Feeds
Artikel
Kommentare

Christoph Hein war immer unbequem. Man denke an die Novelle „Der fremde Freund“ (1982) und deren gefühlskalte Ärztin Claudia: Seismograph für ein Land, das an Gleichförmigkeit litt, an einer Perspektive des Wartens, das nur noch wenige Erwartungen in sich trug. Und man denke erst recht an seine „Zensur“-Rede auf dem X. Schriftstellerkongress der DDR 1987. Und jetzt also wieder: ein unbequemes Buch. Ein Roman, der schon fast als zeitgeschichtliches Dokument gelten kann.

Die Hauptperson: ein Ost-Germanist an seinem 59. Geburtstag (und ein paar Herbstwochen danach), auf perspektivloser halber Stelle an der Ost-Uni, exotisches Forschungsgebiet natürlich (wer kennt den aus Sachsen gebürtigen Wiener Barockschriftsteller Friedrich Wilhelm Weiskern?); eine Figur also, deren Name „Rüdiger ‚Stolzenburg‘“ eine dreifache Karikatur ist: der Vorname (der sich aus germanisch hroth / hruod „Ruhm, Ehre“ und althochdeutsch ger „Ger, Speer“ zusammensetzt und so viel bedeutet wie ruhmvoller Speerkämpfer) führt den Charakter ad absurdum, und der Nachname verweist darauf, dass er stolz ist auf Werte, die nichts mehr gelten, und darum eine Burg um sich gebaut hat, von deren Turm er die nichtakademische Realität distanziert betrachtet, ohne sie zu verstehen geschweige denn zu durchschauen – vom Dazugehören gleich gar nicht zu reden. Ein Mann, der prompt das Pech magisch anzuziehen, ja sich im freien Fall zu befinden scheint, ein moderner Hiob.

Quelle: http://www.suhrkamp.de/buecher/weiskerns_nachlass-christoph_hein_42241.html

Dass er von seinem Gehalt mehr schlecht als recht am Rande des Existenzminimums siecht, sich mit Nebenjobs über Wasser halten und trotzdem mit dem Finanzamt streiten muss, das es sich offenkundig nicht vorstellen kann, wie ein Mann seines Bildungsniveaus derart bescheiden lebt – geschenkt. Dass seine Tochter nur anruft, wenn sie Geld braucht, und seine Eltern, um ihn mit den „üblichen Klagen“ zu überschütten – geschenkt. Dass er bindungsunwillig bis -unfähig ist und ab und zu neben ungeliebten Freundinnen, die er auf Distanz hält („gewöhnlich flüchtet er sich in eine unverbindlichere, allgemeine Anrede, meine Liebe zum Beispiel, oder Schatz oder Spätzchen, das erspart Ärger“), auch mit Studentinnen ins Bett steigt – ebenfalls geschenkt, selbst wenn dieses charakterliche Gewordensein biographisch vielfach interpretierbar ist. Und dass der Ex-Dramatiker Hein eine Kriminalhandlung mit einbaut, um zwischen den vielen unbequemen Aussagen ein paar Ablenkungen zu schaffen, braucht ebenso nur erwähnt zu werden wie die Einrahmung des Stoffs im ersten und letzten Kapitel mit dem wolkenversperrten, weltabgewandten Blick durch das Fenster eines ausgebuchten Billigfliegers – und dem Eindruck eines stehenden Propellers.

Für mich legt dieser lapidare, tiefpessimistische Roman, dessen unbarmherzige Gesellschaftskritik so allumfassend ist, dass die FAZ schon ein neues Ausloten der Formen realistischen Erzählens in einer Welt des halbvollen Glases konstatiert, seine Schwerpunkte auf die Bildungsmisere dieses Landes. Den ersten, für mich wichtigsten, aus hochschulischer Perspektive. So wundert sich die „Märkische Allgemeine“ über die „gnadenlose Schärfe, mit der Christoph Hein die Zustände im deutschen Universitätsmilieu entlarvt“, über den „Ungestüm, den mentalen und physischen Verschleiß anzuprangern, dem Lehrkräfte momentan hierzulande im akademischen Mittelbau unterliegen“.

Stolzenburg dient „dem Gegenglück, dem Geist“ (G. Benn), und tut sich damit in der illiteraten kapitalistischen Gegenwart schwer. Denn für Geisteswissenschaften ist kein Geld mehr da. Wo Lehre und Forschung, Kunst und Bildung waren, herrscht Marketing: das Diktat von Nachfrage und Gewinn. Man fragt nach den Kosten, nicht mehr nach dem Sinn einer Aktion. Das sticht mitten hinein in die neudeutsche Gegenwart, in eine Gesellschaft, die ihr Gelingen nach marktwirtschaftlichen Kriterien beurteilt. Die mit ihrem Geist arbeiten, werden zwangsläufig zynisch und deprimiert. Da mutet der Einwand der FAZ „Man wundert sich, was er davor gemacht hat. Hätte es nicht einen anderen als den universitären Weg gegeben?“ eher weltfremd an: selbst wer andere Wege ging, bleibt in seiner Herkunft gefangen – zum ersten Durchstarten kam es in der DDR nicht mehr, jedes zweite und weitere dagegen wird der Logik einer materialistisch orientierten Gesellschaft geopfert, die selbst von profilierten Intellektuellen erwartet, dass sie sich über abrechenbare Leistungen definieren. Sinnfragen sind unerwünscht, Nachfragen sowieso. Als Gradmesser gesellschaftlicher Anerkennung gilt allein der finanzielle Erfolg. Das hatte vor wenigen Tagen schon Frank Schirrmacher in der FAZ konstatiert: „Eine Ära bürgerlicher Politik sah die Deklassierung geistiger Arbeit, die schleichende Zerstörung der deutschen Universität, die ökonomische Unterhöhlung der Lehrberufe“ – man kann das fast als journalistische Zugabe zum Roman lesen.

Quelle: http://www.fwf.ac.at/de/public_relations/printprodukte/info/info67-08-04.pdf

„Zu meinem Helden gehört, dass er bestens ausgebildet ist und schlecht bezahlt wird“, erklärte Hein in einem Interview für den österreichischen Rundfunk. Und bemerkt gallig weiter: „Die Alma Mater ist auf dem Markt gelandet… Ein Mathematikprofessor vor fünfzig Jahren stand in einem Verhältnis von fünf zu seinen Studenten. Jetzt können Sie bei der Zahl der Studenten eine Null anhängen. Bei den Medizinern können Sie zwei Nullen anhängen … Ich kenne Dozenten, die davon ausgehen, dass 80 Prozent der Hausarbeiten zusammenkopiert sind.“

Entsprechend hat Stolzenburg Motivation und Elan aufgebraucht. Im Seminar „taucht kein einziger Gedanke auf, der, wie unausgegoren auch immer, es wert wäre, entfaltet zu werden…“.  Die Illusionen sind verraucht, inzwischen glimmt die Routine: „Er riss seine Stunden herunter, er arbeitete mit uralten, vor Jahren erstellten Manuskripten, er lebte von der Wiederholung und scheute sich auch nicht, wie ein Stadttheaterbuffo die erfolgreichsten Stücke seines Repertoires immer wieder anzusetzen und, am Pult stehend, einen unendlich oft durchgekauten Gedanken auf eine Art zu präsentieren, als würde ihm dieser Geistesblitz gerade in jenem Moment einfallen.“

