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Archiv für die 'Massenmediales' Kategorie

Postnation im Poncho

Wenn Nationen ihren Besten Kleidung geben, die sie kleiner, lächerlicher, konturloser erscheinen lässt als sie sind, sagt das etwas über die Selbstachtung dieser Nation – und über ihre Angst, sich in Form zu bringen.

„Natürlich mag es unter Flüchtlingen Ärzte, Ingenieure und andere Akademiker geben – aber als Gruppe unterscheiden sie sich, was formale Bildung und Sprachkompetenz angeht, von der einheimischen Bevölkerung im Mittel deutlich nach unten. Das ist kein moralisches Urteil, sondern die Beschreibung eines Ausgangspunktes. Wer das verschweigt, macht jede seriöse Bildungs- und Integrationsdebatte unmöglich.“

In der kurdischen Ikonographie – von den Frauenbrigaden der YPJ bis zu Demonstrationen in der Diaspora – ist der geflochtene Zopf zum Emblem eines widerständigen, bewaffneten Feminismus geworden. Man kann, soll und muss diese symbolische Gegenwehr ernst nehmen; aber gerade dann muss man fragen, warum das gleiche kulturelle Umfeld, das den kurdischen Zopf feiert, im eigenen Land Zöpfe oder Röcke deutscher Mädchen unter Generalverdacht stellt.

Zunge schlägt Moral

Wenn ein Konzern wie Iglo seine vegetarische Linie „Green Cuisine“ zurückfährt und die Marke „Veggie Love“ gleich ganz einstellt, ist das mehr als eine Sortimentsbereinigung; es ist ein stilles Eingeständnis: Der große Veggie-Hype der vergangenen Jahre trifft auf die Realität von Kaufkraft, Geschmack und Alltagskultur.

Die Bildungsstätte Anne Frank in Frankfurt, eine institutionalisierte Instanz für „Antisemitismus, Rassismus & Menschenfeindlichkeit“, erklärt in den sozialen Medien, der Begriff „Schwarzfahren“ könne Schwarze diskriminieren. Das ist kein Witz.

Damit hätte der Fall ein lehrbuchmäßiger Schlussstrich sein können: Behörden dürfen ihre Beschäftigten nicht zur Verwendung politisch umstrittener Kunstsprache zwingen. Doch genau das passiert nicht: Der Rechtsstreit geht in die nächste Runde, das BSH hat gegen die erstinstanzlichen Urteile Rechtsmittel eingelegt.

Eine Schwarze als „schönste Frau Griechenlands“? Kein Problem. Die Beschreibung sei schließlich weit genug, um alle Identitäten mit zu umfassen. Und wer das anders sieht, betreibe „künstlichen Kulturkampf“. Damit sind die Koordinaten gesetzt: Die konkrete Frage, ob es irgendeine Rolle spielt, dass eine mythisch-griechische Figur der europäischen Überlieferung durch eine nicht-europäische Körperlichkeit ersetzt wird, wird hier semantisch neutralisiert.

Wer sagt, fast die Hälfte der Kleinkinder spreche zu Hause eine andere Sprache, sagt zugleich: Die künftige Bevölkerung dieses Landes wird mehrheitlich nicht mehr im klassischen Sinn deutschsprachig sozialisiert. Der Begriff „Umvolkung“ taucht im “Spiegel”-Artikel selbstverständlich nicht auf; aber die zugrundeliegende demographische Verschiebung markiert das einstige “Sturmgeschütz der Demokratie” erstmals unverhohlen als Normalität.

Mittelerde unter Gesinnungsverdacht: Wie das Feuilleton Tolkien zur „neurechten“ Zone erklärt – und warum Fantasy größer ist als jeder Kulturkampf.

Wie schlimm muss es um dieses Land stehen, wenn sich binnen einer Woche gleich zwei prominente Leitartikler und ein Altkanzler zu Wort melden, um vor dem Zustand der Republik zu warnen?

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