit handschriftlichen Aufzeichnungen heraus und fragen sich ab.
+ Es gibt viel Grün und viele Spiel/Sportplätze. Viele Kinder darauf, die bolzen, sich balgen, Roller fahren, schaukeln, Basketball probieren… und nicht eins hat ein Handy in der Hand (es scheint mir eine internationale Regel zu sein, dass einsetzende Pubertät und Handynutzung hoch korrelieren, zumal bei Mädchen).

- der Bürokratieauswuchs ist in Polen immer noch spürbar: für die „grenzüberschreitende“ Fahrt zwischen Görlitz und Zgorzelec wird eine Null-Cent-Fahrkarte mit Kontrollabschnitt verteilt – als „Spezialangebot“.

Spezialangebot

- Das heutige Niederschlesische Woiwodschaftsamt befindet sich im von Feliks Bräuler entworfenen, 1945 provisorisch eingeweihten Gebäude von Gauleiter Karl Hanke – man stelle sich diese „Geschichtsvergessenheit“ sächsisch vor… Überhaupt: Geschichte – die ist sehr präsent, nicht nur die deutsche, auch die von Solidarnosc und dem bürgerlichen Widerstand. Der Gründer der Kukis-Partei (der sogar eine eigene Zeitung herausgibt) hält in seiner Kneipe (www.konspira.org/) dieses Andenken hoch.

- Neben Apotheken finden sich auffallend häufig Bestattungsinsitute… (überdies mit so klangvollen Namen wie „Gloria“).

- Sowohl das sächsich-schlesische Verbindungsbüro als auch die deutsche evangelische Gemeinde mit einem sehr royalistischen Pastor ;-) berichten von Wanderungsbewegungen privater UND unternehmerischer Art aus Sachsen hin nach Schlesien. Eine der Begründungen ist die Sicherheitslage.

- Der Bahnhofsgong vor den Ansagen bescherte mir ein Dejavu: es war der „Sanostol“-Dreiklang.

- die Polinnen sind wunderschöne Frauen, die ihre Augen oft und wetterunabhängig hinter pseudostylischen Sonnenbrillen verbergen.

- Polen lebt in wesentlichen Teilen analog. Zwar sieht es auf den Dörfern entlang der Bahnstrecke teilweise so aus wie in der DDR 1988. Aber man hat das Gefühl, wieder im ständigen Improvisationsmodus zu sein, der ebenso herausfordert wie Lust auf ein Ankommen in einer besseren Zukunft weckt. In Deutschland empfinde ich das Gegenteil: ein unperfektes Angekommensein, von dem aus es nur noch abwärts geht.

„Nun, Fräulein Rösler, das ist alles lange her. Und es interessiert keinen mehr. Ich bin ein alter Mann, und meine Welt ist längst versunken. Das ist vorbei, mein Fräulein. Vergangenheit. Abgeschlossenes Präteritum. Das war in der anderen Zeit. Verlassen Sie sich nicht auf die Erinnerungen alter Männer. Mit unseren Erinnerungen versuchen wir ein missglücktes Leben zu korrigieren, nur darum erinnern wir uns. Es sind die Erinnerungen, mit denen wir uns gegen Ende des Lebens beruhigen. Es sind diese fatalen Erinnerungen, die es uns schließlich erlauben, Frieden mit uns selbst zu schließen.“

Wie kann man leben, wenn einen mehrfach der Tod verfolgt? Der Tod nicht nur der Frau, des Kindes, die ja als Fremde ins eigene Leben traten; der Tod fremder Arbeiter, fremder Soldaten…; sondern vor allem der Tod des Vaters – der ja das eigene Leben verschuldete? Verschuldete? Schuld – ein Wort, dessen familiale Semantik gerade in politisch-ideologischen Zusammenhängen eine völlig neue Bedeutung erhält. Eine Bedeutung, die weit über das hinausweist, was als „Last vergangener Generationen“ schon in vielen Väterromanen bewältigt wurde.