Vielleicht gab es zu Beginn seiner Hochschullaufbahn noch Studenten, die seinen Vorlesungen interessiert folgten, doch die Maßstäbe haben sich geändert, in der Gesellschaft und an der Universität. Waren es in Vorzeiten Bildung und Geist, die den Platz eines Menschen oder auch eines Lehrfachs zumindest mitbestimmten, ist der einzig gültige, verbliebene Maßstab das finanzielle Vermögen. Hollert, einer seiner Studenten, die er in der Mehrzahl für lustlos, verwöhnt, faul und dumm hält, ja als Vertreter der Generation „willig und billig“ als leidenschafts- und ideenlos verachtet, verfügt, da von Beruf Sohn, über viel mehr Geld als er. Und bei Stolzenburg, der ihn hasst, blitzt wenigstens sporadisch die Wahrnehmung sozialer Wirklichkeit auf, wenn er anmerkt: „Es wäre vernünftiger, das Verhältnis umzudrehen, sein Schüler zu werden statt seinen Lehrer zu spielen.“

Quelle: http://de.toonpool.com/user/43/files/bildung_621945.jpg

Aber Hollert muss sein Studium unbedingt erfolgreich abschließen, um die Firma seines Vaters erben zu können. Stolzenburgs „Hilfe“ würde er sich 25.000 Euro kosten lassen. Diesem moralischen Haken, der in seinem Leben bisher ein Garant für Halt war, kann er nicht entkommen. Denn wie immer er sich entscheidet, für das geschrumpfte Sein der letzten Jahre oder für ein kleines Abenteuer mit fremdem Geld, er wird verlieren: Entweder sein Selbstbild oder sich selbst im traurigen Niedergang der Wissenschaften. Das bunte, neue Deutschland hält, so Heins Buch, weniger Alternativen bereit, als viele ihm zu Wendezeiten zugetraut hatten.

Gleichzeitig blühen die auf, die ihr vieles Geld beispielsweise an den Börsen verdienen und mit Werten jonglieren, „von denen Sie nicht wissen, wie sie entstehen, wer sie festlegt und verändert oder manipuliert, was sie in der wirklichen Welt darstellen“. Jener fast sympathisch gezeichnete Steuerberater etwa, der als Studienabbrecher sein Geld in den frühen Morgenstunden mit Börsentransaktionen in Asien verdient und sich wundert, dass ein gebildeter Mensch wie Stolzenburg ein so bescheidenes Salär erhält. Auch Stolzenburg steht früh auf, er bereitet seine Seminare vor, unterrichtet, betreut Abschlussarbeiten, korrigiert Klausuren… und erklärt dem Aktienjongleur ungerührt: „Die Bewegungen der Börsennotierungen zu verfolgen, auf Anzeigetafeln mit Zahlen zu starren, mit Rohstoffen und fiktiven Werten zu spekulieren, das würde mich in Depressionen stürzen.“

Als zweiten Schwerpunkt identifiziere ich für mich die charakterliche Perspektive auf die Bildungsmisere. Eine Perspektive, die sich aus einem bestimmten Maß oder eben Nicht-Maß an Bildung ergibt, oder besser, ihrem (stetig fallenden) Wert, den ihr verschiedene Figuren beimessen. Dass Studienabbrecher Börsenfüchse werden, rhetorisch, historisch und grafisch Begabte einen offenbar europaweiten Fälscherring aufziehen und mit gefälschtem Wissen Geschäfte machen, kann Stolzenburg noch in seinen Kosmos einfügen – zumal er als Kurzzeitverdächtiger zur punktuellen Aufklärung des Fälscherrings wenn auch gezwungenermaßen beiträgt. Jene Gang dreizehnjähriger Mädchen, die Stolzenburg mit einer Schlagkette zu Leibe rücken, überschreitet diesen Kosmos dagegen komplett. Er, der Kulturvolle, Gebildete, der die Halbwüchsigen als Kinder ansieht, deren Gefährlichkeit er bis zuletzt nicht wahrnimmt, reflektiert selbst grün und blau geschlagen sein pädagogisches Bemühen, „gegen die aggressiven Mädchen nicht Gewalt anwenden zu müssen“, und die Ursachen für dieses „Leben mit geballten Fäusten“. Das mag das Klischee der verwahrlosten, gewaltbereiten Jugend bedienen (der Roman nutzt in Maßen noch weitere), aber es spiegelt vor allem Stolzenburgs zwischen Amüsement und Fassungslosigkeit pendelnde Gemütsverfassung, als er spürt, wie Freiheit in neoliberale Grenzenlosigkeit umschlägt. Die Konsequenz wird bereits am Ende des ersten Romandrittels präsentiert und liest sich wie eine Synopse seines Lebens: „Er bleibt liegen und wartet. Wartet, was passiert, unfähig, sich zu wehren, aufzustehen, zu flüchten.“

Quelle: http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Datei:Christoph_Hein.jpg&filetimestamp=20070211135603

Welche Überlebensstrategien, Machtstrukturen, Denkweisen und Phantasien ein desillusionierter Mensch entwickelt, um die täglichen Verbitterungen, Erniedrigungen zu ertragen, um Würde und Lebensform zu wahren, das interessiert Hein. Und spiegelt in diesem Einzelschicksal aus dem „geisteswissenschaftlichen Prekariat“ präzise den Zustand der Gesellschaft. Stolzenburg steckt in einer Welt fest, die nur noch den unmittelbaren Gebrauchswert einer Leistung anerkennt. Alles muss zu Geld werden. Oder zu einer „geldwerten“ Leistung. Hein macht vom Besonderen aus das Allgemeine sichtbar, denn die Irritation wirkt flächendeckend: an mehreren Stellen könnte dieser Roman eine Wendung zum Albtraum oder Thriller nehmen – er lässt es. Hein erzählt geheimnislos, gnadenlos, sehr gegenwärtig, sehr schlicht, lakonisch, ja karg.

Ich habe mit Hein anläßlich der „Dresdner Taschenbergespräche“ Ende der 90er ein wunderbares Interview (er las sein „Napoleonspiel“) führen dürfen. Einen Kernsatz vermittle ich meinen Studenten bis heute weiter: „Abends schreibt man mehr, aber man muss morgens auch mehr wegschmeißen. Das etwas unfreundliche Licht der Frühe hilft bei der Konzentration auf das Nötige.“

Er hat ein dringendes, ein nötiges Buch geschrieben. Sehr dringend, und sehr nötig. Ich würde ihm gern danken. Aber ich kann es gerade nicht. Vielleicht bin ich selbst so ein Phantast, so ein Lebensreformer, Irritierter, Besonderer. So einer, der sich dem Nötigen nicht konzentriert widmen mag.

Christoph Hein, Weiskerns Nachlass. Suhrkamp Verlag Frankfurt 2011. 319 Seiten, 24,90.

Schon das zweite Posting hintereinander anlässlich eines Todesfalls – die Abschiede werden mehr und überwiegen die Ankünfte… Aber anders als mit Amy Winehouse‘ Musik verbinde ich mit Michael Cacoyannis viel mehr: einen der besten Filme aller Zeiten, mit einigen der besten Schauspieler aller Zeiten, eine kongeniale literarische Vorlage, eine grandiose Musik, dazu Reisen, Landschaften – und nicht zuletzt Lehrveranstaltungen. Das klingt chaotisch und will enträtselt sein.

Der Regisseur und sein Hauptdarsteller 1964

Wenn ich eine Weile die Topmeldungen der Leitmedien nicht verfolge, ist manchmal sogar das Internet langsam: ich bekam die Nachricht vom Tod des sehr zu Unrecht vergessenen Filmemachers erst gestern mit – und konnte nicht anders, als mir prompt „Alexis Sorbas“ in den DVD-Rekorder zu legen. Ich hatte zuerst Nikos Kazantzakis‘ Buch gelesen, das in der DDR in gediegener Ausstattung erschienen war und sehr lange mein Griechenlandbild prägte. Dann, irgendwann, ich weiß nicht mehr unter welchen Umständen, der Film, den ich seither mehrfach gesehen habe. Intellektueller und Lebenskünstler, Geist und Körper, so intensiv, so kraftvoll: „Du willst keine Schererei? Was willst du denn sonst? Das ganze Leben ist eine Schererei, der Tod ist es nicht.“ Die Steinigungsszene, mit der geheimnisvollen Irene Papas. Die Seilbahneinsturzszene, mit dem bemitleidenswerten Alan Bates. Und natürlich die Schlusszene am Meer, mit dem unvergleichlichen Anthony Quinn – die Essenz eines Dramas von 142 Minuten in einem Glücksmoment. Und dazu jene Musik von Mikis Theodorakis zu jenem Tanz, den Cacoyannis eigens für den Film erfand, weil Quinn zu faul war, die komplizierten nativen Tänze zu lernen…

Filmgeschichtlich unvergessen: Anthony Quinn und Alan Bates tanzen Sirtaki

Zunächst zur Musik: Cacoyannis „Hauskomponist“ Mikis Theodorakis wurde in der DDR leider instrumentalisiert; vor allem 1981 die Berliner Welt-Uraufführung seines „Canto General“ (Text: Pablo Neruda). Ich erfuhr erst später, dass er auch die Musik für Filme wie „Z“ und „Serpico“ schrieb; viel früher dagegen lernte ich, dass es eine Zeit in seiner Heimat hab, in der man für das Singen seiner Lieder mit Gefängnis bestraft wurde. Und obwohl seine „Zorbas“-Musik sicher unerreicht bleiben wird, gab es zwei mutige Nachahmer: das gleichnamige Broadway-Musical von John Kander (ja, das war der, der auch „Cabaret“ schrieb), und 2010 wurde in Ingolstadt ein weiteres mit der Musik von Konstantin Wecker aufgeführt.

Der Komponist und sein "Interpret"

Der Stoff – als Film, als Buch, als Musik… – war immer präsent in mir; warum, ist wohl eine Frage, die eher Psychologen enträtseln können. Ich war 1998 erstmals in Griechenland (seitdem noch viermal), ich liebe Imiglykos und Souflaki.  Ich habe 1999 Zypern besucht, auch Limassol, fand aber weder Cacoyannis Geburtshaus noch ihn selbst… Ich hatte inzwischen auch „Electra“, „Iphigenie“ (beide mit Irene Papas)  und „Die Troerinnen“ (mit Katharine Hepburn und Vanessa Redgrave) gesehen. Was für ein malerisches Landschafts- und Raumgefühl! Wie konnte der Mann inszenieren! Unvergesslich, wie die Papas als Electra ihre langen schwarzen Haare mit einem Messer abschneidet und zum Zeichen der Rache für ihren ermordeten Vater Agamemnon vor den Tempel wirft! Den Geist der griechischen Tragödien hat wohl kaum jemand in der modernen Zeit so kongenial filmsprachlich umgesetzt.

Irene Papas als Elektra und als Klytemnestra in "Iphigenie"

Aber trotz diverser Nominierungen – oscarprämiert wurde nur „Sorbas“. Doch von den drei (! das hat kein Grieche vor oder nach ihm geschafft) Goldmännern bekam Cacoyannis selbst keinen. Auch nicht Anthony Quinn. Den bewunderte ich seit meiner Jugend, denn Filme wie „La Strada“ oder erst recht „Der Glöckner von Notre-Dame“ wurden auch in der DDR gezeigt. Einen bekommen hat dagegen (neben „Szenenbild“ und “beste Nebendarstellerin“) der 1926 in Berlin geborene Walter Lassaly: für die Kameraführung! Und genau diese Kameraführung war für mich so beispielhaft, dass ich nicht anders konnte als sie – vor allem die Fahrten –  für meine Magdeburger Studenten in der Vorlesung zur Bewegtbildästhtetik als leuchtendes Beispiel zu analysieren. Ende der 90er hat sich Lasally dann an dem Ort niedergelassen, dem er seinen größten Triumph verdankt: in Stavros auf Kreta. Hier wurde die Tanzszene gedreht, am Fuß des Sorbas-Berges, und in der Hauptstadt Heraklion (womit sich der Kreis schließt) blickt das Grab des literarischen Vaters der unsterblichen Figur, Nikos Kazantzakis, zugleich nach Norden, Richtung Meer, und Süden, Richtung Berge. Ich war (erst) im Sommer 2009 auf Kreta und habe beide Stätten besucht.

Kreta: die Bucht von Stavros und das Grab von Nikos Kazantzakis in Heraklion

In einer Zeit, da der Ruf Griechenlands wie noch nie in der neueren Geschichte auf dem Spiel steht, soll die Erinnerung an den nun 89jährig verstorbenen Filmemacher wenigstens auf diesen kleinen von vielen einzigartigen Beiträgen der „Wiege der Demokratie“ zur modernen europäischen Kultur verweisen. RIP.

Amy Whinehouse gehört ihm nun auch an, jenem ominösen „Club 27„: nach Jimi Hendrix, Brian Jones, Janis Joplin, Jim Morrison, Kurt Cobain ist sie die sechste durchaus namhafte Musikerin. Ganz ehrlich: ich konnte mit ihr als Person nicht viel anfangen. Aber ein paar ihrer Stücke finde ich genial. Und spätestens nach Cobain drängte sich der Verdacht auf, dass bei der „27“ vielleicht mehr dahinterstecken könnte als nur „a strange sense of humour“, den Gott da an den Tag legte.

Quelle: http://www.bz-berlin.de/multimedia/archive/00311/Winehouse-Transport_3118476.jpg

Fündig kann man werden in den Bereichen Numerologie und Esoterik, die sich vor allem mit der Quersumme aus 27 als „Essenz gelebten Lebens“ befassen: der „9“. Manche mögen solche Deutungen zwar als „parawissenschaftlich“ abtun – ich finde sie aber durchaus interessant.

So stünde die 9 für die dreifache Triade, Vollendung, Erfüllung, Anfang und Ende, das Ganze, das irdische Paradies. Numerologisch betrachtet ist die 9 die einzige Zahl, deren Multiplikationsergebnisse immer die Quersumme 9 haben: diese Zahl bleibt immer erhalten und bleibt immer sie selbst. Die dreifache Drei ist eine Erweiterung, die beispielsweise aus der älteren Dreiheit der Musen deren neun machte. Neun Tage und Neun Nächte dauerte die Deukalische Flut, mit der Zeus die erste Menschheit auslöschte und die nur Deukalion und Pyrrha überlebten. Unser Sonnensystem umfasst nach derzeitigem Stand der Wissenschaft neun Planeten, und neun Monate währt beim Menschen die Schwangerschaft. Für die Numerologen ist nach jedem Neuner-Alter ein Zyklus beendet, und ein neuer muss beginnen (Geburt – Wiedergeburt).