Christoph Hein hat keinen Väterroman wie Härtling oder Meckel geschrieben – glücklicherweise. Er schrieb stattdessen den Roman des Sohnes: dass „authentische Vorkommnisse“ zugrunde liegen, die Figuren „nicht frei erfunden“ sind, teilt er vorab mit. Er schrieb einen Zwitter aus Autobiographie und Chronik, in dem es nach DDR riecht und nach BRD mieft; ein nicht nur kalkuliert-konstruiertes, sondern teilerlebtes Jahrhundertpanorama vom Weltkriegsende bis zum Nachwendeherbst, das mit jedwedem Schuldkult gnadenlos abrechnet; ein janusköpfiges Epos, in dem ständig Hoffnung und Lethargie konkurrieren; einen unbeirrbaren 500-Seiten-Text aus subjektivistischer Perspektive, ebenso grandios wie gnadenlos, dessen positivste Wirkung traurige Melancholie ist.

Uff. Ich bin seit 30 Jahren bekennender Heinist, seit “Weiskern” erst recht, aber das musste jetzt raus. Denn nie zuvor las ich so dezidiert, wie der Wunsch auf ein selbstbestimmtes Leben unerfüllt bleibt, sich als Trugschluss, als Fantasie erweist – bei aller Tapferkeit, bei allem Ehrgeiz werden Lebenswege oft in ungewollte Richtungen gelenkt, die zu beeinflussen man ohnmächtig ist. Die Bilanz des Protagonisten als Rentner lautet: eine Emanzipation von der allgemeinen und der persönlichen Geschichte ist zum Scheitern verurteilt, die Verkettung von Vergangenheit und Gegenwart lässt aus dem „Glückskind“ der Mutter („Du warst mein Glückskind, Junge, denn da ich mit dir hochschwanger war, wagte der russische Offizier nicht, mich abführen zu lassen”) ein “Unglückskind” werden. Gerade dadurch vereint Heins Held die unterschiedlichen historischen Gegebenheiten Deutschlands politisch, sozial und privatim. Vielleicht erschrak Hein vor diesem Unheil so, dass er drei Anfänge brauchte, um in den Stoff und seinen Helden einzusteigen, und damit das Risiko in Kauf nahm, potentielle Leser zu verschrecken – einer der wenigen Minuspunkte, die ich verteile.

Christoph Hein 2012 in Chemnitz. Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:ChristophHein_2012.jpg

Konstantin Boggosch, pensionierter Lehrer in einer anhaltinischen Kleinstadt, scheint mit seiner Frau ein ruhiges, zurückgezogenes Leben zu führen, bis er eines Tages vom Kirchensteueramt als Konstantin Müller angeschrieben wird – und seine sorgsam gehütete Familiengeschichte vor seiner zweiten Frau auffliegt: er ist der Sohn eines Industriellen und SS-Führers, der in den letzten Kriegstagen von einem polnischen Standgericht hingerichtet wurde. Diese Vergangenheit lebt in Gegenwart und Zukunft fort: Konstantin wird zeitlebens in Sippenhaft genommen für seinen Vater, den er nie kennengelernt hat.

Jahrzehntelang versucht er, aus dessen Schatten zu treten: er verlässt die Mutter und entzweit sich mit dem Bruder, er flüchtet nach der Schule aus der DDR in den Westen, er arbeitet in Marseille, wo er ursprünglich Fremdenlegionär werden wollte, und kehrt pünktlich zur Sperrstunde deutscher Geschichte zurück, am Tag des Mauerbaus… Nichts davon bringt die erhoffte Befreiung: die Herkunft lässt sich nicht ablegen wie der Name. Es ist der Geburtsname der Mutter, den sie annahm im Glauben, damit die Vergangenheit verschwinden zu lassen. Aber aus dem „Glückskind ohne Vater“ wird prompt ein „Unglückskind mit Vater“: die Sportler-Karriere, das Abitur, das Studium an der Filmhochschule, ja die berufliche Beförderung werden dem Sohn immer verweigert, denn der Schatten des Vaters, eingebrannt in seiner Kaderakte, ist immer schneller. Ein Sohnesleben im steten Emanzipations-, ja Fluchtmodus: psychisch, physisch, beruflich, geographisch, selbst sexuell in seiner zweiten Ehe:

„Ich weiß, ich bekomme diesen Vater, dieses Erbe nicht los. Ich kann mich nicht frei machen, ich bin nicht frei. Seinetwegen. Seinetwegen habe ich keine Kinder, ich will es nicht. Ich hatte Angst, dass sich etwas fortsetzt. Ich wollte keine Kinder, weil ich Angst vor dem Bösen habe, vor den Geistern meines Vaters.“

Ein Sohnesleben, das einen Vatermord bräuchte, um sich zu befreien. Christoph Hein erzählt ein Leben in der DDR, in dem das Private nie privat bleiben durfte, sondern der Staat und dessen einzig richtige Ideologie ins Private eindringt, ja zum eigentlichen Gestalter des Lebens wird, indem er den Spielraum des einzelnen mehr und mehr verengt. In einer politischen Binnenwelt aus Bürokratie, Opportunismus und Rachsucht muss sich einer behaupten, der eigentlich nur sein Leben in Ruhe leben will und immer wieder die Rote Karte gezeigt bekommt. Die „WELT“ las einen „Roman in Sepia, eine Dystopie des Politischen und des Privaten“. Kann man, trotz widrigster Voraussetzungen, die Hoheit über das eigene Leben erlangen? Die „BZ“ erkennt richtig: „Der Weg aus dem Unheil  führt durch es hindurch. Es ist diese Erkenntnis, die Konstantin annehmen muss. Die Hoheit über die persönliche geht nicht mit der Hoheit über die gesellschaftliche Gegenwart einher. Die haben andere, weniger bedenkenvolle Gestalten.“

Dann: die Wende, und Boggosch wird – jetzt demokratisch von der Lehrerschaft gewählt – Schuldirektor. Zeitweise, denn hier geht’s ans Eingemachte. Ebenso wie Hein zeigt, dass eine mehr als oberflächliche NS-Aufarbeitung  in beiden deutschen Staaten nie stattfand, zeigt er nun die nochmal nicht oberflächliche Aufarbeitung der DDR im wieder vereinigten Deutschland: der Rektor wird zugunsten eines Westimports wieder „entfernt“, und der DDR-angepasste Bruder erhält das millionenschwere Erbe des SS-Vaters zurück, das Konstantin ausschlug. Vielleicht hat Suhrkamp mit dem Lob der „geschichtsdiagnostischen Kompetenz“ seines Autors diesen Modus gemeint. Ein Modus, den Sigrid Löffler mit den Worten beschrieb, dass sich Hein schon in der DDR nicht wohlfühlte, es ihm hier aber auch nicht besser ginge.

Cover. Quelle: http://www.suhrkamp.de/buecher/glueckskind_mit_vater-christoph_hein_42517.html