In der Esoterik, speziell der Tarotlehre, steht die 9 für den Eremiten, den Einsiedler, oft gezeichnet als einsamer zurückgezogener Mann in der Ödnis, mit einfachem Mantel und Laterne in der Hand: sein Licht zeigt ihm keinen Weg, den er gehen könnte oder wollte, es leuchtet nur für ihn und seine Betrachtungen. Der Eremit hat sich gewissermaßen „ausgeklinkt“ aus dem Weltgeschehen, er sieht nach innen, um Antworten zu finden. Wer nun sein Innerstes mit hektischer Betriebsamkeit, mit Dutzenden von Unternehmungen und mit ebenso vielen Menschen erfüllt, wer sich in diesem Karussell mitdreht, hört die Stimme der Seele nicht und übergeht seine ur-eigensten Bedürfnisse. Damit steht der Eremit auch für die Weisheit, die in der Abgeschiedenheit reift. Manchmal brauchen die Dinge eine Zeit des Reifens – alles hat einen Zeitpunkt, der der richtige ist. Geduld und das Wissen darum sind heute so wichtig wie nie.

Eremit-Darstellungen verschiedener Tarotdecks, darunter Aleister Crowleys (Mitte)

Manchmal tritt der Einsiedler als Warner auf: eine Situation anzeigend, die in eine Sackgasse geführt hat, weil ein Mensch nicht mehr in der Lage ist, den Blick nach außen zu richten – also sich in sich selber so verschlossen hat, dass er ein Gefangener ist. In der zeitweiligen Zurückgezogenheit liegen viele Chancen für das Selbst – Heilung, Kraftgewinn, Weisheit, neue Erkenntnisse und das Aktivieren von verborgenem Wissen. Aber es gibt eben auch Gefahren: den Zeitpunkt der Rückkehr verpassen, die Fähigkeit zur Toleranz verlieren, oder sich seinen Ängsten so sehr überlassen, dass sie übermächtig werden.

Amy Whinehouse 1983 - 2011. Quelle: http://static.universal-music-services.de/asset_new/238405/684/view/Amy-Winehouse-2006-06-web.jpg

Amy hat wie die anderen kreativ-zerrissenen, in sich gefangenen Künstler den Zeitpunkt zur Wiedergeburt, zur Rückkunft ins Leben nicht mehr erreicht. RIP.

Wir befänden uns am höchstmöglichen Punkt der gesellschaftlichen Entzauberung, las ich kürzlich in der „Zeit“. Es gäbe nichts mehr, das man bewältigen oder nach dem man streben müsse. Wenn das Morgen wahrscheinlich genau so ist wie das Heute, wozu darum kämpfen?  Weil man nirgendwo ankommen will, wirkt jeder Aufbruch und jedes Anstoßnehmen unglaubwürdig.

Ich denke, dass die sogenannten Volksparteien Union, SPD und FDP einen Großteil ihrer Anhänger auch darum verloren haben, weil sie sich – wenn überhaupt – nur noch verschämt darum scheren, was ihren Anhängern wichtig ist. Die Funktionseliten fürchten sich vor ihren eigenen Programmen, wenn sie nur ansatzweise in eine Richtung tendieren, in die es aufzubrechen gelte, entsprechend sträflich vernachlässigen sie ihre „Kundschaft“ und enttäuschen sie. Ihre ehemaligen Anhänger sind ganz offensichtlich nicht in Scharen zum politischen Gegner übergelaufen, sie wollen nur nicht Merkel, Gabriel und Rösler für deren Profillosigkeit auch noch belohnen.

Und nicht nur das – genau diese profil- und damit ahnungslosen Funktionseliten haben sich spätestens seit der großen Koalition auch auf allen Gebieten breitgemacht, in denen sie nichts zu suchen haben, sondern die ureigenstes Terrain von Leistungseliten sind. Das Resultat erleben wir täglich: eine Aushöhlung des Leistungsbegriffs, seine Reduktion auf kreatürliches Sein. Und wer das am besten – sprich am egoistischsten – lebt, ist erfolgreich: als Grand-Prix-Gewinnerin, die nicht singen kann, als Dr., der nicht promovieren, sondern nur abschreiben kann, als Minister, der nicht regieren, sondern nur Klientelwünsche erfüllen kann…

Diese gefährliche Entwicklung wurde jetzt auf absurde Weise an einer lagerfremden Kritik am Atomausstieg deutlich: RWE-Manager Fritz Vahrenholt (SPD) kritisierte in einem Artikel für die „Welt“  den ökologischen „Jakobinismus“ als menschenfeindlich, als er schrieb, dass die energetische Transformation der Gesellschaft ein „Höchstmaß an Idealismus, Altruismus und Opferbereitschaft“ von den Bürgern verlange, was „auf demokratischem Weg nicht zu verwirklichen“ sei. Warum nämlich, so Vahrenholts rhetorische Frage, „sollten die Menschen weltweit freiwillig auf ihre Ansprüche an materielle Wohlfahrt und Sicherheit verzichten?“

Moment mal – was für Ansprüche sind das, und vor allem wessen??? Der gefühlte Anspruch auf einen Lebensstandard mit mehreren Urlaubsreisen, mehreren Autos pro Familie und dem täglichen Wegwerfen von Nahrungsmitteln? Dem „Spiegel“ scheint eher das „Höchstmaß an Opferbereitschaft“ heute vor allem darin zu bestehen, bis zu zwölf Monate auf die Auslieferung des bestellten Porsche Cayenne warten zu müssen.

Quelle: http://de.toonpool.com/cartoons/Shopping_69118

Klar, so soll es sein in einer Wachstumswirtschaft: sie funktioniert nur, wenn sie über die Befriedigung der vitalen Bedürfnisse hinaus pausenlos neue erfindet und Verbraucher in dumpfe Befriediger von Wünschen verwandelt, von denen sie kurz zuvor noch gar nicht wussten, dass sie sie hatten. All das mit sich machen zu lassen, seine Welt mit Plunder vollzustellen darf in unserer Gesellschaften als gefühltes Menschenrecht gelten? So tief verwurzelt ist die Vorstellung, dass einem einfach zustehe, was die Benutzeroberfläche der Konsumgesellschaft feilbietet…

Ja, damit würde Vorschub geleistet Sloterdijks Forderung nach „neuer Askese“, die ich auch schon mal diskutierte. Aber eine Askese, die aus sich selbst kommen muss, aus jener Tiefe, die nichts mit Benutzeroberflächen zu tun hat. Aber medieninkompetent wie wir sind, wissen wir ja nicht mehr, wie PC (und Welt) aufgebaut sind; und dass das Oberflächliche nicht das Eigentliche ist. Aber wie, womit und wodurch ist dieser Zusammenhang heute vermittelbar?

Gut, nicht von mir, sondern von Christian Schüle, erklärt zum Mainzer Mediendisput 2008. Aber es tut sehr, sehr gut zu erleben, wie auch andere – konsternierte bis kotzende Kollegen – über das Niveau dieser „Erregungsgesellschaft“ reflektieren. Schüle, preisgekrönt (u.a. „Zeit“, „National Geographic“, „mare“), giftet in 10 Thesen über die allgegenwärtige Boulevardisierung des deutschen Journalismus, die als Trias mit Trivialisierung und Infantilisierung zur Atomisierung des Weltbilds geführt habe. Seine Kernsätze finden sich in der 6. These:

Der Boulevard ist eine perfekt entworfene und stets bestens gewartete Hysterie- und Trivialisierungsmaschinerie der Republik. Er ist die postmoderne Heldenschmiede einer heldensüchtigen Gesellschaft in ihrer ganzen unheroischen Gleichgültigkeit. Mehr noch: der Boulevard ist die psychohygienische Reinigungsindustrie der Erregungsgesellschaft mit garantierter Romantikgrundversorgung.

Das bedeutet zweierlei. Zum ersten: die durchboulevardisierte Gesellschaft ist eine Gesellschaft in Zeitnot: sie wird durch gewollte Impulsüberflutung am Räsonnement gehindert. Griechische Zustände werden bei uns noch lange auf sich warten lassen. Zum zweiten, und das finde ich erheblicher, werden dadurch Nebensächlichkeiten atemlos geadelt, Banalität moralisch hochgerüstet, und daraus resultiere die organisierte Entpolitisierung einer Gesellschaft. Das betriebene Verschwinden des Politischen durch die Kriterienlosigkeit, die Auflösung von Öffentlichkeit und Privatheit, durch die Promotion des Kitsches und Klischees: die Beiläufigkeit alles Scheinbaren wird zum maßgeblichen Kriterium.
Das mag man gut oder abscheulich finden (ich neige zu letzterem), aber es tangiert eigentlich „nur“ die Informationsproduzenten, Meinungsproduzenten, Unterhaltungsproduzenten…

Quelle: http://de.toonpool.com/cartoons/doof%20vs.%20gartenzwerg_59231

Diesem Pol ist natürlich gegenüber zu stellen der Pol der Rezipienten. Und dem widmet sich (gemeinsam mit Markus Metz) in 780seitiger Ausführlichkeit einer der kenntnisreichsten deutschen Feuilletonisten: Georg Seeßlen. Titel des verdummungskritischen Manifests: „Blödmaschinen: Die Fabrikation der Stupidität“. Ich bin begeistert, zunächst. Eine engagiertere Analyse der kulturellen Dynamik des Neoliberalismus las ich nie: „Wenn man an die Kraft der Kritik glaubt, sind es immer noch Bücher wie dieses, die die Verhältnisse zum Tanzen bringen.“ (Nils Markwardt, Literaturen 04/2011). Die Kernsätze finden sich hier bereits im Klappentext:

„Diese Gesellschaft verwandelt sich von einem System, das von sich selbst nichts wissen kann, über ein System, das von sich selbst nichts wissen darf, in ein System, das von sich selbst nichts wissen will.“

Das ist das eine. Das andere ist des Autorenduos ebenso messerscharfe wie deprimierende Analyse ebenjener durchboulevardisierten Erregungsgesellschaft, ihrer Impulsgesten, ihrer sozialen Wettkämpfe, ihrer strategischen, überflußgeborenen Verblödung; gipfelnd in der Dualität der glücklichen Dummheit und leidenden Klugheit, die sie selbst als „mythisches Bild“ ansehen: „Jedes soziale System … wird am Ende an den nützlichen Idioten zugrunde gehen, die es produziert.“
Und eben an dieser Stelle kippt meine Begeisterung. Wie käme ich dazu, wegen zu vieler „nützlicher Idioten“ unterzugehen? Wie käme ich dazu, die Angriffe der Infantilität, der Obszönität und der hemmungslosen Regression kampflos zu erdulden? Wie käme ich dazu, Dummheit zu akzeptieren, weil sich in ihr die Frage nach dem Sinn nicht mehr stellt?
„Wir sind gar nicht gegen den Kapitalismus, wir haben ihn nur satt“ (S. 186) ist ein logisches Statement. Aber wofür sind wir dann???

Interessanter Satz, auf den ich zufällig im Netz gestoßen war. Die Recherche ergab: der Urheber Leopold Kohr (1909-1994) ist ein, wie ich finde, hochinteressanter Mann, beruflicher und wissenschaftlicher Nomade, Träger des Alternativen Nobelpreises und in zweifacher Hinsicht bedeutsam.

Zum ersten, weil er den Anarchismus als politische Theorie vom Kopf auf die Füße gestellt hat:

„Frei von Ideologien! Das ist Anarchismus! Es ist die edelste der Philosophien. Aber eine Gesellschaft kann nur ohne Staat und ohne Regierung leben, wenn der Einzelmensch so ethisch erzogen ist, dass es niemandem einfallen würde, in den Bereich des anderen einzudringen. Ihm auf die Füße zu steigen.“

Natürlich global utopisch. Aber bedenkenswert.

Und zum zweiten, weil er Urheber der „Philosophie der Größe“ ist: „Wo immer etwas fehlerhaft ist, ist es zu groß“ – das finge bereits bei den Dinosauriern an und ende nicht bei den großen Gesellschaftsentwürfen („Das Ende der Großen. Zurück zum menschlichen Maß“, Salzburg 2002). Bedenkenswert: dieses Größenproblem überträgt er soziologisch auch auf das Verhältnis von Individuum und Masse – das Eine, „Kleine“ ist gut, vernünftig, kreativ; die andere, (zu) „Große“ zerstört die Freiheit und verhält sich nicht wie vernünftige Wesen, sondern wie leblose Teilchen, die statistischen Gesetzen gehorchen. Damit ergänzt Kohr die Analysen von Canetti („Masse und Macht“) und Mumford („Mythos der Maschine“).

Quelle: http://de.toonpool.com/cartoons/Langhals_114838#img9

Sein Fazit: “Nicht die Unterentwickelten sind das Problem, sondern die Überentwickelten, die am Rand des Abgrunds stehen, es aber noch nicht wahrhaben.“ Da kann man nun lange nachdenken.

Daniel H. Pink, der Ex-Redenschreiber von US-Vize Al Gore, hat (schon im Herbst) ein Buch vorgelegt, das es in sich hat. Quintessenz: nach der Befriedigung von Grundbedürfnissen (Essen, Schlafen, Sex – Motivation 1.0) und der Befriedigung materieller Bedürfnisse (extrinsische Anreize als Belohnung – Motivation 2.0) sollten wir bei Strafe des Untergangs unser Heil in der Motivation 3.0 suchen – Sinnmaximierung statt Gewinnmaximierung. Das klingt so visionär wie es geschrieben ist – und ist in Pinks Logik absolut nachvollziehbar. Worum geht es?

Klassische „Wenn-dann“-Anreize (Wenn du das gut machst, dann bekommst du 1000 $, machst du es besser, 5000) seien kurzfristig für einfache, regelbasierte Arbeit sehr geeignet, denn dabei ist keine große Kreativität gefragt. Aber sie hätten langfristig einen zersetzenden Effekt: sie bremsen den Eigenantrieb, der durch den Sinn der Arbeit entsteht, mindern Leistungsbereitschaft und Kreativität. Stattdessen ermuntern sie zu unethischem Verhalten, schaffen Abhängigkeiten und stärken das kurzfristige Denken. Aber Quartalszahlen zu erreichen sei nicht sinnstiftend. Solche Zwecke aktivieren nicht jene Energie, die Menschen dazu bringt, Großartiges zu leisten.