Ein Modus, der neben dem lakonischen, anrührenden, unsentimentalen Ton vor allem die beispiellos-beispielhaften Figuren und Wendungen, ja Brüche meint, die der dramatisch geübte Hein einbaut. Bei ersteren verteile ich weitere Minuspunkte: neben durchaus gelungenen Chargen wie Reichsbahnhucker Bruno oder dem moralisch verkommenen Münchner Westonkel, den zu entblößen die Beschreibung seiner Frühstückssitten reicht, gestaltet Hein gleich zweimal Antiquare als handlungswichtige Personen, was für mich etwas einfallslos wirkt (Gebildetheit und intellektuelles Milieu kann man auch anders zeichnen) – und ein Pauker als Held ist auch nicht unbedingt das literarische Nonplusultra, denn manches bleibt an ihm, wie auch an anderen Figuren, schablonenhaft, typisiert. Tragisch ist die Figur der Mutter, die im „Souterrain“ einer Villa wohnt, „so schön wie noch nie“, wie sie am Ende aus reinem Selbstschutz behauptet: es ist ein Keller im prächtigen, wiedererlangten Haus des nach dem Vater geratenen Sohnes Gunthardt, in dem die alte Frau verschrumpelt wie die Kartoffeln; die sich kleinmacht, bis sie stirbt „am Herzversagen der anderen“. Aus bildungsbürgerlichem  Haushalt stammend, studierte sie Sprachen, um schließlich vom schneidigen Unternehmertum ihres Mannes auf Lebenszeit als Putzfrau herabgewürdigt zu sein: lehren durfte sie in der DDR nie.

Bei den Wendungen bleibt vor allem der Tod von Boggoschs erster Frau und seiner neugeborenen Tochter haften: weiß die Laken über den zarten Körpern, das kleine Köpfchen über dem Saum: „Die beiden Engel meines Lebens waren bereits kalt.“ Am Ende erkennt er: „Man zerstört Träume, wenn man sie verwirklicht“. Trotz dieser dramatischen Ereignisse bleibt der Roman immer leise, behutsam, atmosphärisch dicht und lebt fast nur von der lakonischen Innenschau des Ich-Erzählers. Dass der immer wieder aufsteht und von vorn beginnt, mit immer weniger Träumen, ist mehr als anrührend.

„Die Welt ist groß genug, dass wir uns alle in ihr irren können, aber unser Leben ist nicht so lang, dass wir alles vergessen könnten.“

Was mich an dem Buch daneben frappierte, beschrieb die „BZ“ so: „Jeder Leser hat die Orte, die er nicht erreichte, und die er nicht erreichen wollte – jeder hat sein Magdeburg.“ In dieser Stadt, in der auch ich fast 11 Jahre meines Lebens verbrachte und an die ich sehr ambivalente Erinnerungen habe, spielt ca. ein Drittel der Handlung, inklusive dem Tod von Konstantins Familie. Insofern ist Hein mit diesem Buch ein Deutschlandroman gelungen, der sich über Partien als jeweils eigenes Lebensbuch lesen lässt: jeder Ostdeutsche, der 1989 älter als 20 Jahre war, wird in diesem Buch Konstellationen seiner eigenen Biografie finden; aber jeder Westdeutsche auch, denn die Muster des Mitmachens sind identisch.

Aus Anlass seines 70. Geburtstags schrieb unter der dussligen Überschrift „Epik für prekäre Leser“ vor einem Jahr die FAZ: „Was bleibt von der Lakonie eines Albert Camus, wenn man die algerische Sonne weglässt? Der vom pathetischen Schwarz in eine Palette von Grautönen überführte Existentialismus Christoph Heins. „Ich habe keine Botschaft, keine Zukunftsvisionen. Alles was ich mache, ist mitleidslos genau aufzuschreiben, was ich gesehen, erlebt, erfahren habe.“ Da ist viel Wahres dran. Dieser jüngste Roman, dem ich dringend die Aufnahme in den Oberstufenlehrplan sowohl in Literatur als auch Geschichte empfehle, ist lebensklug und zurückhaltend, deutlich und still, traurig und aufwühlend. Hein ist und bleibt der Meister der unaufgeregten Aufklärung, und wie ein guter Wein wird er umso besser, je älter er wird. Man kann sich an ihm berauschen, manchmal auch in ihm ertrinken. Ich habe die Geschichte an einem Tag verschlungen.

Christoph Hein: „Glückskind mit Vater”. Frankfurt (Suhrkamp) 2016. 527 Seiten, 22,95 €.

Ältere Artikel »