Da haben wir nicht nur eine Erklärung für Dotcom-Blase und Finanzkrise, sondern eine Lösung gleich mit. Ich erinnerte mich an Tom Sawyer (prompt folgte das Beispiel auch im Buch), der missgelaunt einen Zaun streichen sollte, weil es eine sinn-lose Arbeit war, die er nicht mochte. Findig kam er auf die Idee, diese Arbeit als Privileg zu präsentieren, das Spaß und Erfüllung bringt – und hatte sofort seine Helfer, die ohne Belohnung zu streichen begannen. Wie sehr das auch heute noch funktioniert, erweist sich seit 1995 am Beispiel von „Wikipedia“: die Enzyklopädie hätte Microsofts kommerzielle Enzyklopädie „Encarta“ nicht verdrängt (2009 wurde sie vom Markt genommen), wenn ihr Produktionsprinzip ein anderes gewesen wäre.

Foto: Majestic/Bernd Spauke. Quelle: http://www.rp-online.de/gesellschaft/leute/Tom-Sawyer-Heike-Makatsch-spielt-die-Tante-Polly_bid_62257.html

Das menschliche Bedürfnis nach Autonomie wird laut Pink von veralteten Management-Ideen untergraben, die aus wissbegierigen Menschen, die nach Sinn suchen und sich verwirklichen wollen, Menschen machen, die nur nach Geld und äußerer Anerkennung streben. Das seien die Programmierfehler im heutigen gesellschaftlichen Betriebssystem, die nach einem Upgrade verlangen. Die erstgenannten Verhaltensweisen machten uns gesünder, glücklicher und auch leistungsfähiger – wir konzentrierten uns auf die Arbeit und nicht darauf, wie man an einen Bonus kommt.

Das fast revolutionäre Credo: „Das Thema Geld muss vom Tisch, dann setzen Menschen sich selbst Ziele, wie sie besser werden.“ Klingt gut; auch Norbert Blüm hatte das jüngst für Deutschland bekräftigt: Teilhabe an der Arbeitswelt allein für sich sei kein Selbstzweck. Nur – wie ist das Thema „vom Tisch“ zu bekommen, wenn es doch in den derzeit entscheidenden Köpfen die Hauptrolle spielt?

Da ist es wieder passiert. Ein Totschlag, scheinbar wegen nichts. Ja, es war an einem bierseligen Feiertag, die Schlagenden konnten noch Stunden danach wegen Trunkenheit nicht vernommen werden. Aber Alkohol enthemmt nur, lässt Hemmschwellen verschwinden… die Aggression selbst ruft er nicht hervor. Was muss in diesen Menschen brodeln, dass sie aus derart nichtigem Anlass überhaupt gewalttätig werden? Ist in dieser Republik ein halbwegs stressfreier Umgang überhaupt noch möglich?

Meine These: diese Art Gewaltbereitschaft spiegelt im „Kleinen“ jene Art von Politik im Großen wieder, die da im schlechtesten Sinne „neoliberal“ genannt wird – die Laissez-faire-Politik der Chicagoer Schule, die dem Staat nur eng begrenzte Aufgaben wie den Schutz des Privateigentums zuweist und den Sozialstaat als teures Monster sieht.

Marion Gräfin Dönhoff, die große Konservative, meinte schon vor 11 Jahren („Macht und Moral“, Köln 2000), dass jede Gesellschaft ohne einen ethischen Minimalkonsens zerbröseln muss. Ohne dieses Mindestmaß an Bindungen, Spielregeln, Tradition und ethischen Normen werde „unser Gemeinwesen genauso zusammenbrechen wie das sozialistische System“. Wenn der Markt aber kritiklos idealisiert werde und keine ethischen Grenzen mehr kenne, entarte das Ganze zum catch-as-catch-can. Der Egoismus mache dann vor nichts mehr halt, unterminiere durch zunehmende Brutalität und Korruption die sittliche Grundlage der Gemeinschaft und münde letzten Endes in den „Ruf nach dem starken Mann“ bzw. in den Totalitarismus.

Karikatur: Götz Wiedenroth © Götz Wiedenroth, www.wiedenroth-karikatur.de

Also: wenn sich der Stärkere und Rücksichtslosere durchsetzt, dann ist das eben so? Zurück zum Sozialdarwinismus? Dahin gebracht hat uns das entsolidarisierende, ökonomistische Menschenbild jener Berliner Koalition, die offenbar ebenso unwillig wie unfähig ist, Grenzen zu setzen und dafür zu sorgen, dass sie eingehalten werden. Jene Grenzen, die sich im politischen Nirvana einer visionslosen Klientel-Regierung verflüchtigt haben. Eine andere Perspektive desselben Problems beschreibt übrigens die sperrige Vokabel der „Dienstleistungsmentalität“: ja nicht selbst Grenzen setzen, sondern sich die der anderen zu Eigen machen – wie zweifelhaft selbige auch immer empfunden werden.

Die Sozialpsychologie spricht im Rückgriff auf Skinners Theorie des „operanten Konditionierens“ vom Mechanismus der „negativen Verstärkung“: ein Verhalten, das sozial als aversiv, „schlecht“ gilt und entsprechend sanktioniert ist, aber individuell als gratifizierend erlebt wird, etwa als affektiver Kick, angenehme Emotion, rationaler Erfolg… usf.; ein solches Verhalten also wird solange wiederholt, wie die Sanktionen nicht greifen. Ein Promovend wird solange plagiieren, wie ihm kein Plagiat nachgewiesen und sein Titel aberkannt wird. Auch ein Raser wird auf einer Bundesstraße solange schneller als Tempo 100 fahren, wie er nicht geblitzt und dann um einiges Geld erleichtert und mit Fahrverbot nebst einigen Flensburger Punkten belastet wird. Danach hoffentlich schon. Erst recht Schläger, jugendliche zumal, werden Personen, die ihnen – wie in München bspw. – Grenzen setzen wollen (nicht Kleinere überfallen, nicht auf dem Bahnhof rauchen), weiter prügeln, vielleicht totprügeln.

Aber an ihrer postmodernen Sanktionslosigkeit muss diese Republik verzweifeln: was und wie will man auch sanktionieren, wenn mangels sozialer und / oder politischer Visionen keinerlei Standards, gar Normen mehr gesetzt werden, die diese Visionen umreißen? Ich prophezeie, dass Merkel als „Kanzlerin der Beliebigkeit“ in die deutsche Geschichte zunächst eingeht und dann noch schneller wieder daraus verschwindet. An den Folgen jedoch haben wir lange zu tragen.

Langsam frage ich mich, welches Meinungsklima in dieser Republik um sich greift. Ein Klima, dem man widerstehen muss und das mich zwingt, den Dresdner FDP-Kreisvorsitzenden Johannes Lohmeyer juristisch zu belangen.

Wie das? Folgende Geschichte:

Da poste ich als Privatier auf Facebook einen Link zu einem „Welt“-Artikel, in dem Helmut Schmidt über Politiker ohne Beruf lästert. Das schien mir, wie schon mehrfach in diesem Blog bekundet und auch im Facebook-Kommentar erwähnt, mindestens auf bestimmte Personen in der sächsischen FDP zuzutreffen, die für mich immer mehr zu einer Bübchenpartei verkommt – und zu einer Partei, über deren gegenwärtigen Wert oder Unwert trefflich gestritten werden kann, schickt sie sich doch gerade an zu implodieren. Sendungsbewusst, wie ein Dozent und langjähriger Journalist nun mal ist, tue ich das in der Hoffnung, manche meiner „Freunde“ und Leser zu ein wenig Reflexion anzuregen. Wenn ein Neuparteichef Philipp Rösler verkündet „Wir müssen uns wieder mehr um die Lebenswirklichkeit der Menschen kümmern“, oder eine inzwischen von allen Ämtern zurückgetretene Europaabgeordnete Silvana Koch-Mehrin (der die Uni Heidelberg gerade ihren Dr.-Titel aberkennen will) mahnt, dass ihre Partei stärker auf die Verbindung zwischen Politik und Lebenswirklichkeit setzen müsse, weil beides nicht auseinanderklaffen dürfe, und auch Ex-Fraktionschefin Homburger dieselbe Vokabel nutzt… dann muss man sich öffentlich fragen dürfen, was für eine mindestens unwirkliche, also lebensferne, irreale… und nicht zuletzt unglaubwürdige Klientel-Politik diese Partei in diesem Land bis dato machte.

Ich hatte bereits Sloterdijks Anmerkungen zum Liberalismus kommentiert, muss aber offenbar noch einen Schritt weiter gehen. Der Karlsruher Philosophieprofessor meinte (professoralen Tonfalls), Liberale müssten „von der Erkenntnis ausgehen, dass Menschen nicht nur habenwollende, giergetriebene, süchtige und brauchende Wesen sind, die freie Bahn für ihre Mangelgefühle und ihren Machthunger fordern. Sie tragen ebenso das Potenzial zu gebenwollendem, großzügigem und souveränem Verhalten in sich.“ Das ist wohl ein Wunschbild, eine Eutopie. Mir scheint eher, als habe sich das Kreatürlich-Wesenhafte verschärft: Menschen lügen für ihren Vorteil, boxen ihre Interessen auf Teufel komm raus durch, sind selbstsüchtig, kaltblütig, hinterlistig – eine Bande von Moralverbrechern. Und sogenannte (Geschäfts- und andere) Führer, Parteifunktionäre zumal, fühlen sich nicht (mehr) der Wahrheit, nicht der Organisation, den Mitarbeitern, Parteimitgliedern, Wählern … verpflichtet, sondern nur dem Erhalt ihrer Macht und ihres Selbstbildes. Deshalb zünden sie Nebelkerzen und lassen eine Kluft zwischen Schein und Sein entstehen, die sich wie eine ansteckende Krankheit auf die ganze Organisation übertragen kann, bis vom Mitglied bis zum Sympathisanten alle abspringen und die Motivation aller erlischt. Der Horizont solcher Menschen reicht nicht weiter als der Stadtbus fährt, wie es in einem „Spiegel“-Kommentar hieß.

Quelle: http://www.cartooncommerz.de/IIMS/iims.php?op=modload&name=IIMS_Gallery&file=index&do=showpic&pid=9772&orderby=dateD

Für mich dagegen liegen die Zusammenhänge klar auf Hand: die Politik – leider nicht nur der (sächsischen) FDP – ist auch und vor allem deshalb lebensfern, weil die politische Klasse, wie der Dresdner Politikwissenschaftler Werner Patzelt bereits im Sommer 2010 nachwies, aus Netzwerkern besteht, „die außer dem politischen Handwerk und seinen Begleitdisziplinen wenig gelernt haben. Seelisch wie materiell leben sie ganz von der Politik. Ohne ihre politischen Ämter sind sie nicht viel…“ Und diese Lebensferne wurde mit verursacht, für mich sogar sehr erheblich, von der Lebensunerfahrenheit dieser Generation. Eine Politikergeneration, die Heiner Geißler, 81, im „Playboy“ (!) als „zu viele betriebswirtschaftlich desorientierte Yuppies“ charakterisierte: früher habe es in der Politik „mehr gebündelte Intelligenz“ gegeben, kreative, soziale, ethische Intelligenz. Selbst der „Spiegel“ hat sich jetzt unter der bezeichnenden Schlagzeile „Jugend trainiert für Merkel“ dieses Problems angenommen und ein „Kabinett der Leichtgewichte“ konstatiert: in den zugehörigen Facebook-Kommentaren finden sich prompt Äußerungen wie „kompetenzlos“, „aalglatte Karrieristen“ oder „Ämterhopping“.

Und eine Konsequenz daraus ist, dass in vielen Parteien jene Politiker ihr Comeback feiern, die ein Leben mitbringen und nicht nur eine Karriere, die gestalten und nicht verwalten, und die, wie ich kürzlich las, „im Gegensatz zu kurzlebigen Verführern oder Aufplusterern zeigen, dass es ohne gewisse Seriosität auf Dauer nicht geht“. Nebenbei: schon Georg Milbradt hatte vor Jahren den Begriff der „liberalen Spaßtruppe“ geprägt – und damit Recht behalten: selbst ein 30jähriger drogensüchtiger Krimineller, jetzt rechtskräftig verurteilt, saß für die FDP im Stadtbezirksbeirat Leipzig-Nordwest.

Fast marginal muss man sich angesichts dessen ebenfalls fragen dürfen, ob eine FDP-Politik realer wird, wenn diese Partei in Sachen „Atom“ oder „Mindestlohn“ jene Parteien grüner bzw. linker überholt, die bislang diese Themen besetzten. Sind wir ein Volk, das sich auf so plumpe Weise in so viele Sackgassen regieren lässt? Wir brauchen heute weniger einen verantwortungsvolleren Umgang der Politiker mit dem Volk, sondern vor allem des Volkes mit der Politik, war jüngst zu lesen Das hat in Sachsen übrigens Tradition: schon das Glaubensverständnis der Herrnhuter, wie es Zinzendorf formulierte, hatte viel mit eigenen Erfahrungen zu tun. „Die Herren Theologi haben sich müde geredet“, schrieb er. Jetzt sei die Zeit der Laien gekommen: der Pfarrer sei keine unanfechtbare Autorität. Nebenbei – das BVerfG meint: „Meinungen sind Ergebnisse rational wertender Denkvorgänge ohne Rücksicht auf die Qualität des Denkvorgangs.“

Quelle: http://www.cartoon-journal.de/content/IIMS_Gallery/gallery/bengen/2011_04_03_fdp-r.jpg

Was aber begibt sich? Da nimmt einer, der ebendiese Partei als Arbeitgeber hat, die Wertigkeit des Postings als Staatsaffäre und lenkt ebenso detailverliebt wie rhetorisch schlecht ab, sekundiert von Johannes Lohmeyer, dem Dresdner Kreischef eben jener Partei, der schließlich mangels Argumenten erst selbstgerecht abwiegelt, dann um sich beißt und verschwindet. Getroffene Hunde bellen heute nicht mehr nur.

Abgesehen davon, dass solches Verhalten das des gewesenen Bundeschefs imitiert (laut Christian Hacke agiere Westerwelle zugleich selbstgerecht auftrumpfend und feige wegduckend; er sei der bornierteste Außenminister seit von Ribbentrop) – was für ein Verständnis von Meinungsfreiheit, demokratischer Kultur und Umgang mit kritischen Publizisten scheint hier auf, ja was für eine realitätsferne Borniertheit gegenüber den Wählern? Oder noch schärfer: was für eine dünkelhafte Besatzermentalität gegenüber kritischen Stimmen aus Ostdeutschland kommt hier im Jahre 21 nach der Wiedervereinigung zum Vorschein? Wie viel Angst hat da jemand, selbst in einem publizistisch nicht professionellen „Social Medium“? Und vor allem: wie selbstgerecht muss jemand sein, der auf seiner Website beansprucht, nur Kommentare zuzulassen, die „auf Beschimpfungen und persönliche Angriffe verzichten“, aber selbst genau diese kommunikativen Mittel nutzt?

Muss man sich nun als promovierter Germanist, Autor mehrerer wissenschaftlicher Aufsätze und diverser Lehrmaterialien sowie als Betreuer von über 70 Diplomanden von einem Hotelier als „pseudointellektueller Dummschwätzer“ diffamieren – und von diversen Personen darauf ansprechen lassen?

Muss man sich als Publizist, der seit 28 Semestern am Institut für Kommunikationswissenschaft der TU Dresden Fernsehjournalismus lehrt (von den anderen Hochschulen und journalistischen Fächern gar nicht zu reden) und dessen Studenten heute vom MDR über den RBB oder das ZDF bis hin zu n-tv arbeiten, von einem lokalen Parteifunktionär als „zweitklassiger Gossenjournalist“ beschimpfen – und von diversen Personen darauf ansprechen lassen?

Und muss man sich als Gründungsredakteur von zwei Radiosendern, als CvD eines Fernsehsenders, als Studioleiter eines Fernsehausbildungsstudios sowie als Produzent des ersten ostdeutschen Universitätsfernsehens und des ersten deutschen Fernsehmagazins in obersorbischer Sprache mit insgesamt vier Fernsehpreisen von einem Lokalpolitiker als „Versager“ verhöhnen – und von diversen Personen darauf ansprechen lassen?

Schon Lasalle erkannte, dass alle politische Kleingeisterei im Verschweigen und Bemänteln dessen, was ist, besteht. Und durch Güte ist Recht nicht herzustellen. Also klage ich, dankenswerterweise mit Unterstützung des DJV, dem am Image seiner Mitglieder gelegen ist, gegen diese Äußerungen auf Unterlassung. Über das Resultat informiere ich hier.

Der heutige Tag ist ein guter Tag – für Plagiatsjäger: über Ex-Dr. Guttenberg fällte die Uni Bayreuth ein vernichtendes Urteil; Noch-Dr. Silvana Koch-Mehrin (FDP) tritt von allen Ämtern zurück, die Stoiber-Tochter Veronika geht vorläufig ihres Dr.-Titels verlustig,  und der Waiblinger CDU-Landtagsabgeordnete Matthias Pröfrock hat gegenüber der Uni Tübingen bekundet, „derzeit“ seinen Doktortitel nicht mehr zu führen; „aus Respekt vor der Universität Tübingen und vor dem laufenden Verfahren“, wie er mitteilte.

Ist das eine Causa zum Lachen? Für manche schon, wie vor allem bei „SPON“. „Fachkräftemangel mal anders: in der deutschen Politik gibt es multiple Fälle von spontaner Doktorenverpuffung. Jeden Tag eine neue Erfolgsnachricht von FDP.“, ist dort zu lesen. Und davon, dass die „aufgeräumte Nation“ augenzwinkernd ahnt, „dass wissenschaftliches Arbeiten gewiss häufig als Kopiervorgang vonstatten geht, bei dem Mausklicks das Denken und Reflektieren ersetzen.“

Der Humor ist das eine. Augenzwinkernd den Doktorvätern zuzurufen, ihren Schützlingen beizubringen, „dass Abschreiben legal und Teil der Wissenschaft ist – ja. Aber nur sauberes Zitieren wahrt die Grenze, die den Fundort vom Tatort trennt.“, gehört ebenfalls in diese Rubrik.

Leider auch dazu gehören Kommentare wie „Unsere Regierung steht da wie ein Haufen von Idioten. Jetzt denken alle, dass wir von Idioten regiert werden.“ oder „Wer weiß wie viele noch betrogen haben? Deutsche Politiker sind so was von lächerlich. Und so welche sollen Vorbilder sein? Für wen denn bitte?“ oder „Schade nur, dass solche Leute nicht wegen ihrer reichlich erwiesenen Inkompetenz zurückgetreten werden, sondern eigentlich wegen Formalitäten.“

Und genau darauf muss ich hinaus.

Quelle: http://de.toonpool.com/cartoons/Bananenschalenausrutscher_123744

Ich weiß noch immer nicht, ob ich mich über das Schicksal der Guttenbergs und Koch-Mehrins dieser Welt freuen oder doch eher von deren Dreistigkeit angewidert sein soll. So viel zum Thema „politische Elite“. Wie viele Leichen bei jenen Vertretern, die wir, das Volk, jahrelang gutgläubig gewählt haben, liegen hier noch im Keller? Zumal bei jenen mit „Promi-Faktor“?

Was mich fassungslos und wütend macht, ist die Unverfrorenheit, mit der heutzutage „akademische“ Grade durch c&p ad absurdum geführt werden. „Man braucht den Namensschmuck um jeden Preis und unter welchen Umständen auch immer, um in jungen Jahren bereits ganz groß herauszukommen“, wie es in einem Blog hieß. Oberflächlich. Fatal. Prinzipien wie Leistung, Berufserfahrung, Rückschläge und Lebenserfahrung gelten nichts mehr. Erfolg um jeden Preis. Sofort.

Das hat jetzt auch Norbert Blüm erkannt („Ehrliche Arbeit“ Gütersloher Verlagshaus; 318 S., 19,99 €): Der Respekt vor der Arbeit sei verloren gegangen, ersetzt von der Erwartung, mehr oder weniger mühelos Geld verdienen zu können – bei verantwortungslosen Bankern ebenso wie beim Volk von Schnäppchen- und Vergnügungsjägern in der Spaßgesellschaft. Seine zunächst ultralinken Empfehlungen („Der Kapitalismus wird daran zugrunde gehen, dass er Arbeiter und ihre Arbeit nicht würdigt«) werden dann doch wertkonservativ, aber: die Arbeitsgesellschaft, zu der er sich bekennt, unterschiedet sich fundamental von der modernen Hartz-Welt. Blüm will keine Arbeit um jeden Preis; er hält Teilhabe an der Arbeitswelt allein für sich nicht für einen Selbstzweck. Kategorisch schreibt er gegen niedrige Löhne, Zeit- und Leiharbeit an, gegen den Wegfall der Tarifautonomie und »Hungerlöhne« in atypischen Beschäftigungsverhältnissen.

Die EU-Parlamentarierin mit der niedrigsten Anwesenheitsquote nun gehört offenbar zu den Respektlosen; zu einer Kaste, die sich „Führungskräfte“ nennt, keine Regeln befolgt, sich willkürlich bedient, ohne nachweisbare Leistung zu bringen (im Gegenteil!) und alles tut, um das Schäfchen möglichst früh und komfortabel in’s Trockene zu bringen. Die Flut von Doktortiteln würdigt den Titel herab. Wenn jemand eine besondere Leistung vollbracht hat, die der Menschheit nützt und nicht eine kleine Clique durch Selbstbestätigung beklatscht, dafür muss der Titel eine besondere Anerkennung sein.

Aber jetzt? Wer ist der/die nächste?

« Neuere Artikel - Ältere Artikel »